Freitag, 16. Juni 2006
WM 2006
Gruppe G
Fußball kennt keine Dankbarkeit
Marcel Reif (Tagesspiegel) leidet an und mit Zinédine Zidane: „Er tanzt nicht mehr. Er schwebt nicht mehr. Er muss sich von allenfalls mäßig begabten Schweizern anrempeln lassen, anpöbeln, anfassen. Er hat traurige Augen. Es ist ja auch zum Heulen. Es ist Götterdämmerung. Zidane, der dem Fußball so unendlich viel gegeben hat, hat nichts mehr zu geben. Er hat es gewusst, er hat nicht mehr gewollt, sie haben ihn überredet. Aber dankt der Fußball ihm so viel Pflichterfüllung? Der Fußball kennt keine Dankbarkeit, er kennt auch keinen Respekt, er rollt einfach weiter, getreten, manchmal auch gedemütigt von anderen.“
Gruppe H
Zur Schönheit gezwungen
Ronald Reng (FTD) erkennnt beim 4:0 gegen die Ukraine das Erfolgsmuster der Spanier, den FC Barcelona: „Spanien kopiert all die Grunddaten, die den diesjährigen Champions-League-Sieger zu solch einer ungewöhnlichen Elf machten: das elegante Kurzpassspiel, die unglaubliche Kunst des Mittelfelds, den Ball zu schützen, drei Stürmer, die ständig die Positionen wechseln. Trainer Aragonés sah sich zur Schönheit gezwungen.“ Peter Heß (FAZ) kennt das Rezept Spaniens: „Daß eine Mannschaft, in der der älteste Spieler 29 Jahre alt ist, mit jugendlichen Tugenden wie Kraft und Dynamik glänzt, durfte man erwarten. Der Grad der Reife überraschte. Der Weise aus Hortaleza hat gläubige Jünger um sich geschart. Es ist auch kein Wunder, daß die Stars auf ihn hören: In den 23 Spielen mit Aragones auf der Trainerbank hat Spanien noch nie verloren.“
Men of the match
Jörg Schindler (FR) hat Mitleid mit den Ukrainern: „Zur Ehrenrettung des WM-Neulings Ukraine sei eingewandt: Vermutlich hätten die meisten Turnierteams an diesem Tag und diesem Ort alt gegen die Jungspund-Combo aus Spanien ausgesehen. Die spielte im brütend heißen Zentralstadion, als gelte es, binnen 90 Minuten alle Blamagen und Erniedrigungen der vergangenen 40 Jahre vergessen zu machen. Statt eines ‚Man of the Match‘ hätte es ‚Men of the Match‘ geben müssen. Zehn Nominierungen hätte es gegeben. Leer ausgegangen wäre nur Torhüter Casillas – wegen Beschäftigungslosigkeit.“
Er musste spielen
Ronny Blaschke (SZ) über die Probleme Oleg Blochins, des Trainers der Ukrainer: „Er kündigte harte Konsequenzen für den Fall an, dass seine Auswahl im zweiten Spiel gegen Saudi-Arabien eine vergleichbare Leistung zeigen sollte. Oft hatte er betont, nur Spieler aufbieten zu wollen, die in ihrem Klub regelmäßig zum Einsatz kommen. Schaut man sich seinen Kader allerdings näher an, kommt man um den Schluss nicht herum, dass dies schlichtweg unmöglich ist. So stand Andrej Schewtschenko, der einzige Weltklassespieler, wieder in der Startelf. Wochenlang hatte er über Beschwerden im linken Knie geklagt. Und fit ist er noch immer nicht. Doch er spielte, weil er spielen musste.“ Michael Reinsch (FAZ) fügt hinzu: „Will die Ukraine weiterkommen, sollte das Team vor den Begegnungen mit Saudi-Arabien und Tunesien aus seiner körperlichen und geistigen Behäbigkeit erwachen (…). Über den Elfmeter zum 0:3 und den Platzverweis für Wladislaw Waschtschuk mochte niemand klagen, doch die Fifa hat mit der Sperre für nur ein Spiel die Entscheidung kommentiert.“
Wiedergutmachung
2:2 gegen Tunesien – Andreas Burkert (SZ) schildert die Mängel des saudisch-arabischen Spiels: „Ein wenig Furcht hat der Fußball-spielende Hofstaat der Scheichs schon gehabt vor dem ersten Auftritt bei diesem Turnier, denn vor vier Jahren in Asien ging das Entrée recht spektakulär daneben: 0:8 gegen die Deutschen. ‚Damals habe ich mich unendlich geschämt, ich hatte meinen Blick lange nur auf dem Boden‘, berichtet Sami al-Jaber nach der halbwegs geglückten Rehabilitation. Vermutlich hätten ihn die hier im Dutzend angereisten Prinzen überhäuft mit Gold, Diamanten und Dollars, wenn sein kurz nach der Einwechselung kühl markiertes 2:1 bis zum Abpfiff Bestand gehabt hätte. Bei seinem Besuch in der Kabine stellte der Sultan seinen Spielern und Betreuern trotz Radhi Jaidis Kopfball zum 2:2 eine fürstliche Prämie in Aussicht. (…) Europäischen Ordnungssinn oder wenigstens afrikanischen Übermut vermochten die Saudis noch nicht ansatzweise zu imitieren; es mangelt an Technik und Strukturen.“ Auch Elisabeth Schlammerl (FAZ) befaßt sich mit der saudischen Vergangenheitsbewältigung: „Für die Saudis war das 2:2 ein kleiner Erfolg. Zumindest haben sie damit die Fans daheim versöhnt für die lausige WM vor vier Jahren. Eigentlich hätten die Saudis verärgert sein müssen, daß sie kurz vor dem Abpfiff noch den Sieg herschenkten, aber bei ihnen schien die Freude am Ende doch zu überwiegen, weil sie die Aufgabe, nämlich Wiedergutmachung für die Schmach von Sapporo, erfüllt haben. Nur der Trainer sprach von ‚zwei verlorenen Punkten‘.“
WM 2006
Gruppe A
Nur ein paar Meter höher als Hamburg
3:0 gegen Costa Rica – Jörg Schindler (FR) über die überraschend starken Ecuadorianer: „So kann man sich täuschen. Gerade mal sechs Meter über dem Meeresspiegel, machten die Höhenkicker den größten Erfolg ihrer 82-jährigen Fußballgeschichte perfekt. Sie bezwangen die Mannschaft aus Costa Rica mühelos. (…) Wenn es nach Trainer Suárez geht, kann es nun so weiter gehen. Respekt habe er vor den Gastgebern – aber keine Angst. Wieso auch? Immerhin liegt Berlin noch ein paar Meter höher als Hamburg.“ Axel Kintzinger (FTD) betreibt Fußball-Zoologie: „Von Muhammad Ali ist die Strategie überliefert, wie ein Schmetterling um den Gegner herumzuflattern, um dann wie eine Biene zuzustechen. Ecuador macht es etwas anders: Das Team tapert wie ein Bär im Mittelfeld umher – und schlägt dann zu wie ein Falke, der sich aus heiterem Himmel auf das Kaninchen stürzt.“
Ecuador wird mutig
Tobias Schall (Stuttgarter Zeitung) wirft ein: „Das Team, dem Experten kaum Chancen auf das Erreichen der nächsten Runde eingeräumt hatten, ist mutig geworden – und seine Auftritte geben dazu durchaus Anlass. Wenngleich das wahre Leistungsvermögen ein wenig im Dunkeln bleibt, lieferten doch sowohl die Polen als gestern auch Costa Rica, vorsichtig formuliert, äußerst durchschnittlichen Fußball ab. Das ist freilich nicht die Schuld der defensiv gut organisierten und technisch bisweilen ansehnlich spielenden Mannschaft, die auch gestern eiskalt ihre Chancen nutzte. Ob dies aber für mehr als das Achtelfinale reicht, ist fraglich.“
Gruppe B
Kein prickelnder Wein aus lauem Wasser
Sie hätten „die konditionell beste Mannschaft“ aller Zeiten, auch vom „besten Mittelfeld“ war die Rede. Doch nach den bisherigen Spielen ist Ernüchterung eingetreten. Frank Junghänel (BLZ) zweifelt nun an der Weltmeisterlichkeit der Engländer: „England konnte zwar mit Mühe und Not gewinnen und den Einzug in das Achtelfinale sichern, einen kommenden Weltmeister stellt man sich jedoch anders vor. Ein richtig schöner Sieg täte den Engländern Not, wenn man ihre Titelambitionen ernst nehmen soll. Bis jetzt konnten sie noch nicht überzeugen.“ Die taz ist durch das 2:0 gegen Trinidad und Tobago enttäuscht von der englischen Mannschaft: „Was das Publikum sah, war ein grottenmieser Kick, bei dem die Engländer ihren Kontrahenten allenfalls ebenbürtig waren. Ein konfuser Haufen, diese Stars. Und ein moralisches Fiasko für jene Mannschaft, der man selbst nach dem glücklichen 1:0 gegen Paraguay zutraute, es in diesem Turnier ganz weit zu bringen. Stattdessen unterstrichen die karibischen Kicker, dass man aus einer stabilen Abwehr heraus englische Ansprüche mehr oder weniger elegant totlaufen lassen kann. Alle Juwelen Englands versagten wie Memmen.“ Im selben Artikel wird die Wirkung Wayne Rooneys auf das englische Spiel und die englischen Fans erläutert: „Auch der eben fußgenesene Heiland hatte kein Rezept, die Seinen, die glorios favorisierte Elf von England, über Trinidad & Tobago siegen zu lassen. Auch er konnte aus lauem Wasser keinen prickelnden Wein machen: Rooney, erst nach zwei Dritteln der Spielzeit eingewechselt, vermochte das Niveau der Partie nur unwesentlich zu heben. Aber er sah in der Schwüle des Abends wenigstens motiviert aus – lief und bot sich an, flankte und dirigierte sein Team: Kein Wunder, dass man ihn liebt und den Song ‚Let It Be‘ für ihn umgetextet hat: ‚Wayne Roo Ney‘!“
Sie warteten
Christian Zaschke (SZ) beschreibt die Taktik der Trinidader und Tobagonier: „Die Engländer hatten sich offenbar keine Gedanken über den Gegner gemacht. Das mag daran gelegen haben, dass all ihre Gedanken um Wayne Rooneys lange verletzten Fuß kreisten. Es wäre allerdings sinnvoller gewesen, sich mit der Auswahl von Trinidad & Tobago zu beschäftigen, denn die war erneut keineswegs der kleine Gegner, den man im Vorbeigehen besiegt. Wie in der Partie gegen die Schweden standen sie gut gestaffelt und begegneten den englischen Angriffen wie ein Segelboot, das einen Sturm abwettert. Jeder Segler weiß, dass jeder Sturm irgendwann vorübergeht, und die Spieler von Trinidad agierten in dem Wissen, dass England nicht ewig würde anrennen können an diesem heißen Abend. Sie warteten.“ Peter Heß (FAZ) hofft nach dem 1:0 Schwedens gegen Paraguay auf England als Achtelfinalgegner der Deutschen: „Nach den bisherigen Leistungen sollte es die deutsche Nationalelf vor allem vermeiden, auf Schweden zu treffen. Die Skandinavier trafen bisher zwar erst einmal. Aber irgendwann muß ihr Schußpech einmal enden. Wie gegen Trinidad und Tobago spielte sich Lagerbäcks Mannschaft zahlreiche Gelegenheiten heraus und hätte einen höheren Sieg verdient gehabt. Dabei spielten und kämpften sie besser als es die Engländer bei ihren beiden Siegen taten.“
