indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Dienstag, 5. Februar 2008

Bundesliga

Gerecht sind solche Tore nicht

Eine fatale Fehlentscheidung in Bremen / Kevin Kuranyi, Held und Narr / Leverkusener Renaissance

Klaus Hoeltzenbein (SZ) nimmt das Abseitstor der Bochumer in Bremen zum Anlass, die Regeln und Mittel der Spielleitung zu reformieren: „Wer will diese Tore, die keine sind? Nostalgiker, die sich an den schönsten Irrtümern der Fußball-Geschichte (Hand Gottes, Wembley, etc.) weiden; vermutlich auch die Freunde von Tölpel-TV, die sich an allem erfreuen, was so schiefläuft im Leben. Nur gerecht sind solche Tore nicht, im Bremer Fall indirekt vielleicht sogar meisterschaftsentscheidend, was nie zu beweisen sein wird. Der Fußball leistet sich das pralle Leben mit dem menschlichen Makel, andere Sportarten versuchen, ihn zu reduzieren. Im Tennis hat der mündige Profi inzwischen die Chance, eine festgelegte Anzahl an Entscheidungen anzufechten, beim American Football wirft der Trainer ein rotes Tuch, wähnt er sein Team ungerecht beurteilt. Das löst nicht alle Streitfälle, aber manch offensichtlichen. Mit hohem technischen Aufwand wird seit Jahren versucht, einen Chip in den Ball zu operieren, damit die Tor-oder-kein-Tor-Frage sicher geklärt werden kann. Einfacher wäre es, in den rundum verkabelten großen Ligen des Fußballs zunächst den Oberschiedsrichter zu installieren. Seine Befugnisse wären noch zu klären, aber er könnte helfen, die Zahl grober Rechtsirrtümer zu reduzieren. Mittels jener Bilder, die heute zur Verfügung stehen. Allen, außer dem Schiedsrichter, dem niemand eine Rechts- und Sehhilfe gewährt.“

Frank Heike (FAZ) staunt über die Gelassenheit der Bremer im Umgang mit ihrer Benachteiligung und hat einen Blick für die Sieger übrig: „Sie wollten keine schlechten Verlierer sein. Aber irgendwie kamen Thomas Schaaf und Klaus Allofs immer wieder auf diese Szene in der 67. Minute zurück. In Bremen empfand man diese irrwitzige Episode als Beginn des Unheils, das in der Folge über Werder hereinbrach (…) Erwartungsgemäß interessierte die Bochumer das ominöse Abseitstor gar nicht. Es war ja auch nicht so, dass sie diese drei Punkte überaus glücklich entführt hatten. Sie hatten mutig gespielt und in Shinji Ono einen Mann auf der Bank gehabt, der (spät eingewechselt) für ein Plus an Qualität und Ruhe in den Bochumer Reihen sorgte. Ohne die abgewanderten Gekas, Drobny und Misimovic hat sich der VfL Bochum schon wieder weit von der Abstiegszone entfernt und steht vor Klubs wie Hertha BSC Berlin oder Borussia Dortmund. Marcel Koller muss ein guter Trainer sein.“

Blackout, Ignoranz, Dummheit?

Erst zwei Tore, dann Gelbsperre wegen Trikotausziehen – Richard Leipold (FAZ) schmunzelt über Kevin Kuranyi und hält den unterlegenen Stuttgartern den Spiegel vor ihre schwäbischen Gesichter: „Diese Partie hatte eine Menge von Handlungssträngen produziert, aber am Ende führten alle Wege zu Kuranyi. Ein gedankliches Eigentor, das an diesem Fußballabend alles überstrahlte. War es ein Blackout? War es Ignoranz, am Ende gar Dummheit? Es zeichnet das Fußballtheater aus, dass es zwischen Himmel und Arena-Erde Dinge gibt, die mit Schulweisheit nicht zu erklären sind, schon gar nicht, wenn sie sich in den Köpfen der Profis abspielen. Kuranyi hat nicht bloß Tore geschossen, er hat Freude und Frust gleichermaßen verkörpert. Und er hat auch seinem Heimatklub Stuttgart einen Dienst erwiesen, indem er von all den Schwächen ablenkte, die den Meister binnen weniger Monate ins Niemandsland zurückgedrängt haben. Alles, was die Stuttgarter versuchten, erschöpfte sich früher oder später in der Andeutung spielerischer Klasse, als wäre es nicht erst ein Dreivierteljahr, sondern unendlich lange her, dass diese Mannschaft den Schalkern die Schale mutig und vor allem gierig entrissen hat. Den Stuttgarter Meistern sind Grundtugenden wie Aggressivität und Willenskraft abhandengekommen. Auch das Spiel des FC Schalke war oft fehlerhaft, ja einfältig, aber die Westfalen vermochten ihre Mängel auszugleichen. Sie hatten Mumm, sie hatten Kuranyi, und sie hatten für fast alles eine Standardlösung parat. Drei ihrer vier Treffer resultierten aus ruhenden Bällen. Freistöße und Eckbälle gehören zu den verlässlichen Größen im Spiel der Gelsenkirchener.“

Welt: Stuttgarter Rückrunde beginnt mit Torwartdebatte

Eigenständige Fußballkultur

Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) sieht Zeichen einer Leverkusener Renaissance: „Als Leverkusen 2002 unter Coach Toppmöller mit der Grandezza eines Klasse-Toreros in allen Wettbewerben zu reüssieren schien, hatten die Freunde des Tempofußballs einen neuen Lieblingsklub gefunden. Das Mittelfeld mit Zé Roberto, Ballack und Schneider entfachte rauschartige Zustände – und wurde doch im Champions-League-Final gegen Real Madrid vom scheinbaren Tausendsassa-Keeper Casillas gestoppt. Ernüchtert gaben sie den Meistertitel in letzter Sekunde aus der Hand, und auch der Cup-Final ging verloren. Doch das Vermächtnis des ewigen Zweiten mit dem wunderschönen Fußball überdeckte inzwischen das Emblem des Bayer-Konzerns. Zum Maskottchen wurden aber weder Ballack noch Zé Roberto, sondern Reiner Calmund. Der runde Mann etablierte mit den Jahren jedoch eine beispiellose Praktik der Verschwendung, was dazu führte, dass er im Jahr 2004 hinauskomplementiert wurde und die Zeichen auf Sparkurs gesetzt wurden. Jetzt, wo auch die Emanzipation von Calmund geglückt ist, geht es relativ unbeschwert zur Sache. Die seinerzeit von Skepsis begleitete Verpflichtung Michael Skibbes erweist sich als zukunftsträchtige Lösung. Nahezu unbemerkt ist in Leverkusen entstanden, was in der Liga nur wenige Entsprechungen findet: eine eigenständige Fußballkultur.“

