indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Montag, 29. Mai 2006

Am Grünen Tisch

Schweigen verlernt

Gerhard Mayer-Vorfelder, Matthias Sammer und Oliver Bierhoff sind in den letzten Tagen durch Äußerungen auffällig geworden, wer den möglichen Nachfolger für Jürgen Klinsmann bestimmen dürfe und wer das sein werde. Roland Zorn (FAZ) erachtet diese Diskussion für überflüssig: „Bis heute gehört der DFB-Präsident zu den großen Befürwortern dieses Bundestrainers, der es verdient hätte, seine Mannschaft ohne störende Diskussionen am Rande auf die WM einzustimmen. Klinsmann war Spieler unter dem VfB-Präsidenten Mayer-Vorfelder, Sammer auch: Vielleicht glaubt der 73 Jahre alte Badener ja im Sinne der Gleichbehandlung, daß es nur gerecht wäre, wenn nach dem einen auch der andere seine Bundestrainerchance bekäme. Nur: Wenn sich die Trainerfrage wirklich stellt, wird der jetzige DFB-Präsident die Antwort nicht mehr geben dürfen. Theo Zwanziger möchte wie Mayer-Vorfelder nach der WM am liebsten mit Klinsmann weiterarbeiten – falls das aus welchen Gründen auch immer nicht möglich wäre, sei er gerüstet. Mit Namen aber jongliert dieser Präsident wohlweislich nicht, und auf irgendwelche Diskussionen läßt er sich schon gar nicht ein. Anders als der noch in der Lernphase agierende Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff. Sorgsam darauf bedacht, die eigene Kompetenz gegenüber der des neuen Kollegen Sammer abzugrenzen, hat Bierhoff von einem ’sicherlich engen Kreis‘ potentieller Klinsmann-Nachfolger gesprochen. Er hätte auch schweigen können. Das aber lernen manche Wortführer unter den Fußballmächtigen von heute und gestern nur mühsam oder gar nicht mehr.“

FR: Klinsmann – und dann?

SZ: VIPs müssen um WM-Einlass bangen – eine schwere Organisationspanne könnte dazu führen, dass 300.000 Ticketbesitzer nicht ins Stadion kommen; es wurde vergessen, die VIPs namentlich zu registrieren

WM 2006

Vor nichts und niemand fürchten

Nach dem 1:1 gegen die Schweiz – Roland Zorn (FAZ) schreibt begeistert über die Fußballkunst der Elfenbeinküste: „Die WM-Frischlinge muteten bei allen Ein- und Auswechselmanövern, mit denen ihr französischer Trainer Henri Michel sein Personal unter Vorexamensbedingungen überprüfte, gleichwohl stets homogen und belebend an. Fußball-Liebhaber können sich auf ein offensives Team freuen, das auf seinem Beutezug zum gegnerischen Tor von der eigenen Spielkunst beflügelt scheint. Die Ivorer deuteten an, daß sie sich in Deutschland, obwohl der sportlichen Schwergewichtsgruppe mit Argentinien, den Niederlanden und Serbien-Montenegro zugeteilt, vor nichts und niemand fürchten müssen.“

Es mangelt an Frische

1:0 gegen Mexiko – Ralf Itzel (SZ) sorgt sich um Frankreich: „Kann Zidane die Ressourcen finden, dieses Team zu einem neuen Erfolg zu führen? Nicht nur dem bald 34-Jährigen, der gesamten Equipe fehlt es an jugendlicher Frische. Die Elf ähnelt verdächtig der, die bei der EM in Portugal enttäuschte.“ Die NZZ richtet den Scheinwerfer auf Zidanes Abschied: „Gegen Mexiko hat Zinedine Zidane zum letzten Mal auf der Bühne gespielt, auf der er Frankreich 1998 mit zwei Kopfball-Toren gegen Brasilien zum WM-Titel geschossen hatte. Im Stade de France spielte Zidane am Samstag eine Nebenrolle, wurde im Moment der Auswechslung aber mit Applaus verabschiedet. Das Lob der Zuschauer galt weniger der jüngsten Leistung Zidanes, sondern gleichsam seinem Gesamtwerk.“

Keine Standortbestimmung

1:1 gegen die Türkei – Christoph Biermann (SZ) bewertet skeptisch die WM-Chancen Ghanas: „Es blieb nach dem ersten ernsthaften Test die Frage, ob Ghana das Potenzial hat, in der Gruppe mit Italien, den USA und Tschechien einen der ersten beiden Plätze zu belegen. (…) Der etwas mollig wirkende Samuel Kuffour hat sich in der Innenverteidigung zudem angewöhnt, eine Art Libero zu spielen. Oft ließ er sich ein paar Schritte hinter die Abwehr fallen und war auch vom Winken seines Trainers nicht nach vorne bewegen.“

Deutsche Elf

Stimmungstest bestanden

7:0 gegen Luxemburg – Michael Horeni (FAZ) schildert die Fröhlichkeit auf den Zuschauerrängen und auf den Straßen, die der deutschen Mannschaft entgegenschlägt: „Es scheint so, als werde in diesen Tagen genau jene WM-Begeisterung in Deutschland ankommen, die sich monatelang einfach nicht herbeireden ließ. Auch sportlich waren ein paar schöne Szenen zu sehen. Vor allem, daß Geschwindigkeit auch im deutschen Fußball keine Hexerei sein muß. Schnelligkeit läßt sich trainieren. (…) Den ersten Stimmungstest haben die Deutschen bestanden. Den Leistungstest haben sie noch vor sich.“ Ulrich Dehne (zeit.de) ergänzt: „Die vielleicht erfreulichste Einsicht war nicht auf dem Platz sichtbar, sondern von den Tribünen zu hören: Die Unterstützung des Fans erreichte fast das euphorische Niveau des Confed-Cups. Zum ersten Mal nach Torwartdebatte, Umzugsdiskussionen und sportlicher Kritik waren Klinsmann-Sprechchöre zu hören. Die Zuschauer zeigen also, dass sie zu Mannschaft und Trainer stehen.“

Auch Matti Lieske (BLZ) erlebt ein Déjà-vu: „Das neue Temposystem ist für viele Spieler fremd, in ihren Klubs wird es nicht gespielt, oder zumindest nicht so, wie sich das die Trainer beim DFB vorstellen. Die erfahrenen Profis wirken wie Sextaner, die ein schwieriges Gedicht zu lernen haben, nicht wie gestandene Schauspieler, denen die Worte routiniert aus dem Mund fließen. (…) Manches deutet darauf hin, dass dem deutschen Publikum bei der WM ein Erlebnis bevorstehen könnte, das an den Confederations Cup erinnert. Die Zutaten stehen bereit: ein begeisterungsfähiges Publikum, das sich gern mitreißen lässt vom Offensivwirbel, den Podolski, Schweinsteiger, Borowski, Klose in guten Momenten veranstalten können, aber auch eine Defensive, die wackelt und jederzeit für einen entscheidenden Lapsus gut ist.“

