Freitag, 11. Mai 2007
Bundesliga
Den Bayern um Jahre voraus
Torsten Frings und Miroslav Klose wollen auch künftig in Bremen spielen – Malte Oberschelp (rund-magazin.de) erörtert salopp Für und Wider: „Die Kombination aus Perspektive und ahysterischem Umfeld kommt besonders den zarter besaiteten Vertretern unter den Kickern zupaß. Frings ist bei den Bayern seinerzeit nicht zurecht gekommen, und trotz seiner Möchtegernmutation zum Motorradrocker kann man ihn sich im edlen Rampenlicht Juves auch nicht recht vorstellen. Oder hätten die Bremer ihn für ordentlich Asche doch verkaufen sollen? Zuletzt gingen seine betont markigen Spielfeldrandkommentare doch arg auf die Nerven, ganz zu schweigen vom ständigen Schwanzvergleich mit dem bescheidenen Diego. Auch Kloses wirkt außerhalb seines Bremer Biotops in etwa so überzeugend wie der Regierungschef der Färöer Inseln auf dem G8-Gipfel. Auch wenn seine Entscheidung Rätsel aufgibt. So freudlos klang Kloses Bekenntnis zu Werder, daß schnell der Verdacht auf ein PR-Manöver aufkam. Der Deal: Werder hat Ruhe im Saisonfinale, dann wird nach einer Schamfrist weiterverhandelt. Andererseits: Was will Klose bei einem Uefa-Cup-Teilnehmer? Doch selbst wenn der WM-Torschützenkönig geht – Allofs und Schaaf ist zuzutrauen, daß sie längst den Nachfolger an der Angel haben. Nicht etwa den besten Stürmer eines Konkurrenten, sondern einen Mann den kaum einer kennt. Und der gleich einschlägt. Denn was die Transferpolitik angeht, hat Bremen die Bayern nicht etwa eingeholt, sondern ist ihnen Jahre voraus.“
Zieh bloß dat Trikot aus in mein Garten!
Oskar Beck (Stuttgarter Zeitung) plaudert in Vorfreude auf das Derby zwischen Dortmund und Schalke aus dem Nähkästchen: „Vielen beim Nochspitzenreiter vergeht jetzt schon das Lachen, wie jenem Schalker Fan, von dem erzählt wird, er sei dieser Tage gemütlich unter dem Sonnenschirm beim Kaffee gesessen, als sich plötzlich eine Wespe auf seinem Zwetschgenkuchen niederließ – sodaß ihm nur noch der fuchsteufelswilde Schreikrampf blieb: ‚Zieh bloß dat Trikot aus in mein Garten!‘ Was für einen Stier Rot ist, ist für die Schalker Schwarz-Gelb. (…) Seit Tagen hat man den Eindruck, daß es um die Weltherrschaft geht, so frontal prallen die Ideologien zusammen. Jede Blähung aus beiden Lagern wird live, in Farbe und voller Länge übertragen, bis hin zum Fingernägelkauen der Fans. Wie die Blutgrätsche von hinten gehören die Rituale der Rivalität zum Fußball an der Ruhr, wo der Fan mit dem Bauch denkt und in Kategorien wie Königsblau und Schwarz-Gelb – das ist so ähnlich wie Badisch und Unsymbadisch, um kurz abzuschweifen zum tapfersten Schalker Verfolger, dem VfB, der schon jetzt zittert vor der neuen Saison, wenn der KSC ihn endlich wieder zum baden-württembergischen Derby fordert. (…) ‚An Gott kommt keiner vorbei, außer Libuda‘ – diesen Bibelspruch haben die Schalker früher begeistert an ihre Hauswände gepinselt, doch als sich ihr legendärer Dribbelkönig dann zur anderen Feldpostnummer nach Dortmund verdribbelte, brüllten sie ‚Judas!‘ hinter ihm her, bis sich der verängstigte Stan nicht mehr aus dem Haus getraut und immer erst unter das Bett geschaut hat, ehe er abends das Licht ausknipste.“
FAZ-Interview mit Ralf Rangnick über seine Arbeit in Hoffenheim und den Aufstieg
Donnerstag, 10. Mai 2007
Bundesliga
Signal nach außen und nach innen
Torsten Frings bleibt in Bremen, die Presse bescheinigt Werder neue Stärke / Uli Hoeneß und die Operation Fernglas
Andreas Lesch (Berliner Zeitung) staunt: „Die Personalie Frings ist in der Liga der Coup der Woche. Sie kann den Bremern helfen, den Titelkampf gegen Schalke 04 und den VfB Stuttgart doch noch zu gewinnen. Wichtiger aber ist sie als Signal, das in die Zukunft weist: Der SV Werder hat eine neue Entwicklungsstufe erreicht. Er ist nicht mehr nur ein Ausbildungsverein; er ist gewachsen und hat sich an der nationalen Spitze etabliert; er ist zäh geworden und kann sich wehren; er kann seinen prominentesten Spielern mittlerweile so viel Geld und eine so gute sportliche Perspektive bieten, daß sie sogar attraktive internationale Angebote ablehnen.“
Patrick Krull (Welt) fügt hinzu: „Extrem begabte Spieler wie Diego oder Naldo brauchen nicht fürchten, in der nächsten Saison ihre Fertigkeiten in einem Team zu vergeuden, dessen sportliche Entwicklung wegen eines gewaltigen Personalwechsels ins Stocken geraten könnte. Frings, einer der Besten der Welt im defensiven Mittelfeld, hat ihnen Argumente zum Bleiben geliefert. (…) Die Schwergewichte der Branche wie Bayern oder Juventus haben es nicht mehr mit einem Fliegengewicht zu tun. Die Bremer können sich mit einer Schlagkraft verteidigen, die vor zwei bis drei Jahren kaum möglich gewesen wäre.“
Frank Hellmann (FR) warnt angesichts der Gehaltserhöhung für Frings vor einer Kettenreaktion: „Wieder einmal hat Frings die Marktgesetze gnadenlos zu seinen Gunsten ausgereizt – wie schon bei seinem Wechsel zu Borussia Dortmund (2002) und später dem zu Bayern München (2004). (…) Der nun von der Werder-Geschäftsführung bejubelte Millionen-Kontrakt könnte auch ein Signal sein, das den Klub noch teuer zu stehen kommt. Und zwar dann, wenn sich Tim Wiese, Tim Borowski, Christian Schulz oder Daniel Jensen ebenfalls nur unter kräftiger Anhebung ihrer Bezüge bereiterklären, ihre 2008 auslaufenden Verträge zu verlängern.“
Tsp: Torsten Frings verlängert seinen Vertrag bei Werder Bremen bis 2011 – auch weil seine Ehefrau das so will
Wir sind, wir sind, wir sind
Roland Zorn (FAZ) beobachtet die Bayern beim Sich-Strecken: „Deutschland mag seinen jüngsten Superstar in Offenbach gefunden haben, die Bayern richten ihr Fernrohr auf Italien (Luca Toni) oder Holland (Wesley Sneijder) und schauen auch mal in Bremen (Miroslav Klose) vorbei – rein informell, versteht sich. Hauptsache, alle verstehen die Botschaft: Wir sind die Bayern, wir sind in der Bundesliga auch dann die Größten, wenn die anderen aus Versehen mal die Schale hochhalten, wir sind die einzigen, die international hochgeschätzt werden.“
Welt: Uli Hoeneß bricht wieder große Brocken
SZ: Operation Fernglas
SZ: Die Bayern-Fan-Gruppe Schickeria nimmt Stellung zu Übergriffen einiger Mitglieder, bei denen eine Frau schwer am Auge verletzt wurde; eigentlich schwören Ultra-Gruppen der Gewalt ab – dennoch ist die Staatsmacht ihr größter Feind
SZ: Bochum muß wieder mal seine besten Spieler ziehen lassen
Welt: VfL Wolfsburg – es läuft nicht und läuft nicht und läuft nicht
BLZ: Der Begriff des Ostfußballs ist nicht mehr zeitgemäß
FR: Ein Klub aus Ghana kämpft vor dem Sportgerichtshof CAS um seinen Anteil an einem alten Bundesliga-Leihgeschäft mit Lawrence Aidoo
Mittwoch, 9. Mai 2007
Bundesliga
In der Globalisierungsfalle
Markus Feldenkirchen (Spiegel) versucht vergeblich, die Puzzle-Teile Mönchengladbachs zusammenzulegen. Unter dem Titel „Abstieg mit Ansage – wie aus dem Traditionsverein Borussia Mönchengladbach der beliebigste Club der Liga wurde“ faßt er die groben Fehler, die der Präsident und in den letzten Jahren in Sachen Personalentscheidungen gemacht habe, zusammen: „In Mönchengladbach paßt nichts mehr zusammen: die Anhänger nicht zur Mannschaft, das Geld nicht zum Abstieg, der Anspruch nicht zur Wirklichkeit, die Gegenwart nicht zur Vergangenheit. (…) Rolf Königs sieht nicht nach Gladbach aus, eher nach Wall Street, und als es die ersten Rückschläge auf dem Weg nach oben gab, reagierten er und seine Leute wie nervöse Parketthändler: Er ließ verkaufen, kaufen, verkaufen. Immer öfter, immer hektischer. Man probierte es mit Ewald Lienen als Trainer, der blieb sechs Monate, dann kamen Holger Fach, Dick Advocaat, Horst Köppel, Jupp Heynckes, und nun ist es Jos Luhukay, und niemand weiß, wie lange der bleiben wird. Jeder Trainer durfte Spieler einkaufen. Es war der Versuch, den Erfolg mit Geld zu erzwingen, aber ein Team kann man nicht bestellen. Niemand aus der Führung hat sich dafür interessiert, ob die Neuen zum Verein paßten, als Spieler, als Charaktere. Erfolgreich sind heute jene Vereine, die sorgfältig einkaufen, die Menschen suchen, kein Material, Vereine wie Werder Bremen. Fußballvereine profitieren von der Globalisierung, weil in einer unübersichtlichen Welt das Bedürfnis nach Heimat wächst, nach Bekenntnis und Zugehörigkeit – und sei es zu einem Fußballverein. Aber die Globalisierung ist auch eine Gefahr, weil der Markt größer und unübersichtlicher geworden ist. Die Clubführung ist in diese Falle getappt, und sie hat die Anhänger zur Flucht in die Vergangenheit getrieben.“
