Donnerstag, 22. Juni 2006
Deutsche Elf
Aufgepaßt! Dies ist kein Laternenumzug!
Zwei Texte aus El País, die belegen, daß alte Stereotype über deutschen Fußball in Spanien tief verwurzelt sind – erstes Beispiel: „Es ist eine Phrase, eine von vielen, aber verdammt nochmal, sie stimmt einfach fast immer! Fußball ist ein Spiel elf gegen elf, und am Ende gewinnt Deutschland. Beinahe, zumindest. An ihrer WM hat Jürgen Klinsmanns Mannschaft trotz viel negativem Gerede drei von dreien gewonnen. So. Deutschland spielt außerdem zuhause, was erwiesenermaßen hilfreich ist (außer bei der lächerlichen Darbietung Spaniens in Spanien 82). Sie sind über den schnellen und überzeugenden Weg ins Achtelfinale gekommen. Und sie haben Leute ganz oben wie Klose, Neuville, Podolski oder Ballack. Es muß ganz klar mit ihnen gerechnet werden. So wie es normal ist, und wie es an der Mehrheit von uns Kritikern vorbeigegangen ist. Ich sehe sie zu allem bereit. Klar, sie sind Deutschland. Die ohne wenigstens Taba [ein Kinderspiel, d. Übersetzerin] gespielt zu haben ins Finale von Japan und Südkorea 2002 kamen – wie konnte mir das entgehen? Man muß eben jedes noch so kleine Detail erkennen.“
Auch der zweite Textausschnitt belegt die Mischung aus Respekt und Abneigung: „Deutschland geht mit denselben Waffen wie immer und großer Entschlossenheit durch diese WM. Eine Augenweide bieten sie nicht, nein. Ihr Spiel ist sehr mechanisch, wie das Räderwerk eines Fahrrads. Dennoch macht sie diese Einfachheit, dieser Pragmatismus, dieses Es-gut-machen zu einem der stärksten Kandidaten auf den Meistertitel. Rufen wir uns einmal die Titel in Erinnerung, die sie in Italien und bei der EM 96 errangen: ohne Glanz, ohne Schnörkel, aber schrecklich effektiv. Der deutsche Stürmer ist der treue Reflex seiner Mannschaft. Er scheint gar nicht da zu sein, aber in dem Moment, in dem er auch nur über die kleinste Chance verfügt, versetzt er den entscheidenden Schlag. Im reinen Tyson-Stil. Klose ölt die deutsche Maschinerie. (…) Wenn der Funke nicht übersprang, zeigte Michael Ballack seine Führungsqualität und sein Wissen darüber, daß über ihn diskutiert wird. Er baute auf und lenkte, um den Rest seines Teams brillieren zu lassen. (…) Freilich ein Spiel ohne Ahs und Ohs über seine Schönheit, mit der sich andere schmücken, aber dafür mit anderen, gleichwertigen Vorteilen. Die drei Siege der Vorrunde sind eine einfache Warnung: Aufgepaßt! Dies ist kein Laternenumzug! Wenn die deutsche Maschinerie zu rollen beginnt …“
Glaube
Turniermannschaft Deutschland, mythische Zauberworte – Michael Horeni (FAZ) spürt alten Wurzeln nach: „Die Kombination aus Siegen, vielen Toren, Teamgeist und einer riesigen Begeisterungswelle im Lande wirkt auf die Gegnerschaft nicht unbedingt beruhigend. Schweden und Engländer kämpften in ihrem Gruppenspiel bis zur allerletzten Minute, um nicht als Zweiter auf die Heimmannschaft dieses Turniers treffen zu müssen. Aus anderen Ländern sind inzwischen hochachtungsvolle Meinungsäußerungen zu hören. Vergessen erst einmal die zögerliche, fast erniedrigende Haltung der vergangenen Jahre. Als Rudi Völler bei der Europameisterschaft 2004 vor dem Abwehrbollwerk Lettlands warnte, gegen das etwas mehr Torgefahr ausgehen müsse, um ‚vielleicht‘ zu gewinnen. Bekanntermaßen schied die verunsicherte deutsche Mannschaft vor den K.-o.-Spielen aus -gegen die Letten stand am Ende ein zähes wie grausames 0:0. Oder als 2000 bei der EM ein indisponierter Erich Ribbeck den für das von Hochleistung geprägte Fußballgeschäft unmöglichen Satz sagte: ‚Ich hoffe, ich kann meinen Spielern begreiflich machen, daß es für uns gegen Portugal noch um sehr viel geht.‘ Wie nicht anders zu erwarten folgte damals das Debakel mit einem 0:3 gegen eine Ersatzmannschaft der Portugiesen und der absolute Tiefpunkt der deutschen Fußballgeschichte. Sechs Jahre weiter ist wieder ein Hauch zu spüren von ‚la Mannschaft‘ oder ‚die Mannschaft‘, wie die Franzosen oder Holländer in besseren Zeiten ehrfurchtsvoll der deutschen Fußballauswahl huldigten. Um wirklich zu einer Turniermannschaft zu werden, muß Klinsmanns Mannschaft erst einmal viele Spiele in diesem Turnier bestreiten. Die alte Tradition oder den alten Mythos würde ein Sieg im Achtelfinale weiter aufleben lassen, doch nicht gänzlich zurückbringen. Aber so vorsichtig derzeit Spieler und Trainer sich äußern, sie glauben zu spüren, daß eine große Chance vor ihnen liegt.“
Position der Stärke
Jan Christian Müller (FR) stellt Jürgen Klinsmann ein sehr gutes Zeugnis aus und vernimmt seine Kritik an der Bundesliga: „Es ist verblüffend, wie fehlerfrei der Jung-Trainer mit seinem umfangreichen Mitarbeiterstab bislang gearbeitet hat. Er gewann zum Eröffnungsspiel den Machtkampf mit Michael Ballack, ohne dass dieser erkennbare Schrammen davontrug; er wechselte gegen Polen perfekt aus und noch perfekter ein, er gab Lukas Podolski gegen Ecuador das Vertrauen, das der Junge brauchte und mit einem Tor zurückzahlte, er ließ den angeschlagenen Christoph Metzelder zuschauen und den zuvor auffällig miesepetrigen Robert Huth mitspielen, ehe dieser vom Lagerkoller erfasst worden wäre. Er demonstrierte Sebastian Kehl im Eröffnungsspiel und Gerald Asamoah in der letzten Vorrunden-Begegnung einfühlsam, dass sie nicht abgeschrieben sind. Er gibt sich sogar bei seinen öffentlichen Auftritten inzwischen wieder entspannter. Siege, man sieht das an Klinsmann, sind Balsam für die Seele. Nun kann der monatelang kritisierte Bundestrainer aus einer Position der Stärke argumentieren. Gestern ließ er durchblicken, dass er sich bei seiner Mission nicht ausreichend unterstützt fühlte. ‚Wir hatten es nicht einfach die letzten Jahre. Denn teilweise wurden unsere Nationalspieler in den Vereinen auf die Bank gesetzt. Wir haben sie durchgepusht.‘ In der Bundesliga, deren Manager inzwischen brav in die nationalen Jubelorgien einstimmen, wird man solche Worte sensibel zu deuten wissen. Klinsmann ist auch in der Stunde des Erfolges nicht daran gelegen, sich neue Freunde zu machen. Er hat das jetzt noch weniger nötig als je zuvor. Erstmals offenbarte er gestern, dass die vier Leistungstests, die auf seine Initiative hin zwischen September 2004 und Mai 2006 durchgeführt wurden, zu Ergebnissen geführt hätten, ‚mit denen wir nicht zufrieden waren‘.“
Vor dem break even
Philipp Selldorf (SZ) ehrt Klinsmanns Gelassen- und Bescheidenheit im Sieg: „Für Bundestrainer Klinsmann und seine Leute bestünde jetzt Gelegenheit, alle berufsmäßigen Nörgler und Besserwisser für ahnungslos und vogelfrei zu erklären. Aber dem negativen Reflex der ‚Genugtuung‘, der ein typisches Element für Akteure im kommerziellen Spitzensport ist, versagt er sich. Er liegt nicht in seinem Interesse, vielleicht auch nicht in seiner Natur – und schon gar nicht würde diese Art der Aggression in sein psychologisches Konzept passen. Unfrieden kommt darin nicht vor, deswegen befindet er sich seit der WM-Vorbereitung in einem Verhältnis harmonischer Neutralität zu allen notorischen Widersachern aus früheren Tagen (bis dahin ‚Feinde fürs Leben‘ genannt). Klinsmanns beinahe beiläufige Siegerlaune nach dem Sieg gegen Ecuador folgte kluger Einsicht in die Qualität der Herausforderung (‚dieses Spiel war kein Maßstab‘) und weiser Ahnung dessen, was bevorsteht.“ Peter Heß (FAZ) gibt zu bedenken: „So schön diese Weltmeisterschaft bisher für Deutschland verlaufen ist, gewonnen wurde noch nichts. Weder Klinsmann noch irgendein anderer leitender Angestellter des DFB könnte die WM als sportlichen Erfolg verkaufen, wenn Schweden der deutschen Kampagne ein Ende setzte. Erst mit dem Einzug ins Viertelfinale wäre das erreicht, was in der Wirtschaft break even heißt. Jeder weitere Triumph rechtfertigte dann das Lob, mit dem Klinsmann schon jetzt überschüttet wird.“
BLZ: Fitnesstests – Klinsmanns deutliche Kritik an den Bundesligavereinen
FAZ-Bericht und Fotostrecke vom 3:0-Sieg gegen Ecuador
faz.net: Zwischenzeugnis
FR-Portrait Arne Friedrich
Mittwoch, 21. Juni 2006
Ball und Buchstabe
Ohnmacht für alle
Thomas Kistner (SZ) läßt sich die Kritik am Ticketing nicht versagen: „Die Kraft des Fußballs wirkt berauschender denn je und legt weiter die Versuchung nahe, Unpopuläres durchzuboxen, wenn die Masse feiert. Es wird nach der WM beißende Rückblicke geben auf diese Zeit, als die größte Steuererhöhung aller Zeiten verfügt wurde, während glückstrunkene Menschen schwarzrotgoldene Fähnlein durchs Land schwenkten. Aber jetzt? Später, wir sind beschäftigt. Das bleibt das unschlagbare Erfolgsprinzip von Massenevents – die größten heißen WM und Olympia. Wie der Politik im Großen, kommt die öffentliche Betäubung den Regenten dieser Volkspartys im Kleinen entgegen. Was gab es Klagen wegen des Ticketsystems, die Personalisierung der Karten gilt als Staatsschutzprinzip: Ohne geht nicht, wer’s trotzdem riskiert, wird böse scheitern. Nun läuft die WM, die Stadien sind voll. Das ist erfreulich, wobei außer Frage steht, dass eine WM in diesen Zeiten stets ausverkauft sein wird, auch wenn sie 100 statt 64 Spiele hätte und fast egal, wo sie stattfindet. Bei dieser WM aber findet grobes Foulspiel am Publikum statt. Was nur nicht auffällt, weil sich viele Fans in ihr Schicksal ergeben haben. Sie folgten getreulich den offiziellen Wegen, surften zäh im Internet und jubelten, wenn sie überhaupt Karten für irgendwas ergatterten, sie ertragen Schlange stehend den Personalisierungswahn – um festzustellen, dass sie die Trottel sind. Weil es keine effektiven Kontrollen gibt, und dafür das, was ja zu verhindern war: blühende Schwarzmärkte. Es ist ein Gefühl der Ohnmacht für alle, die sich an Spielregeln halten. Aber die Veranstalter schützt zweierlei: eine alles plättende Hurra-Stimmung im Land sowie die beruhigende Tatsache, dass sich Hunderttausende, die nicht oder unter sinnlos verschärften Bedingungen zum Zuge kamen, nicht wehren werden. Denn diese Masse setzt sich aus Einzelnen zusammen, und der Einzelne ist chancenlos. Das Personalisierungskonzept ist gescheitert.“
