indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Samstag, 26. Juni 2004

Allgemein

Ich bin Holländer

Jan Christian Müller (FR 26.6.) erleichtert sich nach Portugals Sieg: „An den Urinalen wanken die Männer bedenklich und ziehen erleichtert die miefige Luft ein. War dringend an der Zeit, dass das Elfmeterschießen ein Ende fand. „Sorry“, sagt einer aus Portugal zu seinem Nebenmann, „ihr habt Pech gehabt. Viel Pech.“ „Ham wir nicht“, sagt der andere, „ich bin Holländer.““

Deutsche Elf

Söldner, keine Kegelbrüder

Kritik an Rudi Völler und Michael Skibbe (SZ) und an der Kritik / „wie mit einem Jojo spielte Völler mit den Medien“ (SZ) – „Gerhard Mayer-Vorfelder sollte sich schnell für Ottmar Hitzfeld entscheiden, ehe er sich die Sache anders überlegt“ (FAZ) – „es schien, als spielte die deutsche Konkurrenz ein anderes, schöneres Spiel in Portugal: schneller, direkter, zielstrebiger“ (SZ) u.v.m.

Wie mit einem Jojo spielte Völler mit den Medien

Diskurskritik. Ralf Wiegand (SZ/Medien 26.6.) fordert mehr kritische Berichterstattung über die deutsche Nationalmannschaft und den (ehemaligen und künftigen) Bundestrainer: „Der „starke Abschied“ (Hamburger Morgenpost), dieser „Abgang mit Stil“ (Hannoversche Allgemeine), „Rudis Tränen-Rücktritt“ (Bild) war der letzte gelungene Akt einer Öffentlichkeitsarbeit, auf die der DFB stolz sein kann, aus seiner Sicht. Einfach genial war es, nicht verhindert zu haben, dass alle Pressekonferenzen live im Fernsehen übertragen wurden. All der gesprochene Nonsens lief nicht erst durch die Filter kritischen Journalismus“, sondern prasselte ungeschnitten nieder aufs Fußballvolk, auf das es glaube, was es hörte. Da konnten die Zeitungen weglassen, was sie wollten: Michael Skibbes Worte waren schon gesendet. Hübsch zu beobachten war ebenfalls die lähmende Kraft von Kamera und Mikrofon. Wer will sich schon vor der versammelten Rudisten-Nation mit dem Ober-Rudi streiten, wer würde gar in der Stunde des Abschieds sich des Nachtretens bezichtigen lassen wollen, indem er Fragen stellte nach Taktik und Risikobereitschaft des Teamchefs im Turnier? Wer wollte ernsthaft live und in Farbe am Stammtisch-Favoriten Hitzfeld zweifeln, unter dem ein Talent wie Roque Santa Cruz zum Edelreservisten reifte, man Ex-Nationalspieler Tobias Rau inzwischen für den Enkel des Bundespräsidenten hält und Michael Ballack sich so stark entwickelte, dass der FC Bayern ja gar nicht anders kann, als ihn zu verkaufen? Wer provoziert hätte, wäre als Nachrichtenmann selbst zur Nachricht geworden – Zensur kann so einfach sein. Unter der Führung des schulterklopfenden, augenzwinkernden Teamchefs Völler sind Mannschaftshotels zu Sperrzonen geworden, Interviews zu PR-Präsentationen und Pressekonferenzen zur Farce – aber zu niemandem sagte er je ein böses Wort, nur einmal zu Waldi, und der ist seither Kult. Nähe schaffen, Distanz halten: Wie mit einem Jojo spielte Völler mit den Medien.“

Fußballer sind Söldner, keine Kegelbrüder

Thomas Kistner (SZ 26.6.) erweitert die Kritik: „Dem ehrenvoll abgetretenen Teamchef Rudi Völler wurde womöglich zu schnell die Generalabsolution zuteil. Der Teamchef habe den geringsten Anteil am deutschen EM-Desaster, heißt es. Aber: Was kann ein Neuer dann besser machen als Völler, wenn der schon alles richtig machte? So eine Logik zerbröselt mit den ersten Fortschritten des Nachfolgers. Es ist einfacher. Es lässt sich anhand der EM klar belegen, dass auch in der sportlichen Führung des DFB-Aufgebotes gepatzt worden ist: Grundsätzlich, indem einer limitierten Mannschaft noch engere Grenzen gezogen worden sind. Dieser und andere Fehler sind zu vermeiden, sofern noch die Absicht besteht, 2006 eine über das Organisatorische hinaus gehende Rolle zu spielen. Gewiss, Rudi Völler wurde im Stich gelassen von den alten WM-Kameraden (Hamann, Schneider, Frings etc.), die ihn 2002 zum glücklichen Vize gemacht hatten. Aber diese Haudegen waren ja seine fachliche Wahl für die EM – und nicht etwa andere, zuletzt aufstrebende Kräfte, von Fahrenhorst bis Borowski. Mit einer harmonischen Algarve-Reisegruppe allein war in solchen Zeiten das Glück nicht mehr zu zwingen. (…) Fußballer sind Söldner, keine Kegelbrüder, auch wenn sie so kicken und die Stimmung super ist. Der minderen Qualität dieser Spieler aber entsprach ihr lizenzierter Stabstrainer Skibbe. Was immer der seinem Teamchef riet, es lag völlig daneben. Abgesehen von oft fragwürdigen Auswechslungen – die DFB-Elf begann stets (und strikt gegen den obwaltenden Geist) mit circa einstündigem Abtasten, passend dazu mit einer Spitze. Wurden dann die Beine zittriger, rückte der Uhrzeiger bedrohlich vor, begann ein verzehrendes Strampeln und Hecheln. Dass aber diese Drangphasen nun als die lichtesten Momente gelten, entlarvt ja gerade das taktische Versagen: Warum 19 statt 90 Minuten?“

Der Einpeitscher von Almancil

Michael Rosentritt (Tsp 26.6.) sorgt sich um Michael Skibbe: „Was macht jemand wie Skibbe jetzt? Sollte er vielleicht bei seinem Werbepartner anklopfen? Im professionellen Verkaufen einer eigentlich schlechten Ware hat es Michael Skibbe zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. Drei Wochen lang quasselte der Mann aus Gelsenkirchen von den „großen Qualitäten im Team“ und der „absolut internationalen Wettbewerbsfähigkeit“. Das führte bei Völlers Assistent zu der „felsenfesten Überzeugung“, das jeweils anstehende Spiel zu gewinnen. Dass dies der deutschen Mannschaft bei dieser Europameisterschaft nicht einmal gelungen ist, hatte Skibbe stets ausgeblendet. „Ist er der Fehler-Flüsterer?“, witzelte vor wenigen Tagen die „Bild“-Zeitung. Zu sehen war ein Foto, auf dem Skibbe hinter seinem Chef steht und ihm etwas sagt. War es die falsche Aufstellung im Spiel gegen Lettland oder doch eine falsche Einwechslung? „Wir besprechen seit vier Jahren alles gemeinsam“, hatte Skibbe anderntags geantwortet. Aufstellungen und Einwechslungen seien „gemeinsame Beschlusssache“. Skibbes Aufgabe in Portugal war jedoch vor allem die Verbreitung von Optimismus und Stärke. Mit Völler wechselte er sich bei den täglichen Pressekonferenzen ab. Während Völler von Tag zu Tag lockerer wurde und gelegentlich ins Auditorium zwinkerte, fuhr der kühle Skibbe weiterhin mit finsterer Miene schwere Geschütze auf. In seiner bisweilen nassforschen Art war er der Mann, der Schärfe in die Öffentlichkeitsarbeit des DFB brachte. „Um unsere Bilanz in Pflichtspielen beneidet uns Europa – ach, die ganze Welt“, war einer seiner Sätze, die ihm den Beinamen „der Einpeitscher von Almancil“ einbrachten.“

Bundestrainer stehen, so altmodisch das klingen mag, in einer ethischen Pflicht gegenüber dem Land

Roland Zorn (FAZ 26.6.) hofft, dass Mayer-Vorfelder Christoph Daum schnell wieder vergisst: „Der Job des Bundestrainers oder Teamchefs der Nationalmannschaft besitzt eine Außenwirkung, die sich nicht in der Vermittlung didaktischer, taktischer und strategischer Fußball-Weisheiten erschöpft. Bundestrainer stehen, so altmodisch das klingen mag, auch in einer ethischen Pflicht gegenüber dem Land, das sie an herausragender Stelle nach innen wie außen repräsentieren. Ebendeshalb wäre ein noch so geläuterter Christoph Daum auf diesem Posten fehl am Platz. Weil die Beurteilung eines Bundestrainers höheren Maßstäben als denjenigen auch des besten Vereinstrainers genügen sollte, wäre ein von vornherein klares Wort des DFB-Präsidenten wünschenswert gewesen. So aber ist zu befürchten, daß wieder einmal zu ergiebig taktiert und zu lange sondiert wird, ehe der öffentliche Druck eine vernünftige Entscheidung herbeiführt. Ob Ottmar Hitzfeld am Ende überhaupt noch Bundestrainer werden will, hängt vielleicht jetzt schon mit dem Verhalten des DFB-Präsidenten bei seiner Trainersuche zusammen. Entschiede er sich dafür, den Namen Christoph Daum, und sei es noch so vage, ins Spiel zu bringen, liefe Mayer-Vorfelder Gefahr, seine eigene Bonität als DFB-Präsident nachhaltig zu beschädigen. Da der Mann Berufspolitiker ist und Populist dazu, wird er vermutlich nach kurzer Bedenkzeit auf die Linie der Mehrheitsmeinung einschwenken. Die aber ist die Linie der Vernunft und zeichnet die Berufung von Hitzfeld, dem erfolgreichsten deutschen Vereinstrainer, in das höchste deutsche Traineramt eindeutig vor.“

Ein nüchterner Analytiker, nicht herz- oder seelenlos, aber stets mathematisch exakt

Hält Hitzfeld, was sich alle von ihm versprechen, Helmut Schümann (Tsp 26.6.)? „Trainer der Fußball-Nationalmannschaft, das ist der emotionalste Job, den dieses Land zu vergeben hat. Im Ansehen und in der möglichen öffentlichen Herabstufung rangiert er gleich hinter dem Kanzler. Ottmar Hitzfeld aber ist bekannt als Mann ohne Emotionen oder zumindest als einer, der sie zu unterdrücken wünscht bis über die eigene Schmerzgrenze hinaus. Ein nüchterner Analytiker, nicht herz- oder seelenlos, aber stets mathematisch exakt. Auf der Geschäftsstelle des FC Bayern schwärmen sie noch von der Hilfsbereitschaft Hitzfelds und seinem verborgenen Engagement für schwerstbehinderte Kinder. So viel zum Herz Hitzfelds. Und beim FC Bayern denken sie noch gerne an die großen Erfolge zurück unter Hitzfeld, die möglich wurden durch ein kühles Rotationsprinzip, das sich nicht scherte um Meriten und Marotten. Als Hitzfeld mit Borussia Dortmund die Champions League gewann, wurde er weich, beließ die verdienten Mitarbeiter in der Mannschaft – und verlor. Ein Fehler, wie er später betonte. Ein Fehler, den er nicht wiederholen werde. Ohnehin begeht Hitzfeld Irrtümer nur einmal, ein Vorteil für die Nationalmannschaft, besonders bei der Auswahl vorwärts gerichteten Personals. Da aber kann, wer will, einen Schwachpunkt ausmachen in den ansonsten herausragenden Referenzen Ottmar Hitzfelds. Kaum verlässliche Fakten sind zu finden, wie er es mit dem Aufbau und Einbau junger bis jüngster Spieler zu halten pflegt.“

Staunend und eine Spur neidisch

Reicht die Zeit bis zur WM 2006 für den Umbruch, Michael Horeni (FAZ 26.6.)? “Die Europameisterschaft zeigt sich von ihrer schönsten Seite – wenn die Deutschen nicht dabei sind. So gerecht kann der Fußball manchmal sein. Am Tag der deutschen Abreise imponierten die Engländer trotz ihres Ausscheidens im Viertelfinale mit Tempofußball und erstklassigen Stürmern. Die Portugiesen zeigten Fußball in seinen wunderbaren spielerischen Varianten. Schon in den Tagen zuvor hatten die deutschen Fans staunend und eine Spur neidisch auf rasante Schweden und Dänen, wirbelnde Tschechen oder holländische Individualisten geblickt. Die Reihe ließe sich fortsetzen und müßte nicht beim französischen Titelverteidiger mit seinem riesigen Potential enden. Es schien, als spielte die deutsche Konkurrenz ein anderes, schöneres Spiel in Portugal: schneller, direkter, zielstrebiger. „Ich mache mir Sorgen“, sagt nicht nur Franz Beckenbauer, wenn er auf die Unterschiede zwischen Deutschland und dem Rest in Portugal schaut. Nur noch zwei Jahre mit zwei ausgedehnten Länderspielreisen (Asien und Südamerika) sowie dem Confederations Cup trennen die Deutschen von der Weltmeisterschaft im eigenen Land, und die bange Frage schwingt mit: Wer soll’s richten? Die gleichen Spieler wie bei dieser Europameisterschaft – zumindest der größte Teil des 23 Profis umfassenden Kaders wird auch, da sind sich die Experten einig, in zwei Jahren die Basis des Teams bei der Weltmeisterschaft bilden.“

Leserbriefe an die FR-Sport-Redaktion

Allgemein

Wenig inspiriert, müde, richtiggehend bedächtig

Frankreichs Degeneration gegen Griechenland, „wenig inspiriert, müde, richtiggehend bedächtig“ (NZZ) – Portugal-England 8:7 n.E.: „zwischen Wahn und Wirklichkeit“ (FAZ) / Felipe Scolaris Mut wird belohnt / „wo ist Luis Figo?“ (FAZ) / „der Rasen hatte sich rund um den Elfmeterpunkt gelöst“ (Tsp) u.v.m.

