Donnerstag, 13. Dezember 2007
Champions League
Ein kitschiges Schalker Stück schaurig-schöner Art
Auch im Moment des großen Erfolgs kommen die Schalker nicht ohne Ärger aus: die zweideutige Solidaritätsgeste der Mannschaft für die suspendierten Krstajic und Rakitic überlagert in der Presse den Sieg gegen Rosenborg Trondheim / Die Bremer enttäuschen in Piräus die Journalisten vollends / Der Uefa-Pokal, Deutschlands neue Heimat
Philipp Selldorf (SZ) gibt Schalke in der Champions League eine Außenseiterchance: „In Deutschland ist Schalke seit der Jahrhundertwende als Spitzenklub etabliert, aber in dieser Liga der Mogule und Metropolenvereine sind die Gelsenkirchener eine kleine Nummer. Für sie stellt der Eintritt ins Achtelfinale eine neue Dimension dar, daher brach nach dem Sieg auch so eine irrationale Begeisterung aus: Es ist ein gewaltiger Fortschritt und eine Belohnung für die Politik der vergangenen Jahre, als man sich traute, an einem wirtschaftlich extrem schwierigen Ort das neue Stadion zu bauen und dafür hohe Schulden aufzunehmen. Italiens, Spaniens und Englands Fußball-Adel, Schalkes künftige Gesellschaft, wird diesen Erfolgseffekt allerdings nur als Randnotiz wahrnehmen. Was natürlich nicht heißt, dass die Schalker ab sofort chancenlos sind. Vereine wie Eindhoven oder der FC Porto haben bewiesen, dass die Champions League Platz lässt für die Cleveren. Schalkes Vorrunden-Kampagne bot in ihren besten Momenten (von den Leiden gegen Valencia schweigt man besser) Anlass für Zuversicht: Beim 0:0 gegen Chelsea gewagt, im Hinspiel gegen Trondheim schlau und im Rückspiel entschlossen. Aus der Vereinigung dieser Elemente könnte Trainer Slomka noch große Abende kreieren.“
Bloßstellung des Trainers
Jan Christian Müller (FR) schüttelt den Kopf und deutet die Verbundenheitsgeste der Schalker Spieler für ihre zwei suspendierten Kollegen (sie hielten den Fans jubelnd deren Trikots hin) als einen Affront gegen ihren Trainer: „Die unprofessionellen Profis Mladen Krstajic und Ivan Rakitic haben – daran ändert das Erreichen des Achtelfinals nichts – Slomkas Autorität mit ihrem dummdreisten Diskobesuch vor dem für Schalke bisher wichtigsten Spiel des Jahrtausends untergraben. Dass Bajramovic und weiteren Mitspielern nach dem Sieg nichts Besseres einfiel, als ausgerechnet die Trikots derjenigen in die Höhe zu halten, die den Trainer zuvor im Stich gelassen hatten, dürfte Slomka als peinliche Bloßstellung wahrgenommen haben.“ Richard Leipold (Tagesspiegel) sieht das ähnlich: „Genau genommen grenzte die Solidarität mit Zlatan Bajramovic und Freunden an eine Frechheit – ganz gleich, ob sie sich gegen den Trainer, den Verein oder gar die Fans richtete. Da zieht der Klub zum ersten Mal in seiner Geschichte ins Achtelfinale der Champions League ein und erwirtschaftet zwölf Millionen Euro zusätzlich, aber alle Welt fragt sich, wer für oder gegen wen demonstriert.“
Selldorf wertet etwas milder: „Insgesamt etwas kitschig das Stück, aber auf Schalker Art auch schaurig-schön – nur für den Trainer schwierig zu vertreten. Einerseits stand da ja die inakzeptable Regelübertretung, andererseits der erfreuliche Effekt, dass die Mannschaft wie erhofft neuen Gemeinsinn geschöpft hatte. Nun musste Slomka darauf achten, dass Rakitic und Krstajic nicht den Weg der Legende der Banditen Frank und Jesse James nahmen – dass Gesetzlose zu Helden verklärt würden.“ Und Daniel Theweleit (Berliner Zeitung) verweist auf die gute Leistung der Mannschaft: „Der Vorgang erinnerte nicht nur in seiner Widersprüchlichkeit an die Wagenburg-Stimmung während des Presseboykotts vor einem Jahr. Wie damals profitierte die Mannschaft vom Effekt des wachsenden Zusammenhalts, und derart gestärkt spielte Schalke im finalen Gruppenspiel.“ Bajramovic wird mit den erstaunlichen Worten zitiert: „Sie sind, in Anführungszeichen, meine Landsleute – da habe ich mein Herz für die beiden auf dem Platz gelassen.“ Zur Erläuterung: Bajramowic ist Bosnier, Krstajic Serbe, Rakitic Kroate.
FAZ-Bericht und Bildstrecke Schalke–Trondheim
Die sportlichen Schalker Höhepunkte
Schwellenklub in Europa
Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) schreibt geschockt über das Bremer 0:3 in Piräus: „Die Diskussionen um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Klubs dürften anhalten, Stoff hierfür lieferte vor allem Werder Bremen. Mit viel Getöse als letzte Chance zelebriert, mündete die griechische Expedition in ein Desaster. Die Bremer blieben ihrer irrationalen Linie treu. Real oder im letzten Jahr Chelsea wurden im Weserstadion im Stile eines Klasseteams dominiert, in Auswärtsspielen wurde gegen Gegner solchen Formats zumindest ein passabler Eindruck hinterlassen. Er wird durch Auftritte wie in Piräus oder in Rom konterkariert, indem sich Werder schwächeren Gegnern beinahe widerstandslos geschlagen gab. Befindet sich Bremen in der Favoritenrolle gegen Teams mit fußballerischen Limiten, verkehrt sich der Vorteil der hohen Bremer Spielkultur ins Gegenteil. Denn der Versuch der spielerischen Lösung bedeutet dann meistens, dass der Einsatz zu kurz kommt.“
Sven Bremer (Financial Times Deutschland) meint, dass Bremen an seiner einseitigen Offensivstrategie gescheitert ist: „Stets zu versuchen, Hurra-Fußball zu zelebrieren, kann offenbar auch dazu führen, dass die Spieler verkrampfen, wenn ihnen Spaßverderber wie die aus Piräus gegenüberstehen. Die Griechen traten auf wie eine XXL-Ausgabe von Energie Cottbus. Defensiv eingestellt, kampfstark, taktisch diszipliniert und in der Lage, Fußball zu spielen. Werder hat durch seine offensive Spielweise viele Freunde gewonnen – und hohe Erwartungen geweckt. Offensichtlich sind sie zu hoch. Denn genauso, wie die Bremer Profis ihre Fans zu begeistern wissen, enttäuschen sie die Anhänger maßlos. Weil sie international stagnieren. (…) Werder ist und bleibt so etwas wie ein Schwellenklub in Europa.“
Rückschritt
Jörg Marwedel (SZ) ergänzt: „Sie können, wie unlängst, an guten Tagen Real Madrid 3:2 schlagen. Aber es gab eben auch enttäuschende Augenblicke. Augenblicke, in denen man merkte, dass man noch immer nicht so weit ist, wie man gern wäre: ein Klub, der sich auf gleichem Niveau mit den besten Vereinen der Welt bewegt. Werder Bremen ist nur ein deutscher Spitzenklub, das Spiel in Piräus zeigte, dass es für mehr vorerst nicht reicht.“ Christian Kamp (FAZ) fügt hinzu: „Vier Jahre Champions League haben Werder offenbar nicht genügt, um in Europas Liga der Besten ein ausreichendes Maß an Verlässlichkeit in die eigenen Leistungen zu bringen; das zeigten vor allem die Heimniederlage gegen Piräus und der schwache Auftritt bei Lazio Rom. Weil damit im Gegensatz zu den ersten beiden Jahren das Achtelfinale nun schon zweimal nacheinander verpasst wurde, machte das Wort vom Rückschritt die Runde.“