Großklubssehnsucht
Den mutmaßlichen Rangverlust Klaus Augenthalers beim VfL Wolfsburg führt Frank Heike (FAZ) auf den Führungswechsel beim Mutterkonzern zurück: „Man kann genau datieren, ab wann das Leben für Augenthaler zunehmend unbequemer geworden ist. Am Tag, als Audi die Macht bei Volkswagen übernahm, begann eine verschärfte Dienstaufsicht auch auf das tägliche Tun der VfL Wolfsburg-Fußball GmbH, der neunzigprozentigen Tochtergesellschaft von VW. Der neue Boß Martin Winterkorn machte Fußball am 1. Januar 2007 zur Chefsache. (…) Die Fragen auch anderer Räte an Augenthaler (und zunehmend an Manager Klaus Fuchs) lauten: Warum ist es Augenthaler in seinen achtzehn Monaten nicht gelungen, die Mannschaft spielerisch weiterzuentwickeln? Warum bekommt man für 50 Millionen Euro Etat nur Abstiegskampf bis zum letzten Spieltag geboten? Warum schaut Augenthaler dem Treiben auf dem Feld so emotionslos zu? Seit Jahren wurde die Aufsichtspflicht vom Hauptgeldgeber VW aber auch chronisch vernachlässigt: Pander, Strunz, Fuchs, sie alle durften sich bei der Zusammenstellung selbst verwirklichen, die Räte schauten zu und nickten Millionen-Transfers ab. Daß Volkswagen nicht länger nur zubuttert und zuschaut, könnte für Augenthaler nun schlecht, für den Verein aber gut sein. Schon jetzt interessiert sich bundesweit kaum jemand für den VfL. Wie sollte das erst in der Zweiten Liga aussehen?“ Christof Kneer (SZ) erwidert: „In Wolfsburg hat sich wieder mal jene Großklubssehnsucht ausgebreitet, die Augenthaler selbst im Fall des Klassenverbleibs den Job kosten könnte.“
Uli und Dieter unter Druck
Wolfgang Hettfleisch (FR) kocht die Hoeneß-Brüder auf 95 Grad: „Uli reagiert gewohnt bärbeißig und knöpft sich, um sein Mütchen zu kühlen, nur zu gern den nächstbesten Journalisten vor, der ihm irgendwie doof kommt. Spekulationen über mögliche Neuzugänge kommentiert er nicht. Und die Frage, die er eigentlich beantworten müßte, stellt ihm keiner direkt: Herr Hoeneß, warum haben Sie bei der Zusammenstellung des Kaders schwerwiegende Fehler gemacht? Auch Dieter kriegt diese Frage nicht zu hören. Bei ihm ist sie auch überflüssig. Daß er seit Jahren nicht das allerglücklichste Händchen bei der Auswahl neuer Spieler hat, weiß jedes Kind. Uli und Dieter Hoeneß mögen in ihrer Position unantastbar sein, unfehlbar in ihren Entscheidungen sind sie nicht. Die Brüder stehen unter Druck. Der Bayern-Manager muß nachweisen, daß ihm zur angekündigten Runderneuerung im Kader ein bißchen mehr einfällt als der Rückgriff auf Bewährtes (Zé Roberto) und die Hoffnung auf Spieler mit Entwicklungspotential (Schlaudraff, Jansen). Der Hertha-Geschäftsführer muß aus dem erwarteten frischen Geld durch die Ausgabe von Genußscheinen schleunigst eine respektable sportliche Rendite erzielen. Denn wer allzu lang wie ein Spitzenklub wirtschaftet, ohne einer zu sein, gerät zwangsläufig in finanzielle Verdrückung. (…) Wenn der Eindruck nicht täuscht, büßt Uli Hoeneß seine Paraderolle als Vor- und Querdenker der Liga allmählich ein. Neue, junge Fußballmanager rütteln an seinem Thron.“
NZZ: Petrik Sander gegen den Rest der Welt
Dienstag, 8. Mai 2007
Internationaler Fußball
Peter Pan des Fußballs
Die englische Presse ehrt den Meistertrainer Alex Ferguson und mischt etwas Spott dabei / Das unterlegene Chelsea in der Mißgunst aller Journalisten; Schelte für Michael Ballack und Andrei Schewtschenko – Real Madrids überraschende Rückkeher ins Titelrennen
Kevin McCarra (Guardian) goutiert die Meisterschaft Manchester Uniteds: „In dieser Saison ist die Mannschaft mit ihrem elanvollen und temporeichen Fußball sämtlichen Rivalen weit überlegen. Es wäre deprimierend gewesen, wenn dieses Team für ihre die Massen beglückende Fußballphilosophie nicht belohnt worden wäre.“ Matt Dickinson (Times) gibt zu bedenken, daß Manchester erst den ersten von zwei Teilen seines ehemaligen Terrains zurückerobert habe: „Uniteds Erfolge werden normalerweise von einer tief verwurzelten Mißgunst begleitet, doch diese Meisterschaft wird ihnen von vielen gegönnt. Dabei hilft zum einen, daß sie nicht mehr das alleinige Monopol auf die Meisterschaft haben, wie es in den 90er Jahren der Fall war, und zum anderen, daß Chelsea ihnen als meistgehaßter Verein Englands den Rang abgelaufen hat. Man darf davon ausgehen, daß man bei United darum bemüht ist, sich auch diesen Titel zurückzuholen, auch wenn das – sollte Mourinho in London bleiben – noch ein paar Jahre dauern dürfte.“
James Lawton (Independent) portraitiert Manchesters Trainer als literarische Figur: „In dem Moment als Alex Ferguson wußte, daß er den Titel von den Rubelkönigen an der Stamford Bridge zurückgewonnen hatte, machte jedes Detail seiner Körpersprache deutlich, daß er sich völlig dessen bewußt war, etwas historisches geleistet zu haben. Und man wurde unweigerlich daran erinnert, was es ist, das Alex Ferguson so einzigartig macht in diesem Geschäft: Er ist der Peter Pan des Fußballs. Die Jahre ziehen an ihm vorüber, doch älter wird er nicht. Als sein damals junges Team 1999 im Finale der Champions League stand, rannte er an der Seitenlinie auf und ab, wie ein Schuljunge auf dem Weg in die Sommerferien. Im Spiel gegen Manchester City, als United den Vorsprung auf Chelsea auf acht Punkte vergrößerte, tat er genau das gleiche. Er war zurück in Nimmerland.“ Sam Wallace (Independent) hält Old Trafford für das Hacienda des 21. Jahrhunderts: „Ferguson hat sich erneut selbst übertroffen. Während er seine siegreichen Teams der vergangenen Jahre immer wieder umbaute, folgte er dieses Mal einer anderen Taktik: Er vertraute darauf, daß sein Team gut genug wird, solange man den Spielern nur die nötige Zeit gibt. (…) Was wird von der Meistermannschaft des Jahres 2007 am meisten in Erinnerung bleiben? Daß Nemanja Vidic und Rio Ferdinand das großartigste Duett sind, das Manchester seit Morrissey und Marr gesehen hat?“
Die Insel mit kontinentaler Spielkultur verzückt
Raphael Honigstein (Tagesspiegel) erörtert die Logik und die Unlogik des Titelgewinns: „Als einziger ernstzunehmender Herausforderer des FC Chelsea hatte das einst übermächtige United erstmals auch neutrale Beobachter auf seiner Seite – der einfallsreiche, fließende Angriffsfußball bereitete mehr Freude als der brutale Gewaltmarsch der Blues. Chelsea stand meist mit vier zentralen Mittelfeldspielern auf dem Platz und versuchte, die Gegner mit kollektivem Kampf zu erdrücken; United setzte auf die individuelle Brillanz von Rooney und Ronaldo und hatte in dem Serben Nemanja Vidic einen der meist unterschätzten Verteidiger Europas als Faustpfand. Überraschend war es trotzdem, wie entschieden Fergusons Elf in der harten, rauhen Premier League ihr feines Spiel durchdrücken konnte. Denn ohne einen echten Ballwinner, einen Grätscher im defensiven Mittelfeld, ist in England nie jemand Meister geworden. Ausgerechnet Fergusons United, die Elf des letzten britischen Spitzentrainers der Liga, verzückte die Insel mit kontinentaler Spielkultur und schnellem, effizienten Direktspiel.“
Chelsea voller Power, aber ohne Flair
Christian Eichler (FAS) streicht die Eindimensionalität Chelseas heraus: „Unerklärlich blieb, wie wenig spielerische Überraschungsmomente der teuerste Kader der Welt hat. Mourinhos Mannschaft fehlte die Finesse, die hilft, wenn die Beine einmal schwer sind. Sie mußte vom ersten Tag an auf die Rolle als wuchtige Siegmaschine programmiert werden, da blieb keine Zeit für das Reifen von Spielkunst. Roman Abramowitsch hat ein Vermögen ins Team gesteckt und dafür zwei Meistertitel bekommen, aber nicht den Fußball, den er wollte. Chelsea spielt meist beeindruckend, aber nie begeisternd; voller Power, aber ohne Flair. Ein englischer Kommentator drückte es so aus: Chelsea spiele Fußball so, wie der größte und stärkste Kerl auf dem Schulhof die anderen herumschubst. Wenn so einer hinfällt, dann freuen sich alle. Den Aufstieg zum Weltklub wird es nicht aufhalten, aber bremsen. In China und anderen Wachstumsmärkten hat der Verein enorm investiert und eine große Fan-Basis aktiviert. Während in England außerhalb Süd-Londons kaum ein Anhänger der ‚Blues‘ zu finden ist, macht der Klub in Asien dem bisherigen Marktführer Manchester United Konkurrenz.
