Montag, 13. März 2006
Bundesliga
Eure Arbeit ist zweitklassig
Nichts ist in Ordnung, Eure Arbeit ist zweitklassig
Peter Heß (FAZ) sieht Stuttgart gegen Dortmund und alle Symptome deutscher Fußballkrankheit: „Viele in der Arbeitswelt verfügen noch über ein Gut: Selbstkritik. Sie bekümmert es, wenn ihnen Patzer unterlaufen, und es beruhigt sie nicht, wenn sie niemand bemerkt. In der Fußball-Bundesliga schämt sich niemand mehr, noch nicht einmal, wenn die Mängel so ins Auge fallen wie ein fehlender Buchstabe in einer Leuchtreklame am New Yorker Times Square. Zugegeben: Es wäre grausam, den Fans, die selig in ihrer in Vereinsfarben bedruckten Bettwäsche schlummern, die Begeisterung zu nehmen, den Kindern die Bewunderung für ihre Vorbilder zu rauben und den schmachtenden Girlies ihre warmen Gefühle für die Timo Hildebrandts zu vermiesen. Aber viel wichtiger ist es, den Machern der Liga ins Bewußtsein zu rufen: Nichts ist in Ordnung, Eure Arbeit ist zweitklassig, die Bundesliga zu einer Operettenliga verkommen. Monat für Monat beweisen es die Ergebnisse in den internationalen Vergleichen, unterbrochen von ein paar Ausschlägen nach oben. Natürlich gibt es gute Trainer, Spieler und Manager in Deutschland. Natürlich bildet eine Akkumulation von hanebüchenen Aussetzern wie in der Partie Stuttgart gegen Dortmund eine seltene Ausnahme. Aber alles in allem gilt: Das Niveau ist erschreckend gesunken. Was immer in der Bundesliga gemacht wird, es muß überdacht, es muß in Frage gestellt werden. Wie schafft ein Klub wie Villarreal den Sprung ins Viertelfinale der Champions League? Und wie Olympique Lyon? Was treibt Rapid Bukarest im Uefa-Cup von Runde zu Runde? Wieso funktioniert eigentlich die Nachwuchsarbeit im deutschen Hockey und im Tischtennis? Könnte es am Ende vielleicht doch etwas bringen, mehr zu trainieren? Soviel wie in anderen Ballsportarten? Beschäftigte sich das Fußball-Establishment mit der Suche nach den Antworten, beendete es seine selbstverliebte Nabelschau und seine ausgeprägte Neigung zum Selbstbetrug – es bestünde die Hoffnung auf Besserung. Der Dreisatz zum Aufschwung lautet: sich schämen, nachdenken, mehr arbeiten.“
VfL Wolfsburg–Bayern München 0:0
Alarmiert
Philipp Selldorf (SZ) liest die Miene von Uli Hoeneß: „Das Spiel eröffnete mit einem falschen Versprechen: Voller Wucht und Tempo. Auf den Rängen regte sich diese Stimmung aus Schadenfreude und Sensationslust, die den FC Bayern durch jede seiner Krisen begleitet, doch stellte sich auf dem Platz zügig die Pattsituation ein, die bis zum Abpfiff Bestand haben sollte. Dass die Münchner dem Torerfolg immer etwas näher waren, forderte nicht mal ihre stärksten Fürsprecher dazu heraus, einen entgangenen Sieg zu beklagen. ‚Solide Leistung, diszipliniert gespielt, versucht keine Fehler zu machen‘, resümierte Uli Hoeneß in einem Tonfall, als wäre er gerade aus dem Nachmittagsschlaf erwacht. Unter der oberflächlichen Gelassenheit befindet er sich jedoch weiter in dem aufgewühlten Zustand, in den ihn die Niederlage in Mailand versetzt hat; das Scheitern hat die Führung des Klubs alarmiert. Der Anspruch des FC Bayern ist die sportliche Hochachtung in Europas Spitzenklasse, und die droht nach vier mageren Jahren allmählich verloren zu gehen.“
Müde
Frank Heike (FAZ) stellt Münchner Unausgeglichenheit fest: „Oliver Kahn war der Verkünder der alten und nach wie vor attraktiven Ziele – als hätte es andere nie gegeben. Daß der Weg zur x-ten Meisterschaft durch die Bremer Niederlage tatsächlich noch ein Stück weniger steinig zu sein scheint, ließ auch die anderen Protagonisten der Münchner im Brustton der Überzeugung sprechen. Karl-Heinz Rummenigge lobte nach seiner Brandrede vom Mailänder Mitternachtsbankett Einstellung und Konzentration der Mannschaft, als hätte sie gegen diesen VfL irgend etwas auszustehen gehabt. Dabei war alles so müde und wenig konkret gewesen, was die Bayern boten, abgesehen von ein paar lichten Momenten Michael Ballacks. Ein tapferer Reporter versuchte dem noch am Mittwoch mit Realitätsverlust und Schiedsrichterschelte kämpfenden Felix Magath beizukommen und fragte, ob dieses uninspirierte Spiel denn den Ansprüchen des Rekordmeisters genüge. Sollte das etwa schon die erwartete Reaktion der Mannschaft gewesen sein? Magath sagte: ‚Ich weiß nicht, was Sie gesehen haben.‘ (…) Daß Wolfsburg torlos blieb, lag nicht an den wiederum nur nebeneinander herschweigenden Lucio und Ismael, sondern an der Hasenherzigkeit der Niedersachsen.“ Peter Unfried (taz) blickt über den Wolfsburger Stadionrand hinaus: „Die Erkenntnis des Spiels geht über Wolfsburg hinaus: Ein Team wie der VfL kann gut organisiert einen Punkt holen. Es kann aber die Bayern im Normalfall nicht (mehr) schlagen – auch nicht zu Hause und dann nicht, wenn sie gerade Probleme haben. Dafür ist das spielerische Potenzial des VfL einfach nicht (mehr) gut genug. Und: Dafür spielen die Bayern einfach zu sehr in ihrer eigenen Klasse. Das sagt auch etwas über die Situation der Liga: Die Aufregung ist groß, das Stadion ausverkauft, aber das Spiel oft nur für Taktik-Liebhaber befriedigend.“
Werder Bremen – Hertha BSC Berlin 0:3
Übertrieben
Matti Lieske (BLZ) amüsiert sich über die Pendelschläge des Berliner Befindens: „Wo vor einer Woche alles noch grau war, strahlt es nun plötzlich rosa, um nicht zu sagen: Tim-Wiese-Rosa. Wurde gerade noch das Abrutschen in die Abstiegszone beschworen, reden Trainer und Spieler jetzt schon wieder dezent vom Uefa-Cup. Allenthalben propagieren Kommentatoren das Ende der Krise, den Aufbruch in bessere Zeiten. So maßlos, wie der Sturz vom selbsternannten Top-Drei-Kandidaten dramatisiert wurde, so übertrieben mutet die optimistische Bewertung des Sieges bei den Bremern an, die Turin offenbar noch verwirrter verlassen haben als einige Zeit vor ihnen die Skilangläufer aus Österreich. Hertha hat mal wieder gewonnen, Hertha hat auch gut gespielt. Das ist schön für die Mannschaft, für Falko Götz und für Dieter Hoeneß. Aber es ist keineswegs der Nachweis, jene Spitzenmannschaft zu sein, für die man sich jahrelang hielt. Es bleiben die 35 Millionen Euro Schulden, es bleibt der Zwang zum Sparen, es bleiben jene fußballerischen Defizite, die zuvor für eine sieglose Serie von dreizehn Spielen gesorgt hatten, es bleibt die Angewohnheit, in einem Spiel mehr Torchancen zu versieben als der AC Mailand in einem Jahr. Es bleibt außerdem die Gewissheit, dass in einer international wenig konkurrenzfähigen Liga jeder jederzeit jeden, außer Bayern, auch deutlich, schlagen kann.“
Der rosarote Panther der Bundesliga
Die Farbe der Leidenschaft – Javier Cáceres (SZ) über den Grund des Berliner Siegs: „Wenn ein Sieg Herthas je einen außerbetrieblichen Grund hatte, dann wohl das 3:0 bei Werder Bremen. Und dieser außerbetriebliche Grund lag jenseits der Alpen. Jedes Spiel wirkt auf die nächste Partie, heißt es einem Aphorismus des verschiedenen Meistertrainers Rinus Michels; und vermutlich gab es auf der ganzen Welt keinen besseren Ort als das Weserstadion, um dies durch ein konkretes Fallbeispiel zu belegen. Wie sehr der gesamten Werder-Familie das Trauma von Turin in den Winterkleidern hängt – jene abstrus-absurde Rolle von Tim Wiese – und zu einer neuerlichen Niederlage führte, war körperlich so erfahrbar wie der eisige Winterwind. Die Bremer hatten alles getan, Wiese zu einer möglichst raschen Vergangenheitsbewältigung zu verhelfen. Als er zu den Klängen von Highway to Hell auf den Platz marschierte, tränkten die Anhänger die Tribünen in das zarte Rosa. Wir sind Tim Wiese, stand auf den Schildern, die in die Höhe gereckt wurden, und wäre Wiese Ralf Rangnick, so hätte Gefahr bestanden, dass er vor Spielbeginn eine Ehrenrunde läuft. Als die Partie vorüber war, bestand dazu kein Anlass mehr.“ Sei mein Flamingo! Roland Zorn (FAZ) über wieses Fehlerbewältigung: „Da der rosarote Panther der Bundesliga wußte, daß ihm der Patzer anders als die Hechtrolle von Turin auch öffentlich angekreidet würde, flüchtete er wie so viele Kollegen seines Fachs in abenteuerliche Erklärungsversuche. Die Bereitschaft zur Selbstkritik stieß bei dem diesmal von allen guten Bremer Abwehrkräften allzu oft im Stich gelassenen extrovertierten Keeper an Grenzen. Selbstschutz ging vor, denn irgendwann meldet sich der stocksolide, viel erfahrenere Kollege Andreas Reinke wieder zum Dienst zurück. Der Mecklenburger genießt in der Mannschaft noch einen Vertrauensvorschuß im Vergleich zu seinem talentierten, aber noch ziemlich unreifen Herausforderer.“
