indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Donnerstag, 9. September 2004

Unterhaus

„Dynamo Dresden kämpft nach der überraschenden Rückkehr in die zweite Liga vor allem gegen Krawallmacher“

„Dynamo Dresden kämpft nach der überraschenden Rückkehr in die zweite Liga vor allem gegen Krawallmacher“, schreibt Horst Winde (FR 9.9.): „Die Dresdner Fans sind berühmt. Beim letzten Regionalliga-Heimspiel gegen den VfR Neumünster platzte das altehrwürdige Rudolf-Harbig-Stadion aus den Nähten. Offiziell war von knapp 30 000 Zuschauern die Rede, doch es drängelten sich weit mehr als 35 000 auf den brüchigen Rängen. Als der Aufstieg in die Zweite Bundesliga rechnerisch perfekt war, feierten rund 40 000 auf dem Altmarkt der sächsischen Landeshauptstadt. (…) Einige Dynamo-Fans sind aber auch berüchtigt. Nach dem Pokalspiel gegen den Karlsruher SC am 22. August griffen Chaoten, die sich das gelb-schwarze Deckmäntelchen überhängen, die Gäste-Fans brutal an. Zu den Steine- und Flaschenwerfern gesellte sich eine Schar Gaffer. „Vom Vater mit seinem kleinen Jungen an der Hand bis zum Rentner“, sagt Volkmar Köster. Der Dynamo-Hauptgeschäftsführer sieht darin das größte Problem. „Die 30, 40 Randalierer können in der anonymen Masse der Mitläufer abtauchen.“ Dieser Mob macht nicht zum ersten Mal Schlagzeilen.“

Fortuna Düsseldorf ist wie Ahoi-Brause und Afri-Cola

Auch Fortuna Düsseldorf hat jetzt einen Klinsmann – Ulrich Hartmann (SZ 9.9.): „Es ist nicht viel übrig vom Fußballverein Fortuna Düsseldorf. Im Rheinland reden sie deshalb vom „Mythos Fortuna“, denn die Gespräche über das, was früher mal war, sind ergiebiger als die Neuigkeiten aus der Dritten Liga. Der Mythos Fortuna besteht aus einer großen Vergangenheit und einem bekannten Namen. Viel mehr hat der Klub momentan nicht zu bieten, aber solche Werte können schon ausreichen, um wieder etwas anzufangen mit einem Fußballverein, um etwas aufzubauen aus dem, was einmal war, und dem, was die Menschen noch damit verbinden. „Fortuna Düsseldorf hat einen Markenkern“, sagt Ralf Zilligen, und was der Klub jetzt brauche, sei eine Markenidentität. Zilligen ist vom Fach. Er ist Kreativchef der größten deutschen Agentur für Kommunikation und Werbung, BBDO in Düsseldorf. „Chief Creative Officer“ steht auf seiner Visitenkarte, und man denkt, dass ein Verein aus dem Mittelfeld der Regionalliga zum Image-Comeback schon mindestens jemanden von solchem Format braucht. Für Zilligen ist die Sache theoretisch ganz einfach. „Fortuna Düsseldorf ist wie Ahoi-Brause und Afri-Cola“, sagt er, eine klassische Retrogeschichte, etwas, das jeder kennt und dem bloß neues Leben eingehaucht werden muss. Ein Fußballklub soll in die Bundesliga zurückkehren wie ein altbekanntes Produkt ins Supermarktregal. In ein paar Jahren will die Fortuna das geschafft haben, denn sie haben in Düsseldorf jetzt ein neues, klimatisierbares Stadion für 51 000 Zuschauer, und da wäre es besser, wenn die Gegner Bayern München und Borussia Dortmund heißen statt Chemnitzer FC und SC Paderborn. Fortuna Düsseldorf sei ein „sleeping tiger“, sagt Zilligen.“

Deutsche Elf

Erste Texte über das 1:1 gegen Brasilien

9. September

Erste Texte über das 1:1 gegen Brasilien: „auferstanden gegen Brasilien“ (FTD) / „neues Deutschland“ (FR) / „neuer Geist mit Klinsmann“ (NZZ) – Sebastian Deislers „Leidenschaft für dieses Spiel, Lust an diesem Spiel“ (Tsp) – Oliver Bierhoff auf allen Kanälen

„Neues Deutschland“, jubelt Jan Christian Müller (FR 9.9.): “Immer wieder rauschte Beifall der fast 75 000 Zuschauer durch das für 270 Millionen Euro runderneuerte Olympiastadion. Nicht, wie zuvor erwartet, für die nach langer Anreise vielleicht noch etwas müden Brasilianer, sondern, oh Wunder, für die Spieler der deutschen Nationalmannschaft. (…) Mitunter mochte man kaum glauben, dass der Stürmer, der so aussah wie Gerald Asamoah, auch tatsächlich der Schalker war. Rechts raste Hinkel die Außenlinie auf und ab, dass es Roberto Carlos ganz schummrig wurde, links wuselte Lahm auf und ab, und Barcelonas Belletti wusste nicht recht, wie ihm geschah. Im Zentrum klaute Frings Ronaldinho einen Ball nach dem anderen. Ballack, Deisler und Schneider nutzten es weidlich aus, dass das brasilianische Spiel zwar mit Ball Weltklasse, ohne Spielgerät jedoch nicht einen Deut besser ist als jenes deutscher Fußball-Facharbeiter.“

Ein Freundschaftsspiel war diese Partie nicht

Martin Hägele (NZZ 9.9.) entdeckt „neuen Geist mit Klinsmann“: „Das war nicht mehr jene deutsche Nationalmannschaft, die sich nach dem gegnerischen Führungstreffer in ihr Schicksal ergab wie an der letzten EM, zuletzt besonders gegen die zweite Garnitur der Tschechen. (…) Für die spektakulärsten Szenen waren weniger die Vertreter des fünffachen Weltmeisters als vielmehr die Deutschen verantwortlich, die gleich im ersten ihrer WM-Vorbereitungsspiele jenen Stil fanden, oder die richtige Einstellung, die so dringend benötigt wird, zumal die WM-Gastgeber vom Ernst der Qualifikationsaufgaben befreit sind. Ein Freundschaftsspiel war diese Partie wirklich nicht, auch Referee Urs Meier fand nicht immer die richtige Tonart. Es ging schon richtig zu wie im wirklichen Turnierleben, vor allem wenn Michael Ballack und Ronaldinho aneinander gerieten. Keiner wollte verlieren, jeder wollte sich Respekt verschaffen.“