Frankreich-Griechenland 0:1

Wenig inspiriert, müde, richtiggehend bedächtig

Peter B. Birrer (NZZ 26.6.) beschreibt den Zerfall französischer Spielkultur: „Es dauerte in der durch ein paar Spalten unter dem Dach ins Estádio José Alvalade hineinscheinenden Abendsonne nicht lange, bis der erste Tiefpunkt geortet war. Nach etwas mehr als einer halben Stunde begannen die zahlreichen nach dem Ausscheiden ihrer englischen Mannschaft in Lissabon gebliebenen Anhänger kraftvolle „England-Gesänge“ anzustimmen. Nachdem bereits die „Marseillaise“ vor Spielbeginn nicht so recht hatte klingen wollen, ging es auch auf dem Rasen in gemächlichem Tempo weiter. Die favorisierten Fussballer aus Frankreich mühten sich gegen Griechenland über weite Strecken vergeblich ab, es war jedenfalls nie zu erkennen, wer hier einen Titel zu verteidigen hat und wer demzufolge als erklärter Turnierfavorit gilt. Letzterer hatte in der ersten Halbzeit kaum eine Torchance, vielleicht abgesehen von einem Kopfball Henrys und einem Abschlussversuch kurz vor der Pause. Angesichts der erschreckend harmlosen Art und Weise, wie die gelobte Equipe tricolore schon Teil 1 abspulte, erübrigten sich die Diskussionen über das System, die Form oder die mangelhafte Physis der Protagonisten. Da stimmte kaum einmal etwas zusammen, man schob sich in der mittleren Zone einfallslos den Ball zu, als würde man alle Zeit dieser Fussballwelt haben, um den Gegner in die Knie zu zwingen. Zinedine Zidane liess sich wie die beiden Stürmer Henry und Trézéguet zurückfallen, es gab keinen Raum und keinen Weg zum Tor. Zidane zeigte zwar Kunststücke, die ihm so schnell keiner nachmacht, und wechselte mit genauen Zuspielen die Seite. Aber Zidane hatte auch für ihn ungewöhnlich viele Ballverluste zu beklagen, und als persönlicher Tiefpunkt erhielt er kurz vor der Halbzeit nach einem Foul die gelbe Karte vor das Gesicht gehalten. Es gab in der Tat Phasen, während deren das Geschehen in ein einfallsloses Ballgeschiebe ausartete. Welch ein Kontrast zur Partie zwischen Portugal und England am Abend zuvor, welch eine Differenz in Sachen Spielkultur und Tempo. Trainer Jacques Santini stand macht- und fassungslos an der Seitenlinie und erinnerte sich wohl der Worte des französischen Verbandspräsidenten Claude Simonet, der schon im ersten Spiel gegen England so etwas wie „Angst“ zu spüren geglaubt hatte. Kann so ein Europameister spielen? Nein. Ist so eine Überraschung möglich? Sicher. Genau dieses Spannungselement war es auch, das den zweiten Viertelfinal am Leben erhielt. (…) In der zweiten Halbzeit änderte sich vorerst nichts an der unerwarteten Physiognomie des Spiels. Die Franzosen wirkten wenig inspiriert, müde, richtiggehend bedächtig, und der Trainer lehnte sich lässig an die Seite der Spielerbank, ohne jedoch mit Wechseln seinem sich schon fast quälend abmühenden Team neues Leben einzuhauchen.“

Barbara Klimke (BLZ 26.6.) fügt hinzu: „Wer die Partie in ansehen musste, dem dämmerte schnell, dass diese französische Mannschaft nichts mehr gemein hat mit der, die über Jahre den Weltfußball beherrschte: Quälend, schleppend, ja beinahe gelähmt traten sie auf. Und die besseren Chancen verbuchte der Außenseiter, dem Rehhagel eines genommen hatte: die Ehrfurcht vor dem Gegner mit der großen Geschichte.“

In der SZ (26.6.) lesen wir: „Während der DFB nach dem Aus in der Vorrunde einen neuen Teamchef sucht, feierte Rehhagel den größten Erfolg seiner Karriere, in eben jenem Stadion, in dem die Deutschen am Mittwoch gegen Tschechien B gescheitert waren. „Mit Leidenschaft, Einsatz und Willen haben sich die Jungs diesen Sieg verdient“, sagte Rehhagel hinterher. Natürlich ließ er die Gelegenheit nicht ungenutzt, den eigenen Anteil heraus zu heben. Nur „böswillige Leute“, sagte er, könnten ihm unterstellen, er sei ein Trainer von gestern und taktisch nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Die Meldung, er habe für das nun zu besetzende Amt des Bundestrainers abgesagt, dementierte er energisch. Er und die Jungs bescherten dem griechischen Verband jedenfalls den größten Erfolg seiner Geschicht, und nebenbei den ersten Sieg gegen die Franzosen überhaupt. Rehhagel rührte, wie immer bei dieser EM, griechisch-deutschen Beton an, um die Bilanz zu schönen. Libero Dellas räumte ab, vor ihm werkelten zwei Manndecker, von denen einer, Seitaridis, sich an die Fersen von Thierry Henry heftete. Das Mittelfeld stand tief gestaffelt. Das mögen die Franzosen nicht. Dass er damit aber dem schicksten Ensemble Europas Paroli bieten würde, glaubte Rehhagel wohl selbst nicht. Die Franzosen steckten von Anfang an in Schwierigkeiten, sie knüpften sofort an die schwerfällige Gangart der drei Vorrunden-Begegnungen an.“

Portugal-England 8:7 n. E.

Zwischen Wahn und Wirklichkeit

Für Thomas Klemm (FAZ 26.6.) war das Duell Dramatik pur: „Ein ganzes Land, das Sekunden zuvor am Rande des Nervenzusammenbruchs gestanden hatte, brach in Freudengeschrei aus. Ein ganzes Land – bis auf einen. Wo war Luis Figo? Wortlos und ohne einen Blick für Nationaltrainer Scolari und seine Mitspieler war der Kapitän nach 74 Minuten vom Platz geschlichen, zitterte weder in der Verlängerung noch im Elfmeterschießen mit seinen Kollegen auf der Bank im Estádio da Luz. Das Gesicht des portugiesischen Fußballs hatte sich in diesem Moment abgewandt von der Gruppe, deren Einheit es zuletzt oft beschworen hatte. Er habe gehört, behauptete der Brasilianer Scolari, daß Figo sich das Elfmeterschießen auf dem Bildschirm in der Mannschaftskabine angeschaut und gebetet habe. So stellte es sich der Trainer vor, der seinem Star zuvor nicht zugetraut hatte, die Wende im Spiel herbeizuführen. Figo selbst behauptete, er habe im Entmüdungsbecken gelegen und mitgelitten. Nur mit einem Handtuch um die Lenden wollte er nicht zum Jubeln herauskommen und sich Millionen von Fernsehzuschauern halbnackt zeigen. Es könnte so oder so gewesen sein an diesem dramatischen Fußballabend in Lissabon, der zwischen Wahn und Wirklichkeit viel Raum ließ. (…) Bis in die Nacht hinein feierte Portugal, als ob es schon die Europameisterschaft gewonnen hätte. Das Erreichen des Halbfinales hatte Luiz Felipe Scolari, der in allen bisherigen vier EM-Spielen ein glückliches Händchen mit seinen Einwechslungen bewies, dem Land vor dem Turnier versprochen. „Jetzt streben wir das Endspiel an“, so brachte der Brasilianer den Gastgeber zum Träumen. „Potzblitz! Wie es dieses Spiel verdient hätte, das Finale zu sein“, schrieb die Sporttageszeitung „A Bola“. Was ist jetzt noch möglich im lusitanischen Land des Lächelns?“

Tilo Wagner (FR 26.6.) bestaunt Felipe Scolaris glückliches Hand: „Später, als die ersten Emotionen gezügelt waren, bewies Luiz Felipe Scolari, der Brasilianer, mal wieder große Einfühlsamkeit, als er den Sieg der Seefahrernation Portugal symbolisch einer Gruppe von Fischern widmete, die von ihren Booten aus der Selecção auf ihrem Weg ins Stadion frenetisch zugejubelt hatten. Dass Scolari auch vom Fußball eine Menge versteht, bewies er im Spiel gegen England: Er nahm den Superstar Luis Figo vom Platz und brachte einen 21-jährigen Ersatzstürmer von Tottenham Hotspurs, der seit sechs Monaten nicht mehr das gegnerische Tor getroffen hatte. Acht Minuten später markierte jener Hélder Postiga den Ausgleich, im Elfmeterschießen düpierte der Bengel rotzfrech Schlussmann David James mit einem Strafstoß Schwejkschen Ausmaßes. Den Mut zu einer solchen Entscheidung hätte ein in Portugal geborener Nationaltrainer sicherlich nicht aufgebracht. Aus der ambivalenten Beziehung zwischen Portugiesen und Brasilianern nimmt Scolari die Möglichkeit, seinen taktischen Vorstellungen selbst Portugals größte Identifikationsfiguren zu opfern, ohne sich den Groll der Nation einzufahren. Bisher hat der Brasilianer immer Recht gehabt. Er gab dem in der Vorbereitung unsicher auftretenden Ricardo den Vorzug vor der portugiesischen Torhüterlegende Vítor Baía; er setzte Mannschaftskapitän Fernando Couto auf die Bank und ließ Ricardo Carvalho spielen, der eine herausragende Leistung in der Innenverteidigung gegen England bot; und er machte aus Rui Costa, der seinen Platz im Mittelfeld an Deco verlor, einen torgefährlichen Einwechselspieler. Während Couto die Wachablösung in Portugals Abwehr ohne Widerspruch hinnahm und der Mannschaft von der Bank aus seine Erfahrung zukommen lässt, scheint sich auch Rui Costa langsam an seine neue Rolle zu gewöhnen. „Es ist ein gutes Zeichen, dass ich schon wieder als Joker getroffen habe,“ sagte Costa, er fügte ironisch an: „Wenn das so weitergeht, will ich nur noch auf die Bank.“ Einzig Figo scheint Scolaris taktische Prioritäten auf den Magen zu schlagen. (…) Figo hatte sich derweil zusammen mit Pauleta das Spiel in der Kabine zu Ende angeschaut und soll ein Bild der Muttergottes fest in den Händen gehalten haben. Ob Mythos oder Realität, die Vorstellung, Portugals Superstar habe auf diese urtypischen Art und Weise das Wunder herbeigebetet, scheint die Portugiesen versöhnlich zu stimmen.“

Christoph Biermann (SZ 26.6.) lobt Scolaris geraden Rücken: „Wieder einmal war die portugiesische Mannschaft über ihre Grenzen gegangen und hatte ein Spiel gewonnen, in dem ein Sieg lange nicht auf der Agenda zu stehen schien. Hilflos waren die Gastgeber lange Zeit dem frühen Rückstand hinterhergelaufen. Ihr Zusammenspiel war einfallslos und unpräzise gewesen, die britische Sprinterstaffel hatte viele Aktionen leicht vorausahnen können und die Kombinationen immer wieder blitzschnell durchtrennt. Anders als gegen Spanien wurden die Portugiesen auch nicht vom Publikum getragen, denn mehr als die Hälfte der Plätze im Estadio da Luz waren von englischen Anhängern besetzt. Und so schien der Ausgleich aus dem Nichts zu kommen. Plötzlich reichte eine schlichte Flanke von Simao, und der nur acht Minuten zuvor eingewechselte Helder Postiga konnte einköpfen. Ob er mit seinen Auswechselungen einfach nur Glück habe oder ob er das für inspiriertes Coaching halten würde, wurde Felipe Scolari nach der Partie gefragt, und man merkte, wie sehr dem portugiesischen Nationaltrainer diese Frage gefiel. „Einige sagen, dass ich sowieso nicht arbeite, also wird es Glück sein“, sagte er und fügte dann genüsslich an, „aber dieses Glück hat mir immerhin 16 Titel eingebracht.“ Auch das 2:1 erzielte in Rui Costa ein Spieler, den Scolari spät gebracht hatte. Damit gehen fünf der sechs portugiesischen Treffer bei diesem Turnier auf das Konto von Einwechselspielern. Doch in diesem Fall bekam die Entscheidung von Scolari etwas nahezu Genialisches, denn es war Luis Figo, der seinen Platz für Postiga hatte räumen müssen. Nur wenige Trainer hätten in dieser Situation wohl so entschieden, obwohl der Star einen schlechten Tag hatte. Figo mühte sich, aber ihm gelang wenig. Trotzdem spürte man im Stadion das Entsetzen der Fans, ohne ihn schienen alle Hoffnungen zu schwinden, und er selbst inszenierte seine Wut ohne Scheu. Zur Auswechselung kam Figo nicht an die Mittellinie, sondern verließ den Platz hinter dem gegnerischen Strafraum, nahm den langen Weg entlang der Seitenauslinie, um direkt in der Kabine zu verschwinden. Danach ward er nicht mehr gesehen. (…) Scolari hatte gezockt, und er hatte gewonnen. Der späte Ausgleich von Postiga veränderte das Spiel völlig, danach war wieder das Portugal der Passionen zu sehen, wie man es bereits gegen Spanien erlebt hatte. Und nachdem die Mannschaft nun bereits so viele Krisen und kritische Momente überwunden hat, „wollen wir jetzt auch ins Finale einziehen“, sagte Scolari. Und diesem Willen werden die Schweden oder die Holländer etwas entgegensetzen müssen, was jenseits ihrer Grenzen liegt.“

