Mittwoch, 13. September 2006
Champions League
Vorbote einer möglichen Krisensaison
Hamburg gegen Arsenal – zwei Teams mit Problemen treffen aufeinander
Die deutsche Fußballpresse schildert das Leiden des Hamburger Trainers Thomas Doll an der Mentalität seiner Mannschaft und die notwendige Geduld, die Arsenals Trainer Arsene Wenger mit seiner jugendlichen Auswahl aufbringen muß, kann und darf
Jörg Marwedel (SZ) macht die mangelnde Bindungskraft und den fehlenden Mannschaftsgeist des HSV als großes Problem aus: „Ausgerechnet das Team des erklärten Teamfreaks Doll ist derzeit kein echtes Team. Es leidet unter einer Krankheit, die sich unter dem Begriff ‚Morbus legeonaris‘ zusammenfassen läßt und zersetzende Wirkung haben kann. Das Konzept des HSV, überwiegend junge Profis mit internationalen Perspektiven zu verpflichten, lockt eben auch Spieler an, die Hamburg nur als Durchgangstation betrachten auf dem Weg zur ganz großen Karriere und die geäußerte Identifikation mit dem Klub ablegen, sobald ihnen ein noch attraktiveres Angebot ins Haus flattert. Kontinuität läßt sich so schwer in die ambitionierten Aufbaupläne bringen.“ In der Rückschau auf die Entwicklung Khalid Boulahrouz‘ in Hamburg, für dessen Verkauf die Hamburger viel Kritik und Häme hören mußten, verdeutlicht Marwedel: Boulahrouz habe sich „bald nach seinem rasanten Aufstieg beim HSV kaum noch unter Kontrolle halten lassen. Das kann einen Trainer Autorität kosten. “ Nun wird der Holländer mit lieben Grüßen aus London zitiert: „An Hamburg verschwende ich keinen Gedanken mehr. Gegen die Premier League ist die Bundesliga wie Schach.“ Marwedel sieht Doll eine brenzlige Situation: „Weil Doll zuletzt auch mit einigen Aufstellungen und Auswechslungen wenig Glück hatte, ist der bislang Unantastbare zum ersten Mal in seiner zweijährigen Amtszeit in die Kritik geraten.“
Nicht ganz so pessimistisch, aber in der Hauptaussage ähnlich, wertet Frank Heike (FAZ) die Lage des Trainers: „Für die meisten der kickenden Kollegen auf Zeit mit der Raute auf der Brust ist der HSV nicht mehr als ein gut zahlender Arbeitgeber. Für Thomas Doll ist er Leidenschaft und Herzenssache. Es wird zu seiner Reifeprüfung, aus dem immens teuren Kader der Hamburger ein Team mit Siegermentalität zu machen.“
Mag die Gegenwart enttäuschen, Arsenal hat immer ein Team mit Zukunft
Christian Eichler (FAZ) trifft eine andere Diagnose. Er macht für die Schwäche des HSV und die Schwäche Arsenals deren Neigung zu Schönheit und Stil verantwortlich: „Derzeit zeigen Arsenal wie der HSV die Kehrseite der ‚kreativen‘ Mannschaften: die Anfälligkeit für Schwankungen. Mächtige Rivalen, die sich ausgereifte Kader leisten können und Teams mit breitem Fundament, schaffen es auch, am unteren Rand ihrer Leistungskurve Beute zu machen. Sie kratzen zur Not krumme Tore nach Standardsituationen zusammen und verwalten damit knappe Siege gegen Mannschaften mit ähnlich vielen oder gar mehr Spielanteilen und Torchancen. Arsenal dagegen mit seiner Fixierung auf das Dreieck aus Tempo, Bewegung und Ballkunst muß immer dominant sein, um zu gewinnen, muß eine Abwehr immer auseinandernehmen und scheint dabei mitunter allzu besessen vom ‚perfekten‘ Spielzug, vom ‚traumhaften‘ Tor, als zählte das mehr als ein Abstauber. Und dann kommen solche Spiele zustande wie zuletzt gegen Middlesbrough: 17:1 Torschüsse, 67 Prozent Ballbesitz, Endstand 1:1.“ Das Spiel heute könne eine Wegmarke der jungen Saison sein: „Der Elfte der Bundesliga trifft auf den Siebzehnten der Premier League. Es ist nur eine Momentaufnahme, aber eine, in der der erste Spieltag der Champions League schon mehr ist als nur ein leichter europäischer Aufgalopp: nervenbelastender Vorbote einer möglichen Krisensaison.“
Eichler bewundert Trainer Arsene Wenger aber auch für seine Treffsicherheit bei der Talentsichtung und die Konsequenz, junge und unbekannte Spieler zu engagieren und zu entwickeln: „Als wäre Arsenal nicht schon letzte Saison jung genug gewesen, als man mit einer ‚Baby-Abwehr‘ in der Champions League 995 Minuten ohne Gegentor blieb, zeigt man nun: Es geht noch jünger. Da muß man Rückschläge im Reifeprozeß in Kauf nehmen. Wohl kein anderer Toptrainer in Europa hat dazu so viel Geduld wie Wenger – und so viel Rückhalt: Nach zehn Jahren Arsenal genießt er bei dem Londoner Traditionsklub so etwas wie eine Lebensstellung. Dafür kann er eins garantieren: Mag die Gegenwart manchmal enttäuschen, Arsenal hat immer ein Team mit Zukunft.“ Raphael Honigsteins (Tsp) Urteil über die Lücke in Arsenals Führung wird man in Hamburg gerne lesen: „Wengers sportliche Omnipotenz hat ihn zumindest phasenweise seine puristischen Ideen verwirklichen lassen, sie hat aber auch einen entscheidenden Nachteil: Ihm fehlt ein fähiger Sportdirektor wie Dietmar Beiersdorfer, der Jahr für Jahr versierte Verteidiger ausfindig macht.“
Tsp-Bericht Chelsea–Werder (2:0)
NZZ-Bericht Chelsea–Werder (2:0)
Tsp-Bericht Bayern–Spartak (4:0)
Am Grünen Tisch
Von Korruptionsvorwürfen so treu begleitet wie der Jupiter von seinen Monden
WM-Tickets: Die Daily Mail und eine Studie von Ernst & Young erneuern und erhärten den Bereicherungsverdacht gegen den Fifa-Vizepräsidenten Jack Warner; die Süddeutsche Zeitung und die Berliner Zeitung hauen in die gleiche Kerbe
Ein Thema für Thomas Kistner (SZ) und Jens Weinreich (BLZ), Deutschlands führende Fifa-Kritiker: Ein geheimer Bericht der Prüfungsgesellschaft Ernst & Young legt erneut den Verdacht nahe, daß sich Fifa-Vizepräsident Jack Warner, auch unter Hilfe seines Sohns, durch den Verkauf von WM-Tickets über den „Sekundärmarkt“ und durch fragwürdige Kupplungsgeschäfte bereichert habe. Das hat Andrew Jennings, einer der besten Spürhunde des internationalen Sportjournalismus‘, jüngst für die Daily Mail herausgefunden. Ein Teil des Berichts hat der Fifa offensichtlich bereits im April vorgelegen, unternommen hat sie in dieser Hinsicht nichts. Dabei war ein starker Verdachtsmoment gegen Warner bereits Ende 2005 bekannt; in einer Sitzung im Februar 2006 hat es die Fifa jedoch bei einer Rüge belassen, stattdessen die ach so bösen Medien für die schlechten Schlagzeilen verantwortlich gemacht.
