indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Dienstag, 28. Februar 2006

Bundesliga

Hamburger SV–VfB Stuttgart 0:2

Verkrampft und ohne Esprit

Frank Heike (FAZ) drückt seine Sorge um das Hamburger Innenleben aus: „Der Zusammenhalt war die Stärke der zweitbesten Mannschaft der Hinrunde. So wurde der HSV zum gefeierten Bayern-Jäger. Die Profis schwärmten vom Klima. Davon ist in diesen Wochen wenig geblieben, und wenn der HSV auf Rang 3 auch immer noch gut dasteht, weist der Weg doch deutlich nach unten. Es hat zu viele Störungen gegeben im Innenleben der einst so gut funktionierenden Mannschaft. Natürlich haben die Hamburger inzwischen gemerkt, daß es leichter ist, etwas zu erreichen, als es zu verteidigen. Der HSV spielt verkrampft und ohne Esprit. Schon wird bang auf den anrückenden FC Schalke 04 geschaut: Klar ist, daß Rang 4 nach diesem Saisonverlauf ein Mißerfolg wäre – die Mannschaft will in die Champions League, und die garantierten Millionen wären auf dem langen Weg zum europäischen Spitzenklub der nötige Brennstoff. Plötzlich ist alles in Gefahr. (…) Es war ein beeindruckender Sieg des VfB. Befreit von den Fesseln Trapattonis, spielten die Schwaben clever im Stile einer Spitzenmannschaft.“ Jörg Marwedel (SZ) schaut skeptisch nach vorne: „Das alles sind schlechte Vorzeichen für das Gastspiel in München, das doch ein echter Gipfel werden sollte: Van der Vaart noch in der Orientierungsphase, van Buyten und Wicky gesperrt, dazu ein Sturm, in dem der überspielte Barbarez derzeit nicht mal das leistet, was dem halbierten, von ihm abgelehnten Vertragsangebot des Vereins entsprechen würde. (…) Es gibt Grund für die Annahme, dem HSV könne im Rennen um Platz 2 die Luft ausgehen.“

Iss schneller fertig als gedacht

Sven Flohr (Welt) hält Stuttgarter Sprachwandel fest: „Jürgen Rotthaus, der Marketingchef des VfB, hatte zuletzt viel zu tun, mußte er doch dafür sorgen, daß möglichst nichts mehr an den von ihm geschätzten Kulttrainer erinnert. So mußte das große Trapattoni-Porträt in der Marketing-Geschäftsstelle entfernt und ein neues Mannschaftsfoto erstellt werden, ebenso ein Fanartikelkatalog. Rotthaus sagt: ‚Wir haben aber unser Gesamtmarketing nicht auf Trapattoni ausgerichtet. Wir sind Profis genug, um zu wissen, wie anfällig so etwas ist.‘ Viele Sponsoren setzten dagegen auf Sprüche des berühmten Trainers und mußten nun Werbetafeln ersetzen. Das betraf etwa eine Fluglinie (‚Wir haben günstig‘/'Was erlauben Taxipreis?‘), einen Telefonanbieter (‚Bei uns haben die anderen fertig‘) und einen Autohersteller, der auf einer 89-Meter-Bande prahlte: ‚Wir haben fertig – der 911er ist da‘. Ganz verschwunden ist der Italiener aber nicht aus dem Stadtbild. Da die Privatsponsoren ihm die Treue halten, wirbt der plakatierte Maestro weiter für Sprudel und Maultaschen. Teils mit modifizierten Sprüchen. Einer lautet: ‚Iss schneller fertig als gedacht‘.“

MSV Duisburg–Hertha BSC Berlin 2:1

Freudsche Massenflucht

Mitgefühl kann grausam sein – Ulrich Hartmann und Javier Cáceres (SZ) berichten von der Pressekonferenz: „Falko Götz setzte einen traurigen Tunnelblick auf. Er reflektierte die Niederlage mit trübem Gestus und tristem Vokabular, und als dann mit Jürgen Kohler zu einem freudenreichen Vortrag anhub, schien Götz in ferne Welten abzugleiten, in ein Phantasiereich, in dem gute Fußballer gut Fußball spielen und ein mit großen Zielen ausgestatteter Klub auch wirklich große Ziele erreicht. Aber Götz wurde schnell zurückgeholt in die Wirklichkeit. Als Kohler die von ihren Notizblöcken aufblickenden Journalisten mit der Mitteilung überraschte, Herthas Spieler hätten mit ihrer kämpferischen Leistung jede Diskussion um ihren Trainer beendet, ‚wenn es sie denn überhaupt gegeben hat‘, da brach es aus Götz heraus. Er lachte auf und grinste breit, und womöglich hat er auch noch hoch droben im Flugzeugsessel, Seite an Seite mit Dieter Hoeneß, noch einmal vor sich hingekichert. Dass Kohler sich zum Kabarettisten eignet, war die dritte Erkenntnis. Die zweite war, dass der MSV noch gewinnen kann. Die wichtigste Erkenntnis aber war, dass es eine schwierige Woche wird für Götz und Hertha BSC, und dass die Diskussion um den Coach mitnichten verstummen, sondern lauter wird (…) Mit sieben Platzverweisen aus acht Spielen im Kalenderjahr 2006 wirkt die Berliner Selbstgeißelung wie eine freudsche Massenflucht. Die Spieler haben offenbar nicht mehr viel Spaß auf dem Platz.“

Den Spaß genommen

Matthias Wolf (FAS) hält den Berlinern vor, sie hätten ihr Baby Marcelinho besser behüten sollen: „In der Misere haben sie bei Hertha die Geduld verloren mit ihrem Exzentriker. Dabei vergessen sie, daß ohne ihn – im letzten Jahr von der Liga zum besten Feldspieler gewählt – die Hertha noch grauer und gesichtsloser wäre. Das ‚Premium-Produkt‘, der ‚Markenartikel‘ (Hoeneß), hat in Wirklichkeit nur regionale Bedeutung. Hertha bleibt die alte Dame mit provinziellem Parfum. Das gewisse Etwas liefert meist nur Marcelinho. Vielleicht der einzige Transfer, für den sich Hoeneß wirklich feiern lassen darf. Das Problem ist nur, daß er sich gerade der Masse im Kader anpaßt, in Krisenzeiten keine Führungsperson ist. Aber wo stünde Hertha selbst in diesen Tagen ohne seine acht Tore und acht Vorlagen? (…) Nein, das ist nicht mehr der Künstler, dem bei jedem Übersteiger mit seinen maßgeschneiderten Schuhen einst die Freude anzusehen war. Marcelinho wurde der Spaß genommen. Am Fußball und am Leben in einer pulsierenden Stadt. Immer seltener geht er aus. Eine Diskothek wollte er in der Nähe des Kurfürstendamms eröffnen. Die Räume waren schon gemietet – aber Hertha verbot ihm den Nebenerwerb. Deshalb hat er viel Geld verloren. Außerdem soll Hoeneß jüngst seinen Berater regelrecht abblitzen lassen haben, als dieser um eine Verlängerung des bis 2007 datierten Vertrages vorstellig wurde. Ein Thema übrigens, das der Verein vor einem halben Jahr noch selbst forciert hatte. Die Kehrtwende, aufgrund einer Formschwäche, hat Marcelinho tief getroffen. Der sensible Spielmacher hat laut nachgedacht über eine Änderung gen Schalke, Leverkusen oder Hamburg. Vielleicht wäre das nach fünf Jahren und einer abgenutzten Beziehung die beste Lösung. Nicht nur in der Hauptstadt gibt es schließlich gute Friseure.“

FR: Götz weiß keinen Rat, wie er Hertha aus der Krise führen kann

Ascheplatz

Keine gleichwertige Alternative

Marcus Theurer (FAZ/Wirtschaft) erörtert das Gerücht, Premiere würde mit einem Einstieg ins Online-TV liebäuglen: „Für Premiere ist die Bundesliga-Übertragung via Internetfernsehen kurzfristig keine gleichwertige Alternative: Auch andere Sender wollen mit der Deutschen Telekom, dem Inhaber der Internet-Rechte, ins Geschäft kommen. Die Bildqualität ist zudem noch nicht mit dem heutigen digitalen Premiere-Fernsehen vergleichbar. Für Premiere sind die Telekom-Verhandlungen gleichwohl ein Druckmittel gegenüber Unity. Denn Unity und die Telekom werden immer stärker direkte Konkurrenten. Im Schulterschluß mit Premiere würde die Deutsche Telekom zu einem ernsthaften Herausforderer im Kerngeschäft der Kabelbetreiber: dem Fernsehen.“

Deutsche Elf

Der ewige Stürmer

Andreas Lesch (BLZ) kritisiert Jürgen Klinsmann dafür, dass er zu wenig mit seinen Kontrahenten rede: „Klinsmann unterschätzt die Folgen, die seine Vorgehensweise hat. Er hat sich wieder einmal in Stilfragen angreifbar gemacht. Er hat sich, obwohl er in der Sache Recht hatte, enormen Anfeindungen ausgesetzt. Er war so überzeugt von seiner Position, dass er vergaß, sie sorgsam zu kommunizieren. Hat er in seinen amerikanischen Management-Kursen etwa nicht aufgepasst, als es um Konfliktvermeidung ging? Schon einmal hat Klinsmann in seiner Amtszeit als Bundestrainer Unruhen heraufbeschworen, die keiner brauchte: Er hat im vergangenen Herbst die rückständigen Trainingsmethoden der Bundesliga derart harsch kritisiert, dass die Klubvertreter gar nicht anders konnten, als zum Gegenangriff überzugehen. Die Lust am überfallartigen Angriff könnte dem Bundestrainer, je näher die WM rückt, noch häufiger Probleme bescheren. Mit jeder Attacke schafft sich Klinsmann, der ewige Stürmer, einen potenziellen Gegner mehr, der im Falle des Misserfolgs sicher gern als Kronzeuge gegen ihn aussagt. Auch der Streit um Wörns dürfte, so nebensächlich er sportlich ist, im Untergrund weiterköcheln.“

