Samstag, 13. Mai 2006
Ascheplatz
Herrsche und teile
Birgit Schönau (SZ) mißt die Tiefe des Moggi-Skandals: „Dass Moggi sich seinen journalistischen Hofstaat hielt, die Spieler zum Schweigen zwang, wann immer es ihn beliebte, und aufsässige Journalisten aus dem Stadion trieb – geschenkt. Es gab so viele andere Kollegen, für die es einer Beförderung gleichkam, wenn der Juve-Generaldirektor sie duzte. Die Schiedsrichter? Haben auch Familie. Die kleineren Klubs, die immer zu kurz kamen? Hofften auf ihren Anteil am Kuchen. Was sind ein paar Elfmeter gegen den Euro-Segen aus den TV-Übertragungsrechten, den Moggi und seine Kompagnons in der Profiliga verteilten? Moggi regierte, wie das in Italien auch noch an ganz anderen Stellen üblich war, nach dem Motto: Divide et impera. Herrsche und teile. Mach‘ den einen ein bisschen Angst, den anderen ein bisschen Hoffnung. Die Regeln galten in der Fußballrepublik ohnehin nur für den, der sie beachten wollte – denn ganz oben regierte der Fußballpräsident Berlusconi, zugleich Eigner des AC Mailand, dessen Parlamentsmehrheit flugs neue Gesetze schaffte, wenn ihm die alten nicht mehr gefielen. Das ist nun vorbei. Und deshalb bedeutet der Sturz des Luciano Moggi nicht nur das Ende einer Ära für Juventus. Sondern für Italien.“
Entzaubert
Oliver Meiler (BLZ) schildert die Enttäuschung der Juve-Anhänger: „In den Internetforen und in den Zeitungen massiert sich die Enttäuschung der Fans. Ganz zu schweigen von den Intellektuellen, von den Schriftstellern und Publizisten mit einer Passion für Juve. Der Grundton hört sich nach verletztem Stolz an. Bisher erklärte man sich als Juventino die kolportierten Verdächtigungen von der anderen Hälfte Italiens gegen die eigene Squadra mit dem Neid der Unterlegenen, der Frustrierten. Nun scheint plötzlich, als überträfe die Realität selbst die kolorierteste Version der anti-juventinischen Folklore. Entzaubert!“
Schattenreich
Gerd Schneider (FAZ) empfiehlt allen, auch vor die eigene Haustür zu schauen: „Noch läßt sich nicht absehen, ob dem Calcio jetzt bevorsteht, was in den 90er Jahren die politische Klasse Italiens umgepflügt hat: eine von der Justiz ausgelöste radikale Erneuerung. Tangentopoli, Stadt der Korruption, so nannte man seinerzeit das System aus gegenseitigen Gefälligkeiten, das das öffentliche Leben in Italien durchsetzt hatte. Im italienischen Fußball, das läßt der aktuelle Skandal ahnen, hat dieses System offenbar einen besonders guten Nährboden gefunden. Doch man muß sich davor hüten, den Fall Juventus als rein italienisches Phänomen zu begreifen. Wohin die Geldströme im europäischen Fußball auch fließen, macht sich im Verborgenen Betrug breit. Ob systematische Spielabsprachen in Tschechien, Sexaffären und Erpressung in Belgien oder Hoyzer in Deutschland: Das Schattenreich, das sich hinter dem Profifußball auftut, wächst – grenzenlos und in beängstigendem Tempo.“
Italienische Verhältnisse
Die SZ betrachtet die Moggi-Affäre mit Hohn: „In Italien reden sie vom größten Skandal der Geschichte. 1.400 Seiten Ermittlungsakten, 52 Verdächtige, Staatsanwälte, die jetzt im Dienst tun dürfen, was vermutlich einmal ihr privates Lieblingsvergnügen war: Fußball gucken. Alle Spiele der Saison 2004/05. In Zeitlupe, vor und zurück. Und kommentieren, ob da wohl alles rechtens war, vor allem bei jenem Schiedsrichter, der angeblich in Juve-Bettwäsche schläft. Im Ausland holen sie derweil ihre bewährten Sprachhülsen aus der Schublade: Chaos, Erdbeben, Mafia. Italienische Verhältnisse! Dreckiger Fußball, so kurz vor der WM mit dem Spucker Totti! Ja, haben die denn keine Stiftung Warentest?“
FAZ: Der Juve-Skandal erreicht auch Lippi und Buffon
faz.net: Video zum Skandal
BLZ: Am 2. März 1991 zeigte Premiere sein erstes Bundesligaspiel, an diesem Wochenende wohl sein letztes
Tsp: Verlust der Bundesligarechte belastet Premiere-Bilanz
Donnerstag, 11. Mai 2006
Allgemein
Übereinstimmung von Zeit, Raum und Bewegung
Luca Toni, eine von vielen Sturmhoffnungen Italiens – Peter Hartmann (NZZ) stellt ihn vor: „Luca Toni stammt aus der Emilia, wo die Leute vertrauensvoll den Autoschlüssel stecken lassen, wo Italien am deftigsten isst, die Tische sich biegen unter riesigen Mortadella und der perlend-fruchtige Lambrusco durch die Kehlen fliesst. Stella heisst sein winziger Heimatort, wie Stern. Luca Toni hat immer an seinen Stern geglaubt. Er hat mit seinem bäuerlich geprägten Verstand auf seine Zeit gewartet, mit diesen etwas mechanisch wirkenden, von stämmiger Kraft beherrschten Bewegungen. Es ist eine täuschende Langsamkeit, eine Art Mimikry des Riesen, der Unbeholfenheit vorgaukelt. In Wirklichkeit hat er ein angeborenes phänomenales Timing. Man wundert sich über die Übereinstimmung von Zeit, Raum und Bewegung (wie einst bei Gerd Müller). Zuschauer nehmen das erst in der Zeitlupen-Wiederholung wahr. (…) Das Angebot an Stürmern war noch nie so gross im Lande des Catenaccio.“
Ball und Buchstabe
Schatz, es ist ein Fußball