Englands Zeitungen berichten, noch einmal werde Abramowitsch diesen Sommer viel Geld für neue Spieler bereitstellen – noch genau ein Jahr gebe er Mourinho, ihm endlich den großen Skalp zu liefern: den Gewinn der Champions League. Noch ein Jahr Zittern für jene Fußballfreunde, die eine altmodische Hoffnung hegen: daß man im Fußball nicht alles kaufen kann.“ An anderer Stelle schreibt Eichler über Manchesters unterlegene Rivalen: „Arsenal hat ein junges Team im Umbruch, das für den größten Teil der Saison auf Thierry Henry verzichten mußte. Liverpool fehlt ein Torjäger von Weltklasse. Und Chelsea lag mit den Einkäufen Schewtschenko und Boulahrouz daneben, auch Ballack blieb weitgehend blaß.“
Schelte für Ballack und Shewtschenko
Nachdem sich José Mourinho negativ über einige, nicht namentlich genannte, Spieler geäußert hat, ist ein großer Teil der englischen Presse der Meinung, die Tage von Andrei Schewtschenko und Michael Ballack beim FC Chelsea seien gezählt. So heißt es im Daily Mirror: „Mourinho hat deutlich gesagt, daß sich bestimmte Mitglieder seines aktuellen Kaders an der Partie gegen Arsenal ein Beispiel bezüglich ihrer Einstellung nehmen sollten. Adressaten dieser Kommentare scheinen Schewtschenko und Ballack zu sein, deren Mittelmäßigkeit in dieser Saison zu Chelseas enttäuschendem Abschneiden beigetragen hat. (…) Vermißt hat die Mannschaft Ballack oder Schewtschenko gestern nicht. Und die Wahrheit ist: Sie ist ohne sie sogar besser.“ Henry Winter (Daily Telegraph) sieht das ähnlich: „Mourinhos Worte waren eine absichtliche und ernste Warnung an gewisse Überbezahlte ‚under-achievers‘. Wenn Mourinho bleibt und seine Transferpolitik selbst bestimmen darf, ist es kaum vorstellbar, daß Ballack und Schewtschenko bleiben. Sie haben nie in seine Philosophie gepaßt, junge und hungrige Spieler zu kaufen.“ Auch Matt Scott vom seriösen Guardian kann sich den Abgang der beiden vorstellen: „Wenn Mourinho davon spricht, für die nächste Saison zwei bis drei personelle Wechsel vorzunehmen, dann dürfte das bedeuten, daß er sich darum bemühen wird, Ballack und Schewtschenko loszuwerden.“
Bearbeitung und Übersetzung der englischen Presse durch Alexander Neumann (London)
Stockholm-Syndrom in der Fachpresse
Javier Cáceres (SZ) beschreibt die Rückkehr Real Madrids ins Titelrennen mit dem FC Barcelona: „Daß sich der Kampf um die Meisterschaft auf den Showdown der Erzrivalen zuspitzt, ist allein schon wegen der Distanz überraschend, die noch vor wenigen Wochen zwischen ihnen lag. Verblüffender aber ist, daß dem bislang für seinen ungedeihlichen Fußball geschmähten Trainer Fabio Capello in der Fachpresse Hymnen gedichtet wurden. Ein Kommentator sah sich genötigt, für alle Fälle zu leugnen, dem Stockholm-Syndrom verfallen zu sein – jenem psychologischen Phänomen, bei dem Geiseln Sympathien für ihre Peiniger entwickeln. Gleich darauf ging er in die Knie und gestand: ‚Nie hätte ich gedacht, daß ich folgendes schreiben würde: Capello war stupend.‘“
BLZ: Emerson führt Real Madrid zum 3:2 gegen den FC Sevilla und besiegt die Angst vor den eigenen Fans
Die Tore
NZZ: Giovanni Trapattoni nach dem 22. Titelgewinn mit Salzburg weiterhin voller Energie
Bundesliga
Eine fast schon kitschige Interpretation der Werder-Doktrin
Pressestimmen zu den Sonntagsspielen in Berlin und Leverkusen: Die Presse wertet das 4:1 Werder Bremens fast als Überraschung / Respekt für Ernst Middendorp
Roland Zorn (FAZ) gratuliert Werder Bremen dazu, daß es seinen Kurs wieder eingeschlagen habe: „Ein Team, eine Richtung, ein Ziel: Nachdem der Vorhang im nervenden Wechseltheater um Miroslav Klose vorerst gefallen und die Hoffnung auf einen internationalen Pokal dahin ist, scheint Werder Bremen auf der Zielgeraden zurück zur alten Entschlossenheit und Spielkunst zu finden. Wer geglaubt hätte, die am Donnerstag unter unglückseligen Umständen aus dem Uefa-Cup gekippten Norddeutschen würden am Sonntag auch ihre letzte Titelchance in den Wind schlagen, sah sich gewaltig getäuscht.“ Ronny Blaschke (FR) fügt hinzu: „Die sportliche Genesung des SV Werder innerhalb weniger Tage scheint auf den ersten Blick eine große Überraschung. Bei näherer Betrachtung aber illustriert die Darbietung die größte Stärke der Bremer Führungskräfte: sture Gelassenheit, auch wenn sich alles gegen sie zu wenden scheint.“
Sven Goldmann (Tagesspiegel) hingegen hält die Kritik an (dem Stürmer) Klose aufrecht: „Ausgerechnet in der entscheidenden Phase der Meisterschaft wissen die Bremer nicht so recht, was sie mit ihrem ehedem besten Stürmer anfangen sollen. Kloses Krise wird oft an den ungeschickten Verhandlungen mit Uli Hoeneß festgemacht. Doch da war die Krise schon akut. Von seinen dreizehn Bundesligatoren in dieser Saison hat Klose ganze zwei in der Rückrunde erzielt. Auf Dauer aber hilft Werder nur ein gut gelaunter Klose weiter. In Berlin war davon wenig zu sehen, jedenfalls solange das Spiel noch eine ernst zu nehmende sportliche Auseinandersetzung war.“ Claudio Catuogno (SZ) schreibt über den Schützen dreier Treffer: „Es war eine fast schon kitschige Interpretation der Werder-Doktrin, wonach jeder ersetzbar ist, daß sich einfach ein anderer Stürmer in den Mittelpunkt spielte: der Schwede Markus Rosenberg, im Winter aus Amsterdam gekommen, der auftrumpfte wie eine Art verkleideter Klose in seinen besten Tagen.“
Notwendige Radikalkur
2:1 in Leverkusen – Gregor Derichs (FAZ) findet den Verantwortlichen für die Bielefeler Rettung in Ernst Middendorp: „Kein anderer Trainerwechsel in dieser Saison war so effektiv. Middendorp, hat das Team umgekrempelt und das Defensivkonzept durch eine forsche Offensivtaktik ersetzt.“ Felix Meininghaus (Financial Times) ergänzt: „Die Methoden des oftmals raubeinigen Middendorp sind nichts für zarte Gemüter. So stellte er sogar den zuvor unumstrittenen Hain infrage. Viel zu leise agiere der Keeper, kritisierte Middendorp und drohte mit der Bank. Auch andere Leistungsträger bekamen ihr Fett weg. Für das Bielefelder Seelenleben erwiesen sich die Attacken als notwendige Radikalkur.“
Montag, 7. Mai 2007
Bundesliga
Wir können auch Meister werden
Pressestimmen zum 32. Spieltag: Kevin Kuranyi, Führungsspieler Schalkes / Blühende Fußballandschaft Schwaben / Lustlose Gladbacher und lustlose Bayern / Tapfere Bochumer / Launische Frankfurter / Mutlose Mainzer / Leichtsinnige Wolfsburger
