indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Mittwoch, 27. Februar 2008

Bundesliga

Bild des Elends

FAZ segnet die Entlassung des Bielefelder Sportgeschäftsführers Reinhard Saftig / Schalker Trainerdebatte offenbart Führungsschwäche / Hamburger Trainer-Scouting – Fred Rutten, der Neue?

Ungewöhnlich deutlich billigt Roland Zorn (FAZ) die Entlassung Reinhard Saftigs in Bielefeld: „Es ist keine Stimmungsmache, an der Sportgeschäftsführer gescheitert ist. Der 56 Jahre alte Trainer von gestern hatte letztlich eine desaströse Arbeitsbilanz vorzuweisen und geht deshalb eher zu spät als gerade noch rechtzeitig. Immer wenn Führungsqualitäten bei dem Verein gefragt waren, der jahrelang notorisch zwischen der Ersten und Zweiten Bundesliga pendelte, hat sich Saftig lieber verdrückt, als Position zu beziehen. Und wenn er dann vor die Mikrofone trat, gab er ein Bild des Elends ab mit seinen verdrucksten und quälend peinlichen Äußerungen ohne jedes Selbstbewusstsein. Ob er der Urheber für jede sportlich falsche Personalentscheidung seiner unglückseligen Amtszeit war oder nicht, ist am Ende unerheblich: Saftig trug für sein Arbeitsgebiet, dem er nicht gerecht wurde, die Verantwortung und steht damit als ein Hauptschuldiger an der derzeitigen sportlichen Misere des stark abstiegsbedrohten Bundesliga-Klubs da. (…) Dass der von Saftig geholte Trainer Michael Frontzeck vielleicht auch schon bald Vergangenheit ist, rundet den leicht chaotischen Eindruck ab, den die Arminen derzeit auf mehreren Ebenen erwecken.“

Zu einem Topklub gehört auch eine Topführung

Von „Handlungsbedarf“ in der Trainerfrage hat der der Schalker Vorstandsvorsitzende Josef Schnusenberg gesprochen und von dem Wunsch nach einem Trainer von internationalem Rang. Die Financial Times schreibt in den Titel: „Mobbing von ganz oben“, auch wenn Schnusenberg nun sagt, er wolle Ruhe geben.

Philipp Selldorf (SZ) kann die Unzufriedenheit mit Mirko Slomka nachempfinden: „Man kann diese Signale der Distanzierung verstehen, denn der sportliche Zustand gibt Anlass zu Zweifeln. Nur ist der Zeitpunkt, die Zweifel öffentlich zu machen, der denkbar ungeschickteste. Am Samstag kommen die Bayern, dann spielt man das Champions-League-Achtelfinale in Porto. Wie geht eine Mannschaft auf den Platz, die von ihrem Trainer weiß, dass der Vorstand ihn nur noch mit Schonfrist gewähren lässt – und das widerwillig? Die von Slomka verantwortete fußballerische Entwicklung lässt derzeit klare Anzeichen von Stillstand erkennen. Schalke spielt einen einseitig physischen Fußball, der Gegner wird weniger ausgespielt als gewaltsam überwunden. (…) Abwarten und Ruhe bewahren bis Porto, heißt es nun. Slomka darf sich ein letztes Mal als Überlebenskünstler betätigen.“

Arnd Festerling (FR) spöttelt über die externe Kommunikation der Schalker: „Vollends zur Farce gerät die Aufführung, wenn Herr Schnusenberg sagt, er müsse nun auf den inneren Frieden achten und sage daher in der Sache nichts substanzielles mehr. Wohlgemerkt, hier spricht der Brandstifter höchstselbst. Kleiner Tipp: Zu einem Topklub gehört nicht nur eine Topmannschaft mit einem Toptrainer, sondern auch eine Topführung. Und da ist noch Luft nach oben.“

Umfangreiches Scouting

Hat der HSV nun einen neuen Trainer gefunden? Der Holländer Fredericus Jacobus Rutten, derzeit Trainer und Manager bei Twente Enschede, scheint’s zu werden, hat die FAZ gehört. „Sollte es so kommen, darf man auf den hierzulande Namenlosen gespannt sein.“ Hier lesen Sie erste Eindrücke.

Vor drei Tagen hat Frank Heike (FAS) über die außergewöhnliche, weil gezielte Hamburger Trainersuche berichtet: „Die konservative Bundesliga staunt über die modernen Methoden der Manager beim HSV: Ein Assessment Center für einen Bundesliga-Trainer – wann hat es das schon mal gegeben? Zur Einstellung eines Trainers in der Bundesliga gehören traditionell ganz viel Bauch und relativ wenig Kopf. Der HSV in Person von Bernd Hoffmann, Dietmar Beiersdorfer und Katja Kraus macht es anders. Auf der zunächst langen, nun immer kleiner werdenden Liste der Kandidaten sind Fachkompetenz und Flexibilität beurteilt worden, Ansehen und Ausstrahlung, Medienumgang und Motivationskünste. Scouts des HSV haben Trainingseinheiten besucht und Pressekonferenzen – verdeckt. Welcher Gastro-Kritiker würde seine Identität im Restaurant preisgeben? Sogar der Umgang mit den Fans bei Autogrammstunden wurde beurteilt. Herausgekommen sind Berge von Papier auf Hoffmanns Tisch; ein umfangreiches Scouting, das bei Spielern längst normal ist. Doch bei Trainern? Das Verhalten des HSV ist ohne Beispiel in der Liga. Denn hier galt ja bislang das Prinzip Karussell: Wer irgendwann heruntergestiegen (oder herabgefallen) war, stieg an einem anderen Ort wieder auf. Die Qualifikation: vor allem Stallgeruch.“

Im Blickpunkt des HSV stünden drei Kandidaten: Jürgen Klopp, Bruno Labbadia und eben Fred Rutten. Oder gibt’s doch mehr Kandidaten, die der HSV genau beobachtet? Steckt hierhinter Leser-Reporter Dietmar B.?

SZ: Heikler Zeitpunkt – das Bundeskartellamt lässt die Räume des DFB und der DFL durchsuchen; zuvor hatten die Fußballmanager Rummenigge und Peters vorgesprochen

Dienstag, 26. Februar 2008

Internationaler Fußball

Ein bis zwei Nummern zu groß für Avram Grant

Das Ligapokalfinale in England zwischen Tottenham und Chelsea (2:1): ein Duell der Trainer

Raphael Honigstein (SZ) liest die 1:2-Niederlage Chelseas im Ligapokalfinale gegen Tottenham als das Scheitern dessen Trainers: „Gegen die nominell unterlegenen, aber vom Spanier Juande Ramos perfekt eingestellten Spurs gelang es Avram Grant, Chelseas erstes Finale in der Ära Abramowitsch zu verlieren. Mourinho hatte drei von drei Endspielen gewonnen, darunter auch das Ligapokalfinale von 2005 gegen Liverpool. Diese erste Trophäe hatte der Mannschaft den Glauben an die eigenen Fähigkeiten gegeben; Grants erste große Niederlage bestätigt dagegen nur alle Zweifler. In Anlehnung an Mourinhos Spitzname ‚The Special One’ (der Besondere) wurde Grant wahlweise als ‚Silent One’ (der Stumme), ‚Ordinary One’ (der Gewöhnliche) oder ‚Puzzled One’ (der Verwirrte) verspottet; fassungslos hatte man mitangesehen, wie die Assistenten Steve Clarke und Henk ten Cate vor der Verlängerung Appelle an die Mannschaft richteten – während sich der Teamchef ratlos am Schädel kratzte. Halbherzig beklagte er sich hinterher über die Schiedsrichterleistung, alles schien in dem riesigen Stadion ein bis zwei Nummern zu groß für ihn.“

