Sonntag, 11. Juni 2006
WM 2006
Obszön
Thomas Scheen (FAZ) wirft den Spielern der Elfenbeinküste Heuchelei vor: „Wenn sich die Elephants heute als Friedensstifter sehen, ehrt das die Mannschaft. Schließlich sind sie allesamt hochbezahlte Legionäre im Dienste der besten europäischen Vereine und somit sowohl räumlich als auch finanziell weit weg vom Elend der Elfenbeinküste. Gleichwohl bekommt dieses Sendungsbewußtsein einen fahlen Beigeschmack, wenn man sich vor Augen führt, daß die Spieler von der Regierung Gbagbo mit millionenschweren Geschenken bedacht werden, die um so größer ausfallen werden, je weiter die Mannschaft im Turnier vorankommt. Daß dahinter nichts anderes als politisches Kalkül steht, wurde zuletzt deutlich, als sämtlichen Spielermüttern der Nationale Verdienstorden verliehen wurde und sich die angeschlagene Regierung Gbagbo bei gleicher Gelegenheit ein paar positive Schlagzeilen sichern konnte. Keiner der Spieler hat bislang seinen Verzicht auf die ‚Prämien‘ etwa zugunsten der bankrotten Sportvereine in Abidjan, der ruinierten Krankenhäuser oder der steigenden Zahl der Aids-Waisen erklärt, obwohl alle zu den Spitzenverdienern in Europa zählen und nicht auf das Geld angewiesen sind. Von Frieden und Versöhnung reden und dann ausgerechnet von Herrn Gbagbo mit neuen Villen und sonstigen Aufmerksamkeiten bedacht zu werden: das wirkt angesichts des Elends im Land reichlich obszön.“
Tiefstapelei
Dirk Schümer (FAZ) läßt sich von den Holländern keinen Sand in die Augen streuen: „Die jeweils bitter enttäuschte Arroganz der großen Spielergeneration um Davids, Seedorf, Bergkamp hat nun einem zurückhaltenden Realismus Platz gemacht. Bondscoach van Basten beschwerte sich sogar über die stolze Aufschrift, welche die Fifa dem grell-orangenen Mannschaftsbus verpaßt hat: ‚Oranje op weg naar goud – Oranje goes for gold‘. Das sei nicht der Stil seiner Mannschaft: ‚Viel zu arrogant und großspurig.‘ Van Basten hat sein Team mit jungem, hungrigem Nachwuchs aus der heimischen Eredivisie aufgestockt. Von der großen, verlorenen Generation sind nur mehr die am selben Tag geborenen Edwin van der Sar und Phillip Cocu übriggeblieben. (…) Es wirkt fast, als bereite sich van Basten mit seinem jungen Kader eher auf die WM 2010 vor, weshalb ihm daran liegt, hinter den dichten Bäumen des Schwarzwalds sowenig Aufsehen wie möglich zu machen. Oder gehört die neue Tiefstapelei in Wahrheit zu einer ausgefeilten Überrumpelungstaktik?“
Ball und Buchstabe
Beamter im Ball
Holger Gertz (SZ/Seite 3) verbittet sich mit Beginn der WM Nörgeleien über den Gastgeber: „Der Fußball hat eine Menge anderer, wichtigerer Themen überlagert in den vergangenen Monaten, er konnte einem lästig werden, Franz Beckenbauer war zu oft im Fernsehen, die Geldgier der Fifa ist unerträglich, aber jetzt muss man ein sehr hartnäckiger Fußballverachter sein, um nicht zu sehen, dass Fußball etwas anstellt mit den Leuten. 45.000 waren beim öffentlichen Training der Deutschen, 25.000 bei den Brasilianern. 3.000 Rotenburger haben sich gefreut über ihr Team aus Trinidad und Tobago, und auch wenn man das nicht verrechnen kann mit rassistischen Überfällen im Osten: ‚Die Welt zu Gast bei Nazis‘, wie die taz neulich schrieb – das ist natürlich zu pauschal. Sie geben sich Mühe mit ihren Gästen, die Deutschen, auf ihre Art. Sie freuen sich, bei der obskuren Fifa-Kartenlotterie ein Ticket ergattert zu haben für ein Gurkenspiel wie Tunesien gegen Saudi-Arabien. Sie tanzen nicht, sie können nicht so gut tanzen. Aber sie bringen Blumen mit. Und die Bahn zwingt ihr Personal in den Bahnhöfen in riesige Fußbälle, aus denen sie Auskünfte erteilen über den Weg der Züge. Dort sitzen Beamte in Uniform, und wenn einer von draußen ein Foto machen will, winken sie aus dem Fußball heraus, manchen ist das vielleicht ein wenig peinlich, manche macht es eher stolz. Die Fotos werden jedenfalls später ein schönes Zeitdokument sein vom Sommer 2006: Ein Beamter im Ball. Deutsche Korrektheit in verspieltem Rahmen.“
Du bist Bayer!
Jens Weinreich (BLZ) rümpft die Nase bei der Eröffnungsfeier: „Diese 18. Fußball-Weltmeisterschaft hätte kaum attraktiver beginnen können. Damit ist allerdings nicht jene seltsame Eröffnungsshow gemeint, als Schuhplattler, Kuhglockenschwinger und andere bajuwarische Gestalten, die merkwürdige Hüte trugen, auf dem mit riesigen bunten Matten abgedeckten Rasen herumstampften. ‚Du bist Deutschland‘, hieß er nicht so, dieser arg patriotische Slogan? Am Freitag in München hätte er lauten müssen: Du bist Lederhose! Oder: Du bist Bayer! Edmund Stoiber wird’s gefallen haben. Restdeutschland rieb sich verwundert die Augen. Und der Rest der Welt wird darüber debattieren, ob dies die schlechteste Eröffnungsfeier der vergangenen zwei Jahrzehnte war.“
Sucht euch bitte jemand anderen!
Stefan Niggemeier (FAS/Medien) äußert Kritik an Kerner und Co.: „Das große Talent von Johannes B. Kerner ist es, aus dem Stegreif scheinbar druckreife Sätze formulieren zu können. Als Füllwörter fügt er nicht ‚äh‘ oder ‚öhm‘ ein, sondern Begriffe wie ’sehr herzlich‘ oder ‚ganz außerordentlich‘. Wie Stuck kleben wichtigtuerische Substantivkonstruktionen in seinen Sätzen. Das große Talent von Jürgen Klopp ist es, daß er es merkt. Der Mainzer Trainer ist nicht nur deshalb so ein Glücksgriff für das ZDF, weil er es schafft, Kompetenz und Verständlichkeit zu kombinieren, sondern auch, weil er der ideale Sidekick für Kerner ist. Mit einem einzigen Laut kann er die Luft aus einer Kerner-Frage herauslassen. Wenn der fragt, ob es nicht ein Fehler war, daß die Nationalmannschaft noch nie in der neuen Münchner Arena gespielt hat, macht Klopp ein Geräusch wie ‚öapf‘, was klingt wie: ‚Ja, Gott, man kann natürlich in alles etwas hineininterpretieren, aber für diesen Kindergartenkram sucht euch bitte jemand anderen!‘ Als Kerner eine lange Reihe von Statistiken zitiert und nach der ‚Magie‘ von Eröffnungsspielen fragt, sagt Klopp: ‚Mir ist das scheißegal, wie die alle gespielt hatten‘, und das Publikum in der ‚ZDF-Arena‘ applaudiert. (…) Die Zeiten, in denen die Privatsender den Öffentlich-Rechtlichen zeigten, wie man eine Fernsehsendung state of the art inszeniert, sind vorbei. Ich möchte lieber nicht wissen, was die ‚ZDF-Arena‘ am Potsdamer Platz gekostet hat – aber genau so muß heute ein WM-Studio aussehen, und genau so muß man das Studio, die Spiele und die Analysen in Szene setzen. Und zu Ingolf Lücks witzig gemeinter Sendung ‚Nachgetreten‘, in der Mike Krüger sagte, er hätte gedacht, Ecuador würde als Hauptexporteur von Guano auch ‚Scheiße spielen‘, und selbst das hoffentlich alkoholisierte Publikum auf mehrere Holländerwitze mit Totenstille reagierte, nur soviel: Ich habe mir die Namen aus dem Abspann notiert. Die merk ich mir. Alle.“
Organisierbar
Die SZ kommentiert die Ankündigung der iranischen Regierung, den Vizepräsidenten Mohammed Aliabadi zur WM zu senden, um die Spiele der Nationalmannschaft zu besuchen: „Hinter der Entscheidung steckt eine vielschichtige Botschaft: Erstens wollen die Iraner nicht unnötig provozieren, indem sie den Holocaust-Leugner und Reiz-Präsidenten Ahmadinedschad schicken. Zweitens wollen sie sich einen Besuch aber auch nicht verbieten lassen. Drittens wäre es ja auch seltsam, wenn ein delikater Besuch aus Iran das politische Deutschland aus dem Gleichgewicht würfe, während eben dieses Deutschland als Teil einer globalen Allianz mit Iran Verhandlungen führen möchte. Der Umgang mit Iran und seinen politischen Vertretern ist nicht einfach, aber er ist organisierbar.“
Triumph des Fußballs über die Ernsthaftigkeit
Die WM, ein Fenster für Diplomatie – Gunter Gebauer (BLZ): „Welche Chance würde sich der Diplomatie eröffnen, wenn Präsident Ahmadinedschad zum Anfeuern der iranischen Sache in ein deutsches Stadion käme! Die amerikanische Öffnung gegenüber China wurde seinerzeit durch die so genannte Ping-Pong-Diplomatie von US-Tischtennisspielern erreicht. Jetzt böte sich Steinmeier die Chance, am Entmüdungsbecken in den Stadionkatakomben das iranische Atomprogramm mit westlichen Vorstellungen kompatibel zu machen. Mit dem diplomatischen Gebrauch der WM wird eine neue Vorstellung von Politik in die Tat umgesetzt: Im Unterschied zu früher werden die Probleme der Gegenwart nicht für die Zeit des Turniers vergessen, sondern in ein Stadion geholt und hier dem Unernst des Spiels ausgesetzt. Der Stimmung in der Arena widersteht kein Ernst der Welt. (…) In den nächsten Wochen wird man den Triumph des Fußballs über die Ernsthaftigkeit erleben. Vielleicht wird es unter seinem Einfluss gelingen, politische Probleme herunterzuspielen. Es bleibt die Frage, ob sich die wichtigen Dinge unserer Zeit davon erholen werden.“