Philipp Selldorf (SZ) schildert den Statusgewinn Kevin Kuranyis und seine Bedeutung für Schalkes Aufschwung: „In Schalke ist der jahrelang nicht erwartbare Zustand eingetreten, daß Kuranyi unersetzlich geworden ist, was nicht nur daran liegt, daß er regelmäßig die wichtigen Tore schießt. Nie war Kuranyi so gut wie heute, das steht fest. Aber es hat auch noch nie einen Kuranyi wie den heutigen gegeben: Sein Wert bemißt sich nicht nur in seinen Toren (bisher 15) und Torvorlagen (11), sondern ebenso in seinem inspirierenden Engagement als kämpferischer Spieler (und Ballräuber) und seiner moralischen Wirkung als verbaler Antreiber. Kuranyi war wegen seines Charmes immer schon beliebt in seinen Teams, aber nie haben seine Mitspieler und Vorgesetzten mit so viel Achtung von ihm gesprochen.“
Oliver Trust (Tagesspiegel) nennt die Schlüssel des Stuttgarter Erfolgs: „Anders als bei Bayern oder Werder muß sich in Stuttgart keiner um den Betriebsfrieden sorgen. Keine der Stammkräfte will weg, die Verträge der Schlüsselspieler sind verlängert. Und schließlich ließ es sich bislang mit Leidenschaft und Tempofußball prächtig leben im Windschatten der Platzhirsche. Eine Mischung aus Spiellust, Konzentration, Selbstvertrauen und Unbekümmertheit entfaltet die Kraft der Mannschaft.“ Hans-Joachim Leyenberg (FAZ) beschreibt eine blühende Fußballandschaft: „Der VfB ist der Tip im Roulette um die deutsche Meisterschaft. Nach einer WM, die von schwäbischer Innovation geprägt war, erscheint die neue schwäbische Fußballherrlichkeit wie eine nationale Entsprechung. Und ist es mit Ralf Rangnick nicht auch ein Schwabe, der jetzt die TSG Hoffenheim aus dem Kraichgau in die Zweite Bundesliga geführt hat? Die Mission begann im Kriechgang. Rangnick war in der Frühphase der Saison ähnlich kritisch gemustert worden wie Armin Veh. Wir können alles außer Hochdeutsch, heißt es in der Werbekampagne des Musterländles. Wir können auch Deutscher Meister werden, könnte es demnächst heißen.“
Wo bleiben die Buhs?
Gregor Derichs (FAZ) läßt den Bayern und den Gladbachern ihr schlechtes Spiel nicht durchgehen: „Die Gladbacher lieferten zunächst eine Vorstellung ab, die viele Zuschauer mit höhnischen Gesängen bedachten. In der zweiten Halbzeit lösten dann die Bayern die Gastgeber bei der Demonstration von Lustlosigkeit ab. Bei ihren Argumenten für das halbherzige Gekicke waren sich die Gladbacher und die Münchner Chefs einig: Zu viele Darsteller haben mit ihren Vereinen schon abgeschlossen und denken an die nächste Saison mit neuen Arbeitgebern.“ Ulrich Hartmann (SZ) empfiehlt den Bayern mehr Geduld mit ihrem Nachwuchs: „Vor einigen Monaten haben die Münchener mal ihren Ausstoß gemessen, nicht den Feinstaub vom Mannschaftsbus, sondern ihren nationalen Exportwert, also wie viele Fußballer aus der Talentschule des FC Bayern es deutschlandweit in die erste oder zweite Liga schaffen. Der Wert war ausgezeichnet. In den vergangenen acht Jahren sind im Schnitt sechs von zehn Nachwuchsspielern aus dem Bayern-Regionalliga-Team in der ersten oder zweiten Liga gelandet. Diese Zahl ist ein Gütesiegel für die Jugendarbeit des Klubs, und es war auch kein Zufall, daß in der Münchner Startelf vier solche Spieler in der Startelf standen. Und doch bringt das dem Bayern-Nachwuchs perspektivisch nicht viel, denn zur kommenden Saison werden in einem Akt des brachialen Neuaufbaus bis zu sieben neue Spieler eingekauft.“
„Wenn die Spieler die ganze Woche lesen, daß sie fehl am Platze sind, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn nicht bis zum letzten Blutstropfen gekämpft wird.“ Dieser Satz von Uli Hoeneß bewegt Klaus Hoeltzenbein (SZ) zu einem verärgerten Vergleich zwischen Fußball und Bühnenkunst: „Es wäre am Residenztheater kaum vorstellbar, dass sich nach Spielende der Intendant vor den Vorhang schiebt: Nun gut, verehrtes Publikum, Sie werden’s gemerkt haben, unsere Magd war fahrig, sie ist in Gedanken schon am Thalia in Hamburg; der Bauer hat gestottert, aber, ich sag’s Ihnen im Vertrauen, er wechselt an die Volksbühne Berlin; und unser Großknecht, der Wastl, bitte, haben Sie Verständnis: Trennungsschmerz, sehr unentschlossen, der Gute, ob Düsseldorf, Bochum, oder doch lieber das Ausland, Zürich, vielleicht … Nur Buhs, keine Bravos – und die Kritiker würden mit ihren Spiralblöcken auf den Intendanten zielen. Sehr wohl lassen sich Theater und Fußball vergleichen. Beide wetteifern um die Gunst des Publikums, nur läßt sich dieses im Fußball mehr gefallen.“
Vom Glauben abgekommen
Christof Kneer (SZ) staunt enttäuscht über die hängenden Köpfe in Mainz und versucht, den Klub mit einer Pointe zu pieksen: „Abgestiegen sind die Mainzer noch nicht, aber es kommt ihnen so vor. ‚Wir stellen uns schon mal darauf ein, daß wir in die zweite Liga gehen‘, sagt Präsident Strutz, der einen ‚gefühlten Abstieg‘ diagnostiziert. Das klingt einerseits realistisch und andererseits doch erstaunlich für einen Klub, der sich in den letzten drei Jahren einen Sport daraus gemacht hatte, das Schicksal auf Linie zu zwingen. Jene Chance, die sie nie hatten, haben die Mainzer von Anfang an eindrucksvoll genutzt, sie haben den Besserverdienern ihre Überzeugung und ein schlaues Spielsystem entgegengehalten – am Ende des dritten Erstligajahres aber wird man das Gefühl nicht los, als sei Klopps Glaubensgemeinschaft vom Glauben abgefallen. Die Überzeugungstäter haben ihre Überzeugung verloren. Das Problem der Mainzer ist, daß sie nicht mehr glauben, daß sie’s können. In den letzten beiden Jahren war das Glauben einfacher, da wußten sie, daß sie sich hinten auf Abel, in der Mitte auf da Silva und vorne auf Thurk verlassen konnten. Vor dieser Saison aber haben sie all diese Spieler an die Konkurrenz verloren und mit ihnen auch den Glauben. Am Samstag hat da Silva zwar mit prächtigem Paß ein Tor vorbereitet, dummerweise aber im Trikot des VfB Stuttgart, und nach dem Schlußpfiff schritt er traurig die Mainzer Linien ab. Er hat sie alle in den Arm genommen, und es sah aus, als hätte er ihnen fest versprochen, nächstes Jahr das Montagsspiel im DSF zu gucken.“
Solidarpakt zwischen Mannschaft und Fans einseitig gekündigt
Ralf Weitbrecht (FAZ) billigt die Frankfurter Leistung gegen Aachen, rügt jedoch die neue, alte Launenhaftigkeit: „Daß die Eintracht allen Widerständen trotzte und sich nach einem beherzten Stück Fußball zu ihrer besten Saisonleistung aufschwang, paßte so schön in die derzeitige Gemengelage der Eintracht. Warum nicht immer so? Das mögen sich viele der Zuschauer gefragt haben. Warum kann Sensibelchen Albert Streit nicht immer so auftrumpfen wie gegen die Alemannia? Und warum kann die Mannschaft, von Trainer Funkel zum 32. Mal in dieser Saison personell ins Rotieren gebracht, nicht öfter so wie gegen Aachen Fußball aus einem Guß zeigen? (…) Doch was wird aus Friedhelm Funkel? Seit drei Jahren schon leistet er sportliche Aufbauarbeit, schien zuletzt aber an Grenzen zu stoßen, weil sich die Mannschaft nicht entscheidend weiterentwickelt hat.“