Christian Eichler (FAZ) hofft darauf, daß die WM auch ein Straßenereignis wird und die Wehen Deutschlands bald enden werden: „Im Idealfall kann es eine Verbrüderung zwischen deutschen und ausländischen Besuchern geben. Denn sie haben etwas, das sie verbindet: keine Tickets. Fast jeder deutsche Fußballfreund (auch mancher, der sich gar nichts aus Fußball macht) hat sich um ein WM-Ticket bemüht. Fast jeder kennt einen, der eines bekam; oder hat zumindest von einem gehört. Fast keiner hat eines. Die WM in den Städten, den Fußgängerzonen, den Gärten, nicht in den Stadien, das könnte der eigentliche Stimmungsfaktor, die eigentliche Überraschung und Neuigkeit der Weltmeisterschaft werden. Dort, wo man sich nicht mit dem knallharten Marketing-Regime der Fifa herumärgern muß und Bier mit Biergeschmack trinken kann. Dort, wo nicht, wie rund um den Spielball, alles perfekt geplant und organisiert ist, von der Sponsoren-Bewirtung bis hin zur ‚Nationalen Service- und Freundlichkeitskampagne‘; sondern wo Stimmung und Gastfreundschaft noch ganz ungeplant funktionieren. Wäre doch schon WM, seufzen die einen – wäre doch nie WM, die anderen. Und die vielen dazwischen finden, dass man die paar Wochen und die paar tausend Werbebotschaften bis zum Anpfiff auch noch übersteht. Deutschland, eine Nation im neunten Monat; ein Land wie eine Hochschwangere, in deren Denken und Handeln sich alles wahnhaft nur noch um das eine, eine Schwangerschaft und Geburt, um Last und Leiden der werdenden Mutterschaft dreht. Am 9. Juni ist Geburtstermin. Wenn der Ball rollt, wird das wie der Säuglingsschrei nach langer, schwerer Tragezeit sein. Und wie das im wahren Leben auch so ist, wird dann all die überstandene Last vergessen sein. Nur das Baby wird wichtig sein und sein rundes, rosiges Glück. Schatz, es ist ein Fußball.“
Hart aber herzlich
Draußen nur Kännchen? Die NZZ hält einen Fortbildungskurs „Lächeln“ für Berliner schon lange für angebracht: „Die ‚Rüpel-Hauptstadt‘, als die sie kürzlich der bürgerliche Tagesspiegel bezeichnete, soll sich dank einer Charmeoffensive zur Hauptstadt des Lächelns wandeln. Wenngleich die gemeinsam von der Fifa und der Deutschen Zentrale für Tourismus initiierte ‚Nationale Service- und Freundlichkeitskampagne‘ ausdrücklich alle deutschen WM-Städte im Blick hat, so ist es kein Geheimnis, dass vor allem die Berliner Nachhilfe nötig haben. Denn in der deutschen Hauptstadt lebt man nach dem Credo: Wir sind hart aber herzlich. Schon für Goethe war der ‚verwegene‘ Berliner Menschenschlag ein Thema. Dessen rauer Charme, so der Dichter, führe dazu, dass man hier ‚mitunter etwas grob sein muss, um sich über Wasser zu halten‘. Die Geschichte von der Kellnerin, die dem Gast das falsche Gericht brachte und, von diesem auf das Malheur aufmerksam gemacht, entnervt entgegnete, ob er denn diese Pizza nicht einfach essen könne, weil sie sonst alles neu in Kasse eingeben müsse, zählt zu den Lieblingsbeispielen aus einer ansehnlichen Liste gesammelter Anekdoten. Im Fussballjahr 2006 soll aber alles anders werden: Die Besucher aus der ganzen Welt sollen sich wohl fühlen dank einer Drei-Millionen-Kampagne, die von der Bundesregierung unterstützt wird. (…) Dienen sei in Deutschland seit 1945 einfach nicht positiv besetzt, glaubt die Sprecherin der Berliner Verkehrsbetriebe Petra Retz. Deshalb tue sich der Deutsche grundsätzlich mit der Dienstleistung schwer. Die jüngere Generation sei da eindeutig lockerer.“
Puh, das ist ja anstrengend
Susanne Schäfer (SZ/Reise) erzählt ihr Erlebnis bei einem Reiseveranstalter, der mit Blick auf die WM einen Fußballferienkurs für Frauen anbietet: „Unser Trainer Fredy ist anders als andere Fußballtrainer. Er hat keine Schweißflecken unter den Achseln und keinen fetten Bauch. Sein Kopf ist nicht rot vom vielen Brüllen am Spielfeldrand. Der Trainer spricht mit sanfter Stimme, und wenn wir etwas fragen, zieht er die Augenbrauen über den Brillenrand hoch und sieht uns mit großen Augen an. Ihr könnt alles fragen, sagt der Blick. Als Fredy darüber spricht, dass Fouls im Strafraum besonders verboten sind, nimmt eine das Angebot an und fragt: ‚Ist der Strafraum auch eingezeichnet?‘ Der Trainer stutzt kurz, dann lächelt er mild, stellt seine Stimme auf samtig und sagt: ‚Ja klar, das wär ja luschtig, wenn der nicht eingezeichnet wäre.‘ Er bewegt den Laserpointer so, dass der rote Punkt auf der Leinwand an den weißen Linien um das Tor entlang fährt. Die meisten von uns hören heute nicht zum ersten Mal vom Strafraum, und doch sind wir froh, dass Fredy uns die Dinge erklärt, die wir Freunde und Kollegen lieber nicht fragen. Wir lernen: Es gibt keinen Libero mehr. Anspucken wird mit Rot geahndet. Freistoß ist nicht gleich Freistoß. Wir lernen, was Abseits ist: eine Regel, von der man immer vermutete, dass man sie nicht lernen kann. (…) Als wir die Grundlagen beherrschen, dürfen wir endlich auf den Platz. Wir führen den Ball mit der Innen- und Außenseite des Fußes, Feld auf und Feld ab. Eine von uns hat jetzt zwar verstanden, wo der Strafraum ist, sagt aber nach fünf Minuten: ‚Puh, das ist ja anstrengend.‘ Team Gelb gegen Team Rot-Grün. Abstoß. Gelb drischt auf den Ball, der prallt an Rot-Grün ab, Eigentor. Jetzt das Trikot über den Kopf stülpen? Fußball ist Emotion. Nächster Versuch: Aus dem Hintergrund könnte Rot-Grün schießen. Und Rot-Grün schießt, Tor, Tor, Tor – wenn auch noch nicht ganz so elegant wie 1954 Helmut Rahn: Der Ball eiert vor sich hin, Trainer Fredy ist jetzt auch Torwart, streckt die Finger, streift den Ball, entscheidet sich aber, ihn unauffällig weiterkullern zu lassen ins Tor. Jetzt also das Netz küssen? Der Ball ist wieder im Spiel. Gewusel, Fredy ruft: ‚Hier ist das Tor.‘ Rot-Grün will den Ball treten, stellt dabei Gelb ein Bein, Foul. Rot-Grün mault, Platzverweis wegen Beleidigen des Schiedsrichters. Rot-Grün spuckt auf den Boden. Nach einer Stunde ist alles vorbei. Zu früh, denn unsere Füße verstehen sich noch nicht mit den Bällen. Im Moment fühlt es sich noch so an, als würden Hände einfach besser zu Bällen passen als Füße.“
FAZ: Sportphilosophie – was Frauen an Fußball interessiert
Wir halten zu dir!