VfB Stuttgart–Borussia Dortmund 0:0
Ungeschickte Gewichtsverlagerung
Peter Heß (FAZ) haut auf den Tisch: „Die beiden Mannschaften nahmen sich nicht viel, auch nicht in der Kunst des Dilettierens. Es war alles im Angebot auf dem Warentisch des Scheiterns: Fehlpässe über drei Meter, mit dem Ball am Fuß ins Seitenaus rennen, Rückgaben, die der Gegner erlaufen konnte, Flanken hinter das Tor oder in die Füße des nächststehenden Widersachers, Treten über den Ball, naives Stellungsspiel, das Vergessen, den ballführenden Gegner anzugreifen. Aber nicht nur die Zahl der eklatanten Fehler bewegte sich in schwindelerregenden Höhen, auch die kleinen und größeren Unsauberkeiten, die ein Spiel stören: das Passen in den Rücken des Mitspielers, das Verpassen des richtigen Moments für ein Zuspiel, sich selber aus dem Gleichgewicht bringen durch ungeschickte Gewichtsverlagerung und, und, und. Der ehemalige WM-Kandidat Andreas Hinkel lotete die tiefsten Tiefen des Profidaseins aus, aber dem Stuttgarter Außenverteidiger folgten einige ziemlich dicht auf. Daß ein alter Recke wie Christian Wörns zu den wenigen positiv auffallenden Spielern gehörte, sagt alles über das Niveau. Das einzig Gute an diesen 90 Minuten: Sie waren prall gefüllt mit denkwürdigen Momenten. Unter Trapattoni langweilten sich die Zuschauer im Stuttgarter Stadion, weil er einen in Disziplin erstarrten, risikolosen Strategiefußball spielen ließ. Mit Veh darf jeder seine Schwächen offenbaren. (…) Wäre eine Historikerin in ähnlicher Weise dem Arbeitsprinzip Versuch und Irrtum gefolgt, sie hätte den Abschluß des Westfälischen Friedens ins Westfalenstadion verlegt.“
Unaufstellbare Elf
Christof Kneer (SZ) läßt sich nichts vormachen: „Wenn nicht alles täuscht, hat sich die Liga inzwischen auf eine Art Geheimcode verständigt. Man lobt sich so konsequent gegenseitig, dass Widerspruch zwecklos ist. Rund war an diesem Spiel zwar nur die Null, aber man kann es den Trainern wohl nicht verdenken, dass sie sich ihre Teams ein bisschen schönreden. Sie sind ja beide nicht direkt verantwortlich für das, was in ihren Klubs passiert ist. Zu besichtigen sind nur noch Ruinen aus einst großer Zeit. In Dortmund mischen sich Hochpreisspieler wie Wörns, Kehl und Dede mit Nachwuchshoffnungen und Durchschnittskräften, und wenn, wie in Stuttgart, der Regisseur Rosicky ausfällt, kann der heterogene Kader das nicht verkraften. In Stuttgart ist das insofern praktischer, weil sie gar keinen Regisseur haben, dafür haben sie mit Grönkjaer einen exzellenten Flügelstürmer, aber eben nur einen. Das führt dazu, dass der arme Veh als Folge der chaotischen Stuttgarter Personalpolitik entweder – wie in Halbzeit eins – einen Nicht-Flügelstürmer wie Tiffert zum Flügelstürmer verbiegen muss; oder dass er, wie in Halbzeit zwei, die Flügel auflöst und den armen Grönkjaer zum Spielmacher macht. Der VfB ist im Zuge der vielen Trainer- und Personalwechsel zu einer unaufstellbaren Elf geworden, aber immerhin tut es dieser Mannschaft gut, dass sie nach Trapattoni und Sammer endlich wieder einen Trainer hat, der riskanter spielen lässt. Ob Veh deshalb seinen Job behalten darf, ist weiter ungewiss, zumal sich in der Stadt eine seltsame Sehnsucht nach Christoph Daum ausgebreitet hat.“
1. FC Köln–1. FC Nürnberg 3:4
Trümmerlandschaft
Christoph Biermann (SZ) faßt die Reaktion des Kölner Trainers zusammen: „Der 1. FC Köln war wirklich mit bewundernswürdiger Hingabe bis zur letzten Minute angerannt. ‚Ich bin im Moment total zerstört‘, sagte Hanspeter Latour, der die Mannschaft auch in schwerer Zeit zusammenzuhalten versteht. Sehr anständig ging der Schweizer auch mit dem Schiedsrichter um, an dessen Entscheidungen und Auftreten sich die Kölner Spieler während und nach der Partie abarbeiteten: ‚Wenn wir immer die gleichen Fehler machen, können wir in unserem Frust nicht auf die Fehler der anderen schauen, ich werde mich hüten, den Schiedsrichter verantwortlich zu machen.‘ Eher kann man sich vorstellen, dass Latour sein Team vor einigen Mitspielern beschützen wird. Der türkische Verteidiger Alpay verlängerte seine Schneise der Verwüstung beim 1. FC Köln, als er in der 5. Minute einen Elfmeter verursachte. Boris Zivkovic verursachte 17 Minuten später den zweiten Elfmeter und stand beim zweiten Treffer falsch. Nach beiden befragt, sagte Latour ungewöhnlich streng, er habe ‚die notwendigen Maßnahmen getroffen‘. Alpay wurde vor der Pause, Zivkovic zur Halbzeit ausgewechselt. Vielleicht wird Latour noch einmal den Versuch unternehmen, eine neue Abwehr zusammenzubasteln, denn viel schlimmer als die defensive Trümmerlandschaft der letzten Wochen kann es kaum kommen.“ Erik Eggers (FTD) über das Verblassen einer Lichtgestalt: „Der größte Verlierer beim FC ist Wolfgang Overath. Seit Jahren war die Kölner Galionsfigur von Fans und Boulevardblättern als Präsident gefordert und als Messias gefeiert worden. Doch nun, nur zwei Jahre nach Overaths Wahl, macht sich Ernüchterung breit im Geißbockheim, dem idyllisch gelegenen Vereinsgelände im Kölner Westen.“
Mit System
Christof Kneer (SZ) lobt den Nürnberger Trainer: „Hans Meyer ist ein Feuerwehrmann neuen Typs. Es ist eine andere Art von Emotion, die ihn an seine Spieler heranführt. Seine Spieler fühlen sich nicht von Stammtischweisheiten beschützt, sondern von taktischen Systemen, die ihnen das Gefühl geben, besser zu werden. Es ist kein Kompliment für die aktuelle deutsche Trainergeneration, dass jetzt Hans Meyer, ein Mann mit durchaus komplizierter Vita, im Schnelldurchlauf vorführt, wie man eine Mannschaft baut. In Deutschland wird die Bedeutung des Trainers bis heute gerne unterschätzt, dabei sind die Zeiten längst vorbei, in denen Einzelspieler mit schickem Dribbling mal eben den Sieg organisierten. Heute sind Einzelspieler wie die Nürnberger Vittek oder Saenko keine Solisten mehr, sondern das besondere Etwas in einem funktionierenden System. Und das gilt im großen Turin oder London genauso wie im kleinen Nürnberger Rosengarten.“
MSV Duisburg–Hannover 96 0:0
Sargnagel
Richard Leipold (FAZ) beäugt die Maßnahme des Duisburger Trainers gegen seinen Kapitän: „Das Bunteste an diesem Spiel war die Vorgeschichte: Georg Koch hatte seine Mannschaft als ‚leblos‘ bezeichnet. Jürgen Kohler wertete diese öffentlich geäußerte Einschätzung als Verstoß gegen den Arbeitsvertrag und erwirkte beim Vorstand eine Abmahnung sowie eine Geldbuße. Die Partie war ganz und gar nicht dazu geeignet, Tote zum Leben zu erwecken. Nach dem trüben 0:0 durfte sich nur einer so ähnlich fühlen wie ein Gewinner: Georg Koch. Der Schlußmann bewahrte seine Elf ein halbes Dutzend Mal vor einer Niederlage gegen die überlegenen, aber im Abschluß harmlosen Sechsundneunziger. In einem Ensemble braver, oft einfältiger Fußballspieler war der Kritiker der einzige, der den Duisburger Anspruch, erstklassig zu sein, mit Leben erfüllte. Koch gehört zu den wenigen, die bei den Fans noch immer hohes Ansehen genießen.“ Roland Leroi (taz) fügt an: „Kritiker halten Kohler vor, dass er durch die öffentliche Abstrafung seines Kapitäns, die viel Unruhe brachte, einen Nagel in den MSV-Sarg geschlagen habe. Ein bisschen zucken die Duisburger aber noch.“
Arminia Bielefeld–Bayer Leverkusen 1:0
Spielverderber
Von Andreas Beune (taz) lesen wir: „Dass die Leverkusener so ideen- und chancenlos zu Werke gingen, lag nicht zuletzt an Arminia. Bielefeld fällt in dieser Saison nicht unbedingt als Ausrichter großer Fußballfeste auf, dafür hat sich das Team zu einem der effektivsten Spielverderber der Liga gemausert. Geht das Team in Führung, versperrt es dem Gegner umgehend die Räume und gestattet ihm nur wenig Torchancen.“
TspaS: Abstieg, Insolvenz und der Wettskandal: Die neue Prominenz des Regionalligisten 1. FC Eschborn
FR: „Wir haben eine reine Weste“ – Klaus Scheer, Trainer des 1. FC Eschborn
taz: Eintracht Braunschweig zwischen Baum und Borke
Deutsche Elf
Nur der Außenseiter kann ein System grundlegend ändern
Leben wir in Parallelgesellschaften? Auf den Fußball scheint das zuzutreffen. Auf der einen Seite steht die Qualitätspresse (selten war dieses Etikett so berechtigt und begründbar), sie schöpft aus vielen Quellen und erörtert viele Argumente, um die Krise des deutschen Fußballs zu erforschen und die Arbeit Jürgen Klinsmanns zu bewerten. Auf der anderen Seite geifern die Brüder von Bild und die DSF-Bierrunde gegen den „Amerikaner“ mit geschlossenen Augen und Ohren und Schaum vorm Mund.
