Mittwoch, 18. Oktober 2006
Ball und Buchstabe
Gewalttätiger Widerstand
Die deutsche Presse interpretiert die vermehrten Fouls gegen Torhüter als Festhalten an einer der letzten Bastionen englischer Fußballtradition; Jens Lehmann, der sehr schlechte Erfahrung mit Giovane Elber gemacht hat, fordert, die Torhüter zu schützen
Das also, Fouls und Rücksichtslosigkeiten gegen Tormänner, lassen sich die Briten nicht nehmen – Josef Kelnberger (SZ) vermutet, daß es dem Deutschen Jens Lehmann nicht gestattet ist, die Werte des englischen Fußballs zu ändern: „‘It’s a man’s game‘, sagen sie auf der Insel; zurzeit ist ihr Spiel wieder besonders männlich. Innerhalb von drei Wochen haben in der Premier League vier Torhüter beim Zusammenprall mit Stürmern schwere Kopfverletzungen erlitten. Die Stürmer blieben unversehrt, auch verschont von Schiedsrichtern und Kommentatoren, die solche Attacken nie als Absicht werten, höchstens als ‚clumsy‘. Ungeschickt. Ungeschickterweise nennt Lehmann solche Kommentatoren nun ‚dumm‘. Er mahnt mehr Schutz für Torhüter an und erinnert daran, daß die Männerdarsteller Frauen und Kinder haben, die keine Familienväter mit Stahlplatten im Kopf oder im Rollstuhl fahrend haben wollen. Das hätte er nicht tun sollen, der deutsche Kauz. Natürlich hat Lehmann recht. Jeder Stürmer verfügt über ein feines Gespür dafür, wann er den Ball erreichen kann und wann nicht. Immer kommt es darauf an, wieviel Rücksicht der Stürmer auf den Kopf voraus heranstürzenden Torwart nehmen will. Im Fall Cech war es: null. Aber vermutlich steht es kontinentaleuropäischen Legionären nicht zu, sich über englische Fußballsitten zu erregen.“ Bemerkenswert! Raphael Honigstein (Tsp) deutet die sich häufenden Fouls gegen Torhüter als Widerstand gegen die Europäisierung des englischen Fußballs: „Der englische Fußball will nicht schön sein. Das Spiel wird unter dem Einfluß der ausländischen Trainer und Spieler immer technischer und feiner, dagegen regt sich ab und an gewaltiger, nein: gewalttätiger Widerstand.“
Jens Lehmann weiß, wovon er redet, allerdings hat er diese – schlechte – Erfahrung in Deutschland gemacht. Im November 2002 spielte Borussia Dortmund in München, und Giovane Elber trat den liegenden Lehmann, damals im Dortmunder Tor, mit aller Kraft, Wucht und Absicht gegen den Kopf. Elber sah nur Gelb, Lehmann wurde im selben Spiel wegen Lappalien mit Gelb-Rot bestraft. Der Bayern-Clan spielte dieses Foul, eines der brutalsten der jüngeren deutschen Fußballgeschichte, als Mißgeschick herunter. Ottmar Hitzfeld beschönigte nach dem Spiel im Clinch mit BVB-Trainer Sammer die Aktion, sodaß man sich Sorgen um seinen Charakter machen muß. Die wenigsten Zeitungen erkannten das Schändliche an den Entscheidungen des Schiedsrichters Weiner (der auch noch den Dortmunder Frings vom Platz schickte und auf einige Brazzo-Rollen reinfiel); Macht und Einfluß der Bayern auf die Urteile der Journalisten waren damals wegen ihrer internationalen Erfolge größer als heute. Und: Lehmann war zu dieser Zeit in den Augen der Öffentlichkeit kein Titan, sondern ein Schnösel. Was hätte es für Schlagzeilen gegeben, wenn das seinem Gegenüber passiert wäre? Den Lehmann hingegen durfte man in München damals treten.
FR: Juventus ist nicht mehr Letzter der Serie B – achten Sie auf das Buffon-Zitat!
FAZ-Interview mit Markus Pröll, dem Torhüter Eintracht Frankfurts, über Elfmeter
Dienstag, 17. Oktober 2006
Vermischtes
Leserbrief: Unterstützer eines äußerst zweifelhaften Konzerns
Eine Leserzuschrift von Moritz Meyer aus Mainz zur Berichterstattung über den Gasprom-Deal von Schalke 04: „Mir ist etwas aufgefallen: In den Artikeln geht es meist um zwei Dinge: Entweder rühmt man Schalkes Cleverness, daß sich der Verein mit den russischen Millionen nun endlich schuldenfrei machen könne, oder man fürchtet sich davor, daß über Schalke nun ‚der Russe‘ in den deutschen Fußball einfällt. Dabei vermisse ich jedoch einen Aspekt, der bisher nur am Rande bis gar nicht thematisiert wird, nämlich daß Schalke nun zum Unterstützer eines äußerst zweifelhaften Konzerns wird. Der größte Energiekonzern der Welt hängt unzweifelhaft am Gängelband des Kremls, einer autoritären Regierung, die das eigene Volk desinformiert und Nachbarstaaten (Ukraine, Georgien, Tschetschenien) drangsaliert und terrorisiert. Gasprom ist dabei eines der wichtigsten Machtinstrumente, beherrscht man damit nicht nur den lebenswichtigen Energieexport an Nachbarländer, sondern auch die landesweiten Medien. Gasprom ist nebenbei nämlich auch der größte russische Medienkonzern. Viele Fernsehsender und Tageszeitungen gehören dazu und sichern Putin, dessen Regierung die Mehrheit an Gasprom hält, die Kontrolle über die öffentliche Meinung. Kritische Medien werden entweder geschlossen oder von Gasprom gekauft. Die Gleichschaltung der russischen Medien wird über Gasprom abgewickelt.
