indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Freitag, 29. August 2008

Champions League

Schneise der Zerstörung

Wie erwartet verweigert die Presse den Schalkern nach dem 0:4 in Madrid die Versetzung

Die Schalker Mängelliste ist lang, und sie ist keinem verborgen geblieben. Daniel Theweleit (taz) gelingt es zunächst, sachlich zu bleiben: „Sie mussten anerkennen, dass sie an einem Gegner gescheitert sind, der ihnen hoch überlegen war. Atlético, ein Klub, der im vergangenen Sommer rund 80 Millionen Euro in neue Spieler investierte, hatte schlicht die reifere, die leidenschaftlichere und die willensstärkere Mannschaft in das große Spiel geschickt. Der fantastische Stürmer Sergio Agüero war für die Schalker Defensive ebenso wenig greifbar wie Diego Forlan. Und die Verteidigung der Spanier, die verwundbar ist, blieb über weite Strecken unbeschäftigt, weil der Bundesligist keinen guten Stürmer auf dem Spielfeld hatte.“

Javier Cáceres (SZ) diagnostiziert ein „generelles Tempodefizit im Vergleich mit den Spaniern“. Seine Spielkritik liest sich ein wenig wie eine Rezension eines Klassikkonzerts: „Schalke hatte der expansiven Persönlichkeit Atléticos und den Fähigkeiten, die Tempi der Partie jederzeit zu kontrollieren, Angriffe einfallsreich und variabel zu gestalten, nichts Entscheidendes entgegenzusetzen.“ Vielleicht handelt es sich auch bloß um eine NZZ-Parodie.

Gregor Derichs (FAZ) hingegen hat auf den Tisch, er hat einen „Auftritt ohne Biss und Leidenschaft“ gesehen, einen „Klassenunterschied“ und einen „Offenbarungseid“. „Den Schalker Spielern“, schreibt er weiter, „wurde ihre mangelhafte internationale Wettbewerbsfähigkeit sehr krass vor Augen geführt.“ Genüsslich dreht er das Messer, das den Schalkern in der Brust steckt, noch mal rum: „Wenn der Begriff Uefa-Pokal fiel, löste er bei den Schalkern Reaktionen aus, als wären ansteckende Krankheiten erwähnt worden.“

Finstere Wüste?

Aber auch Theweleit kommt noch mal in Fahrt: „Im kommenden Winter werden sie nicht als gefeierter und weltweit präsenter Champions-League-Teilnehmer nach Verstärkungen fahnden, sondern, wenn die Dinge halbwegs gut laufen, als Uefa-Cup-Teilnehmer. Außerdem fließen 15 bis 20 Millionen Euro weniger in die Klubkasse, und nicht zuletzt gehen den Profis wertvolle Erfahrungen verloren. Wie ein verheerender Tornado hat diese Nacht von Madrid eine Schneise der Zerstörung in den Schalker Plänen hinterlassen. Trost gab es nicht. Statt einem Jahr mit Festspielen in der Königsklasse entgegen zu blicken, steht Schalke nun vor einem bitter schmeckenden Pflichtprogramm.“ Schalke, vorgestern noch eine blühende Wiese, heute eine finstere Wüste?

Philipp Selldorf (SZ) erstickt im Keim die Diskussion um angeblich mangelnde Konkurrenzfähigkeit deutscher Vereine: „Die Schalker wissen, dass sie nicht (nur) wegen des ungleichen Einkaufsbudgets verloren haben. Deutsche Klubs müssten zwangsläufig schlauer sein und die bessere Spielidee haben. Dahinter verbergen sich Aspekte wie Ausbildung, Lehre, Strategie.“

Roland Zorn (FAZ) obliegt der Part, den Kommentar zu verfassen – Thema sind die Perspektiven der deutschen Mannschaften im Europapokal, aber auch die Atlético Madrids, wenn ich es recht verstehe. Bin mir aber auch nach zweimaligem Lesen nicht sicher, was die Kernaussage ist.

In der Berliner Zeitung lesen wir vor dem Start der Serie A einen ausführlichen Bericht über Juventus und Fiorentina, zwei Klubs, die aus verschiedenen Gründen in jüngster Zeit Zwangsabstiegen ausgesetzt waren und die nun wiedererstarkt sind.

Unterhaus

Nicht auf einer Wellenlänge

Thomas von Heesen ist nicht mehr Nürnbergs Trainer / VfR Aalen verpflichtet Jürgen Kohler

Nürnberg und Thomas von Heesen trennen sich, und, das ist das Überraschende, Präsident Michael Adolf Roth bekommt nicht viel Schelte von der Presse. Denn die Entscheidung, wer auch immer sie getroffen, beeinflusst oder initiiert hat, tritt auf die Zustimmung der Journalisten. Ingo Durstewitz (FR) hält sie für überfällig: „Die Trennung war unausweichlich. Im Grunde kommt sie drei Monate zu spät. Denn schon während der Erstligasaison und spätestens nach dem Abstieg kristallisierte sich heraus, dass von Heesen und der 1. FC Nürnberg nicht auf einer Wellenlänge funken. Der Westfale kam mit seiner nüchternen und technokratischen Art gar nicht gut an am Valznerweiher, zumal als Nachfolger des kauzigen, aber sehr beliebten Volkstribuns Hans Meyer. Von Heesen hat es in Windeseile geschafft, auch die letzten Sympathien bei den Fans zu verspielen, und der bockige Coach unternahm nichts, sie zurückzugewinnen. Er machte seinen Job, unnahbar und oberlehrerhaft. Dabei war seine Mission schon im Mai gescheitert, der Makel des Abstiegs haftete an ihm.“

Volker Kreisl (SZ) stimmt ein: „Auch wenn diese Trennung abrupt wirkt, so hat sich doch in den sechs Monaten seit Heesens Einstieg beim Club einiger Ärger angestaut. Nie ist ihm jene Wende gegen den Misserfolg gelungen, wegen dessen Hans Meyer im Februar gehen musste.“

Ich will Aalen in die Bundesliga führen

Von Matthias Schmid (Stuttgarter Zeitung) erfahren wir, dass sich ein neuer Verein gefunden hat, der Jürgen Kohler für einen Trainer hält – nämlich der Drittligist VfR Aalen, der sich nach vier Spieltagen von Edgar Schmitt trennt: „Der Weltmeister von 1990, soll die Mannschaft von der Ostalb zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte in die zweithöchste deutsche Fußballklasse führen. ‚Weltmeisterlich’ war ein Wort, das in Bezug auf seinen Namen in den zurückliegenden Jahren nur als Spieler beim FC Bayern, bei Juventus Turin und in Dortmund fiel. Als Trainer kann dieses Attribut bei Kohler nach dessen Intermezzi beim DFB (U 21) und beim MSV Duisburg allenfalls verwendet werden, wenn man die Worte ‚von wegen’ voranstellt. Doch diese ungenügenden Referenzen schienen die Verantwortlichen nicht abzuschrecken.“

„Ich will Aalen in die Bundesliga führen.“ Diese Zielsetzung hab ich jetzt nicht erfunden, so wird Kohler tatsächlich zitiert.