Theorie geht vor Praxis

Philipp Selldorf (SZ) hält die Ausbootung Christian Wörns‘ für ein Risiko: „Mehr als zehn Jahre ist Wörns ein treuer Husar der Nationalelf gewesen, der vom Publikum wenig beachtet wurde, und nun, da alles vorbei ist, befindet er sich plötzlich im Mittelpunkt der Debatte. In genau umgekehrter Rolle. Wörns ist nicht mehr Angeklagter, sondern wird zum Zeugen der Anklage. Wenn die deutsche Abwehr schlecht aussieht in Italien oder beim WM-Turnier, dann wird es heißen, das liege am Fehlen von Wörns. Es wird deswegen nicht zu spontanen Gründungen von Wörns-Fanklubs kommen. Sein öffentliches Ansehen als Fußballer ist durch seinen Ausschluss nicht gestiegen, doch bleibt er aus zwei Gründen auch als Verbannter präsent: Erstens als Beispiel für die doch recht schonungslose Personalpolitik des Bundestrainers, der seinen WM-Kader ohne Wörns plante und ihm trotzdem Hoffnung machte, dabei zu sein. Zweitens offenbart sich im Verzicht auf Wörns, der zwar ein Durchschnittsspieler, aber eine kalkulierbare Größe ist, Klinsmanns idealistischer Wille, der Theorie den Vorzug vor der Praxis zu geben. Die Präferenz für Huth und Metzelder lässt sich nur durch den Glauben an ihre besonderen Fähigkeiten begründen, nicht aber durch gegenwärtige Erfahrungen. Täuscht sich Klinsmann in ihnen, verliert er, und dann verliert auch Deutschland – und das wiederum wäre ein Sieg, der auch Wörns nicht glücklich machen würde.“

Welt: Klinsmann bringt die Nationalspieler nach dem Streit um Wörns auf Linie
FR: Ballack steht brav zum Bundestrainer
NZZ: Antworten eines Verschmähten – wie Kevin Kuranyi auf Liebesentzug reagiert

Welt: Das Land des Catenaccio hat Stürmer im Überfluß

taz: Die Gegner der Deutschen: Polen. Das Team von Nationaltrainer Pawel Janas überzeugt vor allem im Spiel nach vorn – die Abwehr gilt als überaltert und äußerst anfällig

Montag, 27. Februar 2006

Bundesliga

Gutes tun

Wen kann man guten Gewissens über die Grenze schicken? René Martens (FTD) fallen nicht viele ein: „Puh, ist sie noch auszuhalten, die Spannung in der Bundesliga? Gewiss, der Meister steht seit dem ersten Spieltag fest und seit dem Wochenende auch der erste Absteiger. Die Plätze 2 bis 4 sind, abgesehen von der Reihenfolge, ebenfalls vergeben. Aber der Kampf um Platz 5! Bis Rang 13 reicht die Liste der Bewerber für den Uefa-Cup-Startplatz. Das Problem ist nur, dass es in dieser Saison keinen würdigen 5. gibt. Leverkusen, Hertha, Mönchengladbach – alles Kandidaten für eine Blamage in der ersten Runde. Und wenn Hannover 96 samt Humorwaffe Peter Neururer im Ausland zum Einsatz kommen soll, müsste man erst das Grundgesetz ändern. Für das Dilemma drängt sich nur eine Lösung auf: Der DFB sollte einen Uefa-Cup-Startplatz verschenken. Der Verband ist immer vom Glück begünstigt worden seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs: Im Sommer darf er zum zweiten Mal innerhalb von 32 Jahren eine WM ausrichten, und bei allen wichtigen Auslosungen war Fortuna auf seiner Seite. Da kann man auch mal Gutes tun.“

1. FC Köln–Bayer Leverkusen 0:3

Ohne Messias

Christoph Biermann (SZ) korrigiert die Kölner Heilslehre: „Seine Wirtschaftskraft wird den 1. FC Köln mit weitem Abstand zum großen Favoriten für den Wiederaufstieg machen. Doch er wird zugleich ein Klub sein, dem eine Illusion verloren gegangen ist: Jahrzehntelang stand Wolfgang Overath für eine nie eingelöste Verheißung: Der Mann, der als Spieler die beste Zeit des 1. FC repräsentierte, würde ihn aus dem Mittelmaß in ein neues Goldenes Zeitalter führen. Diesen Glauben gibt es nun nicht mehr. Overaths Fußballinstinkte waren nicht ausreichend, um in dem Moment angemessen zu intervenieren, als die Probleme zwischen Uwe Rapolder und der Mannschaft deutlicher wurden. Beim Wechsel des Trainers übersah er, dass mit Hanspeter Latour auch die Spielidee komplett gewechselt werden musste. Overath wäre beileibe nicht allein verantwortlich, wenn es zum Abstieg kommen sollte. Aber er ist nun keine messianische Gestalt mehr, denn zugleich ist der 1. FC Köln unter seiner Führung wieder ‚kölscher’ geworden. Der Präsident ist eingesponnen in einen Kokon alter Vasallen, die inzwischen Scouts oder Berater geworden sind. Doch ob Stephan Engels oder Herbert Zimmermann, Hannes Löhr oder Jürgen Glowacz – das Schattenkabinett von Overath hat zu Beschlüssen geraten, die, das beweist diese Saison schon jetzt, nicht besonders hilfreich gewesen sind.“

Ohnmacht

Hans-Joachim Leyenberg (FAZ) sieht keinen Kölner Lichtblick: „Als ähnlichen Stimmungstöter haben Kölner Jecken allenfalls die Absage des Karnevalsumzuges empfunden. Damals, nach Ausbruch des Irak-Krieges. (…) Köln bleibt nicht drin. Am Tabellenende ist es ja schon seit Wochen, seit dem Debakel vom Samstag aber reift die Erkenntnis: Er bleibt dort, weil er mit seinem Personal tatsächlich dahin gehört. Dazu zählt ein Podolski, der den Ausflug mit der Nationalelf nach Florenz als Abstecher in die Leichtigkeit des Seins empfinden dürfte. Dem jungen Mann sollte man zumindest um seine Kapitänsbürde erleichtern. Er hat schon mit sich selber genug zu tun. Für Leverkusen hatte der Ausflug über den Rhein die Wirkung eines zusätzlichen Vitaminschubs, Köln aber entzog das Debakel in närrischer Zeit den Rest an Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Für den Fall des Falles, hat Hanspeter Latour betont, stünde er auch in der zweiten Liga zur Verfügung – ‚sofern die Vereinsführung der Meinung ist, das kann was geben’. Da greift er den Dingen aber gewagt weit voraus. ‚Ich bin traurig, da muß mehr kommen.’ Die Zuhörer ertappten sich erstmals beim Gedanken, daß auch von Latour mehr kommen müßte als ein Gefühl der Ohnmacht.“

Bayern München–Eintracht Frankfurt 5:2

Denkwürdig, peinlich

Magath will Mourinho werden – Ingo Durstewitz (FR) fasst sich nach Magaths Kopfwäsche an den selben: „Vor der Partie platzte der Frust aus Magath heraus. In einem gleichermaßen denkwürdigen wie peinlichen Auftritt prangerte er die Berichterstattung der Reporter an, die notorische Schwarzmaler seien. Augenzeugen berichteten, der emotionale Ausbruch des sonst so zurückhaltenden Fußballlehrers habe um ein Haar die Dimension von Trapattonis legendärer Wutrede erreicht. Magath gestikulierte wild, mit messerscharfer Stimme hielt er eine fünfminütige Grundsatzschelte, die sich an einem schnöden Elfmeterpfiff entzündete. Magath geißelte die Berichterstatter, die sogar allen Ernstes versucht hätten, den von Valerien Ismael verschuldeten Strafstoß gegen den AC Mailand als gerechtfertigt darzustellen. Frechheit, so was. Sollten sich mal ein Beispiel an den italienischen Journalisten nehmen, die sich nicht scheuten, Partei zu ergreifen für die eigene Mannschaft. Objektivität? Geschenkt. Die Bayern waren bis aufs Blut gereizt – und die ängstlichen Frankfurter waren die Leidtragenden.“