Schalke bietet diesem äußerst zweifelhaften Unternehmen nun die Chance, sich über den Fußball in ein positives Licht zu rücken. Gasprom selbst hat zugegeben, den Deal aus Image-Gründen eingefädelt zu haben. Bewußt setzt man auf die Identifikation mit der Bergarbeiterkultur des Ruhrgebiets. Die deutsche Öffentlichkeit soll damit von den eigentlichen Machenschaften des Konzerns abgelenkt werden, der sich nun als Retter eines maroden deutschen Traditionsklubs inszenieren will. Die Schalker Funktionäre spielen dieses Spiel nur zu gerne mit, wird ihr Blick doch von den Eurozeichen in den Augen getrübt. Anstatt sich nur um den Einfluß der russischen Millionen auf den deutschen Fußball zu sorgen, sollten sich die Kommentatoren vielleicht mal überlegen, was es für ein Schlaglicht auf den deutschen Fußball und die Berichterstattung wirft, wenn man einem Unternehmen wie Gasprom auch noch eine Bühne für sein schäbiges Spiel bieten, ohne hinter die Kulissen schauen zu wollen. Wahrscheinlich gilt die alte Maxime: Fußball und Politik gehören nicht zusammen.“
Tsp-Interview: Der Moskauer Philosoph Michail Ryklin über das System Putin und den Mord an Anna Politkowskaja
Zeit: Der russische Gasriese Gasprom wird aus dem Kreml gesteuert, seine Geschäfte bleiben undurchsichtig
FAZ: Russische Jagd auf Georgier
Internationaler Fußball
Preis der Großzügigkeit
Petr Cech, Chelseas Torhüter, ist durch ein Foul in einem Premier-League-Spiel so schwer verletzt worden, daß die Ärzte angeblich von Lebensgefahr gesprochen hätten. Wolfgang Hettfleisch (FR) führt diesen Fall auch auf die englische Auffassung von hartem Spiel zurück und rät uns Deutschen, deren Glorifizierung zu überdenken: „Man ist oft geneigt, das Laissez-faire der Unparteiischen auf der Insel als segensreich zu preisen, weil nicht alle naslang ein Pfiff das Spiel unterbricht. Doch die angelsächsische Großzügigkeit hat ihren Preis. Und der, den Cech bezahlt hat, ist entschieden zu hoch. Wollte Hunt den Schlußmann verletzen? Sicher nicht. Nahm er die Folgen seines unnötigen und leicht vermeidbaren Tacklings gegen den weitgehend schutzlos vor ihm liegenden Cech billigend in Kauf? Allerdings. Und er durfte sich durch die fortgesetzte Regelauslegung englischer Unparteiischer dazu ermutigt fühlen. Zu viele Pfiffe mögen ärgerlich sein, zu wenige sind gefährlich.“
FAZ: Schwere Kopfverletzung Petr Cechs
NZZ: Mourinho in Rage
Die Szene auf youtube
NZZ: Die Krise wandert von Inter zu Milan
NZZ: Don Bernardo Schuster zeigt Fabio Capello den Meister
Weltfußballer des Jahres: stern.de stellt die dreißig Nominierten in einem Voting vor
Ball und Buchstabe
In der Verantwortung
SZ: Sehr bemerkenswert! Das neueste Schurkenstück aus Italien: „Mit Hilfe neofaschistischer Tifosi, mittels massiver Drohungen und im Auftrag der Mafia wollte ein ehemaliger Spieler Lazio Rom kaufen“
Lars Spannagel (Tsp) kommentiert die lebenslange Sperre für den Schiedsrichter, der behauptet, er habe die antisemitischen Rufe im Kreisligaspiel in Altglienicke nicht gehört: „Viel wichtiger wäre ein Zeichen von Altglienicke selbst: Klare Aussagen und eine Entschuldigung bei Makkabi. Solange geschwiegen, gemauschelt und dementiert wird, gibt es keine gemeinsame Front gegen Rechts. Jedes Weggucken, jedes Schweigen unterstützt die Falschen. Das ist das Problem: Aus Angst vor Strafen wird lieber vertuscht, als offen um Hilfe gebeten. Bloß weil ein Schiedsrichter eine Pfeife hat, ist er nicht der Einzige, der Alarm schlagen kann. Auch Zuschauer, Spieler und Betreuer sind in der Verantwortung. Erst wenn das bei allen Beteiligten angekommen ist, hat das Urteil auch etwas bewirkt.“
Montag, 16. Oktober 2006
Am Grünen Tisch
Inhaltlich gibt es Nachholbedarf