Raphael Honigstein (Guardian Blog) fügt an: „Champions League? Klingt gar nicht mehr lächerlich. Bayer mit seiner Fülle an ‚cultured footballers’ ist eine Mannschaft, die normalerweise viel verspricht und wenig hält – aber in diesem Jahr könnte das anders sein. Die Elf von Michael ‚Puppy Eyes’ (Welpenauge) Skibbe steigt schnell aus dem Nichts der Tabelle auf, und sie hat echte Klasse.“

Deutsche Elf

Großbaustelle

Verletzte, Sorgenkinder, zu wenig Zeit zur Vorbereitung, ein mahnender Manager – die Nöte der Nationalmannschaft beschäftigen die Presse

Michael Horeni (FAZ) teilt die Skepsis Oliver Bierhoffs und zieht zudem leise die Arbeit des Bundestrainers in Zweifel: „Lange sah es so aus, als würde Löw das Erbe der WM bruchlos fortsetzen. Tatsächlich aber haben sich in den vergangenen Monaten immer weitere Differenzen aufgetan in der Arbeit zwischen den Trainern Löw und Klinsmann. Manche Veränderung war der natürlichen Entwicklung der Mannschaft, manche dem unterschiedlichen Temperament geschuldet. Nicht nur in der Bewertung der Fitness gibt es unterschiedliche Akzente, wenn auch keine grundsätzlichen Differenzen. Löw richtet seinen Fokus stärker auf taktische Fragen. Das verschiebt angesichts der knappen Zeit auch die Gewichte in der Vorbereitung. In Fragen der Führung zeigen sich die unterschiedlichen Herangehensweisen ebenfalls immer deutlicher. Der verträglichere Trainertyp Löw hat bisher keine einzige unpopuläre personelle Entscheidung getroffen. In der Torwartfrage besitzt Jens Lehmann sein Vertrauen, obwohl er seinen Stammplatz verloren hat. Eine Forderung, sich in der Winterpause einen Verein zu suchen, bei dem er regelmäßig Spielpraxis bekäme, wurde nur kurz diskutiert, aber nie erhoben. Das trägt zum Bild eines auf Harmonie bedachten Trainers bei. Löw hat nun in der EM-Vorbereitung auch am WM-Bonus der Spieler zu tragen. Bei der EM-Nominierung dürfte er eine Rolle spielen, wenn es um verdiente Profis geht, die lange verletzt waren und Rückfälle erlebten (Frings, Ballack, Schneider) – oder in ihren Vereinen kaum zum Zug kamen (Podolski, Schweinsteiger). Ob eine solche Haltung, dem polarisierenden Klinsmann fremd, für das Team auch dauerhaft leistungsfördernd sein wird, muss sich unter schwieriger gewordenen Umständen erst zeigen. Auch die Zielvorgabe wird derzeit nicht mehr so eindeutig formuliert wie noch vor der WM. Nach der Auslosung vermied es die Führung der Nationalelf, den Gruppensieg als erstes Etappenziel vorzugeben. Jetzt ist von sechs bis sieben Titelkandidaten die Rede. Das Selbstbewusstsein war schon einmal größer.“

Michael Ashelm (FAS) macht auf die schwierigen Begleitumstände aufmerksam: „Vier Monate vor dem Start des Turniers befindet sich die Nationalelf in heikler Lage, und man muss feststellen, dass nach dem WM-Höhenflug unter Klinsmann und der erfolgreichen Nachfolgezeit mit Löw die Situation nie schwieriger war als heute. Fest steht schon jetzt, dass der Bundestrainer seine ursprüngliche Absicht nicht mehr umsetzen kann, rund um den Stamm aus erfahrenen Kräften eine Mannschaft aufzubauen und zu entwickeln, die, fein abgestimmt, als taktisch homogenes Gebilde beim Turnier in der Schweiz und Österreich noch einmal auf einem höheren Niveau wirken könnte, als man es bei der Weltmeisterschaft gesehen hatte. Dies war eigentlich Löws Ziel, als er im Sommer 2006 antrat. Doch eine nicht enden wollende Verletzungsserie, pausierende, angeschlagene oder in ihren Vereinen zu Reservisten verdammte Nationalspieler stören nun das Bild einer zu allem bereiten deutschen Nationalelf. Beim überzeugend starken 2:1-Sieg in Tschechien im März vergangenen Jahres kam die Nationalmannschaft zuletzt ihrem Optimalzustand am nächsten. Ein knappes Jahr später sieht alles anders aus, nimmt man Löws Team eher als Großbaustelle wahr. Eine Mannschaft der vielen Fragezeichen.“

Andreas Lesch (Berliner Zeitung) schließt: „Der Bundestrainer Löw ist oft und zu Recht gelobt worden. Jetzt jedoch beginnt seine bisher schwerste Prüfung. Er muss in den kommenden Monaten aus einer geschwächten Gruppe von Spielern eine konkurrenzfähige Mannschaft formen. Er hat dabei schlechtere Voraussetzungen als Klinsmann vor der WM.“

FAZ: Oliver Bierhoff schlägt Alarm

Bundestrainer Löw steht zunehmend unter kritischer Beobachtung

Montag, 4. Februar 2008

Bundesliga

Hertha BSC, gesichtsloser denn je

Die Pressestimmen zum 18. Bundesliga-Spieltag: Die Berliner 0:3-Niederlage gegen Frankfurt veranlasst die Presse zu Schwarzmalerei / Wackeliger Bayern-Sieg in Rostock / Duisburg verliert 3:3 gegen Dortmund / Kann Huub Stevens nur defensiv? / Winterpause noch zeitgemäß?

Nach dem 0:3 gegen Frankfurt – Andreas Lesch (Berliner Zeitung) kritisiert kühl die Sprunghaftigkeit des Hertha-Managers Dieter Hoeneß: „Der Fußballklub Hertha BSC ist schon immer sehr innovativ gewesen. Er hat in den vergangenen Jahren einen Modetrend nach dem anderen entdeckt; jeder war so geheim, dass niemand sonst ihn bemerkte. In den 90er Jahren unterwarf die Westberliner Hertha sich der Wiedervereinigungsmode und kaufte die Ostprofis Thom, Wosz, Rehmer, Beinlich. Dann erspähte sie die Brasilienmode und gönnte sich Alves, Marcelinho, Luizão. Es folgten der Trend zum gestandenen Typen (Kovac, Bobic) und die Idee, den eigenen Nachwuchs rudelweise in die Erstligaelf zu befördern. Geholfen hat alles nichts, und so hat der Dieter-Hoeneß-Klub noch einmal alle Kraft zusammengenommen und den jüngsten, den schrägsten Schrei der Branche kreiert: die Welt zu Gast bei Hertha. Die Hertha kommt so international daher wie nie, sie spielt gerade ein bisschen Globalisierung, und sie hat sich, getrieben von Trainer Lucien Favre, radikale Reformen verordnet. Jetzt lernt sie, dass Globalisierung und Reformen nie schmerzfrei funktionieren. Die Hertha versucht sich mal wieder im Hauruck-Verfahren neu zu erfinden und wirkt, wie so oft, einen Tick zu radikal. Sie glaubt permanent, etwas nachholen zu müssen, stürzt sich auf jede neue Idee und neigt zur Übertreibung. Die Graumäusigkeit der Gegenwart ist nicht Trainer Favres Schuld. Eher hat Manager Hoeneß zu verantworten, wie Hertha BSC nach jahrelanger Identitätssuche dasteht: gesichtsloser denn je.“

