Donnerstag, 17. Juni 2004
Allgemein
Medusa Deutschland
„ein international sehenswerter und für deutsche Verhältnisse staunenswerter Auftritt“ (FAZ) beim 1:1 gegen Holland / „das Herz des deutschen Fußballs schlägt wieder“ (FAZ) / Medusa Deutschland, „je mehr Köpfe man dem Untier abschlägt, desto mehr wachsen nach“ (SZ) / „Deutschland ist eine Mannschaft, die den Wettkampf liebt, und die das seltene Talent hat, sich zwischen zwei Turnieren vergessen zu machen“ (Le Monde) / „Was für eine Überlegenheit im Mittelfeld! Was für eine sichere Ballführung im Spiel nach vorne! Rudi Völler hat alles richtig gemacht!“ (zeit.de) – „die alten Zeiten des Hochmuts scheinen vorbei zu sein“ (SZ): die Holländer lernen Selbstkritik; manche müssen aber noch üben – „es bleibt eine Qual, gegen die Letten zu spielen“ (SZ) / „die Letten-Abwehr bietet gute Qualität zum relativen Schnäppchenpreis“ (FAZ) u.v.m. (mehr …)
Vermischtes
Lallende Folterknechte
Francesco Totti gibt eine Speichelprobe seines Könnens ab (FAZ) – Die tägliche Fanberichterstattung ist der absolute Tiefpunkt der Fußballberichterstattung (SZ) u. v. m. (mehr …)
Allgemein
Warten auf den Ausbruch der Konflikte
„die Medien wissen, dass in Hollands Mannschaft Konflikte drohen – und sie versuchen, sie zum Ausbruch zu bringen“ (Tsp) – „tief stehen, clever verteidigen und beim Gegenangriff kalt zuschlagen“ (FAZ), so versucht es Sven-Göran Eriksson mit England / wie verkraften die Engländer das 1:2 gegen Frankreich? „es gibt kein Patent, um sich der Dynamik einer Niederlage zu entziehen“ (SZ) – Fabien Barthez hat Demut gelernt und weiß nun Erfolg un Anerkennung zu schätzen (FAZ) u.v.m. (mehr …)
Ball und Buchstabe, Deutsche Elf
Sinnbild für Perfektion im öffentlichen Raum
Oliver Kahn, „meistens mit, selten gegen seinen Willen ist er zu einer Parabel auf die sportliche Verfassung der gesamten Mannschaft gemacht worden“ (Zeit)
Eine Faustabwehr ist nicht mehr nur eine Faustabwehr, sondern Sinnbild für Perfektion im öffentlichen Raum
Sehr lesenswert! Ist Oliver Kahn ein Emporkömmling, Stefan Willeke (Zeit 17.6.)? „Neulich hat Oliver Kahn ein Buch veröffentlicht, sein erstes Buch. Es trägt den Titel Nummer eins und handelt fast ausnahmslos von Oliver Kahn. Streng genommen ist es gar kein Buch, sondern eine Formelsammlung. Formeln vom Erfolg. Floskeln. Leere Sätze. Gedrucktes Nichts. Das Nichts hat es in die Bestsellerlisten geschafft. Wahrscheinlich hängt es mit dem Image zusammen, dem Kahn-Effekt. Mit Kahn, Titan, King Kahn, Kahnsinn, mit all diesen Schüttelreimen auf stumpfsinnige Supermann-Utopien. „Bereits als Junge“, schreibt Kahn, „fand ich Machtspiele interessant.“ Wer hat angst vor oliver kahn? Hatten die Holländer Angst? „Nein, ach, Kahn war für unsere Mannschaft nie ein Thema“, sagt Youri Mulder. „Uns ist es egal“, sagt Mulder, „ob da Kahn oder Lehmann oder Hildebrand steht. Wir haben immer nur Deutschland gesehen.“ Kein holländischer Spieler habe sich Gedanken über Kahn gemacht, der sei „ein Torhüter, mehr nicht, wirklich nicht.“ Glaubt man Youri Mulder, dann handelt es sich bei Kahn um eine sehr deutsche Angelegenheit, für Ausländer kaum nachvollziehbar, deutsches Glück, deutsches Unglück, je nach Lage, schwerwiegend, in jedem Fall. Die typisch deutsche Sehnsucht nach einem „Führungsspieler“, für Teamchef Völler ein reichlich unnützes Gefühl, richtet sich im Zweifelsfall, wenn sich kein Besserer anbietet, auf Oliver Kahn. Seine Stimmung, seine Selbsteinschätzung, seine Selbstüberschätzung gehen am Ende auch die anderen etwas an. Meistens mit, selten gegen seinen Willen ist er zu einer Parabel auf die sportliche Verfassung der gesamten Mannschaft gemacht worden. Oliver Kahn hat diesen medialen Spielzug als Aufforderung missverstanden, sich selbst zu überhöhen. Eine Faustabwehr ist nicht mehr nur eine Faustabwehr, sondern Sinnbild für Perfektion im öffentlichen Raum. So schwach das deutsche Team inzwischen oft spielt, so stark hat es vorher Oliver Kahn werden lassen. Seit Monaten jedoch patzt auch Kahn in wichtigen Spielen, robbt vergeblich einem kullernden Ball hinterher. Manchmal lachen die Fans. Kahn macht, was er früher nie machte, er macht Fehler, er ist seit kurzem der eingeklemmte Nerv einer leidgeprüften Truppe. Besonders die jungen Spieler halten Ausschau nach Erfahrenen, die Halt geben können. Wenn einer wie Kahn Fehler macht, kann schnell viel durcheinander geraten. Wehrt er die Bälle brillant ab, gibt das den Abwehrspielern Sicherheit. Solange sich ein Star auch auf dem Platz behauptet, hört man auf ihn. Nach dem Holland-Spiel wird man wieder mehr auf Kahn hören. In letzter Zeit nörgelte man gerne an Kahn herum, die Medien tun das, lauthals, auch einige Mitspieler, im Flüsterton. Das war über Jahre undenkbar. Einsam sei der Leitwolf geworden, isoliert, überfordert, nicht mehr ganz ernst zu nehmen, schreiben die Zeitungen. Der einzige Star in der Nationalelf, meinte ein deutsches Blatt zwei Tage vor dem Spiel gegen Holland, heiße Michael Ballack. Schnell wird vergessen, dass vor allem Kahn vor zwei Jahren die Nationalelf ins Finale der Fußballweltmeisterschaft führte. Man müsse, hat Kahns Mannschaftskollege Dietmar Hamann gespottet, zu Beginn des gemeinsamen Essens nicht darauf warten, dass der Kapitän sich setze und das Kommando gebe. Kahn und die Mannschaft – eine Beziehung, in der Schmerzen inzwischen unterdrückt werden, eine schwierige, labile Beziehung. Sie sagt mehr über die Zerbrechlichkeit deutscher Fußballerfolge als über Kahns schwankende Qualität auf dem Platz. Im Stadion von Loulé, bei einem öffentlichen Training vor dem Spiel gegen Holland, drosch der deutsche Torwarttrainer Sepp Maier serienweise Bälle in die Torwinkel. Es war wieder sehr heiß, auf dem