indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Donnerstag, 13. Oktober 2005

Deutsche Elf

Undeutsch

Christof Kneer (SZ 13.10.) kommentiert Spiel und Erfolg der U21: „Das ist die vielleicht undeutscheste Mannschaft seit langem. Sie spielt mit Kurzpässen, Flügelläufen und allem, und ihre EM-Qualifikationsgruppe hat sie klar gewonnen (…) Es ist ein von der Sonne verwöhnter Jahrgang, der sich nicht einmal davon beeindrucken lässt, wenn ihm mal eben eine halbe Elf abhanden kommt. Die besten Spieler der Baujahre 1983 und jünger spielen längst bei Jürgen Klinsmann. Unter normalen Umständen dürfte man es einen erfreulichen Trend nennen. Aber der Trend besagt auch, dass der Unterbau gar kein Unterbau mehr ist. Er ist schon fast das Hauptgebäude. Deutschland hat so viele Talente wie nie zuvor, aber es fehlt das, was man den gestandenen Spieler nennt. Das so genannte beste Fußballalter zwischen 27 und 30 erschöpft sich im Prinzip in einem Spieler namens Ballack, und so kommt es, dass die Talente in Pflichten genommen werden, für die sie schwerlich schon taugen können. (…) Der deutsche Fußball muss jetzt büßen für seine Sünden von einst. Allzu sorglos ist die Sportart in den Neunzigern unter der Ägide des vermeintlichen Jugendpflegers Vogts vor sich hin verwaltet worden; stolz hat man die eigene Titelsammlung inspiziert und sich wenig daran gestört, dass der Nachwuchs nicht mehr konkurrenzfähig war. Es hat eine schräge Ironie, dass aus Deutschland, dem Land der Wettbewerbsbestien, fürs Erste ein Juniorenland geworden ist, gerade jetzt, da man bei der heiligen Heim-WM ein paar praxisharte Profis ganz gut gebrauchen könnte.“

Mittwoch, 12. Oktober 2005

Interview

Wenn Jürgen das ganze Jahr über hier wäre, wäre er nicht so positiv

Oliver Bierhoff mit Stefan Hermanns & Michael Rosentritt (Tsp 12.10.)
Tsp: Vor vier Wochen haben Sie sich mit den Bundesligatrainern getroffen. Anschließend haben alle die harmonische Atmosphäre gelobt, und jetzt werden Sie von denselben Trainern angegriffen?
OB: Wir sind auch ein bisschen überrascht. Der Austausch wurde ja von unserer Seite gesucht. Felix Magath hat gerade erst bestätigt, dass er noch zu keinem Bundestrainer einen so engen Kontakt hatte wie zu Jürgen Klinsmann. Ich kann auch nicht verstehen, dass um den Leistungstest so ein großes Theater gemacht wird. Wir reden über sieben Sprints, einen Ausdauerlauf über 3,5 Kilometer und ein paar Stabilisationsübungen. Es kann doch nicht der Anspruch eines Bundesligaspielers sein, dass das eine zu hohe Belastung ist.
Tsp: Haben Sie mit solchen Schwierigkeiten in dieser Phase der Saison gerechnet?
OB: Nein, viel früher. Aber deswegen können wir nicht von unserer Linie abgehen. Ich habe das selbst als Spieler erlebt. Sobald ein Trainer hin- und herhüpft, fängt es an, verkehrt zu laufen. Die Ratschläge von erfahrenen Leuten hören wir uns an. Was wir letztlich daraus machen, ist unsere Sache.
Tsp: Ralf Rangnick hat gesagt, er erwarte keine rege Kommunikation, sondern eine fruchtbare.
OB: Fruchtbar kann aber nicht bedeuten, dass jeder seine Wünsche äußert und wir die dann erfüllen. Es gibt genug Beispiele, dass Klinsmann auf Einwände reagiert hat. Miroslav Klose hat am Ende der vorigen Saison zwei Monate verletzt gespielt – wir haben beim Confed-Cup auf ihn verzichtet, damit er sich operieren lassen konnte. Aber wir müssen eben auch mal Spieler einsetzen, die der Vereinstrainer lieber geschont sähe. Die Bremer haben sich vor einem Jahr darüber beschwert, dass ihre Spieler in der Nationalmannschaft zu kurz kommen, jetzt beschweren sie sich, dass sie zu viel spielen. Wir können den Spielern doch nicht dauernd einreden, dass die Belastung zu hoch ist. Per Mertesacker bestreitet in dieser Saison 34 Bundesligaspiele und noch ein paar Länderspiele – das müsste für einen 21-Jährigen gerade noch zu bewerkstelligen sein. (…)
Tsp: Die Spieler sollen Opfer bringen. Wie sieht es mit Klinsmann aus? Müsste sein Opfer nicht sein, dass er von Los Angeles nach Deutschland umzieht?
OB: Die Frage ist, ob es nicht ein Opfer ist, immer hin- und herzufliegen. Vor allem wenn man an das ganze Theater denkt, das um dieses Thema immer veranstaltet wird. Ich glaube, die Forderung an Klinsmann ist eher eine emotionale als eine inhaltliche. Man will das Gefühl haben, er ist in der Nähe. Aber Jürgen muss für sich ausmachen: Wo kann ich meine beste Leistung bringen? Wenn er das ganze Jahr über hier wäre, wäre er nicht effektiver – und vor allem nicht so positiv.

