indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Freitag, 17. März 2006

Deutsche Elf

Dissens

Nach dem „Friedensgipfel“ bei Angela Merkel – entgegen dem Schein und entgegen anderslautender Schlagzeilen geht Ludger Schulze (SZ) weiter von verschiedenen Auffassungen zwischen Jürgen Klinsmann und Franz Beckenbauer aus: „Das wie festgetackerte Lächeln der beiden Herren lässt nur den Schluss zu, dass es nichts wird mit dem Frieden, den die erste Politikerin des Landes auszurufen gedachte. Stabil ist nach wie vor nur der Dissens, der sich in unvereinbaren Standpunkten in der Standortfrage äußert. Nach wie vor trennen die beiden Welten, oder besser: rund zehntausend Kilometer. Und das ist gravierender als nur eine Meinungsverschiedenheit. Beckenbauer in Fachfragen gegen sich zu haben, ist aus drei Gründen nicht ratsam: einmal, weil Franz Beckenbauer im Laufe der Jahre von der Öffentlichkeit zu einer Art letzter Instanz des Fußballs gemacht worden ist, zu einem Cäsaren, der das Imperium durch Heben oder Senken des Daumens regiert. Zum anderen hat Beckenbauer in der Bild-Zeitung ein massenkompatibles Forum, das jedem, aber auch jedem seiner Gedanken publizistische Wucht verleiht. Und drittens das Wichtigste: Als Chef-Organisator betrachtet Beckenbauer die Weltmeisterschaft als letzten und entscheidenden Pinselstrich an einem von Erfolg durchwirkten Lebenswerk. Sollte sich seine Befürchtung verdichten, dass ein misslungener Turnierauftritt der sportlichen Abteilung ihm die Pointe versaut, wird Klinsmann dafür büßen müssen. (…) Geht auch das Spiel gegen die USA in die Binsen, müsste statt Angela Merkel schon Kofi Annan zum Friedensgipfel rufen.“

Nebenaußenminister

„Angela Merkel stellt sich hinter Klinsmann und lässt Beckenbauer ein wenig alt aussehen“, schreibt Peter Ehrlich (FTD): „Der Bundestrainer sparte auch im Kanzleramt nicht mit Kritik an seinen Vorgängern. Nach 1990 seien die Weichen im deutschen Fußball falsch gestellt worden, monierte Klinsmann. Theo Zwanziger sekundierte, damals hätten die Vereine zu viele zweit- und drittklassige Spieler vor allem aus Osteuropa eingekauft. Ob Franz Beckenbauer als Dauer-Spitzenfunktionär dazu einen Kommentar abgegeben hat, ist nicht überliefert. Seine Äußerungen seien ‚eher philosophisch‘ gewesen. Bei seinem Auftritt vor der Presse hatte sich der ‚Kaiser‘ selbst als Nebenaußenminister der Republik stilisiert. (…) Beckenbauer sollte nach Ansicht anderer Mitglieder des im Kanzleramt eingeladenen WM-Organisationskomitees mit dem Thema Auslandswohnsitz etwas vorsichtiger umgehen. Jedenfalls kam die Sprache darauf, dass Beckenbauer seine Steuern am Wohnsitz Österreich zahlt. Die Frage, wo er denn wohl wählen geht, konnte Beckenbauer offenbar nicht richtig beantworten. Merkel klärte ihn darüber auf, dass er als EU-Bürger das Recht hat, an den österreichischen Kommunalwahlen teilzunehmen.“ Sven Goldmann (Tsp) fügt an: „Die Kanzlerin ist keine ausgewiesene Fachfrau, aber sie hat Klinsmann eines voraus: Sie weiß, wie man einen Bayern wegbeißt. (…) Wer die Machtverhältnisse im Kanzleramt nicht kennt, könnte leicht auf die Idee kommen, der Herr mit dem grauen Haar sei hier der Gastgeber. Mit der ihm eigenen Souveränität plaudert Beckenbauer über Gott und die Welt, selbstverständlich ohne Manuskript und wahrscheinlich ohne Vorbereitung. Bei seinem letzten Besuch im Kanzleramt ist ihm Außenminister Frank-Walter Steinmeier über den Weg gelaufen, ‚da hab’ ich ihm zugerufen: Hallo, Herr Kollege!‘ Eine Reaktion von Steinmeier ist nicht überliefert. Wahrscheinlich hat er brav zurückgegrüßt.“

Angela Merkels erster Auftritt von nationaler Bedeutung

Nico Fried (SZ/Seite 3) lenkt den Blick auf Merkel: „Diesen Termin hatte das Kanzleramt zu Anfang unterschätzt wie einen angeschnittenen Freistoß, bei dem sich der Ball plötzlich gefährlich aufs Tor zudreht. Nur einige Fotografen und Kameraleute waren ursprünglich vorgesehen. Dann aber wollten die Anmeldungen kein Ende nehmen. Und so entschloss man sich, den Termin aus dem beengten siebten Stock in die geräumige Lobby zu verlegen, vor jene blaue Wand mit dem Bundesadler, an der sonst höchste Staatsgäste empfangen werden. Fußball-Gipfel in Berlin. Kaiser, Klinsi, Kanzlerin. Angela Merkels erster Auftritt von nationaler Bedeutung. Schon eine Stunde vor dem Ereignis standen die Journalisten an der Pforte des Kanzleramts, n-tv übertrug live. Das österreichische Fernsehen schickte ein Kamerateam, das japanische auch. Und als es endlich so weit war, beugte sich auch Merkel süffisant dem Erwartungsdruck: Sie habe viel mit Politik und Reformen zu tun, aber dies alles sei ‚natürlich nichts im Vergleich zu dem, womit wir uns heute Abend beschäftigen‘. Merkel und der Fußball, das ist nach der großen Koalition mit der SPD die zweite Zwangszusammenführung, die sich die Kanzlerin wohl lieber erspart hätte.“ Michael Reinsch (FAZ) tut ihre Ausgeglichenheit gut: „Angela Merkel behauptete, sie werde kein Machtwort in der Torwartfrage sprechen, sich nicht einmischen in die Diskussion um Viererkette und Mittelfeld-Raute. Fußball war lange ironiefrei. Hätte Angela Merkel den neuen, allzu aufgeregt klingenden Tenor des WM-Fiebers treffen wollen, sie hätte genau das Gegenteil sagen müssen. Denn nahezu ohne Übergang ist der Fußball in der Absurdität angekommen.“

