indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Mittwoch, 16. August 2006

Deutsche Elf

Der nette Herr Löw – ein überwundenes Vorurteil?

Heute bestreitet Joachim Löw sein erstes Spiel als hauptverantwortlicher Bundestrainer; die deutschen Zeitungen gewähren ihm einen Vertrauensvorschuß, man hat seit seiner Berufung zum Nachfolger Jürgen Klinsmanns kaum eine kritische Stimme vernommen – und das, obwohl Löw vor zwei Jahren als ein talentierter, aber für höhere Aufgaben ungeeigneter Trainer galt. Die damalige Skepsis ist nun überlagert von den zwei erfolgreichen Jahren des DFB-Teams, an deren Zustandekommen die Presse Löw teilweise ein sehr großes Zutun einräumt. Jedoch lesen sich die heutigen Urteile, Löw sei durchaus ein erfahrener und erfolgreicher Trainer, wie Beteuerungen. Beteuerungen gegen ungeäußerte Kritik, Löw fehle die Strenge und das Profil, das man für einen solchen Posten benötige. Noch ungeäußert, denn die Kritiker haben Feuerpause.

Mathias Schneider (Stuttgarter Zeitung) hat sich in Stuttgart, Löws erster Trainerstation von 1996-98, mal umgehört und in den Archiven gestöbert. Seine damaligen Wegbegleiter können anscheinend nur Gutes über Löw berichten; von Stil und Respekt gegenüber seinen Spielern ist die Rede. Jedoch scheint Löw zu gut (oder zu gutmütig) gewesen zu sein: „Respekt, Stil – das wurde ihm als Führungsschwäche ausgelegt. Gerhard Mayer-Vorfelder (der damalige VfB-Präsident, if) entließ Löw. Der VfB stand auf dem vierten Tabellenplatz, er hatte das Europapokalfinale gegen Chelsea erreicht. Einige Rädelsführer suchten dennoch das Gespräch beim Präsidenten. Sie fanden ein offenes Ohr. ‚Mayer-Vorfelder hat Löw von Anfang an auf dem Kieker gehabt‘, sagt einer, der nicht nachträglich in einen vergangenen Konflikt gezogen werden will. Der Boss bevorzugte Führungskräfte, die eher kernig und weltmännisch daherkamen. Löw war ruhig, zuvorkommend – das war verdächtig.“

Halbautonomer C-Trainer

Auch Stefan Osterhaus (taz) erinnert sich an den anfänglichen Erfolg Löws: „Zumindest die frühen Jahre zeigten erfolgreichen Fußball. Das notorische magische Dreieck – Balakow, Elber, Bobic – spielte unter Löw beim VfB immerhin um den Europacup der Pokalsieger, was manche schon vergessen haben, die Löw auf seine eher unglückliche Episode beim Karlsruher SC und ein gescheitertes Engagement bei Austria Wien reduzieren.“ Schneider hätte mit einigen anderen Beobachtern gerne erlebt, wohin Löw den VfB geführt hätte: „Noch heute behaupten Menschen, daß der VfB damals die große Chance verpaßt habe, etwas Bleibendes zu schaffen. Am Ende blieben zwei Parteien, die verloren hatten: Auf der einen Seite der Klub, der mit dem Nachfolger Winfried Schäfer ein Waterloo erlebte. Auf der anderen Seite der Jungtrainer Löw, als ‚netter Herr Löw‘ tituliert. Er wurde dieses Stigma, zu weich für diese rauhe Fußballwelt zu sein, nie mehr ganz los. Wo das Vorurteil herrührt, ob es gerechtfertigt war, das fragte niemand mehr.“

Doch wo und warum hat Löw die Spur nach oben verlassen? Schneider findet den Karriereknick in Löws Ungeduld, die ihn auf erstbeste Pferde, zum Beispiel Austria Wien und Fenerbahce Istanbul, hat setzen lassen: „Statt auf eine wirkliche Chance zu warten, vertraute er sich solchen Arbeitgebern an, die von Turbulenzen erfaßt oder von wenig zimperlichen Magnaten geführt wurden. Die Sehnsucht nach Fußball ließ ihn unvorsichtig werden.“ Löws Arbeit unter Klinsmann wertet Schneider als Gewinn: „Erst im Schoße des DFB fand Löw an der Seite von Klinsmann eine wirkliche berufliche Heimat. Erst dort schärfte er sein Profil, brachte seine Persönlichkeit so in der Öffentlichkeit durch, wie sie seinem wahren Charakter entspricht.“ Philipp Selldorf (SZ) stimmt zu, auf Löws enorme Befugnisse als Klinsmanns Co-Trainer verweisend: „In seiner halbautonomen Rolle setzte er eigene Beschlüsse durch, zum Beispiel die Nominierung David Odonkors für den WM-Kader.“

Als Vorzug betrachtet Osterhaus die Tatsache, daß der Trainer Löw in der Schweiz ausgebildet und sozialisiert worden ist, „deren an Erfolgen nicht eben reiche Fußballtradition es erst gar nicht erlaubt, in Selbstgefälligkeit zu verfallen. Wahrscheinlich rührt daher die Haltung, neue Methoden nicht ungeprüft als Unfug zu verwerfen und den Spielern Gummibänder anzutragen, wenn es ihm sinnvoll erscheint.“

FAZ- Portrait Manuel Friedrich, „mittendrin statt nur im Stadion dabei“

Dienstag, 15. August 2006

Internationaler Fußball

Aktuelle Links

Steigt das Interesse an Österreichs Fußball, weil dort in zwei Jahren die EM stattfinden wird? Oder weil zwei Männer von Welt, Trapattoni und Matthäus, dort arbeiten? Der Zusammenfassung des 5. Spieltags von Werner Pietsch (NZZ) entnehmen wir eine mögliche Motivation für Trapattoni, nach Salzburg gekommen zu sein: „Nicht nur das fürstliche Salär soll dem 67-jährigen Trapattoni das Leben in der Geburtsstadt Mozarts angenehm erleichtern. Die Aussicht auf manchen kulturellen Höhepunkt im mondänen Salzburger Kulturleben soll den Italiener zusätzlich motiviert haben, nach Österreich zu kommen. Der Klassik-Liebhaber, der mehrere hundert CD in den Regalen stehen hat, soll zwischen ‚Jedermann‘ und ‚Don Giovanni‘ schon einige kulturelle Events der Festspielstadt genossen haben.“ Die Frage drängt sich auf: Welche Mozart-Oper hat Matthäus nach Salzburg gelockt?

NZZ: Hollands Eredivisie vor dem Saisonstart: Schließt AZ Alkmaar in seinem neuen Stadion zu den Großen Drei auf? Wie verwaltet Ronald Koeman Guus Hiddinks Erbe beim PSV Eindhoven? Wird der FC Groningen zur Überraschungsmannschaft?

American Arena: Aston Villa demnächst in den Händen eines amerikanischen Milliardärs aus dem Kreditkartengeschäft, der auch einen NFL-Klub besitzt, die Cleveland Browns
allesaussersport: „Anders als bei ManU sehen die Fans der Übernahme eher optimistisch entgegen und hoffen daß der neue Besitzer den Trainer O’Neill mit reichlich Geld für Spielereinkäufe segnet.“
NZZ: Trainer Martin O‘Neill neuer Visionär im Villa Park

Tsp-Interview mit Dunga, dem neuen Nationaltrainer Brasiliens

Bundesliga

Grünweißer Sturmwirbel

Die Dienstagsausgaben der deutschen Zeitungen würdigen das erste Spiel der Bremer, das „zauberhafte“ 4:2 in Hannover (FAZ). Besondere Beachtung erfährt Bremens Zugang Diego; durch den Vergleich mit seinen etablierten Mitspielern hebt Frank Heike (FAZ) Diegos Einzelleistung hervor: „Das vielleicht Erstaunlichste an Diegos Premierengala war, daß er das praktisch ohne die Mithilfe seiner Kollegen geschafft hatte: Tim Borowski spielte so schwach, daß er ausgewechselt wurde, Torsten Frings war meilenweit von seiner WM-Form entfernt und Frank Baumann nach langer Verletzung noch mit sich selbst beschäftigt. Ohne Assistenten kurbelte Diego das Bremer Offensivspiel allein an.“ Heike verweist aber auch auf Bremens Einwechselspieler, von denen zwei, Almeida und Jensen, ins Tor treffen: „Daß die Bremer dieser furiose Start in die Serie gelang, lag im Grunde aber weniger an Diego als an der besonderen Werder-Qualität der Spielzeit 2006/07: Nie war die Bank besser besetzt.“ Sattsehen kann sich Heike an Bremen nicht: „Natürlich weiß man von Werder, daß es Rückstände immer aufholen kann, gleichgültig, wie der Gegner heißt. Doch wenn der grünweiße Sturmwirbel entfacht wird, ist es immer wieder ein Erlebnis, im Stadion dabeizusein.“

FR-Portrait Diego, Bremens „kämpfendem Künstler“
Ein sehr lebendiger Spielbericht in der taz: über Jiri Stajner, das „böhmische Knödelchen“
Tsp-Interview mit Thomas Schaaf über die Rückkehr in den Alltag nach einer berauschenden WM