Gottseidank sind die Griechen bei der EM in einer anderen Gruppe
Ein Stockwerk drunter
Roland Zorn (FAZ) findet sich fürs Erste mit der Zweitligahaftigkeit des deutschen Klubfußballs ab: „Deutschland hat seinen internationalen Stammplatz ein Stockwerk unter der Beletage gefunden: im Uefa-Pokal. Dort werden sich vom Februar an die Bundesliga-Spitzenklubs drängeln wie seit Jahren nicht. Nun, da das frühe deutsche Scheitern im Prestige-Wettbewerb eher die Regel als die Ausnahme ist, gewinnt der in Deutschland jahrelang übersehene Uefa-Pokal wieder an Reiz. Dort wenigstens ist was zu holen, kaum jedoch in der Liga der superreichen oder megaverschuldeten Klubs, deren finanzielle Kraftakte zur Aufrechterhaltung der sportlichen Chance auf den begehrtesten aller Vereinspokale manchmal hochriskant anmuten.“
NZZ-Bericht Glasgow Rangers–Olympique Lyon (0:3)
Klesko gegen Lüong (so würde es Calmund aussprechen)
Mittwoch, 12. Dezember 2007
Bundesliga
Diesem Klub fehlt die Führung
Oliver Kahn, der Ex-Titan, wird von den Bayern wegen Kleinigkeiten für ein Spiel suspendiert – ein schöner, fetter Knochen für die Presse, die diese Entscheidung für einen vergeblichen Winkelzug hält, Trainer Ottmar Hitzfelds Autorität wiederherzustellen
Andreas Lesch (Berliner Zeitung) kommentiert die Suspendierung Kahns kritisch: „Das ist eine Demütigung: Die Münchner stellen Kahn öffentlich bloß – den Schlussmann von Weltruf, den Profi mit der großen Vergangenheit, den Fußballer, der jetzt 38 ist und seine letzte Saison spielt. Sie klopfen den Kicker, der einst als stählerner Titan gegolten hat, auf seine alten Tage weich wie einen Wackelpudding. Sie wollen mit dieser Aktion ihre Stärke demonstrieren – und beweisen ihre Schwäche. Sie haben diese Kraftmeierei offenbar nötig.“
Auch Michael Horeni (FAZ) meint, dass diese Entscheidung auf Vereinsführung und Trainer zurückfällt: „In München fragt man sich eher, was die Strafe über Hitzfeld und die Klubführung aussagt als über einen immer wieder unzufriedenen und unhöflichen Torwart. Nachdem Investitionen von 70 Millionen nach einem glanzvollen Start sportlich allmählich versickern, ist dem Trainer der Druck wieder ins Gesicht geschrieben. Dass Hitzfeld die Bayern in der kommenden Saison betreut, ist keine allzu realistische Aussicht mehr. Wenn diese Spielzeit am Ende tatsächlich ohne Titel bleiben sollte – der Bayern-Gau –, wird man sich zudem fragen, ob die angeschlagenen Rummenigge und Hoeneß dann noch die Souveränität und Kraft besitzen, den FC Bayern zur Ruhe zu bringen. Schon jetzt fehlt dem Klub Führung.“
Durchschaubares Manöver
Christof Kneer (SZ) erkennt den Versuch, den Status des Trainers wiederherzustellen – und hält ihn für gescheitert: „Die Reaktion des Sportlers war mindestens so überraschend wie die Aktion der Verantwortlichen, und so ist Bayerns Bossen etwas gelungen, was Bayerns Spielern zuletzt selten gelungen war: ein ziemlich überraschender Spielzug. (…) Der starke Mann ist also Hitzfeld – jener Trainer, dessen Stellenwert die Verantwortlichen vor kurzem selbst ziemlich verkleinert haben. Mit der konzertierten Kritik an Hitzfelds Rotation haben sie einen beträchtlichen Klimawandel ausgelöst, seitdem wird der Klub ja trotz nachgewiesener Tabellenführung als Krisenklub wahrgenommen. Nun inszenieren sie ihren Trainer also als entschlossenen Krisenmanager – sie wollen erst mal in Ruhe die Winterpause erreichen und sich dann überlegen, was sie von Hitzfeld wirklich halten. Im Grunde enthüllt die Dramaturgie dieses Konflikts aber genau das, was eigentlich verschwiegen werden soll: dass hier zwei Vereinsgrößen mächtig schrumpfen. Ihrem Trainer haben sie die Causa Kahn zu Profilierungszwecken auf den Leib geschneidert, und ihrem Torwart haben sie deutlich signalisiert, dass er nicht mehr der ist, der er mal war.“ Jörg Hanau (FR) stimmt ein: „In seiner letzter Saison hat die Nummer 1 offenkundig an Schrecken verloren, und selbst Hitzfeld traut sich plötzlich, den eigenen fortschreitenden Autoritätsverlust auf Kosten des Auslaufmodells Kahn zu verschleiern. Ein allzu durchschaubares Manöver.“
Zu einem Lokalmatadoren verkommen
Andreas Rüttenauer (taz) hält den Rangverlust Kahns in der Bayern-Hierarchie fest: „Das Management der Bayern zeigt, dass es in der Tat gewillt ist, sich in Europa neu aufzustellen. Der Kapitän der Mannschaft ist nicht mehr als ein regionaler Superstar, einer von rein deutscher Klasse. Seine Zeit als Weltfußballer zwischen den Pfosten liegt eine gute Weile zurück. Die Klubführung will es offenbar nicht dulden, dass Kahn über die internationalen Stars urteilt, die die Bayern so teuer erworben haben. Der Titan, als der er während der Weltmeisterschaft 2002 bis zum Finale gefeiert worden war, ist schon lange vor der Suspendierung in München zu einem Lokalmatadoren verkommen. Einem solchen steht es nicht zu, schlecht über die zu reden, die dem FC Bayern schon allein durch ihre Verpflichtung zu neuem, auch ungewohntem Glanz verholfen haben.“
Immer wieder größere Störfeuer
Klaus Hoeltzenbein (SZ) ergänzt: „Auf den zweiten Blick offenbart die Personalie ihre ureigene, unvergleichliche und äußerst pikante Note. Denn selbst wenn Kahn zunächst nur für das Hertha-Spiel suspendiert ist, läuft eine langjährige, schillernde Partnerschaft Gefahr, im Sommer 2008 im Unfrieden getrennt zu werden. Für das, was Kahn jetzt vorgeworfen wird – und was offiziell vom Verein (noch) nicht begründet wird –, wäre er in der Blüte seiner Laufbahn vermutlich niemals abgestraft worden. Weihnachtsfeier zu früh verlassen, kritisches Interview – das hatte er immer mal im Programm. Jetzt, in der Neige seiner Laufbahn, ist Kahn zwar noch so eigenbrötlerisch wie früher, aber nicht mehr unantastbar. Sportlich hat er nicht mehr die Rolle, nicht die Funktion von einst. Kahn ist weiter Kapitän der Bayern, doch nicht mehr der mächtigste und prächtigste unter all den Darstellern. Das ist nun Franck Ribéry.“
Oliver Trust (Spiegel Online): „Die vergleichsweise lammfromme Reaktion des Testosteron-Titanen spricht dafür, dass ihm sehr viel an der Unversehrtheit des eigenen Denkmals in München gelegen ist; durch einen womöglich monatelangen Streit mit den Vereinsoberen wäre wohl eine Beschädigung einhergegangen. Und davor fürchtet sich selbst ein furchtloser Egomane wie Kahn. Hitzfeld und Hoeneß jedenfalls lösten ein ernstes Autoritätsproblem und wiesen das bekennende Alpha-Tier in seine Schranken. Kahn, so heißt es, sieht seine Zukunft nach dem Karriere-Ende im kommenden Sommer ohnehin in Asien, was die gesamte Bayern-Führung mit Genugtuung zur Kenntnis nimmt. Im fernen Asien – ganz im Gegensatz zur Welt des FC Bayern – ist Kahn der unumstrittene Megastar. Das Königreich an der Säbener Straße aber ist schon lange nicht mehr sein Reich.“