Mittwoch, 27. August 2008

Champions League

Peking II

Schalke vor dem Qualifikationsrückspiel in Madrid: Man reist an mit Zuversicht, doch zur Frage, wie man zu einem Sponsor steht, dessen Aufsichtsrat Dmitri Medwedjew gerade Georgien und dem Rest der Welt die Krallen zeigt, schweigt man

In der taz und anderen Zeitungen nimmt sich Daniel Theweleit heute dankenswerterweise eines Themas an, das eigentlich auf der Hand liegt, auf deutschen Sportseiten allerdings zu kurz kommt: Wie steht Schalke in Zeiten des Georgien-Konflikts zu seinem Hauptsponsor Gasprom? Doch Theweleit kann den Verantwortlichen des Klubs nichts Wesentliches entlocken. Geschäftsführer Peter Peters fühlt sich zu Zurückhaltung verpflichtet, indem er auf die Vereinssatzung hinweist: „Politische und weltanschauliche Zwecke dürfen nicht verfolgt werden.“

Theweleit meint, dass Peters es sich viel zu leicht mache: „Der Verweis auf einen Paragraphen, der politische Stellungnahmen untersagt, erinnert ein wenig an Peking. Wie das chinesische Sportfest ist Schalkes Partnerschaft mit den Russen eine Angelegenheit mit einer glänzend polierten Seite, Geschenken an die Fans, Aktionen für ein friedliches Miteinander, und tollem Sport, während moralisch schwierige Aspekte eher störend wirken.“

Dankbarkeit überwiegt

Der Vergleich mit Peking sitzt natürlich. Der Eindruck verstärkt sich, dass Sportfunktionäre keine Prinzipien haben – vom Prinzip der Gewinnmaximierung natürlich abgesehen. Auch typisch: sonntags von der großen Bedeutung des Sports für die Gesellschaft und den Weltfrieden reden und werktags sich klein machen. Bloß nicht anecken! Schon gar nicht bei denen, die die Musik zahlen. Theweleit weiß, woher der Wind weht: „Mehr noch als die Olympier hat Schalke Grund zur Loyalität, Gasprom hat den Klub schließlich einst aus einer höchst prekären Situation gerettet. In einer Zeit, als Finanzexperten behaupten konnten, die Situation auf Schalke sei noch dramatischer als bei den kollabierten Dortmundern, war der Energieriese zur Stelle. Schalkes Schulden sind kein Thema mehr, auch deshalb überwiegt die Dankbarkeit.“

Besondere Brisanz erfährt die Sache freilich dadurch, dass Schalke einen Georgier in seinen Reihen hat, der um seine Angehörigen zuhause zu fürchten gehabt habe: Levan Kobiaschwili. Theweleit versetzt sich in dessen Lage: „Tagelang muss es für ihn ein seltsames Gefühl gewesen sein, das Trikot mit dem Gasprom-Schriftzug überzustreifen. Ob das nicht schmerzhaft für ihn ist? Der Georgier wirbt für einen Konzern, der eng verbunden ist mit der Regierung, die das Leben seiner Familie bedrohte.“ Doch Kobiaschwili lässt sich nichts anmerken.

Spielfreudiger

Kurz zum sportlichen – Gregor Derichs (FAZ) hat Grund zu vorsichtigem Optimismus: „Insgesamt macht Schalke einen spielfreudigeren Eindruck als in den Vorjahren zum Saisonstart. In Madrid findet jedoch die erste große Bewährungsprobe dieser Spielzeit statt, die Partie hat richtungweisende Bedeutung.“ Philipp Selldorf (SZ) ist gespannt auf die Schalker Taktik: „Die wesentliche strategische Frage ist nicht, ob Trainer Rutten den vorübergehend abtrünnigen Rafinha gnädig in die erste Auswahl aufnimmt, sondern ob die Mannschaft mit allen Mitteln das 1:0 zu verteidigen sucht – oder ob sie selbst die Initiative zum Toreschießen ergreift.“

Um uns auf Schalkes Gegner einzustimmen, stellt uns die FAZ Atlético Madrids Hauptfigur vor: den argentinischen Star Sergio Agüero, der gerade olympisches Gold gewonnen hat und der Maradonas Lieblingsspieler ist – nicht zuletzt, weil er sein Schwiegersohn ist. „Agüero, jeder weiß es, ist der eine Mann im Team, der für die Champions League geboren wurde und sie spielen wird, eher früher als später. Egal, in welchem Trikot.“

Die Berliner Zeitung befasst sich mit der Frage, ob Dimitar Berbatow seinen Wechsel von London nach Manchester durchdrücken kann: „Berbatow und Tottenham Hotspur streiten um 30 Millionen Pfund – und ums Prinzip.“

Unterhaus

Eingebildeter Aufstiegsfavorit

Der 1. FC Nürnberg bekommt nach dem 1:2 beim 1. FC Kaiserslautern Saures von den Journalisten

Nürnberg muss wirklich schlimm gespielt haben: 1:2 in Kaiserslautern, ok, das ist halb so wild. Aber die Spielweise sorgt bei Trainer Thomas von Heesen und bei der Presse für Widerwille. Roland Zorn (FAZ) heftet in außergewöhnlich emotionaler Weise dem Club das Schild „eingebildeter Aufstiegsfavorit“ an, der „seinen eigenen Spitzenansprüchen meilenweit hinterher stiefelt“. Wie können Nürnbergs Spieler, „eine Reihe von wertlosen fränkischen Ich-AGs“, Max Morlocks Erbe nur so mit Füßen treten? „Die Profis des neunmaligen Meisters wirkten betulich wie eine Traditionself“, erzürnt sich Zorn und kann sich nicht entscheiden, ob er stärker an ihrem Können oder an ihrem Charakter zweifeln soll: „eine Halbzeit lang eine blasierte Demonstration irgendwo zwischen Überheblichkeit und Unfähigkeit“

Unter Null

Jan C. Müller (FR) stellt nüchtern ähnliche Nürnberger Mängel fest: „Der Club, dank einer entsprechend teuren Mannschaft Top-Favorit in der Zweiten Bundesliga, ist mental nach dem völlig überflüssigen Abstieg einer spielerisch hervorragend besetzten Mannschaft im Unterhaus noch nicht angekommen. Mieser könnte die Stimmung nicht sein.“ Unter Null – Müller erkennt Fluchttendenzen und Kontaktscheu: „Das niemals warme Verhältnis zu den Fans ist inzwischen derart unter den Gefrierpunkt geraten, dass von Heesen es ablehnte, nach dem Spiel im DSF vor der Nürnberger Fan-Kurve interviewt zu werden: eine Begebenheit, die mehr über die vergiftete Atmosphäre aussagt als jedes Wort.“

Kaiserslautern dagegen erfüllt alle Ansprüche von Gegenwart und Vergangenheit, „eine neue Angriffslust durchwehte das Actionprogramm des viermaligen Meisters“, schwärmt Zorn. Von „frischer Tatkraft“ spricht er weiter und subventioniert den 1. FC Kaiserslautern mit Lob und Hoffnung: „So ausgeglichen, wie die Zweite Bundesliga mal wieder scheint, ist ein Verharren in der Gipfelregion nicht einmal auszuschließen.“

Dienstag, 26. August 2008

Internationaler Fußball

Strandtorwart, Stil Miami Beach

Valenica verliert trotz Überzahl den Supercup, und Timo Hildebrand bekommt einiges zu hören / Inter plötzlich mit Spielfreude / Paul Ince, der erste schwarze Brite auf einem Trainerstuhl der Premier League

Valencia verliert den Supercup gegen Real Madrid mit 2:4 (nach 3:2-Hinspielsieg), obwohl bereits zwei holländische Gegenspieler vom Platz gestellt worden sind. Ralf Itzel (Berliner Zeitung) nimmt auch den deutschen Torwart in die Verantwortung für die Niederlage: „Timo Hildebrand war oft auf sich allein gestellt, und obwohl er einige gute Paraden zeigte, fehlte es ihm an Konstanz, Sicherheit und Ausstrahlung. In Spanien haben sie längst den Stab über ihn gebrochen.“ Dazu zitiert er die höhnende spanische Zeitung As: „Strandtorwart, Stil Miami Beach: Er ist blond und komponiert schöne Flugfiguren, aber fängt keinen Ball.“

Was die endgültige Absage Ronaldos für Reals neuen Präsidenten bedeutet, fasst Itzel in eine Mischung aus zwei Bildern zusammen: „Die nächste Niederlage für Ramón Calderón, der schon die Präsidentenwahl mit dem dann nicht eingelösten Versprechen gewann, Kaka beim AC Mailand auszulösen. Während sein Vorgänger, der Bauunternehmer Florentino Peréz, ein schillerndes Gebilde mit den größten Stars des Moments konstruierte, malt der aktuelle Boss bisher nur Luftschlösser und ahnt, dass ihm die Anhänger diese bei Misserfolg um die Ohren hauen werden.“ Wie haut man eigentlich jemandem Luftschlösser um die Ohren?