„Auferstanden gegen Brasilien“, lesen wir in der FTD (9.9.): „Ausgerechnet gegen diese als „Brasilian Globetrotters“ bewunderte Elf bot Deutschland über weite Strecken den besten Fußball seit Jahren. Vor allem Sebastian Deisler ließ sein Talent, auf das die Nationalelf mehr als ein Jahr verzichten musste, immer wieder aufblitzen. Mit starken Dribblings und Hackentricks brachte er sogar etwas brasilianisches Flair ins deutsche Team.“

Leidenschaft für dieses Spiel

Sebastian Deisler am Ball, und Armin Lehmann (Tsp 9.9.) schnalzt mit der Zunge: „Wenn er den Ball hat, ist er schnell im Kopf, das ist wichtig im internationalen Fußball. Er ist aber auch mit den Füßen schnell, kann auf den ersten Metern beschleunigen wie kaum ein anderer im deutschen Team, dabei behält er auch unter Druck meist die Übersicht, selbst wenn zwei, drei Gegenspieler um ihn herumstehen. Wenn es in der ersten Halbzeit gefährlich wird, dann ist immer Deisler beteiligt. Er bietet sich früh in der eigenen Hälfte an, spielt dann den Ball oft klug weiter und bietet sich sofort wieder an. Einmal wartet er an der rechten Außenlinie, Deisler bekommt den Ball halbhoch zugespielt, manch einer würde ihn ins Aus tropfen lassen, aber Deisler jongliert ihn kurz mit dem rechten Fuß in der Luft, dann nimmt er den Ball schnell herunter und entzieht sich seinem heraneilenden Gegenspieler. Es sind diese kleinen Momente, in denen klar wird, was in Deisler steckt: Leidenschaft für dieses Spiel, Lust an diesem Spiel, seinem Spiel, wie er es liebevoll nennt.“

mehr über das Spiel: morgen auf indirekter-freistoss

God bless the good guys

Oliver Bierhoff öffnet alle Kanäle, erfahren wir von Armin Lehmann (Tsp 9.9.): „Die neue Lockerheit ist eine Art Kulturschock für den DFB, selbst DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder sieht das so, aber freut sich über die „Jungen Wilden“, weil sie leidenschaftlich seien. Das Interessante an Bierhoffs Aufgabe ist, dass er sie sich selbst ausfüllen kann. Dass er sich herantastet an das, was möglich ist. In den Tagen vor dem Spiel hat er viel ausprobiert, „von morgens um acht bis Mitternacht“. Er ist betont locker nur mit T-Shirt unterwegs gewesen mit der Aufschrift „God bless the good guys“, er hat bei McDonalds Kindern vorgelesen, er hat Sponsoren gesprochen, er hat mit Anzug und weißem Hemd, aber ohne Krawatte den brasilianischen Botschafter begrüßt, und er hat Fragestellern erklärt, warum zum Beispiel das Hotel Grand Hyatt am Potsdamer Platz eine gute Wahl war. Eine der Begründungen war überraschend: Das Hotel habe einen High-Speed-Internetzugang. Künftig nämlich wolle Trainer Jürgen Klinsmann alle Spieler vernetzen, um so leichter mal intern Informationen auszutauschen. Für Bierhoff eine Selbstverständlichkeit in Zeiten, in denen jedes Kleinkind mit dem Internet umzugehen versteht. Aber er war schon verblüfft, dass es so etwas vorher innerhalb der Nationalmannschaft gar nicht gab. Es sei schon verwunderlich, sagt er, dass man anscheinend sehr wenig kommuniziert habe. Mit Kommunikation allein, das wissen Bierhoff und Klinsmann, werden sie 2006 nicht Weltmeister. Aber beide wollen die Kommunikation als Instrument nutzen, um der „Mannschaft eine Identität zu geben“.“

Mittwoch, 8. September 2004

Allgemein

Brasilien wieder beigebracht, wie man siegt

Carlos Alberto Gomes Parreira, ein Trainer mit Vergangenheit – Javier Cáceres (SZ 8.9.): „Im Januar 2003 hatte Parreira, 61, Brasilien zum dritten Mal als Cheftrainer übernommen, „er war damals die einzige denkbare Option, denn er ist auf einzigartige Weise beliebt, bei Fans und Funktionären“, sagt Alex Bellos, Autor des gerade auf Deutsch erschienenen und empfehlenswerten Buchs „Futebol – Die brasilianische Kunst des Lebens“. Seine Popularität hat sich Parreira hart verdient. Zum einen war er nie Profi, er hat nur in Amateur- und Universitätsteams gespielt. Zum anderen rieten ihm Freunde vor dem WM-Finale 1994, die Familie besser außer Landes zu bringen, man wisse ja nie. Damals lagen 24 Jahre ohne Titel hinter Brasilien, „diese Zeitspanne war eine enorme Last“, sagt Parreira. Damals ist er vor allem deshalb angefeindet worden, weil sein Stil pragmatischer war, als es den Brasilianern beliebte. Vor allem die Verklärung der talentierten Generation der 80er Jahre – Socrates, Zico, Falcão – wirkte nach. „Unser Sieg“, sagt der einstige Kapitän und frühere Profi des VfB Stuttgart, Carlos Dunga, „hat nicht nur den Fußball, sondern das ganze Land verändert. Wir haben Brasilien wieder beigebracht, wie man siegt.““