Elisabeth Schlammerl (FAZ) empfiehlt dem gesamten Klub, Ruhe zu geben: „Die Unruhe droht noch ein bisschen größer zu werden. Die Entscheidung passt ganz gut ins Bild, das das Münchner Starensemble seit ein paar Wochen abgibt. Beim Tabellenführer sind nach wenig berauschenden Vorstellungen die Harmonie und der Schwung vom Saisonanfang längst dahin. Zuerst hatte Rummenigge den Trainer attackiert, die öffentliche Versöhnung ein paar Tage später wirkte halbherzig und hat die Diskussion um einen Ausstieg von Hitzfeld am Saisonende nur noch weiter angeheizt. Seither läuft es in der Mannschaft nicht mehr rund, die Spitzenposition in der Bundesliga wurde nur mit viel Mühe und Glück verteidigt, die Qualifikation für die erste K.o.-Runde im Uefa-Pokal ist noch nicht ganz gesichert. Immer wieder gab es kleinere oder größere Störfeuer.“
Dienstag, 11. Dezember 2007
Champions League
Eine beliebige Elf geworden
Wie immer vortrefflich und kundig analysiert! Ronald Reng (Financial Times Deutschland) bedauert, dass Rosenborg Trondheim sein taktisches Alleinstellungsmerkmal in den letzten fünf Jahren eingebüßt hat: „Ihr diesjähriger Erfolg ist nur noch ein zufälliges Beispiel, wie ein kleiner Klub ab und an das kurze Wanken von Etablierten wie Valencia ausnutzen kann. Noch immer ist Rosenborgs Elf passabel organisiert, noch immer haben sie im slowakischen Spielmacher Marek Sapara eine interessante Figur, wieder eifern sie dem sauberen Passspiel nach. Aber das lässt sich von Dutzenden gewöhnlicher Teams auch sagen. Das Besondere – die avantgardistische Systematik im Spiel einer Elf, die bis 2003 nur aus Skandinaviern bestand – haben sie verloren. (…) Die Offensive wurde damals fast überall der Eingebung der Spieler überlassen. Trainer Nils Arne Eggen gehörte zur Avantgarde, die Angriffszüge vorbestimmte. In dem Moment, in dem der defensive Mittelfeldspieler den Ball nach vorne passte, setzte sich eine Kette in Bewegung, und jeder der fünf Offensivspieler wusste, wie er zu laufen hatte, wann er den Ball erhalten würde, was er damit zu tun hatte. Sie hatten einige Varianten. Nichts war zufällig. Mit Eggens Abschied ging Rosenborgs Identität verloren. Es ist eine beliebige Elf mit Profis aus zehn Nationen geworden. Fünfter wurde Rosenborg dieses Jahr nur in Norwegen; es sagt mehr über den Zustand der Elf als der Rausch der Champions League.“
Versagensangst in der Seele
Wird Schalke ins Achtelfinale einziehen? Philipp Selldorf (SZ) hält den optimistischen Experten entgegen: „Wenn sie sich da mal nicht täuschen in der rätselhaften Schalker Fußballseele. Diese Mannschaft ist besonders begabt darin, ihre eigenen großen Hoffnungen zu enttäuschen (von denen ihrer Anhänger nicht zu reden), ihr wohnt eine im Klub offenbar erbliche Krankheit inne, die Versagensangst erzeugt. Und eine bessere Gelegenheit zur Versagensangst gibt es gar nicht als das Heimspiel gegen die Norweger, das wie ein Elfmeter ins Achtelfinale vor den Schalkern liegt: Seit fünf Wochen müssen sich die Trondheimer im Leerlauf warmhalten, weil die nach Kalenderjahr gespielte nationale Meisterschaft im November zu Ende gegangen ist. Das einzige Wettbewerbsspiel verloren sie zuhause 0:4 gegen den FC Chelsea. Ein mieses Jahr hat der einzige Spitzenklub des Landes obendrein hinter sich, nur die beiden Gruppensiege gegen Valencia stechen daraus positiv hervor. Aber was heißt das schon für diese Schalker Mannschaft, die im Frühjahr die historische Chance auf die Meisterschaft nicht verspielte, sondern panisch fortwarf?“
BLZ: Für Olympiakos Piräus ist die Partie gegen Werder Bremen das Spiel des Jahres
FAS-Interview mit Klaus Allofs: „Uns hasst man nicht so wie die Bayern“
Klub ohne Italiener
Peter Hartmann (Neue Zürcher Zeitung) befasst sich mit den Stärken Inter Mailands und dessen mangelnder Anziehungskraft: „Schon zwölf verschiedene Spieler haben getroffen – alles Ausländer. Diese Austauschbarkeit der Akteure und das Fehlen der Italianità haben bisher verhindert, dass der Funke von der Mannschaft überspringt auf das Land. Inter wird wahrgenommen wie eine internationale Zirkusgruppe, die in San Siro das Stadion nur selten füllt. Milan und Juventus (auch nach dem großen Skandal) hingegen werden leidenschaftlich geliebt oder gehasst. Doch der Respekt vor Inter wächst. (…) Hinter der umstrittenen Glamour-Fassade verbirgt sich eine erstaunliche italienische Realität. Inter, der ‚Klub ohne Italiener’, unterhält mit fünf Millionen Euro jährlich die erfolgreichste Nachwuchsabteilung und dominiert an allen Fronten. Außer der Ersten Mannschaft führen acht weitere Inter-Teams ihre Meisterschaft an. Achtzig Trainer und Talentspäher kümmern sich um die Zukunft des Klubs.“
Bundesliga
Leverkusener Planwirtschaft, Berlins neuer Maßstab Duisburg
16. Spieltag, Teil 2, die Sonntagsspiele: Bayer Leverkusen kann die Beobachter wieder entzücken und deren Phantasie beleben / Wenn Berlin verliert, gibt’s meistens Spott, wenn Nürnberg gewinnt, herrscht Erleichterung in der Presse; nun kommen sich beide Klubs in der Tabelle entgegen und treffen sich in der Gefahrenzone / Ottmar Hitzfeld, bloßgestellter Erfolgstrainer
3:0 gegen Hansa Rostock, Platz 4 in der Tabelle – Gregor Derichs (FAZ) goutiert, dass sich Bayer Leverkusen vom jüngsten Höhenflug nicht zu großen Worten verleiten lässt: „Wegen der spielerischen Eleganz, gepaart mit hoher Effektivität, die das junge Team bei seinen zuletzt tadellosen Auftritten präsentierte, stufen nicht wenige Kenner den viermaligen deutschen Meisterschaftszweiten als potentiellen Titelkandidaten ein. Das Team wird mit einem Maß an Lob bedacht, das fast schon an beste Zeiten in der Champions League erinnert. (…) Aufsteiger Rostock, der äußerst harmlos und brav auftrat, durfte gerade einmal vier Minuten von einem Punktgewinn träumen. Nach dem ersten Tor von Rolfes dominierten die Leverkusener nach Belieben. Aber Trainer Michael Skibbe reagiert auf den starken Aufwärtstrend zurückhaltend. Er denkt nicht daran, die Position des Außenseiters aufzugeben, obwohl seit Anfang November der Rückstand auf den FC Bayern um sieben Punkte geschrumpft ist. Er möchte seine Mannschaft, die er in einem Umbruch sieht, offenbar von Druck verschonen. Der Neuaufbau ist ein Langzeitprojekt.“
Philipp Selldorf (SZ) fügt hinzu: „Das Mittelfeld-Quartett mit den Paaren Castro/Rolfes und Freier/Barnetta stieß ständig wie ein Pfeil gegen die Rostocker Deckung vor – in der zweiten Hälfte dann auch mit der fälligen Wirkung. Bayer kommt konstant voran, und was unvermeidlich folgte, waren Fragen an Skibbe, ob er nicht die auf Uefa-Cup-Maßstäbe beschränkten Ansprüche korrigieren möchte: Wie erwartet verneinte Skibbe. Die Leverkusener Planwirtschaft sieht den Angriff auf die Bayern erst 2010 vor.“
Klassenverbleib, nun ein Thema für Nürnberg u n d Berlin