Jan Christian Müller (FR) geht mit den zwei Stars ins Gericht: „Aachen verlor in Frankfurt 0:4. Albert Streit hatte gewonnen – und Jan Schlaudraff hatte gewonnen. Denn jeder hatte gesehen, daß der bis Mitte der Rückrunde zwischenzeitlich erreichte Tabellenplatz dieses Unterdurchschnittsteams weit weg von den Abstiegsrängen vor allem dank seines außergewöhnlichen individuellen Könnens erreicht worden war. Schlaudraff wird nächste Saison mit den Bayern um den Titel spielen, Streit bei Schalke 04. Aachens Trainer Michael Frontzeck aber muß seine Demission trotz laufenden Vertrags auch für die zweite Liga noch viel mehr ins Kalkül ziehen als Friedhelm Funkel selbst im Fall des Klassenerhalts.“
Sehr lesenswert: Ein Hintergrundbericht (FAZ) über die dunklen Seiten des Transfergeschäfts
Stefan Hermanns (Tagesspiegel) redet den Aachener Fans ins Gewissen: „Daß Alemannia Aachen zwei Spieltage vor Schluß überhaupt noch die Chance hat, in der Bundesliga zu bleiben, ist eine grandiose Leistung. Daß die Aachener aller Wahrscheinlichkeit trotzdem absteigen, macht es ihren Fans allerdings schwer, diese Leistung gebührend zu würdigen. Ihre Enttäuschung ist ebenso angemessen wie unangemessen. Eigentlich haben die Aachener von Anfang an gewußt, daß sie nur in der Bundesliga spielen, um dagegen zu kämpfen, nicht mehr in der Bundesliga spielen zu dürfen. Aber sie haben es im Laufe der Saison einfach vergessen. Der Solidarpakt zwischen Mannschaft und Fans, der die Alemannia schon manches Mal vor dem Untergang gerettet hat, ist einseitig gekündigt worden. Die Aachener sind Opfer überzogener Ansprüche.“
Erfolgreiche Kärrnerarbeit in Bochum
Frank Heike (FAZ) erfreut sich an der Tapferkeit der Bochumer, nicht ohne einen Seitenhieb auf die besiegten Hamburger: „Drei Zähler nur stehen die Westfalen hinter dem fünften Platz, nach einer von den in Bochum bestens bekannten Sorgen und Nöten begleiteten Serie könnte es ein triumphales Ende geben für diese namenlose Mannschaft der Grotes, Schröders und Butschers, die nimmermüde rackert, von Koller taktisch bestens eingestellt ist und vorn auf die Tore des famosen Griechen Gekas vertrauen kann. Doch es bleibt ein Drahtseilakt, mit den bekannt geringen Mitteln der Bochumer den Erfolg des Jahres 2007 zu wiederholen. Misimovic geht zum 1. FC Nürnberg, ‚Lebensversicherung‘ Gekas zu Bayer Leverkusen, wieder wird der VfL die Besten ersetzen müssen, die Kärrnerarbeit, die in Bochum zur Berufsbeschreibung des Coaches dazugehört. (…) Dem oft genug großmäuligen Großverein HSV haben die Bochumer wieder einmal gezeigt, was mit Willen und Disziplin zu erreichen ist. Daß sie im Vergleich mit dem HSV arme Schlucker sind, war für den Moment wie ausradiert. Doch daran wird der VfL schon bald wieder erinnert – spätestens, wenn Gekas zum ersten Mal auf dem Mannschaftsfoto der Leverkusener auftaucht.“
Über die Lage in Wolfsburg heißt es bei Claudio Catuogno (SZ): „Mehr aus Trägheit und Selbstüberschätzung denn aus Mangel an Geld und talentiertem Personal treibt der VfL Wolfsburg sich in der Nähe der Abstiegsgrotte herum, und erst wenn die Luke geschlossen wird, versucht er, noch schnell durch einen Spalt nach oben zu flattern.“
Mit solchen Resümees wird man zitiert – Daniel Theweleit (Spiegel Online): „Und am Ende läßt wie nach jedem Spieltag dieser Saisonendphase feststellen: Wie schön ist doch die Liga, wenn die Bayern einmal nicht um diese Schale mitspielen dürfen, die sie doch sowieso längst nur noch langweilt.“
Samstag, 5. Mai 2007
Unterhaus
Folgen einer verfehlten Personalpolitik
Richard Leipold (FAZ) rät den Verantwortlichen von Borussia Mönchengladbach, aus ihren Fehlern der Vergangenheit zu lernen: „Worauf läuft der Abstieg hinaus, auf einen längeren Aufenthalt in der zweiten Liga oder auf den sofortigen Wiederaufstieg? Noch fehlt es für eine Prognose an verläßlichen Daten. Der Trend aber geht eindeutig zu einem Neuaufbau – zumindest sportlich. In der Mannschaft greift ein Prozeß der Zersetzung um sich. Kritik kommt von allen Seiten, von außen wie von innen. Über das Durchhaltemotto ‚Ein Team‘ spotten die Fans nur. (…) Die Folgen einer verfehlten Personalpolitik zu beseitigen dürfte schwer werden. Wenn sie den wirtschaftlich längst wieder gesunden Klub sportlich sanieren wollen, müssen Sportdirektor Ziege und seine Mitstreiter vermutlich mehr leisten, als ein paar Profis zu sichten, die vorübergehend so miteinander Fußball spielen können, daß es für den Aufstieg reicht. Um aus dem sportlichen Teufelskreis der jüngeren Vereinsgeschichte dauerhaft ausbrechen zu können, braucht Gladbach wieder ein gewachsenes sportliches Fundament, eine eigene Fußball-Philosophie abseits der Businesspläne.“
Im Trend: Stefan Hermanns (Tagesspiegel) schwört Borussia Mönchengladbach ab
Vom Mythos zum ordinären Menschen
Philipp Selldorf (SZ) protokolliert die Entlarvung Christoph Daums: „Sein Wirken ist keine Empfehlung für einen neuen Arbeitgeber. Daums Bewertung der Spieler folgte keinem Plan, sondern Launen. Seine Personalpolitik war eine Abfolge von Verbannungen und Gnadenerlassen, weshalb sich unter seiner Regie nie eine erste Elf bilden konnte. Von einem geradlinigen Spielkonzept ganz zu schweigen. Daum hat in den sechs Monaten beim FC seine eigene Legende zertrümmert, und der Realitätsgewinn, der dem Publikum daraus entstanden ist, dient nicht als Trost. Er ist bloß eine weitere Enttäuschung: Die Wandlung vom Mythos zum ordinären Menschen hat ja bereits der Präsident Wolfgang Overath vollzogen, der Daums Anwesenheit sofort dazu nutzte, alle weitere Verantwortung von sich zu weisen und in Deckung zu gehen – ihre notorische Nostalgiebegeisterung ist den FC-Fans wirklich mit aller Macht ausgetrieben worden. (…) Daum hat auch im fortgeschrittenen Alter nichts von seiner Sprunghaftigkeit verloren. Seinen Worten ist nicht zu trauen, er denkt laut und widersprüchlich, und seine Absichten bleiben undurchschaubar.“
FAZ: SV Wehen in der 2. Liga – „der geilste Dorfverein der Welt“
Allgemein
Den ersten Titel auf dem Gewissen
Die Journalisten halten den Bremern einen anderen Verursacher des Ausscheidens gegen Espanyol Barcelona als den Schiedsrichter entgegen: Miroslav Klose