„Leite Ribeiro Adriano ist in der brasilianischen Fußball-Nationalmannschaft fast genauso torgefährlich wie der große Meister Ronaldo selbst.“ FR

Interview

Am meisten Mut macht mir, dass die Spieler unser Vorhaben so gut aufnehmen

Armin Lehmann & Michael Rosentritt (Tsp 8.9.) fragen Oliver Bierhoff nach seinem Umgang mit Kritik und seiner Arbeit

Tsp: Wie sieht es aus, wenn Sie sich so richtig ärgern?
OB: Ich ärgere mich eher still, andere zeigen eben mehr Emotionen. Michael Schumacher ist auch sehr kontrolliert. Es ist in jedem Fall eine Charakterfrage. Ich bin sehr bodenständig, ruhig und gelassen. (…) Jetzt fällt mir ein, über was ich mich zuletzt geärgert habe.
Tsp: Nur zu…
OB: Über die Reaktionen in den Medien auf die amerikanischen Fitnesstrainer. Seit Jahren heißt es doch: Der deutsche Fußball igelt sich ein, man muss mal nach draußen schauen, es muss sich etwas verändern. Und dann macht man was und wird dafür kritisiert, als wäre das der Weltuntergang.
Tsp: Mussten Sie nicht mit Kritik rechnen?
OB: Ich habe, bevor ich diesen Job angetreten habe, mit Kritik gerechnet, aber nicht bei solchen Selbstverständlichkeiten. Aber ich ärgere mich auch nicht länger darüber. Wir, Jürgen Klinsmann, Joachim Löw und ich, tun etwas, weil wir davon überzeugt sind. Der Rest ist nicht in unserer Hand.
Tsp: Sie haben schon oft gesagt, wie schwer es ist, in Deutschland etwas anders zu machen. Neue Leute würden immer skeptisch betrachtet, erfolgreichen Leuten oft der Erfolg geneidet. Wie werden Sie damit umgehen, wenn es richtig ernst wird?
OB: Wir wissen, dass viele Dinge, die wir noch planen, kritisch hinterfragt werden. Ich weiß nicht, ob es noch einen Job gibt, wo einem so viele Menschen sagen, wie man diesen Job zu machen hat. Aber da sind wir drei innerlich sehr gefestigt. Wenn wir von unserer Sache überzeugt sind, dann ziehen wir das knallhart durch. Am Ende muss jeder für das geradestehen, woran er glaubt.
Tsp: (…) In Ihrer Karriere wurden Sie respektiert, aber nie geliebt.
OB: Was heißt nicht geliebt? Meine Sympathiewerte sind immer noch höher als die der meisten anderen Fußballer. Verstehen Sie mich nicht falsch, natürlich war ich nie ein Mann des Volkes wie Rudi Völler. Aber die Menschen auf der Straße begegnen mir sehr positiv. Als Sportler wurde ich in Deutschland oft in Frage gestellt, als Mensch nie.
Tsp: Worauf führen Sie das zurück?
OB: Die Menschen haben ein Gespür dafür, ob etwas aufgesetzt ist oder nicht. Ich glaube nicht daran, dass man Leute über einen langen Zeitraum hintergehen kann. Und so begegne ich auch den Menschen – mit Respekt und Freundlichkeit.
Tsp: Was macht Sie so sicher, dass Ihre Reformen nicht stecken bleiben wie andere in Deutschland?
OB: Am meisten Mut macht mir, dass die Spieler unser Vorhaben so gut aufnehmen. Sie sind interessiert, mit Lust dabei, sie fragen. Die Reaktion der Mannschaft wird sich auf dem Rasen zeigen.

Internationaler Fußball

Erstes Stimmungstief seit langem

Wie geht’s den Griechen, Roland Zorn (FAZ 8.9.)? „So könnten in den frühen fünfziger Jahren Kabinettssitzungen in einem kleineren südosteuropäischen Land ausgesehen haben. Zwei voll besetzte lange Schreibtischreihen, ein Raum von kargem Komfort, ausgeleuchtet von zwei Neonröhren – mit dem Ministerpräsidenten an der Kopfseite. In diesem Fall heißt der „Präsident“ Otto mit Vor- und Rehhagel mit Hausnamen. Ihm lauschen in einem schmucklosen Bürogebäude am alten Athener Flughafen rund zwanzig griechische Journalisten wie einem großen, weisen Lehrer. Der deutsche Cheftrainer, der dem Land auf dem Peloponnes ein schier unglaubliches Sommermärchen beschert hat, erklärt allen noch immer Wundergläubigen, daß „wir nicht diejenigen sind, die den Fußball der Welt beherrschen“. (…) Die Griechen mußten nach ihrem sommerlichen Dauerhoch – zuerst der Gewinn des Europameistertitels, danach viel Lob für die glänzende Organisation der Olympischen Spiele – ihr erstes Stimmungstief seit langem bekämpfen. Die Gäste aus aller Welt haben Athen verlassen, der unbewältigte Dopingskandal um die Sprinterstars Kenteris und Thanou köchelt weiter, die Kosten für die Spiele drohen alle Budgetgrenzen zu sprengen. Es folgten die unerwartete Niederlage der neugriechischen „Fußballgötter“ in Albanien und, schlimmer noch, Ausschreitungen und Übergriffe auf in Griechenland lebende Albaner. Trauriger Höhepunkt des schwarzen Samstags: Ein Albaner wurde auf der Insel Zakynthos erstochen.“