SZ: WM-Tickets – der Ehrliche ist der Dumme
Man kann sich reinwaschen
Bernd Müllender (taz) kritisiert die Gelbsperren: „Holland gegen Argentinien, das klingt mindestens wie ein vorweggenommenes Halbfinale – auf dem Papier. Andere Papiere sprechen dafür, dass sich die beiden Teams, weil sie bereits für das Achtelfinale qualifiziert sind, eher zu einem Freundschaftsspiel zweier Reserve-Teams treffen als zum Topmatch einer Weltmeisterschaft. Diese Papiere sind die kuriosen Regelwerke der Fifa. Sie sehen vor, dass ein Spieler nach der zweiten gelben Karte in der Vorrunde gesperrt ist. Bei Holland droht sechs vorbelasteten Spielern diese Gefahr. Das unbedacht Groteske der tumben Regelausdenker: Nach der Vorrunde werden die Verwarnungen gestrichen. Das heißt: Man kann sich durch Nichteinsatz sogar reinwaschen.“
WM 2006
Gruppe G
Flächendeckend tiefes Rot
2:0 gegen Togo – Richard Leipold (FAZ) meldet Schweizer Glück: „Mehr als 40.000 Schweizer feierten ihr Team im Stadion wie eine Heimmannschaft. In der Lautstärke war kein Unterschied zu spüren zum Auftritt der deutschen Elf in der gewaltigen Dortmunder Fußball-Kathedrale, deren Ränge an diesem Nachmittag beinahe flächendeckend in tiefes Rot getaucht waren. Hopp Schwiiz! Dieser inbrünstig intonierte Anfeuerungsruf half den Kickern nicht bloß über ihr spielerisches Tief hinweg, das vielleicht auch der unbarmherzigen Schwüle geschuldet war; das Stimmungshoch auf den Tribünen verriet auch eine Lebensfreude, die das Klischee von der Schweizer Langsamkeit des Seins korrigierte, wenigstens für neunzig Minuten.“ Ingo Durstewitz (FR) widmet sich der sportlichen Leistung der Schweizer: „Vielleicht gibt es doch ein, zwei andere Gründe für den schlappen Auftritt der Eidgenossen. Die mangelnde Kreativität etwa. Der Auswahl des Nachbarlandes fehlt ganz offensichtlich ein Spieler, der von der Norm des tadellosen Malochers abweicht, der einen dieser vielen vorhersehbaren Spielzüge mit einem unvorhersehbaren Pass zu etwas Außergewöhnlichem macht.“
Klischees von Korruption und Kungelei
Die Togolesen sind ein dankbarer WM-Teilnehmer für die Medien; es gab immer was zu schreiben – Richard Leipold (FAZ): „Aus sportlichen Gründen werden die Fußballspieler aus Togo die WM bald verlassen, aber sie werden noch eine Weile in Erinnerung bleiben – als einer der kuriosesten Teilnehmer der WM-Geschichte. Die Westafrikaner haben die gerade in ihrem Land besonders festen Klischees von Korruption und Kungelei derart zuverlässig bedient, daß ihr Auftritt sich stets an der Grenze zur Satire bewegte (…). Während ein Spiel läuft, ist mit Fehlurteilen immer zu rechnen, auch bei einer Weltmeisterschaft. Aber vorher müßte unter Profis alles glattlaufen. Um diesen Anspruch zu erheben, braucht man kein Fußball-Lehrer aus Deutschland zu sein. Nach der Niederlage gegen die Schweiz beklagte Pfister den Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit.“
taz: Wo geht das Fifa-Geld hin?
Gruppe H
Kollektive Alzheimer-Attacke
Nach dem 3:1 gegen Tunesien – Roland Zorn (FAZ) ist begeistert von der spanischen Nationalelf: „Mit den vom Torwart bis zum Linksaußen erstklassig besetzten Spaniern ist mehr als bei jedem Turnier zuvor zu rechnen. Die junge Aragones-Auswahl mit ihrem wiedererstarkten Kapitän personifiziert die Vorzüge des modernen Fußballs mit schnellen Paßfolgen, hohem Tempo bei der Ballmitnahme und einer frappierenden Beweglichkeit im mitreißenden Kombinationsstrom. Eine Halbzeit brauchten die Spanier, um sich vom Rückschlag des frühen Gegentors zu erholen und ihre Sicherheit wiederzufinden. Dann kam Raul, und das eigene Spiel wurde besser, druckvoller und erfolgreicher. Der Strafraumstürmer ist zurück, und Spanien darf weiter hoffen – auf mehr Raul-Tore und den ersten Triumph bei einer Weltmeisterschaft.“ Ronald Reng (SZ) hingegen schreibt, dass Raul nicht zum Spiel der Spanier passe: „Der Fußball besitzt nur ein Kurzzeitgedächtnis, vielleicht das kürzeste Gedächtnis der Welt: Ein einziges Tor lässt alle vergesslich werden. Schon erinnerte sich keiner mehr, wie Raul die ganze Saison gespielt hat, wie er auch vor und nach seinem Volltreffer agierte. Im Prinzip ist solch eine kollektive Alzheimer-Attacke auch nicht ganz falsch, denn ein Stürmer existiert vor allem für solche Augenblicke. Doch Spanien lebt mehr als alle anderen Teams bei dieser WM vom Zusammenspiel seiner Offensive, von den endlosen Passstafetten. Raul, dem in der Melancholie seines erfolglosen Vereins Real Madrid die Form abhanden kam, spielt ein anderes Spiel. Er versteckt sich im Niemandsland zwischen Angriff und Mittelfeld, er lauert, um dann plötzlich hervorzustechen.“
taz: über den neu entfachten Patriotismus in Spanien
Aquaplaning
Frank Heike (FAZ) berichtet das 4:0 der Ukraine gegen Saudi-Arabien: „Gegen einen derart schwachen Widerpart wie Saudi-Arabien genügte der Ukraine die durchschnittliche Vorstellung des verregneten Abends allemal. Das lag auch am saudischen Torwart Mabrouk Zaid. Er konnte einem leid tun. Zaid faustete, wo er fangen mußte, und versuchte zu fangen, wo er hätte fausten sollen. Das 2:0 verschuldete Zaid ganz allein, als er nach Sergej Rebrows Schuß ausrutschte und den Ball passieren ließ. Rebrow faßte sich an den Kopf – mit einem Tor aus 25 Metern hatte er selbst nicht gerechnet. Saudi-Arabien erspielte sich keine einzige Chance, weil seinem Spiel jegliche Antizipation fehlte, weil sich niemand bewegte, und weil Trainer Paqueta mit fünf Verteidigern gegen die zwei ukrainischen Angreifer spielen ließ. Es fehlte dann immer mindestens einer auf dem Weg nach vorn. Doch für eine sichere Defensive stand Paquetas Riegel-Taktik trotzdem nicht: Manchmal schien die Ukraine fast überrascht, wieviel Platz zum Kombinieren blieb. Auf einen Fehler des Gegners antwortete Blochins Team meist mit einem ebensolchen, und so entwickelte sich ein schwaches Spiel.“ Die SZ ist enttäuscht von den Arabern: „Für die saudischen Fußballer kann man angesichts der Leistung nur hoffen, dass die Berichte mehrerer Zeitungen stimmen. Danach hat der Präsident des Fußballverbandes von Saudi-Arabien, Prinz Sultan Bin Fahd Bin Abdulaziz, die Prämien für Runde eins bereits persönlich gezahlt. Die Freude über die Wiedergutmachung für jene Schmach von Japan 2002, als die Saudis mit 0:8 dem späteren Finalisten Deutschland unterlegen waren und mit 0:12 Toren und null Punkten hatten abreisen müssen, währte also nur ein Spiel. Die Araber wurden in voller Gänze Opfer des Hamburger Pisswetters. Das bisschen Wasser hatte auf die Wüstensöhne Saudi-Arabiens einen Effekt, als führen sie ohne Profil auf nassem Asphalt durch die Kurven – akutes Aquaplaning!“
WM 2006
Gruppe G
Flächendeckend tiefes Rot
2:0 gegen Togo – Richard Leipold (FAZ) meldet Schweizer Glück: „Mehr als 40.000 Schweizer feierten ihr Team im Stadion wie eine Heimmannschaft. In der Lautstärke war kein Unterschied zu spüren zum Auftritt der deutschen Elf in der gewaltigen Dortmunder Fußball-Kathedrale, deren Ränge an diesem Nachmittag beinahe flächendeckend in tiefes Rot getaucht waren. Hopp Schwiiz! Dieser inbrünstig intonierte Anfeuerungsruf half den Kickern nicht bloß über ihr spielerisches Tief hinweg, das vielleicht auch der unbarmherzigen Schwüle geschuldet war; das Stimmungshoch auf den Tribünen verriet auch eine Lebensfreude, die das Klischee von der Schweizer Langsamkeit des Seins korrigierte, wenigstens für neunzig Minuten.“ Ingo Durstewitz (FR) widmet sich der sportlichen Leistung der Schweizer: „Vielleicht gibt es doch ein, zwei andere Gründe für den schlappen Auftritt der Eidgenossen. Die mangelnde Kreativität etwa. Der Auswahl des Nachbarlandes fehlt ganz offensichtlich ein Spieler, der von der Norm des tadellosen Malochers abweicht, der einen dieser vielen vorhersehbaren Spielzüge mit einem unvorhersehbaren Pass zu etwas Außergewöhnlichem macht.“
Klischees von Korruption und Kungelei
Die Togolesen sind ein dankbarer WM-Teilnehmer für die Medien; es gab immer was zu schreiben – Richard Leipold (FAZ): „Aus sportlichen Gründen werden die Fußballspieler aus Togo die WM bald verlassen, aber sie werden noch eine Weile in Erinnerung bleiben – als einer der kuriosesten Teilnehmer der WM-Geschichte. Die Westafrikaner haben die gerade in ihrem Land besonders festen Klischees von Korruption und Kungelei derart zuverlässig bedient, daß ihr Auftritt sich stets an der Grenze zur Satire bewegte (…). Während ein Spiel läuft, ist mit Fehlurteilen immer zu rechnen, auch bei einer Weltmeisterschaft. Aber vorher müßte unter Profis alles glattlaufen. Um diesen Anspruch zu erheben, braucht man kein Fußball-Lehrer aus Deutschland zu sein. Nach der Niederlage gegen die Schweiz beklagte Pfister den Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit.“
taz: Wo geht das Fifa-Geld hin?