WM 2006
Gruppe F
Der 12. Juli 1998
Ronaldo spielte schlecht, das sagen und schreiben alle. Experten wie Günter Netzer tönten (und Olaf Thon tönt noch immer) im Fernsehen, dass er zu dick sei. Beckmann spielte während seines Kommentars „Ronaldo-Bashing“. Wiebke Hollersen (BLZ) gibt zu bedenken: „Faul sei er gewesen, gedrückt habe er sich, vielleicht sitze er längst wieder beim Essen, lästerten die Journalisten. Dass es ihm nicht gut gehen könnte, auf diese Idee kam keiner, trotz der erschreckend schlechten Form, die man ihm angesehen hatte (…). Er weiß wohl selbst, dass er seit jenem Finale ein Spieler ist, dem nicht einfach mal unwohl sein kann, schon gar nicht bei einer WM. Zu stark ist die Erinnerung an den 12. Juli 1998.“ Thomas Kistner (SZ) über Ronaldo, sein schwaches Spiel, seine Vorbereitung und die wachsende Kritik innerhalb des Teams: „Das Resultat der galoppierenden Verbitterung war beim 1:0 der Seleção gegen Kroatien zu besichtigen: Ein Mann ohne Bindung zu Spiel und Mitspielern, eine monolithische Erscheinung, die das eigene Team auf zehn Akteure reduzierte. Eine apathische Randfigur, auf die der Schiedsrichter vor dem Wiederanpfiff warten musste, bis er aus der Kabine kam, allein und verspätet. Ein Stürmer, dem die wenigen Bälle versprangen, die ihn erreichten, und der – nach seinem einzigen Schuss aufs Tor – flehend zur Trainerbank blickte: Bitte, Senhor Parreira, lassen Sie mich noch mitmachen! (…) Tatsächlich ist es so, dass er Tage vor dem WM-Auftakt noch bei der Schnellkraftübung mit einem um den Leib geschlungenen Gummiband in der Sandkiste erschöpft aufgab – der einst Unwiderstehliche schaffte es nicht heraus aus dem Treibsand. Die Kollegen beobachten ihn mit wachsender Sorge.“
Zum Schwarzmalen nach Brasilien
Frank Hellmann (FR) spiegelt die uneinige Stimmung im kroatischen Lager: „Die kroatische Auswahl weiß selbst mit etwas Abstand immer noch nicht so richtig, wie das Auftaktspiel gegen den Weltmeister zu bewerten ist. Sich grämen, weil man zu lange zu wenig riskiert hat, weil man nach Ansicht des unerschrockenen Robert Kovac erst in der zweiten Halbzeit ‚richtig in die Zweikämpfe gekommen ist‘? Oder sich Zutrauen einzureden, weil man so gut mitgehalten hat. Ivan Klasnic, in der verbalen Aufarbeitung wesentlicher präsenter als auf dem Platz, fand, man habe vieles richtig gemacht. ‚Finden Sie, dass wir verdient verloren haben?‘, stellte er die Gegenfrage. Zum Schwarzmalen solle man zu den Brasilianern gehen.“
Deutsche Elf
Klinsmanns Trümpfe beginnen zu stechen
Deutschland bezwingt Polen 1:0 – die deutschen Zeitungen lassen sich von der Euphorie im Stadion und auf der Straße anstecken. Ein tolles Spiel, keine Frage, aber der Einwurf sei gestattet: Der Gegner hieß nicht Argentinien oder England. Jürgen Klinsmann, der im letzten Vierteljahr eine sehr schlechte Presse hatte, ist der Gewinner des Tages. Auch deswegen, weil seine Trümpfe zu stechen beginnen: Oliver Neuville und David Odonkor auf dem Platz, aber auch die ausländischen Trainingsexperten Marc Verstegen (Fitness-Coach) und Urs Siegenthaler (Scout), für die man ihn ausgezählt hat. Selbst die Kritikaster von der Bild-Zeitung, die Klinsmann zum Teufel jagen wollten, feiern ihn nun. Welch Heuchelei! Fehlt ihnen der Mumm, ihre Position aufrechtzuerhalten? Haben Sie nicht das Rückgrat, zu ihren Worten und Kampagnen zu stehen? Das sind die Fragen, die das begeisternde Spiel der Deutschen nun aufwirft und deren Antworten wir mit Spannung harren. Und die lauten Nörgler des deutschen-Fußballstammtisches um Lothar Matthäus, Stefan Effenberg, Mario Basler und wie sie alle heißen sowie einer Reihe an DFB-Funktionären dürften fürchten, daß sie bald mit ihren Aussagen aus der letzten Zeit konfrontiert werden.
FC Klinsmann
Michael Horeni (FAZ) erkennt die Prägung Jürgen Klinsmanns: „Es war ein Auftritt, über den seit zwei Jahren immer wieder geredet wurde, von dem man aber niemals so recht wußte, ob man ihn jemals zu Gesicht bekäme. In Dortmund war nun die leibhaftige Version eines FC Deutschland zu besichtigen, wie ihn sich der Bundestrainer immer vorgestellt hat. Man könnte also auch sagen: Deutschland hat erstmals den FC Klinsmann gesehen.“
Er ist ein Arbeiter
Peter Stützer (Welt) fährt den Klinsmann-Kritikern übers Maul: „Zwei Spiele aus deutscher Sicht ist es alt, und es läßt sich sagen: Klinsmann hat alles richtig gemacht. Sein wichtigstes Credo lautet: agieren statt reagieren. Auf alles vorbereitet sein. Sich nicht überraschen lassen. Klinsmann kalkuliert, blickt voraus, wenn man so will hat er selbst an der gewaltigen Euphorie im deutschen Lande seinen Anteil. Von vorne herein hat er auf den Heimvorteil gesetzt. Doch auch der muß erarbeitet werden. Damit die Leute auf den Stühlen stehen, muß die Mannschaft ein Spiel bieten, das von den Sitzen reißt. Offensiv, riskant, leidenschaftlich. Es ist die gleiche Leidenschaft, mit der Klinsmann als Spieler seine Tore schoß, die gleiche Freude, mit der er sie bejubelte. (…) Er ist ein Arbeiter. Er hat diesen Job nicht gelernt, nicht in einem Lehrgang an der Deutschen Sporthochschule. Aber er hat ihn perfekt vorbereitet. Wer kolportiert, Klinsmann sei lieber Strandgänger an seinem Wohnort Huntington Beach als Stadionbesucher in der deutschen Bundesliga, wer ihm gar Müßiggang unter kalifornischer Sonne unterstellt, der hat schlecht recherchiert. Fleiß, Vorbereitung, Methodik – auch das ist das System Klinsmann. (…) Er muß nicht gleich Weltmeister werden. Gewonnen hat Jürgen Klinsmann auch so.“
Marko Schumacher (Stuttgarter Zeitung) lobt den Mannschaftsgeist: „Wer den Jubel der Ersatzspieler nach dem Siegtreffer gesehen hat, der glaubt an die These der verschworenen Gemeinschaft – und das ist der Grund dafür, dass die Fans so bedingungslos hinter dieser Mannschaft stehen. Selten ist einer deutschen Auswahl eine solch große Sympathie entgegengeschlagen. Man muss immer vorsichtig sein. Schon im Achtelfinale könnte Schluss sein. Schon jetzt aber hat die Mannschaft mehr bewegt, als ihr viele zugetraut haben.“ Die FR ergänzt: „Seit Steinzeiten hat eine deutsche Nationalmannschaft nicht mehr so geschlossen und konstruktiv Fußball gespielt.“
Klinsmannschaft
Ludger Schulze (SZ) markiert den Sieg als großen Entwicklungsschritt Klinsmanns: „Einfach traumhaft. Das ist nicht nur für Klinsmann eine Freude, weil seine Elf möglicherweise den entscheidenden Anstoß für einen großen Turnierauftritt erhalten hat. Es ist auch für die ganze Veranstaltung ein Glück, weil die WM-Stimmung nun mindestens bis zum Achtelfinale in acht Tagen ihr Niveau halten wird. (…) Dieses 1:0 ist das Werk einer typischen Klinsmannschaft. Seine Handschrift und die seines Assistenten Joachim Löw sind deutlich geworden: kerniger Teamgeist, offensive Grundordnung und eine bei deutschen Mannschaften lange vermisste Fitness bis unter die Zehennägel. Klinsmann hat die Erwachsenenwelt der internationalen Trainergemeinschaft betreten.“ Andreas Lesch (BLZ) pflichtet bei: „Der Mittwoch ist einer jener Tage gewesen, an dem ein Trainer alles richtig gemacht hat. Er hat das Spiel beherbergt, und am Ende hat sich dieses Spiel als lupenreines Jürgen-Klinsmann-Spiel entpuppt. Es stützte so ziemlich jedes Prinzip, das der Bundestrainer propagiert. Es gab ihm, zumindest an diesem Tag, derart auffällig Recht, dass er problemlos bestreiten konnte, dabei Genugtuung gespürt zu haben. Klinsmann war bei der WM eine Art Mitarbeiter des Tages.“
Sturm, Drang, Freude, Mut
Jan Christian Müller (FR) traut seiner Ergriffenheit nicht ganz: „Vielleicht ist es nie zuvor in der über hundertjährigen DFB-Historie in einem deutschen Fußballstadion lauter gewesen als an diesem 14. Juni 2006. Als die Spieler schon längst in den Kabinen verschwunden waren, haben die Menschen in der gewaltigen Arena immer noch das Letzte aus ihren Stimmbändern herausgeholt. Es ist nur schwer in Worte zu fassen, welch ungeheure Kraft der Fußball in diesen Zeiten einer Weltmeisterschaft im eigenen Land besitzt. In Dortmund begab sich die Leidenschaft von den Rängen hinab auf den Platz, von dort wieder hoch auf die steilen Tribünen und sogleich wieder hinunter. (…) Wer mit so viel Sturm und Drang, Freude und Mut Fußball spielt wie die deutsche Mannschaft, muss nicht Weltmeister werden, um die Menschen für sich einzunehmen. Die Realität kennt im Moment keine Grenzen. Aber in einer Kathedrale des Fußballs kann die Wahrnehmung auch täuschen. Sie schafft eine Nähe, die die Sinne vernebelt.“
Klinsmann hat den Deutschen den Spaß am Spiel wiedergegeben