Ball und Buchstabe

Ich wollte nur das Match genießen, das Resultat interessiert mich nicht

Steffen Rössel & Felix Mergen (11 Freunde) erzählen eine schöne Anekdote aus Argentinien: „Im März 2004 stand der Exzentriker Dr. Carlos Bilardo beim argentinischen Erstligisten Estudiantes unter Vertrag und hatte ständig Streit mit dem Präsidenten des Klubs. Zum Spiel gegen River Plate setzte sich Bilardo nicht wie gewöhnlich auf die Trainerbank, sondern hatte noch einiges an Mobiliar mitgebracht, das er vor der Bank aufbaute. Einen Tisch hatte Bilardo dabei, außerdem einen Gartenstuhl. Auf den Tisch legte er einen Kassettenrekorder, einen Eisbottich und eine gekühlte Flasche feinsten Champagners. Ein Affront gegen den Präsidenten, der Bilardo zuvor gescholten hatte, er arbeite zu wenig mit der Mannschaft. Und damit nicht der geringste Verdacht aufkam, Bilardo sei zum Arbeiten ins Stadion gekommen, teilte er den wen Reportern mit: „Ich wollte nur das Match genießen, das Resultat interessiert mich nicht.“

Deutsche Elf

Stimmungstest des Business-Modells

Deutschland gegen Brasilien: „Stimmungstest des Business-Modells“ (FAZ) – „Klinsmann ist kein Onkel Jürgen“ (BLZ) – neues Credo: „Eigenverantwortung fördern, Risikobereitschaft vorleben, Freiheiten lassen“ (FR) u.v.m.

Stimmungstest des Business-Modells

Was steht heute auf dem Spiel, Michael Horeni (FAZ 8.9.)? “Die Maßeinheit für den Reformer mit amerikanischem Gedankengut ist nicht zuletzt der schnelle Erfolg, um seinen neuen Kurs zu stützen. Die Tage in Berlin haben die hohe Veränderungsdynamik von Klinsmann und Co. nicht nur auf dem Trainingsplatz gezeigt, wo aus den Schlagworten „Tempo und Aggressivität“ eine zeitgemäße Spielkultur erwachsen soll. Die mit Klinsmann importierte Lebensfreude, mit der sich die zuletzt biederen deutschen Fußballarbeiter anstecken sollen, förderte das nationale Dreigespann mit ungewohnter Offenheit im Quartier. Ein Besuch im Museum oder im Kino, Abendessen fern der Mannschaft, ein bißchen shoppen – alles endlich möglich dank der neuen Freiheiten im Tagesablauf. (…) Bisher haben die deutschen Fans vornehmlich einen virtuellen Bundestrainer erlebt, und je nachdem, wo sie ihn in den Medien entdeckten, wurden ganz unterschiedliche Facetten Klinsmanns und seiner Mission freigelegt. Seine Deutschland-Premiere vor rund 74 000 Zuschauern ist sein erster realer Kontakt mit dem Fußballvolk, und er wünscht sich, „daß der Funke überspringt“. So wird das Spiel auch zu einem ersten Stimmungstest, ob das Business-Modell des schwäbisch-kalifornischen Fußballunternehmers, das Härten bewußt in Kauf nimmt, beim Publikum Anklang findet.“

Klinsmann ist kein Onkel Jürgen

Christof Kneer (BLZ 8.9.) befasst sich mit dem Unterschied zwischen Völler und Klinsmann: “Klinsmann ist nicht Völler, die Nation wird das lernen müssen. Sie hat ihre Tante Käthe ja trotz verzagter Taktik und demütiger Aufstellung bis zum Schluss lieb gehabt, und man muss bezweifeln, dass sein Nachfolger zum Familienmitglied taugt. Klinsmann ist kein Onkel Jürgen. Als Sportler ist er auch so eine Art Volksheld gewesen, aber dem Stammtisch und den dort ausliegenden Zeitungen war er stets suspekt. Ein Schrägdenker war er, und er hat nichts hergegeben von sich. Völler dagegen war ein Geradeausredner, und man hatte zumindest das Gefühl, dass man alles von ihm weiß.“

Heute ist Feiertag

Ludger Schulze (SZ 8.9.) freut sich auf das Spiel: „Manchem Trainer verrutschen angesichts eines solchen Gegners die Perspektiven ins eher Defensive, der Bundestrainer aber hält fest an seinem Credo Angriff – Pressing – Risiko. „Ich habe Respekt vor so einer großen Mannschaft, aber ich mach sie nicht noch größer.“ Vermutlich wird er das kompakte Spiel ein paar Meter nach hinten verlegen, grundsätzlich ändert sich aber nichts. Gegen die Südamerikaner werden, keine Frage, alle rennen wie Hasen auf der Flucht. Aber in den kommenden Monaten, in Teheran gegen Iran, gegen Kamerun in Leipzig, auf der Asien-Reise nach Japan, Südkorea und Thailand, beginnen die Mühen der Etappe, Achsenbildung, Stilfindung und Besetzungsfragen. Heute aber ist noch einmal Feiertag.“

Nationalspieler im Museum, freiwillig!

Was machen Klinsmanns Nationalspieler den lieben, langen Tag, Christoph Biermann (SZ 8.9.)? „Das neue Deutschland hat nicht nur mit mehr Auslauf und einem Leben im Hier und Jetzt zu tun. Oder mit Fitnesstrainern aus LA, mit dem Gedankenaustausch zwischen Klinsmann und Hockey-Bundestrainer Bernhard Peters, mit einem urbanen Hotel der Berliner Republik oder dem Besuch durch einige Olympioniken. Es ist das gesamte Paket. Oliver Bierhoff, Jens Lehmann, Frank Baumann und Miroslav Klose gehen in die Ausstellung des MOMA New York, die mit riesigem Erfolg in der Neuen Nationalgalerie gezeigt wird. Nationalspieler im Museum, freiwillig! [of: müsste für den Boulevard eigentlich ein Anlass sein, über deren sexuelle Ausrichtung zu spekulieren] (…) Löw ruft: „Mit Tempo, scharf gespielt.“ Die Übung, bei der über die Flügel flach vors Tor gespielt werden soll, ist wenig ermutigend. Erstaunlich unpräzise Anspiele, Tore fallen kaum, obwohl kein Abwehrspieler stört. Hat Thomas Brdaric überhaupt getroffen? „OK, habt Spaß!“, ruft der Bundestrainer, als das Kleinfeldturnier beginnt. Wie ein Befehl klingt das, dann klatscht er in die Hände, und es geht los. Drei Mannschaften treten an. Das Team, das gerade pausiert, verteilt sich ums Spielfeld und die Spieler können von denen auf dem Platz als Anspielpunkt genutzt werden. Es ist ein Kick mit lebenden Banden und macht das Tempo noch höher. Tempo – das neue Zauberwort der Nationalmannschaft. So schlecht sieht das nicht aus. Oliver Kahn feuert seine Jungs in den weißen Trikots an. Sie verlieren den Ball, er ruft ganz laut: „Rückwärts denken!““