Tsp: Hertha BSC gibt sich mit einem mäßigen 0:0 beim VfL Wolfsburg zufrieden

Bewährungslauf in 34 Etappen

Sven Goldmann (Tsp) betrachtet die Nominierung Malik Fahtis in die Nationalelf als Ernte der Berliner Jugendarbeit: „Hertha BSC mag einiges falsch gemacht haben in den vergangenen Jahren, wirtschaftlich und sportlich. So ganz zufällig sammeln sich nicht Verbindlichkeiten in zweistelliger Millionenhöhe an, und die Qualifikation für den UI-Cup ist auch nicht gerade das Traumziel eines ambitionierten Vereins. Aus der Not aber hat Hertha die einzig richtige Konsequenz gezogen. Trainer Falko Götz läßt die jungen Leute spielen, die der Verein ausbildet. Hertha erinnert in diesen Tagen ein wenig an den VfB Stuttgart unter Felix Magath.“

Stefan Osterhaus (NZZ) läßt sich von dem 2:0 der Bayern gegen Dortmund nicht blenden und kritisiert mit der Vereinsführung Felix Magaths Ergebnisprimat: „Mangelnde Risikofreude ist das eigentliche Problem von Magath. Und wenn selbst die Vereinsführung die Notwendigkeit erkennt, dem Publikum nach Jahren im Zeichen des Sicherheitspasses ein wenig mehr Spektakel zu gönnen, dann bedarf es keiner Prophetie, um festzuhalten, daß Magaths dritte Saison ein Bewährungslauf in 34 Etappen samt Steigerungsläufen in der Champions League sein wird, die München seit Jahren Erfolge verweigert. Magaths Vertrag wurde nach dem zweiten Double in Folge nur um ein Jahr verlängert, die Forderung, das Team und im Besonderen die Jungen voranzubringen, ist eine Botschaft ohne Chiffre. Denn zum ersten Mal seit Jahren klingt die von Uli Hoeneß verkündete Prognose, daß diese Saison angesichts starker Mitbewerber spannend werde, nicht nur nach einem Utensil aus der guten Kinderstube.“

Ascheplatz

Ascheplatz

Deutsche Elf

Alle Zutaten für eine gepflegte Eskalation

Der Zwist zwischen Matthias Sammer und Oliver Bierhoff um Nachwuchspersonalien – Zeichen eines Dauerkonflikts im DFB oder nur eine Kommunikationspanne?

Die Zusammenarbeit zwischen Bundestrainer Joachim Löw und Manager Oliver Bierhoff auf der einen und DFB-Sportdiektor Matthias Sammer auf der anderen Seite gestaltet sich schwierig und wird sich schwierig gestalten. Sammer hat Erich Rutemöller und Horst Hrubesch in wichtige Positionen (U20- und U18-Coaches) gehievt, ohne Bierhoff und Löw nach ihrer Meinung zu fragen. Daß ihre Antwort über die Eignung der beiden Haudegen ablehnend ausgefallen wäre, läßt sich leicht ausrechnen. Bierhoff hat seinen Unmut über Sammers Entscheidung in einigen Medien anklingen lassen; der Geschäftsführende DFB-Präsident Theo Zwanziger übrigens versucht, den Konflikt als Kommunikationspanne darzustellen: „Der ganze Vorgang ist maßlos überbewertet. Es hat da vielleicht ein paar unvorsichtige Bemerkungen gegeben,“ zitieren ihn Agenturen. Doch wie in der Politik läßt sich nicht alles durch ein väterliches Wort in Harmonie auflösen; manche Interessen und Auffassungen sind nicht auf Dauer unter einen Hut zu kriegen. Jugendausbilder Sammer in der Klinsmann-Schule – kann das gutgehen? Michael Horeni und Jan Christian Müller, zwei Journalisten, die schon viele Jahre den DFB begleiten, haben in Gesprächen mit dem indirekten freistoss ihre Bedenken wegen Sammer geäußert.

Die Zeitungen nehmen sich dieses Themas an und unterziehen das Verhältnis zwischen den drei DFB-Spitzen einer kritischen Prüfung. Einige Kommentatoren glauben nicht, daß Löw und Bierhoff mit Sammer gemeinsam fruchtbringend säen werden. Andreas Lesch (BLZ) stellt heute die Vereinbarkeit der Ideen beider Antipoden in Frage: „Löw will, im Verbund mit Bierhoff, die Reformen auf die Jugendarbeit ausweiten. Er will mit dem geliebten frischen Offensivstil nicht nur die Köpfe der Nachwuchskicker erreichen, sondern auch ihre Beine. So ein Ziel braucht Zeit und viele Unterstützer. Das Problem ist, daß Sammer, der die Jugendarbeit koordinieren soll, nicht zu diesen Unterstützern gehört. Der Zwist zwischen den Kontrahenten ist grundsätzlicher Natur. Es fällt auf, wie scharf derzeit sogar die Dementis dieses Konflikts klingen.“

Akute Unstimmigkeiten zwischen den Rivalen

In seinem Kommentar vom Montag hat Lesch noch deutlicher den Gegensatz genannt: „Löw will die Neuerungen, die Klinsmann und er im A-Team etabliert haben, den Nachwuchsmannschaften des DFB näherbringen. Sammer unternimmt alles, um diese Absicht zu unterlaufen. Er hat Erich Rutemöller zum Coach der U20-Auswahl berufen – ausgerechnet jenen Übungsleiter, den Klinsmann im Mai 2005 wegen angeblich antiquierter Ansichten aus dem DFB-Trainerstab ausgeschlossen hatte. Dieser Affront zeigt, wie grundsätzlich sich die Auffassungen von Löw/Bierhoff und Sammer widersprechen. Im DFB duellieren sich Vorwärtsdenker und Rückwärtsdenker, Modernisierer und Traditionalisten. Der Konflikt, so scheint es, hat alle Zutaten für eine gepflegte Eskalation.“

Vorsichtiger, nämlich in Nebensätzen und in doppelten Verneinungen, formuliert Gregor Derichs (StZ) seinen Zweifel: „Problemfrei ist die Lage nicht. Bei der Entscheidung von Sammer, die Trainerstellen bei den Juniorenteams mit Rutemöller und Hrubesch zu besetzen, wurde Löw vor vollendete Tatsachen gestellt. Löw deutete nur an, daß Sammers Vorgehen nicht frei von Störungen blieb. Es ist ein Ziel des Bundestrainers, die Spielphilosophie der Offensivpower und die damit verbundenen Taktikstrategien auch im Nachwuchs durchzusetzen. Ob Rutemöller und Hrubesch, die als Vertreter alter Schule gelten, den Fußball moderner Prägung vermitteln können, wird kritisch gesehen.“ Die FAZ spricht in einem Vermittlungsversuch von „akuten Unstimmigkeiten zwischen den Rivalen Bierhoff und Sammer: Gute Freunde werden sie wohl nicht mehr; professionelle Partner aber müssen sie werden, soll die sportliche Leitung innerhalb des DFB auf Dauer überzeugend und synchron anmuten.“

Irritationen und Mißverständnisse

Der DFB hat nun, nach guter, deutscher Tradition, ein Kompetenzteam gegründet, dem neben Löw, Bierhoff, Sammer und Rutemöller auch DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt und der kommende Direktor Teammanagement, Wolfgang Niersbach, angehören; als externen Berater bringt Bierhoff Hockeytrainer Bernhard Peters ins Spiel. Ralf Köttker (Welt) pocht auf die Vorteile dieser Arbeitsgruppenbildung: „Daß sich die Gruppe um Bierhoff gegen die Berufung Sammers positioniert hat, belastet trotz aller gegenteiligen Bekundungen das Arbeitsverhältnis. Ein neues Gremium könnte Vorbehalte abbauen und Vertrauen bilden. Zumindest aber kann es verhindern, daß Kompetenzgerangel immer wieder öffentlich thematisiert wird. Damit wäre vor allem Löw geholfen. Er braucht ein ruhiges Umfeld, um die Mannschaft auf die EM-Qualifikation vorzubereiten.“ Andreas Lesch macht sich ebenfalls Sorgen um Löws Autorität: „Der neue Bundestrainer weiß, daß er diese Auseinandersetzung nicht als Verlierer beenden darf. Er muß jetzt sein Profil schärfen, er muß Stärke zeigen, er kann alles sein, nur nicht mehr der nette Herr Löw. Im September wollen die gegnerischen Lager sich treffen, um über die weitere Jugendarbeit zu sprechen. Es ist davon auszugehen, daß die Gesprächsatmosphäre wenig herzlich sein wird.“