Auch Sven Goldmann (Tagesspiegel) nimmt Herthas Trainer aus der Verantwortung und erwartet eine lange Dürre: „Hertha BSC unter Lucien Favre erinnert im Frühjahr 2008 an die Sowjetunion unter Michail Gorbatschow. Jeder weiß, dass die Reformen ohne Alternative sind. Aber jeder spürt auch, dass man in ein paar Monaten nicht nachholen kann, was über Jahre versäumt wurde. Und dass allzu kühne Erwartungen an der Realität scheitern müssen.“

Integrationsleistung

Michael Reinsch (FAZ) empfiehlt den Berlinern, von ihren Bezwingern zu lernen: „Man darf nicht vergessen, dass im vergangenen Spieljahr auch die fehlende Teamfähigkeit der Berliner Spieler und ihre mangelnde Identifikation mit dem Klub dafür gesorgt haben, dass Dieter Hoeneß siebzehn Spieler abgegeben und das Team damit in alle Winde zerstreut hat. Doch gerade die Eintracht und die Hertha zeigten, dass die Weiterentwicklung oder eben der Neuaufbau einer Mannschaft auch eine Integrationsleistung ist. Die Frankfurter erwiesen sich als eingespieltes Team, als genau die richtige Fassung, in der Martin Fenin, das Juwel aus Teplice, glänzen konnte. Favre dagegen experimentiert mit einem Team, das weder eingespielt ist noch die Vorstellungen seines Trainers von schnellem, modernem Fußball verinnerlicht hat. Der Einstand von Favres brasilianischem Lieblingsschüler Raffael war, obwohl er grell orange Fußballschuhe an den Füßen und sehr viel Hoffnung auf den Schultern trug, farblos. Das gilt auch für die anderen drei Berliner Debütanten.“

Vorruhestand pur

Andreas Burkert (SZ) haut der 2:1-Sieg der Bayern in Rostock nicht vom Hocker: „Eine Woche mit zwei Starterfolgen in die Rückrunde liegt nun hinter den Bayern. Doch diese beiden Siege dürften sie wohl kaum von ihren dezenten Zweifeln befreit haben. Denn in Rostock haben sie ja mal eben im Schnelldurchgang ihre Hinserie nachgestellt. In dieser hatten sich die Bayern nach euphorischem Entrée bleischwer und ideenlos in die Winterpause gerettet. Schlüssige Erklärungen für den Trend sind bisher ausgeblieben. Die zweiten 45 Minuten haben nun ausgereicht, dass die Suche nach Erklärungen schon wieder begonnen hat. Und diese Suche führt unweigerlich zu einem wunden Punkt der neuen, teuren Bayern: der Abhängigkeit vom Mann aus Hitzfelds Windschatten, Franck Ribéry. Wegen Oberschenkelschmerzen war er zur Halbzeit ausgewechselt worden – und somit all das, was das Spiel der Bayern ausgezeichnet hatte. Hitzfelds Leute haben ohne den Flügelläufer ausgesehen wie eine Boeing, die auf halber Strecke eine Tragfläche verloren hat.“

Matthias Wolf (Berliner Zeitung) fügt hinzu: „Ottmar Hitzfeld wirkte sehr nachdenklich. Denn wenn ein derart limitierter Gegner, der drei Tage zuvor im DFB-Pokal an einem Zweitliga-Klub gescheitert war, dessen Starensemble ins Wanken bringt, spricht das nicht für die Klasse des Tabellenführers.“

Stefan Osterhaus (Financial Times Deutschland) kommen die Verdienste und Qualitäten des aktuellen Bayern-Trainers zu kurz: „Hitzfelds Engagement ist im Grunde genommen Vorruhestand pur. Das liegt nicht am Coach, der engagiert wie gewohnt täglich zur Trainingseinheit schreitet. Es liegt einfach daran, dass sein Nachfolger Jürgen Klinsmann heißt. Alles wird darauf hinauslaufen, dass in München eine neue Zeitrechnung beginnt. Es ist das Pech des Mannes aus Lörrach, dass er einfach der Trainer vor Klinsmann ist. Dabei hat es unbestreitbare Vorteile, bereits jetzt zu wissen, dass Hitzfeld geht. Sein Abschied wird die Anhänger nicht plötzlich treffen. Schon jetzt kann jeder darüber nachdenken, was die Bayern an ihm gehabt haben und umgekehrt. Jeder, dem der deutsche Fußball am Herzen liegt, soll noch mal in sich gehen und überlegen, wer vor Hitzfeld die Champions League nach Deutschland geholt hat.“

Ein Unentschieden mit Gewinnern und Verlierern

Richard Leipold (FAZ) zieht aus dem 3:3 zwischen dem Duisburg und Dortmund mehrdeutige Schlüsse: „Auch ein Unentschieden kann Gewinner und Verlierer hervorbringen. Wer hier gewonnen und wer verloren hatte, war zwar nicht am Ergebnis abzulesen, wohl aber an den Gesichtern und an den Worten der Protagonisten. Während die Duisburger wie Verlierer vom Platz schlichen, hatten die Dortmunder über den einen Punkt hinaus allerlei Tugenden zurückgewonnen, die ihnen auf rätselhafte Art abhandengekommen schienen: Selbstvertrauen und Kampfgeist, Mut und Moral. (…) Der Zugewinn könnte über den Teilerfolg dieses Spieltags hinausreichen, falls die Dortmunder nicht wieder in alte Fehler verfallen, wie es oft geschieht, wenn ihnen etwas Gutes gelungen ist.“

Freddie Röckenhaus (SZ) ergänzt, die beiden Trainer im Blick: „Beim Blick auf die neue Tabelle dürfte sich Rudi Bommer in seiner gefühlten Niederlage mehr bestätigt sehen, als Thomas Doll in seinem gefühlten Sieg. Duisburg hätte mit dem schon sicher geglaubten Dreier das Tabellenende verlassen können, bleibt aber mit dem Unentschieden Letzter. Dortmund fällt mit seinem psychologischen Sieg sogar einen Platz weiter zurück. Was beiden Lagern jedoch Hoffnung machte, war das erstaunlich starke Niveau der Partie. Für Dortmund galt dieser Eindruck zwar nur für die zweite Halbzeit. Da fiel von Dolls Mannschaft die schon allzu bekannte Lethargie auf ebenso unerklärliche Weise ab, wie sie vorher alles in Passivität getaucht hatte.“

