Mittwoch, 20. September 2006
Ascheplatz
Fortsetzung: Gefahr, daß die echten Werte des Sports ausgehöhlt werden
Ich möchte Resultate in zehn, nicht in dreißig Jahren sehen
In der NZZ liest man einen kenntnisreichen Hintergrundbericht über Rußlands Oligarchen (allerdings ohne Fußballbezug): „Die russischen ‚Oligarchen‘ sind an ihrem schlechten Image nicht ganz unschuldig. Manche verdanken ihren Reichtum den – durch Korruption gesicherten – guten Beziehungen zu Funktionären. Viele führten den Kampf um lukrative Vermögenswerte mit sehr harten Bandagen; bei einigen Auseinandersetzungen floß gar Blut. Zudem haben einige ihren Reichtum nicht durch Sanierung heruntergewirtschafteter Betriebe erworben, sondern dadurch, daß sie Bestehendes rücksichtslos ausschlachteten. Viele entwickelten eine Meisterschaft darin, mißverständliche oder widersprüchliche Gesetze schamlos zum eigenen Vorteil auszunutzen; und einige ’schwarze Schafe‘ handelten schlicht kriminell.“ Weiter heißt es: „Die Mehrheit der russischen Bevölkerung steht den Oligarchen sehr kritisch gegenüber und zweifelt an der Rechtmäßigkeit des schnell erworbenen Reichtums. Dabei ist natürlich richtig, daß in entwickelten Marktwirtschaften Unternehmer selten so schnell reich werden. In Russland jedoch war dies in der turbulenten Wendezeit möglich, weil Preise und Knappheitssignale durch die sowjetische Mißwirtschaft völlig verzerrt waren.“
Zugleich ist der Text ein Portrait Wiktor Wekselbergs, des Rechte-Inhabers des argentinischen Nationalteaas. In einem Interview sagt er der NZZ: „Rußland muß offen und transparent sein und sich in die Weltwirtschaft integrieren. Zusammenschlüsse innerhalb Rußlands, die eine starke Stellung auf dem nationalen Markt sichern, können als Zwischenschritt sinnvoll sein, aber nicht als Endziel. Kurzfristig könnte man natürlich versuchen, von Monopolstellungen zu profitieren, aber das ist ein Umweg und nicht meine Priorität. Ich bin sicher, daß sich die russische Wirtschaft früher oder später in die Weltwirtschaft integrieren wird, daher bin ich für internationale Zusammenschlüsse, die die globale Position des Unternehmens stärken. Ich bin nicht mehr so jung und möchte reale Resultate in zehn, nicht in dreißig Jahren sehen.“
NZZ: Was kostet Argentinien?
Königsblaue Traumwelt?
Richard Leipold (FAS) macht das Licht in Schalkes Keller an. Mit Argwohn beurteilt er die dortigen riskanten Finanzpraktiken: „Nicht nur notorische Schwarzseher werten es als ungewöhnlich, daß der Klub sich in der vergangenen Saison bei den Unternehmern Clemens Tönnies und Karl-Heinz Beul, die beide im Aufsichtsrat sitzen, insgesamt rund acht Millionen Euro geborgt hat, um die Liquidität zu sichern. Als die Darlehen bekannt wurden, kündigte der Vorstand an, die Kredite in diesem Sommer zurückzuführen, sobald die Uefa die Prämien aus der Champions League ausgeschüttet habe. Inzwischen gilt eine andere Lösung als wahrscheinlich. Statt ihr Geld zurückzubekommen, sollen die beiden Gläubiger mit Anteilen an der Stadionbesitzgesellschaft abgefunden werden, an der Schalke 04 derzeit 58 Prozent hält.“ Kritiker würden in Schalke zu Miesmachern erklärt: „Zufrieden mit sich und der Welt, sehen die Verantwortlichen nur außerhalb ihrer Trutzburg Störfaktoren, die das autosuggestiv gesteuerte Wohlbefinden beeinträchtigen: naßforsche Staatsanwälte, mißtrauische Journalisten und, als Ergebnis vermeintlicher Kampagnen, ungeduldige Fans, die manchmal sogar pfeifen.“
Der warnende Vergleich mit dem Nachbarn Borussia Dortmund liegt Leipold nahe, von der Vereinsführung werde er jedoch zurückgewiesen: „Ist die kreditfinanzierte königsblaue Traumwelt am Ende doch mit einem hohen, gar überhöhten Risiko behaftet? Die Verantwortlichen begegnen dieser Frage mit dem Hinweis auf die Werte, die sie geschaffen hätten. Dieses Argument fordert einen Blick in die Nachbarschaft heraus. Zeitweise vom Gigantismus getrieben, hatten auch die Dortmunder Fußballkaufleute eine Spitzenmannschaft aufgebaut und dazu das größte Stadion Deutschlands. Dennoch entging der BVB nur knapp der Insolvenz. Derlei Ähnlichkeiten seien in den Augen der Schalker Verantwortlichen rein zufällig.“
Wir standen einen Millimeter vor der Insolvenz
In einem FAZ-Interview blickt der viel gelobte Dortmunder Sanierer Hans-Joachim Waske zurück auf seine Zeit als BVB-Schatzmeister, in der die damalige Vereinsführung seine Mahnungen in den Wind schoß: „Ich habe immer wieder gesagt, der Zug fährt in die falsche Richtung – und war deswegen zwischendurch ziemlich einsam in den Gremien, da seinerzeit die deutliche Mehrheit auf seiten der damaligen Geschäftsführung war. Auch das persönliche Verhältnis zu Herrn Niebaum und Herrn Meier wurde zunehmend schlechter. Als ich 2001 Schatzmeister bei Borussia Dortmund wurde, dachte ich noch mit Stolz, hier wäre die Welt in Ordnung. Nach eineinhalb Jahren als Schatzmeister und ohne den ganz großen Einblick in die Arbeit der Geschäftsführung habe ich gemerkt, daß wir durchgreifend rote Zahlen schreiben. Das war für mich ein Kulturschock. Heute ist unsere finanzielle Basis überschaubar und absolut seriös finanziert. Wir werden in diesem Geschäftsjahr schwarze Zahlen schreiben, da bin ich mir zu hundert Prozent sicher. Jeder, der bei Borussia Dortmund Geld investiert, soll aber wissen, daß wir damit sehr behutsam und mit Augenmaß umgehen.“ Fazit: „Wir standen einen Millimeter vor der Insolvenz.“
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Ascheplatz
Gefahr, daß die echten Werte des Sports ausgehöhlt werden
Korruption, Mißwirtschaft, Betrug, Turbokapitalismus – die schlechten Nachrichten im europäischen Fußball häufen sich. Mittlerweile ruft die Uefa sogar die EU um Hilfe, die prompt ihre Sorgen in einer langen Empfehlungsliste ausdrückt. Eine Sammlung von Nachrichten aus England, Belgien, Polen, Frankreich, Italien, Rußland, Schalke und Dortmund
Wettskandale, Spielmanipulationen, Geldwäsche, Menschenhandel, freund- und weniger freundliche Übernahmen – der europäische Fußball ist vom Zugriff des Turbokapitalismus bedroht. Die Verantwortlichen sind aufgeschreckt; Michael Ashelm (FAS) meldet den Hilferuf des Uefa-Präsidenten Lennart Johansson nach der EU und mehr Regulation des Vereinsfußballs: „Die Fußballbranche fürchtet, die Kontrolle über ihr eigenes Geschäftsfeld zu verlieren. Das Milliardengeschäft entwickelt sich immer mehr zum Zielgebiet der organisierten Kriminalität. Nicht nur, daß die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht und den Wettbewerb ändert. Der moderne Fußball muß sich hinter seiner glamourösen Fassade mit dubiosen Beziehungsgeflechten, schmutzigem Geld, Menschenhandel oder Spielmanipulationen auseinandersetzen.“
Vertreter des deutschen Profifußballs, die sich wegen der relativ transparenten Besitzstruktur ihrer Vereine von dem Lamento nur bedingt angesprochen fühlen, hoffen nun auf das große Aufräumen und darauf, daß über ihre Herzensangelegenheit geredet wird: die Gewährleistung der Wettbewerbsspannung durch Zentralvermarktung der kommerziellen Vermarktungsrechte und, womöglich, die Beschränkung der Spielergehälter – Regeln, wie sie etwa im US-Sport üblich sind, was zu einer vergleichsweise starken Homogenität seiner Ligen führt. Doch G14-Vertreter Karl-Heinz Rummenigge, der auch gern mal den „Sozialismus“ im deutschen Klubfußball geißelt, äußert mit Blick auf die internationale Konkurrenz Bedenken: „Im Fußball gibt es keine einheitliche Linie. Es herrscht ein großer Egoismus.“