DFB-Sportdirektor Matthias Sammer hat den Journalisten und dem DFB-Vorstand am Freitag sein neues Konzept vorgestellt und am Samstag im ZDF-Sportstudio ein paar angestrengt großen und meist dunkle Worte aufgeblasen. Die Presse reagiert mit Kritik an der Qualität und großem Zweifel an der Umsetzbarkeit
Jan Christian Müller (FR): „Sammer hat das Konzept nach FR-Informationen zuvor mehrfach überarbeiten müssen. Herausgekommen ist nun ein Leitfaden, der insgesamt nicht viel Neues beinhaltet und bis auf wenige Ausnahmen nichts Konkretes nennt. Offenbar ist Sammer in seiner halbjährigen Arbeit für den DFB gewahr geworden, daß seine Macht als Chefstratege für den Fußball von morgen und übermorgen dort an Grenzen stößt, wo sein Handlungsspielraum eigentlich beginnen müßte: bei den 21 Landesverbänden. Die organisieren den Nachwuchsfußball eigenverantwortlich, der Dachverband ist lediglich berechtigt, kluge Ratschläge zu geben. Ob sich die Landesverbandsbosse daran halten werden oder sich im Gegenteil unnötig bevormundet fühlen, ist derzeit noch ungewiß. In der DDR, wo Sammer aufgewachsen ist, war das anders, und man hörte, daß dem einstigen Auswahlspieler des Arbeiter- und Bauernstaates und Absolventen der Kinder- und Jugendsportschule in Dresden ein gutes Stück mehr Zentralismus in Gesamtdeutschland gut gefallen würde.“
Hat es Sinn, so viel Geld für diesen Posten auszugeben?, fragt Michael Ashelm (FAZ): „Enttäuscht müssen sich diejenigen sehen, die klare, detaillierte Veränderungsvorschläge für die sportliche Arbeit auf Verbandsebene erwartet haben. Es stellt sich die Frage, ob zur Verwaltung eines Status quo die Einrichtung einer derart hochdotierten Personalstelle überhaupt notwendig ist.“ Sammers große Ambition, den täglichen Sportunterricht durchzusetzen, findet zwar Zustimmung; eine realistische Hoffnung, daß sie wahr werden könnte, verbindet niemand damit. Ashelm prophezeit Scheitern: „Sein Ansinnen wird sicher nicht auf größere Kritik stoßen, doch gilt es hierfür die über Jahrzehnte eingefahrenen staatlichen Strukturen sowie den trägen Verwaltungsapparat aufzubrechen. Ein schier unmögliches Unterfangen, wie andere gescheiterte Reformvorhaben in diesem Land zeigen. Oder haben etwa die vielen besorgniserregenden Erkenntnisse aus der Pisa-Studie eine breitangelegte Bildungsoffensive in Gang gebracht?“ Müller stimmt zu: „Sammer hat einen Katalog zusammengestellt, der mitunter den Boden der ernüchternden gesamtdeutschen Realität verläßt.“
Angst vor Studierten, Abneigung gegen Bildung?
Intern jedoch drehe Sammer zu wenige Steine um, rügt Ashelm: „Einen weniger schwierigen Zugang könnte der Sportdirektor haben, wenn es um Änderungen im eigenen Verband ginge. Doch hier reichen bislang die Ankündigungen des früheren Weltklassespielers nicht aus, um nach der ersten, schmerzhaften Reformwelle unter Jürgen Klinsmann an einen anhaltenden Wandel zu glauben.“ Sein Fazit: „Damit die Arbeit des Sportdirektors nicht als technokratischer Flop endet, sondern Kraft und Bewegung erzeugt, müßte Sammers Projekt stärkere Konturen erhalten. Wie die Erfahrung Klinsmann gelehrt hat, geht es dabei auch um unpopuläre Maßnahmen, die anfänglich auf große Gegenwehr stoßen, aber dann doch greifen. Inhaltlich gibt es Nachholbedarf – verbal scheint der neue Sportdirektor schon auf der Höhe zu sein.“
Christoph Hickmann (SZ) nimmts locker: „Ein paar Filmchen gab es übrigens auch noch. Am Ende eines dieser Filme sagte ein Junge namens Michael, daß er bei der WM 2026 im Finale stehen wolle. Michael war noch ziemlich klein, es gab deshalb ein bißchen Gelächter. Aber Michael hat ja jetzt noch zwanzig Jahre Zeit, um in ein Nationaltrikot zu passen. Und so ähnlich sollte man das wohl auch bei Konzepten sehen.“ Warum sucht sich der DFB für einen solchen Job nicht jemanden mit Hochschulabschluß? Angst vor Studierten, Abneigung gegen Bildung?