Christian Gottwalt (SZ-Magazin) hält Goleo für unterbewertet: „Betrachtet man sich die veröffentlichte Meinung zu Goleo, so fällt auf, dass an dem zotteligen Tier seit seinem Erscheinen nicht ein gutes Haar gelassen wurde. Da war viel Häme im Spiel. Eine schlechtere Presse als Goleo hatte in jüngster Zeit wohl nur der Kannibale von Rotenburg. Kein guter Start für einen, der als Sympathieträger angetreten ist. Höchste Zeit also für ein paar rehabilitierende Worte. All diejenigen, die ernsthaft monieren, dass er keine Hose trägt, übersehen, dass das ein Marketing-Gag war, um ihn bekannt zu machen. Ein gelungener übrigens. Dafür trägt er Schuhe aus Herzogenaurach und kurbelt die deutsche Wirtschaft an. Und dass sein Mund offen steht, seine Zunge raushängt und er deshalb ein bisschen dämlich guckt? Gott, er ist doch nur ein Fußballer. Ein behäbiger zwar, aber so sind wir Deutschen halt. Verglichen mit den Wappentieren vergangener Turniere schneidet Goleo außerdem gar nicht so schlecht ab. Man betrachte nur das unsinnliche grün-weiß-rote Würfelmännchen aus Italien. Oder die durchgeknallten Fußball-Aliens aus Japan. Und Tip & Tap von 1974 schwimmen doch auch nur auf der Retro-Welle. Nein, unser Goleo verdient es nicht, in die Pfanne gehauen zu werden. Go for Goal, Goleo! Wir halten zu dir!“
Klinsmannsch
Das Streiflicht (SZ) wünscht sich von Klinsmann karge Prosa: „Als er gerade als Bundestrainer bestallt worden war, hielt Klinsmann vor der Nationalmannschaft einen Vortrag beziehungsweise er kommentierte, was sein Laptop an die Wand warf. Da standen dann ‚drei Schlagworte, um die uns die Welt beneidet: Totale Aufopferungsbereitschaft – Niemals aufgeben – Allen Nörglern das Gegenteil beweisen.‘ Klinsmann sagte dazu: ‚Das ist es, was uns stark macht.‘ Damals dachten wir noch: ‚Halt das Feuer brennend, Jürgen, einer muss in dem verschnarchten DFB ja mal aufräumen!‘ Seit aber das Zeitfenster, durch das alle in Richtung WM krabbeln müssen, immer kleiner wird, und seit wir deshalb täglich mit blitzblank cleanem Klinsmannsch bombardiert werden, beschleicht uns mehr und mehr das Gefühl, als hause unsere eigene Seele auf einem feuchten, fensterlosen Speicher. Und so wie man sich in Kalifornien nach sechs Monaten beinharter Sonne wahrscheinlich ab und an nach zartem deutschem Nieselregen sehnt, so hoffen wir bisweilen auf einen hingenuschelten Satz voll verborgener Schönheit, etwas depressiv Umflortes, bitte, bitte, einmal nur: ‚Ooch, wissen Sie, das 1:4 war ein Gurkenspiel, und außerdem hab ich ein Loch im Strumpf.‘ Aber nein, schon kommt das nächste Interview, in dem Klinsmann statt freundlich verspulter Argumente wieder nur Powerpoints präsentiert: ‚Wir haben eine Prioritätenliste, und da führen wir die Medienarbeit nicht in den Top 5.‘“
FAZ: Besprechung einer Berliner Ausstellung über Fußball und Fotografie
BLZ: Der Fußball-Weltreisende Otto Pfister will dem Nationalteam Togos neues Leben einhauchen
Welt: Fifa-Studie belegt: Testosteron treibt Spieler zum Heimsieg
FAZ: WM-Rasen – es darf längs oder quer gemäht werden
taz: Oliver Kahn liest Rilke – ein 3sat-Portrait
BLZ: Ein Porträtfilm über Oliver Kahn, in dem er behauptet, auch verlieren zu können
taz: Die Sammler von WM-Fußballbildchen plagt ein Problem: Nationaltorhüter Jens Lehmann fehlt im Album. Was nun? Die taz fragt bei Panini nach
FAZ: Bilanzfäschung? Schalker Ein-Euro-Geschäft beschäftigt Staatsanwalt
Am Grünen Tisch
Größter Datenabgleich der deutschen Geschichte
Daniel-Dylan Böhmer (FAS) berichtet von den Kopfschmerzen, die die WM den Datenschützern bereitet: „Ganz gleich, wie Deutschlands Kicker abschneiden – die WM ist jetzt schon ein historisches Unternehmen. Sie bringt den vermutlich größten Datenabgleich der deutschen Geschichte mit sich, so Datenschützer. Nach dem Sicherheitskonzept des Bundesinnenministeriums muß jeder Beteiligte, der während der Meisterschaft Zugang zu den Sicherheitsbereichen der Stadien erhält, vor seiner Akkreditierung eine ‚Zuverlässigkeitsüberprüfung‘ bestehen. Und weil sich diese Zonen zum Teil bis auf hundert Meter um die Arenen erstrecken, reicht auch der Radius der Prüfungen bis zu den Würstchenverkäufern vor den Stadiontoren. Etwa 250.000 Personen werden dieser Tage kontrolliert. Ihre Daten durchlaufen nahezu den gesamten Apparat deutscher Sicherheitsbehörden – die Landeskriminalämter, die Bundespolizei, den Verfassungsschutz im Bund und Ländern, den Bundesnachrichtendienst und das Bundeskriminalamt. Zwar sehen die Kriterien des Verfassungsschutzes vor, daß nur Gewalttäter nach Wiesbaden gemeldet werden, doch in der Praxis sei das ein dehnbarer Begriff, sagt Datenschützer Weichert: ‚Wenn Sie irgendwann, irgendwo mal an einer gewaltfreien Sitzblockade teilgenommen haben und registriert wurden, dann kann ich Ihnen versprechen, daß sie als politischer Gewalttäter beim Verfassungsschutz bekannt sind.‘ Die Bewertung der Information bleibe den Behörden frei überlassen. Doch ob diese Bedenken haben, das können auch Leute erfahren, die das eigentlich nichts angeht, wie Datenschützer mahnen. Aber große Arbeitgeber können die Akkreditierung auch pauschal für ihre Angestellten beantragen. Dafür muß ein Chef nur Listen mit Namen und Grunddaten wie Geburtstag und Wohnadresse einreichen. Er müsse, fürchtet Weichert, nicht einmal nachweisen, daß eine Person tatsächlich sein Angestellter ist. Theoretisch könne ein Würstchen-Manager auch seinen Nachbarn oder den Freund seiner Tochter durchleuchten lassen. Und was mag sich ein Arbeitgeber denken, der erfährt, daß einer seiner Mitarbeiter abgelehnt wurde?“
Mittwoch, 10. Mai 2006
Internationaler Fußball
Ihm hilft auch der richtige Pass nicht viel