Rasen über 30 Grad, im Publikum saßen fast nur deutsche Fans, und Timo Hildebrand musste sich ordentlich anstrengen, um Maiers Bälle abzufangen. Als Oliver Kahn sich warm gemacht und seine Schuhe noch ein wenig strammer geschnürt hatte, ging Hildebrand aus dem Tor und überließ es Kahn. Linke obere Ecke. Rechte obere Ecke. Zehnmal, zwanzigmal, links, rechts, links, rechts. Jeden Ball wehrte Kahn ab, bis auf einen. Zum Schluss legte sich Kahn flach auf den Rasen, hob einen Arm und ein Bein an, und sobald Maier Anlauf nahm, rollte sich Kahn zusammen, stieß sich ab und stieg scheinbar mühelos empor, flog ausgestreckt in die richtige Ecke, lenkte den Ball übers Tor, und die Zuschauer klatschten und johlten. In Strömen rann der Schweiß vom Gesicht, aber Kahn zog seinen eng geschnittenen Trainingsanzug nicht aus. Rechte Ecke, linke Ecke, Kahn sprang wie eine große, gierige Raubkatze. Es war mehr als bloß eine Übung. Es war eine Kundgebung. „Mich inspiriert der schwarze Panther sehr stark“, schreibt Kahn an einer Stelle in seinem Buch. An einer anderen erinnert er sich an eine Episode, die sich ereignete, als er 15 Jahre alt war. Damals steckte er noch all seine Kraft in ein Mofa. Damit es schneller fuhr, frisierte Kahn den Motor, wurde aber eines Tages von der Polizei erwischt. Auf der Wache entfernten Polizisten alle unerlaubten Motorteile, und Kahn musste sein Mofa durch die Karlsruher Fußgängerzone nach Hause schieben, die abgeschraubten Teile trug er auf dem Arm. Viel mehr erfährt man nicht über die Schlüsselerlebnisse seiner Jugend, und dass Kahn diese eine Szene noch heute hervorhebt, sagt sehr viel über die pubertäre Erlebniswelt der pubertierenden Nummer eins. In seinem Leben war scheinbar nichts Spektakuläres außerhalb des Kastens. Ein Mofa und natürlich ein Ball. Das alles erinnert ein wenig an den CDU-Politiker Friedrich Merz, auch ein Spielführer, damals, der als Jugendlicher in seinem sauerländischen Heimatort mit einem Mofa durch die Gegend gerast sein will und angeblich als Rocker gefürchtet war. Oliver Kahn und Friedrich Merz. Sie machen es ihren Beobachtern sehr einfach. Es gehört nicht viel dazu, den Hunger nach gesellschaftlicher Bedeutsamkeit zu erkennen. (…) Wer sich dazu aufrafft, Kahns Memoiren zu Ende zu lesen, wird zwar nie wieder eine Sportlerbiografie in die Hand nehmen wollen, begreift aber schneller als in einem portugiesischen Stadion, dass ein erwachsen gewordener Mofafahrer nach Hauptverkehrsadern sucht, wo sich Passanten staunend umdrehen, wenn ein aufgebohrter Auspuff zu knattern beginnt. Es genügt Oliver Kahn längst nicht mehr, nur ein berühmter Torhüter zu sein. Sein persönliches Dilemma ist das nicht allein, auch eines der deutschen Nationalelf, denn Kahn steht im Tor, dem verwundbarsten Punkt. Kahn ist der Kapitän, der Erfahrenste auf dem Platz. In Porto ist er 35 Jahre alt geworden. Dreimal ist er zum besten Torhüter gewählt worden, dem besten der Welt. Er hätte keinen Grund, mit sich, seinem Ruf und der Welt zu hadern, wenn er einfach zwischen den Pfosten stehen geblieben wäre. Zu einer „Marke“ aber versuchte er sich zu stilisieren, dem globalisierten Maskottchen David Beckham nachempfunden, einer aus Spielermaterial generierten Marketinghülle. Die Medien haben Kahn zunächst liebedienerisch begleitet, als er seine Verwandlung zu inszenieren begann. Aufgeblasen hat sich Kahn schon immer, erst nur im Strafraum, noch hoch konzentriert, später jedoch als Werbefigur, als King Kahn, der in Fernsehspots faucht wie eine angriffsstarre Raubkatze vor dem Sprung.“
Internationaler Fußball
Niemand mag sie, aber sie stört es nicht
Christopher Davies (Telegraph 16.6.) erklärt Deutschlands Erfolgsrezept: „Es war ein denkwürdiges Spiel und Deutschland kann mit Recht behaupten, den ersten EM-Sieg seit dem Finalerfolg gegen Tschechien 1996, verdient zu haben. Für Deutschland sind sogar die schlechten Seiten gut, und auch wenn sie einen Hauch vom FC Millwall haben – niemand mag sie, aber sie stört es nicht – die erfolgreichste europäische Nation aller Zeiten nutzt diese Feindseligkeit zu ihrem Vorteil. Deutschland, das Spiel über weite Strecken kontrollierend, hatte gute Aussichten die drei Punkte mitzunehmen bis der Jäger van Nistelrooy in den Schlussminuten zuschlug. Die Holländer mögen nicht den totalen Fußball, der ihnen den Gewinn der EM 1988 einbrachte, gespielt haben, sondern machten Behauptungen lächerlich, dass dies das schlechteste deutsche Team seit Generationen ist. Deutschlands Trainer Rudi Völler benannte eine defensive Startelf mit den zwei ballgewinnenden Spielern Frank Baumann und Didi Hamann im Mittelfeld und Kevin Kuranyi als einzigem Stürmer. Im Tor feierte Kapitän Kahn seinen 35. Geburtstag. Dick Advocaat, Hollands Trainer, entschied sich den erfahrenen Mittelfeldspieler Boudeweijn Zenden dem viel versprechenden Wesley Sneijder vorzuziehen. Ein gutes Omen für beide Seiten ist, dass jedes Mal wenn Deutschland und Holland in einem großen Turnier aufeinander trafen, einer von beiden das Finale erreichte, während bei vier dieser Ereignisse einer die Veranstaltung gewann. (…) Die Partie brauchte eine Weile, bis sie entflammte, und Kuranyi wurde für den Versuch, den Ball ins höllandische Tor zu schlagen verwarnt, was die offensichtliche Anti-Deutschland-Stimmung nicht minderte. Die Anfangsminuten waren Fußball-Schattenboxen, beide Seiten probten und testeten sich gegenseitig (…) Die beste Gelegenheit, einen Treffer zu erzielen hatte Wörns nach einer Ecke von Bernd Schneider – der Abwehrspieler hätte mehr aus dem Kopfball machen müssen und seine Körpersprache nach dem Fehlversuch unterstrich seine Frustration. Deutschland begann die Kontrolle in der ersten Halbzeit zu gewinnen, und es war nicht überraschend, als sie in Führung gingen, obwohl das Tor einen Hauch von Glück und schlechter Abwehrleistung hatte. (…) Advocaat entschied Hollands Angriffe für die zweite Hälfte mit der Einwechslung von Sneijder und Marc Overmars zu erfrischen, aber mit Michael Ballack, der mehr und mehr Einfluss ausübte, war Deutschland solide, wenn auch unspektakulär. Ein 20m-Schuss von Sneijder wurde fast arrogant von Kahn gehalten.“