Hanspeter Künzler (Neue Zürcher Zeitung) deutet Tottenhams Sieg als Erfolg dessen Coachs: „Neun Jahre sind verstrichen seit dem letzten Trophäen-Gewinn der Spurs, dem Ligacup. Drei Saisons lang wurde unter dem jovialen holländischen Manager Martin Jol ein Haufen Mittelfeldspieler angeschafft, aber zu dem vom Besitzer, der Investitionsfirma Enic, verlangten Spitzenrang hatte es nie gereicht. Jol wurde im letzten Oktober durch Juandé Ramos ersetzt, der in Sevilla innert zweieinhalb Saisons fünf Pokale gewonnen hatte. Ramos ließ die Spurs-Spieler zuerst heftig abspecken, dann kaufte er von Middlesbrough den Innenverteidiger Woodgate. Prompt wurde im Halbfinal des Ligacups Arsenal 5:1 vom Platz geputzt. Mit einer Equipe, die auf jedem Posten frischer wirkte, rangen die Spurs jetzt auch noch den Favoriten Chelsea nieder. Man fühlt sich in den Februar 2005 zurückversetzt. Damals gewann José Mourinho mit Chelsea seine erste Trophäe – den Ligacup.“

Der wöchentliche Podcast des Guardian befasst sich mit dem Liga-Cup-Finale, aber auch mit dem Foul an Eduardo und mit den Rüpeleien aus der Bundesliga (O-Ton Raphael Honigstein). Vorsicht, mehr als eine halbe Stunde!

Bundesliga

Van Bommel ist der holländische Lothar Matthäus

Vorbild Mark van Bommel? / Torwartwechsel in Nürnberg? / Michael Frontzeck, Bielefelder „Sündenbock“ (11 Freunde)

Peter Heß (FAZ) wäre Mark van Bommel fast, aber wirklich nur fast, auf den Leim gegangen: „Die Erkenntnis, Sekunden vor dem Abpfiff vom Schiedsrichter um die Teilnahme am Schlagerspiel in Schalke gebracht worden zu sein, ließ van Bommel jegliche gute Erziehung vergessen. Erst applaudierte er dem Unparteiischen höhnisch für seine Entscheidung. Das ließ sich Lutz Wagner noch gefallen. Dann schlug sich der Holländer aber auch noch mit der linken Hand in die rechte Armbeuge; der Unterarm schnellte hoch – die international gebräuchliche Geste, um jemandem seine Verachtung auszudrücken. Van Bommel versuchte sich nach dem Abpfiff damit herauszureden, er hätte sich selbst mit dieser Geste gemeint. Nun ja, es gab schon glaubwürdigere Formen der Selbstverteidigung.“

In der Kommentarspalte auf YouTube schreibt ein Holländer: „Ich bin so froh, dass er nicht mehr für Oranje spielt. Van Basten liegt richtig. Van Bommel ist der holländische Lothar Matthäus.“ Welch eine Beleidigung! Wird das wieder Debatten über die Müllkippe Internet auslösen? Hat sich die SZ schon zu Wort gemeldet? Ich meine: Wenigstens hat er ihn nicht mit dem „Führer“ verglichen.

Christian Zaschke (SZ) beschneidet die Auswüchse der Gomez-Franz-Diego-Kyrgiakos-Bimmel-und-Bommel-Debatte: „Wenn nicht in den Diskussionen stets von der Vorbildfunktion der Profis gesprochen worden wäre. Fußballer spielen ein immer körperliches, bisweilen brutales Wettkampfspiel, in dem sich an der Spitze extrem viel Geld verdienen lässt. Es ist naiv zu glauben, dass einem solchen System freundliche Vorbilder für die Gesellschaft erwachsen. Die muss man sich, wenn überhaupt, ganz woanders suchen.“

Ängstlicher und verzweifelter Pokalsieger

Oliver Trust (FAZ) legt dem Nürnberger Trainer nach dem 1:1 gegen Cottbus den Entschluss nahe, seinen Torhüter zu tauschen: „In diesem Fall muss von Heesen nicht lange nachdenken. Zu offensichtlich ist das Zerwürfnis zwischen Blazek und den Nürnberger Anhängern. Mit Daniel Klewer steht eine gute Nummer zwei bereit. Zudem könnte eine ordentliche Prise gereizte Stimmung manchen ‚Clubberer’ aus seiner Lethargie reißen. Während sich die Cottbuser vis-à-vis den Anforderungen des Abstiegskampfes wesentlich wohler fühlen, lässt sich in Nürnberg die gefährliche Ansicht, man sei doch schließlich eine gute Mannschaft, die im Tabellenkeller eigentlich nichts zu suchen habe, nur schwer aus den Köpfen vertreiben. Zu lange und zu laut ließen manche den Pokalsieger von 2007 hochleben. Auf dem Rasen aber präsentiert sich eine verunsicherte Mannschaft, die ängstlich und verzweifelt immer weniger in der Lage ist, ein Spiel mit Profil aufzubauen.“

Sündenbock

Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) sucht bei Bielefelds Trainer vergebens nach Format: „Michael Frontzeck mangelt es an den wesentlichen Zügen seiner Vorgänger: Weder verfügt er über den brachialen Charme Middendorps, noch nennt er den systematischen Ansatz sein eigen, mit dem Rapolder und von Heesen die Mannschaft unterwiesen und einen gepflegten Konterfußball zum Bielefelder Merkmal machten. Deswegen merken Zyniker an, dass der Klub einen Nothelfer verpflichtet hat, dessen Referenz allein im Abstieg mit Alemannia Aachen besteht. Dort wirkte Frontzeck wie ein Novize, der sich Autorität zu verschaffen versuchte, indem er den besten Aachener, Schlaudraff, disziplinieren wollte. Das Experiment misslang.“ Erstaunlich ist, dass Osterhaus große Sympathie im Fußballland für den Klub ausgemacht hat: „Allfälligen Defiziten zum Trotz wünschen der Arminia den Abstieg nur die unmittelbaren Mitbewerber. Um den Klub aus der zentralen Randlage wäre es der wunderbaren Dramen wegen einfach zu schade.“

Stefan Hermanns (11 Freunde) zieht die Klubführung an den Ohren: „Frontzeck werden ja inzwischen sämtliche Fehlentwicklungen bei der Arminia angelastet – und langsam erschließt sich, was die Vereinsführung mit seiner Anstellung als Trainer eigentlich bezweckt hat: Sie brauchte einen Sündenbock, um von eigenen Versäumnissen abzulenken. Es ist noch nicht lange her, da schien die Arminia ihr graumäusiges Image abzuwerfen; da stand sie für modernen Fußball, für konzeptionelles Arbeiten. Inzwischen steht sie für Chaos in der Führung, für mangelnde sportliche Kompetenz, die durch ein Übermaß an Kommunikation verschleiert werden soll.“

Ascheplatz

Irritierendes Signal

Karl-Heinz Rummenigges Lobbying beim Bundeskartellamt provoziert eine Erneuerung der Diskussionen um Einzelvermarktung und die Solidarität in der Bundesliga

