indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Sonntag, 21. Mai 2006

Internationaler Fußball

Untergeordnet

Moggi-Skandal – Nikos Tzermias (NZZ) über das nackte Italien: „Moggis Machenschaften haben grosse Strukturschwächen des Calcio-Systems entblösst. Der Juve-Generaldirektor schien skrupellos den Umstand auszunutzen, dass im Fussballverband zuverlässige Regeln – und vor allem auch effiziente Kontrollmechanismen fehlen. In mannigfacher Hinsicht wurden die Böcke zu Gärtnern gemacht. Die kapitalkräftigen Klubs dominierten die Federcalcio-Führung, der die Schiedsrichter, die Mitglieder der Sportjustiz und die Buchprüfer unterstellt, statt dass sie ihnen gleichgestellt wurden. Es wurde eine heile Welt der Sportlichkeit vorgegaukelt, obwohl der Calcio immer mehr zum Spielball handfester Geschäftsinteressen geworden war. Im italienischen Fussball werden jährlich über 5 Milliarden Euro umgesetzt, drei Profivereine sind an der Börse kotiert, und allein die Fussballvereine der Serie A haben Schulden von über 1,5 Milliarden Euro aufgetürmt. Trotzdem galten für den Fussball bisher weit weniger strenge Regeln als für die übrige Wirtschaft. Dabei dürften zwischen dem ‚reinen‘ Sport und dem Kommerz erst noch erhebliche Zielkonflikte bestehen. Gemäss dem britischen Sportsoziologen John Williams lebt die Faszination des Fussballspiels von der Unberechenbarkeit, derweil die Geschäftswelt nach dem Gegenteil strebe und das Resultat möglichst zu beeinflussen versuche. Der frühere EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti hat beklagt, dass sich die Politik der Welt des Fussballs regelrecht untergeordnet habe und diese eine ungewöhnliche Vorzugsbehandlung geniesse.“

Servil

Vincenzo Dello Donne (FAS) blickt sorgenvoll auf Italiens Nationalelf: „Wie ein Krake beherrschte Moggi beinahe die gesamte Serie A. Seine Tentakeln reichten überallhin, auch zu Lippi. In jovialem Ton besprach der Nationaltrainer technische Details mit ihm – welche Spieler er etwa für den Kader der Azzurri nominieren solle. Wobei Moggi klare Empfehlungen abgab. Aber es ging auch um ganz Profanes: ob der graumelierte Toskaner Rabatt für Fiat-Autos erhalten könne, die sein Sohn oder seine Tochter erstehen wollten. Und: ob es nicht besser sei, den Juve-Star Alessandro Del Piero auch in der Nationalmannschaft auf die Bank zu setzen, damit er gegenüber Juve-Trainer Fabio Capello keinen Stammplatz reklamieren könne. Lippis Tonart in den Gesprächen wurde von den Staatsanwälten als servil beschrieben. In Moggi sah Lippi einen Wahlverwandten, dessen Protektion sich auch für die Position des Nationaltrainers als nützlich erwies. (…) Heikel ist Lippis WM-Mission auch wegen der Verwicklung einiger Spieler in den Wettskandal.“ Benedikt Voigt (Tsp) ist aller Illusionen beraubt: „Die Liste der Länder mit Fußballskandalen wird länger und länger. Neben Deutschland kämpften auch Tschechien, Belgien, Griechenland und Finnland gegen Sportbetrüger. Und natürlich Italien. Dort wird gegenwärtig die gesamte Serie A erschüttert, das Ausmaß ist noch lange nicht klar. Der Fußball hat schon länger seine Unschuld verloren. Wer immer noch an die Ehrlichkeit im Sport glaubt, ist hoffnungslos naiv.“

Welt: Spieler und Sponsoren wenden sich von Juventus ab
BLZ: Lippi wird in der Sache Moggi verhört – Konsequenzen schließt er aus

Abwanderung

Fußballer aus Brasilien, ein Importgut – Georg Bucher (NZZ): „Manch hochgepriesener Brasilianer ist im europäischen Fussball kläglich gescheitert; dem Image der Marke hat dies nicht geschadet. Seit mehreren Jahren sind Fussballer der Exportschlager, Ausdruck einer Kultur, die sich von anderen durch ihre ästhetisch-tänzerische Dimension wesentlich unterscheidet. Auch wenn die Bühnen irgendwo in Asien oder Osteuropa stehen, in einer dritten oder fünften Liga, der Duft artistischer Darbietungen wird ästimiert. Erst recht auf höchstem Niveau in Italien und Spanien. In der schönen Fassade gibt es freilich dunkle Stellen. Fehlende Transparenz und schlechte Vermarktung lassen die brasilianischen Ligen darben. Spieler werden zum Teil mit Hungerlöhnen abgespeist, derweil einige Impresarios im grossen Stil Geld machen und zunehmend Einfluss in den Klubs gewonnen haben. Von einer Mafia zu reden, wäre sicher verfehlt. Doch enthält das konspirativ-korporatistische System auch mafiose Elemente. Es vernichtet Werte, statt Investoren anzulocken, und drängt die Vereine als schwächste Glieder der Kette an einen wirtschaftlichen Abgrund. (…) Parallel zur Abwanderung der Sportler aus verschiedenen Disziplinen – neben Fussballern sind Basket- und Volleyballer besonders gefragt – verzeichnet Brasilien eine Emigrationswelle mittlerer und unterer Schichten, deren Rimessen (jährlich über 5 Milliarden Dollar) die Not in einem Land mit riesigem Sozialgefälle lindern. Auch die Mitte-Links-Regierung von Lula da Silva vermochte den Trend nicht zu kehren, hat ihn vielmehr verstärkt. Bis in die sechziger Jahre war Brasilien noch ein Einwanderungsland, mit sich selbst und seinen Ballkünstlern beschäftigt. Heute ziehen diesen andere Künstler hinterher und stellen die ebenso schillernde wie prekäre, von Gegensätzen beflügelte Mentalität weltweit aus. Überschäumende Freude ist ein Schlüsselwort brasilianischer Kultur und wird sich in Weggis zur Genüge manifestieren, Niedergeschlagenheit und Existenzangst wohl kaum.“

NZZ: Rio de Janeiro, Stadt des Fußballs – die temporäre Leichtigkeit des Seins

Ball und Buchstabe

Ein Tor war ein Tor und keine Erlösung

Holger Gertz (SZ/Seite 3) schreibt über die Qualität eines guten, alten TV-Reporters und spricht uns tief aus der Seele: „Rolf Kramer erlebt so etwas wie eine Renaissance. Vom Tagesspiegel wurde Kramer in die Traum-Elf der besten Reporter gewählt. Sentimentale Begründung: ‚Er klang merkwürdigerweise immer nach Mono-Empfang, mit weit aufgedrehtem Höhenregler.‘ Er klingt immer noch so. Rolf Kramer hat für das ZDF die WM-Finals 1978 und 1986 übertragen. Er hatte es nicht leicht mit den Kollegen von den Boulevardzeitungen, weil er mit denen nicht kungeln wollte. Entsprechend waren die Kritiken seiner Reportagen: zu trocken, zu viele Pausen. In der Rückschau wirkt diese Kritik noch lächerlicher als damals schon. Er hat die spannendsten Spiele kommentiert, das Halbfinale 1982, Deutschland gegen Frankreich; das Endspiel 1986. Manchmal sagte er nur einen Namen, ‚Kaltz‘, und dann Ewigkeiten nichts, manchmal hörte man ihn nur leise atmen. Er war nicht aufdringlich, aber er gab einem das Gefühl, nicht allein zu sein mit so einem Spiel. Kramer war Fußballreporter in einer Zeit, als das ZDF noch nicht gezeichnet war von der Töpperwienisierung und Verposchmannung der Gegenwart; als noch Harry Valérien auf Sendung ging mit ausführlichen Dopingbeiträgen; als das öffentlich-rechtliche Fernsehen sich nicht vom Massengeschmack erziehen ließ, sondern die Massen, gerade im Sport, selbst ein bisschen erzog. Als es die private Konkurrenz noch nicht gab und der Fußball, bei aller Hysterie, etwas flacher gehalten wurde. Er hat aufgehört, weil er spürte, dass man jetzt anders reden muss, lauter. 1984 war das Privatfernsehen eingeführt worden. Er hat dann beim ZDF hinter den Kulissen gearbeitet und ist jetzt im Ruhestand, und er hört zu, wie die anderen das machen. Sie machen es anders, und er will nicht sagen, dass sie es schlecht machen. Aber er hat damals gelernt, dass, wenn der Ball im Tor liegt, man nicht groß rumschreien muss. Und als ihm einmal ein Kollege gesagt hat, ein bisschen mehr Chauvinismus dürfe er ruhig einfließen lassen in seine Reportagen, ‚da war ich geschockt‘. Dabei mochte er den Kollegen sehr. Also, Deutschland war eine Mannschaft in seinen Reportagen, kein Symbol. Ein Tor war ein Tor und keine Erlösung. Ein Spiel war ein Spiel, Fußball war nicht das Gefühlskino, das vielen jetzt so auf den Geist geht.“