Internationaler Fußball

Heißhunger der Fans

Michael Ashelm (FAZ 12.10.) beobachtet Chinas Fußball mit Sorge: „Die Entwicklung wird den Erwartungen nicht gerecht, seit die eigene Heimatliga und das Nationalteam als Basis für einen allumfassenden Aufschwung ausfallen. Von kriminellen Wettkartellen aus der Sonderwirtschaftszone Macao gesteuert, machen bestochene Schiedsrichter und Spieler die Saison zu einer Farce. Mehr als die Hälfte der Begegnungen in der Super League könnten davon betroffen sein, schätzen Insider, deshalb war auch Siemens schon vergangene Saison als Titelsponsor ausgestiegen. Anders als die asiatischen Vorbilder Japan und Südkorea, die jahrelang konsequent ihr nationales Aufbauprogramm für den Fußball vorantrieben, wandelt die chinesische Nationalelf orientierungslos umher; bei der ersten WM-Teilnahme 2002 schied sie sang- und klanglos in der Vorrunde aus, die Qualifikation für Deutschland 2006 hat das Team längst verspielt. Dabei lechzt die Nation mit den wirtschaftlichen und politischen Ansprüchen einer Weltmacht auch nach Erfolgen im Weltsport Nummer eins. Wichtige Siege wecken den Heißhunger der Fans (…) Wo Athleten aus China zuletzt Erfolge einheimsten, handelte es sich meistens um Einzelsportarten. Teamfähigkeit bewiesen sie selten und bislang nur dort, wo Trainer aus Südkorea und Japan, in Kenntnis der speziell chinesischen Seelenverfassung, nachkorrigierten.“

BLZ: China wird nun von einem Chinesen trainiert

Bildstrecke Fußball in China, faz.net

Karpatentiger

Vor dem entscheidenden Spiel gegen Russland – Karl-Peter Schwarz (FAZ 12.10.) beschreibt das Understatement der Slowakei: „Die ziemlich einhellige Empfehlung der slowakischen Medien an Trainer Dusan Galis lautet Rundumverteidigung. Kommt da wieder jene typisch mitteleuropäische Eigenschaft des slowakischen Nationalcharakters zum Vorschein, die zu Skepsis rät und sich mental stets auf das Allerschlimmste einstellt? Wunder haben jedenfalls etwas Verstörendes an sich, zumal wenn sie gehäuft auftreten. Die Slowaken werden seit geraumer Zeit schon mit Wundern verwöhnt, als hätte Fortuna in einer Wolke über Preßburg ihr Quartier bezogen. In den ereignisreichen dreizehn Jahren der Geschichte ihrer nationalen Unabhängigkeit wurden die Slowaken von ihren Nachbarn zuerst verlacht, dann bedauert und schließlich beneidet: verlacht, weil sie lieber selber regieren wollten, statt sich von den so viel klügeren Tschechen lenken zu lassen; bedauert, weil sie sich jahrelang von einem autoritären Schlitzohr namens Meciar regieren ließen; beneidet, weil sie binnen weniger Jahre nicht nur den Beitritt zur EU geschafft, sondern ganz nebenbei die radikalsten und erfolgreichsten Wirtschaftsreformen in Ostmitteleuropa durchgesetzt haben. Der Siebenschläfer der Karpaten hat sich in einen Karpatentiger verwandelt, bei dem alles stimmt bis auf die Laute, die er ausstößt: Er brüllt nämlich nicht, er winselt, als hätte er Angst vor der Kraft, die in ihm steckt.“