Eigenverantwortung fördern, Risikobereitschaft vorleben, Freiheiten lassen

Jan Christian Müller (FR 8.9.) ergänzt: “Jürgen Klinsmann und Oliver Bierhoff haben als Mittelstürmer darunter gelitten, dass ein Tag im Kreis der Nationalmannschaft lediglich von einem immergleichen Training, drei Mahlzeiten, Kaffeetrinken, Karten- und Computer-Spielen verbraucht wurde. Und sie haben aus ihren schlechten Erfahrungen die richtigen Konsequenzen gezogen. Völlers Marschroute lautete: viel Geborgenheit geben, Familiensinn verbreiten, gut abschotten gegen die tückische Außenwelt. Klinsmanns Maxime ist anders: Eigenverantwortung fördern, Risikobereitschaft vorleben, Freiheiten lassen. Dieser modernere Ansatz bedeutet nicht automatisch, dass fantasievoll kombinierende deutsche Fußballer die Brasilianer in ihre Einzelteile zerlegen werden. Aber er vermittelt ein öffentliches Bild der DFB-Auswahl, das im Hinblick auf die Weltmeisterschaft die richtige Botschaft transportiert. Dort will sich Deutschland nach dem Willen der WM-Organisatoren als ein modernes, weltoffenes Land präsentieren.“

Dienstag, 7. September 2004

Allgemein

Mitglied der Generation anständig

Christoph Biermann (SZ 7.9.) freut sich über die Entwicklung Frank Fahrenhorsts: „Der Innenverteidiger von Werder Bremen ist der Eitelkeit so unverdächtig wie des Spiels mit irgendwelchen Popidentitäten. Der bald 27-Jährige entspringt vielmehr der „Generation anständig“, die der ehemalige Nationalverteidiger Bernard Dietz in Bochum heranzüchtete. Noch ganz den traditionellen Werten des Fußballs verpflichtet, scharte er damals Talente um sich, denen er nicht nur Spannstoß und Kopfballspiel beibrachte, sondern auch den Einflüsterungen fragwürdiger Berater zu misstrauen und auf zu schnelles Geld zu verzichten. Nicht-mehr-Nationalspieler Paul Freier gehörte dazu, Kölns Mannschaftskapitän Sebastian Schindzielorz oder Yildiray Bastürk. „Meine Frau war wie eine Mutter für die“, erzählt Dietz, „die Jungs haben hier gegessen und geschlafen.“ Trotz der familiären Atmosphäre tat sich der schüchterne Fahrenhorst lange schwer. „Erst in den letzten dreieinhalb Jahren habe ich konstante Leistungen gebracht“, sagt er selbst. Bei allem Talent geriet Fahrenhorst immer wieder aus dem Tritt. „Gefahrenhorst“ wurde im Ruhrstadion gespottet, wenn sich wieder mal ein Stellungsfehler einschlich, und der damals noch behäbiger wirkende Youngster Gegentore verschuldete. (…) Inzwischen hat er eine Reihe weiterer Schreckmomente ganz gut überstanden und sich in der Bundesliga etabliert.“

Der einzige Illgner-Fan auf der Welt

Wen nahm sich der achtjährige Kevin Kuranyi zum Vorbild, Christof Kneer (FTD 7.9.)? “Immer wollte der Kleine Bodo Illgner sein, jedenfalls immer dann, wenn sie ihn mal wieder ins Tor abgeschoben hatten. Er wäre lieber Romario gewesen, aber Romario spielte schon an diesem Strand, und in der Not verfiel der Knabe halt auf diesen Tormann, den er am Abend zuvor im Fernsehen gesehen hatte. „Der hatte in einem Elfmeterschießen so viele Elfmeter gehalten, das hat mir imponiert.“ Die historische Wahrheit besagt zwar, dass die Engländer Bodo Illgner im WM-Halbfinale 1990 ans Knie geschossen haben, aber so genau hat Kuranyi das vielleicht gar nicht wissen wollen damals. Er war acht Jahre alt, da braucht man noch Helden, und da konnte er natürlich keine Rücksicht darauf nehmen, dass er so zum vielleicht einzigen Illgner-Fan auf der Welt wurde, Bianca Illgner möglicherweise ausgenommen. Es hat ihm auch keiner gesagt damals, dass es aus taktischen Gründen vielleicht schlauer wäre, fürs deutsche Sturmduo zu schwärmen, weil die Stürmer Rudi Völler und Jürgen Klinsmann später einmal darüber entscheiden würden, ob er, der gebürtige Brasilianer, in der deutschen Nationalelf spielen darf. (…) Kuranyi ist deutsch geworden mit der Zeit. Er hat es übertrieben mit den Tugenden. Am Ende ist er so viel gelaufen, dass eine anständige Nummer sechs stolz gewesen wäre, und manchmal hat er sich sogar ins Ressort der Nummer vier eingemischt. Zweikämpfe hat er gewonnen, tief in der eigenen Hälfte, und pflichtschuldig hat er die Bälle sofort in den Angriff weitergeleitet, nur dass in diesem Angriff dann kein Kuranyi mehr stand. Er sieht ja aus wie ein Bravoboy mit seinem fein austarierten Hunnenbärtchen, und er hat instinktiv gespürt, dass so einer eher unter Schnöselverdacht gerät. Also hat er sich in vorauseilendem Gehorsam selbst magathisiert, mehr, als sein damaliger Trainer Felix Magath das je wollte.“