Gegensätze

Jürgen Kaube (FAZ/Leitartikel) versucht schlau zu werden aus den Widersprüchen des Fußballs und aus der aktuellen Fußballhermeneutik der Soziologen, Philosophen und anderen Sternedeutern und kritisiert das Fernsehen: „Schaut man sich die vielen Deutungen an, so laufen sie auf einen Gesamtbefund hinaus: Fußball ist offenbar alles – und dessen Gegenteil. Religion, heißt es, sei er, Kunst, Kommerz, Männerdomäne, Gewaltspektakel, Residuum nationalistischer Hochstimmungen – und dann wieder genau das Umgekehrte: ganz weltlich, reiner Spaß, mit erfolgreichen Teams aus armen Ländern, mit zunehmendem Interesse bei Frauen, mit leichtfüßigen Gewinnern und Mannschaften, die schon darum überwiegend aus Spielern ‚mit Migrationshintergrund‘ bestehen, weil Arbeitsmigration im Spitzenfußball der Normalfall ist. Auf der einen Seite wird behauptet, im Fußball zeigten sich uralte, rituelle Bedürfnisse, oder gar, Fußball sei pure Emotion. Auf der anderen Seite weiß jeder, wie durchanalysiert das Spiel inzwischen ist und daß sich ganze Wissenschaftszweige damit befassen, woran man möglichst früh Talente erkennt und wie man am besten trainiert. Oder ein anderer Gegensatz: Aus dem Ei gepellte Figuren wie Oliver Bierhoff erzählen etwas von fehlenden Bolzplätzen, während der Sportartikelkonzern 110 Euro für seinen WM-Ball verlangt. (…) Daß aber soviel mittelmäßige Soziologie beim Reden über das Spiel ins Spiel kommt und die Phrase vom ‚Spiegel der Gesellschaft‘ sich hält, liegt vor allem an der riesigen Lücke, die seit Jahren das Fernsehen läßt. Denn von wem, wenn nicht von den Fernsehkommentatoren, würde man denn Recherche, Deutung oder wenigstens kontrastreiche Beschreibungen erwarten? Aber die allermeisten reportieren nicht, sie apportieren nur, als letztes Glied der Verwertungskette und völlig distanzlos, so als gehörte ihnen der Fußball und sie ihm. Darin steckt das Verständnis, die Medien hätten die Aufgabe, um jeden Preis Begeisterung zu übermitteln, und am meisten begeisterten sich die Leute, wenn man ständig schwer auf die Pauke haut. Aber Fußball ist nicht begeisterungszufuhrbedürftig. Sondern einfach und kompliziert, offenkundig und voller Hinterbühnen. Wo immer sich also ein Stammtisch oder ein Podium seiner annimmt, geschieht das zu Recht: Es muß darüber geredet werden. Und je besser, desto besser.“

Sehr lesenswert! Jorge Valdano gilt als klügster Kopf des Fußballs. Ein Gespräch in Spiegel Special über Kapitalismus und Kreativität

Ascheplatz

Schnitzer der DFL

Live-Fußball im TV – Marcus Theurer (FAZ/Wirtschaft) deutet die Beschränkung der Telekom, die die Internet-Rechte innehat, auf die DSL-Leitung als Mutlosigkeit gegen über der Fußballmacht: „Das Ringen um die Übertragungsrechte in der Bundesliga wird immer mehr zur Farce. Ein Weltkonzern wie die Deutsche Telekom läßt sich dabei von den Fußballvereinen vorführen. (…) Die Telekom gibt ein schwaches Bild ab. Denn in der DFL-Ausschreibung, die Basis für die Rechtevergabe war, steht explizit, daß die Bundesliga im Internetfernsehen auch über Kabel und Satellit verbreitet werden dürfe. Das war offensichtlich ein Schnitzer der DFL. Doch warum soll die Telekom auf erworbene Vermarktungsmöglichkeiten verzichten, um damit ein unprofessionelles Ausschreibungsverfahren der DFL im nachhinein zu deren Gunsten zurechtzubiegen?“

Tsp: Deutsche Telekom und Premiere arbeiten beim Bundesliga-Fernsehen via Internet zusammen

SZ: Sie heißen easyCredit Stadion oder Signal Iduna Park – Stadien, die nach Firmen oder Marken benannt sind, bringen zwar Millionen in die Vereinskassen, aber die neuen Bezeichnungen stoßen auch auf Widerstand – vor allem bei den Fans

Unter dem Feind hindurch

Jürgen Steinhoff (Stern) lacht sich ins Fäustchen: „In Berlin hat Samsung, Konkurrent des WM-Sponsors Toshiba, das Charlottenburger Tor mit Reklame zugehängt. Für das Geld, das Berlin dafür bekommt, wird das historische Bauwerk saniert: Das Charlottenburger Tor, durch das täglich Zehntausende Autos fahren, steht auf einer ‚Protokollstrecke‘ der Fifa. Solche Protokollstrecken gibt es in allen zwölf WM-Städten. Sie führen vom Hotel, in dem Fifa-Funktionäre logieren, zum jeweiligen Stadion, zum Flughafen und zum Bahnhof und sind während der WM mit Fifa-Fahnen geschmückt, auf denen auch die Sponsoren mitflattern. Diese Strecken sollen möglichst komplett frei sein von ‚feindlicher‘ Werbung. Königin unter den Protokollstrecken ist diejenige in Berlin, über der das Charlottenburger Tor steht. Wenn also Blatter am 9. Juli zum WM-Finale vom Hotel Adlon ins Olympia-Stadion chauffiert wird, längs der mit 2.200 Fahnen geschmückten Protokollstrecke staatsgastmäßig von Polizeikrädern eskortiert, in einem von WM-Sponsor Continental bereiften Hyundai-Schlachtschiff namens ‚Centennial‘ thronend, dann muss der Fußballpapst, Herr über 1,2 Milliarden Fußballer, mitten durch dieses in Feindreklame gehüllte Samsung Tor. Das ist für Sepp Blatter so, als wenn der echte Papst, Herr über nur 1,0 Milliarde Katholiken, in seinem Papamobil durch dieses Tor hindurchmüsste, wenn es mit einer Einladung an die Berliner Muslime zur Pilgerfahrt nach Mekka geschmückt wäre. Erst auf der Rückfahrt darf sich Blatter von diesem Schock erholen. Dann leuchtet ihm in den Farben seines Sponsors Deutsche Telekom die zu einem Fußball beklebte Kugel des Fernsehturms am Alexanderplatz entgegen. (…) Verstöße gegen ihre Rechte verfolgt die Fifa mit einer Truppe, die örtliche Geschäftsleute als ‚Fifa-Stasi‘ beschimpfen.“

Tsp: Blatter bringt sich in Stellung – der Fifa-Präsident will 2007 für weitere vier Jahre gewählt werden