NZZ: die Schweiz vor den entscheidenden Spiel in Dublin
NZZ: Irland vor den entscheidenden Spiel gegen die Schweiz

Deutsche Elf

Kehricht

Franz Beckenbauer & Co parlieren und halten Ratschlag, und (nicht nur) Matti Lieske (BLZ 12.10.) hält sich die Ohren zu: „Je näher die WM rückt, je mehr das DFB-Team im fußballerischen Niemandsland versackt, desto mehr hängt die Nation an den Lippen ihres Fußballkaisers. Der hat schon immer viel und gern geredet, mal hat man ihn ernst genommen, weit öfter nicht. Inzwischen aber gerät jedes Hüsteln Beckenbauers zu Gottes Wort, und selbst ein Günter Netzer wirkt neben ihm wie Landesbischof Huber neben Papst Benedikt XVI. Manche Dinge, die bis dahin substanzlos im Raum schwebten, scheinen erst Gestalt anzunehmen, wenn Beckenbauer sie ausspricht. Und er spricht sie immer häufiger und deutlicher aus. (…) Egal, ob der Bundestrainer in Kalifornien, Honolulu, Timbuktu oder Böblingen wohnt, den Managern der Spitzenklubs wird er es nie recht machen. Diese interessiert die Nationalmannschaft nämlich einen feuchten Kehricht, auch wenn sie das vor der zum Jahrhundertereignis hochgejubelten WM so nicht sagen können. Klinsmann wiederum sind die Belange der Klubs ebenso schnurz wie Beckenbauers gesammelte Ansichten.“

Irrsinn

Geschnatter!, meint Andreas Lesch (BLZ 12.10.): „Der Irrsinn erreicht eine neue Dimension. Seit der Niederlage in der Türkei sagt jeder, was ihm gerade zur Nationalmannschaft einfällt; alle plappern wild durcheinander. Dass viele der wahren und vermeintlichen Experten sich krass widersprechen und dass der Gehalt der meisten Aussagen eher übersichtlich ist, scheint niemanden zu stören. Hauptsache, die Medienmaschinerie läuft.“

Mißtrauen

Roland Zorn (FAZ 12.10.) fordert Mäßigung aller Kritiker Jürgen Klinsmanns: „Mit den endlichen Möglichkeiten eines ähnlich durchschnittlich begabten Personals hätte sich auch jeder andere Bundestrainer herumzuschlagen. Weil aber Klinsmann mit schwäbischer Sturheit seinen eigenen Weg geht und den Kontakt zu den lieben Kollegen und Managern der Bundesliga nur im Rahmen des seiner Ansicht nach Nötigen sucht, schlägt ihm wie einem Fremden das Mißtrauen der deutschen Fußballkoryphäen entgegen. Mit manchmal schleierhaften Argumenten und verdeckten Attacken wird eine Stimmung erzeugt, die das WM-Ausrichterland in ein ähnlich nebliges Klima taucht wie beim Gezerre der Berliner Politiker bei der Bildung einer Regierungsmannschaft. (…) Viel Lärm um nichts? Das würde dem einen oder anderen berechtigten Einwand nicht gerecht. Etwas weniger Wortgetöse indes täte einer Sache gut, die allseits mehr Souveränität verdient hätte.“

SZ: Jürgen Klinsmann verteidigt seine Politik und kontert die Kritik der Fußballexperten mit einem Lächeln