FR-Interview mit Kevin Kuranyi

Internationaler Fußball

Von Leidenschaft entflammte Männer verlieren halt die Kontrolle

Nationalspieler Frank Fahrenhorst, „Mitglied der Generation anständig“ (SZ) – Kevin Kuranyi war Bodo-Illgner-Fan, dennoch ist aus ihm was geworden

WM-Qualifikation: Brasilien spielt gut und besiegt Bolivien 3:1 – Javier Cáceres (SZ 7.9.) berichtet: „Als der Schiedsrichter das Qualifikationsspiel abgepfiffen hatte, hatte es Leonardo Fernández, der Torwart der Bolivianer, besonders eilig. Er drehte sich um und sprintete zu den Fotografen, die hinter seinem Tor gearbeitet hatten; es galt, die Beute des Tages zu sichern. Schon zuvor hatte Fernández, ein gebürtiger Argentinier, den Kontakt zu den Bildreportern gesucht, denn als Ronaldo bei einem Eckball neben ihm stand, griff er O Fenämeno um die Taille und die Chance beim Schopf: „Mach“ ein Foto, mach“ ein Foto!“ Einem der brasilianischen Fotografen überreichte Fernández nach dem Spiel nicht nur sein durchgeschwitzte Trikot, sondern auch seine E-Mail-Adresse: Er möge ihm das Bild bald schicken. (…) Ronaldo ist nämlich gut in Schuss. Die brasilianische Fußballnation dankt dies einer TV-Moderatorin namens Daniella Cicarelli, seit drei Monaten ist sie Ronaldos Freundin. Der seit seiner Zugehörigkeit zu Real Madrid zunehmend fülliger werdende Superstar hat sich durch die Bekanntschaft mit Daniella so sehr seinem Kampfgewicht angenähert, dass Nationaltrainer Carlos Alberto Parreira ihr nahezu täglich Dank abstattet, weil Ronaldo nicht nur „eleganter und dünner“ ausschaue, sondern auch wieder etwas zurückgezogener lebe. Je nach Angaben hat Ronaldo zwei bis fünf Kilo verloren – dank Daniella. Verbandstrainer Renê Simåes, der Brasiliens Fußballfrauen zur olympischen Silbermedaille geführt hat, nannte Frau Cicarelli gar „Brasiliens beste Konditionstrainerin“. „Von Leidenschaft entflammte Männer verlieren halt die Kontrolle über die Beziehung“, sagte Ronaldo einem Klatschmagazin des Fernsehsenders TV Globo.“

WM-Qualifikation – eine Zusammenfassung des südamerikanischen Spieltags NZZ

Martin Pütter (NZZ 7.9.) befasst sich mit Englands Sorgen: „Englands grosses Problem ist der Mangel an herausragenden einheimischen Torhütern in Spitzenklubs. Dass in einer Minderheit der Premier-League-Klubs Briten im Tor stehen, hat Anfang Europameisterschaft schon Trevor Brooking, heute FA-Direktor für Entwicklung, bemängelt. Eine überragende Keeper-Figur wie Oliver Kahn (zumindest in der Form bis zum WM-Final 2002) in Deutschland oder etwa Dänemarks früherer Torhüter Peter Schmeichel ist nicht am Horizont des Mutterlandes des Fussballs zu erblicken. Von 20 Klubs in Englands oberster Spielklasse stellen nur 5 einen englischen Keeper: Tottenham Hotspur (Paul Robinson), Manchester City (James), Everton (Paul Gerrard) sowie die Aufsteiger Norwich City (Robert Green) und West Bromwich Albion (Russell Hoult).“

Wie stark ist Spanien, Georg Bucher (NZZ 7.9.)? „Viele Spanier sind auf ihre Klubs fixiert und können mit der nationalen Auswahl weniger anfangen, sich aber keineswegs einen Ausländer als Trainer vorstellen. Eine Frage des Stolzes. Nach dem Schiffbruch in der EM-Vorrunde war dieser verletzt, und der glücklose Baske Iñaki Saez rückte wieder als Juniorentrainer ins zweite Glied. Schon vor seinem erzwungenen Rücktritt hatten die Medien in seltener Einmütigkeit einen Nachfolger portiert. Sollte jemand fähig sein, die Tradition gestrandeter Titelkandidaten zu überwinden, dann Luis Aragones. Der Verbandsleitung blieb nichts anderes übrig, als dem 66-jährigen Madrilenen ein Angebot zu machen. Das sei wie ein Lotteriegewinn gewesen, meinte dieser im Gespräch mit „Don Balon“ und bezog sich auf Worte seines verstorbenen Mentors Miguel Muñoz. Ob er nach 30 Jahren im Metier tatsächlich den Hauptgewinn gezogen hat?“

WM 2006

Brasilianer in Mazedonien, Kameruner in Armenien

„Immer öfter bedienen sich Nationalteams der Hilfe ausländischer Profis“, schreibt Thomas Klemm (FAS 5.9.): „Vor allem osteuropäische Verbände sind schneller dabei, ihre Nationalmannschaften mit anderen Mentalitäten aufzupäppeln. Scheint es noch nachvollziehbar, daß nach dem Ende der Sowjetunion mittlerweile gebürtige Ukrainer oder Turkmenen für die Auswahl Rußlands auflaufen, so suchen vor allem Südamerikaner oder Afrikaner, die in ihrem Land wenig Aussichten auf die höchste Fußballerehre haben, im Osten ihr Glück. Ob junge Kameruner in Armenien oder talentierte Brasilianer in Mazedonien oder Tunesien – sie folgen dem Lockruf des Geldes und des vermeintlichen Erfolges auf ihrem Weg in den gelobten Osten. „Das sind vor allem Länder, die nicht als Rechtsstaaten gelten“, sagt Ilja Kaenzig (Hannover 96), der alle Einbürgerungswellen im Auge hat. „Das ist teilweise Wettbewerbsverzerrung.“ Doch auch gestandene Fußballnationen verstärken ihre Nationalteams, indem sie begabte Südamerikaner ins neue Europa integrieren. Der in Argentinien geborene Mauro Camoranesi absolvierte im Februar vorigen Jahres das erste Länderspiel für seine Wahlheimat Italien und sprach von einem „unvergeßlichen Moment in meinem Leben“. Wenige Wochen später wurde Deco Portugiese, lenkt seither das Spiel beim Europameisterschaftszweiten. (…) Zu anderen Zeiten an anderen Orten war es für die Kicker viel einfacher, die Nationalität und damit das Trikot zu wechseln. Alfredo di Stefano, legendärer Star von Real Madrid, schaffte es Mitte des vorigen Jahrhunderts sogar, für die Nationalmannschaften seines Geburtslandes Argentinien, Kolumbiens und Spaniens zu spielen, ehe die Fifa 1966 die grenzenlose Einbürgerung verbot.“