Abgelenkt
Die FAZ durchschaut die derzeitige Betriebsamkeit der deutschen Politiker: „Wer hat nicht in Kindertagen versucht, den Eltern schlechte Schulnoten bei frohgemuten Anlässen ‚unterzujubeln‘? Ganze Schülerkohorten spekulierten darauf, daß die Väter in Siegeslaune vom Fußballplatz nach Hause kamen. Die Nachsicht der Eltern war im Augenblick angenehm, doch rächte sich die neunmalkluge Taktik oft auf lange Sicht. Ein sofortiges Donnerwetter hätte dem schulischen Erfolg wahrscheinlich mehr gedient. Die Kinder von damals sind die Politiker von heute. Die Taktik von damals haben sie anscheinend beibehalten. Die gut vier Wochen der Weltmeisterschaft sind seit langem mit dicken Balken im politischen Kalender nicht nur der großen Koalition markiert: nur vordergründig, um keines der Spiele der berühmten Mannschaften, vor allem Deutschlands, zu verpassen, in Wahrheit aber, um immer genau zu wissen, wann die Bürger abgelenkt oder gar siegestrunken genug sind, um nebenbei die schlechten Nachrichten aus den Regierungsvierteln ‚durchzuwinken‘.“
Reformunfähig
Die SZ ärgert sich über die Gewerkschaft Verdi, die in Thüringen verhindert hat, den Ladenschluß während der WM aufzuheben: „Die Welt zu Gast – vor verschlossenen Ladentüren: Die Gewerkschaft präsentiert sich als Besitzstandswahrer und Risikovermeider. Bei der Weltmeisterschaft hätte sich zeigen können, ob und wie längere Öffnungszeiten sinnvoll sind. Doch die Verdi-Klagen belegen, wie reformunfähig Deutschland beim Ladenschluss ist. Es wird ja keiner gezwungen, sein Geschäft rund um die Uhr aufzumachen. Er sollte es aber dürfen.“
BLZ: Rein rechtlich gehört die WM der Fifa, die Deutschen sind nur Lizenznehmer und nicht Herr im eigenen Land
SZ: Wir sind Bierhoff – vom „positiven Patriotismus“ im Land der Gurus und Nörgler
FR: Volker Bouffier und Daniel Cohn-Bendit sehen keine Gefahr für Nationalismus
SZ: Wie die Kirchen im Münchner Dom die WM-Eröffnung zelebrieren
WM 2006
Panik
Ronald Reng (SZ) beschreibt Spanien als Mannschaft ohne Widerstandskraft: „Spanien, nur das lässt sich mit Gewissheit sagen, ist die merkwürdigste Elf, die nach Deutschland kommt. In 22 Spielen in den zwei Jahren unter Aragones ist sie ungeschlagen. Unter den Favoriten in Deutschland wird sie trotzdem nie genannt. Ganze zweieinhalb überzeugende Spiele – das 5:1 in der WM-Qualifikation gegen die Slowakei, ein 1:0 im Test über England und eine sensationelle erste Halbzeit beim 1:1 gegen Serbien – verloren sich in der Unendlichkeit all dieser mühseligen 0:0 und 1:1 gegen Bosnien, Litauen und die Slowakei, mit denen die Spanier sich nach Deutschland quälten. Ausgerechnet bei der besten Vorstellung wurde ihre ganze Schwäche deutlich: In einer kühlen Herbstnacht in Madrid überrannten sie Serbien, schneller, technisch brillanter, begeisternder kann man nicht spielen – und als Serbien mit einem einsamen Konter das 1:1 erzielte, war Spanien nur noch Panik. Diese Elf, die den Ball mit Zuneigung behandelt, zerbricht zu leicht an der ersten Widerspenstigkeit, die sich der Fußball während der 90 Spielminuten ausdenkt. Ein Rückstand, drei vergebene Chancen, ein nicht gegebener Elfmeter: Panik.“
WM 2006
Sie werden sich viele Freunde machen
Das 4:2 der Deutschen gegen Costa Rica hinterläßt bei deutschen und ausländischen Journalisten einen uneinheitlichen Eindruck. Was überwiegt: die Freude über vier Tore oder die Bedenken wegen der zwei Gegentore? Eher die Bedenken. Doch in zwei Punkten sind sich alle einig: Philipp Lahm ist der Sieger, Arne Friedrich der Verlierer.
Der Independent ist überrascht vom deutschen Spiel: „Mit ‚unteutonischem‘ Elan und Abenteuer haben die Deutschen die 18. Episode der Welt-Fete dynamisch gestartet. Jürgen Klinsmanns aufregende, junge Mannschaft wird zwar nicht Weltmeister werden – die Abwehr ist viel zu löchrig –, aber sie werden sich viele Freunde machen.“ Die Times läßt dieses Lob nicht durchgehen: „Deutschland zeigte minimale Klasse. Für die neutralen Beobachter allerdings darf man hoffen, daß nach sovielen langweilen Eröffnungsspielen, dieses Match ein Omen für den Offensivfußball war.“ Lob für Bastian Schweinsteiger im Independent: „Trotz dem erfahrenen Teamkollegen Miro Klose, der Klinsmann am meisten half, sich zu entspannen, ist es Schweinsteiger, der die Spielphilosophie Klinsmanns am besten ausdrückt.“
Es lebe der Fußball!
Iván Castello (El País) kann auf Stereotypen über Deutschlands Fußball nicht ganz verzichten: „Mit Toren und Glück, also gemäß ihres Stils, widmeten sich die Jungs von Klinsmann dem Ballbesitz. Dem Angriff. Dem gezielten Schuß. Dem Abschluß. Deutschland ließ seine Maschinerie ohne Sperenzchen oder Zweifel anlaufen. Auf Angriff, wie es ihr Stil-Handbuch vorschreibt, erprobt in anderen Kämpfen der Vergangenheit, effektiv und wertvoll. Es war ein fantastisches Spiel bis zur 17. Minute, als das 2:1 fiel. Costa Rica antwortete ehrenvoll, die sympathischen Ticos gaben sich nicht geschlagen. So wurde ein Abseits aufgehoben (es war der ungeschickte Friedrich), als der Ausgleich fiel. Das Tor erinnerte an das von Rincón für Kolumbien gegen Deutschland an der WM 1990. (…) Da der Ball ein deutscher Ball war, hätte nach dem 3:1 nur ein Wunder den Costaricanern den Ausgleich bescheren können. Auf der Bank lächelte sogar Kahn, der König, wenn es ums Aus-der-Haut-fahren geht. Die Deutschen hatten nicht auf Ergebnis spekuliert, eine angenehme Überraschung in diesen Zeiten des Utilitarismus. Sie verfolgten weiter ein viertes Tor, das schließlich in Form eines gewaltigen Weitschusses ‚made in Bundesliga‘ durch Frings fiel. Wir haben folgenden Fall: Gut für die Deutschen, gut für die Costaricaner, die sich gut geschlagen haben, gut für die WM 2006. Das riecht angenehm (nach Bier, warum auch nicht?). Es lebe der Fußball!“
Spontan, sprunghaft und jederzeit offen
Philipp Selldorf (SZ) verweist auf den Unterhaltungsfaktor: „Die Welt hat sich auf jeden Fall blendend amüsiert. Die deutsche Nationalelf hat das unterhaltsamste, spektakulärste und freudigste WM-Eröffnungsspiel der Menschheitsgeschichte geboten. Deutschland hat sich ziemlich genau so dargestellt, wie es seine Politiker und obersten Marketingleiter für die Dauer des großen Turniers erwünscht haben: nicht gründlich, penibel, perfektionistisch und humorlos, sondern spontan, sprunghaft und jederzeit offen für menschliche Fehler. Das hat dem eintönigen Deutschlandbild in aller Welt sicherlich neue Farbtupfer hinzugefügt. (…) Es mag nach notorischem deutschen Kritizismus und nach Spielverderberei klingen, aber: Solche Fehler kann sich eine Elf mit Ambitionen unter Ernstfallbedingungen nicht leisten.“
Michael Horeni (FAZ) hätte sich einen stärkeren Impuls vom ersten Spiel erhofft: „Die Anschubhilfe jedoch, die sich das Team von Jürgen Klinsmann durch eine begeisternde Premiere erhofft hatte – oder vielleicht auch nur erträumte –, blieb aus. Von einem selbsttragenden Aufbruch war wenig zu sehen und zu spüren. Kein Vergleich jedenfalls zur Leichtigkeit des Anfangs vor vier Jahren, als acht Volltreffer gegen Saudi-Arabien die deutschen Kräfte und Sehnsüchte wachsen ließen. Auf der Suche nach Gründen wird in den kommenden Tagen nicht nur die latente deutsche Instabilität in Sicherheitsfragen immer wiederauftauchen. Auch die Frage, was die Mannschaft ohne Michael Ballack an internationalem Wert besitzt, hat schon gegen den vermutlich schwächsten Gruppengegner eine nicht überzeugende Antwort erhalten.“
Unwucht
Christof Kneer (SZ) sieht Bekanntes: „Für die Zuschauer in aller Welt, die Klinsmanns Projekt nur am Rande verfolgt haben, bot die deutsche Nationalelf praktischerweise einen kleinen Schnelldurchlauf ihres bisherigen Schaffens an. Die erste Hälfte war so etwas wie eine bündige Zusammenfassung der vergangenen 22 Monate: Deutschland zeigte der Welt sein Schweini-Poldi-Lächeln und gelegentlich auch seine Abwehrfratze. Bernd Schneider spielte auf rechts wieder einmal wie der große Straßenjunge, der schnell noch ein paar Tricks machen möchte, bevor die Mama ihn zum Abendessen ruft. Allerdings hieß sein Partner auf der Seite Arne Friedrich, und bei ihm kamen die Angriffe in unschöner Regelmäßigkeit zum Erliegen. So litt das deutsche Spiel schon früh unter akuter Unwucht; Deutschland hing schwer nach links, und es hing bis zum Ende.“
Asynchron