SZ: Wettaffäre – Gerücht um Bastian Schweinsteiger und andere Münchner Fußballprofis
Tsp: Die Liebe zu Glücksspiel und Wetten ist so alt wie die chinesische Kultur, das größte Volk der Erde ist auch das wettfreudigste und stellt oft die Hintermänner für Skandale in Europa
Tsp: Verdächtigte, Verfolgte und Verhöre: In Belgien ist Realität, was Deutschland bevorstehen könnte

McKlinsey im Herbergerland

Rüdiger Barth und Bernd Volland (Stern) schauen zurück auf eineinhalb Jahre Klinsmann und Deutschland – und eineinhalb Jahre Entfremdung: „Er kam über den deutschen Fußball wie ein Unternehmensberater über einen Sanierungsfall – McKlinsey im Herbergerland. (…) Klinsmanns Konzept roch für manche Deutsche nach Ferndiagnosen und Klugscheißerei. Dieser Klinsmann, meinten sie zu spüren, ist keiner von uns, er ist zu amerikanisch. Und dann kam er auch noch mit Fitnesstrainern und einem Psychocoach an, in den USA sei das Standard. Aber warum sollten wir von Amerika lernen? Im Fußball, wir, das Herbergerland, sieben WM-Endspiele, drei Titel? Die Seele dieser Nation ist natürlich schizophren. Die Deutschen behaupten gern, keinen Ergebniskick sehen zu wollen, Querpass, Rückpass. Nun also Risiko. Doch wehe, es geht schief. Sofort fordern sie Blut, Schweiß und Grätschen. Im Scheitern sind die Deutschen schwach. (…) Er hat sich Feinde gemacht, im Lauf der Monate. Und kaum Verbündete gewonnen, das ist der Preis des Lonesome Cowboy.“

Speerspitze

Marko Schumacher (StZ) beanstandet den Mißmut in der nationalen Klinsmann-Debatte: „Einen Aufschwung hat sich Deutschland von der WM erhofft, was die Wirtschaft betrifft und das Lebensgefühl sowieso. Und jetzt vergeht kein Tag, an dem nicht neue negative Fußballschlagzeilen die Republik erschüttern – und fast jedes Mal ist der Bundestrainer der Sündenbock. Im Stundentakt schicken die Nachrichtenagenturen Eilmeldungen zum Zustand der Nationalmannschaft über den Ticker – weil quasi im Minutentakt prominente und weniger prominente Menschen ihre Sorge um die WM kundtun. Alle melden sich zu Wort, selten war für sie die Gelegenheit günstiger, es in die Tagesschau zu schaffen oder zumindest auf die Seite eins der Bild-Zeitung. Das Boulevardblatt ist die Speerspitze jener Anti-Klinsmann-Kampagne, die fast täglich grotesker wird. Längst hat Bild die Debatte um eine Ablösung Klinsmanns eröffnet – und rächt sich damit für des Bundestrainers Weigerung, mit dem Blatt gemeinsame Sache zu machen.“

Die Mächte sind gegen ihn

Uli Hoeneß im Stern-Interview: „Die Deutschen haben den Blick für die Realität verloren. Das sieht man bei Teilen unserer Wirtschaft, bei der Unsicherheit unseres Rentensystems und in anderen Bereichen. Deutschland ist eben nicht mehr überall top. Dasselbe gilt im Fußball: In den 70er Jahren waren wir Weltklasse, in den 80ern waren wir wieder gut, und in den 90ern haben wir auch mal was gewonnen. Aber wir sind nicht mehr konstant an der Spitze. Die Gründe dafür liegen in unserer Gesellschaft: Wir sind alle zu brav, zu bequem, zu satt geworden. (…) Ich glaube, Jürgen Klinsmann hat begriffen, dass es ein großer Unterschied ist, ob ich bei Inter spiele oder beim FC Bayern, oder ob ich Bundestrainer bin. Er hat sich immer mit dem Establishment angelegt. Jetzt aber muss er einsehen, dass Sturheit und Eigensinn keine Chance haben. Da steht ein Volk von 80 Millionen Leuten dagegen, mit all den Bataillonen, die jetzt aufgefahren werden: Von der Bild-Zeitung bis zur Süddeutschen. Alle. Das hält kein Mensch aus. Wie heißt es so treffend: ‚The forces are against him‘ – die Mächte sind gegen ihn.“

bildblog: über das, was Bild aus dem Hoeneß-Interview im Stern macht

Donnerstag, 16. März 2006

Ball und Buchstabe

Es gibt keine Schranken

Die ARD berichtet, daß die Wettaffäre bis in die Bundesliga und die Nationalmannschaft reiche; die Agenturen melden ein paar Stunden später den Rücktritt des Schiedsrichters Jürgen Jansen, der beim Hoyzer-Skandal zuerst suspendiert wurde und dann rehabilitiert worden ist. Darf man da 1 und 1 zusammenzählen? – Philipp Selldorf (SZ) kommentiert die Beschwichtigungen der DFB-Spitze: „Die imaginäre Trennlinie zwischen der obersten und den niedrigeren Spielklassen gerät erneut unter Druck. Sie beruht ohnehin auf Wunschdenken. Schon am Wochenende äußerte Theo Zwanziger fast inständig die Hoffnung, dass die Bundesliga nicht betroffen sei. Doch mischte sich da der fromme Wunsch mit besserer Einsicht, denn Zwanziger selbst räumte ja ein: Wo viel Geld im Spiel sei, da gebe es auch Korruption. Daher argumentierte auch Franz Beckenbauer grundsätzlich falsch, als er sich den Mutmaßungen über die Verwicklung von Bundesligaprofis sowie eines Nationalspielers zu widersetzen versuchte. Versuchung bleibt Versuchung. Es gibt keine Schranken, die sich durch die Gehaltshöhe definieren oder gar durch die Unterscheidung von erster, zweiter und dritter Liga. Durch die Beschwörung einer solchen Differenz begibt man sich vielmehr in die Falle des Erklärungsnotstands, falls die Bundesliga tatsächlich betroffen sein sollte.“

SZ-Recherche: Wettaffäre erreicht die Nationalmannschaft
FR: Nationalspieler als Wettbetrüger?
sueddeutsche.de-Interview mit einem anonymen Amateurspieler über Spielverschiebungen

Tsp: Begleitet von deftigen Vokabeln und schweren Vorwürfen sind bei der ARD die Kommentatoren für die WM ausgewählt worden
BLZ: Rubenbauer will nicht mehr kommentieren, Ärger über WM-Finale, Kritik an ARD-Teamchef

Ascheplatz

Kommt eine Lawine ins Rollen?