Raphael Honigstei (FR) malt Middlesbroughs Coach Steven McClaren, Erikssons Nachfolger und immerhin Engländer, grau in grau: „Nein, ein Jubelsturm fegt nicht wirklich durchs Land. Da hilft auch der richtige Pass nicht viel. Er ist ein Mann, über den kaum jemand ein schlechtes Wort verliert, und kaum jemand ein richtig gutes. Obwohl er 1999 als Assistent von Alex Ferguson mit Manchester United die Champions League gewann, hielt sich Ferguson mit Lobpreisungen auffällig zurück. Und Derby-County-Trainer Jim Smith, der McClaren im Jahre 1995 als seine rechte Hand zu Derby County holte, hat ihn als ‚Trainer mit dem meisten Glück‘ bezeichnet. Trotz des sensationellen Einzugs ins Uefa-Pokal-Finale weint man ihm in Middlesbrough kaum eine Träne nach. McClaren hat den kleinen, vom schwerreichen Transportunternehmer Steve Gibson unterfütterten Verein im Nordosten vor fünf Spielzeiten auf dem 14. Platz übernommen, auf dem 14. Platz gibt er ihn wieder ab. Spieler für 80 Millionen Euro hat er ins Riverside Stadion geholt; ihre Qualität stand selten im Verhältnis zu den Kosten. Wer wissen wollte, warum es in der finanzstärksten Liga der Welt nicht mehr Spitzenvereine gibt, musste nur nach Middlesbrough schauen. Fast wäre McClaren diese Saison gefeuert worden, nach einem 0:7 (gegen Arsenal) und einem 0:4 (gegen Aston Villa) im Januar; ein erboster Boro-Fan bewarf ihn mit den Fetzen seiner zerrissenen Jahreskarte. Neben den schwachen Resultaten erzürnte die Anhänger seine beispiellose Defensivtaktik; kein englischer Trainer stellt vorsichtiger auf. Im Viertel- und Halbfinale des Uefa-Cups lag man gegen den FC Basel und Steaua Bukarest zu Hause zwei Mal mit vier Toren Rückstand hinten, bevor brachialer Kick-and-Rush die späte Rettung brachte. McClaren bekam wenig Anerkennung dafür. Die Spieler berichteten, der australische Stürmer Mark Viduka hätte in der Kabine eine flammende Rede gehalten.“
Zweite Wahl
Ulrich Friese (FAZ) bemängelt die Trainerfindung des englischen Verbands als Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner: „Was jetzt wie ein geschmeidiger, langfristig vorbereiteter Wechsel im Trainerstab aussieht, ist in Wahrheit nur die Kompromißlösung nach personalpolitischem Hick-Hack in der Chefetage der FA. Während McClaren lediglich bei Londons Buchmachern zu Höchstkursen gehandelt wurde, galt er verbandsintern bis zuletzt als ‚zweite Wahl‘. Statt dessen favorisierten die Mitglieder der Findungskommission internationale Größen wie Guus Hiddink und Luiz Felipe Scolari oder brachten beizeiten nationale Stars ins Spiel. Die Personalauslese der FA mißriet jedoch gründlich. Abgeschreckt durch starre, bürokratische Prozeduren beim Fußballverband oder durch aufdringliche Vertreter der Londoner Boulevardblätter sagten erst Hiddink, dann Scolari und jüngst auch Arsene Wenger ab. Bei den übrigen Kandidaten der FA scheiterte der Vertragsabschluß an finanziellen Konditionen oder es fehlte an der nötigen Stimmenmehrheit im fünfköpfigen Auswahlgremium. Übrig blieb schließlich McClaren, der mit einem frischem Vierjahresvertrag und einem Gehalt von drei Millionen Pfund pro Jahr zunächst als preiswerte Neuverpflichtung erscheint. Doch die Skepsis in Englands Fußballwelt überwiegt. (…) Die ganze Situation um McClaren erinnert stark an die Fußball-Verhältnisse in Deutschland, als Berti Vogts zum Nationaltrainer aufstieg. Auch ihm werden Kenntnisse nicht abgesprochen, aber der große Wurf nicht zugetraut.“
Relaunch
Roland Zorn (FAZ) beschreibt den holprigen Weg Javier Saviolas: „Nachfolger von Diego Armando Maradona – dieses gefährliche Etikett ist in den vergangenen Jahren eine Reihe von argentinischen Talenten nicht losgeworden. Was nämlich wie ein großes Versprechen klang, entpuppte sich immer als ein schnell geplatzter großer Luftballon. In Wirklichkeit hat es nicht einen wirklichen Erben des zickigen Superstars aus Buenos Aires gegeben. Javier Saviola schien in seinen ganz jungen Jahren mit einem Talent gesegnet, das Ruhm und Reichtum verhieß. Reich ist der inzwischen 24 Jahre alte Stürmer mit seiner filigranen Kunst und seiner Klasse am Ball geworden, doch dem weltweiten Ruhm jagt er noch immer hinterher. Immerhin: Saviola, wie Maradona aus Buenos Aires kommend, steht erstmals in einem europäischen Endspiel. Es ist aber ‚nur‘ das kleine Uefa-Cup-Finale gegen den englischen Provinzklub FC Middlesbrough, in dem Saviola glänzen kann. Eine Woche danach wird Saviola vielleicht neidvoll ins Stade de France schauen. Dort trifft der FC Arsenal zum großen Finale der Champions League auf Europas Übermannschaft, den FC Barcelona. Der Weltklub aus Katalonien hat auch Saviola bis 2007 unter Vertrag, benötigt dessen Dienste aber wohl nicht mehr.“ Die NZZ datet up: „Der FC Sevilla hielt in der europäischen Top-Liga mit den Tenören mit, und Saviola erlebte einen Relaunch der in Spanien nicht programmgemäss verlaufenen Karriere.“
NZZ: FC Sevilla runderneuert mit noch mehr Drive
Reicher Onkel
Austria Wiens Meisterblüte – die Frucht ihres Gärtners Frank Stronach. Auch die Saat der Versöhnung? Werner Pietsch (NZZ) beschreibt die Austria zwischen Freude und Resignation, Melancholie und Zuversicht: „Eine Mischung aus unbändiger Freude, gepaart mit Wehmut und etwas Ironie, hat die Meisterfeier von Austria Wien begleitet. Die Sekt-Laune konnte nicht darüber trösten, dass der Titelgewinn mit der Vertreibung des Wiener Traditionsklubs aus dem Fussball-Paradies zusammenfiel. Der Austria-Mäzen Stronach, der in den letzten acht Jahren knapp 200 Millionen Franken in die Austria investierte, hatte im November 2005 überraschend den Rückzug angekündigt. Den Versuch einer klubinternen Revolte gegen den ‚Big Spender‘ bestrafte er mit sofortigem Liebesentzug. Ab Sommer 2007 soll es vom austro-kanadischen Industriellen kein Geld mehr für die Wiener Veilchen geben. Vor wenigen Wochen waren wieder Hoffnungen im Wiener Traditionsklub gekeimt. Der Wiener Bürgermeister Michael Häupl, selbst bekennender Austrianer, konnte Stronach für den Bau eines neuen multifunktionalen Stadions im Süden von Wien gewinnen. Inzwischen erhielten hartnäckige Gerüchte wieder Nahrung, wonach sich Stronach von der Frohbotschaft des Meistertitels wieder umstimmen lasse. An Geld und hochtrabenden (Champions-League-)Plänen schien es im FK Austria in der Vergangenheit nie gemangelt zu haben. Doch der reiche Onkel Frank aus Übersee liess Fussball-Fachkräfte von zweifelhafter Kompetenz und Loyalität in Wien zu lange schalten und walten. Für Spieler, Trainer und vor allem für Spielervermittler wurde der Klub am Wiener Verteilerkreis bald zu einer der lukrativsten Adressen in Europa. Überraschende Besuche Stronachs in Wien waren regelmässig ein untrügliches Zeichen für einen abrupten Regimewechsel. Ein enormer Verschleiss an Spielern, Sportdirektoren und Trainern in immer kürzeren Abständen, aber ohne nennenswerte sportliche Erfolge war das Ergebnis.“
NZZ: Highbury-Ära ist Vergangenheit – letztes Spiel der Gunners im zu klein gewordenen Stadion
SZ: Wehmütig verabschiedet Real Madrid den scheuen Zinedine Zidane
FAZ: Fußball in Iran – Frauen müssen nun doch draußen bleiben
SZ-Interview: Mirko Slomka über Mängel im Schalker Spiel und Änderungen zur kommenden Saison
NZZ: Endlich wieder guter Fussball – Bayer Leverkusens Erfolg verdeckt klubinterne Probleme
Ball und Buchstabe