Höchst lesenswert ist die Story des heutigen Spiegels, sie befaßt sich mit Klinsmann, auf dem Titel als Atlas dargestellt, einen platten Fußball auf seinen Schultern stemmend. In einer sehr langen Reportage erklärt Dirk Kurbjuweit, warum Reformen in Deutschland so schwierig sind und der Widerstand gegen Klinsmann so groß ist: „Die Geschichte des Reformers Klinsmann ist auch eine Geschichte über die Reformfähigkeit Deutschlands. Im deutschen Fußball herrscht eine Fritz-Walter-Haftigkeit, gegen die Klinsmann seit zwei Jahren anrennt. Fritz Walter war ein Segen für den deutschen Fußball in den fünfziger Jahren, aber er strahlt so sehr, dass sich, stehen Änderungen an, immer noch mancher fragt, ob Fritz Walter einverstanden wäre. Ein Problem für alle Reformer hierzulande ist, dass die Bundesrepublik naturgemäß junge Gründungsmythen hat, jung und deshalb sehr lebendig. Sie stammen aus den Nachkriegsjahren, als zwölf Jahre Hitler überwunden werden mussten. Im Fußball ist es das Wunder von Bern, verkörpert durch Fritz Walter und Sepp Herberger. Nach dem Sieg bei der WM 1954 trauten sich die Deutschen wieder, selbstbewusst zu sein. In der Politik ist einer der Gründungsmythen der Sozialstaat, der den wachsenden Wohlstand gleichmäßig verteilt hat und eine Versicherung gegen einen neuen Hitler war. Geschichte ist eine starke Macht in Deutschland. Das Schicksal des Reformers ist die Beschädigung. Irgendwann wird er zurückgepfiffen, weil er gegen deutsche Geschichtlichkeit verstößt, traditionelle Milieus verstört, weil er Privilegien beschneidet, Verlierer erzeugt. Es gibt aus all diesen Gründen keinen Mut zur Radikalität bei jenen, die eine Reform billigen müssen. So wird die Verstümmelung zum Schicksal jedes Projekts. Klinsmann hat das Ziel, den DFB umzukrempeln, fürs Erste aufgegeben. Er konzentriert sich auf die Mannschaft und das Ziel, die Weltmeisterschaft zu gewinnen. (…)
Die Verlierer bestimmen die Stimmung. Als Klinsmann Christian Wörns nicht aufstellte, nannte der ihn ‚link und unehrlich‘. Sofort fand Wörns breites Echo in den Medien. Er war die Story. Er bestimmte die Grundstimmung, und die war nun schlecht. Ein Motzkopf macht schon eine Krise. Die nächste wartet schon. Eines Tages wird sich Klinsmann für einen Torwart entscheiden müssen, es wird einen Verlierer geben, und der, nicht der Gewinner, wird wieder die Stimmung bestimmen. Schon jetzt droht Beckenbauer. So steht der, der anderen etwas zumutet, immer als umstritten da, als eine Figur, die Hass auf sich zieht. Das macht es auch den anderen schwer, sich ganz auf seine Seite zu schlagen. Man zweifelt an ihm, weil die Stimmung ja schlecht ist. Je mehr einer ändert, desto mehr wird er zum Außenseiter. (…) Nur der Außenseiter kann ein System grundlegend ändern, weil ihm die Bindungen fehlen. Er muss nicht so viel Rücksicht nehmen. Als Außenseiterin pfropfte Angela Merkel der CDU ein Reformprogramm auf. Auch Schröder hatte keine engen Bindungen in seine Partei. Dieser Vorteil wird zum Nachteil, wenn Erfolge ausbleiben. Die Kritik an Klinsmann ist jetzt auch deshalb so vehement, weil sich ihm kaum einer verpflichtet fühlt. Alle waren immer außen und sind es noch. Wenn Klinsmann die Heimspiele des VfB Stuttgart besucht, geht er nie in die Lounge der Ehemaligen, wo er die alten Gefährten Karlheinz Förster oder Hansi Müller treffen könnte. Er kann nicht allen auf die Schulter klopfen wie Rudi Völler, den alle mochten, auch weil er niemandem weh tat. ‚Einem Jürgen Klinsmann wird nichts verziehen‘, sagt Michael Horeni, Sportredakteur der FAZ, der eine Biografie des Bundestrainers veröffentlicht hat. Während des Gesprächs bekommt Horeni einen Anruf. Ein Kollege erzählt ihm, dass Horeni in der Sport Bild vom Fernseh-Entertainer Harald Schmidt angegriffen werde. Schmidt hat offenbar den Eindruck, der Sportredakteur schreibe so viel in der FAZ über Klinsmann, damit sich die Biografie besser verkaufe. Horeni macht seinen Job, der Vorwurf ist absurd, aber so wie die Lage derzeit ist, kann man als Biograf von Klinsmann kaum ungeschoren davonkommen. Zwar nennt sein Buch alle Punkte, die nicht günstig sind für Klinsmann, aber insgesamt ist es wohlwollend. In der Stimmung dieser Tage reicht das schon, um zum Lager Klinsmann gerechnet zu werden. Schmidt gehört zum anderen Lager. Er hat Klinsmann einst als ‚Schwabenschwuchtel‘ geschmäht und wurde gerichtlich zur Unterlassung aufgefordert. In seiner Show lässt er derzeit jedes Mal ‚Tschö Klinsi‘ einblenden. Dahinter steht die Zahl der Tage bis zur WM. Die Medien haben im System Fußball mindestens eine so große Bedeutung wie im System Politik. (…)
Holzen
Auch nach dem 1:4 kann Klinsmann ein Segen für den deutschen Fußball werden. Das Ende dieser Geschichte ist noch nicht erreicht. Wenn es nach Alfred Draxler ginge, sollte das Kapitel Klinsmann allerdings jetzt abgeschlossen werden. Draxler ist stellvertretender Chefredakteur von Bild und zuständig für Sport. ‚Fußball – das ist Boulevard und Stammtisch‘, hat Klinsmanns Freund Roland Eitel gesagt. Für Schröder zählten ‚Bild, Bams und Glotze‘. So weit sind die beiden Sphären in diesem Punkt also nicht auseinander. Allerdings dürfte der Einfluss von Bild auf den Fußball noch größer sein als auf die Politik. Als die deutschen Journalisten auf den Abflug nach Florenz warteten, las mindestens die Hälfte Bild. Draxler ist der mächtigste Mann des deutschen Sports. Gleichzeitig ist er die ganz große Unschuld des deutschen Sports. Seine beiden zentralen Sätze lauten: ‚Der Vorwurf einer Kampagne gegen Klinsmann ist völlig absurd. Wir berichten sachlich.‘ Ist ‚Grinsi-Klinsi‘ sachlich? ‚Grinsi-Klinsi ist eine Boulevard-Zeile.‘ Da ist er natürlich fein raus, wenn alles, was eine Boulevard-Zeile ist, nicht im Widerspruch zur Sachlichkeit steht. Da kann er fleißig holzen, und das macht er auch. Aber Klinsmann macht es ihm auch leicht. Es mag ja sein, dass es an den Erfolgsaussichten für die deutsche Mannschaft nichts ändert, wenn er nach Kalifornien fliegt. Aber er bewegt sich mit seinem WM-Projekt in einer Mediengesellschaft, und da zählt symbolisches Handeln, wie er von Schröder hätte lernen können. Hier sein, im Stadion sein, Commitment zeigen – die Stimmung wäre nicht ganz so schlecht. Wobei immer noch die Frage ist, wo die Stimmung eigentlich herkommt. Aus dem Volk? Oder aus der Feder von Alfred Draxler und seinen Leuten?“
Öffentlicher Job
Fußballnationaltrainer, mehr als eine sportliche Aufgabe – Thomas Kistner (SZ/Meinungsseite) schildert Klinsamnns Verdienst und klärt ihn über seine Pflicht auf: „Macht Fußball nicht Staat in einem Land, wo selbst der Bundespräsident per Weihnachtsansprache und die Kanzlerin in der Neujahrsrede die nationale Bedeutung dieses WM-Turniers besingen? Derlei hat Tradition. Nur deutsche Sender berichten von Olympischen Spielen rund um die Uhr, nur hier ist Sport Teil des nationalen Gründungsmythos. Sportler sind seit langem Ersatzhelden in einem Land, in dem Heldenmythen nach dem Krieg diskreditiert waren. Hell ist der Jubel, wenn das mit Steuermillionen subventionierte Team in Turin Klassenprimus wird. Indes bergen selbst diese Erfolge die nüchterne Gewissheit, dass deutsche Athleten dort glänzen, wo vor allem Materialfragen entscheiden: Bob, Rodeln, Biathlon, Langlauf. Die Sehnsucht nach Identifikation mit überragenden Talenten stillt das nicht. Das war kein Problem, solange Fußball diese Sehnsüchte bediente. Zwar waren es so genannte deutsche Tugenden, die viele Spiele und oft ganze Turniere für Schwarzrotgold entschieden: Rackern, beißen, nie aufgeben. Doch nun sind gerade diese Tugenden bei Klinsmanns Eleven verkümmert – nie war eine deutsche Auswahl athletisch so unterlegen. Schuld tragen die Klubs und ihre Trainer. Und weil die sich durch den ungestümen Reformer Klinsmann ertappt und als unbelehrbare Turnväter vorgeführt sahen, gab es nie ein Teamwork. Klinsmann setzte lieber gleich auf die unverbildete Jugend. Dass es nicht reicht, wenn zu wenig Substanz und Erfahrung verfügbar sind, hat er erst in Italien realisiert. Dort zerbrach seine Alles-auf-Angriff-Doktrin: Der große Reformator hielt an seinen Spielern fest – und bezeichnete sich zugleich selbst als Berufsanfänger. Sachlich richtig, war es das falsche Signal. Zumal der Anfänger Tage später als einziger WM-Trainer einen Workshop im eigenen Land schwänzte. Das zeigt ja eben, dass Klinsmann nicht erkennen mag, wie öffentlich sein teurer Job ist im angehenden WM-Wunderland.“
SZ: Der „Bundeskanzler“ geht in die Offensive
Im Niemandsland
In zehn Punkten, hier sind drei genannt, analysiert Christian Eichler (FAS) die Ursachen der Misere im deutschen Fußball: „Deutschland hat den Fußball-Blues. Erst der Trip nach Italien, dem Land, in dem die Niederlagen blühen. Dann ein neuer Skandal, in dem ausgerechnet ein Team aus Siegen vom Verlieren profitiert haben soll. Das moralische Niveau ist spätestens seit Hoyzer nicht mehr über jeden Zweifel erhaben. Das spielerische schon länger nicht. Doch erst seit der italienischen Leidenswoche schwant der Nation, daß sich die Qualität ihres liebsten Zeitvertreibs dauerhaft beim deutschen Eishockey oder deutschen Tennis eingefunden hat – im Niemandsland zwischen unterer Weltklasse und oberem Mittelmaß. Das Stimmungspendel, kraß ins Positive geschwenkt beim Confederations Cup, schlägt nun ebenso rasch ins Negative aus. Patriotische Werbebotschaften rund um den Ball stimmen das Volk auf die WM ein. Die emotionale Realität ist anders. (…) Die Macht der Bayern ist schlecht für den deutschen Fußball – und für sie selbst. Ihr ökonomischer Erfolg hält ihnen Rivalen vom Hals, beschert ihnen auf dem Silbertablett das Beste vom deutschen Spielermarkt – und das, anders als Top-Teams in England, Italien, Spanien, ohne Konkurrenten auf Augenhöhe. Dieses Monopol beschert leichte Meistertitel, kostet aber, mangels heimischer Herausforderung, Konkurrenzfähigkeit in Europa. (…) Die Bayern greifen die größten deutschen Talente ab, dort werden sie gern bequem. Mehmet Scholl ist ein Beispiel dafür, wie man sich gemütlich einrichten kann. Mit dem Mut, ins Ausland zu gehen, hätte er ein Weltstar werden können. Mittlerweile sind, mit Ausnahme Ballacks, Deutsche im Ausland kaum noch gefragt. (…) Klinsmann nahm den Job, den keiner wollte, packte vieles an, vielleicht zu viel. Während Marco van Basten die beiden stärksten Mächte in Hollands Fußball hinter sich weiß, Johan Cruyff und die Presse, hat Klinsmann die beiden stärksten Mächte des deutschen Fußballs gegen sich: Bayern und die Bild-Zeitung. Er tat von Beginn an nichts, sich ihnen anzubiedern. So war klar, daß er beim ersten Rückschlag deren Hiebe bekäme. Nach Beckenbauers Schelte ist schwer vorstellbar, daß Klinsmann nach der WM bleibt – und zu befürchten, daß das Richtige, das er begann, damit schon beendet wäre.“
Punkt zehn: Die Frankfurter Rundschau hat am Samstag den deutschen Fußballjournalismus für den Sinkflug des deutschen Fußballs mitverantwortlich gemacht.