Deutschland findet sein Spiel und sein Selbstvertrauen
Patrick Vignal (Libération 16.6.) reibt sich die Augen: „Bei ihrem Eintritt in die Euro 2004 hat die deutsche Mannschaft ihren Ruf als Spezialist für wichtige finale Phasen gestärkt, indem sie ihr bestechendes und verlockendes Gesicht gezeigt hat – weit entfernt von ihren armseligen Darbietungen in den Freundschaftsspielen. Der Ärger über den späten Ausgleich der Holländer konnte die Zufriedenheit ein gutes Spiel gezeigt zu haben nicht auslöschen.“
Solide Innenverteidigung, eroberungslustiges Mittelfeld und ein junger, sehr lebhafter Angreifer
Weiter heißt es in Libération: „Holland hat Deutschland ein mühevolles 1:1 abgerungen, das keine Mannschaft weiterbringt. (…). Mit einer soliden Innenverteidigung, einem eroberungslustigen Mittelfeld und einem jungen, sehr lebhaften Angreifer, haben sich die Deutschen ihren Gegnern, und auch ihren zahlreichen Kritikern, insbesondere im eigenen Land, wieder in gute Erinnerung gebracht. Sie haben in der zweiten Halbzeit nicht die hochverdiente Führung durch Frings zu halten gewusst. Lange Zeit enttäuschend, hat Holland im zweiten Abschnitt Druck erzeugt, dabei aber ohnmächtig und einfallslos gewirkt, bis van Nistelrooy sie zehn Minuten vor Spielende rettete.“
Ohne Hoffnung mitzuhalten und völlig ohne Aussicht zu gewinnen
Michael Walker (The Guardian 16.6.) umarmt die Deutschen: „Traditionell empfinden Engländer gegenüber Deutschland keine Sympathie, aber sogar der größte Euro-Skeptiker müsste gestern ein wenig Mitleid für sie gefühlt haben. Achtundvierzig Stunden, nachdem Zinedine Zidane England mit zwei späten Toren zerstörte, tat Ruud van Nistelrooy, nur ein kleines Stück weiter entlang der Küste, Deutschland etwas sehr ähnliches an. Deutschland hat nicht, wie England verloren, aber sie werden sich sicher heute Morgen so fühlen, als hätten sie es. Es war zu erwarten, dass das Team eigentlich grässlich zu beobachten sei, ohne Hoffnung überhaupt in dem Spiel mitzuhalten zu können – und völlig ohne Aussicht es zu gewinnen. Holland sollte eigentlich vor Fähigkeiten tropfen und Ideen sprudeln. Aber Rudi Völlers Jungs stellten alle Annahmen auf den Kopf. Sie waren nicht nur respektabel, Deutschland dominierte Holland und verteidigten ihre Führung bis zur 82. Minute. (…) Trotzdem, wenn sie den Moment nüchterner Reflektion erreichen, werden Rudi Völler und seine Mannschaft dies als gute Leistung bewerten. Thorsten Frings’ Freistoß hätte ihnen drei Punkte einbringen sollen, aber er wird ihnen wenigstens die bis dahin nicht vorauszusehenden Hoffnung geben, sich aus der Todesgruppe zu qualifizieren.“
Das Elend fast perfekt gemacht
Oliver Kay (Times 16.6.) sah eine eindrucksvolle Leistung der Deutschen: „Er hatte vor der Begegnung unglücklicherweise einen Vergleich mit dem Zweiten Weltkrieg angebracht, aber für Ruud van Nistelrooy war es nicht mehr als ein persönlicher Kreuzzug. Lange musste er auf seinen ersten Auftritt bei einem großen internationalen Turnier warten, bevor es nun im Alter von 27 Jahren endlich klappte. Im Spiel war er 81 Minuten nicht wirklich in Erscheinung getreten, Frust und Isolation bestimmten sein Spiel, aber 9 Minuten vor Schluss erzielte er einen spektakulären Treffer und bewahrte sein Team somit vor einer zerstörenden Niederlage. Bis zum Ausgleichstreffer deutete alles darauf hin, dass die Deutschen, die ihre beste Vorstellung seit der WM 2002 ablieferten, das Elend ihrer Nachbarn, die wie immer in ihrer Turniervorbereitung durch interne Zankereien gestört wurden, perfekt machen würden. Ein zufälliges Tor von Torsten Frings in der 30. Minute brachte die deutsche Mannschaft vorerst auf den Pfad zu einem wichtigen Sieg, aber van Nistelrooy sicherte seinem Team und Coach Advocaat ein Unentschieden. Eine Niederlage hätte sicherlich dafür gesorgt, dass im holländischen Lager bereits von einer Krise gesprochen worden wäre. (…) Deutschlands Form in den Vorbereitungsspielen, die unter anderem peinliche Niederlagen gegen Rumänien und Ungarn zur Folge hatten, war eigentlich noch schlechter als die der Holländer, aber von Beginn an zeigten sie eine eindruckvolle Leistung und verstanden es gut, sich auf dem Spielfeld zu behaupten. (…) Rudi Völler zeigte sich nach dem Match zufrieden und sagte, dass man nun mit frischem Selbstvertrauen in die Partie gegen Lettland gehen könne, nachdem man mit so niedrigen Erwartungen in dieses Turnier gegangen sei. Das größte Lächeln gehörte an diesem Abend aber van Nistelrooy: Krieg mag zwar übertrieben sein, aber es war für ihn sicherlich eine persönliche Schlacht, die er gewonnen hatte.“
Deutschland, ein Favorit – dies behauptet der frühere kroatische Spielerstar Robert Prosinecki. Seine Meinung steht dabei repräsentativ für die Einschätzungen der kroatischen Presse, die das Spiel der deutschen Elf gegen Holland durchweg positiv beurteilt. In seiner Kolumne für die Zagreber Tageszeitung Vecernji List (16.6.) schreibt Prosinecki: „Vor diesem Spiel waren für mich Frankreich und Holland die klaren Favoriten. Nach diesen 90 Minuten sind die Holländer für mich eine große Enttäuschung. Sie leisteten rein gar nichts, ihr – so bekanntes – Kurzpass-Spiel ist ganz und gar unterblieben. Deutschland hingegen glänzte mit viel Laufarbeit, Kampfgeist und ausgezeichneter Ballkontrolle. Im Mittelfeld bremsten sie die Oranjes vollständig aus: Außer Cocu hatte niemand eine Chance. Ich hätte nicht gedacht, dass ich die deutsche Mannschaft so loben würde. Die deutsche Fußballnation hatte ihr Team bereits seit langem abgeschrieben, auch die größten Optimisten unter ihnen hätten nicht gedacht, dass sich die deutsche Elf so glanzvoll präsentieren würde. Es ist schwierig, Deutschland mit England und Frankreich zu vergleichen. Trotz deren unterschiedlichen Fußball-Stile sind die drei Teams etwa gleich stark. Deutschland zeigte in diesem Spiel, dass es keineswegs zu den Outsidern gehört – vielmehr zu einem der Favoriten.“