Kehraus der schlechten Erinnerungen

Hat Bayern Probleme mit den Spitzen? Nicht mit allen, findet Klaus Hoeltzenbein (SZ): „Marcelinho hat jetzt einen Herausforderer in der Fachfrage: schneiden, waschen, färben, legen, föhnen. Bislang war der Brasilianer die ungekrönte Frisur der Liga, ein Tönungs-Weltmeister, der sich mal grün, mal rot, mal blau und mal orange präsentierte. So intensiv beschäftigten sich die Berliner mit ihrem Hauptstadt-Beau, dass sie darüber völlig den Fußball vergaßen – momentan färbt Marcelinho seinen Schopf passend zur Lage seiner Herthaner: metallic-grau. Nähert man sich Paolo Guerrero, dem Herausforderer, mit Blick von oben, fällt ein Meisterwerk der Flechtkunst auf. Gerade Linie, Schlängellinie, gerade Linie, Schlängellinie, gerade Linie… – wer will, kann daraus ein Profil ableiten. ‚Er hat noch zu viele Schnörkel im Spiel’, antwortete Magath auf die Frage, was dem 22-Jährigen noch fehle. Das mag gegen die Großen des Weltfußballs ein Nachteil sein, gegen Eintracht Frankfurt waren es auch die vielen Guerrero-Schnörkel, die den 23. Spieltag in München zum Erlebnis aufwerteten. Unter Mithilfe des Peruaners gelang eine Art schnörkelnder Geradeaus- oder gradliniger Schnörkelfußball, jedenfalls etwas sehr Verwirrendes (…) Der AC Mailand scheint die Bayern geweckt zu haben, die nach nun 19 Heimsiegen in Serie an der Spitze schlummerten. So kam auch die Eintracht gerade recht, ein frischer, frecher, zur rechten Zeit naiver Partner für den Kehraus all der schlechten Erinnerungen an die Italiener.“

Makaay nicht zu kränken, das ist die Politik dieser Tage

Auch Heinz-Wilhelm Bertram (BLZ) widmet sich der Makaay-Frage: „Hat Magath seinen ersten gravierenden Fehler als Trainer beim FC Bayern begangen – und damit das Weiterkommen in der Champions League aufs Spiel gesetzt? Beharrlich hielt er am formschwachen Roy Makaay fest. Mit zwei Toren und zwei Vorlagen demonstrierte der in dieser Saison erstmals von Beginn spielende Guerrero: Es war falsch, mir nicht zu vertrauen. Nach der glänzenden Leistung des Peruaners versuchten die Verantwortlichen alles, um den Fauxpas, der sich als folgenschwer erweisen könnte, herunterzuspielen. Makaay hatte beim gegen Milan eine Möglichkeit kläglich vergeben und enttäuscht. Wenig freute die Bayern-Bosse die aufkommende Diskussion, Guerrero sei wohl die bessere Wahl gewesen. (…) Makaay nicht zu kränken, das ist die Politik dieser Tage. Dabei konnte jeder sehen, dass Guerrero vieles hat, was Makaay nicht besitzt: Spritzigkeit und Gewandtheit, Aufgewecktheit und Geistesgegenwart, List und Raffinesse.“

Werder Bremen–Borussia Mönchengladbach 2:0

Konstanz ist gefragt

Christian Kamp (FAZ) zählt Bremer Gegentore seit Januar und zieht daraus einen Schluss: „Während Gladbach den Nachweis eventueller Uefa-Pokal-Ambitionen schuldig blieb, scheint Werder Bremen nach einem holprigen Start ins Fußballjahr rechtzeitig wieder in Tritt gekommen zu sein. Denn selbst wenn die Bayern derzeit unerreichbar scheinen – im Wettstreit mit dem HSV und Schalke 04 ist Konstanz gefragt, wenn auch im kommenden Jahr wieder europäische Fußballfeste gefeiert werden sollen. Daß Werder neuerdings nicht mehr nur auf seine starke Offensive zählen darf, belegt ein besonderes statistisches Detail: In der Rückrunde haben die als notorisch abwehrschwach verschrienen Bremer erst vier Treffer zugelassen. Weniger hat in diesem Jahr kein anderes Team kassiert.“

FSV Mainz 05 – 1. FC Kaiserslautern 0:2

Überheblich

Gegenläufige Entwicklungen beider Teams beobachtet Uwe Marx (FAZ): „Die Reanimation des 1. FC Kaiserslautern ist in vollem Gange. Das vor wenigen Wochen noch klägliche Spiel der Lauterer hat wieder Struktur, getragen von erst im Winter verpflichteten Spielern wie Mathieu Beda, Jon Inge Höiland oder Balasz Borbely. Allerdings hatten auch die Mainzer ihren Teil zur Stärkung des Gegners beigetragen. Manager Christian Heidel war vor der Partie dummerweise auf die Idee gekommen, über die Spielstärke des Gegners zu räsonieren. Dieser – vor der Partie immerhin schon punktgleich und den schwächelnden Mainzern im Nacken – habe zuletzt drei Klassen schlechter gespielt als die eigene Mannschaft. Das war, wenn auch übertrieben, keineswegs an den Haaren herbeigezogen, wirkte aber trotzdem arg überheblich. Jetzt sind also die Mainzer auf einen Abstiegsplatz gerutscht, und Jürgen Klopp bleibt nichts anderes übrig, als das verbreitete Programm in Not geratener Trainer abzurufen: die eigene Mannschaft mit sensiblen Worten aufbauen, Gemeinschaftsgefühl vermitteln. Eine schwächelnde Mannschaft stark reden – was Klopp noch vor sich hat, hat Wolfgang Wolf erst einmal hinter sich. Seine ist bereits wieder stark.“

BLZ: Vier Talente stützen den Kaiserslauterer Aufschwung

Schalke 04–1. FC Nürnberg 2:0

Viele günstige Umstände

Wie hat sich Schalke nach der Barcelona-Reise in knapp 40 Stunden auf das Spiel vorbereitet, Richard Leipold (FAZ)? „Viel schlafen, gut essen und Biathlon gucken: das genügte, um den Abstiegskandidaten Nürnberg zu schlagen. Den größten Gefallen tat den Westfalen Ivica Banovic. Zuvor mit der Gelben Karte verwarnt, beging er ein überflüssiges Handspiel und erhielt zur Strafe einen Feldverweis. Einer von vielen günstigen Umständen für Schalke. Auch der Schiedsrichter leistete seinen Beitrag. In den beiden spielentscheidenden Situationen entschied er im Zweifel zugunsten der Königsblauen – und lag falsch. Der Führungstreffer wurde erst durch zwei, vielleicht gar drei Fouls möglich, die Manuel Gräfe übersehen hatte. Später ahndete Gräfe ein vermeintliches Foul an Asamoah mit einem Freistoß, den Lincoln zum zweiten Tor nutzte. Die Tore mögen nicht dem Buchstaben des Gesetzes entsprochen haben, spiegelten aber angemessen den Leistungsunterschied zwischen beiden Parteien.“

VfL Wolfsburg–Hannover 96 2:1

Hartz V

Eine Gesetzesvorlage (oder so) von Christof Kneer (SZ): „Unbarmherzig touren die Wolfsburg Globetrotters durchs Land und machen der Konkurrenz die Stadien leer. Am Wochenende sind wieder nur 21.436 Menschen gekommen, diesmal ins eigene Stadion. Auf Dauer kann das nicht mehr so weitergehen. Die grauen Mäuse müssen dringend wieder farbiger werden, weshalb als erstes Herr Effenberg zurückzuholen wäre, der den Klub in einer Doppelspitze mit Herrn Strunz führen könnte, was für die Zuschauer garantiert spannend wäre, weil Frau Strunz ja jetzt Frau Effenberg ist. Auch könnte der Wolfsburger Herr Hartz ein Hartz-V-Paket vorstellen, wonach arbeitssuchenden Fußballfans Freikarten für jenes Stadion zustehen, in dem gerade Wolfsburg spielt. Und wenn alles nichts hilft, könnte der stets von Leverkusen beeinflusste Klub immer noch Reiner Calmund anwerben. Den könnte man so geschickt über die Haupttribüne verteilen, dass es wie voll aussieht.“

Deutsche Elf

Wörns‘ Ärger ist verständlich, sein Rauswurf auch

Michael Horeni (FAZ) stört sich am Ton Christian Wörns’, der von „Klinsmanns Gesabbel auf der Mailbox“ spricht und macht einen Fehler des Bundestrainers aus: „Wie der Dortmunder über seinen Boß aus Amerika herzieht, das kennt man doch aus jedem guten deutschen Betrieb. Lästern gehört zum Alltag (sagen sogar Psychologen), aber natürlich nur ganz leise. Nun mag sich der unerschrockene Wörns am Karnevalswochenende zwar für seine unverkleideten Worte selbst den Orden für den tapfersten Angestellten des Landes anstecken. Aber daß seine Zukunft als Nationalspieler nach den tollen Tagen noch weitergehen kann, mag im Ernst niemand glauben. Wenn die Nationalelf am Aschermittwoch spielt, ist auch für Wörns alles vorbei. Wörns‘ Ärger ist verständlich, sein Rauswurf auch. Er mag sich zwar selbst seit Monaten als besten deutschen Innenverteidiger hochleben lassen, aber daß sich Fans und Experten außerhalb Dortmunds aufmachten, um massenhaft seinen WM-Einsatz zu fordern, dazu reicht die Eigenwerbung in der Liga nicht aus. Denn die Erinnerungen, wie Wörns sich bei großen Turnieren mitunter vergeblich an seine enteilenden Widersacher klammert, haben sich auch bei seinen letzten Auftritten in Holland und der Slowakei nicht verflüchtigt. Der Bundestrainer dagegen hat sein Nominierungskriterium unnötig spät präzisiert. Erst im WM-Jahr sagt er, daß er im Zweifelsfall auch Bankdrücker wie Metzelder und Huth vorzieht, die zu der offensiven, mutigen Spielphilosophie besser passen. Das sichert ihm den nötigen Spielraum auch für künftige Personalentscheidungen.“