Michael Jahn (Berliner Zeitung) schickt Hertha BSC nach dem 1:2 in Nürnberg an den Hang: „Zuletzt präsentierte sich Hertha als eine lockere Ansammlung von egoistischen Individualisten. Das Unerklärliche ist: Zu Beginn der Saison gefiel die Mannschaft mit mutigem, ansehnlichem, strukturiertem Fußball. Das Engagement jedes Einzelnen war groß. Derzeit aber zeigt sich Hertha BSC als lustloser, lebloser Haufen – mit einer Ausnahme: Marko Pantelic. Er ist momentan der einzige Spieler, der die positive Bezeichnung Typ verdient. Zugegeben: Der Umbruch im Sommer mit neuem Trainerstab, vierzehn Abgängen und acht Zugängen, war brachial und ist wohl von keinem Team reibungslos zu verkraften. Trotz der Widrigkeiten bleibt unerklärlich, warum die Mannschaft ihren Trainer nicht mehr versteht. Derzeit schafft es Hertha BSC meist gerade einmal fünfzehn Minuten lang, ordentlichen Fußball zu spielen. Eine Regeländerung, Spiele auf diese Dauer zu begrenzen, ist aber nicht bekannt geworden. Vielleicht haben sie sich bei Hertha zu viel mit schönen Visionen beschäftigt statt mit der Realität.“
Jürgen Höpfl (FAZ) hatte durch Berlins Anschlusstreffer in der zweiten Halbzeit mehr Aufbruch und Gefahr erwartet: „Wer den zuvor kaum aktiv in Erscheinung getretenen Berlinern nun einen Sturmlauf zum Ausgleich zugetraut hatte, überschätzte den stagnierenden Hauptstadtklub: Ein wenig mehr Aufmerksamkeit und sichere Ballkontrolle genügten den Nürnbergern, um den Vorsprung fast mühelos zu verteidigen und die Abstiegsränge gerade noch rechtzeitig vor Weihnachten zu verlassen. Es war der erhoffte, ersehnte Erfolg, der noch höher hätte ausfallen können, ohne dass sich die Mannschaft Lucien Favres hätte beschweren dürfen: Seit dem Pokalfinale am Pfingstsamstag hat der ‚Club’ keine ähnlich bemerkenswerte, auf den Punkt präzise und fein anzuschauende Vorstellung abgeliefert – und vor allem hat er seither keinen Gegner mehr dermaßen souverän beherrscht.“
Markus Schäflein (SZ) beschreibt, wie sich die beiden Klubs entgegenkommen: „Entschieden hatte sich die Partie in der ersten Halbzeit, als die Nürnberger den Schwung aus einem gelungenen Uefa-Cup-Abend erstmals in das folgende Bundesligaspiel mitnahmen, während die Berliner narkotisiert wirkten. (…) Das Thema Klassenverbleib, das die Nürnberger trotz steigender Leistungskurve noch lange beschäftigen wird, steht auch bei Hertha BSC auf der Tagesordnung. Nur fünf Punkte trennen die Berliner noch von Platz 16. Wenn die Berliner gegen Bayern München nicht gewinnen, überwintern sie in der bedrohlichen Zone. Kapitän Arne Friedrich machte sich Mut: ‚Warum sollten wir denn nichts holen gegen Bayern? Duisburg hat gegen die doch auch was geholt.’ Da stimmten zumindest die Maßstäbe.“
Bloßstellung
Jörg Hanau (FR) ergänzt die Liste derer, die Indizien für eine Trennung Bayern Münchens von seinem Trainer in naher Zukunft erkennen: „Es ist gerade einmal viereinhalb Wochen her, als Karl-Heinz Rummenigge Ottmar Hitzfeld öffentlich wie intern bloßstellte. Ein gezielter Hieb mit dem verbalen Säbel. Der Bayern-Boss führte die Klinge angeblich ‚als Freund und Partner’ und wurde nicht müde zu erwähnen, dass es erst dann gefährlich für einen Trainer werden würde, sollte er ihn nicht mehr vor laufenden Kameras kritisieren. Seither kriselt sich der Tabellenführer in die Winterferien, Hitzfeld verwaltet nach dem 0:0 gegen Duisburg scheinbar tatenlos den Stillstand – und Rummenigge schweigt beharrlich. Gefahr in Verzug. Das war’s dann wohl. Es wäre nicht das erste Mal, dass ihn Rummenigge in Frage stellt und er kurz darauf abdanken müsste.“
taz: Zu alt, schlecht ausgebildet, zu deutsch – Wirtschaftsprüfer halten wenig vom Führungspersonal der Erstligaklubs
Montag, 10. Dezember 2007
Bundesliga
Erkrankt am Peter-Neururer-Syndrom
Pressestimmen zum 16. Spieltag: Ernst Middendorp bekommt von den Journalisten vehement Fehler in allen Bereichen vorgehalten, mit seiner Entlassung wird gerechnet; Ottmar Hitzfeld scheint unwiderruflich an Ansehen verloren zu haben; spektakuläre Bremer Niederlage in Hannover; Cottbus lebt wieder
Ulrich Hartmann (SZ) rechnet nach dem 1:6 in Dortmund mit Bielefelds Trainer ab – und mit dessen Entlassung: „Am Ende seiner dritten Amtszeit bleibt ein Rätsel, wie man den 1990 und 1998 schon zweimal bei der Arminia entlassenen Ernst Middendorp überhaupt ein drittes Mal als Trainer hat verpflichten und in einem offensichtlichen Prozess des mannschaftlichen Zerfalls so lange hat halten können. Im Frühjahr war er nach gelungenem Klassenerhalt noch als Aufwühler und Heißmacher gefeiert worden – aber seine bevorzugten Stilmittel der Provokation und der bewussten Verunsicherung der Spieler hat er mangels taktischer und mentaler Fachkompetenz offenbar überreizt. Middendorp wird an diesem Montag wahrscheinlich zum vierzehnten Mal seit 1985 einen Trainerjob verlieren und gehört dann offiziell zur Therapiegruppe der Trainer mit dem Peter-Neururer-Syndrom. Auffällige Mangelerscheinungen dieses Krankheitsbildes sind die fehlende Nachhaltigkeit in der fußballerischen Weiterentwicklung einer Mannschaft sowie der sukzessive persönliche Imageverlust durch medial verbreitetes Blendwerk.“
Thomas Kilchenstein (FR) bemängelt Middendorps Handwerkszeug: „Es sind nicht nur die Sprüche (‚Bayernjäger’) vom Anfang der Saison, die ihm jetzt um die Ohren gehauen werden. Nein, ‚Power-Ernst’ hat, viel schlimmer, in dieser Runde kein schlüssiges taktisches und spielerisches Konzept gefunden. Seine motivatorisch gemeinten Methoden, Hierarchien aufzubrechen, die Spieler in steter Unsicherheit zu wiegen, ständig die Aufstellungen zu wechseln, mögen kurzfristigen Erfolg bringen. Auf Dauer erweisen sie sich als lähmend. Vom einstigen Konzeptfußball, den die Ex-Trainer Uwe Rapolder und Thomas von Heesen hatten spielen lassen, ist nichts mehr zu sehen. Früher war die Arminia dafür bekannt, in der Defensive kompakt zu stehen. Spiele gegen Bielefeld galten als extrem unbequem, weil das Team nur ganz schwer auszuspielen war. Inzwischen steht in Ostwestfalen die Schießbude der Liga, 38 Gegentore sagen alles. 2:27 lautet die niederschmetternde Bilanz aus den letzten sieben Auswärtsspielen. Der große Zampano hat sich auf der Alm verbraucht. Wie eine Kerze, die von beiden Seiten brennt.“
Hitzfeld ist ein anderer Trainer geworden
Matti Lieske (Berliner Zeitung) spottet über das Unentschieden des Tabellenführers gegen den MSV Duisburg: „Tja, das ist nun ein bisschen dumm gelaufen für die Münchner Bayern. Was sollen sie jetzt bloß für die erneut unterirdische Leistung beim 0:0 gegen am Ende zehn Duisburger verantwortlich machen. Den Schock über die Olympiabewerbung ihrer Stadt? Den Verlust ihres unersetzlichen Abwehrbollwerks Valérien Ismaël? Oder die erschreckend gute Laune ihres Torwart-Methusalems Oliver Kahn, die eigentlich nur durch ominöse Vorgänge an fernen Orten wie Valencia oder dem nordöstlichen London erklärbar ist? Nicht einmal der hinterlistige Haxentritt von Duisburgs Idrissou konnte Kahn zu einer seiner weltweit geschätzten King-Kong-Adaptionen animieren. Die Standardausrede eines Uefa-Cup-Spiels am Donnerstag fällt diesmal jedenfalls aus, da die Spielplangestalter den Bayern diese Woche perfiderweise freigegeben hatten. (…) Vieles deutet darauf hin, dass das Problem eher in den Köpfen der Spieler steckt.“