Ralf Wiegand (SZ) interpretiert Miroslav Kloses Platzverweis als Folge seiner Übermotivation: „Schaaf, Klose, Allofs – sie alle geißelten Referee Layec später dafür, jegliches Gespür verloren und nie eine Linie gehabt zu haben in diesem Spiel. Sie alle übersahen, daß es kaum ein Zufall sein konnte, daß es gerade Klose traf; daß es der zuletzt umstrittenste Bremer Spieler war, der in den ersten kritischen Zweikampf verwickelt war, als würde er ein Zeichen setzen wollen. Daß er es war, der unbedingt eine entscheidende Spielsituation herbeiführen wollte, und sei es durch eine Täuschung. Klose hatte, nicht anders als der Schiedsrichter, jegliches Fingerspitzengefühl verloren. Da hatten sich zwei gesucht und gefunden. Für Werder dürfte das Bekenntnis Kloses, bis 2008 bleiben zu wollen und damit ja nur seinen Arbeitsvertrag zu erfüllen, die Situation doch nicht so nachhaltig beruhigen, wie sie gehofft hatten. Klose, der brave Bub aus Blaubach-Diedelkopf, taugt anscheinend nicht zum Zocker, weder außerhalb des Platzes noch auf dem Rasen. Die erste Chance, die zum Verzeihen bereiten Bremer Fans zurückzugewinnen, hat er jetzt auch gleich noch vertan.“
Stefan Hermanns (Tagesspiegel) nennt den Schuldigen beim Namen: „Nicht der Schiedsrichter, sondern Klose den ersten Titel der Bremer auf dem Gewissen. Zwei Tage vor dem Hinspiel traf er sich in geheimer Mission mit einer Delegation der Bayern und störte damit die Konzentration auf das Wesentliche; im Weserstadion unterminierte er die Bemühungen seines Klubs mit einem dumpfen Betrugsversuch.“ Andreas Lesch (Berliner Zeitung) wendet sich ab von den lauten, uneinsichtigen Bremern: „Die Bremer suchten die Schuld nicht bei sich. Sie wähnten sich von bösen Kräften bezwungen, gegen die sie machtlos waren. Sie behaupteten: Wir sind nicht ausgeschieden; wir sind ausgeschieden worden. Die Bremer haben kein Wunder geschafft, aber sie haben nach dem Spiel sehr wunderlich geklungen. In ihrer Schärfe und Wiederholung war ihre Schiedsrichterschelte absurd. Auch die sonst besonnenen Vertreter des SV Werder wirkten plötzlich wie besessen. Sie verdrehten die Wirklichkeit, sie verwechselten Ursache und Wirkung. Sie offenbarten durch ihre Pöbeleien ihre Verzweiflung darüber, daß die Saison, die sie brillant begonnen haben, böse und titellos zu enden droht.“
Die Berliner Zeitung bezeichnet die Bremer Schiedsrichterkritik als „Dolchstoßlegende“ – eine fragwürdige historische Analogie, denn die Oberste Heeresleitung machte 1918 die deutschen Sozialdemokraten, also Landsmänner, für die Niederlage verantwortlich. Der Dolchstoß sei aus der Heimat, von hinten, erfolgt. Die Ursachenzuschreibung der Bremer für das 1:2 hatte gerade nicht die eigenen Reihen im Blick (und vermutlich schon gar nicht die Sozialdemokraten).
Und wenn wir schon dabei sind: Ein weiterer Fehler unterläuft den Kollegen der Berliner Zeitung heute. In ihrem Europapokalfazit behaupten sie, daß seit 2001, seit dem Champions-League-Sieg der Bayern, keine deutsche Mannschaft mehr ein Finale erreicht habe. Doch auch hier haben die Dokumentare geschlafen, denn ein Jahr später, 2002, standen sogar zwei deutsche Vereine in den Endspielen: Bayer Leverkusen und Borussia Dortmund. An der Schlußfolgerung ändert das freilich nicht viel: „In der kleinen deutschen Fußballwelt mag die Liga wie ein Spiel ohne Grenzen wirken; in der großen europäischen Fußballwelt erfährt sie Jahr für Jahr, daß ihr Können streng limitiert ist.“
NZZ: Selbstdemontage der Bremer Hochbegabten
Highlights
Freitag, 4. Mai 2007
Champions League
Milans Fußball war Schach mit Messern
Die deutsche Presse staunt Bauklötze über die Schönheit des AC Mailand, die englische wird schwermütig angesichts der Blässe Manchester Uniteds / Vorsichtiger Hinweis auf Mailands Gunst bei den Richtern im Manipulationsprozeß vor der Saison
Christian Eichler (FAZ) schließt aus dem Finaleinzug Mailands und Liverpools: „Immer mehr zeichnet sich ab, daß die Champions League ein Eigenleben führt, das sich von nationalen Ligen abkoppelt. Wer sie gewinnen will, kann das nur, wenn er entweder in der heimischen Liga so überlegen ist, daß er sich dort schonen kann – oder weil er dort ohnehin keine Titelchance mehr hat. Wo Teams bis zum Ende in den heimischen Wettbewerben alles geben müssen, wie Chelsea und Manchester, reicht die Energie nicht für die letzten Hürden in Europa.“
Gleichzeitig findet Eichler ein paar Härchen in Mailands Suppe: „Daß es hilfreich ist, die richtigen Leute auf seiner Seite zu haben, beweist die Saisonvorgeschichte des AC Mailand. Ursprünglich vom Zwangsabstieg bedroht, war Milan für die jahrelange Beteiligung an Spielmanipulationen mit einem Abzug von 44 Punkten der letzten Saison bestraft worden. Dann wurde der Verlust in der Berufung auf jene 30 Punkte reduziert, mit denen Milan einen Platz in der Champions League behielt. Um das Erreichen des Finales von Athen haben sich also nicht nur Kaka & Co. verdient gemacht. Auch ein paar nachsichtige Richter.“
Eine Sturmwelle über ein Schlauchboot
Birgit Schönau (SZ) wirft der Mannschaft Kußhände zu: „Diese Elf spielt spektakulären Fußball. Sie steht zu Recht im Finale von Athen. Ihr jetzt zuzuschauen ist ein Genuß. Es geht den Milan-Profis, unter ihnen fünf italienische Weltmeister, in gewisser Weise ähnlich wie der Squadra Azzurra bei der WM 2006: Sie spielen im langen Schatten des Skandals. Und sie zeigen: Ihre Wahrheit liegt unantastbar auf dem Platz. (…) Neben Kakà sah Ronaldo aus wie ein Hütchenspieler neben Magier Merlin. Ronaldos vielgepriesene Kunst löste sich im Mailänder Dauerregen auf wie ein flüchtig hingeworfenes Aquarell.“
Eichler liest Mailands Sieg als Widerlegung der Italien-Klischees: „Das Bild des guten alten italienischen Fußballs, es hat reichlich Risse bekommen in den letzten zwei Jahren. Italiener geben keinen 1:0-Vorsprung mehr her? Dafür aber ein 3:0, so wie der AC Mailand im Champions-League-Finale 2005. Italiener mauern sich zum Titel? Sie wechseln drei Angreifer ein und stürmen zum Sieg über Deutschland im WM-Halbfinale 2006. Italiener verschleppen am liebsten das Spiel? Nein, sie entfachen ein solches Tempo wie am Mittwoch, als Milan im strömenden Regen von San Siro über Manchester United kam wie eine Sturmwelle über ein Schlauchboot.“
Vorsichtig, nervös und naiv
In England ist man sich darüber einig, daß Milan eine Klasse besser gewesen ist. Laut Daily Mirror setzte es für United gestern „eine Tracht Prügel von gewaltigem Ausmaß“. Der Daily Telegraph geht noch einen Schritt weiter: „Milans Fußball war Schach mit Messern. United wurden von Gattuso und seinen Gefährten in kleine Stücke gehackt”. Ernüchternd fällt auch die Einschätzung von Sam Wallace (Independent) aus: „Der Festzug zu Ehren des englischen Fußballs kann abgesagt werden, die Annexion des europäischen Fußballs durch die Premier League muß bis auf weiteres verschoben werden. Man kann es durchaus peinlich nennen, wie Fergusons Spieler zu Lehrlingen degradiert wurden, von einem (von Kakà dirigierten) AC Mailand, der atemraubend spielte und stets die Kontrolle über die Partie zu haben schien. Nun steht nur noch der alte Spielverderber Benitez zwischen diesem großartigen italienischen Team und seinem siebten Champions- League-Titel. Liverpools Trainer hat schon einmal ein Wunder vollbracht, aber einen AC Mailand in dieser Form zu schlagen, wäre eine noch beeindruckendere Leistung als das Comeback in Istanbul vor drei Jahren.“