Rollen vertauscht

Tom Mustroph (Neue Zürcher Zeitung) will beim italienischen Supercup, den Inter im Elfmeterschießen gegen Rom gewann, neue Trends entdeckt haben: „Beim Aufeinandertreffen der zwei dominierenden Teams der letzten beiden Spielzeiten waren überraschend die Rollen vertauscht. Die kalte Kampfmaschine Inter präsentierte sich unter ihrem neuen Coach José Mourinho als spielfreudige Formation, während die Roma, zwei Jahre lang wegen ihrer Offensivqualitäten geschätzt, vor allem eiskalten Resultatfußball im Programm hatte. Der Unterschied zur letzten Saison besteht darin, dass die, die das Glück im Angriffsspiel suchen, sogar noch den Erfolg bejubeln können.“

Ist es wirklich weniger gefährlich, wenn das Licht aus ist?

Auch erster schwarzer Nationaltrainer?

Ist der englische Fußball noch immer latent rassistisch? Hanspeter Künzler (Neue Zürcher Zeitung) nimmt das Engagement Paul Ince’ als Trainer der Blackburn Rovers zum Anlass, diese Frage neu zu stellen: „Es mutet in der Tat eigenartig an, dass Ince der erste britische Manager mit dunkler Hautfarbe ist, der den Sprung zum Premier-League-Manager geschafft hat. Selbst in den unteren Ligen sind auf den Trainerbänken wenig schwarze Gesichter zu sehen. Ince selber kann dafür keine Erklärung finden, zumal schwarze britische Spieler den englischen Fußball in den letzten dreißig Jahren maßgeblich mitgeprägt haben. Vielleicht ist der Ansatz einer Erklärung darin zu suchen, dass auch TV-Kommentatoren bei einem schwarzen Fußballer noch heute oft von ‚angeborenem Talent’ reden, während ein weißer Spieler sich seine Fähigkeiten redlich antrainiert haben soll. Dass man Schwarzen nicht zutraut, über ihr Spiel auch nachdenken zu können.“ Mögliche Perspektiven schließt Künzler nicht aus: „Ince’ Hoffnung ist nicht abwegig, der erste schwarze Nationaltrainer zu werden.“ Zumal es England an guten einheimischen Trainern mangelt.

Hier traf Ince (1994, im Dress von ManUtd) noch gegen Blackburn. Im Hintergrund am langen Pfosten: der Große Colin Hendry.

Angeblich 30 Millionen zahlt Zenit St. Petersburg für einen relativ unbekannten Portugiesen namens Danny. Johannes Aumüller (SZ) schluckt kräftig: „Der Transfer dokumentiert einmal mehr, über wie viel Finanzmittel die russische Liga verfügt. Geld, das bewahrheitet sich einmal mehr, spielt in dem vom Energieriesen Gasprom unterstützten Klub offenbar keine Rolle.“ In der NZZ lesen wir auch über Grenoble Foot 38, den französischen Aufsteiger, der dank dem Geld eines Japaners und dem Training eines Bosniers inzwischen auf Platz 6 der Ligue 1 angekommen ist.

Bundesliga

Warum bloß macht Wolfsburg halbe Sachen?

Bei den Unentschieden zwischen Bochum und Wolfsburg (2:2) und Köln und Frankfurt (1:1) gibt es (fast) nur Verlierer / Mohamed Zidan läuft Jürgen „Daddy“ Klopp wieder in die Arme

Der VfL Wolfsburg steht unter zunehmender Beobachtung. Im letzten Jahr wäre ein Unentschieden in Bochum noch als natürliches Resultat (wie anders kann so ein Spiel ausgehen?), und vier Punkte nach zwei Spielen wäre als Erfolg gewertet worden. Nach Platz 5 in der Saison 07/08 und weiteren Investitionen durch VW sehen einige Experten das Team bereits als Kandidat für die Champions-League-Teilnahme. Und die Latte liegt höher, die FAZ legt Wolfsburgs Widersprüche offen und spricht von einem „janusköpfigen Start in die neue Saison“. Gemeint ist schlicht die Tatsache, dass die Elf, wie in der Woche zuvor gegen Köln, mit einem Rückstand in die Pause ging – und in den zweiten 45 Minuten ein anderes Gesicht zeigte.

Die Rede kommt auch auf die Verdrossenheit Felix Magaths, der auf die nach solchen Spielverläufen übliche Floskel verzichtet, seine Mannschaft habe Moral gezeigt. Richard Leipold (FAZ) beobachtet ihn beim grübelnden Grübeln: „Er wirkte irritiert, zumal er es nicht leiden kann, wenn er vor einem Mysterium steht, das sich mit analytischem Vermögen nicht lösen lässt.“ Auch Leipold kann sich keinen Reim machen: „Die Mannschaft des VfL Wolfsburg ist ein Rätsel. Warum bloß macht sie nur halbe Sachen?“

Zähe Auseinandersetzung

Im anderen Sonntagsspiel standen sich zwei Mannschaften gegenüber, deren Fans, trotz aller Mentalitätsunterschiede, eines zu einen scheint: der Glaube an unverrückbare Größe ihrer Traditionsklubs. Denn eigentlich machen Köln und Frankfurt bloß eine schöpferische Pause (halt seit gut zehn Jahren), und es ist nur eine Frage der Zeit, wann sie wieder oben ankommen werden. Ganz oben. Doch allen Träumen von der Tabellenspitze macht Philipp Selldorf (SZ) mit seinem Diktum den Garaus: „Dieses war Remis ein symptomatisches Resultat in einem symptomatischen Duell: Man wird in dieser Saison noch viele solcher zähen Auseinandersetzungen erleben, die durch ein unvermutetes Vorkommnis entschieden werden. Die Liga, soviel zeichnet sich nach zwei Spieltagen schon ab, weist in ihrer unteren Hälfte einen viel dichteren Leistungsstand auf als im Jahr zuvor.“

Und fast grimmig protokolliert Selldorf das Eintracht-Tor am Ende des Spiels: „Ein seltener lichter Moment hatte den Frankfurtern den unverhofften Ausgleich durch Fenin beschert, es war eine unangemessene Belohnung für ihr sprödes und einfallsloses Spiel.“ Ralf Weitbrecht (FAZ) entgegnet an die Kölner Adresse: „In dem Maße, in dem sich die Frankfurter in der jüngeren Vergangenheit in der Eliteklasse etabliert haben, wollen auch die Kölner ein fester Teil der Bundesliga werden. Doch um wirklich im Mittelfeld zu landen, muss sich der FC gehörig steigern.“ Die Eintracht etwa nicht?