Torwartheesters

Christof Kneer (SZ) widmet seine Aufmerksamkeit zwei Spielern, Tim Borowski und Oliver Kahn: „Wahrscheinlich ist den Trainern gerade noch rechtzeitig aufgefallen, dass sie den Spieler, den sie suchen, längst in ihren Reihen haben. Borowski ist der Vertikalmann, er kann dem Spiel jene Tiefenschärfe geben, die sie immer fordern. Er spielt gerade, klare Pässe, er ist kein Kringeldreher wie Schweinsteiger oder Schneider, und man kann förmlich mithören, wie die Anerkennung im Kollegenkreis stündlich steigt. (…) Wann hat man je erlebt, dass Oliver Kahn die Trainingsjacke auszog und darunter ein Hemd mit der Nummer 12 zum Vorschein kam? Und wann hat man je erlebt, dass er so euphorisch gefeiert wird, als hätte man sich all die fliegenden Bananen in seiner Karriere nur eingebildet? Der mutmaßlich größte Imagetransfer seit Saulus zu Paulus wurde das, und es wäre bestimmt nicht das schlechteste Abschiedsbild. ‚Oliver Ka-ha-n‘ riefen sie in jener Freiburger Fankurve, aus der einst dieser heimtückische Golfball geflogen kam, der Kahn im Gesicht traf. Es waren andere Kahn-Bilder damals, man sieht noch heute die Bayern-Verantwortlichen, wie sie ihren Torwart einzufangen versuchen, der vor der Tribüne blutüberströmt brüllt und tobt. Kahn hat übrigens weitergespielt damals, und bestimmt ist es auch diese Härte gegen sich selbst gewesen, die ihm den Respekt der Fans eingetragen hat. Sie haben ihn für sein Lebenswerk gefeiert. Ein bisschen sah es so aus, als würde Johannes Heesters noch einmal vor sein Publikum treten, aber niemand sollte diesen Torwartheesters unterschätzen.“

Ich bin nicht käuflich

Jürgen Klinsmann im Interview mit Christof Kneer und Philipp Selldorf (SZ vom Samstag) SZ: Gehört es zu Ihrer Denkweise, den Spielern zu vertrauen?
Klinsmann: Für uns sind das erwachsene Leute. Unsere Aufgabe ist es, den Spielern klar zu machen, dass das, was jetzt kommt, nie mehr wiederkommt. Auf dieser Grundlage versuchen wir sie immer anzuspornen, das Maximum aus sich herauszuholen in den nächsten Wochen. Wir wollen, dass sie ihre Karrieren in die eigenen Hände nehmen. Wir sagen immer: Hey, das ist DEINE Karriere! Das ist DEINE WM! Lass dir die nicht nehmen, mach lieber drei Einheiten mehr pro Woche. Sonst ärgerst du dich im August und sagst: Hätte ich doch mehr gemacht! Ich ärgere mich ja heute noch, dass ich bei der WM 1994 den Kopfball gegen Bulgarien im Viertelfinale nicht im Eck versenkt habe. Es geht uns darum, dass Spieler und auch wir Trainer hinterher sagen können: Wir haben alles getan, was in unserer Macht stand. Wir haben vielleicht Fehler gemacht – aber wir haben alles getan.
SZ: Da Sie Fehler ansprechen: Würden Sie heute etwas anders machen?
Klinsmann: In Bezug auf die grundsätzliche Entwicklung in den letzten 22 Monaten: nein. Auch die Negativerlebnisse – das Türkei-Spiel oder das Italien-Spiel – waren wichtig. Wir haben auch immer wieder auf die Probleme hingewiesen, zum Beispiel, dass die Bundesliga international hinterherhinkt. Wir wollten, dass die Menschen sich öffnen gegenüber anderen Trainingsmethoden; oder dass sie akzeptieren, dass ein Trainerstab aus dem Ausland kommen kann. Im Nachhinein glaube ich, dass die großen Linien richtig sind. Über Kleinigkeiten kann man immer diskutieren.
SZ: Eine folgenschwere Kleinigkeit war beispielsweise die, dass Sie entschieden haben, keinen Funktionär vom DFB mehr am Essen mit der Mannschaft teilnehmen zu lassen. Geht das auch zurück auf traumatische Erfahrungen Ihrer eigenen Spielerkarriere?
Klinsmann: Das hat weniger mit mir zu tun. Es waren ja die Spieler, die so entschieden haben. Wir haben sie gefragt. Das ist nichts Persönliches, aber die Mannschaft will ihre Ruhe haben – und es ist mein Job als Trainer, dafür zu sorgen, dass sie die bekommt.
SZ: Die Stimmung rund um die Nationalmannschaft hat sich zuletzt wieder deutlich gebessert. Haben auch Sie sich angepasst oder verändert?
Klinsmann: Nein, ich glaube, dass vorher viele Leute einfach auch sportliche Zweifel hatten. Das lag vielleicht daran, dass nach dem Confed-Cup viele unserer jungen Spieler in ein Loch gefallen sind: Podolski, Schweinsteiger zum Beispiel, auch Mertesacker hatte seine Aufs und Abs, Robert Huth – unabhängig davon, dass er ohnehin wenig gespielt hat. Sie waren emotional einfach noch nicht eingepegelt. Aber das hatten wir immer vorhergesagt. Man hat die Kritik nach dem Italien-Spiel auf die Spitze getrieben, um zu testen: Was verkraftet dieses Umfeld? Was verkraftet der DFB? Das ist so zugespitzt worden, dass das USA-Spiel unter ganz, ganz besonderer Beobachtung stand. Aber nach dem positiven Ergebnis war ja klar, dass man mit diesem Trainerstab in die WM gehen würde. Erst dann haben sich einige Leute wieder mit unseren Inhalten beschäftigt.
SZ: Nach dem USA-Spiel haben Sie die Kritik an der deutschen Presse heftig und pauschal gekontert. Alle wussten, dass Sie dabei vor allem die Bild-Zeitung meinten. Jetzt überrascht uns Bild mit einer Serie über Ihr Leben und Arbeiten, zu der Sie den Inhalt liefern. Sind das Konzessionen im Sinne der WM?
Klinsmann: Nach dem USA-Spiel wollte ich die Medien darauf hinweisen: Es ist genauso eure WM. Danach habe ich gesagt: Ich bin offen, mit mir kann man reden. Aber: Ich bin nicht käuflich. Es gibt von mir auch weiterhin keine Informationen, etwa über die Mannschaftsaufstellung. Zu Bild habe ich gesagt: Wenn es euer Wunsch ist, aus dem Gespräch eine kleine Serie zu machen, dann ist das kein Problem. Ich bin völlig unabhängig.
SZ: Haben Sie zwischen Italien- und USA-Spiel mal überlegt hinzuwerfen?
Klinsmann: Nein, ich fühle mich in der Pflicht, gerade den Spielern gegenüber. Das positive Feedback, das wir von den Spielern seit zwei Jahren kriegen, ist auch für uns Trainer motivierend.