Gruppe H
Kollektive Alzheimer-Attacke
Nach dem 3:1 gegen Tunesien – Roland Zorn (FAZ) ist begeistert von der spanischen Nationalelf: „Mit den vom Torwart bis zum Linksaußen erstklassig besetzten Spaniern ist mehr als bei jedem Turnier zuvor zu rechnen. Die junge Aragones-Auswahl mit ihrem wiedererstarkten Kapitän personifiziert die Vorzüge des modernen Fußballs mit schnellen Paßfolgen, hohem Tempo bei der Ballmitnahme und einer frappierenden Beweglichkeit im mitreißenden Kombinationsstrom. Eine Halbzeit brauchten die Spanier, um sich vom Rückschlag des frühen Gegentors zu erholen und ihre Sicherheit wiederzufinden. Dann kam Raul, und das eigene Spiel wurde besser, druckvoller und erfolgreicher. Der Strafraumstürmer ist zurück, und Spanien darf weiter hoffen – auf mehr Raul-Tore und den ersten Triumph bei einer Weltmeisterschaft.“ Ronald Reng (SZ) hingegen schreibt, dass Raul nicht zum Spiel der Spanier passe: „Der Fußball besitzt nur ein Kurzzeitgedächtnis, vielleicht das kürzeste Gedächtnis der Welt: Ein einziges Tor lässt alle vergesslich werden. Schon erinnerte sich keiner mehr, wie Raul die ganze Saison gespielt hat, wie er auch vor und nach seinem Volltreffer agierte. Im Prinzip ist solch eine kollektive Alzheimer-Attacke auch nicht ganz falsch, denn ein Stürmer existiert vor allem für solche Augenblicke. Doch Spanien lebt mehr als alle anderen Teams bei dieser WM vom Zusammenspiel seiner Offensive, von den endlosen Passstafetten. Raul, dem in der Melancholie seines erfolglosen Vereins Real Madrid die Form abhanden kam, spielt ein anderes Spiel. Er versteckt sich im Niemandsland zwischen Angriff und Mittelfeld, er lauert, um dann plötzlich hervorzustechen.“
taz: über den neu entfachten Patriotismus in Spanien
Aquaplaning
Frank Heike (FAZ) berichtet das 4:0 der Ukraine gegen Saudi-Arabien: „Gegen einen derart schwachen Widerpart wie Saudi-Arabien genügte der Ukraine die durchschnittliche Vorstellung des verregneten Abends allemal. Das lag auch am saudischen Torwart Mabrouk Zaid. Er konnte einem leid tun. Zaid faustete, wo er fangen mußte, und versuchte zu fangen, wo er hätte fausten sollen. Das 2:0 verschuldete Zaid ganz allein, als er nach Sergej Rebrows Schuß ausrutschte und den Ball passieren ließ. Rebrow faßte sich an den Kopf – mit einem Tor aus 25 Metern hatte er selbst nicht gerechnet. Saudi-Arabien erspielte sich keine einzige Chance, weil seinem Spiel jegliche Antizipation fehlte, weil sich niemand bewegte, und weil Trainer Paqueta mit fünf Verteidigern gegen die zwei ukrainischen Angreifer spielen ließ. Es fehlte dann immer mindestens einer auf dem Weg nach vorn. Doch für eine sichere Defensive stand Paquetas Riegel-Taktik trotzdem nicht: Manchmal schien die Ukraine fast überrascht, wieviel Platz zum Kombinieren blieb. Auf einen Fehler des Gegners antwortete Blochins Team meist mit einem ebensolchen, und so entwickelte sich ein schwaches Spiel.“ Die SZ ist enttäuscht von den Arabern: „Für die saudischen Fußballer kann man angesichts der Leistung nur hoffen, dass die Berichte mehrerer Zeitungen stimmen. Danach hat der Präsident des Fußballverbandes von Saudi-Arabien, Prinz Sultan Bin Fahd Bin Abdulaziz, die Prämien für Runde eins bereits persönlich gezahlt. Die Freude über die Wiedergutmachung für jene Schmach von Japan 2002, als die Saudis mit 0:8 dem späteren Finalisten Deutschland unterlegen waren und mit 0:12 Toren und null Punkten hatten abreisen müssen, währte also nur ein Spiel. Die Araber wurden in voller Gänze Opfer des Hamburger Pisswetters. Das bisschen Wasser hatte auf die Wüstensöhne Saudi-Arabiens einen Effekt, als führen sie ohne Profil auf nassem Asphalt durch die Kurven – akutes Aquaplaning!“
Deutsche Elf
Effizienz
Die deutsche Presse versucht derzeit, ihrer Begeisterung über die deutsche Nationalmannschaft und Jürgen Klinsmann Herr zu werden, und es tappt auch niemand in die Journalistenfalle, etwas zu kritisieren, wo es nicht viel zu kritisieren gibt. Moritz Müller-Wirth (zeit.de) fordert dazu auf, nach dem Gruppensieg einen Moment innezuhalten: „Wer ehrlich ist – und auch jene, die den Kurs von Jürgen Klinsmann über die letzten Jahre grundsätzlich unterstützt haben, können das sein – wer also ehrlich ist, sollte gestehen, dass man ernsthaft mit einem derartigen Verlauf der Gruppenphase nicht rechnen konnte. Gegen Polen lieferte man die erste Reifeprüfung ab, diszipliniert, leidenschaftlich, erfolgreich. Gegen Ecuador hat das Team bewiesen, dass man auch ohne schön zu spielen, effektiv sein kann, dass sich etwas einstellen kann, wie Routine, ein Wort, dass eigentlich in der Klinsmannschen Spielphilosophie nicht vorgesehen ist.“ Marko Schumacher (Stuttgarter Zeitung) stimmt ein: „Nach dem Hurrafußball im Eröffnungsspiel und dem an Leidenschaft nicht zu überbietenden Auftritt gegen Polen zeigte Jürgen Klinsmanns Mannschaft, dass sie mittlerweile eine weitere Fähigkeit besitzt: Effizienz.“
Perfekte Balance zwischen Aufwand und Ertrag
Peter Heß (FAZ) platzt vor Freude: „Jetzt trifft sogar schon Lukas Podolski! Und Arne Friedrich verteidigt fehlerfrei! Und Robert Huth gelingt als Vertreter von Christoph Metzelder das gleiche Kunststück! In diesen Tagen gehen alle Wünsche der deutschen Mannschaft in Erfüllung, sogar die Sorgenkinder bereiten Freude. Die Party kann weitergehen. Die Mannschaft von Jürgen Klinsmann fand die perfekte Balance zwischen Aufwand und Ertrag. Engagiert, aber nicht übermotiviert, kämpferisch, aber nicht mit letztem Einsatz eine Verletzung riskierend oder wie im Fall Michael Ballack eine Gelbsperre, ging sie ihrem Beruf nach. Das 3:0 war ein Sieg der Vernunft, der Konzentration und der Moral.“
Glaube an die eigene Stärke
Markus Völker (taz) würdigt Klinsmanns Fitness-Training: „Der Bundestrainer hat die Deutschen so widerstandsfähig gemacht, dass sie prompt alle Gegner aus dem Weg geräumt haben. Selbst gegen Ecuador schonte Klinsmann bis auf den leicht angeschlagenen Metzelder keinen Leistungsträger, und Kapitän Ballack ließ er gar durchspielen. Er traut seiner Fußballelite leichtathletische Großtaten zu. Mit diesem konditionsstarken und auch spielerisch überzeugendem Triple-Sieg in der Vorrunde hätten die wenigsten gerechnet. Kurzum: Die DFB-Elf hat sich mit Biss ins Turnier hineingespielt, sie kann sich jetzt schon mit dem üblichen Titel schmücken, dem der Turniermannschaft.“ Gleichzeitig blickt Völker mit Spannung auf die nächste Aufgabe: „Die Schweden werden vom DFB-Trainerstab als der stärkere Rivale im Vergleich mit England angesehen. Der umtriebige Sichter Urs Siegenthaler schwärmt von ihrer aufopfernden Laufbereitschaft.“
Ein Zwischenfazit von Mathias Schneider (Stuttgarter Zeitung): „Die Elf hat die Pflicht erfüllt und doch mehr geleistet als Dienst nach Vorschrift. Vor allem die couragierte Art und Weise der Vorträge sorgte zum einen für jene Woge, welche die Elf nun zu tragen beginnt. Gestern donnerten bereits ‚Klinsmann‘-Sprechchöre durch das Rund, nach dem Spiel mochten die Zuschauer ihre Lieblinge gar nicht in die Kabine entlassen. Weitaus schwerer als all die Ehrerbietung vor dem Gang in die K.-o.-Runde wiegt freilich der Umstand, dass Klinsmanns Jungs, nach sechs Jahren ohne Sieg gegen eine große Nation nicht eben mit Selbstvertrauen in diese WM gestartet, an die eigene Stärke zu glauben beginnen. Wer nach der Partie die Protagonisten zum Gespräch bat, konnte sich hiervon aus erster Hand einen Eindruck verschaffen.“
Verdient gemacht am Abbau von Vorurteilen gegen Deutsche
Ludger Schulze (SZ) erkennt den Erfolg hauptsächlich in der entfachten Stimmung als in der Tabelle: „Costa Rica war nicht einmal im Ansatz ein ernst zu nehmender Gegner, Polen und Ecuadors 1-B-Mannschaft traten unter Verzicht auf jene Team-Mitglieder an, die man Stürmer nennt. Außer vom Costa Ricaner Paulo Wanchope (zwei Tore) ist die als Schwachpunkt deklarierte Abwehr nicht weiter behelligt worden. Erfreulich jedenfalls ist, dass nach Jahren der Qual, in denen die DFB-Auswahl in ihrem Missmut und ihrer Reserviertheit die Stimmung des Landes spiegelte, wieder ein Geist des Aufschwungs und der Freude ausgebrochen ist. Das ist Jürgen Klinsmanns Verdienst.“