Kistner schreibt: „Warner, allmächtiger Vizepräsident und von Korruptionsvorwürfen so getreulich begleitet wie der Jupiter von seinen Monden, hat immerzu gegen die WM-Ticketregeln verstoßen und Geschäfte mit tausenden Billets eingefädelt, die auf dem Schwarzmarkt Millionen erbrachten.“ Weinreich, den Urs Linsi, Generalsekretär der Fifa, gerne als „persona non grata“ etikettieren würde, begutachtet die Analyse von Ernst & Young: „Akribisch sind in diesen Papieren die Fakten dargelegt und mit Dokumenten belegt.“
Eine besondere Note erhält die Sache durch die Vorliebe des Fifa-Präsidenten Joseph Blatter, Moral- und Anständigkeitspredigten auf seine Maßanzüge zu sabbern. So mußte Ismail Bhamjee, ein Fußballfunktionär aus Botswana, sich die empörte Schelte Blatters anhören, weil er zwölf WM-Tickets auf dem Schwarzmarkt verhökert hat – Profit: gut 2.000 Euro, ein Bruchteil dessen, was Warner ins Trockene gebracht zu haben scheint. Seinen Posten im Fifa-Exekutivkomitee ist Bhamjee seitdem los. Was hat Warner zu befürchten, Thomas Kistner? „Daß Jack the Ripper wie üblich keine Sanktion zu befürchten hat, läßt sich schon ohne neue Ethikregeln sagen.“ Auf den loyalen Wahlhelfer Warner, der mindestens die 35 Stimmen seiner Föderation Concacaf steuert, werde Blatter nicht verzichten können, prophezeien die Autoren.
Bericht auf playthegame: Fifa vice president breached Fifa code to sell 4.500 World Cup tickets
Der Prüfungsbericht (pdf) von Ernst & Young
Das Protokoll (pdf) der Fifa-Sitzung vom Februar 2006. Daraus geht erstens hervor, daß es Jack Warner gelungen ist, das Komitee davon zu überzeugen, ihn in der Öffentlichkeit als Opfer einer politischen Intrige und einer Kampagne der Medien zu verkaufen.
Die Website von Andrew Jennings
Ein Video von BBC: Andrew Jennings auf den Spuren der Fifa
Eine Buchempfehlung (Rezension folgt): Ein Sammelband über Korruption im Sport, herausgegeben von Jens Weinreich
BLZ: Fußball-Nationaltrainer und Blatter debattieren in Berlin
Bundesliga
Aachener Beben
Alemannia Aachen verpflichtet Michael Frontzeck als Trainer, der Presse fällt dazu nicht viel ein; derweil ist über vereinsinterne Konflikte zu lesen, und Sportdirektor Jörg Schmadtke ärgert sich noch mal darüber, daß Hannover 96 Dieter Hecking abgeworben hat – und daß Dieter Hecking gegangen ist
Michael Frontzeck, ein unbeschriebenes Trainerblatt, wird Nachfolger von Dieter Hecking in Aachen. In deutschen Zeitungen ist nicht viel darüber zu lesen. Die FAZ hat erwartet, daß Aachen einen erfahreneren Trainer verpflichtet: „Alemannia Aachen hat mit der überraschenden Verpflichtung von Frontzeck eine kleine Lösung gefunden.“
Beim Klicken durch die Fan-Foren stellt die FAZ fest, daß es einen Vorbehalt gegenüber dem Gladbacher Frontzeck gibt: „Da die Alemannia und Borussia Mönchengladbach ein rivalisierendes Verhältnis pflegen, wurde dem Trainer vor allem seine sportliche Vergangenheit vorgehalten.“ Auch Christoph Biermann (SZ) befaßt sich mit den Reaktionen der Fans: „Frontzeck hat bislang noch keine Mannschaft verantwortlich trainiert. Aber das ist nur der sachliche Einwand vieler Fans, der andere ist zutiefst emotional: Ihr neuer Trainer ist Gladbacher und damit ein rotes Tuch für die meisten Alemannen. Insgesamt elf Jahre spielte er bei jenem Klub, den die meisten Anhänger der Aachener mehr verabscheuen als alle anderen. Zwar stand Frontzeck als Spieler auch in Stuttgart, Bochum und Freiburg unter Vertrag, aber identifiziert wird er eben doch mit der Borussia.“
Tabus im Fußball? Gibt’s die?