Exklusiv meldet die Stuttgarter Zeitung heute, daß Premiere und die Telekom ihre Zusammenarbeit im Pay-TV forcierten und daß ein solches Abkommen den im Dezember geschlossenen TV-Vertrag gefährde: „Nach StZ-Informationen wird zurzeit ein spektakulärer Gegenentwurf zur Taktik und Aufstellung von Arena vorbereitet. Demnach ist eine Kooperation zwischen dem vermeintlich leer ausgegangenen und vor einer ungewissen Zukunft stehenden Pay-TV-Sender Premiere und der Telekom bereits so gut wie sicher – und zwar nicht im Hinblick auf Zweit- oder Drittverwertungsmöglichkeiten, sondern was Live-Übertragungen im Bezahlfernsehen betrifft. Das wäre ein richtiger Premiere-Konter. Dabei hat sich die Telekom nur die Internetrechte an der Liga gesichert, für gerade einmal 35 Millionen Euro. Wenn Premiere mittels dieser Schiene tatsächlich weiter in etwa so wie bisher über die Bundesligaspiele berichten könnte, wäre das ein Knaller mit noch unvorhersehbaren Folgen. In der DFL ist die Aufregung entsprechend groß. Jeder fragt sich, ob eine so geartete Zusammenarbeit zwischen der Telekom und Premiere vertragsrechtlich und rundfunkrechtlich zulässig ist. Die Leute in der DFL gehen fest davon aus, dass die Antwort nur nein lauten kann. Aus Expertenkreisen ist dennoch zu hören, dass die Abmachung zwischen der Telekom und Premiere bis auf ganz wenige Details schon perfekt sein soll. In diesem Fall würde wohl eine Lawine ins Rollen kommen. Denn für Arena hätte sich die Geschäftsgrundlage total verändert. Ohne Exklusivität und dafür mit Premiere im Nacken dürfte die Bundesliga nicht mehr die gebotenen 240 Millionen wert sein. Die logische Konsequenz wäre, dass Arena seine Rechte zurückgibt und eventuell sogar Schadenersatzansprüche an die DFL stellt. Fachleute sprechen bereits von einem riesigen ‚Stockfehler‘, den der Ligaverband begangen habe – wenn das Vertragswerk eine solche Hintertür für Premiere bieten würde. Vermutlich müssen demnächst Juristen über die Sache befinden.“

Goldgräbermentalität

Matti Lieske (BLZ) hält die Zensuren, die die DFL den Profivereinen im Wirtschaften gibt, für zu gut: „Der Schock über den Sturz des BVB ist überwunden, Kirch ist Vergangenheit. Gegenwart ist ein Fernsehvertrag, der die Goldgräbermentalität fördert. Man wolle darauf hinwirken, dass die um 40 Prozent höheren TV-Einnahmen nicht komplett in Spieler investiert würden, sagt DFL-Geschäftsführer Christian Müller. Genauso gut könnte er versuchen, dem Papst das Beten zu untersagen. Wer oben bleiben will, kauft, was er kriegen kann. Während bei Borussia Dortmund und Hertha BSC nach schwierigen Umschuldungsverhandlungen noch eine gewisse Vorsicht herrscht, sehen sich die anderen Schuldenkrösusse in ihrem risikoreichen Vorgehen bestätigt. Beim Hamburger SV plant man bis 2015 fröhlich ein jährliches Wachstum von sieben Prozent ein, sportliche Krisen sind nicht vorgesehen. Bei Schalke 04, mit gewaltigen 112,8 Millionen Euro in der Kreide, feiert man sich für einen Jahresgewinn von 1,2 Millionen Euro. 22 Millionen betragen die Einnahmen aus Champions League und Uefa-Cup. Besser lässt sich nicht verdeutlichen, auf welch schmalem Grat gewandelt wird. Erfolg ist Pflicht, bleibt er eine Weile aus, siehe Dortmund, geht es steil bergab. Kein Wunder, dass bei der mit über 35 Millionen verschuldeten Hertha helle Panik ausbrach, als sich das Team zuletzt nach einer Niederlagenserie der Abstiegszone näherte.“

Das gröbste Foul

Nürnberg nennt sein Frankenstadion nach einem Sponsoren; die FAZ (Wirtschaft) vertritt die reine Lehre der Stadionnomenklatur: „Aller Gegnerschaft auf der Tribüne zum Trotz sind sich die Fans hier einig: Gekickt wird im Hamburger Volksparkstadion und nicht in der AOL-Arena, auf der Bielefelder Alm und nicht in der Schüco-Arena, im Dortmunder Westfalenstadion und nicht im Signal Iduna Park. Wer ob dieser Arena-Seuche das Gefühl hatte, Sport und Kommerz seien untrennbar miteinander verbunden und die Untergrenze des guten Geschmacks sei mit der Umbenennung des Spielfeldes auf Schalke in Veltins-Arena erreicht, wird nun eines Besseren belehrt: Die Nürnberger haben ihren Spielplatz doch tatsächlich in Easycredit-Stadion umgetauft. Der Kampf um den Klassenerhalt im Zeichen eines Ratenkredits! Man will den tapferen Franken und ihrem sympathischen Trainer wahrlich nichts Böses wünschen. Aber mit einem Abstieg bliebe den Anhängern erstklassigen Fußballs wenigstens das gröbste Foul in der Namensgebung erspart.“

Das Streiflicht (SZ) findet das gar nicht so schlecht: „Für einen Menschen, der etwas auf sich hält, war es früher undenkbar, in ein Fußballstadion zu gehen. Abgesehen davon, dass man Gefahr lief, mit Schichtarbeitern und Bierdimpfln in einer Reihe zu stehen, stellte es eine Zumutung dar, Gebäude mit Namen wie Glückauf-Kampfbahn oder Stadion Rote Erde zu betreten. Das roch nach Proletarierschweiß und Abraumhalde, da hätte man ja gleich ein Gewerkschaftsheim aufsuchen können. Gottlob, die Zeiten sind vorbei. Man hat die Spielstätten fit gemacht für die Globalisierung, weshalb sie jetzt nicht nur Veltins-Arena oder Signal Iduna Park heißen, sondern auch über einen Business-Bereich verfügen, der selbst in gehobenen Kreisen als Alternative zur Opernloge gilt. Kürzlich sah es noch so aus, als würden die Nürnberger die Entwicklung verschlafen; aber dann haben sie allen gezeigt, was eine Harke ist. Ihr Frankenstadion firmiert jetzt unter easyCredit-Stadion. Hut ab! Wann spielt der Club wieder zu Hause? Am Samstag, oder? Man kann es kaum erwarten, bis Reporter Günther Koch aus dem Radio tönt: ‚Tooor! Tor im easyCredit-Stadion!‘ Womöglich wird man hören, wie auf den Business-Seats die Sektkorken der leitenden Herren von der Norisbank knallen, die das easyCredit-Geschäft ausbaldowert haben. Übrigens sollte kein Clubfan den fälligen Jubel unterdrücken, nur weil Ängste kursieren, man müsse fortan beim Eintritt ins Stadion einen Kreditvertrag abschließen. Das kommt, wenn überhaupt, erst in der nächsten Saison. Und, mal ehrlich, Geld kann man immer gebrauchen.“