Deutsche Elf

Beweis für die große Not

Andreas Lesch (BLZ) hätte auf Jens Nowotnys WM-Nominierung nicht gewettet: „Die Rückkehr Nowotnys in den Klub der Besten ist die wohl schrägste Pointe, die der deutsche Fußball in den vergangenen Jahren zu bieten hatte. Sie zeigt die Irrungen und Wirrungen, die den Weg des deutschen Nationalteams geprägt haben, und sie beweist, welche Umwege der Fußball hier zu Lande manchmal nimmt. 2000, als Nowotny der beste deutsche Verteidiger war, schnell, technisch stark, modern, da wurde er unter Erich Ribbeck zum Manndecker degradiert. Da musste er mit ansehen, wie Ribbeck, beeinflusst von der Bild-Zeitung, den Uralt-Libero Lothar Matthäus reaktivierte, da wurde er ein Opfer des verschnarchten, überkommenen deutschen Systems. Jetzt, sechs Jahre später, da die deutsche Abwehr unter Jürgen Klinsmann stets als jugendliches Viererkettchen daherkam, da die Zeit von Nowotny unwiderruflich vorbei zu sein schien, ausgerechnet da kehrte der Verteidiger ins DFB-Team zurück. Seine Nominierung darf als Indiz dafür gelten, dass der Reformer Klinsmann wie viele seiner Vorgänger vor einem Turnier ein bisschen vorsichtiger und konservativer geworden ist. Er hätte Manuel Friedrich berufen können; der ist unerfahrener und frischer. Nowotnys Nominierung zeigt aber auch, wie groß die Not in der deutschen Innenverteidigung ist.“

SZ: Wiedersehen mit der Vergangenheit – bei seiner Rückkehr reiht sich Jens Nowotny gleich in einer gehobenen Position ein

Die perfekte Projektionsfläche

Stefan Osterhaus (NZZaS) erkennt im Trainer Klinsmann den Spieler Klinsmann: „Immer gab es talentiertere als ihn, aber keiner ist je so erfolgreich gewesen wie er. Durchschnittlich begabt für einen Spitzenspieler, keineswegs von dieser sonderbaren Grandezza wie das italienische Intuitionswunder Baggio oder von der frappierenden Geschmeidigkeit des Holländers van Basten. Als es um den Weg zum WM-Titel ging, mobilisierte Klinsmann alles, machte das Spiel seines Lebens, übertrumpfte Hollands Jahrhundert-Stürmer. Das sind die Bilder, die von ihm geblieben sind: Ein Mann mit einer Lunge wie ein Blasebalg, der im Augenblick der Not selbst eine Eisenbahnschiene durchträte, wenn sie ihm den Weg versperrte. Seit damals weiss man, dass es ein schwerwiegender Fehler ist, Klinsmann zu unterschätzen. Seine massgebliche Qualität ist weniger das taktische Know-how eines Experten, noch ist es das psychologische Feingefühl eines brillanten Manipulators. Es ist sein Wille. Klinsmann lernt schnell. Er ist einer, der sich nach dem Trial-and-Error-Prinzip durch die Wirrnisse des Fussballs schlängelt, keinen Fehler fürchtet und ihn selten zweimal begeht. So entspricht es seinem öffentlichen Profil, dass sich die Meinung ihm gegenüber sehr schnell ändert. Denn Klinsmann hat nie ein sonderlich scharf konturiertes Bild abgegeben. Er ist ein Meister der Mimikry, die perfekte Projektionsfläche. Jeder konnte sehen, was er wollte: den emphatischen Kicker (keiner jubelte so ausgiebig wie Klinsmann), den weltgewandten Professional, der in jedem Klub Erfolg hatte, Interviews konsequent in der jeweiligen Landessprache gab. Und eben auch den ‚Killer‘, wie es sein alter Mitspieler Lothar Matthäus einmal formulierte, einen Mann ohne Loyalität ausser sich selbst gegenüber. In England, so hiess es, habe er das Publikum von Tottenham nach anfänglicher Skepsis für sich eingenommen. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite stand der Klubpräsident Alan Sugar, der ein Trikot Klinsmanns in der Hand hielt und erklärte, er würde damit nicht einmal sein Auto waschen. Uli Hoeness nannte die Verhandlungen mit Klinsmann die unangenehmsten, die er je geführt habe. Noch heute, so geht die Legende, soll den Bayern-Manager bei Wetterumschwung der Fuss schmerzen, weil er wutentbrannt während des Feilschens aufgesprungen sei und gegen die Tür getreten habe. Einen Stammplatz liess sich Klinsmann als Angstellter Tottenhams in den Vertrag schreiben. Ziele, so Klinsmanns Einstellung, müssen mit allen Mitteln realisiert werden. So ist seine Unnachgiebigkeit für manche der Spiegel der eigenen Haltung, wenn es ums Eingemachte geht. Das provoziert. Dem Bundestrainer, der alles gewagt hat, bleibt nur ein Mittel, um alle ihn angehenden Lager zu versöhnen: der WM-Titel. Nie hat er es schwerer gehabt als heute.“

Mir fällt nüscht ein

Über ein Fußballdramolett von Moritz Rinke – Nils Minkmaar (FAS/Medien) erkennt die arme Quelle: „Vor einigen Wochen gab es in Bild eine nervtötende, sagen wir: Schwerpunktberichterstattung über Jürgen Klinsmanns amerikanischen Wohnort. Da wurden dann immer Temperaturen und Wetterverhältnisse verglichen, Klinsmann stand als vaterlandsvergessener Sonnyboy da, die fußballinteressierten deutschen Bild-Leser, was Bild ja immer mit ‚wir alle‘ übersetzt, als die Dummen. Und wie es mit solchen Bild-Geschichten ist: komplett überflüssig, aber vergehen auch wieder. Besser: Sie wäre vergangen, hätte nicht Deutschlands Nachwuchsdramatiker Nummer eins, Syltdichter a. D. Moritz Rinke, die Sache in das Pantheon der Künste bugsiert. In der neuen Park Avenue behelligt er die Leser mit einem ‚Dramolett‘ zur WM, und als wäre nicht das schon staunenswert genug, denn das Land braucht vielleicht die WM, aber sicher nicht noch irgend etwas ‚zur WM‘, tritt dort auch Klinsmann auf. Er ruft in Rinkes Werk also bei Bierhoff an und sagt: ‚Hallo Jungs. Wie isses? Schneit’s in Deutschland?‘ Oder die DFB-Sekretärin sagt: ‚Herr Klinsmann hat eine SMS geschickt. Er bleibt noch zwei Tage länger in Kalifornien. Ist so schönes Wetter.‘ Oder Klinsmann sagt am Telefon: ‚Echt gutes Wetter heute! Ich bleib noch nen Tag länger.‘ Das alles läuft – nach ausgiebigen Anspielungen auf Sonnenschein, Badewetter, Strandleben und sofort – auf eine fulminante Schlußpointe hinaus. ‚Klinsmann: ‚Du, hast du dir schon mal die Frage gestellt, warum es immer regnet in Deutschland? Ich bin immer optimistisch und hab immer gutes Wetter. Die Deutschen sind immer pessimistisch und haben schlechtes Wetter‘.‘ Und dann: ‚Ich sag euch jetzt mal was. Ich komm gar nicht mehr nach Deutschland.‘ Da giert man doch schon nach den nächsten Rinke-Dramoletten mit folgenden Dialogzeilen: ‚Merkel: ‚Her mit der Steuerkohle, du armer deutscher Michel! Denn mein Friseur ist so teuer.'‘ Oder: ‚Hund: ‚Wuff, wuff, Herrchen, ich beiße dich jetzt!'‘ Oder ‚Rinke: ‚Mir fällt nüscht ein, hol mir mal ne Bild!'‘“

FAZ-Interview mit Christoph Metzelder über Christoph Metzelder über Religion, Versagensängste und sein Dasein als moderner Gladiator

TspaS: Marcell Jansen, jüngster Spieler im deutschen WM-Kader 2006, trifft Rainer Bonhof, jüngster Spieler im deutschen WM-Kader 1974
BLZ: WM-Serie: 1954 schlägt die Stunde der Stürmer

Freitag, 19. Mai 2006

Champions League

Stilles Plädoyer für mehr Fußball

Ronald Reng (taz) preist den FC Barcelona, den neuen Champions-League-Sieger: „Der Europapokal ist jetzt in den richtigen Händen, wer kann daran noch zweifeln? Diese Mannschaft hat bewiesen, was viele schon bezweifelten: Steht für Kreativität, Akrobatik, Finesse und atemraubende Geschwindigkeit und verkörpert damit eine andere Weltanschauung.“