Ashelm erwähnt auch die Analyse, die die EU auf Initiative Tony Blairs angefertigt hat. Darin wird gewarnt: „Kriminalität im Umfeld des Fußballs, einschließlich Geldwäsche und Handel mit jungen Spielern; Rassismus und Fremdenfeindlichkeit beim Fußball; Glücksspiel und insbesondere dessen Auswirkungen in Form von Ergebnisabsprachen, Korruption und illegalen Wetten; sowie Sicherheit in Fußballstadien. Die eingehende Beschäftigung mit diesen Fragen hat – leider – gezeigt, daß es mit dem Sport und vor allem mit dem Fußball nicht zum Besten steht.“ Der Bericht erstellt eine Liste von Empfehlungen, unter anderem mehr Transparenz in der Vereinsführung, einheitliche und strenge Klublizenzierung, zentrale Vermarktung von Fernsehgeld (eine Überraschung, führen die Wettbewerbshüter der EU gewöhnlich das Kartellrecht gegen die Zentralvermarktung an), Liberalisierung des Wettmarkts, ein Wett-Frühwarnsystem und eine enge Anbindung der Uefa an EU-Institutionen. „Wenn wir unserer Verantwortung nicht nachkommen“, heißt es weiter, „besteht die Gefahr, daß die echten Werte des Sports ausgehöhlt werden und in der Öffentlichkeit die Unzufriedenheit gegenüber der ’schönsten Nebensache der Welt‘ zunimmt.“ Der Text schließt mit der unmißverständlichen und sorgenvollen Forderung: „Es ist Zeit zu handeln.“
Die EU-Analyse im (englischen) Original als pdf
und eine Zusammenfassung auf Deutsch (pdf)
Italien ist ein Magma aus Sport, Medien und Politik
Mit Guido Rossi, dem Sanierer, ist die Hoffnung auf eine Reinigung des italienischen Fußballs verschwunden. Man hat ihn zum Rücktritt gedrängt, weil er zum Chef von Telecom Italia berufen worden ist. Oliver Meiler (BLZ) klärt auf: „Es heißt, er steckt im Interessenkonflikt, weil Telecom Hauptsponsor der Serie A ist. Hintergrund ist aber wohl: Rossi hat sich mit seiner harten Linie nicht beliebt gemacht.“ Peter Hartmann (NZZ) bedauert diese Entscheidung: „Gegen dieses unausrottbare Weiter-so-Denken, gegen die Mentalität berechnender Selbstgerechtigkeit des Milieus kämpfte auch der hochkarätige Aufräumer Rossi wie Don Quijote. Die Empörung über die Manipulatoren am liebsten Spielzeug des Italieners ist verdampft. Dem italienischen Fußball droht ein Rückfall ins institutionelle Chaos. “ Paul Kreiner (StZ) fügt zynisch an: „Der aufgeregte Calcio kann endlich zum Normalbetrieb zurückkehren. So, als wäre nichts gewesen. Der Skandal ist damit beendet, so, als hätte es ihn nie gegeben.“
In der SZ wird Rossi folgend zitiert: „Wäre ich erkältet, würden sie sagen, meine Bazillen könnten den Fußball infizieren. Die Telecom kam ihnen als Vorwand nur allzu passend.“ Und weiter: „Nichts ist passiert. Diesen Fußball kann man nicht reformieren. Hinter den Sonntagsreden gab es nie eine wirkliche Absicht, etwas zu ändern.“ Sein Fazit lautet resignierend: „Das Geflecht aus Politik, Fußball und Medien sei stärker als der Gordische Knoten.“ Der NZZ sagt er: „Italien ist ein einziges Magma aus der Welt des Sports, der Medien und der Politik, unüberwindbar und resistent gegen jeden Einfluß. Und natürlich mit der Deckung der Regierung.“
Tsp: Nach dem Rücktritt von Guido Rossi gibt es im italienischen Fußball kein Interesse an Aufklärung
Beklagenswerter Zustand
Christian Eichler (FAZ) berichtet von einer Initiative des belgischen Sportministeriums, der dem Fußball wieder die Stellung verschaffen wolle, die er in Belgien noch vor kurzem hatte. Den Fußballfunktionären traue er, der Minister, dies nicht zu. Eichler schreibt: „Der Fußball befindet sich in einem beklagenswerten Zustand. Die belgische Liga wurde in der letzten Saison von einem Bestechungsskandal erschüttert, in dem eine chinesische Wettmafia mit dem ganzen Instrumentarium ihrer Branche (Bestechung, Einschüchterung, Erpressung mit Sex-Videos) Einfluß auf Ergebnisse nahm.“
SZ: Polens Fußball: erfolglos, korrupt und im Griff der Wettmafia
Welt: Korruptionsskandal im englischen Fußball (laut BBC)?
Guardian: BBC to name names in bung investigation
FR: Geldwäsche bei MSI, dem Partner West Ham Uniteds?
FR: Tempel des Unheils – über das Bau-Chaos in Wembley
4-4-2.ch: Die Staatsanwaltschaft nimmt Transfers Paris St. Germains von 1988 bis 2003 unter die Lupe
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Dienstag, 19. September 2006
Internationaler Fußball
Leicht schlapp
Fundstücke: Ballack kriegt Rot / Wenger auf den Spuren Oscar Wildes / Sevillanischer Fußball in neuer Blüte?
Christian Eichler (FAZ): „Es ist eine kuriose Wendung, daß Ballack in 232 Bundesligaspielen nie vom Platz mußte, dafür in der Premier League aber nur drei Einsätze brauchte – und daß umgekehrt Jens Lehmann, der mit fünf Platzverweisen in 129 Bundesligaspielen als wandelnder Vulkan galt, in seinen 108 Spielen in der Premier League ohne Ausschluß blieb und gar zum Ruhepol seiner Mannschaft wurde.“
SZ: Rote Karte für Ballack
Im Bericht über den 1:0-Sieg Arsenals in Old Trafford freut sich Hanspeter Künzler (NZZ) über eine Pointe Arsène Wengers gegen Chelsea: „Auf die Frage, ob Arsenal künftig auch ‚unschöne‘ Spiele in Kauf nehmen wolle, um zu Punkten zu kommen, entgegnete Wenger mit der Eleganz eines Oscar Wilde, wahrhaft große Klubs brauchten keine unschönen Spiele.“ Die Erklärung des Unterlegenen läßt Künzler hingegen nicht gelten: „Sir Alex nahm das Resultat ungewohnt friedlich hin. Seine Mannschaft sei halt der vielen Spiele wegen leicht schlapp gewesen. So früh in der Saison hat man diese lahme Ausrede noch nie gehört.“
Triangulationen
Georg Bucher (NZZ) würde es begrüßen, wenn sich aus dem ungewohnt qualitätsreichen Stadtderby, das der FC 3:2 gewinnt, ein Aufblühen des sevillanischen Fußballs ableiten ließe: „Dramatisch, torreich wie zuletzt in der Saison 1990/91 und überwiegend fair war die Partie verlaufen; auch im Umfeld blieb es von einigen Zwischenfällen abgesehen ruhig: ein positiver Ausreißer. Denn weniger sportliche Faktoren als Ausschreitungen schrieben in den letzten Jahren Derby-Geschichte. Die spielerische Qualität wurde durch übertriebenen Einsatz verdrängt, was den Anhang beider Seiten zusätzlich in Rage brachte. Weder versöhnliche Diskurse der Klubverantwortlichen noch ein Heer an Sicherheitskräften vermochten die Kontrolle der Gemüter zu gewährleisten. Das Derby karikierte den andalusischen Fußball, der etwas Besonderes in Spanien darstellt. Unter hohen Temperaturen hat sich eine ökonomischere Spielweise als anderswo etabliert; Technik geht vor, Triangulationen und kurze Pässe halten den läuferischen Aufwand in Grenzen.“ David Odonkor ist übrigens für Betis eingewechselt worden und erhält von der NZZ ein Lob. Andreas Hinkel ist für den FC auf der Bank sitzen geblieben.
Die NZZ stellt vor dem Spitzenspiel „Hysterie bei Inter und Gelassenheit in der Roma“ fest: „neue Bescheidenheit gegen alten Dünkel. Kreativität gegen Verschwendung“.