Ob die Probleme damit behoben werden könnten, wenn Bierhoff und Sammer dauerhaft ein Büro in Frankfurt beziehen würden? Jan Christian Müller (FR) empfiehlt es zumindest: „Die Kräfteverhältnisse im DFB verschieben sich. Hier entsteht ein großes Machtvakuum, dort ein kleines. Kompetenzen sind noch nicht astrein verteilt, es kommt zu Irritationen und Mißverständnissen. Deshalb ist es gut, daß Bierhoff unterhalb des ebenso ehrenwerten wie ehrenamtlichen Präsidiums nun einen hauptamtlichen Sportvorstand bilden will und muß, der sich regelmäßig treffen soll. Bierhoff selbst muß sich dabei auch an die Kandare nehmen und öfter in Frankfurt auftauchen. Er hat sein Büro samt Assistentin am Starnberger See. Dennoch wundert er sich ein ums andere Mal, daß Entwicklungen aus der Frankfurter DFB-Zentrale an ihm vorbeilaufen – oder er, wie jüngst kritisiert, von Personalentscheidungen mit Verspätung erfährt. Nicht minder seltsam mutet an, daß Sammer bald nach Amtsantritt beim DFB von Stuttgart nach München zog und nicht nach Frankfurt, wo er an drei Tagen pro Woche seiner Arbeit nachgeht. Wenn man es nicht so leid wäre, könnte man glatt eine Wohnsitzdebatte inszenieren.“

taz: Über die Schweizer Prägung Löws – ein Gespräch mit Löws Mentor Rolf Fringer
Tsp: Wie Löw die Arbeit seines Vorgängers fortsetzen will – erster Auftritt als Bundestrainer
FR: Joachim Löw sucht in der Post-Euphorie-Ära noch immer nach einem Co
Welt: Bundespräsident Horst Köhler lobt die deutschen Spieler, was er in der Politik vermißt: Leidenschaft, Frische und Mut zur Offensive
faz.net: Die Nationalmannschaft bei Köhler: „Sie haben uns einen unvergeßlichen Sommer beschert“

Montag, 14. August 2006

Ball und Buchstabe

Günther Koch schien auf der Glatze Locken drehen zu wollen

Der erste Bundesliga-Spieltag der TV-Sender

Im Blickpunkt der Presse ist heute auch das Fußballfernsehen. Der neue Sender Arena bekommt von den Zeitungen insgesamt eine gute 3. Die SZ schreibt: „Man hat besseren (Hansi Küpper) und schlechteren (Erich Laaser) Reportern zugehört.“ Die BLZ stimmt zu: „Daß Arena so einen Spieltag stemmen kann, bezweifelt jetzt wahrscheinlich niemand mehr.“ Die ARD erhält den Rüffel der SZ: „Die gute alte Sportschau entwickelt sich immer mehr zur Spotschau, einer Plattform für Werbefilme.“

Olaf Sundermeyer (FAZ/Medien) hingegen lobt die Sportschau und erkennt Reinhold Beckmann fast nicht wieder: „Passend zur guten Sendung, scheint auch der Moderator über seine WM-Leistung nachgedacht zu haben: Vielleicht stört es Reinhold Beckmann ja, daß ihn viele Fußballfans wegen seiner selbstgefälligen Plattitüden als Modeschmuckanpreiser im Karstadt-Foyer sehen: Denn diesmal ist es ihm nur einmal passiert: ‚Mythen holen keine Punkte’, sagte er über den neuen Trainer der Mönchengladbacher und hielt sich sonst merklich zurück. Auch die Spielreporter waren gut drauf, Tom Bartels etwa, ein neuer Sportschau-Mann, mit sehr professionellen Kommentaren. Oder Gerd Gottlob, der schon bei der WM als Fachmann auffiel. Die neue ARD-Sportschau hat mehr mit Fußball zu tun.“

Kult-Radio-Kommentator Günther Koch irritiert bei seinem Debüt für Arena viele Zuschauer und Autoren. In der SZ lesen wir: „Koch entzieht sich allen Kategorien, er sang und säuselte, raunte und rüpelte. Das hatte nichts mit einer Fußballreportage zu tun, das war Kochs privater Poetry Slam.“ Tilmann Gangloff (FR) fügt hinzu: „Wer mit Kochs selbstverliebten Art nichts anfangen kann, wird seine umständlichen Formulierungen, den eigenwilligen Tonfall und die diversen Marotten rasch unerträglich finden. Koch ist das fränkische Pendant zum Ruhrpottplauderer Werner Hansch, der schon Heerscharen von Fußball-Fans in die Verzweiflung getrieben hat.“ Bernd Gäbler (Tsp) ist Koch mit seinen Sprachbildern um einen Schritt voraus: „Günther Koch schien unbedingt auf der Glatze Locken drehen zu wollen.“

taz: „Er ist das letzte Reservat des Heterosexuellen: der Fußballplatz. Ist die Bundesliga also eine homofreie Zone? Ausgeschlossen. Wäre es dann nicht an der Zeit, daß sich endlich mal ein schwuler Fußballer outet? Unmöglich“

SZ: Die Geschichte des Trikotsponsorings

Bundesliga

WM-Euphorie verflogen, Nürnberg kann oben mitspielen, HSV ohne Stützräder

Der 1. Spieltag der Saison 06/07 im Pressespiegel

Die Fußballexperten aus den deutschen Zeitungsredaktionen begreifen schnell, daß es wenig Sinn hat, die Bundesliga an der WM zu messen. So geben sie ihre Hoffnung, daß die Sommereuphorie auf den Alltag übergreifen könnte, nach dem ersten Spieltag auf. Rainer Moritz (FTD) hält seine Enttäuschung fest: „Wir sind in der irdischen Realität angelangt; die Bundesliga beginnt wie die letzte aufhörte, und mit dümpelnden Mittelmaß geht das nun 33 Spieltage weiter.“ Auch Ralf Köttker (Welt) beschreibt sein Montagmorgengefühl: „Auch wenn es die viele Funktionäre, Vereinsmanager und Fans noch nicht wahrhaben wollen: Mit der 44. Bundesligasaison ist der Alltag zurückgekehrt. Das besondere Flair der Weltmeisterschaft ist trotz voller Stadien und Nationalhymne zum Anpfiff verflogen.“

Rainer Seele (FAZ) pflichtet der Melancholie bei: „Das Bühnenbild hat wieder gewechselt, Klinsmann ist Vergangenheit, Public Viewing auch, der nächste Autokorso im Zeichen des Fußballs wird eine Weile auf sich warten lassen.“ Doch wirft er frohgemut ein: „Der Mikrokosmos Bundesliga benötigt als zusätzlichen Antrieb nicht die aufputschende Wirkung, die der WM zugeschrieben wird: Er hat sein eigenes, unverwechselbares Dasein. Facettenreich, ernüchternd, häufig aber auch spektakulär, manchmal sogar schillernd. Er bezieht seine Anziehungskraft aus sich selbst. Der erste Akt hat das bestätigt. Auch wenn manche Hoffnungen sich nicht erfüllten, wenn – etwa bei allen drei Aufsteigern – noch viele Wünsche offen blieben.“

WamS: „Der Rausch kehrt zurück – die Bundesliga startet mit großen Erwartungen in die Saison nach der WM; beim ersten Spieltag war die Begeisterung der Anhänger ungebrochen, sogar die Nationalhymne wurde gesungen. Allein auf dem Platz fehlte das Feuer“

Bochum, Aachen, Cottbus – euphoriefreie Zonen

Christof Kneer (SZ) findet es schade, daß die drei Aufsteiger am Saisonbeginn keine leichteren Spiele zugelost bekommen haben: „Es gehört zur Folklore eines Bundesligastarts, daß man die Aufsteiger feierlich willkommen heißt. Man freut sich, daß sich die Aufsteiger freuen, daß sie dazugehören, und man akzeptiert für ein paar Spieltage sogar das Wort Region, für die die Aufstiegseuphorie angeblich gut ist. In diesem Jahr aber muß man sich von Beginn an Sorgen machen um die Aufsteiger, die vom Spielplan so zielsicher klein gehalten werden, daß die Regionen Bochum, Aachen und Cottbus zu euphoriefreien Zonen werden könnten.“

Stuttgarts Sünden der Vergangenheit

Für die besten Nachrichten sorgt der 1. FC Nürnberg, 3:0-Sieger in Stuttgart. Roland Zorn (FAZ) traut den Nürnbergern nun viel zu: „Während der VfB und Trainer Armin Veh so schlecht wieder anfingen wie sie die vorige Spielzeit als 9. abgeschlossen hatten, führte der ‚Club‘ das Meyersche Aufbauprogramm konsequent fort. Es scheint, als hätten sich die Profis vom Valznerweiher die Mentalität ihres Chefs zu eigen gemacht: Breitschultrig, in sich ruhend und voller Vertrauen auf die eigenen Qualitäten. Meister muß der ‚Club’ ja nicht gleich werden, aber ziemlich weit oben mitspielen könnte er in schon.“ Und als ob wir es für einen Scherz halten könnten, beteuert Zorn: „Im Ernst: So wie der ‚Club’ derzeit gebaut ist, wäre das nicht einmal eine Überraschung.“