Zirzensisches Ensemble

Der Champions-League-Titel – Höhepunkt oder Beginn einer Epoche? Jens Weinreich (BLZ) drückt Skepsis aus: „Die spannende Frage lautet nun, ob dieses zirzensische Ensemble der guten Laune mit den extraordinären Antreibern Ronaldinho, Samuel Eto‘o und Deco, das demnächst wohl von Thierry Henry verstärkt wird, noch einmal reüssieren kann. Oder ob eine Titelverteidigung im Globetrotter-Business, in dem nationale Grenzen und fußballerische Eigenheiten verschwinden, in denen Teams wie Maschinen zusammengesetzt und getunt werden, gar nicht mehr möglich ist. (…) Was in schwärmerischen Nachbetrachtungen gern übersehen wird: Barcelonas Abwehr war, im Vergleich zur rasenden Offensivstärke dieses Teams, Verzeihung: nur regionalligatauglich. Ob Frank Rijkaard mit dem FC Barcelona eine Ära prägen kann, dürfte sich kaum in der Offensive entscheiden. Barca wird mit dieser Abwehr nicht noch einmal um den Pokal tanzen können.“

Hart, nüchtern, willensstark

Flurin Clalüna (NZZ) betont die Sekundärtugenden Barcelonas: „Henrik Larsson ist der Gegenbeweis zur These, dass Barça einzig von Ronaldinhos Magie lebt. Er war Auswechselspieler, einer aus der zweiten Reihe, wie auch Belletti, der zum entscheidenden 2:1 traf. Der Final in Paris zeigte, dass das schöne Barça auch hart und nüchtern sein kann, dass Ronaldinho nicht immer alles gelingt, die Katalanen aber gewinnen können, ohne traumwandlerisch zu spielen. Der willensstarke FC Barcelona lebte auch von Deco, von dem Rijkaard sagt, er sehe während des Spiel mit dessen Augen; Barça war auch Giuly, auf den die Franzosen an der WM glauben verzichten zu können. Und Barcelona zehrte vom Mexikaner Marquez, dem Mann mit den meisten Ballkontakten, und natürlich von Eto‘o, der auch dann immer trifft, wenn es wichtig ist. Das klug zusammengesetzte Ensemble steht auf dem Höhepunkt; der Gewinn der Champions League kommt wie auf dem Reissbrett geplant. Kaum ein anderes Finalspiel der jüngeren Vergangenheit war mit so vielen Träumen und Sehnsüchten aufgeladen, 22 Nationalspieler aus elf verschiedenen Ländern figurierten auf den zwei Matchblättern. Und vielleicht wäre aus einem guten Spiel wirklich ein wunderbares geworden, wenn der Schiedsrichter Lehmann nicht des Feldes verwiesen, sondern stattdessen Giulys Tor anerkannt hätte.“

Abwehrschlacht statt einer Gala

Peter Heß (FAZ) beschreibt das Finale als Fragment: „Es hätte ein Fußballfest werden können, es wurde ein Drama. 18 Minuten lang machten der FC Barcelona und der FC Arsenal aus dem Finale einen echten Fußball-Gipfel. Zwei Mannschaften präsentierten Fußballkunst auf höchstem Niveau: mit Wucht und Eleganz, voller Esprit, Athletik und Akrobatik. Das Geschehen wogte hin und her, zwei selbstbewußte Teams spielten um die Herrschaft auf dem Feld. Doch dann griff Jens Lehmann ein, und ganz nach deutscher Fußballart nahm er dem Spiel fast alle Leichtigkeit, drückte es in Richtung erbitterten Kampf. Lehmann wollte nur das Beste, aber statt des Balles traf seine Hand kurz hinter dem Strafraum den Fuß von Eto‘o. Hätte Schiedsrichter Hauge geahnt, daß der Ball weiter zu Giuly rollen und der Rechtsaußen das 1:0 schießen würde, vielleicht hätte er auf Vorteil erkannt. Aber der Norweger pfiff rasch – und das Schwere hielt Einzug in dieses Finale. Rot für Lehmann, eine Abwehrschlacht statt einer Gala.“

Um das Vergnügen gebracht

Christoph Biermann (SZ) bedauert, über Schiedsrichterfehler schreiben zu müssen: „Dieses Thema würde es nicht geben, hätte Schiedsrichter Hauge nur jene zwei Wimpernschläge gewartet, bis Barcelona trotz Lehmanns Foul in Führung gegangen war. Dann wäre das Publikum auch nicht um das Vergnügen gebracht worden, die beiden besten Teams Europas weiterhin in Gleichzahl um den Sieg spielen zu sehen. Doch dem Referee fehlte der Mut, einen Moment zu warten. Eine wunderbare Gelegenheit zur Anwendung der Vorteilsregel wäre das gewesen, und sollten die Schiedsrichter wirklich unter dem Druck stehen, dass ihr Spielraum dabei minimal ist, muss er dringend erweitert werden. Hauge und seine Assistenten wurden dann nicht mehr glücklich mit dem Spiel. Dem Freistoß, der zu Arsenals Führungstreffer führte, ging eine Schwalbe voran. Und war Barcelonas Ausgleichstor nicht abseits? Statt die Essenz schönen Fußballs zu finden, blieben solche Fragen zurück und die immer wieder unabweisbare Erkenntnis, dass Fußball ein Spiel ist, in dem meistens Fehler entscheiden – und nicht die Kunst.“

Glücksspiel

Jens Weinreich (BLZ) nimmt das Finale als weiteres Indiz dafür, die Fußball-Judikative zu erweitern: „Die G14 sollte darauf drängen, dass endlich ein Oberschiedsrichter und ein zeitnaher Videobeweis eingeführt werden, wenigstens in den Klubwettbewerben; auch bei internationalen Meisterschaften. Da hört man Pfiffe, die man nie hören dürfte. Da vermisst man Pfiffe, wo selbst mit bloßem Auge der Hergang zu erkennen ist. Allerdings dominiert in der Branche noch immer eine mottige, öde Argumentation, wonach sich Glück und Pech, richtige und falsche Entscheidungen, im Laufe eines Jahres neutralisieren. Es graust einen schon, derartige Sätze wiederzugeben. Wer will diesen Unsinn noch hören? Wer so redet, sollte den Fußball gleich als Glücksspiel definieren. Das aber tun die wenigsten.“ Peter Heß (FAZ) meint, daß das Spiel zu schnell für Schieds- und Linienrichter geworden sei – und manchmal auch für den Torwart: „Der Schiedsrichter kann die Hochgeschwindigkeitsakrobatik nicht genießen, er muß versuchen, auf der Höhe zu bleiben, und ist in manchem unübersichtlichen Augenblick doch zum Scheitern verurteilt. Auch Lehmann war in seiner verhängnisvollen Szene mehr Opfer von Eto‘os Schnelligkeit als tumber Täter. Sein Fehler war es, überspitzt ausgedrückt, die Situation so früh erkannt zu haben, daß der Kameruner sich freilief und prompt von Ronaldinho den Ball geliefert bekam. Gegen fast jeden anderen Stürmer wäre die deutsche Nummer 1 wohl zuerst an den Ball gekommen.“

Nicht durch seine Aktion entschieden worden

Mathias Klappenbach (Tsp) nimmt Jens Lehmann in Schutz: „Lehmann war schon zur Untätigkeit verdammt, bevor sein Schicksal entschieden war. Hätte Arsenal den Vorsprung gegen Barcelona über die Zeit gerettet oder gar das 2:0 geschossen, wäre er im Nachhinein der Held gewesen, der sich im richtigen Moment für seine Mannschaft geopfert hat. Seine Mitspieler hätten ihm den Pokal bei der Ehrenrunde gerne in die Hand gedrückt, obwohl er nach zwanzig Minuten ihr Treiben von draußen mit ansehen musste. Wenn der Schiedsrichter Lehmann nicht vom Platz gestellt und Arsenal den Rückstand aufgeholt hätte, wäre er einer von vielen Siegern gewesen. Und wenn Lehmann keine Rote Karte bekommen und Arsenal verloren hätte … Oder, oder, oder. Lehmann ist zutiefst enttäuscht, aber das Finale ist nicht durch seine Aktion entschieden worden.“