Salto rückwärts

Felix Meininghaus (StZ) hingegen hält den Verzicht auf Wörns für falsch: „Klinsmann hat ein Exempel statuiert und die pädagogische Keule rausgeholt. Mit Wörns als Bauernopfer, weil der gute Argumente hat, wenn er einen Platz im Kader der deutschen Elf reklamiert. Schließlich war es Klinsmann selbst, der die Marschroute ausgegeben hatte, nur derjenige habe bei der WM eine Spielberechtigung, der in seinem Verein eine prägende Rolle innehabe. Mit seinem Salto rückwärts macht sich der in Kalifornien lebende Schwabe nicht nur unglaubwürdig, sondern auch angreifbar. Zu Recht ist der ehemalige Weltklassestürmer für seine konsequente Art der Erneuerung mit Lob überhäuft worden, doch dieser Eindruck hat sich durch den Fall Wörns deutlich relativiert.“ Jan Christian Müller (FR) erkennt einen strategischen Fehler des Bundestrainers: „Vermutlich gibt es hier zu Lande nur zwei Fußballlehrer, die bei der Weltmeisterschaft auf die Mithilfe des erfahrenen Abwehrspieler Wörns verzichten würden: Sie heißen Jürgen Klinsmann und Joachim Löw. (… ) Der Weg, den die streitbaren Klinsmann und Löw eingeschlagen haben, ist nicht der leichte Weg. Viele Menschen werfen ihnen veritable Wahrnehmungsstörungen vor. Aber das Vertrauen zumindest in Huth und in Metzelder ist dennoch nachvollziehbar. Beide haben ihre anspruchvollsten Bewährungsproben erfolgreich gemeistert: Metzelder bei der WM 2002, Huth mit Abstrichen beim Confed-Cup, bei den Testspielen gegen Brasilien im Herbst 2004 und gegen Frankreich ein Jahr danach. Wörns‘ Klasse hat im Sommer 2005 gegen die Niederlande auf allerhöchstem Niveau nicht ausgereicht. Betrüblicherweise hat es Klinsmann durch seine eigenwillige Art der Personalführung aber zum wiederholten Male nicht geschafft, eine sensible Personalie geräuschloser zu lösen. Sein eigentliches Ziel, sich den bockigen Wörns als ‚Stand-by-Spieler’ bis zur WM warm zu halten, hat er verpasst.“

Ich bin menschlich enttäuscht und persönlich gekränkt

Christian Wörns macht in der Welt aus seinem Fußballerherzen keine Mördergrube: „Ich habe zuletzt kaum geschlafen, weil mich die ganze Sache beschäftigt. Es wäre schade, wenn es so enden sollte. Ich bin menschlich enttäuscht und persönlich gekränkt. Jürgen Klinsmann fordert Respekt ein, aber Respekt und Anerkennung sind keine Einbahnstraße. Es geht darum, daß ich trotz nachweislich guter Leistungen im Verein zum wiederholten Male zu einen Länderspiel nicht eingeladen worden bin. Wo ist denn da der Respekt vor der Leistung des Spielers? Auch die Art, wie sich der Bundestrainer mir gegenüber mitteilt, ist nicht in Ordnung. Von meiner Nichtnominierung habe ich von Journalisten erfahren. Die wußten Bescheid, während der Bundestrainer bei mir auf die Mailbox gesprochen hat. Das ist nicht respektvoll. Das ist schlechter Stil. (…) Bei einem Gespräch im Oktober sagte Klinsmann, daß er meine öffentlichen Aussagen nicht in Ordnung findet. Dann schrieb er die Namen von sechs Innenverteidigern auf einen Zettel, unter anderen meinen. Er sagte mir, daß er vier von uns mit zur WM nimmt. Dann erklärte er, daß es nach wie vor nur nach Leistung geht, daß ich mit den fünf Spielern in Konkurrenz stehe und weiterhin die Chance habe, bei der WM dabeizusein, wenn ich meine Leistung bringe. Genau da stellt sich die Frage, wie die Leistung von Mitkonkurrenten gemessen wird, die in ihren Klubs nur zweite oder dritte Wahl sind. Wenn man mir erzählt, es ginge nur nach Leistung, wiederhole ich nochmals: Das ist unehrlich, das ist nicht korrekt. Am Ende des Gesprächs habe ich noch gefragt, wie es denn für das nächste Länderspiel aussehe. Da ist er mir mehr oder weniger ausgewichen. Ich meinte noch: Jürgen, wenn ich was wissen sollte, sage es mir jetzt, und ich weiß, woran ich bin. Da kam nichts. Wir hätten sicher eine Lösung finden können, hätte er mir bereits im vorigen Jahr klar gesagt, woran ich bin. Stattdessen wurde ich hingehalten, weil man angeblich schauen wollte, ob es mit den anderen klappt. Ich habe nun das Gefühl, daß ich ohnehin nur ein Notnagel gewesen wäre. (…) Meine Aussagen waren nur eine Reaktion auf seine Provokation. Ich wurde in den vergangenen anderthalb Jahren permanent provoziert. Er soll sich mal fragen, wie gekränkt ich mich jetzt fühle.“

Christof Kneer (SZ) staunt und schluckt: „Am Fall Wörns lässt sich vorempfinden, was dem deutschen Fußball bis zur WM noch alles blühen könnte. Es war ein eigenartig gestimmtes Häuflein, das in Frankfurt zusammenkam, um von dort aus am Dienstag Richtung Florenz aufzubrechen. Man darf es ungewöhnlich finden, dass über einen eher durchschnittlichen Spieler wie Wörns eher überdurchschnittlich diskutiert wird; was soll erst passieren, wenn Klinsmann seinen Stammtorwart benennt?“

Samstag, 25. Februar 2006

Allgemein

Espanyol Barcelona–Schalke 04 0:3

Nur sporadisch auf höchstem Tempo

Ronald Reng (SZ) wartet auf den nächsten Schritt Kevin Kuranyis und den nächsten Schritt Schalkes: „Sein Auftritt gab dem Ausschluss aus der Nationalelf den Schein einer Episode. Kuranyi ist mit fast 24 Jahren nun an jener Schwelle angelangt, die nationale Talente von der Extraklasse trennt. An diesem Sprung scheitern die meisten. Kuranyi, wunderbare Ballführung, faszinierende Übersicht in der Hitze der Schlacht, hat bislang weder die Konstanz noch die Intensität erkennen lassen, dass es bei ihm anders, dass es bei ihm besser kommen könnte. Obwohl erst ein halbes Jahr für Schalke aktiv, steht er schon stellvertretend für seine Mannschaft. Sie lässt nun schon seit einiger Zeit auf den Schritt von einer guten zu einer sehr guten Elf warten. Schalke macht immer wieder Hoffnung. Der Uefa-Cup wäre ein idealer Wettbewerb, sie endlich einzulösen. Es ist der Cup der guten Hoffnung, im kleineren Europapokal können bescheidene Vereine durch Innovation oder Teamarbeit Erfolge feiern – und hier hat die Bundesliga in den vergangenen Jahren besonders ihren Abschied aus der Spitzenklasse offenbart. Dieses Jahr könnten die beiden verbliebenen deutschen Teams den Pokal gewinnen. Doch während der HSV durch die Systematik im Spiel schon viel von einem Siegerteam hat, bleibt Schalke wieder nur das Potenzial: eine immens talentierte Elf. Sie zehrte auch in Barcelona gegen einen biederen Gegner mehr von momentanen Eingebungen als von automatischen Spielzügen, dem Merkmal wirklich großer Teams. Schalke spielt mit Esprit, technisch stark, aber schlampig. Und was ein besonders trauriges Kennzeichen der Bundesliga geworden ist: nur sporadisch auf höchstem Tempo. Schon wird Mirko Slomka gepriesen, weil Schalke unter ihm wieder gewinnt. Bisher allerdings hat er nur das Potenzial geweckt – an diesem Punkt war vor einem Jahr auch Rangnick angelangt. Was fehlt, ist der große Sprung.“

Richard Leipold (FAZ) bespricht die Leistung Kuranyis vor der Hintergrund seiner Nichtnominierung: „Für das Bewerbungsverfahren um einen Platz im Aufgebot für die Weltmeisterschaft kommt es Kuranyi zupaß, daß sein Klub weiter auf der internationalen Bühne auftritt. Insofern könnte das Spiel in Barcelona über den Tag hinaus wirken, auch mit Blick auf das persönliche Fortkommen des Stürmers. In schwierigen Zeiten ist Slomka zum wichtigsten Bewerbungs- und Bewährungshelfer für Kuranyi geworden. Im Einvernehmen mit Teammanager Andreas Müller ließ der Trainer nie einen Zweifel daran, wer im Schalker Angriff an Nummer eins gesetzt ist, mag er zwischendurch auch manches Tal durchschreiten.“