Roland Zorn (FAZ) bewertet die Leistung der Deutschen als unsolide: „Ohne sorgsame Sicherung berannte die manchmal sehr jugendlich und selten reif und abgeklärt anmutende Mannschaft das Tor. So spielfreudig, beweglich, angriffslustig sie ihren Vorwärtsdrang austobten, so unsicher, disharmonisch und asynchron wirkte die deutsche Abwehr, allen voran Arne Friedrich. Die Deutschen, die Tim Borowski nicht zu führen verstand, suchten allzu bedingungslos den Vorwärtsgang und leisteten sich bedenklich viele Schnitzer in der Defensive.“
Mehr als die Pflicht
Philipp Lahm ist der Held des Spiels. Die SZ schreibt: „Mit 1,70 Metern der Größte. Vor nicht einmal drei Wochen am Arm operiert – und gestern nach sechs Spielminuten erster Torschütze der WM 2006. Seine Gegenspieler landeten immer wieder mit einem Schleudertrauma auf dem Hosenboden, so frech hatte er sie soeben mit seinen Soli und Flanken genarrt. Nebenbei leistete er in der Deckung mehrfach Erste Hilfe, wenn Friedrich, Mertesacker und Metzelder mal wieder nicht eins waren. Vorzüglich.“ Die FAZ ist derselben Meinung: „Schaffte mit einer bemerkenswerten Einzelleistung das 1:0 – ein Treffer, der ihm spürbar Rückenwind gab. Mutig in der Offensive. Setzte seine Schnelligkeit auch in der Defensive wirkungsvoll ein.“ Auch die Welt lobt Lahm: „Er war das erste deutsche Verletzungsopfer der WM-Vorbereitung, gestern wurde ausgerechnet er zum ersten WM-Helden. Mit einem Traumschuß vom Strafraumeck in den Winkel eröffnete er auf spektakuläre Weise den Torreigen dieser WM und rechtfertigte das Vertrauen von Jürgen Klinsmann. Im Grunde übertraf er es sogar, denn Toreschießen gehört wahrlich nicht zu seinen Pflichten.“
FAS: Philipp Lahm, Maradonas Liebling
Fahrige Fehlerquelle
Arne Friedrich steht im Mittelpunkt der Kritik. Die FAZ schreibt: „In der Defensive mäßig, in der Offensive schwach und weitgehend wirkungslos. Er schlug mehr als eine mißlungene Flanke. Gab zudem bei den Gegentreffern eine schlechte Figur ab. Er hob beim ersten und beim zweiten Treffer des Gegners das Abseits auf.“ Die SZ geht mit dem Berliner gnädiger um: „Der Berliner bestätigte ziemlich eindrucksvoll seine Leistungen der vergangenen Wochen. Schwächster deutscher Spieler. Startete durchaus mutig, doch sein Aussetzer beim ersten Gegentor, als er gedankenverloren die deutsche Abseitsfalle aufhob, verwandelte ihn wieder in eine fahrige Fehlerquelle. Nutzte seine durchaus vorhandenen Räume in der Offensive leider nur zu Sicherheitspässen oder unpräzisen Hereingaben. Nach der Pause mit weniger Ballkontakten. Kein Nachteil für das deutsche Spiel.“
SZ: Die deutsche Mannschaft in der Einzelkritik
Heimspiel ohne Inspiration
Ralf Wiegand (SZ) schreibt über den 2:0-Erfolg Ecuadors gegen Polen: „Statistisch betrachtet war vor der fantastischen Kulisse mit allerlei zu rechnen, aber nicht mit einem Sieg der Südamerikaner. Aus ecuadorianischer Sicht handelt es sich bei Gelsenkirchen ja um eine Art Atlantis, eine Stadt irgendwo ganz tief unten. Der ecuadorianische Verband bittet zu seinen Heimspielen ja in die Hauptstadt Quito auf 2.800 Metern Höhe. Dort geht den meisten Gegnern zwar so früh die Puste aus, dass sich Ecuadors Fußballer mit sieben Heimsiegen zum zweiten Mal nacheinander für eine WM qualifiziert haben. Andererseits benehmen sie sich dafür im Flachland seit gut fünf Jahren ungefähr so wie Heidi in der großen Stadt: Sie vermissen die Berge und verlieren jedes Spiel. Den einzigen Auswärtssieg in der Qualifikation schafften die Ecuadorianer in Boliviens Hauptstadt La Paz, noch 1.200 Meter höher gelegen als Quito. Deshalb erwartete die halbe Welt – zumindest aber ganz Polen – einen Sieg ihrer Mannschaft. Sagenhafte 35.000 Landsleute in Rot und Weiß hatten es irgendwie geschafft, Karten zugelost zu bekommen, es war ein Heimspiel. (…) Den Polen mangelt es an Kreativität und Inspiration.“
Reserven
Christian Eichler (FAZ) notiert die Bildungserfolge Sven-Göran Erikssons: „Er hat das englische Team stärker gemacht, stabiler, europäischer. Zugleich hat er es aber auch limitiert. Eriksson ist kein Trainer, der Spieler reizt, provoziert, eine Extraleistung aus ihnen herauszukitzeln versucht. Er sagt, die wichtigste Aufgabe des Trainers sei es, eine gute Atmosphäre zu schaffen, die Spieler reden zu lassen, auf sie zu hören, ihnen Selbstvertrauen zu geben. Diese Art Teamführung – Einheit durch Streicheleinheit – funktioniert aber nur bei Teams, die alles haben, alles können. Das war lange nicht so, könnte aber nun der Fall sein, denn England hat eine fabelhafte Spielergeneration im besten Alter, mit Weltklasseleuten auf mindestens sechs, sieben Positionen. Zumindest gäbe es keine Entschuldigung mehr, wenn dieses Team diesmal nicht groß herauskäme. (…) Er hat auch verstärkt an einer alten Schwäche der Engländer gearbeitet: der mangelnden Fähigkeit, den Ball – und damit auch ein Ergebnis – zu halten. Diese Kunst, Gegner nicht nur mit Tempo und Physis zu beherrschen, sondern auch mal ohne großen Aufwand zu kontrollieren, ist mitentscheidend, um am Ende einer WM noch Reserven zu haben.“
Ascheplatz
Alte Rollenverteilung
Christian Eichler (FAZ) kommentiert den Streit zwischen Sven-Göran Eriksson und Alex Ferguson um den verletzten Wayne Rooney: „Früher galt die WM als die große Bühne, auf der die besten Spieler der Welt zu sehen waren. Heute ist es die Champions League, und die WM wird mehr und mehr zu einer Zugabe, die sich den sportlichen und wirtschaftlichen Zwängen der Klubs anzupassen hat. Natürlich ist sie immer noch die emotionale Großveranstaltung des Fußballs und mobilisiert nationale Emotionen, die ökonomische Privatinteressen kleinlich erscheinen lassen. Motto: Rooney gehört England, nicht ManU – Ballack gehört Deutschland, nicht Chelsea. Und doch hat sich der Tenor verändert. Früher erschienen Klubs, die Geld von Verbänden forderten, als dreist, ja gierig, denn es ging ja, durfte ein Spieler sein Land vertreten, um die ‚Ehre‘. Heute gelten eher die, welche die Ehre verkaufen, als dreist und gierig. Die Fifa erzielt mit der WM einen erwarteten Überschuß von mindestens 700 Millionen Euro. Es ist nicht allein die Höhe dieser Summe, sondern auch die Art, wie die Fifa sie erzielt, wie sie die WM komplett durchökonomisiert hat, die die alte Rollenverteilung als kaum noch nachvollziehbar erschienen läßt: daß nämlich für die, die eine WM ausmachen, die Spieler also, nur sie selbst und ihre Klubs das Risiko tragen sollen. Und nicht die, denen die WM die Taschen füllt.“
BLZ: Die Kosten der WM – insgesamt wurde der Steuerzahler im Zusammenhang mit der Weltmeisterschaft mit mehreren Milliarden Euro belastet
Traumkonstellation für Bayern München
Thomas Haid (StZ) kritisiert das Engagement der Telekom in der Bundesliga und nennt die Folgen: „Das dürfte bei den Klubs einschneidende Konsequenzen auf bestehende Geschäftsverbindungen haben – wie das Beispiel Stuttgart zeigt. Denn der VfB ist mit der Firma Debitel liiert, die als Premiumpartner 750.000 Euro pro Jahr zahlt. Bedingung ist allerdings Exklusivität, die nicht mehr gegeben ist, weil sich in der Telekom ein konkurrierendes Unternehmen als Titelsponsor in der höchsten Spielklasse breit machen wird. Nach StZ-Informationen kann Debitel in diesem Fall den Vertrag mit dem VfB jetzt sofort kündigen. Diese Problematik existiert aber nicht nur in Stuttgart, sondern praktisch in der gesamten Liga. Fast alle Vereine arbeiten in irgendeiner Form mit Firmen aus der Kommunikationsbranche zusammen. Eine Sonderrolle spielt nur der FC Bayern. Der hat als Hauptsponsor zwar auch einen Kommunikationsriesen – aber eben genau die Telekom. Insofern ist die Entwicklung eine Traumkonstellation für den Rekordmeister und seinen Partner.“
Auf Pump
Die FAZ weist auf das Dilemma Borussia Dortmunds hin: „4,7 Millionen Euro hat der BVB kürzlich in den Transfer von Nelson Valdez vom Vize-Meister Werder Bremen investiert. Angeblich will er weitere 5 Millionen Euro für den Schweizer Alexander Frei ausgeben. Das ist zwar noch nicht die Größenordnung wie damals, als Spieler wie Amoroso, Rosicky und Koller für rund 50 Millionen Euro geholt wurden. Aber es zeigt das Dilemma, in dem das unverändert schwer angeschlagene Unternehmen steckt: Weil die Zinslast drückt, braucht die Borussia zwingend Zusatzeinnahmen aus dem internationalen Geschäft. Und um sich für einen Platz im Uefa-Pokal zu qualifizieren, muß eine wettbewerbsfähige Mannschaft auf dem Platz stehen. Eine Saison im grauen Mittelfeld der Bundesliga wird sich der Verein nicht noch einmal leisten können. Der Kurs bleibt riskant. Denn die Investitionen sind größtenteils ‚auf Pump‘ finanziert.“
Deutsche Elf
