Mittwoch, 25. August 2004
Internationaler Fußball
Das ewige Lamentieren der Heulsusen
Italien unterliegt Argentinien im olympischen Herren-Halbfinale 0:3. Claudio Klages (NZZ 25.8.) ist kein Freund italienischen Fußballs: „Gentile verkörperte zu Aktivzeiten den Catenaccio. Was also unternahm Trainer Gentile, um die Azzurri auf den Olymp zu heben? Das, was er als Spieler am liebsten tat: Auf eine massierte Defensive setzen und vorne auf den lieben Gott hoffen. So wie sein Vorgänger Trapattoni dies ohne Erfolg an der EM in Portugal versucht hatte. So wie die Italiener dies seit Jahren tun und dabei immer wieder auf die Schnauze fallen. Auch diesmal vor 30 000 Zuschauern im Karaiskaki-Stadion in Piräus. Ohne den Hauch einer Chance, schwerfällig, spielerisch um eine Klasse unterlegen, wurden sie von den Argentiniern fast von A bis Z vorgeführt. Unfähig zu reagieren, taktisch limitiert, selbst nach dem Rückstand darauf bedacht, mit der einzigen, völlig verlorenen Sturmspitze Gilardino, dem Shooting Star der Serie A, in einem 4:5:1-System – Kopie Trapattoni – irgendetwas Gescheites zustande zu bringen. Es blieb beim kläglichen Versuch. Die resultatbezogene Taktik erlitt Schiffbruch. Die Namen der jungen Protagonisten hätten sich problemlos durch jene von EM-Teilnehmern ersetzten lassen. Die Selbstgefälligkeit, das ewige Lamentieren der Heulsusen (schuld sind der Schiedsrichter oder sonstige widrige Umstände) sowie die Unfähigkeit von Equipe und Trainer zu agieren statt nur zu reagieren, wird die Tifosi abermals verärgert haben. Anders die Argentinier: sie festigten ihren Ruf, am Turnier der ganz heisse Favorit zu sein, mit einer Galavorstellung.“
Champions League
Eine Art weisser Rabe unter den Verschwendern und Schuldenmachern
Juventus Turin könnte heute in Stockhol die Qualifikation zur Champions League verpassen. Peter Hartmann (NZZ 25.8.) berichtet: „Der Turiner Rekordmeister, bisher eine Art weisser Rabe unter den Verschwendern und Schuldenmachern des Calcio, hat in der Saison 2003/04 erstmals nach sieben Jahren einen finanziellen Verlust von 17,2 Millionen Euro eingefahren – trotz im voraus verbuchten TV-Einnahmen von 74 Millionen Euro. Der vorzeitige Abschied aus der Euroliga wäre für den Nobelklub eine Katastrophe. Vom Mutterkonzern Fiat fliesst, nach dem Tode der Agnelli-Überväter, kein Hilfskapital mehr. In Stockholm zeigt sich möglicherweise aber ein Lichtblick: die blonde „Flattermähne“ Pavel Nedveds, ein Symbol für Sturmläufe und Schweijksche Einfälle auf dem Platz. Der mittlerweile 32-jährige tschechische Alleskönner hat seine Knieverletzung von der EM ausgeheilt. Capello traf bei Arbeitsantritt in Turin auf eine verkrustete, ausgelaugte Mannschaft am Ende eines Zyklus, die nach zwei Meistertiteln auf den dritten Platz abgestürzt war. Von Del Piero „noch keine Spur“ (La Repubblica). Der Verschwundene erzielte in den zahlreichen Vorbereitungsspielen lediglich zwei Tore, eines gegen eine Schülermannschaft sowie einen Elfmeter. Es gab einmal einen Del Piero, der in der Champions League 32 Tore schoss, mehr als jeder andere Italiener. Doch seine rätselhafte Formschwäche dauert schon vier Jahre und ist längst zum Normalzustand geworden. Vielleicht leidet er schlicht an einem Überschätzungssyndrom der italienischen Medien, die ihn in „Mitleidswatte“ hüllen. (…) Die braven Schweden von Djurgaarden wirken auf die Sommergäste aus Turin nach zehn Spielen ohne Niederlage wie eine Wikinger-Macht, ihr 1,98-Meter-Riese Dembo Turray aus Gambia im Tor wie eine „schwarze Wand.““