Hamburger SV–FC Thun 2:0

Viel Willen

Frank Heike (FAZ) beleuchtet die gute Perspektive der Hamburger: „Nicht wenige haben nun das Gefühl, dieser HSV könne ganz weit kommen und mit ein bißchen Glück sogar das Endspiel erreichen. Denn wie die Hamburger bislang die Gegner im zweiten europäischen Wettbewerb aus dem Weg geräumt haben (und der Weg war lang, denn er begann ja schon im Sommer im UI-Cup), zeugt zwar nicht von spielerischer Klasse, aber doch von viel Willen. Und Geld hat der HSV auch verdient: die Sondereffekte aus dem Uefa-Cup haben die Transfers von Ailton und de Jong ermöglicht.“

FC Middlesbrough–VfB Stuttgart 0:1

Gewonnen, verloren und trotzdem irgendwie gewonnen

Raphael Honigstein (SZ) schreibt über den Stuttgarter Zwiespalt und eine seltsame englische Regelunkenntnis: „‘Auswärtstore zählen doppelt, wir können bestätigen, dass Boro in der Runde der letzten 16 ist!‘, verkündete der Stadionsprecher nach 90 Minuten glücklich. Diese Feststellung war noch mal wichtig. Der VfB Stuttgart hatte gewonnen und den einen oder anderen Besucher im Riverside Stadion zwischenzeitlich arg ins Grübeln gebracht. ‚Sind wir nun weiter oder nicht, wenn es so bleibt?‘, hatte ein Lokalreporter seinen Kollegen in der Pause gefragt. In Middlesbrough, dem farblosen Städtchen im farblosen Nordosten Englands, ist man noch nicht so vertraut mit den Gesetzen des Uefa-Cups. Man spielt erst zum zweiten Mal international. Die Stuttgarter aber wussten gleich Bescheid: Sie hatten auf der Insel gewonnen (das Spiel), verloren (die Runde) und trotzdem irgendwie gewonnen – vom Gefühl her. (…) Es war ein dermaßen einseitiges Spiel, dass die Zuschauer ihre Kicker mit Buhrufen in die Pause schickten. Das kommt in England selten vor. Leider bauten die Schwaben in der zweiten Hälfte ab. Speziell leide man unter der mangelnden Konditionsarbeit in der Trapattoni-Ära, deuteten Spieler und Trainer an, ohne den Namen des Italieners zu nennen.“ Die jüngste Vergangenheit hole den VfB ein, meint auch Mathias Schneider (StZ): „Dass in Middlesbrough nach 45 Minuten ein massiver Leistungsabfall zu beobachten war, lässt sich nicht allein mit dem schweren Boden begründen. Zwar lassen sich trotz der nun ausbleibenden englischen Wochen mehr Trainingsreize setzen, im Bezug auf Grundlagenausdauer ist der Einfluss allerdings beschränkt. So wird Armin Veh bis zu einem gewissen Grad den Mangel verwalten müssen. Zuletzt bleibt die Frage nach der Eigenverantwortlichkeit der Spieler. Während Babbel und Meißner offen Trapattonis Arbeit anprangern, sind Profis wie Soldo der Meinung, die Spieler hätten die daraus resultierende Freizeit nutzen sollen, um in Eigenregie an ihrer Fitness zu arbeiten. Soldo legte deshalb die eine oder andere Sonderschicht an freien Tagen ein. Andere verfügten nicht über eine ähnlich unangefochtene Stellung wie der Kapitän und trauten sich nicht, am Trainer vorbei Extraeinheiten durchzuführen. Vor allem wer nach dem offiziellen Teil noch gezielt an Defiziten mit dem Ball arbeiten wollte, stieß auf Argwohn und Ablehnung im Trainerkreis. Training war demnach nur heimlich am Trainer vorbei möglich, ein paradoxer Zustand.“

Rapid Bukarest–Hertha BSC Berlin 2:0

Unsouveränes Krisenmanagement

Ronny Blaschke (StZ) schmunzelt über die Dünnhäutigkeit der Berliner in schwierigen Zeiten: „Wieder einmal zeigt sich, dass die Problembewältigung der Hertha-Verantwortlichen die Probleme eher verschärft. Dieter Hoeneß redet sich die erbärmlichen Leistungen in der Öffentlichkeit so lange schön, bis er wohl selbst daran glaubt, dass alles zum Besten steht. Anders als sein Bruder Uli verliert er selten ein kritisches Wort über seine Politik und deren Fehler. Seine Analysen reichen vom Anpfiff bis zum Abpfiff, diese Verschleierungstaktik schürt den Missmut der Fans und verschafft den Spielern ein Alibi. Intern, so berichten Klubangestellte, schlägt er dagegen oft einen rauen Ton an. Für die Stimmung unter den Mitarbeitern ist das nicht gerade förderlich. Auch kritische Journalisten werden gelegentlich rüde zur Räson gerufen, nicht nur von Hoeneß, auch der Pressesprecher Hans-Georg Felder verschickt gerne Beschwerde-SMS oder scheucht die Reporter vom Vereinsgelände. Vor allem die drei Berliner Boulevardblätter BZ, Bild und Kurier revanchieren sich täglich mit Lästereien. Es sind die Konsequenzen des unsouveränen Krisenmanagements. Hoeneß, der sich so sehr nach Ruhe sehnt, erzeugt durch sein Temperament aber nur noch mehr Geräusche. Doch nicht nur dem Machthaber wachsen die Probleme anscheinend über den Kopf, auch Trainer Falko Götz, der vorerst mit einer Arbeitsplatzgarantie ausgestattet wurde, lässt in schweren Zeiten die Geradlinigkeit vermissen. Beobachter, die seinen Weg schon bei 1860 München verfolgt haben, erkennen nun in Berlin viele Parallelen.“ Wie geht’s weiter mit Hertha, Michael Jahn (BLZ)? „Die einst anerkannte Arbeit von Trainer Götz mit den zahlreichen eigenen Talenten, die in der Jugend-Akademie ausgebildet wurden, ist ins Stocken geraten. Wegen der vielen Disziplinlosigkeiten, die sich die Profis zuletzt in Stress-Situationen leisteten, hat Götz zum Ausbilden –kaum noch Zeit. Der Trainer hat Mühe, wegen der hausgemachten Spielsperren immer wieder eine neue Mannschaft zusammen zu stellen. Er weiß genau, dass er nicht nach neuen Profis rufen kann. Die Schuldenlast lässt das nicht zu. Zwei, drei Jahre, so die internen Schätzungen, wird Hertha benötigen, um sich wirtschaftlich zu stabilisieren. Wer soll da große Lust spüren, nach Berlin zu kommen?“

Bundesliga

Scheidung

Ohne Happy-End? Christoph Biermann (SZ) schildert Szenen einer Kölner Ehe: „Am Montag hatte Podolski Post bekommen. Der Kölner Express schrieb ihm einen Offenen Brief, der voller Sehnsucht nach den alten Zeiten war, in denen der Stürmer noch unbekümmert Treffer in Serie schoss und dabei ein Tor des Monats nach dem nächsten aus dem Fußgelenk schüttelte. Als er immer nur lachte, wie um zu sagen, dass das doch selbstverständlich sei. Es wurden in diesem Brief keine Vorwürfe erhoben, er war keine Anklage. ‚Gehen Sie raus und erwecken Sie ihren Fußball wieder zum Leben‘, hieß es flehentlich. Ein schöner Satz ist das, der aber andererseits auch sagt, dass Podolskis Fußball tot ist. (…) Der 1. FC Köln und Podolski, das ist eine früher stürmische Liebesgeschichte, die vorüber scheint, aber die Partner sind noch nicht geschieden. Sie sind weiter zusammen und fragen sich gerade, was eigentlich schief gelaufen ist. Noch gibt es keinerlei Schuldzuweisungen, doch auf den Rängen stehen als Scheidungskinder die Fans des FC und verstehen nicht. Es könnte sogar sein, dass sie sich gegen ihren Prinzen wenden und ihn bei einer Niederlage im Derby gegen Leverkusen auspfeifen – zum ersten Mal.“

Welt: Ein Prinz in der Krise – ausgerechnet in der Karnevalswoche schwächelt Podolski

Nach unten oder nach oben?

Detlef Esslinger (SZ) rät Frankfurt, bodenständig zu bleiben: „Eintracht Frankfurt kommt nach München mit dem Selbstbewusstsein eines Aufsteigers, der sich bisher weitaus besser präsentiert hat, als er selber vor der Saison angenommen hat – aber auch im Bewusstsein, zu den Großen und halbwegs Großen der Liga weiterhin gehörig auf Abstand zu sein. Beim Heimspiel gegen den Hamburger SV war dies exemplarisch zu beobachten: viel Wille, viel Kampf – aber über die Cleverness, im richtigen Moment die Tore zu machen und dann das Ergebnis zu halten, verfügte nur der Tabellenzweite. Gegen die Mannschaften, die derzeit auf den ersten sechs Plätzen stehen, hat es für die Eintracht bislang zu zwei Remis gereicht; sonst: alles verloren. Das Saisonziel bleibt der Klassenerhalt – auch wenn die Lage der Eintracht so ist, dass sie sich nicht nur nach unten orientieren muss, sondern heimlich auch ein bisschen höher schauen darf.“