Countdown für den neuen Trainer

Roland Zorn (FAZ) sagt dem neuen Bielefelder Trainer nach der Niederlage gegen Wolfsburg weiter rauen Wind voraus: „Der Ostwestfale teilt, wenn er sich gekränkt fühlt, gern direkt und unverblümt aus – das weiß seit Samstag auch der Rheinländer Michael Frontzeck, ein Trainer der umgänglichen Sorte. Und vielleicht war es ja sogar hilfreich, dass der neue Coach der Arminia die atmosphärisch aufgeladene Gemengelage an seinem neuen Arbeitsplatz Bielefeld sogleich mitbekommen hat. Dort hat er es ja nicht nur mit einer nach turbulenten Jahren unter seinen Vorgängern Rapolder, von Heesen und Middendorp verunsicherten Mannschaft zu tun, sondern auch mit einem Publikum, das schon mal ruppig der spürbaren Angst vor dem Abstieg zu trotzen versucht. Nach dem Abgang des poltrigen, unberechenbaren Ernst Middendorp versucht sein Nachfolger auf die sanftere Tour, neues Selbstbewusstsein unter seinen Profis herbeizuführen. Doch die ersten Arbeitsproben haben noch kein Indiz für einen Umkehrschwung im Zeichen der Freundlichkeit geliefert. Bielefeld verlor im Pokal-Achtelfinale beim Zweitliga-Kellerklub Jena, Bielefeld verbockte gleich das erste von acht Heimspielen zum Ligawiederbeginn – und das mit einem Auftritt, dem keinerlei Kampfesmut innewohnte. Dem VfL Wolfsburg, dauerrenoviert von Felix Magath und doch noch immer Ligadurchschnitt, reichte eine solide, stabile, aber nicht inspirierte Leistung, um sich die harmlosen Ostwestfalen vom Leibe zu halten.“

Ulrich Hartmann (SZ) pflichtet bei: „Für Frontzeck scheint nach zwei Niederlagen in den ersten beiden Spielen bereits ein Countdown eingeläutet. Gegenüber den bisweilen katastrophalen Bielefelder Leistungen unter dem Trainer Middendorp war die Vorstellung zwar eine Verbesserung; die insgesamt freud- und inspirationslose Aufführung vermittelte allerdings wenig neue Hoffnung, und gerade die sollte sich aus einem Trainerwechsel ja vor allem kurzfristig ergeben. Ob Frontzeck sich bei der Arminia etablieren kann, erscheint von Anfang an fraglich.“

Verlässliche Größe

Ronny Blaschke (Stuttgarter Zeitung) bestätigt den Leverkusenern, 3:2-Sieger in Cottbus, ihre Selbsteinschätzung: „Es gehört zu den gängigen Interpretationen eines besseren Teams, einen kämpferischen Sieg bei einem Abstiegskandidaten als wichtige Reifeprüfung zu deuten. So hat es auch Leverkusen gehandhabt. Während die Cottbuser schimpften, freuten sich ihre Widersacher über den Sieg gegen die Launenhaftigkeit der vergangenen und über die Konstanz der aktuellen Saison. Sachlich, klug und trotz des miserablen Rasens technisch ansprechend beherrschte Bayer das Spiel. Niemand ragte in seiner Leistung heraus und niemand fiel unter den Durchschnitt, selbst Kapitän Bernd Schneider gab nach seiner langen Verletzungspause ein beachtliches Comeback. So ist Leverkusen zu einer verlässlichen Größe heran gewachsen.“

Matthias Wolf (FAZ) widmet sich dem Ärger der Verlierer, die sich vom Schiedsrichter benachteiligt fühlen: „Einige Profis sprachen offen von Betrug. Es war nicht nur die Tatsache, dass Lutz Wagner zuvor ähnliche Strafraumvergehen der Leverkusener ungeahndet ließ. In dieser Saison wurden bereits mehrere zweifelhafte Strafstöße – jene, die man geben kann, aber nicht muss – gegen Cottbus gepfiffen.“

Leidenschaftliche Teamleistung

Christian Kamp (FAZ) erfreut sich an der Qualität Karlsruhes, 2:0-Sieger gegen Nürnberg: „Der KSC, die Überraschungsmannschaft der Saison, machte genau da weiter, wo er vor der Winterpause aufgehört hatte: mit einer leidenschaftlichen Teamleistung auf dem Platz und in der Selbsteinschätzung mit gesundem Realismus und einer ganzen Menge Selbstbewusstsein. So abgebrüht kann ein Aufsteiger also sein, wenn er sich nach einem halben Jahr Bundesliga im oberen Tabellendrittel festgesetzt hat. Doch es wird nicht nur spannend sein zu sehen, wie die Spieler mit dem veränderten Anspruchsdenken umgehen; auch die Begehrlichkeiten anderer Klubs gelten in Baden als potentieller Unruheherd.“

Kein Offensivstratege

Jörg Marwedel (SZ) bemängelt beim 1:1 gegen Hannover die Einseitigkeit des Hamburger Trainers: „Nun ist verbrieft, dass Huub Stevens in dem einen Jahr seiner Amtszeit dem Team Disziplin und eine kaum unüberwindbare Abwehr beschert hat. Aber noch nie war es sichtbarer, dass er als Stratege für das Offensivspiel seiner Mannschaft in etwa so viel wert ist wie Schneeschauer an einem sonnigen Nachmittag. So versteckte er Spielmacher Rafael van der Vaart als einzige echte Spitze und korrigierte dies auch nicht, als der Kapitän nicht ins Spiel kam und sich im Hamburger Mittelfeld derart wenig entwickelte, dass in der ersten Halbzeit nicht ein ernsthafter Schuss auf das Tor von Robert Enke kam. Als Stevens gebeten wurde, diesen vermeintlichen Fehler einzugestehen, sagte er nur: ‚Auch Rafael war nicht so gut wie in den siebzehn Spielen davor. Im Mittelfeld wären die Bälle über ihn hinweg geflogen.’ Eine merkwürdige Erklärung, schließlich baut Stevens das HSV-Spiel ja auf van der Vaart auf.“

Unzeitgemäß

Roland Zorn (FAZ) fordert, die Winterpause zu verkürzen oder abzuschaffen: „Warum sich die Bundesliga überhaupt noch den Luxus erlaubt, ihren Spielbetrieb in der gar nicht mehr so kalten Jahreszeit ruhen zu lassen, ist die zunehmend dringlicher zu stellende Frage. Da demnächst mit der wiedereingeführten Relegation und dem exklusiv auf einen Samstagabend verlegten Champions-League-Finale noch mehr Terminenge herrschen wird, sollte die Liga endlich den Mut aufbringen, ihre Stadiontore spätestens Mitte Januar wieder zu öffnen. Es wäre eine zeitgemäße und im europäischen Trend liegende Reform, die vielen vieles leichter machte und die üblichen Rhythmusstörungen nach zu langer Winterpause minimieren könnte.“