11 Freundinnen
Die Leistungsstärke verflüchtigte sich während des Turniers Stück für Stück
1:2 gegen die USA im olympischen Halbfinale – Gregor Derichs (FAZ 25.8.) ist von der deutschen Elf enttäuscht: „Zuletzt hatte die Frauen-Nationalelf alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. 2001 die Europameisterschaft, zum fünften Mal, 2003 erstmalig die Weltmeisterschaft. Stürmerin Birgit Prinz wurde von der FIFA zur besten Spielerin der Welt erklärt, die Mannschaft kletterte auf Platz eins der Weltrangliste. Nur Olympia – das ist keine optimale Geschichte für das deutsche Vorzeigeteam. Seit der Aufnahme des Frauen-Fußballs in das olympische Programm versuchte es die Mannschaft von Theune-Meyer nun dreimal vergeblich, in das Finale einzuziehen. Am Montag fand die DFB-Elf gegen das amerikanische Team, das als weltweit beste Mannschaft schon abgelöst schien, ihren Meister. „Man kann nicht sagen, daß die Amerikanerinnen mit Glück gewonnen haben. Ihr Sieg war völlig in Ordnung“, erklärte Tina Theune-Meyer. Selbstkritisch gingen auch die Spielerinnen mit sich ins Gericht. Die Leistungsstärke, die sie beim 8:0 gegen Asienmeister China zum Auftakt präsentiert hatten, verflüchtigte sich während des Turniers Stück für Stück.“
Bundesliga
Die wollen mich
Bayer Leverkusen hätte gerne Rudi Völler zurück im Haus – Christoph Biermann (SZ 25.8.): „Bayer Leverkusen umwirbt Völler derzeit entschlossen. „Die wollen mich“, sagt er. Neben Vorgesprächen mit Bayers Sportbeauftragtem Meinolf Sprink und Wolfgang Holzhäuser, dem Geschäftsführer der Bayer Leverkusen Fußball GmbH, hat sich Völler am vergangenen Freitag mit dem wichtigsten Mann des Bayer-Konzerns getroffen. Vorstandschef Werner Wenning lud Völler zum Gespräch ein, und das allein signalisiert, wie ernsthaft das Interesse ist. Beidseitig ist es zudem, auch wenn Völler seines eher zurückhaltend formuliert. „Eigentlich brauche ich noch etwas Abstand“, sagt er, „aber Bayer ist ein anderer Ansprechpartner als viele andere es wären.“ Dabei spielt „die räumliche Nähe“ eine Rolle, denn der frühere Teamchef wohnt nur wenige Autominuten von seinem alten und möglicherweise neuen Arbeitsplatz entfernt. Zudem gibt es „die alten Verbindungen“, die darin bestehen, dass Völler vor seiner Verpflichtung beim DFB vier Jahre lang als Sportdirektor im Management von Bayer arbeitete. Eine Erneuerung der Verbindung liegt auf der Hand. Die Frage ist nur, wie sie eigentlich aussehen soll. Bereits vor der Demission Völlers beim DFB ist der Klub in diesem Sommer nämlich komplett umorganisiert worden. Nach dem Rücktritt von Reiner Calmund wurde Holzhäuser zum alleinigen Geschäftsführer befördert, „und eine doppelte Besetzung an der Spitze wird es nicht mehr geben“, macht der Sportbeauftragte Sprink klar. Auch Manager Ilja Kaenzig und Sportdirektor Jürgen Kohler verließen den Klub, deren Arbeit im wesentlichen der neue sportliche Leiter Michael Reschke übernommen hat, vormals Jugendkoordinator bei Bayer. Was also könnte Völler tun, ohne die neue Ordnung wieder umzuwerfen? Sprink nannte Völler bereits eine „Weltikone“, und als solche würde er bestens zu einem Klub passen, der die kickende Unterabteilung eines Global Players ist.“