Katastrophal

Wayne Cirus (The Sun) sieht den Fehler beim Schiedsrichter: „Viele Zuschauer hätten die Vorteilsregel gelten lassen; diese hätte Lehmann erlaubt, auf dem Rasen zu bleiben, da er nur die Gelbe Karte erhalten hätte. Am nächsten Tag äußerte sich Terje Hauge kritisch zu seinem Pfiff: ‚Das Ideale wäre gewesen, ein paar Sekunden zu warten, Lehmann Gelb zu geben und das Tor gelten zu lassen.‘“ Sam Wallace (The Independent) wiederum schiebt den Schwarzen Peter zu Lehmann: „Lehmanns Rote Karte ließ Arsenal mit zehn Mann und Manuel Almunia, der seine Handschuhe vier Monate nicht in einem ernsthaften Wettbewerb anziehen mußte, auf dem Platz. Der deutsche Torwart war heldenhaft im Halbfinale. (…) Falls Lehmann etwas richtig gemacht hat, war es die Tatsache, daß der Kontakt außerhalb des Strafraums stattfand – der Rest war katastrophal.“ Simon Barnes (The Times) hätte gerne 11 gegen 11 gesehen: „Es war kein Wunder von Paris, nur ein voraussehbarer Sieg von einem voraussehbarem Sieger. Aber es geschah nicht in einer voraussehbaren Art, das heißt durch Tore von einer umwerfenden Schönheit oder einen Sieg geprägt von Ronaldinho. Die Wende kam, als Jens Lehmann vom Platz flog.“

Chelsea auch bei Regelauslegungen einzigartig

Man kann Thierry Henry schon verstehen – Finale verloren und außerdem noch ein paar Tritte von Puyol und Co – Seiner Enttäuschung bereitete er nach dem Abpfiff Luft. Der Guardian zeichnet seinen Kommentar auf: „Ich weiß nicht, ob der Schiedsrichter ein Barcelona-Shirt trug. Wenn er uns nicht gewinnen lassen wollte, hätte er es zu Beginn sagen sollen. Einige Pfiffe waren sehr komisch. Ich denke, der Schiedsrichter hat seine Aufgabe nicht erfüllt, ich hätte einen ordentlichen Schiedsrichter bevorzugt.“ Eine ziemlich deftige Kritik, doch man muß berücksichtigen, daß Arsenal gerade das Finale verloren hat und sollte Nachsicht üben. Die Uefa ist auch dieser Meinung, ein Pressesprecher des Verbandes sagt der Daily Mail: „Es besteht kein Bedarf für irgendeine disziplinäre Strafe wegen Aussagen, die in der Hitze des Gefechts getroffen worden sind.“ Doch da war doch noch was mit José Mourinho? Er hatte den schwedischen Schiedsrichter Anders Frisk, ebenfalls nach einem Spiel gegen Barcelona, beschuldigt, die Katalanen bevorzugt zu haben – und wurde prompt von der Bank verbannt. Das Argument der Uefa damals: Es sei ihr Job, „die Schiedsrichter von Attacken, die auf ihre Integrität zielen, zu schützen“. Daß die Uefa jetzt bei Henry nicht durchgreift, bemängelt die Daily Mail: „Es wird Mourinhos Paranoia bestimmt nicht beruhigen, dass es eine Regel für Chelsea, und eine für den Rest gibt.“

Tsp: Lehmann möchte seinen Platzverweis im Europacup-Finale schnell verdrängen

FAZ: Jens Lehmann: „Das werde ich mit ins Grab nehmen”

sueddeutsche.de: Bildstrecke „Lehmann sieht Rot“

FAZ: Internationale Pressestimmen

NZZ: Der Triumph des FC Barcelona wird in verschiedenen Tonlagen gefeiert, Arsenals Niederlage nur in einer

Tsp: Jubelfeiern und Ausschreitungen in Barcelona

taz: Sat.1-Journalist Dirc Seemann durfte beim Champions-League-Finale Kommentator Werner Hansch vertreten

WM 2006

Geschlossene Veranstaltung

Thomas Kistner (SZ/Leitartikel) fordert das Fußball-Spiel von der Fifa und den Bonzen zurück: „Wenn sich das Land grummelnd Richtung WM schleppt, statt ihr beschwingt entgegenzueilen, ist es diesmal nicht seinem Faible für Larmoyanz anzukreiden. Deutschland wird fremdbestimmt von Fifa und Sponsoren, entrechtet und geknebelt wie ein kolonisiertes Land. Das ist der politische Preis dafür, die WM austragen zu dürfen, deren Betreibern, einer eher lichtscheuen Funktionärsgilde, sogar die Befreiung von Steuer- und Visagesetzen zugestanden werden musste. Dies gilt für die ganze ‚Familie‘ – die Fifa bestimmt, wer sich hinter dem Begriff sammelt. Und während es erst dem Bundesgerichtshof gelang, einen markenrechtlichen Kreuzzug der Fifa für ihre Sponsoren zu stoppen, beglückt das WM-Organisationskomitee die Fans mit Internet-Kartenlotterien. Sie werden nur noch zum Jubeln gebraucht. Nie war der Kommerzdruck gewaltiger und die Chance des Normalbürgers auf einen Stadionbesuch geringer – diese WM erlebt Fußball als geschlossene Veranstaltung. (…) Dein Geld in meine Tasche, das ist die reale WM-Botschaft. Populär ist sie nicht. Also müssen gewisse Erklärungen aufrechterhalten werden wie die Mär von den unverzichtbaren Sponsoren, ohne die eine WM nicht funktionieren könne. Tatsächlich investieren Steuer- und TV-Gebührenzahler ein Zigfaches, um den Werbefirmen die Bühne zu bereiten. Oder das Märchen von der Wirtschaftskraft: Das Event geht eher spurlos am Land vorbei, Investitionsschübe liegen im Mikrobereich. Kaufkraft schöpft aber die Fifa ab, die gerade ihr neues Züricher Heim für 240 Millionen Franken bezog. In der Krise steckt nur der Fußball selbst.“

Arroganz der Macht

Peter von Becker (Tsp/Seite 3) spricht mit André Heller über die Absage seiner WM-Gala und schildert weitere Details über die Rigorosität der Fifa: „Hellers Werk ist durch die Gala-Absage zum Torso geworden. Aber er möchte nicht als Opferlamm der Fifa dastehen. Dazu ist er zu stolz, zu erfolgreich, selbst als manchmal einsamer, empfindsamer Wolf. Heller ärgert nur die Arroganz der Macht. Als Lizenzgeber und Partner hat der Weltfußballverband jene Macht nicht nur gegenüber dem deutschen WM-OK, den WM-Städten, den Stadionbetreibern oder gegenüber möglichen und unmöglichen Konkurrenten der offiziellen Fifa-Sponsoren demonstriert. Es gibt auch bisher unbekannte Einflussnahmen im WM-Kulturprogramm. Beispielsweise bei der viel gelobten, aufwändig produzierten Zeitschrift Anstoß. Herausgegeben von André Heller und Artevent, redaktionell betreut von Jochen Hieber, im Hauptberuf Leiter des Literaturressorts der FAZ, ist Anstoß mit prominenten Beiträgen von Salman Rushdie bis Loriot zum publizistischen Aushängeschild des WM-Kulturprogramms geworden. Nachdem aber in der ersten Anstoß-Nummer zu Beginn einer Kunst-Fotoserie über Deutschlands zwölf WM-Stadien die Arena auf Schalke noch naturgetreu mit vorhandener Bandenwerbung abgebildet wurde, habe es ‚Stress mit der Fifa‘ gegeben. Sagt Robert Hofferer von Artevent. Als dann der zweite Anstoß in Druck gehen sollte, lobte ein Fifa-Mitarbeiter, dem der Entwurf vorab zugeschickt worden war, ein ’sehr schönes Exemplar mit interessanten Titeln‘. In seinem dem Tagesspiegel vorliegenden Schreiben verlangte der Fifa-Mann allerdings ‚einige Anpassungen‘. So sollte ein Bild des österreichischen Künstlers Gerhard Haderer entfernt und in dem aus der deutschen Staatskasse finanzierten Magazin auf eine bezahlte Anzeige verzichtet werden, weil sie von keinem der offiziellen Fifa-Sponsoren stammte. Zu einem bebilderten Gespräch zwischen Roger Willemsen und Marco Bode hieß es: ‚Da die Schuhe von adidas die einzig wahren Schuhe sind, bitte das Label bei den Schuhen von Willemsen entfernen.‘ Roger Willemsen, der davon nichts erfuhr, sagt uns jetzt, dass er ‚nie Logi‘ an den Füßen trage. Und tatsächlich gab es so tief unter der Gürtellinie eine Verwechslung: Gemeint waren Bodes Schuhe, deren Logo ohne sein Wissen wegretuschiert wurde. Es ist diese Macht über die Bilder, die auch André Heller grämt. Denn von den Proben und Entwürfen der abgesagten Gala könne er nicht einmal die vorhandenen Skizzen oder Fotos, geschweige denn die tollen Szenen aus dem Laptop publizieren.“

Tsp: Hotels werfen Fifa Fehler vor – in Berlin gibt es zur WM noch preiswerte Zimmer

SZ: Die Fifa mag an einigem schuld sein – an der Pleite von Plüschtierhersteller Nici jedoch nicht: Das Familienunternehmen hat sich selbst ausgetrickst

FAZ: WM-Gastgeber Deutschland, ein Land im rechtlichen Ausnahmezustand?