Sonntag, 3. Februar 2008

Ascheplatz

Geldvermehrungsmaßnahme

Die Presse reagiert mit Kritik und Skepsis auf das jüngste Urteil des Internationalen Sportgerichts zum Transferrecht

Roland Zorn (FAZ) malt schwarz: „Nun werden sich Spieler und Spielerberater noch leichter die Taschen füllen können; kleine Vereine stehen gegenüber den Begehrlichkeiten der Großklubs so ohnmächtig wie nie da, wenn der Vereinswechsel zum Kinderspiel unter ‚Taschengeldkonditionen’ wird; die in dieser Winterpause auch in der Bundesliga sichtbaren hektischen Vereinswechselmanöver werden noch intensiver sein; es gibt kaum noch die Chance zum nachhaltigen Aufbau von Mannschaften; die Identifikation des Fans mit ‚seinem’ Verein fällt immer schwerer; der Reiz zur Ausbildung von Talenten wird geringer, wenn diese anschließend danke schön sagen und woanders hingehen. Was kann der Fußball gegen diese neue Erschwerung der Wechselmodalitäten tun? Die Fifa zum Beispiel kann ihre Transferbestimmungen überarbeiten und im Sinne der Vereine zu stabilisieren versuchen – muss aber jederzeit auf neue Cas- oder zivilrechtliche Urteile gefasst sein; die Klubs können (gerichtlich ebenfalls prüfbare) geldwerte Ausstiegsklauseln mit neuverpflichteten Spielern für den Fall vereinbaren, dass ein Profi einen zeitlich befristeten Vertrag von sich aus bricht; sie sind, um die eigene Rechtssicherheit zu stärken, in Zukunft geradezu verpflichtet, Verträge mit Spielern, die sie behalten wollen, frühzeitig zu verlängern, und das dürfte manchmal teuer werden. Eine insgesamt unerfreuliche Situation also für die Klubs. (…) Pacta sunt servanda? Der Grundsatz, dass Verträge einzuhalten seien, klingt ehrenwert, scheint aber in der Wirklichkeit des modernen Fußballs überholt – wie die lateinische Sprache, in der er einst in Stein gemeißelt wurde“

Frank Hellmann (stern.de) fügt hinzu: „Wer glaubt, der Irrsinn hätte seine Grenzen, der täuscht sich. Im Gegenteil: Die ohnehin kaum begrenzte und zu begrenzende Macht der Spieler und ihrer Einflüsterer wird noch weiter zunehmen – und die ohnehin schon horrenden Gehälter, Prämien und Handgelder werden sich noch ein ganzes Stück nach oben verschieben. Denn das Urteil könnte sich genauso als Geldvermehrungsmaßnahme für die kickende Belegschaft und ihre Gefolgschaft in Person der Spielerberater erweisen wie einst das Bosman-Urteil, das erst ablösefreie Wechsel ermöglichte.“

Thomas Kistner (SZ) besänftigt diejenigen, die einen Machtverlust der Vereine zu Gunsten der Spieler voraussagen: „Zwar sieht es auf den ersten Blick so aus: Nimmersatte Söldner von Mailand bis Madrid kaufen sich jetzt nach zwei, drei Jahren aus ihren vertraglichen Restlaufzeiten mit ein, zwei Jahresgagen frei, um dem nächsten Arbeitgeber gleich wieder ein Mehrfaches als Handgeld herauszuleiern. So weit, so schlecht. So einseitig ist nun mal nach EU-Recht die Lastenverteilung zu Ungunsten der Klubs. Diese aber könnten ihre Not auch zur Tugend machen und die neuen Risiken auf die Spieler umverteilen. Wär’ ja ökonomisch blanker Unfug, Profis künftig länger als zwei, drei Jahre zu binden. Kürzere Laufzeiten könnten Transfer- und Handgelder dämpfen, zugleich ließen sich die Gehälter anheben: Bezahlt wird nur die Leistung, die geliefert wird. Geschmälert würden auf die Art die in der Szene arg begehrten Kick-Back- und Offshore-Zahlungen. Übrigens, fortan dürften gerade als AG wirkende Klubs, die ja mit Aktionärsgeld arbeiten, keine Jungstars mehr auf viele Jahre verpflichten. Wer derart öffentlich Geld verbrennt, könnte sich am Ende strafbar machen.“

Welt: Es ist das wohl spektakulärste Urteil seit dem Fall Bosman: Der Oberste Sportgerichtshof hat entschieden, dass Spieler nach spätestens drei Jahren ihren Vereinen den Rücken kehren dürfen – ablösefrei; die Fifa ist entsetzt
SZ: Ein neues Urteil des Internationalen Sportgerichtshofs erschüttert das Transfersystem des Fußballs
zeit.de: Interview mit Dietmar Beiersdorfer: „Die Gehälter werden steigen“

Freitag, 1. Februar 2008

Bundesliga

Die ferne Welt rückt noch ein bisschen näher an München heran

Martín Vásquez in ersten Kurzportraits

Was erfahren wir heute über Martín Vásquez, wie man seit gestern weiß Jürgen Klinsmanns Co-Trainer bei den Bayern? Michael Horeni (FAZ): „Vásquez strahlt bei der Arbeit genau das aus, was Klinsmann den Bayern-Spielern in der kommenden Saison vermitteln will: einen leidenschaftlichen Geist.“ „Vásquez wirkt wie der geborene Assistent“, heißt es auf american arena. Weil wenige Stimmen über ihn aufgetrieben werden, „muss man schlussfolgern, dass der neue Assistent nicht nur ein unbeschriebenes Blatt ist, sondern, dass sich seine Qualitäten noch nirgendwo herumgesprochen haben.“

Stefan Moser (spox) ergänzt: „Für die ganz große Bühne fehlt es dem soliden und akribischen Arbeiter zwar nicht an Ehrgeiz, sondern eher an der nötigen Portion Selbstsucht und Narzissmus. Vásquez ist ein Teamplayer, der gerne hinter den Kulissen seinen Job verrichtet. In den USA kann das vielleicht als Schwäche gelten. Für Klinsmann passt dieser Charakterzug dagegen voll ins Anforderungsprofil.“ Immer hin wird der Österreicher Andreas Herzog als Zeuge angehört. Unter Vásquez als Co-Trainer spielte Herzog 2004 bei den L.A. Galaxy.

Horeni befasst sich mit der Frage, welche Bedeutung die Sache für den Klub haben könnte: „Der biographische Hintergrund des Assistenten könnte sich für die Bayern als zusätzlicher Vorteil erweisen. Vasquez vermag vielleicht eine Brücke zu den mitunter isolierten Latinos im Team des FC Bayern zu schlagen. Aber auch seine Kontakte zur Fußballszene in Mittel- und Südamerika könnten bei Verpflichtungen noch nützlich werden. Die ferne Fußball-Welt rückt mit Vásquez noch ein bisschen näher an München heran.“ Über Klinsmann heißt es: „Mit der Personalie Vásquez gewinnt Klinsmanns Projekt, aber auch seine eigene Rolle, an Profil. Aus dem Projektleiter 2006 wird bei den Bayern, anders als vielfach erwartet, der Cheftrainer Klinsmann – der sich folgerichtig einen klassischen Assistenten an die Seite geholt hat und eben keinen profilierten ehemaligen Cheftrainer wie Löw.“

Tagesspiegel: Hertha, ne blasse Nummer

Donnerstag, 31. Januar 2008

Ball und Buchstabe

Journalistische Standards?