Vorbildlich
Wie ist die Führungsarbeit von Klinsmann zu bewerten? Ileana Grabitz und Thorsten Jungholt (WamS) sammeln Stimmen von Managern: „Statt sich Beckenbauers Wünschen nach größerer Präsenz in Deutschland oder einer frühzeitigen Entscheidung der Torwartfrage zu fügen, verfolgt Klinsmann unbeirrt seinen Kurs. Während sich Beckenbauer und mit ihm große Teile der Fußball-Nation in dieser Woche einmal mehr darüber ereiferten, findet diese Vorgehensweise bei führenden deutschen Management- und Personalberatern Zustimmung. ‚Vorbildlich‘ seien Klinsmanns Methoden, ‚modern‘ und ‚zukunftsweisend‘, heißt es. Kurz gesagt: Unternehmenschefs könnten sich an dem Bundestrainer ein Beispiel nehmen. Aus Managementsicht mache Klinsmann wenn nicht alles, so doch vieles richtig. In einer Umfrage der Welt am Sonntag bescheinigen die Berater dem Bundestrainer die grundlegenden Qualitäten, die ein Topmanager qua Definition mitbringen muß: erstens fachliche Qualifikation, zweitens Zielorientiertheit und drittens die Konsequenz, dieses Ziel trotz öffentlicher Kritik standhaft zu verfolgen. (…) Doch trotz allem Respekt, die deutsche Berater dem Manager Klinsmann zollen: Minuspunkte sammelt der streitbare Bundestrainer auch. In der Nichtberücksichtigung des Abwehrspielers Wörns sehen die Experten den Anspruch der konsequenten und transparenten Managemententscheidungen verletzt. Anders lautenden Ankündigungen zum Trotz hatte Klinsmann die Reservisten Robert Huth und Christoph Metzelder für das desaströse Länderspiel in Italien nominiert, den Stammspieler Wörns jedoch außen vor gelassen. Härter noch gehen die Managementkoryphäen mit dem Bundestrainer wegen seines Fehlens beim WM-Workshop ins Gericht. (…) Das Grundproblem, darin sind sich alle Berater einig, sei nicht die Führungsqualität des Bundestrainers, sondern die sportliche Qualität seiner Spieler.“
Klinsmann wurde als Retter des deutschen Fußballs überhöht
Sportsoziologe Thomas Alkemeyer im WamS-Interview
WamS: Etwa ein bis vier Prozent der Bürger erkranken im Laufe ihres Lebens an einer Panikstörung. Nun fürchtet der Focus, die besten Fußballer des Landes würden einem Träumer überlassen, Bild hat längst die „WM-Krise“ ausgemacht. Müssen die Medizinbücher umgeschrieben werden? Ist das ganze Land in Panik?
Alkemeyer: Ich würde etwas nüchterner fragen, ob derartige Gedanken nicht lediglich einige wenige Teile der Gesellschaft erfassen, vor allem die Vertreter einzelner Medien. Ich habe eher den Eindruck, daß viele Menschen recht gelassen mit Niederlagen des Nationalteams umgehen. Es gibt sicher eine Verstimmung, in Einzelfällen sogar eine Art narzißtische Kränkung. Aber im Grunde zeigt sich in den jüngsten Leistungen nur, womit sich weite Teile der Bevölkerung mehr oder weniger abgefunden haben, nämlich die Tatsache, daß Deutschland nicht mehr ganz oben mitspielt.
WamS: Diese Resignation schien Klinsmann überwunden zu haben.
Alkemeyer: Er wurde als Retter des deutschen Fußballs überhöht. Seit Monaten tragen verschiedenste Akteure außerordentliche Erwartungen an ihn und die WM heran. In politischen und anderen öffentlichen Diskursen wird die Hoffnung geäußert, daß mit dem Turnier der wirtschaftliche Aufschwung käme. Es soll endgültig den Wechsel zu einer besseren Stimmung im Lande einläuten. Teile der Massenmedien schüren die Erwartung, Deutschland müsse Weltmeister werden und könne das auch erreichen, wenn man nur systematisch darauf hinarbeite. Die aktuellen Diskussionen haben mit einer gewissen Desillusionierung angesichts des realen Leistungsvermögens zu tun.
WamS: Aber warum konzentriert sich die Debatte dann auf den Trainer dieser Mannschaft? Was irritiert die Deutschen an Klinsmann?
Alkemeyer: In seinem Fall prallen unterschiedliche Philosophien aufeinander. Der deutsche Fußball ist von einer Ungleichzeitigkeit geprägt. Auf der einen Seite ist er hochprofessionalisiert, hochmedialisiert und hochkommerzialisiert. Auf der anderen Seite stehen Mentalitäten, die mit dieser Entwicklung nicht mitgekommen sind. Tief in der deutschen Fußball-Tradition sind Vorstellungen darüber verwurzelt, was „richtiger“ Fußball ist. Dazu gehört die Abneigung gegen eine zu starke Verwissenschaftlichung des Trainings und die Vorstellung, daß es für den Erfolg wichtiger sei, die Zähne zusammenzubeißen und zu kämpfen. Rudi Völler hat diese traditionellen Tugenden weit mehr verkörpert: über sein Auftreten, über seine Sprache, über sein Spiel. Klinsmann ist anders.
WamS: Warum entlädt sich die Kritik so vehement?
Alkemeyer: Im Unterschied zur Politik scheint Sport ein Handlungsbereich zu sein, in dem einzelne Personen tatsächlich noch etwas steuern und bewirken können. Die Idee der einzelnen Person als verantwortlicher Steuermann und Entscheidungsträger ist hier weitaus präsenter als in der Bundespolitik. Natürlich haben die Menschen auch Emotionen auf Gerhard Schröder projiziert. Aber er wurde nicht so vehement wie Klinsmann kritisiert. Von der Politik weiß man, daß die Entscheidungen des einzelnen äußeren Zwängen unterliegen, daß ganz andere das Ruder in der Hand haben oder zumindest Einfluß nehmen, beispielsweise EU-Kommissare oder die große Ökonomie. Auch deshalb haben wir eine zunehmende Politikverdrossenheit. Der Sport ist dagegen ein System, in dem Erfolg oder Mißerfolg sichtbar von den eigenen Leistungen abzuhängen scheinen – dafür werden die Akteure intensiver verantwortlich gemacht als in der Politik.
Es gibt zu wenig Einfluss von außen
Die Zeitungen fragen Experten, speziell aus dem Ausland oder auslandserfahren, nach dem Zustand des deutschen Fußballs. Der Ex-Dortmunder Paulo Sousa sagt der SZ: „Mir ist in Erinnerung geblieben, wie einfach es für mich damals war, in Deutschland zu spielen. Für intelligente Spieler ist es einfach, deutsche Rivalen zu antizipieren. Fußball ist: Spielsituationen auflösen, kreative Antworten geben. Der deutsche Fußball aber ist vorhersehbar, weil die Dynamik in den Trainingseinheiten immer dieselbe ist – und sich damit auch die Lösungen deutscher Spieler wiederholen. Es gibt zu wenig Einflüsse von außen. Ich sehe, dass versucht wird, das zu ändern, auch von Klinsmann. Auf Sicht wäre es für den deutschen Fußball wichtig, dass er Erfolg hat. Denn die Leute begleiten Transformationsprozesse nur, wenn sie erfolgreich sind.“ Hans Meyer (SZ) führt an: „Den einzigen Vorwurf, den ich Klinsmann mache, ist, dass er die Probleme seiner Nationalmannschaft in seinen Pressekonferenzen nicht deutlicher thematisiert. Denn unter den Bedingungen dieser Abwehr, in der jeder einzelne Spieler persönlich Probleme hatte, war es doch selten so unrealistisch, gegen einen Großen zu gewinnen wie in Italien. Als dann nach sieben Minuten alles erledigt war, ging nichts mehr. Günter Netzer wäre früher in so einer Partie nach zehn Minuten mit einer leichten Zerrung auf der Bank gewesen. Aber wir können über all das debattieren, wie wir wollen, die Probleme liegen tiefer, denn insgesamt ist der deutsche Fußball methodisch nicht auf dem richtigen Weg.“ Der Schweizer Nationaltrainer Jakob Kuhn (FAS) mahnt zur Geduld: „Wir haben in der Schweiz vor elf Jahren im Schulterschluß von Verband und Klubs damit angefangen, eine gemeinsame Ausbildungsphilosophie zu entwickeln. Das Wichtigste dabei war, daß wir nie stehengeblieben sind und versucht haben, uns ständig zu verbessern. Man darf sich keine Illusionen machen: Bei uns hat es auch sechs, sieben, acht Jahre gedauert, bis wir anfangen konnten, die Früchte zu ernten. Wenn man 2004 nach der Europameisterschaft zum Schluß kommt, daß man etwas verändern muß, kann man nicht erwarten, daß das zwei Jahre später schon funktioniert. Auch die Deutschen können nicht zaubern.“
Wams: was sich die Elf von Klinsmann wünscht
NZZ: die Schweizer Politik und die EM 2008
Samstag, 11. März 2006
Strafstoss
In den Wald gelockt
Die Kampagne der Bild-Zeitung gegen Jürgen Klinsmann (mehr …)
Internationaler Fußball
Schlechter Scherz
Die NZZ besichtigt das Werk, das unser Rekordnationalspieler in Ungarn zurückgelassen hat: „Ungarns Fussball steckt in einer Dauerkrise. Was in den vergangenen Jahren abgelaufen ist, mutet eher als schlechter Scherz an. In der Rolle des ‚Messias‘ versuchte sich Lothar Matthäus. Die damalige Leitung des ungarischen Verbands führte den Deutschen gleich mit einer Lüge ein, indem sie behauptete, seine Verpflichtung koste den Verband keinen Heller, weil dafür eine grosse Automobilfirma aufkomme. Matthäus tat dies und das, sparte nicht mit Kritik und gab zugleich optimistische Statements ab. Das ungarische Team kam unterdessen keinen Schritt voran. Annähernd 90 (!) Spieler setzte Matthäus ein, doch an seinem Abschied konnte von einer konsolidierten Mannschaft ebenso wenig gesprochen werden wie vor seiner Ankunft. Wiederholt erpresste er seine Arbeitgeber, indem er den Eindruck erweckte, ihm würden von anderen Seiten lukrative Verträge angeboten. Deutsche Boulevardblätter waren ihm bei diesem Spielchen als Partner behilflich. Seinen Posten in Ungarn verliess er aber nicht freiwillig. Er musste gehen, weil die Leute, die ihn gestützt hatten, zu Fall gebracht worden sind. Dabei kamen Dinge ans Licht, die ein bezeichnendes Licht auf die Verhältnisse im ungarischen Fussball werfen. Obwohl sich der Verband den deutschen Altstar als Trainer angeblich gratis leisten konnte, überwies er ihm in den zwei Jahren offiziell 80 Millionen Forint [entspricht etwa 300.000 €] und noch einmal doppelt so viel aufgrund von Verträgen mit dem Schweizer Peter Pellady, der mit ihm in Ungarn eingetroffen war. Gleichzeitig wurde bekannt, dass den Verband Schulden von schwer bestimmbarer Hähe drücken. (…) Natürlich ist nicht die entscheidende Frage, wer als Teamchef arbeitet. Das Hauptproblem ist der ‚improvisierte Wirrwarr‘, der die ungarische Fussballszene kennzeichnet. Über die Nachwuchspflege werden grosse Reden geschwungen, doch fehlt es an Taten. Die ‚Profi‘-Vereine bewegen sich am Rande des Bankrotts.“