Matti Lieske (Berliner Zeitung) verortet den Besuch Rummenigges beim Bundeskartellamt in guter alter FC-Bayern-Tradition: „Wieder einmal sind die Münchner offenbar entschlossen, die seit jeher ungeliebte Zentralvermarktung der Fernsehrechte zu kippen. Gegen die Verteilung der TV-Gelder unter den Profiklubs nach einem – erfolgsorientierten – Solidaritätsprinzip hatten sie schon früher diverse Angriffe gestartet. Einmal ließen sie sich gar vom Hause Kirch eine Art geheime Stillhalteprämie zahlen, und als die Sache heraus kam, war es ihnen kein bisschen peinlich. Ein anderes Mal deutete Franz Beckenbauer an, man könne ja auch in Italien mitspielen, wenn sich die Bundesliga so ziere. Jetzt wäre es dem Klub, der sonst gern gegen jede Einflussnahme seitens des Staates oder der EU wettert, scheinbar auch nicht peinlich, wenn er sich bei der Jagd nach zusätzlichen Millionen hinter dem Kartellamt verstecken könnte. Und dass man gerade 80 Millionen Euro für Spieler ausgegeben hat und immerhin auf Platz sieben der Liste der reichsten Klubs gelandet ist, trägt erst recht nicht zur Mäßigung bei.“

Roland Zorn (FAZ) erkennt eine kleine Differenz zwischen Wort und Tat: „Dem Besuch des Münchner Konzernchefs beim Bundeskartellamt haftet so gar nichts Solidarisches mit den Interessen der anderen Bundesligateilnehmer an. Da auch die Bayern wissen, dass die Bonner Behörde die Segnungen oder Verwerfungen der Zentralvermarktung im Auge und unter Kontrolle behält, geht von dem Besuch eines der ersten Ligarepräsentanten ein irritierendes Signal aus. Das Kartellamt ist aber auch darüber im Bilde, dass außer den Bayern so gut wie alle anderen Bundesligaklubs an der bisher geübten und für den Konsumenten durchaus nicht schädlichen Zentralvermarktung festhalten wollen. Da in Italien demnächst die Einzelvermarktung der Fernsehrechte an der Serie A zugunsten eines Gesamtmodells à la Bundesliga oder Premier League gekippt werden soll, weist der paneuropäische Trend mehr in Richtung der in Deutschland üblichen Praxis.“

Zorn beschäftigt sich zudem skeptisch mit den möglichen Folgen einer Einzelvermarktung für die Liga: „Für die Bayern viel mehr Geld, hieße auch, dass das Gros der Vereine von den Brosamen leben müsste, die beim Geldverteilungsmachtkampf übrig blieben. Was das für die Wettbewerbssituation innerhalb der Bundesliga bedeutete, kann sich jeder ausmalen. Was heute noch reizvoll und einigermaßen ausbalanciert erscheint, geriete aus den Fugen. Das Sozialsystem Bundesliga wäre nachhaltig gestört. Besser wäre es, die Bayern blieben dem bewährten Ausgleichssystem treu und verschafften sich dazu exklusiv ein paar weitere Pfründe – etwa über die Auslandsvermarktung der Liga. Wer den Blick über die Superreichen in der Serie A und der Primera División hinaus richtet, sieht schnell, dass italienische und spanische Ligaverhältnisse in der Summe alles andere als nachahmenswert sind.“

Rückblick: Profitiert eine Liga von mehr Ausgeglichenheit? Muss mehr reguliert und umverteilt werden? Der Economist (London) findet ein paar gute Gründe, die dagegen sprechen
taz: Reicher armer Schlucker – der FC Bayern gehört zu den umsatzstärksten Klubs der Welt, doch ein paar der Großen scheinen unerreichbar; die Bundesliga hält bei TV-Einnahmen einfach nicht mit
SZ: Studie: Bei der Vermarktung von Fußball-Klubs wird sich einiges ändern

FAZ: Der G14 wird keine Träne nachgeweint

taz: Premier League will ihre Haut noch öfter zu Markt tragen – diesmal soll ein ganzer Spieltag exportiert werden

Montag, 25. Februar 2008

Internationaler Fußball

Ein Mörder muss auch nur einmal töten

Raphael Honigstein (FR) schließt die Augen beim Foul an Eduardo und ärgert sich über die Diskussion darüber: „High tackle nennt man auf der Insel solche gemeingefährlichen Tritte von oben euphemistisch. Ist der Ball noch irgendwo in der Nähe, wird der Täter oft komplett entlastet. Kommt er, wie Taylor, deutlicher zu spät, sprechen ihm die Fachmänner meist jede Absicht ab. Dazu schwört der eigene Trainer, dass der Mann garantiert kein dirty player (schmutziger Spieler) sei. So war es auch am Samstag. Fast noch schockierender als Eduardos Unglück war der Sanftmut, mit der Taylors Vergehen von den so genannten Fernsehexperten bewertet wurde. Der ehemalige Nationalspieler David Platt wollte sich kein Urteil erlauben, in der BBC kam Mark Lawrenson zur Erkenntnis, das Foul sei ‚in erster Linie tollpatschig’ gewesen. Ähnlich hatte der einstige Liverpooler schon nach dem lebensgefährlichen Tritt von Stephen Hunt gegen den Kopf von Chelsea-Torwart Petr Cech im Oktober 2006 argumentiert. Da sich Vorsatz nicht beweisen lässt, muss es im Umkehrschluss ein Unfall gewesen sein. Diese bequeme Lesart führt dazu, dass in der Premier League ein Klima der groben Fahrlässigkeit herrscht. Fußball soll Männersport bleiben, die eine oder andere katastrophale Verletzung muss man dafür in Kauf nehmen. Es war wieder mal dem Ausländer Wenger vorbehalten, die institutionelle Brutalität des englischen Fußballs offen zu geißeln. ‚Wir hören immer er ist nicht der Typ dafür oder anderen Unsinn, aber ein Mörder muss auch nur einmal töten. Das reicht doch schon.’“

Auf Clips und Fotos verzichten wir an dieser Stelle.

Bundesliga

Diego, ein Opfer?

Diego und Kyrgiakos spielen Zidane und Materazzi; Mario Gomez nennt seinen Gegenspieler im Fernsehen ein „Arschloch“ (das zitiert man doch gerne, oder? Dokumentationspflicht); Michael Frontzeck hat in Bielefeld jeden Kredit verspielt (Kredit? Welchen Kredit?); Schalkes Keeper Manuel Neuer zieht momentan das Pech an; Felix Magaths Wolfsburg gewinnt an Kontur – die Pressestimmen zum 21. Spieltag

Ein Spieltag mit viel Gift: Diego und Kyrgiakos spielen Zidane und Materazzi, Mario Gomez nennt seinen Gegenspieler im Fernsehen ein „Arschloch“ (wir zitieren das doch gerne, liebe Kollegen, oder? Dokumentationspflicht), Michael Frontzeck hat in Bielefeld jeden Kredit verspielt (Kredit? Welchen Kredit?). Außerdem Manuel Neuer zieht momentan das Pech an.

Zu Diego ist das gleiche zu sagen wie zu Zidane: Kann es nicht sein, dass er in dem entscheidenden Moment deswegen so gereizt war, weil er fair vom Ball getrennt wurde? Das trifft einen Künstler viel mehr als ein Foul, das er ja als Kompliment nehmen kann. Die Leute vom Fernsehen konnten beim Frankfurt-Spiel noch so viel nach harten Fouls an Diego suchen – ihre These, dass es sich um die Revanche des Opfers handele, konnten sie nicht stützen. Nebenbei: Geht’s Kyrgiakos eigentlich wieder besser? Er hat ja offensichtlich arge Schmerzen gehabt. Doch im Vergleich mit England ist, wie wir gerade wieder erfahren, das, was sich Bundesliga-Profis antun, Händchenhalten.