taz: Antisemitismus-Prozeß: Das Gericht hat fahrlässig auf die abschreckende Dimension einer Strafe verzichtet
BLZ: Dieses Strafmaß ist nicht dazu geeignet, abschreckend zu wirken
Bundesliga
Frischer Wind
Der 7. Spieltag: Die Presse ergötzt sich an den vielen Toren und dem neuen Elan in Bremen, München, Stuttgart und anderen Orten / Lob den Hamburgern für ihre Treuebekundung zu Thomas Doll
35 Tore an einem einzigen Spieltag, Bremen entdeckt die Offensive wieder, jugendlicher Elan in Stuttgart, selbst die Bayern stürmen – leugnen hilft also nicht, schreiben Michael Horeni und Richard Leipold (FAZ) denjenigen Trainern (also Felix Magath) ins Stammbuch, die den Einfluß und die Einflußmöglichkeiten der Nationalmannschaft auf die Bundesliga bestreiten: „Kann die Liga tatsächlich nichts von Joachim Löw und von den Methoden seines Vorgängers Jürgen Klinsmann lernen und rein gar nicht vom neuen deutschen Elan profitieren? Ist es daher bloß ein Zufall, daß am siebten Spieltag auf einigen Plätzen des Landes endlich ein frischer Wind durch die edlen Arenen zu wehen schien – nach bisher arg enttäuschenden Wochen, in denen von Mut und internationalen Erfolgen bei den Vereinen fast nichts zu sehen war? Erste Zweifel am dauerhaften Fortbestand der fußballerischen Parallelwelten sind jedenfalls erlaubt, da die Klubs die Vorbildfunktion der Nationalelf mittlerweile immer weniger ignorieren können. Attraktiv und erfolgreich – diese zuschauerfreundliche Kombination läßt sich drei Monate nach dem Sommermärchen nicht mehr nur mit dem Sonderfall WM im eigenen Land erklären. Das Konzept funktioniert auch im scheinbar mühseligen Qualifikationsalltag. Diese locker und leichte Fortsetzungsgeschichte würde daher auch mancher Verantwortliche gerne im eigenen Verein verwirklicht sehen.“
Hamburger schwören Thomas Doll die Treue
Frank Hellmann (FR) hält der Beteuerung der Hamburger Offiziellen und Fans, Thomas Doll die Treue zu halten, entgegen: „In Wahrheit weiß niemand genau, ob der ein Jahr lang gefeierte Jung-Trainer überfordert ist oder der Klub nur eine schwere Episode im branchenübliche Auf und Ab erlebt. Fakt ist, daß der Coach Nerven zeigt und mitverantwortlich ist. Dafür, daß der HSV viel zu viel Fluktuation zuließ und nun einen überbezahlten Kader beschäftigt, der überschätzt wird. Daß Dolls neue Mannschaft noch keine Hierarchie hat, ist offensichtlich. Hinzu kommen personelle Fehleinschätzungen: Daß Joris Mathijsen seinen Landsmann Khalid Boulahrouz ersetzen kann, ist ein Irrglaube. Und daß David Jarolim künftig fast zwei Millionen Euro verdienen will und wird, ist Irrsinn. Beim HSV krankt es an vielen Stellen.“
Peter Heß (FAZ) findet die Ursache des Hamburger Stolperns hauptsächlich in der Transferpolitik: „Die Führung der Hamburger macht nach einem Denkfehler in der Transferpolitik in diesem Sommer aber im Herbst eines richtig – sie vertraut Trainer Doll, der seine Fähigkeiten über zwei Jahre bewiesen hat. Daß die Hamburger auf Rang 17 dümpeln, ist nicht dem Trainer anzulasten, sondern der Undiszipliniertheit der Spieler. Nach Jarolims Gelb-Roter Karte beendete der HSV das zwölfte Pflichtspiel dieser Saison zum sechsten Mal in Unterzahl. So fallen Siege unendlich schwer. Nach den personellen Umwälzungen des Sommers hätten es die Hamburger ohnehin schwer genug gehabt, in Tritt zu kommen. Für jeden einzelnen Transfer der Stammkräfte gab es Argumente, aber es wurde dabei außer acht gelassen, daß der Umbruch der Mannschaft in seiner Gesamtheit zu schnell und zu radikal erfolgt sein könnte. Vor allem, wenn viele die verbliebenen Führungsspieler noch von Verletzungspech betroffen sind.“
Karikatur einer Bundesligamannschaft
Richard Leipold (Tsp) beschreibt den 6:0-Sieg der Bremer in Bochum als ein Wettrennen zwischen Könnern und Stümpern: „Die Bremer hatten ihren Gegner beherrscht, wie es selbst bei Pokalspielen auf dem Dorf nicht immer gelingt. In der Leichtigkeit des Seins lag die einzige Schwierigkeit, die Werder zu bewältigen hatte. Im zweiten Durchgang zelebrierten die Bremer ihren Angriffsfußball auf mitreißende Art, so, wie es sonst nicht einmal im Training möglich ist – weil dort eine B-Mannschaft auf dem Platz steht, die mehr entgegenzusetzen hat als der VfL, der nur die Karikatur einer Bundesligamannschaft abgab. Die ersten Minuten nach der Pause ausgenommen, wirkten die Bochumer jederzeit wie Statisten, die bei der Produktion eines Lehrfilms nicht stören wollten.“ Ulrich Hartmann (SZ) hat von Herbert Grönemeyers Anwesenheit wohl Beflügelung erhofft, doch „die Bochumer spielten keinen Doppelpaß. Sie machten keinen Bremer naß.“