Zwei Sturköpfe befehden sich
Die Zeitungen erkennen einen ernsthaften Konflikt zwischen Jürgen Klinsmann und Michael Ballack, dem Klinsmann das Mitwirken beim Eröffnungsspiel untersagt hat, um ihn für die nächsten Spiele zu schonen. Ludger Schulze (SZ) macht sich große Sorgen: „Am Anfang eines für die Beteiligten bedeutungsvollen Turniers erhält eine durch schleichende Missverständnisse entstandene Meinungsverschiedenheit die Qualität einer Kommunikations-Havarie. Der Bundestrainer hat schon in Ballacks öffentlicher Warnung vor naiver Hurra-Offensive einen Verstoß gegen das Schweigegelübde des Nationalmannschaftsordens gesehen. Die am Donnerstag – offenbar ohne Ballacks Einverständnis – verhängte Spielpause war eine Machtdemonstration: Auch du, Ballack, bist einer von 23. (…) Zwei Sturköpfe befehden sich über die Grenzen der Vernunft hinweg.“ Michael Horeni (FAZ) fügt an: „Angesichts des Kommunikationsdesasters zwischen Klinsmann und Ballack war eine verfahrene Lage entstanden, die man wohl als No-win-Situation beschreiben muß. Klinsmann blieb am Freitag daher wohl vor allem aus Prinzip bei seiner am Donnerstag offiziell formulierten Linie. Die lange hervorragende Beziehung zwischen ihm und Kapitän Ballack, der sich in München nun um einen Höhepunkt in seiner Karriere gebracht sowie in seiner Rolle als Anführer beschnitten fühlte, hat damit ausgerechnet zum Turnierbeginn einen Tiefpunkt erreicht.“
FAS: Ballack im Interview: „Zwischen Klinsmann und mir bleibt nichts hängen“
Neue Kraftquelle
Der Sportphilosoph Gunter Gebauer (BLZ) stellt Jürgen Klinsmann als Segen für den deutschen Fußball dar: „Seine Vorstellungen scheinen für die erdnahe Welt des Fußballs zu hoch gegriffen und für die gierigen Gelüste der Klatschpresse des Sports zu ehrgeizig zu sein. Auch wenn vieles darauf hindeutet, dass Klinsmann sich verhoben hat, so nötigt seine Anstrengung, einen Verband samt seiner Mentalität in die Höhe zu stemmen, Achtung ab. Wenn man Lothar Matthäus fragen würde, worum es beim Fußball geht, wüsste man schon vorher, was er antworten würde. Bei Klinsmann aber wäre ein Sieg nicht einfach nur ein Sieg im Fußball. Das Spielgeschehen hört für ihn nicht an der Auslinie auf: Ein Spiel dauert länger als 90 Minuten; nach dem Spiel ist nicht vor dem Spiel, sondern dazwischen gibt es noch etwas anderes. Sepp Herbergers Fußballweisheiten, die so gut zu Wohnküche und Käfer passten, werden von ihm neu formuliert. Klinsmann geht es im Fußballspiel nicht nur um Gewinnen, sondern ein Sieg macht zugleich etwas sichtbar: Er zeigt ein Streben an, das in einer inneren Orientierung verankert ist. (…) Es sei ein deutscher Irrglaube, meint er, dass es die Personen seien, die ein Unternehmen wie den deutschen Fußball effizient machten. Auf die Personen komme es nicht an, sondern darauf, dass man modernste Strukturen schaffe, die permanent reformiert werden müssen. Bisher hat man beim DFB in Personen, Cliquen, Beziehungen, Kontakten zu Wirtschaft und Staat gedacht. Ein strukturell denkender und von innen angetriebener Teamchef lastet mit einem Schwergewicht auf dem Verband, das dieser kaum tragen kann. Die Meinungsführer der deutschen Öffentlichkeit pochen auf das Dienstrecht der Beamten, das die Residenzpflicht am Arbeitsplatz fordert. Ein über E-Mails und Conference Calls operierender Unternehmer mit einem virtuellen Büro im globalen Netz ist für den Verband unvorstellbar. Die DFB-Welt ist angefüllt mit Amateurabteilungen, denen mit großer Mühe ein Anbau professionellen Sports hinzugefügt wurde. Ihr Präsident hat ständig mitzubedenken, wie sich Klinsmanns neue Konzepte mental auf die Übungsleiter, Lehrwarte, Trainerausbilder, Mannschaftsbetreuer auswirken. Stallgeruch ist hier die wichtigste Qualifikation für Planungsaufgaben. Eher lässt man den Trainer scheitern, als einen Nicht Fußballer mit der Planung neuer Strukturen zu betrauen, und sei er auch noch so kompetent. Klinsmanns Vorhaben verdient Aufmerksamkeit weit über den Fußball hinaus. Es zielt darauf, die traditionellen Stärken der deutschen Gesellschaft zu erneuern. In den letzten Jahrzehnten haben sie durch Überwucherung ihre Kraft verloren. Neue Kraftquellen sind nicht erschlossen worden; dies gilt nicht nur für den Sport.“
Zeit: Wie Miroslav Klose, den es nie danach drängte, zum Führungsspieler der deutschen Nationalmannschaft wurde
Samstag, 10. Juni 2006
Strafstoss
Strafstoß
Dem indirekten-freistoss seine Kolumne
Die Weltmeisterschaft steht vor der Tür – und unsere Kolumnisten spießen weiterhin Details auf. Zwar ist alles Wichtige aufm Platz, aber Drumherum passiert doch so viel mehr: Wie ist das Wetter in Kalifornien, kann Puma Nike und Adidas im Werbewirbel verwirren, wieviel Mentaltraining geht noch in einen deutschen Nationalspielerkopf, wie löst sich der Schnörkel im eingesetzten Rustikalen?
Strafstoß #25 – 24. August 2007
Reine Nervensache 10 – Der Queerkopf
von Herrn Mertens und Herrn Bieber
Mathias Mertens: Lieber Bieber, Mehmet Scholl ist homosexuell?
Christoph Bieber: Klar, wussten Sie das nicht? Dazu hat doch schon Moritz Bleibtreu in „Lammbock“ erschöpfend Auskunft gegeben. Ach ja, und Jarvis Cocker hat doch nicht recht – Irony is not over.
MM: Aber Jarvis Cocker is over, oder nicht. Genau wie Mehmet Scholl, der bestenfalls noch als Kegler beim FC Bayern auffallen wird. Ist das eigentlich ein männlicher Sport? Und welche fußballerischen Fähigkeiten kann man dort einsetzen?
CB: Wie bitte, Jarvis Cocker is over? Da haben Sie wohl dessen fulminantes letztes Solo-Album verpasst, mit so schönen Titeln wie „I will kill again“ und „From Auschwitz to Ipswich“. Und Scholls nächstes Solo steht ja auch unmittelbar bevor, und zwar im Kino. Über den Film mit dem bemühten Titel „Frei: Gespielt“ liest man bislang aber nichts wirklich gutes. Für eine Einschätzung des Kegelsports fehlt mir allerdings jegliche Kompetenz – für Herrn Scholl schließt sich aber wohl ein Kreis, denn er war mit dem KV Karlsruhe „Zweiter Deutscher Mannschaftsmeister in der Jugend“. Was auch immer das heißt. Um eine sportliche Wahlverwandtschaft scheint es sich jedoch nicht zu handeln, denn: „Die Oberschenkel fangen schon nach fünfzig Kugeln an zu flattern, weil man beim Stemmschritt am Ende hundert Mal das ganze Körpergewicht mit einem Fuß abfangen muss. 200 Kugeln schaffe ich zurzeit gar nicht, obwohl ich völlig austrainiert bin. Aber Fußball und Kegeln bedeuten für die Beine eine komplett unterschiedliche Belastung. Beim Kegeln bremse ich den eigenen Schwung wie mit dem Bremsschritt beim Speerwerfen ab. Beim Fußball sind die Bewegungen viel runder.“ (siehe hier).
MM: Ich bin immer wieder erstaunt, welche Fachpublikationen Sie studieren. Und das klingt ja, als ob der Scholl Ahnung von der Materie hätte, so mit Bremsen und Stemmen und Flattern und so. Aber ich fühle bei seinem Abschied so dumpfe, reaktionäre Wallungen in mir hochsteigen, wahrscheinlich, weil mir nicht aus dem Kopf geht, wie es seinem „väterlichen Freund“ Uli Hoeneß wohl beim Abschied ergangen sein muss.
CB: Wie denn?
MM: Na ja, eben so als Unvollendeter, der miterleben muss, wie ein anderer Unvollendeter die jahrelangen Bemühungen der „Abteilung Wahrheit“ so ungeniert in den Dreck tritt. Und zwar in den „Dreck, an dem unsere Gesellschaft irgendwann ersticken wird“. Nicht, dass ich seine geologischen Einschätzungen teilen würde, aber ich habe ein wenig Mitleid mit dem Menschen, dessen Weltbild so erschüttert wird. Heutzutage kokettieren Fußballer mit ihrer sexuellen Ausrichtung und nehmen den Kegelsport auf, wenn sie aufhören. Von Uli Hoeneß aus gedacht: Was ist aus der guten alten Zeit geworden, als Fußballer nach Karriereende ihre Alkoholkrankheit voll ausleben konnten und ihr Erspartes in Toto-Lotto-Annahmestellen verbrannten, um dann vom Hoeneß-Uli mit einem Torschusstrainer- oder Fanshop-Verkäufer-Posten gerettet werden zu können?
CB: Ach, das ist jetzt aber ein unangebrachter Retro-Romantizismus. Passt aber irgendwie zu ihren dumpf-reaktionären Wallungen. Herr Mertens, Sie werden doch nicht etwa … alt? Nimmt Sie der Abgang von Herrn Scholl vielleicht deshalb mit, weil sie gewisse biographische Parallelentwicklungen erkennen?
MM: Vielleicht. Der Hoeneß Uli war mit 27 ja auch schon älter, als der Scholl jemals werden wird. Es müsste mich auch stutzig machen, dass ich plötzlich Mitgefühl mit dem Herrn habe. Aber frei nach Engholm, Croce, Shaw, Fontane, Russell und Churchill (siehe hier) befürchte ich: Wer mit 14 nicht Bayern-Hasser war, hat kein Herz, wer mit 40 nicht Bayern-Fan ist, hat keinen Verstand.