Schnelle Beine, schnelle Entschlüsse. Bissig, giftig. Weltklasse
In der Einzelkritik schwärmen die Redaktionen von Miroslav Klose, die SZ staunt: „Gegen seine Treffer besaß Ecuador keine Einspruchsmittel, sie waren unvermeidlich. Erneut extrem energetisch und aggressiv, eine echte Plage für die Gegenseite. Klose gelingt in seiner Rolle als Mittelstürmer eine seltene Mischung: Er ist erfolgreich und trotzdem nicht egoistisch. Er setzt sich in der Torschützenliste ab und drängt trotzdem keinen seiner Mitspieler beiseite. Von ihm ist noch einiges zu erwarten.“ Die FAZ stimmt ein: „Schnelle Beine, schnelle Entschlüsse. Bissig, giftig. Weltklasse.“ Michael Ballack imponiert den Experten. „So kennt man ihn“, lesen wir in der FAZ. „Der typische Ballack, ein Kapitän, der über lange Phasen nicht weiter auffällt, der viel unterwegs ist, aber immer wirkt, als würde er nur das Nötigste tun. Und der dann doch hin und wieder zeigt, welch großartiger Spieler er ist: Sein Paß aus dem Fußgelenk auf Klose zum 2:0 – das war Weltklasse, nicht mehr und nicht weniger.“ Die Berliner Zeitung flunkert angesichts des gehemmten weil Gelb fürchtenden Kapitäns: „Ballack startete eine umfassende Freundlichkeitsoffensive. Winkte vor dem Anpfiff ins Publikum, grinste beim Wimpeltausch den Schiedsrichter an, hielt sich aus den geliebten Zweikämpfen fern. Wollte keine Gelbe Karte samt Achtelfinal-Sperre riskieren. Schaffte das. Bewies, dass ein Chef kein ruppiger Rüpel sein muss. Ersetzte Grätschen durch Stellungsspiel, Klugheit, Eleganz. Zauberte nebenbei einen Lupfer aus dem Fußgelenk vor dem 2:0. Wurde für seine Leistung mit der zinnernen Bierkanne für den Spieler des Tages bestraft. Erschrak fürchterlich, als er sie überreicht bekam. Hielt jedoch die Tränen zurück.“
Arne Friedrichs Learning by Doing
Ein Schulterklopfen erhält auch Torsten Frings: „Wachsam, aufmerksam in der Rolle des Kettenhundes, der den zentralen Zugang zum Strafraum bewacht. Verzahnte Mittelfeld und Abwehr. Note eins für die Nummer 6“, zensiert die FAZ. Und ein Zuckerchen für Lukas Podolski von der Berliner Zeitung: „Wurde als Gewinner der Aktion Sorgenkind ermittelt. Hatte den Vorteil, dass außer ihm keiner an der Aktion teilnahm. Hörte so lange die Anfeuerungsrufe von Jürgen Klinsmann und den Fans, bis er sich entschloss, seine Torflaute zu beenden.“ Und über Philipp Lahm heißt es: „Erstaunlich war allein, dass Lahm zweimal ausgespielt wurde in der ersten halben Stunde, man hatte nach den forschen Auftritten des Winzlings ja gedacht, so etwas werde nie wieder passieren.“
Arne Friedrich hingegen hat nicht nur bei vielen Fans keinen Kredit (obwohl er gestern mit ein paar Sprechchören gefeiert worden ist; ein Huuuth-Nachfolger wird er aber nicht). Auch viele deutschen Journalisten rümpfen ihre Näschen. Die SZ höhnt: „Der zuletzt schärfstens verunsicherte Friedrich brach zu einem Sololauf über die rechte Seite auf und brachte ihn auch zu Ende, ohne dem Ball weh zu tun.“ Doch unsere südlichen Nachbarn von der NZZ bewerten ihn mit Wohlwollen: „Allmählich scheint er sich zu fangen, jene Form wiederzufinden, die ihn schon unter Rudi Völler ins Nationalteam beförderte. Gegen Ecuador spielte er weitgehend fehlerfrei, meist stand er am richtigen Platz, und als die Prüfung bestanden war, sagte er, man freue sich jetzt auf den nächsten Gegner. Vermutlich wird es noch einmal eine Spur besser gehen. Denn Friedrich, das hat die Vorrunde gezeigt, ist ein Muster-Exponent des ebenso alten wie erfolgreichen Prinzips Learning by Doing.“
Maßloses Lob von Blatter
Noch zwei irritierende Aussagen von Prominenten, die sich aber einer genauen Interpretation entziehen. Agrarminister Horst Seehofer sagt nach dem Spiel über die deutsche Elf: „Die stehen voll im Saft. Wer die schlagen will, der braucht einen sehr guten Tag. Ich fürchte, daß die im Endspiel landen.“ Und Fifa-Präsident und Fußballexperte Joseph Blatter, der beim Torwandschießen so aussieht, als würde man einer Marionette gerade die Fäden schneiden, lobt ohne Maß: „Die Deutschen werden getragen vom Publikum. Ich wüßte nicht, wer die aufhalten soll.“
Über den Interview-Boykott Lukas Podolskis gegen die ARD, den eine Radio-Satire ausgelöst hat, lesen wir wenig; vielleicht will sich niemand zwischen die Stühle setzen; vielleicht will niemand den sensiblen Torjäger rüffeln. Die Frankfurter Rundschau jedenfalls findet die Haltung Podolskis engstirnig: „Der WDR ist in eine überaus missliche Zwickmühle geraten. Einerseits kann er seine Programmhoheit schlecht an einen Fußballer abtreten, der wegen einer ebenso niveau- wie harmlosen Sendung die beleidigte Leberwurst gibt. Andererseits herrscht der logikfreie Ausnahmezustand Fußball-WM und gilt Poldi nicht nur, aber vor allem in Köln als Charmebolzen erster Güte, dem das Volk so ziemlich alles verzeiht. Vermutlich also auch seinen Boykott gegen die ARD.“
FR-Interview mit Oliver Bierhoff
Klose und Podolski, eine verheerende Kombination
Die NZZ ist es, die am schärfsten mit dem Gegner ins Gericht geht: „Was Ecuador bot, war äusserst magere Fussballkost. Das Spiel der Südamerikaner war geprägt von etlichen individuellen Fehlern, unsicherer Ballführung, Zweikampfschwäche, Fehlpässen und dem fast völligen Fehlen von Ideen im Angriff, so es denn überhaupt einmal zu einem Vorstoss kam. Die Ecuadorianer liessen jegliche Linie in ihrem Spiel vermissen, es fehlte nicht nur ein Denker und Lenker, sondern auch die Initiative jedes einzelnen.“
Der Guardian aus London lobt das deutsche Sturmduo: „Befreiung schmückte das Gesicht von Podolski. Klose schritt zu ihm, um ihn in den Arm zu nehmen und ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Ob er es für seinen Mannschaftskameraden oder die Fernsehkameras getan hat oder nicht, die beiden haben gezeigt, dass sie zusammen ein verheerender Verbund sind.“ Der Independent traut der deutschen Mannschaft viel zu: „Sie werden nun nicht mehr auf uninteressante Gegner wie Ecuador treffen, aber die Aussicht, ihr Ziel zu erreichen, ist nach dieser umfangreichen Leistung gestiegen. Klinsmanns Team hat als Basis das Selbstvertrauen.“ Die Times hebt Deutschland in die Gruppe der Favoriten: „Deutschland wird nicht mehr nur aufgrund ihrer erfolgreichen Geschichte gefürchtet. Klinnsmanns Team erreicht, dank dem Heimvorteil, der stetig steigenden Form und dem Besitz des Top-Torschützen eine bedrohliche Form. Der Mann der einst als ‚Grinsi-Klinsi‘ verhöhnt wurde, bringt Deutschland das Lächeln zurück.“ Die Daily Mail hingegen nimmt den Sieg Deutschlands nicht für voll: „Es war schon vor dem Anpfiff klar, dass Deutschland dieses Spiel ernster nahm als Ecuador. Ecuador wechselte auf fünf Positionen.“
Einheit zwischen dem Volk und seinen Spielern
(sh) Aus Italien spuckt zunächst der Corriere della Sera in unsere Suppe: „Ein sympathisches, aber unnützes Spiel, das die Fifa auch hätte absagen können, weil beide Mannschaften ja bereits für das Achtelfinale qualifiziert waren.“ Doch es folgt Anerkennung: „Jürgen Klinsmann, der nach drei Spielen vom kalifornischen Staatsbürger zum Kaiser-Anwärter befördert worden ist, setzt weiter auf seine Strategie der Erhaltung der Kräfte, mit geringfügigen Konzessionen. Das ist verständlich: Das Bild der Nation muss hochgehalten werden, 72.000 Menschen sind im Stadion und fast 900.000 in der Stadt in den Startlöchern, um in die Straßen einzufallen, falls die Nationalmannschaft weiterkommt. Also, es gibt nur noch Deutschland, es wird gefeiert, Küsse, Umarmungen und Chöre, an denen Ecuador mit der gebührenden Resignation teilnimmt.“ La Repubblica aus Rom bekundet ihre Sympathie mit den feiernden Deutschen: „Mitten auf dem Spielfeld wurde die Hochzeit zwischen den Deutschen und ihrer Mannschaft gefeiert, mit den Spielern, die ihre Runde drehten und allen rundherum, mit wehenden Fahnen – ein Patriotismus, der dieselben so sehr stört, die ihn praktizieren. Deutschland ist zum ersten Mal in der Hauptstadt angekommen, im Olympiastadion, mit dem Traum, zum letzten Spiel dorthin zurückzukehren. Und der klare Sieg über Ecuador hat es fertig gebracht, nach Monaten der Skepsis die Einheit zwischen dem Volk und seinen Spielern zu bekräftigen.“ Zu den Protagonisten heißt es: „Klose: Zwei Jahre Mißgeschicke und jetzt wieder vier Tore, Schützenkönig der WM, nach den fünf Toren von 2002. Schneider: wieder brillant, Animateur vieler Aktionen. Ballack: immer der Anstifter des Spiels. Er hat sich diszipliniert seiner Mannschaft gewidmet, mit einem Augenblick von Egozentrik nur in der zweiten Hälfte. Der kleine Lahm: neuer deutscher Star, der, wie immer, sehr stimulierend war, aber, zweimal von schnelleren Gegnern angegriffen, zwei schreckliche Löcher provoziert hat.“