Es ist eine Mannschaft, die den Wettkampf liebt, und die, zwischen zwei internationalen Turnieren, das seltene Talent hat, sich selbst vergessen zu machen
Eric Collier (Le Monde 15.6) anerkennt die Leistung der Deutschen: „Etwas verwirrt nach dem seltsamen Tor von Frings, glichen die Holländer dank einer Glanzleistung von Ruud van Nistelrooy noch aus. Die sechzehn Mannschaften der Euro 2004 haben alle ihr erstes Spiel bestritten und, wenn die Stunde schlägt, ist Deutschland zur Stelle – ist dies wirklich eine Überraschung? Die Spieler von Rudi Völler haben ihr erstes Spiel nicht verpatzt, da sie ein Unentschieden gegen die Holländer erreicht haben. Wie schon so oft in der Vergangenheit nach dem letzten Titel im Jahre 1996, kam Deutschland, die einzige Nation, die drei Mal den Europameistertitel gewann, mit mehr Fragen als Antworten nach Portugal, begleitet von einer desaströsen Vorbereitung: Niederlagen gegen Frankreich, und, noch schwerwiegender, gegen Rumänien und Ungarn. Weswegen sollten seine leidenschaftlichsten Fans zweifeln, die sich auf eine Statistik stützten: Vor der ersten Runde der Euro 2004, verlor Deutschland nur 2 der letzten 25 Pflichtspiele. Es ist eine Mannschaft, die den Wettkampf liebt, und die, zwischen zwei internationalen Turnieren, das seltene Talent hat, sich selbst vergessen zu machen. Vizeweltmeister von 2002 entgegen allen Erwartungen, fanden die Deutschen nun unter allen sechzehn Teilnehmern einen Weg, einen “Outsider”-Status zu erlangen, der wiederum ideal war, um die holländische Auswahl zu irritieren: “Deutschland begibt sich immer wieder in diese Position, die ich nicht verstehen kann“, seufzte Dick Advocaat. „Eine Mannschaft wie Deutschland sollte schon ein wenig mehr Selbstvertrauen besitzen.“ Dieses Vertrauen kommt stets im richtigen Moment zur Mannschaft zurück, und lässt Oliver Kahn und seine Mannschaftskollegen weit weniger Fehler machen, wenn der Gegner Holland heißt. Die Rivalität zwischen den beiden Ländern ist historisch. (…) Seit der WM 1990 haben sich die Spannungen weitgehend beruhigt, doch auch der holländische Verteidiger Giovanni van Bronckhorst sagt: “es ist wie mit Frankreich und England“: eine unlöschbare Rivalität.“
Italien enttäuschend – die Formel so falsch wie Tottis Schuhe
Corriere della Sera (15.6.) gibt die Hoffnung fast auf: „Angesichts von Frankreich und England braucht man schon eine Überdosis Optimismus, um Italien unter den Siegern der EM zu sehen. Es reicht ein guter dänischer Stratege an der Spitze von guten (aber nicht mehr) und gut vorbereiteten Fußballspielern, um ihnen ein Unentschieden aufzuzwingen, das sogar von Trapattoni – noch zitternd vor den Gefahren, denen er gerade entronnen – als gerecht anerkannt wird. Denn die Torchancen waren wohl gleich verteilt. Die Dänen spielen nach einem logischen Muster, die unseren nicht. Sie beherrschten die erste Halbzeit und beschlossen auch die zweite im Angriff, während unser Fußball völlig improvisiert war – abgesehen von nur zwanzig anständigen Minuten der zweiten Halbzeit.“
Trapattoni scheint bereits alle Karten ausgespielt zu haben, und keine hat gestochen
La Repubblica aus Rom (15.6.) ergänzt: „Es fängt schlecht an. Aber nicht das Ergebnis ist das eigentliche Problem: Trapattoni scheint bereits alle verfügbaren Karten ausgespielt zu haben, und keine hat gestochen. Die erste Halbzeit so gespielt, die zweite anders. Zuerst Del Piero, dann Cassano. Totti weiter vorn, Totti weiter hinten. Es hat nichts genutzt. Buffon hat das Spiel eine Viertelstunde vor Schluss nach Schüssen von Tomasson und Rommedhal mit einer doppelten Heldentat gerettet. Es hätte noch schlimmer kommen können.“
Die EM hat gerade begonnen, und schon haben Engländer das Stadion unter Tränen verlassen
Matt Dickinson (The Times 14.6.) bescheinigt den Engländern ein brillantes Abwehrverhalten: „Alex Fergusons berühmtes Zitat „Football? Bloody hell!“ kann nicht mal annähernd die Geschichte umschreiben, die sich gestern im wohl erstaunlichsten Spiel mit englischer Beteiligung – seit dem Champions-League-Finale 1999 mit Manchester United – zugetragen hat. Diesmal war es jedoch keine Tragödie mit heldenhaften Taten, sondern eine Niederlage, die den englischen Spielern sicherlich schwer auf den Magen geschlagen ist. Die EM hat gerade mal begonnen, und schon haben Engländer das Stadion unter Tränen verlassen. „Der Erfolg ist blau“ stand auf einem Plakat, das neben der französischen Trainerbank hing, aber bis kurz vor dem atemberaubenden Endspurt sah alles danach aus, als würde dieser Schriftzug vom roten St.