FR: Die DFB-Auswahl im Trainingslager auf Sardinien – unterschiedliche Auffassungen von Regeneration
Zeit: Jens Lehmann über den Tag, an dem er deutscher Nationaltorwart wurde, über alternde Fußballprofis und die Herausforderung, seinem Sohn das Wort „Weltmeisterschaft“ zu erklären
zeit.de: Tagebuch aus dem Trainingslager

Tsp: Costa Ricas Coach Guimaraes über das Eröffnungsspiel

NZZ: Hausdurchsuchungen bei Juve – Spirale der Dekadenz im Turiner Nobelklub dreht sich immer schneller
FTD: Prodi fordert „ethische Wende“ nach dem Moggi-Skandal in Italien

Donnerstag, 18. Mai 2006

Internationaler Fußball

Calcio parlato

Birgit Schönau (SZ/Seite 3) gewährt einen Einblick in Italiens Fußballwelt zu Zeiten des Herrschers Moggi: „Dass die Wahrheit nicht auf dem Platz liegt, ist in Italien auch schon vor der Affäre Moggi eine Volksweisheit gewesen. Neben dem ‚calcio giocato‘, dem gespielten Fußball, pflegen die Italiener die Disziplin des ‚calcio parlato‘, des gesprochenen Fußballs. In unzähligen Fernseh-Fußballshows, in denen sich nicht mehr ganz junge Männer in Anzug und Krawatte vor blutjungen Signorinas, die zu Dekorationszwecken so leicht bekleidet wie stumm die Studios schmücken, über Stunden wegen Taktik und Abseitsfalle anbrüllen, war Moggi entweder viel beschworener Beelzebub oder gern gesehener, hofierter Gast. Vergangenes Jahr starb der Fußballtrainer Francesco Scoglio vor lauter Aufregung über seinen Gesprächspartner in einer solchen Fußballshow, seither gilt er als erster Märtyrer des calcio parlato. Moggi pflegte die wenigen kritischen Fragen stets mit einem schiefen Lächeln an sich abprallen zu lassen. Hinter den Kulissen entschied er dann über journalistische Karrieren – nur ihm genehme Reporter durften über Juventus berichten. Die Ermittlungen der Staatsanwälte ergaben auch, dass sich mancher ‚moviolista‘ bei Moggi vor der Sendung Anweisungen abholte. Der moviolista ist der Mann an der Zeitlupe. In Italien gibt es die Zeitlupe für Schiedsrichterentscheidungen sogar im Radio, und moviolista ist ein bürgerlicher Beruf. Naja – fast. (…) Bezeichnend sind die abgehörten Telefonate des Florentiner Klubpatrons Della Valle. Der Lederwarenindustrielle und enge Freund des Fiat-Chefs Luca di Montezemolo hatte den Klub nach dessen Pleite 2002 übernommen und sofort Moggi und Galliani in der Liga den Krieg erklärt. Der Juve-General wies daraufhin seine Schiedsrichter an, den AC Florenz mal ein wenig verlieren zu lassen. Nach sieben Niederlagen kroch Della Valle zu Kreuze und flehte um Hilfe gegen den Abstieg – die Moggi großzügig gewährte. ‚Gewisse Fehler‘, bedankte sich Della Valle nach dem Klassenerhalt in letzter Minute artig am Telefon, ‚werden wir ganz gewiss nicht wieder machen.‘“

Nationale Gewissensprüfung

Peter Hartmann (NZZ) erwartet von der Auswertung der Abhörprotokolle weitere Brisanz: „Wie hält ein Mensch das aus, selbst wenn er Ohren hat wie Weltraumantennen und Italiener es leidenschaftlicher tun als alle anderen: 416 Mal am Tag hing der korrupte Juventus-Generaldirektor Luciano Moggi durchschnittlich an seinen sechs Mobiltelefonen, davon zwei slowenischen, die er abhörsicher wähnte. Die seitenlangen Wiedergaben seiner pausenlosen Gespräche in den Zeitungen sind der Stoff, der Italien derzeit zum Staunen, zur Erkenntnis des schon immer Vermuteten und zum Lachen bringt und ihn selber zum Weinen – nach dem stundenlangen Verhör der neapolitanischen Staatsanwälte, als ihm klar wurde, dass er das Spiel verloren hatte, brach der Skrupellose in Tränen aus. (Zuflucht zur Taktik des Mitleiderregens, eine emotionale Schwalbe?) Die Ermittler hatten ihn acht Monate abgehört, von November 2004 bis Juni 2005, zehn Carabinieri lauschten in Schichten, insgesamt haben sie hunderttausend Gespräche auf Band von den Manipulationen, die Italien in den grössten Fussballskandal stürzten und in eine nationale Gewissensprüfung, die erst angefangen hat.“

NZZ-Bericht Barcelona–Arsenal (2:1)
BLZ-Bericht Barcelona–Arsenal (2:1)

Morgen mehr über das Finale …

Ball und Buchstabe

Alle sind erschrocken

Claus Christian Mahlzahn (SpOn) stimmt dem ehemaligen Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye bedauernd zu, der Ausländer vor bestimmten Gebieten im Osten Deutschlands warnte (was er inzwischen zurückgenommen hat): „Heye hatte recht. In vielen Landstrichen Ostdeutschlands, bei weitem nicht nur Brandenburgs, herrscht für Ausländer – präziser gesagt: für Menschen mit dunkler oder dunklerer Hautfarbe – Ausnahmezustand. Das größte Problem ist der ganz gewöhnliche Rassismus, der Ausländern in der Ex-DDR entgegenschlägt. Spätestens seit den Pogromen von Hoyerswerda (1991) und Rostock Lichtenhagen (1992) aber ist klar, dass diese mitunter regelrecht terroristische Gewalt gegen Nicht-Deutsche (oder die man dafür hält) nicht nur vom rechtsradikalen gesellschaftlichen Rand stammt. Der braune Mist stinkt im Osten oft in der gesellschaftlichen Mitte. Das macht die Sache so gefährlich. Es ist eben auch kein Zufall, dass die NPD in Sachsen der Sprung ins Parlament gelang – dort sind die Rechtsextremen heute fast so stark wie die Sozialdemokraten. (…) Über die Ursachen dieses spezifisch ostdeutschen Problems wird seit langem heiß diskutiert. Die einen machen die DDR, die anderen vor allem postsozialistische Probleme für das Debakel verantwortlich. Tatsächlich war die DDR nicht der antifaschistische Staat, für den sie sich ausgab. Nach innen war der autoritäre Sozialismus das Gegenteil einer multikulturellen Gesellschaft. Die Grundlagen für die ostdeutsche Xenophobie haben Ulbricht, der schon gegen Jeans und Rock‘n'Roll polemisierte, sowie Erich Honecker und Erich Mielke gelegt. Doch es reicht nicht, den rassistischen Mob im Osten immer nur mit historischen Verweisen auf eine untergegangene Diktatur zu erklären. Seit der Wende sind sechzehn Jahre ins Land gegangen, manche Skinheads und Neo-Nazis, die Schwarze verprügeln oder vietnamesische Imbissbuden anzünden, sind jünger als das neue Deutschland. Das bedeutet auch: sechzehn Jahre wurde in der Bundesrepublik viel zu wenig getan, um des Problems Herr zu werden.(…) Wir haben uns alle daran gewöhnt. Nun hat es mal jemand laut verkündet. Und alle sind erschrocken – auch der, der es aussprach.“