Sonst gibt es in diesen Tagen nur ein Thema, das die Schlagzeilen selbst der seriösen italienischen Tageszeitungen beherrscht. Und das ist nicht der Fußball, nicht die WM, nicht Calciopoli, sondern die Verhaftung des Mannes, der heute wahrscheinlich König von Italien wäre, hätten die Italiener 1946 bei einem Referendum nicht gegen die Monarchie und für die Republik gestimmt: Vittorio Emmanuele. Die Ermittlungen wegen Betrugs, Glücksspiels und Prostitution ziehen immer weitere Kreise, immer mehr unappetitliche Details kommen ans Licht, und die Innenseiten der Zeitungen sind voll davon. Allein der Mailänder Corriere della Sera bestreitet fünf Seiten mit dem Thema „Der Prinz und der Skandal“.
Auf den Fußballseiten macht La Repubblica unverdrossen optimistisch und ohne einen Hauch von Selbstkritik mit dem Titel „Giochiamo all’italiana“ (Wir spielen all’italiana) auf, bezogen auf das morgige Spiel gegen Tschechien. Ein kleiner Kommentar ist dem „Gerontocalcio“ gewidmet, der Überalterung (nicht nur) der italienischen Nationalspieler. Dieses Thema beschäftigt auch den Corriere della sera. Ein zweiseitiger Sonderbericht ist hier dem vermutlich bevorstehenden „Addio“ des Nationaltrainers Marcello Lippi gewidmet, der durch seine Verwicklung in den Fußballskandal bereits angezählt ist. Kommentator Alberto Costa spekuliert: „Hamburg, morgen, könnte die Endstation von Marcello Lippis azurblauem Abenteuer sein. Ein Sieg der Techischen Republik und gute Nacht, Freunde: das wäre das Addio für alle Träume von Größe und Revanche.“
Dienstag, 20. Juni 2006
WM 2006
Ganz auf die Meisterschaft konzentrieren
0:6 – was bleibt Serbien, außer Handke, Michael Martens (FAZ)? „Zur Schmach trug auch Diego Maradona bei, ausgerechnet er. Manche Zeitungen druckten ein Foto des jubelnden Argentiniers, das staatliche Fernsehen zeigte ihn in Großaufnahme in derselben Jubelpose im Stadion. Dabei war er just vor einem Jahr, im Juni 2005, noch in Belgrad gewesen, um mit dem wahlserbischen Regisseur Emir Kusturica an Szenen für dessen Dokumentarfilm über sich zu arbeiten. Seinerzeit war Maradona von Serbiens Ministerpräsident Kostunica empfangen worden und hatte ein Hemd getragen, auf dem George Bush als Terrorist bezeichnet wurde, was in Serbien comme il faut ist. Damals sagte Maradona vieldeutig, er sei ‚all die Zeit‘ mit den Serben gewesen – aber von diesem Mitgefühl war ein Jahr später nicht mehr viel zu sehen. Auch für die Belgrader Zeitungen wird sich das Sommerloch jetzt um so bedrohlicher ausbreiten. Denn nun gibt es nicht jene fußballerischen Aschenputtel-Geschichten zu erzählen, wie sie auch erzählt werden, wenn ein afrikanisches Land in einem internationalen Wettbewerb überraschend erfolgreich ist oder Hansa Rostock gegen einen Club aus dem nettozahlenden Bundesgebiet gewinnt. Hätten die Serben und ihr torhütender Montenegriner dagegen Erfolg gehabt, wäre in den Medien mit Sicherheit jenes Rührstück von der strukturschwachen Region oder dem vom Glück vernachlässigten Land aufbereitet worden, das von allen guten Geistern und der Industrie verlassen wurde, aber neues Selbstbewußtsein aus den Siegen der eigenen Fußballmannschaft zieht. Es wäre wieder behauptet worden, die Menschen der Region richteten sich an den Erfolgen einer Sportmannschaft auf wie früher nach den Siegen des jugoslawischen Basketballteams. Immerhin muß das Land diesen Schmu nun nicht über sich ergehen lassen, sondern darf Trost suchen in einem goldenen Verliererwort: Serbien kann sich jetzt ganz auf die Meisterschaft konzentrieren.“
Machbarkeitsadvokat
Sehr lesens- und bedenkenswert! Roland Zorn (FAZ) porträtiert den pragmatischen Marco van Basten und nimmt uns ein Feindbild, den hochnäsigen Holländer: „Die Zeiten, da holländische Fußball-Lehrer der Welt glaubten verkünden zu müssen, wie dieser Sport im Idealfall auszusehen habe, scheinen fürs erste vorbei. Nachdem diese orangene Revolution gescheitert ist und die Welt noch immer auf ein Weltmeisterteam holländischer Provenienz wartet, führen nun auch im deutschen Nachbarland die Pragmatiker und nicht mehr die Programmatiker das Wort. Daß ausgerechnet Marco van Basten zum Wortführer der Machbarkeitsadvokaten geworden ist, entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, hat doch der jüngste Trainer bei der Weltmeisterschaft sein Handwerk bei Ajax, in der Eliteschmiede des zum nationalen Kulturgut erhobenen 4-3-3-Systems, erlernt. Von missionarischem Eifer aber ist dieser Bondscoach anders als viele seiner Vorgänger weit entfernt. (…) Aufgewachsen in einem Land, in dem einerseits Systemtreue gepredigt und andererseits der Fußball als Abenteuer für Freidenker empfunden wird, besitzt eine der jüngsten Turniermannschaften bei dieser WM die Fähigkeit, sich nicht zu übernehmen, niemanden zu unterschätzen und den kostbaren Sieg über die Verlockungen des Spiels zu stellen. Dazu hat van Basten seine Spieler angestiftet. Mag er auch seine Grundausbildung in der hohen Ajax-Schule absolviert haben, seinen taktischen Feinschliff erwarb der Europameister von 1988 beim AC Mailand in der Akademie des Arrigo Sacchi. In Italien ist der Angreifer von Welt auch zum Bewunderer elastisch-stabiler Abwehrstrategie geworden. Bei seiner ersten WM präsentiert van Basten dem Publikum seine Version der Elftal unter den modernen Bedingungen des Tempofußballs.“
Ball und Buchstabe
Instrument
Thomas Kistner (SZ) fordert den Videobeweis in der Entscheidung über ein Tor und wundert sich über den Widerstand der Gegner: „Es mutet bizarr an, dass der Fußball in dieser Frage so zerrissen ist. Einerseits eine Milliardenbranche, die mit erkennbarem Vorsatz zur Ghettoisierung ihrer Konsumenten, der Fangemeinde, ansetzt. Andererseits ein letztes Traumreservat für menschliche Schwächen. Entsprechend inkonsequent wird mit dem Videobeweis verfahren, der zwar auch im Fußball längst angewendet wird, nur eben nicht dort, wo die gesamten Anstrengungen dieses Spiels ja allein hinzielen: in der Frage, ob der Ball die Torlinie überschritten hat. Es gibt Fragen, die sollten nicht Funktionären überlassen werden, sondern Fachleuten. Also nicht Leuten wie Fifa-Chef Blatter, der erst mit 39 Jahren in diesen Sport beruflich reinschnupperte, sich zu den Kernfragen aber trotzdem gern so äußert, als unterlägen sie nur seinem persönlichen Daumenzeichen. Der Ruf nach Hilfsmitteln wird von Experten erhoben, 2004 etwa regte Michel Platini die Einführung von Torrichtern an. Die Furcht vor dem unbestechlichen Auge eines Oberschiedsrichter ist eine Eigentümlichkeit des Fußballs. Sie fällt besonders auf in Zeiten, da die Schiedsrichter weltweit stärker in die Schlagzeilen geraten – mit Fehlern, die keineswegs Irrtümern entspringen und für die hierzulande der Name Hoyzer steht. Längst sind enorme Summen im Spiel. Wer da noch am Liebreiz des menschlichen Irrens festhält, ist ein Schwärmer. Oder er kalkuliert damit: Denn solange der Irrtum zum System gehört, bleibt er ein wunderbares Instrument darin.“
SZ: Hintergrund
Fanverarschung