Jesus took the penalty

Ronald Reng (FR 26.6.) schildert Englands Leiden und Englands Liturgie: „Es war Gary Neville, der Außenverteidiger, der oft so wichtigtuerisch in seiner ewigen Ernsthaftigkeit wirkt, der sich schließlich ruckartig aus der Menschenkette löste. Er packte David Beckham am Rücken und schubste ihn nach vorne, Richtung Vassell. Beckham war genug damit beschäftigt, Beckham zu sein, der berühmteste Fußballer der Welt, der gerade einen seiner traurigsten Momente erlebte, aber Neville fand, Beckham war auch Mannschaftskapitän. Altertümliche Bräuche halten sich im englischen Fußball mehr als anderswo, der Kapitän hat sich um die Kollegen zu kümmern, ohne zu fragen, wer sich um ihn kümmert. Also machte sich Beckham ein letztes Mal auf in Richtung Tor, Vassell kam ihm entgegen, Figuren des Leidens beide nach ihren verschossenen Elfmetern. Die Portugiesen mussten den letzten Schuss noch ausführen, aber Beckham und Vassell, hilflos aneinander geklammert, sahen schon aus wie Engländer auf dem Weg nach Hause. Sie brauchten die Bestätigung des letzten portugiesischen Tors nicht mehr, sie wussten schon, was passieren würde. Der englische Abgang ist längst eine einzige Wiederholung. Zum vierten Mal bei ihren jüngsten sechs Versuchen, nach dem WM-Triumph 1966 endlich wieder eine Meisterschaft zu gewinnen, scheiterte das selbsterklärte Mutterland des Fußballs im Elfmeterschießen. Chris Waddle und Stuart Pearce, die Fehlschützen beim ersten Drama, 1990 gegen Deutschland, vereinten das Land noch so, dass sie sogar Werbeverträge bekamen, Gareth Southgate, der arme Teufel bei der Europameisterschaft 1996, wurde „zum Kummerkasten für die Leute, sie schrieben mir, weil sie mich hatten leiden sehen und deshalb dachten, ich würde ihr Leiden verstehen“. Ersatzstürmer Darius Vassell und David Beckham dürfen nicht mit solch überwältigender Anteilnahme rechnen. Wenn ein Missgeschick zu oft passiert, verliert es an Dramatik. Es wird lächerlich. (…) All seine Phrasen vom Team, das noch in den Spiegel schauen kann, vertuschten nicht die Wahrheit, die ihm beim Blick ins eigene Gesicht entgegenstarrte. Beckham, berichtete einer aus dem Trainerstab im Privatgespräch, kam als einer der unfittesten Spieler ins Trainingslager, und es blieb niemandem verborgen. Er, der England so oft durch das eigene Beispiel inspiriert hatte, war während des ganzen Turniers ein bemühter, müder Krieger im Kampf mit sich selbst. Am Ende seines ersten Jahrs im Ausland, mit Eingewöhnungsproblemen bei Real Madrid auf und neben dem Rasen, wirkt er um Jahre gealtert. Es war der dritte Elfmeter in Folge, den er für England verschoss. Die Fans, 40 000 Engländer unter 60 000 im Stadion des Lichts, rollten die Fahnen ein, auch die mit „Jesus took the penalty“. Es war die wohl bewusst doppeldeutige Botschaft eines Christen und Witzbolds: „Jesus schoss den Elfmeter“ und „Jesus nahm die Strafe (für unsere Sünden)“ hieß das.“

Der Rasen hatte sich rund um den Elfmeterpunkt gelöst

Sven Goldmann (Tsp 26.6.) leidet mit David Beckham: „Es ist ein bisschen ungerecht, dass die Öffentlichkeit David Beckham vor allem über seine wechselnde Frisur, seine Tattoos und seine exaltierte Ehefrau definiert. Viele übersehen, dass er ein ganz ausgezeichneter Fußballspieler ist, gesegnet mit einem rechten Fuß, der Flanken und Freistöße von unerreichter Qualität schlagen kann. Dieser rechte Fuß sollte England nun ins Halbfinale bringen. (…) Beckham lief an und schoss weit über das Tor, und selbst wenn es mit der Höhe geklappt hätte, wäre der Ball noch einen Meter am Tor vorbeigegangen. Wie er danach am Elfmeterpunkt stand, auf den Schiedsrichter einredete und klagend nach unten deutete, entbehrte nicht einer gewissen Lächerlichkeit. Zu Unrecht. Die Zeitlupe des portugiesischen Fernsehens zeigte später, dass der Ball schon während Beckhams Anlauf ins Rollen geraten war und so seinen linken Fuß touchierte, bevor ihn der rechte traf. Der Rasen hatte sich rund um den Elfmeterpunkt gelöst, und alle folgenden Schützen widmeten fortan der Planierung der sensiblen Fläche genauso viel Aufmerksamkeit wie der Ausführung.“

Chaplinesk

Matti Lieske (taz 26.6.) sieht verhinderte Helden: „Warum nur, warum hat die Uefa das Golden Goal abgeschafft? Es wäre alles so perfekt gewesen. Rui Costa, der Verfemte, von Trainer Felipe Scolari aus der Stammformation verbannt, von den Fans im eigenen Land ausgepfiffen und darob so ergrimmt, dass er nach seinem Tor gegen die Russen nur mit finster-trotziger Büßermiene ins Publikum dräute, schießt Portugal gegen England mit einem prachtvollen 16-Meter-Knaller unter die Latte ins EM-Halbfinale. Setzt damit den gerechten Schlusspunkt unter ein dramatisches Match zweier hervorragender Mannschaften, die sich mit völlig unterschiedlichen Mitteln 110 Minuten lang heftig bekämpft haben. Und erspart es den armen Engländern, noch einmal trügerische Hoffnung schöpfen zu dürfen, um dann in einem jener Elfmeterschießen zu scheitern, die ihnen immer so schrecklich danebengehen. Doch das Golden Goal gibt es nicht mehr. So konnte Frank Lampard ausgleichen, und Rui Costa wurde mit seinem übers Tor gejagten Ball im Elfmeterschießen vom gepriesenen Erretter wieder zum profanen Unglücksbär, der Portugals Triumph noch einmal in Gefahr brachte. Nicht ganz so unglücklich freilich wie David Beckham, der nach seinem chaplinesken Auftakt-Elfmeter endgültig als Erfinder des eingesprungenen Strauchelstrafstoßes mit halber Schraube gelten darf. Vielleicht findet die Übung ja eines Tages Eingang in den Eiskunstlauf – als Beckham-Pirouette. Der Elfmeterpunkt, offensichtlich eine Mischung aus Sumpflandschaft und Wimbledon-Rasen am letzten Turniertag, wurde zunächst von Englands Kapitän ausgiebig beschimpft und erfreute sich dann großer Aufmerksamkeit der folgenden Kandidaten. Jeder suchte ihn gründlich nach weiteren Fußangeln ab und trat ihn mit der Sorgfalt eines Hofgärtners vom Buckingham-Palast fest, bevor er zum Vollzug schritt.“

Thomas Klemm (FAZ 26.6.) schießt nach: „Es war der Rasen am Elfmeterpunkt, es war der Schiedsrichter, es war der dreifache Albtraum. Vielleicht, vielleicht, vielleicht. Möglicherweise war es sogar die Verletzung von Wayne Rooney, dem besten Torschützen im Team. England suchte Gründe, fand aber nur Leere. David Beckham war den Tränen nah, als er vom Platz schlich. „Wir haben es zu akzeptieren“, sagte der Nationaltrainer Sven-Göran Eriksson am Freitag vor dem Abflug, „aber um diese Niederlage zu verarbeiten, brauchen wir mehr als 24 Stunden.“ Das Leben gehe weiter, aber es ist ein Leben in England statt in Portugal, auf Urlaub statt bei der Europameisterschaft. (…) War es der Rasen? Nach der Niederlage gegen Frankreich, als Beckham elf Tage zuvor mit einem Strafstoß an Torhüter Fabien Barthez gescheitert war, hatte die englische Delegation dreimal die Uefa auf das holprige Geläuf rund um den Punkt aufmerksam gemacht. Die Uefa hatte laut Eriksson zugesagt, sich „um ein neues Rasenstück“ zu kümmern. Geschehen ist offensichtlich nichts, die Schützen waren gezwungen, den Platz vor dem Kick mit ihren Füßen zu bearbeiten. Der englische Kapitän fand mit dem linken Bein nicht den richtigen Stand, drosch den Ball in die Wolken.“

Internationaler Fußball

Universum der tausend Qualen

„ein Universum der tausend Qualen“ (Telegraph) / „der Schiedsrichter war eine entsetzliche Schande“ (Daily Mirror) – „trotz des Ausscheidens muss Eriksson bleiben“ (The Guardian) u.v.m.

Universum der tausend Qualen

Sehr lesenswert! Schon wieder raus! Paul Hayward (Telegraph 25.6.) kann es nicht glauben: „Wenn die Engländer in einem ungewöhnlichen Tempo altern, liegt es wohl daran, dass sie alle zwei bis vier Jahre durch dieselbe Situation müssen: Windstärke 10 der Seele. Manchmal verwundert es einen. Warum winden sich zig Millionen englischer Menschen vor dem Fernseher, leiden die Familien der Spieler auf ihren Plätzen, versuchen Reporter einen erzählenden Faden durch das Chaos zu ziehen, und warum glauben die elf Männer, die wirklich da draußen sind und die ganzen Hoffnungen tragen, weiter, dass 38 Jahre des Wartens in glorreichem Triumph enden? Die Erlösung aus dem Fegefeuer wird nicht kommen. England hat den Schlüssel verloren. Von all den Demütigungen, seit Bobby Robsons Mannschaft bei der WM 1990 das Elfmeterschießen verlor, ist keine mit dem portugiesischem Torhüter Ricardo vergleichbar, der den entscheidenden Elfmeter an seinem Gegenüber David James, nach annähernd drei Stunden gewaltigem und emotionalem Aufruhr, vorbeihämmert. Italien 90, EM 96, Frankreich 98, das Viertelfinalspiel der WM gegen Brasilien vor zwei Jahren – und nun das. Es wird ungesund. Ja, wirklich! Wer weiß, was wir finden würden, wenn die Medizin das englische Herz öffnen würde, um den Schaden zu untersuchen, der von all diesen Melodramen zugefügt wurde. (…) In diesem Universum der tausend Qualen, bekommst du einen späten Ausgleichstreffer von einem Reservestürmer der Tottenham Hotspurs (…) Zu der Zeit, in der der England-Fan diese Meldung liest, wird der Morgen zweifellos furchtbare Schmerzen gebracht haben, entweder von einem Kater oder von den Auswirkungen unerträglichen Stresses. Dieses Spiel hatte eine Story, es war durcheinander geworfen, umbarmherzig, anstrengend und als die Verlängerung dem Elfmeterschießen Platz machte, verließ die Hitze kurzzeitig den Kessel im nördlichen Teil Lissabons. Es gab einen kollektiven Abfall der Anspannung. Die Menge konnte einfach nicht mehr. Bis sie dazu gezwungen wurde, natürlich durch das Spektakel aus weißen und roten Trikots, die das Heiligtum der Mittellinie verließen und ihr Glück beim Zielschießen versuchten. (…) Da Elfmeterschießen von einem böswilligen Gott erfunden wurde, der aus der Stadt gejagt werden sollte, würde er jemals sein Gesicht zeigen, endete die Nacht mit ritueller Grausamkeit – gesucht wird der Sündenbock, der seinen Namen unter den letzten nicht verwandelt Schuss (…) Jugend war nicht Thema dieser verrückten Nacht. Die entscheidenden Faktoren waren „Coolness“ unter unerträglichem Druck und technische Präzision in dem Hexenkessel beim Elfmeterschießen. Eine brutale, erschreckende Nacht, die die Engländer vielleicht über Jahrhunderte verfolgen wird – und zweifellos bis zur nächsten WM.“

Atemlos, unvergesslich aber auch ultimativ peinlich

Matt Dickinson (Times 25.6.) blickt nüchtern auf das Ausscheiden der Engländer: „Nun sind es 40 Jahre Schmerzen, die der englische Fußball ertragen musste. Das Mittel der Folter war gestern wieder allgegenwärtig, als England zum viertel Mal bei einem großen Turnier im Elfmeterschießen gescheitert ist. Es war eine atemlose, unvergessliche aber auch ultimativ peinliche Nacht in Lissabon, in der David Beckham und Darius Vassell ihre Strafstöße verschossen. England ist dieses Turnier und das Viertelfinalspiel im Glauben angetreten, den größten internationalen Triumph für England seit 1966 einzufahren, aber nun fliegen sie mit dem gewohnten Kampf der Selbstbesinnung nach Hause. Es ist immer die schrecklichste Art, eine Partie im Elfmeterschießen zu verlieren, aber wenn mal auf das Match zurückschaut, muss man vielleicht sogar sagen, dass sich die Engländer glücklich schätzen konnten, nach 120 Minuten eine weitere Chance zu bekommen.“