Andreas Burkert (SZ) beschreibt den Ansehensverlust des Bayern-Trainers seit dem öffentlichen Rüffel durch die Vereinsführung und vermutet, dass es sein letztes Jahr in München sein könnte: „Nach dem 2:2 gegen Bolton ist Ottmar Hitzfeld ein anderer Trainer gewesen – ein vom Vorstand Rummenigge öffentlich wie intern bloßgestellter allemal. Dabei dürfte der öffentliche Tadel nur die Reaktion auf eine Entwicklung gewesen sein. Die Reaktion auf eine Degeneration. ‚Wir haben doch schon vorher einige Male mit dem Ottmar gesprochen’, hat Uli Hoeneß neulich erzählt, als er noch einmal zu Rummenigges Vorstoß Stellung nahm. Sie hatten den Trend zeitig kommen sehen. Und die Abhängigkeit vom Ideengeber Ribéry möchte der Klubvorstand dabei genauso wenig als Ursache akzeptieren wie die sich angeblich einschleichenden Redundanzen in der Trainingsarbeit; Hoeneß nennt sie vorsichtig ‚Kleinigkeiten’. Derlei Kritik am alten Hitzfeld ist schon einmal sehr offen formuliert worden – zum Ende seiner insgesamt sehr erfolgreichen Tätigkeit, im Frühjahr 2004. Vor zehn Monaten haben diese Vorbehalte jedoch überhaupt keine Rolle gespielt, die Bayern haben sich damals eingebildet, ein bestens erholter, vermeintlich neuer Hitzfeld könne mit neuen Bayern auch einen neuen Stil entwickeln. Doch inzwischen sehen sie, wie sogar der MSV die wichtige Querverbindung Toni/Ribéry kappen kann. (…) Man darf ganz unbedingt nicht gleich auf jedes Gerücht (etwa: Trainer Matthäus, Sportchef Hitzfeld) hören, das an der Säbener Straße weitergereicht wird. Doch wahrscheinlicher als eine Vertragsverlängerung ist dort wohl die nächste professionellste Trennung aller Zeiten. Noch zwei Spiele bleiben Hitzfeld, um das zu verhindern.“
Peter Heß (FAZ) bemerkt eine anhaltende Schwäche der Bayern: „Nicht nur die Momentaufnahme zeigt ein unschönes bayerisches Motiv. Die Bilanz der letzten sechs Bundesligaspiele fällt besorgniserregend aus: zwei Siege, drei Unentschieden, eine Niederlage, eine ausgeglichene Tordifferenz – eine solche Ausbeute mag Cottbus in Ekstase versetzen und Frankfurt in gehobene Stimmung. Die Münchner müssen sich fragen, was sie grundsätzlich falsch machen. Für jedes einzelne Ergebnis mögen mildernde Umstände angeführt werden können, keine einzige Leistung der vergangenen Wochen fiel unter die Rubrik peinlich oder blamabel. Aber schon die dauerhafte Abwesenheit von Dominanz muss die Bayern angesichts ihres spielerischen Potentials irritieren.“
Achterbahnfahrt
Roland Zorn (FAZ) will das spektakuläre 4:3 zwischen Hannover und Bremen von einer Schiedsrichterdiskussion befreien: „Mit Wolfgang Stark sind die Bremer überkreuz, seit der Referee vor vier Jahren bei Werders 1:4-Niederlage in Mönchengladbach ein rüdes Foul des Gladbachers Pletsch am damaligen Werder-Stürmer Markus Daun, der danach ein halbes Jahr lang keinen Fußball mehr anrühren konnte, nicht einmal mit einer Gelben Karte geahndet hatte. In Hannover verweigerte der Fifa-Schiedsrichter den Bremern mindestens einen zweiten Strafstoß nach Kleines Foul an Sanogo und entschied auch sonst auffällig oft im Zweifel gegen die Grün-Weißen. Andererseits steckte diese packende Partie zweier zu allem entschlossener Teams voller kniffliger Momente, die Stark da, wo die wichtigsten Entscheidungen zu treffen waren, meist richtig beurteilte. 96 und Werder fühlten sich ständig wie auf einer Achterbahnfahrt. Wäre den Niedersachsen aber früher auf einer solchen Tour schwindlig geworden, behielten sie diesmal ihr großes Ziel vor Augen. Auch Thomas Schaaf, dessen Gemütszustand sich rasch wieder eingepegelt hatte, verkannte nicht, Augenzeuge eines ‚tollen Spiels’ gewesen zu sein, doch dessen Umstände konnten ihm nur dann gefallen, wenn Werder blitzartig attackierte und kombinierte. Kam der Ball aber in den Bremer Strafraum, drohte auch sogleich extreme Torgefahr.“
Jörg Marwedel (SZ) weigert sich, das Match nur als verpasste Bremer Chance auf die Tabellenführung zu deuten: „Man konnte dieses Spiel aber auch aus seiner Bayern-Lastigkeit lösen und anmerken, dass die Bundesliga ein echtes Lokalderby zurückerhalten hat. Mit all den Nachbarschaftskonflikten, die dazu gehören, wenn man sich auf fast gleicher Augenhöhe trifft. Der zweite HSV war zuvor 35 Jahre nicht mehr gleichauf gewesen. Im April 1972 hatte Hans Siemensmeyer drei Tore zum letzten Sieg gegen Werder (5:1) beigesteuert – ein Urahn, den die meisten Stadionbesucher nie live gesehen haben.“
Müde
Frank Heike (FAZ) lässt Kraftverlust für den Hamburger Tormangel gegen Cottbus als Erklärung gelten: „Niemand konnte der Mannschaft vorwerfen, nicht alles versucht zu haben. Der klare Kopf und ein Konzept fehlten aber, wie dieser Gegner zu besiegen sei. Mit Überheblichkeit hatte es nichts zu tun, dass der HSV nicht näher an die ebenfalls patzenden Bayern und Bremer heranrückte. Drei Tage nach dem sicheren 2:0 bei Dinamo begann der HSV auf schlechtem Rasen zwar ziemlich lahm, steigerte sich zum Ende hin und hatte genügend Möglichkeiten, einen Sieg herauszuschießen. Pech war dabei und Glück, als Schiedsrichter Perl den Cottbusern einen Handelfmeter verwehrte. (…) Der HSV ist müde. mit mehr Energie in den Beinen hätte der HSV sicher die eine gute und schnelle und direkte Kombination hingekriegt, um die acht gegnerischen Profis zu überwinden, die 93 Minuten lang vor dem eigenen Tor kauerten und nichts anderes wollten, als ein 0:0 zu ermauern – was für ein Team wie den Tabellenletzten Energie Cottbus eine verständliche Taktik ist.“
Keine Spitzenmannschaft
Uwe Marx (FAZ) zieht nach dem 2:2 in Frankfurt enttäuscht ein Schalker Zwischenfazit: „Die Vorrunde haben die Schalker vermasselt, sie haben derzeit nicht das Zeug zur Spitzenmannschaft. Slomkas ehrgeiziges Ziel, zumindest in den letzten vier Spielen vor der Winterpause viele Punkte zu holen, nämlich alle zwölf möglichen, ist verfehlt. Nicht die Mittelmäßigkeit wirkt mehr wie die Ausnahme, sondern das jüngste Zwischenhoch mit Siegen in Hannover und gegen Bochum. Wären die nicht gerade übermächtigen Frankfurter, die auf eine Handvoll Schlüsselspieler verzichten mussten, einen Hauch effektiver gewesen, hätte es ein noch düsterer Nachmittag für die Schalker werden können. So aber bleibt ein glücklicher Punktgewinn, die vage Hoffnung Trondheim – und ein verärgerter Trainer.“
Liebe Frankfurter und Schalker! Das ist mit Handshake aber nicht gemeint.