Am Grünen Tisch
Fußballfürst in halblegalen und illegalen Rollen
Jens Weinreich fordert angesichts ihrer Dribblings die Auswechslung Jack Warners, den Kartenverkäufer, und Manndeckung für Theo Zwanziger, den Rechnungsfärber
Die Indizien, die den Fifa-Vizepräsidenten Jack Warner belasten, sich durch Verkauf von WM-Tickets unterm Tisch massiv bereichert zu haben, sind durch die Analyse von Ernst & Young so aussagestark wie nie (siehe indirekter freistoss vom 13. September). Doch das Fifa-Exekutivkomitee, das sich zu einer Sitzung in Zürich getroffen hat, beläßt ihn im Amt, ihn, dem Jens Weinreich (Berliner Zeitung) ungeschminkt „Korruption und klassischen Amtsmißbrauch“ vorwirft. Weinreich kritisiert die Fifa wegen der Vergebung Warners und verweist kopfschüttelnd auf den Umfang dessen Delikte: „Die Sittenwächter des Weltfußballs haben wieder beeindruckende Arbeit verrichtet. Zwar liegen gegen Warner Beweise vor, die seine ausufernden Nebengeschäfte – und die seiner Familie – mit WM-Tickets beschreiben. Alles in allem erhärtet sich der Verdacht, daß Warners Sippe eine zweistellige Millionensumme verdient hat an der WM 2006: als Zwischenhändler, als Schwarzhändler, als Ticketverkäufer sowie in anderen legalen, halblegalen und illegalen Rollen. Doch Warner sitzt weiter fest im Sattel.“
Populär ist die Behauptung, Fifa-Präsident Joseph Blatter protegiere Warner, weil er, Blatter, bei seiner Wiederwahl im nächsten Jahr auf die Unterstützung Warners angewiesen sei. Weinreich, der Initiator des sportnetzwerks, einer Vereinigung kritischer Sportjournalisten, schreibt: „Warner zählt zu Blatters wichtigsten Stimmenbeschaffern.“ Thomas Kistner (SZ), Weinreichs Bruder im Geiste, hingegen widerspricht: „Blatter kann 2007 auf den obskuren Fußballfürsten aus der Karibik verzichten, wenn ihn der Fifa-Kongreß im Amt bestätigen soll; dann wird es ja keinen Gegenkandidaten geben. Der Thron ist Blatter auch ohne Warners 35-Voten-Paket gewiß.“ Weinreichs zweite Begründung klingt daher plausibler: „Warner weiß zu viel, und er hat nicht nur einmal damit gedroht, auszupacken, sollte es ihm an den Kragen gehen. Also kommt er auch diesmal ungeschoren davon.“ Die ach so hohe Moral könne die Fifa nur durch eine Ausflucht aufrechterhalten: „Das Exekutivkomitee ließ sich eine spektakulär-dialektische Begründung einfallen: Die Ethik-Regeln, gerade mit viel Tamtam verabschiedet, sind nur auf künftige Fälle anwendbar.“
Nordkoreanische Jubelmeldung in trostlosen Zeiten
Theo Zwanziger, dem neuen ganzen DFB-Präsidenten, wirft Weinreich „ein sinistres PR-Manöver“ vor: von wegen, die WM schreibe schwarze Zahlen, wie Zwanziger behauptet, der mit 135 Millionen Euro Überschuß angibt. Weinreich ergänzt Zwanzigers einseitige Rechnung, indem er ihm erstens die Subventionen der öffentlichen Hand entgegenhält, zweitens das Sponsoring der Deutschen Bahn und Oddsets und drittens die Zinsen, die sich durch das kritisierte Ticketing ergeben haben: „Der Trick ist simpel: Zwanziger redet lediglich über den reinen Organisationsetat, der ursprünglich 430 Millionen Euro betragen haben soll (der Konjunktiv ist angebracht) und in den schon verkappte Subventionen eingeflossen sind, über die nicht gern gesprochen wird: etwa der Einstieg von halbstaatlichen Firmen als nationale Sponsoren oder die vielen quasi zinslosen Darlehen glücklicher Gewinner der Ticketlotterie, die viele Monate vor dem Turnier zahlen mußten. Milliardeninvestitionen wie der Stadionbau (873 Millionen Euro aus öffentlichen Kassen), Infrastrukturmaßnahmen rund um die Stadien (über 600 Millionen), die horrenden Sicherheitskosten (im WM-Etat tauchen lediglich die Posten für Ordnungspersonal auf), um nur einige zu nennen, werden in der Rechnung nicht erfaßt.“ Weinreich verweist auf ein anderes Beispiel: „Das IOC ist wenigstens so ehrlich, bei der Austragung von Olympischen Spielen zwischen dem reinen Organisationsetat (in der Regel etwa zwei Milliarden Dollar) und dem Infrastrukturetat (ein Mehrfaches des Organisationsetats) zu unterscheiden. Fifa, DFB und die deutsche Politik weigern sich, außer dem Etat des OK eine zweite, ehrliche Rechnung aufzumachen.“
Weinreich schält das Rosa heraus, das durch die Meldung von „gutgläubigen“ Agenturjournalisten auf viele Zeitungsseiten geraten ist: „Das liest sich schön, verkauft sich als hübsche Jubelmeldung in trostlosen Zeiten bestens. Indes haben Zwanzigers Behauptungen mit der Wirklichkeit so viel zu tun, wie Nordkorea mit einem demokratischen Gemeinwesen. (…) Niemand sollte sich täuschen lassen: Eine saubere Kosten-Nutzen-Analyse der WM existiert bis heute nicht. Das ist merkwürdig in einem Land, in dem der Fiskus von jedem Kleinunternehmer jährlich eine präzise Einnahmen-Ausgaben-Rechnung verlangt – und bei unpünktlicher Abgabe gern horrende Verspätungszuschläge erhebt.“ Der Schluß seiner Klage, in die er auch die ARD wegen ihrer Liebschaft mit Jan Ullrich einbezieht, liest sich wie ein Kommentar zur Wahl in Mecklenburg-Vorpommern: „Dieses Land [also Deutschland, if], das ja keine Bananenrepublik sein will, macht es seinen Bürgern verdammt schwer, sich nicht abzuwenden und in Politikverdrossenheit zu verfallen. Die üblichen Verdächtigen, die mit etwas Macht ausgestattet sind, tragen alltäglich dazu bei, den Verdruß eines immer größer werdenden Teils der Bevölkerung zu steigern.“
Bundesliga
Vertrauensverlust
Die Diskussion um eine Indiskretion in Schalke und die Nichtnominierung Gerald Asamoahs verdrängt die Tabellenführung des Schalke-Bezwingers Hertha / Euphorie in Frankfurt
„Schalke 04, Hort der Denunziation?“, fragt die SZ plakativ. Fußballdeutschland diskutiert über Schalker Indiskretionen, also über Gerald Asamoah, dem niemand das zutraut, wofür die Vereinsführung ihn straft: die Drohung, dem Trainer öffentlich Ärger zu machen, wenn er ihn, Asamoah, nicht aufstellt. Doch in die Kritik geraten stattdessen Trainer und Manager, denen die Presse vorwirft, aus der Mücke einen Elefanten zu machen; im Verdacht, an den Strippen zu ziehen, steht Spielerberater Roger Wittmann, der einige Schalker Spieler als Kunden betreut, darunter Asamoahs Sturmrivalen Halil Altintop, der die „Schweigepflicht“ gebrochen haben soll. Der Financial Times entnehmen wir, daß es zwei Versionen gebe: „Die eine beschreibt die Kette über Altintop zu Lincoln, der den Inhalt an Kapitän Bordon weiterleitete, der wiederum beim Trainer vorstellig wurde. Ein anderer Ansatz zieht die Linie von Altintop zu Wittmann, der den Manager informierte.“
Philipp Selldorf (SZ) verteidigt Asamoah und kritisiert die Klubführung: „Nicht die Äußerungen Asamoahs sind Kern des Problems, sondern der Umgang mit ihnen und die von Manager Müller und Trainer Slomka zu verantwortenden Folgewirkungen für die Firma Schalke 04. Ein Zwiegespräch wird zu einem öffentlichen Vorgang erklärt und zum Anlaß einer demonstrativen Strafaktion durch die sportliche Leitung. Als Grundlage der Ermittlungen gegen Asamoah dienen Hörensagen-Berichte von Mannschaftskollegen und Hinweise aus Altintops Berateragentur Rogon, die acht Spieler in Schalke vertritt – darunter drei Fünftel des Mannschaftsrates. Dieser Vorgang ist definitiv nicht team- sondern zwietrachtbildend, und er schärft auch nicht die Autorität des Managers und des Trainers. Er schafft bloß Vertrauensverlust.“
Felix Meininghaus (FTD) kennt die alte „Schalker Wunde“: „Eigentlich gilt der vertrauliche Umgang mit Inhalt der Kabinengespräche unter Fußballern als Selbstverständlichkeit. Daß immer wieder gegen diesen Ehrenkodex verstoßen wird, ist eines der Schalker Grundübel der letzten Jahre.“ Zudem deutet Meininghaus an, was es für Schalke bedeuten könnte, wenn Wittmann hinter der Sache stecken würde, indem er das Beispiel Kaiserslautern ins Gedächtnis ruft: „Es würde ein Besorgnis erregendes Bild vom Machtgefüge auf Schalke ergeben. Wittmann, der mit Rogon wichtige Schalker Akteure wie Altintop, Kuranyi, Lincoln, Bordon und Ernst zu seinen Klienten zählt, hatte einst in Kaiserslautern Politik gemacht – was dem heutigen Zweitligisten nicht gut bekommen ist.“ Javier Cáceres (SZ) befaßt sich mit den wirtschaftlichen Folgen: „Nun muß das Millionen-Unternehmen Schalke fürchten, daß sich eine ursprünglich auf Kindergartenniveau abspielende ‚Affäre‘ aufgrund miserabler Verwaltung zu einer ernsten Geschäftskrise ausweitet.“ Über diese Sache wird sicher noch zu lesen sein.