Der ehemalige Chelsea-Profi Tony Cascarino (Times) erkennt United nicht wieder und stellt Alex Fergusons Marschroute in Frage: „Es war die Rache der Serie A. United war spielerisch und kämpferisch völlig unterlegen, und das 7:1 gegen Rom scheint nur noch eine alte Erinnerung zu sein. Die Chelsea-Fans singen gerne ‚Darum sind wir Meister‘ – vorgestern waren es die Milan-Fans, die im Auftrag ganz Italiens sangen ‘Darum sind wir Weltmeister’. United sah aus wie eine Mannschaft, die in diesem Jahr schon gegen Rom, Kopenhagen und Glasgow verloren hat: vorsichtig, nervös und naiv. Ferguson hatte vor der Partie gesagt, United würde risikofreudig auftreten. Doch davon war absolut nichts zu sehen, bis sie keine andere Wahl mehr hatten. Weshalb hat Ferguson seine Mannschaft, die mit derartigem Flair spielen kann, mit dem Vorhaben aufs Feld geschickt, das Spiel zu ersticken?“
Bearbeitung und Übersetzung der englischen Presse durch Alexander Neumann (London)
Die Highlights
Donnerstag, 3. Mai 2007
Champions League
Müdigkeit, die über körperliche Erschöpfung hinausgeht
Viele deutsche und englische Zeitungsjournalisten deuten Liverpools Sieg gegen Chelsea als große, folgenschwere Niederlage José Mourinhos
Über Chelsea-Niederlagen schreiben heißt über die Sätze seines Trainers schreiben – Christian Eichler (FAZ) ist der Interpretationen José Mourinhos überdrüssig: „Einsam war er in seiner Betrachtung. Daß Chelsea die ’stärkere Mannschaft‘ gewesen sei, mit den ‚besseren Chancen‘, und überdies ‚die einzige, die auf Sieg gespielt‘ habe, das alles hatte Mourinho exklusiv. Daß Chelsea durch Kuyts Kopfball an die Latte oder durch einen zu Unrecht nicht anerkannten Treffer des Holländers in der Verlängerung mehrmals kurz vor dem K.o. stand; daß die ‚Reds‘ aus dem Gegner über weite Strecken alles Leben herauspreßten, so wie es sonst Chelsea gern tut; daß beim Milliardärsteam aus London dort, wo die Kraft ausging, auch bedingt durch Verletzungen wie die von Ballack und Carvalho, kein Spielwitz, keine Finesse, kein Flair die Physis ersetzen konnten – davon redete Mourinho nicht. In den letzten Wochen hat er wie gewohnt, wenn die großen Spiele kommen, verbal ausgeteilt, doch alles verpuffte.“ Eichler begründet seine Freude über Liverpools Sieg: „Spaß macht Chelsea nie, es ist eine Siegmaschine, und wenn sie nicht mehr siegt, verliert sie ihren Sinn – wie ein Investment, das keine Rendite abwirft. Liverpool hat andere Reichtümer zu bieten. Es hat ein Herz für den Fußball.“
Sabine Rennefanz (Berliner Zeitung) führt Chelseas Schwächeln auf die Distanzierung Roman Abramowitschs von seinem Klub und seinem Trainer zurück: „Der Streit zwischen einem dominanten Besitzer und einem nicht minder machtorientierten Trainer unterhöhlt die Mannschaft. Es häufen sich die Zeichen, daß der zweitreichste Mann Englands die Lust an seinem Spielzeug verloren hat, auch wenn er das energisch dementieren lassen würde. Zwar haben Abramowitsch und Mourinho sich kürzlich umarmt, und das wurde als Zeichen gewertet, daß die Wogen sich geglättet hätten. Das Chelsea-Management stärkte dem Trainer formal den Rücken. Doch die Kämpfe scheinen Spuren auf Mourinhos Urteilsfähigkeit gelassen zu haben. Es hat sich eine Müdigkeit breit gemacht, die über körperliche Erschöpfung hinausgeht.“ Sven Goldmann (Tagesspiegel) läßt auf Mourinho nichts kommen: „Die Mannschaft dieser Saison ist nicht die von Mourinho, sondern die von Abramowitsch. Daran ist Chelsea in dieser Saison gescheitert. Nicht an seinem vorlauten Trainer.“
Mourinho und Chelsea sind in Liverpool kleiner geworden
Auch Raphael Honigstein (FR) stellt Mourinhos Machtverlust fest: „Die schönsten, größten Ölquellen der Welt helfen nichts, wenn der Mannschaft auf der wahnwitzigen Hatz nach allen Titeln im Frühling die Luft ausgeht. Um galaktischen Zersetzungstendenzen vorzubeugen, hat Mourinho im vergangenen Sommer auf einem vergleichsweise kleinen Kader bestanden. Die Rechnung war allerdings ohne die Verletzungsmisere und diverse Hinterzimmerquerelen gemacht. Damit man dieses Chelsea richtig versteht, müßte man vor Spielbeginn neben dem Aufstellungsbogen ein Diagramm erhalten, das erklärt, wer welchen Spieler verpflichtet hat. Der Kompetenzgerangel war fatal. (…) Es gibt Menschen und Mannschaften, die in Niederlagen ihre eigene Größe entdecken. Mourinho und sein Chelsea sind in Liverpool ein ganzes Stück kleiner geworden, selbst wenn man Dinge wie Anstand und Sportsgeist ausklammert. In Zukunft werden sich noch mehr Männer in die Belange des Trainers einmischen. Er bekommt einen israelischen Sportdirektor vor die Nase gesetzt, falls er überhaupt in London bleibt. Die Stamford Bridge ist bestenfalls halb so laut wie Anfield. Aber Chelsea wird so schnell nicht zur Ruhe kommen.“
Very british
Is it in the genes or is it in the jeans? Jeff Powell (Daily Mail) schlußfolgert aus dem Charakter des Spiels die perfekte Anpassung der vielen ausländischen Spieler an das englische Fußballklima: „Es ist wirklich erstaunlich, wie die Premier League es schafft, derart viele talentierte Spieler aus aller Welt zusammenkaufen, um dann, in einem Spiel von europaweiter Bedeutung, eine Partie hervorzubringen, die in ihrer hysterischen Verzweiflung und ihrem zerfahrenen kick-and-rush so traditionell englisch ist. Es war die Nacht der langen Bälle und gleichzeitig ein Abend, der die Herzen schneller schlagen ließ, die Trommelfelle zum Zittern brachte und die Nervenanspannung ins Unerträgliche trieb. Aber, und das ist viel wichtiger, es war auch ein Abend der uns daran erinnert, was im Fußball wirklich zählt: Denn letztlich, wenn all das Geschrei, die Schaumschlägerei und das Getöse vorbei sind, geht es um Spieler. Spieler, die sich um den Verstand laufen können, auch wenn sie einem Ball nachjagen, der sich kaum erreichen läßt. Spieler, die einmal tief durchatmen und einen Elfmeter schießen können, wenn sich das Ziel anders nicht erringen läßt. Und Spieler, die nie aufgeben, auch wenn das Spiel für sie mindestens so schmerzhaft ist wie für uns Zuschauer.”
Benitez hat etwas geniales
Eine hektisches, zerfahrenes und gedankenarmes Spiel sah auch Kevin McCarra (Guardian): „Beide Mannschaften rangen so heftig miteinander, daß man den Eindruck gewann, keiner von beiden würde den anderen jemals ins Finale einziehen lassen. Aggers Tor war das erste zusammenhängende Stück Fußball in der gesamten Partie, und ohne die Pause vor dem Freistoß, die etwas Zeit gab um die Gedanken zu ordnen, wäre wohl auch dies nicht zustandegekommen.”