Spaß, Spannung Unterhaltung
4:2 gegen Hertha – Elisabeth Schlammerl (FAZ) empfiehlt den Bayern, ihre neue Aktivität beizubehalten: „Nicht nur allein taktisch, wie gegen Inter Mailand, hat die Mannschaft funktioniert, auch haben die Spieler offenbar endlich erkannt, daß sie mit Standfußball nicht weiterkommen, nie die große Sehnsucht nach Spaß und Unterhaltung erfüllen können. Die Zuschauer erlebten nicht nur ein großartiges, kurzweiliges Fußballspiel, sondern obendrein eine Partie, die bis zum Schluß spannend blieb und einen ganz großen Sieger hervorbrachte: Lukas Podolski war zwar nicht der Matchwinner, denn der Auftritt war in erster Linie einem offensichtlichen Sinneswandel der Mannschaft zuzuschreiben. Aber es war der glückliche Abschluß einer glänzenden Woche für den Nationalstürmer.“
Vorfahrt für die Jugend
Oliver Trust (FAZ) sieht den VfB Stuttgart, 3:0-Sieger gegen Leverkusen, an gute Tradition anknüpfen: „Die 35.000 Zuschauer zeigten Gefühle, die man in Stuttgart zuletzt bei der WM gesehen hatte und in der Ära Magath. Nun sitzt seit geraumer Zeit Armin Veh als Trainer auf der Bank. Seit den ersten Tagen sieht er sich einer ganzen Reihe von Nörglern ausgesetzt, die sich einen namhaften Trainer und damit wie selbstverständlich schnellen Erfolg wünschten. Veh hatte um Geduld geworben, oft vergeblich. Diesmal saß er mit einem Lächeln bei der Analyse. (…) Beim VfB von Veh hat die Jugend wieder Vorfahrt.“ Auch Bernd Dörries (SZ) betont die Einseitigkeit des Geschehens: „Der VfB Stuttgart zaubert sich zum ersten Heimsieg. Bei Bayer Leverkusen stellt sich die Frage, wie es diese Mannschaft geschafft hat, die nächste Runde des Uefa-Cups zu erreichen.“
taz: Borussia Mönchengladbach gewinnt auch das vierte Heimspiel der laufenden Saison. Jetzt soll das Team auch auswärts punkten. Trainer Jupp Heynckes tritt derweil auf die Euphoriebremse
taz: Hannover 96 versäumt, Eintracht Frankfurt den Fangschuß zu setzen – und läßt in der zweiten Halbzeit so sehr nach, daß wieder nur ein Punkt rausspringt
TspaS: Regionalligist Hoffenheim peilt die Bundesliga an – ab sofort mit Hockeytrainer Bernhard Peters
Samstag, 14. Oktober 2006
Bundesliga
Aktuelle Links
SZ: Der FC Bayern muß Millionen in sein Stadion stecken – der neue Münchner Fußballtempel kann sich finanziell nicht selbst tragen
FR: Kritik an Felix Magath von vielen Seiten, doch er verdrängt sie
BLZ: Magath, König der Ausreden
FR-Interview mit Frank Rost: „Schalke 04 hat nach außen ein so schlechtes Image, da fühlt man sich als Spieler oft allein gelassen“
FR: Hannovers Sehnsucht nach dem neuen Rangnick
FAZ-Interview mit Thomas Doll: „Natürlich hätte ich Khalid Boulahrouz gern behalten. Aber was soll man machen, wenn der Spieler Tag und Nacht beim Sportchef steht und sagt: ‚Wann kann ich endlich los?‘ Wir haben richtig gehandelt.“
taz: Der Fremdenhaß in deutschen Stadien ist nicht kleiner geworden, er sucht sich bloß neue Wege und Orte
Freitag, 13. Oktober 2006
Internationaler Fußball
Toter Mann
Christian Eichler (FAZ) kommt in Höchstform, wenn er Gram und Elend der Engländer, 0:2-Verlierer in Kroatien, in Worte fassen darf: „Wie fast immer, wenn die Engländer aus ihrem System geholt werden, wirken sie wie Brustschwimmer, die plötzlich kraulen sollen – und die am Ende aus Angst vor dem Untergehen nur noch toter Mann machen“, beschreibt er den gescheiterten Versuch des Trainers Steve McClaren, von Vierer- auf Dreier-Kette umzustellen. Die Ankündigung des Trainers vor dem Spiel persifliert er: „Wenn das Team tatsächlich in Zagreb seinen wahren Charakter und sein Bestes gezeigt hat, dann wird McClaren der Erich Ribbeck von England.“ Selbst im Vergleich mit seinem (am Ende ungeliebten) Vorgänger schneide McClaren derzeit schlecht ab: „Unter Eriksson hatte es vier Jahre gebraucht bis zur ersten ähnlichen Demütigung – 0:1 in Nordirland. Unter McClaren brauchte es nur vier Monate. Es stehen fünf Monate ohne Qualifikationsspiel bevor, bis zur Partie im März in Israel – genug Zeit für viel Unruhe, vielleicht gar einen Krisen-Winter. Nachdem der englische Verband eine Weltklasselösung für die Eriksson-Nachfolge versäumt und Interessenten wie Scolari oder Hiddink verprellt hatte, galt McClaren nicht mal unter den heimischen Kandidaten als erste Wahl.“ Eichlers Fazit: „England liebt das Leiden am eigenen Fußball. Doch selten gab es für dieses Nationalhobby solch guten Grund wie in Zagreb.“