Der Schiedsrichter war eine entsetzliche Schande

England hat den Schuldigen gefunden: Schiedsrichter Urs Meier, Jeremy Armstromg & Paul Byrne (Daily Mirror 25.6.): „Englands Traum vom Euro-Titel wurde gestern Nacht nach einem dramatischen Elfmeterschießen zerschmettert. (…) Nach dem Spiel kam bei den englischen Fans großer Frust gegenüber dem Schweizer Schiedsrichter Urs Meier auf, der ein Tor von Sol Campbell aberkannte, da er zuvor ein Foul von John Terry am portugiesischen Torwart gesehen hatte. BBC-Fachmann Alan Hansen bezeichnete diese Entscheidung als eine Schande. Der ehemalige englische Stürmer Ian Wright fügte hinzu: „Es ist ein absoluter Witz. Er soll angeblich der beste Schiedsrichter der Welt sein und fällt dann eine solche Entscheidung. Meier hat uns den Sieg gekostet.“ (…) Michael Owens Vater Terry, der im Stadion war, sagte nach dem Spiel: „Es ist so unglaublich enttäuschend, die Jungs haben so gut gespielt, es war ein atemberaubendes Match.“ Frank Lampards Vater, der zusah, wie sein Sohn den Ausgleich schoss, lobte ihn: „Die Tatsache, dass er nach einem solch langen Spiel noch trifft, obwohl er sehr erschöpft war, zeigt seinen wahren Charakter und seine Entschlossenheit.“ In der Centurion Bar in Newcastle, lies Jane Wallace (21), ihrer Wut freien Lauf: „Es war eine entsetzliche, bodenlose Entscheidung. Diesem Schiedsrichter sollte man es verbieten, je wieder bei einem großen Turnier zu pfeifen.“ Graham Wilson (43, Gateshead) sah dies ähnlich: „Ich dachte, die Schweizer seien neutral. Der Schiedsrichter war eine entsetzliche Schande, nicht nur beim Tor von Campbell, sondern das komplette Spiel.“ Anne Barker (24, Newcastle) stimmte dem zu: „Schande und Scham über den Kopf des Schiedsrichters.““

Warum es Zeit ist für Sven zu gehen

Rob Smith (The Guardian 25.6.) fordert Erikssons Rücktritt: „Der Grund für Englands Scheitern ist ziemlich einfach: Es war nicht der Schiedsrichter, es war keine Matschpfütze am Elfmeterpunkt und nach 120 Minuten, in denen sie zum größten Teil hinterherliefen, es war sicherlich kein Pech. Es war erneut eine Reihe, von Offenbarungen taktischer Feigheit Sven-Goran Erikssons.“

Trotz des Ausscheidens muss Eriksson bleiben

Richard Williams (The Guardian 25.6.) hält dagegen an Eriksson fest: „England erholte sich nie davon, dass Sven-Goran Eriksson früh am gestrigen Abend schon seine schärfste Waffe verlor. Tapfer war, es wie sie gekämpft haben, um die Portugiesen fern zu halten; die Kante ihres Spiels wurde zerschmettert, als Wayne Rooney sich setzte und an den linken Knöchel fasste. Nach Rooneys Abgang konnte man sehen, was sie sind: ein ehrliches Team fähig, an einem guten Abend, jeden zu schlagen, abgesehen von den Allerbesten.“

Eriksson wütend über den unebenen Fleck

Daniel Taylor (The Guardian 25.6.) berichtet von einen vorausschauenden englischen Trainer: “Man hört, dass Pizza Hut heute Morgen als erstes versuchte, David Beckham und Darius Vassell anzurufen. Wahrscheinlich waren ihre Handys ausgeschaltet. Unterdessen werden Sven-Goran Eriksson und seine Spieler erneut eine Untersuchung einleiten, über ein Elfmeterschießen, welches ein altbekanntes, schreckliches Gefühl eines Déjà-vus hinterlassen hat. Diesmal wurde das Trauma und das fatale Gefühl des Unvermeidlichen begleitet von Erbitterung. Wie bekannt wurde, war Eriksson, nachdem Englands Spieler im Training Elfmeter geübt hatten, so unzufrieden mit dem Zustand des Rasens um den Elfmeterpunkt, dass er die Uefa gebeten hatte den Platzwart zur Ausbesserung anzuhalten.“

Englands Niederlage und Rudi Völlers Rücktritt SpOn FR

Ballschrank

Sie lassen keine Träume gelten

Die spanische Tageszeitung El País meint zum deutschen Spiel. „Ein mittelmäßiges Fußballspiel reichte den Deutschen, um die Koreaner zur Wirklichkeit zurückzuholen. Sie lassen keine Träume gelten. Ihr Charakter lässt keine Romantik zu. Sie kultivieren die Effizienzwerte mit so einer Intensität, die keine Ablenkungen und Schwächen zulässt.“ Bei dieser Weltmeisterschaft wird kein Spiel in die Annalen der Fußballgeschichte eingehen. Überall herrscht die Effektivität und nicht der Fußballgeist.“

Felix Reidhaar (NZZ 26.6.) „Die Deutschen erwiesen sich – wie allgemein erwartet – in diesem Stadium als der falsche Gegner für Hiddinks Auswahl. Nach den überzeugend angenommenen spielerischen Herausforderungen durch lateinisch geprägte Mannschaften standen den aus Verletzungsgründen maßgeblich veränderten Red Devils am Dienstagabend respekterheischende Spielerfiguren gegenüber. Unterschiede bestanden dabei vor allem, aber nicht nur, in körperlich-athletischen Belangen. Die Deutschen wiesen auch organisatorische Vorteile auf und standen in allen Mannschaftsteilen sehr kompakt (…) Das deutsche Team steigerte sich vergleichsweise – gewiss. Es beherrschte als stärkere Einheit Geschehen und Gegner – bestimmt. Und es spielte seine physischen Stärken gegen einen ermatteten Rivalen imponierend aus, kein Zweifel. Was deutsche Beobachter aus der Nähe auf Cheju früh zu beobachten glaubten, stellte sich als richtige Vermutung heraus. Die Nationalspieler wuchsen während des zweiwöchigen Zusammenzuges auf der subtropischen Basis in der Korean Strait zur Turniermannschaft alt bekannter Schlagkraft zusammen, der jeweils einiges zuzutrauen ist. Aber berauschen kann man sich an dieser Auswahl und ihrer Interpretation des Fußball-Handwerks wahrhaftig nicht. Da war keine Spielkunst zu sehen, kein herausragender Individualist, kaum Temperament und Vorstellungskraft, wenig Offensivwirkung und Tempofestigkeit, dafür viel Gleichförmigkeit, viel Krampf und mehrheitlich Durchschnittsqualität.“

Die Times (26.6.) kann ihre Ungläubigkeit nicht zurückhalten, dass Deutschland im Finale steht, obwohl es doch gegen England in der WM-Qualifikation noch verloren hatte: „Deutschland, das Team, das vor neun Monaten von England 5:1 geschlagen wurde, wird am Sonntag im Weltmeisterschaftsfinale stehen, nachdem sie klinisch sauber ihre Chance genutzt haben und gegen enttäuschende Südkoreaner im Halbfinale gewonnen haben. Für den dreimaligen Weltmeister wird es die siebte Finalteilnahme sein. Der Gedanke, dass Deutschland heute das Weltmeisterschaftsfinale erreicht ist genug, dass jeder Engländer sich einen weiteren inkompetenten Fifa-Offiziellen wünscht. Lieber die lächerliche Vorstellung, dass Südkorea einen Platz in Yokohama auf dem goldenen Teller präsentiert bekommt als ein faires Spiel, in dem Deutschland einen selbstgefälligen Sieg landet. München hätte die schönste Nacht des englischen Fußballs seit 1966 werden können, aber je weiter die Deutschen in diesem Turnier kommen, desto mehr kommt dieser Sieg für England als Spott zurück.“

Die englische Zeitung News of the screws (25.6.) veröffentlichte im Vorfeld des Spiels folgendes “Vater unser”

Komm lieber GottUnd lass Deutschland nicht über Korea siegen Wenn es nicht anders geht, lass Deutschland durch Strafen verlieren. Auf dass die Welt sieht, dass Du unser Gott bist und ein Team aus Glückspilzen erkennst,wenn Du eines siehst. Und durch Dich werden wir erfahren,dass, obwohl wir es nicht bis ins Finale geschafft haben,die verdammten Deutschen es auch nicht schaffen. Amen

Mark Schilling (NZZ 26.6.) über die Stärken der Deutschen. „Die negative Erwartungshaltung der Außenwelt war ein entscheidendes Element im Teamfindungs- Prozess: Wenn alle von außen auf einen einschlagen, einigt das im Innenleben einer Equipe die verschiedenen Charaktere. Und so durfte man in den letzten Tagen immer wieder vernehmen, dass die Stimmung, der Zusammenhalt unter den vor Wochen noch als kickendes Himmelfahrtskommando apostrophierten Deutschen nun „beängstigend gut“ sei; wenn schon nicht ihr Spiel, dann ist’s wenigstens der Mannschafts-Kitt. Ihren Part als Außenseiter, der auf „Schleichwegen“ die Favoriten stehen lässt, würden sie nun am liebsten auch in Yokohama fortsetzen. Diese einmalige Rolle eines Underdogs mit Erfahrungsfundus eines dreifachen Weltmeisters kann auch am Sonntag durchaus den Schlüssel zum Erfolg bedeuten. Spätestens nach einem Finalsieg würden auch in Deutschland die Stimmen ungehört verhallen, wonach diesem Fußball kein Qualitätssiegel verliehen werden könne.“

Mark Schilling (NZZ 26.6.) zur Gelbsperre Ballacks. “Man muss schon Leverkusener sein, um selbst nach einem der größten Erfolgserlebnisse der Karriere noch getröstet werden zu müssen. Für den Chemnitzer Ballack ist das Saisonende umso bitterer, als ihm trotz seiner unbestrittenen Qualitäten das Kainsmal des Verlierers anhaftet.”

Gewinnspiel für Experten

Freitag, 25. Juni 2004

Allgemein

Behäbiger Spielaufbau, schematisches Offensivspiel

Deutschland-Tschechien 1:2

„Selbstkritik gehört nicht zu den herausragenden Eigenschaften der gescheiterten Nationalspieler“, klagt Michael Horeni (FAZ 25.6.): „Versäumnisse in eigener Sache? „Nein“, sagt Torsten Frings. Bernd Schneider ist traurig. Der Leverkusener, der vor zwei Jahren überragende Leistungen bei der Weltmeisterschaft gezeigt hatte und im Finale der beste Spieler seines Teams gewesen war, vergab in der zweiten Halbzeit zwei erstklassige Torchancen. Er leidet darunter, das sieht man ihm an. Aber er redet anders. „Der Mannschaft kann man nichts vorwerfen“, sagt Schneider. Gekämpft, gerackert, Chancen rausgespielt, was soll man machen? Der Ball wollte einfach nicht ins Tor rein, also sind die Deutschen raus. So einfach ist das – zumindest machen es sich die meisten aus der deutschen Mannschaft so einfach. In Portugal, wo sich nahezu alle Teams in einer ausgezeichneten körperlichen Verfassung befinden, scheiterte die Auswahl Völlers vor allem an ihrem mangelhaften spielerischen Repertoire, dessen Defizite bei einem behäbigen Spielaufbau begannen und sich in einem allzu schematischen, ideenlosen Offensivspiel fortsetzten – die erschreckende Stürmerkrise konnte diese seit Jahren diagnostizierten Schwächen dann auch im Ergebnis nicht mehr tarnen. Kein Wort davon, keine Andeutung.“

Die FAZ stellt den deutschen Kader für die WM 2006 vor

Thomas Klemm (FAZ 25.6.) findet, dass Marek Heinz seine Chance genutzt hat: „Bis zum Mittwoch um Viertel vor neun verlief die Profikarriere von Marek Heinz konstant wechselhaft. Eingewechselt oder ausgewechselt, ausgewechselt oder eingewechselt, diese Kurzmitteilungen tauchten auf den meisten Spielberichtsbögen hinter dem Namen des tschechischen Angreifers auf. Ob dreieinhalb Jahre beim Hamburger SV, ein halbes Jahr bei Arminia Bielefeld oder seit drei Jahren in der A-Nationalmannschaft, der lange Blonde mit dem starken linken Fuß kam über die Warteliste selten hinaus. Dann folgte das für die tschechische Fußball-Nationalmannschaft bedeutungslose Europameisterschafts-Gruppenspiel gegen Deutschland, und Nationaltrainer Karel Brückner gönnte seinen Stars eine Verschnaufpause vor dem Viertelfinalspiel gegen Dänemark am Sonntag. Heinz rückte auf in die Startelf und benötigte bei seinem ersten Länderspiel über die volle Distanz gerade einmal dreißig Minuten Anlauf, um seine herausragende Leistung mit einem famosen Tor zu krönen. Weil in Pavel Nedved, Tomas Rosicky und Karel Poborsky alle etatmäßigen Kunstschützen auf der Bank saßen, legte sich Heinz den Ball zum Freistoß zurecht, zirkelte ihn anschließend zum 1:1 in den Torwinkel. (…) Bei Austria Wien hatte man kurz vor der EM erwogen, den Tschechen zu verpflichten, ihn aber für zu leicht befunden für die österreichische Liga. In nur 152 Spielminuten bei dieser EM sorgte Marek Heinz für gemischte Gefühle: armes Austria, verblüffte Bundesliga, glückliches Tschechien.“