Mängel in Organisation und Kommunikation
Peter Pander, Manager des VfL Wolfsburg, ist anlässlich der Pokal-Pleite zurückgetreten. Jörg Marwedel (SZ 25.8.): „Zu vermuten ist, dass Pander auf Druck des Aufsichtsrates aufgab. Zuletzt hatte sich die Kritik an seiner Arbeit gehäuft. Der frühere Fußballchef des VfL, Wolfgang Heitmann, hatte von einem „Führungsproblem“ beim VfL gesprochen. Auch Trainer Erik Gerets hatte Mängel in Organisation und Kommunikation beklagt und gesagt: „Unglaublich, was hier im Moment los ist.“ Unbestritten sind Panders große Verdienste um den Klub, der mit ihm als Manager 1997 in die Bundesliga aufstieg und sich dort etablierte. Seine Aufgaben übernimmt vorerst der kaufmännische Geschäftsführer Klaus Fuchs. Trotz aller Dementis halten sich Gerüchte in Wolfsburg, der frühere Manager von Bayer Leverkusen, Reiner Calmund, werde beim VfL zumindest in Teilen Panders Nachfolge antreten.“
Ascheplatz
FIFA-Marketing wird gerichtet
Die Fifa will ihr Marketing neu richten, schreibt Armin Grasmuck (FAZ 24.8.): „In Zukunft beabsichtigt die Fifa, ihre Werbepartner nicht mehr wie bisher in zwei, sondern in drei Ebenen zu unterteilen. Zu den Hauptsponsoren, den „Fifa Partnern“, und den im jeweiligen Austragungsland vom nationalen Organisationskomitee angeworbenen „Nationalen Förderern“ sollen nach der WM 2006 in Deutschland die sogenannten „Fifa World Cup Partner“ kommen. Diese neu zu akquirierenden Geldgeber, so der Plan, werden nur bei einzelnen, ausgesuchten Veranstaltungen als Sponsoren in Erscheinung treten – natürlich ohne die Geschäftsfelder der Hauptsponsoren zu berühren. Bei der Fifa hofft man, auf diese Weise beispielsweise einen Kosmetikartikelproduzenten, den sonst nichts mit dem Fußball verbindet, als Partner nur für die Frauenweltmeisterschaft zu gewinnen. (…) Selbst wenn die neuen Vermarktungsideen der Fifa greifen: An die Erträge aus dem Fernsehrechteverkauf werden die Werbeeinnahmen auch in Zukunft nicht heranreichen.“
Dienstag, 24. August 2004
Allgemein
Asamoah und Ailton
Ailton ist Schalkes verwöhnter Star – Richard Leipold (FAZ 24.8.) fragt: „Wer ist der geeignete Partner an der Seite des Egozentrikers? Welcher Profi beherrscht am besten, auch menschlich, den Doppelpaß mit einem, der nur Spaß am Spiel hat, wenn er selbst möglichst viele Tore schießt? (…) Gerald Asamoah und Mike Hanke. Nach den Sommerferien staunte Heynckes über die physischen Fortschritte dieser beiden Kandidaten; der Trainer hatte sie als viel zu unbeweglich in Erinnerung gehabt. Zunächst hatte Hanke die besten Aussichten; jüngst machte er mit einem Treffer im DFB-Pokal wieder auf sich aufmerksam. Doch Asamoah, einer der beliebtesten Schalker Fußballspieler, hat ihn abgehängt, nicht zuletzt dank seiner zwei Tore, die er gegen den 1. FC Kaiserslautern erzielte. Nach diesem Auftritt hat der schlanker gewordene Stürmer nicht nur im Verein an Gewicht gewonnen. Auch als Nationalspieler ist Asamoah durchgestartet. Vielleicht paßt Asamoah am besten zu Ailton, weil er sich nie darum geschert hat, was für Stars Schalke unter Vertrag nahm, sowenig wie sich Ailton darum kümmert, wer auf dem Platz neben ihm und im Range nach ihm die Nummer zwei ist.“