Hai und Putzerfisch

Mohamed Zidan läuft zum dritten Mal in seiner Karriere in Jürgen Klopps Arme – zwei Mal in Mainz und jetzt in Dortmund. Kai Pahl hat das Nötige über Zidans Zeit in Hamburg notiert: „Die Probleme, die Zidan in Hamburg hatte, werden häufig auf das Psychologische verkürzt: Zidan hätte Kloppeske Vaterliebe gebraucht, statt einen harten Hund wie Stevens. Da ist was dran. Das konnte man beim Afrika-Cup sehen, als Zidan befreit aufspielte. Aber es ist nur die halbe Wahrheit, und in diesem Fall ist es die andere Hälfte, die ihn in Hamburg das Genick gebrochen hat. Die Kritik, die Stevens an Zidan hatte, wurde in der zweiten Hälfte der letzten Saison substantieller: Zidan sei ein Instinktfußballer, der von taktischen Verhalten soviel Ahnung hat wie eine Scheibe Toastbrot. Konkret ging es dabei um Laufwege in Abstimmung mit seinen Kollegen – Zidan pflegte in Ignoranz seiner Kameraden, sein Ding zu machen – und um die Arbeit nach hinten: dem frühen Dichtmachen von Gegenangriffen die über den linken Hamburger Flügel kommen. Je öfter Zidan in der Saison spielte desto mehr wurde seine Schwächen freigelegt. Ich mag Zidan. Wenn er aufspielt, hat er einen irren Zug zum Tor, spielt energiegeladen, wie ein Beserker. Aber ich weiß nicht was Jürgen Klopp mit ihm anstellt, damit die taktischen Probleme nicht auch beim BVB auftauchen.“

Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) beschreibt das Verhältnis zwischen Klopp und Zidan anhand eines außergewöhnlichen Vergleichs aus der Zoologie und räumt in einem Nebensatz mit einem Bremer Mythos auf: „In Bremen, wo die Konkurrenten Klose und Klasnic hießen, fand sich kein Platz für das äußerst sensible Gemüt. Zidan kam im sachlichen Klima der Bremer Leistungsgesellschaft, die noch immer landesweit als Wohlfühlklub verklärt wird, nicht zurecht. In Mainz dagegen hatte sich seinerzeit eine sonderbare Symbiose ergeben. Zidan und Klopp verhielten sich zueinander wie Hai und Putzerfisch.“

Frühere Mainzer und nun Dortmunder Kooperation

Montag, 25. August 2008

Ball und Buchstabe

Man kann von einer relativen Sauberkeit sprechen

Doping im Fußball? Unbewiesen, aber nahe liegend? / Olympia in Peking, mindestens eine Nummer zu gigantisch, um echt zu sein / Die Unschuldsvermutung, das Feigenblatt der Sportler

Toni Graf-Baumann, der Vorsitzende der Fifa-Anti-Doping-Kommission, wird von der FAZ über Doping im Fußball befragt, und er gibt sich gesprächsbereit: „Ich möchte nicht wie andere aus der Fifa sagen, dass Doping im Fußball nicht existent ist. Aber man kann von einer relativen Sauberkeit sprechen.“ Der auf der Hand liegenden Beobachtung, dass der Ausdauer eine größere Bedeutung zukomme als früher, begegnet er relativierend: „Die Ausdauerwerte sind im Fußball wichtiger geworden, aber anders als beispielsweise im Radsport sind sie nicht entscheidend. Mit Verlaub, Fußballer stehen während eines Spiels immer noch ziemlich viel herum.“ Schon länger kursierenden Doping-Gerüchten erteilt Graf-Baumann eine Absage, etwa den angeblichen Verstrickungen des spanischen Profifußballs in die Fuentes-Affäre oder den Epo-Vorwürfen Arsène Wengers.

Stattdessen verweist er auf ein anderes Arznei-Phänomen im Fußball: die exzessive Einnahme von Schmerzmitteln: „Bei der WM 2002 nahm jeder zehnte Spieler Schmerzmittel vor jedem Match, zwanzig Prozent bei zwei von drei WM-Spielen und die Hälfte mindestens einmal während des Turniers.“ Allerdings könne man nicht von Doping sprechen: „Das entscheidende Doping-Kriterium ist die künstlich herbeigeführte Leistungssteigerung. Einem gesunden Sportler bringt aber die Einnahme von Voltaren nichts. Ist er müde oder hat er Schmerzen, kann die Leistungsfähigkeit durch die Einnahme von Schmerzmitteln wieder erhöht werden. Die Medikamente helfen, das normale Leistungsniveau zu erreichen, aber sie erhöhen das Niveau nicht. Das ist der Unterschied zu klassischen Doping-Mitteln.“

Spricht hier jemand offen oder spricht hier jemand scheinbar offen? Lenkt Graf-Baumann mithilfe eines kleinen Problems von den großen Problemen ab? Sind seine Zugeständnisse eine Glaubwürdigkeitsstrategie? Wir bleiben zweifelnd.

Que bello! Die „Tropf-Doku“ von Moskau – Fabio Cannavaro (damals AC Parma) lässt sich vor dem Uefa-Pokal-Finale 99 ein angeblich legales Mittel spritzen. Erstaunlich, dass dieses Filmchen an die Öffentlichkeit kam; erstaunlich, dass es überhaupt so offenherzig gedreht wurde; erstaunlich vor allem aber die niedrige Hemmschwelle von einem gesunden Fußballer gegenüber invasiver Arznei.

Die olympische Idee ist zu Tode gesiegt worden

Einer von vielen Kommentaren über das Blendwerk Peking – Ralf Wiegand (SZ) wendet sich ab von den Auswüchsen der Olympischen Spiele 2008: „Der Spitzensport hat es mit seiner Großartigkeit in Peking ganz offensichtlich etwas übertrieben. Um als Vorbild zu taugen, muss die Leistung eines Athleten wenigstens menschlich erscheinen. Die Illusion muss bestehen, dass Talent und Trainingsfleiß ausreichen könnten, um einen Meister zu machen. Usain Bolt aber taugt nicht zum Vorbild. Er, der schaffte, woran eine ganze erwiesenermaßen gedopte Sprintergeneration scheiterte – 9,70 Sekunden über 100 Meter zu unterbieten und überdies die zwölf Jahre alte 200-Meter-Bestmarke zu knacken – kommt sogar seinen direkten Konkurrenten nicht mehr vor wie ein Mensch, sondern wie ein Halluzination. Wer sich ihn zum Vorbild nähme, könnte auch gleich Batman sein wollen. Ähnliches gilt für die programmierten acht Goldmedaillen des US-Schwimmers Michael Phelps oder all die nach chinesischem Staatsplan verwirklichten Siege von gedrillten Turnküken oder maskenhaften Turmspringern. Wem oder was sollte ein Kind da nacheifern wollen: Mit angeblich 16 auszusehen wie eine 10-Jährige? Nicht lächeln zu können auf dem Siegerpodest? Die olympische Idee ist sicher nicht erst in Peking zu Tode gesiegt worden – aber hier besonders.“

Andererseits erkennt Wiegand Zeichen der Gegensteuerung: „Womöglich entwickelt der olympische Wahnsinn aber heilende Kräfte. Im verstörten Publikum bahnte sich in den Tagen von Peking eine interessante Wende an. Zumindest hierzulande ist gelegentlich schon ein wohltuendes Desinteresse zu spüren gewesen an den Nachrichten aus dem olympischen Absurdistan.“