Gomez’ Charakteranalyse Maik Franz’ können und möchten wir nicht weiter prüfen, doch dass Oliver Bierhoff und andere Zitat zum Anlass nehmen, sich über „Persönlichkeiten“ zu freuen, die „nicht stromlinienförmig“ Tacheles reden, erstaunt mich … eigentlich nicht. Also, wenn es im Fußball genügt, jemanden ein „Arschloch“ zu nennen, um als Persönlichkeit zu gelten … Persönlichkeit könnte man ja beispielsweise durch eine Absage an Homophobie im Fußball erlangen oder durch die kritische Frage: Warum macht eigentlich ein Sportverband Werbung für Alkohol? Aber dieser Wunsch ist vermutlich zu verkopft.

Manuel „Babyface“ Neuer kassiert in dieser Saison die Eier, die ihm später, hoffentlich, erspart bleiben werden. Zudem muss ich gestehen, dass ich davon überrascht bin, dass er von den „Experten“ das Tor nicht angekreidet bekam, denn es war angesichts der Flugkurve des Balls schwer zu verhindern. Sollte es etwa einen Kompetenzzuwachs beim DSF in Sachen Torwartspiel geben? Ich bleibe dabei: Neuer wird in wenigen Jahren zu den weltbesten Torhütern zählen, was nicht unbedingt heißt, dass er Deutschlands Nummer 1 sein wird.

Was noch auffällt: Jetzt bekommt Wolfsburg sogar nach einem 0:0 gegen Hertha Küsschen von der Presse.

Die Pressestimmen

Roland Zorn (FAZ) erörtert die Verwandlung des Opfers zum Täter am Beispiel Diego: „Diese Männer, die mit dem Ball tanzen, bestimmen so aufreizend souverän die Aktionen ihrer Mannschaften, dass sie härter und häufiger attackiert werden von weniger bemittelten und deshalb manchmal von Minderwertigkeitskomplexen geleiteten Profis. Diego ist derzeit der vielleicht beste Bundesligaspieler – und muss gerade deshalb mehr als andere leiden. Eine verquere Logik, aus der es kein Entrinnen gibt, da Schiedsrichter nicht dazu da sind, Boni zu vergeben, sondern Taten zu beurteilen. Die Farbe Gelb wäre der Tätlichkeit, die Diego begangen hat, nicht gerecht geworden. Rot war richtig – und trotzdem geschah dem Täter irgendwie auch Unrecht. Wenn Diego nach seiner Sperre zurückkommt und sein Spiel zum Selbstschutz veränderte, wären seine Fans traurig. Zum Glück aber kann Werders Bester gar nicht anders, als den Fußball als eine Kunstform zu begreifen. Daran wird kein für den passenden Augenblick noch so tief getroffener und deshalb prompt fallender Ligaschrank à la Kyrgiakos etwas ändern.“

Uwe Marx (FAZ) lässt die starke Leistung Werders nicht unter den Tisch fallen: „In Frankfurt wurde zur Petitesse, dass die Bremer in Unterzahl überlegen waren, dass sie genug Chancen für einen Sieg hatten und sich keine vierzig Stunden nach dem 1:0 bei Sporting Braga zu einer bemerkenswerten Leistung aufrafften, der Müdigkeit nicht anzumerken war.“

Archaisches Duell

Christof Kneer (SZ) erkennt beim Kampf Franz gegen Gomez Verhaltensmuster aus dem Fußballmittelalter: „Es war ein Kampf der Systeme: hier der klobige, unter Stürmern gefürchtete Maik Franz, der sich recht wacker schlägt in der modernen Raumdeckungsepoche, im Grunde aber der guten, alten Holzmichl-Schule entstammt – dort der Stürmer Mario Gomez, der mit so deutlichem Abstand der beste Stuttgarter ist, dass es für Verteidiger ein verführerischer Gedanke sein mag, ihm den Schneid abzukaufen, wie das in der Holzmichel-Sprache heißt. So zerrten, rangelten und keilten die beiden von der ersten Sekunde an, und praktischerweise ließ sich – je nach Parteilichkeit – der jeweils andere als der größere Aggressor darstellen. Es war ein Zweikampf wie vor zwanzig Jahren, als der Sinn des Fußballs noch nicht darin bestand, gegen den Ball, sondern gegen den Mann zu spielen. Gegen dieses archaische Duell zweier Spieler hatte das moderne Duell zweier Teams kaum eine Chance. So spektakulär Gomez vs. Franz war, so unspektakulär war VfB vs. KSC.“

Am besten lassen Sie beide Clips gleichzeitig laufen

Geht alles den Bach runter?

Peter Penders (FAZ) räumt Bielefelds neuem Trainer nach dem 0:2 gegen Duisburg fast keine Chance mehr ein und sieht schwarz für den Rest der Saison: „Seit Samstag ist in einer Saison, in der vieles in Bielefeld zu Bruch ging, nun auch noch das Band zerschnitten, das Fans und Verein zusammenhielt. Vor allem die Antipathien, die Michael Frontzeck entgegenschlagen, überraschen in ihrem Ausmaß. Für die Zusammenstellung des Kaders kann er nichts. (…) Arminia sah so alt aus, wie es dieser Rekord vermuten ließ: Mit dem Durchschnittsalter von 30,9 Jahren bot die Arminia die älteste Mannschaft auf, die je für den Klub in der Bundesliga gespielt hat. Das sagt einiges über die Fehler aus, für die auch Sportgeschäftsführer Reinhard Saftig verantwortlich ist. Die Arminia ist überaltert, was auch erklärt, warum sie ihren noch vor ein, zwei Jahren unter den Trainern Rapolder und von Heesen erfolgreich praktizierten Systemfußball nicht einmal mehr ansatzweise präsentieren kann. Diese Art Fußball setzt nämlich nicht nur Laufbereitschaft, sondern vor allem auch Laufvermögen voraus, das dieses in die Jahre gekommene Team nicht mehr besitzt.“

Ulrich Hartmann (SZ) pflichtet bei: „Die Mannschaft von Arminia Bielefeld hat in Form einer dramatisch schwachen 0:2-Niederlage gegen den Tabellenletzten MSV Duisburg zum fünften Mal in Serie ein Fußballspiel verloren. Es war das fünfte Spiel unter dem neuen Trainer Frontzeck. Der neue Trainer Frontzeck ist bereits der fünfte Bielefelder Trainer binnen eines Jahres, und diese neue Kooperation gilt auch schon wieder als gescheitert. (…) Während in diesen Wochen das Stadion in den Himmel wächst, kollabiert drunten auf dem Feld der Bielefelder Fußball. Als ausgangs des Jahres 2006 der mit ansehnlichem Konzeptfußball glänzende Trainer Thomas von Heesen um die Verlängerung seines Vertrags, die Verbesserung seiner Bezüge und mehr Einfluss auf die strukturelle Ausrichtung des Bielefelder Fußballs kämpfte, sagte er: ‚Ohne mich geht hier alles den Bach runter!’ Das war eine selbstgefällige und taktische Aussage, doch sie droht sich derzeit sportlich zu bewahrheiten.“