Ich nehme mich nicht so wichtig

Karl-Heinz Rummenigge im FR-Interview
FR:Eintracht Frankfurt spielt in München. Eigentlich nur eines von 34 Pflichtspielen für den FC Bayern, wäre da nicht Ihre Fehde mit ihrem Frankfurter Kollegen Heribert Bruchhagen.
Rummenigge: Dieses Thema ist für mich im Grunde erledigt. Grundsätzlich habe ich keine Probleme, dass Herr Bruchhagen die Interessen von Eintracht Frankfurt und damit auch die Interessen der kleineren Klubs vertritt. Das tue ich für den FC Bayern schließlich auch. Aber er hat einige Dinge gesagt, die hätte er sich schenken können. Die DFL als meinen Erfüllungsgehilfen zu bezeichnen oder als Kommission Rummenigge, das fand ich einfach nur geschmacklos.
FR: Sie haben eine Entschuldigung eingefordert. Hat Herr Bruchhagen reagiert?
Rummenigge: Ich wünschte mir, dass er sich bei meinen Kollegen in der DFL und nicht etwa bei mir entschuldigt. Aber er hat es nicht getan. Deshalb geht die Welt für mich nicht unter. Der Anstand hätte es allerdings geboten, dass er sich entschuldigt. Es gab keinen in der DFL, der dort was zu melden hat oder in einem Gremium sitzt, der Herrn Bruchhagen gestützt oder bestätigt hätte.
FR: Sie fühlten sich persönlich in Ihrer Ehre gekränkt und haben sogar mit Klage gedroht.
Rummenigge: Ich nehme mich nicht so wichtig [of: Wenn ich sein Lehrer wäre, würde ich Rummenigge diesen Satz 100 Mal an die Tafel schreiben lassen.]. Fakt ist aber doch, dass die Qualität der DFL noch nie so hoch war wie jetzt. Deshalb war und ist eine solche Kritik völlig haltlos. Ich glaube vielmehr, dass Herr Bruchhagen enttäuscht über seinen Karriereverlauf bei der DFL ist. Da ist nicht alles so gelaufen, wie er es sich seinerzeit gewünscht hatte. Dafür habe ich sogar Verständnis. Ich werde aber das Gefühl nicht los, dass er sich und der DFL beweisen will, welch hohe Qualität er besitzt. Aber das hat er eigentlich gar nicht nötig. Er ist mit Eintracht Frankfurt doch auf einem sehr guten Weg. Er sollte nicht so unentspannt sein und das Ganze etwas relaxter angehen.
FR: Was bleibt hängen? Ist das Binnenverhältnis zwischen dem FC Bayern und Eintracht Frankfurt nachhaltig gestört?
Rummenigge: Ich habe kein Feindbild Bruchhagen entwickelt. Wenn er am Samstag in unser Stadion kommt, wird er begrüßt wie jeder andere Präsident eines anderen Klubs auch – und damit basta.
FR: Was Herrn Bruchhagen sorgt, ist die Kluft zwischen arm und reich, Bayern und dem Rest, die immer größer wird im deutschen Fußball.
Rummenigge: Das ist doch eine Frage der Interessenslage. Die von Eintracht Frankfurt beschränkt sich auf die Bundesliga. Unsere Interessenlage ist aber auch das, was wir am Dienstag gespielt haben. Da wurde uns wieder vor Augen geführt, dass ein Klub wie der AC Mailand aus einem TV-Topf der dezentralen TV-Vermarktung rund 100 Millionen Euro einnimmt und wir, selbst wenn es optimal läuft, nur ein Viertel davon haben. Wir müssen in diesem Land und damit auch im Fußball endlich mal weg von dieser Gleichmacherei.

Wenn in dieser Debatte jemand persönlich geworden ist, dann Rummenigge: Den Gegenüber schlechtzumachen, indem man ihm Rache und Neid unterstellt, ist stillos. Wir wundern uns zudem über Rummenigges Wehleidigkeit angesichts des Hauchs an Bruchhagens Polemik und über seine seltsame Definition von „geschmacklos“.

Deutsche Elf

Nur ein Lüftchen

Andreas Lesch (BLZ) hört das Gepolter, nachdem Christian Wörns aus der Nationalelf geworfen wird, und rechnet mit Tumult, wenn es erstmal an die Tormänner geht: „Seine Ausbootung mit ihren Nebenwirkungen ist interessant. Sie lässt ahnen, welche Debatten losbrechen, wenn Klinsmann sich in der ungleich explosiveren Torhüterfrage entscheidet: Lehmann oder Kahn? Der unterlegene Schlussmann wird sein Schicksal kaum schweigend hinnehmen. Er wird seinen Frust öffentlich machen; die Medien werden seine Worte transportieren; diese Situation könnte Klinsmanns WM-Projekt ernsthaft stören. Sie könnte einen Sturm entfachen, gegen den das Gemaule des Christian Wörns nur ein Lüftchen ist. Die Frage, ob Klinsmann den richtigen Torwart gewählt hat, wird ihn während der WM begleiten. Jeder Zuschauer wird ausgiebig Gelegenheit haben, diese Frage zu beantworten. Denn arbeitslos wird die deutsche Nummer 1 kaum werden – hinter dieser Abwehr, die meistens keine ist.“

BLZ: Die Fifa macht den Zeitungen strenge Vorschriften für die WM-Berichterstattung, vor allem online
FAZ: Die Fifa lockert ihre Auflagen für Medien, die Kritik bleibt

Freitag, 24. Februar 2006

Champions League

Ohne Abwehr

Werder Bremen–Juventus Turin 3:2

Jörg Marwedel (SZ) wühlt nach Attributen für das Bremer Spiel: „Belohnt wurde ein Team, das auf faszinierende Weise mit fliegenden Kombinationen und atemraubendem ‚One-Touch-Fußball‘ die vermeintlich beste Abwehr Europas von einer Verlegenheit in die nächste gestürzt und Torhüter Gianluigi Buffon zu Weltklasse-Paraden gezwungen hatte. Zu bestaunen aber war auch ein Novum in der Geschichte der Champions League: Es ist zuvor wohl noch keiner Mannschaft gelungen, einen Gegner der Güteklasse Juventus quasi ohne Abwehr zu bezwingen – der jedenfalls ohne eine Defensive von der auf diesem Niveau geforderten Qualität. Auch diesmal, man kennt das längst von den Bremern, hatten zwischen Wahnsinn und Wunder nur ein paar aufregende Momente gelegen, die alles hätten zunichte machen können: den pausenlosen Dauereinsatz eines Torsten Frings, der offenbar über die Kraft zweier Herzen verfügt; die manchmal unauffällige, aber stets höchst effektive Regie eines Micoud; die wieseligen, pfiffigen Aktionen des zuletzt maladen K&K-Sturms.“

Hauptdarsteller

Frank Heike (FAZ) beschreibt einen Schritt in der Entwicklung Werders: „Bremen steht längst für den unterhaltsamsten deutschen Fußball. Den Makel der fehlenden Effektivität hat Thomas Schaaf dafür in Kauf genommen und wurde vor einem Jahr durch das 0:3 und 2:7 gegen Olympique Lyon nachhaltig bestraft. Werder stand europaweit für Naivität – eine Mannschaft, der die Balance zwischen Offensive und Defensive fehlt. Am Mittwoch aber hat Werder bewiesen, daß es aus dieser Pleite gelernt hat. Der rauschhafte Bremer Fußball der ersten Halbzeit und die mit aller Macht herbeigeführte Wendung in den Schlußminuten waren in der Summe das bemerkenswerteste Ereignis dieser Runde. Das vergleichsweise kleine Bremen durfte sich als Hauptdarsteller fühlen: Es hat wieder einmal für einen Europapokal-Abend gesorgt, den es in dieser Dichte (und Häufigkeit) nur an der Weser gibt. Und doch: Bei aller Freude über dieses triumphale Erlebnis gegen den italienischen Serienmeister ist es nicht mehr als ein knapper Sieg, der den Turiner Stars alle Möglichkeiten läßt.“

Frank Hellmann (FR) protokolliert: „Roman Weidenfeller, der mit einigen Werder-Profis befreundete Torwart von Borussia Dortmund, sprach in den Vip-Logen davon, ‚dass die Art und Weise dieses Sieges der gesamten Bundesliga gut tut.‘ Nur die geschockte Juve-Fraktion wollte die Realität nicht wahrhaben. Trainer Fabio Capello analysierte die Partie in Verkennung der Tatsachen (und der Statistik, die 23:6 Torschüsse, 10:4 Ecken und 65 Prozent Ballbesitz für die Bremer auswies). Doch gilt in und um Turin die Niederlage offensichtlich eher als ärgerlicher Ausrutscher denn als Besorgnis erregender Einbruch. Und die Tifosi wird auch dieses Ergebnis nicht in Scharen zum Rückspiel in die hässliche Betonschüssel Delle Alpi locken. Noch in der Nacht bot Juves Generaldirektor Luciano Moggi der Bremer Vereinsführung ein so gewaltiges Kartenkontingent an, dass Jürgen Born befürchtete: ‚Bei all unser Begeisterung – allein können wir denen auch nicht das Stadion füllen.‘“