Internationaler Fußball
Konstanter Fluss negativer und unfairer Berichterstattung
„Mit der frühen Trainerentlassung hat sich Southampton in eine Position manövriert, die seinen Aufstieg der letzten Jahre stoppen könnte“, schreibt Martin Pütter (NZZ 24.8.): „Lange galt der Klub von der englischen Südküste als Beispiel für Ruhe und Kontinuität. Von 1955 bis 1985 hatten die „Saints“ nur zwei Manager, Ted Bates und Lawrie McMenemy, der den Verein 1976 als Zweitligisten mit einem 1:0 über Manchester United zum Triumph im FA-Cup führte. Nun wird nach Sturrocks Abgang der sechste Manager in sechs Jahren gesucht. Verantwortlich scheinen in diesem Fall in erster Linie die Spieler und die von Chairman Paul Sturrock heftig kritisierte Presse zu sein. Schon vor Saisonbeginn hatten die Blätter gemeldet, dass der Schotte, der erst im März dieses Jahres sein Amt als Nachfolger des zurückgetretenen Gordon Strachan angetreten hatte, unter Druck sei. Das erste Spiel gegen Aston Villa ging verloren (0:2), doch am Samstag gewann Southampton gegen die Blackburn Rovers mit 3:2. Sturrock wurden trotz dieser ausgeglichenen Bilanz von den Medien in Southampton nur noch zwei Spiele gegeben. Das erzürnte Chairman Rupert Lowe, und bei der Bekanntgabe der Trennung richtete er einen Seitenhieb an die Presse: „Wenn der Druck, unter dem Manager in der Premier League stehen, noch durch einen konstanten Fluss negativer und unfairer Berichterstattung verstärkt wird, die zudem zuletzt ein Eigenleben bekam, wird die Position unhaltbar. Die Leute, die dafür verantwortlich sind, und das auch noch gegen finanzielle Entlöhnung, sollten sich selbst einmal anschauen.“ Auslöser der negativen Berichterstattung waren die Spieler, die ihren Unmut über die Trainingsmethoden und taktischen Entscheidungen des Schotten an bevorzugte Journalisten weitergeleitet hatten.“
Bertram Job (NZZ 24.8.) berichtet den Saisonstart in Holland
11 Freundinnen
Hau-Ruck-Fußball, wie man ihn von Bezirksliga-Plätzen kennt
Frauenfußball wird ernstgenommen. Woran erkennt man das? An der harschen Kritik von Martin Hägele (SZ 24.8.) am 1:2 der deutschen Mannschaft im olympischen Halbfinale gegen USA: „Die zum Thriller stilisierte Partie erstickte im taktischem Stellungsspiel. An Bewegung oder athletischem Einsatz hat es nicht gefehlt, dafür aber an spielerischem Niveau, weil die Deutschen nie zu einer klaren Linie fanden und einen Hau-Ruck-Fußball boten, wie man ihn von Bezirksliga-Plätzen kennt. Bezeichnenderweise gewann Birgit Prinz, jüngst zur Fußballerin des Jahres ausgerufen, keinen einzigen wichtigen Zweikampf. Schlecht fürs Team – das deutsche Spiel ist auf die Torjägerin angewiesen, und wer binnen 90 Minuten keinen einzigen Ball ernsthaft aufs gegnerische Tor tritt, darf nicht nach Entschuldigungen suchen.“
Surfin‘ USA
Andreas Morbach (FTD 24.8.) hingegen lobt die Sieger: “Olympisches Halbfinale, Deutschland gegen die USA, das Beste, was der Frauenfußball zu bieten hat. Dem Kreter war’s egal: Die einzigen Griechen unter den offiziell 5165 Zuschauern im dürftig gefüllten, brandneuen Pankrítio-Stadion waren Olympias freiwillige Helfer. Die wenigen, die gekommen waren, konnten sich über einen langweiligen Feierabend jedenfalls nicht beschweren. Zumindest ganz am Ende nicht, als nach zahllosen vergebenen Torchancen, Pfostenschüssen und einer Verlängerung als Schmankerl schließlich die USA als 2:1-Sieger ausgespuckt wurden. Dringend zu erwarten gewesen war das prickelnde Finale allerdings nicht: Denn lange Zeit hatte der amerikanische Fahnenträger drei Kilometer von seiner Kaimauer entfernt Wellenreiten mit Ball erlebt. Surfin‘ USA zelebrierten die versammelten Altstars wie Mia Hamm, Brandi Chastain oder Julie Foudy im Spiel gegen die Weltmeisterinnen – 85 Minuten lang.“