Benjamin Henrichs (SZ) ärgert sich über Fanberichte: „Die Fanberichterstattung gehört bei dieser WM, wie bei jeder WM, zu den traurigen Tiefpunkten des Programms. Es sind immer die selben öden Szenen: Da steht ein armer Reporter, umringt, geschubst von entfesselten Fußballfans, und behauptet schreiend, dass ‚die Stimmung‘ hier bei den Fans absolut sensationell sei, und das schon in der Vorrunde! Hier geht die Post ab, hier ist der Bär los! Hier in Rio und erst recht hier in Görlitz. Der Reporter ist in Todesnot, der kreischende Fan gibt sein Bestes (denn er weiß, er ist jetzt auf Sendung), und nach ungefähr dreißig Sekunden ist die Posse vorbei. Der Fan hat seine Rolle als Pausenclown gespielt – und wir sind wieder zurück bei den bekannten Hauptdarstellern, beim knarzenden Netzer, beim säuselnden Kerner. Und wir fragen uns verzweifelt, wieso es immer noch Reporter gibt, die bei diesem Unsinn folgsam (oder sogar frohgemut) mitmachen. Und Redakteure, die Tag für Tag diesen Müll bestellen und in die Welt senden. Die Fanberichterstattung im WM-Fernsehen, wir wollen das jetzt einmal ganz fanmäßig formulieren, ist eine einzige Fanverarschung. Weil sie den Fan nur als brüllenden Statisten brauchen kann, als Fahnenschwenker und Maskenträger, nicht aber den Fan als Kenner und Liebhaber. Denn wenn man nicht die Bestie vor der Kamera mimen kann, dann hat man keine Chance im Fan-TV. Allenfalls als schöne Frau. Aber wer von uns ist das schon? Kurzum: Die Fans, die uns das Fernsehen zeigt, sind weniger Fans als fanatische Fan-Darsteller, gierig auf jene zehn Sekunden Unsterblichkeit, die ein Auftritt im Fernsehen angeblich bedeutet.“
taz: Netzer und Delling sind einfach nur noch Mitleid erregend
BLZ: Fußball bei RTL – Kritk an Littbarski, Lob für Geissen
taz: Bild gegen Manfred Breuckmann
BLZ: Die Weltmeisterschaft wird nicht nur in Schwarz-Rot-Gold gefeiert. Jeden Tag gibt es hier eine Völkerwanderung – mit Flaggen und Gesängen der Gäste
FR-Interview mit dem Kulturforscher Klaus Theweleit über das gemeinsame Brüllen im Stadion
WM 2006
Gruppe G
Verhöhnt
Nur 1:1 gegen Südkorea – Peter Heß (FAZ) verurteilt den französischen Trainer Raymond Domenech: „Vielleicht mag das Verhältnis der meisten Spieler untereinander in Ordnung sein. Sie kennen sich schließlich schon lange genug. Das französische Team gehört zu den ältesten des Turniers. Aber auch die Beziehung zum Trainer muß stimmen, um erfolgreich Fußball spielen zu können. Und in dieser Hinsicht herrscht seit Beginn der Zusammenarbeit ein Mangel. Domenech kam im Juli 2004 als Junioren-Nationaltrainer zu den Stars, er sollte den Umbruch mit jungen Spielern schaffen. Der Theaterfreund und Hobby-Astrologe versuchte mit einer unnahbaren Art seine Autorität aufzubauen: Mit gruppendynamischen Gesprächen zu nachtschlafener Zeit, mit kurzen Erklärungen, warum es jemand in die Mannschaft gebracht hat, und noch kürzeren, warum er wieder herausgeflogen ist. Die Medien verhöhnte er, indem er zugab, sich vor den öffentlichen Auftritten eine Rolle zurechtzulegen. Seine Aussagen spiegelten nicht seine wahre Meinung, sondern was er sich vorher ausgedacht habe. Wenigstens eine Journalistin nahm er immer ernst – seine Lebensgefährtin. Ihr gewährt er Exklusivinterviews und privilegierten Zugang zu seinen Spielern. (…) Französische Reporter konnten sich nicht daran erinnern, wann er zuletzt den Medien in einem Punkt recht gegeben hätte.“
Öffentlicher Prozess
Michael Horeni (FAZ) verachtet Domenech für die Auswechslung Zinedine Zidanes beim Stand von 1:1: „Mit der Grande Nation fragt sich die gesamte Fußballwelt, ob diese traurige 90. Minute, in der Zinedine Zidane ausgewechselt wurde, tatsächlich der letzte Auftritt eines ihrer größten Helden gewesen sein sollte. Wenn es Frankreich nicht ins Achtelfinale schafft, war es das letzte Spiel für den gegen Togo gesperrten Fußball-Genius. Diesem Moment nicht gerecht worden zu sein wird Domenech wohl noch lange wie ein Fluch verfolgen. Eine sofortige Entlassung, sozusagen honoris causa, wäre eine zu geringe Strafe für das bittere Schlußbild, das Domenech zum möglichen Ende der Ära des großen Zidane geliefert hat. Es war ein trauriger Moment für den Fußball, nicht nur für Frankreich. Auch um den anderen galaktischen Weltstar der vergangenen Jahre steht es beim Pflichtprogramm der WM nicht viel besser. Ronaldo, wie Zidane über viele Jahre eines der Zentralgestirne des Fußballs, erlebte einen weiteren schweren Tag. Als er nach 72 Minuten den Platz für den jugendlich-frischen Robinho räumen mußte, wurde sichtbar, welch ungeheure Menge an Loyalität sein Trainer Parreira wird aufbringen müssen, um bei der WM weiter an Ronaldo festzuhalten. Die Schwerfälligkeit, mit der sich Brasilien durch die Vorrunde schleppt, trägt längst seinen Namen. Zidane raus! Ronaldo raus! Die Zeit der Galaktischen geht in diesen Tagen zu Ende.“ Stefan Osterhaus (NZZ) klagt über die Anmaßung Domenechs: „In Leipzig wohnten 43.000 Zuschauer einem öffentlichen Prozess bei, in dem Domenech Kläger und Richter gleichermassen war. Er senkte den Daumen, demontierte Zidane, den Weltmeister, den Europameister, den besten Mittelfeldspieler, den Frankreich je hatte. Wahrscheinlich war es sein letztes Spiel.“
Dissonanzen
Frankreich spielt, und Andreas Rüttenauer (taz) verzieht das Gesicht: „Frankreich hatte geplant, noch ein paar großartige Konzerte zu spielen. Das Turnier in Deutschland sollte die Abschiedstournee eines Ensembles werden, von dem jeder weiß, dass seine Zeit abgelaufen ist, dessen Musik aber noch in den Ohren vieler Fans nachklingen wird. Im ersten Spiel der WM haben sie den Ton nur allzu selten getroffen. Hochkonzentriert gingen sie ihren zweiten Auftritt an. Gegen Südkorea war es wieder zu sehen, jenes besondere Gespür für das Spiel. Das Orchester harmonierte, 45 Minuten lang lief das Spiel der Franzosen rund. Das Tempo war nicht hoch, es war wohl dosiert. Und dennoch war etwas anders. Die erste Geige wurde nicht mehr von Zinedine Zidane gespielt. Thierry Henry gab den Ton an. Und er war es auch, der am Ende am traurigsten darüber war, dass das Konzert trotz eines harmonischen Beginns mit vielen Dissonanzen endete.“ Frank Hellmann (FR) pflichtet bei: „Frankreich hat nicht nur den falschen Anführer, sondern scheint grundsätzlich fehlgeleitet; in der Personalauswahl, in der Spielweise. Es ist fatal, sich allein darauf zu verlassen, dass eine gute defensive Grundordnung und Klasseleute im Abwehrzentrum genügen, einen Vorsprung zu verwalten.“
Masochismus
Christof Kneer (SZ) stellt die Kennzeichen südkoreanischen Spiels heraus: „Vor vier Jahren, bei der WM im eigenen Land, haben sich die südkoreanischen Fans noch nicht so irritieren lassen vom Fußball. Sie haben sich selbst gefeiert, und am Ende hat der Stadionsprecher gesagt, dass sie gewonnen hatten. Immer wenn Korea spielt, erinnert man sich an 2002, aber es ist vieles anders geworden seitdem. Das beginnt bei der Mannschaft, die eine Lightversion jener heldenhaften Vorgängerelf ist, die es vor vier Jahren bis ins Halbfinale schaffte. Es war ein dominantes Gewusel damals, aber davon ist nur noch das Gewusel übrig geblieben. Immer noch lassen sie den Ball hin- und herkreiseln, aber zehn Kreisler sind ein paar zu viel. Es gibt keinen ordnenden Fuß in dieser Elf, keinen prägenden Spieler, und sie trauen sich auch deshalb nicht mehr so viel Angriffslust zu, weil sie sich nicht mehr so auf ihre Abwehr verlassen können. Vor vier Jahren haben sie ja extra die Liga ein halbes Jahr geschlossen und die Spieler vom heiligen Hiddink kasernieren lassen, und aus der Kaserne heraus kam ein Kollektiv, in dem jeder wusste, was der Nebenmann als übernächstes macht. Diesmal kamen die Wusler aus Wolverhampton, Manchester oder Japan angereist, aber eines hat ihnen auch diesmal keiner nehmen können: jene asiatische Gabe, 90 Minuten an die eigenen Grenzen zu gehen – egal, wie hoffnungslos die Lage ist. Diese Mannschaft hat mehr noch als ihr Vorgängermodell eine Geduld, die an Masochismus grenzt.“
Michael Reinsch (FAZ) schreibt über Koreas Fans: „Die Red Devils zeigten dennoch Bescheidenheit. Als der Morgen graute, räumten sie auf der Fan-Meile die leeren Flaschen und Hamburgerschachteln in die Mülleimer und zogen zum Hauptbahnhof. Nicht die Spieler sind die roten Teufel, obwohl sie nun schon bei der dritten WM in roten Trikots antreten. Die Fans waren es, die sich Mitte der neunziger Jahre den Namen geben – in Anspielung auf die koreanischen Junioren, die bei der WM 1983 das Halbfinale erreichten und als ‚rote Furien‘ in die Geschichte eingingen. Der frühdemokratischen Gesellschaft Südkoreas war die Farbwahl suspekt – rot hatte einen Anklang von Kommunismus und Nordkorea. Das änderte sich erst, als Verband und Mannschaft sich ihren Fans anschlossen. Mit ihrer Choreographie, ihren Gesängen und Tribünenbildern aus Pappschildern waren die Fans den Spielern wenn schon nicht voraus, so doch ebenbürtig an Engagement und Einfallsreichtum.“