„Wer stand noch mal in sieben von siebzehn WM-Endspielen?“, fragt Jens Weinreich (BLZ) rhetorisch und verweist auf das Gewicht der Sekundärtugenden: „Es geht bei so einem Championat nie darum, die auf Dauer weltbeste Mannschaft zu küren. Im Turnier wird vielmehr jenes Team belohnt, das es schafft, auf viele komplizierte Einzelfragen die passenden Antworten zu geben. Eine Mannschaft, die Lösungen findet, lernfähig ist, sich steigert und an sich glaubt, die kann belohnt werden. Der Weltmeister muss nicht zwangsläufig Brasilien heißen. Der Weltmeister muss nicht die Weltrangliste anführen, seine Spieler müssen nicht in den stärksten Ligen der Welt brillieren und den Transfermarkt dominieren. Ein WM-Finalist muss das auch nicht. Klinsmann hat den Deutschen den Spaß am Spiel wiedergegeben, die Lust am Zuschauen und die Last des Leidens. Vielleicht hat er den Spaß für dieses Fußballland auch neu erfunden. (…) Es sei ein nüchterner Blick empfohlen: Ecuador, dessen Team sich zum großen Teil aus den Spielern eines abgelegenen Anden-Tales zusammensetzt, hat beide Spiele höher gewonnen als die Deutschen.“
Enthusiasmus und Talent
Auch die Times ist begeistert vom deutschen Spiel: „Deutschland glaubt. Das war lange Zeit nicht der Fall, aber als Neuville das Tor schoß, erhob sich der patriotische Eifer, der seit dem Turnierbeginn durch Deutschland schwappt (…) Die siegreichen Spieler machten eine Ehrenrunde und niemand sollte dies Klinsmanns jungen Mannen mißgönnen, die bei dem Wettbewerb mit Enthusiasmus und Talent begeistern.“ Die Times greift den Bild-Artikel um Michael Ballack auf und fragt sich, ob die Deutschen wieder patriotisch sein dürfen: „Ballack startet heute mit dem deutschen Trikot mit der Nr. 13. Das ist ein wichtiger Fakt, da Ballack letztes Wochenende mit einem Shirt der Italiener fotografiert worden ist und die Bild-Zeitung eine nationale Identitätskrise hervorrief. War es falsch, das Italien-Shirt zu tragen? Können Deutsche wieder Nationalstolz ausdrücken, ohne verlegen zu werden? Das sind die Themen, mit denen sich die Gastgeber der WM beschäftigen, gefolgt von einer Welle von flaggenschwingendem Patriotismus, der in seinem Maß viele überrascht.“ Der Independent beschreibt den Effekt der Siege gegen Costa Rica und Polen: „Die Freude war grenzenlos, als ob Deutschland auf dem Weg wäre, Weltmeister zu werden. Vielleicht werden Sie es auch. Sie fühlen sicher, daß sie einen Lauf haben, obwohl das Team wenig Qualität hat, ist es sehr bemüht. Und getrieben durch den Heimvorteil scheint es, als ob sie daran zu glauben beginnen.“
Altersloser Leichtfuß
Die Einzelkritik stellt Oliver Neuville und Philipp Lahm heraus. Michael Ashelm (FAZ) preist die Bescheidenheit Neuvilles: „Unter den vielen ‚Alpha-Tieren‘ des Fußballgeschäfts würde der mit 33 Jahren älteste deutsche Feldspieler im Kader überhaupt nicht auffallen, wenn er nicht von Zeit zu Zeit auf dem Platz einen echten Treffer landen würde. Neuvilles Tore haben öfter eine größere Bedeutung, sie kommen überraschend und meist dann, wenn niemand mehr mit ihnen rechnet. Auch nach seinem Treffer gegen Polen und einer mäßigen Partie seines jungen Angriffskollegen Lukas Podolski würde er sich nie motiviert sehen, Stimmung zu machen gegen ein Mitglied der Mannschaft. Im Gegenteil. Neuville ordnet sich zu hundert Prozent unter.“ Christof Kneer (SZ) stimmt ein: „Obwohl er der älteste Feldspieler in Klinsmanns Kader ist, sieht er von fern manchmal aus wie der kleine Junge, der im großen Stadion verloren gegangen ist und darauf wartet, dass die Eltern ihn abholen. Dass Neuville Deutschland immer noch retten darf, kommt ja wirklich überraschend. Er hat 2002 eine gute WM gespielt, und im Finale hat er einen Freistoß geschossen, dass der Pfosten in Yokohama vermutlich heute noch wackelt. Dann aber sind dem Land die Kuranyis und Lauths erschienen, junge Siegfriede, für die 2006 die Heldenrolle vorgesehen war. Anschließend wurde Neuville von Rudi Völler aus dem Kader für die Euro 2004 gestrichen, das war schon nicht sehr nett, aber besonders gemein war, dass stattdessen Thomas Brdaric mitdurfte. Und am Ende hat ihm auch noch sein Arbeitgeber Bayer Leverkusen eröffnet, ‚dass meine Zeit vorbei ist, dass ich nicht mehr schnell genug bin‘. Wahrscheinlich aber ist Oliver Neuville so schnell wie nie zuvor. Der alterslose Leichtfuß hat sich in Klinsmanns Stürmerhierarchie schneller emporgearbeitet, als er selbst das für möglich gehalten hätte. Als Stürmer Nummer vier hat er die WM-Vorbereitung aufgenommen. Jetzt ist er schon Nummer zweieinhalb.“
WM-Ausnahmezustand
Ludger Schulze (SZ) besingt Philipp Lahm: „Lahm vollzieht augenblicklich einen Aufstieg zum Weltstar. Er hat die gesamte Fußballkunst in den Genen, zwei gleichstarke Füße und bei jeder Aktion einen Plan B im Kopf. Wann hatte Deutschland zuletzt einen solch wunderbaren Spieler? Endlich einmal traf es den Richtigen, als die Fifa den ‚Mann des Spiels‘ wählte.“ Philipp Selldorf (SZ) kann sich an Lahm nicht sattsehen: „Nach dem Spiel gegen Costa Rica dachte man, dass er nun wieder auf sein gewöhnliches (hohes) Niveau heimkehren würde. Das war aber ein Irrtum. Lahm machte ein fast perfektes Spiel. Ständig musste man Ah! und Oh! rufen. Atemraubende Zweikampftechnik: stahl den Gegnern die Bälle wie ein Taschendieb den U-Bahn-Passagieren die Brieftaschen. Übersicht, als säße er auf einem Pferd. Auf seiner linken Seite war er beides: Verteidiger und Angreifer, und in beiden Rollen überzeugte er. Auch seine moralische Verfassung gibt zu erkennen, dass sich Lahm im WM-Ausnahmezustand befindet: Zwar war er mit allen Sinnen im Spiel, und nie ließ er den gebotenen Respekt vor der Bedeutung der Partie vermissen – aber er strahlte durch seine Spielfreude eine Leichtigkeit aus, als ob er mit seinen Freunden bei den Garagentoren kicken würde.“ Arne Friedrich hingegen „gab den Zuschauern bei seinen Flankenversuchen Rätsel auf: Das muss doch Ecke gewesen sein, dachte man, weil der Ball so weit ins Nichts driftete. Stimmte aber nicht.“
Autorität des deutschen Spiels
Die SZ tritt der Behauptung entgegen, Michael Ballack hätte allenfalls durchschnittlich gespielt: „Nach dem Spiel werden wohl wieder einige Zuschauer fragen, wo denn jetzt die bestimmenden Akzente des Kapitäns geblieben sind. Die Antwort lautet: Sie waren in jeder Minute des Spiels vorhanden, auch wenn sie vielleicht auf den ersten Blick nicht immer sichtbar waren. Der Forderung nach mehr Disziplin und defensivem Bewusstsein hat er sich selbst unterworfen. Das führte dazu, dass er tief im Mittelfeld stand und nicht ständig im gegnerischen Strafraum in Mittelstürmerposition lief, demzufolge also im Angriff weniger präsent war als sonst. Als Anspielstation war er dagegen wie ein Magnet. Schleppte viele Bälle nach vorn, schlug einige schöne Pässe. Insgesamt eine starke Vorstellung als Autorität des deutschen Spiels.“
Adrenalin-Flut
Ausgerechnet der gelassene Per Mertesacker ist nach dem Spiel durch Drohgebärden gegenüber der Presse aufgefallen. Ralf Wiegand (SZ) empfiehlt ihm, solche Triumphgesten zu unterlassen: „Als Mertesacker am Ende der Ehrenrunde durch das leicht aus den Fugen geratene Westfalenstadion bei den Medienplätzen ankam, verfinsterte sich plötzlich sein Blick. Das Lächeln starb, während er beim Trab an der Tribüne vorbei jedes Pressetischchen einzeln zu fixieren schien. Nachdem er schon eine aggressive Geste am Rande der Obszönität vorweg geschickt hatte, ließ er schließlich noch jene rudernde Armbewegung folgen, mit der Spieler gewöhnlich ein müdes Pubikum anzuheizen versuchen. Dass er sich im Stadion tatsächlich darüber echauffiert hatte, wie er den Journalisten vorhielt, ‚dass ihr sitzen geblieben seid‘, während das glückstrunkene Publikum der Mannschaft stehend huldigte, will man kaum glauben. Vielmehr dürfte seine Gestik doch Ausdruck einer für einen Augenblick übermächtigen Genugtuung gewesen sein – seht her, die ‚Schlappwehr‘ (Bild) kann es doch! Wäre Per Mertesacker ein Akku – er hätte sich wegen Überladung selbst entzündet. Vielleicht müsste Mertesacker einfach mal für einen Tag nach Hause fahren dürfen, um den Vorrat an Ausgleich und Normalität wieder aufzufüllen. Auch Pattensen wird in diesen Tagen keine WM-freie Zone sein, aber es scheint doch weit genug weg zu sein vom Westfalenstadion, das ein unwirklicher Ort war an diesem Abend. Dort stießen 65.000 Besucher so viel Adrenalin aus, dass das ganze Land bis zur übernächsten WM damit versorgt werden könnte.“
BLZ: Per Mertesacker rügt die überzogene Kritik an der deutschen Defensive
FR: Mertesacker tritt nach
Donnerstag, 15. Juni 2006
Ball und Buchstabe
Zum Patriotismus verpflichtet