Deutsche Elf

Kahn nur noch einer von vielen

Über Fußball und Jürgen Klinsmanns neue Methoden reden viele, zu viele, „leider bieten immer mehr Medien Kolumnisten auf, die sich durch ihr Verhalten zu aktiven Zeiten schon fürs ewige Schweigen qualifiziert haben“ (NZZ) – „Oliver Kahn ist einer von vielen geworden“ (BLZ) / „offenbar ist nicht nur auf Kahns Kopf was passiert, sondern auch darin“ (FR) – „Dieter Eilts ist jetzt U-21-Nationaltrainer und damit der größte Gewinner der Klinsmann-Rotation“ (Tsp) u.v.m.

Kolumnisten, die sich fürs ewige Schweigen qualifiziert haben

Sehr lesenswert! Über das neue Koordinationstraining Jürgen Klinsmanns machen sich Bild & Co., wenig überraschend, lustig. Martin Hägele (NZZ 7.9) ärgert sich über diese Verbohrtheit (oder Dummheit): „Die hierzulande unbekannten Übungen haben aus der Sicht der deutschen Traditionsverwalter zwei Fehler: Erstens kommen die Leistungsdiagnostiker vom US-Institut Athletes Performance aus Arizona, und zweitens hat sie der neue Bundestrainer Jürgen Klinsmann mitgebracht. Der 40-Jährige mit den zwei Wohnsitzen Stuttgart-Botnang und Los Angeles / Huntingdon Beach spürt mittlerweile nicht nur Wohlwollen und Sympathie, dass sich da endlich ein kreativer und innovativer Sportsgeist des seelisch schwer verletzten und zuletzt bös geschmähten Patienten Nationalteam annimmt. (…) Ähnlich kritisch beäugt wird Felix Magath, der sich beim Versuch, den Rekordmeister Bayern München physisch aufzumöbeln und neue Hierarchien und ein vernünftig aufgebautes Spielsystem einzuführen, die ersten Beulen am Boulevard geholt hat. In der Tat hängt sehr viel zusammen beim Versuch, die beiden wichtigsten Fussballmannschaften Deutschlands neu zu orientieren. Leider halten sich im Land des dreimaligen Welt- und Europameisters viel zu viele Professionals und Ex-Professionals für Fussball-VIP und zum Kommentieren berufen. Leider bieten auch immer mehr Medien gerade jene Kolumnisten auf, die sich durch ihr Verhalten zu aktiven Zeiten schon fürs ewige Schweigen qualifiziert haben: Lothar Matthäus, Paul Breitner, Thomas Berthold oder Mario Basler etwa, alle mehr oder weniger unehrenhaft aus dem Nationalteam geschieden, wissen auf einmal ganz genau, wie man das nationale Flaggschiff wieder auf Vordermann bringt.“

Offenbar ist nicht nur auf dem Kopf was passiert, sondern auch darin

„Oliver Kahn scheint bereit, sich wieder an seiner Leistung messen zu lassen, nicht an seiner Aura“, mutmaßt Jan Christian Müller (FR 7.9.): “Als Kahn den Interviewraum verlassen hatte, haben sich die Journalisten verwundert und etwas ratlos angeschaut. War das noch derselbe Mann, der vor drei Wochen tief getroffen gewirkt hatte, als ihm von Jürgen Klinsmann eröffnet worden war, dass er fortan nicht mehr die unumstrittene Nummer eins sei und auch nicht mehr Kapitän? Inzwischen trägt Kahn, 35, nicht mehr diese Disko-Frisur. Er sieht wieder so aus wie 2002, am 30. Juni im WM-Finale. Und er wirkt inzwischen sogar so, als könne er es positiv für sich verarbeiten, nun nicht mehr der unumstrittene Titan von damals zu sein – oder ist er nur ein guter Schauspieler? In ungewohnter Bescheidenheit formuliert er Sätze wie diesen: „Wenn es mir die nächsten zwei Jahre nicht gelingt, der Beste zu sein, habe ich auch keinen Anspruch darauf, die Nummer eins zu bleiben.“ Da ist offenbar nicht nur auf dem Kopf was passiert, sondern auch darin.“

Kahn ist einer von vielen geworden

Auch Andreas Lesch (BLZ 7.9.) glaubt, eine Schrumpfung zu beobachten: „Irgendwann muss er begonnen haben, das zu glauben: dass er ein Titan ist, ein unbesiegbarer. Er hat mehr und mehr das Leben eines Rockstars geführt, und das hat ihn aufgezehrt. Fast scheint es so, als ob Kahn seine besten Jahre hinter sich habe, als Torwart der Nation. Jürgen Klinsmann hat ihm die Kapitänsbinde genommen und sie Michael Ballack überreicht. Im Team soll das gut angekommen sein, Kahn ist ein Einzelgänger, kein unkomplizierter dazu. Früher, als er noch Kapitän war, hat Kahn immer in der letzten Pressekonferenz vor einem Länderspiel gesessen. Er hat eine Art Regierungserklärung gegeben: für die Journalisten, den Gegner, und ein bisschen auch für sich selbst. Jetzt ist Kahn einer von vielen geworden.“