In einem Interview mit der FR blickt Aachens Sportdirektor Jörg Schmadtke zurück auf die Trennung von Hecking: „Grundsätzlich ist es sinnvoll, auf Verträgen zu beharren. Letztlich hat es, so wie sich Dieter Hecking dargestellt hat, für uns keinen Sinn mehr gehabt. Deswegen haben wir ihn ziehen lassen, weil wir glauben, daß unser Ziel, der Klassenerhalt, zumindest in Frage gestellt worden wäre. Wir brauchen Leute, die mit hundertprozentigem Engagement bei der Sache sind.“ Die FR fragt, ob es ein Tabu sei, um den Trainer eines anderen Vereins zu werben, und Schmadtke antwortet ernüchtert und mit Kritik an der Vereinsspitze Hannovers: „Tabus im Fußball? Gibt’s die? Das wage ich mittlerweile ernsthaft zu bezweifeln. Da muß jeder seine eigenen Kriterien ansetzen, wie weit er geht oder nicht geht. Was mich doch ein wenig überrascht, ist, daß Hannover sagt, sie hätten den richtigen Weg eingeschlagen. Einen Trainer, der in Amt und Würden ist, am dritten Spieltag anzurufen, nach seiner Bereitschaft zu fragen und dann erst den Verein zu informieren, halte ich zumindest nicht für den richtigen Weg.“
Außerdem ist an verschiedenen Stellen von „starken internen Spannungen“ (SZ) in Aachen zu lesen. Bernd Müllender (FTD) berichtet: „Bei der Alemannia ist einiges im Argen. Vorstand Marcel Creutz schmiß vor zwei Wochen begründungslos die Brocken hin. Schmadtke muß Wechselambitionen dementieren, ist im Klub mit einigen über Kreuz und will sich ausdrücklich nicht auf den Geschäftsführerposten der neuen Alemannia GmbH bewerben. Falls er auch nach Hannover geht, hätte er praktischerweise schon mit sich selbst verhandelt. Für Alemannia wäre es der Super-GAU.“ Biermann sieht das genauso: „Sollte Schmadtke gehen, würde das Aachener Beben noch eine ganz andere Stärke bekommen.“
NZZ: Die Suche Skibbes nach der alten Spielkultur – Leverkusen mit Substanz, aber noch ohne Konstanz
Dienstag, 12. September 2006
Champions League
Kommunismus mit Geld
Zu Beginn der Champions League richten sich die Blicke der Presse auf Chelsea; der Spiegel untersucht die Identität des Klubs und prüft, ob das Puzzle-Teil Michael Ballack paßt / Die Form des Gegners Werder Bremen betrachtet die Presse mit Skepsis
Sehr lesenswert! Chelsea, das luxuriöse Spielzeug des russischen Oilgarchen Roman Abramowitsch, wird von Fans gehaßt und von der Konkurrenz kritisiert. Klaus Brinkbäumer und Thomas Hüetlin (Spiegel) jedoch schälen eine andere Identität der vermeintlichen Fußballkapitalisten heraus: „Es ist nicht unbedingt das schöne Spiel, das in Chelsea gepflegt wird. Es ist keine Inszenierung, die Platz läßt für geniale Einzelaktionen, Risiko, Spontaneität und andere Dinge, die den Fußball bisweilen romantisch verzaubern. Eher gleicht José Mourinhos Idee von Fußball einer 90-minütigen Planwirtschaft mit einer Mannschaft als Kollektiv, und es ist kein Wunder, daß bei Chelsea zwar viele Leute sehr viel verdienen, aber nur zwei Superstars existieren: der Portugiese und der Russe, der Trainer und der Oligarch. Kommunismus mit viel Geld, das ist das System des FC Chelsea.“
Ausflüge auf den Boulevard, genannt werden die Beispiele David Beckham, Ronaldo und Oliver Kahn, und Prominentendasein würde Mourinho nicht dulden: „Die Verführungskräfte des Geldes zu beherrschen, das ist eine genauso wichtige Aufgabe wie ein Sieg über den FC Barcelona, und niemand versucht dies entschlossener und moderner zu lösen als Mourinho, der Zuchtmeister.“ Es sind ja, das wird von den Kritikern oft übersehen, in der Tat nicht die Glamour-Stars des Weltfußballs, die sich ihr Spiel in Chelsea vergolden lassen – in den Augen der Autoren ein weiteres Indiz für den Vorrang, das Mourinho dem Gemeinsamen einräumt: „Jeder Spieler, so lautet die Mourinho-Philosophie, habe sein Ego der Mannschaft unterzuordnen. Stars, die schon große Pokale gewonnen haben, fehle oft der Biß. Mit großen, aber vergleichsweise unbekannten, darum ehrgeizigen Spielern wachse der Hunger nach Erfolg.“
Auf der Suche nach der perfekten Mannschaft
Aus dieser Perspektive untersuchen die Spiegel-Autoren den Zuzug Michael Ballacks. Ballack ist zum ersten ein „Unvollendeter“ (FAZ): Champions-League-Finale mit Leverkusen 2002 verloren, WM-Finale 2002 verpaßt, WM-Halbfinale 2006 knapp verloren. Zum zweiten sieht er sich in Deutschland immer mit dem Vorwurf konfrontiert, er werde seiner Aufgabe als Alpha-Tier nicht gerecht. Brinkbäumer und Hüetlin legen nun Ballacks Überdruß am deutschen Vereinsfußball frei: „Wenn Ballack über seinen neuen Arbeitgeber redet, hört man einen neuen Tonfall. Man kann Respekt hören. Vielleicht sogar Ehrfurcht. Ballack hat diese Gefühle ja immer gehabt, für Wochen, damals, als er beim Chemnitzer FC spielte, dann in Kaiserslautern, in Leverkusen, schließlich in München, doch immer waren sie schnell verflogen, weil Ballack merkte, daß er den Ansprüchen der Vereine genügte, die Vereine seinen Ansprüchen aber nur in Maßen. Eitle Trainer, die Macht der Bild-Zeitung, populistische Funktionäre, all das ging ihm im deutschen Fußball zunehmend auf die Nerven, und darum fühlte er sich immer nur für eine Weile gefördert und am Ende gebremst. Werden seine Eindrücke diesmal länger halten als ein paar Wochen? Diesmal jedenfalls kann Ballack nicht mehr fliehen, es geht nicht mehr weiter wie bisher, denn Ballack weiß, daß er oben angekommen ist, höher hinauf führt kein Weg, und er weiß, daß er noch nicht bewiesen hat, daß er den Unterschied ausmachen kann, denn das, nur das, ist sein Job hier.“
Die Spiegel-Autoren präzisieren Ballacks Gründe für seinen Abschied aus München, der von gereizten Worten der Bayern-Führung begleitet worden ist: „Die Millionen sind es, mit denen sich der FC Bayern München den Abgang von Ballack erklärt. Die reine Gier also, aber das trifft es nicht, nicht ganz jedenfalls. Ballack hat ein paar Facetten, die nicht mehr nach München paßten: Er kann eine Diva sein, leicht zu kränken, und die ständigen Nörgeleien in München verletzten ihn.“ Aus Ballacks Aussagen saugen die Autoren zudem Erkenntnisse über die Zielgenauigkeit der Transferpolitik Chelseas und die Einfallslosigkeit der Bayern: „Zugleich ist er einer der schlaueren Fußballer, neugierig, und deshalb genügte ihm München nicht mehr. Und vor allem geht es ihm um die hohe Kunst des globalisierten Fußballs, darum, wie man eine perfekte Mannschaft baut und anschließend dahin bringt, auch perfekt zu spielen. In München, so sieht es jedenfalls Ballack, lernten sie zwar Jahr für Jahr, daß sie Defizite hatten, in der Spielgestaltung vor allem, und verlängerten dann doch nur den Vertrag mit dem ständig verletzten Sebastian Deisler. In Chelsea wußte Mourinho, daß er Tore und Kopfbälle und Ideen und Teamgeist brauchte und kaufte Schewtschenko und Ballack. Der fühlt sich wieder gewollt, gebraucht und verstanden und nicht mehr nur gut bezahlt.“