Holland-Lettland 3:0

Wir haben nicht gefeiert, dass die Deutschen ausgeschieden sind

Die Holländer haben lange gezittert! Christoph Biermann (SZ 25.6.): „Immer größer wurde die nervöse Vorfreude und sie wurde zugleich von Ungläubigkeit gezügelt. Sollte es wirklich stimmen, dass die deutsche Mannschaft auf dem Weg war, die Partie gegen das tschechische B-Team zu verlieren? Oder würde Völlers Mannschaft in den letzten Momenten nicht doch wieder entscheidend zuschlagen, wie man das in der Vergangenheit bei deutschen Elf so oft erlebt hatte. Die Fans in Orange hielten den Atem an, und die Spieler mochten es auch kaum glauben. „Wir haben eine Viertelstunde vor Schluss das Ergebnis aus Lissabon gehört, aber daran gedacht, dass Deutschland eine Mannschaft hat, die immer noch zurückkommen kann“, sagte Giovanni van Bronckhorst, und so fühlten es alle auf dem Rasen und auf den Tribünen. Daher schauten die Spieler nach dem Abpfiff von Schiedsrichter Kim Milton Nielsen zur Bank herüber. Der eigene 3:0-Sieg war längst vergessen, Finger wurden hochgehalten und signalisierten ein 2:1, während Ersatztorwart Sander Westerveld sein Handy fest umklammert hielt und darauf wartete, dass die Niederlage der Deutschen endlich bestätigt würde. Doch so ausgelassen die Spieler anschließend über den Rasen hüpften und so begeistert die Fans sangen, „Schade Deutschland, alles ist vorbei“, so vergleichsweise zurückhaltend waren die Reaktionen, als Team und Trainer aus den Kabinen kamen. „Wir haben darauf gehofft, es aber nicht erwartet“, sagte van Bronckhorst. Die Holländer wussten um ihr Glück und stimmten kein Triumphgeheul an. Mittelfeldspieler Phillip Cocu bestritt auch, dass das Ausscheiden des deutschen Erzrivalen den eigenen Erfolg noch zusätzlich verschönen würde. „Wir haben nicht gefeiert, dass die Deutschen ausgeschieden sind, sondern dass wir ins Viertelfinale gekommen sind“, sagte er. Etwaigem Übermut standen sowieso die Erfahrungen der vorangegangenen Tage entgegen, Tage, die nicht nur wegen der Abhängigkeit vom Ausgang des anderen Spiels schwierig gewesen waren.“

Ruud van Nistelrooy wirkt wie eine Abrissbirne

Peter Heß (FAZ 25.6.) klatscht Beifall für die Oranjes: “Lettlands Trainer Starkovs lobte die Niederländer für ihren Sturmwirbel. „Wir hatten im Gegensatz zum Spiel gegen Deutschland keine echte Chance, uns zu wehren.“ Die Deutschen mußten versuchen, mit ihrem an Hammer und Meißel erinnernden fußballerischen Rüstzeug die lettische Mauer einzureißen. Den Niederländern stehen da technische Hilfsmittel wie elektrischer Schlagbohrer oder Preßlufthammer zur Verfügung. Und wenn alles nicht hilft, wirkt Ruud van Nistelrooy wie eine Abrißbirne.“

Yellow Submarine – seit jeher die Matrix für Schmähgesänge aller Art

Gesangsunterricht mit Axel Kintzinger (FTD 25. 6.): „Manche Wunden wollen nicht verheilen – die im deutsch-niederländischen Fußballverhältnis ist so eine. Nachdem das direkte Aufeinandertreffen beider Mannschaften für keine Seite befriedigend ausgefallen war, wurde jetzt ein Fernduell ausgetragen. Während die „Elftal“ in Braga demonstrierte, dass man gegen Lettland sehr wohl Tore schießen kann, waren ihre zahlreichen Fans mit den Gedanken weit weg im 360 Kilometer entfernten Lissabon, von wo sie über ihre Mobiltelefone auf dem Laufenden gehalten wurden und schon den Ausgleich der Tschechen mit einem Liedchen zu kommentieren wussten. „Schade, Deutschland, alles ist vorbei“, sangen sie nach der Melodie von „Yellow Submarine“ – seit jeher die Matrix für Schmähgesänge aller Art. Eine andere Wunde rührt her vom Verhältnis zwischen Bondscoach Dick Advocaat mit Fans, Medien und Nationalspielern. Advocaat nimmt übel, dass man seine Taktik und Personalauswahl kritisiert. So ließ er sich nach dem souveränen 3:0 nur kurz beglückwünschen und verschwand im Stadionbauch. Die Spieler fraternisierten mit den Fans, die Advocaat vor Spielbeginn mit einem Pfeifkonzert begrüßt hatten. Marc Overmars gab den Zeremonienmeister, baute sich vor der in Oranje gekleideten Masse auf, hob die Hände über den Kopf und klatschte im Rhythmus des Schlachtrufes, den die Anhänger anstimmten. Er lautete: „Tschechien, Tschechien!““

Vermischtes

Satiremagazin „Schwalbe“ und Weber, das Herz der Mannschaft

Eine EM-Schwalbe macht noch keinen WM-Sommer

Hans-Joachim Leyenberg (FAZ 26.6.) kann über das neue Fußball-Satire-Magazin nicht lachen: „Der Versuch von Herausgeber Oliver Kubanek, „das vermutlich weltweit erste Fußball-und-Sport-Satiremagazin“ hierzulande zu etablieren, ist ausgesprochen mutig. Verlogen soll es laut Eigenwerbung sein, heulerisch, unfair, nachtretend. Wie bemüht Satire – oder neudeutsch „Comedy“ – sein kann, führen derzeit Ingolf Lück, Hans Werner Olm, Django Asül und andere nach Fußball-Abenden im ZDF vor. Alle zwei Monate will „Schwalbe“ fortan die regelmäßige Auseinandersetzung mit dem Sport von der „satirisch-humoristischen Seite“ suchen. Der Stoff ist da, aber ob es langfristig zur angestrebten Auflage von 30 000 bis 40 000 Exemplaren reicht, darf bezweifelt werden. Dafür müßte sich die Redaktion von „Schwalbe“ inhaltlich noch steigern. (…) Darum die gar nicht so gewagte Prognose: Eine EM-Schwalbe macht noch keinen WM-Sommer.“

Weber galt nie als der Kopf, aber immer als das Herz der Mannschaft

Die FAZ (26.6.) gratuliert dem Kölner Weber zum 60. Geburtstag: „Von 1962 bis 1977 spielte Weber für den 1. FC Köln und galt als bester deutscher Vorstopper der sechziger Jahre. Wegen seiner Kraft, seines Kampfeswillens und seiner Ausdauer erhielt er den Spitznamen „Bulle“. Weber galt nie als der Kopf, aber immer als das Herz der Mannschaft. „Er war als Fußballer einmalig und ist es als Mensch“, sagt Wolfgang Overath über seinen ehemaligen Mannschaftskameraden. 1962 kamen sie gemeinsam zum FC und wurden 1964 mit dem Klub erster Bundesliga-Meister. Overath ist heute Präsident des 1. FC Köln, Weber unterstützt die Nachwuchsarbeit seines FC. Seit Jahren fördert er als Botschafter die „Special Olympics“ geistig behinderter Sportler. An einem Projekt allerdings scheiterte der ehemalige Nationalspieler. Mitte der neunziger Jahre war er an die Sporthochschule Köln zurückgekehrt, um sein rund 25 Jahre zuvor unterbrochenes Studium zu beenden. Doch seine Diplomarbeit zum Thema „Herberger und die deutsche Nationalmannschaft im Zweiten Weltkrieg“ hat er nie fertiggestellt.“

Allgemein

Der heimliche Star im Team der Namenlosen

„nur wenige in der Branche halten Jacques Santini für unentbehrlich“ (FAZ) – Georgios Seitaridis, „der heimliche Star im Team der namenlosen Griechen“ (Tsp) u.v.m. (mehr …)

Ball und Buchstabe

Hammerschläge am Tag der Sankt Joao

Matthias Koch (Neues Deutschland 25.6.) berichtet gute Stimmung in Porto: „Die Innenstadt von Porto war dicht, und die Uhr zeigte kurz nach Mitternacht. Nur mit viel Mühe und großer Überredungskunst bahnte sich unser Auto den Weg durch die vielen Polizeisperren. Bis in mein Hotel, das nur einen Steinwurf vom Zentrum entfernt liegt, waren laute Musik und Stimmengewirr zu hören. Ich ging noch einmal die wenigen Meter zum Praca da Liberdade herunter und traute meinen Augen nicht. Dort, wo sonst Fußballfans aus Schweden, Dänemark, Deutschland oder den Niederlanden laut umherziehen, waren nunmehr tausende Portugiesen fast unter sich. Wie jedes Jahr feierte Porto in der Nacht vom 23. zum 24. Juni den Tag der Sankt Joao. Bis zum frühen Morgen sangen und tanzten die Leute durch die Straßen. Am auffälligsten wirkten jedoch die vielen kleinen und quietschenden Spielzeughämmer, mit denen sich die Leute immer wieder auf die Köpfe schlugen. Die gab es an jeder Straßenecke für einen Euro zu kaufen. Sie sollen Glück bringen, meinte die Dame in der Rezeption meines Hotels. Der Schlag auf dem Kopf für mehr Glück des Geschlagenen? Wenn’s so leicht wäre. Als dann ein Feuerwerk die Stadt in glitzerndes Licht tauchte, wurde es in der alten Hafenstadt romantisch. Sogar McDonald’s zeigte Abstand, indem es entgegen sonstigen Gepflogenheiten nach der Geisterstunde nicht mehr geöffnet hatte. Für einen Moment vergaß ich den Fußball und die EM – bis die ersten überglücklichen niederländischen Fans wieder aus Braga vom siegreichen Spiel gegen Lettland zurückkehrten. Ihr Orange wirkte auf mich auch wie ein Hammerschlag, der schmerzhaft in Erinnerung rief, dass die deutsche Mannschaft aus dem Turnier ausgeschieden ist…“

Deutsche Elf

Biedere Reisegesellschaft

Deutschland scheidet aus, und Rudi Völler tritt zurück: „bieder, brav und durchschnittlich erschien diese deutsche Reisegesellschaft“ (FAZ) / „neuerdings mangelt es auch an den alten preußischen Sekundärtugenden: Robustheit, Zähigkeit und so fort“ (SZ) – „der Geist Völlers wird bleiben“ (FAZ) / „wir waren ein Volk der Rudisten“ (SZ) / „Völler konnte Prolet sein, dann wieder Gentleman, manchmal verletzend und auch verletzlich“ (FR) – wer bestimmt den Nachfolger? (NZZ)

Bieder, brav und durchschnittlich erschien diese deutsche Reisegesellschaft

Für Roland Zorn (FAZ/Seite 1, Leitartikel 25.6.) war das Vorrunden-Aus absehbar: „Ihre sportliche Schlußbilanz war ähnlich niederschmetternd wie im Jahr 2000, wo eine in sich zerstrittene deutsche Mannschaft zum Finale der Vorrunde an Portugals B-Elf scheiterte. Wer also A sagt im deutschen Fußball, muß B fürchten – und das zwei Jahre vor der Weltmeisterschaft im eigenen Land. Für die haben sich die Gastgeber immerhin schon von vornherein qualifiziert. In Europa sind die deutschen Fußballgrößen wieder einmal nicht angekommen, und so bleibt ihnen nur der billige Trost, sich immer noch Weltmeisterschaftszweiter nennen zu dürfen. Was der Mannschaft aber vor zwei Jahren in Korea und Japan glückte, war eher den günstigen Umständen geschuldet, als daß selbst verblendete Fans hätten jubeln können: „Wir sind die Zweitgrößten!“ Ein wirklichkeitsgetreues Spiegelbild dessen, wo der deutsche Fußball steht oder stehengeblieben ist, bot diese Europameisterschaft. Wo andere Mannschaften zügig, beherzt und einfallsreich ihre Möglichkeiten offensiv ausschöpften, verharrte Völlers Aufgebot langsam, freudlos und ideenarm im Reformstau. So wie in der deutschen Politik und Wirtschaft manches nur mühsam vorankommt, bewegt sich auch der Fußball in Deutschland kaum vom Fleck. Die Bundesliga, auch einmal ein internationales Aushängeschild, gehört schon längst nicht mehr zu den global gesuchten Adressen, die Nationalmannschaft deutet nur gelegentlich an, daß auch das Land der Renner und Kämpfer keine talentfreie Zone bleiben muß. In Portugal haben junge Spieler wie Lahm, Schweinsteiger und Podolski zumindest die Sehnsucht nach dem Aufschwung mit neuen Kräften beflügelt, doch ob die besten deutschen Nachwuchsprofis mit denen anderer, zur Zeit größerer Fußball-Nationen Schritt zu halten vermögen, ist längst nicht ausgemacht. Gerade das Turnier in Portugal mutet wie eine europäische Entdeckungsreise an, bei der Fußball-Liebhaber fündig wurden wie lange nicht mehr. Der Engländer Rooney, der Portugiese Ronaldo, der Schwede Ibrahimovic verquicken frühreife Klasse mit der unbeschwerten Lust und Neugier der Jugend, sich immer forscher in die große weite Welt des Fußballs voranzuwagen. Die Deutschen dagegen gebärdeten sich wie so oft auf ihren internationalen Dienstreisen: abgeschottet und isoliert. Bieder, brav und durchschnittlich erschien diese Reisegesellschaft, angeführt von einem redlichen Teamchef, der als Spieler ein Draufgänger war, als Trainer jedoch lediglich an einer Episode im deutschen Fußball mitschrieb. Völler hat nach dem untauglichen Versuch mit seinem Vorgänger Erich Ribbeck zumindest das Klima rund um die Nationalmannschaft wieder aufgehellt – abgesehen davon, daß ihm in Korea und Japan auch ein sportlicher Erfolg ohne Tiefenwirkung vergönnt war.“