Jochen Hieber (FAZ) findet den Plan der DFL bedenklich, die Live-Berichterstattung über die Bundesliga vom Rechtevermittler mitproduzieren zu lassen: „Ist bei einer solcher Konstellation die journalistische Unabhängigkeit gewahrt, ja überhaupt noch möglich? Ist es nicht eher wahrscheinlich, dass die künftige Bundesliga-Berichterstattung im Fernsehen dem Sprichwort folgen wird: ‚Wes‘ Brot ich ess‘, des‘ Lied ich sing’? Wird, was ein Grottenkick war, künftig nicht nur schön bebildert, sondern aufgrund institutioneller Verquickung von Ereignis und Ereignisnachricht auch grundständig schön geredet? Was etwa würden wir von einem großen Buchverlag halten, der danach strebte, mit seinen Produkten auch gleich deren Kritik zu liefern – und wir wären die Zwangsabnehmer? (…) Der Entscheidung von DFL und Sirius, künftig selbst als Erzeuger eines redaktionellen Produkts aufzutreten, lag wohl die Idee zugrunde, das gegenwärtige Quasi-Monopol von Premiere bei der Live-Berichterstattung zu brechen. Legitim ist die Frage, ob da nicht ein Monopolist den anderen schlicht verdrängt – und darüber quasi zu einem Monopol-Monopolisten wird, der über beides verfügt: über den Fußball selbst und über dessen fernsehjournalistische Präsentation. Vor allem diese Frage ist es denn auch, die Premiere vom Bundeskartellamt geklärt wissen möchte. Die behördliche Antwort auf diese Frage sollte freilich alle Fans des Fußballs interessieren. Es wird heiß hergehen in den kommenden Monaten – und es wird viel Geld im Spiel sein. Die journalistischen Standards künftiger Fußballberichte im Fernsehen werden dabei eher eine Nebenrolle spielen. Diese Nebenrolle aber sollte uns sehr wichtig sein.“

Am Grünen Tisch

Zwei Spielmacher in der Bredouille

Klammheimliche Freude in der deutschen Presse: Die angeblichen Probleme der Ukraine, Polens und Südafrikas, die Zeitpläne für die EM 12 und die WM 10 einzuhalten, sind die Probleme Michel Platinis und Joseph Blatters

Matti Lieske (Berliner Zeitung) wertet, vielleicht etwas voreilig, die Mahnung des Uefa-Präsidenten Michael Platini an Ukraine und Polen als Indiz dafür, dass den beiden Gastgebern der EM 2012 das Turnier entzogen werden könnte: „Die mit großer Euphorie als Aufbruch Ost verkündete EM-Vergabe an Polen und die Ukraine scheint sich bereits neun Monate später als verheerender Fehlschlag zu erweisen. In beiden Ländern ist seit dem Zuschlag außer Streitereien und Intrigen so gut wie nichts passiert, bei Stadionbau und Infrastrukturmaßnahmen liegt man schon weit hinter dem ursprünglichen Zeitplan zurück. Die in Zagreb erhobene Forderung Platinis, in den nächsten sechs Monaten müsse es deutliche Fortschritte geben, klang wie ein Ultimatum. Die Wahrscheinlichkeit, dass die EM 2012 tatsächlich in den beiden erwählten Ländern stattfindet, ist inzwischen bloß noch gering. Stattfinden wird das Turnier aber bestimmt, denn Platinis neuer Freund Theo Zwanziger ist sicher so freundlich, das Land des WM-Gastgebers 2006 als Schauplatz für die EM 2012 zur Verfügung zu stellen. Mit den Wahlversprechen Platinis hat das dann allerdings gar nichts mehr zu tun.“

Christof Kneer (SZ) sieht Platini in ähnlich heikler Situation wie den Fifa-Präsidenten Joseph Blatter: „Nun müssen die beiden Spielmacher, der große und der kleine, dahin, wo’s weh tun könnte – nach Polen/Ukraine (EM 2012) und Südafrika (WM 2010). Südafrika ist von Blatter mehrfach zu schärferem Arbeitstempo ermahnt worden, und nun hat auch Platini seinem Bewerberdoppel so knackig ins Gewissen geredet, dass es gleich als Ultimatum verstanden wurde. Das klingt ernst und ist es auch: Für die Machtgemeinschaft Blatter/Platini werden die Turniere im strukturschwachen Raum zur womöglich existenziellen Herausforderung. Die beiden haben ihren Lieblingswahlvölkern in Osteuropa und Afrika großzügig zwei Turniere überreicht, und jetzt müssen sie dummerweise dafür sorgen, dass diese Turniere auch stattfinden können. Blatter kennt das Grummeln im Kreis der Großsponsoren, die ihn – sollte Südafrika scheitern – kaum aus der Verantwortung entlassen würden. Und er ahnt, dass von Südafrika eine schöne sportliche Vision abhängen könnte – jene, wonach der Spielmacher Blatter nach seinem Karriereende den Fifa-Dirigentenstab an den Spielmacher Platini übergibt.“

FR: Platini rügt Polen und Ukraine
Mehr über Blatter bei seinem Freund Jens Weinreich

Mittwoch, 30. Januar 2008

Ball und Buchstabe

Verausterung oder Notwendigkeit?

Zwei ähnlich geartete Medienthemen beschäftigen zurzeit die Fußballpresse: Zum ersten kursiert das Gerücht, der FC Bayern wolle sich seine Journalisten künftig aussuchen; Ottmar Hitzfeld soll mit einem Positionspapier gesichtet worden sein, das ein Konzept darlege, nach dem nur noch rund zwanzig „relevante“ Redaktionen mit Informationen und Interviews versorgt werden sollen. Zum anderen fürchtet man eine regressive Medienpolitik des DFB während der EM

Thomas Knüwer (Indiskretion Ehrensache/Handelsblatt) kritisiert die Aktion: „Jeder weiß, was das Management des FC Bayern unter fairen Journalisten versteht: Journalisten, nämlich, die die Meinung des Managements des FC Bayern vertreten. Das Ziel dieser Aktion ist klar: Kritiker ausschalten. Das Ergebnis wird das Gegenteil sein. Journalisten, die aus dem Kreis der Günstlinge fallen, werden umso aggressiver recherchieren, ebenso jene, die gar nicht erst hineingelangen. Und nichts ist schlimmer, als wenn Sportjournalisten mit einem Mal das tun, was sie sonst nur selten machen: recherchieren. So bröckelte auch das Kartenhaus Borussia Dortmund einst zusammen. Statt sich zu veraustern sollten die Fußball-Clubs ihre Kommunikationsabteilungen stärken und sich öffnen.“