Da wächst ein interessantes Fußballteam heran

Peter Unfried (taz) erkennt trotz des 0:0 gegen Berlin Farbkonturen in Wolfsburg: „Während die Welt von Gott erschaffen wurde, war für die Erschaffung von Wolfsburg bekanntlich ein anderer verantwortlich. Das hängt der Stadt immer noch nach und selbst dem nach dem Zweiten Weltkrieg gegründeten Klub. Seit seinem Urknall hat der VfL Wolfsburg außerdem noch nie einen Titel gewonnen. Insofern ist das Viertelfinale im DFB-Pokal gegen den Hamburger SV von dreifacher Bedeutung: Man verdient Geld. Man kann mit nur noch drei Siegen bleibenden Ruhm und einen Uefa-Cup-Platz gewinnen. Und es ist eine der raren Gelegenheiten, live und öffentlich- rechtlich Imagepflege für Klub und Standort zu betreiben. Zum ersten Mal kann sich auch eine breitere Öffentlichkeit zumindest ein Fernsehbild machen von Felix Magaths ‚work in progress’. Das 0:0 gegen Hertha BSC Berlin hat zwei Annahmen über den VfL erhärtet. Erstens: Da wächst mit Hilfe von VW ein interessantes Fußballteam heran. Zweitens: Nach zwei Jahren Abstiegskampf wird diese Saison wohl mit der Rückkehr ins gepflegte, aber unspektakuläre Mittelfeld der Bundesliga enden. Was ja nicht wenig ist.“

Sebastian Stiekel (FAZ) notiert auch bei Hertha Fortschritte: „Der VfL Wolfsburg bewies abermals, dass er mittlerweile zu jeder Zeit und gegen jeden Gegner die Initiative sucht. Die Zeit der Destruktivität ist unter Felix Magath vorbei. Bei Hertha ist ein Fortschritt ebenfalls zu sehen, auch wenn er sich langsamer vollzieht als der des VfL. Vom schnellen Kombinationsfußball, der Lucien Favre vorschwebt, war auch diesmal nichts zu sehen, aber die Berliner haben ihre Strategie geändert, um ihn irgendwann doch noch spielen zu können. Sie wirken wie ein Langstreckenläufer, der ein ehrgeiziges Ziel im Visier hat, auf dem Weg dorthin aber ein paar Mal gestolpert ist. Nun hat er das Tempo reduziert und bewegt sich nur in kleinen Schritten voran – das aber beständig.“

Horrorshow

0:1 in Leverkusen – Philipp Selldorf (SZ) schildert Schalker Stillstand und leidet mit seinem Torhüter: „Spielerisch stagniert das Team, obendrein entspricht die neue Kadermischung mit den vielen Flügelspielern nicht Slomkas Umstellung aufs breit angelegte 4-4-2. In Leverkusen setzte Schalke wieder viel Kraft ein, die Angreifer Asamoah und Kuranyi schufteten vorbildlich, doch sie bewegten sich ohne Steuerung und Ziel und blieben total wirkungslos. Auch im Mittelfeld wurde beinhart gearbeitet, was zwar Bayers Spielkunst störte, aber kein inspiriertes oder gar planvolles Angreifen hervorbrachte. (…) Den Treffer, den Schalkes Schlussmann Manuel Neuer als ‚Traumtor’ bezeichnete, erlebte er als Albtraum. Neuer sprach zudem von einem ‚Glückstor’, was Schütze Friedrich bestätigte, denn der 37-Meter-Schuss unters Dach war eine verrutschte Flanke, aber für den Schalker Torwart ist es typisch, dass er dabei der Unglückliche sein musste. Landauf, landab wird es nun wieder heißen, dass ausgerechnet ihm dieser irre Ball ins Netz gelegt wurde, und wenn er ihn auch wirklich nicht halten konnte, so wird es doch an ihm nagen. Von dem Selbstbewusstsein, das er in seiner Einstandssaison verkörperte, ist derzeit nichts mehr zu sehen.“

Jedem Spiel das Tor, das es verdient – Daniel Theweleit (Financial Times Deutschland): „Eine endgültige Antwort auf die Frage, ob das Tor zu verhindern war, wird niemals gefunden werden – aber mit Gewissheit war dieser Aus-Versehen-Treffer der passende Höhepunkt eines wenig erbaulichen Fußballspiels. Lange veranstalteten die beiden Teams eine Horrorshow aus verunglückten Freistößen, misslungenen Ballannahmen, und haarsträubenden Ungenauigkeiten im Passspiel. Und einer dieser unzähligen Fehlversuche landete dann eben im Tor.“

Trend ins Mittelmaß

Freddie Röckenhaus (SZ) kommt bei dem Gerücht um einen Wechsel Sebastian Kehls zu Jürgen Klinsmanns Bayern München die Vergangenheit in den Sinn: „Ende 2001 hatte Kehl als Jungtalent einmal eine Vereinbarung mit Bayern-Chef Uli Hoeneß über einen Wechsel. Unter großem Zetern von Hoeneß hatte sich Kehl damals aber im letzten Moment für eine Unterschrift beim BVB entschieden – und war mit Dortmund prompt Meister geworden. Szene-Beobachter halten es für unwahrscheinlich, dass die alten Wunden von damals verheilt sind und Kehl tatsächlich Kandidat bei Hoeneß sein könnte. (…) Ob Kehls Zögern ausschließlich am lieben Geld liegt, wird in Dortmund aber bezweifelt. Auch in der laufenden Saison hat sich der Trend des BVB ins Mittelmaß verstärkt. Wegen der andauernden Abstinenz des einstigen Champions- League-Siegers von internationalen Wettbewerben, wird es offenbar immer schwieriger, Top-Spieler wie Kehl zu halten – oder gar von anderswo zu verpflichten.“

Samstag, 23. Februar 2008

Allgemein

Man ist wieder wer – und doch auf Abstand zu Europas Stars

Der Einzug von vier (fast fünf) deutschen Klubs ins Achtelfinale wird von der Presse vorsichtig bewertet

Roland Zorn (FAZ) rückt den deutschen Erfolg zurecht: „Den feinen Unterschied zwischen begehrter deutscher Hausmannskost im Uefa-Pokal – erstmals nach achtzehn Jahren kommt wieder ein Viertel der Achtelfinalteilnehmer aus der Bundesliga – und der Delikatessabteilung mit großenteils englischen, italienischen oder spanischen Zutaten machen auch noch so viele deutsche Erfolge im Europacup 1b nicht wett. Doch der Fortschritt ist gleichwohl unaufhaltsam. Bayern, Hamburg, Werder und Bayer beweisen mit ihren Erfolgen eine Punkte-Sammlerleidenschaft, die der Bundesliga die Chance verschafft, im nächsten Jahr sogar die Franzosen auf Platz vier der Uefa-Wertung zu überholen. Kleinvieh macht eben auch Mist, so dass von dem vor kurzem noch drohenden Verlust eines zweiten festen Startplatzes in der Champions League keine Rede mehr sein kann. Man ist wieder wer – und bleibt doch auf Abstand zu den europäischen Superstars. An dieser Realität führen noch so schöne Tage im Uefa-Cup nicht vorbei.“

Auch Klaus Bellstedt (stern.de) warnt vor schnellen Schlüssen: „Sollten wir Deutschen uns ob des Siegeszuges in Europa nicht eigentlich in den Armen liegen und trotzig allen ewigen Nörglern am deutschen Fußball mit nackten Ergebnisargumenten das Maul stopfen? Gott bewahre! Sich durch die Erfolge jetzt blenden zu lassen, das wäre fast schon fahrlässig. Gegner vom Kaliber FC Zürich, Aberdeen oder Braga dürfen kein Maßstab für Bundesliga-Spitzenmannschaften sein. Siege sind da selbstverständlich. Einzig der Auftritt von Bayer Leverkusen beim 5:1 über das türkische Spitzenteam Galatasaray Istanbul war richtig beeindruckend und ist in der Wertigkeit viel höher einzuschätzen. Wie stark die Bundesliga wirklich ist, wird erst die nächste Runde zeigen.“

Aufbauprogramm

Die Meldung des Tages steht in der SZ: Lukas Podolski sei deswegen noch beim FC Bayern, weil der neue Trainer Jürgen Klinsmann auf ihn bestehe. Manager Uli Hoeneß wird mit den Worten zitiert: „Es war nie eine Frage, dass Lukas nicht bei uns bleibt, wenn Jürgen zu uns kommt. Ja, er will Lukas haben. Deswegen haben wir ihn ja auch jetzt in der Winterpause nicht hergegeben.“ Und Podolski bestätigt: „Jürgen Klinsmann hat mich vor mehreren Wochen angerufen, da hatten wir ein gutes Gespräch.“ Zum Hintergrund: Podolski wurde im Januar von mehreren Vereinen umworben, darunter Stuttgart, Bremen und Manchester City.