stern.de: Magische Bremer Nacht

FC Chelsea–FC Barcelona 1:2

Die unzerstörbare blaue Maschine zerlegt

Es war ja klar, eine Rote Karte lässt Jose Morinho natürlich nicht auf sich beruhen; Raphael Honigstein (FTD) schildert, wie ein Täter versucht, Opfer zu werden: „Die allergrößten Verlierer sind schlechte Verlierer, und auf diesem Gebiet reicht Chelseas Coach niemand das Wasser. ‚Was soll ich über ein Spiel sagen, das kein Spiel war?‘, knurrte Mourinho. Für ihn trug Terje Hauge die alleinige Schuld an der wohl schon vorentscheidenden Niederlage. Der norwegische Schiedsrichter hatte Chelsea-Verteidiger Asier Del Horno nach einem unkontrollierten Angriff gegen Lionel Messi zu Recht vom Platz geschickt, sich aber laut Mourinho dabei nur von den ‚Schauspielkünsten‘ des Flügelstürmers blenden lassen. ‚Barcelona ist eine Kulturstadt, es gibt dort großes Theater, Messi hat gut gelernt‘, ätzte Mourinho. In seinem Groll übersah er allerdings, dass Del Horno dem überragenden Messi zuvor schon einmal rotwürdig gegen das Knie getreten und sich nach der zweiten brutalen Attacke lange am Boden gewälzt hatte, um seiner gerechten Strafe zu entgehen. Damit aber nicht genug. Mourinho fordert den Sender Sky sogar auf, die Szene ‚200-mal zu zeigen‘, damit Messi nachträglich gesperrt und das Spiel wiederholt werden würde. Wenn die Uefa ihren Sitz von Nyon rechtzeitig vor dem Rückspiel nach Absurdistan verlegt, hat sein Gesuch eine Chance. Weil Chelsea auch das Hinspiel des vergangenen Jahres lange zu zehnt absolvieren musste – Didier Drogba war vorzeitig in die Kabine geschickt worden –, wittert Mourinho eine Verschwörung. Man weiß nicht genau, ob er damit nur von den Unzulänglichkeiten seines Teams ablenken will, oder ob er in seiner grenzenlosen Selbstüberzeugung tatsächlich daran glaubt, weil ein Scheitern für ihn anders nicht zu erklären ist. Die Londoner durften sich auf jeden Fall zu Recht als Opfer fühlen – Barcelona hatte die unzerstörbar geglaubte blaue Maschine listig auseinander geschraubt und schließlich komplett zerlegt. (…) Der kleine Kerl Messi ist eine ausgewachsene Sensation.“

Man ist Profi genug

Christian Eichler (FAZ) ergänzt und empfängt Signale der Versöhnung: „Es gab, wie fast immer bei den wenigen Chelsea-Niederlagen, einen guten Vorwand für Mourinho, sich betrogen zu fühlen. Letztes Jahr war es im Halbfinale gegen Liverpool ‚das Tor, das keines war‘. Diesmal, bei seiner ersten Niederlage im 50. Heimspiel, das angebliche ‚Theater‘ des kleinen Messi. ‚Wie sagt man Schauspiel auf katalanisch?‘ fragte Mourinho böse. Natürlich war es ein Schauspiel – das, was Messi am Ball bot. Wer den kleinen Argentinier wirbeln und selbst Ronaldinho überstrahlen sah, mußte zustimmen, daß von all den ‚neuen Maradonas‘, die man in den letzten zehn Jahren angepriesen bekam, Messi die bisher ähnlichste Kopie des Maestros ist. Mourinho dagegen mußte erkennen, daß seine gut geölte Maschine ein wenig stottert und die über 50 Millionen Euro teuren Verstärkungen Essien (gesperrt) und del Horno (überfordert) im Spiel des Jahres keine Verstärkung waren. Wenn es eine Mannschaft gibt, gegen die man nicht in Unterzahl geraten will, dann Barca: diese Elf, die, wenn sie die Kontrolle über Ball und Spiel bekommt, sowieso in Überzahl zu spielen scheint. (…) Sogar einen Händedruck gab es zwischen den beiden Trainern, nicht mal ein Jahr nach den bösen Szenen vom letzten Achtelfinale. Man ist Profi genug, schließlich geht es um mehr als nur um Revanche fürs Vorjahr. Es geht auch um die Rolle der neuen Premium-Marke im Weltmarkt Fußball, um Eroberungen auf den Wachstumsmärkten in Asien und Amerika. Die alten Mächte, Real Madrid und Manchester United, sind im Abstieg, die neuen, Barca und Chelsea, kämpfen um die Nachfolge. Auf dieser Ebene des Duells, der strategischen, darf man sich nicht gehenlassen als Image-Faktor auf der Trainerbank. Mehr als die Rechnungen von gestern zählen die Bilanzen von morgen.“

Deutsche Elf

Pädagogische Strenge und ausgeübte Richtlinienkompetenz

Bornheim – Christof Kneer (SZ) kommentiert den Verzicht Jürgen Klinsmanns auf Kevin Kuranyi: „Es hat lange gedauert bis zum ersten Länderspiel im WM-Jahr, aber Klinsmann hat es gleich geschafft, dass dieses wichtigste Turnier seit Erfindung des Länderspielaufgebots präsenter ist denn je. Es steckt schon sehr viel WM in diesem Kader – nicht nur, weil dies schon ein Großteil des WM-Aufgebots sein dürfte; sondern vor allem, weil dieser Kader so konkrete Rückschlüsse auf des Bundestrainers Nominierungspraxis zulässt wie noch kein Kader zuvor. Klinsmann hat schon einige Plädoyers für die Leistungsgesellschaft gehalten, aber dieser Kader ist mit Sicherheit das prägnanteste. (…) Vom ersten Tag an ist Klinsmann ein Anti-Völler gewesen, aber noch nie hat man die beiden so scharf gegeneinander schneiden können wie jetzt. Völler war berühmt für seine virtuelle Treuepunkteliste, er verstand sein Deutschland als geschlossene Gesellschaft mit karitativen Aufgaben, weshalb er auch einen Null-Tore-Torjäger wie Carsten Jancker in seinem WM-Kader resozialisierte. Klinsmann hingegen ist kein Sozialarbeiter; er weiß nur zu gut, dass er auf einen stabilen Kuranyi nicht verzichten kann, aber er weiß auch, dass er ihn herausfordern muss. Klinsmann hat die Fitnessdebatte ins Land gebracht, und natürlich ist ihm nicht entgangen, dass sein hoch veranlagter Stürmer derzeit wie ein schlapper Pseudosuperstar über die Plätze schleicht.“ Michael Horeni (FAZ) fügt an: „Die Nachrichten, die der Bundestrainer vom Podium eines Apfelweintischs aus an die Elite der deutschen Profis schickte, ließ dabei an pädagogischer Strenge und ausgeübter Richtlinienkompetenz nichts zu wünschen übrig.“

BLZ: Fifa-Vizepräsident Jack Warner ist der lebende Beweis dafür, wie sehr es sich lohnt sich ehrenamtlich zu engagieren

Donnerstag, 23. Februar 2006

Champions League

Einbruch

Bayern München–AC Mailand 1:1

Weniger das Spiel der Bayern ist für die Zeitungen und uns interessant, eher das eitle, verletzte, gekränkte Gerede danach. Michael Horeni (FAZ) prüft Münchner Ansprüche und ärgert sich über Felix Magath: „Der spektakuläre Treffer Ballacks könnte vielleicht das letzte Zeichen dieser Saison gewesen sein, das von höchsten internationalen Münchner Ambitionen kündet. Nach dem Gesamteindruck des Möchtegern-Finalisten gegen den tatsächlichen Vorjahresfinalisten ist die Versetzung der Bayern nämlich schon ins Viertelfinale höchst gefährdet. Das angegriffene bayerische Selbstbewußtsein fand nach einem Abend, an dem 45 Minuten genügten, um den Unterschied zwischen der bayrischen Allmacht in der Bundesliga und der Ohnmacht in Europa zu demonstrieren, nur in den Klagen über den umstrittenen Handelfmeter ein bißchen Halt. Magath verstieg sich zu der Behauptung, daß ‚ich noch nie gesehen habe, daß in der Champions League so etwas Elfmeter geahndet wird‘. Ismael hatte sich, vollkommen unnötig, in eine Hereingabe gehechtet. Der Ball traf dabei eindeutig die Hand des Franzosen, auch wenn er den Arm eng am Körper angelegt hatte. ‚Er hätte den Arm auch weglassen können‘, entgegnete Carlo Ancelotti lapidar, ‚der gehört da nicht hin.‘ Eine bestenfalls umstrittene Entscheidung also, aber sie mußte herhalten, um einen unerklärlichen Einbruch der Bayern zu erklären. Nach einer starken und engagierten ersten Hälfte mit dem verdienten Führungslohn glaubten die Bayern offensichtlich wie in der Bundesliga mit Minimalismus über die Runden zu kommen. Ein solches Spielchen läßt sich zwar mit überforderter nationaler Konkurrenz treiben, nicht aber mit den wahren Minimalisten des internationalen Fußballs. ‚So ein ungerechtes Tor zieht einen runter‘, behauptete Magath, als würde ein Pfiff genügen, um aus deutschen Alleinherrschern zwangsläufig europäische Mitläufer zu machen.“