Thilo Komma-Pöllath (FAZ) wirft dem Klub vor, sich das falsche Vorbild zu nehmen: „Bei Bayern München deutet vieles auf eine Lösung hin, wie sie der amerikanische Präsident in Washington exerziert. ‚White House Press’ nennt sich das Modell, das ebenfalls in Hitzfelds Händen zu lesen war. Ein Modell, in dem eine ausgewählte Schar einflussreicher und oft auch freundlich gestimmter Medien näher an den Entscheidungsprozessen beteiligt wird. Den machtbewussten Bayern wird das gefallen: Weg vom FC Hollywood hin zum Weißen Haus in München-Giesing.“

Jörg Schallenberg (Spiegel Online) verfolgt eine andere Idee: „Eine Interpretationsmöglichkeit lautet: Wer kritisch berichtet, wird dann wohl nicht mehr mit allzu vielen Informationen aus dem Club rechnen können, geschweige denn Interviewpartner oder Akkreditierungen zu wichtigen Spielen bekommen. Doch die Idee könnte ja auch anders gemeint sein: Zielt sie auf eine Disziplinierung der eigenen Leute?“

Stefan Osterhaus und Andreas Rüttenauer (taz) ergänzen: „Ob diese Operation den Titel ‚Maulkorb’ verdient, wird sich erst in der Praxis erweisen. Experten zweifeln an der Durchführbarkeit, weil die Bayern ihr temperamentvolles Personal – allen voran die Herren Beckenbauer und Hoeneß – austauschen müssten, um die Zielvorgabe zu erfüllen. Wer nun die Bayern in der Rolle der bösen Informationsbeschränker sieht, hat nicht ganz verstanden, wie weit Anspruch und Wirklichkeit in diesem Klub auseinander liegen. Die Pläne der Bayern sind eine bloße Notwendigkeit, wenn der Verein sich als Wirtschaftsunternehmen begreifen will. Dort ist ein solches Verhalten gegenüber Journalisten längst gängige Praxis – und niemand protestiert.“ Zudem heißt es: „In der Realität standen die Chancen auf ein Rummenigge-Interview für den Generalanzeiger aus Knatterheim an der Knatter schon immer schlecht. Die einzige Möglichkeit: Die Redaktion hätte es bei Tom Kummer bestellen müssen. Sebastian Krass, der als freier Journalist in München auch für die taz über den FC Bayern berichtet, ist noch nie ein Einzelinterview mit einem Spieler bewilligt worden.“

Gebastel

Rüttenauer ist es auch, der über schwierige Arbeitsbedingungen bei DFB-Interviews klagt: „Zehn bis zwölf Medienvertreter sitzen zwanzig Minuten mit einem Spieler am Tisch. Nachfragen ist so gut wie nicht möglich, eine vertrauensvolle Gesprächsatmosphäre kann gar nicht erst aufkommen. Der Boulevardreporter will wissen, wie oft der junge Superstar an der Playstation sitzt, ein Vertreter einer Regionalzeitung fragt, ob der Spieler verfolge, wie seine Leistungen in seinem Heimatkaff bewertet werden, und wer wissen will, warum sich der Stürmer im letzten Spiel so schwer getan hat, kommt eventuell gar nicht zu Wort. Und am Ende bastelt jeder daraus sein Interview. (…) Am Mittwoch tritt die deutsche Auswahl zum Testspiel in Wien an. Und Oliver Bierhoff beklagt laut die knappe Zeit für die sportliche Vorbereitung. Doch daran sind nicht die Journalisten schuld. Der nationale Terminkalender ist auch deshalb so prall gefüllt, weil Hauptsponsor Mercedes-Benz am Montag mit den Spielern einen Werbefilm drehen darf.“

Freitag, 18. Januar 2008

Bundesliga

Leidet Jürgen Klinsmann am Stockholm-Syndrom?

Der ehemalige Bundestrainer verbündet sich sensationellerweise mit seinem ehemaligen Gegner, dem FC Bayern München, und wird den Klub vermutlich zu neuen Erfolgen führen – doch wissen das auch die Fans, deren Skepsis nicht auszuschließen ist? Und handelt es sich wirklich um eine Sensation? (mehr)

freistoss des tages

Donnerstag, 17. Januar 2008

Am Grünen Tisch

In die Tat umgesetzt

Roland Zorn (FAZ) schreibt die Auflösung der ungeliebten G 14 dem Uefa-Präsidenten Michel Platini gut: „Zwar hat auch Joseph Blatter seinen Anteil daran, dass sich die von beiden großen Dachverbänden mal ignorierte, mal bekämpfte G 14 demnächst auflösen dürfte. Den Ausschlag aber für den Aufbruch zur neuen Gemeinsamkeit zwischen den unterschiedlichen Gruppierungen des Fußballs – Verbände, Vereine, Spielervertretungen – gab sicher die Glaubwürdigkeit des unverbrauchten und so gar nicht zeremoniellen Würdenträgers Platini. Anders als der allzeit umstrittene und affärenbelastete Blatter, der gern als Fußballliebhaber auftritt, vor allem aber machtpolitisch in seiner Manege agiert, überzeugt Platini mit seiner bisher noch nicht angekratzten Integrität und seiner zielstrebigen Art, schwungvoll Kompromisse zu schmieden. Dass sich die G 14 bald verabschiedet und ihre elitären Klubs mit anderen Vereinen unter dem Dach der zu gründenden europäischen Klubvereinigung diskutieren, ist gewiss zuerst dem Streben Platinis zu verdanken, die jahrelang zerstrittene ‚Fußballfamilie’ wieder zu vereinen. Diese Absicht stand in der Wahlkampagne des Franzosen an erster Stelle – er hat sie in die Tat umgesetzt.“

Christof Kneer (SZ) verweist darauf, dass an der G 14 nicht alles schlecht gewesen sei: „Jeder weiß, dass nirgendwo so leidenschaftlich gelogen wird wie an offenen Gräbern, aber die G 14 ist eine besondere Herausforderung für alle Trauerredner. Das Lebenswerk dieser Klubvereinigung verträgt, je nach Blickwinkel, unterschiedliche Interpretationen. Blatter wird den Klubs bestimmt Raffgier unterstellen, und in der Tat hat es die G 14 nie geschafft, als Interessenvertreterin aller Klubs durchzugehen. Sie war vom ersten Atemzug an ein heterogenes Gebilde, was nicht verwundert, weil die Interessen von Barcelona, Bayern und dem FC Porto niemals dieselben sein können. Aber immerhin darf es die G 14 als Vermächtnis betrachten, dass sie dem Fußball eine neue Möglichkeit gezeigt hat – die Möglichkeit, jenseits der Verbände eine zweite Kraft zu etablieren.“