FR-Interview mit Oliver Bierhoff – Kritik an Bundesliga

taz: Der Vermarktungsoffizier – Oliver Bierhoff kümmert sich um die Außendarstellung des Teams und gibt den alerten Animateur, dazu nutzt er auch seine Kontakte zur Privatwirtschaft

Freitag, 26. Mai 2006

Bundesliga

In der Bundesliga muß ein Umdenkprozeß stattfinden

Jupp Heynckes im Interview mit Markus Lotter (Welt)
Welt: Schalkes Ex-Manager Rudi Assauer hat Sie nach der Entlassung despektierlich als Mann der „alten Schule“ bezeichnet.
Heynckes: Das ist eine Person, die so etwas in einem Moment geäußert hat, als sie um Argumentation gerungen hat. Wenn man sich über meine Arbeit objektiv informieren möchte, dann soll man doch bitte den einen oder anderen Spieler fragen, oder Andreas Müller, wenn er offen und ehrlich ist, dann relativiert sich das, was der Rudi gesagt hat. Und ich konnte sicher noch mehr dazu sagen, aber das ist nicht mein Stil. Ich denke, daß ich bei Schalke vieles auf den Weg gebracht habe. (…)
Welt: Gladbachs Anhänger erhoffen sich schon aus der Tradition heraus eine offensive Spielweise. Werden Sie diesen Wunsch erfüllen?
Heynckes: Meine Mannschaften haben immer einen attraktiven und ansehnlichen Fußball gespielt. Nur: Dafür braucht man technisch und spielerisch veranlagte Spieler. Und da haben wir ganz klar Defizite und Nachholbedarf. Ich werde aber dafür sorgen, daß wir einen gut organisierten Fußball spielen. Die Deckung ist nun mal fundamental. Aber wir werden auch nach vorn spielen mit den dafür nötigen Freiheiten und ohne Fesseln. Aber sicherlich wird am Anfang alles etwas holprig sein.
Welt: Sie beobachten mit großer Aufmerksamkeit den internationalen Fußball. Woran sollte sich die Bundesliga orientieren?
Heynckes: Spaniens Primera Division ist, was die Kreativität und den spielerischen Fußball anbelangt, ganz klar die Nummer eins. Was sicher auch an der guten Trainerausbildung liegt. Du wirst dort jeden Tag gefordert, mußt kreativ sein und andere Wege gehen, die vielleicht erst auf Umwegen zum Erfolg führen. Der diesjährige Europapokal hat gezeigt, daß der spanische Fußball federführend ist.
Welt: Wie wird die Bundesliga wieder attraktiver?
Heynckes: Wir müssen versuchen, nicht – wie zuletzt – die Wege für deutsche Talente zuzustellen. In der Bundesliga muß ein Umdenkprozeß stattfinden: Es darf keine weitere Schwemme mittelmäßiger ausländischer Spieler über die Bundesliga kommen, sondern man muß selektieren und sich durchringen, sich noch intensiver mit den jungen Spielern zu beschäftigen. Vor allem im psychischen Bereich.
Welt: Kann man mit den deutschen Tugenden international überhaupt noch konkurrieren?
Heynckes: Kampfkraft, nie aufgeben, rennen und kämpfen sind eine Selbstverständlichkeit. Wir müssen an den fußballerischen und spieltechnischen Komponenten arbeiten. Aber das dauert natürlich. Frankreich beispielsweise hat fünfzehn Jahre gebraucht, um die Früchte zu ernten.

Deutsche Elf

Gegen die Macht im Lande

So lange Michael Ballack für Bayern München spielte, hat er die vielen Attacken seiner Vorgesetzten Rummenigge, Beckenbauer und Hoeneß gegen ihn zwar zunehmend genervt, aber loyal ertragen und kommentiert. „Introvertiert und mißtrauisch“ sei er, „kein Stratege“ und ein ganz guter Kopfballspieler, der nur dem Geld hinterherlaufe, hieß es. Nun, nach der Bekanntgabe des Wechsels zu Chelsea, wird der Ärger Ballacks und seines Beraters Michael Becker, eines ehemaligen EU-Beamten, vernehmbarer. Ballack und Becker wehren sich gegen die Bayern. Im Interview mit dem Spiegel (siehe unten) legt Ballack seinen Schleier der Diplomatie ab und spricht, wenn auch wie immer höflich, Klartext. In der FAZ vom Montag heißt es: „Normalerweise werden die Transfers von Becker-Kunden nicht von Nebengeräuschen und Konfrontationen begleitet. Im Fall von Ballack war das anders, und das hatte sich schon seit Monaten abgezeichnet. Es war einer der schwierigsten Transfers, und seine Begleitumstände lassen Becker noch immer nicht ruhen. Vor allem auf Karl-Heinz Rummenigge sind Becker und Ballack nicht gut zu sprechen. Für die Pfiffe zum Abschied in München macht Ballack Rummenigge verantwortlich. Daß Ballack die Bayern verlassen hat, dafür habe nicht zuletzt Rummenigges Verhalten den Ausschlag gegeben.“ Gemeint ist unter anderem der populistische Rückzug des Vertragsangebots an Ballack durch Rummenigge auf der Jahreshauptversammlung im November 2005. „Das ist Ballack nähergegangen, als es nach außen wirkte“, fährt Becker fort. „Er hat einen weichen Kern. Er reagiert sehr sensibel auf Unehrlichkeit und Ungerechtigkeit.“

Becker richtet seine Speerspitze auch gegen die Bild-Zeitung, „die durch ihre fragwürdige Rolle sicher ihren Teil zur vertrackten Beziehung beigetragen hat“. Ballack sei von Bild „ständig persönlich in unsachlicher Weise angegriffen worden.“ Gegen Schlagzeilen wie „Ballack ist geldgeil“, die Bild von Rummenigges und Hoeneß‘ Lippen übernommen hat, geht Ballack inzwischen mit Rechtsmitteln vor – ein gewagtes Unterfangen, sich mit der Macht im Lande anzulegen. Doch Becker weist auf den Status Ballacks und den günstigen Wind hin: „Jürgen Klinsmann und Oliver Bierhoff lassen sich auch nicht von Bild beeinflussen. Kein anderer Spieler als Ballack kann das durchziehen.“ Dem Bildblog entnehmen wir heute, daß die Bild-Zeitung einen EU-Politiker mit einem Zitat gegen Ballack in Stellung bringt, das sich auf eine andere Sache bezieht. Außerdem hat Bild Ballacks Gehalt, das er künftig in Pfund erhalten wird, seinen Lesern falsch und tendenziös umgerechnet.

In der Nationalmannschaft habe ich mehr Vertrauen
Auszug aus dem Spiegel-Interview mit Ballack