Ball und Buchstabe
Jeder Verband hat den Skandal, den er verdient
Die neue Wettaffäre im deutschen Fußball ist für Barbara Klimke (BLZ) Beweis für die Hilflosigkeit des DFB: „Der DFB, der sonst gern seine Autonomie betont, hat diese neuerlichen Betrugsfälle nicht gewollt. Aber er hat kaum etwas Substanzielles dazu beigetragen, sie zu verhindern. Zu lasch waren die sportlichen Sanktionen im Hoyzer-Skandal 2005. Zu halbherzig waren die Versuche, die schuldhafte Verzögerungstaktik einiger Verbandsfunktionäre aufzuklären. Zu auffällig war das peinliche Bemühen, den Imageschaden gering zu halten. Es war noch nie Verlass auf die Selbstreinigungskräfte im Sport – nicht, wenn es um Geld geht, um Betrug, um Doping, um Vorteilsnahme. Jeder Verband hat den Skandal, den er verdient.“
Nichts gelernt
Nach den ersten Aussagen fürchtet Thomas Kistner (SZ), daß der DFB die Sache kleinredet: „Löblich ist, dass der DFB den neuen Fall offensiv bekämpft, allerdings ist dieser erste Reflex so verständlich wie verräterisch. Denn er besagt: Solange es nicht das Kernprodukt des deutschen Profifußballs betrifft, solange also keine namhaften Klubs und Spieler involviert sind, sei die ganz große Skandalwirkung nicht zu befürchten. Wer unter solchen Prämissen ernsthaft den Wettbetrug bekämpfen will, springt allerdings zu kurz. Insofern ist die neue Affäre leider auch Beleg dafür, dass die Szene aus dem Hoyzer-Skandal weder gelernt hat noch sich davon abschrecken lässt – und wenn sich bewahrheitet, dass im vorliegenden Fall das vom DFB mit Betradar unterhaltene Frühwarnsystem nicht angeschlagen hat, steht der Fußball am selben Punkt wie vor dem Sündenfall Hoyzer: Er kann nur hoffen, dass einer auspackt.“
Gründerzeitfieber
Veranstalter, Wettanbieter und -partner, Betrogener – Matti Lieske (BLZ) schildert den Interessenkonflikt des DFB: „Kaum eine Werbepause kommt ohne sie aus, und wer einen Überblick über die Marktführer möchte, der muss nur die Websites der Profivereine durchklicken. Bei der DFL sind sie ebenso präsent wie in Gestalt der staatlichen Wette Oddset beim DFB und dem Organisationskomitee. Hier ist Oddset nicht nur Geldgeber, sondern Nationaler Förderer und kümmert sich vor allem um das Volunteer-Programm. Sportwetten sind das Geschäft der Stunde und vor allem auch das der Zukunft. (…) Dass der zweite Wettskandal binnen Jahresfrist eine Sensibilisierung bewirkt, ist kaum zu erwarten angesichts des Gründerzeitfiebers, das den DFB erfasst hat. Helfen könnte ein Blick nach Amerika, wo man durch viele Affären gelernt hat, welch unheilige Allianz Sport und Wetten darstellen. Die großen Profiligen haben nicht nur ein Wettverbot für Sportler und Funktionäre, sondern auch maßgeblich dazu beigetragen, dass Sportwetten in den meisten Staaten der USA verboten sind. Selbst als Veranstalter aufzutreten, wäre für die sonst jedem Profit aufgeschlossenen Sportmanager völlig undenkbar.“
Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun
Alles halb so wild – Roland Zorn (FAZ) gibt mit Blick auf die WM Entwarnung: „Es verfestigt sich das Bild von einem Gastgeberland dieser WM, das sich auf dem Fußballplatz und an dessen trüben Rändern nicht in allerbester Verfassung präsentiert. Rund ein Jahr nach der schlimmen Affäre um Robert Hoyzer erschüttert ein weiterer Fall von Wettbetrug eine Szene, die sich um ihre Glaubwürdigkeit aufs neue Sorgen machen muß. Mag auch das Ausmaß dieser Schmuddelgeschichte um möglicherweise beeinflußte Regionalliga- und Zweitligaspiele nicht an die moralische Dimension des Hoyzer-Skandals heranreichen, so ist die Substanz der nach Aufklärung rufenden Taten doch gleich verwerflich. Daß der öffentliche Aufschrei diesmal weniger laut ist, hat auch damit zu tun, daß anders als seinerzeit keine Spielleiter den Ausgang im nachhinein strittiger Partien beeinflußt zu haben scheinen. Die Autorität der höchsten neutralen Instanz auf dem Platz wird also in der jüngsten Wettbetrugsaffäre nach Lage der Dinge nicht schon wieder beschädigt. Doch auch die nun sichtbaren Gaunereien, Wettbewerbe rechtswidrig zu begleiten, sind abstoßend und geschäftsschädigend genug. (…) Doch so unangenehm diese Geschichte auch ist: Den Glanz und die Aura, die von einer Weltmeisterschaft ausstrahlen, kann eine noch so miese Wettaffäre nicht nachhaltig ramponieren. Zumal das eine mit dem anderen nun wirklich nichts zu tun hat.“ Auch Udo Muras (Welt) warnt vor Alarmismus: „Global gesehen, muß Deutschland froh sein darüber, wie wenig Erfolg die kriminellen Elemente mit ihren Versuchen hatten, seit es den Fall Hoyzer gegeben hat. In Belgien sind Dutzende Erstligaspiele suspekt, auch andere Länder Europas wie Finnland, Griechenland oder Kroatien und nicht zuletzt Italien haben in jüngerer Vergangenheit für Schlagzeilen gesorgt – und das im Erstligabereich. Wir indes sprechen von einem Anfangsverdacht an Schauplätzen wie Siegen, Eschborn und Erfurt, von denen im Ausland kaum jemand Notiz nimmt, sofern wir nicht selbst zu laut trommeln. Und mit denen zu rechnen war, weil das installierte Frühwarnsystem nicht alle Hinterzimmer dieser Welt erfassen kann und weil der Fall Hoyzer Nachahmer geradezu inspirieren mußte. Doch es gilt diese Fälle in Relation zu setzen und nicht durch übertriebene Hysterie aufzuwerten. Gnadenlos aufgeklärt werden müssen sie dennoch.“
Bundesliga
Wenn das Brot knapp wird, sollen wenigstens die Spiele schön sein
Frank Heike (FAZ) führt die Misere von Volkswagen und die Misere des VfL Wolfsburg parallel: „Endgültig vorbei sind die Zeiten, als sich der damalige Manager Peter Pander im Sommer 2003 selbst verwirklichen durfte, von VW animiert munter in Argentinien einkaufte und Verträge mit langer Laufzeit schloß. Auch Luxusdienstreisen wie die von Panders Nachfolger Thomas Strunz mit Trainer Holger Fach gehören der Vergangenheit an: Die beiden versuchten im Juni 2005, die Gemütslage beim kritischen Genius Andres D‘Alessandro daheim auszuloten. Der Argentinier hatte aus dem Urlaub mitgeteilt, daß er lieber nicht zurück nach Wolfsburg wolle, trotz laufenden Vertrags. Eine schöne Geste von Fach/Strunz – eine teure Geste vor allem, und ohne Wirkung: D‘Alessandro kam zurück, ist inzwischen aber weg. Alles steht nun auf dem Prüfstand: die Personalstärke in der Geschäftsstelle, die Art der Auswärtsreisen (Bus statt Flugzeug), und zuletzt konnte man auch die Besetzung des Managerpostens als Sparbeitrag werten: der erfahrene Geschäftsführer Klaus Fuchs ersetzte Strunz. Ein neuer Mann wurde nicht geholt. Mag es auch eine Sachentscheidung für Fuchs gewesen sein, so war es eine mit dem Nebeneffekt, einzusparen. Haushalten bei verringerten Zuschauereinnahmen heißt es für den VfL. Die Profis, größter Kostenblock, werden ja nach wie vor erstklassig bezahlt. Unterhält man sich mit Verantwortlichen, klingt immer wieder durch: Es sei vor allem enttäuschend, daß die Schlagzeilen vom Fußball inzwischen genauso negativ sind wie aus dem Werk. Hier Niederlagen, Abstiegskampf, Trainerwechsel, Entlassungen, unwillige Profis, dort Sex-Skandal, Korruption, rote Zahlen, Machtkampf, Strukturprobleme, drohende Massenentlassungen. Als Marketinginstrument hat der VfL zuletzt versagt: wenn das Brot knapp wird, sollen wenigstens die Spiele schön sein. Das sind sie nicht.“
Freitag, 10. März 2006
Champions League
Mängelliste
AC Mailand–Bayern München 4:1
Klaus Hoeltzenbein (SZ) prüft Bayern München auf Herz und Niere: „Sie haben es Milan auch leicht gemacht, die in der Bundesliga so selten schwer geprüften Innenverteidiger Ismaël und Lucio. Noch immer verrichten sie nahezu schweigend nebeneinander ihr Werk. Die in Stein gehauenen Säulenheiligen im Mailänder Dom reden bei Nacht mehr miteinander, und dieser Mangel an kreativer Kommunikation zieht sich durch die gesamte Bayern-Elf, er fiel schon im Hinspiel auf. Mit der Mängelliste vom Mittwoch werden die Münchner noch im Sommer beschäftigt sein, die Frage ist nur, wo begonnen werden muss: Bei Demichelis, der im Mittelfeld in der Spieleröffnung Probleme hat, bei Ballack, der in der Masse unterging, Deisler, in dessen Rücken Milan Angriff auf Angriff über die linke Seite inszenieren durfte, oder doch bei der kompletten Gruppe? Womöglich bewegt sich der FC Bayern nicht im Rhythmus der neuen taktischen Zeit. Oft wirkt die Mannschaft so, als verbinde sie allein der Zweck, was fehlt, ist eine einende, eine große Idee vom Fußball. Andere Mannschaften auf dem Niveau, auf das die Münchner wollen, verschieben ihre Reihen besser, stellen mehr Fallen und schwärmen entschlossener aus.“