Michael Eder (FAZ) hat einen Kommentar über (Fußball-)Patriotismus verfaßt, zu dem sich viele Leser im faz.net-Forum geäußert haben: „Müssen wir uns schwarz-rot-goldene Farbe ins Gesicht schmieren und läppische Hüte tragen? Müssen wir jeden Morgen die deutsche Flagge an unserem Auto hissen? WM-Brötchen essen? Lidl-WM-Aktionsbier trinken? Müssen wir in Bild lesen, daß wir Costa Rica kurz und klein hauen? Müssen wir uns Marcel Reifs überhebliche Kommentare über diesen wahnsinnig schwachen Gegner zu eigen machen, der gerade mal zwei Glücksschüsse schwächer war als unser Wunderteam? Aber das ist nicht alles, wir sind neuerdings ja nicht nur zum Patriotismus verpflichtet, sondern auch zu kompromißloser Gastfreundschaft. A warm welcome, Mister Hooligan, you can sleep in my Schrebergarten, no problem! Und während wir auf dem Weg zu einem weltoffenen Nationalstolz noch das Grinsen unseres Bundespräsidenten üben, haben wir ein klitzekleines Problem: kein einziges Ticket für kein einziges Spiel. Wir bleiben daheim – echte Patrioten. (…) Darf man das schreiben? Oder wird einem dann die Staatsbürgerschaft entzogen? “
Stellenweise ist das Verhalten der Deutschen mehr als peinlich
Zwei von vielen Lesermeinungen: „In was für einem Land möchten Sie denn leben, Herr Eder? Da Sie schon über den ‚Entzug der deutschen Staatsbürgerschaft‘ schreiben, mal eine Gegenfrage: Welches Land wäre Ihnen denn bezogen auf den Nationalstolz genehm? In keinem anderen Land ist es derart verpönt, seine eigene Flagge zu hissen wie in unserem. Wieso kann man sich nicht einfach über die WM freuen und dies mit seiner Landesflagge demonstrieren?! Ist es nicht langsam an der Zeit, die Selbstkasteiung zu beenden und wieder ein gesundes Verhältnis zu seinem Land zu entwickeln? Die WM ist dazu eine gute Gelegenheit. Wenn Sie sich hier während der WM nicht wohl fühlen, dann nutzen Sie doch einfach eins dieser schönen ‚WM-Flucht Angebote‘ aus dem Reisebüro. Denn wie aus den anderen Kommentaren ersichtlich, würden Sie doch recht wenige Leser vermissen.“
„Ich kann den Kommentar von Michael Eder sehr gut nachvollziehen und kann eigentlich nur noch einen draufsetzen: Wen interessiert es eigentlich, welche Nation, hier, wie abschneidet. Ich bin nicht stolz darauf, das es einen Lehmann oder Frings gibt, ich bin nicht stolz auf meine Herkunft, gemessen an der Nationalität, denn das war blanker Zufall. Was würde ich nun machen, wenn ich aus Bangladesh komme? In welche Nationalitäten-Schublade sollte ich mich dann pressen?! Riesengroßer Schwachsinn für die von Minderwertigkeitskomplexen gezeichneten Deutschen, die sich aufführen, wie ein wildgewordener Haufen Dummköpfe. Es scheint bald so, das sich das ganze Land darauf gefreut hat einmal die Fahnen zu schwenken, ohne dabei als Nationalist verurteilt zu werden. Ich bin weiterhin für einen sportlichen Wettkampf, der nicht im Zeichen von Nationalitäten und Herkunft stehen sollte. Stellenweise ist das Verhalten der Deutschen mehr als peinlich!“
Unterhaltsame Wende
Michael Horeni (FAZ) ergänzt: „Praktische Stadien und häßliche Maskottchen gibt es überall auf der Welt. Vielleicht hat man bei dieser etwas angestrengten Suche nach deutschen Symbolen vernachlässigt, daß gerade in ihrer Abwesenheit ein gewisser Wert liegt. Ein Zeichen von Normalität in einem Land, das nach Symbolen von Normalität nicht mehr zwanghaft Ausschau halten muß. Vielleicht muß man auch nur ein bißchen genauer auf die deutsche Mannschaft und ihre Fans blicken, um das eigentlich Neue zu entdecken: Das veränderte Spielsystem inklusive der akzeptierten Ungewißheit signalisiert eine unterhaltsame Wende.“ Ludger Schulze (SZ) fügt an: „Ein wesentlicher Teil der Faszination des Sports besteht in der Identifikation mit der einen oder anderen Gruppe, mit dem Heimatverein, dem regionalen Bundesligaklub oder der Nationalmannschaft. Ohne diese Parteinahme macht die Sache einfach weniger Spaß. Aber hier sei die bedingungslose Forderung gestellt, ab sofort alle Menschen so patriotisch sein zu lassen, wie es ihnen gefällt. Selbst wenn sie nicht mehr Nationalstolz besitzen als ein Telegrafenmast oder eine Verkehrsinsel.“
Gekapert
Arne Perras (SZ) kommentiert den togoischen Prämienstreit: „Togo hat seinen deutschen Coach zwar erst mal wieder, und die Spieler sollen ihr Geld angeblich doch noch bekommen. Aber die Probleme, die hinter dem Skandal stecken, sind dennoch ungelöst. Sie reichen weit hinein in die Politik eines autoritären Regimes, das den Fußball für seine Machtinteressen kapert. Die Affäre um das Togo-Team wirft ein Schlaglicht auf die teils ruinöse Verquickung von Politik und Sport, die zwar nicht allein auf dem afrikanischen Kontinent, aber dort doch in besonderem Maße zu beobachten ist. (…) Die togoischen Autokraten scheuen sich nicht, sportliche Erfolge für den politischen Personenkult zu missbrauchen. Zum Beispiel nach der Qualifikation für die WM: Da brachten die Machthaber das Nationalteam dazu, sich vor dem Grab des Diktators zu verneigen. So versucht ein Polizeistaat, sich mit dem Lorbeer seiner Spieler zu schmücken. Wenn die WM allerdings dazu dienen sollte, den Herrschern in Togo Glanz zu verleihen, so ist die Strategie wohl gründlich schief gegangen. Denn die Spieler, die ihre versprochenen Prämien einforderten, waren zornig genug, um offen zu rebellieren. Der Schaden für die Regierung und seinen dubiosen Verbandschef ist also offenkundig, der Vorwurf der Korruption drängt sich unweigerlich auf.“
Im Fußball-Geschäft waren die Patriarchen nie weg
Tobias Moorstedt und Jakob Schenk (SZ) deklinieren das Fortpflanzungssystem Fußballwelt: „Der Fußball ist nicht, wie manchmal behauptet wird, der Spiegel seines Landes. Die Fußballer zeigen ein Bild, das eher einem Familiengemälde aus dem 19. Jahrhundert gleicht: kleine Kinder, schöne Gattin und in der Mitte der Patriarch. In früheren Zeiten zogen Profis wie Günter Netzer von Disko zu Disko und inszenierten ihren materialistischen Hedonismus. Seine Nachfolger stellen sich nicht nur der fußballtaktischen, sondern auch der demographischen Herausforderung. Das ‚Familien-Trainingslager‘ auf Sardinien hätte gut als Werbespot des Familienministeriums dienen können: die Kerle gehen arbeiten, ihre Damen an den Strand. In Klinsmanns Rhetorik spielen Freundinnen und Familie eine wichtige Rolle – als Kordon gegen Hybris und Hysterie der Mediengesellschaft. Vor einigen Wochen machte der Publizist Phillip Longman mit der These Furore, die Rückkehr des Patriarchen stehe kurz bevor. Im Fußball-Geschäft waren die Patriarchen nie weg. (…) Der moderne Fußball, oder besser, das Geschäft, das mit ihm gemacht wird, wirkt auf unschuldige Betrachter trotz des Glamours manchmal wie eine Anti-Utopie, in der Leistungspotential nüchtern in Dollar abgewogen, die Heimat an einen multinationalen Konzern verkauft werden und ein Stolperer im falschen Moment eine Karriere beenden kann. Moderne Manager wie der Münchner Uli Hoeneß wünschen sich ‚alte‘ Arbeitnehmer, die, statt lediglich projektorientiert zu denken und mitten in der Saison in die nächste Metropole weiterzufliegen, sich im Verein verwurzeln. Auch deshalb wird die Familie von den Vereinsoberen gefördert. Beim Transferpoker um Michael Ballack wiesen die Bayern wiederholt darauf hin, seine Familie fühle sich am Starnberger See sehr wohl. Von Otto Rehhagel ist der Satz überliefert: Ich stelle nur verheiratete Männer auf, weil die keine Flausen im Kopf haben. Weil Fußballer früher erwachsen werden – im Sinne der Versorgungssicherheit – und früher Kinder kriegen, werden sie auch früher alt. Ihre Midlife-Crisis kommt schon mit Mitte 30. Von den 22 Spielern der deutschen Weltmeister-Elf von 1990 sind heute nur noch drei mit ihren damaligen Ehefrauen zusammen.“
Ich sehe mich als Dienstleister
11-Freunde-Interview mit einem anonymen Ticket-Schwarzhändler
11 Freunde: Eigentlich müssten Sie doch während der WM arbeitslos sein?
Schwarzhändler: Warum?
11 Freunde: Das OK hat schließlich in den vergangenen Jahren alles getan, um Schwarzhändler an ihrer Arbeit zu hindern.
Schwarzhändler: Das ist aber nur sehr bedingt gelungen. Das OK hat mit seinen Störversuchen lange Zeit vor allem Trittbrettfahrer abgeschreckt, die während einer WM nur mal ein paar Karten anbieten. Das hat sich erst seit dem Urteil zu Gunsten des Ebay-Käufers geändert. Professionelle Schwarzhändler haben aber auch schon davor an ihre Geschäftschancen geglaubt und deswegen entsprechend investiert.
11 Freunde: Wie viele professionelle Schwarzhändler gibt es rund um die WM?
Schwarzhändler: Ich schätze, dass hundert professionelle Schwarzhändler mit WM-Karten handeln.
11 Freunde: Und deren Geschäfte laufen besser denn je?
Schwarzhändler: Da muss man differenzieren: Die Gewinnmargen liegen zwar höher denn je, nämlich bei ungefähr 300 Prozent. Allerdings ist der Handel sehr eingeschränkt, da er Zugang zu Karten durch das Ticketing-System erschwert worden ist. Deshalb bin ich beispielsweise nicht an so eine große Menge Karten rangekommen wie bei früheren Turnieren.
11 Freunde: Wie viele Karten haben Sie trotzdem ergattert?
Schwarzhändler: Deutlich mehr als 100.
11 Freunde: Das ist ja immerhin mehr als der Durchschnittsfan hat. Wie haben Sie das gemacht?
Schwarzhändler: Das hat natürlich viel mit Know-how zu tun. Ich mache das ja nicht erst seit ein paar Monaten, sondern seit einigen Jahren. Die Schwarzhändler-Profis haben ständig ausgekundschaftet, wie man an Karten kommen kann, und zwar ab dem Zeitpunkt, an dem das OK sein Ticketing-System vorgestellt hat.