Michael Horeni (FAZ 7.9.) fügt hinzu: “Der Eindruck verstärkt sich, daß der Kampf um das deutsche Tor womöglich schon entschieden ist, bevor er wirklich begonnen hat. „Er ist die klare Nummer eins. Olli wird 2006 nicht auf der Bank sitzen. Das kann ich mir nicht vorstellen – und davon geht auch niemand aus“, sagte Kapitän Michael Ballack dieser Zeitung. Kahn sei „sehr wichtig für die Hierarchie in der Mannschaft – und bei der WM brauchen wir die stärksten Männer.“ Jens Lehmann jedenfalls wirkt schon wieder deutlich gedrückter als zum Amtsantritt von Klinsmann, der bei seiner Präsentation zunächst die große Torwartrotation ohne Ansehen der Person ausgerufen hatte, dann aber Kahn wieder als Nummer eins und Lehmann nur als Herausforderer einstufte. Kahn jedenfalls präsentiert sich angesichts der veränderten Atmosphäre deutlich entspannter als vor wenigen Wochen. Irgendwann sagte Kahn sogar, daß er sich auf das Spiel freue. So etwas hat man von ihm lange nicht mehr gehört.“

Kahn muss der Paradigmenwechsel wie die Abkehr vom Evangelium vorkommen

Die Bundestrainer wollen offensiver spielen lassen; hätten sie Oliver Kahn um Erlaubnis fragen müssen, Ludger Schulze (SZ 7.9.)? „Engagiert und temperamentvoll erläutert Joachim Löw den neuen Stil der Auswahl: Tempospiel, Offensive, Risiko. Mit keiner Silbe ist ihm Kritik an Vorgänger Völler zu entlocken, auch wenn er ungewollt beschreibt, woran das Spiel der Deutschen lange krankte: „Wenn ich nur quer und langsam spiele, stelle ich die gegnerische Abwehr nie vor Probleme.“ Das ist neu, so neu, dass ein Journalist von einer „kleinen Revolution“ spricht. „Ich weiß nicht, ob das so revolutionär ist“, antwortet Löw. Es ist ja auch nichts anderes als der Versuch, den Muff von tausend Jahren wegzuwedeln und Anschluss an moderne Zeiten zu finden. Denn so, mit Tempo, schnellen Ballpassagen und frühem Angreifen, kicken längst alle, die erfolgreich sind. Klinsmann und er sind dabei, eine Infusion anzulegen und frisches Denken in Adern und Hirn ihrer Spieler tröpfeln zu lassen. (…) Kahn ist ein Apologet der reinen Lehre von der Defensive gewesen. Hinten gut stehen, die anderen kommen lassen und vorne der Erleuchtung harren. Dem Schlussmann muss der Paradigmenwechsel wie die Abkehr vom Evangelium vorkommen. Eigentlich könnte man erwarten, dass im Inneren von Oliver Kahn Vulkane flüssiges Lava speien, doch er müsste schon ein brillanter Lügner sein, wenn er wider eigene Überzeugung den Wandel lobt, der mit Klinsmann eingezogen ist. Kein Zweifel, es tut sich was in der Nationalmannschaft.“

„Dieter Eilts ist jetzt U-21-Nationaltrainer und damit der größte Gewinner der Klinsmann-Rotation“, stellt Ingo Schmidt-Tychsen (Tsp 7.9.) fest: „Der ehemalige Nationalspieler besitzt zwar einen Trainerschein, viel Erfahrung hat er als Trainer aber noch nicht. Bisher trainierte er lediglich die U-19-Junioren des DFB. Und die flogen bei der EM in der Schweiz schon in der Vorrunde raus. Klinsmann machte ihn trotzdem zum Nachfolger des glücklosen Uli Stielike. „Ich kann ihm hundertprozentig vertrauen“, sagt Klinsmann über seinen ehemaligen Teamkollegen aus der Nationalmannschaft. Klinsmann, Eilts und Teammanager Oliver Bierhoff sind 1996 zusammen Europameister geworden.“

Montag, 6. September 2004

Allgemein

Jedes Spiel ist ein echtes Geschenk

Wie hat Sebastian Deisler seine Krankheit verdaut, Stefan Hermanns (Tsp 6.9.)? „„Das ist wirklich Vergangenheit“, sagt Deisler heute. „Das ist Geschichte.“ Er hat immer mit erstaunlicher Offenheit über die Krankheit gesprochen, über die man eigentlich nicht spricht. Aber jetzt will er sich lieber mit einer Zukunft beschäftigen, von der lange zweifelhaft war, ob er sie überhaupt haben würde. Deisler, inzwischen 24 Jahre alt, sagt, „dass ich jetzt einfach Licht sehe“. Seit einigen Jahren verläuft Deislers Karriere gewissermaßen unter Vorbehalt: Zu der Frage, ob er körperlich stark genug sei für den Profifußball, kamen dann auch noch die Zweifel an seinem seelischen Zustand. Für Deisler selbst ist es daher jetzt umso erfreulicher „zu spüren, dass das alles klappt, dass der Körper funktioniert“. Durch die vielen Verletzungen und die Erkrankung ist Deisler in den vergangenen drei Jahren nur zu Kurzauftritten bei der Nationalmannschaft gekommen. Zwischen seinem 16. Länderspiel und dem 17. lagen sieben Monate, zwischen dem 19. und dem 20. sogar anderthalb Jahre, und auf den 21. Einsatz – am Mittwoch in Berlin gegen Brasilien – musste Deisler nun auch wieder ein Jahr warten. „Jedes Spiel ist ein echtes Geschenk“, sagt er. Deisler hat das nicht immer so empfinden können. Auf der einen Seite gab es zwar seine einfache Freude am Spiel. Auf der anderen Seite hat Deisler das ganze Drumherum seines Metiers immer als extrem belastend empfunden. Seitdem er professionell Fußball spielt, gilt er als Hoffnungsträger.“

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