-Georges-Kreuz verdrängt werden. Dann jedoch übernahm Zidane die Verantwortung. Der beste Fußballer der Welt blieb über weite Strecken unauffällig, die englische Verteidigung machte es den französischen Angreifern schwer. Ein spätes Foul von Emile Heskey gab achtzehn Meter vor dem Tor gab dem Titelverteidiger doch noch die Chance auf den Ausgleich. Der Ball flog über die Mauer und schlug im Torwarteck ein. Nach brillanter Defensivarbeit und dem Führungstreffer von Frank Lampard, stand die Elf von Coach Eriksson plötzlich nur noch mit einem Punkt da. Wäre es wenigstens beim Unentschieden geblieben! Nur wenige Minuten später machte Steven Gerrard seinen ersten Fehler, und dieser hatte schwerwiegende Folgen. Nach seinem blind gespielten Rückpass konnte Henry sein Glück kaum glauben, umspielte Torwart James und wurde von ihm gefoult. Zidane ließ sich diese Chance nicht entgehen und traf vom Punkt zum 2:1. Nur zwanzig Minuten zuvor hatte David Beckham einen fälligen Elfmeter vergeben und wirkte daher zu recht sehr geknickt nach dem Spiel. Irgendwie sah alles nach dem Ende und nicht nach dem Beginn des Feldzuges aus. (…) Der wichtigste Bestandteil des französischen Spiels lag wie so oft im Fuß von Zidane, dessen Herrschaft über den Ball Paul Scholes, Englands besten Techniker, wie einen Anfänger aussehen lässt. Das englische Mittelfeld unterstützt von Wayne Rooney, dessen Frühreife einem den Atem stocken lässt, waren größtenteils damit beschäftigt, den weltbesten Fußballer in den Griff zu bekommen. Der einschlagende Erfolg bei dieser taktischen Maßnahme blieb meist aus, doch immerhin war Zidane nicht in der Lage, einen seiner spielentscheidenden Pässe zu spielen.“
Alle Achtung für Fabien
Colin Stewart (The Scotsman 14.6.) notiert die Aussagen der beiden Hauptakteure, Beckham und Zidane: „“Alle Achtung für Fabien. Ich hätte den Elfer nicht besser schießen können, aber er hat in mir gelesen und eine tolle Parade gemacht.“ Beckham sagt weiter, dass sein Versagen grausam für seine Mannschaftskollegen gewesen sein muss, nachdem sie eine großteils enttäuschende französische Elf beherrscht haben. „Wir haben das nicht verdient. Wir waren die Besseren über 80-90 Minuten, wir haben uns sehr gut präsentiert. Wir beherrschten das Spiels bis auf die letzten paar Minuten. Aber das ist Fussball.“ „Wir müssen viel von diesem Spiel mitnehmen in unser nächstes. Es ist sehr wichtig, dass wir diese Form beibehalten.“ Zidane sagte, dass dieses Match eines seiner besten war: „Es ist sicherlich eines meiner besten Spiele mit der Nationalmannschaft gewesen, gleichzusetzen mit denen der EM 2000″, sagte Zidane – und weiter: „Wir hätten nie mit einer solch großen Herausforderung durch die Engländer gerechnet, aber wir haben auch gezeigt, dass ein Spiel erst mit dem Schlusspfiff zu Ende ist. Ein solches Spiels gewonnen zu haben, katapultiert die Moral der Mannschaft empor.“ Zidane zollt Barthez großen Respekt, dessen Leistungen der letzten Saison stark kritisiert wurden: „Fabien machte den Unterschied aus und gab uns die Möglichkeit, an unsere Chancen zu glauben“ ZZ abschließend: „Das Spiel verlief nicht nach unserem Willen, aber am Ende ist es ein sehr positives Ergebnis. Wir leiden darunter, aber wir sollten die Situation nicht überbewerten. Genau unter diesen Umständen bildet man Teamgeist.“
Zidane verwandelt sich in den Retter, um die Engländer niederzustrecken
Zinedine Zidane schießt einen Freistoß ins Tor und einen Elfmeter; Frankreich dankt dem Himmel. Gérard Davet (Le Monde 14.6.): „Sol Campbell, der ehrwürdige englische Abwehrspieler, mutierte nach der Niederlage zum Philosophen des Balles: „Morgen ist ein anderer Tag…“, sagte er beim Verlassen der Kabinen, ein Opfer, genau wie seine zehn Mannschaftskameraden, der plötzlichen Wandlung, an der sich die Franzosen erfreuten. Man könnte meinen, dass der amtierende Europameister diese förmlich heraufbeschwört und inszeniert, alle vier Jahre, sozusagen als perfekte Dramaturgie eines Fußballspieles; im großen Finale Frankreich gegen Italien der EM 2000 waren es die zwei Tore von Sylvain Wiltord und David Trezeguet. Dieses Mal gewann Frankreich das Spiel in der Nachspielzeit, nachdem sie 90 Minuten lang gegen eine bemerkenswert harmonische und solidarische englische Mannschaft ankämpften. Diese Art von Spiel, auf solch hohem Adrenalinspiegel, gewährt im Allgemeinen einem Spieler, der das Schicksal besiegelt, den Heldenstatus. Am Sonntag ist es Zinédine Zidane gewesen, der sich das Gewand des Retters dank seiner zwei Standardsituationen anziehen darf. (…) „Die Tatsache, dass wir auf diese Weise gewonnen haben, stärkt unsere Moral. Es zeigt, dass man nie aufgeben darf. Heute Abend haben wir verstanden, was gut für den Rest des Turniers ist.“, erklärte der französische Spielmacher nach dem Spiel. Wahrscheinlich wird die „Zizoumanie“ nun noch weiter ausgeweitet. Solche Phänomene hervorzurufen, ist das Privileg von Genies, selbst wenn ihre Leistung im Spiel nicht zauberhaft war. Aber zwei rettende Tore reichen völlig aus, um das Fehlen einer globalen Wirkung zu kompensieren. Sehr lange Zeit wirkten die Franzosen eingezwängt in ein zu durchschaubares Spielsystem, in welchem sie sich auf die Mittelfeldachse konzentrierten und dabei die Schwächen der Engländer auf den Außenpositionen vergaßen. Während also die englische mittlere Nahtstelle keinerlei Schwächen zeigte, schienen die französischen Individualisten lange Zeit machtlos, gezielte Vorstöße zu inszenieren.“
Aus Freude wurde Schmerz