Die Farce aus der Sicht des eigentlichen Opfers attackieren

Wie umgehen mit dem Offensichtlichen, aber Unbewiesenen? american arena entlarvt, in Anlehnung an den deutschen Sprinter und Bolt-Skeptiker Tobias Unger, das vermeintliche Schutzschild Unschuldsvermutung: „Schluss mit der Schimäre der so genannten Unschuldsvermutung, sondern Auftakt für einen neuen Denkansatz, ausgeliehen aus der Strafprozessordnung: den Anfangsverdacht. Wenn nicht sogar den hinreichenden Tatverdacht. Wäre das nicht mal etwas, um die routinierte Abwicklung von hochgehypten Sportereignissen und ihrem Rekordwahn aus dem Gleis zu werfen: Ein Boykott nicht aus sehr abstrakten politischen, sondern aus ganz sportlichen und eigennützigen wirtschaftlichen sowie strafrechtlichen Erwägungen? Nicht mehr starten, wenn eindeutig fragwürdige Personen auflaufen und die Farce aus der Sicht des eigentlichen Opfers attackieren – aus der Sicht des betrugsgeschädigten Athleten? Nicht mehr als Staffage und Pappkamerad zur Verfügung stehen und nicht mehr das absurde Abhalten von Vorläufen und Zwischenläufen rechtfertigen, die keiner braucht, wenn der Gewinner doch sowieso schon feststeht.“

Deutschland ist ganz schön groß

Jürgen Klopp drückt in der SZ erstaunlich eitel seine Verwunderung darüber aus, dass man seine Arbeit noch nicht überall kennt: „Deutschland ist ganz schön groß. Mainz scheint weiter weg zu sein und wird nicht beachtet. Ich habe bei anderen Klubs die Erfahrung gemacht, dass ich mich da erstmal selbst erklären sollte. Ich meine: Was antworten Sie denn, wenn man Sie fragt: Was sind ihre herausragenden Charaktereigenschaften? So was fragt man sich doch gar nicht selber. In Dortmund war das komplett anders. Michael Zorc und später Aki Watzke kannten mich und wollten mich genau deshalb verpflichten. Man hatte den Eindruck, die hatten selber recherchiert, wie ich arbeite.“

Bundesliga

Wiederholungstäter, reif für die Couch

Der 2. Spieltag: Ärger allerorten über Mark van Bommel, den Wüterich, der sich über seine Schläge hinaus als verfolgte Unschuld wähnt; Jürgen Klinsmanns Bayern wieder unentschieden, doch die Umstände des Spiels in Dortmund verschonen ihn vor härterer Kritik; die Freude über Hoffenheim, den offensiven und erfolgreichen Aufsteiger, ist nicht vorbehaltlos; Leverkusen und Stuttgart tauschen die Rollen

Jörg Hanau (FR) greift nach allen möglichen Begriffen, um seine Abneigung gegen den Fußballer Mark van Bommel auszudrücken: „Eigentlich ist Mark van Bommel ein umgänglicher Zeitgenosse. Ein angenehmer Gesprächspartner. Ein intelligenter, höflicher Mensch. Ein Sympathikus, der vier Sprachen spricht (holländisch, deutsch, spanisch und italienisch) und aus Sicht des Trainers den Idealtypen des Kapitäns verkörpert. Aber wenn van Bommel die Kickstiefel anzieht, wird er zum Schlächter, mutiert von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde. Dann scheint er alles um sich herum zu vergessen, taucht ein in ein Paralleluniversum, in dem eine realistische Selbsteinschätzung nicht vorgesehen ist. Van Bommel, daran gibt es keinen Zweifel mehr, ist ein Mann reif für die Couch. Ein Wiederholungstäter – von Einsicht aber keine Spur. Van Bommel gibt vielmehr das Unschuldslamm und fühlt sich als Opfer nicht als Täter. Der Realitätsverlust ist chronisch. Der Mann fühlt sich verfolgt und zu Unrecht als Fußballrüpel geächtet.“

Richard Leipold (FAZ) vermisst Reue: „Van Bommel besaß die Chuzpe, seine Sünden zu den alltäglichen Mitteln sportlicher Konfliktbewältigung zu zählen. Im ‚richtigen’ Strafrecht käme es bei den Richtern nicht gut an, wenn ein einschlägig Vorbestrafter so wenig Einsicht zeigte, eher kämen Zweifel auf, wie es um die Erfolgsaussichten einer Resozialisierung stehe, wenn einem Täter in so kurzer Zeit so oft die Hand oder der Fuß ausrutscht.“

Jan C. Müller (FR) nimmt auch Jürgen Klinsmann in die Pflicht, der sich nicht von seinem Rüpelkapitän distanziert hat: „Es ist mehr Sache der Trainer als der Schiedsrichter, ihre Spieler von den Grundregeln des Fairplay zu überzeugen. Der Reflex, sich vor den Übeltäter aus den eigenen Reihen zu stellen, herrscht aber bedauerlicherweise vor. Auch Klinsmann dürfte sich, getreu seines Mottos ‚lebenslanges Lernen’, in der Causa van Bommel noch einmal hinterfragen.“

So langsam wird klar, dass es einen Zeitpunkt geben könnte, an dem sich die Bayern und ihre Anhänger nach Klinsmanns Vorgänger sehnen könnten; das angebliche Auslaufmodell Ottmar Hitzfeld beginnt, Schatten zu werfen. Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) verliert bald die Geduld mit den sieglosen Bayern und ihrem neuen Trainer: „Mit der Ruhe, die sich Klinsmann erbeten hat, dürfte es vorläufig vorbei sein, und insgeheim ist vermutlich nicht einmal er selber überrascht darüber: Zu gut kennt der ehemalige Bayern-Professional das Münchner Klima, das von hochtrabenden Ansprüchen geprägt ist. Geduld ist zudem keine Münchner Tugend. Doch ausgerechnet die hat sich Klinsmann im Überfluss erbeten. Dabei wurde eine Frage allerdings nur sehr leise gestellt: Warum will Klinsmann maximal zwei Jahre brauchen, um eine Mannschaft zu verbessern, die im letzten Jahr die Liga weitgehend beherrschte und dazu den Cup gewann? Viel Arbeit ist ihm von seinem Vorgänger schon abgenommen worden; hier übernimmt ein Trainer keinen Trümmerhaufen, sondern ein halbwegs intaktes Team.“

Lob hingegen erntet Klinsmann in der SZ für seine Einwechslungen nach der Halbzeit, „der ersten echten Stresssituation seiner Amtszeit.“ Allerdings, runzelt Andreas Burkert mit der Stirn, „verwunderte es sehr, dass Lukas Podolski noch lange warten auf seinen Einsatz musste, was doch, da ihm nun an einem einzigen Nachmittag seine von der EM hinübergerettete Verfassung genommen sein könnte (er verstärkte die Vermutung mit einer kommentarlosen Rekordflucht in den Bus).“

Professionell, fleißig, intelligent

Ein schöner Knochen ist auch dieses Mal der Tabellenführer TSG Hoffenheim, den die Presse aber auffällig vorsichtig anrührt. Zwar jubelt die FAZ über den „perlenden Angriffsfußball“, ansonsten ist die Freude über den Aufsteiger durch Vorbehalte getrübt – Vorbehalte weniger der Autoren, wie es scheint, sondern Vorbehalte der Leser. Vielleicht rechnen die Redaktionen mit erbosten Leserbriefen oder User-Kommentaren, wenn sie nicht zum hundertsten Mal erwähnen, dass Dietmar Hopp kein zweiter Abramowitsch ist, sondern in die Jugend, gute Mitarbeiter und auch in soziale Projekte investiert. Die Kommentare sind durchzogen von Rechtfertigungen und von der Frage bestimmt: Kann man Hoffenheim mögen?