Bekehrt
Matthias Drobinski (SZ/Politik) schildert Behausung und Bevaterung des transzendental Obdachlosen Fußball: „Vorbei sind die Zeiten, als sich die Kirchen und der Fußball fremd und oft auch feindlich gegenüberstanden. Karl Barth, der große und strenge Theologe, zählte Fußball zu den ‚herrenlos gewordenen Erdgeistern‘; Pfarrer predigten gegen die familienzerstörende Unsitte des Spielbetriebs am Sonntag, und als Deutschland 1954 Weltmeister wurde, da schwiegen die Kirchenvertreter in damals seltener ökumenischer Eintracht. Der Schriftsteller und Pfarrerssohn Christian Friedrich Delius hat beschrieben, wie er an jenem Julisonntag als kleiner Junge mit roten Ohren vor dem Radioapparat im Amtszimmer seines Vaters saß und Herbert Zimmermanns Reportage lauschte, und wie für ihn der drohende Kreuzesgott seine Macht verlor, als Zimmermann nach einer Parade des Torhüters Turek ausrief: ‚Toni, du bist ein Fußballgott!‘ Das war damals die Front: Hier der Fußball-, dort der Christengott. Heute sind Kirchenchefs wie der hessen-nassauische Kirchenpräsident Peter Steinacker oder der rheinische Präses Nikolaus Schneider stolz darauf, einmal selber engagiert gekickt zu haben; Karl Lehmann, der Mainzer Kardinal und Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, trägt öffentlich den Mainz-05-Fanschal. Pfarrerauswahlen kämpfen um den Titel des deutschen Meisters; in Berlin spielten am Wochenende Pfarrer und Imame gegeneinander – und alles zusammen gegen Ausländerfeindlichkeit. Profifußballer, die öffentlich zu ihrem christlichen Glauben stehen, gelten mittlerweile als die besten Missionare für die Sache Jesu, selbst wenn sie manchmal nicht viel mehr zu erzählen wissen, als dass ihre Grätsche viel besser geworden ist, seit sie sich bekehrt haben. Selbst Papst Benedikt XVI., persönlich solchen Leibesübungen eher fern stehend, wird nun fleißig mit einem Satz zitiert, den er 1978 als Erzbischof von München, zur WM in Argentinien sagte: Ein Fußballspiel sei ‚eine Art versuchte Heimkehr ins Paradies, das Heraustreten aus dem versklavten Ernst des Alltags in den freien Ernst dessen, was nicht sein muss – und gerade darum schön ist‘. (…) Zahlreiche Theologen haben inzwischen in noch zahlreicheren Abhandlungen christliche Riten und Fan-Kulturen verglichen, Stadion- und Messgesänge, Heiligenverehrung und Fankult. Die eifrigsten unter ihnen vergessen manchmal die Unterschiede zwischen echter und gespielter Religion. Andere bemerken mit leisem Neid die unglaubliche Popularität der Sportart, der kein Skandal verringern kann. Doch auch die knochigsten Kirchenleute haben inzwischen eingesehen: Am Fußball kommt niemand vorbei. Entsprechend engagieren sich die Kirchen wie noch nie bei einer Weltmeisterschaft.“
Mittellärm
Die Übergabe der Meisterschale – Drecksarbeit für Funktionäre und Steilpaß für die Gag-Autoren der Süddeutschen. Eine virtuelle Pegelmessung des Pfeifometers von Christian Zaschke (SZ): „Er wird von über 60.000 Menschen ausgepfiffen, ohne dass er etwas Schlimmes getan hat. Im Gegenteil: Die Pfiffe werden einsetzen bei der feierlichen Verkündung, dass nun der Präsident der DFL, Werner Hackmann, die Meisterschale an den FC Bayern München übergibt. Wenn Funktionäre Dinge übergeben, dann wird gepfiffen, das ist so Brauch. Innerhalb des Brauchs haben die Fans durchaus Gespür. Wenn DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder sich anschickt, was auch immer zu übergeben, erreicht der Lärmpegel größte Höhen. Beim ehemaligen DFB-Präsidenten Egidius Braun war das Pfeifen stets so leise, dass man es kaum hörte. Hackmann erreicht einen soliden Mittellärm. Kurz gab es die Überlegung, dass Jürgen Klinsmann die Meisterschale an den Kapitän des FC Bayern übergibt: an Oliver Kahn, den er zur Nummer zwei gemacht hat. In München. Das Pfeifkonzert wäre so laut gewesen, als hätte Gerhard Mayer-Vorfelder entschieden, die Schale nicht zu übergeben, sondern zu behalten. Die Überlegung wurde schnell verworfen.“
Deshalb
Plausibel und einleuchtend! Wer ist schuld an Wayne Rooneys und Michael Owens Fußbrüchen? Ralf Sotschek (taz) erweitert englische Erklärungs-, Verklärungs- und Verschwörungstheorien: „Football365 weiß, wer schuld ist: Margaret Thatcher. Während ihrer Amtszeit als Premierministerin hat sie die kostenlose Milchration in britischen Schulen abgeschafft, und seitdem haben die Kinder spröde Knochen. Man könnte natürlich auch Zar Nikolaus II. die Schuld geben: Er ließ 1905 das Feuer auf demonstrierende Bauern eröffnen, was schließlich zur Revolution und zur Gründung der Sowjetunion führte. Deren Rüstungswettlauf mit den USA ruinierte die sowjetische Wirtschaft, weshalb Boris Jelzin Staatseigentum privatisieren musste. Das wiederum machte einige Leute steinreich, darunter Roman Abramowitsch, der sich den FC Chelsea kaufte. Weil dieser Club nun so stark ist, konnte Manchester United dem angeschlagenen Rooney keine Ruhepause gönnen. Deshalb brach er sich im Spiel gegen Chelsea den Fuß. Und deshalb wird England nicht Weltmeister.“
FAZ: Arena-TV vor seiner ersten Bundesliga-Saison – näher am Spiel
WM 2006
Logik?
Peter Heß (FAZ) reißt die Augen auf, als er von Englands WM-Kader erfährt und landet ein paar Seitenhiebe gegen Jürgen Klinsmann: „Was haben wir in Deutschland doch für ein Glück mit unserem Bundestrainer! Das müssen spätestens seit Montag selbst diejenigen zugeben, die Klinsmann nicht als mutigen Innovator des deutschen Fußballs schätzen, sondern für einen in kalifornischer Sonne gebräunten Scharlatan halten. Amerikanische Fitnessgurus, die in Gummitwist vernarrt sind? Na klar doch! Einen aufgeplusterten Betreuerstab, für den ein zweiter Mannschaftsbus geordert werden muß? Selbstverständlich! Den besten Dortmunder Verteidiger, Christian Wörns, aussortieren und dafür dem Dortmunder Bankdrücker Christoph Metzelder vertrauen? Aber sicher! All das erscheint als Ausbund an Logik im Vergleich zum WM-Aufgebot, das sich Sven-Göran Eriksson ausgedacht hat. Nicht nur, daß er Wayne Rooney nominierte, dessen Fußbruch kaum vor dem Viertelfinale auskuriert sein dürfte, vielleicht aber auch erst nach dem Finale. Nein, er verzichtete auch noch freiwillig auf den besten englischen Torschützen der Premier League, auf Darren Bent. Dafür holte Eriksson Theo Walcott ins Team. Das große Sturmtalent von Arsenal ist 17 Jahre alt und verfügt über die Erfahrung von null Erstligaspielen und zwei Einsätzen in der Reservemannschaft. (…) In England fallen die Reaktionen verhältnismäßig flau aus.“