Neuerdings mangelt es auch an den alten preußischen Sekundärtugenden: Robustheit, Zähigkeit und so fort

„Die Fußballnationalmannschaft sollte eigentlich Lokomotive des gesellschaftlichen Aufschwungs werden“, betont Thomas Kistner (SZ/Politik 25.6.): „Der deutsche Fußball ist nicht mehr geeignet, höheren Ansprüchen zu genügen. Gestaltungskraft und Inspiration besaß er nie, neuerdings mangelt es auch an den alten preußischen Sekundärtugenden: Robustheit, Zähigkeit und so fort, die jahrzehntelang als deutsch gerühmt und von den Fußballteams in aller Welt gefürchtet wurden. Fatal aber ist das Scheitern der Nationalelf auf der Grundstufe des europäischen Fußballs wie üblich für die Stimmung im Land. Schon vor vier Jahren hatte die Elf mit ihrem sieg- und ruhmlosen Abgang bei der EM in Holland/Belgien das ganze Land beleidigt. Düstere Gedanken geisterten durch die Medien, ob sich im Fußball nicht der Zustand der Gesellschaft spiegele: Bewegungsarmut, Denkfaulheit, Dumpfbackigkeit? Der Kanzler witterte die Gefahr, erhob die WM-Bewerbung für 2006 sogleich zur Chefsache. Und Schröder machte klar: So etwas dürfe sich nicht wiederholen. Nun ist der Spuk zurückgekehrt, der Fußball steht immer noch dort, wo ihn der damals ja ohne Überlegung akquirierte Nothelfer Rudi Völler (der kein ausgebildeter Trainer ist) übernommen hatte. Deshalb gilt der Rückschlag von Portugal besonders der riskanten Brot-und-Spiele-Politik, die Kanzler und Innenminister seit Beginn ihrer Regierungszeit gepflegt haben: Die Fußballnationalmannschaft sollte Lokomotive des gesellschaftlichen Aufschwungs werden, sportliche Erfolge sollten die rauen Realitäten der Agenda 2010 emotional begleiten. Das war der Plan – und kein so schlechter. (…) „Die Nationalmannschaft ist Deutschlands Stolz“, rief Schröder in Yokohama, und Deutschland feierte seine WM-Zweiten wie Weltmeister. Da war, dass der Kanzler dem Vorrunden-K.-o. der Nationalkicker am Donnerstag eine eigene Pressekonferenz widmete, wohl unausweichlich. Es weist den Fußball als Kernbestandteil der Regierungspolitik aus.“

Dieser Mannschaftsgeist, der Geist Völlers, wird bleiben

Michael Horeni (FAZ 25.6.) ist baff: „So überraschend, wie Rudi Völler kam, ist er auch wieder gegangen. (…) Völler vollzog seinen Rücktritt mit Stil und Souveränität. Er darf sich des Respekts im Fußball-Land sicher sein. Völler ging mit der menschlichen Größe und einer für das Fußballgeschäft unüblichen Bescheidenheit, die ihn seit Jahrzehnten zu einem Liebling der Deutschen macht. Er ging ein wenig traurig, und auch die Deutschen werden ihrer „Tante Käthe“ eine Träne nachweinen. Seine Abschiedsvorstellung in aller Öffentlichkeit und in aller Offenheit dürfte als der stärkste deutsche Auftritt bei dieser EM in den Erinnerungen haften bleiben. (…) Mit seinem Rücktritt, der selbst die engsten Mitarbeiter überraschte, stellte sich Völler auch ein letztes Mal vor eine Mannschaft, die sich auf die Loyalität eines Teamchefs in jeder schweren Stunden verlassen konnte – und deren gab es nach dem Finale der Weltmeisterschaft einige. Nachdem Völler bei seiner legendären Fernsehattacke voriges Jahr als wütender Schutzpatron seines Teams aufgetreten war, wäre es nun bei der Europameisterschaft an der Mannschaft gewesen, dem Teamchef das Vertrauen zurückzuzahlen. Sie war dazu nicht in der Lage. Nicht, weil sie nicht wollte, sondern weil sie nicht konnte. Das wird ihr der Teamchef verzeihen können. Geschmerzt hätte ihn, wenn sie sich nicht wenigstens als willige Einheit präsentiert hätte. Dieser Mannschaftsgeist, der Geist Völlers, wird bleiben – auch wenn der Bundestrainer Ottmar Hitzfeld heißt.“

Wir waren ein Volk der Rudisten

Ludger Schulze (SZ 25.6.) dankt Rudi Völler: „Es sind viele Sätze gefallen, die im Journalisten-Auditorium untypische Betretenheit auslösten, die Stecknadel-Stille, kein Gelächter, kein Gewispere, keine Zwischenrufe, waren deutliche Anzeichen, dass hier nicht nur der Rücktritt irgendeines Fußballtrainers Thema war. Es war der unheimlich starke Abgang eines Mannes, der Ressort-Verantwortung übernahm, auch für Unzulänglichkeiten, die keinesfalls ihm persönlich anzulasten sind. Rudi Völler hatte ein feines Gespür für die Situation entwickelt. Seine ungebrochene Popularität, die sympathisch-perfekte Außendarstellung hätten ihn – und somit seine Mannschaft – letztlich nicht davor bewahrt, am kläglichen Ausscheiden bei dieser EM gemessen zu werden. Es wäre eine Hypothek gewesen, die man ihm jedes Mal vorgerechnet hätte, wenn irgendein Problem im Hinblick auf 2006 aufgetaucht wäre. Völler hat deutlicher vor Augen gehabt als seine Vorgesetzten, dass seine Mittel zur Gegenwehr erschöpft waren. Ein frischer, unverbrauchter Mann aber ist zunächst einmal unangreifbar, vielleicht sogar lange genug, um die zwei Jahre bis zum Tag X, dem Auftaktspiel der WM in Deutschland, für einen Neuaufbau zu nutzen. Rudi Völler gebührt nicht nur Respekt, er verdient auch Dank. Als er die Nationalelf im Jahr 2000 übernommen hatte, lag vor ihm ein Trümmerfeld aus Unfähigkeit, Neid, Desinteresse, Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit. Binnen kürzestem hat er es dank seiner Integrationskraft fertig gebracht, aus der verprellten, misslaunigen Fußballnation ein Volk der „Rudisten“ zu machen, treue Gefolgsleute seiner selbst und der Spieler selbst in der Niederlage. Er hat einen Generationswechsel eingeleitet und bei der WM 2002 mit geringen Mitteln Optimales herausgeholt. Die Millionario-Debatten im Land sind weitgehend verstummt, die allgemeine Stimmung ist: pro Fußball. Mit Recht verweist Rudi Völler darauf: „Ich hinterlasse eine intakte Mannschaft, ein intaktes Umfeld.““

Zu innig hat Völler der alten Garde vertraut, zu zaghaft hat er bei der EM auf neue Kräfte gesetzt

Was hat Völler erreicht, Andreas Lesch (BLZ 25.6.)? „In gewisser Weise ist Völler ein Rätsel geblieben – auch wenn er stets so kumpelhaft zwinkerte. Als Völlers erstes Verdienst darf gelten, dass er den Ruf der deutschen Auswahl gerettet hat – allein durch seinen Amtsantritt im Jahr 2000. Die hoch bezahlten Kicker waren nicht mehr vermittelbar damals, der Boulevard druckte große Mannschaftsfotos mit einem eindeutigen Auftrag: „Rausreißen! Zerknüllen! Wegschmeißen!“ Völler, der Mann für die Massen, gab dem Team ein neues Gesicht: seines. Auch intern gelang es ihm, das Klima zu ändern. Unter Völler sind die Spieler wieder gern zum Nationalteam gekommen, sie haben sich wohlgefühlt. Völler hat niemanden fallen lassen, er hat ein ausgeprägtes Treuepunkte-System gepflegt. Doch da begannen auch seine Fehler. Zu innig hat Völler der alten Garde vertraut, zu zaghaft hat er bei der EM auf neue Kräfte gesetzt wie Ernst und Podolski. Man kann Völler nicht vorwerfen, dass er sich nicht gebessert hätte. Er hat sich immer als ein Lernender erwiesen, bis zum letzten Tag seiner Amtszeit. Herausgekommen ist in Portugal trotzdem nur Zeitlupensport, und diese Tatsache zeigt, wie schwer Völler zu schleppen hatte an den Altlasten des deutschen Fußballs. So lange hat der nationale Verband seine Sportart träge verwaltet, so konsequent hat er alle Neuerungen verschlafen, dass es nicht verwunderte, welche Parallele man zog: die zwischen dem Reformstau im Sport und dem in der Politik. Völler hat die Probleme gemildert, die sich daraus ergaben, er hat das Team verjüngt. Trotzdem wird auch sein Nachfolger mit den Spätfolgen der alten Fehler zu kämpfen haben.“

Nicht einmal dieses Vergnügen Ihrer Demontage haben Sie uns gegönnt

Andreas Platthaus (FAZ/Feuilleton 25.6.) wundert sich über Rudi Völlers Wendigkeit: „Respekt, Rudi! Oder sollten wir lieber sagen: Respekt, Herr Völler! – nachdem wir uns am Fernsehbildschirm über die letzten zwei Wochen doch arg auseinandergelebt haben? Ganz im Gegensatz übrigens zu jenen seltsam beduselt-feisten deutschen Fans, unter die sich der ZDF-Reporter Dieter Nuhr unmittelbar vor der entscheidenden Auseinandersetzung mit den Tschechen in Lissabon gemischt hatte. Denen fiel außer „Es gibt nur einen Rudi Völler!“ gar kein Schlachtgesang mehr ein, kein gutes Wort für Kahn und Konsorten, nur steter Jubel für den Teamchef. Jetzt haben sie keinen Rudi Völler mehr, und andere Leute müssen sich graue Locken über die Frage wachsen lassen, wie man aus der Misere des deutschen Fußballs wieder herauskommt. Mit Ihrer Resterampe ging es bei der Europameisterschaft konsequent nach unten, denn der Star war längst nicht mehr die Mannschaft, der Star waren einzig und allein Sie. (…) Es ist famos, wie nun die Niederlage in Ihren persönlichen Triumph umgedeutet werden wird, weil es Ihnen gelungen sei, sich dem Schlamassel rechtzeitig und mit Würde zu entziehen. Das paßt zur Stimmung im Lande: Alle jammern, aber jeder stiehlt sich aus der Verantwortung. Wo bleibt da die Katharsis? Hätten Sie nicht den Anstand besitzen können, noch zwei Wochen auszuharren, bis die Presse Sie sturmreif geschossen hätte, um dann zornbebend den Recaro-Sitz zu räumen? Nicht einmal dieses Vergnügen Ihrer Demontage haben Sie uns gegönnt.“

Er hat Schwächen mit Charakter wettgemacht

Michael Maier (Netzeitung) ergänzt: „Völler ist ein ehrlicher Kerl. Er hat versucht, das Heil der Deutschen in der Defensive zu suchen. Dies ist nicht nur ein deutsches Fußballproblem. Es ist vielleicht das Hauptproblem der deutschen Gesellschaft insgesamt. Da wird viel gemauert, aber Stürmer, die nach vorne gehen, sind eine Seltenheit. Völler hat erkannt, dass er das Problem nicht lösen kann. Er hat die Konsequenzen gezogen – schnell und kompromisslos, wie man es sich von manch gescheitertem Politiker oder abzockendem Manager wünschen würde. Rudi Völler hat auch in der Niederlage Größe gezeigt. Sein Abschied erfüllt mit Wehmut. Völler war gerade in seiner Unvollkommenheit ein Vorbild. Er hat Schwächen mit Charakter wettgemacht. So erwies sich Tante Käthe als Persönlichkeit mit Stil.“

Er konnte Prolet sein, dann wieder Gentleman, manchmal verletzend und auch verletzlich