WM 2006
Gruppe B
Mentale Grundanforderung
Christian Eichler (FAZ) stellt den englischen Keeper vor: „Paul Robinson hat seine Stärken eher auf der Linie. Beim Herauslaufen hat er einige Schwächen, allerdings wird er in dieser Hinsicht auch nicht sehr gefordert, denn die mächtige Innenverteidigung mit John Terry und Rio Ferdinand erspart ihm mit ihrer Kopfballstärke in den meisten Fällen das Herauslaufen bei Flanken. England kann in jedem Mannschaftsteil Weltklasseleute aufweisen, nur noch nicht im Tor. Daß Robinson das ändern könnte, trauen ihm viele zu. Wie dünn das sonstige Keeper-Angebot ist, zeigte Trainer Sven-Göran Eriksson, als er als dritten Mann hinter Robinson und James nur Scott Carson fand, der beim FC Liverpool nur dritter Torhüter ist. Die Plätze bei den vier englischen Top-Klubs sind allesamt von Ausländern besetzt (Cech bei Chelsea, van der Sar bei ManU, Reina bei Liverpool, Lehmann bei Arsenal). Deshalb fehlt englischen Torhütern meist die Champions-League-Erfahrung. Sie leiden unter dem Problem, daß internationaler Fußball einen anderen Rhythmus hat als englischer Klubfußball. Eine Stunde lang und mehr praktisch untätig die Spannung zu halten, um dann in den ein, zwei entscheidenden Szenen voll dazusein: Daß er diese mentale Grundanforderung an Weltklasse-Torhüter erfüllt, muß Robinson noch beweisen.“
WM 2006
Gruppe F
Kämpfernaturen
Elisabeth Schlammerl (FAZ) würdigt die Arbeit des holländischen Trainers von Australien: „Guus Hiddink hat ein Gespür dafür, wie er eine Mannschaft anpacken muß. In Südkorea hatte er die Spieler vor der WM 2002 zu Höchstleistungen getrieben, indem er den Konkurrenzkampf geschürt und provoziert hatte. Die zu übertriebener Freundlichkeit und Unterwürfigkeit neigenden Asiaten wehrten sich wie von Hiddink erhofft, zunächst innerhalb der Mannschaft und später auf dem Platz. Mit erstaunlicher Bissigkeit schafften sie es dann bis ins Halbfinale. In Australien hat er schnell erkannt, daß er dieses Spielchen nicht treiben muß. ‚Australier sind Kämpfernaturen.‘ Er konnte sich gleich aufs Wesentliche konzentrieren, aufs Spielsystem. Das Niveau, auf dem die Mannschaft gegen Japan und auch gegen Brasilien gespielt hat, ist zwar überraschend hoch, aber sicher kein Wunder und weit weniger erstaunlich als die Leistung von beispielsweise Trinidad und Tobago, das mit dritt- und viertklassigen Spielern und limitierten Möglichkeiten England und Schweden das Leben schwermachte. Die meisten australischen Nationalspieler haben schließlich einen Vertrag bei europäischen Erstligaklubs, in England, Italien, der Schweiz oder Holland. Aber gegen Brasilien zeigte sich auch, was Australien von der absoluten Spitze trennt: Die Abgebrühtheit vor dem Tor.“ Andreas Burkert (SZ) stimmt zu: „Wenn es wirklich so etwas wie die Handschrift eines Trainers gibt, dann hat man sie beim Anblick der dunkelblau gekleideten Australier bestaunen können. Vor dem Turnier galten die Sorgen der Experten vor allem ihrer Abwehr: Denn ist dort nicht Craig Moore eine feste Größe, der vorige Saison sogar in Mönchengladbach durchfiel? Doch in München brillierte sie mit schlüssiger Raumaufteilung und sicherem Verschieben, so dass sich Brasilien meist in diesem Irrgarten verlief (…). Diese gut abgesicherte und dennoch offensivfreudige Mannschaft ist nun Favorit auf den zweiten Gruppenplatz.“
Brasilien, verzweifelt gesucht
Javier Cáceres (SZ) erkennt Brasilien nicht wieder: „So viel Verzweiflung war selten bei denen, die der Legende vom schönen Spiel der Brasilianer anhängen. So wie sich Ingrid Bergmann und Humphrey Bogart in Casablanca an Paris festhielten, so blieb den Ästheten im Fußball immer: Brasil. Es war einmal. Tempi passati. Nicht mehr. Nicht ein einziges Mal war ein artistisches Moment zu sehen bei dieser WM. Brasilien, verzweifelt gesucht (…).‘Wichtig ist, dass wir zum Finale in Form sind‘, sagte Ronaldinho. Wie pragmatisch das klingt. Und wie schrecklich: aus seinem Munde.“ Thomas Klemm (FAZ) erläutert: „Nicht der große Fußballzauber, sondern die taktische Disziplin ist für Parreira das entscheidende Moment bei dieser Weltmeisterschaft; wie bereits 1994, als der Trainer eine keineswegs favorisierte Selecao um ihren Vorarbeiter Carlos Dunga zum ersten Titel nach 24 Jahren führte. Vor allem die Mittelfeldspieler müssen ihren Spieltrieb unterdrücken, wie es Ze Roberto vormacht, der wegen seines uneitlen Auftretens von Parreira hochgeschätzt wird.“
Anständig trainieren
Wiebke Hollersen (BLZ) empfindet die Brasilianer als arrogant: „Also, was war los mit Brasiliens Fußballern? Zé Roberto machte sich daran, seine Verteidigungsleistung aus dem Spiel noch zu steigern. Schon besser habe man gespielt, mit mehr Bewegung im Angriff, die Mannschaft wachse, es sei heiß gewesen, und: ‚Die WM fordert viel Kraft. Alle Welt ist gut trainiert.‘ Nun sind also auch die Brasilianer erstens zu der erstaunlichen Erkenntnis gelangt, dass die WM im Sommer stattfindet und es auch in Deutschland mehr als 20 Grad warm werden kann, und dass es, zweitens, durchaus üblich ist, für so eine Weltmeisterschaft vorher anständig zu trainieren.“
Vollkommen ebenbürtig
Christian Zaschke (SZ) über die japanische Ausgangsposition vor dem letzten Gruppenspiel: „Einen Rückschritt hat die japanische Mannschaft in den vergangenen vier Jahren nicht gemacht. Sie war den in Europa etablierten Kroaten vollkommen ebenbürtig. Das Team vergab eine klare Torchance auf eine Weise, die man selten sieht – alles hätte ganz anders kommen können, doch so bleibt das Hauptproblem dieser Mannschaft, dass ihr jemand fehlt, der die schön vorgetragenen Angriffe zum zählbaren Abschluss bringt – ein Problem, das sie mit vielen Teams aus aller Welt teilt. Allerdings nicht mit Brasilien, dem Gegner, den es nun mit möglichst vielen Toren zu besiegen gilt.“ Die Welt ergänzt: „Nur hin und wieder starteten sie überfallartige Attacken. Aber Top-Stürmer Nakamura blieb ebenso wie Superstar Nakata weit unter seinen Möglichkeiten. Erschreckend vor allem, wie sie die wenigen Chance kläglich vergaben. Das machen die Spieler der Kreisklasse besser.“
Deutsche Elf
Taktische Mängel
Philipp Selldorf (SZ) erläutert die Unreife Lukas Podolskis, gibt ihm aber im Zwist mit der ARD recht: „Gegen eine satirische Reihe, die der WDR auf seiner Jugendwelle ‚1 Live‘ sendet, setzt sich Podolski zur Wehr, indem er gleich die ganze ARD in Haftung nimmt: Mit einem Interviewboykott, der für Fernsehen wie Rundfunk gilt. Der DFB unterstützt ausdrücklich die Strafaktion. Das Ganze klingt nach Nötigung, ist es auch – und doch kann man es nicht verwerflich finden. Wenn Podolski beklagt, die Reihe ziele ‚unter die Gürtellinie‘, indem sie ihn als primitiven Dummkopf darstellt, dann hat er recht. Es ist eine armselige Sorte Komik, beleidigend und verletzend. Andere Missverständnisse um Podolski aber werden sicher noch eine Weile anhalten, denn sie sind grundsätzlicher und sportlicher Natur. Viel zu lange wurde die Frage ignoriert, was für eine Art Stürmer Lukas Podolski eigentlich ist, weil allein seine spektakulären Tore und seine speziellen Fähigkeiten im Mittelpunkt standen. Er hat einen famosen Schuss, einen sechsten Sinn für den richtigen Stand- und Startplatz und gelegentlich ein exzellentes Pass-Spiel. Aber er hat auch arge Defizite, die auf einer schlechten Erziehung in seinem Klub beruhen, was wiederum darauf zurückgeht, dass Podolski schon als Teenager in den Heiligenstatus versetzt worden ist. Die Privilegien, die ihm beim FC zufielen, die täglichen Oden der Verehrung, die ihm in Köln gewidmet wurden, haben ihn ein wenig verdorben, Allüren haben sich in sein Spiel gemischt, und so korrespondiert eine fehlgelenkte Entwicklung mit einigen natürlichen Unzulänglichkeiten: Podolski hat taktische Mängel bei der Vorneverteidigung, er läuft sich selten effektiv frei, und er bewegt sich zu wenig ohne Ball. Schwächen im Zweikampf und im Durchsetzungsvermögen kommen dazu.“
BLZ: Da kann der Poldi nicht mehr lachen – Lukas Podolski klagt gegen WDR wegen Hörfunk-Satire
FAZ: Lukas Podolski außer Form?