Ein schönes Klinsmann-Comic von Christoph Härringer
Kulturimperialismus
Der Bierdurst der Stadionbesucher – ein Politikum, im Detail reglementiert. Immerhin ist nun alkoholhaltiges Bier zugelassen, wenn auch erst mal nur in den Gruppenspielen. Und nur ein Liter pro Kopf. Wolfgang Hettfleisch (FR) haut nachdenklich auf die Theke: „Es nennt sich ‚Bud‘, kommt aus den USA und wird aus Reispampe zubereitet – igitt! Weil der durchschnittliche US-Amerikaner sich ums deutsche Reinheitsgebot nicht schert, schüttet er das zweifelhafte Gebräu begeistert hinunter. Gleiches wird von den Besuchern der WM-Spiele am Bier-Standort Deutschland erwartet. Die einen sagen, das sei Kulturimperialismus, die anderen, es sei die Fifa – was ja auf dasselbe rausläuft. (…) Jedenfalls dürfen sich auch Engländer, die diesbezüglich gelegentlich Sorge bekundeten, beim Spielbesuch einen einschenken. Das Risiko gilt als beherrschbar, was am Kleingedruckten im Schluckkontrakt liegen könnte: Die maximale Abgabemenge pro Schlund beträgt einen Liter. Wie will man das bloß prüfen? Mit Atemtests? Schoppen-Stempel im Pass? Und wer, bitte schön, verklickert das einer Horde durstiger Engländer?“
FAZ: Fußballfans dürfen in bei der WM „echtes“ Bier trinken; harte Strafen für „Flitzer“
Tsp: Wie die WM-Planer alle Plätze besetzen wollen
Welt: DFB kritisiert die Schiedsrichterwahl der Fifa
FAZ: Portrait und Fotostrecke Franz Beckenbauer
NZZ-Portrait des brasilianischen Torhüters Dida
faz.net: Video – WM und Prostitution
Ascheplatz
System stürzt von oben ein
Folgen des Moggi-Skandals – Paul Kreiner (Tsp) kommentiert den Rücktritt des italienischen Verbandspräsidenten Franco Carraro vor dem Hintergrund der Wahlniederlage Silvio Berlusconis: „Es ist, als bräche mit der Regierung von Minister- und Milan-Präsident Berlusconi auch der italienische Profifußball zusammen. Und manche sagen, das komme nicht von ungefähr. Hat nicht die Regierung ihre schützende Hand über die beiden Spitzenligen gehalten, als sich Vereine dort mit gefälschten Bürgschaften den Klassenerhalt sicherten? Hat sie nicht, in trautem Einvernehmen mit dem von Carraro geführten Fußballverband, Gesetze und Spielpläne geändert, um die Halblegalitäten der Vereine zu legitimieren und sich das Wohlwollen der Tifosi zu erkaufen? Und hat Berlusconis TV-Konzern Mediaset nicht die immer gleichen Spitzenvereine auf Kosten der kleineren mit aberwitzigen Zuwendungen für die TV-Rechte korrumpiert? Jetzt, da Berlusconi aus dem Amt gewählt ist, stürzt dieses System ein. Und zwar von oben.“
NZZ: Götterdämmerung im Calcio – Italiens Verbandsboss Carraro demissioniert wegen des Moggi-Skandals
BLZ: Franco Carraro, der Präsident des italienischen Fußballverbandes, ist zurückgetreten
SZ: Kann man einen Fußballklub einfach zum Familienunternehmen erklären und wie einen Waschmittel-Hersteller führen? Wie das gehen könnte, demonstriert derzeit der US-Milliardär Malcolm Glazer in Manchester
Dienstag, 9. Mai 2006
Ball und Buchstabe
Lebenslügen
Hans Leyendecker (SZ/Medien) kritisiert werbende Journalisten der öffentlich-rechtlichen Sender: „Über Moral und Regeln im Journalismus halten die Intendanten der ARD und des ZDF kluge Vorträge – und nach handfesten Skandalen um Schleichwerbung im gebührenfinanzierten Programm haben sie auch allerlei Gebote und Verbote neu formuliert. Spätestens aber in diesen Tagen dämmert den Hierarchen, dass zwischen Anspruch und Wirklichkeit Riesen-Unterschiede bestehen. Zwei der bekanntesten Gesichter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die Moderatoren Reinhold Beckmann und Johannes B. Kerner fielen auf, weil sie Grenzen zwischen Journalismus und Werbung verwischten oder sich für riskante Aktienabenteuer einspannen ließen. Beckmann und Kerner – beide arbeiteten einst bei ran und sind heute freie, fürstlich bezahlte Unternehmer-Moderatoren, die aber vom Publikum wie selbstverständlich den jeweiligen öffentlichen Sendern zugerechnet werden. (…) Die Zeichen der neuen Zeit sind eindeutig: TV-Größen wie Thomas Gottschalk, Günther Jauch, Harald Schmidt oder Beckmann und Kerner inszenieren ihre Auftritte auf eigene Rechnung mit eigenen Firmen und sind für Werbung attraktiv. Mancher von ihnen, auch Beckmann, spendet einige Sonder-Einkünfte für gemeinnützige Zwecke – fürs Publikum aber ist der Journalist nicht von der Werbefigur zu unterscheiden. So wird der öffentlich-rechtliche Rundfunk von Lebenslügen geplagt. Die Sender gehen einerseits gegen Schleichwerbung an – andererseits aber kassierte NDR-Sportchef und Hauptabteilungsleiter Gerhard Delling den Großteil seines außertariflichen Gehalts von einer ARD-Werbetochter. Und im WM-Jahr wird Fußball-Unternehmer Günter Netzer wie gehabt im ARD-Studio als Chefanalyst auftreten, während beim ZDF die Werbe-Ikone Franz Beckenbauer wenig auslässt.“
Handlanger
Andreas Platthaus (FAZ/Feuilleton) ärgert sich über das Günter-Netzer-Portrait der ARD: „Einfallsreich ist nichts in dieser Sendung. Darf man denn wenigstens einen kritischen Umgang mit ihrem Gegenstand erwarten, etwa betreffs Netzers Rolle als Übertragungsrechtehändler im Dienste der Fifa? Natürlich nicht, außer daß Gerhard Delling zu Wort kommt, der seinen Ko-Kommentator als ‚total ehrlich‘ beschreibt, weil dieser auch an Spielen, deren Ausstrahlung die eigene Firma vermittelt habe, herumgekrittelt habe. Für wie naiv hält man uns eigentlich? Solche Kritik hat doch nichts anderes zum Ziel, als die Spieler zu besseren Leistungen anzuspornen, auf daß später guten Gewissens wieder ähnlich viel Geld oder gar mehr für die Übertragungsrechte zu erzielen ist. Netzers Geschäftstalent brachte ihn dazu, schon als Spieler eine Versicherungsagentur zu gründen. Heute beschreibt er es als sein größtes Talent, Arbeit delegieren zu können. Die ihm gewidmete ‚Legenden‘-Folge ist der beste Beweis dafür. Wozu selbst am Mythos arbeiten, wenn es dazu Handlanger gibt?“
FR: eine anregende Ausstellung über die Geschichte der Fußballreportage in Frankfurt
FR: Die WM als Straßenfeger – bei den deutschen Spielen werden die Einschaltquoten-Rekorde wackeln
Vorbehalte