Bis ins letzte Fitzelchen zerlegt
Frank Hellmann (FR) lenkt den Blick auf den Trainer: „Ins Kreuzfeuer der Kritik gerät auch Felix Magath. Scheint für die nationalen Aufgaben beinahe einerlei, wer auf der Trainerbank sitzt, ist für den internationale Auftritt mehr gefragt – auch von Trainerseite. Vielleicht sind es noch andere Komponenten, die den Klassenunterschied ausmachen: Die einen sind zu naiv (Ismael), die anderen über ihren Zenit (Kahn), die dritten ohne Form (Makaay). Und es fehlten Verve, Courage und Entschlossenheit, um gegen ein bärenstarkes Milan zu bestehen.“ Heinz-Wilhem Bertram (FTD) redet Tacheles: „Ein technisch und taktisch klar überlegener, hoch inspirierter, intelligenter und erfolgshungriger AC Mailand hatte den Rekordmeister bis ins letzte Fitzelchen zerlegt. Die Dosierkönige und Superzocker der Bundesliga, sie waren am Ende ihres Weges angelangt. Wie kläglich, dass sich Magath nuschelnd in Ausreden flüchtete. Vom unberechtigten Elfmeter sprach er, und vom schwachen Schiedsrichter. Hat er es nicht herausgelesen? Diese Mannschaft hat kein Herz. Seine Spieler lassen sich feiern für Siege über Fußballmäuschen wie Duisburg und Bielefeld. (…) Der FC Bayern ist das Rosenborg Trondheim von Deutschland: Primus im Lande, Kanonenfutter in Europa.“
Kein Stratege
Michael Ashelm (FAZ) vermißt sehr viel: „Die Hoffnung, mit dieser nun über eine längere Periode zusammenspielenden Mannschaft und der einen oder anderen höherklassigen Ergänzung könne das Feld international aufgerollt werden wie vor Jahren mit Ottmar Hitzfeld, hat sich nicht erfüllt. Es scheint, als würden sportlicher Anspruch und die Wirklichkeit auf dem Platz bei den Münchnern nach dem Ende der Ära Hitzfeld wieder viel weiter auseinanderklaffen als zwischenzeitlich geglaubt. Die Mannschaft zeigt sich unter Druck auf Höchstniveau wenig einheitlich. Es mangelt ihr im Vergleich mit Teams wie dem AC Mailand an Dynamik, es fehlen in entscheidenden Momenten die perfekt einstudierten Spielzüge, die nicht von Glücksumständen abhängig sind.“ Stefan Osterhaus (NZZ) fügt hinzu: „Offenkundig sind die Defizite der Mannschaft, die in Deutschland so gefürchtet ist. In ihrem Gefüge gibt es niemanden, der den Puls eines Matches fühlt, ihn aufnimmt und dann den Rhythmus selber vorgibt. Im hochdekorierten Mittelfeld, das begabte Individualisten vereint, ist nicht ein einziger Stratege, sieht man von Ballack in seinen besten Momenten ab.“
In der Falle
Philipp Selldorf (SZ) findet keine Erklärung für die Nichtleistung Roy Makaays: „Unbegreifliches ist geschehen mit dem Torjäger, der nach seinem famosen Start in die Saison zum Erbfolger Gerd Müllers erkoren wurde. Die Menge von Makaays Ballkontakten dürfte an einer Hand abzuzählen sein. Seine Intensität und sein Tempo taugen für ein Durchschnittsspiel in der Bundesliga – selbst das nur sporadisch –, aber im Duell mit einem Spitzenklub wirkt sein bescheidener Einsatz wie eine Beleidigung des Gegners. Makaays Krise ist ein Zustand, und im Verein hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass sich daran nichts mehr ändern wird. (…) In Mailand ist der FC Bayern aus seinen Illusionen erwacht. In der Bundesliga ist er eine Großmacht, international ist er eine Größe von gestern. In der Champions League hat der Klub den Anschluss verloren, die Bilanz der vergangenen vier Jahre lässt sich nicht mehr als Sammlung von unglücklichen Einzelfällen erklären, sondern durch substanzielle Defizite. Doch wenn sich die Bayern-Bosse beratschlagen, werden sie feststellen, dass die Möglichkeiten zu einer grundlegenden Renovierung des Kaders beschränkt bleiben. Nun erweisen sich die Versäumnisse des vergangenen Jahres, als der Verein wegen einer ganzen Reihe von offenen Spielerverträgen unter Handlungsdruck geriet, und deshalb in einer großen Personaloffensive die Verträge mit Schweinsteiger, Hargreaves, Lahm, Lúcio, Sagnol, Demichelis, Santa Cruz, Deisler und Kahn verlängerte. Während die übrigen Großklubs in Europa ihre Dispositionen auf dem Spielermarkt sondieren, hat sich der FC Bayern mit seinen Festlegungen in die Falle manövriert.“
FR: Pressestimmen aus dem Ausland
Kampf mit ungleichen Waffen
Udo Muras (Welt) gibt zu bedenken: „Die Fünf-Jahres-Wertung der Uefa ist ein Geld-Ranking. Spanien, Italien, England und Frankreich nehmen die ersten Plätze ein, dort wird auch das meiste Geld für Stars ausgegeben – unabhängig davon, ob es vorhanden ist. Bayern München verfolgt diese Philosophie nicht und leistet sich eben Spieler, die zwar in der Bundesliga Helden sind, aber international keine Hauptrollen spielen. Auch die Bremer Kaufleute stehen nicht im Ruf, Hasardeure zu sein. Folglich handelt es sich schon seit Jahren um einen Kampf mit ungleichen Waffen. Und es wird Zeit, das zu akzeptieren, zumal die Liga alles tut, den Status quo zu manifestieren. Die Zentralvermarktung der Klubs bleibt eine heilige Kuh, die fortlebt, damit auch die Bundesliga in ihrer bewährten Form nicht stirbt. Folglich darf niemand Siege in der Champions League einfordern – und wir müssen allmählich zum olympischen Motto übergehen: Dabeisein ist alles.“
Arsenal–Real Madrid 0:0
Deutscher Kunstturner in Handschuhen
Raphael Honigstein (SZ) schildert die Inbrunst, mit der Arsenal-Fans Jens Lehmann feiern: „Die alte Art Deco-Tribüne wackelte bedenklich, zigtausende Männer ruinierten ihre Stimmbänder, wedelten wild mit den Armen, reckten Fäuste in die Höhe. Ein regelrechter Fieberwahn hatte die Besucher im Highbury befallen; noch lange nach Ende der Vorstellung war der kollektive Wille, den unrühmlichen Stadion-Spitznamen the library (‚die Bibliothek‘ – weil es dort oft so leise ist) ein für allemal ad absurdum zu führen, ungebrochen. ‚Lehmann, Lehmann, Lehmann, Lehmann‘, tobten die Ränge, das hatte man in London so noch nicht gehört. Der Held des Abends war gefunden. (…) Ein Torwart ist öfters der beste Mann auf dem Platz, wenn das Spiel torlos ausgeht. Selten aber ist ein 0:0 so atemraubend. Und Lehmann war in drei Jahren bei Arsenal sicher nie besser. Die blutjunge Heimmannschaft hatte bedingungslos gekämpft, begeisternd gekontert, tolle Torgelegenheiten kreiert – ohne die heroischen Taten des ‚deutschen Kunstturners in Handschuhen‘ (Daily Telegraph) wäre wahrscheinlich alles umsonst gewesen. Die einzig echte Chance, die sich diese untote, im Zwielicht umherirrende Ansammlung gewesener Granden herausspielen konnte, machte ‚Super Jens‘ (Sun) zunichte. Madrid sollte dem Torhüter sogar dankbar sein. ‚Er besorgte die letzte Ölung‘ (Times), das Regime der Galaktischen kann – drei Jahre verspätet – endlich begraben werden.“
Süd schlägt Nord
Christian Eichler (FAZ) sieht in Lehmann Deutschlands Lichtblick: „1:4 das Nationalteam, 1:4 die Bayern: acht Tage, in denen es im deutschen Fußball nur Verlierer gab. Bis auf einen: Jens Lehmann. Seine beste Tat vollführte er nach einem Pfostentreffer von Raul, als er dessen Nachschuß im Zurückhechten gegen die eigene Sprungrichtung am Pfosten vorbeilenkte. (…) Lehmann gab Real Madrid, dem Modell der Weltelf in Weiß, den vielleicht letzten Stoß auf dem Weg in die Mottenkiste. Zidane, Beckham, Roberto Carlos, Ronaldo, Raul zeigten sich als staubige Kollektion alter Meister – eine Umgebung, in der auch die jungen, eingewechselten Zukäufe Robinho, Cassano, Julio Baptista einer spielerischen Frühvergreisung verfielen. Reals tor- und geistlose Darbietung bedeutete die einzige Ausnahme im Trend der Champions League, der sich in der K.-o.-Runde zeigt: Süd schlägt Nord. Die mediterranen Ligen sind die Sieger der Saison. Ihre Vertreter schlagen die Konkurrenz aus England, Schottland, Holland; aus Deutschland sowieso.“
Bildstrecke, faz.net
taz: Fragen der Zensur – eine ‚dünnhäutige‘ Hertha schließt das Fanforum, weil es Schmähungen gegen den Manager enthalten habe
BLZ: Beschlagnahmung von Bettlaken – wie Hertha BSC in der Krise auf Kritiker reagiert
Deutsche Elf
Stellen Sie Lehmann ins WM-Tor!
Michael Rosentritt (Tsp) kommentiert Franz Beckenbauers Befehl, Oliver Kahn zu bevorzugen: „Man kann darüber streiten, ob Jürgen Klinsmann nicht besser beim WM-Workshop aufgehoben wäre, statt in die Sonne Kaliforniens zu blinzeln. Und man kann darüber unterschiedlicher Ansicht sein, inwiefern das Abschneiden der Nationalmannschaft letztlich nur ein Produkt der Qualität der Bundesligaklubs. Es gibt aber keine zwei Meinungen mehr darüber, wer ins deutsche WM-Tor gehört. Natürlich hat auch Beckenbauer mitbekommen, dass Kahns Rivale Lehmann in zwei Spielen gegen die offensiv immer noch stärkste Mannschaft der Welt, Real Madrid, jeweils zu null gespielt hat, wohingegen der Torwart seines Vereins nicht ganz schuldlos vier Stück in einem Spiel gefangen hat. Was Beckenbauer offenbar nicht weiß, ist, dass er Kahn damit keinen Gefallen getan hat und viele Deutsche dem Bundestrainer zurufen möchten: Herr Klinsmann, vergessen Sie Ihre Kinderstube und stellen Sie Lehmann ins WM-Tor!“
Siehe dazu meine 11-Freunde-Kolumne vom Oktober 2005: „Oliver Kahn wird 2006 deswegen im Tor stehen, weil er die besseren und mächtigeren Fürsprecher hat als seine Kontrahenten.“ Morgen sicher mehr über dieses Thema.