Elisabeth Schlammerl (FAZ) wertet die zwei Tore Podolskis beim 5:1 gegen Aberdeen allenfalls als ersten Schritt zurück ins Team: „Dass Podolski zum ersten Mal in diesem Jahr die gesamten 90 Minuten spielte hatte mit den Personalplänen für die nächste Partie, den Bundesliga-Gipfel gegen den Hamburger SV, zu tun. Podolski kann sich leicht ausrechnen, dass er am Sonntag zunächst wieder auf der Bank sitzen wird. Noch hat Podolski nur Gelegenheit, gegen Mannschaften wie Aberdeen zu glänzen. Vielleicht ist es eine Art Aufbauprogramm für den Stürmer, dessen Karriere nach der WM 2006 und dem anschließenden Wechsel von Köln nach München einen Knick bekam, dass der Trainer nicht ganz so mächtige Gegner aussucht. Der Hamburger SV ist vermutlich ein bisschen zu stark, um auf eine zweite Sternstunde von Podolski innerhalb von drei Tagen zu hoffen.“

Schmerzhaft wie immer

Aus in den letzten Spielminuten gegen Benfica Lissabon – Volker Kreisl (SZ) lässt sich täglich von Nürnberg und seinen aufrecht Scheiternden grüßen: „Es ist alles wie immer. Die Zuschauer singen und feuern an, die Mannschaft unten rennt und spielt teils begeisternden Fußball, dann liegt sie nach dem Schlusspfiff verzweifelt und händeringend am Boden, und die Zuschauer gehen wieder nach Hause. Thomas von Heesen hat sich in den vergangenen neun Tagen vor seinem ersten Trainerauftritt im Nürnberger Stadion ja noch in der Beobachtungsphase befunden, er wollte sich ein Bild von der Mannschaft machen. Die Aufstellung ließ er unverändert, im Training streute er manche neue Einheit ein und führte damit Meyers Arbeit fort, eher ergänzend als erneuernd. Das Bild von seiner Mannschaft hat er sich nun verschaffen können – ungeschönt, in kürzester Zeit und auf äußerst brutale Weise. In drei Spielen erlebte von Heesen die komplette Nürnberger Bandbreite, das Team trat teils lethargisch, teils begeisternd auf, zeigte seine spielerischen Möglichkeiten und seine nervlichen Schwächen, und stand hinterher jeweils mit leeren Händen da. Beendet wurde von Heesens Kennenlernphase nun mit diesem dramatischen 2:2 des deutschen Abstiegskandidaten gegen den portugiesischen Traditionsklub Benfica Lissabon, das in Wirklichkeit eine Niederlage war – und für die Anhänger so schmerzhaft, wie es vermutlich nur der 1. FC Nürnberg schafft.“

Christian Kamp (FAZ) schreibt über Nürnberger Stärken und Schwächen: „Natürlich machte der Auftritt Mut, auch wenn Benfica sich wenig souverän präsentierte. Der ‚Club’ zeigte eine ganze Reihe von Qualitäten, die ihn als Sechzehnten der Tabelle unterbewertet erscheinen lassen: Marco Engelhardt und Kapitän Tomas Galasek hatten gute Ideen im Spiel nach vorne, der in der Winterpause gekommene Jan Koller wird als Ballverteiler immer wertvoller, und die Flügelstürmer Saenko und Charisteas unterstrichen, warum Nürnberg auch unter von Heesen am 4-3-3-System festhält. Was diesmal hängenblieb (neben einer unbestreitbaren Menge Pech), waren die zu hohe Fehlerzahl im Passspiel und Defizite im Abwehrverhalten.“

Die Tore in Nürnberger auf Video und in Zeitlupe

Der attraktivste Fußball in Deutschland

Stefan Hermanns (Tagesspiegel) rät nach dem 5:1 gegen Galatasaray, Aktien von Bayer Leverkusen zu halten und streicht den Verdienst Wolfgang Holzhäusers heraus: „Keine Mannschaft verzaubert die Nation derzeit so sehr wie Bayer Leverkusen. Sie ist auf dem besten Weg, sogar Werder Bremen als Wahrer des schönen Fußballs abzulösen. Sie ist über Galatasaray Istanbul, den Tabellenführer der türkischen Liga, hinweggerauscht. Bayer Leverkusen verspricht in den kommenden Jahren das spannendste Projekt des deutschen Fußballs zu werden. Manchmal muss man erst ganz unten sein, um wieder nach oben zu kommen. Im Mai 2002 stand Bayer im Finale der Champions League, ein Jahr später mit einem Bein in der Zweiten Liga. Und das war nur der sichtbare Ausdruck einer tieferen Zerrüttung. Der Klub hatte schlichtweg über seine Verhältnisse gelebt. ‚Kosten und Ertrag standen in keinem vernünftigen Verhältnis’, sagt Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser, der einen radikalen Kurswechsel einleiten musste. Geliebt wurde er dafür nicht. Holzhäuser, ein ausgewiesener Finanzexperte, galt als Sanierer ohne Vision, der den Verein zu Tode spart. Der Aufschwung trägt tatsächlich seine Handschrift: Er ist ein Triumph der Planwirtschaft.“

Peter Penders (FAZ) lobt den Trainer: „Der lange Zeit nicht unumstrittene Trainer hat in Leverkusen eine Mannschaft aufgebaut, die momentan den vermutlich attraktivsten Fußball in Deutschland spielen kann. Das hat Galatasaray zu spüren bekommen, die Türken waren mit dem 5:1 sogar noch gut bedient.“

NZZ: Zürich bleibt gegen Hamburg eine weitere Lektion erspart

Freitag, 22. Februar 2008

Internationaler Fußball

Versprechen für die Zukunft als Hinterlassenschaft

Daniel Theweleit (zeit.e) kommentiert Berti Vogts’ Kündigung in Nigeria bejahend und seine Arbeit wohlwollend: „Er wirkte in Afrika nie wie einer, der gerne da ist. Er erinnerte an ein gehetztes Reh, das inmitten einer feindlichen Umgebung am liebsten weglaufen möchte. Zurück bleibt der Eindruck, dass Vogts einfach überfordert war mit Afrika und seinen Eigenheiten. Wie schon als Trainer in Schottland, hat er wohl auch in Nigeria an einigen Stellen Positives bewirkt. In Schottland blüht gerade eine verjüngte Nationalmannschaft auf, deren Kern der Deutsche zusammengestellt hat. Nigerias Fußballverband hat beschlossen, eine grundsätzliche Modernisierung der Verbandsstrukturen vorzunehmen und künftig nicht mehr einfach nur den Trainer auszutauschen. Vogts’ Hinterlassenschaften bei Fußballverbänden sind oft ein Versprechen für die Zukunft. Wenn die Erfolge kommen, denkt niemand mehr an den deutschen Trainer. Ein Job als Sportdirektor bei einem Verband wie Österreich könnte vielleicht passen. Aber der große Traum, noch eine WM zu bestreiten, wird sich dann nicht erfüllen lassen.“