FR: Für McClaren sind die Flitterwochen vorbei
Tsp-Bericht Wales–Tschechien (1:1)
NZZ-Bericht Polen–Portugal (2:1) und Spanien–Argentinien (2:1)
Deutsche Elf
Weltspitze
Glückseligkeit allerorten – die Sportpresse windet nach dem 4:1 in der Slowakei der deutschen Elf und ihrem Trainer Kränze. Nur die Ausschreitungen der deutschen Hooligans stimmt sie nachdenklich
Jörg Hanau (FR) schwärmt: „Das Sommermärchen des deutschen Fußballs scheint sich zu einer unendlichen Geschichte auszuweiten.“ Peter Heß (FAZ) singt in den höchsten Tönen: „Jede Warnung, demütig und vorsichtig zu bleiben, wirkt lächerlich nach dem Auftritt der deutschen Auswahl. Sie dominierte einen Gegner der gehobenen europäischen Mittelklasse in einer Art, die nur eine Wertung zuließ: absolute Weltspitze. Da diese Leistung nicht aus dem Nichts entstanden ist, sondern den Höhepunkt der stetigen Vorwärtsentwicklung der vergangenen Monate darstellt, gibt es keinen Grund zu fürchten, es handele sich um eine einmalige Darbietung. Joachim Löw kann ernten, was Jürgen Klinsmann mit ihm als Assistenten gesät hat.“
Stefan Hermanns (Tsp) spielt Löw gegen Klinsmann aus, ohne den Löw übrigens nie Bundestrainer geworden wäre: „Es ist bemerkenswert, mit welcher Selbstverständlichkeit die Nationalmannschaft inzwischen ihren Weg geht, und nichts illustriert den Fortschritt besser als der Vergleich mit dem Spiel in der Slowakei im September 2005. Wenn die Mannschaft so weitermacht, wird selbst die Ära Klinsmann, der das 0:2 in Bratislava vor einem Jahr zu verantworten hatte, als dunkles Mittelalter in die Geschichte des deutschen Fußballs eingehen. Löw hat das von Klinsmann initiierte Projekt nicht nur zum Dauerzustand gemacht. Er hat es auch vom Kopf auf die Füße gestellt.“ Heß gibt zu bedenken: „Es ist die letzte Qualität, die Löw noch nachweisen muß: ob er auch in schlechten Momenten die Festigkeit und Dickköpfigkeit besitzt, die Mannschaft zu leiten und seinen Weg weiterzugehen.“
Zauberhaft elegant
In Andreas Lesch (BLZ) hat Löw einen Fürsprecher im Dialog mit der Liga gefunden: „In ihrer derzeitigen Form könnte die Nationalmannschaft stilbildend für den deutschen Fußball wirken, aber dazu müßten die Vereine sich auch bilden lassen wollen. In der Vergangenheit sind viele Klubs hierzulande eher durch Mosereien aufgefallen, sie haben sich als Bewahrer ihrer überkommenen Arbeitsweise gegenüber dem Reformer Klinsmann positioniert. Spätestens jetzt sind sie zum Schweigen verdammt. Sie werden nicht auch Klinsmanns Nachfolger dafür kritisieren können, daß er die Nationalspieler demnächst wieder einmal zum Fitnesstest bittet – zumal Löw deutlich diplomatischer als Klinsmann agiert und die Klubs besser einbindet. Wer sich einem so erfolgreichen Bundestrainer wie Löw, seinen Wünschen, Methoden und Ideen ernsthaft entgegenstellt, der läuft Gefahr, sich lächerlich zu machen.“
Volk ohne Raumdeckung grenzt die Mannschaft von allem Übel ab: „Es ist lange her, daß eine Auswahlmannschaft des postfaschistischen Deutschland so zauberhaft eleganten, coolen, modernen Fußball gespielt hat. Eigentlich müßte man wegen der nazideutschen Hooldeppen das Spiel 4:0 für die Slowakei werten und Deutschland von der EM ausschließen, aber von diesen sportpolitischen Grundsatzerwägungen mal abgesehen – das, was auf dem Rasen geschah, war toll.“
Beschämendes Publikum
Philipp Selldorf (SZ) verweist auf die prügelnde Horde im Fanblock und meint, daß diese Elf ein besseres Publikum verdient hätte: „Die deutsche Mannschaft hat inzwischen einen verläßlichen, zukunftsfähigen Grad von Stabilität erreicht, sie hat eine Spielkultur entwickelt, die nicht mehr wie bei der WM auf Euphorie beruht, sondern auf eigenständiger Qualität. Schade, daß der Polizeiknüppel durchsetzen mußte, daß dieses gute Spiel zum Ende kam. (…) Niemand will ein solches Publikum haben. Verhindern läßt es sich aber offenbar nicht, daß diese Leute im Gefolge der Auslandsauftritte die deutschen Gäste beschämen. Mit diesem Phänomen muß sich der Fußball buchstäblich herumschlagen, und es ist kein Trost, daß dieses Problem nicht nur in Deutschland existiert.“