Kein Closed Shop
Im Kommentar spürt Heike (FAZ) eine Belebung der Marke Bundesliga an ihren Randgebieten: „Ein Closed Shop der großen drei, vier oder fünf wie in England, Italien und Spanien? Davon ist in dieser Spielzeit erfreulich wenig zu sehen. Weil auch an anderen Standorten als München, Bremen und Hamburg professionell gearbeitet wird. In Hannover etwa, wo das Prinzip Name (Neururer) durch das Prinzip Können (Hecking) ersetzt wurde. In Leverkusen, wo aktuell der schönste deutsche Fußball gespielt wird. In Karlsruhe, wo sich ein Aufsteiger vorn festgebissen hat. In Wolfsburg wird vielleicht auch gut gearbeitet, aber wohl eher drüben im Werk: VW hat sein Sponsoring in dieser Saison auf fast 40 Millionen Euro verdoppelt, nur deswegen durfte Felix Magath auf Einkaufstour gehen. Vier Mal so viel Geld wie Energie Cottbus, aber nur fünf Punkte mehr.“
Freitag, 7. Dezember 2007
Unterhaus
Menschwerdung des einstigen Messias
Daniel Theweleit (Financial Times Deutschland) staunt über die neue Bescheidenheit des 1. FC Köln, der sich in den letzten Wochen nach vorne, entgegen seiner Natur, geschlichen hat: „Es ist ein Aufschwung ohne Größenwahn, und diese neue Demut ist die eigentliche Sensation. Manager Michael Meier, der dem FC einst ‚elitäre Arroganz’ abverlangte, sagt: ‚Wenn wir unseren Prozess fortsetzen, dann haben wir eine Chance, in der Rückrunde dieselbe Punktzahl zu erspielen wie in der Hinserie.’ Das ist bescheiden, damit wäre noch nicht einmal der Aufstieg garantiert; solche Töne sind neu. Es ist ein regelrechter Paradigmenwechsel. Verändert hat sich auch der Trainer. Auftritte mit wild hin- und herspringenden Augen, in denen jedes Gefühl für das Gewicht eines Wortes verloren scheint, erlaubt er sich schon länger nicht. Derzeit wirkt Christoph Daum ruhig und besonnen wie nie zuvor in seiner zweiten Kölner Amtszeit. Und wenn er Sätze sagt wie ‚Ich kann ihnen auch nicht immer alles erklären’, wird ihm das von Missgünstigen zwar bisweilen als Ratlosigkeit ausgelegt, doch dem Gesamtwerk scheint diese Menschwerdung des einstigen Messias überaus zuträglich zu sein.“
SZ: Heute Válerien Ismaël, bald Daniel van Buyten? Der FC Bayern lässt seine Irrtümer ziehen und will in echte Qualität investieren
FAZ: Sebastian Kehl, Dortmunds Stabilisator
FAZ: Handballtrainer Heiner Brand referiert auf Wunsch von Matthias Sammer beim DFB
Allgemein
Wieder da
Elisabeth Schlammerl (FAZ) gönnt dem 1. FC Nürnberg und seinem zweifachen Torschützen das Erfolgserlebnis gegen Alkmaar: „Es gab zuletzt nicht sehr viel zu feiern, weder für den ‚Club’ noch für Marek Mintal. Beide haben eine Leidenszeit hinter sich, der Bundesliga-Torschützenkönig der Saison 2004/05 allerdings eine sehr viel längere als seine Mannschaft, die sich nach dem Erfolg der vergangenen Spielzeit erst wieder an den Kampf ums Überleben in der Bundesliga gewöhnen muss. Mintal hatte dagegen nach zwei Beinbrüchen und insgesamt drei Operationen in der Rückrunde der vergangenen Saison endlich wieder ein wenig Fuß gefasst in der Mannschaft. Am Tag des großen ‚Club’-Triumphes, des Pokalsieges im Mai, hatte viele zunächst befürchtet, dass seine Karriere schon wieder unterbrochen sein könnte, als er nach einem bösen Foul des Stuttgarters Meira weinend vom Platz getragen wurde. Nun ist er wieder da.“ Markus Schäflein (SZ) nennt das Nürnberger Dilemma: „In ihrer Uefa-Cup-Form haben die Nürnberger auf einem Abstiegsplatz der Bundesliga nichts zu suchen, und das Hinterhältige ist, dass genau der Uefa-Cup ein Grund ist, dass sie dort stehen.“
Lehrstück für den Fußball Marke Stevens
Sascha Zettler (FAZ) wischt nach dem 2:0 des HSV bei Dinamo Zagreb Zweifel an Huub Stevens vom Tisch: „Der Hamburger Kader weist nach, dass der angekündigte Abschied des Trainers zum Saisonende zu keinem Bruch in den konstant starken Leistungen geführt hat. Stevens hat den HSV gut organisiert. Es ist nicht immer schön anzusehen, aber eigentlich immer schön erfolgreich. Der Auftritt in Zagreb diente als Lehrstück für den Fußball Marke Stevens. Der HSV geriet nie wirklich unter Druck.“
Widrige Umstände
Roland Zorn (FAZ) schreibt über Leverkusens Sieg gegen Prag: „1:0 führte die Elf mit zehn Spielern, weil sie, gereizt durch Ramelows Platzverweis und angefeuert von 18.000 Zuschauern, nun auch ihren Kampfgeist entdeckte. Damit erreichte sie ihr Ziel trotz gewichtiger Handikaps dann doch noch – nach einer unter den widrigen Umständen respektablen Leistung.“
Resumen Bayer Leverkusen – Sparta Praha www.futvolgoles.esHochgeladen von futvolblog
Donnerstag, 6. Dezember 2007
Ball und Buchstabe
Hier zeigt sich die Ungleichheit offen
Architektur- und Sozialkritik – Torsten Haselbauer (taz) belegt am Trend des deutschen Stadionbaus die gewollte Zementierung von Klassenunterschieden: „Die Arenen in Deutschland sind, nicht nur aufgrund ihrer Namen, Sinnbild der totalen Kommerzialisierung. Es geht um nichts anderes mehr als um ‚gute Unterhaltung’. Die überteuerten Zonen, Lounges und Logen sind die wesentlichen Merkmale dieser Spielstätten des neuen Typs. Der klassische Fan dient bei dieser Sportshow entweder nur noch als Kulisse, der mit seiner Vereinsfahne, seiner Trompete und der Kutte in ein paar speziell ausgewiesenen Zonen kräftig Stimmung machen darf und soll. Oder er steht in schicker Uniform vor einer roten Samtkordel, um den Privilegierten in ihren exklusiven Bereichen Einlass in die allerheiligsten Zonen zu gewähren. Lifestyle-Streber und schwerreiche Geschäftsleute sind dabei, eine der letzten Bastionen des einstmals demokratischen Massenereignisses zu erobern. Der Sport ist durch diesen Typus der Sportstättenarchitektur im wahrsten Sinne salonfähig geworden. Der Proletengeruch der Fans hat sich verziehen müssen. Im Fußball sind die Zeiten, in denen die deutschen Stadien als klassenlose Kommunikations- und Identifikationszentren der Fans verstanden wurden, spätestens seit der WM 2006 für immer vorbei. In den Arenen zeigt sich die krasse Ungleichheit der Stadionbesucher offen und ohne jede Scham. Wir hier oben in den gläsernen Galerien mit Buffet, schicken Hostessen, Blümchen auf dem Waschbecken und Schampus auf dem gedeckten Logenplatz. Ihr da rechts und links auf den billigen Plätzen als Krawallmacher.“
BLZ: Blauer Kern mit brauner Hülle – Berlins Bundesligist erforscht ein Kapitel seiner Geschichte und legt die Studie Hertha BSC im Dritten Reich vor
FAZ: Romario wegen Haarwuchsmittel gedopt – Betrüger oder bloß eitel?