11 Freunde: Verraten Sie uns einen Ihrer Tricks?
Schwarzhändler: Das sind gar keine besonderen Tricks, da hätte jeder drauf kommen können. Es mag sein, dass der normale Fan stur Karten für irgendwelche Höhepunkte bestellt hat, zum Beispiel für die Gruppenspiele der Deutschen oder für das Endspiel. Da waren die Chancen natürlich sehr gering, in der offiziellen Tombola bedacht zu werden. Wenn man aber in einer frühen Verkaufsphase die Situation in den Qualifikationsgruppen analysiert und ein wenig spekuliert hat, dann konnte man sehr einfach an komplette Serien rankommen. Wenn Teams wie Ghana jetzt erwartungsgemäß nach der Vorrunde ausscheiden, hat man dennoch Karten für je ein Spiel vom Achtelfinale bis zum Endspiel. Und das sind die für den Schwarzmarkt richtig interessanten Tickets.
11 Freunde: Und haben Sie ihre Tickets auch über Ebay vertickt?
Schwarzhändler: Nein, die Internet-Auktionen sind mir zu gefährlich, weil das leicht zu verfolgen ist. Ich bevorzuge den klassischen Verkaufsweg über Inserate.
11 Freunde: Wenn Sie schon Ebay meiden: Hatten Sie also auch lange Zeit Respekt vor dem Umschreiben?
Schwarzhändler: Das Umschreiben schien in der Tat ein große Hürde zu sein, vor allem beim Verkauf der Tickets ins Ausland. Das ist ja in letzter Zeit doch erheblich gelockert worden und kein großes Hindernis mehr. Es ist aber dennoch irgendwie auffällig, wenn ich Tickets aus Deutschland an einen Engländer übertrage.
11 Freunde: Verkaufen Sie also nur in Deutschland?
Schwarzhändler: Nein, die Engländer und Holländer kaufen grundsätzlich alles, auch auf die Gefahr hin, Probleme mit dem Umschreiben zu bekommen. Sie wollen jede Chance nutzen, dabei sein zu können, wenn ihre Teams spielen. Bei den letzten großen Turnieren waren ja teilweise 70 bis 80 Prozent der Zuschauer bei holländischen Spielen in Oranje gekleidet. Das geht natürlich nur über sehr große Zuläufe vom Schwarzmarkt.
11 Freunde: Wie wollen Engländer und Holländer dann in Deutschland ins Stadion kommen? Die Karten müssen ja immer umgeschrieben werden.
Schwarzhändler: Theoretisch schon. Aber können Sie sich wirklich vorstellen, dass die WM-Organisatoren einem Fan den Zutritt zum Stadion verweigern wollen, wenn der eine reguläre Karte für mehrere hundert Euro erworben hat und um Einlass bittet? Ich möchte mir das Szenario nicht ausmalen, wenn die deutschen Ordnungskräfte mehreren tausend Holländern oder Engländern den Einlass verweigern – mit der Begründung, dass ihre Karten ungültig seien. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das ins Sicherheitskonzept der WM passt . (…) Die Erfahrung hat gezeigt, dass gerade Sponsoren-Tickets recht häufig nicht genutzt werden, weil die feinen Herren für ein unwichtiges Spiel dann doch nicht durch das ganze Land reisen wollen. Und wenn darüber erst mal in der Presse diskutiert werden sollte, wird das OK letztlich über jeden Zuschaue froh sein und vielleicht auch den Schwarzmarkt dulden.
11 Freunde: Haben Sie eigentlich ein schlechtes Gewissen, wenn Sie Fans das Geld aus der Tasche ziehen?
Schwarzhändler: Nein, keineswegs. Ich sehe mich als Dienstleister. Es ist ja immer noch die Entscheidung eines Fans, ob ihm das Spiel einen hohen Preis wert ist. Dann bin ich derjenige, der ihm den Zugang zum Stadion ermöglicht. Ohne Leute wie mich, müsste er definitiv draußen bleiben.
11 Freunde: Der Gastgeber und die Fußballvereine verfolgen dennoch Ihre Tätigkeiten. Fühlen Sie sich zu unrecht kriminalisiert?
Schwarzhändler: Definitiv. Es ist doch absurd, dass man bei der WM Zehntausenden von Fußballfans den Zugang zum Stadion erschwert, nur um die hundert Schwarzhändler einzuschüchtern, die sowieso bei gerade mal 10 oder 20 der 64 Spiele richtig Geld verdienen. Ich sehe nicht Unrechtes daran, andere Menschen glücklich zu machen, indem man ihnen den Zugang zu einem Ereignis sichert, das diesen Menschen sehr wichtig ist. Ich würde es auch durchaus akzeptieren und vielleicht sogar begrüßen, wenn ich ein ganz normales Gewerbe anmelden könnte und dann Steuern zahlen würde.
FAZ: über den Ticket-Schwarzmarkt
Netzeitung: Schon mehrere Teams haben sich über den Zustand der Rasen in den Stadien beschwert; ein „Geheimmittel“ könnte Abhilfe schaffen
BLZ: In Schwedens Elf schwelen vor dem Spiel in Berlin die Konflikte zwischen den Führungsspielern
SZ: Hollands Stürmer van Nistelrooy sucht bei der WM nach seiner Form und wohl auch nach einem neuen Verein. Der FC Bayern scheint schwer interessiert
WM 2006
Gruppe G
Unter dem Titel „Das WM-Antiquariat“ drückt Ralf Itzel (BLZ) seine Enttäuschung über die Franzosen beim 0:0 gegen die Schweiz aus: „Die Franzosen, einst als brillante Zauberer verehrt, sind tief gesunken. Sie haben die Minimalisten-Rolle von den nun leidenschaftlicheren Italienern übernommen. Erschreckend, wie wenig Eroberungsgeist und Intensität sie gegen die spielerisch limitierten Eidgenossen entwickeln konnten. Frankreichs Kader ist der älteste der WM. Fünf in der Startelf waren 34 Jahre oder älter, nur zwei unter 28.“
Christian Zaschke (SZ) schaut und lauscht beim 2:1 Südkoreas gegen Togo in die Fan-Kurven: „Es war eine weitgehend niveauarme Begegnung. Das galt freilich nicht für das Spektakel drumherum. Die koreanischen Fans sangen lauter und ausdauernder als die Engländer, die am Samstag Frankfurts Stadion bevölkert hatten. Wann immer zudem ein koreanischer Spieler sich dem togoischen Strafraum näherte, setzte Lärm ein, ein Kreischen wie beim Konzert einer Teenieband.“
WM 2006
Gruppe F
Es steht Schlimmes zu befürchten für Brasilien
Jens Weinreich (BLZ) sieht nach dem 1:0 gegen Kroatien schwarz für Brasilien: „Eine der drei Dutzend Fernsehkameras, die die Bilder aus den Stadien in alle Welt senden, hatte bei dieser spielentscheidenden Aktion allein Ronaldinho im Blick. Der Weltfußballer beobachtete Kaka, blieb breitbeinig stehen und imitierte mit der rechten Hand eine Pistole. Schieß, schieß!, sollte das heißen. Ronaldinho imitierte zwei Schüsse. Es war seine beste Szene. (…) Es bestätigte sich jener Eindruck, den man schon bei den ersten WM-Trainingseinheiten der Seleção gewinnen konnte: Ronaldo ist in einer grauenvollen Verfassung. Und Adriano, der beim Confederations Cup mit seiner Explosivität und Wucht beeindruckte, schleppt sich auch nur müde über den Rasen. Parreira hatte versprochen, Adriano, der auf eine schlechte Saison für Inter Mailand zurückblickt, werde im Kreise seiner Spielgefährten in der Seleção aufblühen. Davon ist nichts zu sehen. Und so steht Schlimmes zu befürchten für Brasilien.“
Deutsche Elf
Das Maximum rausgeholt
In Großteilen Deutschlands ist heute Feiertag, nur wenige Zeitungen erscheinen. Pressestimmen zum deutschen 1:0-Sieg gegen Polen lesen Sie morgen. Hier sind schon mal drei:
Achim Achilles (Spiegel Online) feiert Jürgen Klinsmanns Sieg: „1. Unsere Jungs waren ungewöhnlich schnell am Ball und sind gerannt bis zur letzten Sekunde. Sollte das Training dieses US-amerikanischen Sprinttrainers Mark Verstegen tatsächlich geholfen haben? 2.Unsere Jungs waren taktisch erstklassig eingestellt. Sollte Joachim Löw womöglich doch etwas mehr von Strategie verstehen als 80 Millionen Hobby-Trainer? 3. Unsere Jungs waren ein Team. Sollte dieser Klinsmann ein Meister der Motivation sein, der aus einer Republik von Jammerlappen die richtigen Kerle herausgefischt hat? Seit dem Spiel gegen die widerspenstigen Polen macht sich nun langsam eine Ahnung breit, dass sich dieser kalifornische Schwabe vielleicht doch ganz schlau überlegt hat, wie man Spitzenklasse liefert, wenn man nicht mehr als nur solides Personal zur Verfügung hat. Jürgen Klinsmann hat gestern nahezu das Maximum dessen rausgeholt, was aus dieser Truppe herauszupressen ist.“
Sause
Cai Tore Philippsen (faz.net) ergänzt: „Es war ein großartiges Fußballspiel mit enormer Intensität, viel Tempo, taktischer Disziplin und unzähligen Chancen. Seit dem Confederations Cup ist dem Team nicht mehr eine so überzeugende Leistung gelungen. Und wie vor einem Jahr wird die Mannschaft von einer unglaublichen Begeisterung auf den Rängen und im ganzen Land getragen. (…) Klinsmann hat die Begeisterung in Deutschland ausgelöst, von der er schon vor zwei Jahren gesprochen hat, als viele ihn für einen von der kalifornischen Sonne verwöhnten Spinner hielten. Hoffentlich hält der Jubel noch lange an.“
Thomas Becker (sueddeutsche.de) hüpft vor Freude: „War das nicht eine wunderbare Fußballsause, von der ersten bis zur allerletzten Minute? Wann zuletzt hat man eine deutsche Mannschaft so entfesselt stürmen sehen? Gab es jemals so viele Torchancen für deutsche Stürmer? Wie oft passiert es, dass ein Team den gegnerischen Pfosten zweimal innerhalb von einer Sekunde trifft? Zu solchen Teams ist der liebe Fußballgott manchmal ganz lieb und schenkt ihnen in der Nachspielzeit doch noch ein Tor.“
Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben
Sabine Heymann liest italienische Zeitungen
Wenn die squadra azzurra bei der WM nicht selbst spielt, verdrängt die Politik den Sport von den ersten Seiten der italienischen Tageszeitungen. Nur in der römischen La Repubblica schafft es ein Kommentar zum Fußballskandal Calciopoli auf Seite 1. Da geht es um das beunruhigende Phänomen der „fuga di notizie“ – des ständigen Durchsickerns von hochsensiblen Informationen an die Öffentlichkeit, das seit Beginn der Ermittlungen den Staatsanwälten das Leben schwermacht, weil es den Beschuldigten ermöglicht, nach der anfänglichen „Schweigemauer“ eine schlagkräftige Verteidigungsstrategie aufzubauen. Beim Corriere della Sera geht es um Sport und Politik, mitten auf der Titelseite prangt ein heiteres Foto vom Besuch Romano Prodis bei Angela Merkel mit der Nachricht von einem launigen Wortgeplänkel zwischen den beiden Regierungschefs: Auf die Einladung Merkels, sich während der WM ein Spiel der Azzurri seiner Wahl gemeinsam anzusehen, antwortete Prodi: „Ich komme zum Finale Italia-Germania!“ – worauf Merkel mit dem Sprichwort „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“ geantwortet haben soll.