Die Einzelkritik kennt fast nur Sieger. Über Lukas Podolski heißt es in der FAZ: „Von wegen Krise. Zeigte es den Kritikern mit seinem vierten Doppelpack. Immer anspielbar und mit großem Laufpensum.“ Jens Lehmann hingegen schreibt sie hinter die Ohren: „Schwächstes Länderspiel als Nummer 1. Ungewohnter Fehlgriff beim ersten Gegentor unter Löw. Wirkte nachlässig.“ Clemens Fritz attestiert die SZ: „Agierte sehr diszipliniert und bereits erstaunlich souverän. Fand stets die Balance zwischen Offensive und Defensive und scheint die Lösung der Zukunft auf der bisherigen Problemposition des rechten Außenverteidigers zu sein.“ Auch Arne Friedrich erhält gute Zensuren: „Wurde der Aufgabe als Abwehrchef diesmal absolut gerecht. Sehr aufmerksam und mit souveränem Stellungsspiel“ (FAZ). Und die SZ vergibt Miroslav Klose gute Kopfnoten: „Sollte beim FC Bayern nach einer Prämie für die freundlichen Dienste fragen, die er Podolski erweist. Legte ihm zwei Tore auf und bemühte sich auch sonst immer wieder, seinen Sturmpartner in Szene zu setzen. Wirkte selbst nicht so spritzig wie so oft bei Werder Bremen. Dennoch wichtigster deutscher Stürmer.“
taz: Die deutsche Mannschaft trat noch kompakter und forscher auf als in der Sommermärchenzeit. Kompakt und forsch waren leider auch gewaltbereite Fans
NZZ: Das neue Ballgefühl – Deutschland entdeckt den Nutzen des Kombinationsspiels
Tsp: Kommentar zum Verhalten des DFB und der Mannschaft gegenüber den Hooligans
BLZ: Hooligans beschäftigen Polizei und Wissenschaftler
BLZ: Im Prozeß um die antisemitischen Pöbeleien gegen TuS Makkabi geht es um mehr als um Fußball
FAZ-Interview: Forscher Gunter Pilz über Schwulenfeindlichkeit und Sexismus unter Fußballfans
Tsp: Ergebnis einer Studie: Pilz sagt, Hooliganismus sei ein Auslaufmodell
SpOn: Fan-Studie: Rassismus vorwiegend in unteren Ligen
Donnerstag, 12. Oktober 2006
Deutsche Elf
Vielleicht doch weitsichtig
Kritik an Joachim Löw durch die Presse und manche Spieler der U21 wegen der Nominierung Piotr Trochowskis
Joachim Löw gerät bei der Presse und bei manchen Spielern der U21 in die Kritik, weil er Piotr Trochowski für die A-Elf nominiert hat, wodurch er der U21 in den entscheidenden Qualifikationsspielen fehlte. Klaus Hoeltzenbein (SZ) mißbilligt Löws Verordnung und verurteilt Matthias Sammers Kopfnicken: „Die wichtigste Entscheidung für den DFB-Nachwuchs seit Jahren, findet ohne den Regisseur statt. Da sollte, denkt man, ein pfiffiger Plan dahinter stecken, kann doch gar nicht anders sein, beim DFB, bei dessen Sportdirektor Sammer, bei Bundestrainer Löw, alle erklärt und zweifelsfrei Anwälte der Jugend. Viele abstrakte Schreibtisch-Konzepte belegen das; am konkreten Beispiel aber ist nun alles schief gelaufen. Die begabteste deutsche Generation seit 1982 hat keine Perspektive mehr, darf nicht zur EM und nicht zu Olympia 2008 nach Peking. Und genau dort, wo Trochowski immer dirigierte, klaffte gegen England das große, das kreative Loch. Warum mußte Trochowski im Test der A-Elf gegen Georgien debütieren, warum fehlte er der U21 in England? Trainer sind rätselhaft, sie müssen so sein. Man darf sie gar nicht immer begreifen, aber diese Personalie hätte man nur allzu gerne verstanden.“ Vielleicht war es einfach so, daß Löw die Spiele gegen Georgien und die Slowakei gewinnen wollte …
Andreas Lesch (BLZ) hingegen gewährt Löw das Recht, die besten Spieler zu nominieren: „Die Debatte um den Fall Trochowski ist ein gutes Zeichen. Sie beweist, daß es hierzulande wieder Talente gibt, über die zu reden sich lohnt. In den deutschen Fußball ist endlich Bewegung gekommen. Löw, noch neu im Amt, hat mit Trochowskis Beförderung angedeutet, daß er ein Machtmensch sein kann; er hat sich intern wie extern positioniert. Aber seine Entscheidung ist mehr als ein Muskelspiel. Sie zeigt: Löw glaubt an die Jugend, er will sein A-Team weiter erneuern, er will Trägheit nach dem WM-Erfolg verhindern. Heute mag diese Entscheidung kurzsichtig wirken. Falls sie doch weitsichtig ist, zeigt sich das erst in ein paar Jahren.“ Über die fragwürdige Nichtnominierung Per Mertesackers liest man übrigens fast nichts, nur eine Kritik am Spieler in der Bild-Zeitung.