CB: Oh, jetzt wird es mir doch etwas zu schwermütig. Wir reden hier doch über Mehmet Scholl und nicht von Oli Kahn. Womit ich bei ihrer Eingangsfrage wäre, bei der Sie ja auf Herrn Scholls „queere Abschiedsparty“ (O-Ton Spiegel Online) anspielen. Die Einschätzung der Veranstaltung erscheint mir nach der Lektüre des Berichts
zutreffend, nur vermisse ich ein wenig etymologische Zweikampfhärte beim Reporter: queer „bedeutet im amerikanischen Englisch so viel wie „seltsam, sonderbar, leicht verrückt“, aber auch „gefälscht, fragwürdig“; als Verb wird es gebraucht für „jemand irreführen, etwas verderben oder verpfuschen“, substantivisch steht es für „Falschgeld“. (Und das weiß sogar schon wikipedia.de, mit einer gewissen Vorliebe für abseitige Fachpublikationen ließe sich das Definitionsgeplänkel noch massiv ausweiten – empfehlen könnte ich den aktuellen Sammelband „Sport, Sexualities and Queer/Theory“ von Jayne Caudwell oder für Deutschland einfach die gesammelten Werke von Thomas Meinecke. Doch ich schweife ab, habe mich verdribbelt, vertändele den Ball …
MM: Was dem Scholl ja nie passiert wäre. Wie mir überhaupt alles, was Ihre etymologische Recherche ergeben hat, nicht so recht zu Mehmet passen will. Das klingt mir doch eher nach meinem geschätzten Mario Basler. Der war queer. Aber dann müsste ich ja auch meine Eingangsfrage modifizieren: Mario Basler ist homosexuell?
CB: Einspruch! Mario Basler ist nicht queer, der ist nur daneben. Was bei der Wort-Recherche ja verloren gegangen ist, ist nicht nur der positiv-subversive Gehalt des Konzepts, sondern vor allem die Schollsche Leistung bei dessen Übertragung auf das Feld des Fußballs. Ich denke, solche verqueren Avancen tragen bei zu einer Art „makeover“ des bisher tumb-männlich codierten Fußballsports – so wie etwa die (beinahe) weltweit erfolgreiche TV-Serie „Queer Eye (for the Straight Guy)“ zeigt, dass eine „kulturelle Transformation“ für (beinahe) jeden eine wertvolle Erfahrung sein kann. Und ich glaube, genau darum geht es bei Mehmets Mühe um mehr Kultur im Kulturgut Fußball.
MM: … denn würden die identitäten nicht länger als prämissen eines mediensportlichen syllogismus fixiert, so könnte aus aus dem niedergang der alten eine neue konfiguration des fußballs entstehen. die sportkulturellen konfigurationen von geschlecht und identität könnten sich vermehren, oder besser formuliert: ihre durch mehmet scholl entscheidend vorangebrachte gegenwärtige vervielfältigung könnte sich in den diskursen, die das das intelligible kulturleben stiften, artikulieren, indem man die binarität in verwirrung bringt und ihre grundlegende unnatürlichkeit enthüllt…
Entschuldigung! Da sind mir gerade ein paar Gedanken in die Quere gekommen. Da hilft nur intensive Verdellingung: Ich hoffe, Sie nehmen mir das nicht quer. Auf keinen Fall wollte ich querschießen. Querbeet und querfeldein raste es in meinem Kopf. Es ist aber auch eine verquere Sache, dieses Thema.
CB: Da haben Sie wohl recht, ich nehme diesen Queerpass dankend auf, und beende das Gespräch an dieser Stelle mit einem Netzerismus: Ich nehme Ihnen das nicht übel, Herr Mertens, das bin ich doch von Ihnen gewohnt.
Freitag, 9. Juni 2006
WM 2006
Harte Schule
Ronny Blaschke (BLZ) widmet sich der Ukraine: „Andrej Schewtschenko, Europas Fußballer des Jahres 2004, ist zu einer Symbolfigur für Aufbruch und Erfolg geworden, sechs Tore hat er in der WM-Qualifikation geschossen. Die Ukrainer sehen in ihm den neuen Stolz einer Nation, obwohl er längst in einer Welt des Glamours lebt. Seit Jahren fokussiert sich die Öffentlichkeit auf ihn. Neben Schewtschenko spielt nur Andrej Woronin in Mitteleuropa, bei Bayer Leverkusen. Die anderen Spieler kicken in Kiew, Donezk oder Dnjepropetrowsk. Die Auswahl von Trainer Oleg Blochin funktioniert dennoch so verlässlich wie eine Maschine. Immer wieder fordert er Disziplin und Geschlossenheit: ‚Wer bei der WM nicht sein Bestes gibt, fliegt sofort zurück nach Hause. Egal, ob fünf Spieler verletzt sind oder nicht.‘ Andrej Schewtschenko kennt diese Sätze. Er ging durch eine harte Schule. Der Beginn seiner Karriere fiel in den Zerfallsprozess des sowjetischen Reichs. Für Schewtschenko hatte Geschichte schon immer eine große Bedeutung.“
Ball und Buchstabe
Es gibt Favoriten, aber keine Sicherheit
Axel Kintzinger (FTD) erwartet ein entspanntes, fröhliches Fest: „Bei den Vorbereitungen haben sich die Deutschen nicht lumpen lassen. Klar, wir können nicht von unseren Wurzeln lassen und umrahmen – Land der Dichter und Denker, das wir gerne sein wollen – das Sportereignis mit einem aufwändigen Kulturprogramm. So groß und auch so unberechenbar, dass die grauen Herren der Fifa die Reißleine zogen. Weil ihnen Angst machte, was André Heller, Peter Gabriel und Brian Eno da anstellen könnten. Ist es nicht erstaunlich, wie souverän man auf diese spießige Unverschämtheit des Herrn Blatter reagiert hat? Und bewundernswert ist die Geduld, mit der die Leute die Besetzung der Republik durch die Fußball-Geldmaschine aus Zürich samt seiner Financiers hinnimmt. Der Marketingterror wird eher belächelt als attackiert – was lässig ist und nicht devot. Weiß doch eh die ganze Welt, dass die Mannschaftsbusse ‚Made in Germany‘ sind, auch wenn die Insignien seines Herstellers infantil mit dem Logo einer koreanischen Automarke überklebt werden. Selten haben es Sponsoren geschafft, mit so viel Geld so viel Missachtung zu generieren. Wie die Gesellschaft, so will auch der deutsche Fußball alles richtig machen: Nieder mit dem Querpass, Tod dem Spiel zurück. Jürgen Klinsmann predigt die bedingungslose Offensive, was in Fußball-Deutschland unerhört ist. Nicht die Großen fressen die Kleinen, sondern die Schnellen die Langsamen, hat Klinsmann gelernt. Das hört sich zwar an wie Phrasen aus der New Economy, und auch der Ton, in dem der Bundestrainer das sagt, klingt danach. Aber die Gültigkeit dieser These ist durch die Entwicklung des globalen Fußballs belegt. Anders als in der Ökonomie übrigens, was einen zentralen Unterschied dieser beiden Welten ausmacht. Und den Reiz dieses Sports. Fußball bleibt unberechenbar, immer. Könnte man das Spiel der Welt, die populärste aller Sportarten, so planen wie eine Firmenübernahme, wäre Deutschland nicht ins Finale der letzten WM gekommen, Griechenland nie Europameister geworden. Es gibt Favoriten, aber keine Sicherheit.“
Riskant, aber ohne Alternative
Holger Steltzner (FAZ/Leitartikel) unterstreicht die gute Wahl Jürgen Klinsmann: „Der unabhängige Geist aus Kalifornien entpuppte sich als erster Radikalreformer in der hundertjährigen Geschichte des DFB; stärker noch als Kirchhoffs Steuerpläne zur Bundestagswahl spalteten Klinsmanns Methoden Fußball-Deutschland. Der hart und akribisch arbeitende Trainer suchte und fand junge hoffnungsvolle Spieler und unterwarf sie einem strengen Auswahlverfahren. Die Leistungen in den Vorbereitungsspielen glichen einer Achterbahnfahrt. Klinsmann, als Trainer so unerfahren wie seine Mannschaft, blieb im Gegensatz zum Teamchef Beckenbauer keine Zeit für einen langfristigen Aufbau einer Meistermannschaft. Er kam als Retter in der Not, ausgestattet vom DFB mit allen Vollmachten und dem Auftrag, die WM im eigenen Land doch noch zu gewinnen. Vor dieser Herausforderung drückte sich manch gestandener Trainer, aber Klinsmann nahm sie an. Er setzte alles auf eine Karte. Klinsmanns Weg ist riskant, aber ohne Alternative. Wie sonst hätte man in nicht einmal zwei Jahren aus von Selbstzweifeln geplagten Spielern eine modern spielende Mannschaft mit Siegeswillen formen sollen? Mit beherztem und einfallsreichem Offensivfußball können sich die Deutschen in die Herzen der Fans spielen. Wenn dann der Funke der Begeisterung auf die jungen Nationalspieler zurückspringt, könnte Deutschland sogar zur Überraschungsmannschaft werden. Und sollte das Los lauten: Raus mit Applaus, dann werden andere Teams tollen Fußball spielen und die Fans begeistern. Wie auch immer: Bis zum 9. Juli darf Deutschland als Gastgeber der größten Sportparty der Welt glänzen.“
Mythos einer vermeintlich heilen Welt
Hans Werner Kilz (SZ/Leitartikel) wendet sich ab: „So heiter, unbelastet und rund, wie es scheinen mag, rollt der Ball schon lange nicht mehr. Der Volkssport Fußball kriselt. Er entpuppt sich letztlich auch nur als eine Variante des Wirtschaftssystems, das Höchstleistungen fordert und diese Höchstleistungen im Erfolgsfall überproportional honoriert. Borussia Dortmund, Juventus Turin, FC Chelsea stehen sinnbildlich für Misswirtschaft, Korruption und Größenwahn, für eine New-Economy-Blase der Kickerbranche – in der Gefahr, bald zu platzen. Kartellähnliche Verbände wie Uefa und Fifa treiben die Vermarktung zum Äußersten, ebnen den Weg zum sinnentleerten Wettbewerb, in dem die finanziell Stärkeren dominieren. (…) Wer Fußball noch immer leichtfertig als kulturelles Ereignis überhöht, bei dem sich Erfolg und Anerkennung harmonisch fügen, huldigt einer längst vergangenen Zeit, in der Siege einer Fußball-Elf zum strahlenden Mythos einer vermeintlich heilen Welt verklärt wurden.“
Zeichen