Ein Blick zur Seite: Der FAZ antwortet Ballack heute auf die Frage, wie er es empfinde, daß die Bayern inzwischen von der Lücke reden, die Ballack in der Mannschaft hinterlassen hat. „Es ist auf jeden Fall besser, als wenn die Verantwortlichen bei Bayern genau das Gegenteil sagen würden. Ich war zuvor schon überrascht, daß sie gesagt haben, daß sie nach meinem Weggang und dem von Zé Roberto nun besser Fußball spielen werden. Das ist nicht so einfach.“
Job auf Mourinhos Schachbrett
Chelseas Leitbild entspreche Ballacks Wesen vermutlich mehr als das der Bayern, schreiben Brinkbäumer und Hüetlin: „Wenn man Ballack eine Weile zuhört, bekommt man den Eindruck, daß er den FC Bayern zuletzt nicht mehr als großen Fußballclub, sondern beinahe wie eine Sekte wahrnahm, die ihre Spieler normt und verschluckt und letztlich große Siege verhindert, weil es zu wenig Austausch und zu wenig Konkurrenz gibt. Die Radikalität des Leistungsdenkens fehlte Ballack in München, und es wirkt, als sei er froh, noch mal davongekommen zu sein. Es könnte schon sein, daß er jetzt in eine sehr viel strengere Sekte gewechselt ist, aber diese spielt besseren Fußball. Und Ballack, das zeigte er bei der Weltmeisterschaft, schätzt funktionierende Kollektive, er entwirft, wenn er es für nötig hält, gern eine Taktik fürs Ganze und ordnet sich dieser unter. Wahrscheinlich paßt er besser zum FC Chelsea, als viele vermuten.“
Der Text, der in seinem Grundton die einseitige Kapitalismuskritik an Chelsea ins Leere laufen läßt, schließt jedoch mit einer eigenartigen Warnung vor dem Verlust von Individualität. Didier Drogba, der die Taktikweisungen Mourinhos mehrfach mißachtet haben soll, ist zum Ersatzspieler degradiert worden. Brinkbäumer und Hüetlin schildern seine Einwechslung beim Spiel in Blackburn im letzten Monat: „Als er eingewechselt wird, scheint etwas in ihm zu beben, das man auch für Haß halten kann. Ein paar Minuten später paßt Ballack den Ball in seine Richtung. Drogbas Gegenspieler muß sich gefühlt haben wie ein Mann, auf den eine Flutwelle zurast. Verzweifelt krallt er sich an Drogba fest, versucht ihn umzureißen. Ohne Erfolg, stattdessen schleift Drogba den Burschen über den Rasen wie einen Ertrinkenden und prügelt den Ball unter die Latte. Nach dem Spiel zeigt der Torschütze keine Euphorie, nichts. Drogba hat seinen Job auf Mourinhos Schachbrett erfüllt, und nur das wird verlangt. Nicht mehr, aber vor allem niemals weniger.“
Anstrich von Respektabilität
In diesem Licht sieht der Kauf Andrej Schewtschenkos wie eine Ausnahme aus. Raphael Honigstein (FR) interpretiert ihn als Zeichen des Wandels und deutet an, daß Schewtschenko gegen Mourinhos Willen verpflichtet worden sei: „Die Ankunft des besten Stürmers aus der Serie A markiert den Anfang einer neuen Epoche. Er ist der erste echte Weltstar bei Chelsea – und wohl auch der erste Kicker, der dem streitbaren Trainer von seinem Chef aufgedrängt wurde. Mourinho machte eine gute Miene dazu, ihm blieb nichts anderes übrig. Sein Transfer vom erfolgreichsten europäischen Klub der vergangenen zwanzig Jahre gibt den Londonern den lange ersehnten Anstrich von Respektabilität. Der Verein darf sich befördert fühlen, auch dank Michael Ballacks Ja-Wort. Der Deutsche macht das ohnehin enorm starke Chelsea-Mittelfeld um ein paar Prozentpunkte torgefährlicher; der Ukrainer aber ist die Schlüsselfigur der Saison. Er soll die maschinelle Kraft der Blauen um eine Prise Kunst verfeinern – und sie zur Vollendung führen. Chelsea, der für sein skrupelloses Geschäftsgebaren berüchtigte Verein, kann den Sohn eines Mechanikers in der Sowjetarmee auch als Sympathieträger dringend gebrauchen.“
taz: Chelsea hat hitzige Deals hinter sich
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Montag, 11. September 2006
Internationaler Fußball
Saison der Besinnung
Die Serie A beginnt ohne Juventus Turin, das mit einem 1:1 in Rimini startet
Dirk Schümer (FAZ) bescheinigt Italiens Ligafußball hohen Unterhaltungswert und sportlichen Abschwung: „Wohl noch nie haben die italienischen Tifosi die lange Sommerpause der Serie A so unterhaltsam überbrücken können wie in diesem Jahr. Ein Fußballskandal von noch nie dagewesenem Ausmaß, eine Weltmeisterschaft mit sensationellem Titelgewinn, wochenlanges Bangen und Hoffen, welcher Klub denn nun in die Serie B relegiert wird – das alles machte es nicht nur der Sportpresse leicht, ohne Ligabetrieb auszukommen. Das böse Erwachen nach Wochen der Spannung und des Jubels könnte Italiens kriselnden Profifußball allerdings schnell ereilen. Mit Juventus Turin, dem wichtigsten Zugpferd für Millionen Fans, in der zweiten Liga und diversen finanziell angeschlagenen Vereinen droht ausgerechnet dem Land der Weltmeister internationale Konkurrenzfähigkeit verlorenzugehen. Bis auf wenige Ausnahmen spielen die Superstars, statt einst in Italien, heute in Spanien, England oder sogar Frankreich.“
Peter Hartmann (NZZ) erwartet eine Spielzeit der Diät und Entschlackung: „Es zeichnet sich eine außergewöhnliche Meisterschaft ab, erstmals seit Jahren eine ‚offene‘ Serie A, ohne die raffinierte Kulissenregie des zum Zwangsabstieg verurteilten Turiner Skandal- und Nobelklubs und seines korrupten Manager-Gespanns Moggi/Giraudo. Weil die AC Milan wegen Mauscheleien mit einem Handicap von 8 Minuspunkten startet, könnte es das Jahr von Inter werden. Aber auch die Saison der Besinnung, der Redimensionierung der Ansprüche und Ankündigungen, der schmerzlichen Selbstfindung und der Beschränkung auf das Eigentliche: auf den Ball. Das ist vielleicht die Lehre der erfolgreichen WM-Expedition der Squadra Azzurra unter schwierigen Bedingungen: Eine Mannschaft und ihr am Rande in den Calciopoli-Skandal verwickelter Commissario tecnico Marcello Lippi schlossen sich unter Druck zusammen und konzentrierten sich aufs Spiel.“