Jeremy Armstrong, Paul Byrne & Clare Goldwin (Daily Mirror 14.6.) blicken zurück auf Englands bittere Niederlage: „David Beckham schleppte sich gestern unter Tränen vom Feld, nachdem Englands Griff zur europäischen Krone in einem düsteren Start endete. Der am Boden zerstörte Kapitän gab offen zu, dass er größtenteils selbst Schuld an der Niederlage gegen Erzrivale Frankreich sei, da er ja immerhin beim Stand von 1:0 einen Elfmeter verschoss. Aber eigentlich war es nicht dieser vergebene Strafstoß, der England das Herz brach, sondern zwei Gegentreffer von Frankreichs Zauberer Zinedine Zidane in der Nachspielzeit – und das innerhalb von nur zwei Minuten. „Das haben wir nicht verdient, wir hätten verdient, als Sieger vom Platz zu gehen“, so Beckham nach der Partie. „Hätte ich“, so der Kapitän weiter „den Elfmeter verwandelt, hätte vielleicht schon alles vorbei sein können. Besser hätte ich ihn jedoch nicht schießen könne, Barthez hatte mich eben durchschaut. Fakt ist, dass wir 90 Minuten guten Fußball gezeigt haben.“ Auch Trainer Sven-Göran Eriksson teilte die Meinung seines Superstars: „Alles lief sehr unglücklich, wir haben dennoch eine exzellente Leistung geboten. Daher dürfen wir die Köpfe nicht hängen lassen. Ich bin sicher, dass wir England im Viertelfinale sehen werden.“ Nach dem Führungstreffer von Chelsea-Akteur Frank Lampard sah es knapp eine Stunde lang recht rosig aus für die Engländer. Dann jedoch kam der Auftritt von Beckhams Real-Mannschaftskollegen Zidane, und aus Freude wurde Schmerz: Erst der Ausgleich per direktem Freistoß, dann ein verwandelter Elfmeter zwei Minuten später. Nach dem Spiel in Lissabon traf Wayne Rooneys Vater den Nagel auf den Kopf und spiegelte die Stimmung der Bevölkerung wieder: „Ich bin am Boden zerstört, diese Partie mussten wir gewinnen. Ich bin mir sicher, dass Wayne bitter enttäuscht ist.“ Jack Charlton, Weltmeister 1966, schilderte, dass er wie betäubt vor dem Fernseher saß, als die Engländer den sicher geglaubten Sieg regelrecht wegwarfen. „Innerhalb von wenigen Minuten“ so Charlton „wurden Sieger zu Verlierern, ich kann es nicht fassen. Nach dem Schlusspfiff konnte ich eine Zeit lang gar nichts sagen, jetzt kann ich nicht aufhören zu fluchen.“ Nach Ende des Matches saßen die 40.000 englischen Anhänger wie angewurzelt auf ihren Sitzen, während die französischen Fans ausgelassen feierten. (…) Rund 20.000 englische Fans verfolgten die Begegnung auf einer Großleinwand im Zentrum von Lissabon und in den zahlreichen Bars und Restaurants. Die portugiesische Polizei hatte ein großes Aufgebot bereitgestellt, um Ausschreitungen zu vermeiden. Es blieb größtenteils friedlich, englische und französische Anhänger spielten zusammen Fußball und genossen die gute Atmosphäre.“
Beckenbauer zerschneidet Schokoladenorange
Michael Walker (The Guardian 15.6.) über den ungeliebten Dick Advocaat: „Holland scheint unbedingt seinen Ruf bestätigen zu wollen: Halbiert wie eine Schokoladenorange, bekommt Trainer Dick Advocaat von jedem seine Brustwarzen herumgedreht – angefangen von Johann Cruyff bis zum Trainerstab von Ajax. Keiner von Ihnen ist überzeugt, das Advocaat der richtige Mann ist, um das Beste aus einer mit natürlichem Talent gesegneten Truppe herauszuholen. Die Debatte über Hollands produktivste Aufstellung zieht sich ähnlich lange wie die über Englands. Sogar Franz Beckenbauer bringt seine Meinung ein in die Diskussion, wie die Holländer spielen sollten. Er hält eine Spitze, Ruud van Nistelrooy, für zu wenig.“
Deutschland findet sein Spiel und sein Selbstvertrauen
Patrick Vignal (Libération 16.6.) reibt sich die Augen: „Bei ihrem Eintritt in die Euro 2004 hat die deutsche Mannschaft ihren Ruf als Spezialist für wichtige finale Phasen gestärkt, indem sie ihr bestechendes und verlockendes Gesicht gezeigt hat – weit entfernt von ihren armseligen Darbietungen in den Freundschaftsspielen. Der Ärger über den späten Ausgleich der Holländer konnte die Zufriedenheit ein gutes Spiel gezeigt zu haben nicht auslöschen.“
Schlacht mit den Roastbeefs lässt Franzosen kalt
Wer hat die bessere Fan-Kultur? Jon Henley (The Guardian 12.6.) beschreibt den Vorsprung der Engländer gegenüber den Franzosen: „Wie Michel Platini schon einmal zu einem englischen Journalisten sagte: „Ihr habt Fans. Wir haben Anhänger.“ Eigentlich ist nicht einmal das wirklich wahr. Französische Anhänger wachsen nur dann über ihrer bloße Rolle als Zuschauer hinaus, wenn ihre Mannschaft a la francaise spielt und du beau jeu produziert, also mit Stil spielt, mit Talent und Imagination. „Die Franzosen sind zu kühl, die stehen nicht wirklich hinter ihrer Mannschaft,“ sagt Patrick Mignon, Akademiker und Autor des Buches „La Passion du Football“: „Sie sind mehr ironische Zuschauer als Anhänger. Wenn sie gut spielen, werden sie anfeuern. Wenn nicht, gibt es Verachtung und Spott, wenn du Glück hast – und wenn nicht, komplette Gleichgültigkeit.“ (…) „Wir sind einfach keine Fußball liebende Nation,“ sagt Frederique Deslandes, französischer Online-Journalist. „Nur zwei Mannschaften, Lens und Marseilles, haben überhaupt erst die Anfänge einer englischen Fankultur, in der die Menschen das Spiel leben und atmen und ihre Heimmannschaft bis zum Tod unterstützen. Zusätzlich sind wir schrecklich unbeständig in unserer Liebe“ Französische Fußballfans sprechen von ihrer National- sogar von ihrer Heimmannschaft – in der dritten Person Plural, nicht der ersten. Es heißt immer „Sie waren wunderbar“, oder „Sie waren lächerlich“, niemals „Wir“. (…) Ein Journalist sagte in einer französischen Sportzeitschrift: „Glauben die Engländer wirklich, dass es mehr ist als ein Fußballspiel, in dem die besten Spieler der englischen Liga, im blauen Trikot, die Spieler in weiß schlagen werden?“
Kein Gerede über Frühstückseier und Speck
Michael Walker (The Guardian 12.6) berichtet über französische Legionäre in England: „Mit bis zu sieben Spielern aus der Premiership ist eine Theorie geboren: Frankreichs Erfolge bei der WM 1998 und der WM 2000 seien „made in England“ (…) Patrick Viera wurde gefragt, ob er irgendwelche englischen Charaktereigenschaften in seinen acht Jahren in England angenommen habe. Er antwortete, dass er an jedem freien Sonntag Morgen ein komplettes englisches Frühstück isst und die Zeitung liest. „Ich esse alles – wie ihr,“ sagt er. „Jeden Sonntag fühle ich mich wie ein Engländer.“
Mittwoch, 16. Juni 2004
Allgemein
Bei Anruf Tor