BLZ: Kritik an Löw und Sammer wegen der Trochowski-Nominierung und Rassismusvorwurf gegen die deutsche U21 nach dem 0:2 gegen England
Tsp: U21-Spiel – Trashtalk oder Rassismus?
Morgen Pressestimmen zum 4:1-Sieg der Deutschen in der Slowakei
NZZ-Bericht Kroatien–England (2:0)
NZZ-Bericht Georgien–Italien (1:3)
NZZ-Bericht Österreich–Schweiz (2:1)
Mittwoch, 11. Oktober 2006
Ball und Buchstabe
Ein echter Test, nicht nur für Jogi Löw
Der DFB fürchtet Ausschreitungen von Deutschen in Bratislava, und Stefan Tillmann (Tsp) gibt das allgemeine Gewaltproblem zu bedenken: „Deutschland hat nach wie vor ein ernstes Problem mit Hooligans und Neonazis, die nicht immer zur selben Gruppe gehören. Zwar spielen die Randalierer in den Bundesligastadien kaum noch eine Rolle. Dafür wächst die Gewalt in den unteren Ligen. Auch gewalttätige Auftritte bei Auswärtsspielen der Nationalmannschaft sind bei den Hooligans beliebt. Die Behörden wissen das und versuchen, die deutschen Hooligans vom Stadion fernzuhalten. So muß sich heute zeigen, ob Fußball und Staat in der Lage sind, das Hooligan-Problem zu beherrschen. Das heutige Spiel ist ein echter Test. Nicht nur für Joachim Löw.“
NZZ: Die Gewalt ist nicht verschwunden – deutsche Fußballer reisen nach Bratislava und viele Rechtsextremisten mit ihnen
taz: Theo Zwanziger kämpft gegen Rassismus in den Arenen – das wird auch Zeit
Bundesliga
Mit wenig Kredit und auf Bewährung
Bemerkenswert! Elisabeth Schlammerl (FAS) hört zwischen den Zeilen Hoeneß‘, Rummenigges und Beckenbauers und geht der Frage auf den Grund, warum Felix Magath in München so wenig Kredit zu haben scheint: „Die Diskussion, in deren Mittelpunkt Magath steht, werden nicht nur von außen geschürt, sondern auch intern angefacht, weil die geballte Fußball-Kompetenz an der Spitze des deutschen Rekordmeisters hier und da gerne ein paar Sätze fallenläßt, die viel Interpretationsspielraum erlauben. Die kritischen Töne betreffen zwar in erster Linie die Mannschaft, aber natürlich gelten sie auch immer dem Trainer als Sportlichem Leiter. Offen wurde nie über die Zweifel geredet, aber es gab und gibt kleine Indizien, die darauf schließen lassen, daß Magath in dieser Saison auf Bewährung trainiert.“ Vier (nationale) Titel in den ersten zwei Jahren – das sollte doch eigentlich den Rücken eines Trainers stärken. Doch der Vereinsführung würde der Erfolg und die Hoffnung auf Erfolg in der Champions League fehlen: „Es gibt offensichtlich seit der vergangenen Saison in der Chefetage Bedenken, ob Magath den FC Bayern wie einst Ottmar Hitzfeld an Europas Spitze führen kann. Damals, 1999 und 2001, war die Mannschaft auch nicht mit den besten Spielern der Welt bestückt, aber eben ausgestattet mit enormem Siegeswillen und gutem Teamgeist, was derzeit ein wenig vermißt wird.“
Außerdem erfülle Magaths Fußball nicht das Bedürfnis der Münchner Ästheten: „Die Ansprüche gehen über das Titeldenken hinaus. Vorstand und Fans wollen mehr, als jedes Jahr mit ergebnisorientiertem Minimalismus das nationale Maximum zu erreichen. Sie wollen ein Spektakel erleben.“ Schlammerl erinnert jedoch an die Vereinsvergangenheit: „An dieser Vorgabe sind die Trainer in München reihenweise gescheitert. Eigentlich alle, selbst unter Beckenbauer war der Erfolg das Wichtigste und Spektakuläres höchst selten.“ Allerdings trage Magath eine Teilschuld an seinem Status: „Seine Aussagen nach nicht besonders guten Spielen klangen bisher oft nach Alibi und Schönfärberei.“
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