Mittelfeldgewurstel
Matti Lieske (BLZ) stellt vor dem Spiel gegen Ecuador klar: „Fußballbegegnungen werden häufig vom Resultat her bewertet. So gesehen gilt das Match gegen Polen als der deutsche Urknall bei dieser Weltmeisterschaft, sowohl für die Fans als auch für die Mannschaft. Wer soll uns noch aufhalten auf dem Weg zum Finale, nach diesem fantastischen Match? Etwa die Highlander aus Ecuador, die nur so rasant kicken können, weil ihr Hämoglobinwert am oberen Ende der Sachenbacher-Skala rangiert? Niemals! Dass die Polen-Partie, bei nüchterner Betrachtung, bis zu Oliver Neuvilles Tor ein engagiertes, intensives, aber auch wenig inspiriertes Mittelfeldgewurstel darstellte, geht dabei völlig unter. Es ergaben sich zwar einige gute Torchancen, aber die waren fast immer Zufall oder Philipp Lahm geschuldet. Wäre es beim 0:0 gegen diesen verunsicherten Gegner von mittelmäßiger Solidität geblieben, hätte es saftige Kritik gegeben.“
FAZ-Portrait Joachim Löw – mehr als nur ein Sprachrohr Klinsmanns
FR-Interview mit Miroslav Klose
FR: Wie Michael Ballack und Torsten Frings im zentralen deutschen Mittelfeld eigene Vorlieben hintan stellen müssen
faz.net-Video: Deutsche Soldaten in Kabul befragen Jürgen Klinsmann während der Pressekonferenz
Verteidigungsmonstrum
Timo Frasch (FAZ) nennt Stärke und Schwäche Ecuadors: „Auf der Suche nach Erklärungen für den bisherigen Erfolg Ecuadors argumentieren die Fachleute, daß Trainer Luis Fernando Suarez über eine gewachsene Mannschaft verfüge, deren Mitglieder sich seit vielen Jahren aus der heimischen Liga kennen. Das stimmt, und das bedeutet, daß sich die Spieler in ihrem 4-4-2-System, das die Nationalmannschaft und die wichtigsten ecuadorianischen Vereine seit Jahren praktizieren, prächtig verstehen. Das bedeutet aber auch, daß die meisten Spieler an das Tempo der besten Ligen nicht gewöhnt sind. Es bedeutet, daß der Nachschub an gutem Nachwuchs nicht allzu üppig sein kann und daß die wichtigsten Spieler wie Ivan Hurtado oder Ulises de la Cruz schon jenseits der Dreißig sind. Während man jedoch bei Frankreich von Überalterung spricht, ist bei Ecuador von Routine die Rede.“ Erik Eggers (FTD) fügt hinzu: „Ihr zur Schau gestellte Selbstbewusstsein ist das Ergebnis eines Spielstils, die der romantisch-poetischen Ader des Trainers widerspricht. Die beiden Siege waren nicht das Resultat eines kreativen Rausches, sondern das eines Konzepts, das auch ein Fußballcomputer programmiert haben könnte. Keine andere Mannschaft bei dieser WM befolgt derart ferngesteuert das 4-4-2-System argentinischer Schule, mit dem die Nationalmannschaft schon beim Vorrunden-Aus 2002 antrat. Fast alle Spieler sind technisch stark. Dennoch wirken sie nicht als Künstler, sondern als Teil einer Taktikmaschine: Suárez’ Vorgaben werden humorlos und effizient vollstreckt. Verantwortlich für den Erfolg ist die Defensive. (…) Wie das Verteidigungsmonstrum bei Rückstand reagiert, ist noch unklar.“
Tsp: Ekuadors Team ist vor dem Deutschland-Spiel entspannt und selbstbewusst
Montag, 19. Juni 2006
Ball und Buchstabe
Schrei
Was sagt uns der Schrei Angela Merkels beim Sieg gegen Polen? Eine sehr lesenswerte ikonographische Exegese von Peter Richter (FAS/Feuilleton): „Und am nächsten Tag dann dieses Merkel-Foto beim Torjubel. Sie sah aus, als habe ihr Lech Kaczynski eine tote Maus auf den Stuhl gelegt. Es war, als sei Edvard Munchs gestohlenes Meisterwerk ‚Der Schrei‘ plötzlich wieder aufgetaucht. Noch nie hat man einen lebendigen Menschen derart gepeinigt aufschreien sehen. Es war das pure Entsetzen, das aus diesem schreienden Kanzlerinnengesicht sprach. Und vielleicht war es ja auch so, daß ihr, der so entschlossen unpathetischen Angela Merkel, schlagartig ins Bewußtsein geschossen war, was hier gerade passierte. Die brachialste Steuererhöhung in der Geschichte, und die Leute schwenken jubelnd Fähnchen. Die gelähmteste große Koalition, die es je gab, und die Opposition turnt bei Schwulendemos in Osteuropa herum. Oder schwenkt jubelnd mit Fähnchen. Die Polizei erkämpft sich das Recht zurück, im Dienst mit Fähnchen jubeln zu dürfen. Die Bild-Zeitung kennt sowieso keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche, die die Nationalhymne mitsingen, oder ‚Miesmacher‘ wie den unvermeidlichen Rhetorikprofessor Walter Jens, der mal wieder verlangt hat, das ‚unverständliche‘ Deutschlandlied (‚Glückes Unterpfand‘ und so) gegen Brechts ‚Kinderhymne‘ auszutauschen, als ob ‚Anmut sparet nicht noch Mühe‘ so wahnsinnig viel klarer wäre. Gründe zum Schreien hatte sie also genug. Vielleicht hat sie aber auch nur geahnt, daß sie da gerade einem historischen Moment beiwohnt, der dem Land einen neuen Mythos bescheren könnte, vielleicht sprach also aus diesem Schrei auch nur die Angst, Sönke Wortmann könnte sich die Rechte sichern und etwas noch Entsetzlicheres als ‚Das Wunder von Bern‘ daraus machen. Und dann kommt Schröder zurück, zieht sein Sakko aus, weint ein bißchen, tritt gegen einen Ball und gewinnt wieder.“
Maßstäbe gesetzt
Christian Zaschke (SZ) lobt die Schiedsrichter, insbesondere den Uruguayaner Jorge Larrionda, der einen Italiener und zwei Amerikaner vom Platz stellt: „So hart, so konsequent und doch immer richtig in einem WM-Spiel zu entscheiden, unter gewaltigem Druck und vor den Augen eines weltweit zuschauenden Fernsehpublikums – das ist ebenso beachtlich wie der große Auftritt eines Spielers, der seine Mannschaft zu einem Sieg führt. Es war zudem die bisher beste von vielen durchweg guten Schiedsrichterleistungen. Freuten sich die Schiedsrichter nach der ersten WM-Woche darüber, dass niemand über sie sprach, weil sie nicht weiter aufgefallen waren und relativ wenige schwere Fehler begangen hatten, so können sie sich seit diesem Wochenende darüber freuen, dass über sie gesprochen wird, weil einer der ihren Maßstäbe gesetzt hat. Die erste, ruhige Woche deutete an, dass die Leistungen der Schieds- und Linienrichter besser sein würden als bei der WM vor vier Jahren, als das Niveau mancher Referees und vieler Linienrichter lausig war. Die zweite Woche, in der der Druck größer wird, deutet an, dass es ein Turnier der sehr guten Schiedsrichterleistungen werden könnte.“
FR: Lob für die Schiedsrichter
Zurück zu den Wurzeln
Marc Heinrich (faz.net) schätzt das Public Viewing: „Auch wenn es in vielerlei Hinsicht angebracht ist, über die Fifa zu meckern, muß festgehalten werden: Mit den Fan-Festen, mit dem Public Viewing, so der Fachbegriff, hat der Weltverband den jungen Fans, dem Fan-Nachwuchs, eine bislang nie dagewesene Zugangsmöglichkeit erschaffen. Es erschließt Kreise von neuen Interessenten, die aus Neugierde mitgehen. Die WM raus aus den Stadien hinein ins weite Land zu bringen, war die weiseste Entscheidung, die die Fifa, das deutsche Organisationskomitee und Rechteinhaber Infront treffen konnten. Football’s coming home, singen sie in den Stadien. Der Fußball kehrt zu seinen Wurzeln zurück. Überall in Deutschland kann man in diesen Tagen in den Schlager einstimmen.“
Heimstatt der guten Laune
Jörg Schindler (FR) erkennt Berlin nicht wieder: „Es gab Zeiten, da konnte man in Berlin keinen Fleischerladen betreten, ohne mindestens einmal mit einem herrlichen ‚Ham wa nich‘ abgebürstet zu werden. Zeiten, in denen einen Autofahrer ungerührt über den Haufen fuhren, wenn man einen Meter neben dem Zebrastreifen die Fahrbahn betrat. Harte Zeiten. Aber auch ehrliche. Vielleicht lohnt es sich, jetzt, da die WM in ihr zweites Drittel einbiegt, noch einmal daran zu erinnern. Denn wie es aussieht, kommen sie so schnell nicht wieder. Es ist Merkwürdiges geschehen mit dieser Stadt, seit sich ein gewisser Philipp Lahm darin gefiel, einen weißen Ball mit aufgedruckten Slipeinlagen in ein von Costa Rica gehütetes Tor zu zwirbeln. Das war keck geplant und präzise ausgeführt und widerlegte streng genommen auch das gastfreundliche Motto dieser WM. Aber doch trat danach etwas ein, was ansonsten nur in den Pausen eines Blockbusters passiert: Die Werbewelt wurde Wirklichkeit. Deutschland ist in diesem Sommer 2006 zu einem Land des Lächelns geworden – und Berlin, ausgerechnet Berlin, zur Heimstatt der guten Laune. Es ist beinahe zum Fürchten. (…) Eine Art chronische Love-Parade ist über die Stadt gekommen und viele fragen sich inzwischen besorgt, wie das eigentlich werden soll, wenn der Fußball am 10. Juli mit einem gewaltigen Abstoß wieder aus der Hauptstadt verschwindet. “
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