Dienstag, 11. Oktober 2005

Internationaler Fußball

Reflexe

Vor dem Spiel Bosnien gegen Serbien – Ronald Reng (FR 11.10.) betont das Einende: „Es sind die Reflexe der Massenmedien, anlässlich des brisanten Spiels danach zu suchen, was Serben und Bosnier noch immer trennt, ein Jahrzehnt, nachdem sie sich gegenseitig umbrachten. Und vermutlich wird, wer sucht, finden: Beim Hinspiel in Sarajewo entrollten bosnische Fans ein Plakat: ‚Wir haben 250 000 Gründe, euch zu hassen.’ Die Zahl war nicht exakt, aber jeder wusste, dass die Toten des Kriegs gemeint waren. Einige serbische Fans antworteten mit Lobgesängen auf den Kriegsverbrecher Radovan Karadzic. Doch warum will niemand sehen, dass die große Mehrheit im Stadion und auf dem Spielfeld noch immer mehr verbindet als sie trennt?“

Identifizierung

Daniel Theweleit (FR 11.10.) kommentiert die Qualifikation der Neulinge Angola, Togo, Ghana und Elfenbeinküste: „In Afrika ist der Mythos von den eigentlich chancenlosen Außenseitern, denen irgendwie doch der große Erfolg gelingt, Lebenselixier und Hoffnungsspender. Und am Wochenende erhielt er eine unerwartet intensive Entsprechung in der Realität. (…) Die Schwarzafrikaner werden im nächsten Jahr mit Togo, Ghana, Elfenbeinküste und Angola fiebern. Südlich der Sahara identifizieren sich fast alle Menschen mit den jeweiligen Vertretern des Kontinents, auch wenn es nicht das eigene Land ist. Deshalb steigt mit einer WM-Teilnahme für die Überraschungsteams nicht nur weltweit das Ansehen, sondern – was noch wichtiger sein kann – das Renommee in Afrika.“

NZZ: Angolas schwarze Antilopen zur WM

NZZ: Paraguay, Team mit antiquiert anmutenden Stil, fährt zur WM

Bundesliga

Mann von gestern

Michael Wulzinger (Spiegel 10.10.) rechnet mit anhaltendem Misserfolg Giovanni Trapattonis in Stuttgart: „Knapp vier Monate ist es her, dass Trapattoni wie ein Heilsbringer empfangen wurde beim VfB Stuttgart. Doch sein Mythos ist verblasst. Ob in der Bundesliga, im DFB-Pokal oder im Uefa-Cup: Vom wirren Aktionismus des Italieners verunsichert, wurstelt sich das Team bislang durch die Saison, und allmählich dämmert den Schwaben, dass sie zwar einen Trainer verpflichtet haben, der mit 19 Titeln einer der erfolgreichsten der Welt ist – mit seinen Methoden allerdings auch ein Mann von gestern. (…) Noch prallt die immer massiver werdende Kritik an der Vereinsführung ab. Doch für Populismus empfängliche Polit-Profis wie der Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt, Chef des VfB-Aufsichtsrates, schaffen vorsorglich schon mal Distanz zum berühmten Coach. (…) Mit der Verpflichtung des Italieners, so glaubten die beseelten VfB-Bosse im Sommer noch ganz fest, sei ihnen ein Coup gelungen. Es war nicht nur Trapattonis Titelkollektion, die sie elektrisierte. Sie dachten auch an die Vermarktungsmöglichkeiten, die sich durch die Bundesliga-Rückkehr des charmanten Signore boten. (…) Nun hat Präsident Erwin Staudt einen Startrainer, der wunderbar zu ihm passt, nur leider nicht zur Mannschaft. Dabei gab es in den letzten Jahren genügend Hinweise, dass der Erfolgscoach früherer Tage mit seinen Torvermeidungsstrategien dem modernen Tempofußball immer weniger entgegenzusetzen hat.“