Der Sportteil des Corriere widmet den drei Spielen des Vortags jeweils eine Seite. „Polen k.o. in der 91. Minute. Deutschland kommt mit Ach und Krach voran“ ist der Titel eines Berichts zum Deutschland-Spiel, die Einzelkritik hebt „Neuville, den Bomber mit einer Mutter aus Kalabrien“ hervor: „Ein Blitz. Und es ist Deutschland. Vor den Augen Angela Merkels und Franz Beckenbauers schafft es Neuville, die Mannschaft für das Achtelfinale zu qualifizieren. Die Wende kommt, als das Ergebnis schon auf 0:0 festgelegt scheint. Die Deutschen haben alles getan, um Tore zu schießen und zweimal, innerhalb von drei Sekunden, haben sie den Balken getroffen. (…) Jürgen Klinsmann hat seine Mannschaft verwandelt. Bienenfleißig, zwar nicht in der Favoritenrolle, aber zum Sieg entschlossen, und zwar auf die einzige Weise, die zum Überleben geeignet ist: mit 100 km/h, mit frenetischer Geschwindigkeit. (…) Die Beinarbeit der Mannschaft ist bescheiden, die Ideen sind nicht genial, Ballack spielt, fasziniert aber nicht. Um den Titel zu gewinnen, müssen die Deutschen noch mehr geben. (…) Klinsmann flippt aus vor Glück. Und Deutschland mit ihm.“ Der Corriere della Sera staunt über David Odonkor: „Explosive Kraft und eine beeindruckende Geschwindigkeit, ein Flügelmann, wie man ihn zur Zeit in Europa selten findet“. Über Michael Ballack: „Ballack schön frisiert, ein wiedergefundener Kapitän, der aus Angst um seine Haare keine hohen Bälle annimmt …“ Über Miroslav Klose: „Oba Oba Kloses Purzelbäume sind aufgeschoben, vielleicht bis zum Spiel gegen Ecuador.” Über Oliver Neuville: „Kalabresische Mutter, spricht fließend Italienisch, Inter-Fan, eine Zukunft in Italien, die tausend Mal angekündigt und tausend Mal dementiert wurde …“Die kurze Verweildauer von Lehmanns ausgespuckten Kaugummi bei Ebay veranlaßt den Kommentator zu der mokanten Bemerkung: „Im bienenfleißigen Deutschland von Meister Klinsmann wird nichts weggeworfen. Nicht einmal der Müll.“
Einfacher, Papst zu werden
„Deutschland weiter, mit dem letzten Schuß. Ballack enttäuscht, Neuville entscheidet. Polen praktisch eliminiert“, titelt La Repubblica, die dem Spiel lediglich eine hintere Seite des „Mondiali“-Buchs reserviert. Klinsmann wird ein glückliches Händchen bescheinigt: „Die von den Medien schlecht behandelte Mannschaft ist wieder da, vielleicht ist es kein Zufall, daß sie mit der Rückkehr Ballacks wiederauferstanden ist: dem Fußballgott, der ein langes Gesicht zog, weil er beim Eröffnungsspiel auf die Bank verbannt war. Er hat Bälle verteilt, die nicht banal waren, aber am Ende waren es die Ersatzspieler, die das Spiel entschieden haben: Odonkar, der Junge, der zur WM gestoßen ist, ohne jemals in der Nationalmannschaft gespielt zu haben und Neuville, der ehemalige Handwerker. Klinsmann jedenfalls hat mit seinen Auswechselspielern ins Schwarze getroffen.“ Abschließend heißt es: „Das Spiel ist jedenfalls ein Fest der beiden Fan-Gemeinden gewesen: Ein deutscher Fan hielt im Stadion eine Schrifttafel mit dem Papst und dem Pokal hoch, darunter die Zahlen 2005 und 2006. Als ob er sagen wollte, voriges Jahr sind wir Papst geworden, dieses Jahr Weltmeister. Selbst angesichts dieses zweiten Sieges der deutschen Mannschaft wird es sicher einfacher gewesen sein, Papst zu werden.“
Totalitär
Rüdiger Barth und Bernd Volland (Stern), die gerade ein Buch über Michael Ballack geschrieben haben, urteilen hart über Klinsmanns Führungsstil: „Klinsmann, der Revolutionär, scheint immer mehr den Weg vieler Revoultionäre zu beschreiten. Es sind dies Menschen, die ein großer Freiheitsdrang treibt, weil sie fremde Kontrolle schwer ertragen können. Doch wenn sie selbst an der Macht sind, ertragen sie keine Kritiker, aus Angst vor Kontrollverlust. Zweifel empfinden sie als Verrat. Und allem zugrunde liegt die Bereitschaft zum Alles-oder-Nichts, die zur Kompromisslosigkeit liegt. Klinsmanns Nichts heißt Kalifornien. Vielleicht kann man wo wirklich Weltmeister werden. Aber das Ganze erinnert auch ein wenig an den Liebreiz totalitärer Systeme. Im Tross der Deutschen herrscht natürlich keine Angst, Gott bewahre, auch wenn immer wieder Geschichten aus dem Schlosshotel Grunewald dringen, wie Mitarbeiter aus dem Stab abgekanzelt werden, wenn sie nicht sofort funktionieren. (…) Es wird sich zeigen, ob es nicht ein Widerspruch ist, ein forsches, mutiges Spiel zu fordern, aber im Team am liebsten Konfirmanden um sich zu scharen.“
Mittwoch, 14. Juni 2006
Ball und Buchstabe
Verstärkung
Der Hintergrund des Spiels Deutschlands gegen Polen ist die – polnische – Herkunft der deutschen Stürmer Lukas Podolski und Miroslav Klose. Christoph Biermann (SZ) erhellt diese deutsche „Tradition“ mit einem Exkurs: „Neu ist dieses Phänomen von deutschen Nationalspielern mit polnischen Wurzeln nicht, und auch ihr aktuelles, sehr lebendiges Kapitel hat mit der langen Geschichte polnischer Migration nach Deutschland zu tun. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind ständig weiter Polen nach Deutschland ausgewandert. Doch weil sich die polnischen Regierungen lange Zeit sehr restriktiv zeigten, kamen in den drei Jahrzehnten zwischen 1949 und 1979 nur gut 600.000 Polen nach Deutschland, die meisten als deutsche Spätaussiedler. Dass die Zahl anschließend dramatisch stieg, hatte vor allem mit der sich ändernden Situation in Polen zu tun. Zwischen 1981 und 1983 herrschte dort Kriegsrecht, nachdem Solidarnosc das kommunistische Regime herausgefordert hatte. Auch die wirtschaftliche Situation verschärfte sich dramatisch. Als die Ausreise erleichtert wurde, verließen vor allem Leute aus der Mittelschicht das Land, Ärzte zum Beispiel, aber auch Handwerker. Zwischen 1980 und 1991 kamen insgesamt eine Million Polen nach Deutschland. Die Frage, ob ein Spieler denn nun deutsch oder polnisch sei, hat im deutschen Fußball eine lange Tradition. Dafür haben vor allem die Kicker aus den Mannschaften im Ruhrgebiet gesorgt, wohin ab dem Ende des 19. Jahrhunderts viele hunderttausend Arbeitskräfte aus ganz Osteuropa gekommen waren. So hatten etwa Fritz Szepan und Ernst Kuzorra von Schalke 04 polnische Wurzeln, ihr Verein wurde in den dreißiger Jahren sogar als ‚Pollackenklub‘ angefeindet. (…) Die Geschichte der polnischen Verstärkung des deutschen Nationalteams dürfte langsam zu Ende gehen, denn durch eine Gesetzesänderung können seit 1990 nur noch Familienangehörige nachfolgen.“
Sehr lesenswert auch die Story über Ernest Wilimowski, der für die Polen bei der WM 1938 vier Tore gegen Brasilien schoss und später aus der polnischen Statistik gestrichen wurde, weil er 1940 die deutsche Staatsangehörigkeit annahm und sodann mit dem Hakenkreuz auflief
FR: Klose und Podolski treffen heute auf die eigene Vergangenheit
FAZ: Klose und Podolski – Polen gegen Polen
FAZ: Glosse zur Lage der Schiedsrichter
BLZ: Jürgen Klopp analysiert WM-Spiele im ZDF – klug, verständlich und witzig
WM 2006
Gruppe G
Geringschätzung abgelegt
So weit ist die Schweiz schon – Felix Reidhaar (NZZ) weiß nicht, ob er mit dem 0:0 gegen Frankreich zufrieden sein soll: „Ein Remis gegen die Franzosen an einer Weltmeisterschaft: Wer dies vor gut einem halben Jahrzehnt einer Schweizer Nationalauswahl angeboten hätte, wäre mit schrägem Blick betrachtet worden. Heute sind die Ansprüche, ist der Appetit mit zunehmendem Erfolg und Selbstvertrauen gestiegen und hat die internationale Gegnerschaft ihre Geringschätzung gegenüber jahrzehntelang marginalen Mannschaften aus unserem kleinen Land abgelegt. Als Team der Youngster mit erheblichem Potenzial wird Köbi Kuhns Team inzwischen weitherum ernst genommen. Jetzt ist dieses Unentschieden – und man weiss nicht so recht, ob man sich nun darüber freuen oder ärgern soll.“
Große Erwartungen
Roland Zorn (FAZ) berichtet das Spiel auf der Folie Zukunft gegen Vergangenheit: „Jakob Kuhn vertraute seiner Jugendmannschaft, einem Team mit einer Reihe von Spielern knapp jenseits der Zwanzig, und der sollte die Hitze von 32 Grad im Schatten eigentlich nichts ausmachen. Sein Kollege Raymond Domenech dagegen setzte auf das letzte Hurra der 98er Alt-Weltmeister jenseits der Dreißig mit dem nationalen Superheros Zinedine Zidane vorneweg. Andererseits muteten große Teile der ersten Halbzeit so an, als drängte es gleich mehrere Franzosen in den vorzeitigen Kicker-Ruhestand. Maitre Zidane, dem eine exzellente Vorlage glückte, fiel deswegen mit seinem Go-slow-Rhythmus nicht weiter unangenehm auf. Um ihn herum bauten sich ebenfalls so manche Standbilder auf. Ein Glück für die behäbigen Franzosen, daß auch die Schweizer nicht gerade im Temporausch waren. Da die Eidgenossen außerdem von großem Respekt gegenüber den großen Namen ihres Gegners erfüllt schienen, dösten viele Zuschauer gefahrlos vor sich hin.“ Andreas Burkert (SZ) reibt sich den Schlaf aus den Augen: „Zwischen zwei Favoriten auf den Gruppensieg entwickelte sich früh jenes zähe Strategiespiel, das sie bereits in den beiden ohne Sieger beendeten Duellen der WM-Qualifikation aufgeführt hatten. Der Herausforderer wirkte lange noch nervöser als die Franzosen. Groß sind die Erwartungen im kleinen Nachbarland, sich bei diesem Turnier womöglich endgültig emanzipieren zu können als wettbewerbsfähiger Spielpartner der Großen. Wohl mehr als 40.000 waren in die Stadt gekommen und lärmten mit ihrem unvermeidlichen Hopp Schwyz!, gut die Hälfte von ihnen besaß ein Ticket und sorgte für Heimspielatmosphäre im sehr heißen Cannstatter Brutkästle.“