FAZ: Das Ende der G 14

Pest des Schmierens

Jens Weinreich (Berliner Zeitung) erneuert seine Forderung nach Maßnahmen, um die weit verbreitete Korruption im Sport zu bekämpfen: „Das Geschäft mit dem Sport ist ein grenzüberschreitendes Milliarden-Business, in dem sich alle Arten von Korruption finden, die von Kriminalisten beschrieben werden: Drogenhandel, Menschenhandel, Wettbewerbsmanipulation, Bestechung von Amtsträgern jeder Art – also von Schiedsrichtern, Kampfrichtern, Athleten, Funktionären, Politikern und, auch das, von Journalisten. Eine wichtige Erkenntnis der Kriminalwissenschaft dürfte auf den Sportbetrieb ebenfalls zutreffen: Mehr als 95 Prozent aller Korruptionsfälle bleiben unerkannt. Anders gesagt: Weniger als 5 Prozent aller Korruptionsvorgänge werden öffentlich – und davon wird nur ein Bruchteil geahndet. In der Olympischen Charta, dem Grundgesetz des IOC, taucht das Wort Korruption allerdings noch immer nicht auf. Es gibt keinen verbindlichen Ethik-Kodex für die fünfunddreißig olympischen Weltverbände. Die Ethik-Kommission des IOC trifft, wie die gleichnamige Combo der Fifa, immer wieder desaströse Entscheidungen. Etliche Ganoven, die in ihren Ländern wegen Korruption verurteilt wurden, durften IOC-Mitglieder bleiben. Fest steht: Für dopende Sportler haben Sportfunktionäre weniger Verständnis als für Betrüger in den eigenen Reihen. Ein Kernproblem im grenzüberschreitenden Sportgeschäft ist, dass keine der internationalen Anti-Korruptions-Konventionen gilt. Die Abkommen von OECD oder Europarat gelten nur für Wirtschaft und Politik – aber nicht für den Sport. (…) So ist die Pest des Schmierens nicht einzudämmen.“

BLZ: Der spektakulärste Korruptionsprozess in der Geschichte des olympischen Sports findet im Frühjahr in Zug statt

BLZ: Die französische Zeitung Le Monde muss, so entscheidet ein Gericht, wegen ihrer Doping-Berichte über den FC Barcelona 300.000 Euro Strafe zahlen – doch eine Absolution ist dieses Urteil nicht

FAZ: Die Bundesliga als Exportschmiede der Premier League

Dienstag, 15. Januar 2008

Internationaler Fußball

Zum Spielball geworden

Ronald Reng (Berliner Zeitung) führt den Karriereknick Ronaldinhos auf die Umstände in Barcelona zurück: „Der einzigartige Druck, die Politisierung des katalanischen Klubs, verschleißt seine Helden. Barça, von sieben Punkten Rückstand auf Madrid in der spanischen Liga belastet, summt vor Gerüchten. Zu viele Leute wollen in dem Verein etwas erreichen oder ihn gebrauchen, Medien, Politiker, Berater, Sportler. Ronaldinho ist ihr Spielball geworden. Neidische Mitspieler und profilierungssüchtige Vorstandsmitglieder füttern die Medien mit Halbwahrheiten über ihn. Weil die eine katalanische Sportzeitung, El Mundo Deportivo, einen exklusiven Zugang zu Ronaldinho hat, schlägt die andere, Sport, ohne Angst vor Lügen auf ihn ein. Andere Medien multiplizieren die Kampagne: Wilde Partynächte, Vereinswechsel dichten sie ihm täglich an, gar das Pfeiffersche Drüsenfieber, weil das auf Spanisch so schön heißt: enfermedad del beso. Kuss-Krankheit.“

Auch ein guter Mensch kann ein erfolgreicher Torwart sein

Einen aufschlussreichen Artikel schrieb Reng in der taz der letzten Woche über Jens Lehmanns Mobbing gegen seinen Rivalen Manuel Almunia: „Der deutsche Nationaltorwart ließ kaum eine Gelegenheiten aus, die Polemik anzuheizen und Almunia schlechtzureden, seit Arsenals Tor nach Lehmanns zwei kapitalen Fehlern im September dem Spanier anvertraut wurde.“ Almunia hingegen, der Lehmanns Attacken gelassen ignoriert, hat Rengs Sympathien: „Es ist eine Freude zu sehen, dass ein gewöhnlicher, aber fleißiger Torwart im zweiten Versuch dem Druck eines Großvereins und brutalen Rivalens standhält. Lehmann glaubt, Almunia könne ihm nichts vormachen. Er merkt nicht einmal, welche Lektion Almunia ihm erteilte: Auch ein guter Mensch kann ein erfolgreicher Torwart sein.“

Good save!

Bundesliga

Wieder Nabel der deutschen Fußballwelt

Tim Borowski wechselt von Bremen nach München – Matti Lieske (Berliner Zeitung) sieht darin eine großen Terrainzurückgewinn der Bayern: „Noch vor einem Jahr hatte es so ausgesehen, als wäre der Einfluss der Bayern im Nationalteam komplett am Schwinden. Nach dem Abgang von Kahn und Deisler waren vom FC Deutschland-Traum des Uli Hoeneß nur Philipp Lahm und die unglücklichen Bankdrücker Schweinsteiger und Podolski geblieben, die bestimmende Macht im deutschen Fußball stellte jedoch Werder Bremen dar. Nun aber feiern die Münchner ein Comeback mit Pauken und Trompeten. Auf der einen Seite zementiert das Arrangement mit dem dicken Löw-Freund als Coach des FC Bayern die komplette Machtübernahme des Systems Klinsmann, das nun Nationalteam und Branchenführer unter der Fuchtel hat. Auf der anderen Seite ist der FC Bayern wieder unangefochten der Nabel der deutschen Fußballwelt, und seine Spieler stellen das Gerüst des DFB-Teams. Leidtragende dieser Entwicklung sind die anderen Bundesligaklubs, allen voran Bremen.“

Hans Mahr, Ex-Chef von RTL und nun Medienberater (vielleicht einigen Harald-Schmidt-Guckern noch als Mahr-Hansi geläufig), rechnet im Tagesspiegel mit einem Arrangement zwischen Jürgen Klinsmann und dessen Freundchen von der Bild-Zeitung: „Ich kenne die Freunde von der Bild. Die werden einen Schritt auf ihn zugehen, das spezielle Verhältnis mit Klinsmann auch akzeptieren. Dass er eben nicht einer ist, der alles mit und in der Öffentlichkeit macht, und Klinsmann ist so clever, dass auch er einen halben Schritt zur Bild-Zeitung hingehen wird.“

FAZ: Bremen verärgert über Borowski-Wechsel
taz: Der FC Bayern München arbeitet mit Hochdruck am FC Deutschland 08 – und verpflichten Tim Borowski

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