Ein Lokalkolorit, den sonst kein Verein aufweisen kann
Michael Reinsch (FAZ) führt die Berliner Tabellenführung auf eine neue Offensive zurück: „Während der Weltmeisterschaft war Berlin mit seinen Spielen, mit seiner Fanmeile, mit seinen Fernsehstudios und mit dem Finale Mittelpunkt der Welt gewesen. Als wollten sie den Schwung der Nationalmannschaft im Olympiastadion behalten, setzen Hoeneß und Götz in dieser Saison auf zwei Stürmer.“ Süffisant daran ist die Behauptung, Trainer u n d Manager seien an dieser taktischen Entscheidung beteiligt; eigentlich ist das ja Trainersache. Der Hintergrund dieser Randbemerkung: In den Medien kursiert seit Jahren das Gerücht, Dieter Hoeneß diktiere seinen Trainern gerne mal in die Aufstellung.
Wo sind die Frösche hin? Cáceres notiert seinen Gefallen über die neue politische Kultur im Hertha-Block: „Der Wille, das Spiel gewinnen zu wollen, war bei den Berlinern weit erkennbarer als bei den Schalkern. Ebenso bemerkenswert: das Publikum. Als in der Halbzeit die Wahlübertragung eingeblendet wurde und die Hochrechnungen der Landtagswahlen aufschienen, wurden die Resultate aus Berlin interessiert, aber zurückhaltend verfolgt. Der Einzug der Nazis ins Parlament in Mecklenburg-Vorpommern hingegen wurde mit wütenden Pfiffen der 60.000 quittiert. Kein Fußbreit den Faschisten – bei Hertha BSC. Darauf wäre man vor ein paar Jahren auch nicht auf Anhieb gekommen.“
Matthias Wolf (FAS) stellt die Berliner Nachwuchsschule als vorbildlich und fruchtbar dar: „Ehrgeizige Jugendprojekte gibt es viele in Deutschland. Aber oft wird gut ausgebildet – und dann spielt doch der erfahrene Ausländer. In Berlin ist derzeit eine andere Tendenz sichtbar: 34 Herthaner waren vergangene Saison in den diversen DFB-Junioren-Teams im Einsatz. Seit dem Jahr 2000 hat Hertha 14 Spieler aus der eigenen Jugendakademie zu Erstliga-Einsätzen gebracht. Aktuell stehen 15 Spieler im Alter unter dreiundzwanzig Jahren im Kader. 10 Kicker sind waschechte Berliner – ein Lokalkolorit, den sonst kein Verein aufweisen kann.“
BLZ: Die Tabellenführung von Hertha BSC ist in erster Linie ein Zeugnis der schwächelnden Konkurrenz
Spielertrainer
Tobias Rabe (FAZ) weiß nicht so genau, was er von der Frankfurter Euphorie nach dem 3:1 über Leverkusen halten soll: „Bei so viel Begeisterung auf Seiten der Verantwortlichen und Spieler stellt sich fast die Frage, wie erfolgreich die Frankfurter spielen werden, wenn erst wieder die Verletzten und Gesperrten zurückkehren.“ Tobias Schächter (SZ) zählt 35 Ringe in Sergej Barbarez‘ Baumstamm: „Ihm liegt ein Angebot seines Verbandes vor, Spielertrainer der Nationalmannschaft zu werden. Das will er zwar nicht annehmen, dabei agiert Barbarez bereits wie ein Spielertrainer: wild gestikulierend, die Mitspieler anstachelnd, immer wieder in starken Momenten Klasse zeigend; doch sein Alter kann Barbarez nicht kaschieren.“
stern.de: „Das Post-Klinsmann-Syndrom“ – die Schwäche der Branchenführer als Folge der WM
NZZ: Hannover 96, Hort der Desperados, mit zarten Anzeichen von Besserung
SpOn: „Alemannia scheint auf dem Weg, die Nachfolge der Spaßclubs Freiburg und Mainz anzutreten. Aber am Tivoli ist alles anders. Aachen ist ein Traditionsclub mit einem einzigen verläßlichen Begleiter: der Tragödie“
Bild bemerkt: „Englischer Humor? Im Sender SKY News lief die Meldung vom Beinbruch bei Owen Hargreaves unter der Überschrift ‚Breaking News‘.“
Montag, 18. September 2006
Ball und Buchstabe
Die schönste Zeit ihres Lebens
Fundstücke: Gefühlsechtheit beim WM-Finale der Fußball-WM für Menschen mit geistiger Behinderung / Bemerkenswert: Degradierter Hockey-Torwart Christian Schulte wehrt sich gegen Oliver-Kahn-Vergleich: „Für mich kam es nicht so rüber, daß er die Mannschaft unterstützt hat“ / Kardinal Lehmann macht sich große Sorgen um Söldnertum im Fußball
Alex Westhoff (FAZ) schildert seine Ergriffenheit und sein Gerührtsein über die Gefühlsechtheit der Finalisten der Fußball-WM für Menschen mit geistiger Behinderung: „Die ganze Wucht der Gefühlswelt, die Sieg und Niederlage im Sport auslösen können, vermischte sich mit der famosen Stimmung auf den Rängen zu einem bunten Cocktail, der niemand kaltlassen konnte. Wo sonst auf ihre Öffentlichkeitswirksamkeit bedachte Profisportler zu Werke gehen, zeigten die behinderten Sportler mit ihrer Hingabe für das Spiel und ihrer reinen, ungeschminkten Freude und Trauer nach Schlußpfiff großes Gefühlskino.“ Bedauernd vermutet Westhoff, daß sich in ein paar Wochen wohl niemand mehr an die Protagonisten dieser WM erinnern werde: „Es gehört nicht viel dazu, sich auszumalen, wie schnell sich der Alltag der behinderten Sportler nach ihrem geglückten WM-Auftritt im eigenen Land wieder bemächtigen wird. Die prägenden Erlebnisse und Erfahrungen dieser drei Wochen vor großem Publikum werden für alle Akteure unwiederbringlich, vielleicht sogar die schönste Zeit ihres Lebens gewesen sein. Das Konservierungsmittel wider das Vergessen muß in der heutigen, von Großereignis zu Großereignis hetzenden Sportwelt wohl erst noch erfunden werden.“
Thomas Hahn (SZ) erläutert den Sinn dieses Turniers: „Man wird nie endgültig feststellen können, ob diese WM die Integration mehr befördert oder ob sie ihr mehr geschadet hat. Klar ist nur, daß so eine WM nicht alle Tiefen ihres Themas ausleuchten kann. Dazu sind die Probleme zu pikant und vielschichtig, die Menschen mit geistiger Behinderung ertragen müssen oder auch selbst hervorbringen. Und nun? Soll es keine Fußball-WM für Menschen mit geistiger Behinderung mehr geben? Soll niemand mehr darüber berichten und ihr zuschauen? Das wäre die Kapitulation vor einem Ereignis, das Licht in einen sehr stillen Winkel der Gesellschaft wirft. Manche Schulklasse und manchen Beobachter haben die Spiele zur Diskussion inspiriert. Damit ist schon viel erreicht. Erst recht, wenn bei dieser WM der ein oder andere verstanden hat, daß es Felder im Leben gibt, auf denen das Merkwürdige tatsächlich normal ist.“
Der deutsche Trainer Willi Breuer verrät der FAZ eine Situation, in der er mit seiner Fassung gerungen habe: „Spontan fällt mir ein WM-Testspiel ein. Unser Ahmet Demir war schon in der ersten Halbzeit total platt und wollte ausgewechselt werden. Er hatte in den Wochen zuvor zu Hause nicht trainiert und war noch in der Nacht vor der Partie aus der Sportschule ausgebüchst. Ich nahm ihn trotz seiner Bitten nicht vom Platz. Erst in der zweiten Halbzeit habe ich ihn dann ausgewechselt. Weil er nicht mehr konnte. Und was macht der Junge? Er legt sich auf die Ersatzbank und schläft ein. Da habe ich zu meinem Co-Trainer gesagt: Mach du mal weiter, ich brauche eine kurze Auszeit.“ Breuer bestätigt eine Anekdote, auf die ihn die FAZ kichernd anspricht, wonach er einem Stürmer, der mit Ball auf den Torhüter zulief, zugerufen haben soll „Spiel ihn aus!“ – und der Spieler den Ball ins Seitenaus spielte: „Das ist tatsächlich bei der EM 2003 passiert. Ich hätte es anders ausdrücken müssen. Für jeden anderen Fußballer wäre die Anweisung eindeutig gewesen. Aber meinem Spieler hätte ich sagen sollen: ‚Spiel den Torwart aus!‘ Das ist wie bei Kindern. Die verstehen vieles wortwörtlich.“