Spiegel: Uli Hoeneß sagt, Sie fielen in der Nationalelf mehr auf, weil Sie dort schlechtere Mitspieler um sich hätten als in Ihren vier Jahren beim Deutschen Meister. Richtig?
Ballack: Nicht richtig. Mit der Aussage macht er ja all die Nationalspieler des FC Bayern schlecht. Richtig ist: Bayern hat eine gewachsene Mannschaft, in der es etwa für einen Bastian Schweinsteiger schwer ist, vorwärtszukommen, weil Alteingesessene wie Hasan Salihamidzic oder Mehmet Scholl ebenfalls sehr ambitioniert sind. Mit Bayern hatte ich außerdem wenige große Spiele, die etwas Bleibendes haben. Leider. Dazu muss man ins Halbfinale oder Finale der Champions League kommen, möglichst sogar gewinnen. Und richtig ist auch: Bei der Nationalmannschaft habe ich einen größeren Stellenwert, vielleicht aber auch mehr Vertrauen.
Spiegel: Sie haben für zunächst drei Jahre beim FC Chelsea unterschrieben. Nur wegen der Millionen, sagen die Münchner. Auch falsch?
Ballack: Auch falsch. Mein Ziel ist es, die Champions League zu gewinnen. Es geht eben nicht immer nur ums Finanzielle. Bei anderen Stammspielern wurde diese Frage überhaupt nicht diskutiert. Willy Sagnol hat vor ein paar Monaten bei den Verhandlungen um eine Vertragsverlängerung öffentlich gesagt: „Willy will nicht mehr Geld, Willy will viel mehr Geld.“ Und keinen hat’s gestört.
Spiegel: Sie sollen in London über zehn Millionen Euro brutto im Jahr verdienen.
Ballack: Ich weiß nicht, woher Sie Ihre Information haben, aber ich wurde bisher gut bezahlt und werde künftig gut bezahlt werden. Der Punkt ist: Jeder Fußballer sehnt sich nach einer großartigen Mannschaft, nach Perspektiven, danach, sich mit den Besten zu messen.
Spiegel: Hat Ihr neuer Trainer José Mourinho sich beim FC Bayern nach Ihnen erkundigt?
Ballack: Weiß ich nicht. Dann hätte er wahrscheinlich gehört: Der Ballack ist eigentlich völlig talentfrei, aber ein ganz guter Kopfballspieler.
Spiegel: Wie können Sie sich denn in London als Fußballer weiterentwickeln?
Ballack: In der Premier League wird völlig anders gespielt. Härter. Schneller. Und außerdem entwickelt man sich doch schon durch das neue Umfeld. Genau das wollte ich ja. Bei Bayern hätte ich gewusst, was ich habe. Andere sind vielleicht zu bequem und suchen die Herausforderung nicht. Mich reizt das.
Spiegel: Es wird Ihnen negativ ausgelegt, weil Sie in Ihren Münchner Jahren immer ein bisschen zu kühl und unnahbar geblieben sind. Bei Bayern denken sie: Der war nie wirklich einer von uns.
Ballack: Das stimmt nicht. Ich habe mich sehr wohlgefühlt und alles für den Verein gegeben, übrigens bis zum letzten Tag. Ich spiele mit Leidenschaft Fußball, ich bin nur nicht der Typ, der sich vollständig vereinnahmen lässt. Ich weiß doch von anderen, wie etwa Mehmet Scholl oder Oliver Kahn, dass sie auch gern mal ins Ausland gegangen wären.
Spiegel: Bayern München verschluckt seine Spieler und prägt und bremst sie?
Ballack: Sagen wir es so: Es ist ein großer, aber ein spezieller Verein. Dort herrschen eigene Gesetze.
Spiegel: Welche?
Ballack: Die lernen Sie kennen, wenn Sie zum FC Bayern wechseln.

Ich wurde immer wieder öffentlich angegriffen

Spiegel: Sie klingen bitter.
Ballack: Nein, nicht bitter, aber als ich vor vier Jahren von Bayer Leverkusen wegging, war es ein emotionaler Abschied. Da sind auf beiden Seiten Tränen geflossen.
Spiegel: Die Bayern sagen, sie seien schwer an Sie herangekommen.
Ballack: Vielleicht hätten sie am Anfang auch mehr auf mich zukommen können. Aber vielleicht war ich auch zu zurückhaltend. Früher in Chemnitz sind wir nach dem Spiel mit fünfzehn Mann weggegangen. Beim 1. FC Kaiserslautern war man zu siebt, in Leverkusen immer noch zu dritt. Bei Bayern war es dann schon schwer.
Spiegel: Kaum sind Sie weg, kündigen die Bayern an, die Ansprüche herunterzuschrauben. Nicht mal mehr der Meistertitel wird verlangt. Fühlen Sie sich geehrt?
Ballack: Müsste ich eigentlich. Denn ich bin ja neben Zé Roberto der einzige Stammspieler, der geht. Es besteht kein Grund für diese neue Bescheidenheit. Gleichzeitig haben sie auch gesagt, sie würden ohne mich jetzt besser spielen. Ja, was denn nun?, frage ich mich.
Spiegel: Felix Magath kündigte an, nach Ihrem Weggang werde die Mannschaft mehr ihre Stärken am Boden ausspielen. Was steckt dahinter?
Ballack: Das weiß ich nicht. Man wird halt bei Bayern München nicht gefeiert, wenn man kurz vor dem Abschied steht. Selbst auf Stefan Effenberg wurde am Ende geschimpft. Das vergessen heute alle. Ich kann aber auch verstehen, dass es dem Verein weh tut, dass ich ablösefrei zum FC Chelsea wechsle.
Spiegel: Liebeskummer also? Der Verlassene leidet öffentlich?
Ballack: Vielleicht. Irgendwann sollte man es jedenfalls akzeptieren, dass sich einer nach vier erfolgreichen Jahren anders orientiert.
Spiegel: War es vielleicht Bestandteil der Vereinbarungen mit Ihrem neuen Verein, dass Sie nicht offiziell sagen durften, was Sie vorhatten, weil Chelsea den Wechsel erst zum Saisonende verkünden wollte?
Ballack: Ja, natürlich. Aber intern habe ich allen, die es wissen mussten, um planen zu können, stets gesagt, wie der Stand war. Trotzdem wurde ich immer wieder öffentlich angegriffen.
Spiegel: Der wesentliche Vorwurf aus München ist, dass Sie zu lange ‚rumgeeiert‘ hätten. Seit wann wissen Sie, dass Sie zu Chelsea gehen?
Ballack: Anfang April stand es für mich fest. Es gab kein Rumgeeiere. Fußball ist ein schnelllebiges Geschäft, und ich muss nicht im Herbst wissen, wo ich im nächsten Jahr spiele. Es ist mein Leben und meine sportliche Zukunft. Es ist ausschließlich mein Risiko, keinen Vertrag zu haben, weil ich mich in jedem Training oder Spiel verletzen könnte.

Spiegel: Darf ein Führungsspieler misstrauisch, verschlossen, introvertiert sein, so jedenfalls beschreibt Rummenigge Sie?
Ballack: Herr Rummenigge kennt mich ja sehr gut, unsere Familien gehen ständig essen, und wir haben täglich ausführliche Gespräche, der kann mich schon sehr, sehr gut beurteilen …
Spiegel: Und wenn Sie Ihren Sarkasmus zügeln?
Ballack: Dann sage ich Ihnen: In den wenigen Gesprächen, die Herr Rummenigge und ich in den vier Jahren hatten, ging es ausschließlich um vertragliche Dinge. Ich bin keineswegs introvertiert. Und selbst wenn: Es gibt ausreichend Leute beim FC Bayern, die extrovertiert sind, da schadet es nicht, wenn sich der eine oder andere mal etwa zurücknimmt.

Es ist schwer, aus Bundesliga-Spielern Weltmeister zu machen

Die WM rückt näher, und der Ton wird rauher und kritischer – der Ton der Zeitungen, aber auch der Ton der Trainer. Heute befassen sich die deutschen Redaktionen mit Joachim Löws Sorgen um die Abwehr. Dabei spricht Löw generelle Mängel der Bundesliga an. Christof Kneer (SZ) entschlüsselt: „In Klinsmanns Gesamtprojekt ist Löw der Bereichsleiter Taktik, er ist es, der in Rekordzeit einen Weltmeister zusammenbauen muss. Er hat sich nicht gescheut, noch einmal ein Thema beim Namen zu nennen, das speziell die deutsche Bundesliga nicht so gern hört: die deutsche Bundesliga. Sie hat sich eine Menge anhören müssen, die Bundesliga, und vielleicht ist es ganz gut, dass die Liga gerade Urlaub macht. Eine neue Kampfdebatte kann das Projekt jetzt gerade gar nicht gebrauchen, es ist schwer mit sich selbst beschäftigt. Indirekt hat Löw nämlich vor allem eines gesagt: wie schwer es ist, aus Bundesliga-Spielern Weltmeister zu machen. Deutschland sucht seine Balance, und wenn es die eine Flanke schließt, öffnet es automatisch eine andere. Die Trainer wollen die Mannschaft hoch belasten, dürfen sie aber nicht überlasten. Sie wollen die Mannschaft belehren, dürfen ihr aber nicht das Selbstvertrauen nehmen. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, und niemand im Team weiß, ob die Zeit reicht, bis zum 9. Juni.“