Schümer sieht das erste Spiel Juventus’ in der Serie B, ein 1:1 in Rimini: „Unter den Augen der beiden Fiat-Erben John und Lapo Elkann, die von Rimini sonst nur die Diskotheken kennen, wurde den Verantwortlichen und den Spielern schmerzlich bewußt, daß diese Saison kein Triumphzug durch die Provinz wird, sondern ein Spießrutenlauf mit 42 Spieltagen.“ Birgit Schönau (SZ) gesellt ihren Hohn hinzu: „Zuletzt war die Juve vor 25 Jahren hier aufgetaucht, zu einer Zeit, als ihre Spieler aus reiner Höflichkeit gegen Gegner wie Rimini nicht in Badeschlappen antraten.“
Tsp: Inter Mailand startet als Favorit
Tsp: Chelsea überzeugt noch nicht
Champions League
Unzulänglichkeit
Fortsetzung: Kommunismus mit Geld
Zwei Stimmen der Skepsis zur Verfassung Werder Bremens, dem heutigen Gegner Chelseas: Sven Bremer (BLZ) vermißt die alte Spielkltur: „In der Liga hat Bremen bislang nicht überzeugt. Werder ist so weit entfernt vom ‚One-Touch-Fußball‘, den Schaaf einst eingeführt hat, wie der FK Pirmasens vom FC Chelsea. Allmählich zeigen sich auch Ansätze, daß Neuzugang Diego den Strategen Johan Micoud doch nicht gleichwertig ersetzen kann.“ Frank Hellmann (FR) ergänzt: „Werder hat seine Form noch nicht gefunden. Der hochgelobte Spielmacher Diego ist noch nicht voll integriert. Der Sieg im Ligapokal und die Anfangserfolge in Hannover und gegen Leverkusen übertünchten manche Unzulänglichkeit.“
SZ-Interview mit Bremens Vorstandschef Jürgen Born über den Vergleich mit Chelsea
Kleinmut, Bescheidenheit, Rückstand
Roland Zorn (FAZ) kommentiert am Tag des ersten Champions-League-Spieltags den Kleinmut die Bescheidenheit der deutschen Vertreter: „Die Champions League gedeiht, nur die deutschen Ansprüche sinken. Die Zeiten haben sich geändert, die allererste Klasse verkörpern in Europa derzeit jene Klubs, die entweder über lukrative Fernseh-Einzelvermarktungsverträge Geld im Überfluß haben oder sich über die Millionen eines Vereinsmäzens wie Roman Abramowitsch zur Fünfsterne-de-luxe-Klasse zählen.“ Ob es, wie gerne behauptet und geglaubt, das viele Geld der anderen alleine ist, das die Bayern am Griff nach den Sternen hindert, bezweifelt Zorn: „Die Bayern, in der Bundesliga aufgrund ihrer chronischen Erfolge gut, aber nicht exklusiv zentral vermarktet, zahlen seit einigen Jahren jenseits von Deutschland den Preis für ihre nationale Solidarität mit überschaubaren Topzuschlägen. Ob die Verhältnisse bei einer allseits verbindlichen Zentralvermarktung der nationalen Ligen ausgeglichener wären, ob ein Lizenzierungsverfahren der Uefa die internationale Gesellschaft der Prasser und Geldvernichter auf Kosten anderer zur Räson brächte?“ Dem deutschen Vereinsfußball schreibt Zorn jedenfalls einen Rückstand gegenüber der Nationalmannschaft ins Stammbuch: „Der deutsche Fußball-Aufschwung findet derweil in einem anderen Theater statt: im Konzert der Nationalmannschaften, wo der WM-Dritte seine europäischen Titelansprüche frei von falscher Bescheidenheit offen und glaubwürdig formuliert.“
taz: Jammervoller Grundton – der FC Bayern München beklagt eine Zweiklassengesellschaft in der Champions League, dabei geht es ihm finanziell bestens. Vor allem die Sponsorengelder sprudeln munter
SZ: Bayern-Gegner Spartak Moskau ist ein Beispiel für die Kapitalisierung russischer Fußballklubs durch reiche Geschäftsleute
FAZ: Lukas Podolski vor seinem ersten Champions-League-Spiel
NZZ: Das Formbarometer der drei spanischen Champions-League-Teams
NZZ: Die Ausgangslage der drei italienischen Champions-League-Teams
faz.net: Zahlen und Fakten zur Champions League
BLZ: Von der Champions League bekommt der Fußballfan kaum noch etwas zu sehen. Es sei denn, er zahlt
NZZ: Torjäger aus dem Schlußverkauf – Patrick Kluivert will im PSV Eindhoven seine Karriere neu lancieren
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Am Grünen Tisch
Wie groß ist seine Integrationskraft tatsächlich?
Kommentare zur Wahl Theo Zwanzigers zum DFB-Präsidenten und zum Abschied Gerhard Mayer-Vorfelders
Christian Tretbar (Tsp) befaßt sich mit den zu erwartenden Änderungen durch die Wahl Theo Zwanzigers und den Abschied Gerhard Mayer-Vorfelders: „Es wird ein anderer Ton herrschen. Ein leiserer. Zwanziger pflegt einen anderen Stil als sein Vorgänger. Das hat er schon in seinen ersten beiden Jahren bewiesen. Er polarisiert nicht, er moderiert und begleitet. Durchsetzungsvermögen hat er trotzdem. Er muß jetzt unter Beweis stellen, wie groß seine Integrationskraft tatsächlich ist. Und der DFB muß zeigen, wie ehrlich das Wahlergebnis von 100 Prozent für die neue Solo-Spitze tatsächlich war.“
BLZ: Zwanziger, der Brückenbauer und Zusammenfasser
SZ: Zwanziger erhält alle Stimmen – bis auf eine aus Bochum
Stück für Stück aus dem Amt gedrängt
Daß Mayer-Vorfelder vor zwei Jahren durch die Installierung der „Doppelspitze“ langsam, aber zielgerichtet von Zwanziger entmachten worden sei, meint Andreas Rüttenauer (taz): „Der Abgang des streitbaren Funktionärs ist alles andere als glanzvoll. Daß so viel Schatten auf den betagten Sonnenkönig aus dem Ländle gefallen ist, dafür hat sein Nachfolger gesorgt. Theo Zwanziger gibt gerne den braven Funktionär, der sich dem Amateurlager verpflichtet fühlt und dessen weiches Herz vor allem für den Frauenfußball schlägt. Der brave Jurist hat Gerhard Mayer-Vorfelder Stück für Stück aus dem Amt gedrängt. Ein machtpolitisches Meisterstück. (…) Nun regiert Zwanziger im DFB. Ein leiser Machtmensch folgt dem lauten Funktionärstrampel.“
Früher hätte Mayer-Vorfelder den Regierungsbeamten Zwanziger in der Pfeife geraucht
Josef-Otto Freudenreich (StZ) beleuchtet Mayer-Vorfelders Stärken: „Gerhard Mayer-Vorfelder war einfach schlau. Als Jurist wußte er, wo die Fallgruben versteckt waren. Als Politiker wußte er, wie das Netz darüber zu spannen war. Als Mensch wußte er, wie es tragfähig zu halten war. Es klingt unglaublich angesichts der Heerscharen von Feinden, aber es war das herausragende Talent des Badeners und einstigen VfB-Präsidenten: Menschen gewinnen, jene, die er brauchte, um seine Macht zu sichern. Man kann das Seilschaften nennen oder, heute gängiger, Netzwerk, das ihn die ganzen Skandale, die manchmal auch nur Skandälchen waren, haben überleben lassen.“ Die Ablösung durch Zwanziger wertet Freudenreich als tiefe Niederlage Mayer-Vorfelders: „Am Ende hat dieses Talent gelitten. Sein kräftezehrender Lebenswandel – der Riesling und die Roth Händle – hat ihn geschwächt. Der Instinkt für die Intrige, die Trittsicherheit auf dem schmalen Grat des Machterhalts waren weggebrochen. So blieb er nur noch ein halber Präsident bei seinen Fußballern, widerwillig ertragen von Theo Zwanziger, einem ehemaligen Regierungspräsidenten, den er früher in der Pfeife geraucht hätte.“