taz: Die Fußball-WM der Menschen mit Behinderung stößt auf breites Medieninteresse, Schülerhorden säumen die Stadiontribünen. Doch vielen Behindertensportlern fällt es schwer, damit umzugehen
Ein bißchen im Mittelkreis herumspaziert
Hockey-Torwart Christian Schulte, der kurz vor der WM von Bernhard Peters überraschend zur Nummer 2 degradiert worden ist, wehrt sich im Tagesspiegel gegen den Vergleich mit Oliver Kahn; als Grund führt er eine Beobachtung eines WM-Spiels im Juni an: „Kahn ist kein Vorbild für mich. Er hat während des Spiels in die Luft geguckt, an der Ehrenrunde hat er sich erst nach Aufforderung beteiligt, und dann ist er auch nur ein bißchen im Mittelkreis herumspaziert“, sagt Schulte. „Für mich kam es nicht so rüber, daß er die Mannschaft unterstützt hat.“
SZ: Wie gut war die deutsche WM-Elf wirklich? Umfrage bei einer internationalen Trainertagung
Kartelle des Schweigens
Kardinal Lehmann macht sich in der SZ große Sorgen um die Entwicklung des Fußballs: „Ich sehe die Entwicklung zum Söldnertum mit Traurigkeit und auch manchmal mit Entsetzen. Es ist für alle Beteiligten ein Stück Verführung zur Unmenschlichkeit. Und auch die Verführung, sich selbst und diese Werte zu überschätzen. Irgendwo gibt es doch eine Form von Menschenhandel, auch wenn man das so nicht sagen wird. Man kauft Leute, verkauft sie wieder, wie man es gerade braucht. Noch grotesker, menschenunwürdiger finde ich den Umgang mit Trainern. Wenn man sie auswechselt wie schlechtes Werkzeug, regelrecht wegschmeißt, Sündenböcke sucht. Und dann soll alles wieder gut sein oder werden? Welcher Aberglaube!“ Zur Doping-Debatte sagt er: „Beim Thema Doping ärgert mich schon lange, daß viele Leute im Sport, auch unter den Sportjournalisten, wissen: Es geht nicht alles mit rechten Dingen zu. Da gibt es falsche Verbrüderungen, Kartelle des Schweigens. Wir müssen dazu über das Gesagte hinaus etwas zur Klärung beitragen. Für die gröbsten Verstöße müssen Dopinggesetze da sein, es muß eine verläßliche Ordnung geben. Manchmal frage ich mich allerdings auch: Weiß immer jeder Athlet, was ihm durch Medikamente oder im Essen beigemischt wird?“
11 Freunde/Tagesspiegel: Wie die Fans von Austria Salzburg ihren Verein verloren und in der Kreisklasse wiederfanden
ndr.de: Jan Ullrich und die ARD (Video, Zapp)
wdr.de: Vom Fußball-Hoch zum Doping-Tief (Video, Hart aber fair)
taz: Hannover 96 streicht sein neues Stadionmagazin
bildblog: Bild ignoriert DSF
SZ: Eine Buchempfehlung – die Gosse Bild-Zeitung
Ball und Buchstabe
Ende des langjährigen Selbstbetrugs
Die Presse ist angewidert von den rassistischen Schmähungen im Aachener Stadion
Der traurige Schluß der Stuttgarter Zeitung lautet: „Der Rassismus lebt, leider, er ist existent in deutschen Stadien.“ Man dachte, dieses Problem wäre aus westdeutschen Stadien verbannt, doch Aachener Fans haben den dunkelhäutigen Mönchengladbacher Kahé mehrfach mit Rufen beleidigt. Die Schmähungen gegen Gerald Asamoah vor einer Woche in Rostock hat die Presse zwar ebenso angewidert zur Kenntnis genommen, überrascht ist sie nicht gewesen angesichts der bekannten Fremdenfeindlichkeit in Teilen des ostdeutschen Fußballs. Der Aachener Rassismus nun widerspricht dem Bild, das viele Redaktionen vor der Saison von der angeblichen Sympathiehochburg gemalt haben, wobei sie auch immer die Gewalt gegen Wolfgang Wolf, damals Trainer von Nürnberg, vergaßen, der sich vor drei Jahren bei einem Wurf aus dem Aachener Block verletzte. Ein noch schlechteres Gedächtnis scheint Arena zu haben, Kommentator Frank Buschman hat seinen Live-Bericht vom Tivoli am Samstag mit einem Tschüs „aus dem Epizentrum der Glückseligkeit Aachen“ beendet. Im Umgang mit heiklen Themen hat der neue Bundesliga-Sender anscheinend noch Nachhilfeunterricht nötig. Oder liegt es schlicht daran, daß man die Ware, die einem rund eine Viertelmilliarde im Jahr wert ist, nicht madig macht?
Wolfgang Hettfleisch (FR) fühlt sich zwanzig Jahre zurückversetzt und klopft Schiedsrichter Michael Weiner auf die Schulter, der über die Stadiondurchsage mit Spielabbruch gedroht hat: „Das widerliche Gebrüll einiger Unbelehrbarer in Rostock und Aachen zeigt: So leicht lassen sich Intoleranz, Chauvinismus und völkische Gesinnung nicht aus den Fanblöcken vertreiben, wo sie einst in den 70er und 80er Jahren, etwa in Dortmund und Berlin, einen bedenklich fruchtbaren Nährboden gefunden hatten. Mag sein, daß die jüngsten Schmähungen nicht Ausdruck eines fest gefügten Weltbilds derjenigen sind, die sie inszenieren oder in sie einstimmen. Das macht die Sache aber weder erträglicher noch harmloser. Weiner hat das begriffen und mit seinem beherzten Vorgehen ein Zeichen gesetzt: Keinen Schritt weiter! Künftig sollten alle Referees seinem Beispiel folgen.“
Christoph Biermann (SZ) findet Trost in den neuen, strengeren Anti-Rassismus-Regeln des DFB und in der Politik Theo Zwanzigers: „Die Vereine können sich nicht mehr aus der Verantwortung stehlen. Sie werden sich mit rassistischen Fans auseinandersetzen müssen, denn diese schaden ihnen fortan nicht nur ideell, sondern sportlich und finanziell. Diese erfreuliche Wende hat einerseits mit dem Engagement der Fifa zu tun, die seine Mitgliedsverbände im Kampf gegen den Rassismus verstärkt in die Pflicht nimmt. Zugleich zeigt es, daß sich der DFB unter dem neuen Präsidenten Zwanziger deutlicher als je zuvor zu seiner politischen Verantwortung bekennt. Insofern bedeutet dieses Wochenende das Ende des langjährigen Selbstbetrugs, daß der Fußball unpolitisch sei.“
Bundesliga
Fortsetzung: Die Großen Drei haben noch keinen Plan für die neue Saison
Der Club ist kein Depp mehr