Deutsche Elf

Ein einziger großer Stammtisch

Ronny Blaschke (FTD/Agenda) rät zu mehr Gelassenheit: „Dass die WM im eigenen Land einer Ausnahmesituation gleichkommt, war jedem klar. Aber dass sie derart überhöht wird, überrascht nun doch. Es ist ein WM-Magnetismus entstanden, der neben Fußballern auch Ökonomen, Wissenschaftler und Politiker anzieht. Mit keinem anderen Ereignis kann man sich derzeit leichter profilieren. Höchst zweifelhafte Kommentare und Statistiken werden in die Welt gesetzt, manche Ökonomen machen sogar Hoffnung auf ein kleines Wirtschaftswunder. Dabei haben schon die Turniere in Frankreich sowie in Japan und Südkorea gezeigt, dass die Wirkung nicht von Dauer sein kann. Die WM wurde inzwischen so überfrachtet, so bedeutungsschwanger, dass die Organisatoren längst den Blick für das Wesentliche verloren haben und ihre Energie für Unwichtiges verschwenden. Statt den Wettskandal bis ins Detail aufzuarbeiten, eine Sicherheitsdebatte zu führen oder das Ticketsystem zu optimieren, rücken sie Randthemen in den Focus wie die umstrittene Wahl von Matthias Sammer zum Sportdirektor. Oder sie meinen, das Gejammer Christian Wörns‘ kommentieren zu müssen. Unterstützt wurden die Kritiker von Franz Beckenbauer, dem launigsten Lautsprecher des Landes. Unmittelbar nach der Blamage in Italien hatte er gesagt: ‚Eine Trainerdiskussion wäre so ziemlich das Schlimmste, was uns passieren kann. Total unnötig und sinnlos.‘ Drei Tage später rügte er Klinsmann wegen dessen hastiger Abreise wie einen kleinen Jungen – und damit konnten andere Kritiker loslegen. Die Bild-Zeitung fand auch gleich willige Nörgler: Stefan Effenberg forderte Klinsmanns Absetzung, Günter Netzer nannte den Bundestrainer ‚beratungsresistent‘. Auch Theo Zwanziger stimmte in den Chor der Lästerer ein: Der DFB werde mit Klinsmann ein ernstes Wörtchen reden. Das Land hat sich in einen einzigen großen Stammtisch verwandelt.“

FAZ: Angela Merkel beschwört den Heimvorteil
Tsp: Nur Merkel gibt Klinsmann keine Ratschläge
taz: Beim Länderspiel soll es keine verschärfte Zensur von Plakaten und Transparenten geben, die Dortmunder Fans scheinen mit ihren Protesten dem DFB ein Zugeständnis abgerungen zu haben

NZZ: Kehrt Ronaldo zu Inter zurück?

Mittwoch, 15. März 2006

Unterhaus

Sportliche Malaise, wirtschaftliche Krise

Elisabeth Schlammerl (FAZ) kommentiert den Absturz 1860 Münchens und stellt fest, daß der Klub nicht mehr viele Trümpfe in der Hand habe: „Daß es so weit gekommen ist mit dem Münchner Traditionsverein, hat nicht nur Trainer Walter Schachner zu verantworten, aber auch er. Es ging abwärts mit den ‚Löwen‘, als sie an der Spitze angekommen waren. Seit Ende November haben sie nicht mehr gewonnen, seit nun elf Spielen. Als die Verantwortlichen – womöglich etwas übereilt – sich im Januar von Trainer Reiner Maurer getrennt haben, lag die Mannschaft nicht weit hinter den Aufstiegsrängen. Schachner wurde großzügig mit einem Vertrag bis 2008 ausgestattet, der als Manager unerfahrene Stefan Reuter sogar mit einem bis 2009. Die Führungsriege um den redlichen, aber manchmal zu naiv agierenden Präsidenten Karl Auer hat damit fast schon geschäftsschädigend gehandelt. Die Sechziger könnten es sich gar nicht leisten, als letzten Versuch im Kampf gegen den Abstieg noch einmal den Trainer zu wechseln. Sie könnten es sich nicht einmal nach dieser Saison leisten, denn eine vorzeitige Trennung würde ein kleines Vermögen kosten, das der Klub nicht hat. Denn die sportliche Malaise geht einher mit einer wirtschaftlichen Krise. Und höchstwahrscheinlich hat das Formtief der Mannschaft auch mit der Unruhe im Umfeld und der ungesicherten Zukunft zu tun. (…) Daß die Finanzierung des neuen Stadions ein gefährlicher Kraftakt werden würde, war von Anfang an klar, der Aufstieg in die Bundesliga deshalb Pflicht. Nun aber sieht es eher nach Abstieg in die Regionalliga aus – und einem Auszug aus der Allianz Arena.“ Armin Grasmuck (Welt) hört dabei den Bayern zu: „Mit wachsender Besorgnis verfolgen die Verantwortlichen des Stadionpartners FC Bayern die Geschehnisse bei den Sechzigern. Bei anhaltender Erfolglosigkeit des TSV 1860 droht die Finanzierung der rund 300 Millionen Euro teuren Arena zu kippen.“

Ascheplatz

Edelprodukt und Dutzendware

Die DFL stellt ihre Wirtschaftsbilanz vor, den „Bundesliga Report 2006“; Roland Zorn (FAZ) trennt zwischen Zahlen und Ergebnissen: „Die Bundesliga boomt. Die Bundesliga ist spitze. Die Bundesliga ist eine Marke – wirtschaftlich und aus der Sicht des Konsumenten. Die Bundesliga darbt. Die Bundesliga lahmt. Die Bundesliga sucht nach einem starken Profil – sportlich und aus der Sicht des Fans. Die Schere zwischen Edelprodukt einerseits und Dutzendware andererseits klaffte nie so auseinander wie dieser Tage, da sich der deutsche Vereinsfußball von Europas großen Wettbewerbsbühnen verabschiedet und die DFL eine Hochglanzbilanz präsentiert. An einem sonnigen Dienstag fiel bei der Vorstellung des neuesten Zahlenwerks sehr viel Licht und nur wenig Schatten auf einen Jahresabschluß mit vielen erfreulichen Daten. Christian Seifert, der Vorsitzende der DFL, ist viel zu sehr Realist, um an ein dauerhaft ungebremstes Wachstum der Liga zu glauben. (…) Bei allen positiven Zahlen zeigt sich zuerst und vor allem immer wieder die Strahlkraft der Ersten Bundesliga. Bei den Kennziffern für den Markenwert des Produkts Bundesliga hatte die DFL-Geschäftsführung fast nur gute Nachrichten zu vermelden. So hat die Liga bei einem Bekanntheitsgrad von 98 Prozent eine nie dagewesene Popularität erreicht – und hängt im Vergleich die Champions League um Längen ab. (…) Auch an einer weiter modernisierten Selbstdarstellung arbeitet die DFL. Wer mit der Zeit gehen will, darf sich der Eigendynamik des Fußballs nicht entziehen. Für diejenigen, die das Produkt Bundesliga mitverkaufen helfen, ist das eine Selbstverständlichkeit. Für viele Hauptpersonen auf dem Spielfeld leider noch nicht.“