Im Gegensatz dazu sorgt sich Zorn um die anspruchsvollen Stuttgarter, die ernüchterten Verlierer des Wochenendes, insbesondere Veh: „Daß über den Cheftrainer schon nach dem ersten Spieltag diskutiert wird, macht die Aufgabe nicht leichter. Der nur mit einem Jahresvertrag ausgestattete Veh kämpft von Beginn an um die Glaubensbereitschaft und Lernfähigkeit seiner Spieler wie um die eigene Reputation. Eine schwierige Übung in einem Klub, der sich alle Jahre wieder zu Höherem berufen fühlt und noch auf der Suche nach einem Team mit Widerstandsgeist und Erobererdrang zugleich ist.“ Peter-Michael Petsch (Welt) ergänzt: „Zu sagen, Veh sei bei Fans und Verantwortlichen umstritten, ist noch eine Untertreibung.“

Christof Kneer (Süddeutsche Zeitung) vergleicht den erfolglosen VfB der neuen Saison mit dem erfolglosen VfB der alten Saison und führt die aktuelle Malaise auf Fehler in der Vergangenheit zurück: „Der VfB verliert jetzt anders als in der Vorsaison. Die neue Mannschaft hat in der Breite ein Talent zum gepflegten Fußballspiel, aber sie hat keine Spitze. Im Grunde muß man Teammanager Horst Heldt dafür belobigen, daß er den Mut zur Totalrenovierung einer chaotisch gemischten Elf hatte, aber er hat schon nach dem ersten Spieltag lernen müssen, daß man die Sünden der Vergangenheit nicht so einfach los wird. Die Fehler stecken so tief im System, daß sie sich fortgepflanzt haben bis in die neue Saison.“

FR: VfB in Schockstarre

HSV ohne Stützräder

Pustekuchen, Bayern siegt gegen Dortmund 2:0 – Klaus Hoeltzenbein (SZ): „Das 2:0 dürfte ein kleiner Schock für alle gewesen sein, die darauf gehofft hatten, daß sich Geschichte wiederholt. Daß der Primus aus München einen Ballack-Abschied nicht verkraftet und die WM noch lähmend in den Beinen hat. Ähnlich wie 1974, als Paul Breitner nach dem WM-Gewinn zu Real Madrid ging und die Spielzeit für den FC Bayern mit einem 0:6 bei Kickers Offenbach begann.“ Roland Zorn (FAZ) erkennt die neue Qualität Roy Makaays und notiert ein Plus für Felix Magath: „Vorn bestimmte Makaay die entscheidenden Szenen – und zwar in einer Doppelrolle: der des klassischen Strafraumstürmers und der des Chancenvorbereiters. Laufstark und spielfreudig wie lange nicht, wirkte der Niederländer mitreißend. Dank Makaays frischem Schwung in der doppelten Hauptrolle ging Magaths Schachzug optimal auf. Und so war auch der Trainer, dem mancher angesichts der ‚Klinsmann-Revolution‘ schon ‚altes Denken‘ unterstellte, einer der Gewinner an diesem für die Bayern wegweisenden Abend.“ Allerdings weist die SZ auf die netten Gäste aus Dortmund hin: „Einen besseren Aufbaugegner hätten sich die Münchner nicht wünschen können als jene Borussia, die gefällig mitspielte und bei besten Chancen den Torwart Kahn für die Saison warmschoß.“

Wie lauten die Urteile über die enttäuschenden Unentscheiden der Titelaspiranten der zweiten Reihe? Matthias Linnenbrügger (Welt) bringt das 1:1 des HSV, dem zwei Recken abhanden gekommen sind, auf den Punkt: „Die Mannschaft hat so gespielt wie ein Kind Fahrrad fährt, wenn zum ersten Mal die Stützräder abmontiert werden. Es fehlt an Sicherheit, am Gleichgewicht und in allen Bewegungen an der Stabilität. In Sergej Barbarez und Daniel van Buyten sind zwei absolute Führungsspieler abgegeben worden. Die Rechnung der Vereinsführung, die Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen, ging im ersten Spiel noch nicht auf.“ Frank Heike (FAZ) wirft Hamburgs Trainer zu hohes Risiko vor: „Der unzufriedene, ja erboste Doll wird sich ein paar Gedanken über sein Zutun zu dieser zweiten Enttäuschung der noch jungen Saison machen müssen. Schon das 0:0 im Acht-Millionen-Euro-Spiel gegen CA Osasuna war ja nur für bedingungslose Optimisten ein Erfolg, für Pragmatiker indes eine eher schmale Basis auf dem Weg zu Europas Spitze. Doll also mußte sich fragen lassen, warum er die halbe Mannschaft durcheinandergewirbelt hat, nur um Spitzenverdiener Nigel de Jong den geforderten Platz auf der rechten Mittelfeldseite zu liefern.“

Philipp Selldorf (SZ) bemerkt in Schalke beim 1:1 gegen Frankfurt die Dominanz des Worts – statt der Dominanz der Tat: „Die Schalker befinden sich wieder dort, wo sie schon in der vorigen Saison viel Zeit verbracht hatten: im Debattierzirkel. Zur Diskussion steht das Übliche, nämlich fast alles, was über Wohl und Wehe des Klubs entscheidet: die Effizienz des neuen Spielsystems, die Professionalität und charakterliche Verläßlichkeit des Teams und das persönliche Verhalten in Schlüsselsituationen.“ Richard Leipold (FAZ) referiert die Forschheit eines Schalker Neulings: „Ungeschickt war die Auskunft des Stürmers Halil Altintop. Neben Kevin Kuranyi und Peter Lövenkrands der Dritte im Bunde, war er als variabler, zielstrebiger Stürmer aufgefallen. Aber das genügte ihm nicht. Mit dem Selbstbewußtsein eines zwanzigmaligen Torschützen aus Kaiserslautern gekommen, forderte er am neuen Arbeitsplatz sogleich einen Systemwechsel. Doch daraus wird erst einmal nichts. Wer wie Mirko Slomka von den Profis auf dem Platz ‚totale Dominanz fordert’, kann und darf nicht beim ersten Rückschlag einknicken, zumal das System bis zum Elfmeter mit prallem Fußball-Leben gefüllt war.“ Auch die SZ verteilt eine gute B-Note für Schalke: „So viel hohe Spielkultur gab es selten in den nunmehr fünf Jahren, die der FC Schalke in seiner Arena spielt. In dieser ersten Stunde der Saison sah es tatsächlich so aus, als hätte die Mannschaft genau die Fortschritte gemacht, die den Anspruch von Slomka rechtfertigen, um den Gewinn der Meisterschaft mitzubieten.“

taz-Bericht FSV Mainz–VfL Bochum (2:1)

Tsp: Aufsteiger Aachen kann mit Leverkusens Tempo nicht mithalten
taz-Bericht Bayer Leverkusen–Alemannia Aachen (3:0)

taz-Bericht Borussia Mönchengladbach–Energie Cottbus (2:0)

Freitag, 11. August 2006

Champions League

Zwei Wochen zwischen Baum und Borke

Christian Kamp (FAZ) schreibt über das 0:0 zwischen Hamburg und Osasuna: „Als auch in der Nachspielzeit Osasunas überragender Torhüter Ricardo im Getümmel irgendwie noch sein Bein zwischen Ball und Tor bekam, mußten sich die Hamburger mit dem Remis abfinden – einem Ergebnis, das für das Rückspiel alles offenläßt. Doch die Ausgangsposition hätte weitaus besser sein können. Denn was dem HSV zu einem gelungenen Europapokal-Abend fehlte, waren allein Tore.“ Jörg Marwedel (SZ) befaßt sich mit den Aussagen der Hamburger Offiziellen: „Ist diese Hamburger Mannschaft, die ja in der Bundesliga als härtester Konkurrent der Titelfavoriten FC Bayern und Werder Bremen gehandelt wird, trotz der Zugänge Paolo Guerrero, Boubacar Sanogo und Vincent Kompany bei gleichzeitigem Verlust der alten Führungskräfte van Buyten und Barbarez überschätzt worden? Davon wollten die Beteiligten nichts wissen. Wohl selten ist ein torloses Remis so vehement in einen Sieg umgedeutet worden wie am Mittwoch von den Hamburgern. Ähnlich geschlossen wie zuvor auf dem Spielfeld formierten sie sich, um den Glauben an die eigene Stärke zu demonstrieren.“ Frank Hellmann (FR) über das Hamburger Innenleben: „Ernüchternde Nullnummer – den ganzen Verein hat eine lähmende Gemengelage ergriffen. Fast zwei Wochen noch hängt der HSV zwischen Baum und Borke. Champions League, Elite der edlen Reichen, oder doch nur Uefa-Cup, Wettbewerb der ‚Armen‘?“

Tsp-Bericht

Bundesliga

Die Macht der Bayern ist schlecht für den deutschen Fußball

Die Kritiker nehmen Bayern München derzeit ganz schön in die Mangel – weniger wegen der torlosen Niederlagen in den Testspielen, sondern eher wegen ihrer „Unternehmensführung“. Ist die Macht des deutschen Fußballs in den falschen Händen? Zwei aktuelle Texte und zwei Texte aus dem Frühjahr:

Der Spiegel sucht auf seiner Deutschland-Reise nach den Spuren des alten und den Boten des neuen Fußballs. Halt macht er auch in München, um mal zu schauen, was der deutsche Branchenführer dafür tut, international den Anschluß an die Spitze wiederzufinden. Um seine Kritik am Training und an der Transfer- und Spielerpolitik der Bayern zu formulieren, führt der Spiegel einige, wenn auch anonyme, Zeugen an: „Jahr für Jahr klagen die Herren des FC Bayern ja, daß Italiener und Engländer mehr Fernsehgeld kriegen (richtig) und daß die Bayern deshalb nicht mithalten können (falsch). Wer ein paar Tage am Trainingsgelände an der Säbener Straße zubringt, lernt, daß auch in München nicht alles so professionell zugeht, wie es könnte. Oder sollte. Auch die Bayern, das sagen Bayern, kaufen recht populistisch ein. Sie kaufen für zehn Millionen Euro Daniel van Buyten, oberes Bundesliga-Niveau, aber keine Weltklasse, und für zehn Millionen Lukas Podolski, den nicht einmal Felix Magath haben wollte, doch sie lassen Stefan Kießling von Nürnberg nach Leverkusen wechseln, den eigene Scouts für stärker als Podolski halten. Ein Spieler eines Konkurrenten spielt gut gegen die Bayern – gesehen und gekauft. Sie verlängerten sehr früh so gut wie alle Verträge und waren handlungsunfähig, als in Italien, wegen der Manipulationsaffäre, jede Menge Weltstars verfügbar wurden. Sie kaufen keinen Spielgestalter, obwohl sie einen brauchen.“ Auch in der Torhüterposition sieht der Spiegel seine Kritik bestätigt: „Sie kümmern sich nicht einmal ums eigene Tor. Kahn ist 37 Jahre alt, und den Ersatzmann Michael Rensing finden auch die, die mit ihm trainieren, ‚am Ende nicht stark genug‘. Müßte nicht langsam Robert Enke ins Bayern-Tor? Oder Roman Weidenfeller? Letztlich geht es darum, wie diskret, wie geschickt, wie konsequent man eine Mannschaft baut, damit sie eine große wird. Wie Arsène Wenger bei Arsenal? Wie Frank Rijkaard in Barcelona? Wie Thomas Schaaf und Klaus Allofs in Bremen? Uli Hoeneß mochte das nicht diskutieren, Karl-Heinz Rummenigge gilt seit Monaten als mißgelaunt. Es gibt beim FC Bayern Menschen, die den Club schon für schlagkräftiger hielten. “

Heinz-Wilhelm Bertram (BLZ) irritiert, wie die Bayern im Zerren um Ruud van Nistelrooy ihre zwei besten Stürmer aus dem Vorjahr als Transfermasse erachtet haben: „Die Bayern gaben eine unglückliche Rolle ab. Von dem gewieften Holländer zur Preistreiberei instrumentalisiert, ließen sie sich im sicheren Gefühl, den Deal dennoch zu machen, dazu hinreißen, Roy Makaay und Claudio Pizarro überstürzt dem Hamburger SV anzubieten. Und das war nun wirklich neu für den FC Bayern: aktiver Teilnehmer daran zu sein, selbst solch verdiente Spieler wie Makaay auf dem Fußballmarkt gefühlskalt wie Schachbrettfiguren zu verschieben. Das Beispiel van Nistelrooy zeigt aber auch, daß dem Meister seit Jahren kein großer Coup auf dem Transfermarkt mehr geglückt ist; die Bayern gefallen sich fast nurmehr in der Rolle des Rahmabschöpfers im eigenen Lande.“

Leidenschaftsloser Pflichtfußball

In den Fokus gerät auch der Trainer; Bertram entblößt Magath, den vermeintlichen Freund der Jugend und des Angriffsfußballs, und beruft sich dabei auf : „Magath liefert sich dem Verdacht aus, sein einstiges Jugendkonzept beim VfB Stuttgart nur notstandshalber praktiziert zu haben. Er brüskierte förmlich den Nachwuchs, den er nur sporadisch und für Kurzeinsätze brachte. Womit er sich beim Vorstand keine Freunde machte. Intern wird getuschelt, nicht er habe die Jungspunde Andreas Ottl, Christian Lell und Stephan Fürstner Richtung Profikader vorgeschoben. Überdies hatte Magath vor zwei Jahren angekündigt: ‚Wir wollen nicht nur erfolgreichen, sondern auch attraktiven Fußball spielen.‘ Kaum etwas in dieser Richtung geschah. So soll der leidenschaftslose Pflichtfußball Hoeneß entgegen den öffentlichen Aussagen seit längerem auf den Magen schlagen, wobei die Diskrepanz zwischen der visionären Bayern-Arena und dem banalen Ballgeschiebe für den Manager ein besonderes Reizthema darstellen soll.“ Bertram prognostiziert ein hartes Jahr für die Bayern: „Auch wenn Hoeneß den Trainer Magath vom gröbsten formalen Zwang befreite mit der Vorgabe, Titel seien in der anbrechenden Saison sekundär – Magath und der gesamte FC Bayern dürften vor einer schwierigen Saison stehen. Mit Blick auf ein fast neu zu zementierendes Fundament könnte es sogar die schwierigste seit Jahren werden.“

Lesen Sie dazu die beiden langen heutigen Interviews (oder eins davon) in der FAZ und in der SZ, in denen Magath sich verteidigt

In Bayern werden die größten deutschen Talente gern bequem

Im Mai übt Klaus Theweleit (NZZ) sehr substantielle Kritik am mächtigsten und reichsten deutschen Fußballklub: „Der FC Bayern und seine Führung sind das größte Hindernis für eine Entwicklung des deutschen Fußballs auf ein höheres spielerisches Niveau: indem Hoeneß gezielt jede Konkurrenz kaputtkauft und die eingekaufte Spielintelligenz unter Durchschnittstrainern wie Magath nicht selten auf der Bank verhungern läßt. (Eine Ausnahme war Ottmar Hitzfeld.) Hoeneß‘ Verfahren ist ohne Frage effektiv. Bloß: Er schwächt damit systematisch die deutschen Vereine im europäischen Vergleich. Das Nationalteam interessiert die Bayern nur in dritter Linie, als Wertsteigerungs- und Propagandainstrument für die eigenen Spieler und des eigenen Einflusses auf das Fußballgeschehen im Land.“

Und Christian Eichler (FAS) beschreibt im April die Hegemonie der Bayern als Hemmnis für die Bundesliga und die Nationalelf: „Die Macht der Bayern ist schlecht für den deutschen Fußball – und für sie selbst. Ihr ökonomischer Erfolg hält ihnen Rivalen vom Hals, beschert ihnen auf dem Silbertablett das Beste vom deutschen Spielermarkt – und das, anders als Top-Teams in England, Italien, Spanien, ohne Konkurrenten auf Augenhöhe. Dieses Monopol beschert leichte Meistertitel, kostet aber, mangels heimischer Herausforderung, Konkurrenzfähigkeit in Europa. Die Bayern greifen die größten deutschen Talente ab, dort werden sie gern bequem. Mehmet Scholl ist ein Beispiel dafür, wie man sich gemütlich einrichten kann. Mit dem Mut, ins Ausland zu gehen, hätte er ein Weltstar werden können.“

Tsp-Interview mit Karl-Heinz Rummenigge über die Probleme der Bayern in der Saisonvorbereitung und den italienischen Skandal
Welt-Interview mit Uli Hoeneß: „Ich finde gut, daß Bremen endlich mit dem Kopf aus dem Sand schaut“

Nahrung für Bundesliga-Optimisten

In einem diplomatischen Kommentar zum Saisonstart gewinnt Roland Zorn (FAZ) der WM und Klinsmann Lernergebnisse ab, ohne jemanden aus der Liga vor den Kopf stoßen zu wollen: „Wer jetzt die reizvollen Angebote, welche die deutsche Mannschaft und ihr Bundestrainer bei der Weltmeisterschaft parat hatten, übersähe, wäre schon ziemlich verblendet. Mehr Teamgeist, mehr Jugendlichkeit, mehr Neugier auf technische und taktische Schulung, kreativere Fitnessübungen plus ein Zusatzangebot an psychologischen Hilfen können der Weiterentwicklung deutscher Bundesligaprofis nicht schaden,“ schreibt Zorn einerseits, um andererseits einzuwerfen: „So richtig es ist, daß Klinsmanns Wirken einen originären und großen Beitrag zur aktuellen Erfolgsgeschichte geliefert hat, so falsch ist es, der Bundesliga Versäumnisse vorzuwerfen und den Klubs pauschal Kampfbegriffe wie ‚Traditionalismus‘ oder ‚altes Denken‘ um die Ohren zu hauen.“ Buddha-ähnlich blickt er zurückschauend nach vorne: „An der Bundesliga ist es nun, mehr Mut zu zeigen, die Augen und Ohren offenzuhalten, um den Aufschwung des heimischen Fußballs ins Werk zu setzen. Die Fans, die im Juni und Juli wie die Weltmeister gefeiert haben, möchten sich aufs neue betören lassen von Fußball-Heldentaten mutiger Eroberer. Der anhaltend üppige Dauerkartenumsatz, beträchtliche Wachstumsraten beim Trikotsponsoring und den Fernseheinnahmen, steigende Mitgliederzahlen in den Vereinsgroßfamilien, die wiederentdeckte Bereitschaft, etwas mehr in neues Personal zu investieren, die erkennbar größere Quote an verheißungsvollen Jungprofis und dazu die neue Lust der Bayern-Jäger aus Bremen, Hamburg oder Schalke, die eigenen Titel-Begehrlichkeiten zu artikulieren, all dies ist Nahrung für Bundesliga-Optimisten.“