Von Jan Christian Müller (FR) lesen wir: „Nun könnte man den Hoffenheimern und ihrem schwerreichen Gönner Dietmar Hopp vorwerfen, sie würden sich den Erfolg teuer einkaufen. Das wäre zum Teil sogar ein berechtigter Vorwurf. Aber eben nur zu einem Teil. Denn niemand hat je zuvor seine Sache neben einem für Deutschland beispiellosen Millionen-Investment derart professionell, fleißig, intelligent, gnadenlos und perspektivisch angepackt wie Hopp.“

Roland Zorn (FAZ) betont, dass an Hoffenheim nichts zu beanstanden sei: „Der Klub ist eine Bereicherung für die Bundesliga, in der andere, einst als synthetisch verkannte Vereine wie Bayer Leverkusen und der VfL Wolfsburg längst zum Inventar gehören. Wie die von einem Chemie- und einem Automobilkonzern unterhaltenen Werksklubs aus dem Rheinland und dem östlichen Niedersachsen zeigen die Kraichgauer, dass auch ohne eine förmliche Öffnung für Investoren genug frisches Kapital in einen Verein fließen kann, wenn unternehmerische Phantasie und sportliches Know-how zueinanderfinden wollen.“ Ob Leverkusen und Wolfsburg schmeichelhafte Referenzen sind?

Es ist so ungeheuer leicht, Hoffenheim zu hassen

Moritz Kielbassa (SZ) streicht heraus, dass die TSG Anklang finde: „13.500 Dauerkarten und eine ausverkaufte Heimspielpremiere belegen: Erfolg macht sexy, Neugier überwindet Vorbehalte. Mit dem Erfolg, hofft Hopp, soll Hoffenheim vom belächelten, beschimpften Dorfklub zur Leuchtreklame der Metropolregion Rhein-Neckar werden. Die Chancen stehen gut.“

Peter Ahrens (Spiegel Online) erweist den Hoffenheimern die Ehre, ihnen für einen Moment die Rolle der Bayern zu übergeben: „Es ist so ungeheuer leicht, Hoffenheim zu hassen, dass es schon keinen Spaß mehr macht. Ungefähr so einfach, wie über einen George-W.-Bush-Witz zu lachen oder Bahnchef Mehdorn nicht zu mögen. Hoffenheim – ein Verein ohne Wurzeln im deutschen Fußball. Mäzen Hopp – ein Duz- und Golfkumpel von Kaiser Franz. Trikotsponsor – der Axel-Springer-Konzern. Der Trainer – Ralf Rangnick, ein Coach, der sich den richtigen Club ausgesucht hat, um ganz sicherzustellen, dass er sein Image als verkniffener Ehrgeizling auf jeden Fall behalten darf. Und dann spielen sie ihre Hinrunden-Heimspiele auch noch im Stadion von Waldhof Mannheim, dem Oberlippenbart unter den Fußballvereinen, dem man auch knapp achtzehn Jahre nach dem Erstligaabstieg die Schlappners, Dickgießers und Schlindweins dieser Welt noch nicht verziehen hat.“

Mut zur Offensive

Christof Kneer (SZ) notiert, dass das Spiel Stuttgart gegen Leverkusen einen Verlauf genommen hat, der den Erwartungen widersprach: „Das Spiel wirkte wie eine Gegendarstellung zum ersten Spieltag, denn da war die Branche ja noch davon ausgegangen, dass die Stuttgarter Elf eine Zukunft hat und die Leverkusener Elf eine Menge Probleme. Der zweite Spieltag erbrachte eine exakt gegenteilige Erkenntnislage.“ Zorn fügt an: „Der vor einer Woche noch so durchsetzungsfähige VfB bekam kein Bein auf den Boden, und die Leverkusener Spielernaturen spielten robust und angriffslustig die eigenen Vorteile aus.“

Besonders angetan hat es den Chronisten der Leverkusener Sturm; Reinhard Sogl (FR) wirft ein Auge auf Stefan Kießling: „Kießling in der Form von Stuttgart ist der Prototyp des Profis, wie ihn sich Labbadia vorstellt: angriffslustig, laufstark, diszipliniert. Kurzum ein Spieler, mit dem Labbadia seine Fußball-Philosophie umsetzen kann, die da lautet: Mut zur Offensive, Mitarbeit in der Defensive. Und vor allem: taktische Flexibilität.“ Und Kneer schreibt: „Patrick Helmes könnte der Spieler sein, der den Klub verändert. Er besitzt jenen Punch, der Bayer traditionell fehlt.“

Zum Ende ein Zitat, das die Financial Times Deutschland im Radio aufgeschnappt hat: „Gegen die Arminia zu spielen ist wie in einen alten Schuh beißen: Der schmeckt nicht, und satt wird man auch nicht.“

Freitag, 22. August 2008

Deutsche Elf

Einmal ohne die alten Chefs

Den Fußballschreibern sind beim 2:0 Deutschlands über Belgien die ansprechenden Leistungen einiger Spieler aus der zweiten Reihe aufgefallen: allen voran Serdar Tascis und Marko Marins. Dabei schmieren sie Bundestrainer Joachim Löw nochmals die EM aufs Brot, wenn auch die Kritik versöhnlicher klingt. Die Alphatiere Michael Ballack und Torsten Frings sollen wohl genau hinhören

Die SZ schreibt Löw gut, dass er nun „den Konkurrenzkampf demonstrativ angeheizt“ habe. Von Philipp Selldorf heißt es: „Dieses Länderspiel war kein großes Ereignis, aber für den Bundestrainer erfüllte es exakt seinen Zweck. Löw wollte den ersten Schritt aus der Vergangenheit in die Zukunft tun, er wollte die EM und damit auch den Schatten der WM 2006 hinter sich lassen, und dafür bot die Vorstellung gegen Belgien zumindest Anhaltspunkte.“

Jan Christian Müller (FR) rät Löw dazu, die Mannschaftshierarchie zu lockern: „Der Artenschutz, das ist die eigentliche Botschaft der Tage von Nürnberg, ist nun aufgehoben worden. Ob nur als Versuchsanordnung für ein Benefizspiel oder konsequent auch für die Zukunft, muss sich zeigen. Es gibt ein paar Anzeichen, dass Löw den Schmusekurs mit den etablierten Kräften kündigt und nun ganz bewusst Reizpunkte setzt.“

Angesprochen fühlen dürfen sich Michael Ballack und Torsten Frings, aber auch Christoph Metzelder, der als einziger Feldspieler nicht zum Einsatz gekommen ist. Müller atmet auf: „Indem er Metzelder nicht berücksichtigte, räumte Löw den schwersten Fehler seiner an Fehlern sonst armen Amtszeit ein. Konsequent hatte der Coach während der EM ignoriert, dass Metzelder es nach seiner fast halbjährigen Zwangspause nie und nimmer schaffen konnte, sich auch nur annähernd auf internationalem Top-Niveau zu präsentieren.“ Und tatsächlich hat Löw, laut FR, gestanden: „Die Verteidigung war bei der EM nicht so stark und präsent wie bei der WM.“

Kann der kicken!