Zuverlässiger Produzent von Possen jeglicher Couleur
Christof Kneer (SZ) versucht, Mayer-Vorfelders Vita zu zählen: „Sagt man nicht, dass man Scheidenden nur das Beste nachrufen soll? Kann man das bei einem wie EmmVau, dessen chronique scandaleuse gehaltvoller ist als ein guter Trollinger? Kann man sie einfach verschweigen, die Lotto-Affäre 1994, die Graf-Affäre 1996 – oder auch den Hoyzer-Skandal 2005, für dessen zögerliche Aufarbeitung er der politisch Verantwortliche war? Kann man verschweigen, daß er 2001 den DFB-Vorsitz übernahm und nur bis 2004 brauchte, um den Verband in zwei Lager zu spalten, wobei das eine Lager aus dem Verband bestand und das andere aus ihm? Kann man verschweigen, daß aus seiner Amtszeit kein nachhaltiges gesellschaftliches Programm überliefert ist, im Gegensatz zu Zwanziger, dem die soziale Seite des Spiels ein dominierendes Anliegen ist?“
Stefan Osterhaus (NZZ) ergänzt: „Noch immer, in den Stunden des Abschieds, polarisiert er nicht nur. Nein, Mayer-Vorfelder stößt nach wie vor auf offene Ablehnung. Vorwürfe bekommt er von vielen Seiten zu hören. MV hat sich auf seinem Weg durch die Institutionen als zuverlässiger Produzent von Possen jeglicher Couleur einen Namen gemacht.“ Auf Spiegel Online liest man: „Auf dem Spielfeld der Politik gab er am liebsten den Rechtsaußen, als Fußballfunktionär polarisierte er wie kein zweiter.“
FAZ-Interview mit Theo Zwanziger(vor der Wahl)
Bundesliga
Der Fußball von heute hat zwei Gesichter: betörend schön und abstoßend häßlich
Entrüstung über den Vertragsbruch Dieter Heckings in Aachen
Gerd Schneider (FAZ) empört sich über den Vertragsbruch Dieter Heckings und das Werben Hannovers und nimmt den Fall als Anstoß, über die Sitten der Branche zu sinnieren: „Selbst in der an kuriosen Personalien nicht armen Bundesliga dürfte Heckings fliegender Wechsel zu diesem Zeitpunkt und unter diesen Umständen beispiellos sein. Aber man hat sich im Fußball ja an vieles gewöhnt: an das Mediengetöse, an unanständige Gagen, an das besinnungslose Heuern und Feuern oder an Manager, die einen Klub wie Borussia Dortmund gegen die Wand fahren und trotzdem mühelos einen anderen Verein finden.“
Dem Grund, den Hecking für den Ortswechsel angibt, nämlich die Familie, nimmt Frank Heike (FAS) die Plausibilität, weil er sich sich an Heckings letzten abrupten Vereinswechsel erinnert, vom norddeutschen Lübeck nach Aachen: „Hecking wollte dem grün-weißen Traditionsklub treu bleiben, doch als ein Angebot aus Aachen kam, war er ganz schnell weg. Damals wie heute galt: Familie hin, Familie her – wie jeder andere Kollege auch begreift Hecking den Trainerjob als Beruf mit vielerlei großartig vergüteten Aufstiegsmöglichkeiten. Trotzdem mag man seine Tränen des Abschieds verstehen.“ Angesichts Hannoveraner Gepflogenheiten empfiehlt Christian Zaschke (SZ): „Er will bei der Familie sein. Das mag nett klingen, doch sollte Hecking die Mechanismen des Marktes (besonders in Hannover) gut genug kennen, um zu wissen, dass dies eine Nähe auf Zeit ist.“
Nachdem ihm noch ein Beispiel aus England einfällt, weiß Schneider nicht mehr ob er sich vom Fußball abwenden soll, aus Furcht, zu Stein zu erstarren: „Aus der Premier League, wo der Fußballkapitalismus noch zügelloser tobt, kam dieser Tage die Kunde von zwei argentinischen Nationalspielern, für die ihre Verkäufer eine Einsatzgarantie vertraglich festlegen ließen. Alles ganz normale Auswüchse eines Geschäfts, das sich gewöhnlichen Maßstäben längst entzogen hat und nach seinen eigenen Gesetzen funktioniert. Der Fußball von heute hat zwei Gesichter, Helena und Medusa zugleich: betörend schön und abstoßend häßlich.“
Block11: Fünf Gründe für Bad Neuendorf, die Heimat Heckings
Sonntag, 10. September 2006
DFB-Pokal
Links zur ersten Runde des DFB-Pokals
FAZ-Kommentar: Pannentour durch die Provinz
FR-Kommentar: Uli Hoeneß hat mit seiner Kritik am Terminkalender recht
Sehr lesenswert! Udo Muras (WamS) findet heraus, daß einigen Amateurklubs ein Erfolg im DFB-Pokal nicht gut bekommen ist
FR: St.Pauli-Keeper Patrick Borger rettet seine Mannschaft gegen die großen Bayern in die Verlängerung, ehe ihm ein folgenschwerer Fehler unterläuft
Tsp: Nur Lukas Podolski überzeugt
FAS-Interview mit Mark van Bommel
FR: Bremen verliert in Pirmasens
Tsp: Nach der Blamage bei den Stuttgarter Kickers wirkt Trainer Thomas Doll ratlos
BLZ: Doll befindet sich in seiner kniffligsten Phase
faz.net: Dicke Luft in Bremen und Hamburg
BLZ: Hertha BSC Berlin baut beim mageren 1:0 in Darmstadt vor allem seinen Gegner auf
FR: Frankfurt tut in Siegen nur das Nötigste
FR: Mainzer von Saarbrücken für fehlenden Elan bestraft
taz: Westfalia Herne verliert 1:2 gegen den Zweitligisten Aue. Dennoch feiert der Traditionsverein aus dem Ruhrpott eine große Party – sogar Schauspieler Joachim Król beehrte seine Heimatstadt
FR: Glanzloser Sieg der Offenbacher Kickers in Bayreuth
BLZ: Dem Oberligisten Babelsberg gelingt mit dem 2:1 gegen Hansa Rostock eine Überraschung
taz: Nur ein paar Minuten Ruhm: Trotz zwischenzeitlicher Führung scheidet der westfälische Kleinstadtverein SC Delbrück gegen Freiburg aus
taz: Tennis Borussia Berlin verliert 1:3 gegen eine nur mittelmäßige Mannschaft aus Karlsruhe
Freitag, 8. September 2006
Internationaler Fußball
Keine Kollateralschäden für die bilateralen Ballbeziehungen