Immer nur quer und zur Not zum Torhüter

Auch Matti Lieske (BLZ) fragt sich mit Löw, ob die Abwehr rechtzeitig ihre Löcher schließen wirdl: „Löw kann richtig böse werden. Robert Huth bekommt das zu spüren. Weil er beim taktischen Abwehrtraining den Ball einfach weit weg gebolzt hat, staucht ihn der Assistenztrainer zusammen, bis der Abwehrturm von der Statur des Mont Blanc auf die Größe eines Schraubstollens geschrumpft ist. Geht es allerdings um die Versäumnisse der Bundesligaklubs, wird der taktische Berater Klinsmanns ganz soft. ‚Ich denke, dass wir uns da alle in Deutschland optimieren können‘ Was Löw meint, wird dennoch deutlich: Die Vereine haben die internationale Entwicklung des Spiels verschlafen, die Trainer befinden sich komplett hinter dem Mond, und wir bei der Nationalmannschaft müssen die Sache ausbaden. Löw bemängelt nach dem Test gegen Servette Genf, mehr als 50 Prozent der Pässe seien quer gelaufen. Jenes ballsichernde Spiel also, das die meisten Profis aus ihren Klubs kennen. Es ist schwer, ihnen diese Gewohnheit auszutreiben und modernen Fußball einzutrichtern, vor allem in der kurzen Zeit, die für die WM-Vorbereitung zur Verfügung steht.“

Nächste Evolutionsstufe noch nicht erreicht

Markus Völker (taz) führt das Defizit hinten auf Versäumnisse in der Vergangenheit zurück: „Überspitzt könnte man sagen: Löw leidet daran, dass das Modell des Liberos in Deutschland so erfolgreich war – und dass der Abwehr-Schrat aus der Mannheimer Schule stets Bestnoten in der Liga bekam. Das hat mythische Figuren entstehen lassen, aber eben auch die Kettenbildung im Viererverbund erschwert. Jahrelang überlebte der Libero in einer simulierten Dreierkette. Noch heute wird in der Bundesliga gern auf diese Variante zurückgegriffen, noch heute findet der verkappte Libero in dieser Nische sein Auskommen. In der Nationalmannschaft aber soll ein 4-4-2-System gespielt werden. Oder alternativ mit vier Verteidigern, drei Mittelfeldspielern und drei Angreifern. In Genf wurde auch am 4-2-3-1-System gefeilt, mit zwei defensiven Mittelfeldspielern, darunter Michael Ballack in der Rolle des kreativen Abräumers.“ Stefan Osterhaus ([ NZZ |
http://www.nzz.ch/2006/05/26/sp/articleE5LD1.html ]) ergänzt: „Es ist sonderbar. Fussball-Deutschland hat sich von Traditionen getrennt. Früher standen solide Trikot-Zerrer wie Förster und Kohler auf dem Platz und fanden in Wörns ihren legitimen Nachfolger. Heute sind solche Textil-Prüfer kaum noch zu finden, weil sie von der Entwicklung des Fussballs hinweggespült worden sind wie die Dinosaurier vom Lauf der Zeit. Manche argwöhnen, dass Deutschlands Defensive ein Problem hat, weil die antiquierte Mannheimer Schule ausgedient hat, der deutsche Fussball die nächste Evolutionsstufe jedoch noch nicht erreicht hat – zum spielenden Verteidiger, der einer schnellen Spieleröffnung gewachsen ist und dessen Antizipationsvermögen es ihm gestattet, nicht nur Tuchfühlung zum Gegenspieler zu halten. Mertesacker, Metzelder, Lahm und Friedrich sind im Grunde keine verkehrten Exponenten. Vielleicht fehlten ihnen in der Nationalelf einfach nur die strikte Marschroute und das Gefühl, dauerhaft zu wissen, wer hinter ihnen im Tor die Bälle fängt. Wo steht er also, der deutsche Abwehrspieler? Gar nicht so schlecht. Manchmal einfach nur am falschen Platz.“

Tsp: Im deutschen WM-Kader 2006 stehen zehn Spieler, die auch schon vor vier Jahren dabei waren

FR: Miroslav Klose, forscher Führungsspieler

BLZ-Portrait Christoph Metzelder

faz.net/dpa: Interview mit Jürgen Klinsmann

taz: Costa Rica präsentiert sich beim 0:2 im Testspiel gegen eine Ferienauswahl Kataloniens als durchweg zweitklassige Mannschaft

Tsp: Brasiliens Trainingslager wird als Event vermarktet
NZZ: Das Training in Weggis als Verehrung des Banalen – die Brasilianer tun, was Fußballer tun
FAZ: Brasiliens Nationalelf in der Schweiz – die Selecao friert

Zeit: Wie konnte sich das winzige und mausarme Togo für die WM qualifizieren? Reise durch ein Land, in dem Fußball meist barfuß gespielt wird

FR-Interview mit Béla Réthy über seine Arbeit als TV-Kommentator

Mittwoch, 24. Mai 2006

Internationaler Fußball

Patriotischer Cordon sanitaire

Peter Hartmann (NZZ) erörtert die Quarantäne-Politik des kommissarischen Fußballpräsidenten Italiens Rossi: „Das Domino-Spiel der fallenden Funktionäre scheint vorderhand gestoppt. Der 75-jährige Professore Guido Rossi hat mit erstaunlichem Rückgrat den Forderungen nach einer Entlassung des umstrittenen Nationalcoachs Marcello Lippi widerstanden. Rossi will nicht als jakobinischer Aufräumer auftreten, sondern hat auch das Überleben des Calcio in den Zeiten der Cholera im Auge. Doch der Starrkopf Lippi bleibt ein unkalkulierbares Risiko. Er gehörte als äusserst erfolgreicher Trainer von Juventus acht Jahre lang zum ‚System Moggi‘, und dass er nichts gewusst hat von all den unsagbaren Machenschaften, deren Aufdeckung seit nun bald drei Wochen schockwellenartig in Form von Telefon-Abhörprotokollen über Italien hereinbricht, ist schlicht nicht glaubhaft. Ausserdem ist er belastet durch seinen Sohn Davide, der in der von Moggi junior geleiteten Makler-Agentur Gea World arbeitete und Spieler mit dem Argument köderte, sein Vater werde sie protegieren. Gegen die mafiose Gea ermittelt die Staatsanwaltschaft in Rom wegen des Verdachts auf eine kriminelle Vereinigung und wegen Erpressung. In diesem Skandal zeichnet sich jetzt ein patriotischer Cordon sanitaire um die Nationalmannschaft ab. Die Squadra Azzurra muss als Hoffnungsträger geschützt werden. Sie kann mit einem überzeugenden Turnier in Deutschland den moribunden italienischen Fussball wiederbeleben und die alten Leidenschaften wecken. Doch damit verbindet sich auch der unausrottbare Catenaccio des Aussitzens, des Leugnens und des Im-Sande-verlaufen-Lassens.“