Roland Zorn (FAZ) glaubt, eine Befreiung gesehen zu haben: „Einige Stammkräfte wie Bastian Schweinsteiger und vor allem Philipp Lahm, der spielfreudigste deutsche Spieler, schienen die Partie zu genießen. Einmal ohne die alten Chefs den Charme der jungen Könner ausspielen zu können animierte gerade die beiden Münchner.“ Das „Gütezeichen des künftigen Stammspielers“, vergibt Zorn dem Neuling Tasci: „So elegant, so wendig, so kombinationssicher wie Tasci ist kein Metzelder, kein Per Mertesacker und schon gar kein Arne Friedrich oder Heiko Westermann.“

Christof Kneer (SZ) meint, dass der Auftritt Marins auch ein Nadelstich für Löw gewesen sein muss: „Einen kleinen Moment lang haben die Deutschen die Spanier nachgespielt: Lahm war Xavi. Marin war Iniesta. Dieses Tor war der Beweis, dass der Spieler im Zweifel immer noch mehr wert ist als das System. Löw hat dieses Tor so nicht in Auftrag gegeben, und zu hoffen steht, dass sich Löw nochmal kräftig geärgert hat, dass er den Mini aus Mönchengladbach nicht zur EM mitgenommen hat.“ Müller stimmt ein, schließt aber versöhnlich: „Umso mehr fragte man sich hinterher, wieso der Bundestrainer David Odonkor und nicht Marin mit zur EM genommen hatte. Es war wohl mehr die Macht des Gewohnten als der Mut zum Neuen. Den hat Löw inzwischen wiedergefunden.“

Die Neue Zürcher Zeitung bescheinigt den Deutschen wegen Marin sogar schon „schöne Aussichten“. Stefan Osterhaus schwärmt: „Wann hat man zuletzt so einen Spieler im DFB-Dress gesehen? Wer diesen Marko Marin beobachtete, der konnte nur staunen. Denn er ist nichts von dem, wonach der Fußball heute verlangt. Marin, geboren im ehemaligen Jugoslawien, fußballerisch sozialisiert in Frankfurt, ist klein (1,70 Meter). Und er ist dürr. Er ist von der Athletik, die Kicker wie Ballack, Drogba und Essien verkörpern, noch ein großes Stück weiter entfernt als ein deutscher 100-Meter-Läufer vom Olympiasieg. Aber er kann kicken.“

Er schreibt so, wie er früher Fußball gespielt hat

In der NZZ lesen wir auch über das harzige Comeback Marcello Lippis beim 2:2 Italiens gegen Österreich; Wolfsburg Barzagli kommt schlecht weg; aber Lippi habe Kredit bei den Medien: „Vorgänger Roberto Donadoni wäre bei einer ähnlichen Vorstellung seiner Mannschaft von den Medien geschlachtet worden.“ Außerdem: Ottmar Hitzfelds Debüt in der Schweiz (4:1 gegen Zypern).

Die FAZ überliefert uns ein Zitat Hitzfelds, der mit einem unliebsamen Bericht konfrontiert wurde: „Ich kenne diese Zeitung nicht, aber den Journalisten. Er schreibt so, wie er früher Fußball gespielt hat.“

Mittwoch, 20. August 2008

Ball und Buchstabe

Ich werde überall gebraucht

Johannes Kerner reist um die halbe Welt, um für uns das deutsche Länderspiel zu moderieren / Franco Sensi, Roms Präsident und ein Koloss, ist gestorben / Schlechte Manieren im Olympia-Pressezentrum

Dem Medien-Teil der FAZ entnehmen wir aufschlussreiches zur Frage, was mit unseren Gebührengeldern geschieht: Johannes Kerner wird heute extra für die TV-Übertragung des Länderspiels Deutschland gegen Belgien (in Nürnberg) aus Peking, wo er jeden zweiten Tag mit Katrin Müller-Hohenstein das Olympia-Studio moderiert, eingeflogen – und anschließend wieder zurück. In dem Text geht es um das Gerücht, dass die ARD für Sportler-Interviews zahle. Auslöser für diese Spekulation, die ein hochrangiger Redakteur des Bayerischen Rundfunks verärgert in die Welt gesetzt hat, war die Weigerung der Olympiasiegerin Britta Steffen, bei „Waldi und Harry“ aufzutreten, von der FAZ sinnigerweise als „Blödelsendung“ bezeichnet.

Michael Hanfeld erinnert die ARD an ihre schlechten Erfahrungen mit der Scheckbuchstrategie: „Geld für Interviews zu zahlen, das sollte bei der ARD spätestens seit den anrüchigen Verträgen aus der Mode gekommen sein, die zu Beginn des Jahrtausends mit Jan Ullrich geschlossen worden waren. 195.000 Euro Gebührengelder hatte der Senderverbund pro Jahr lockergemacht, um den Pedaleur exklusiv vors Mikro zu bekommen, dabei war die ARD ohnehin Partner des Teams Telekom bei der Tour de France.“

Oskar Beck (Stuttgarter Zeitung) nimmts mit Humor: „Das sind die Momente, in denen sich jeder Kerner-Fan unter den Fußballverrückten freut und der nörgelnde Gebührenzahler sich fragt, ob er seinen Ohren noch trauen darf. Doch reden wir nicht kleinlich über Peanuts, sondern über das wirklich Wichtige, also Kerners Wichtigkeit. Dazu fällt uns spontan die kleine Anekdote vom großen Bühnenstar ein, der durch die Hintertür beifallumrauscht aus dem Schauspielhaus schwebt, ins Taxi steigt und befiehlt: ‚Los!’ ‚Wohin?’ fragt der Chauffeur. ‚Egal’, treibt ihn der Star zur Eile, ‚ich werde überall gebraucht.’“

Der Blogger und Medienjournalist Stefan Niggemeier hat jüngst in Kerners Interview mit dem vierfachen Olympiasieger von 1996 und 2000 Michael Johnson eine Konstante im Wirken Kerners erkannt, nämlich dem seichten Als-ob-fragen. So sehr ich Niggemeier prinzipiell zustimme – in diesem Fall kann ich Kerner nicht viel vorwerfen. Er hat nicht lockergelassen, obwohl sich das (dämliche) Publikum auf Johnsons Seite schlug. Hier eine SZ-Kritik zu dem Thema.

Koloss

Peter Hartmann (Neue Zürcher Zeitung) erweist dem verstorbenen Präsidenten des AS Rom die letzte Ehre: „Franco Sensi war ein Koloss im römischen, aber auch im italienischen Fußball. Er entstammt einer Dynastie römischer Milch- und Käseproduzenten, die bis ins Jahr 1605 nachgewiesen ist.“ Größtes Verdienst Sensis, neben der Meisterschaft 2001, sei es, „Luciano Moggi aus Rom verjagt und schon damals als unredlichen Geschäftemacher kritisiert“ zu haben.

Dem Text entnehmen wir auch, dass Sensis Tochter Rosella, die Roms Geschäfte inzwischen führt, ihren Angestellten zehn Gebote dargebracht hat; eins darunter lautet: „Du sollst beim Training möglichst nicht telefonieren.“

Aus der Endlosreihe „Männer ohne Prinzipien – im sportmedienblog sind einige widersprüchliche Aussagen Uli Hoeneß’ und Karl-Heinz Rummenigges zum Thema TV-Vermarktung gelistet, die sie in den letzten drei Jahren zum besten gegeben haben.

Rotzer, Rülpser, Fürze

Jens Weinreich hält sich Nase und Ohren zu: „Sportjournalisten sind nicht nur gern Fans, gerade wird in einer Ecke wieder mächtig geklatscht und gejubelt, auch ihre Tischmanieren lassen zu wünschen übrig. Ich weiß, andere Kulturen, Sitten und Bräuche, ich muss das verstehen. Ja wirklich? Was hier im MPC ganz offen gerotzt, gerülpst und gefurzt wird, ist doch äußerst gewöhnungsbedürftig. Aber wenn halt die Kulturen so sind. Kann aber auch sein, dass ich nach drei Wochen ein bisschen überempfindlich geworden bin.“

Bundesliga

Schlampiger Angreifer von Gottes Gnaden

Ein paar Bröckchen über Claudio Pizarros Comeback in Bremen

Ralf Wiegand (SZ) schreibt erleichtert über die Abwesenheit von Pathos: „Das Angenehme an diesem Wechsel ist, dass sich erst gar niemand die Mühe macht, der Rückkehr Pizarros irgendetwas Romantisches anzudichten. Zweckmäßiger kann eine Verbindung zwischen einer Fußball GmbH und Co. KG auf Aktien und einem kickenden Kleinunternehmer kaum sein.“