Frankreichs Weltmeistertitel 1998 wurde als Symbol der gelungenen Integration überhöht – Johannes Wilms (SZ/Feuilleton) über eine Illusion: „Die Euphorie, die sich vor allem mit dem eingängigen Slogan ‚Black-Blanc-Beur‘ verband, der die Nationalfarben Frankreichs mit der Hautfarbe der Spieler in der Fußballnationalmannschaft in Einklang zu bringen suchte, hat den Triumph im WM-Finale von 1998 nicht lange überdauert. Erst unlängst erklärte Jean Tigana, er sei wegen seiner schwarzen Hautfarbe 2004 nicht für den Posten des Nationaltrainers nominiert worden, weil es schon genug ‚Dunkelhäutige‘ in der Mannschaft gebe. Die ‚Beurs‘, die Kinder von Einwanderern aus den Maghrebstaaten, werden ebenso wie die ‚Noirs‘, die Franzosen mit dunklem Teint, von ihren weißen Mitbürgern kaum als ‚Brüder‘ angesehen. ‚Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit‘ ist dessen ungeachtet das heilige Motto der V. Republik, doch die gesellschaftliche Wirklichkeit Frankreichs widerspricht ihm entschieden. (…) Politik und Gesetzgebung vermögen nur sehr bedingt in der Gesellschaft herrschende Vorbehalte zu verändern. Wie stark diese Vorurteile und Abneigungen gegenüber ‚Noirs‘ und ‚Beurs‘ ausgeprägt sind, wird nach wie vor unwiderleglich dadurch belegt, dass diese Dunkelhäutigen, vom Fußball im besonderen und vom Sport im allgemeinen abgesehen, in öffentlichen Funktionen, ja selbst in der öffentlichen Wahrnehmung in Frankreich im Verhältnis zu ihrem Anteil an der Bevölkerung weit unterrepräsentiert sind.“
NZZ: WM-Vorschau – eine neue Verschmelzung zwischen Portugal und Angola auf dem Spielfeld
Unterhaus
Sie macht, was sie will
Christof Kneer (SZ) belegt exemplarisch die Unberechenbarkeit der zweiten Liga, in der nun vier Teams um den Aufstieg kämpfen: „Christian Weber hat ein Problem: Er muss in dieser Woche eine Entscheidung treffen, die unentscheidbar ist. Er muss entscheiden, ob er das Angebot des künftigen Zweitligisten Duisburg annimmt oder ob er beim aktuellen Zweitligisten Fürth bleibt, wobei niemand wissen kann, ob Fürth nicht vielleicht ein künftiger Erstligist ist. Sie macht es einem wirklich nicht leicht, die zweite Liga. Diese Liga ist unehrlich und link, wie Christian Wörns wahrscheinlich sagen würde, sie hat schon eine Menge Webers auf dem Gewissen. Es gehört fast schon zur Folkore, dass die Liga am Ende der Saison einige Profis in den Wahnsinn treibt. Die Webers der Vorsaison hießen Pavel Drsek oder Torben Hoffmann. Der Weber der Vor-Vor-Saison hieß Michael Thurk, sie alle haben sich von dieser Liga überlisten lassen. Drsek verließ Duisburg und ging nach Bochum, worauf Duisburg aufstieg und Bochum ab. Hoffmann verließ Frankfurt und ging zum TSV 1860, worauf Frankfurt aufstieg und der TSV 1860 nicht. Und ein Jahr zuvor hat der arme Thurk am letzten Zweitliga-Spieltag sogar zwei Tore zum Mainzer Aufstieg beigetragen, womit er Cottbus den Aufstieg vermasselte. Und dann ist er wie verabredet nach Cottbus gewechselt. An den Einzelschicksalen lässt sich am besten erklären, warum diese Liga so gefürchtet ist. Die zweite Liga macht, was sie will, und wer jetzt den vorletzten Spieltag verfolgt hat, der ahnt, dass die Liga schon wieder an ein paar Grausamkeiten arbeitet. Es ist wieder angerichtet.“
taz: 1860 München ist finanziell kaum noch handlungsfähig
Ascheplatz
Besatzungsmacht
Ein weiterer Kommentar über den Regulierungswahn der Fifa – Christian Kortmann (taz/Kultur) moniert die Geldfixiertheit der Fifa und die Praxis des „Volunteerings“: „Erlebt man das Großereignis als Einwohner des Gastgeberlandes, so schrumpft die Substanz hinter dem schönen Schein auf fragwürdige Geschäftemacherei unter dem Deckmantel des Weltvolkssports Fußball zusammen. Am Ort sieht man nämlich auch die hässliche Kehrseite der WM-Inszenierung und erlebt, wie sehr sich Sport und Gesellschaft den Wünschen der Wirtschaft beugen. So wirkt die WM wie das Szenario einer Dystopie, einer negativen Utopie, denn die Vermarktungsstrategie der Fifa hat einen totalitären Charakter, den man bisher nur aus den beklemmenden literarischen Zukunftsvisionen von Aldous Huxley, H. G. Wells oder George Orwell kannte. Große Bereiche des öffentlichen Lebens in Deutschland werden im Sommer den Regeln einer Besatzungsmacht folgen, die im Namen des Fußballs demokratische Grundrechte in Frage stellt: Die Fifa ist ein globales Kartell von Machtverflechtungen und Abhängigkeiten, das sich in jedem WM-Jahr in einem anderen Land materialisiert – und jedes Mal in expansiverer Form. Es setzt an den Spielorten ein Regime von Law and Order in Kraft, das den offiziellen Sponsoren Exklusivität zusichert und bereit ist, diese rigoros durchzusetzen (…) Als Sportfreund will man sich von der WM abwenden, weil sie sich allein der Gewinnmaximierung verschrieben hat: Ein Plus von 1,6 Milliarden Euro wird angepeilt. Die WM offenbart also, was sie wirklich ist: ein mit ökonomischen Partikularinteressen überladenes Mega-Logo, das skrupellos ausgebeutet wird. Angesichts dieses enthemmten Merkantilismus ist es ein Hohn, dass die Fifa weltweit 15.000 freiwillige, überwiegend jugendliche Helfer für die WM rekrutieren konnte, so genannte Volunteers, was schicker klingt als ‚unbezahlte Hilfsarbeiter‘. Mit Benefiz hat deren zweifelhaftes Ehrenamt im Dienst des Kapitals nichts zu tun. Da könnten sie genauso gut gratis bei der Deutschen Bank putzen gehen. Sogar Kulturinstitutionen an den Spielorten scheuen sich nicht, über den Köder WM Freiwillige ohne Honorar für sich schuften zu lassen: In München sucht man in André Hellers Auftrag ‚60 Frauen mit schauspielerischem Talent und 40 Männer für Bühnenumbauten‘ für die Eröffnungsfeier. Das Eröffnungsspiel dürfen die 100 Freiwilligen nach getaner Arbeit selbstverständlich nicht anschauen. Die hoch motivierte, kosten- und anspruchslose Arbeitskraft: Im WM-Jahr wird dieser Unternehmertraum wahr!“
Optimale Erlösquelle
Klaus Ott (SZ) kommentiert die Scheu einiger Politiker, geschenkte VIP-Tickets anzunehmen: „Es rächt sich die Geschäftspolitik von Blatters Fifa, die das Großereignis WM offenbar nur als ihr optimales Produkt betrachtet; und Vip-Tickets als optimale Erlösquelle bei den Besuchern. Mehr als 170 Millionen Euro hat die Fifa dafür kassiert. An die Grenzen der Vermarktung zu denken, das ist Blatters Sache nicht. Jetzt sind Politiker und Geschäftsleute verunsichert und schlagen reihenweise Einladungen aus, darunter auch solche, die unanstößig wären. Im schlimmsten Fall bleiben Tausende von Sitzen leer, obwohl Millionen Anhänger vergeblich versucht haben, das zu tun, was eigentlich normal ist: Karten zu kaufen.“
SZ: Rund 350.000 Vip-Tickets wurden reserviert, damit Unternehmen ihre Kunden einladen können. Auch die 21 WM-Sponsoren haben größere Kartenkontingente erhalten. Auf denen könnten die Firmen jetzt sitzenbleiben. Denn die Staatsanwaltschaft sieht darin „unlautere Bevorzugung“
BLZ: Stell dir vor, es ist Fußball, und keiner geht hin!