DFB-Pokal
Es tut mir sehr leid für die Mannschaft und den Trainer
Der VfL Wolfsburg schafft es selten in die Schlagzeilen, heute ist es ihm gelungen. Dem 3:0-Erfolg gegen die Amateure des 1. FC Köln versagt der DFB die Wertung, weil die Wolfsburger den gesperrten Marian Hristow eingesetzt haben. Roland Zorn (FAZ 24.8.) berichtet: „Das übersehen zu haben, war aus vier Gründen ein Kunststück: Der DFB hatte auf die gesperrten Spieler vor der ersten Hauptrunde schriftlich hingewiesen, VfL-Manager Peter Pander ließ es, selbst wenn der Sperrvermerk aus Frankfurt in Wolfsburg, wie vom VfL zunächst reklamiert, nicht angekommen wäre, an der notwendigen Sorgfaltspflicht fehlen; der Wolfsburger Trainer Erik Gerets war vor einem Jahr noch Coach des 1. FC Kaiserslautern; Hristow selbst schien nur von einem Kurzzeitgedächtnis beseelt. Die Folge: Sämtliche Kontrollmechanismen der Wolfsburger versagten. Pander übernahm schließlich die Verantwortung für den Lapsus, der die Wolfsburger die weitere Teilnahme am Pokalwettbewerb kostete. Ein Verlustgeschäft, das sportlich schwer wiegt, wirtschaftlich zu verschmerzen ist, da der VfL nur zwei Pokalrunden in sein Saisonbudget eingeplant hatte. „Ich mache mir große Vorwürfe“, klagte sich Pander nach der bitteren Niederlage an, „und nehme alle Schuld auf mich. Es tut mir sehr leid für die Mannschaft und den Trainer.““
Führungsproblem
Jörg Marwedel (SZ 24.8.) ergänzt, hinter Wolfsburger Kulissen hörend: „Beim Blick in die Zeitungen hat Pander von den Wolfsburger „Pokal-Trotteln“ lesen müssen, und – viel schlimmer noch – ein Interview, das der frühere Fußballchef des Klubs, Wolfgang Heitmann, der Wolfsburger Allgemeinen Zeitung gegeben hatte. Der VfL, wurde Heitmann dort zitiert, habe „ein Führungsproblem. Das war auch der Grund, warum ich zurückgetreten bin. Ich bin jetzt gespannt, ob auch andere die Courage haben, zurückzutreten.“ Wem die unverhüllte Forderung galt, war klar: Pander, dem Mann, der in 13 Jahren die Profiabteilung des Klubs maßgeblich mit aufgebaut und geprägt hat und der nun, so der frühere Abteilungs-Boss, die Verantwortung dafür trage, dass sich der VfL „einfach lächerlich“ gemacht habe. Heitmann hat kein Amt mehr, aber noch immer Einfluss. Man könnte ihn als Sprecher der ersten Opposition in Wolfsburg seit dem Bundesliga-Aufstieg 1997 bezeichnen, deren Vertreter die Besetzung der sportlichen Leitung angesichts so ehrgeiziger Ziele wie Uefa-Cup und Champions League längst nicht mehr für optimal halten.“
Von Euphorie und Aufbruchstimmung ist nichts übrig geblieben