Die Welt widerspricht Magath nicht in der Sache, aber seinem Schluss: „Die Szene, die zum Strafstoß führte, erregte die Gemüter und spaltete die Expertenmeinung. Ismael war im Fallen angeschossen worden – und eher nicht mit der Hand zum Ball gegangen, wie es das Reglement für eine Straßstoßentscheidung voraussetzt. ‚Bei so einem Elfer muß man lachen‘, schimpfte Uli Hoeneß, während sich Magath minutelang echauffierte. Warum seine Akteure danach taktische Linie und spielerisches Selbstverständnis verloren, vermochte der Bayern-Trainer allerdings nicht zu erklären.“ Stefan Osterhaus (NZZ) ergündet Magaths Zorn: „Magath gelang ein rares Kunststück – eines von jener Sorte, das auf den ersten Blick verborgen bleibt und den Betrachter hinterher dafür umso mehr staunen lässt: Magath verlor die Contenance. Doch sein Tonfall blieb ungerührt, er kam sogar mit dem mimischen Repertoire einer Cäsarenbüste aus. Still begann er sein Lamento, das vor allem einem Mann galt: dem Schiedsrichter De Bleeckere. Es war kein Elfmeter. Das bekräftigte die Zeitlupe. Doch man hatte schon viel gravierendere Fehlentscheidungen erlebt als die des Belgiers, die Magath als Argument zur Rechtfertigung eines unerklärlichen Auftritts half. (…) Wie gelegen war Magath der Pfiff gekommen. Sonst hätte er über die Fehler seines Teams reden müssen, vielleicht sogar über seine eigenen.“ Auch uns fallen spontan zwei schlimmere Elfmeter in der jüngeren Champions-League-Geschichte ein: der Ballack-Flug in Chelsea (Achtelfinale 2004/05) und der Luft-Elfmeter für Pizarro gegen Anderlecht (Vorrunde 2003/04). Außerdem: Ismael stand etwa zehn Meter vom Schützen entfernt, da kann ein Abwerspieler schon mal den Arm in Sicherheit bringen.

Stress auf kontinentalem Niveau

Andreas Burkert (SZ) analysiert Bayerns Schwäche und blickt aufs Rückspiel: „Die zusammengekniffenen Lippen, durch die Uli Hoeneß vagen Optimismus presste, wiesen am deutlichsten darauf hin, dass die Bayern ihre Rekordsaison nun sehr wohl vom abrupten Stimmungsabfall bedroht sehen. Und sollte der angekündigte Angriff auf Europa schon im Achtelfinale beendet werden, könnten sie einerseits zu der Erkenntnis gelangen, dass sie die gemütlichen Runden gegen Leverkusen, Nürnberg oder Hannover wohl doch unzureichend präparieren für Stresssituationen auf kontinentalem Niveau. Andererseits stünde dann, wie bereits nach dem K.o. im Vorjahr gegen Chelsea, der Zustand der Mannschaft zur Diskussion, die dann nicht nur das Problem des anhaltend blassen Spielteilnehmers Makaay mit sich herumtrüge. Vielleicht hat Ballack zuletzt mit seinen schönen Toren doch sehr viel übertüncht, auch Magath nennt ja den Angriff ‚eine offene Wunde – von den Stürmern kommt sehr wenig‘. Gegen Milan fehlte überdies jemand, der das mit einem Schuss zersprengte Team mit harter Hand und Gesten wieder zusammengeführt hätte. Konversation blieb eine Rarität, nicht einmal die längere Verletzungspause von Dida wurde dazu genutzt. Von niemandem. (…) 90 Minuten haben Magath und seine Leute nun noch Zeit, den Eindruck zu korrigieren, ihnen fehle gegen ein abgeklärtes Team wie Milan die taktische Finesse und das krisenfeste Führungspersonal.“

Neue Gesetze

Es ist nicht zu fassen. Karl-Heinz Rummenigge (SZ), der ahnt, dass sein Verein ausscheiden könnte, will das künftig verhindern – indem er den vielen Setzlisten noch eine Setzliste hinzufügen will: „Es ist schade, dass es bereits im Achtelfinale ein Spiel zwischen Bayern und Milan geben musste. Oder Chelsea gegen Barcelona: Dass solche Top-Duelle bereits in der ersten K.o.-Phase stattfinden, halte ich für verfrüht. Mein Mailänder Kollege Galliani und ich haben darüber beim Mittagessen mit Lennart Johansson (Uefa-Präsident) gesprochen. Wir haben ihm gesagt, dass wir dafür sind, eine Setzliste einzurichten. Er scheint da aufgeschlossen zu sein.“ Fällt den Großen und Möchtegerngroßen vielleicht irgendwann ein Gesetz ein, das ihre Niederlagen verhindert? Verbietet? Bestraft? Wir finden: Genau das macht den Reiz der Champions League aus: dass es nicht erst im Halbfinale zu Spitzenbegegnungen kommt. Nebenbei: In welchem Ranking, von Käfers Gästeliste mal abgesehen, fühlt sich Rummenigge auf gleicher Höhe mit Mailand und Chelsea?

Real Madrid–Arsenal 0:1

Mimosenhaftigkeit

Paul Ingendaay (FAZ) vergleicht die Leistung Thierry Henrys mit der Ronaldos, der vor dem Spiel über mangelnde Liebe der Fans geklagt hat: „Den Effekt dieser Worte, die auf einen arg verwöhnten Spieler schließen lassen, sah man auf dem Platz: Ein schwerer, einfallsloser Ronaldo verfing sich ein ums andere Mal in der vielbeinigen Londoner Abwehr, während Thierry Henry von allen Ecken des Spielfelds aus die Partie dirigierte und leichtfüßig durch die Reihen der Spanier lief. Das Meisterstück dieses Athleten war das Tor: Henry gewann im Mittelfeld einen Zweikampf gegen Ronaldo, zog auf und davon, ließ sich auch von Guti, Mejia und Sergio Ramos nicht bremsen und bezwang Casillas mit einem präzisen Flachschuß. Zu keiner Sekunde ließ Henrys Gesicht darauf schließen, daß er Liebe braucht, um solche Leistungen zu vollbringen. Manchen genügt die richtige Einstellung. Die offensichtliche Peinlichkeit der Madrider Vorstellung wird Folgen haben, doch vorläufig äußern sie sich nur bei Journalisten und Fans. In der Sportzeitung Marca erschienen schon die ersten Ronaldo-Witze, die den verhätschelten Stürmer, der sechs Millionen Euro Jahresgehalt kassiert, mit Julia Roberts vergleichen. Und es wird nicht aufhören. Mimosenhaftigkeit ist das letzte, was das Bernabeu-Stadion erträgt.“

NZZ-Bericht Werder–Juventus (3:2)

NZZ-Bericht Chelsea–Barcelona (1:2)

NZZ: Der FC Thun vor dem Rückspiel in Hamburg

Mittwoch, 22. Februar 2006

Champions League

Neues Torwartspiel im Bremer Gehäuse

Frank Heike (FAZ) porträtiert Tim Wiese: „Der stets sonnengebräunte geborene Kölner mit seinen zurückgegelten Haaren, den weißen Fußballschuhen und den spektakulären Paraden ist eine Art Anti-Reinke, der im beschaulichen Bremen auffällt: Da Wiese sich von Journalisten gern zu frechen Aussagen locken läßt, hat er immer viele Schlagzeilen (wenn er denn spielt). Reinke, der Stoiker, ist einer der unglamourösesten Bundesliga-Profis überhaupt und in seiner Normalität ein Phänomen. (…) Es ist ein neues Torwartspiel im Bremer Gehäuse zu beobachten: beweglich, schnell, dynamisch. Und für ein bißchen mehr grünweiße Farbe in der großen, weiten Medienwelt dürfte Wiese als Torwart von Werder Bremen auch sorgen.“

FR: Weil der Miroslav Klose rechtzeitig fit ist, rechnet sich Werder Bremen eine Minimalchance aus
SZ: Wie soll Werder gegen den Favoriten Juventus spielen? Vor allen Dingen mutig, glauben die Bremer
Welt: Unter Trainer Capello entwickelt sich Ibrahimovic zu einem der torgefährlichsten Stürmer Europas

NZZ: Arsenal mit dem Elan der Jugend in Madrid verdientermassen 1:0 siegreich

Seltsame Blüten

Chelsea trifft auf Barcelona – Kampf der Kulturen? Raphael Honigstein (FR) nennt die Interpretationsofferten dieses Duells: „Im von nationalen, historischen und taktischen Eigenarten weitgehend befreiten Spitzenfußball reizt Chelsea gegen Barça als das Duell der konträren Systeme. Mourinho, der Technokrat im Wolfspelz, hat mit Hilfe der Millionen von Besitzer Roman Abramowitsch ein Team nach seinem Antlitz geschaffen; der brutal effiziente Kollektiv- und Kraftfußball der Blues steht im krassen Gegensatz zu Barcelonas lustvollem Angriffsfußball, der von den schönen Ideen der Koryphäen Ronaldinho und Deco lebt. Barcelona weiß um die Sympathien der neutralen Beobachter und hat im Vorfeld versucht, das Match als Kampf der Ideologien zu charakterisieren. (…) Es klingt auch die alte These vom ‚linken‘ (offensiven, individuellen) und vom ‚rechten‘ (defensiven, kollektiven) Fußball durch. Die Romantik dieser Prämisse ist verlockend und treibt mitunter seltsame Blüten. Der links-liberale Observer veröffentlichte einen Artikel, der Mourinhos Taktik und Management mit seiner angeblich rechts-konservativen Gesinnung in Verbindung zu bringen versuchte. Vom ‚deutschen Führerprinzip‘ war da zu lesen, und dass Mourinhos Betonung des Mannschaftsgeists mit der Ideologie des portugiesischen Diktators Salazar zu vergleichen sei.“

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