Deutsche Elf

Teil seiner Pflicht

Nun fordert auch Philipp Selldorf (SZ 11.10.) Jürgen Klinsmanns Anwesenheit in Deutschland: „Wenn Klinsmann sein unbeschwertes Leben in Kalifornien fortsetzen will, muss er sich öfter mit dem harten Job in Deutschland befassen, durch persönliche Gegenwart an Ort und Stelle. Jede Fernbeziehung erträgt nur ein gewisses Maß an Absenz, sonst gehen Vertrauen und Substanz verloren. Schon hat man manchmal den Eindruck, Klinsmann habe nicht den richtigen Blick für die fußballerischen Eigenheiten seiner Kandidaten, weil er sie nur aus dem Fernsehen kennt. Es ist eben doch nicht nur ein für die Kameras inszenierter Tätigkeitsnachweis, wenn der Bundestrainer bei den Bundesligaspielen auftaucht. Es ist auch Teil seiner Pflicht.“

Stilfragen

Richtig gelegen – Michael Horeni (FAZ 11.10.) vermutet hinter der aktuellen Diskussion um Klinsmanns Training eine Fortsetzung der „Wohnsitzdebatte“: „In dieser oberflächlich geführten Diskussion äußert sich nicht zuletzt ein verbreitetes Gefühl im deutschen Profifußball, dem die ganze Richtung nicht paßt. Viele mögen nämlich nicht akzeptieren, daß der Bundestrainer bis zur unmittelbaren WM-Vorbereitung weiter in Kalifornien leben will und die Bundesligaspiele für nicht so wichtig nimmt, um sich ständig ein Bild davon zu machen. Daß die deutsche Mannschaft auch nicht dadurch zum WM-Favoriten wird, wenn der Chef statt seines Assistenten jeden Samstag die trübe deutsche Ware begutachtet, wissen die Assauers und Hoeneß‘ dieser Fußball-Welt natürlich auch. Es geht in dem unproduktiven Streit neben Sachfragen daher nicht zuletzt um Stilfragen. Aber der Eindruck, daß sich die Nationalmannschaft und die Bundesliga acht Monate vor der WM meilenweit voneinander entfernt haben, wird sich so schnell nicht mehr verwischen lassen.“

Stimmengewirr

Stefan Osterhaus (NZZ 11.10.) resümiert die Aussagen der üblichen und unüblichen Verdächtigen: „Es war einer jener Abende, an denen jene zu Gewinnern wurden, die nicht beteiligt waren, die aussen standen und genüsslich ihre Kommentare wie Spitzen setzen konnten. Christoph Daum, der beinahe einmal Bundestrainer geworden wäre, bevor er über ein paar Prisen Kokain stolperte, setzte sich an die Spitze der Bewegung derer, die pharisäerhaft die Demontage Jürgen Klinsmanns betrieben. (…) Der Auftritt Daums ist eine prächtige Vorlage. Nicht nur Verbal-Bulldozer wie Rudi Assauer üben Kritik. Auch besonnene Geister wie Klaus Allofs melden Zweifel an. Und allmählich bringt sich der Boulevard in Stellung. Weil Klinsmann – nicht zwingend notwendig – Leistungstests durchführen lässt, wähnen Bundesliga-Coachs ihre Profis ungebührlich gefordert. Das ist nicht besonders spektakulär, doch in der gegenwärtigen Situation kommt der Asphalt-Presse jedes Indiz recht, das gegen den Bundestrainer spricht. Das Verhältnis ist von gegenseitiger Ablehnung geprägt: Klinsmann verweigert ihnen die Exklusivität, hat vielmehr die Meinungsblätter zum engeren Zirkel geladen. Doch auch dort geht man auf Distanz zu ihm. Es ist ein Stimmengewirr, in dem die Töne des Bundestrainers umso leiser klingen.“

Indirekte Unterstellung

Stefan Hermanns (Tsp 11.10.) mutmaßt, dass die Murrenden aus der Liga sich schlicht auf ihre, schlecht gebundenen, Krawatten getreten fühlen: „Die wahren Ursachen für den Konflikt liegen tiefer. Klinsmann und Löw wollen die Mannschaft besser machen, indem sie jeden Spieler technisch, taktisch und konditionell besser machen. Im Prinzip ist dagegen nichts einzuwenden, indirekt aber wird den Vereinstrainern unterstellt, dass sie aus ihren Spielern nicht das Maximale herausholen. Das lassen sie sich nicht besonders gerne nachsagen.“

Über das Verhältnis Jürgen Klinsmanns zu den Medien hat der indirekte freistoss eine Studie erstellt, die Sie hier gratis per E-Mail (pdf / ~ 2 MB) bestellen können.