„Beckenbauers Schützling Rudi Völler nimmt gegen Holland eine Anleihe bei seinem Vorgänger“ (FTD) – „die Dänen fühlen sich gegen Italien zumindest als moralische Sieger“ (FAZ) / Italien spielt nicht gut, aber präsentiert „Freizeit-Kreationen von Dolce & Gabbana“ (Tsp) – Henrik Larssons erfolgreiches Comeback, „bei Anruf Tore – so einfach scheint es in Schweden zu funktionieren“ (FAZ) – Lettland im Pech u.v.m. (mehr …)
Vermischtes
Relaunch Herbert Zimmermanns
Christian Eichler und der Schriftsteller Robert Gernhardt schauen sich das Holland-Spiel im Fernsehen an / Johannes Kerner, der „Relaunch Herbert Zimmermanns“ (FAZ), sägt an unseren Nerven – Christoph Biermann (Zeit) hält Blockbildung in Zeiten der Globalisierung für veraltet – warum schauen Frauen die EM? (Zeit) u.v.m. (mehr …)
Allgemein
Samba ist nicht gleich Fado
„Samba ist nicht gleich Fado“ (FR) – welcher Grieche interessiert sich noch für Olympia? (FAZ) – „Spaniens Trainer Iñaki Sáez ist dieser Typ Mensch, der eine Freude daran hat, andere zum Glück zu zwingen“ (FR) (mehr …)
Allgemein
Prostituierte auf tschechischen Gängen
Tschechien, „der ehemalige Amüsierbetrieb“ (Spiegel)
Prostituierte sollen durch die Gänge gelaufen sein
Hört, hört! Pavel Nedved ist eine Diva, und die disziplinlosen Tschechen verdanken ihre Stärke der Strenge ihres Trainers Karel Brückner. So zumindest lesen wir das bei Michael Wulzinger (Spiegel 14.6.): „Auf der einen Seite stehen Cracks wie Nedved von Juventus Turin, Milan Baros vom FC Liverpool, Jan Koller und Tomás Rosicky von Borussia Dortmund, Jaroslav Plasil vom AS Monaco oder Tomás Galásek von Ajax Amsterdam, die schon in jungen Jahren ins westliche Ausland gelockt wurden, dort bei Topadressen des europäischen Fußballs Titel sammelten und zu Einkommensmillionären avancierten. Auf der anderen Seite steht Karel Brückner, der bei seinen Trainerjobs über die Grenzen der untergegangenen sozialistischen CSSR niemals hinausgekommen ist. Nicht mal nach Prag zog es ihn, er blieb ein Mann für die Provinzclubs. Mal arbeitete der wortkarge Tüftler, der mit seinen Assistenten stundenlang über Standardsituationen und Laufwege brüten kann, bei Vereinen wie Sigma Olmütz, TJ Vitkovice oder Petra Drnovice. Dann wiederum heuerte er beim Verband als Nachwuchs-Coach der U21 an. Brückners Auftrag ist klar: Der Trainer-Dino mit dem weit über die Ohren wuchernden schlohweißen Haar soll der Dompteur sein für die sehr begabten, aber nicht minder verwöhnten Fußball-Diven – eine Autoritätsperson mit Sachverstand und Charisma also, die der Generation Nedved bislang für die großen Siege mit der Nationalelf gefehlt hat. Geradezu bizarr waren die Umstände, unter denen das Team im November 2001 das Ticket für die WM in Südkorea und Japan verschleuderte. Die beiden Relegationsspiele gegen die biederen Belgier verlor es binnen vier Tagen jeweils 0:1. Karel Brückner kennt die Hintergründe, aber er spricht nicht darüber. Etwa, dass einige Profis vor dem Rückspiel in Prag ihre Luxusherberge an der Peripherie der Hauptstadt in einen wilden Amüsierbetrieb verwandelt hatten. Ein Teil der Mannschaft saß nach den Berichten des Hotelpersonals mehrmals bis in die frühen Morgenstunden grölend und saufend im Restaurant. Eine Rezeptionistin bekam einen Weinkrampf, nachdem sie von einem betrunkenen Kicker angemacht worden war. Das Zimmer eines Stürmers war mit Erbrochenem übersät. Prostituierte sollen durch die Gänge gelaufen sein. Das Chaos war möglich, weil Brückners Vorgänger Jozef Chovanec die Kontrolle über das Team längst verloren hatte. Wie zerrüttet die Gemeinschaft war, zeigte sich unmittelbar nach dem Aus gegen Belgien. Torhüter Pavel Srnícek, der sich von den Exzessen fern gehalten hatte, randalierte, tief frustriert über die fahrlässig vergebene WM-Teilnahme, in der Kabine – und machte Nedved, der wie Stürmer Baros vom Platz geflogen war, als einen der Schuldigen an dem Desaster aus. Knapp zwei Monate später übernahm Brückner. Er fand Fußballer vor, unter denen augenscheinlich so etwas wie eine Sehnsucht nach professioneller Führung herrschte. (…) Die Schlüsselfigur war Pavel Nedved. Gerade in den Tagen vor dem EM-Start wurde der Kapitän in zahlreichen Elogen als schweigsamer, höflich-bescheidener Dorfjunge aus dem Plattenbau verklärt. Dabei zählte zu den offenkundigen Schwächen der tschechischen Elf, dass ihr unumstrittener Wortführer im Mittelpunkt jeder Ballstafette stehen wollte. In vielen Gesprächen überzeugte Brückner seinen Superstar, sich mit seinem aggressiven, laufintensiven und fintenreichen Spiel wie bei Juventus Turin in den Dienst der Mannschaft zu stellen.(…) Ausgewiesene Kenner der tschechischen Fußballszene wie Spieler-Agent Pavel Paska, der mehr als die Hälfte der aktuellen Nationalkicker des Landes in den Westen transferiert hat, bescheinigen Brückner „eine integrative Kraft“. Die Spieler haben ihrem Trainer den Spitznamen „Klekih-petra“ verpasst, weil er, wie sie finden, aussehe wie der weise Schulmeister der Apachen in dem Film „Winnetou I“.“
Deutsche Elf
Holländer in Holzschuhen
„zieht Deutschland wieder die Mundwinkel nach oben?“ (SZ)
Die Holländer waren zunächst in Holzschuhen unterwegs