Dienstag, 4. Dezember 2007
Ball und Buchstabe
Sportpolitische Gründe
Thomas Kistner (SZ) befasst sicht mit dem Ansinnen der Uefa, im jüngsten Wettbetrugsverdacht Europol einzuschalten: „Dass die Uefa neue Wege beschreitet und sich, anders als die ähnlich bedrohte Fifa, zur eigenen Machtlosigkeit bekennt, hat auch sportpolitische Gründe. Gerade Platini kann nicht Härte im Osten demonstrieren. Die Funktionäre dort waren es, die ihn im Januar mit knapper Mehrheit auf den Uefa-Thron hievten. Zudem rückt die ganze Hemisphäre in den Fokus der Fußballwelt: Die EM 2012 vergab Platinis Uefa an Polen und die Ukraine – an zwei der berüchtigsten Verbände.“
Roland Zorn (FAZ) gibt zu bedenken: „Die von der Uefa angezeigten fünfzehn Fälle könnten nur ein Teil des ganzen, noch viel größeren Problems sein, das aufzulösen überaus schwierig scheint. Andererseits muss der Sport überall da, wo es um die Glaubwürdigkeit seiner eigenen Faszination geht, mehr als nur Alarm schlagen. Sollte die Uefa da, wo Korruption und Wettbetrug zu Hause sind, wenigstens in dem einen oder anderen Fall fündig werden und Sanktionen aussprechen, wäre zumindest etwas gewonnen – zu wenig jedoch, um die Sorge vor weiteren Betrügereien vertreiben zu können.“
Bundesliga
Stoppzeichen gesetzt
Richard Leipold (FAZ) erlebt, wie die Bayern beim 1:0 in Bielefeld einen neuen Erfolgsweg betreten: „Der Gewinner taxierte den Ertrag über den Tag hinaus. Neben dem Widersacher auf dem Rasen und dem inneren Schweinehund haben die Bayern einen weiteren Gegner in Schach gehalten: Verfolger Werder Bremen, der für eine Nacht die Tabellenspitze erklommen hatte. Zum ersten Mal in dieser Saison waren die Münchner mit dem Wissen angetreten, nur mit einem Sieg den Angriff eines Konkurrenten, der sein Soll schon erfüllt hat, abwehren zu können. Deshalb seien die drei Punkte über ihren Nennwert hinaus wichtig, sagte Ottmar Hitzfeld. In Bedrängnis haben die Bayern den Mitbewerbern ein Stoppzeichen gesetzt. Und nebenbei zu erkennen gegeben: Notfalls wissen wir um unsere Position zu kämpfen, auch wenn es ungemütlich wird.“
NZZ: Im Existenzkampf – der FC Energie Cottbus erster Anwärter auf einen Abstiegsplatz
Montag, 3. Dezember 2007
Bundesliga
Aufschrei der Kurzehosenträger
Pressestimmen zum 15. Spieltag, Teil 1: Die Kritik an den Terminplänen belegt die Kurzsichtigkeit der Branche; Werder trotzt allen widrigen Umständen und gibt sich als Meisterkandidat; Bayer Leverkusen zeigt sich wieder mal von seiner besten Seite
Jan Christian Müller (FR) kontert die Kritik einiger Spieler und Trainer (jüngstes Beispiel Hamburgs Trainer Huub Stevens) an den Terminplänen der „Krawattenträger“: „Das Geschrei trifft mit den Managern der DFL die Falschen. Dort ist Holger Hieronymus für den Spielbetrieb zuständig. Der trägt zwar inzwischen bei der Arbeit tatsächlich Krawatte, ist aber deshalb weder automatisch fett geworden noch dekadent oder selbstherrlich und fühlt sich daher derzeit mit Recht auf den Schlips getreten. Die Bundesliga-Manager haben den Spielplan, der ja nicht vom Himmel gefallen ist, nämlich mit Rücksicht auf Fans, Fernsehen und Finanzen abgenickt. Dass zudem die Agentur Team (Achtung: Krawattenträger!) als Champions-League-Vermarkter Mittwochspiele des Uefa-Cups an Spieltagen des Premiumprodukts ablehnt, ist nachvollziehbar. (…) Niemand sollte sich etwas vormachen: Mehr Sonntagsspiele würden weniger TV-Einnahmen und mehr Ärger mit den Fans bedeuten.“
Auch Peter Heß (FAZ) lässt Stevens, Rummenigge und Co ins Leere lauen: „Der Ärger der Profis ist nachvollziehbar, aber er spricht nicht für ihre Denkfähigkeit. Wenn vier Bundesligaklubs donnerstags im Uefa-Cup mitmischen, dann muss in der Regel fast immer wenigstens einer am Samstag ein zweites Mal ran. Denn die Uefa hat den Dienstag und den Mittwoch für die Champions League geblockt und die DFL nur zwei Sonntagsspiele in den Fernsehverträgen festgeschrieben. Diesen Kontrakt haben alle Vereine mit Begeisterung abgesegnet, weil er die fetteste Beute, sprich das meiste Geld, einbrachte. Nur weil die Erlöse aus der Vermarktung quasi explodierten, konnten sich die Gehälter der Profis in den vergangenen fünfzehn Jahren vervielfachen. Der Aufschrei der Empörung ist also nichts anderes als ein Ausdruck von Wichtigtuerei, von Distanz zum Fußballgeschäft, in einem Ausmaß, das die Ignoranz streift. Von Leuten, die den Fußball nach ihrer Bequemlichkeit gestalten wollen und nicht nach den Bedürfnissen der Marktwirtschaft fragen. ‚Kurzehosenträger’ wäre eine griffige Formulierung für Profis, deren Gedanken nach der ersten Gehirnwindung so schnell enden wie ihre Sportbekleidung über dem Knie.“
Das beste Immunsystem der Liga
Dass es den gebeutelten Bremern, 2:1-Sieger gegen Hamburg, gelingt, auf Platz 2 zu stehen, veranlasst Christof Kneer (SZ), ihnen besondere Stärke zuzuschreiben: „In Bremen hat sich eine ebenso rührende wie rätselhafte Kultur des Schaafismus entwickelt, und das Bemerkenswerte an dieser Kultur ist, dass sie den Wettbewerbsgedanken ausdrücklich einschließt. Die Bremer leben keineswegs in einer weltfremden Idylle, sie leben in einer Welt, in der Real Madrid und der HSV vorkommen und auch besiegt werden – und zwar von ersatzgeschwächten Bremer Teams. Um Werders aktuellen Tabellenplatz angemessen zu würdigen, muss man noch mal an all die schlechten Nachrichten erinnern: Die Bremer haben 2007 nicht nur so viele Verletzte gehabt, dass es für die Jahresbilanz einer handelsüblichen Bundesliga-Elf gereicht hätte. Sie hatten auch so viele Affären, dass man damit drei handelsübliche Klubs kleingekriegt hätte – das Transfergerangel um Klose; die Indiskretion im Trainingslager, als ein ungenannter Profi dem Trainer Schaaf falsches Training zur Last legte; die Verpflichtung des umstrittenen Sanogo; die undurchsichtige Krankengeschichte von Carlos Alberto; die undurchsichtige Verletzungsgeschichte von Torsten Frings; die Prügelei zwischen dem nicht mehr umstrittenen Sanogo und dem immer noch undurchsichtigen Carlos Alberto; schließlich die schweren Vorwürfe bei Klasnics Krankengeschichte. Aber der Klub hat ein so gesundes Wachstum hinter sich, dass er selbst von solchen Auf- und Erregern nicht ernsthaft zu kränken ist. Die Elf hat das beste Immunsystem der Liga, und diese Abwehrkräfte verdanken sich einem stabilen Kader, einem vertrauten taktischen System und einem Umfeld, in dem der klubinterne Ehrgeiz größer ist als der Druck von außen.“