Gruppe H
Land der vielen Wahrheiten
Warum lesen wir so wenig über die Ukraine, eins der spannendsten Länder unter den 32 Teilnehmernationen? Andreas Rüttenauer (taz) befaßt sich mit dem Identifikationsangebot der ukrainischen Nationalelf und ihres Trainers: „‘Alles Diebe!‘ Diese zwei Wörter bekam man im Sommer 2005 in Lemberg oft zu hören, wenn von der ukrainischen Obrigkeit die Rede war. Der Hass zielte vor allem auf die Abgeordneten des Parlaments. Einer von ihnen war Oleg Blochin. Der ehemalige sowjetische Fußballnationalspieler sitzt bis heute für die Sozialistische Partei im Kiewer Parlament. Noch immer wird er von den Reformern deswegen heftig kritisiert. Die Politiker aus der vorrevolutionären Zeit gelten bei vielen als korrupt. Ein Antikorruptionsgesetz hätte Blochin beinahe den Job als Trainer der Nationalmannschaft gekostet. Kein Abgeordneter, heißt es in dem Regelwerk, dürfe einer zweiten offiziellen Tätigkeit nachgehen. Zu viele Deputierte hatten sich am Staat bereichert. Blochin wollte Abgeordneter bleiben, legte kurzzeitig sein Traineramt nieder. Nachdem er erklärt hatte, er wolle ehrenamtlich Nationaltrainer sein, durfte er wieder für den Fußballverband arbeiten. Umstritten ist er bei den Reformern immer noch – auch weil er als Politiker die Westorientierung Juschtschenkos ablehnt und eine enge Anbindung der Ukraine an Moskau befürwortet. (…) Die Ukraine ist ein gespaltenes Land, ein Land, in dem es viele Wahrheiten zu geben scheint. Auch wenn die Nationalmannschaft von allen verehrt wird, so wird sie kaum die große nationale Einigung auslösen können. Das liegt auch an der Person des Trainers: Oleg Blochin.“
FR: Blochin ist ruppig, aber erfolgreich
Hirngespinst von Journalisten und Intellektuellen
Ronald Reng (SZ) entlarvt den Mythos von der zersplitterten Fußballnation Spanien, der oft als Grund für das frühe Ausscheiden bei großen Turnieren herhalten muß. Spanien sei schlicht nicht besser und lange nicht so gut wie seine Vereinsmannschaften: „Die Erfolge seiner Vereine lassen den Kontrast nur stärker erscheinen: Warum gewinnt die Nationalelf nie etwas? Spanien war einmal, 1964, Europameister, seitdem hat sich seine Auswahl als permanente Enttäuschung im kollektiven Gedächtnis festgesetzt. Nie kam sie bei einer Weltmeisterschaft über das Viertelfinale hinaus. Spaniens Elf wird von beinahe absoluter Erwartungslosigkeit begleitet. Man glaubt doch schon zu wissen, wie es ausgeht: Spanien ist die Schönheit, die am Ende im Staub liegt. Zu Recht? Mit jedem neuen Viertelfinal-Ende gewann das Argument mehr Kraft, Spanien könne gar keine starke Nationalelf stellen, sei es doch nicht einmal eine einige Nation. Regionen wie das Baskenland oder Katalonien gebärdeten sich autonom, da mangele es an Identifikation mit der seleccion. Tatsächlich kann im Baskenland noch immer kein Länderspiel ausgetragen werden, auch wenn die Terrorgruppe Eta nun den Waffenstillstand ausgerufen hat. Und mittlerweile veranstaltet jede Region in Spanien zweimal im Jahr ihr eigenes Pseudo-Länderspiel. Da spielt dann Katalonien gegen Paraguay oder gar die Mini-Provinz Murcia gegen Kamerun. Doch die Idee, die Leistung der Nationalelf leide unter diesem Provinzialismus, ist ein Hirngespinst von Journalisten und Intellektuellen, die den Fußball mit gesellschaftlichen Interpretationen überhöhen wollen. Die Unterstützung der Fans ist so feurig wie anderswo. (…) Die tragische spanische WM-Bilanz lässt sich auch anders betrachten: Bei den jüngsten fünf Turnieren erreichten die Teams dreimal das Viertelfinale; wie viele Länder können das von sich sagen? Es sind die prächtigen Erfolge der Vereine, die Spaniens Auswahl schlecht aussehen lassen, doch spanische Vereine verlassen sich schon wegen der historischen Verbindung zu Südamerika traditionell stark auf ausländische Stars. Ein einziger Spanier wurde je Europas Fußballer des Jahres, Luis Suárez im Jahr 1960. Man lässt sich zu leicht von ihrem Stil täuschen. Spanier behandeln den Ball mit Zuneigung, die jetzige Elf ist ein Prachtbeispiel: Mit olé! bewegt sich der Ball im Mittelfeld. Schön spielende Mannschaften sehen meist besser aus, als sie sind. Diesem Spanien etwa fehlen Kälte und ein überragender Torjäger.“
Geteilte Meinung
Elisabeth Schlammerl (FAZ) schildert die schwierige Aufgabe, Saudi-Arabien zu trainieren: „Fußball ist in Saudi-Arabien eine Angelegenheit der Königsfamilie. Elf Prinzen sind in Deutschland dabei, haben feine Suiten in feinen Hotels bezogen. Die Familie läßt sich die wichtigste Sportart des Landes einiges kosten, die Nationalspieler werden reichlich entlohnt. Die Angaben für die Höhe der Prämien bei dieser WM sind unterschiedlich, für das Erreichen des Achtelfinales soll es für jeden Spieler 126.000 Euro geben. Der Trainer verdient natürlich auch sehr gut. Allerdings hat sich bisher kaum einer sehr lange auf dem Posten gehalten. In elf Jahren wurden 15 Trainer entlassen. Die Qualifikation für die WM ist noch lange keine Garantie, dann auch bei der Endrunde noch auf der Bank zu sitzen. Manchmal reichen schon ein paar schlechte Testspiele aus, um sich den Zorn der ungeduldigen Königsfamilie zuzuziehen – und davongejagt zu werden. So ist es zuletzt dem Argentinier Gabriel Calderon ergangen, der Marcos Paqueta vor einem halben Jahr weichen mußte. Auch Paqueta weiß, was ihm blüht, wenn die Mannschaft nicht die Erwartungen der königlichen Familie und des stolzen Volkes erfüllt. Und die Erwartungen sind immer hoch seit dem guten Abschneiden bei der WM 1994 in den Vereinigten Staaten, als Neuling Saudi-Arabien in der Vorrunde Marokko und Belgien bezwang und ins Achtelfinale einzog. Die Meinung über Paqueta in Saudi-Arabien ist ohnehin geteilt. Zum einen, weil der 63 Jahre alte Brasilianer keine internationale Erfahrung hat. Sein größter Erfolg war der Meistertitel im vergangenen Jahr mit dem saudischen Klub Al-Hilal aus Riad, zuvor hatte er mit dem Nachwuchs in Brasilien gearbeitet. Zum anderen, weil es auch unter ihm in den Vorbereitungsspielen keine guten Resultate gab. Unentschieden gegen Schweden, Finnland und Europameister Griechenland genügen den hohen Ansprüchen in Saudi-Arabien eben nicht.“
SZ-Portrait Roger Lemerre, Trainer Tunesiens
FR: Ein Sieg gegen Saudi-Arabien ist Pflicht – Tunesien will im vierten Anlauf zum ersten Mal die zweite Runde eines WM-Turniers erreichen
WM 2006
Miserabel für die Presse
Christian Eichler (FAZ) bedauert seine englischen Kollegen: „Eigentlich ist es völlig egal, ob Rooney schon im Spiel gegen die Karibik-Kicker wieder dabei ist oder erst gegen Schweden am Dienstag oder noch später. Es steht in den Sternen – und ist dort auch ganz gut aufgehoben. Aber die angewandte Waynologie erfüllt in diesen Tagen einen schönen Nebenzweck: Sie füllt das WM-interne englische Sommerloch. Eigentlich sollte man meinen, eine Weltmeisterschaft werfe genug Stoff ab. Doch gibt es kaum etwas Bewegendes oder gar Neues zu berichten nach dem eher mauen 1:0-Sieg gegen Paraguay. Es war die Art von Auftakt, die für ein WM-Team prima ist – schlecht gespielt, wenig verbraucht, drei Punkte geholt. Und miserabel für die Presse: Man kann nicht richtig jubeln, aber richtig schimpfen auch nicht – war ja schließlich ein Sieg. Nicht einmal für die Klatschspalte wirft die badische Expedition derzeit etwas ab. Victoria Beckham war außer beim Auftritt im Frankfurter Stadion bisher für die Kameras nicht zu sehen. Die Objektiv-Batterie im Park an der Lichtenthaler Allee von Baden-Baden ist auf die eine Kamera jenes schwitzenden Fotografen geschrumpft, der vor der Terrasse von Brenner’s Parkhotel zum Spielerfrauen-Bereitschaftsdienst verdonnert war.“
Rechnung offen