Frank Hellmann (Stuttgarter Zeitung) über Vor- Und Nachzüge Pizarros: „Es gibt nicht wenige, die sagen, dieser Angreifer ist von Gottes Gnaden begabt; seine Ballbehandlung ist ausgezeichnet, seine Bewegungen sind geschmeidig, sein Instinkt ist ausgeprägt. 100 Bundesligatore für Werder und Bayern (in 230 Spielen) schießt man nicht einfach so. Und doch haftet ihm der Ruf einer gewissen Schlampig- und Schludrigkeit an.“ Frank Heike (FAZ) fügt an: „Bei Werder gilt Pizarro als gesetzt. Schon am Samstag gegen den FC Schalke könnte der Bremer Königstransfer dieser Saison dabei sein.“

Hellmann registriert erhöhte Bremer Aufmerksamkeit: „Wegen ihm gab es eine Pressekonferenz, auf der sich 25 Kamerateams drängelten; wegen ihm standen 500 Werder-Fans Spalier, klatschten Beifall und juchzten bei jedem Tor.“ Wegen ihm?! Oder seinetwegen? Erläuterungen unter Inanspruchnahme von Nicki und Udo Jürgens liest man hier.

Deutsche Elf

Konsensstil steht auf der Probe

Joachim Löw versucht ab heute, im Spiel gegen Belgien, verlorenen Kredit wiederzuerlangen und seine Kritiker davon zu überzeugen, dass er den Mut hat, sich auch mit etablierten Kräften wie Michael Ballack und Torsten Frings anzulegen / Mario Gomez spricht über Österreich, Serdar Tasci vor dem Debüt / Belgiens Fußball hat Vergangenheit und Zukunft, aber keine Gegenwart (FAZ)

Joachim Löw muss sich neu bewähren – das belegen die Kommentare in der Presse, die dem Bundestrainer vorwirft, zu weich gehandelt zu haben. Im Hinterkopf ist natürlich die spielerisch mittelmäßige Europameisterschaft der deutschen Elf, auch von internen Konflikten ist die Rede. So liest man in der SZ, dass das Geplänkel zwischen Michael Ballack und Oliver Bierhoff nach dem Finale tiefer liegende Ursachen habe und Ballack bis heute darauf verzichte zu beschwichtigen. „Die Beteiligten werden keine Freunde mehr werden“, mutmaßt Philipp Selldorf und merkt zudem an, dass Ballacks Status im Team gesunken sei: „Ballack ist nicht mehr unumstritten, sein Führungsstil wurde von Teamkollegen als despotisch empfunden. Vor allem erfahrene Mitspieler bemängeln, dass er sich während der EM nicht solidarisch verhalten habe, und dass er seine Sonderstellung, die ihm als Star und Kapitän zugestanden wird, nicht durch besondere Leistungen bestätigt habe.“

Auch die FR befasst sich mit Ballack: „Einige Spieler waren bei der WM und in der EM-Qualifikation sehr stark“, gibt sie Löw wieder, „aber es drängen junge Spieler nach, und es zählt die Leistung jetzt.“ Jan C. Müller stellt klar: „Übersetzt heißt das erstens: Ballack und Frings, beide bald 32 Jahre alt, waren bei der EM selber nicht sehr stark. Und zweitens: Das Leistungsprinzip, das Löw in Einzelfällen durch das Prinzip Erfahrung aufgeweicht hatte, wird wieder konsequenter angewandt.“

Michael Neudecker (Berliner Zeitung) stimmt ein: „Frings und Ballack, einst als Kraftzentrum des deutschen Spiels international gerühmt, sind nicht mehr unanfechtbar.“ Auch Roland Zorn (FAZ) wittert Umwälzungen: „Es tut sich was in einer Mannschaft, die bei der EM noch stark bestimmt war von jenen Profis, die seit Jahren das Profil des Teams geprägt haben.“

„Form und Fitness kommen vor Namen“, gibt Löw vor. In den Redaktionen gibt es aber Zweifel an seinem Mut, Änderungen durchzusetzen. „Jetzt gibt es einen neuen Abschnitt, und der läuft nach dem Leistungsprinzip“, zitiert Zorn den Coach, doch fragt er zugleich: „Galt das etwa nicht für den Abschnitt davor?“ Und die SZ spricht von Löws „Konsensstil“, der zur Probe stehe.

Die FAZ bringt den braven Thomas Hitzlsperger als Herausforderer ins Spiel, den man folgend zitiert: „Ballack und Frings sind zwei starke Spieler, die es zu verdrängen gilt. Ich habe von beiden viel gelernt, aber ich möchte sie eines Tages ablösen.“ „Zeit der Kampfansagen“, titelt die FAZ etwas grell. In der FR liest man: „Löw wird verdächtigt, die Wortwahl zuvor mit Hitzlsperger und Simon Rolfes zumindest in Teilen abgesprochen zu haben.“

Perplex

Mario Gomez lässt in der Stuttgarter Zeitung seinen großen Auftritt aus dem Österreich-Spiel Paroli laufen: „Eine verrückte Szene, die ich leider noch ein paar Mal im Fernsehen gesehen habe. Es kann in so einer Situation passieren, dass man den Ball nicht richtig trifft. Was nicht passieren darf, ist, dass man nicht nachsetzt und zum Kopfball hochgeht. Da war ich zu perplex und habe gedacht: jetzt treff ich das Tor schon wieder nicht. Ich war verunsichert.“

Kampf um Talente

Stefan Hermanns (Tagesspiegel) nimmt das bevorstehende Debüt Serdar Tascis zum Anlass, über Integration im Fußball zu recherchieren: „Das türkische Element im deutschen Fußball ist immer noch überschaubar. Anders als umgekehrt. Als die Türken 2002 Dritter der Weltmeisterschaft wurden, waren die so genannten Almancilar, die Deutschländer Bastürk, Davala und Mansiz, entscheidend an diesem Erfolg beteiligt. Den Kampf um die Talente gibt es immer noch – aber er wird nicht mehr so erbittert geführt. Beim DFB heißt es, man akzeptiere, wenn sich Jugendliche für die Türkei entschieden. Der Verband kann sich das leisten. In Deutschland gebe es wieder so viele gut ausgebildete Talente, dass gar nicht alle für Deutschland spielen könnten.“

Die Neue Zürcher Zeitung staunt im Vorspann: „Unglaublich, aber wahr: Deutschland hat ein Torhüterproblem“, kann die Brisanz, die hier angedeutet wird, im Text jedoch nicht vermitteln. Hier passt die Verpackung nicht zum Inhalt.

Mit Vergangenheit und Zukunft, aber ohne Gegenwart

Christian Eichler (FAZ) widmet sich dem Gegner: Der belgische Fußball habe eine Vergangenheit (EM-Zweiter 1980 und WM-Vierter 1986) und eine Zukunft, aber keine Gegenwart: „Dass der Verband als Nachfolger des gescheiterten Trainers René Vandereycken niemanden anders als wieder Vandereycken fand, der eine ‚neue Chance’ erhielt, sah nicht wie ein Neuanfang aus. Vandereycken gilt als Mann von gestern, er pflegt einen eher defensiven, langsamen Fußball, der immer öfter auch von den Spielern selbst kritisiert wird.“

Fußballbelgiens Zukunft, das Olympia-Team, wird übrigens nach einer 1:4-Niederlage gegen Nigeria am Freitag gegen Brasilien um Bronze spielen. Bezeichnend, dass das belgische Fernsehen das Spiel offenbar nicht live überträgt – nicht gerade eine Ehrerbietung für den deutschen Fußball.

FR-Kleinportrait Daniel van Buyten

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