SZ-Interview mit Klaus Allofs über „das Murren der Liga“

Welt-Interview mit Johan Micoud

Montag, 10. Oktober 2005

Internationaler Fußball

Fußballgötter sind auch nur fehlbare Menschen

Qualifiziert – doch Peter Heß (FAZ 10.10.) befasst sich mit der Formschwäche Englands und David Beckhams: „Die Teamleistung unterschreitet zur Zeit die Summe der individuellen Fähigkeiten erheblich. Gemessen an den Namen und am Potential, spielt England einen aufsehenerregend schlechten Fußball – wodurch Trainer Eriksson unter Druck geraten ist. (…) Der Wert des fußballerischen Beitrags Beckhams wird diskutiert. Dynamik und Defensivverhalten sind eher unterdurchschnittlich entwickelt. Sein Talent für 40-Meter-Pässe ist im modernen Fußball kaum noch gefragt, seine Freistöße sind kunstvoll, aber treffen das Ziel auch nicht häufiger als die anderer Spezialisten. Von seiner Pflicht als Elfmeterschütze hat sich Beckham vor dem Österreich-Spiel entbinden lassen. Eriksson lobte schon vor dem Anpfiff: „David liebt Verantwortung. Daß er Frank Lampard die Elfmeter übertragen hat, zeigt, wie wichtig ihm das Wohl des englischen Fußballs ist.“ Welch ein seltsamer Samstag für einen Superstar: Beckham nutzt England lediglich durch seinen Elfmeter-Verzicht, gefährdet den Erfolg nachhaltig durch einen Platzverweis und gerät noch als erster Nationalspieler mit zwei Hinausstellungen in der Karriere in die Rekordlisten. Doch statt Häme schlägt Beckham Anteilnahme entgegen. Die Engländer werden gerne daran erinnert: Fußballgötter sind auch nur fehlbare Menschen.“

Wieder in der Steinzeit

Ronny Blaschke (BLZ 10.10.) schreibt über das wahrscheinliche Ausscheiden Griechenlands: „Fünfzehn Monate nach der EM ist Griechenlands Fußball wieder dort, wo er vorher war: in der Steinzeit. Rehhagel ist daran nicht schuldlos. Wie nach dem überraschenden Gewinn der Deutschen Meisterschaft mit Kaiserslautern 1998 schaffte er es nicht, den Größenwahn zu bändigen. Er reduzierte die Kommunikation mit der Öffentlichkeit auf ein Minimum, statt in schweren Zeiten Harmonie zu schaffen. So hielt er es vor dem Spiel in Kopenhagen nicht für nötig, seine Entscheidungen zu erklären.“

Mittelmacht

Christoph Biermann (SZ 10.10.) kommentiert den Aufschwung der Schweiz: „Die Schweiz ist auf dem Weg dazu, wieder eine fußballerische Mittelmacht zu werden. Gelänge die Qualifikation für die WM 2006, bedeutete das die Teilnahme an drei internationalen Großturnieren in Serie – bei der EM 2004 waren die Schweizer dabei, und für die EM 2008 sind sie als Gastgeber bereits qualifiziert. Ähnliches hat es für das Team zuletzt vor einem halben Jahrhundert gegeben.“

NZZ-Bericht Schweiz-Frankreich (1:1)