Volker Kreisl (SZ) empfiehlt den Clubberern, sich von der Tabelle nicht verrückt und gribblgrumm machen zu lassen: „Der Club, so scheint es, ist kein Depp mehr. Das Image vom Deppen hatte sich dieser Verein über Jahre hinweg hart erarbeitet mit Eigentoren, Skandalen und perfekt organisierten Saisonabschlußfesten, die keiner feiern wollte, weil man kurz zuvor abgestiegen war. Entscheidende Gegentore hatte der 1. FC Nürnberg meist zwischen der 88. und 93. Minute kassiert, weshalb früher jeder Nürnberger tief durchgeatmet hätte, wenn der Schiedsrichter beim Stande von 1:1 gegen den VfL Bochum in der 90. Minute pünktlich und ohne Nachspielzeit abgepfiffen hätte. Ein Punkt gegen den Tabellenletzten muß man erst mal holen! Heute ist das anders, heute pfeift Schiedsrichter Manuel Gräfe nach 90 Minuten und 0 Sekunden ab, das ganze Stadion protestiert, und Nürnbergs Betreuer schütteln heftig den Kopf. In zwei Minuten hätte man den Sieg locker noch geschafft!“ Einer optimistischen Prognose stehe nicht viel im Weg: „Entscheidend wird sein, ob sie das Selbstbewußtsein dieses Sommers in den Spätherbst mitnehmen kann, wenn die Nürnberger gegen schwere Gegner antreten müssen. Eigentlich kann das nicht so schwer sein. Die Abwehr ist jung, aber wißbegierig, das Mittelfeld ist solide, der Sturm fast sogar überbesetzt. Und wenn der Anhang noch aufhört, die Tabellenführung zum Maßstab zu nehmen, dann bleibt es vielleicht für immer dabei: Der Club ist kein Depp mehr.“
Steinzeitfußball
Cottbus besiegt Mainz 2:0, die Fußballästheten verlieren den Glauben. Markus Völker (taz) reibt sich den Schlaf aus den Augen: „Das Spiel gehörte zu den schlechtesten der Bundesligageschichte. Jedem Fußballästheten drehte es den Magen um. Für die Zuschauer war das Treiben kaum spannender als den Spreewälder Gurken beim Wachsen zuzusehen.“ Javier Cáceres (SZ) vermißt Poesie: „Wie gegen den Hamburger SV waren die Cottbuser wiederum mit Kelle, Spaten und Spitzhacke auf den Platz gegangen, hatten auf Ballbesitz weitgehend verzichtet und stattdessen die Partie auf dem Amboß weich geprügelt, immer dem Ethos der Arbeit huldigend.“ Matthias Wolf (BLZ) kann die Marschrute des Trainers verstehen; lieben kann er sie nicht: „Das war eine Spielform, wie sie die Bundesliga vielleicht in dieser ausgeprägten Destruktivität noch nicht erlebt hat. Auch nicht in der Kampfbahn mit dem euphemistischen Namen Stadion der Freundschaft. Im Grunde müßte sich Petrik Sander nicht rechtfertigen, er macht das Beste aus den schlechtesten Rahmenbedingungen aller Erstligisten. Aber Steinzeitfußball mit so wenig Verwöhnaroma ist nicht jedermanns Sache, was ein Grund dafür sein könnte, daß nur 13.000 Fans zuschauen wollten.“
Der Fan ist eine Macht in Aachen
Peter Heß (FAZ) kommentiert das Zustandekommen des 4:2-Erfolgs Aachens gegen Mönchengladbach: „Michael Frontzeck tat gut daran, seinen Anteil am hymnisch gefeierten Triumph herunterzuspielen. Zum einen, weil er gerade mal vier Tage mit der Mannschaft arbeiten konnte, bevor es um Punkte ging. In dieser Frist gelingt es nicht mal dem besten Trainer der Welt, den Spielern seine Stempel aufzudrücken. Zum anderen war es eine jener Fußballbegegnungen, in denen die Macht des Zufalls viel stärker wirkte als das taktische oder psychologische Geschick des Chefbetreuers. (…) Ob die Klasse des Teams ausreicht, wenn Schiedsrichter und Gegner nicht freundlich Pate stehen? Auf den Heimvorteil kann die Alemannia auf jeden Fall setzen – selbst wenn sich die Gegner von der Kulisse nicht so einschüchtern lassen sollten wie die Gladbacher. Die 20.800 Fans sitzen und stehen so eng am Spielfeld, daß es kein Aachener Profi wagen wird, mit halber Kraft zu spielen. Wer möchte sich schon nachsagen lassen, daß der Zuschauer mehr Leidenschaft entwickelt als er? Der Fan ist eine Macht in Aachen.“
taz: Michael Frontzeck kennt keine Gnade: Bei seinem Trainerdebüt schickt er seinen Ex-Club mit einer bitteren Niederlage nach Hause
„Wir haben Brdaric und ihr nicht!“ Diesen Sprechchor, den Hannover-Fans nach dem 2:1 den Wolfsburg-Fans ins Gesicht klatschten, hätte Peter Unfried (taz) in seinem Leben nicht erwartet: „Wer hätte gedacht, daß der Tag kommen würde, an dem man jemanden damit neidisch machen kann?“
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Bundesliga
Die Großen Drei haben noch keinen Plan für die neue Saison
Pressestimmen zum 4. Spieltag: Alle Champions-League-Teilnehmer verlieren, Folge der WM und des Verlust an Führungsspielern / Die Bielefelder kämpfen mehr und besser als die Bayern / Schlecht spielen und gewinnen – das können die Bremer nicht / Thomas Doll sucht nach einer Therapie für seine kranken Hamburger / Der Club ist kein Depp mehr / Sieger Cottbus, Tiefpunkt der Fußball-Ästhetik u.v.m.
Alle drei Champions-League-Teilnehmer verlieren – Christian Eichler (FAZ) findet zum ersten in der WM einen Grund für die Erschöpfung der Großen: „Wenn es einen äußeren Grund gibt für die Ausfallerscheinungen, dann ist es nicht die Champions League. Sondern die WM, die ihre zehrenden Spätwirkungen zu zeigen scheint: mit Verletzungen wie bei Klose oder Hargreaves, mit einem Mangel an Frische und Freude wie bei Podolski. Mancher Star wirkt, als sei er vom großen WM-Kino noch nicht wieder im kleinen Fernseh-Spiel der Liga angekommen.“ Die Welt stimmt zu: „Die WM und ihre einzigartigen Erlebnisse haben aber auch psychische Wirkung gezeigt. Polizisten machten am Mannschaftsbus die Welle. Zehntausende belagerten bis in die Nacht das Hotel. Ein ganzes Volk war Fan. Und nun? Pokal beim FK Pirmasens.“
Zum zweiten sei, laut Eichler, der Verlust der wichtigsten Spieler Ursache der Hamburger, Bremer und Münchner Schwäche: „Noch mehr hat die Schwankungsbreite mit den personellen Änderungen zu tun. Bayern mit Ballack, Bremen mit Micoud und Hamburg mit Barbarez verloren jenen Typus Spieler, der das Spiel, den Stil, die innere Verfassung eines Teams prägt. Es sind die Autoritäten am Ball, die von Mitspielern im Zustand der Verunsicherung gesucht werden – jene vielbeschworenen ‚Führungsspieler‘, die Stress aus einem Team absorbieren, weil sie Ball und Initiative anziehen. Sie sind der Magnet im inneren Kraftfeld einer Elf. Wenn solche Spieler gehen, brauchen Teams oft lange, ihre Gravitation neu zu tarieren. Es ist noch nicht stabil, das neue Kraftfeld der Top-Teams – und damit der ganzen Bundesliga.“
Weniger vorhersehbar, weniger langweilig, weniger Beckmann
Volk ohne Raumdeckung vermißt die Freude über die neue Hierarchielosigkeit der Bundesliga: „Reinhold Beckmann, Ahnungslosester der Ahnungslosen nannte in der Sportschau die Tabelle ‚durchwachsen‘, weil der Erste nur zwei Siege und zwei Unentschieden auf dem Konto hatte. Der Anfang der Saison läßt hoffen, daß diesmal vieles anders sein wird, weniger vorhersehbar, weniger langweilig, weniger Beckmann.“ Die FAZ fügt hinzu: „Es sieht aus, als habe von den großen drei der letzten Saison noch keiner einen Plan für die neue.“
Lücken
Roland Zorn (FAZ) beschreibt den Hergang der Münchner Niederlage in Bielefeld: „Vier Tage nach ihrem überzeugenden Einstand in die neue Champions-League-Spielzeit hatten einige der Münchner Meisterprofis den untauglichen Versuch unternommen, mit halbherzigem Spätsommerfußball irgendwie über die Runden zu kommen. Das aber klappte nicht gegen ein Team, das den Kampf gegen die eigenen Selbstzweifel, die sich nach dem Pokal-Aus in Pfullendorf massiv verstärkt hatten, überzeugend gewann.“