3:1 gegen Italien – Christian Eichler (FAZ) drückt seinen Beifall über die Vielfalt in Frankreichs Spiel aus: „Frankreich war noch vor einem Jahr ein spielerischer Pflegefall, jede Phantasie erstickt von der Angst, die Spielkontrolle zu verlieren. Es war Folge einer zehnjährigen kreativen Monokultur im Spielaufbau, der Monokultur Zidane. Mit dessen Rückkehr vor einem Jahr begann die Wende zur alten Klasse, sie vollzog sich mit den WM-Siegen gegen Spanien und Brasilien. Das überraschendste ist nun, daß anders als nach der EM 2004, als Zidane schwach war und Frankreich ohne ihn noch schwächer wurde, Frankreich nach der WM 2006, wo er glänzte, ohne ihn noch mehr glänzt. Ohne Zizou, den großen, tragischen Helden – mit Govou, dem Kleindarsteller.“ Sydney Govou schießt zwei Tore und macht den französischen Trainer zum Gewinner: „Govou gegen den Weltmeister aufzubieten gehört zu den rätselhaft richtigen Entscheidungen, die mehr und mehr die Statur und Autorität des noch vor drei Monaten höchst umstrittenen Domenech ausmachen.“ Peter B. Birrer (NZZ) ergänzt: „Seit der WM ist Domenech im Steigflug. Er scheint unantastbar.“
Erleichtert registriert Eichler, daß Feindseligkeit ausbleibt: „Und was war nun mit der vielbeschworenen ‚Revanche‘? Die Zuschauer hörten zwar nicht auf Domenechs Bitte und pfiffen während der italienischen Hymne. Doch bei der Schweigeminute für Giacinto Facchetti schwiegen sie, und während des Spiels blieb die Stimmung im zivilen Rahmen. Keine Kollateralschäden also für die bilateralen Ballbeziehungen, anders als nach der Affäre Schumacher/Battiston 1982, als man einige Zeit brauchte, um zwischen Deutschland und Frankreich wieder ganz unbelastet Fußball zu spielen.“
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Deutsche Elf
Ein Ergebnis aus der Gründerzeit des Fußballs
Die deutsche Presse hat Spaß am 13:0 gegen San Marino, doch manche Experten ziehen den Sinn solcher Spiele in Zweifel
Aus „dem großen Preisschießen von San Marino“ (FAZ) zieht die deutsche Presse zum Teil ernstere Schlüsse als erwartet. Ludger Schulze (SZ) hat „selten eine so talentierte und charakterlich intakte Mannschaft“ erlebt. „Diese Nationalmannschaft bereitet reine Freude.“ Matti Lieske (BLZ) freut sich über den Willen zum Tor, denn „andere Teams, auch frühere deutsche, hätten spätestens nach dem 6:0 zehn Gänge zurückgeschaltet“, und hebt einen Spieler heraus: „Diese Partie hatte sogar einen Gewinner im Team: Bastian Schweinsteiger, der sich zur zentralen Figur im spielerischen Bereich entwickelt. Immer besser versteht er es, Situationen zu erkennen, den Rhythmus zu variieren, überraschende Aktionen einzuleiten. Außerdem verfügt er über die seltene Gabe, mit seinen Schüssen fast immer das Tor zu treffen.“ Lieske macht die Ernsthaftigkeit, mit der die Deutschen das Spiel angegangen sind, an David Odonkor fest: „Taktisches Foul im Mittelfeld bei zweistelliger Führung, darauf muß man erstmal kommen.“ Klaus Bellstedt (stern.de) packt die EM-Qualifikation in trockene Tücher: „Die deutsche Nationalmannschaft läßt derzeit keinen Zweifel daran aufkommen, daß sie die Hürde ohne Problem nehmen wird. Die riesige, ja fast schon erdrückende Erwartung im eigenen Land hat das Team nicht gehemmt. Im Gegenteil.“
13 Tore! Michael Horeni (FAZ) blättert in den Annalen: „Ein Ergebnis wie aus der Gründerzeit des Fußballs. Die Statistik wurde für das deutsche Team bei dem fast schon absurden Vergleich zwischen dem Weltmeisterschaftsdritten und der Nummer 191 der Weltrangliste zum einzigen Maßstab, der noch für Verblüffung sorgen konnte. Der tatendurstige Jahrgang 2006 kratzte mit dem guten Dutzend Volltreffern an der Rekordmarke aus der Kaiserzeit – wohlgemerkt, nicht der von Franz, sondern der von Wilhelm –, als eine deutsche Auswahl bei den Olympischen Spielen 1912 in Stockholm gegen Rußland mit einem 16:0 noch Ruhm und Ehre fürs Vaterland einlegte.“
Wie von Bohlen angelabert
Das Streiflicht (SZ) schildert sein Mitleid mit den Verlierern anschaulich: „San Marino war Deutschland so unterlegen, so klein, so schwach, daß man das Gemüt eines Pitbulls hätte haben müssen, um sich dieser Elf am Fernseher nicht nah zu fühlen. Wer keine Fans hat, hat umso mehr Brüder, die sich ihrerseits unterlegen, klein, schwach vorkommen. Das 13:0 war der höchste Auswärtssieg des DFB, aber es bleibt doch nur eine Zahl. Das 0:13 dagegen läßt Gefühle frei. Wer im vierten Wahlgang nicht zum Ministerpräsidenten gewählt wird, wem die Stimme bricht beim Vorsingen, und wer sich dann noch von Dieter Bohlen dumm anlabern lassen muß – der kennt das Gefühl, 0:13 zu verlieren.“
Wo den Strich ziehen zwischen Groß und Klein?
Einige Offizielle fordern eine Art Vorqualifikation für die „Kleinen“, Arsene Wenger und Oliver Bierhoff sind die prominentesten Vertreter. Schulze (SZ) kann die Zweifel am Sinn eines Spiels zwischen San Marino und Deutschland verstehen: „Angesichts des uneinholbaren Klassenunterschieds ist der Lerneffekt gleich null. Und die Beklemmung, beim Rückspiel in Deutschland in eine Weltrekord-Niederlage zu stolpern, sollten die Sanmarinesen jetzt schon spüren. In Anbetracht eines kräftezehrenden Terminplans mit bis zu 70 Partien pro Saison stellt sich durchaus die Frage, ob solche David-Goliath-Spielereien wirklich nötig sind. (…) Im Boxen hat man Gewichtsklassen eingeführt, damit nicht einer mit 50 Kilo von einem 200-Pfünder ins Jenseits befördert wird. Im Rudern fahren Einer und Achter in verschiedenen Rennen, zu acht tut man sich eben deutlich leichter als einer allein im Kampf gegen Wind und Wellen.“
Jörg Hanau (FR) hält dagegen: „Luxemburg ist in der Fünfjahreswertung der Uefa nur fünf Ränge besser platziert als Schlußlicht San Marino, die Färöer gar nur drei. Wo also den Strich ziehen zwischen Groß und Klein, wenn selbst Irland unter 52 europäischen Verbänden nur an Nummer 40 gelistet wird?“
Donnerstag, 7. September 2006
Ascheplatz
Ein Verbot der Staatsmonopole wäre konsequent
Die deutsche Wirtschaftspresse bezichtigt die Landespolitiker der Heuchelei, weil sie unter einem Vorwand das Glücksspielmonopol beanspruchen – Mangelnde Transparenz englischer Klubs zieht ausländische Investoren an (FTD)
Neues altes in Sachen Glücksspiel: Die Länder haben den Ball mit aller Kraft zurückgeschlagen, den ihnen das Bundeskartellamt zugespielt hat. In einer Erklärung hat es die Liberalisierung des Marktes zu einer Erhöhung des Wettbewerbs freigegeben, indem es feststellt, daß es sich bei Lotterie nicht um eine hoheitliche Aufgabe handele. Doch die Länder weigern sich, ihr Monopol aufzugeben – unter dem Vorwand der Suchtbekämpfung. Die Presse, nicht nur wie wirtschaftsliberale, reagiert mit Unverständnis auf die Heuchelei der Politiker.