Frank Junghänel (BLZ/Leitartikel) erblickt in den Stadien Repräsentatives: „Klinsmanns Fußballmannschaft steht für das moderne Deutschland. Ist es erwähnenswert, dass drei Kreativspieler, Ballack, Schneider und Borowski, aus dem Osten stammen? Die beiden torgefährlichsten Stürmer, Podolski und Klose, wurden in Polen geboren, Asamoah in Ghana. Man muss das nicht überbewerten. Fünf Millionen Arbeitslose, viele davon im Osten, werden daraus keine Zuversicht schöpfen. Und ein farbiger Spieler in der Mannschaft befreit Deutschland noch nicht von seiner Verantwortung, mehr gegen jede fremdenfeindliche Tiefenströmung im Land zu unternehmen. Bei allem Glauben an das gute Gefühl, die WM kann die soziale Wirklichkeit nicht ändern, weder im eigenen Land noch sonstwo. Sie kann Signale senden, die etwas über den Gastgeber erzählen. Die deutlichsten Signale aus Deutschland sind bisher seine Stadien. Jedes kann davon berichten, wie sich das Land verändert hat, wie sich seine Geschichte in Architektur übersetzen lässt. Eröffnet wird die WM in der Münchner Arena, dieser eleganten Shoppingmall des Fußballs, die der sportiven Kalkulation eine perfekte Kulisse bietet; das Endspiel findet in Berlin statt, wo aller Modernisierung zum Trotz sich der Geist der Vergangenheit hinter jeder Steinsäule zu verstecken scheint. Auf dem Wege liegt Schalke, wo man dem Rasen ein fahrbares Bett gebaut hat, um ihn vor Widrigkeiten zu schützen. Da ist Leipzig, dessen Arena in das alte Sportstadion hineingepflanzt wurde. Wie in einem erloschenen Vulkan wächst aus dem Früheren das Morgen hervor. Wenn das kein Zeichen ist.“
NZZ-Leitartikel: Deutschland sieht rund
Mit den Mitteln der Vergangenheit
Sehr lesenswert! Stefan Osterhaus (NZZ) schreibt über das gespannte und ambivalente Verhältnis der Deutschen zu ihrem Fußball und ihrer Fußballgeschichte: „Die Deutschen hadern mit ihrem Fussball und seinen Qualitäten. Debatten haben sich gesponnen, und mit ihnen ging die Verklärung einher. Es ist eine verräterische Debatte, die in Untertönen manches von dem trägt, was Klaus Theweleit erst kürzlich als ‚Selbstzerfleischung‘ beschrieben hat: die Ungnade mit dem eigenen Fussball und dessen Protagonisten. Gegenwärtig ist dies die Domäne des Boulevards, der sich in Klinsmann ein Hassobjekt erspäht hat. Vor ein paar Jahren wurden solche Auseinandersetzungen im Feuilleton geführt, nichts durfte gut, gar nichts richtig sein. Es bedarf schon einiges an Selbstzweifeln, um dem deutschen Fussball der siebziger Jahre in seinen schönsten Augenblicken ein ‚niederländisches Moment‘ zu attestieren, wie es der Fussball-Historiker Dietrich Schulze-Marmeling einmal tat. Doch während sich der Fan bis vor wenigen Jahren am meist zufriedenstellenden Ergebnis weidete, währt die Diskussion um den ästhetischen Nährwert des deutschen Fussballs noch immer. Ausgelagert ins Feuilleton, wird ein festgefügtes Bild skizziert, das keine Zeitlupe revidieren kann (zu Gemeinplätzen sind Märchen wie jene geworden, dass im WM-Final von 1974 mit Holland die deutlich bessere Mannschaft unterlag; dass dem deutschen Fussballer per Geburtsfehler das Technik-Gen fehlt). Einzig der EM-Titel von 1972 wird als legitim empfunden, herausgespielt mit grosser Überlegenheit, gespeist von den Pässen Günter Netzers, einer emblematischen Figur, bis heute der Referenzpunkt des sogenannten anderen deutschen Fussballs. All die Legenden vom schönen und guten Fussball, befeuert einst von der schlichten Gleichung Menottis, der zwischen rechtem (destruktivem) und linkem (offensivem) Fussball unterscheiden wollte, sind in Deutschland unwiderruflich an die Figur Netzers geknüpft, der Mitte der neunziger Jahre ein Revival erlebte. Dass dieses exakt in jene Phase fiel, in der die inländischen Kicker an der WM in den USA nicht über den Viertelfinal hinauskamen, illustriert eher, dass mangels des Diskussionsobjekts Erfolg (und dessen Ursachen) ein Loch gestopft werden musste. (…) Die Widerstände, mit denen Klinsmann bei durchaus vernünftigen Vorhaben zu kämpfen hatte, zeigen den Trotz einer erstarrten Institution, die die Erfolge der Vergangenheit mit den Mitteln der Vergangenheit reproduzieren will.“
Keine Lebenswelt geht unter
Eröffnungsspiel in München – viele WM-Touristen werden den Fehler begehen, direkt in die U-Bahn in Richtung Fröttmaning mit dem Ziel Allianz Arena zu steigen. Albert Schäffer (FAZ) warnt davor, den Charakter und die Geschichte Münchens zu ignorieren: „Es gilt, antizyklisch in den Osten Münchens aufzubrechen, nach Giesing zum ‚Sechzger-Stadion‘. Mit ihm, dem ersten der magischen Orte, verhält es sich wie mit einer Hollywood-Diva, die in die Jahre gekommen ist: Wer klug genug ist, den Respektsabstand zu wahren, wird den Zauber vergangener Tage nicht verpassen. Das ‚Sechzger-Stadion‘ steht für eine Zeit, in der München noch nicht versuchte, eine Weltstadt zu mimen. (…) Das Olympiastadion ist der zweite magische Ort des Fußballs in München – dort wurde 1974 Franz Beckenbauer mit der deutschen Mannschaft Fußballweltmeister. Beckenbauer, geboren in Giesing, fußballerisch gestählt im ‚Sechzger-Stadion‘, groß geworden beim FC Bayern, ist seiner Heimatstadt zwar längst entwachsen. Sein Status als Ortsheiliger ist aber unantastbar (…). Die Fußballweltmeisterschaft 1974 symbolisiert eine der glücklichsten Perioden der jüngeren Münchner Geschichte. Der Anspruch, die ‚heimliche Hauptstadt‘ Deutschlands zu sein, wurde als pure Selbstverständlichkeit betrachtet, die Frage, warum das Endspiel in München stattfand, gar nicht verstanden: ‚Wo denn sonst?‘ (…) Härter hätte der Kontrast in der Ahnenreihe der Münchner Stadien kaum ausfallen können. Die Ouvertüre mit dem ‚Sechzger-Stadion‘ mit seiner traditionellen Architektur inmitten eines gewachsenen Stadtviertels – jetzt nur noch Heimstätte für Amateur- und Jugendmannschaften. Dann das Olympiastadion mit seinem transparenten, beschwingten Dach im Herzen eines künstlichen Arkadiens, des Olympiaparks – ungeliebte Zwischenstation für die beiden Münchner Spitzenclubs, weil die Stadionarchitektur mit ihrer Weitläufigkeit viel optische und emotionale Distanz zwischen Spieler und Zuschauer legte. Und schließlich die Allianz-Arena in einer städtebaulichen Wüste im Münchner Norden als vorläufiger Endpunkt – funktionalistischer und merkantiler Purismus, in eine Kunststoffhülle verpackt. Die drei Stadien verkörpern den Wandel der Münchner Lebenswelten. Zum Charme der bayerischen Landeshauptstadt gehört dabei, daß keine der Lebenswelten ganz untergeht, sondern sich zumindest ein wenig behaupten kann.“
FR: WM-Wahnsin – WM-Kondome in der Apotheke
NZZ: Deutschlands WM-Geschichte, neu gelesen
SZ: Die Sagen des deutschen Fußballs schreiben Eröffnungsspielen eine geradezu magische Wirkung zu
Am Grünen Tisch
Krake
Andreas Schröder (StZ) spricht der Fifa das Recht ab, Standards in Ethik und Moral zu erheben: „Umfragen zufolge wird der Verband als machtbesessen und geldgierig gesehen. Fifa-Boss Josef Blatter sieht sich zu Unrecht angegriffen und verweist häufig auf die Entwicklungsprojekte, die der Verband rund um die Welt finanziert. Tatsächlich aber biegt sich der Schweizer die Realität gerne so zurecht, wie es ihm gefällt. Als der Europarat in Straßburg den Schweizer für dessen passive Haltung beim Thema Zwangsprostitution während der WM hart kritisiert hat, weil er den Menschenhandel nicht anprangere, da reagierte Blatter abgeklärt. Es sei nicht Aufgabe des Weltverbands zu kontrollieren, was außerhalb der Stadien passiert, sagte er ungerührt. Das gilt allerdings nur für Themen, die heikel sind oder der Fifa Kosten verursachen würden. Haftungsrisiken und Projekte, die richtig ins Geld gehen wie Stadionumbauten und andere Infrastrukturprojekte, sind deshalb vertragsgemäß Angelegenheiten der Ausrichterländer und -städte. Wer sich dem nicht fügt, erhält den Zuschlag für das Turnier nicht. Bereits jetzt ist klar, dass Stuttgart als Ausrichterstadt unter dem Strich mindestens 14 Millionen Euro draufzahlen wird. Die beiden größten Brocken sind das Kulturprogramm mit 5,3 Millionen Euro und die temporären Umbauten des Daimlerstadions nach den exakt einzuhaltenden Fifa-Richtlinien mit knapp 4 Millionen Euro. Wenn es aber ums Geldverdienen geht, dann fühlt sich die Fifa sehr wohl auch für alle Bereiche außerhalb der Stadien zuständig. Und sie zieht regelmäßig vor Gericht, um ihre Interessen durchzusetzen. (…) Der Krake Fifa hält das Geschäft mit der WM fest im Griff.“
Großer Manipulator