FR: Die rosarote Welt der DFL – Bundesliga vermeldet Rekorde

SZ: Empörte Anleger erwägen eine Klage gegen die DAB Bank; das Institut könne zugesagte Tickets für die WM nicht liefern

SZ: Die Polizei befürchtet bei der WM politische Aktionen von Extremisten, die in Begleitung ausländischer Mannschaften anreisen

Deutsche Elf

Es könnte Jahre dauern, bis Deutschland den Anschluß an die Weltspitze findet

Der Economist, um es vorsichtig zu sagen, eins der wichtigsten und einflußreichsten Magazine der Welt, sorgt sich immer sehr um die deutsche Wirtschaft und die deutsche Politik. In letzter Zeit blickt die Redaktion in ihrer Berichterstattung über Deutschland auffällig häufig auf Jürgen Klinsmann und lobt ihn in einer Art, für die man in Deutschland inzwischen der Kungelei und Schönfärberei bezichtigt werden würde. In der Ausgabe vom 11. Februar hat der Economist in einem Deutschland-Dossier seine zuversichtliche Beschreibung der deutschen Wirtschaft aus dem letzten Jahr revidiert und die Schwächen des deutschen Arbeitsmarkts, der Integrationspolitik und des Schulsystems analysiert. Klinsmann wird dabei Vorbildfunktion für das ganze Land bescheinigt: „Nach der Demütigung der Nation bei der Europameisterschaft 2004 erkannte der DFB, eine klobige, selbstgerechte Organisation, die Notwendigkeit, etwas zu ändern. Man hat Jürgen Klinsmann engagiert, einen ‚Westküstendeutschen‘, der Optimismus ausstrahlt und dafür kämpft, seinen Weg zu gehen. Der deutsche Fußball scheint eher dazu bereit, einen Wechsel anzunehmen als die Nation.“

In der aktuellen Ausgabe schüttelt der Economist über den Streit um Klinsmann mit dem Kopf: „Plötzlich steht Klinsmann in der Kritik. Zunächst als Heilsbringer des deutschen Fußballs gefeiert, wurde er nach dem Debakel in Italien von seinen Gegnern gejagt. Nun spekulieren manche schon über seine Entlassung. In typisch deutscher Manier wird Klinsmann nicht dafür kritisiert, ein schlechter Trainer zu sein, sondern für seinen Wohnsitz Kalifornien, eine vermeintliche Unsitte, die sein Team angeblich schwäche. Selbstkritik würde dem deutschen Fußball-Establishment derzeit besser zu Gesicht stehen. Die Wahrheit ist: Es könnte Jahre dauern, bis Fußball-Deutschland wieder den Anschluß an die Weltspitze findet – genauso wie es Jahre dauern könnte, bis die politischen Reformen das Land zurück in die Spur bringen.“

Waiting for a Wunder

Generell zur Bedeutung der WM für Deutschland heißt es unter dem Titel „Waiting for a Wunder“: „Wenn Sie in diesem Frühling Berlin besuchen, dann halten Sie Ausschau nach Fußbällen. Sie sind überall: auf Plakaten, Bussen oder Hochhäusern – auch wenn die WM erst in Monaten stattfindet. Ein deutsches Unternehmen verwandelt gar den Fernsehturm am Alexanderplatz in einen Fußball. Wenn es die Technik ermöglichen könnte, würden die Marketing-Abteilungen einen Fußball auf den Mond projizieren [ein Witz aus der Süddeutschen Zeitung, of]. Doch nicht nur Marketing-Leute sind nervös; die Politik diskutiert über liberale Öffnungszeiten und den Bundeswehreinsatz während des Turniers. Die Deutschen, so scheint es, nehmen die WM sehr ernst – nicht nur, weil sie leidenschaftliche Fußballanhänger sind. Deutschland versucht, seinen beschädigten Ruf zu polieren und seine kollektive Depression zu heilen. Die Hoffnung beruht auf einem erfolgreichen oder zumindest respektablen Abschneiden der Nationalelf – wie 1954 bei der WM in der Schweiz. Das Wunder von Bern [Original] half, den beschädigten Stolz der Deutschen wiederherzustellen. (…) Angela Merkel sollte nicht auf eine Belebung der deutschen Wirtschaft durch die Fußball-WM hoffen, die zu einem befremdenden Märchen über undichte Stadien und Ticket-Pannen geworden ist. Selbst wenn die Deutschen zum ersten Mal seit 1990 den Pokal wieder holen sollten, bleibt dem Land noch eine Menge zu tun.“

bildblog: weiteres über die Bild-Kampagne gegen Klinsmann
bildblog: über eine tendenziöse Interpretation der Klinsmann-Umfrage durch BamS

Kein Grund zur Sorge

Endlich wäscht einmal jemand den Schalkern für ihre „Mike-Büskens“- und „Yves-Eigenrauch“-Rufe bei Länderspielen den Kopf! Stefan Hermanns (Tsp) gibt für das Spiel in Dortmund Entwarnung: „Historisch betrachtet gibt es keinen Grund zur Sorge. Zum dreizehnten Mal spielt die Nationalmannschaft in Dortmund. Elf Spiele hat sie gewonnen, nur eins, 1977 gegen Wales, endete unentschieden. Vor allem die letzten beiden Begegnungen haben den Ruf des Westfalenstadions als günstiges Umfeld für die Nationalmannschaft begründet: Im November 2001 gewannen die Deutschen 4:1 gegen die Ukraine und qualifizierten sich für die WM. Fünf Wochen zuvor, beim 0:0 gegen Finnland, war die Mannschaft in Gelsenkirchen noch ausgepfiffen worden, die Zuschauer feierten den heimischen FC Schalke und schmähten vor allem die Nationalspieler des Erzfeindes Borussia Dortmund. Im Westfalenstadion hingegen war die Stimmung von der ersten Minute an freundlich bis enthusiastisch – und das, obwohl kein einziger Dortmunder in der Anfangsformation stand. Auch vor dem bisher letzten Länderspiel in Dortmund, im September 2003 gegen Schottland, hatte es Befürchtungen gegeben, dass das Publikum feindselig sein könnte, weil Teamchef Rudi Völler vier Tage zuvor seinen legendären ‚Käse, Scheißdreck, Mist‘-Ausbruch gehabt hatte. Auch diese Sorge erwies sich als unbegründet. Völler wurde noch mehr gefeiert als seine Mannschaft.“