Michael Reinsch (FAZ) notiert die Ansicht des ehemaligen Fußballprofis Anthony Baffoe zu Heyes Sorge: „Baffoe unterstützt die Warnung vor rassistischen Übergriffen in den neuen Ländern, mit denen Heye in Brandenburg helle Empörung ausgelöst hat. (…) Der aus einer ghanaischen Familie stammende Baffoe hatte Heye längst vorgegriffen. ‚Ich rate afrikanischen und türkischen Spielern davon ab, in Ostdeutschland zu spielen‘, sagte er vor wenigen Tagen bei der Veranstaltung ‚Football for all‘. Selbst wenn sie auf dem Fußballplatz nicht beleidigt würden, so sei doch die Lebensqualität der Spieler durch den alltäglichen Rassismus erheblich eingeschränkt. (…) Baffoe gerät in Rage, wenn er vom WM-Slogan ‚Die Welt zu Gast bei Freunden‘ zu dessen Gegenteil kommt, Rassismus. Fußballspieler bekämen ihn vor allem in den unteren Ligen und vor allem im Osten zu spüren. Seine Empörung – gipfelnd in dem Ruf ‚Wo sind die Strafen?‘ – gilt auch dem wiederholten Hitlergruß des Roma-Spielers Paolo di Canio in der Serie A und den rassistischen Ausfällen des spanischen Nationaltrainers Luis Aragones gegenüber Thierry Henry; sie wurden mit eher nicht bemerkenswerten Geldstrafen sanktioniert.“

Bundesliga

Der letzte Prolet der Bundesliga geht

Friedhard Teuffel (Tsp) kommentiert das Ausscheiden Rudi Assauers als Abschied eines Helden von gestern: „Die Sehnsucht der Fans nach einem Typen wie ihm ist immer geringer geworden und die nach Events und vielleicht auch nach Spießigkeit immer größer. Anfangs hat Assauer da noch mitgemacht. Er stieg auf Skier und lief mit beim Biathlon durch die Arena AufSchalke. Doch nachdem ihm andere wichtige Leute im Verein einen Teil seiner Macht genommen hatten, wirkte Assauer nur noch wie ein alternder Cowboy, der langsam in den Sonnenuntergang reitet. Assauer schien längst überfordert im Umgang mit 120 Millionen Euro Verbindlichkeiten. Er passte nicht mehr in eine Zeit, die vor allem das wirtschaftliche Prinzip der Nachhaltigkeit forderte und nicht mehr die Einstellung, koste es, was es wolle. (…) Der letzte Prolet der Bundesliga geht.“ Auch Klaus Hoeltzenbein (SZ) weint Assauer keine Träne nach: „Assauer hat dem Klub sportlich zu der Größe verholfen, die er heute wieder hat. In seinem Erbe als Manager stehen aber auch rund 120 Millionen Euro an Verbindlichkeiten. Über deren Tilgung entwickelte sich wohl jenes Zerwürfnis, in dem Assauer dem Focus Interna verraten haben soll, wofür der Aufsichtsrat ihn nun entließ. Nach Reiner Calmund in Leverkusen verlässt ein weiterer Grande die Liga – beide hatten ihre Heldenzeiten, im Alltagsgeschäft aber doch erkennbar die Kontrolle über zu vieles verloren.“

Bedrohliche finanzielle Kernzahlen

Richard Leipold (FAZ) hingegen hält auch den ausbleibenden sportlichen Erfolg für eine Ursache für Assauers Machtverlust: „Der Niedergang des Volkstribunen Rudi Assauer zeigt, daß immer noch ein dramatischer Zusammenhang zwischen sportlichem Erfolg und Einzelschicksalen besteht, wie viel Geld auch immer im Spiel sein mag. Er gehörte zu den einflußreichsten Führungskräften in der Geschichte des Revierklubs. Nicht einmal die Nähe zum zweitwichtigsten Sponsor des Klubs bewahrte die Ikone Assauer vor dem Fall. Hätte der Manager sportlich in den Jahren der großen Geldverbrennung öfter Erfolg gehabt, wäre es ihm trotz möglicher gesundheitlicher Schwierigkeiten vermutlich leicht gefallen, seine internen Gegner in Schach zu halten. Aber zu viele Trainer und zu viele Spieler haben nicht das gehalten, was er sich von ihnen versprochen hat. So blieb am Ende der Uefa-Pokalgewinn 1997 der größte Erfolg des Managers Assauer, der seit vielen Jahren davon träumte, seine Karriere als deutscher Meister zu krönen. Assauer ist gelernter Schweißer und gelernter Bankkaufmann. Eine seltene Kombination im Ruhrgebiet. Am Ende seiner Schalker Tage sprach auch dieser ungewöhnliche Teil seiner Ausbildungsbiographie gegen ihn. Die finanziellen Kernzahlen sind bedrohlich für den Klub, und Assauer hat schon lange nicht mehr die Kraft, zusammenzuschweißen, was gebrochen ist und – den Tränen mancher Fans zum Trotz –nicht mehr zusammengehört.“

Welt: In den Abstieg saniert – vor vier Jahren trat René Charles Jäggi an, den 1. FC Kaiserslautern zu retten, nun hinterläßt er einen Zweitligisten mit ungewisser Zukunft

Ascheplatz

Kein Totengräber

Viele Zeitungen erkennen in dem jüngst bekannt gewordenen Engagement Franz Beckenbauers für die Telekom ein weiteres Zeichen dafür, daß Telekom und Premiere ab der nächsten Saison gemeinsam Live-Fußball senden würden – was deutlich dem Willen und dem Interesse der DFL widerspräche. Doch die Stuttgarter Zeitung will erfahren haben, daß die Telekom erst in drei Jahren zuschlagen wolle und daß Premiere nun doch in die Röhre schauen werde: „Nach StZ-Informationen steht eine Einigung zwischen der DFL und der Telekom bevor. Demnach soll das Unternehmen aus Bonn von 2009 an alle Rechte an der Bundesliga bekommen – unter der Voraussetzung, dass die Telekom nun die ins Auge gefasste Zusammenarbeit mit Premiere verwirft. Das verlautet aus gut unterrichteten Kreisen, und daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Telekom jetzt Franz Beckenbauer als Fußballkommentator verpflichtet hat. Dieser Coup sei ein Fingerzeig dafür, wohin die Reise gehe, erzählen sich zwar die Leute bei Premiere, die in den nächsten Tagen mit einer Entscheidung über die Zusammenarbeit mit der Telekom rechnen. Die Verhandlungen seien sehr weit fortgeschritten, sagt ein Insider. Aber ob unter dem Strich dann auch das Ergebnis steht, das sich Premiere wünscht, ist mehr als ungewiss. (…) Die Telekom wollte allem Anschein nach nicht der Totengräber des Fußballs sein. Deshalb saßen die Anwälte der DFL und der Telekom schon seit Monaten an einem Tisch. Jetzt präsentiert die Telekom zwar Beckenbauer – aber offenbar nicht aus dem von Premiere erhofften Grund.“

BLZ: Premiere legt Widerspruch gegen Bundesliga-Lizenz von Arena ein
taz: Mit Telekom-Neuzugang Beckenbauer bekommt die Auseinandersetzung mit der DFL eine neue Schärfe

SZ: Seltsame Verkaufsmethoden – es gibt noch jede Menge Karten für die begehrten Partien, auch für die der DFB-Elf; aber nicht für jeden

BLZ: Die zwölf Städte, in denen die Spiele der WM ausgetragen werden, haben rund 1,2 Milliarden Euro für die Vorbereitungen ausgegeben
FAZ: Studie besagt, daß die WM der Konjunktur keinen Schub leihe

Welt: Die Handy-WM – Mobilfunk-Betreiber zeigen Live-Spiele, Fußball-Shows und alle Tore per MMS