Jens Weinreich (BLZ) porträtiert Joseph Blatter und ringt sich fast ein Kompliment ab: „Er wird von flotten Halluzinationen geplagt, dieses Schicksal teilt er mit anderen hochrangigen Sportfunktionären: Blatter sähe sich auch als legitimen Träger des Friedensnobelpreises, unter anderem deshalb, weil er tatkräftig dabei geholfen hat, die WM 2010 nach Südafrika zu vergeben. Wann immer er danach gefragt wird, kokettiert Blatter. Er würde den Nobelpreis sicher nicht ablehnen, sagt er gern. Einer seiner Kollegen aus dem IOC, Juan Antonio Samaranch, hatte vor einem Jahrzehnt eine PR-Agentur damit beauftragt, den Friedensnobelpreis zu akquirieren. Ein norwegischer Journalist enthüllte die Pläne, und Samaranch wurde zum Gespött der Leute. Im globalen Sportbusiness, das mit Emotionen Milliardengeschäfte macht, glauben viele Amtsinhaber tatsächlich, es ließe sich alles kaufen. Sie kennen es nicht anders in ihrer Branche und sie wundern sich, wenn die Welt dann doch nicht immer nach den Regeln des Kommerzes funktioniert. Bundesverdienstkreuz, Friedensnobelpreis, das sind Themen für Blatter. Darunter macht er es kaum. (…) Das ist der eine Blatter. Der andere Blatter ist charmant, herzlich, aufmerksam, witzig und spontan. Er kann sogar zuhören, zeigt Interesse an seinem Gesprächspartner, obwohl schwer einzuschätzen ist, ob dieses Interesse nur vorgetäuscht und seinen persönlichen Ambitionen untergeordnet ist. Denn natürlich ist Blatter ein großer Manipulator. Auch er hat seinen Anteil daran, dass dieses System des Gebens und Nehmens im Fußballgeschäft auf vielfältige Weise verfeinert worden ist.“
Auf dem Gipfel seiner Macht
Roland Zorn (FAZ) beargwöhnt Blatters wachsende Einflußmöglichkeiten: „Weltweite Lizenzierungsverfahren, Besitzverhältnisse der Klubs, der wachsende Einfluß von Spielervermittlern, Transfers, Wettgeschäfte, Reduzierung der Profiligen auf maximal 18 Klubs – überall kann die Fifa in Zukunft nicht nur mitreden, sondern mitentscheiden. Für Blatter gilt das Prinzip, daß die Fifa bestimmt, wohin der Ball zu rollen habe. Auch deshalb setzte der Kongreß die unabhängige Ethikkommission als dritte Rechtsinstanz der Fifa ins Werk. ‚Wir kämpfen‘, sagte Blatter, ‚weiter um unsere Autonomie gegenüber politischen Einmischungsversuchen.‘ Der Kongreß nahm des Präsidenten Ankündigung, sich im kommenden Jahr für eine dritte Amtszeit zur Wahl zu stellen, mit warmem Applaus zur Kenntnis. Blatters Fußballweltfamilie – 250 Millionen Menschen – ist riesengroß. Sie schien ihrem Boss nach einem Kongreß, in dem bis auf zwei Wortmeldungen stundenlang versammeltes Schweigen herrschte, zu Füßen zu liegen. Der Fußball als seltsame One-man-Show eines Schweizers mit missionarischem Eifer ging am Donnerstag zu Ende; der wahre Fußball kann am Freitag beginnen (…) Acht Jahre nachdem Blatter 1998 als Nachfolger von Joao Havelange gegen viele Widerstände gewählt wurde, ist der frühere Fifa-Generalsekretär auf dem Gipfel seiner Macht angekommen.“
Welt: Aus der kühlen Geldvermehrungsmaschine Fifa soll eine Art Weltverbesserungs-AG werden
Ein sehr umfassendes Portrait Franz Beckenbauers im Tagesspiegel: „Das Glück des Fleißigen“
FAZ-Interview mit Franz Beckenbauer
NZZ: Ein unabhängiger Bericht, der aber im Auftrag der EU und der Uefa verfasst worden ist, kommt zum brisanten Schluß, dass dem europäischen Fußball eine Reihe ernster Gefahren drohe
WM 2006
Die Kobra
Gruppe B
Das Prinzip Wanchope
Ingo Durstewitz (FR) dokumentiert die Trainingsleistung Paulo Wanchopes, dem Stürmer Costa Ricas: „Wer den Stürmer während des Trainings verfolgt, kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Wanchope mogelt sich durch die Übungen, er betrügt, man muss das so sagen, schamlos. Wenn die Mitspieler sprinten, dann tippelt er drei-, viermal auf der Stelle und bricht ab; wenn an Taktik und Spielformen getüftelt wird, steht er vor dem Tor und ruft lauthals, die Kameraden mögen ihm doch bitte schön einfach den Ball zuspielen. Damit er ihn, auch wenn es sich geradezu aufdringlich banal anhört, ins Tor befördern kann. Wenn nicht alles täuscht, dann wird das Spiel der Costaricaner nach dem Prinzip Wanchope zu funktionieren haben: hinten dicht machen und vorne auf den Torjäger hoffen. (…) Ob Wanchope sich noch einmal zu großen Taten aufschwingen kann, ist zumindest zweifelhaft: ‚Die Kobra‘, wie seine Landsleute den Angreifer einst tauften, hat in den vergangenen Jahren ein bisschen an Biss verloren, aus der Heimat heißt es, er sei bequem und satt. Wanchope lebt in einem feudalen Haus, er genießt den Luxus, die Annehmlichkeiten, die ihm Geld und Ruhm bescherten.“
FAZ: Costa Ricas Taktik: Mauern und sich Mut machen
BLZ: Am Tag des ersten WM-Spiels ist die Aufbruchstimmung im polnischen Lager verschwunden
BLZ: Ecuadors Vorbereitung verlief voller Missgeschicke
Gruppe B
Es ist aufregend geworden, den Schweden zuzusehen
Frank Heike (FAZ) schildert das Sozialmodell Schweden – und zwar ohne Anspielung auf Ikea-Metaphorik, was wohl nur wenigen Schreibern gelingen wird: „Man erlebt wieder diese typisch skandinavische Entspanntheit, die über der familiären Szenerie liegt. Keiner nimmt sich wichtiger, als er ist. Denn Wichtigtuer sind verpönt im schwedischen ‚Volksheim‘, wo am liebsten alle gleich sein sollen. Auf eine Fußballmannschaft bezogen, funktioniert das natürlich nicht. Für die schwedischen Lieblinge Henrik Larsson, Fredrik Ljungberg und Zlatan Ibrahimovic gelten nämlich andere Gesetze. Es ist kein Zufall, daß Larsson am Dienstag, Ljungberg am Mittwoch und Ibrahimovic am Donnerstag auf dem Podium der Pressekonferenz saßen. Als die Stars fertig waren, traten die weniger wichtigen Kollegen in kleinen Grüppchen in der Mixed Zone auf. Fast alles konzentriert sich derzeit auf die ‚Triangel‘, denn hinter den Namen der genialen schwedischen Offensivabteilung stehen Fragezeichen: Welche Form hat Larsson von der Bank des FC Barcelona mitgebracht? Wird Ljungberg seine Leistung vom FC Arsenal endlich auch im Nationaldress zeigen? Läßt Ibrahimovic seine maue Rückrunde bei Juventus Turin vergessen? Die drei Stars stehen auch deswegen so im Mittelpunkt, weil sie die Abkehr vom klassischen schwedischen Spiel symbolisieren. Es ist aufregend geworden, den Schweden zuzusehen – sie haben im Schnitt drei Tore pro Partie in der Qualifikation geschossen. Aus dem defensiv-orientierten Spiel der Vergangenheit um baumlange Verteidiger, ein laufstarkes Mittelfeld und lange Bälle nach vorn hat Trainer Lagerbäck ein 4-4-2-System gebastelt, das den Stars alle Freiheiten läßt, dem Team aber nichts von seiner Kompaktheit nimmt. So ist die Mannschaft zu einer eingespielten Einheit gewachsen, die am ehesten dort Schwierigkeiten hat, wo es früher keine gab: in der Abwehrmitte.“
Gewundenes Bulletin
„Rooney-Gate“ – Raphael Honigstein (SZ) faßt die letzte Folge zusammen und wartet gespannt auf die nächste: „Man musste sich diese Prognose selber zusammenbasteln. Vom englischen Verband gab es keinen Kommentar, und nach dem Willen von Eriksson soll es so schnell auch keinen geben. Das Thema wurde zum Tabu erklärt. Das wird schwierig werden, die Kontroverse hat nämlich gerade erst begonnen. Rooneys Kernspintomographie in Manchester hatte keine eindeutige Erkenntnis gebracht. Englands Mannschaftsarzt Leif Sward sah einen vollkommen geheilten Bruch, sein Gegenüber von Rooneys Verein Manchester United hatte starke Bedenken. Ein von der Fifa nominierter, unabhängiger Sachverständiger, Professor Angus Wallace, musste entscheiden. Er gab grünes Licht. In seinem Urlaubsdomizil in Südfrankreich nahm United-Trainer Alex Ferguson kurz vor Mitternacht den Hörer in die Hand und erklärte Verbandsvorstand David Davies in unmissverständlichen Worten, was er von Erikssons Entscheidung hält. Am Ende war er machtlos, der Verein muss seinen wertvollsten Spieler zur WM ziehen lassen, das verlangen die Fifa-Statuten. Auf der Internetseite des Klubs wurde ein gewundenes Bulletin veröffentlicht, das zwischen den Zeilen gewaltigen Unmut zum Ausdruck bringt. ‚Laut der Expertenmeinung des unabhängigen Sachverständigen hat Wayne Rooney eine gute Chance, nach der Gruppenphase fit zu sein‘, heißt es dort, ‚Rooney unterliegt jetzt der Obhut der medizinischen Abteilung von England.‘ Hört sich verdächtig an nach ‚Wir behalten uns rechtliche Schritte vor, falls er sich verletzt‘.“
Deutsche Elf
Große Unsicherheit
Deutschland sei zwar ortskundig, hege aber auch große Selbstzweifel, hat La Nación, die größte Tageszeitung Costa Ricas, vor dem Eröffnungsspiel festgestellt: „Deutschland ist zu Beginn der WM umgeben von Zweifeln und erweckt nicht die Siegesgewißheit, die normalerweise im Gastgeberland herrscht. Bezüglich der Frage, was Deutschland an der WM erreichen kann, kursiert eine große Unsicherheit auf Seiten der deutschen Presse.“ Die Observation des 3:0 der Deutschen gegen Kolumbien wertet man in Costa Rica als Wissensvorsprung: „Deutschland gegen eine Art des Fußballs gewinnen zu sehen, die unserer ähnelt, wird der costaricanischen Technik sehr nützlich sein, um daraus die letzten Schlüsse zu ziehen, wie Costa Rica gegen die Teutonen spielen sollte.“
Phrasendrescher
Kevin McCarra (Guardian) urteilt vernichtend über Jürgen Klinsmann: „Klinsmanns Selbstdefinition als CEO der Nationalmannschaft mit einem Haufen Untergebenen könnte sich bald als Betrug einer Person ohne jegliches Talent oder Qualifikationen für den Job als Nationaltrainer herausstellen. Klinsmanns Faible für Slogans hat einen faden Beigeschmack, der Phrasendrescher muß immer etwas anderes versuchen. Die Romantiker können bei der WM zwar auf den Aufschwung von Schweinsteiger, Podolski und Lahm hoffen, aber Klinsmann wird nicht Weltmeister werden. Er wird genug damit zu tun haben, Schadensbegrenzung zu betreiben und dem deutschen Fußball die traumatische Ernüchterung zu ersparen.“
Tsp: 22 Monate hat Jürgen Klinsmann auf diesen Tag hingearbeitet – was hat der Bundestrainer bewirkt und wie sieht seine Zukunft aus?