Borussia Mönchengladbach hätte im DFB-Pokal gegen die Amateure von Bayern München gewinnen sollen – Marko Schumacher (NZZ 24.8.): „Das frühe Pokal-Aus markierte den Tiefpunkt eines völlig verkorksten Saisonstarts, nachdem die Mannschaft von Trainer Holger Fach auch in der Liga noch auf den ersten Sieg wartet. Dem Auftakt-Remis in Bielefeld war dort eine Heimniederlage gegen die finanziell taumelnde Borussia aus Dortmund gefolgt. Schon drei Wochen nach Saisonbeginn herrscht nun dicke Luft. Die Alarmglocken beginnen bereits zu läuten (…) Von der Euphorie und Aufbruchstimmung, die vor Saisonbeginn in Mönchengladbach geherrscht hatte, ist nichts mehr übrig geblieben. Damals waren sich alle sicher, dass der Umzug vom altehrwürdigen Bökelberg in den Nordpark den Beginn einer neuen, goldenen Ära symbolisieren würde. Die frisch erstellte topmoderne Fussballarena mit ihren 55 000 Plätzen würde dem Traditionsklub ganz neue Möglichkeiten eröffnen; so jedenfalls lautete der Plan – und dazu passte, dass der Sportdirektor Christian Hochstätter erstmals seit langem wieder im grossen Stile prominentes Personal an den Niederrhein lockte.“
Montag, 23. August 2004
Internationaler Fußball
Balsam für die Seele des geschundenen Volks
Der Irak steht im olympischen Halbfinale; Michael Ashelm (FAZ 21.8.) berichtet ein Dilemma: „Die Rückkehr in die Familie des Weltsports und nach sechzehn Jahren zu den Olympischen Spielen hatte zuallererst symbolischen Wert – als Zeichen des Friedens. Aber als das Comeback des Iraks und seiner Athleten ganz plötzlich eine sportliche Dimension bekommen hat, gerät es in Gefahr. Aus Sorge um ihre Familien durch die sich verschärfenden Kämpfe in Bagdad und Nadschaf und aus Ärger über den amerikanischen Präsidenten haben die irakischen Fußballspieler intern schon über den Rückzug vom olympischen Turnier diskutiert. Das wäre nicht nur sportlich eine Enttäuschung. Doch es handelt sich um eine prekäre Erfolgsgeschichte: Während Krieg und Bombenterror den Alltag der Menschen in der Heimat bestimmen, überraschen die irakischen Fußballspieler in Griechenland mit Herz und Elan. Jedes Tor, jeder Sieg scheint eine besondere Bedeutung zu haben, eine Art Befreiung von trauriger Vergangenheit und brutaler Realität. „Ich danke meinen Spielern, die sich als Botschafter unseres Landes verdient machen“, sagt Hamad. Wenn der Irak auf dem Fußballfeld Erfolg hat, ist das wie Balsam für die Seele des geschundenen Volks. Doch nun sind die Spieler aufgebracht. Im amerikanischen Fernsehen läuft neuerdings ein Wahlkampf-Spot für die Republikaner und den amerikanischen Präsidenten. Zu Bildern von der afghanischen und der irakischen Flagge sagt George W. Bush, daß es aufgrund seiner Politik bei diesen Olympischen Spielen zwei weitere freie Nationen gebe und zwei Terror-Regimes weniger. „Das irakische Team will nicht von Herrn Bush im Wahlkampf benutzt werden“, schimpft der irakische Auswahlspieler Salih Sadir. Sein Mannschaftskamerad Ahmed Manajid greift Bush heftig an: „Wie kann er jemals seinen Gott finden, wenn er so viele Männer und Frauen umgebracht hat? Dieser Mann hat viele Verbrechen begangen.““
Europas Fußball vom Wochenende: Ergebnisse – Torschützen – Tabellen NZZ
DFB-Pokal
Bremendusel und Dortmunder Ökonomie
die erste DFB-Pokal-Runde im Pressespiegel: „Die Regionalliga ist längst zu einer dritten Profiliga geworden“ (FAZ) – „Wie lang ist noch Platz für Toppmöller in Hamburg?“ (SZ) – „der Dusel beginnt sich bei Werder Bremen immer wohler zu fühlen“ (SZ) – „Dortmunder Ökonomie und Technik siegten über das große Lübecker Herz“ (SZ) u.v.m.