Deutsche Elf

Schlimmster Fall

Christof Kneer (SZ) zählt die Sorgenfalten Jürgen Klinsmanns wegen der Verletzung Philipp Lahms: „Es ist keine gute Nachricht, dass sich jetzt schon vor dem ersten Trainingstag das Risikopotenzial von Klinsmanns Konzept gezeigt hat. Seine Strategie ist es ja, die Mannschaft in Sardinien und Genf in einen Tunnel zu führen, um ihr dort im Schnellgang hohe Dosen Taktik, Kondition und Teamspirit zu verabreichen. Weltmeister in zehn Tagen, ein kühner Plan, und jetzt ist schon bei der Einfahrt in den Tunnel der erste Unfall passiert. Gerade das Abwehrspiel hat Joachim Löw einstudieren wollen, und jetzt fällt ihm die einzige gesetzte Größe aus.“ Michael Horeni (FAZ) fühlt Klinsmanns Puls: „Als Klinsmann nach der Ankunft mit seinen Helfern im wunderbaren Mannschaftshotel an der sardischen Küste zusammensaß, kochte in ihnen die Wut hoch. Alles war genauso gekommen, wie sie es sich schon lange für den schlimmsten Fall ausgemalt hatten, vielleicht sogar noch etwas schlimmer. Denn dieses für sie vollkommen überflüssige Spielchen in Mannheim gegen den Fünftligaklub aus Luckenwalde hatte ihnen überhaupt nicht ins Konzept gepaßt. Es war am ersten Tag der Weltmeisterschaftsvorbereitung eine offiziell klaglos hingenommen ungeliebte Pflichtübung, um Nähe zur Fußballbasis zu demonstrieren.“

FR: Geheimwaffe oder Irrläufer – was kann David Odonkor?

SZ-Interview mit Jens Lehmann über sein Image in Deutschland

Mittwoch, 17. Mai 2006

Champions League

Sanft aber bestimmt

Markus Jakob (NZZ) stellt die in sich ruhende Trainerarbeit Frank Rijkaards vor: „Mehr als von einem Schamanen hat er etwas von einem Zenmeister. Und ein höflicher Mann ist er natürlich, was in der Branche nicht der Normalfall ist. Man kann den Fussball von Rijkaards Barça unterstatistischen Aspekten betrachten. Sie bestätigen nur, was man ohnehin sieht: Keine Mannschaft ist länger im Ballbesitz, keine lässt die Abseitsfalle öfter zuschnappen, keine schiesstöfter aufs Tor und keine – doch, eine: die AC Milan – erzielt pro Spiel mehr Treffer. Worüber die beliebig verlängerbare Statistik aber nichts aussagt, sind der Genuss der Spieler daran, ihre individuellen Teufeleien in einem grösseren Ganzen aufgehen zu lassen, und das Ergötzen, das sie damit den Zuschauern bereiten. Denn was wie eine unentwegte Neuerfindung des Fussballs erscheint, ist das Ergebnis des von Rijkaard sanft, aber bestimmt eingetrichterten Spielsystems. Als wäre das Angriffs-Furioso jedem, sobald er sich das Barça-Trikot überstreift, schon ins Blut gegangen.“

Gentleman

Ulrich Friese (FAZ) unterstreicht die Intelligenz und die guten Manieren Arsene Wengers: „Daß ausgerechnet einem weltläufigen Spitzentrainer wie Wenger der Erfolg auf der internationalem Fußballbühne bislang versagt blieb, ist für Fachleute ein Rätsel. Wie kaum ein anderer Kollege in den europäischen Spitzenklubs geht der in Straßburg geborene Elsässer mit Kreativität, Weitsicht und Akribie vor. Bei der Suche nach Fußballtalenten durchforstet er systematisch einschlägige Archive oder verläßt sich auf sein weltweites Netzwerk von Zuträgern und Informanten. (…) Respekt in der heimischen Fußballwelt mußte sich der unkonventionelle Coach, der 1996 nach mehrjährigen Trainerstationen bei AS Monaco und dem japanischen Erstligaklub Nagoya Grampus Eight zu Arsenal stieß, anfangs hart erarbeiten. Denn weder äußerlich noch vom Arbeitsstil her entspricht er dem gängigen Bild der Branche, das in der englischen Spitzenliga immer noch von typischen Haudegen dominiert wird. Im Gegensatz zum eher grobschlächtig auftretenden Schotten Ferguson, der sein Team bei ManU gern mal mit Standpauken in der Umkleidekabine zu Höchstleistungen anspornt, verkörpert sein Gegenspieler aus London das Kontrastprogramm: Der bodenständige Elsässer, der fünf Fremdsprachen beherrscht und am liebsten bei klassischer Musik entspannt, tritt wie ein Gentleman der alten Schule auf: höflich, bescheiden, aber – wenn es um die Sache geht – stets entschieden.“

Fleißiges Genie

Peter Heß (FAZ) findet keinen Makel an Ronaldinho: „Was macht diesen Fußballstar so wertvoll? Es ist die perfekte Mischung. Ronaldinho ist Akrobat und Athlet, Vorbereiter und Torjäger, Individualist und Mannschaftsspieler, Talent und Fleißarbeiter, Kopf und Herz in einem. So wie es Zinedine Zidane in seinen besten Tagen war. Nur hat der Brasilianer noch einen Bonus gegenüber dem introvertierten, manchmal (selbst-)zweiflerischen Franzosen: Seine positive, unbekümmerte Art. Weil Ronaldinho seine Freiheiten niemals zu eigenbrötlerischen Aktionen ausnutzt, sondern in jedem Moment seiner Alleingänge an den Effekt für die Mannschaft denkt, räumen ihm seine Trainer bereitwillig volle Entfaltungsmöglichkeit ein. Carlos Alberto Parreira in der brasilianischen Nationalmannschaft und Frank Rijkaard beim FC Barcelona weisen ihm keinen festen Arbeitsplatz auf dem Spielfeld an. (…) Stundenlang übt er seine Tricks und Kunststückchen, bis sie perfekt sitzen. Ein fleißiges Genie, getrieben von der Liebe zum Fußball und der Sehnsucht nach Anerkennung: Es ist Ronaldinho, der den FC Barcelona zum Favoriten auf den Gewinn der Champions League macht.“

Bundespräsident des Fußballs

Ronald Reng (FR) zeichnet Thierry Henry als guten Menschen: „Er wird im Vergleich mit Barças Ikone Ronaldinho das ganze Spiel hindurch wie ein Verlierer aussehen – wenn man in die Gesichter sieht. Ronaldinho lächelt immer. ‚Und ich nie‘, sagt Henry. ‚Es liegt daran, dass ich nie, auch wenn ich ein Tor schieße, absolut glücklich sein kann. Mein Vater hat mich so erzogen.‘ Er wuchs als Sohn von Einwanderern aus Guadeloupe in der Pariser Peripherie auf. ‚Als Kind kam ich nach Hause: ‚Papa, ich habe ein Tor gemacht!‘ Und er würde sagen: ‚Ja, aber du hast nicht gut gespielt.'‘ So sucht Thierry Henry noch immer rastlos nach Höherem, obwohl er mit 28 als Fußballer schon ganz oben ist. Und weil da nichts mehr ist, strebt er nach etwas Unbestimmten, einer Rolle, die es nicht wirklich gibt. Sanft und ernst versucht er – ja was? – zu sein: vorbildlichstes Vorbild, Überfigur, Bundespräsident des Fußballs? Bei Arsenals Freistoßtraining vor dem Finale schoss er nicht, sondern stand daneben und gab Schützen und Torwart staatstragend Tipps. Einmal führte er den FC Fulham in einem Ligaspiel alleine vor und schlichtete dann väterlich, als zwei frustrierte Fulham-Profis aufeinander losgingen. Er engagiert sich in London in Fußballprojekten mit schwierigen Kindern, will aber auf keinen Fall, dass darüber berichtet wird; aus Angst, es könnte als PR-Stunt missverstanden werden. Solch einen Fußballer gibt es nur einmal.“

SZ-Interview mit Deco

BLZ: Nach einem Fehlstart blüht der ehemalige Stuttgarter Alexander Hleb beim FC Arsenal auf

NZZ: Wie der Europacup-Motor zu laufen begann – der erste Final vor 50 Jahren in Paris mit Real Madrid als Anlasser

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