FR: Kann Deutschland Weltmeister werden? Pro und Contra (die sich allerdings nicht sehr unterscheiden)
Hohe Null
Wie könnte eine deutsche Mannschaft ohne Michael Ballack aussehen? Christof Kneer (SZ) runzelt die Stirn: „Dem FC Bayern darf man vielleicht zutrauen, dass er sich gewinnbringend aus der Abhängigkeit von Michael Ballack befreien wird, beim FC Deutschland ist man da nicht so sicher. Wie Deutschland ohne Ballack aussehen wird, kann man sich vorstellen; wie es funktioniert, ist ausgesprochen ergebnisoffen. Man darf wohl davon ausgehen, dass sich Torsten Frings, Bernd Schneider, Bastian Schweinsteiger und Tim Borowski zu einem Vierermittelfeld zusammenfinden, aber ob das eine flache, steile oder karierte Vier sein wird, kann niemand wissen. Deutschland hat ja mächtig herumexperimentiert zuletzt, manchmal hatte man den Eindruck, dass es sich hier um eine höhere Wissenschaft handelt. Man hat von Rauten raunen hören, welche sich in der Rückwärtsbewegung zu einer Doppelsechs verbiegen; man ist flachen Vieren begegnet, welche willens und imstande sind, sich je nach Spielverlauf zu einer Raute deformieren zu lassen. Das Problem war nur, dass sich all diese geometrischen Figuren am Ende oft ähnlich sahen: Die doppelte Sechs und die flache Vier sahen oft aus wie eine ziemlich hohe Null. Wenn man das deutsche Mittelfeld von oben sieht, sieht man manchmal, dass man nichts sieht. Man sieht dann ein großes Loch, an dessen Rändern willige Nationalspieler hin- und herwetzen.“
As
El País erwartet Michael Ballack neben Beckham, Casillas, Deco, Henry, Riquelme, Ronaldinho, Ronaldo, Shevchenko, Totti und Zidane unter den „Assen der WM“: „Er scheint als Mittelfeldorganisator eine solide Grundlage zu haben, Deutschland zu einem Kandidaten für den Titel zu erheben. Er wird während des Turniers einem enormen Druck standhalten müssen, und davon, wie er damit umgeht und inwiefern dies sein Spiel beeinflußt, werden viele der deutschen Möglichkeiten, etwas Wichtiges zu schaffen, abhängen. Es besteht kein Zweifel, daß die Zukunft des WM-Gastgebers durch die Füße und den Kopf von Michael Ballack bestimmt wird.“
Kraftprobe zwischen Kapitän und Trainer
Bemerkenswert! Philipp Selldorf (SZ) deutet die verteidigenden Aussagen Michael Ballacks über sein Verhalten bei seiner Verletzung als fortschreitenden Konflikt mit Jürgen Klinsmann: „Das Statement hatte den Tonfall eines fortgeschrittenen Wutausbruchs und ergab damit einen verblüffenden Kontrast zur amtlichen Atmosphäre der ‚Zuversicht und Vorfreude‘. Offenkundig hat Ballack davon erfahren, dass es über seinen Umgang mit der Verletzung Diskussionen gibt. Unterstellungen seien ‚eine absolute Frechheit: Es ist fast schon rufschädigend, wie über mich gesprochen und was über mich verbreitet wird‘. Gegen wen richtete sich die zornige Klage? Nicht mal die üblichen Gurus und Ex-Gurus sind bisher mit Ferndiagnosen und Kritik in Erscheinung getreten. Offiziell hatte bloß Klinsmann Stellung genommen, als er erklärte, Ballack habe die Qualität des Problems am Wochenende ‚unterschätzt‘. Aber er hatte das nicht als Vorwurf, sondern beschwichtigend formuliert. Eine Debatte mit dieser Dimension hatte Klinsmann in seiner Projektplanung definitiv nicht vorgesehen, zumal es nicht nur um Ballacks lädierten Muskel und ein wenig gekränkte Eitelkeit geht. Dahinter zeichnet sich auch eine Kraftprobe zwischen dem Trainer und dem Kapitän ab, die bereits in der vergangenen Woche einsetzte, als Ballack vor der Presse die gnadenlos offensive Spielorientierung der Mannschaft kritisierte – und damit den Kern von Klinsmanns Hurra-Deutschland-Konzept in Zweifel zog. Das glatte 3:0 gegen Kolumbien reklamierte Ballack auch als Resultat seines Eingreifens. (…) Viele Beobachter – auch solche, die ihn länger kennen – staunten über die Meinungsfreude und Offenheit Ballacks, der üblicherweise ein Mann von zurückhaltendem Naturell ist. Ob sich aber auch Klinsmann über die Emanzipation des (Noch-) Münchners freut? Am Dienstag verkündete der Bundestrainer vor der versammelten Mannschaft, dass für den Einsatz im Eröffnungsspiel am Freitag nur Spieler berücksichtigt würden, die auch am Mittwoch beim Training mitmachen könnten. Dies war auch der Versuch eines Autoritätsbeweises. Prompt humpelten am nächsten Tag Ballack und der ebenfalls angeschlagene Robert Huth auf die Wiese. Nach einer halben Stunde musste Ballack das Training abbrechen. Wäre dann nicht ein weiterer Tag Pause der Genesung förderlicher gewesen als das Eingliedern in die Trainingsgruppe? Die Frage ist, wie viel Kontrolle über sein Projekt Klinsmann abzugeben bereit ist.“
faz.net: Ballack wehrt sich gegen Rufschädigung
FAZ: Michael Ballack fällt (vielleicht doch nicht) aus, Chance für Tim Borowski (?)
In der Hierarchie nach oben geklettert
Michael Ashelm (FAZ) macht aus Poldi und Schweini Podolski und Schweinsteiger: „Sie stehen für das fröhliche Fußballspektakel. Ihre unkomplizierte Sicht auf die Herausforderungen hat ihnen viele Sympathien eingebracht. Doch ihre Rolle als Juniorfreaks der Fußballarena beginnt sich langsam zu ändern. Mit der Weltmeisterschaft steigt die Verantwortung – Podolski und Schweinsteiger spüren bei aller Leichtigkeit oder Blödelei, daß es auf sie ankommen wird. Wie in einem Selbsterfahrungs-Crash-Kurs der Volkshochschule konnten beide wohl die wichtigsten Erkenntnisse für ihre Karriere aus den vergangenen zwölf Monaten herausziehen, als die eigene Leistung von Schwankungen und störenden Einflüssen beeinträchtigt wurde. Das sah so aus: erst der traumhafte Einstand beim Confederations Cup, dann der langsame Abstieg, verbunden mit persönlichen Tiefschlägen – und schließlich das Comeback. Nicht nur im Sportlerleben gilt die Erkenntnis, daß gerade Krisen die größten Entwicklungsschübe erzeugen. Podolski litt an der Überforderung, als junger Kapitän des Aufsteigers aus Köln die ganze Verantwortung über die Mannschaft zu tragen. Sein gleichaltriger Kompagnon litt zuletzt vor allem an der fehlenden Anerkennung durch Felix Magath, der ihn zum Ersatzspieler degradierte. Die wenigen Einsätze für den FC Bayern förderten nicht gerade das Selbstvertrauen, zudem wirkte sich der juristische Streit mit seinem ehemaligen Berater und vor allem der Münchner Medienskandal um Schweinsteigers angebliche Verwicklung in einen Wettskandal höchst nachteilig auf seine Entwicklung aus. Die Moral des pfiffigen Oberbayern hat dies nicht gebrochen. Wie bei Podolski hat die Nationalmannschaft immer als Fluchtort und Kraftfeld gedient, wo Klinsmann beiden Spielern Vertrauen entgegenbrachte. Allen Widrigkeiten zum Trotz sind beide ihrer Art treu geblieben und nicht gestrauchelt. Während ihr Kollege Kevin Kuranyi für sein Phlegma bestraft wurde und zu Hause bleiben mußte, behielten sie ihr Ziel fest in den Augen. (…) In der teaminternen Hierarchie sind die beiden Einundzwanzigjährigen ein paar Stufen nach oben geklettert, Schweinsteiger ein bißchen höher.“
Die Financial Times meldet: Uli Hoeneß, der gute Mensch aus München, bitte die Münchner Fans um Unterstützung für Jens Lehmann. Jetzt kann nichts mehr schiefgehen!
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