Roland Zorn (FAZ 23.8.) fasst die erste DFB-Pokal-Runde zusammen: „Die Regionalliga, das Auffangbecken für ehemalige Bundesliga-Klubs, ist längst zu einer dritten Profiliga geworden, in der jene Klubs, die das Geld und den Ehrgeiz von Aufsteigern in spe besitzen, ihre Angestellten am Ball wie Berufsspieler bezahlen. Insofern konnten sich die Kicker des SC Paderborn nur wundern, daß ihnen so mancher Reporter nach dem 4:2-Erfolg über den Hamburger SV mit der Optik von gestern begegnete. Tatsächlich hatte dieser überraschende, aber keineswegs sensationelle Pokalsieg nur noch wenig mit dem Triumph gemein, den einst der VfB Eppingen über den HSV feierte. Dasselbe galt tags darauf für den glücklichen Sieg per Elfmeterschießen, den die Amateure des FC Bayern München über die Bundesligaprofis von Borussia Mönchengladbach feierten. Die Davids, die vordem einen eingebildeten Bundesliga-Goliath aufs Kreuz gelegt hatten – ob aus Sandhausen, Vestenbergsgreuth oder Weinheim –, sind heute nicht mehr in Sicht. Vor allem, weil die auf der Suche nach jedem Euro seriöser in den Pokalwettbewerb startenden Erstligavereine diese in ihrem frühen Stadium ländlich anmutende Konkurrenz ernster als früher nehmen.“
FC Paderborn-Hamburger SV 4:2
Wie lang ist noch Platz für Toppmöller?
Die SZ (23.8.) über dicke Luft in Hamburg: „Die Stimmung in Hamburg ist aber wieder mal reichlich giftig. Die nach Paderborn mitgereisten Fans mochten der Mannschaft nicht verzeihen, dass sie das Spiel nach der Führung noch aus der Hand gegeben hatte. Als die Profis nach dem Schlusspfiff zur Fankurve gingen, wurden sie beschimpft und bespuckt. Immerhin: Am nächsten Morgen war die Stimmung friedlicher. Rund 100 Anhänger verbrachten den Vormittag am Trainingsgelände und beließen es bei milden Protesten. Für Toppmöller ist die Lage jedoch ernst, und er weiß das auch. „Das ist die schwierigste Situation, seitdem ich Trainer bin“, erklärte er, „aber von Aufgeben kann nicht die Rede sein. Ich bin Löwe“ – als Kämpfer geboren, wie er glaubhaft machen und durch seinen Werdegang beweisen möchte. „Ich habe mich als kleiner Spieler bis in die Nationalelf gekämpft, und als kleiner Trainer von Salmrohr bis in die Bundesliga.“ Aber wie lang ist dort noch Platz für ihn?“
SSV Jahn Regensburg-Werder Bremen 0:2
Der Dusel beginnt sich bei Werder Bremen immer wohler zu fühlen
Elisabeth Schlammerl (FAZ 23.8.) gratuliert Mario Basler, dem Trainer der Geschlagenen: „Gefeiert wurden die Verlierer: Die Sieger spürten, daß übertriebene Jubelgesten nicht angebracht waren, zu glanzlos, zu wenig souverän sind sie in die zweite Runde des DFB-Pokalwettbewerbs eingezogen. Die Bremer haben mittlerweile nicht nur die Position als Nummer eins in Deutschland vom FC Bayern übernommen, sondern sind dabei, dem Starensemble aus München auch in anderen Bereichen Konkurrenz zu machen. Der Dusel zum Beispiel, den der Rekordmeister stets exklusiv für sich reklamierte hat, beginnt sich nun offenbar auch bei Werder Bremen immer wohler zu fühlen. (…) Schlitzohrig genug ist Basler, um sich der kleinen Trainertricks zu bedienen, die den Profi auszeichnen. Tagelang hatte Basler verkündet, er werde ein Abwehrbollwerk gegen seinen ehemaligen Klub aufbieten, notfalls „mit zehn defensiven Spielern das Tor vernageln“ – und dann hat der Regensburger Trainer mit einer offensiven Aufstellung den Gegner wohl ein wenig überrascht.“