NZZ: „Die neue Zeitrechnung? Die Bundesliga nach der WM vor dem Start – eine Bestandsaufnahme: Die Hoffnung auf attraktiven Fußball, genährt von den Auftritten des Nationalteams an der WM, verbinden viele Fans mit dem Start der Bundesliga. Anlaß zur Skepsis ist gegeben“
Tsp: Alle Vereine im Vor-der-Saison-Test
BLZ: In der Bundesliga drängen zahlreiche Nachwuchsspieler in die Stammformation ihrer Vereine – nicht alle werden es schaffen

taz-Interview mit Hans Meyer über die Arbeit Jürgen Klinsmanns und die Meisterchance des 1. FC Nürnberg

BLZ: „Der Anderthalbligist – die Sparkommissare des Aufsteigers Alemannia Aachen setzen auf Mythos, Kult und ihre Heimstärke“

FAZ: „Borussia Dortmund – David Odonkors neue Nebenrolle und Christoph Metzelders Altlast“
BLZ: „Der Straßenfußballer – Dortmund setzt große Hoffnungen auf den neuen Spielmacher Steven Pienaar, einen Südafrikaner“

BLZ: „Besinnung im gallischen Dorf – der Aufsteiger Energie Cottbus hat aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt: Er will nicht nur die Klasse halten, sondern auch Schulden in Höhe von 4,5 Millionen Euro abtragen“

Ascheplatz

Der Staat als Anbieter von Sportwetten ist ein schlechter Witz

Der Freistaat Sachsen hat Bwin die Lizenz entzogen, damit hat die Diskussion der letzten Wochen um Sportwetten und Werbung für Sportwetten Dynamik erhalten. Viele Kommentatoren werfen den Politikern, die das Wettmonopol für den Staat sichern wollen, Scheinheiligkeit vor, etwa Wolfgang Hettfleisch (FR/Politik): „In einem preiswürdigen Wettheucheln werden hehre Ziele insinuiert, wo es in Wahrheit um Bares und Pöstchen geht. Und die Privaten kriegen Saures. Bis die EU dem Spuk ein Ende macht, wird schon noch ein bißchen was zu verdienen sein.“ Die FAZ/Wirtschaft lehnt vehement den Staat als Wettanbieter ab, erst recht als einzigen: „Zieht man die pseudopaternalistischen Scheinargumente der staatlichen Wettanbieter ab, so bleibt die triste Tatsache, daß der Staat eine zusätzliche Einnahmen- und Proporzmaschine dem Zugriff des Wettbewerbs entziehen will, sonst nichts. Wer Spielsucht verhindern will, darf nicht selbst Spiele anbieten und daran verdienen; wer sie kanalisieren will, soll private Anbieter regulieren; wer an ihr verdienen will, soll Steuern erheben. In anderen Bereichen der menschlichen Schwächen wird dies schon längst so gehandhabt – deswegen gibt es keine staatlichen Schnapsläden und keine Bundeszigarettenmanufaktur. Der Staat als Anbieter von Sportwetten ist ein schlechter Witz.“

Lärmende Sportlobby

Doch es gibt auch Verständnis für die Entscheidung Sachsens und den Willen anderer Politiker, etwa Edmund Stoiber (von dem wir gerne wissen würden, ob er seine Ablehnung gegen private Wettanbieter auch hegen würde, wenn Bayern München, Werbepartner: Oddset, davon betroffen wäre), den Willen anderer Politiker also, Werbung für Bwin radikal zu unterbinden; Jakob Schlandt (BLZ/Politik) hat die Süchtigen und die potentiell Süchtigen im Auge: „Das mutige Vorgehen der Länder ist letztlich konsequent. Schließlich wird damit ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts umgesetzt, das sich nach jahrelanger Rechtsunsicherheit im März dieses Jahres endlich mit dem Thema befaßt hat. Ein Blick nach Großbritannien, wo sich Kasinos, Wettbüros und Bingoläden fast unbehindert von staatlicher Regulierung breit gemacht haben, könnte den Marktapologeten die Lust am ungehemmten Spiel verderben. Dort locken hohe Gewinnquoten, wie sie das staatliche Angebot auf Grund der hohen Abgaben niemals bieten kann, vor allem die Armen an – mit hohen sozialen Kosten, die letztlich die Gesellschaft tragen muß.“ Und Thomas Kistner (SZ/Politik) kann kein Mitleid mit den Geschädigten aus dem Sport empfinden: „Der Sportmarkt ist reich gesegnet mit potenziellen Rettern, die nun werbewirksam ins Finanzloch springen könnten. Und die Breitensportler? Sie sind nicht in der Existenz bedroht, wenn sie ihre Trikotsätze künftig etwas teurer erwerben müssen. Was ansteht, die Bereinigung der juristischen Grauzonen, die den Glücksspielmarkt ja wie ein undurchdringlicher Nebel einhüllen, kann am wenigsten von einer populistisch lärmenden Sportlobby geleistet werden. Zumal hier nicht mal mehr die Juristen durchblicken, sogar das Bundesverfassungsgericht hat eine windelweiche Sowohl-als-auch-Perspektive.“

FAZ: Sachsen entzieht Bwin die Lizenz – die Folgen für den Profifußball, den Amateurfußball und den anderen Sport
Welt: Ein guter Überblick mit kurzen Kommentaren über das Wettproblem
Panorama: Süchtige als Einnahmequelle – die Doppelmoral des Staates beim Glücksspiel (mit Video)

Opfer von Geldgier und leeren Versprechen

Ralph Kotsch (BLZ/Media) rügt die DFL dafür, daß sie das Live-TV-Recht an den Neuling Arena verkauft hat: „Die DFL verlor angesichts des Profit jeglichen Sinn für Realitäten. Acht Monate vor Saisonbeginn verkaufte sie die Pay-TV-Rechte an Arena, einen Anbieter, der Null Erfahrung im Geschäft hatte, keinen einzigen Kunden vorweisen konnte, ja nicht einmal die Möglichkeit, jeden Kunden in jedem Winkel des Landes wenigstens technisch zu erreichen. Die Telekom bekam die Internetrechte nur für Geld und gute Worte. Weder hatte sie zu dieser Zeit eine Sendelizenz noch die erforderliche Technik vorzuweisen. Das Ergebnis ist jetzt zu besichtigen: Millionen Menschen können Arena – selbst wenn sie wollten – nicht empfangen. Die, die es können, müssen sich in einer quälenden Prozedur unter zig technischen Varianten die für ihre Empfangsbedingungen passende heraussuchen: Satellit oder Kabel, bisher Premiere-Abo oder keins, Kabel-Deutschland-Kunde oder nicht. Gern wurde in der Vergangenheit beklagt, daß das sich das Bezahlfernsehen in Deutschland nur so schleppend entwickelt. Mit Arena dürfte das Geschäftsmodell bald völlig tot sein.“ Kotsch schlußfolgert: „Die Fußballfans sind Opfer von Geldgier und leeren Versprechen.“

FR-Interview mit dem DFL-Geschäftsführer Christian Seifert über die Probleme von Arena, den Wert der Marke Bundesliga, die Doppelmoral der Politik in der Wetten-Frage und Public Viewing
Welt: Beim Geldverdienen gibt England das Tempo vor – aus der Bundesliga ist längst ein Unterhaltungskonzern mit Milliardenumsatz geworden, die Vermarktung der Rechte im Ausland ist jedoch zweitklassig

Donnerstag, 10. August 2006

Bundesliga

Die Bundesliga ist seit Jahren nicht erstklassig

Welchen Weg schlagen die Bundesliga und der deutsche Fußball nach der WM unter Jürgen Klinsmann ein? Weht frischer Wind, öffnen die Verantwortlichen Fenster und Türen? Oder ist alles nur missionarisches Gerede? Vor der WM war die Blütezeit des Stammtischs, der mächtig gegen Klinsmann und seine neuen „Fürze“ auf den Tisch haute; heute, nach dem WM-Rausch, sind andere gefragt: Sportmediziner, Hockeytrainer, Trainingswissenschaftler, Reformtrainer stehen bei den Redaktionen hoch im Kurs. Ein Blick in die Fußballpresse der letzten Tage und Wochen.