FR: Die Not treibt Klinsmann zu Friedrich und Kehl
FR: Friedrich wird ausgerechnet in einer Phase nominiert, in der er ein wenig schwächelt

FAZ: über den Greenkeeper der WM

FR: Der deutsche Frauenfußball kennt allenfalls Luxusprobleme

Dienstag, 14. März 2006

Allgemein

Hoher Begriff von Pflicht

Auf der Suche nach den Charaktervorzügen Franz Beckenbauers – Dirk Schümer (FAS/Politik) würdigt seinen Fleiß: „‘Das Leben‘, so umschreibt er seine Freude an Harmonie und Geldverdienen unter Freunden, ‚besteht aus Verbindungen und Gemeinsamkeiten.‘ Beispiele? Beckenbauer lernte einst Versicherungskaufmann bei der Allianz, heute heißt das Stadion der Bayern nach dem Konzern. Beckenbauer repräsentierte schon früh Adidas, das heute mit seinem Club eine wechselseitige Beteiligung in dreistelliger Millionenhöhe aufbaute – und die Nationalmannschaft ausrüstet. Auch und gerade so funktionierte das deutsche Wirtschaftswunder. Normalerweise ist bei solchen Verflechtungen die Welt der Medien ein Haifischbecken. Wer als Kolumnist der Bild-Zeitung Intrigen spinnt, wer in Geschäften offene Spezl-Wirtschaft betreibt und lebensfroh die Frauen austauscht, wird irgendwann von der konkurrierenden Meute fertiggemacht. Daß Beckenbauer das erspart bleibt, hat wenig mit seiner sportlichen Grazie oder mit der WM-Trophäe von 1974 zu tun. Die stemmte auch ein Vogts in die Höhe, dem trotz Bildung und Genießertum auf ewig der Ruch des rackernden Simpels anhängt. Oder ein Klinsmann, und der wird nun – auch von Beckenbauer – als kalifornischer Teilzeittrainer durchs globale Dorf getrieben. Was aber vor allem das Volk nicht vergißt, ist Beckenbauers unermüdlicher Einsatz, wenn es drauf ankam. Er ruinierte seinen Verein oder den DFB nicht durch üble Nachrede, sondern setzte sich selbst auf die Trainerbank – und siegte mit penibler Arbeit. Er reiste ohne Gegenleistung bis in die Elfenbeinküste und nach Costa Rica, um für sein Land zu arbeiten. Vielleicht werden wir irgendwann genau erfahren, wie Beckenbauer den überforderten neuseeländischen Fifa-Delegierten dazu bewegen konnte, den Weg zur WM 2006 in Deutschland frei zu machen. Was er auch tat, wir werden es nachträglich gutheißen. Vielleicht ist Franz Beckenbauer also viel ehrgeiziger, als es scheint, und hat einen hohen Begriff von Pflicht.“

NZZ: wie Schweizer Politiker und Sponsoren zu Karten für die WM kommen

Internationaler Fußball

Gesichtswahrung all‘italiana

Peter Hartmann (NZZ) beschreibt das 0:0 zwischen Juventus und Milan: „Nach der glorreichen Festwoche gegen die Deutschen kehrte der italienische Alltag ein: Das Gipfeltreffen der höchstdekorierten Klubs der Serie A zwischen Juventus Turin (28 Meistertitel) und der AC Milan (17) nahm den Verlauf einer Flachetappe: einige Scharmützel in der ersten Hälfte, dann über weite Strecken Waffenstillstand und am Ende keine Änderung im Gesamtklassement. Die Szenen dieser klassischen Gesichtswahrung all‘italiana enttäuschten weltweit ein Publikum von 200 angeschlossenen Sendern und die kaum 40.000, die zwischen 50 und 250 Euro Eintrittsgeld bezahlt hatten. Beendet war das Spiel eigentlich schon nach 68 Minuten, nachdem der böse Bube Gattuso wegen einer überflüssigen Grätsche an Nedved mit dem gelb-roten Kartenblatt vom Platz geschickt worden war und Milan die Angriffe eingestellt hatte. Inzaghi, der die Bayern fast allein aus der Champions League geschossen hatte, riss als Spuren seiner verschwendeten Energie Fetzen aus dem Belag und wirbelte seltsame Sandwolken auf. Die Stadien werden immer pompöser und perfekter (zwar nicht dieses, das Delle Alpi, dieser Kühlschrank, der demnächst abgerissen wird), aber an die Gladiatoren, ans eigentliche Schauspiel und seine Voraussetzungen denkt niemand. Stamford Bridge: eine zertrampelte Schafweide. Münchner Allianz-Arena: ein Gelenke verschlingender Acker. San Siro: ein Spiele tötender Fallenteppich. Turin: holprige Steppe. Das Problem ist alarmierend, der Kunstrasen überfällig.“

Bundesliga

Hamburger SV–1. FC Kaiserslautern 3:0

Schnee von gestern

Hans-Joachim Leyenberg (FAZ) schreibt über den guten, alten HSV: „Nach dem 3:0 machte prompt der Begriff von den Bayern-Jägern die Runde. Abwarten. Auf dem Spielfeld stellte sich der Tabellenzweite lange ähnlich umständlich an wie beim Krisenmanagement angesichts der Schneebretter auf dem Stadiondach. (…) Doch es war die Erinnerung an den eindrucksvollen HSV, ehe er in Winterstarre verfiel. Er ist dabei, wieder aufzutauen. (…) Der vom Kieferbruch noch gezeichnete Ailton benötigte übrigens exakt drei Sekunden, bis er erstmals ins Abseits rannte. Aber da stand es schon 2:0, war die Welt des HSV längst im Lot. Weggewischt waren die Nachwirkungen der Niederlage gegen Stuttgart wie der Schnee von gestern.“ Jörg Marwedel (SZ) kommentiert Hamburger Räumungsversuche: „Einerseits eine kuriose, andererseits eine für den HSV ziemlich peinliche und in der Bundesliga bislang einmalige Geschichte. Nicht ohne Komik war, wie sich erst Hubschrauberpiloten mit dem Wind ihrer Rotoren, dann ein einzelner Bergsteiger (jeweils vergeblich) und schließlich das Sonderkommando ‚Höhenrettung‘, eine Art GSG 9 der Feuerwehr, mühten, das Gefahrengut vom Dach zu kriegen. Ein Witzbold setzte gar in Umlauf, man habe erwogen, den Schnee mit den Schwingungen der bei St. Pauli bevorzugten AC/DC-Kultmelodie ‚Hell’s Bells‘ zu lösen.“