Mathias Klappenbach (Tsp) fügt an: „Es sieht so aus, als ob dem FC Bayern in der Neufindungsphase gerade ein Teil seiner selbstverständlichen Souveränität verloren geht.“ Philipp Selldorf (SZ) ergänzt: „Selten hat man eine so ungenau strukturierte Bayern-Mannschaft erlebt.“ Die Welt gibt den Bayern-Stürmern schlechte Noten: „Neben der nicht geschlossen Lücke, die Ballack im Mittelfeld hinterläßt, sind die Angreifer das Hauptproblem. Vier gibt es, gefährlich ist derzeit keiner. Lukas Podolski findet sich in der neuen Welt noch nicht zurecht. Claudio Pizarro ist unkonstant wie eh und je. Roque Santa Cruz reift nur an Jahren, nicht an Können. Und der einstige Superstar Roy Makaay darf nicht mal mehr den Joker geben.“ RundBlog hält Podolski für überbewertet: „Wen man für zehn Millionen alles hätte kaufen können. Horrorvorstellung: Hoeneß mit Allofs‘ Händchen.“
Seifenoper
Schlecht spielen und gewinnen – diese Fähigkeit gehe Werder Bremen nach wie vor ab, meint Frank Heike (FAZ) nach dem 2:3 gegen Stuttgart: „Dieser Rückschlag schmerzte die Bremer besonders, weil das 0:2 beim FC Chelsea intern als beste Saisonleistung gewertet worden war und den Weg an die Bundesliga-Spitze ebnen sollte. Doch bei der Niederlage gegen erst in der zweiten Halbzeit gute Stuttgarter ließ Werder etwas vermissen, was Spitzenmannschaften auszeichnet: Cleverness. Hier haben die Bremer traditionell Nachholbedarf gegenüber Bayern München und erst recht gegenüber europäischen Top-Teams. Trainer Thomas Schaaf arbeitet seit Jahren daran, seinem Team das Maß an Aufwand und Ertrag auf dem Spielfeld beizubringen. Doch irgendwie läßt sich Ergebnisfußball wohl nicht mit dem Bremer Erlebnisfußball paaren.“ Jörg Marwedel (SZ) notiert die Enttäuschung der Bremer Fans: „Kaum jemand konnte sich daran erinnern, wann ein Werder-Team zuletzt eine vermeintlich sichere Führung derart schlampig verwaltet hat.“
Marwedel fällt zudem die Disharmonie zwischen den Bremer Spielern auf: „Daß es derzeit nicht stimmt im Team, hatte schon unter der Woche Kloses Schelte am Kollegen Klasnic ahnen lassen, dem der WM-Torjäger unverblümt vorhielt, er solle sich ein Beispiel an seiner, Kloses, Arbeitsmoral nehmen. Auf dem Platz wiederum wurden erneut Dissonanzen zwischen Frings und Diego sichtbar.“ Die Welt fühlt sich wie im Film: „Die Bremer inszenieren seit Wochen eine Seifenoper, die sich problemlos mit dem Vorabendprogramm der ARD messen kann. Streit und Neid haben Einzug gehalten. Frings unterstellt Diego zu viel Eigensinn, Owomoyela beschimpft seine Mitspieler, und Torwart Reinke mosert über seine Reservistenrolle. Selbst die Harmonie im einstigen Traumsturm ist dahin, seitdem das eine K (Klose) dem anderen K (Klasnic) mangelnde Motivation vorwarf. Schaaf und Allofs erleben erstmals in ihrer Bremer Zeit derlei Unheil. Bislang wirken sie überfordert.“
Innenleben der Männergruppe außer Takt
Richard Leipold (FAZ) beobachtet Thomas Doll, 0:1-Verlierer in Dortmund, bei einer erfolglosen Therapie: „Die dritte Niederlage in acht Tagen macht es ihm noch schwerer, den daniederliegenden HSV zu kurieren. Ob gegen die Stuttgarter Kickers, Arsenal oder Borussia Dortmund: Unabhängig von der Schwere des Gegners findet der Trainer derzeit kein Rezept, das einen Behandlungserfolg verspricht. Doll steht vor einer Aufgabe, die neu für ihn ist. So viele Niederlagen in so kurzer Zeit hat er als Cheftrainer noch nie bewältigen müssen.“ Den Dortmundern hingegen attestiert Leipold Fortschritte in der Gesundung: „Der Weg zu wahrer Größe ist noch weit, aber die Richtung scheint wieder zu stimmen in Dortmund. Gegen Hamburg genügte die Fußball-Tugend Kampf, um die bessere von zwei schlecht spielenden Mannschaften zu sein. Während der BVB vor allem den künstlerischen Ausdruck verbessern will, müssen die Hamburger an den Grundlagen arbeiten und, wie es heißt, auch am Zusammenhalt der Männergruppe, um deren Innenleben es nicht zum besten bestellt sein soll.“
Tsp: Der HSV spielt sich unaufhaltsam in die Krise
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Freitag, 15. September 2006
Vermischtes
Liebe Leser, liebe Newsletter-Abonnenten,
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Oliver Fritsch
Champions League
Schattenboxen
Der HSV wird beim 1:2 gegen Arsenal Opfer einer Regel und seiner Abwehrschwäche
Aus der 1:2-Niederlage des Hamburger SV gegen Arsenal gewinnt die deutsche Presse zwei Erkenntnisse: Erstens müsse eine Regeländerung her, denn daß gegen den HSV ein Elfmeter verhängt wird und er zugleich auf seinen Torhüter Sascha Kirschstein in Folge einer Roten Karte verzichten muß, wird als doppelte Strafe gewertet. „Kirschstein als Opfer der Fifa-Regel, die Regel gehört dringend abgeschafft“, klagt die FR; die Bild-Zeitung fordert das Ende des „Rot-Schwachsinns“. Franz Beckenbauer, der Fernsehexperte, soll sogar in der Halbzeit den Schiedsrichter eine Visite abgestattet haben.
Jörg Marwedel (SZ) hält ein Plädoyer für eine maßvollere Strafe bei einer Notbremse: „Der Schiedsrichter hat eine Diskussion ausgelöst, der sich die innovationsfreudigen, aber oft übereifrigen Regel-Bürokraten der Fifa nicht entziehen sollten, wenn sie nicht auch in Zukunft manchem Fußballspiel auf diese unschöne Art früh seinen Zauber nehmen wollen. Zu diskutieren ist außerdem: Hatte der Schiedsrichter in der Situation wirklich nur einen dermaßen kleinen Ermessensspielraum? Oder handelte es sich um eine fatale Überinterpretation des Notbremse-Paragrafen? Schließlich waren hinter Kirschstein zwei Hamburger Abwehrspieler auf die Torlinie geeilt, so daß van Persie eine gute, aber keineswegs todsichere Torschuß-Position hatte.“
Ralf Köttker (Welt) pflichtet bei: „Es ist überfällig, den Schiedsrichtern mehr Spielraum bei der Ahndung solcher Situationen zu geben. Wenn die Torchance durch eine gesundheitsgefährdende Aktion verhindert wurde, ist die geltende Regel und die anschließende Sperre richtig. In harmloseren Fällen ist sie überzogen. Ein Torhüter beispielsweise, der einen Gegenspieler im Strafraum ohne übertriebene Härte zu Fall bringt, muß mildernde Umstände bekommen. In solchen Fällen reichen auch der Elfmeter und eine Gelbe Karte.“ Frank Heike (FAZ) hebt den spielzerstörenden Charakter der Entscheidung hervor: „Im Grunde war alles Schattenboxen, was nach dieser zehnten Minute passierte: Man hatte nie das Gefühl, daß der HSV in Unterzahl eine Siegchance besaß. Man hatte nie das Gefühl, daß Arsenal alles zeigen mußte.“ Für die Bild-Zeitung ist es ohnehin kein Elfmeter, sie spricht vom „Schwalben-Skandal“.