In der Berliner Zeitung teilt Hoffenheims Sportdirektor Bernhard Peters gegen die Branche aus: „Viele Vereine sagen, sie wollen sich für neue Ideen öffnen und gezielter trainieren – in Wahrheit passiert wenig. Die wollen nur ihre Ruhe haben, weil sie ständig gefragt werden. Denn das Thema ist ja gerade so aktuell.“ Hoffnung auf Besserung hegt er nicht: „Es wird weiterhin zahlreiche Trainer geben, die völlig antiquiert arbeiten. Der Fußball hat zweifellos immer noch einen erheblichen Nachholbedarf gegenüber anderen Sportarten. Das Training in der Bundesliga ist bei weitem noch nicht genügend individualisiert. Diese Einzeldiagnostik macht halt viel mehr Mühe und Arbeit, weshalb sie viele Trainer scheuen. Aber jeder Spieler hat seine eigenen Stärken und Schwächen, die gilt es zu fördern und zu beseitigen. Man sollte insgesamt auch positionsbezogener trainieren. Ein Training muß gesteuert werden, das kann man nicht einfach laufen lassen.“

Peters vertieft seine Mängelliste und springt seinem jetzigen Kollegen Ralf Rangnick zur Seite, indem er Rudi Assauer, den inzwischen gewesenen Schalke-Manager, angreift: „Ohne daß ich die Namen nennen will – aber es gibt schon mehrere Bundesligaklubs, die einen Sportpsychologen beschäftigen. Sie halten das nur geheim, vielleicht weil sie Angst vor der Medienreaktion haben. Oder weil sie befürchten, sie würden den Cheftrainer damit beschädigen, was natürlich Quatsch ist. Was Schalke angeht: Ich war mal zur Hospitanz dort und habe Trainer Mirko Slomka kennengelernt. Wir haben uns gut verstanden. Ein junger Trainer, der viele Dinge hinterfragt. So wie Ralf Rangnick. Unter Assauer wurden viele neue Methoden abgewehrt, Rangnick konnte sich oft nicht durchsetzen. Jetzt ist Assauer weg, und es scheint, daß sich der Klub öffnet.“ Angesprochen auf das Training bei Bayern München, sagt Peters vielsagend nichts: „Fragen Sie mal den Vereinsarzt Dr. Müller-Wohlfahrt zum Umdenkungsprozeß bei Felix Magath.“ Eine Zukunft beim DFB schließt Peters nicht aus: „Ich möchte mich einbringen, wenn es gefragt ist. Es gab einige Gespräche mit Oliver Bierhoff und Matthias Sammer – jetzt warte ich darauf, daß es konkreter wird.“

Regeneration wird überbewertet

Ralf Rangnick hat den 11 Freunden einen Einblick in seine schwere Arbeit in Schalke gewährt: „Als wir 2005 Vizemeister wurden, entschieden Andreas Müller (dem Verantwortlichen für die Lizenzspielerabteilung, if) und ich, einen Sportpsychologen zur Leistungsoptimierung hinzuzuziehen. Es gab auch zwei Kandidaten in der engeren Auswahl, doch einige Leute im Verein haben sich gegen die Verpflichtung gewehrt.“ Die Nachfrage, ob er Assauer meine, bejaht Rangnick: „Unter anderem. Er hatte mehrmals öffentlich geäußert, daß man früher auch keinen Mentaltrainer gebraucht habe. Und einem wie ihm fällt es nun mal schwer, seine Meinung öffentlich zu korrigieren.“ Deutlich macht er den früheren Manager für seinen Rückzug aus Schalke verantwortlich: „In Schalke wäre ich mit Sicherheit noch Trainer, wenn die Entwicklung um Assauer, so wie sie sich inzwischen vollzogen hat, einige Monate früher stattgefunden hätte. Ich kann versichern, daß es auf Schalke viele Momente gab, wo ich sehr geschluckt habe, mir aber wegen des anhaltenden Erfolgs auf die Zunge gebissen habe. Doch kleine Tropfen höhlen den Stein.“

In den Vordergrund rückt auch die Sportmedizin. Tim Meyer, Mannschaftsarzt des DFB und Trainingswissenschaftler an der Universität Saarbrücken, behauptet in der FR, daß der Regeneration von Trainern der Bundesliga zu viel Wert beigemessen werde: „Ein Gespenst geht um im deutschen Fußball – das Gespenst der Überlastung. Alle Mächte des traditionellen Systems haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dieses Gespenst verbündet, und die allseits propagierte Lösung lautet: Viel Regeneration.“ In der FAS sagt er in einem Gespräch mit Sebastian Priggemeier (einem ehemaligen if-Mitarbeiter): „Es läßt sich wohl sagen, daß im deutschen Fußball einige Trainingstraditionen überdauern, die einer wissenschaftlichen Prüfung schwer standhalten würden. Dazu zählt das betont langsame Auslaufen am Tag nach dem Spiel.“

Die Geschichte des Fußballs ist eine Geschichte von Klassenkämpfen gegen Traditionen

Meyer fordert vom deutschen Profifußball intensiveres und umfangreicheres Training und verweist auf andere Mannschaftssportarten wie Hockey und Handball, die mehr trainieren würden: „Eine bessere Fitness, insbesondere eine bessere Ausdauer, geht mit besserer Erholungsfähigkeit einher. Dieser Ansatz wurde im deutschen Fußball der vergangenen Jahre kaum verfolgt“ (FR). Gleichzeitig gesteht er eine Lücke in der Sportmedizin: Es sei nicht hinreichend geklärt, wie die Fähigkeit zur Regeneration am besten geschult werde, gerade angesichts der besonderen Bedingungen im Fußball wie den „englischen Wochen“, den vielen Reisen oder der psychischen Belastung durch die Aufmerksamkeit der Medien. Meyer erneuert seinen Wunsch, die Bundesliga möge die Forschung in ihrer Empirie unterstützen, den er bereits in der FAS und in der Deutschen Zeitschrift für Sportmedizin geäußert hat. Dort heißt es: „Es besteht ein deutliches Forschungsdefizit, an dessen Behebung der deutsche Spitzenfußball mitwirken sollte. Dazu ist es allerdings erforderlich, eine wissenschaftliche Begleitung zuzulassen, die nicht zu jedem Zeitpunkt sämtliche gewohnten Abläufe unbeeinträchtigt lassen dürfte.“ In der FAS betont er, wie wichtig eine exakte Wissenschaft für das Fußballtraining sei:„Wissenschaft schießt leider keine Tore, aber ohne Wissenschaft gibt es weder im Fußball noch auf anderen Gebieten einen echten Fortschritt. Will man vorankommen, bleibt im Prinzip keine Alternative zu Studien an Profi-Fußballern, weil die Übertragbarkeit von Studienergebnissen, die in der Regel mit unterklassigen Vereinen ermittelt wurden, auf die Top-Ligen zweifelhaft ist.“

Meyer empfiehlt der Bundesliga das Modell Klinsmann: „Die Geschichte des Fußballs ist glücklicherweise auch eine Geschichte von Klassenkämpfen gegen überkommene Traditionen. Und das läßt Hoffnung auf Besserung. Das jüngste Trainergespann der Nationalmannschaft legte denn auch viel Wert auf die physische Fitness der Spieler, und regenerative Maßnahmen waren.“

Eine Schwerpunktausgabe der Deutschen Zeitschrift für Sportmedizin (Mai/2006) über Ausdauer-, Sprint- und Krafttraining im Fußball

Die Bundesliga ist seit Jahren nicht erstklassig

Der Tagesspiegel hat den Sportwissenschaftler Roland Loy zum Taktiktraining in Deutschland befragt; Loy sagt deutlich: „Die deutschen Vereine hängen prinzipiell taktisch hinterher. In Italien wird oft 120 Minuten lang Taktik trainiert. Und die Trainer sind besser ausgebildet.“ Und Heinz Werner vom Bund Deutscher Fußball-Lehrer ergänzt: „Die deutsche Mannschaft hatte im athletischen Bereich sehr gut gearbeitet. Aber über Spezialtrainer und die Individualisierung des Trainings reden wir schon seit zwanzig Jahren. Solche Erkenntnisse müssen allerdings auch umgesetzt werden.“

Der italienische Trainer Nevio Scala, der Ende der 90er Jahre als Nachfolger von Ottmar Hitzfeld in Dortmund scheiterte, blickt in Rund auf seine Zeit in Deutschland zurück: „Einer der größten Widerstände innerhalb der Mannschaft war, daß sie unsere Vorstellung der Konditionsarbeit nicht akzeptierte. Sie lamentierten immer, daß sie zu viel arbeiten würden. Die Spieler waren gewohnt, nur Ausdauerläufe zu absolvieren. Sie liefen unentwegt, ohne Schnelligkeit zu trainieren. Das ist nun bei Lahm oder Frings anders.“ Der Spiegel hat den Berater Michael Becker über die Qualität der Bundesliga befragt: „Das taktische Ziel ist zu oft, vor 66.000 Begeisterten irgendwann das 1:0 zu machen und dann unverletzt ins Entspannungsbecken zu kommen. Die Bundesliga ist seit Jahren nicht erstklassig. Ich wundere mich immer, daß sich alle so wundern, wenn deutsche Teams sich in der Champions League so früh verabschieden.“