1:1 gegen Holland, es gibt wieder Hoffnung – für Fußball-Deutschland und für die SPD, teilt Klaus Hoeltzenbein (SZ 16.6.) mit: „Mögen die Tempi, die Nationalkicker und Genossen anschlagen, unterschiedlich sein, die Ziele sind gleich: 2006 – im Sommer die WM, im Herbst die Wahl. Hält der Kanzler bis dahin durch, so weiß er, dass sein Ergebnis von dem der Nationalkicker beeinflusst werden kann. Ein Land, das ein fröhliches, sportlich wie wirtschaftlich gelungenes Turnier veranstaltet, zieht die Mundwinkel vielleicht wieder nach oben. Es war nur eine Etappe zur WM 2006, die in Porto zu bestaunen war, eine Momentaufnahme, aber sie hat vieles bestätigt: die Vertrauenskrise in die Nationalelf, beginnend mit dem verlorenen Finale der WM 2002, darf als bewältigt gelten; in dem Augenblick, in dem von Test- auf Wettkampfrhythmus umzuschalten war, wurde die zum Klischee gewordene Tradition aktiviert: Konzentration, Disziplin und System waren Charakteristika des DFB-Ensembles. Gefördert von einem Gegner, der aus seiner Tradition anfangs nur die orangenen Trikots mitführte. In Holzschuhen waren zunächst die Holländer unterwegs, die Deutschen präsentierten ihre Talente auf erstaunlich leichten Sohlen. Eine Elf, die über 90 Minuten derart leidenschaftlich ein Comeback der Emotionen feiert, lenkt nicht nur in Kanzlers Sinne von der EU-Pleite ab, zuvorderst genießt sie Kündigungsschutz beim Volke.“
Heiratet doch
Nina Klöckner (FTD 16.6.) ist eifersüchtig auf die holländischen Journalisten: „Zurzeit kann man Rudi Völler im Internet auf holländischen Seiten mit dem Hammer zertrümmern. „Das tut gar nicht weh“, sagt der Teamchef tapfer. „Es ist nicht nur halb so schlimm, es ist gar nicht schlimm.“ Außerdem nudeln sie im Radio ständig das Lied „Kein Rudi Völler“ rauf und runter. Kein Rudi Völler, sehr witzig. Und zu guter Letzt kann man sich Aufkleber kaufen, die man in der Kloschüssel platzieren soll. Urinieren auf unseren Rudi. Also da hört der Spaß doch wirklich auf. Gut, mit Frank Rijkaard hat Rudi Völler später im Bademantel Werbung für Butter gemacht und damit vermutlich eine ganze Menge Geld verdient. Und die anderen Unverschämtheiten scheinen bei ihm auch keine Depression auszulösen. (…) Das Verhältnis ist inzwischen so herzlich, dass es innerhalb des deutschen Journalistenlagers schon zu ersten Eifersüchteleien gekommen ist. Warum lacht er bei unseren Fragen eigentlich nicht so herzlich? Oder liegt es an dem Dialekt? „Was soll ich Ihnen wünschen, Glück oder Erfolg“, hat Rudis neuer Freund beim letzten Treffen der beiden vor dem Spiel am Dienstag gefragt. „Das dürfen Sie sich aussuchen“, hat Völler geantwortet. „Beides“, schallte es aus der Tiefe des Raums. Heiratet doch.“
Strafstoss
Strafstoß #5 – Wellenwollen – Wie kultig ist der Stadionspublikumskult?
von Mathias Mertens
Heute im Spanien-Spiel: Die ob des offensiven Wirbels ihrer Mannschaft enthusiasmierte Zuschauermenge bewegt in Atem raubender Geschwindigkeit und Präzision eine riesige Flagge über ihre Köpfe hinweg – ein wildromantisches Bild, das die Weltregie natürlich äußerst gerne aufgreift und als Stimmungstupfer in die Wohnzimmer sendet. Und der Medienwissenschaftler hat sofort ein ausgeklügeltes Erklärungssystem parat: Der Teilnehmer eines Events weiß um die Aufmerksamkeit der Medien und verhält sich dazu entsprechend, inszeniert sich mediengerecht und „entführt“ gewissermaßen des Medienereignis, um es zu seinem eigenen zu machen.
Paradebeispiel für eine solche Lesart ist die „spontane“ Erfindung der La Olà während der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko, als die Publikumsmenge sich nicht mehr nur als Hintergrundrauschen sah, sondern als einen Bestandteil des Stadiongeschehens und aktiv wurde. Die Bildregie zum damaligen Zeitpunkt, die noch keinen kompletten Weltzugriff hatte, war hilflos angesichts dieses doppelten Geschehensangebots – Fußball hie, wallende und wogende Körperbrandungen da – und wusste sich nicht zu entscheiden, blieb entweder viel zu lange bei den Menschen und vernachlässigte das Spielgeschehen oder zeigte langweiligen Standfußball, während auf den Tribünen die Lucy tobte.
Diese ganzen schönen Theorien mögen genau das sein, nämlich schön, man merkt ihnen aber an, dass sie von Fernsehzuschauern aufgestellt worden sind. Eine kurze Nachfrage beim stadionerprobten Mitseher des Spanien-Spiels führt nämlich zu einer klassischen „Falsifikation“, also der Widerlegung einer Theorie. Der trockene Kommentar zur perfekten Flaggenwanderung war nämlich: „Das geht so schnell, weil die alle das Spiel gucken wollen.“ Und nicht können, wenn 50 Quadratmeter rot-gelber Stoff über ihnen ausgebreitet sind. So viel dazu.
Wenn man diese Erklärung jetzt rückblickend auf La Olà anwendet, könnte auch da der gruppendynamische Effekt ausschlaggebend gewesen sein, dass die Welle entstand. Wahrscheinlich sprang ein Zuschauer aus irgendwelchen Gründen auf, worauf die direkt hinter und neben ihm sitzenden Leute ebenfalls aufsprangen, weil er ihnen die Sicht aufs Spielfeld versperrte. Was zu weiteren aufspringenden Menschen führte, denen wiederum die Sicht versperrt war und so weiter und so fort. Dummerweise bilden die Zuschauerränge in großen Stadien ja einen Kreis, so dass irgendwann unserem ersten Zuschauer die Sicht versperrt wurde, der sich inzwischen wieder hingesetzt hatte. Und dann begann das ganze Spiel erneut.
Merke: Nicht alles, was als romantisch wahrgenommen wird, ist auch von den Beteiligten so gemeint. Das gilt für Zuschauerkulte wie für holländische Flanken.
Dienstag, 15. Juni 2004
Allgemein
Aus Freude wurde Schmerz
„die EM hat gerade begonnen, und schon haben Engländer das Stadion unter Tränen verlassen“ (Times) / „es gibt Niederlagen, die eine Mannschaft aus der Bahn werfen, weil sie unergründbar sind“ (BLZ) – „Zinedine Zidane verwandelt sich in den Retter, um die Engländer niederzustrecken“ (Le Monde) / Zidane schießt einen Freistoß ins Tor und einen Elfmeter, und die Fußball-Welt liegt ihm zu Füßen / „am liebsten redet Zidane mit seinen Füßen“ (Tagesspiegel) – Schweiz und Kroatien erhalten ein „spielerisches und charakterliches Armutszeugnis“ (FAZ) – „Giovanni Trapattoni scheint bereits alle Karten ausgespielt zu haben, und keine hat gestochen“ (La Repubblica) u.v.m. (mehr …)
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