Wir sind sehr dafür, daß sich was ändert
Schiedsrichter Knut Kircher bedauert in einem SZ-Interview, daß er einem Spieler nach einer Notbremse im Strafraum die Rote Karte zeigen muß: „Glauben Sie mir, wir Schiedsrichter sind die letzten, die auf dieser Regelauslegung bestehen, ich glaube, daß ich da auch für die meisten meiner Kollegen spreche. Wir würden sehr befürworten, wenn man sagt: Bei einer Notbremse im Strafraum reicht es auch, wenn man Elfmeter und nur Gelb gibt – egal, ob die Notbremse vom Torwart oder einem Abwehrspieler kommt. Vom Sinn und Geist der Regeln her würde ich die Sanktionierung per Elfmeter für ausreichend und angemessen halten: Ein Elfmeter ist genauso eine Eins-gegen-Eins-Situation wie der Alleinlauf zuvor auch. Natürlich ist die Notbremse ein kräftiges Vergehen, weil sie ein Tor verhindert, aber ein Elfmeter ist ja auch eine kräftige Strafe. Deshalb haben einige Schiedsrichter, darunter Markus Merk, der Uefa signalisiert, daß eine andere Regelauslegung an uns nicht scheitern soll. Wir wären sogar sehr dafür, daß sich da was ändert.“
BLZ: Die Rote Karte für HSV-Keeper Kirschstein im Spiel gegen Arsenal sorgt für Regeldiskussionen
Es ist noch keine Mannschaft
Zweitens gibt es dessenungeachtet große Zweifel an der Champions-League-Tauglichkeit der Hamburger; die Behauptung, in Gleichzahl hätte seine Mannschaft gewonnen, lassen die Journalisten dem HSV-Trainer Thomas Doll nicht durchgehen. Andreas Rüttenauer (taz) legt den Finger in die Abwehrwunde: „Die Diskussionen, ob der Strafstoß berechtigt war, nervten ebenso schnell wie die Beteuerung beinahe aller am Spiel Beteiligter, daß die Rote Karte nicht hätte sein müssen. Niemand ging auf die Situation ein, die dem vermeintlichen Foul des Torwarts vorausgegangen war. Warum nur durfte der Londoner so unbehelligt flanken? Und warum darf ein gegnerischer Stürmer so unbedrängt vor dem Tor herumstehen? Es war die Szene, die am besten veranschaulicht, daß es noch viel zu tun gibt beim HSV. Wenn sie in der Abwehr weiter derart schlampig agieren, dann werden sie wohl so schnell nicht hinauskommen über den Staus eines Kleinen in Europa – auch wenn sie noch so wacker kämpfen und rennen.“
Auch Heike will sich nicht vom Sportlichen ablenken lassen: „Doll wandelt im Willen, sein Team zum moralischen Sieger zu machen, am Rande der Schönrednerei. Natürlich hat der HSV zu zehnt wacker gekämpft; aber gegen Arsenal sind die tatsächlichen Probleme der Hamburger deutlich wie unter einer Lupe zu sehen: Das Team sucht Ordnung und Hierarchie, es sucht die passende Staffelung auf dem Feld und eine Formation im Mittelfeld, die sich vertraut. Es ist noch keine Mannschaft, die dort auf dem Rasen steht.“ Marwedel hingegen urteilt gemäßigter: „Die erste Prüfung des HSV auf höchster europäischer Ebene seit bald sechs Jahren fiel auch ohne jene Schlüsselsekunde gemischt aus. Zwar hatten die Hamburger mit entschlossenem Tempofußball losgelegt. Andererseits legte das stark verjüngte Arsenal-Team auch ohne den verletzten Weltklassestürmer Thierry Henry und den nur auf der Bank sitzenden Frederik Ljungberg mit präzisen Kontern die Abstimmungsprobleme in der neu formierten HSV-Defensive bloß.“
Blaue Tore
allesaussersport hört das Gras wachsen: „Täusche ich mich oder fand in den letzten Tagen so etwas wie ein verkapptes Bewerbungsgespräch von Jens Lehmann in Hamburg statt? Lehmann ist nicht wirklich als Plaudertasche bekannt, fand aber in den letzten Tagen im Fernsehen und in den hiesigen lokalen Blättern erstaunlich häufig die Gelegenheit den HSV, das HSV-Management und die ‚wunderschöne‘ Stadt zu loben, inklusive der immer noch vorhandenen Lichtinstallation ‚Blaue Tore‘.“
Welt: Real Madrid, geblendet vom eigenen Glanz
Donnerstag, 14. September 2006
Champions League
Zwei neue Chefs
Den 2:0-Sieg Chelseas gegen Bremen beschreibt die deutsche Presse als Sieg der Nüchternheit; daß Michael Ballack nun Elfmeter schießen darf, ist eine Hierarchiefrage / Viel Lob für Mark van Bommel beim 4:0 der Bayern gegen Spartak Moskau
Raphael Honigstein (FR) wird sich nicht mehr in Chelseas Mannschaft verlieben: „Gegen die bemühten, letztlich aber nur gepflegte Harmlosigkeit verbreitenden Bremer reichte ihr typisch passiv-aggressives Spiel.“ Michael Horeni (FAZ) vergleicht die beiden Kontrahenten: „Der Unterschied zwischen den Markenprodukten aus der Londoner Fußball-Luxusboutique und eines natürlich und solide gewachsenen hanseatischen Unternehmens ist deutlich geworden.“
Mourinhos manischer Auftritt war das unterhaltsamste Element des Abends
Im Blickpunkt ist Michael Ballack, dessen Elfmetertor Englands Presse feiert – auch deswegen, weil Frank Lampard in letzter Zeit Chelseas Elfmeter meist verschossen hat. Sabine Rennefanz (StZ) stellt mit Staunen den hohen Rang Ballacks in seiner neuen Umgebung fest: „Mit dem Treffer hat sich Ballack ins Herz des englischen Meisters geschossen. Eingewöhnungsschwierigkeiten im wohl extravagantesten Fußballteam der Welt mögen andere haben, er nicht. Es mag erst sein drittes Spiel für Chelsea sein, aber er zeigte von Anfang an, wer das Mittelfeld führt.“ Boris Hermann (BLZ) ergänzt die Kehrseite: „Ballack hat sich nicht nur der neuen Fußballwelt in London angepaßt. Der FC Chelsea ist auch bereits ein bißchen wie seine neue Nummer 13 geworden – mit allen Qualitäten und allen Fehlern. Seltsam lethargisch ging die Mannschaft die zweite Halbzeit an. Sie wirkte plötzlich so unterkühlt wie Ballack an jenen Tagen, wenn nur der Spielberichtsbogen auf seine Anwesenheit hindeutet. Beim FC Bayern hat er zahlreiche solcher Spiele geliefert.“ Auch Honigstein beschreibt die Elfmeter-Story als Hierarchiefrage: „Die im Grunde läppische Geschichte ist nicht unerheblich, weil sie von der Änderung Chelseas erzählt. Lampard, Garant der beiden Meistertitel und Mourinhos Lieblingsspieler, ist zum ersten Opfer der ausländischen Superstars geworden.“
José Mourinhos Klage über die vielen Gelben Karten gegen seine Mannschaft und das verschwörerische System, das angeblich dahinterstecke, kommentiert Honigstein ironisch: „Mourinhos manischer Auftritt war leider mal wieder das unterhaltsamste Element des Abends. 10.000 Stadion-Plätze wären kaum leer geblieben, wenn man seine Tiraden live auf den Großbildschirmen übertragen würde. Die Partien der Blauen dagegen sind bei weitem nicht so faszinierend.“
Magath hat ein Experiment gewagt
Viel Lob für Mark van Bommel beim 4:0 der Bayern über Spartak Moskau – Heinz-Wilhelm Bertram (BLZ) applaudiert: „van Bommel deutete in der furiosen zweiten Halbzeit an, was er für den FC Bayern noch wert sein könnte: Er vermochte zu akzentuieren und zu koordinieren, er schonte sich nicht in den Zweikämpfen. Van Bommel zeigte ein feines Gespür für solche Bälle, die des Nachsetzens wert waren oder solche, die es nicht waren. Das deutete seine Fähigkeit zum Dosieren, zu Impulsgebung und Tempoverschärfung an; die so ersehnte Revitalisierung des oft leblos-schematischen Bayern-Offensivspiels könnte Wirklichkeit werden.“ Klaus Hoeltzenbein (SZ) würdigt van Bommels Autorität auf dem Spielfeld: „Insgesamt war es mehr ein Spiel der Andeutungen als der Offenbarungen, dafür war Spartak zu charakterschwach, aber es darf schon jetzt vermutet werden, daß die Bayern zuletzt zwei ihrer wichtigsten Transfer-Entscheidungen überhaupt getroffen haben: Die eine war, Owen Hargreaves gegen dessen Widerstand zu halten. Die andere, Mark van Bommel beim FC Barcelona auszulösen. Als Bankspieler wie dort ist der Holländer kaum tauglich, auf Dauer drängt er mit seinem klaren, dynamischen Spiel in eine Chefrolle.“
Elisabeth Schlammerl (FAZ) hebt die Bedeutung des Siegs für Felix Magath hervor: „In diesem Spiel ging es auch ein wenig um sein Image, das im Umfeld des Vereins trotz der beiden national sehr erfolgreichen Jahre zuletzt ein wenig gelitten hat. Magath hat das seltene Experiment gewagt und drei Stürmer auf den Platz geschickt. Wäre es nicht gutgegangen, hätte die Mannschaft nicht nach 45 Minuten die Wende zum Guten geschafft, wäre Magath der große Verlierer gewesen.“ Die Vorsicht der Gäste deutet Schlammerl als Ehrerbietung: „Die Spielweise der Russen zeugt von gehörigem Respekt dem Deutschen Meister gegenüber, und sie zeigt, daß der Ruf der Bayern in weiten Teilen Europas offensichtlich besser ist, als die Ergebnisse der vergangenen vier Jahre vermuten lassen würden.“
FR: Der FC Bayern braucht nur 45 Minuten, um Moskau zu besiegen
NZZ-Bericht Lyon–Real (2:0)
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