Die menschlichste unter den Mannschaften im Profifußball
3:0 in Berlin – Claudio Catuogno (SZ) schwärmt von Leverkusens Reife: „Es war Carsten Ramelows (33) 333. Bundesligaspiel, und im Grunde war alles wie immer: Er spielte auffällig-unauffällig, leuchtete semmelblond und gab dem Auftritt des jungen, zum Wirbeln und Zwirbeln neigenden Bayer-Ensembles Struktur und Stabilität. Er erfüllte genau jene Aufgabe, für die ihn seine Trainer in Leverkusen und bei der Nationalelf jahrelang schätzten. (…) Die Leverkusener Partie war ein stringentes Plädoyer für würdevolles Altern im Profibetrieb. Es war nämlich Sergej Barbarez, 36, der im Doppelpass mit Paul Freier Barnettas 2:0 auflegte. Und dann wurde auch noch Bernd Schneider, 34, eingewechselt, erstmals nach zehnwöchiger Verletzungspause. Schneider schickte in der Nachspielzeit eine Flanke hinüber auf die andere Seite, für die man GEMA-Gebühr verlangen müsste, weil nur Künstler sie so hervorbringen können, Barbarez zog volley ab – 3:0. Für Lucien Favre hielt der Nachmittag keine schönen Erkenntnisse bereit. Sobald eine Partie eine gewisse Handlungsgeschwindigkeit überschreitet, beginnt das Hertha-Spiel unrund zu laufen wie schlecht gewuchtete Winterreifen.“
Christian Zaschke (SZ) verfasst eine Art Hymne auf die ästhetische Lockerheit Bayer Leverkusens: „Es ist an der Zeit, das arme und verkannte Leverkusen ein wenig zu preisen. Da Stadt und Werk sich zum Preisen kaum eignen, sei die Werkself besungen. Am Wochenende hat sie wieder einmal den schönsten Fußball der Welt gespielt, dieser Pass von Schneider auf Barbarez, und wie Barbarez dann volley mit links von links – wer nicht erkannte, wie schön das war, dem fehlt es links, wo das Herz sitzt. Immer wieder mal spielt die Werkself den schönsten Fußball der Welt, aber nur, wenn sie Lust hat. Wenn sie keine Lust hat, spielt sie Dienst nach Vorschrift, höchstens. Weil wie bei jedem Menschen sich Lust und Unlust bei der Werkself abwechseln, hat sie noch nie etwas gewonnen, und als sie doch einmal etwas gewann, war es der Uefa- Pokal, den Franz Beckenbauer bekanntlich treffend als Cup der Verlierer bezeichnet hat. Den Leverkusenern fehlt sympathischerweise der letzte Biss, der Killerinstinkt, und es gibt keine andere Mannschaft, der man es so deutlich ansieht, wenn sie keine Lust hat. Wenn einer krank ist bei der Werkself, macht ihn Physiotherapeut Dieter Trzolek gesund. Bei Eisenmangel empfiehlt Trzolek zum Beispiel, einen Apfel zu essen, in dem über Nacht sechs Nägel steckten, und bei Muskelkater empfiehlt er eine Flasche Bier. Das in der Stadt des Chemiewerks, wohlgemerkt. Launisch, ohne letzten Biss, an einem guten Tag zum Schönsten fähig und immer wieder dieser Muskelkater: Bayer 04 Leverkusen ist ohne Zweifel die menschlichste unter den Mannschaften im Profifußball.“
Deutsche Elf
Autos, Bier und Losglück
Die EM-Gruppen stehen fest – Katrin Weber-Klüver (Financial Times Deutschland) schmunzelt über das Los der Deutschen: „Im Vergleich zum Schicksal Rumäniens (weiland vulgo: Todesgruppe, heute: Hammergruppe), hat Deutschland eine Kurgruppe abbekommen. Da strahlten sie wie Honigkuchenpferde um die Wette, der Jogi, der Hansi und der Olli, als ihnen die Schonkost zugelost wurde. Österreich, 91. der Weltrangliste, da wird keiner mehr narrisch. Gegen Polen packt man halt noch mal Odonkor aus. Und Kroatien bekommt das schlimmste Kompliment der Fußballwelt verpasst: Geheimfavorit. Wäre das erledigt.“ Stefan Hermanns (Tagesspiegel) schreibt: „Wenn man den Rest Europas fragen würde, was ihnen zu Deutschland einfalle, würde die Antwort im Moment vermutlich lauten: Autos, Bier und Losglück.“
Roland Zorn (FAZ) hingegen warnt: „Deutschland scheint es, wie fast immer, wenn die Fußballlotterie vor großen Turnieren auf dem Stundenplan steht, wieder einmal gemütlich getroffen zu haben. Kroatien dürfte der unbequemste der drei Gegner sein, Polen scheint wie bei der WM im Vorjahr besiegbar, und Österreich soll sich auch auf dem Platz als höflicher Gastgeber entpuppen: bitte nach Ihnen. Eine Woche nach dem günstigen Los von Durban wiederholte sich das Schauspiel eine Gütestufe höher. Die vom Fußball-Schicksal oft geküssten Deutschen sollten indes vorsichtig sein: aus zwei Gründen. Polen hat unter seinem haudegenhaften Trainer Leo Beenhakker an Qualität gewonnen und seine Qualifikationsgruppe ebenso ungefährdet gewonnen wie die Kroaten ihre. Dass schließlich auch ein Gastgeber wie Österreich manchmal egoistisch sein Recht einfordert, haben schon andere vermeintlich kleine Ausrichter von großen Turnieren oft genug bewiesen. (…) Noch mal Glück gehabt? Kann, muss aber nicht sein in diesem Spiel, das auch auf dem Platz oft genug an eine Lotterie erinnert.“
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