Kleinmut

Der englische Schriftsteller Tim Parks („Eine Saison mit Verona“) klagt im Feuilleton der FAZ über die Feigheit der italienischen Schiedsrichter: „Wirklich aufschlußreich an diesem Skandal ist nicht das Verhalten von Luciano Moggi, der mehr oder weniger festlegte, wer welches Spiel mit welchem Ergebnis pfeifen würde. Es wird immer irgendeinen Boss geben, der seinen Willen rücksichtslos durchsetzt. Nein, bemerkenswert ist, daß sich kein einziger Schiedsrichter zu Wort gemeldet hat. Diese Männer, die so gern ihre entschiedene Autorität herauskehren, waren nicht bereit, auch nur ein Wort über den Druck zu verlieren, dem sie ausgesetzt sind. Seit Jahren. Alle wußten Bescheid, auch Collina. Collina war sich gewiß im klaren darüber, daß er dank seines Renommees eine Freiheit genoß, die seine Kollegen nicht hatten. Er war das Feigenblatt des Systems. Doch die Vorstellung, seine herausragende Stellung zu nutzen, um eine grundlegende Erneuerung herbeizuführen, war ihm offenbar fremd. Das Traurige daran ist natürlich, daß sich dieser Kleinmut nicht auf den Fußball beschränkt, sondern in jedem Bereich des öffentlichen Lebens in Italien anzutreffen ist. Immer wieder kommt es zu Situationen, in denen jeder ahnt oder vielleicht sogar weiß, daß die offizielle Version der Ereignisse lediglich Rhetorik ist, daß gegen die Regeln verstoßen wurde. Niemand macht den Mund auf, denn niemand glaubt, etwas bewirken zu können. Jeder befürchtet vielmehr, in irgendeiner Form bestraft zu werden. Diese Haltung ist typisch für die italienischen Skandale.“

Zeit: Trainer José Pekerman gab den Argentiniern den Glauben an den Fußball zurück

NZZ: Wo Cricket regiert und Fußball die Nummer 2 ist – die „Soca Warriors“ von Trinidad und Tobago sind der größte Außenseiter der WM

SZ: Beleidigen, foul spielen, spucken – beim Fußball benehmen sich Spieler und Zuschauer schlechter als bei anderen Sportarten; Wissenschaftler plädieren dafür, den Sport nicht mehr in der Schule anzubieten

sueddeutsche.de: WM-Besucher müssen in München am meisten Geld ausgeben. Das hat ein unabhängiges Portal für Preisvergleiche herausgefunden; billig dagegen ist es vor allem in Leipzig und Nürnberg

taz: Die Pay-TV-Anbieter Arena und Premiere streiten weiter um die Übertragung der Bundesliga

Bundesliga

Held der Vergangenheit

Jupp Heynckes kehrt als Trainer zurück nach Mönchengladbach; Stefan Hermanns (Tsp) hält ihn für die falsche Wahl und einen alten Besen: „Es gibt in der Bundesliga wohl keinen Verein, der so sehr in der Vergangenheit lebt wie Borussia Mönchengladbach. Das folgt fast zwangsläufig aus der glänzenden Geschichte des Vereins, die im Vergleich mit der grauen Gegenwart immer heller zu strahlen scheint. Ist es nicht eine wunderbare Idee, Jupp Heynckes, einen der Helden der Vergangenheit, zum Trainer für die Gegenwart zu machen? Vermutlich nicht. Vielleicht hätte sich die Vereinsführung einfach mal die Frage stellen sollen: Welchen Trainer brauchen wir eigentlich nach dem lieben Horst Köppel, der ohne Zweifel seine Verdienste hatte, aber immer auch ein wenig unbedarft wirkte? Borussia Mönchengladbach braucht einen Anti-Köppel: einen Trainer mit frischen Ideen; einen, der moderne Vorstellungen von Spiel und Training hat, ein klares taktisches Konzept verfolgt und die Sprache der jungen Spieler zumindest versteht. Alles in allem also das genaue Gegenteil dessen, wofür Jupp Heynckes steht.“

Freudloser Zuchtmeister

Jan Christian Müller (FR) rät Heynckes zu Altersmilde: „Heynckes ist bekannt dafür, gerade junge Spieler gezielt zu fördern und zu fordern. Dem Vernehmen nach ist Heynckes dabei in der Vergangenheit zu sehr Pauker und zu wenig Psychologe gewesen. Das kostete ihn den Arbeitsplatz bei Schalke 04. Die medial hoch gezüchteten Profis akzeptierten seinen autoritären Führungsstil am Ende nicht mehr und verweigerten die Leistung. Kein Mensch kann jedoch ernsthaft behaupten, dass Heynckes deshalb kein guter Fußballtrainer ist, der Talenten mit seiner Erfahrung, seiner Hingabe und seinem unbestrittenen Können viel beibringen kann. Und vielleicht schafft es der zur Freudlosigkeit neigende Zuchtmeister ja auch, die Arbeit in der Geborgenheit seiner Heimat auf die alten Tage heiterer und gelassener anzugehen als früher.“

Deutsche Elf

Unterschätzt

Holger Gertz macht im Monatsmagazin Player seine Hoffnung auf ein gutes deutsches Turnier an Miroslav Klose fest: „Der Stürmer Klose scheint charakterlich aus einer Zeit zu stammen, als die Nationaltrikots noch schneeweiß waren und nicht verziert mit schwarz-rot-goldenen Farbklecksen. Er ist kein Showmann. Seine Fairness ist das Ergebnis seines Willens, sich nicht zu verstellen. Er hat sich nicht fallen lassen, als ihm Oliver Kahn mit dem Finger an der Nase herumgedrückt hat. Er hat sich später entschuldigt für ein wunderbares Tor in Köln – er habe damit keinesfalls die Kölner Verteidiger veralbern wollen. Er hat, vergangene Saison gegen Bielefeld, dem Schiedsrichter gesagt, der Torwart Hain habe ihn nicht gefoult. Der Schiedsrichter hatte auf Elfmeter entschieden und nahm das nach Kloses Einspruch zurück. Da stand es noch 0:0. Wenn man mit Klose spricht, hört er sich ein bisschen an wie Sepp Herberger oder Fritz Walter, und das liegt nicht am weichen, pfälzischen Klang seiner Stimme. (…) Er hat sich zu einem Kombinationsfußballer entwickelt, der zwar die 11 trägt, aber trifft wie eine 9. Er verteilt die Bälle und füttert die Kollegen, wie es eine 10 tut. Und er setzt nach und grätscht an der Seitenlinie im Stile einer 2 oder 3. Der Mann, der manchmal spricht wie einer der Helden von Bern, ist auf dem Platz einer dieser schnellen, kompletten Alleskönner, wie man sie von der PlayStation auf der höchsten Geschwindigkeitsstufe kennt. Oder von Fernsehübertragungen, wenn Arsenal oder Barcelona spielen. (…) Miroslav Klose kann ein Star werden bei der WM – auch deshalb, weil er noch keiner ist, trotz der vielen Tore. Klose ist zwar oft im Fernsehen, aber irgendwie sitzt er trotzdem immer am Rand. So sehr sich die Qualitäten eines stillen Strategen auf dem Platz bemerkbar machen, so sehr fallen sie im Fernsehen unter den Tisch. In den Fernsehspots sind vor allem Kahn, Ballack und Podolski. (…) Warum wird nach der WM alles von diesem Miroslav Klose reden? Weil er als Mensch in die gute alte Zeit reicht und als Spieler in die gute neue Zeit. Weil er warten kann, ohne das Ziel zu vergessen. Weil er unterschätzt wird, und unterschätzte Männer aus der Pfalz (vgl. Helmut Kohl und Kurt Beck) es öfter weit bringen.“