Jan Christian Müller (FR 25.6.) hat Völler liebgewonnen: „Deutschland wurde unter seiner Führung versehentlich Vize-Weltmeister. Eine glückliche Fügung des Spielplans und Völlers Menschenführung vor allem. Denn diese Mannschaft besaß weniger Potenzial für die Zukunft als das aktuelle Team, in dem beim Schlusspfiff gegen Tschechien vier Männer auf dem Feld standen, die noch für die U 21 spielberechtigt waren. Völler ließ die Jungen weniger aus Überzeugung als aus purer Not und gar Verzweiflung heraus auf den Platz. Er ist beileibe kein Visionär. Aber jeder wusste bei seinem Amtsantritt ja auch, dass Völler sich noch nicht einmal die Mühe gemacht hatte, vor der eigenen Haustür den Kurzlehrgang zum Fußballlehrer für verdiente Nationalspieler zu absolvieren. Er war kein Meister der modernen Fußballtaktik, aber er war Innen- und Außenminister, er war Informations- und Familienminister. Er hat die Mannschaft gleichermaßen struktur-konservativ und sozialdemokratisch geführt. Er konnte Prolet sein, dann wieder Gentleman, war oft jähzornig, manchmal verletzend und war auch verletzlich. Er ist ein Fußballer. Und es ist schade, dass er nicht mehr da ist.“

Völler sind langsam die Argumente ausgegangen

Michael Horeni (FAZ 25.6.) überlegt: “Vor allem die nähere Zukunft glaubte Völler ohne den Rückhalt einer überzeugenden EM nicht durchstehen zu können, zumindest, nicht unbeschadet. „Es stehen schwierige zwei Jahren bevor, in denen es nur Freundschaftsspiele gibt“, sagte er. Und er meinte damit, daß ihm die Argumente auszugehen drohten, eine Mannschaft zu schützen, die sich in den vergangenen zwei Jahren zwar verjüngte, aber nicht verbesserte. Die öffentliche Unterstützung, gestand Völler, sei auch schon vor der EM gebröckelt, als Niederlagen wie das 1:5 in Rumänien und das 0:2 gegen die Ungarn nicht nur das Ansehen der Nationalelf schmälerten, sondern auch die Akzeptanz des Teamchefs. Ihm wurden immer häufiger taktische Versäumnisse vorgeworfen, denen er vor dem Turnier noch mit dem zweiten Platz bei der WM und den Aussichten bei der EM begegnen konnte. Diese Argumentationshilfe ging mit der Niederlage gegen die B-Auswahl der Tschechen verloren. „Es war nicht das Debakel wie vor vier Jahren. Aber was weh tut, da bin ich ganz ehrlich: Wir haben ja nicht gegen die erste Mannschaft von Tschechien gespielt. Das ist dann doch zu wenig“, sagte Völler – und sprach damit wohl den letzten und entscheidenden Punkt in seinen verschiedenen Vorab-Szenarien an. Der Teamchef war auch so ehrlich zu bekennen, daß er sich in den schwierigen Jahren nach der WM („die sind nicht spurlos an mir vorbeigegangen“) selbst eine wichtige Option in der öffentlichen Verteidigungsrede genommen hatte: mit seinem Ausbruch im Fernsehen im vergangenen Jahr auf Island. So etwas könne man nur einmal machen, sagte Völler. „Da hatte ich mein Pulver verschossen.“ Er sei noch ein paar Mal kurz davor gewesen, aus der Haut zu fahren, habe es sich aber nicht mehr leisten können.“

Hitzfeld wollte eigentlich ein Jahr pausieren

Für wen entscheidet sich der DFB, Philipp Selldorf (SZ 25.6.)? „Ottmar Hitzfeld weiß, worauf er sich einlässt. Er kennt die Auswahl der Spieler, die er als Nationaltrainer betreuen würde, mit einigen hat er lange gearbeitet. Und das Programm bis zur WM ist ihm auch bekannt, es ist problematisch genug: Abgesehen vom Konföderationen-Cup im Sommer 2005 in Deutschland gibt es keine Spiele mit Wettkampfcharakter mehr. Dafür zwei Länderspieltourneen, die erste in Asien ab Mitte Dezember 2004 – wenn eigentlich kein Bundesligaprofi mehr gegen den Ball treten will. Die zweite 2005 in Südamerika. Von der Illusion, vor der WM mehr Zeit für seine Nationalspieler zu bekommen, sie in tagelangen Trainingslagern einzustimmen, hatte sich Völler schnell verabschiedet. Zwar besteht an der WM ein nationales Interesse, aber die Klubinteressen sind noch wichtiger. „Gibt“s ja gar nicht, geht ja gar nicht. Ist ja Champions League und Bundesliga. Wie sollte das gehen?“, fügte in Lissabon Michael Ballack an. Aber was passiert, wenn Hitzfeld, doch nein sagen sollte? Nach der Trennung vom FC Bayern bekannte er seine Müdigkeit vom Traineralltag („Mein Körper ist wie ausgesaugt“) und wollte eigentlich ein Jahr pausieren. Mayer-Vorfelder versprach gestern morgen, er werde sich die Zeit und die Ruhe nehmen, die richtige Wahl zu treffen. Vielleicht ist ihm ja noch das Desaster in Erinnerung, das 1998 zur Bestellung von Erich Ribbeck (ebenfalls folgenschwer) führte. DFB-Chef Egidius Braun wollte damals im Laufe einer irrlichternden Trainersuche sogar Paul Breitner verpflichten. Die Zusage hatte er schon – bis er am nächsten Tag ein Interview Breitners empfing, in dem dieser die DFB-Crew für unfähig erklärte.“

Wer bestimmt den Nachfolger, Martin Hägele (NZZ 25.6.)? „Mit ziemlicher Sicherheit hat das Wort von Franz Beckenbauer den Rehabilitationsprozess von Daum genauso wie den Deutschland-Traum des Herrn Rehhagel beendet. „Es gibt nur einen, der es richten kann – Ottmar Hitzfeld“, so Beckenbauer, der in diesem Fall wirklich als Fussball-Kaiser von Deutschland spricht. Beckenbauer hat die WM nach Deutschland geholt, es ist also seine WM, demnach bestimmt auch der Captain der 74er Champions, wer für die sportliche Repräsentation der dreimaligen Welt- und Europameister zuständig ist. Dass bis dahin noch ganz viel passieren muss, der Neue nach Völler mehr Trainer als Motivator sein muss und ob man sich vielleicht nicht doch lieber auf ein System verlässt, statt die Mannschaft nach den Begabungen der elf Besten auszurichten, all das wird in den nächsten Wochen zu diskutieren sein. Oder ob es die Kicker aus der Bundesliga ganz einfach nicht besser können, als sie in Portugal gezeigt haben. Für ein paar Tage sind die dringendsten Probleme des deutschen Fussballs aufgeschoben, diese Diskussion, die vielen wehtun wird. So lange, wie Deutschland noch nach einem Bundestrainer sucht.“

Dass er mit sehr jungen Leuten den Erfolg sucht, lässt sich von Hitzfeld nicht wirklich behaupten

Ludger Schulze (SZ 25.6.) ergänzt: „Den unter einem schwindenden Stellenmarkt bitter leidenden Zeitungen wäre mit einer großformatigen Anzeige geholfen, die ungefähr folgenden Inhalt haben könnte: „Fußball-Fachverband von Weltformat sucht schnellstmöglich erfahrenen Trainer für seine Auswahlmannschaft. Das Aufgabengebiet umfasst im Hinblick auf die WM 2006 die Hinführung zur Weltklasse und den Titelgewinn im eigenen Land.“ Leider müssen die Verlage auf die Einnahme verzichten, Inserieren überflüssig, weil die Entscheidung schon so gut wie gefallen ist. Ottmar Hitzfeld wird, falls nicht unvermutete Differenzen bei den Gesprächen mit dem DFB auftauchen, Nachfolger von Rudi Völler werden. Das ist sein eigenes, häufig schon veröffentlichtes Berufsziel, das ist der Wunsch von Franz Beckenbauer, dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Fußball-AG Deutschland. Und dessen Wunsch ist hierzulande Befehl, zumal da es sich bei ihm um den Oberchef der gesamten WM handelt. (…) Dass er mit sehr jungen Leuten den Erfolg sucht, lässt sich von Hitzfeld nicht wirklich behaupten. In kritischen Situationen mit dem FC Bayern hat er stereotyp neue Stars gefordert. Da kann er bei der Nationalelf lange rufen, da wird gegessen, was auf den Tisch kommt – und mit denen gespielt, die gerade da sind. Demnächst hat Ottmar Hitzfeld eine weitere Stufe seiner beruflichen Karriereleiter erklommen, und es ist ihm zu wünschen, dass er in zwei Jahren am Gipfel angekommen sein wird.“

Matti Lieske (taz 25.6.) sagt leise Tschüss: „“Rudi hat die Nase völler“, würden englische Gazetten mit ihrem Hang zur Namensverballhornung wohl den leicht überraschenden Rücktritt des deutschen Teamchefs betiteln, den dieser gestern Morgen erklärte. Am Abend des Abschieds von dieser EM hatte Rudi Völler noch signalisiert, dass er gern bis zur WM 2006 weitermachen würde. Doch Völler ist ein Mann des Fußballs. Seit früher Jugend bewegt er sich in dieser seltsamen Welt, und er hat die Mechanismen der Branche komplett verinnerlicht. Zu diesen gehört, dass ein Scheitern in der Vorrunde eines großen Turniers quasi automatisch den Abschied des Verantwortlichen bedeutet. Das war bei Jupp Derwall 1984 so und bei Erich Ribbeck vor vier Jahren.“

Ich weiß noch nicht, wo ich hingehe, wann ich irgendwo hingehe und ob ich überhaupt irgendwo hingehe

Philipp Selldorf (SZ 25.6.) fragt sich, wer 2006 im deutschen Kader steht: „Schweinsteiger reiste auf Ticket Nr. 23 nach Faro, er verdankte seinen Platz der Verletzung Paul Freiers. Am Ende war er neben Michael Ballack die spielbestimmende Figur in der Partie gegen Tschechien. Er tauchte überall dort auf, wo die anderen sich versteckten. Die anderen: Torsten Frings, dessen Form im Laufe der drei Spiele ins Bodenlose, irgendwo in der Nähe des Erdmittelpunktes stürzte. Dietmar Hamann, dem der Nachrichtendienst sid bereits nach dem Lettland-Spiel „die Entdeckung der Langsamkeit“ bescheinigte – im Tschechien-Spiel sah es sogar aus wie die Entdeckung der Zeitlupe. Bernd Schneider, der sich mühte und rackerte, aber mit seinen Dribblings so oft am erstbesten Bein hängen blieb, dass man das Mitleid bekam. Jens Nowotny, der geradewegs aus der Senioren-B-Mannschaft hinzugekommen sein könnte. Von den Routiniers im Angriff nicht zu reden: Fredi Bobic, ein Fossil aus den Achtziger Jahren des Fußballs, der zappelige Thomas Brdaric, Miroslav Klose, der bei der WM 2002 entdeckt wurde und gleich danach wieder verloren ging bis zur Verschollenheit. Klose, ein Talent zweifellos, gab seine moralische Verfassung bei diesem Turnier exakt wieder, als er nach dem Tschechien-Match auf die Frage antwortete, ob er nun heimwärts fahren oder vielleicht in Portugal urlauben werde: „Ich weiß noch nicht, wo ich hingehe, wann ich irgendwo hingehe und ob ich überhaupt irgendwo hingehe.“ Weil Klose sich als verwirrt, Bobic als indiskutabel und Brdaric als untauglich erwiesen hatten, sollte Lukas Podolski die Fußballnation retten. Völler sagte ihm zur Pause: „Mach dein Spiel, das du immer spielst, geh vorne rein.“ Fast hätte es geklappt. (…) Der Kapitän will auch in zwei Jahren noch im Tor stehen. Dann ist er stattliche 37 Jahre alt, aber das ist nicht der Grund dafür, dass er ein Plädoyer für die alten Größen des deutschen Fußballs hielt, Spieler wie Nowotny, Wörns, Schneider und Hamann, die allesamt bis zur WM weiterspielen möchten. „Es wird jetzt sicherlich wieder Leute geben, die nach jungen Spielern schreien“, sagte Kahn, „aber wo kommen die denn eigentlich her? Die wachsen ja nicht auf Bäumen.“ Gefragt, ob nun „ein Schnitt“ gemacht werde, wurde gestern auch Rudi Völler energisch. „Warne ich vor! Ganz klar!“, rief er resolut in den Saal hinein, „ich kenn ja die Hysterie: Wer jung ist und nicht auf den Baum kommt, muss ganz schnell in die Nationalmannschaft.“ So weiß nun keiner so recht, wo die zwischen Hysterie und Minderwertigkeitsgefühlen schwankende Fußballnation im internationalen Wettbewerb einzuordnen ist. „Irgendwo zwischendrin“, lokalisierte sie Nowotny, vielleicht in der Nähe von Kroatien und Belgien. „Es ist eng, Kleinigkeiten entscheiden“, glaubt der Pragmatiker Ballack. Und Oliver Kahn ahnt, dass solche Fragen auch auf dem kollektiven Gemüt lasten: „Man sollte jetzt einen Fehler nicht machen – sich zu arg ins Jammertal begeben.““