Hornissenstiche
Philipp Selldorf (SZ) fasst die letzten sieben Tage zusammen: „Zur Jahrhundertwende schienen die Italiener den Anschluss ans internationale Spitzenniveau verloren zu haben, Spanien und England waren die gelobten Länder des Fußballs in Europa. In wenigen Jahren haben die Italiener ihre Antwort gefunden, und das nicht nur wie früher mit aberwitzig teuren Transfers, sondern mit eigenen Lösungen. Das ist nicht nur bei der Nationalelf zu sehen, die an Jugend dem deutschen Team um nichts nachsteht, sondern auch bei ihren Spitzenvertretern aus Mailand und Turin, die trotz teurer Gastarbeiter die italienische Kultur fördern und pflegen. Wo die Deutschen immer nur denken, zwischen Treviso und Palermo werde allein der Catenaccio kultiviert, entwickeln die Italiener bewegliche, reife Strategiemodelle. Die Bayern verbuchten in Mailand 60 Prozent Ballbesitz, aber die Mailänder nutzten ihre 40 Prozent zu Angriffen wie Hornissenstiche. Im Grunde müssten die Deutschen unter dem Eindruck der italienischen Woche eine Fußball-Notstandskommission einrichten. Und vielleicht bietet man ja den Signori Capello, Ancelotti und Lippi noch schnell eine Gastprofessur an.“
Italienische Lehrstunden
Auch Frank Hellmann (FR) ringt nach Luft: „Die beiden 1:4-Pleiten zeigen das Dilemma schonungslos: Eines, in dem die gesamte Bundesliga steckt, deren hochgejazztes Treiben in den Tagen der italienischen Lehrstunden als Blendwerk enttarnt ist. Technisch und taktisch, aber auch physisch und psychisch ist der Rückstand frappierend. Da wirkte die auch sachlich falsche neuerliche Schiedsrichter-Schelte von Felix Magath nur peinlich. Es gibt keine andere Erkenntnis, als dass es Fußball-Deutschland vor allem bei Auswärtsspielen an Qualität mangelt. In der Champions League und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch bei der WM – wobei es dienlich gewesen wäre, wenn Jürgen Klinsmann die beiden Partien in Italien verfolgt hätte. Der Bundestrainer hätte hautnah gesehen, dass es insgesamt nicht mehr für eine Liga langt, die sich selbst belügt und deren Repräsentanten wieder einmal staunend vor den Bildschirmen hocken, wenn Europas Elite in drei weiteren Runden um den bedeutendsten Titel im Vereinsfußball streitet.“
Wackelkandidat
Michael Ashelm (FAZ) gibt die Hoffnung nicht auf: „Die neuesten Erfahrungen reihen sich ein in die der vergangenen Jahre, weshalb die vor allem durch den Confederations Cup entstandene deutsche Aufbruchstimmung einer realistischen Einschätzung längst nicht mehr standhält. Dies haben die aktuellen deutsch-italienischen Vergleiche drastisch vor Augen geführt. Der deutsche Fußball bleibt mit dem Blick auf die WM ein Wackelkandidat. Hoffnung ist derzeit aus so gut wie keinem internationalen Vergleich von gehobenem Format abzuleiten. Andererseits wäre es genauso falsch, dem großen Turnier dieses Sommers ohne jede Hoffnung entgegenzusehen. Vielleicht lernen gerade die jungen Spieler, auf die Klinsmann setzt, aus den Rückschlägen von Turin und Mailand. Vielleicht präsentieren sie sich bei der WM wenigstens wieder so, wie sie vom Confederations Cup in Erinnerung geblieben sind: begeisterungsfähig, lernwillig und viel tatkräftiger als bei den jüngsten Schlappen in Italien.“
Donnerstag, 9. März 2006
Champions League
Offene Wunde
Juventus Turin–Werder Bremen 2:1
Always look on the bright side of life – Christian Eichler (FAZ) pfeift Tim Wiese Trost: „In der modernen Sagenwelt namens Fußball ist er der Nachfahre des Sisyphos: der Torwart. Immer wieder müht er sich ab, schafft die Kugel fort; immer wieder kommt sie zurück. Er kann sie nicht ewig halten. 88 Minuten lang war Sisyphos der strahlende Held. Doch das Strahlende ist gefährlich in diesem Fach. Im Tor braucht man nicht nur das Spektakuläre; auch die Sachlichkeit, nicht noch bei jeder Routine turnerisch glänzen zu wollen. Tim Wiese vergaß das für diesen einen Moment. Dafür blüht ihm die Höchststrafe, die das Spiel für seine Spezies bereithält. Torwarts Tortur: vor dem inneren Auge in Endlosschleife die Szene, in der ihm alles entglitt. Fast jeder kennt solche Momente des Scheiterns, ungefragte Erinnerungsbilder – wie ein Albtraum, in dem man das Verhängnis sieht und nichts ändern kann. Wenn Wiese Glück hat, bleibt der innere Film nur ein paar Tage im Programm. Wenn er Pech hat, für immer. Ein Feldspieler hat es besser. Er muß schon einen wichtigen Elfmeter vergeben, daß man seinen Namen ewig mit Mißlingen in Verbindung bringt: Hoeneß oder Kutzop. Doch fast immer bekommt er eine zweite Chance. Ein Tor, ein Titel tüncht die Erinnerung, tilgt verpaßte Tore. Der Torwart kann das nicht. Der ungehaltene Ball bleibt ungehalten. Eine offene Wunde.“
Torwartparvenü
Andreas Rüttenauer (taz) schildert die entscheidende Szene bissig: „Um ein Haar wäre es dem Torwart mit der breiten Bodybuilder-Brust gelungen, in den Kreis ernst zu nehmender Sportler aufgenommen zu werden. (…) Wiese hatte eine Flanke abgefangen, er hielt den Ball sicher in der Hand, dann ließ er sich fallen, wollte sich noch einmal um die eigene Achse drehen, ganz so, wie es der große Oliver Kahn regelmäßig zu tun pflegt. Wahrscheinlich hätte es ganz gut ausgesehen, wenn, ja wenn Wiese der Ball nicht aus der Hand gefallen wäre. Überhaupt legt Wiese bei seinen Paraden darauf Wert, dass sie gut aussehen. Er legt Wert auf das Äußere, auch auf das seiner Aktionen im Spiel. Er will wirken. Seiner Mannschaft hat er damit keinen guten Dienst erwiesen – eine misslungene Einlage des überehrgeizigen Torwartparvenüs.“ Frank Hellmann (FR) beobachtet Tim Wiese beim Schrumpfen: „Wieses Aussetzer ist aus einer verhängnisvollen Mixtur aus Übermut und Tollkühnheit, Selbstüberschätzung und Selbstdarstellung entstanden. Alles, was gut aussieht, ist sein Ding – selbst auf die Gefahr hin, Angriffsfläche zu liefern. Nun ist die Gratwanderung just gewaltig schief gegangen, als Wiese gefühlt um glatt einen Meter gewachsen schien.“
Der Ursprung liegt zwei Torwartgenerationen zurück
Philipp Selldorf (SZ) betreibt eine Archäologie der Torwartschule und findet Aufschluß in Kölner Muckibuden: „Er fängt den Ball und wirft sich in einer manierierten Pose nach vorn, rollt ab wie der Held in der Revolverballade, bis plötzlich der Ball wieder solo auf dem Rasen liegt. Eine Mikrosekunde nur, aber lang genug, um dem bereits davontrottenden Emerson die Gelegenheit zum finalen Treffer zu geben. (…) Dass Juve am Ende das entscheidende Tor schießt, folgt zwar einer historischen Konstante, aber diesmal war es nicht die logische Pointe des Spiels. Mit Ausnahme eines Details: Der Ursprung des Bremer Unglücks liegt womöglich zwei Torwartgenerationen zurück, am Geißbockheim im Kölner Grüngürtel, wo ein strenger Mann namens Rolf Herings mit Schüssen und Flanken die Torhüter Toni Schumacher und Gerald Ehrmann trainierte. Dieses Training trug Züge der Sonderausbildung für Krisenkommandos, und die bekennenden Bodybuilder Schumacher und Ehrmann waren dafür die perfekten Einzelkämpfer. Ehrmann ging später nach Kaiserslautern, machte unter dem Namen Tarzan eine Karriere voller Wildheiten und setzt als Torwarttrainer bis heute Herings‘ Werk fort. Er schulte auch Wiese, ebenfalls Bodybuilder und ein typischer Sohn seiner rheinischen Heimat.“
Fertigbausatz
Klaus Hoeltzenbein (SZ) empfiehlt Jürgen Klinsmann den Bremer Block (bei Bayern München heißt das dann immer gleich „Diamant“ oder so), vor allen Dingen Frank Baumann: „Baumann hat ein paar Länderspiele in der Unsichtbarkeit verbracht, in der aktuellen Hurra-Pädagogik von Bundestrainer Klinsmann spielt er bislang keine Rolle. Die Frage ist nur, ob sich die Nationalelf diesen Luxus leisten kann, denn Baumann ist ein Systemspieler, einer, dessen Qualität sich am Fernseher nicht erschließt. Nur im Stadion, beim Blick aufs Gesamte, ist wirklich zu erkennen, wie so ein Ego-armer Dienstleister einer Gruppe helfen kann. Nun wird die WM garantiert nicht durch Frank Baumann gewonnen, aber in seiner Person spiegelt sich eine Variante, die nicht nur für den Notfall attraktiv erscheint. Das Beste, was die Bundesliga der irritierten Nationalelf derzeit als Fertigbausatz anbieten kann, ist jene Mittelfeld-Raute, die in Bremen von Thomas Schaaf entwickelt worden ist. Mit Borowski (links), Baumann (zentral) und Frings (rechts), nur der Franzose Micoud wäre offensiv zu ersetzen, aber dafür böte sich Michael Ballack an. Eine Woche nach Florenz war die Bremer Raute gegen Juventus im Mittelfeld ebenbürtig – frei von jenem Fremdeln, wie es in der zerfransten Nationalmannschaft zu beobachten war.“
Guter Name
Sven Bremer (FTD) würdigt Bremens Sturmspiel: „So abgedroschen es klingen mag, für Werder Bremen gilt jetzt erst recht: Der Weg ist das Ziel. Sind sie doch in dieser Saison dem Ziel, sich in Europa einen guten Namen zu machen, einen beachtlichen Schritt weiter gekommen. Einerseits macht sich die wieder gefundene Kontinuität bezahlt. Andererseits ist es nicht nur aus Marketingaspekten von Vorteil, so Fußball zu spielen. Die Suche nach Sponsoren vereinfacht das sicherlich, erst recht, wenn endlich wieder kombiniert wird wie einst von Netzer und Overath, nur um einiges schneller. Respekt!“ Patrick Krull (Welt) blickt voraus: „Neben Bayern München wird sich auf Dauer ein zweiter deutscher Klub als feste und ernstzunehmende Größe in der Königsklasse etablieren.“ Hm, dieses Kompliment klingt heute etwas schal; über das Bayern-Spiel in Mailand lesen Sie morgen.