FAZ: Die WM als Geschäft – die Werbebranche, der Einzelhandel, die Gastronomie und die Tourismuswirtschaft kommen zunehmend in Fußball-Laune, denn auch der Verbraucher scheint mitzuspielen
Media Markt wirbt aggressiv mit WM-Rabatten; die Bild am Sonntag hat mal nachgerechnet
FAZ: Luciano Moggis Machenschaften will auch Juventus nicht mehr mitmachen
Welt-Interview: Aufsichtsratschef Dieter Hundt über die verkorkste Saison des VfB Stuttgart, seine Wiederwahl und den neuen Vertrag für Präsident Erwin Staudt
Deutsche Elf
Der Generationswechsel ist vollzogen
Jürgen Klinsmann im Spiegel-Interview
Spiegel: Zuletzt haben Sie eine Besuchstour durch die deutsche Presselandschaft unternommen, bei der Oliver Bierhoff in einem Referat die Errungenschaften Ihrer Dienstzeit als Bundestrainer vortrug. Was versprechen Sie sich davon?
Klinsmann: Es war Olivers Idee, noch einmal zu verdeutlichen, warum wir gewisse Schritte unternommen haben und welcher Zielrichtung alles untergeordnet ist. Wenn die WM-Vorbereitung begonnen hat, wird das kaum noch möglich sein, da müssen wir alle Energie in die Arbeit mit der Mannschaft legen. Wir Trainer haben eine Prioritätenliste, und da führen wir die Medienarbeit nicht in den Top 5.
Spiegel: Als Sie nach dem 4:1 gegen die USA die Medien rügten, wirkten Sie beinahe resigniert. Fühlen Sie sich jetzt besser?
Klinsmann: Resigniert war ich nicht. Ich war angriffslustig. Nach einem einzigen Negativergebnis, dem 1:4 in Italien, hatte man alles in Frage gestellt, was wir in neunzehn Monaten geleistet hatten. Vielen Kommentaren von ehemaligen Fußballern, sogenannten Experten oder Journalisten fehlt der Weitblick zu erkennen, wo wir zum WM-Auftakt stehen wollen.
Spiegel: Zuletzt wurden Sie von drei Leuten als link bezeichnet: vom ausgebooteten Nationalspieler Christian Wörns, vom freigestellten Torwarttrainer Sepp Maier und von Bayern-Coach Felix Magath in Bezug auf die Torwartfrage. Trifft Sie das?
Klinsmann: Ich versuche mal, mich in die jeweils andere Person hineinzudenken. Dann muss ich sagen: Die Äußerungen zeigen, dass sie nicht damit umgehen können, wenn eine Entscheidung nicht in ihrem Sinne getroffen wird. Weil sie es einfach nicht akzeptieren können und aus ihrem Frust heraus Begriffe wählen, die haltlos sind und bösartig. Aber es ist ein allgemeiner Trend, Druck zu machen, um Einfluss auf die Entscheidungsprozesse zu bekommen.
Spiegel: Wen meinen Sie?
Klinsmann: Die sogenannten Experten etwa. Mein Paradebeispiel ist der Bundesliga-Gipfel mit Clubvertretern im Oktober. Es ging ihnen um die Torwartfrage, um den Stamm der Mannschaft und den Wohnsitz des Bundestrainers. Man wollte also Entscheidungen in Fragen beeinflussen, bei denen man nicht einmal den eigenen Vereinstrainern hineinreden würde. Wenn sich der Nationaltrainer Entscheidungen von außen aufdrängen lässt, hat er vor der Mannschaft verloren.
Spiegel: Sind Sie noch derselbe Trainer wie bei Ihrem Einstand im August 2004?
Klinsmann: Vom Wissen her bin ich sehr viel weiter. Ich habe am Anfang immer betont, dass ich keine Trainererfahrung habe, aber eine Deadline: den 9. Juni.
Spiegel: Was macht die heutige Spielergeneration aus?
Klinsmann: Die junge Generation hat eine andere Neugier, ist mehr visuell geprägt. Wir Trainer müssen lernen, darauf einzugehen: Wen erreiche ich wie am besten – durch ein Gespräch, durch Videoanalysen? Und in welcher Tonart? Dafür brauchen wir selbst Trainer. Der Sportpsychologe coacht auch mich. (…)
Spiegel: Sie haben offensives, risikobereites Spiel und einen Generationswechsel annonciert. Doch seit dem Herbst wirkt die Mannschaft ängstlich, spielt taktisch mit so vielen Absicherungen wie vor Ihrer Zeit, und nun planen Sie, mit Jens Nowotny auch noch den Abwehrchef der Erich-Ribbeck-Ära zurückzuholen. Manche Leute halten das für einen Etikettenschwindel.
Klinsmann: Ich halte es für legitim, wenn es konträre Meinungen gibt. Aber ich glaube, dass der Generationswechsel vollzogen ist und es jetzt darum geht, eine richtige Mischung aus Erfahrung und Jugend zusammenzubasteln. Wer bringt die höchste Qualität für die Gruppe? Da geht es nicht darum, ob das ein 36-Jähriger ist oder ein 20-Jähriger. (…) Das Spiel ohne Ball ist der Schlüssel zum Ganzen. Das sehen wir kaum mehr in der Bundesliga. Die Champions League demonstriert uns, wie es funktioniert.
Spiegel: Sie meinen, die internationalen Stars laufen mehr?
Klinsmann: Ja. Spieler, die uns technisch überlegen sind, arbeiten mehr. Sie denken mehr voraus und laufen mehr voraus. Ich finde es faszinierend, wie Ronaldinho Pässe spielt, bei denen er tausendprozentig nicht sehen kann, ob da jetzt einer mitgelaufen ist oder nicht.
Spiegel: Was genau wäre ein positives, was ein negatives Turnierergebnis?
Klinsmann: Ich lege mich da gar nicht fest. Für mich ist der Maßstab, wie sich die Mannschaft von Spiel zu Spiel präsentiert. Ich weiß sehr wohl, dass wir 1990 im Achtelfinale gegen Holland nach 20 Minuten 0:3 hätten hinten liegen müssen. Gegen die Tschechen haben wir dann mit einem Elfmetertor gewonnen, gegen England konnten wir im Elfmeterschießen rausfliegen. Wir haben uns durchgewürgt, genauso wie sich die 74er Weltmeister durch ihr Turnier hindurchgewürgt haben.
Spiegel: Ist am Ende alles Glückssache?
Klinsmann: Man sollte nicht immer erzählen, dass früher alles super war und nie ein Fehlpass gespielt wurde. Und ich weiß auch, dass wir 1994 besser waren als Brasilien – und uns das Ding selbst kaputtgemacht haben innerhalb von ein paar Minuten gegen Bulgarien. 1994 Weltmeister zu werden war zigmal einfacher als 1990. Wenn man als Spieler später zurückblickt und sagt, das war 2006 das Maximum, das ich leisten konnte, dann hat man ein sauberes Gewissen.
FAZ: Fitness-Test – Joachim Löw verteilt gute Noten in der sportlichen Pisa-Studie
ard.de: Was in England und Frankreich längst gang und gäbe ist, macht sich nun auch Jürgen Klinsmann zu Nutze: die Gegneranalyse. Im Auftrag des Bundestrainers nehmen Kölner Studenten die WM-Kontrahenten ganz genau unter die Lupe