Das erste Problem des deutschen Fußballs ist eine gewisse Halbseidenheit

Andreas Lesch (BLZ) fällt auf, daß nun doch kaum ein deutscher Nationalspieler das große Interesse des Auslands weckt: „Die angekündigte Massenabwanderung deutscher Nationalspieler in ausländische Eliteligen hat es nie gegeben. Der Wechsel von Michael Ballack zum FC Chelsea stand vor der WM fest, Jens Nowotnys Wechsel zu Dinamo Zagreb dürfte sportlich bestenfalls ein Schritt zur Seite sein. Die übrigen Nationalspieler bleiben daheim. Im Team haben sie sich bei der WM als Schwergewichte erwiesen, als Einzelspieler befindet der internationale Markt sie noch für zu leicht. Eine frische Turnierleistung reichte nicht, um den jahrelang gepflegten deutschen Rumpelfußballruf zu tilgen. Die Arbeit Jürgen Klinsmanns gilt längst als Maßstab, als feste Bezugsgröße – das Können seiner Spieler noch nicht. Sie müssen sich erst im Alltag bewähren.“

Der Spiegel hat in einer langen, sehr lesenswerten Recherche ein Problem in den Führungen des höheren Amateurfußballs verortet, denen er mangelnde Verantwortung und Kurzsicht vorhält: „Wenn man so eine Weile durchs Land fährt und hier und dort ein bißchen bohrt, hört man im Grunde immer das Gleiche: Das erste Problem des deutschen Fußballs ist eine gewisse Halbseidenheit. In Ober- und Regionalligen und auch noch in der zweiten Liga scheint es eher wenige Transfers zu geben, bei denen nicht Trainer oder Manager mitverdienen; junge deutsche Spieler können sich in dieser Welt selten auf Zusagen verlassen, und Ausländer werden hin- und hergeschoben ohne Sinn und Strategie. Durch diesen Dschungel kommen Talente eher zufällig nach oben, und das sind Leute wie der hochbegabte, beim FC St. Pauli aber in drei Regionalliga-Jahren lausig ausgebildete Innenverteidiger Ralph Gunesch, den Jürgen Klopp in die Bundesliga holte. In diesen unteren Ligen sind Leute zugange, denen es um schnelle, fette Beute geht und selten um eine Idee des Spiels. Und dann ist da das Problem, daß viele Clubs nicht besonders viel oder nicht das Optimale aus dem Geld machen, das sie zur Verfügung haben.“

Mut zur Tat

HSV-Trainer Thomas Doll stört sich im Player an Schwalben langsamer Stürmer: „Das Fair Play muß wieder an erster Stelle stehen. Die permanenten Versuche, jemanden hinters Licht zu führen, müssen wir bekämpfen. Da sind auch wir Trainer gefordert. Es gibt in der Liga viele Spieler, denen fehlt es einfach an Geschwindigkeit – dann versuchen sie, Fouls gegen sich zu provozieren. Im modernen Fußball verschwindet das zunehmend. Internationale Top-Schiedsrichter erkennen, wenn ein Stürmer in der 88. Minute bei 1:0-Führung mit dem Rücken zum Tor ein Foul provoziert. Ich könnte durchdrehen, wenn ich sehe, wie sich eine solche Szene anbahnt. Da könnte dann meine kleine Tochter, die ist sieben Jahre, hinlaufen und brauchte nur den Finger auszufahren – und zack liegt da ein Bulle von Stürmer auf dem Bauch. Die Schiedsrichter müssen lernen, zwischen dieser Schinderei und einem kernigen Zweikampf zu unterscheiden.“

Christoph Biermann filtert in seiner 11-Freunde-Kolumne die Quintessenz der WM: „Was kann die deutsche Mannschaft von der WM lernen? Eine polemische Antwort wäre: am besten nichts. Denn bei der WM hat sich der Fußball in eine Ecke manövriert, aus der er schnell wieder heraus muß. Oder in den Vereinsfußball am besten gar nicht hineinkommt. Überbevölkerung im Mittelfeld und Stellenstreichungen im Angriff dominierten das Bild.“ Allerdings lobt er den Mut zur Tat, den Klinsmann seinen Spielern vermittelt habe: „Die Bundesligisten sollten noch einmal einen genaueren Blick auf die Spielweise der deutschen Mannschaft werfen. Vielleicht fällt das schwer, weil deren Führung etwas zu penetrant den Eindruck vermittelt hat, Träger der letzten Wahrheiten des Fußballs zu sein. Zumal Klinsmann, Löw und Bierhoff eingestehen müssen, daß ihre Mannschaft gegen Argentinien und Italien zum großen Offensivschwung nicht mehr in der Lage war. Dennoch bleibt eine wesentliche Erkenntnis, die alle Einschränkungen übersteht: Das deutsche Team wollte das Spiel gestalten, es wollte angriffslustig sein und offensiv spielen. Wenn man sich im Kontrast die Spiele der Bundesliga in Erinnerung ruft, ist das schon eine ganze Menge.“

Richard Leipold (FAS) kürzt das Erbe Klinsmanns auf den kleinsten Nenner: „Wer Mut hat und reinen Herzens sein Glück versucht, darf scheitern, ohne sein Gesicht zu verlieren. Wie die Nationalelf. Wenn jemand scheitert, hört man im Alltag nun häufiger den Satz: Aber ich habe doch nach vorne gespielt. Falls Klinsmann und seine Ideologie wirklich etwas verändert haben in unserem Bewußtsein, dann das Verhältnis zum Scheitern. Ob es um die Bundesliga geht oder um uns alle: Habt Mut! Mut, etwas zu ändern. Das ist die Botschaft, die bleibt. Für den Fußball, für das Volk und vielleicht sogar für die Politik.“

Und Scala träumt von der Verschmelzung deutscher und italienischer Tugenden: „Wenn die italienischen Spieler die Begeisterung hätten, die die deutschen Spieler bei der WM an den Tag legten, wäre das sicher einzigartig. Wie sich Philipp Lahm bewegt, ist schon beneidenswert. Wenn dazu die taktische italienische Schulung käme, wäre er unübertrefflich.“

Welt: Bundesliga profitiert von der Begeisterung bei der WM – obwohl internationale Spitzenspieler nicht nach Deutschland wechseln, ist das Interesse der Zuschauer und der Wirtschaft an der neuen Saison größer als je zuvor

Ascheplatz

Scheinheilig

Wer darf wetten, wer darf wie und wo für Wetten werben? Klaus Ott (SZ/Wirtschaft) kommentiert den Streit zwischen Staat und Fußball um das Wettmonopol des Staats und die Werbung der Bundesliga für den privaten Wettanbieter Bwin: „Die Bundesländer wollen die Zeit zurückdrehen und ihrer eigenen Sportwette Oddset nachträglich wieder jenes Monopol verschaffen, das längst verloren ist. Man müsse die Bürger davor schützen, der Spielsucht anheim zu fallen, sagen die Ministerpräsidenten. Das gehe nur, wenn man dieses Geschäft selbst betreibe. Eine durchsichtige und scheinheilige Argumentation. Jahrelang hat es Edmund Stoiber und die anderen Regierungschefs nicht gekümmert, daß staatliche Casinos an Gästen verdient haben, die dem Spiel verfallen sind. Was zählte war, daß die eigenen Spielbanken und Lotterien möglichst viel Geld in die Landeskassen abführten. Das soll so bleiben – vor allem deshalb gehen die Länder auf allen Ebenen und mit allen Mitteln gegen die privaten Anbieter vor. Als ob sie den Bürgern verbieten könnten, mittels Internet bei Bwin in Österreich zu tippen. Die Landespolitiker haben es versäumt, zeitgemäße Regeln für ein geordnetes Nebeneinander von staatlichen und kommerziellen Glücksspielen zu schaffen.“ Ott schließt mit einem pessimistischen Ausblick für Oddset: „Die Staatswette dürfte der große Verlierer sein, und mit ihr der Amateursport.“

FR: Heute will das Land Sachsen dem privaten Wettanbieter Bwin die Lizenz entziehen; deutscher Fußball sieht sich als Opfer
Bild: Amateurvereine dürfen ihre Bwin-Trikots nicht anziehen – 1. Nackt-Protest im deutschen Fußball
if: Doppelmoral: Werbung mit privaten Wettanbietern – ein spannendes, vertracktes und großes Thema für die Fußballmedien

FAZ: Ein Übersicht der Preise im Bezahlfernsehen: Wer zahlt wo wieviel wofür? „Als letzte Alternative bleibt natürlich die ARD-Sportschau, die von 18.10 Uhr an läuft, aber erst ab 18.30 Uhr Erstliga-Bilder zeigt. Aufgrund der gewohnten Werbeunterbrechungen ist allerdings zu befürchten, daß auch die Sportschau die Fans ordentlich was kosten wird: nämlich eine Menge Nerven. Wenigstens ist dafür keine Aktivierungsgebühr fällig.“
BLZ: „Bundesliga auf Arena, Premiere,Telekom – die Konstruktionen versteht nur, wer zuvor mindestens ein Semester Bezahlfernsehen studiert hat“

SZ: Bundesliga-Vereine bekommen höhere Einnahmen aus Medienrechten, doch im Vergleich zu europäischen Klubs bleiben sie arm

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