FC Barcelona–FC Chelsea 1:1
Toller Trainer und traurige Gestalt
Aus dem Bösen wird in der Niederlage der Narr; Ronald Reng (taz) rät dazu, Chelseas Trainer nicht so wichtig zu nehmen, und schwärmt vom FC Barcelona: „José Mourinho hatte sich entschieden, einmal ein ehrenwerter Verlierer zu sein. Und wenngleich sein Gratulationsüberfall nach dem Ausscheiden etwas zu demonstrativ ausfiel, so blieb es eine schöne Geste. Bis er sich umdrehte und zum Abschied Barcelonas Fans zynisch Kusshändchen zuwarf. Es war sein üblicher Cocktail aus Verschwörungstheorien, Wahrheitsverfälschung und Bitterkeit, den Mourinho servierte. Und schon liefen die Gespräche mit den anderen Protagonisten wieder einmal nur darauf hinaus: ‚Mourinho hat gesagt … Was sagen Sie dazu?‘ Es reicht. Zu viele Journalisten lassen sich auf Mourinhos bitteres Geschwätz ein und rechtfertigen es am Ende noch damit, er führe ‚Psychokriege‘ gegen seine Gegner. Dabei ist er nur ein toller Trainer und eine traurige Gestalt, die im zweiten Gastjahr in London noch immer nicht die größten Werte Englands für sich entdeckt hat: Höflichkeit und Selbstironie. Dienstag war ein guter Zeitpunkt, um Mourinhos Unsinn endlich zu ignorieren. Und der Blick wurde frei auf die wahre Erkenntnis einer wundervollen Nacht: Der FC Barcelona bewies, dass er das Modell dieser Epoche ist. Wer Fußball sehen will, wie er sein soll, sei im Camp Nou willkommen. (…) Das Mittelfeld besetzte Positionen, raubte den Ball und zog los, mit einer Geistesgegenwärtigkeit, mit einer Intensität, dass Chelsea, dieses maschinelle Ungeheuer, qualvoll erstickte. Frank Lampard, Claude Makelele, die besten Mittelfeldspieler der Welt, sagen viele – wie banal sahen sie einen Abend lang aus, in permanente Platz- und Atemnot gebracht von Deco. Als Duell der Gegensätze war Barça gegen Chelsea angekündigt worden, Heiß gegen Kalt, mutiger Angriff gegen zynische Konter. Aber dieses Duell gewann Barça, weil sie das bessere Chelsea sind: Sie spielen, es wird angesichts ihres Anmuts zu leicht übersehen, mittlerweile genauso taktisch exzellent wie Mourinhos Elf. Chelsea, das Monster, ernährt sich von den Fehlern der Gegner. Barça ließ keinen einzigen Eckball zu, keinen Freistoß in Tornähe. Das passt nicht in die Wirklichkeit der Künstlertruppe, die das Fernsehen mit endlosen Zeitlupen von Ronaldinho kreiert. Es war mehr als ein Achtelfinale, ein Grundsatzsieg.“
Contre-pied
Markus Jakob (NZZ) imponiert unter anderem Ronaldinhos Tor: „Der eisige Opportunismus, mit dem Chelsea bei Kontern den Gegner zu überrumpeln pflegt, traf diesmal auf eine tadellos organisierte Abwehr; und bei den wenigen stehenden Bällen in der eigenen Spielzone, die Barça nicht vermeiden konnte, intervenierte Keeper Valdés sicher. Der defensive Reifeprozess der noch letztes Jahr am eigenen Übermut krankenden Mannschaft scheint abgeschlossen. (…) Wie Ronaldinho sich zwischen vier Gegenspielern durchtankte und Petr Cech contre-pied erwischte, wird in die Barça-Annalen eingehen – nicht nur seine Balltechnik und Schnelligkeit, sondern auch der Kraft wegen, die der zurzeit beste Fussballer der Welt bei dieser Einzelleistung entfaltete.“
Das lautlos arbeitende Gehirn
Paul Ingendaay (FAZ) kann den Blick von Deco nicht wenden: „Es war zeitweise ein spannendes Spiel, kein großes. Chelsea mußte kommen, um den Rückstand wettzumachen, kam aber nicht. Nach fünfzehn Minuten war das Stürmchen vorbei, und die Katalanen begannen, mit ihrer überlegenen Technik und ausgefallenen Kabinettstückchen von Ronaldinho das Spiel zu dominieren. Dribblings, Heber, Hackentricks: Der Weltfußballer des Jahres schien auf den Platz gekommen zu sein, um sich zu amüsieren. Weil Chelsea außer Robben wenig zu bieten hatte, drohte das Spiel schon vor dem Halbzeitpfiff einzuschlafen. Solche Situationen können täuschen, und den FC Barcelona, eine Truppe von legendärer Verwundbarkeit, haben sie schon oft getäuscht. Diesmal nicht. Der Grund dafür heißt Deco. Auch wenn der Brasilianer mit portugiesischem Paß unauffällig spielt, sein Blick für den Rhythmus der Partie ist grundlegend für den Erfolg der Katalanen. Deco war das lautlos arbeitende Gehirn, während der stets lächelnde, gestikulierende Ronaldinho die Lichter anzündete.“
NZZ-Bericht Arsenal–Real (0:0)
WM 2006
Steigerungslauf
Felix Reidhaar (NZZ) läßt die Luft raus aus dem deutschen WM-Ballon: „Deutschland ist in Erwartung eines stürmischen Sommers. Seit Mitte 2000 braucht man zu dieser Prognose keine prophetische Gabe. Als unser nördliches Nachbarland in Zürich etwas überraschend den Zuschlag zur WM-Durchführung 2006 erhielt, geriet der Stand der Erregtheit in den Komparativ; daraus ist bis dato ein Steigerungslauf geworden, der sich an verschiedenen Beispielen ablesen lässt – am besten in der deutschen Publizistik. Kaum ein noch so kleiner Verlag, der nicht auf den fahrenden Fussball-Zug aufzuspringen versucht. Der Büchermarkt wird geradezu überschwemmt von Fussballthemen. Selbst renommierte überregionale Zeitungen hatten schon vor Jahresfrist anlässlich des Vorbereitungsturniers Konföderationen-Cup einen World Cup im Kleinformat zelebriert. Ein Wunder ist das nicht. Der Fussball ganz allgemein und der Profibetrieb im Speziellen boomen oberhalb des Rheins in einer Weise, die einem nüchternen Schweizer schon aus einer Art Missgunst heraus bissig-spöttische Bemerkungen abringen muss. Die hohe Identifikation mit dieser Ersatzreligion wird an den Besucherzahlen der Bundesliga verdeutlicht. Kein anderes europäisches Land, nicht einmal England, verzeichnet so gut gefüllte, mehrheitlich ausverkaufte Stadien. Die Zugkraft allein gibt nicht erschöpfend Auskunft über die Qualität. Sie gilt im internationalen Kontext als eher medioker und uninteressant, was die vergleichsweise bescheidene Nachfrage nach Bundesliga-Fernsehrechten im Ausland veranschaulicht. Weil das Niveau im deutschen Spitzenfussball also nicht über jeden Zweifel erhaben ist und Erfolge wie die Finalqualifikation an der letzten WM eher auf antizyklischer Entwicklung beruhen, sind vom Nationalteam unter dem schwarzen Adler nicht a priori Bocksprünge zu fordern.“
Allgemein
Leidenschaft
Wir und die Schalker müssen uns den US Palermo in etwa wie die Gallier vorstellen – Dirk Schümer (FAZ): „Das kleine, stets vollbesetzte Stadio Renzo Barbera in Palermo ist bei den reichen Fußballprofis Norditaliens berüchtigt. Wo Schalke heute antritt, verstehen die Tifosi ihren Lieblingssport noch als Lebensleidenschaft. Während die Tribünen in Mailand und vor allem bei Juventus Turin oft gähnend leer bleiben, feiern die heißblütigen Sizilianer ihre Helden nach Herzenslust und verunsichern die Nobelkicker mit Gusto. Auf der größten Insel des Mittelmeers hat man auch allen Grund zur Freude. Dreißig Jahre dümpelte der Klub immer nahe der Pleite in den unteren Ligen herum, bis 2003 der norditalienische Unternehmer Maurizio Zamparini das Potential des fußballerischen Brachlandes erkannte und seine Millionen nach Palermo transferierte. Hier gelang dem Patron, was ihm in sieben Jahren als Besitzer von Venezia verwehrt blieb: Palermo verhinderte nicht nur den Abstieg, sondern zog auf Anhieb in den Uefa-Pokal ein. Die Leidenschaft der Tifosi und das Geld von Zamparini passen prächtig zusammen. Mit seinem Erfolgsklub ließ sich der harte Friulaner zuletzt zum stellvertretenden Ligapräsidenten wählen. Seine Lieblingsbeschäftigung dort ist das Ärgern der arrivierten Bosse der Großvereine. Mit dem sanften Ölmilliardär Massimo Moratti oder den arroganten Managern von Juventus Turin legt sich Zamparini ebensogerne an wie mit Silvio Berlusconi, dem Zamparini mit guten Argumenten einen Interessenkonflikt als Politiker, Inhaber der Fernsehrechte und Chef des AC Mailand vorwirft. Gegen die Milliardäre des Fußball-Establishments bietet der Selfmademan Zamparini ein imposantes Vermögen auf: Gut 700 Millionen Euro hat er beim Verkauf einer von ihm selbst aufgebauten Supermarktkette erlöst, aber für den europäischen Spitzenfußball ist das immer noch ein eher bescheidenes Sümmchen.“
Deutsche Elf
Bärendienst
Jens Lehmann hätte gute Chancen, schreibt Helmut Schümann (Tsp), „wenn Klinsmann nach Deutschland gekommen wäre zu dieser komischen Trainer-Zusammenkunft. Getagt wurde da ja eher nicht, mehr getafelt. Aber nun ist er nicht gekommen, hat damit Beckenbauer zur Hyperventilation getrieben und einen Sturm entfacht. Ob er sich jetzt noch frei entscheiden kann, wen er am 9. Juni in den deutschen Kasten stellt? Wohl kaum. Beckenbauer und seine Helfershelfer von der Bild haben sich längst auf Kahn festgelegt, dem gehört auch die Gunst der Mächtigen des FC Bayern München. Man kann sich vorstellen, was hier los sein wird, wenn Klinsmann auf Lehmann setzt, womöglich kommt noch jemand auf die Idee, den Papst um Fürbitte und Beistand anzuflehen. Klinsmann weiß das, auch in Kalifornien, eine freie Entscheidung hat er nun nicht mehr. Weswegen er sich und dem deutschen Fußball mit seinem Fernbleiben tatsächlich einen Bärendienst erwiesen hat.“
Gestörtes Verhältnis zu einigen Medienvertretern
Roland Eitel, Klinsmanns Berater, verteidigt ihn im Interview mit Spiegel Online: „Allgemein nimmt Klinsmann die sportliche Kritik an. Was den Workshop angeht, sah Klinsmanns Plan keine persönliche Teilnahme vor. Das hat auch nichts mit verletztem Stolz zu tun. Es gibt eine Aufgabenteilung, auch wenn diese für viele gewöhnungsbedürftig ist. Entscheidend ist, dass Klinsmann die Aufgaben erfüllt, die er für wichtig hält, und das sind in vorderster Linie sportliche Dinge. Die Wohnsitzdebatte ist unverständlich, er lebt schließlich nicht nur in Kalifornien, sondern hat auch eine Wohnung in Stuttgart. Das erwähnt niemand in der ganzen Debatte. Natürlich sieht das Konzept vor, dass Klinsmann immer häufiger in Deutschland ist, je näher die WM rückt. Es gibt aber keinen Grund vom Plan abzuweichen. Wenn er jetzt dauerhaft hier her zieht, wird doch gleich geschrieben, er habe seine Linie verloren. (…) Klinsmann will sich nicht von Terminen zermürben lassen, die nichts mit der sportlichen Vorbereitung der Mannschaft zu tun haben. Aimé Jaquet wollte es als Nationaltrainer Frankreichs bei der EM 1996 allen recht machen und hatte ein super Image. Das Team ist im Halbfinale ausgeschieden. Zwei Jahre später konzentrierte er sich ausschließlich auf den Fußball, hatte ein katastrophales Image – aber das Team wurde Weltmeister. (…) Es gibt sicher ein gestörtes Verhältnis zu einigen Medienvertretern. Das hat sich so über Jahre entwickelt. Da geht es vor allem um unsachliche Kritik. Nochmal: Kritik an der sportlichen Leistung ist in Ordnung. Aber einige Journalisten verfolgen ihn auf Schritt und Tritt, berichten über das Essen in der ersten Klasse auf dem Flug nach Kalifornien oder spekulieren über die Flugkosten. “
Symptomatisch
Reinhard Mohr (SpOn) fordert Erdung und Besinnung auf alte deutsche Werte: „Ausgerechnet dem kalifornischen Großkommunikator Klinsmann, mit modernsten wissenschaftlichen Kenntnissen ausgerüstet, gelingt es nicht, seine Absichten zu vermitteln und jene Begeisterung zu erzeugen, die nicht auf reiner Einbildung und manischer Selbstsuggestion beruht, sondern auf prüfbaren Tatsachen. Aber damit scheint Klinsmann symptomatisch für jenes Land zu sein, dem er so oft entflieht. Ein Land ohne wirkliche Leidenschaft, ohne Fußballfieber und echten WM-Groove. Das wahre Drama hierzulande sind 18 Minuten Mehrarbeit pro Tag im Öffentlichen Dienst. Da schrillen die Ver.di-Trillerpfeifen. Andererseits können ein paar fehlende Feuerlöscher im WM-Stadion schon echte Depression auslösen. Die Stiftung Warentest – das ist Deutschland. Stattdessen aber wäre eine weitere alte deutsche Tugend gefragt, die freilich stets im Kampfe lag mit romantisch verklärter Sehnsucht und irrationaler Selbstverblendung: Ein engagierter Realismus. Gerne auch: Gesunder Realismus, gepaart mit einem kräftigen Schuss Optimismus. Das heißt: Genau hinschauen, überlegen, Fehlerquellen suchen und, wo möglich, beheben. Dann aber hoffen und kämpfen. Am Ende vielleicht sogar: Feiern. Deutschland muss weiß Gott nicht Fußballweltmeister werden. Aber es muss sich aus dem Schlepptau lähmender egomanischer Glaubensbekenntnisse lösen. So viel Mut müsste eigentlich aufzubringen sein. Auch das übrigens ein alter deutscher Wert.“
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