Viele deutsche Fußballanhänger und -„experten“ halten David Beckham für ein Püppchen, aber keinen guten Fußballer; vermutlich haben sie das 1:5 von München verdrängt. Wolfgang Hettfleisch (FR) räumt mit diesem Irrtum auf und betont Beckhams Qualität: „Die wohl am meisten unterschätzte Stärke des Technikers ist sein Arbeitsethos. Mit ein Grund dafür, dass er im Team unumstritten, ja sogar beliebt ist. Aber es sind andere in dieser Mannschaft, die inzwischen die Aufmerksamkeit der Fußball-Fachwelt auf sich ziehen. Allen voran Rooney, das urenglische Arbeiterkind, die Fleisch gewordene Antithese zum global vermarktbaren Passepartout Beckham. Niemand, der seine Murmeln noch beieinander und Freude am Leben hat, würde Rooney fragen, ob er ab und an mal die Spitzenhöschen seiner Freundin Coleen McLoughlin trage. Auch der torgefährliche Mittelfeldspieler Frank Lampard und John Terry, der Weltklasse-Innenverteidiger, der mit seiner Ausstrahlung auf dem Platz so ungleich mehr von einem Anführer hat als sein Kapitän, stehen in der englischen Öffentlichkeit mehr im Mittelpunkt des Interesses als der Standard-König von der rechten Außenbahn. ‚Becks‘ ist nicht mehr der Spice Boy. Schreiben die englischen Zeitungen heute über ihn, geht es meist um ‚a man on a mission‘, um jemanden, der seine Bestimmung noch nicht erfüllt hat. (…) David Beckham hat noch eine Rechnung offen mit der Fußballwelt. Jetzt, da nicht mehr alle Augen auf ihn gerichtet sind, könnte endlich der Zeitpunkt gekommen sein, sie zu begleichen. “
SZ: Leo Beenhakker, Coach von Trinidad & Tobago, glaubt an das Unmögliche – auch vor dem Spiel gegen England
WM 2006
Gruppe E
Begeisternd offensiv
Von wegen Catenaccio – Jörg Marwedel (SZ) bejubelt das 2:0 Italiens gegen Ghana (wir dachten immer, das sei deutschen Journalisten untersagt): „Totti ist Italien. Er ist der Genius in einem Volk aufbrausender Calcio-Verrückter. Und wenn das, was er bei seiner Rückkehr auf die Weltbühne zeigte, erst die von ihm taxierten 70 Prozent seines Leistungsvermögens waren, dann darf man jubeln zwischen Mailand und Palermo. Abgesehen von ein paar Auszeiten, die sich der Kapitän des AS Rom gönnte, prägte er zusammen mit dem überragenden Torschützen Andrea Pirlo und dem wendigen Stürmer Luca Toni sofort wieder das Spiel dieser begeisternd offensiven Mannschaft. Sein Beitrag: Krachende Distanzschüsse, sehenswerte Tempowechsel, blitzschnelle Pässe in den Lauf der Stürmer. Überhaupt hatte es nur wenige Schwächen in dieser harmonischen Elf gegeben. Vielleicht waren das die Außenverteidiger Grosso und Zaccardo. Auch am Scharnier zwischen Abwehr und Mittelfeld muss noch geschraubt werden. Das wurde in der ersten Halbzeit deutlich, als oft eine viel zu große Kluft zwischen den Mannschaftsteilen klaffte, und der verletzte Nahkämpfer Gattuso vermisst wurde. Es eröffnete den Afrikanern mehrere Chancen, die sie aber überhastet vergaben.“
Staunen
Frank Heike (FAZ) ergänzt und nennt die wenig überraschenden Mängel Ghanas: „Natürlich kann eine solch weitreichende Manipulationsaffäre ein Nationalteam nicht unbelastet hinterlassen, wenn selbst Akteure aus dem Herzen der Mannschaft wie Torwart Buffon involviert sind. Insofern war das kollektive Aufatmen der Italiener verständlich. Unbeeinflußt von ‚Moggi-Gate‘ hatte Lippi seinem Team ein kluges taktisches Gerüst verpaßt, an das es glaubte und das gegen keinesfalls schwache Ghanaer bis zum Ende beeindruckend stabil blieb. Es war dann doch die offensivere Variante mit Totti als Mann hinter den Spitzen und zunächst ohne Mauro Camoranesi, der Lippi vertraute. Auch der zuletzt angeschlagene Nesta war dabei. Das ergab ein italienisches Team mit den bekannten Qualitäten: nahezu fehlerlos in der Defensive, stark im Zweikampf, kompakt im Mittelfeld, gut im Ausnutzen der Möglichkeiten und einzigartig beim Verteidigen einer Führung. (…) Die Ghanaer zeigten bei ihren drei guten Möglichkeiten im ersten Durchgang eine derart bizarre Schußtechnik, das einzig die Fans auf den oberen Rängen bedroht waren, nicht aber das italienische Tor. Es mag ein nicht auslöschbares Klischee sein, doch seit Jahren sieht man, daß viele afrikanische Fußballer immensen Nachholbedarf in Sachen Schußtechnik haben (daß Torwart Richard Kingson bei jedem hohen Ball danebengriff, erinnerte an ein anderes Vorurteil). So brachte der gekonnte ghanaische Balltransport durchs italienische Mittelfeld zwar das Publikum zum Staunen, störte die italienische Mannschaft aber nicht weiter.“
FR: Andrea Pirlo hat gegen Ghana nicht nur mit seinem Treffer seinen Wert für Italiens Nationalteam demonstriert
Motivation durch Lob
Tomás Rosicky, der Mann des Spiels. Thomas Klemm (FAZ) schildert, wie ihn sein Trainer zu solch guten Leistungen bringt: „Karel Brückner, in seiner Heimat als ‚Magier‘ bekannt, läßt seine technisch hochveranlagten Offensivspieler zaubern, motiviert einen einst Sensiblen wie Rosicky, indem er ihn in den höchsten Tönen lobt. Brückner bat ihn, nach der Auszeichnung zum ‚Mann des Spiels‘ noch einen Augenblick zu verweilen, um dann vor aller Ohren zu sagen: ‚Ich möchte Arsenal dazu gratulieren, so einen phantastischen Spieler verpflichtet zu haben.‘ Bereits zuvor hatte Brückner dem jüngsten aus seiner alternden Offensivabteilung die große Bühne bereitet, ihn ausgewechselt, damit Rosicky den wohlverdienten Sonderapplaus der 20.000 Tschechen auf den Tribünen einzig und allein genießen konnte.“ Thorsten Jungholt (Welt) sieht das tschechische Mittelfeld als Ganzes: „Wenn Rosicky der Kopf der Tschechen ist, ist Nedved das Herz. Er stellt sich mit seinem aggressiven, laufintensiven und fintenreichen Spiel ebenso in den Dienst des jüngeren Mitspielers wie der Rest des Mittelfelds.“
Man lebt nur einmal
Daniel Theweleit (SZ) rückt den enttäuschenden Amerikaner Landon Donovan in den Blickpunkt: „Es gibt Menschen, die fühlen sich nur in der Heimat wohl, und wenn man ein Kalifornier ist, passiert das vielleicht besonders leicht. Für den Zauber des historisch beladenen Fußballs vom alten Kontinent hat er jedenfalls nicht mehr viel übrig. Dass seine Entwicklung darüber irgendwann zu stagnieren droht, scheint ihm mittlerweile egal zu sein. In einem Interview hat er einst gesagt: ‚Jeder sagt mir, es sei so wichtig, in Europa zu spielen. So großartig. Man müsse da spielen, um auf dem nächsten Level anzukommen. Stimmt ja. Aber: Es geht doch darum, glücklich zu sein. Man lebt nur einmal.‘ Wenn der Herbst kommt, wird es viele große Fußballer geben, die Landon Donovan um diese Leichtigkeit, um diese Unabhängigkeit und um das Wetter in seiner Heimat beneiden.“ Thomas Kilchenstein (FR) fragt sich, wieso die USA in Europa immer verlieren und findet in Landon Donovan ein Sinnbild: „Vielleicht steht einer wie Landon Donovan stellvertretend für diese Misere. Auch er, hochbegabt, gesegnet mit einer prima Balltechnik und Übersicht, versucht seit vielen Jahren Fuß zu fassen in Deutschland – und scheitert immer wieder. Im Alter von 17 Jahren kam Donovan, der als Kalifornier natürlich die Sonne und das Surfbrett liebt, zum ersten Mal nach Deutschland. Er galt als das größte US-amerikanische Talent und wurde prompt mit einem Vertrag bis 2008 ausgestattet. Doch der Versuch missriet ihm gehörig. Womöglich war er noch zu jung, zu unerfahren, nach zwei Jahren kehrte er auf Leihbasis nach San José zurück – und blühte in der Major Soccer League prompt auf. Mehrmals wurde er zum wertvollsten Spieler gewählt. Also versuchte er es noch einmal, im Januar 2005, inzwischen gereifter, wagte er den zweiten Versuch – und wieder endete er im Nichts.“
Gruppe F
Mauerblümchendasein abgestreift
3:1 gegen Japan – Uwe Marx (FAZ) bezweifelt, daß Australien seinen nächsten Gegner Brasilien beeindruckt hat: „Mal abgesehen vom furiosen Finale, war es keine Vorstellung, die beim Titelverteidiger Angst und Schrecken auslösen dürfte. Angetreten mit acht Spielern aus England, ging Australien lange Zeit trotz großer Hitze zwar Premier-League-Tempo, allzu erfolgreich war das allerdings nicht. Es gab eine Reihe von Chancen, aber auch ein japanisches Tor.“ Marx fragt sich, warum die Japaner das Tor einfach nicht treffen: „Da war sie wieder, die japanische Schwäche im Abschluß. Sie sind flink, lauffreudig, aber sie treffen das Tor zu selten. Warum es gegen Australien trotz passabler Spielsituation und guter Ansätze nicht häufiger geklappt hat, war die eine schwer zu beantwortende Frage. Die andere: Wie konnten diese Zauderer im Testspiel gegen Deutschland gleich zweimal treffen?“ In der FAZ heißt es über das WM-Fieber im verschneiten Australien: „Um kurz vor ein Uhr morgens brach nach dem dramatischen 3:1 über Japan auf dem fünften Kontinent kollektiver Jubel aus. Straßen wurden blockiert, Fahnen geschwenkt, Autohupen gedrückt, Schultern geklopft und Wildfremde umarmt. Trotz der winterlichen Temperaturen nicht viel über dem Gefrierpunkt hat das Fußballfieber nach dem dramatischen 3:1 höchste Temperaturen erreicht. Tausende hatten das Match im Freien auf Großbildleinwänden in den australischen Großstädten gesehen, viele Pubs waren zum Bersten voll und nutzten die verlängerten Sperrstunden. Das vielen Australiern lange Zeit suspekte ‚Rundballspiel‘, das neben Kricket und Rugby ein Mauerblümchendasein fristete, ist endlich erwacht.“
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