Mitreißer

Andreas Lesch (BLZ) fleht Jürgen Klinsmann an, Tim Borowski aufzustellen: „Klinsmann will seine Spieler jetzt zu einem Gebilde formen, das flexibel ist und sich versteht. Er will ein Team bauen, das Druck machen kann, das aggressiv auftritt, das sich durchsetzt gegen die Besten der Welt. Er kann bei diesem Vorhaben keinesfalls auf Tim Borowski verzichten, er braucht ihn dringend, und so könnte alles gut sein, wenn da nicht dieses Problem wäre, diese entscheidende Frage: Weiß der Bundestrainer das? In seiner bisherigen Amtszeit hat Klinsmann den Eindruck erweckt, er könne mit Borowski nicht so recht etwas anfangen. Es schien, als sei der Mittelfeldspieler ihm suspekt. Dabei könnte er, egal in welchem System, die deutsche Mannschaft stärker machen, als sie ist. Borowski gibt einem Spiel Struktur, er prägt es durch seine Pässe und seine Präsenz. Er kann durch seine Breitschultrigkeit, durch seinen aufrechten, fast arrogant wirkenden Laufstil dem Gegner imponieren. Er bereitet Tore vor oder erzielt sie selbst. Er ist eine dominante Figur, und er ist in vielerlei Hinsicht der genaue Gegenentwurf zu Bernd Schneider, mit dem er voraussichtlich um den Platz im halbrechten Mittelfeld konkurriert. Schneider ist ein verspielter Techniker, ein Kringeldreher, ein Mitläufer im Wortsinn: Läuft es gut, ist er gut; läuft es schlecht, ist er schlecht. Bei der WM aber wird die Mannschaft einen Mitreißer wie Borowski brauchen, und es wird viel über den Trainer Klinsmann sagen, ob er endlich einen Platz im Team für ihn findet.“

Jan Christian Müller (FR) blickt voraus: „Der junge Fußballlehrer Klinsmann ist kein begnadeter Taktiker. Er kann ein Spiel noch nicht mit der Routine eines alten Fahrensmannes lesen. Deshalb wird sich bei der WM eine deutsche Mannschaft mit mehr Herz als Verstand präsentieren. Es wäre verwegen anzunehmen, dass das zum Titel reicht. Aber zu aufregendem Fußball allemal.“

Kahns Hoffnung

Christof Kneer (SZ) geht der Platzverweis für Jens Lehmann nicht aus dem Kopf: „Diese eine Szene. Es ist die Szene, die das Torwartduell auf eine fühlbare Art und Weise neu belebt hat. Es ist ein banaler Satz, dass in einem Turnier immer etwas passieren kann, aber zu diesem banalen Satz gibt es jetzt ein anschauliches Bild. Es ist das Bild, wie Lehmann herausstürzt, foult, rot sieht. Es ist ein Bild, das zeigt, wie sehr das Torwartspiel des Jens Lehmann auf Kante genäht ist. Lehmann ist der modernere, aber auch riskanter spielende Torwart, und so ist dies auch ein Bild, das Kahns heimliche Hoffnungen beflügelt.“

FAZ: Jens Lehmann, der ruhige Abwehrberater
FAS-Interview mit Jens Nowotny
SZ-Interview mit Oliver Neuville über seine Rückennummer 10

FAZ: Das Fitness-Training Mark Verstegens
BLZ: Im Fitnessraum von Genf sollen Klinsmanns Spieler ihre Wettbewerbsnachteile ausgleichen
FR: Akribisch wie nie zuvor bereitet sich die deutsche Nationalelf neun Tage lang in Genf auf das WM-Turnier vor
Tsp: Klinsmann analysiert mit Hilfe von Wärmebildern und Weitwinkelkameras
FAZ: Sport-Wissenschaft in der Nationalelf – der moderne Fußballprofi ist gläsern

FAZ: U21-EM – kaum beachtet, aber hoch geschätzt

Dienstag, 23. Mai 2006

Internationaler Fußball

Berechenbare Nebengröße im Geschäft

Moggi-Skandal – Dirk Schümer (FAZ) kann die langfristige Wirkung auf Italiens Fußball nicht erfassen: „Der Skandal nach zehntausend abgehörten Telefonaten, der erwiesenen Dauerbeeinflussung der Serie A und dunklen Transfergeschäften der Familie Moggi läßt Zweifel aufkommen, ob und wie Italiens Fußball überhaupt noch zu retten ist. Denn perverserweise haben die Enthüllungen niemanden sonderlich überrascht. Erstmals hat aber die ganze Nation Einblick in die feinen Äderchen der Macht, in den vulgären Jargon der Mächtigen, in den schmutzigen Alltag der Manipulationen, welche die Öffentlichkeit zuerst vom ‚geschminkten Fußball‘ sprechen ließ, danach aber vom monströsen ‚Moggipoli‘ – was man etwa als Moggi-Gate übersetzen könnte. Mit vier Mobiltelefonen vernetzte sich der agile Eisenbahner über Jahre mit allen, die ihm in der Fußballindustrie wichtig waren. Mit Schiedsrichtern seines Vertrauens sprach er die passenden Elfmeterpfiffe, die genehmen Gelben und Roten Karten ab. Besonders elegant war der Schachzug, bei Gegnern von Juventus eine Woche vorher stets alle gelbbelasteten Spieler mit einer Karte sperren zu lassen – eine Schwächung des gegnerischen Kaders, die niemandem auffiel. Vor allem der nationale, auch für den Europapokal zuständige Schiedsrichter-Beauftragte, Pierluigi Pairetto, zog auf Befehl stets die parteiischsten Unparteiischen aus der Lostüte, wenn es um Moggis Wohl und Weh ging. Rivalen wie den Eigner von Florenz, den Schuhindustriellen Diego della Valle, konnte Moggi bequem mit falschen Pfiffen an den Rand des Abstiegs manipulieren und danach mundtot machen. (…) Ein System liegt in Trümmern, bei dem der Sport nur mehr eine berechenbare Nebengröße im Geschäft war. Was der Calcio, der ohnehin an rückläufigen Wetteinnahmen, langweiligen Spielen und leeren Stadien litt, durch diesen Skandal eingebüßt hat, läßt sich noch gar nicht übersehen.“

NZZ: Der FC Watford mit kleinen Brötchen ans große Geld – aus dem Wellental zurück in der Premier League