Schalke 04–Eintracht Frankfurt 2:0

Jagd

Christoph Biermann (SZ) rechnet wieder mit Schalke: „Wochenlang war Schalke eine Klasse für sich, ohne dass dieser Umstand den Anhängern sonderlich gefallen hätte. Riesengroß war der Abstand zum Fünften nach hinten, zugleich schienen Werder Bremen, der Hamburger SV und ganz zu schweigen der FC Bayern uneinholbar weit entfernt. Seit dem achten Spieltag hatte die Mannschaft daher ununterbrochen auf der vierten Tabellenposition gestanden, als wäre sie vor der Saison irrtümlich erworben worden. Daher war es ein besonderes Ereignis, zum ersten Mal in dieser Saison einen Champions-League-Platz einzunehmen. ‚Die Jagd ist erst beendet, wenn das Tier erlegt ist‘, warnte Mirko Slomka zwar, aber zumindest fühlt es sich jetzt mal wirklich wie eine Jagd an.“ Richard Leipold (FAZ) ergänzt: „Schalke hat gelernt, beschwerliche Spiele zu gewinnen.“

NZZ: Meister im Aussitzen – Dieter Hoeneß profitiert von der Finanzkrise des Klubs

Deutsche Elf

Stimmungssache

Vor dem Treffen zwischen Klinsmann, Beckenbauer und Zwanziger bei Angela Merkel wirft Michael Horeni (FAZ) ein: „Der Notstand, der im Fußball-Land so kurz vor WM-Beginn ausgebrochen ist, hat die Politik alarmiert. Denn eigentlich sollte der Fußball, so der Plan eines unsicher gewordenen Landes, neue Hoffnung vermitteln. Die WM sollte das Bruttosozialprodukt steigern, Arbeitsplätze schaffen und Aufbruchstimmung erzeugen. Aber von alldem ist nichts mehr zu hören. Während unverdrossen nationale Freundlichkeits- und Serviceoffensiven ausgerufen werden, um die Welt bei ihren Freunden entsprechend zu begrüßen, balgt sich die große Fußballfamilie über die Medien mit einer Hingabe, die zumindest auf diese unerwünschte Weise die Erinnerung an die kraftvolle Kultur des Straßenfußballs in Deutschland lebendig hält. Die Grundstimmung ist nachhaltig verdüstert in einem Land, in dem selbst der Bundespräsident und auch die Kanzlerin in ihren Neujahrsansprachen die nationale Bedeutung der WM vermessen haben. Nun fürchten aber auch die Kritiker Klinsmanns, daß der entfesselte Groll eben nicht nur einen beschädigten Bundestrainer zurückläßt, der die vor allem symbolische Bedeutung eines Fifa-Workshops mißachtete, sondern daß das gesamte WM-Projekt auf die schiefe Bahn geraten könnte. (…) Ein Sieg gegen die Amerikaner im Stimmungstestspiel, so schlicht funktioniert der Fußball, würde wohl weit mehr bewirken als ein flammender Appell der Bundeskanzlerin zur nationalen Fußball-Einheit.“

Aufheizen

Werden die Dortmunder Fans gegen Klinsmann pfeifen, Christof Kneer (SZ)? „Zur Stimmungsaufhellung kann nur ein überzeugendes Länderspiel beitragen, und zu allem Überfluss ist nun ein Heimspiel im Feindesland daraus geworden. Dortmund nimmt übel, seit Klinsmann es gewagt hat, den altvorderen Recken Wörns aus seiner proaktiven Jungdynamikerriege zu streichen. In den Vor-Klinsmann-Zeiten ist das Westfalenstadion für den DFB immer eine Art Fluchtpunkt gewesen; zu besonders wichtigen Anlässen hat man sich gern in Dortmund einquartiert, beim Relegationsspiel gegen die Ukraine vor der WM 2002 etwa oder im Herbst 2003, praktischerweise nach Rudi Völlers Käse-Mist-Scheißdreck-Eruption. Jetzt ist es aber so weit gekommen, dass der DFB in Person des Vizepräsidenten Rolf Hocke ‚Angst vor Dortmund‘ habe. ‚Es ist eine unglückliche Konstellation, jetzt in Dortmund zu spielen‘, sagt Hocke. Denken kann man das womöglich, sagen aber eher nicht, und solche Beiträge aus dem Hintergrund sind es, die das Klima zusätzlich aufheizen. Zitieren lassen will sich niemand beim DFB, aber man darf davon ausgehen, dass derlei Einwürfe aus den eigenen Reihen nicht sehr willkommen sind. Bislang galten DFB-intern die Funktionäre Nelle und Moldenhauer als potenzielle Profilierungskandidaten, nun hat Hocke das Duo zum Trio erweitert. (…) Aber womöglich gibt’s schon am Donnerstag ein erstes Zuckerl für die BVB-Anhänger: Dann stellt Klinsmann seinen Kader fürs USA-Spiel vor, und womöglich wird darin erstmals wieder der Dortmunder Sebastian Kehl auftauchen.“

Kein Gefallen

Wird der DFB den Dortmunder Zuschauern unliebsame Transparente aus der Hand reißen? Ralf Köttker (Welt) lehnt diese nordkoreanische Maßnahme ab: „Dem Bundestrainer tut man mit solchen Restriktionen keinen Gefallen. Stimmungen lassen sich nicht am Stadioneingang filtern. Und Verbote verstärken nur vorhandene Antipathien. Klinsmann hat seine Entscheidungen nie vom Applaus der Massen abhängig gemacht. Er hat immer betont, daß er mit Ablehnung und Kritik umgehen kann. Der Bundestrainer wird die Pfiffe aushalten. Was er jetzt am dringendsten braucht, sind nicht Einlaßkontrollen und Imagekampagnen, sondern einfach nur sportlicher Erfolg.“

Mal davon abgesehen, daß es eine Unterstellung ist, die Dortmunder Fans (ausgerechnet!) könnten sich, wie von manchem Klinsmann-Gegner insgeheim gehofft, für Wörns rächen wollen – warum kommt eigentlich niemand auf die Idee, daß sich die Dortmunder für die Nominierung Christoph Metzelders bedanken werden? Ist Metzelder nicht die viel bessere Dortmunder Symbol- und Identifikationsfigur? Daß Klinsmann trotz langer Verletzung und Versetzung auf die Bank große Stücke auf ihn zählt, müßte doch den Ärger über Stinkstiefel Wörns mindestens ausgleichen. Doch für alle Fälle noch ein Tip für den DFB, wie man Pfiffe gegen die eigenen Leute verhindert: Ladet Sepp Blatter ein!