Was passiert jetzt mit Rudi Völler, Axel Kintzinger (FTD 25.6.)? „Was soll Rudi Völler, er ist ja erst 44 Jahre jung, jetzt eigentlich mit seinem Leben anfangen? Der übliche Weg wäre, nach einer gewissen Schon- oder Schamfrist, Trainer eines Bundesliga-Vereins zu werden. Nur: Bei Werder Bremen, wo er große Erfolge feierte, erfreut man sich derzeit an Thomas Schaaf. Und in Leverkusen, wo er seine Karriere ausklingen ließ, Sportdirektor wurde und zum DFB wegbefördert wurde, reüssiert momentan Klaus Augenthaler. Der FC Bayern hat justament Felix Magath verpflichtet, der dort am Montag mit dem Training beginnt. Und überhaupt: Völler darf gar nicht nur für einen Verein arbeiten, denn er ist schließlich Ruuuuudi Nationale, deutsches Allgemeingut also, der für keinen Klub Partei ergreifen darf. (…) Bliebe die Politik. Da gibt es Bedarf! Ganz oben. Zwar ist dort keine Stelle vakant, aber das ist schnell zu ändern. Gerhard Schröder, Teamchef einer ähnlich desolaten Mannschaft namens Bundesregierung, ist ausgebrannt. Weiß nicht mehr weiter, hat keinen Rückhalt mehr nirgendwo und eine Perspektive sowieso nicht. Der Mann klebt nur noch am Amt, weil es niemanden gibt, der den Job machen könnte.“

Ausgerechnet der Rudi, dem ich viel zu verdanken habe, schmeißt die Brocken hin

Michael Ballack (Welt 24.6.) ist enttäuscht von Rudi Völlers Rücktritt: „Um bei einer Großveranstaltung wie einer EM zu bestehen, muss man eine gewisse Klasse haben. Von der Einstellung her kann man niemandem einen Vorwurf machen, vor allem in der zweiten Hälfte haben wir am Mittwoch alles versucht. Aber wir haben es verpasst, im entscheidenden Moment eiskalt zuzuschlagen. Wir hatten unsere Möglichkeiten, haben sie aber nicht genutzt. Das ist der Unterschied zu den großen Mannschaften in Europa. Der Knackpunkt des Turniers war unser Auftaktspiel gegen die Niederlande. Sicherlich hört sich ein 1:1 gut an, doch wir hätten die beiden Punkte niemals abgeben dürfen. Bei einem Sieg hätten wir eine glänzende Ausgangsposition gehabt, unser Selbstvertrauen wäre deutlich größer geworden. (…) Der absolute Tiefschlag sollte allerdings noch folgen. Als ich gestern Morgen vom Rücktritt Rudi Völlers hörte, war ich niedergeschlagen. Ausgerechnet der Rudi, dem ich viel zu verdanken habe, schmeißt die Brocken hin. Rudi, der für mich eine Art Vater-Kumpel-Trainer-Figur war. Immer hatte er mir den Rücken freigehalten, er stand immer hundertprozentig hinter mir. Unter ihm habe ich meine besten Spiele gemacht. Das war eine doppelte Enttäuschung. Ich verstand die Welt nicht mehr, als ich von der Nachricht erfuhr. Ich kenne den Rudi gut, aber es gab in der Nacht keine Anzeichen dafür, dass er die Brocken hinwirft. Nach unserer Rückreise vom Spielort Lissabon nach Almancil an die Algarve hatte er noch eine Rede an uns gehalten. Er bedankte sich bei jedem Spieler, bei den Ärzten, bei den Physiotherapeuten und dem Rest der Crew für die Zusammenarbeit hier bei der Europameisterschaft. Als ich nach dem Frühstück dann informiert wurde, war ich total baff und enttäuscht. Jetzt ist Ottmar Hitzfeld im Gespräch. Sicherlich wäre er eine sehr, sehr gute Lösung, er war ja mein Vereinstrainer beim FC Bayern München. Er ist ein absoluter Fachmann, aber er ist ein anderer Typ als Rudi.“

Fußangeln und Gefahren

Roland Zorn (FAZ 25.6.) beschreibt, was Ottmar Hitzfeld erwartet: „Nachdem es nur einen Rudi Völler gab, scheint nun auch nur ein einziger Nachfolger in Sicht: Ottmar Hitzfeld. (…) Als Bundestrainer anzuheuern wäre für den Lörracher zwar „eine logische Folge“ der eigenen Karriereplanung, doch sie hätte ihren Preis. Keine andere deutsche Mannschaft wird von derart vielen kleinen „Bundestrainern“ begleitet wie die erste DFB-Auswahl; nirgendwo sonst werden unbefriedigende Ergebnisse selbst der unbedeutendsten Testspiele derart übelgenommen wie nach einem verrutschten Auftritt der Nationalmannschaft. Der Weg, den ein Bundestrainer zwischen fachlicher Anerkennung und persönlicher Verunglimpfung einschlagen muß, ist voller Fußangeln und Gefahren. Hitzfeld wird sich am Ende vermutlich einen Ruck geben und tun, was ihn schon lange reizt. Sagte er wider Erwarten ab, hätte der DFB ein Problem. Ein anderer deutscher Trainer, der in Frage käme, ist weit und breit nicht in Sicht. Dann müßte Gerhard Mayer-Vorfelder vielleicht allen Mut zusammennehmen und an einen ausländischen Bundestrainer denken. Das englische Eriksson-Modell ist, wie jedermann in Portugal sieht, höchst erfolgreich. Für Deutschland wäre vielleicht sogar ein lebenskluger Holländer zu begeistern: Guus Hiddink. Der hat schon einmal ein Fußball-Entwicklungsland nach oben geführt: Südkorea, den WM-Vierten von 2002.“

Rudi Völler im Wortlaut FR

sid-Interview mit Völler FAZ

Christian Zaschke (SZ 25.6.) hat den Schuldigen gefunden. Es ist, wer anders könnte es sein?, Carsten Ramelow: „Gerade zwei Jahre ist es her, da war Deutschland gespalten in der großen Carsten-Ramelow-Debatte. Manche wünschten sich den Verteidiger so sehr aus der Nationalmannschaft wie sie auf den Aufschwung hofften, auf besseres Wetter und einen Lottogewinn. Andere sagten, ist doch gut, wenn er mitspielt, lasst ihn doch, außerdem ist er sonst traurig. Dieses letzte Argument hat sich durchgesetzt, niemand konnte wollen, dass Ramelow traurig ist, nur weil er nicht mehr bei der Nationalelf mitspielen darf. Dann aber wurde Ramelow traurig, weil er bei der Nationalmannschaft mitspielen musste. Er trat zurück, und im Grunde hätte da jedem klar sein müssen, dass es nichts mehr werden kann bei der EM. Ramelow, der so vielen Anfeindungen getrotzt hat, der es zwischenzeitlich zum Symbol für den Rumpelfuß gebracht hatte und trotzdem bei der Nationalelf blieb, Ramelow also, der es schließlich geschafft hatte nach so vielen mühsamen Jahren, dass man sich an ihn gewöhnt hatte im Team – dieser Ramelow trat freiwillig zurück. Das war ein Zeichen, jeder konnte es sehen, ein Zeichen wie die Schwalben, die tief über das Wasser fliegen.“

Allgemein

Als hätte der Beweis erbracht werden müssen, dass die Knock-out-Phase alles besser macht

Portugal-England 8:7 n.E.

Als hätte der Beweis erbracht werden müssen, dass die Knock-out-Phase alles besser macht

Peter B. Birrer (NZZ 25.6.) ist angetan: „Schon im Vorfeld in den Medien aufgeheizt, war die Stimmung auch während des Spiels fast dauerhaft dem Siedepunkt nahe. Dafür verantwortlich war zunächst einmal die ersten 45 Minuten und am Ende die Verlängerung, die punkto Spektakel keine Wünsche offen liessen. Als hätte der Beweis erbracht werden müssen, dass die Knock-out-Phase alles besser macht. Das Geschehen wogte hin und her, auf beiden Seiten gab es fast im Minutentakt Torchancen zu notieren – offener hätte dieser Viertelfinal zunächst nicht mehr geführt werden können. In der zweiten Halbzeit zollten beide Seiten dem hohen Anfangstempo Tribut, was zu einem harten Abnützungskampf führte. Die Lancierung des Abends war im Estádio da Luz jenem Spieler zu verdanken, der zuletzt in der Kritik gestanden war und an dem England-Coach Sven-Göran Eriksson trotzdem festgehalten hatte. „Wir brauchen Michael Owen“, hatte Eriksson vor der Euro gesagt, „denn er war schon immer ein Turnierspieler.“ (…) Der erste Viertelfinal wurde in hohem Tempo geführt, das beide zuweilen überforderte, was wiederum dem Publikum nur recht sein konnte. Scolari näherte sich an der Seitenlinie der puren Verzweiflung. Sein Team wurde im Verlauf der zweiten Halbzeit nicht besser, das Geschehen verflachte zunächst auch deshalb, weil die Engländer rustikaler zur Sache gingen und sich etwa Beckham nicht zu schade war, den Ball kerzengerade in die Luft zu schlagen. Weil Figo weiterhin gut, aber Deco keinen Deut besser spielte, blieb den Einheimischen der Weg zum Tor zunächst verschlossen. Das Anrennen der Portugiesen wurde doch noch belohnt.“

Felix Reidhaar (NZZ 25.6.) ergänzt: „Wayne Rooney vs. Cristiano Ronaldo hiess fast zwangsläufig die Affiche der Personality-Spezialisten. Der 18-jährige gegen den 19-jährigen Rookie, der Everton-Forward contra den Manchester-United-Stürmer, die beide – in unterschiedlich grossen Lettern freilich – an diesem Turnier Schlagzeilen machten. Das erste Fernduell gewann der Brite: Nach 38 Sekunden provozierte er mit der ersten Ballberührung im Spiel einen Aufschrei im Publikum; sein Gegenüber brauchte dazu doppelt so lang. Doch wie so oft, wenn sich zwei vermeintliche Protagonisten „duellieren“ bzw. die Blicke bündeln, zog ein Dritter die Bewunderung auf sich. Michael Owen, in der Gruppenphase nie in Erscheinung getreten, war plötzlich in aller Munde: mit dem gefühlvoll und artistisch im Rückwärtslaufen erzielten Führungstor und kurze Zeit später mit einer ähnlich spektakulären Einlage, für die Keeper Ricardo wachen Reflex und explosive Sprungkraft aufzubieten hatte. Der Fokus sollte sich nicht mehr verschieben.“

Internationaler Fußball

Hohn und Verachtung statt Sympathie

George Caulkin (Times 24.6.) über das Ausscheiden der deutschen Elf: „Eine fade deutsche Mannschaft, die verzweifelten Fußball bot, musste sich nun erneut frühzeitig von einem großen Turnier verabschieden – und das, ohne England geschlagen zu haben (…) Der Fakt, dass sie nicht in der Lage waren, auch nur ein einziges Spiel zu gewinnen und dann auch noch gegen eine tschechische Mannschaft verloren, die es sich leisten konnte, fast alle gesetzten Spieler draußen zu lassen, erzeugte Hohn und Verachtung statt Sympathie. (…) „Zurzeit sind wir einfach nicht in der Lage, um eines der großen Teams schlagen zu können“, sagt Völler. Stimmt, die B-Teams der Großen auch nicht!“

Logische Konsequenz eines ärmlichen Fussballs

„Deutschland am Boden “, stellt Le Figaro (24.6.) fest: „Deutschland wurde von den tschechischen Reservisten aus der Vorrunde geschmissen. Überwiegend einfallslos konnten sie nur phasenweise in der zweiten Halbzeit überzeugen, doch ein Tor von Baros hat ihre Hoffnungen auf das Weiterkommen vernichtet. (…) Die Spieler von Karel Brückner erreichten somit die volle Punktzahl aus drei Spielen. Deutschland hingegen schied schon in der Vorrunde aus. Logische Konsequenz des ärmlichen Fussballs, den sie bei der Euro 2004 präsentierten. Zwei Jahre vor der WM im eigenen Land wird Rudi Völlers Nachfolger noch viel zu tun haben.“

Auf Wiedersehen (auf Deutsch)

„Ein Michael Ballack war zu wenig“, schreibt Le Soir, Belgien, (24.6.): „Deutschland wurde von der tschechischen B-Mannschaft eliminiert und musste somit, genau wie Spanien, die Unfähigkeiten Tore zu erzielen, teuer bezahlen. In drei Spielen konnten die Deutschen nur 2 Tore erzielen. (…) Nationaltrainer Rudi Völler probierte mehrere Systeme aus: einen einzigen Angreifer gegen Tschechien und Holland, zwei gegen Lettland. Das Resultat war jedoch das gleiche. (…) Einziger Lichtblick war Ballack, bester deutscher Spieler im Turnier.“

Zitate über das Ausscheiden Deutschlands FR Neues Deutschland

Die holländische Zeitung Volkskrant (21.6.) beschreibt anschaulich: „Sehr langweilig waren die meisten Aufführungen von Oranje in den letzten Jahren. Es war eindeutig explosiver Angriffsfußball, mit guten Kombinationen, gegen einen Gegner von Kaliber. Was sich hier vollzogen hat war pure Poesie, eine Symbiose von Nooteboom und Kundera. Holland-Tschechien ist nun ein Klassiker, das Spiel der Euro 2004. Es war ein Wettstreit mit Emotionen, Streit und Klasse, und wechselnden Angriffswellen. Deutsche Berichterstatter sind verwundert. Ist das dieselbe holländische Elf? Soviel Chancen wie Oranje hatte, bekommt Deutschland nicht im ganzen Turnier.“

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