Ball und Buchstabe

Grotesk

Unter dem Titel „Die Welt zu Gast bei Nazis“ kommentiert Dietmar Bartz (taz/Seite 1 das Vorhaben von Rechtsextremen, beim Spiel Angola gegen Iran in Leipzig ihre Solidarität mit dem Holocaust-Leugner Ahmadinedschad zu demonstrieren: „Vielleicht haben die Neonazis einen Fehler begangen. Ausgerechnet Leipzig! Es gibt wohl keine deutsche Großstadt, in der in den letzten Jahren so anhaltend so viele Demokraten gegen rechtsradikale Aufmärsche auf die Straße gegangen sind. Mehrfach haben örtlich entstandene breite Bündnisse die Demonstrationsrouten blockiert und dabei Teilnehmerzahlen bis über das Zehnfache derjenigen der Neonazis erreicht. Die Befürchtung, dass Leipzigs internationaler Ruf verdirbt, kann genauso gut ins Gegenteil umschlagen. Vielleicht gibt es keine bessere Gelegenheit, als gerade hier der Welt zu zeigen, dass ein solcher Neonazi-Aufmarsch nicht durchführbar ist. Und zwar selbst dann nicht, wenn die Verwaltungsgerichte diese Demonstration zulassen würden. Aber glaubt eigentlich jemand, dass eine Demonstration zur Leugnung des Holocausts erlaubt wird? Der Plan ist so grotesk, dass sich ein Verdacht einstellt: Vielleicht reicht den Neonazis die Aufregung, weil sie wissen, dass sie in Leipzig nicht durchkommen würden.“

Tsp : Irans Team will bei der WM nur Fußball spielen, doch längst ist der Sport Teil der politischen Debatte

BLZ: Erstmals übertragen auch private Radiostationen Spiele der WM

Am Grünen Tisch

Spitzenmann aus der Fußballprovinz

Roland Zorn (FAZ) wertet die Ankündigung Gerhard Mayer-Vorfelders, auf seine Funktionärsämter in der Uefa und der Fifa auch nach seinem Ausscheiden als DFB-Präsident nicht zu verzichten, als Affront gegen Theo Zwanziger: „Alte Männer sind oft hartleibig, und sei es nur, um einem Rivalen eins auszuwischen. Daß Mayer-Vorfelder in einem Interview so tat, als sähe er seine Aufgabenvielfalt als Opfer für sein Land an, dürften selbst die weniger gewordenen Gefolgsleute des zuletzt wochenlang herzkranken Multifunktionärs nicht mit allerletzter Gläubigkeit nachempfinden. In Wirklichkeit sieht der einsame und von vielen als ablösungsbedürftig angesehene Funktionär seine letzten Bastionen jenseits von Deutschland, wo im Kreise von Gleichgesinnten und Gleichalten auch schon mal ein kritisches Wort über den Kollegen Zwanziger auf fruchtbaren Boden fallen könnte. Zwanziger wiederum gehört zu jenen ungeduldigen, zum Aufbrausen neigenden Aufsteigern im deutschen Sport, denen vieles nicht schnell genug gehen kann. (…) Zwanzigers qua Amt gerechtfertigter Anspruch, in der Uefa oder Fifa entscheidend mitzureden, steht außer Frage. Dabei könnte der in Deutschland als Krisenmanager, Projektleiter oder findiger Kopf bewährte DFB-Spitzenmann noch an Profil gewinnen. Ein Heimspiel stünde dem alles andere als polyglotten Zwanziger im Klub der europäischen Spitzenfunktionäre, in den er erst einmal gewählt werden müßte, nicht bevor. Daß ihm aber ausgerechnet sein nationaler Präsidentenkollege schon den Eintritt in die Europaliga so lange wie möglich verwehren will, illustriert auch, daß sich der mehrmals um den Erdball gereiste ‚MV‘ von der deutschen Fußballprovinz nie allzu weit entfernt hat.“

Lesen Sie das Welt-Interview mit Gerhard Mayer-Vorfelder, auf das sich Roland Zorns Kommentar bezieht!

SZ: Matthias Sammer und Oliver Bierhoff diskutieren schon 18 Tage vor der WM, wer von ihnen nach dem Turnier den neuen Bundestrainer für den dann mutmaßlich geschassten Klinsmann suchen darf

taz: Auch wenn ihn viele gerne als Privatier sähen – Reiner Calmund ackert dampfplaudernd als Nordrhein-Westfalens WM-Botschafter

Unterhaus

Abstieg abgehakt

Rot-Weiß Essens Wiederaufstieg in die Zweite Liga – Christoph Biermann (SZ) begründet die Mischung aus Jubel und Erleichterung: „Prima war die Atmosphäre mal wieder in Essens proletarischem Norden, wo Fußball immer mit etwas rauerem Charme daherkommt. Wer das Spiel ursprünglich mag, ist in dem in die Jahre gekommenen Stadion gut aufgehoben, denn hier stört kein modischer Schnickschnack; und nicht wenige Zuschauer dürften zu denen gehören, die man heute gerne Modernisierungsverlierer nennt. Das machte den Jubel über den Aufstieg noch inbrünstiger, und doch hatte Präsident Hempelmann recht damit, dass vor allem der Abstieg abgehakt worden sei, denn nach Jahren kontinuierlichen Fortschritts war er so etwas wie ein Schock gewesen. (…) Man kann den direkten Wiederaufstieg gar nicht hoch genug bewerten. Der Abstieg aus der zweiten Liga ist generell der schlimmste, den es im deutschen Fußball gibt. Er bringt einen solch dramatischen finanziellen Einbruch mit sich, dass die meisten Klubs daran fast zerbrechen. So betrauerte, während in Essen die Fans feierten, ein Nachbar und Mitabsteiger aus dem letzten Jahr seinen direkten Weiterabstieg in die Oberliga: Rot-Weiß Oberhausen. Auch Eintracht Trier wird vermutlich in die vierte Liga durchgereicht, nur Rot-Weiß Erfurt wird sich vermutlich so gerade noch retten.“

Antithese zum totgesagten Ostfußball

Nach dem Aufstieg in die Zweite Liga blättert Ronny Blaschke (SZ) in der Vereinschronik: „Der FC Carl Zeiss hatte es weit gebracht: Platz 1 in der ewigen Oberliga-Tabelle der DDR, drei Meisterschaften, vier Pokalsiege, vierunddreißig Nationalspieler. Der Weg führte bis ins Europacup-Finale, 1981, Jena scheiterte damals unter Trainer Hans Meyer an Dynamo Tiflis. Die Erinnerung an diese Zeit half den Thüringern auch, die Neunziger zu überstehen, in denen der Verein tief stürzte, sportlich wie finanziell. Jena stolperte anders als Dynamo Dresden oder der VfB Leipzig nicht über die Gier westlicher Glücksritter, es verlor sich im Wandel der Zeit. (…) Der FC Carl Zeiss von gestern hat mit dem von heute wenig gemein, er hat sich irgendwie von sich selbst emanzipiert – der Klub ist neben Energie Cottbus die Antithese zu dem vor einem Jahr noch totgesagten Ostfußball. Der Erfolg basiert auf der eigenen Nachwuchsförderung. Auch in der zweiten Liga will Präsident Rainer Zipfel, der das Flutlicht lieber zu spät als zu früh anschaltet, sparsam sein. Der Klub ist auf den Mittelstand angewiesen. 120 Sponsoren werden ein Drittel des 5,4-Millionen-Etats bereitstellen, der Rest sind Fernseheinnahmen. Die technologischen Großunternehmen Carl Zeiss und Jenoptik geben seit Jahren keinen Cent mehr. Doch der FC Carl Zeiss, einst stolzer Werksklub, wird den Namen weiter pflegen. Das Stadion wird modernisiert und ausgebaut. Auf der Gegenseite thront noch immer der graue Turm, von dem früher die Stasi über den Fußball wachte. Die uralte Anzeigetafel ist überklebt, die Uhr steht seit Jahren still. Es soll alles professioneller werden im Ernst-Abbe-Sportfeld.“

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