VfB Lübeck-Borussia Dortmund 0:1
Ökonomie und Technik siegten über das große Herz
Jörg Marwedel (SZ 23.8.): „Geschafft hatten es die Borussia-Profis mit einem unterkühlten Vortrag, Ökonomie und Technik siegten über das große Herz der Lübecker. Routiniert hatten die Dortmunder den Ball hin- und hergeschoben, phlegmatisch ließen sie zu, dass sich ihre Gegner in der zweiten Halbzeit zum Pokal-Revival aufrafften – in Erinnerung an ihren Siegeszug bis ins Halbfinale der vergangenen Saison.“
TSV Völpke-Bayern München 0:6
Javier Cáceres (SZ 23.8.) sieht einen lässigen Sieger: „Oliver Kahn, Bayerns Torwart, erst behelligt wurde, als er – 50 Meter vor den gemeinsam trottenden Kameraden – auslief und dabei einen Schweif pubertierender Cheerleader hinter sich her zog. Eine Würdigung des Erfolges in der ostdeutschen Provinz versagte sich Kahn; er zog mit einer Mimik davon, die es mit den herabsetzenden Western-Gesichtern des Robert Mitchum aufnehmen konnte. Anders hingegen Bayern-Manager Uli Hoeneß, der die Leistung so lange rühmte, bis er bei der dann doch überraschenden Auskunft angelangt war, das Zuschauen habe in der zweiten Halbzeit sogar „richtig Spaß gemacht“.“
Deutsche Elf
Das Amt des Kapitäns der Nationalelf im Briefkopf geführt
Oliver Kahn versucht, gelassen auf seine Absetzung als Kapitän zu reagieren. Gelingt es ihm, Michael Horeni (FAS 22.8.)? “Trotz der abgewogenen Erklärungen Kahns ist es wohl nicht übertrieben zu behaupten, daß sein Fußball-Weltbild in diesen Tagen ins Wanken geraten ist. Das kann man auch schriftlich haben von einem Torwart, der auf seine Sonderstellung so stolz und fixiert ist, daß er das Amt des Kapitäns der Nationalelf mitunter sogar im Briefkopf geführt haben soll. Um eine Vorstellung von Kahns Bewußtsein seiner Ausnahmeposition zu erhalten, genügt ein Blick in sein Buch, das allerdings einen vielleicht nicht mehr ganz so zukunftsträchtigen Titel („Die Nummer eins“) trägt. „Manchmal beschleicht mich das Gefühl, als seien wir Profifußballer nichts anderes als moderne Gladiatoren. Der Gedanke ist mir erstmals gekommen, als ich den Film Gladiator von Ridley Scott gesehen habe. In einer brodelnden Arena stellte sich der Gladiator Maximus, gespielt von Russell Crowe, den hungrigen Massen und forderte das gesamte Römische Imperium heraus. Das bin ich, ging es mir durch den Kopf!“ Kahn alleine gegen das Imperium – ganz so gewaltig waren und sind seine Gegner zwar nicht. Aber das neue Reich des Bundestrainers, dem sich Kahn kampfeslustig gegenübersieht, besteht zumindest aus einem ziemlich mächtigen und interessanten Beziehungsgeflecht. Klinsmanns juristischer Berater ist Andre Groß. Der Schweizer vertritt unter anderen auch Jens Lehmann.“
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