Champions League

Er bleibt das Rätsel der Champions League, der alte AC Mailand

Zwei Pressestimmen zum 0:0 zwischen Arsenal und Milan

Christian Eichler (FAZ) wertet das Hinspiel als Vorgeschmack: „Es war ein 0:0 mit viel Finesse, viel Schwung, viel Fußball – allein bis zur ersten Unterbrechung durch Foul vergingen zwanzig Minuten. Aber zugleich eines, wie es typisch ist im Hinspiel, wenn starke Teams sich in einer frühen K.-o.-Runde zum Hinspiel begegnen. Jene Lockerung von taktischen und positionellen Zwängen, wie sie in einem gewöhnlichen Fußballspiel je nach Stand und Verlauf nach siebzig oder achtzig Minuten meist sichtbar wird, hat in solchen Partien wie in London keine Chance – diese sind nur die erste Halbzeit eines 180-minütigen Duells, da wird man nicht so schnell locker. Dabei gibt es wohl keine Mannschaft, die so konzentriert, ja fixiert auf die Champions League ist wie Milan. Die Serie A, in der man abgeschlagen ist, war zuletzt kaum mehr als eine Art Trainingseinheit für den europäischen Ernstfall. (…) Er bleibt das Rätsel der Champions League, der alte AC Mailand.“

Flurin Clalüna (Neue Zürcher Zeitung) betrachtet das Duell unter dem Filter Alt gegen Jung: „Arsenal war mit dem Wunsch angetreten, die altersbedingte Verletzlichkeit Milans aufzudecken, aber noch konnten Maldini (in seinem 1001. Pflichtspiel) und Co. dem Angriff der jüngeren Konkurrenz widerstehen. Maldini (39), Nesta (31), Gattuso (30), Ambrosini (30) oder Seedorf (31) haben mehr über Fußball vergessen, als andere je wissen werden. Mit diesem Selbstverständnis spielten sie, fast wie im Schlaf. Dass dieses Arsenal-Team den Vorhang über die Ära der überalterten Milan-Squadra senken könnte, ist nach dem 0:0 nicht wahrscheinlich. Eine Götterdämmerung steht nicht bevor, für eine Wachablösung im internationalen Klubfußball braucht es mehr als Talente, über die Arsenal zuhauf verfügt. Alle die Geschichten vom Titelhalter, der aus biologischen Gründen nur darauf wartet, abgelöst zu werden, waren übertrieben, das Generationenduell beflügelte die Phantasie. Irgendwann aber wird der Tag kommen, an dem es der AC Milan nicht mehr reicht, den 18-jährigen Brasilianer Pato als Alterskatalysator auf den Platz zu schicken, irgendwann wird auch Milan von der Zukunft eingeholt, und die könnte dann Arsenal gehören mit Spielern wie Fabregas, Adebayor oder Flamini.“

Die Höhepunkte beginnen mit einem grandiosen Abwurf Jens Lehmanns

Der Guardian gibt „Mad Jens” die gute Note 7 (von 10): „Excellent save from Maldini’s near-post flick and a monstrous 50-yard throw to prompt an Arsenal attack.”

Ball und Buchstabe

Abkehr von einem bewährten Prinzip

Nur Kritik an der mutmaßlichen Absicht der DFL, ein drittes Sonntagsspiel und ein Samstagabendspiel einzuführen

Christian Zaschke (SZ) blickt dem Plan, den Bundesliga-Spieltag weiter zu zerstückeln, sehr skeptisch entgegen: „Das mag in einigen Ländern die Regel sein, aber in Deutschland hat das alte Modell über Jahrzehnte funktioniert. Und die Zuschauer haben mit ihrer Missachtung des 20.15-Uhr-Versuchs gezeigt, dass sie Änderungen ablehnen. Der Versuch von Sat 1, die ersten Bilder vom Fußball samstags erst um 20.15 Uhr zu zeigen, zählt zu den Idiotien der TV-Geschichte. Es schaute niemand zu, die Sendung wurde eilig zurückverschoben. Was jetzt passiert, ist die Abkehr von einem bewährten Prinzip, damit Leo Kirch – mal wieder – seine immensen Zahlungen refinanzieren kann. Was gern ausgeblendet wird: In Deutschland sind die Sponsorengelder höher als in anderen Ländern, eben weil das bestehende TV-Modell gut funktioniert – die Präsenz im Free-TV ist für die Sponsoren das Wichtigste, und zwar in einem Programm, das sehr viele Zuschauer hat wie derzeit die Sportschau. Man muss kein Hellseher sein, um zu prophezeien, dass das Samstagsabend-Experiment erneut scheitern und auch sonntags keine Revolution stattfinden wird. Und man muss kein Moralist sein, um das Motiv hinter den Änderungen beim Namen zu nennen: Gier.“

Philipp Köster (Tagesspiegel) lehnt mehr Sonntagsspiele ab: „Die Bundesliga müsste sich an einen geringeren Zuspruch gewöhnen, wie ein Blick auf die Entwicklung am Sonntag zeigt. Die Sportschau erzielte früher selbst mit nicht übermäßig aufregenden Partien wie Bayer Leverkusen gegen den Hamburger SV 5,74 Millionen Zuschauer, hinzu kamen eine Million Betrachter des Live-Spiels bei Premiere. Als hingegen kürzlich der ‚Super-Sonntag’ mit den Partien Bayern München gegen Werder Bremen und dem Ruhrpottderby Dortmund gegen Schalke ausgerufen wurde, sahen bei Premiere rund 2 Millionen Zuschauer zu, beim DSF 1,55 Millionen – ein Verlust von rund 3,19 Millionen Fans. Das wird beim Rechtepoker eine Rolle spielen. Am Ende wird jedoch entscheidend sein, welche Variante den größten Gewinn verspricht. Für die Liga wohlgemerkt, nicht für die Zuschauer.“

direkter freistoss: Die Sportschau muss bleiben
SZ: Die Bundesliga ändert von 2009 an angeblich ihren Spielplan: Neben einem Samstagabend-Topspiel soll es auch drei Partien am Sonntag geben
SZ: Das Milliardenspiel – die DFL und Kirch planen einen Programmbeirat für die gemeinsame Produktionsfirma

FR: Todesdrohungen der Fans gegen Bernd Maas, den Hauptgeschäftsführer Dynamo Dresdens

Donnerstag, 21. Februar 2008

Champions League

Die Null im Mittelpunkt

Schalkes 1:0 gegen den FC Porto trotzt den Fußballjournalisten ein „Immerhin“ ab; Kritik an dem fehlenden Sturmdrang / Rafael Benítez’ Liverpool: schwach in England, stark in Europa

Daniel Theweleit (Berliner Zeitung) bemängelt, dass Schalke sich damit zufrieden gegeben habe, sein Tor zu schützen: „Auf Grund der steil fallenden Leistungskurve musste der letzte deutsche Vertreter in der Königsklasse trotz seines Wunschergebnisses eine Menge Kritik einstecken. Denn es wäre mehr möglich gewesen gegen die wenig überzeugenden Portugiesen. Schalke hat die Möglichkeit verpasst, einen größeren Vorsprung mit nach Portugal zu bringen. Aus dem Spiel heraus entwickelten die Deutschen nicht eine einzige gute Tormöglichkeit nach dem Führungstor, nur ein paar Fernschüsse wirkten gefährlich. Aber es stand eben die Null im Mittelpunkt, und die wird auf Schalke als enorm wertvoll empfunden in diesem Wettbewerb, in dem die kleinen Dinge über das große Glück entscheiden. Logisch, dass sich daraus keiner dieser zauberhaften Europapokalhabende entwickelte, die sich das Event-Publikum in der Arena wünscht.“