James Lawton (Independent) widmet sich dem Duell der Trainer: „Es ist zu vermuten, daß Mourinho, wenn sich die Enttäuschung erst einmal gelegt hat, nicht mehr viel übrig bleiben wird von dem geheimnisvollen Nimbus, den er 2004 als Europacup-Sieger mitbrachte und in der Folge Jahr für Jahr und Stück für Stück demontierte. Vielmehr dürfte sich sein Untergang jetzt fortsetzen, wo er im einzigen Turnier, das den mächtigen Mäzen Abramowitsch hätte besänftigen können, zum zweiten Mal kurz vor dem Ziel gescheitert ist. Benitez hingegen stellt heute mehr denn je das große Mysterium des internationalen Spitzenfußballs dar. Auch wenn er zuweilen Rätsel aufgibt, eines steht fest: Benitez hat etwas geniales, wie kein anderer versteht er es, Ergebnisse zu erzielen.“
Auswahl und Bearbeitung der englischen Presse von Alexander Neumann (London)
Ascheplatz
Doppelmoral und Neidgesellschaft
Der Fall Miroslav Klose – Ursache für Kritik an Bayerns Geschäftsethik und Indikator für Bremer Disharmonie
Udo Muras (Welt) treibt die Bayern in die Enge: „Auch das gehört leider zur Praxis des Vorzeigeklubs: Es ist nicht vergessen, daß Spielern wie Sebastian Deisler und Sebastian Kehl vorab Millionenshecks überreicht wurden. Dies wurde 2001 aufgedeckt und offenbarte die Anwerbepraxis der Bayern. Ebenso wenig vergessen ist der Geheimvertrag der Bayern mit der Kirch-Mediengruppe. Schon in den achtziger Jahren standen die Bayern am Pranger wegen der Transfers von Matthäus und Brehme – auch da hieß der Manager Uli Hoeneß. Es ist derselbe Mann, der etwa im Fall Christoph Daum rigoros für die Wahrheit eintrat, was ihm viel Ansehen auch bei Bayern-Gegnern einbrachte. Es kann nicht sein, daß für den FC Bayern München nur die Gesetze gelten, die ihm selbst nutzen. Das nennt man Doppelmoral.“
Andreas Lesch (Berliner Zeitung) entmummt die Transferstrategie der Bayern als Muskelspiel: „Die Münchner, die sonst oft und gern als Moralapostel auftreten, lassen nicht nur jeglichen Stil vermissen, wie bei den dreisten Verhandlungen mit Klose. Sie scheinen ihre Personalpolitik auch weniger an ihren Bedürfnissen auszurichten als vielmehr an ihrem Ego. In der Not zeigen die Münchner verstärkt die Reflexe und Schwächen, die ihre Personalpolitik seit Jahren prägen. Sie wollen die Zukunft planen, aber sie leben in der Vergangenheit; deshalb haben sie ihren früheren Trainer Ottmar Hitzfeld reaktiviert, deshalb ist nun ihr ehemaliger Mittelfeldspieler Ze Roberto als Zugang im Gespräch. Sie wollen mit Finanzkraft protzen; deshalb wird über einen Edelkicker wie Arjen Robben vom FC Chelsea diskutiert. Sie wollen Rivalen wie Werder Bremen zeigen, daß sie mächtiger sind als sie; deshalb haben sie ihnen Jan Schlaudraff weggeschnappt, deshalb haben sie so hartnäckig um Klose geworben. Wenn der FC Bayern einen Plan hätte, dann würde er zuerst, mit all seiner Potenz, einen Regisseur suchen – einen Mann, der sein ideenfreies Allerweltsgekicke endlich belebt.“
Nicht mehr erste Geige
Axel Kintzinger (Financial Times) deutet Kloses Ankündigung, seinen Vertrag in Bremen zu erfüllen, als Niederlage der Münchner: „Dem FC Bayern werden in diesen Wochen nicht nur sportlich die Grenzen gezeigt. Seit gestern wissen die Verantwortlichen des Klubs, daß sie auch auf dem Transfermarkt nicht mehr die erste Geige spielen – nicht einmal in der Bundesliga.“ Frank Heike (FAZ) pflichtet bei: „Die Entscheidung ist auch als politischer Sieg Werders zu werten: man hat dem Münchner Werben nicht nachgeben und sich nicht zermürben lassen. Offen bleibt aber, was Klose im nächsten Jahr machen wird, wenn er ohne Ablöse gehen kann. In der Mannschaft dürfte die Kunde von Kloses Verbleib nach monatelangem Zögern für Erleichterung sorgen: Spieler wie Diego, Borowski, Wiese oder Fritz beobachten genau, wie Werder sich auf seinem Weg verhält, nicht nur national, sondern auch international als deutsche Nummer zwei wahrgenommen zu werden – hinter dem FC Bayern. Im Falle Klose sind sie nun sogar vor dem FC Bayern gelandet.“
Keinen Gott neben mir
Lesch gibt an anderer Stelle zu bedenken: „So geräuschlos, wie die Bremer es gern hätten, werden sie die Rückkehr zum Alltag nach den Irrungen und Wirrungen der vergangenen Tage kaum gestalten können. Nach wie vor ist fraglich, ob Klose gegen Barcelona im Weserstadion nicht mindestens ein kräftiges Pfeifkonzert bevorsteht.“ Ralf Wiegand (SZ) stimmt ein und revidiert die Hinrundenchronik der Bremer: „Ob die Bremer Kundschaft diesen Kompromiß akzeptiert, der nach jetzigem Sachstand bedeutet, daß Klose 2008 ablösefrei nach München wechseln und somit ein Jahr lang als künftiger Bayern-Spieler im Werder-Trikot auflaufen wird, dürfte schon gegen Espanyol Barcelona zu prüfen sein. (…) Tatsächlich war es von Anfang an eine viel unruhigere Saison, als anhand der Leistungen Werders auf dem Platz zu ahnen gewesen ist. Im Mittelpunkt der Bremer Neidgesellschaft: der neue Spielmacher Diego. Der kleine Brasilianer war schon als Zögling Peles und Freund von Real Madrids Talent Robinho angekündigt worden und galt nach den ersten Auftritten sofort als kommender Superstar – in einem Team, in dem die raren Superstarplätze schon mit dem vom deutschen Sommermärchen berauschten WM-Torschützenkönig Klose und dem WM-Zweikampfkönig Frings besetzt waren. Kloses Umfeld soll sich schon früh in der Spielzeit über die egoistische Spielweise des neuen Ideengebers beklagt haben, der weniger auf ihn eingehe als früher der viel schneller abspielende Johan Micoud. Auch Frings mochte so ohne jede Gegenwehr keinen neuen Gott neben sich haben.“
taz: Der FC Bayern bedient sich verschiedener Medien, um gezielt Informationen zu streuen, die dann weder dementiert noch bestätigt werden, und fühlt sich pudelwohl in seiner Rolle als Global Player
SZ: Wie Ottmar Hitzfeld versucht, eine echte Hitzfeld-Mannschaft zu bauen
Mittwoch, 2. Mai 2007
Bundesliga
Werders stärkster Gegner: Werder selbst
Nach dem 2:3 in Bielefeld und den Querelen in der Mannschaft wendet sich die Presse von ihrem Liebling Werder Bremen ab
Matti Lieske (Berliner Zeitung) schildert de Enttäuschung, die Werder Bremen in wichtigen Spielen verursacht: „So schön der Bremer Fußball in dieser Saison phasenweise war, so kläglich geriet er in den wichtigsten Spielen: in der Champions League, im DFB-Pokal, im Uefa-Cup und fast immer, wenn in der Liga die Chance bestand, sich von den Konkurrenten abzusetzen. In Bielefeld erinnerte das fantasielose Spiel von Werder über weite Strecken fatal an Bayern München, ein Team, von dem man sich in der Hinrunde noch so wohltuend abgehoben hatte. (…) In Bielefeld zeigte nun die unwirsche Reaktion des gegen Espanyol gesperrten Torhüters Tim Wiese auf die Nominierung seines Vertreters Andreas Reinke, daß die eigene Person in Bremen derzeit wichtiger genommen wird als die Mannschaft.“
Ulrich Hartmann (SZ) legt die Schwachstellen im Bremer Gefüge bloß: „Miroslav Klose ist sich mit dem FC Bayern einig geworden, Torsten Frings scheint sich mit Juventus Turin ähnlich einig zu sein – und als wäre das nicht genug der destruktiven Ablenkung, muß sich Thomas Schaaf nun auch noch mit einem Torwartstreit herumplagen. Weil Wiese in Barcelona die Rote Karte gesehen hatte und für das Rückspiel gesperrt ist, wollte Schaaf auch in Bielefeld und ganz freiwillig lieber schon einmal Reinke Übungszeit gewähren. Doch das ging insofern schief, als Reinke vor dem entscheidenden Tor den Ball nicht festhalten konnte. Hinterher war das Geschrei groß, zumal sich Wiese kein bißchen zurückhielt. ‚Es ist scheiße, auf der Bank zu sitzen und zu verlieren‘, schimpfte er und wagte gar den Affront gegen den Trainer, als er sagte: ‚Keiner hat diese Entscheidung verstanden!‘ (…) Die schon so oft in dieser Saison für ihre Spielkultur gelobten Bremer leiden an der Zerbrechlichkeit ihrer Ästhetik und einer massiven Störung des inneren Gleichgewichts.“ Richard Leipold (FAZ) fügt hinzu: „Die Niederlage in Bielefeld könnte Werder mehr gekostet haben als drei Punkte. Einige Profis haben offenbar zu viel mit sich selbst zu tun. Plötzlich tritt ein Gegner auf den Plan, mit dem die Bremer nicht gerechnet haben: Werder selbst.“
SZ: Der FC Bayern hat sich mit Nationalstürmer Miroslav Klose über einen Wechsel geeinigt – mit dessen Verein Werder Bremen noch nicht
« spätere Artikel — frühere Artikel »