Angst um das lukrative Monopol
Die SZ entlarvt den wahren Grund der Monopolbefürworter: „Sinnvoll wäre eine vorsichtige Öffnung des Marktes, etwa bei den Sportwetten. Warum sollen Fußballfans oder Motorsportfreunde nicht weiter bei privaten Anbietern tippen, die der Staat zuläßt und beaufsichtigt? Schließlich gibt es in Deutschland schon längst – von den Ländern kontrollierte – private Spielbanken. Und in denen läßt sich viel mehr Geld verlieren als beim Toto. Hier hätte der Staat schon vor Jahren eingreifen können und müssen, um seine Bürger vor der Gefahr zu bewahren, Haus und Hof zu verzocken. Die Finanzminister haben zusätzliche Auflagen aber verhindert, weil das die Erlöse der Casinos und die Abgaben an die Länder geschmälert hätte. Das soll jetzt plötzlich nachgeholt werden; auffällige Spieler sollen zu ihrem eigenen Schutz gesperrt werden. Das geschieht aber nicht aus Überzeugung, sondern aus Angst um das lukrative Monopol.“
Recht muß weichen
Die FAZ fügt hinzu: „Wenn es um Geld geht, muß das Recht weichen. Nach diesem Motto verfahren die Länder im Lottostreit. Schließlich können sie selbst neues Recht setzen. Und wer wollte ihnen verdenken, daß sie sich fest an ihr lukratives Lottomonopol klammern und es mit allen Mitteln verteidigen? Aber es gibt eben nicht nur das Recht der Länder auf Besitzstandswahrung. (…) Wenn es eine Sucht unter den vielen Millionen Lottospielern geben sollte – das wird vom Kartellamt verneint –, dann muß der Staat diese bekämpfen. Dürfte es dann aber überhaupt staatliches Lotto geben?“
Fiskalisches Interesse im Vordergrund
Die NZZ verweist auf die Rechte des Verbrauchers: „Das Bundeskartellamt zerstört die staatlichen Monopole nicht – denn dazu besteht keine Befugnis –, sondern öffnet sie im Interesse der Konsumenten teilweise dem Wettbewerb. Das ist nichts als billig. Wenn es erlaubt ist, daß Bürger ihr Geld mit Lotto-Spielen und Wetten ausgeben, dann bitte zu den attraktivsten Bedingungen, die ein freier Markt zu bieten hat. Sollten tatsächlich Schutzbedürfnisse bestehen, so sind diese durch eine geeignete Regulierung und Aufsicht zu verfolgen. Das wird zwar von den Ländern vorgeschoben, aber, wie das Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Fall von Sportwetten moniert, nicht wirksam umgesetzt. Das fiskalische Interesse steht klar im Vordergrund. Deshalb wäre gar ein Verbot der Staatsmonopole konsequent.“
Wer nicht spielt, hat schon verloren
Hans Leyendecker (SZ) beklagt das Zeitspiel der Politiker: „Daß ausgerechnet die Bundesländer, deren Regierende sich gern marktradikal geben, in eigener Sache Monopolisten sein wollen, ist ein echtes Ärgernis. Ärgerlich ist auch, daß vor der Entscheidung des Kartellamts aus politischen Kreisen signalisiert wurde, die Gesellschaften würden einer solchen Entscheidung des Bundeskartellamts nicht folgen – jedenfalls nicht sofort. Man werde notfalls jahrelange Rechtsstreitigkeiten in Kauf nehmen. Das klingt nach Oddset: ‚Wer nicht spielt, hat schon verloren‘.“
Einseitige Interpretation
Der halbe DFB-Präsident Theo Zwanziger im Tagesspiegel verweist auf europäisches Recht: „Wir wollen nicht als Besserwisser der Nation auftreten. Aber ich kann mir nicht vorstellen, daß in der europäischen Entwicklung Monopole noch lange Bestand haben. Alle, die das geglaubt haben, wurden überrollt, als beispielsweise das Bosman-Urteil kam. Ich habe das Gefühl, daß es den Bundesländern bei dem, was sie machen, auch so geht. Das Bundesverfassungsgerichtsurteil wird von ihnen zu einseitig interpretiert. Sie glauben, wenn man Werbung bei Sportwetten verbietet, könnte man sie bei Lotto trotzdem machen. Das geht eben nicht. Dahinter steht die Befürchtung, daß ihnen die Lotterie aus der Hand gleitet, und ich fürchte, genau das wird kommen, und sie sind auf diese Situation nicht eingestellt. Das ist fast ein Schildbürgerstreich, was man da gerade erlebt.“
Die Entscheidung des Bundeskartellamts (pdf)
Keine Transparenz
Raphael Honigstein (FTD) setzt der alarmistischen Spekulation über die geheimnisvollen, irgendwie russischen Transfers der argentinischen Stars Tevez und Mascherano zu West Ham United ein Stopp-Schild: „Die Realität ist profaner, als sie sich Verschwörungstheoretiker ausmalen. Die von mysteriösen Investoren aus der ehemaligen Sowjetunion finanzierte Firma MSI – Abramowitsch ist an ihr entgegen der landläufigen Meinung nicht beteiligt – hat sich nach dem Einstieg in São Paulo mit der verbliebenen Vereinsführung überworfen. Trotz Großinvestitionen in neue Spieler blieb der Erfolg aus, in 18 Monaten wurden sechs Trainer verschlissen. Mit dem siebten, Emerson Leão, kamen Tévez und Mascherano nicht zurecht. Passende Angebote aus Europa ließen aber auf sich warten.“ Die Anziehungskraft englischer Vereine auf Geldleute aus dem Ausland erklärt Honigstein so: „Wegen den Firmenstrukturen der Klubs gibt es so gut wie keine Transparenz, auch das zieht internationale Investoren an. Der hilflose Verband hofft auf die Politik, eine europaweite Kommission soll Empfehlungen aussprechen.“
FAZ: Neue Stadionnamen setzen sich bei den Fans nur langsam durch
FR-Kommentar zum Thema Stadionumnennung