Zum Thema Event-Publikum lies die Diskussion über Eintracht-Fans: „Karneval in der Westkurve“

Thomas Klemm (FAZ) ergänzt: „Es durfte allgemein auf- und durchgeatmet werden beim FC Schalke 04, nachdem der Klub sich auf einen Schlag doppeltes Glück beschert hatte: den FC Porto geschlagen und die Selbstzweifel besiegt – die Köpfe waren plötzlich wieder frei von Sorgen. Fast drei Monate lang hatte die Mannschaft mit sich gehadert, weil es ihr einfach nicht gelingen wollte, ein Pflichtspiel mal ohne Gegentreffer zu beenden. Nach dem Spiel gegen Porto war Schalke die Plagegeister, die es nicht gerufen hatte, schließlich los. In null Komma nix war aus der Grübler-Gemeinschaft eine Jubler-Truppe geworden, auch wenn nach einer überzeugenden ersten Halbzeit bis zum Ende gezittert werden musste.“

Sterneköche

Philipp Selldorf (SZ) stellt uns die Verlierer als Fußballschnösel vor: „Jesualdo Ferreiras Spieler deuteten an, dass sie gewiss mehr Angriffskraft und schöpferische Möglichkeiten besitzen, als sie gezeigt haben, aber nebenbei offenbarten sie auch beachtliche Schwächen in ihrer Defensive und einige luxuriöse Marotten, die ihnen ein deutsches Publikum niemals nachsähe. Würde der Flügelstürmer Ricardo Quaresma für Schalke spielen und dort genauso manieriert jeden Freistoß mit dem Außenrist in den Strafraum zirkeln wie ein Sternekoch seine Wachtelbrüstchen garniert, müsste er sehr bald mit Pfiffen und Bierduschen von den eigenen Fans rechnen. Das Bewusstsein der despotischen Herrschaft, die der FC Porto in seiner Liga ausübt, begleitete die Mannschaft von der Atlantikküste ins Ruhrgebiet; es dauerte, bis die Überheblichkeit dem nötigen Realismus Platz machte. In umgekehrter Folge kam bei den Schalkern (Ehr-)Furcht auf. Deshalb war es ein Versäumnis, dass sie aus der überlegen geführten ersten Halbzeit nicht mehr Vorteile mitbrachten als das Tor durch Kevin Kuranyi.“

Zwei Mal Glück gehabt, Schalke – hier und hier

Vertrauensverlust gebremst

Raphael Honigstein (SZ) vermag nicht zu beurteilen, ob der 2:0-Sieg gegen Inter Liverpools Trainer Kredit verschaffen wird: „Verwirrend fanden die Beobachter nicht nur die immense Leistungssteigerung gegenüber dem Barnsley-Match, denn das schmähliche 1:2-Pokal-Aus hatte sogar bei den loyalsten Fans jene Zweifel an der Kompetenz des Trainers erweckt, die bei den amerikanischen Eigentümern Tom Hicks und George Gillett schon länger herrschen. Verwirrend war auch die Tatsache, dass Rafael Benítez augenscheinlich in der Lage ist, sein Lieblingskunststück Jahr für Jahr zu wiederholen: Heldentaten in der Königsklasse machen die beschämenden Ergebnisse im Tagesgeschäft vergessen. Sein vor der Partie als sicher geltender Rauswurf zum Saisonende ist nun wieder fraglich, zumindest bis zum nächsten Schicksalsspiel in Mailand in drei Wochen. Trainer allein am Ausgang solcher K.o.-Spiele zu messen, entspricht einer perversen Logik. Doch in diese Situation hat sich der sture Spanier selbst gebracht, als er vor kurzem sagte, dass die Champions League schwieriger zu gewinnen sei als die heimische Liga. Wenn das stimmt, muss er Grundlegendes falsch machen: Liverpool liegt mit 19 Punkten Rückstand nur auf dem 5. Platz, Benítez ist in seiner Zeit auf der Insel noch nicht einmal Zweiter geworden. Zuletzt schienen selbst die Spieler das Vertrauen in den Coach verloren zu haben. In der Tat lässt sich Liverpools 100. Europapokal-Heimsieg nur mit viel Wohlwollen Benítez’ viel gerühmten Taktikkniffen zuschreiben, dafür fielen die Tore gegen die Italiener arg spät und ein wenig zufällig.“

NZZ: Kein Sieger im Generationenduell – torloses Remis zwischen Arsenal und der AC Milan; die Londoner wurden für ihren Aufwand schlecht belohnt, doch die Gäste verteidigten geschickt

NZZ: Grande Roma oder Verklärung all‘italiana – die Römer trotz dem 2:1-Sieg Real Madrid spielerisch unterlegen

Mittwoch, 20. Februar 2008

Champions League

Alles abgenutzt

Ronald Reng (Berliner Zeitung) berichtet von der schleichenden Degeneration der aktuellen Mannschaft des FC Barcelona: „Das Barça Rijkaards und Ronaldinhos, die Elf der Einzigartigkeit, ist in den müden Monaten angekommen. 20 Monate nach ihrem Champions-League-Sieg ist es noch immer eine Klasseelf, sie liegt weiter im Rennen um die spanische Meisterschaft, steht im Halbfinale des nationalen Pokals und im Champions-League-Achtelfinale gegen Celtic Glasgow. Doch ihr Spiel erweckt den Eindruck: Es ist eine Klasseelf, die ihr Ende spürt. Ächzend holt sie den letzten Rest ihres einst überwältigenden Fußballs aus sich heraus. ‚Sie laufen viel’, sagt Johan Cruyff, die Legende Barças. In Barcelona ist es das übelste Kompliment: ein Team, das läuft. Das Barça, wie es sein soll, lässt laufen, Ball und Gegner. Was bei Barça passiert, ist weniger die Schuld von irgendwem als der Verschleiß einer modernen Spitzenelf. Das Barça Rijkaards und Ronaldinhos ist im fünften Jahr, im Fußball eine Ewigkeit. Unter der dauernden Hochspannung nutzte sich alles ab, der Ehrgeiz, das Betriebsklima, die Art des Trainers, die Spielweise. Ein trauriges Beispiel ist das Training. Vor zwei Jahren war es voll euphorischer Intensität. Heute sind es genau dieselben exzellenten Übungen – aber das Training wirkt oft blutarm.“

Schönheit gegen Effizienz

Raphael Honigstein (taz) blickt gespannt auf das polare Gefecht zwischen Arsenal und Milan: „Zum zehnten Mal in Folge versucht Wenger nun, die Champions League mit dem FC Arsenal zu gewinnen, trotz zahlreicher Titel in England und weltweiten Ovationen für das schöne Spiel der Londoner blieb das Gesamtkunstwerk bisher unvollendet. Nun stellt sich ausgerechnet der AC Milan zwischen den Meister und den letzten Pinselstrich; jene Altkönner, die in den letzten Jahren Mannschaften jeglicher Couleur mit ihrer kühlen, klaren Effizienz verzweifeln ließen. Das Team, dem schon seit langem die Zukunft versprochen wird, gegen eine Elf, die sich partout nicht in die Vergangenheit verabschieden lässt: Das ist mit Sicherheit das spannendste Duell des Achtelfinals, wahrscheinlich wird es auch das beste sein.“

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