FAZ: Es gibt einiges zu besprechen für die Experten beim Thema persönliche Eitelkeit, Sturheit und Kommunikationsdefizite, doch Die Zeichen stehen auf Entspannung.
bildblog: über die Spiegel-Kritik an der Bild-Kampagne gegen Klinsmann

FAZ: Die Fifa und die Medien – keine Einschränkung mehr für WM-Bilder im Netz

Montag, 13. März 2006

Strafstoss

Strafstoß #23 – 13. März 2006 Reine Nervensache 8 – Es regnet nie im südlichen Kalifornien

von Herrn Bieber und Herrn Mertens

Mathias Mertens: Lieber Bieber, was meinen Sie dazu, dass sich der Teamchef am Pazifik sonnt, während sich Trainer und Manager im hiesigen Dauerherbst um die Schadensbegrenzung bemühen müssen? Als Angehöriger der Universitätsdozentenklasse müssten Sie doch mit DiMiDo-Existenzen vertraut sein.

Christoph Bieber: Ach, Herr Mertens, möchten Sie nun wirklich über die leidige Wohnsitzdebatte reden? Dazu hat doch nun wirklich fast jeder auch beinahe alles gesagt. Und wenn Guus Hiddink gleichzeitig den PSV Eindhoven durch die holländische Ehrendivision führen und mit Australien zur WM fahren kann – wie wollen wir dann noch über Klinsmanns Luxus-Pendelei reden?

MM: Indem wir es mal auf andere gesellschaftliche Bereiche beziehen und daraus unsere Schlüsse ziehen. Und zwar nicht auf die unvermeidliche Wirtschaft, in der die Chefs ja angeblich inzwischen weltweit spielen müssen, das hinkt ja ebenso wie es abgelutscht ist. Nein, mehr auf der Herberger-Linie des Freundeseins, vielleicht noch einen Schritt weiter. Wenn die Nationalmannschaft eine große Familie darstellte, wäre dann Klinsmann Papa oder Mama, und was würde das für seine Anwesenheit bedeuten?

CB: Oh, sie meinen, wir sollten eine Art „Familienaufstellung“ für die Nationalmannschaft vornehmen? Wäre vielleicht gar keine so schlechte Idee, möglicherweise hätte man auf diese Weise sogar die Italiener etwas besser in Schach halten können. Zu ihrer Frage: Ich glaube, die Nationalmannschaftsfamilie ist so groß, da müssen wir den Blick noch über Klinsmann hinaus werfen: Über allen thronen doch die Old School-Patriarchen Mayer-Vorfelder und Zwanziger, die sich allerdings mit der von keiner gängigen Struktur fassbaren Lichtgestalt Franz Beckenbauer auseinander setzen müssen. So gesehen können Jürgen Klinsmann, Jogi Löw und Oliver Bierhoff maximal als noch drei Männer mit elf bis dreiundzwanzig Babies gelten, oder?

MM: Ja, aber da sind sie doch, die Probleme! Wer wickelt? Wer steht nachts auf, wenn die Babies schreien? Wer weiß, welches Kuscheltier zu welcher Tageszeit welches Wehwehchen löst? Wer darf außer Haus sein, weil er das Geld ranschaffen muss, und wer darf ab und zu übers Müttergenesungswerk zur Regeneration in die Sonne fliegen?

CB: Mhm, so gesehen ist die Angelegenheit wohl eher für etwas für das Famlienministerium und nicht für den Sportausschuss. Aber von Frau von der Leyen haben wir bisher noch kein Statement gehört. Angesichts der vielen Fragen, die unsere kleine WM-Familie zu lösen hat, geht Klinsmann aber doch eigentlich den einzig richtigen Weg – für fast jedes Spezialproblem einen Spezialisten mit Spezialkompetenz. Anders läuft´s in der Politik ja auch nicht, Komplexitätsreduktion durch Differenzierung. Nur: Das Rollenbild „Super-Nanny“ ist in Fußballerkreisen wohl kaum mehrheitsfähig.

MM: Dabei habe ich Frau von der Leyen gestern in den Tagesthemen einen Fußball signieren sehen. Außerdem hat sie auch diese Mischung aus Domina-Aura bei gleichzeitiger Audrey-Hepburn-Statur. Und sie hat doch mit ihrem Mann fast eine komplette Fußballmannschaft gestiftet und großgezogen, als uneingeschränkte Teamchefin. Je länger ich über sie nachdenke, desto besser scheint sie mir in die – Verzeihung – das Bild zu passen, das in der Debatte um Klinsmann implizit ist. Natürlich ist das in den drei- und vierbuchstabigen Institutionen nicht mehrheitsfähig, aber wie bei allen Pantoffelhelden ist es das, was sie sich abseits der Beobachtung wünschen und dem sie sich willfährig ergeben würden.

CB: Und zu welchem Ende führt uns das nun in der Debatte um Klinsmanns Flugmeilen und den Segen im hohen Haus des deutschen Fußballs? Braucht der Bundestrainer eine Ministererlaubnis für seine Amtsführung? Werden die Subventionen für den Fußballkonzern gestrichen oder wird er vollends verstaatlicht? Folgt auf die Föderalismus- nun auch noch die Fußballreform?

MM: Das ist mit einer popeligen Großen Koalition aber nicht zu machen. Solange der FC Bayern nicht an der Regierungsbildung beteiligt ist, wird sich in diesem Land doch nichts ändern.

CB: Sie meinen also, wenn Edmund Stoiber (falls es Ihnen entgangen ist: immerhin Chef des FCB-Verwaltungsbeirats) sein Ministeramt ordnungsgemäß angetreten hätte, wäre alles anders gekommen? Das kann doch nicht Ihr Ernst sein!

MM: Doch, dann hätte sich nämlich die Wohnortdebatte erübrigt. Denn warum soll es besser sein, in Deutschland und nicht in Kalifornien zu wohnen, wenn man noch nicht einmal vom Münchner Hauptbahnhof zum Franz-Josef-Strauß-Flughafen kommen kann? Wie hätte man dann überhaupt von Stuttgart zum Fifa-Workshop nach Düsseldorf fahren können?

CB: Da, äh, äh, haben Sie wohl, äh, äh, rechts. Äh, Recht.

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