WamS: Die lange Zeit darbende Nationalmannschaft Polens sorgt für Furore

Deutsche Elf

Hilflos

1:2 in der Türkei, ein schlechtes Spiel und viel Kritik für Jürgen Klinsmann – Stefan Hermanns (Tsp 10.10.) prüft sie: „Es ist ein Trend, Klinsmann für alles Schlechte verantwortlich zu machen. Deshalb ist es ein wenig paradox, dass man ihm nach dieser Niederlage wenig vorwerfen kann. Er hat die Aufstellung nicht wieder scheinbar unmotiviert durcheinander gewürfelt, sondern die vermeintlich beste Mannschaft aufgeboten, sogar Oliver Kahn, Franz Beckenbauers Lieblingstorwart, musste diesmal nicht Golf spielen. Es scheint also, als ob die Mannschaft diesmal nicht so leicht aus der Sache rauskommt. Es zählte bisher zu Klinsmanns Prinzipien, im Schlechten immer noch das Gute herauszustreichen, was ihm den Vorwurf eingebracht hat, ein Schönredner zu sein. Vor diesem Hintergrund fiel die Analyse des Trainerstabs diesmal erstaunlich realistisch aus: „Wir waren mit der ersten Halbzeit sehr unzufrieden und auch verärgert“, sagte Klinsmann. An Klinsmanns Taktik hatte es nicht gelegen, dass sich die Türken in der ersten Halbzeit Chance um Chance erspielten, eher an ihrer praktischen Umsetzung. Es war erschreckend, wie hilflos die deutsche Mannschaft dem taktischen Konzept des Gegners begegnete.“

Mangel

Michael Horeni (FAZ 10.10.) nennt das Defizit der deutschen Elf: „Die Verantwortung, die Mannschaft zu führen, hängt derzeit allein an Michael Ballack, und wenn er wie gegen die Türkei fehlt – oder sich wie in den Spielen zuvor nicht in Bestform befindet –, wankt die deutsche Mannschaft bedenklich. An solchen Tagen schlägt dann auch der Mangel an Profis im sogenannten besten Fußballalter ungebremst durch. Die Generation der Vierundzwanzig- bis Achtundzwanzigjährigen ist für die Nationalmannschaft eine weitgehend verlorene Generation. Um die jungen Spieler dagegen muß sich niemand sorgen. Ihre Zeit wird kommen – auch wenn die Fußballnation derzeit viel zuviel Verantwortung bei ihnen ablädt.“

Ohne Effekt

Philipp Selldorf (SZ 10.10.) sucht nach Gründen für den Leistungsschwund: „Vieles liegt im Argen acht Monate vor dem WM-Start, man weiß gar nicht mehr genau, wo man anfangen soll. Vielleicht beim Konföderationen-Pokal im Juni? Dort standen Klinsmann und seine Mannschaft so sehr unter Bestätigungsdruck, dass sie dafür ihre letzten Energien geopfert haben. Jetzt bezahlen sie den Preis, was zum einen in der grassierenden Formschwäche der Nationalspieler und zum anderen in der auffallend träge gestarteten Bundesligasaison Ausdruck findet. Klinsmanns missionarisch vorgebrachte Order an seine Spieler, ständig am körperlichen und geistigen Fortschritt zu arbeiten, lässt keinen Effekt erkennen.“

Murren

Jan Christian Müller (FR 10.1.0.) erörtert die Kritik an Klinsmann aus der Liga: „Klinsmann und Löw nehmen weit weniger Rücksicht auf die Situation eines Nationalspielers, als dies Rudi Völler und sein Assistent Michael Skibbe getan haben. Völler akzeptierte ohne hörbares Murren, dass für Testländerspiel bis zu 14 Spieler aus mehr oder weniger fadenscheinigen Gründen absagten, um sich für anstehende Aufgaben in den Klubs zu schonen. Das Trainingsprogramm des Tandems Völler/Skibbe erinnerte eher an Koronarsport. Klinsmann und Löw haben von Beginn an deutlich gemacht, dass ähnliche Reha-Übungen für überlastete Profis nicht ihrer Philosophie entsprechen. Im Hinblick auf das Turnier 2006 haben sie damit zwar richtig gehandelt. Unter Berücksichtigung der Vereinsinteressen aber nicht. Damit das hörbare Murren nicht in einem Aufstand mündet, werden sie Kompromisse eingehen müssen. Sonst werden die mächtigen Manager mit den Muskeln spielen und die Gefolgschaft verwehren.“

FAZ: deutsche Gespenster des Scheiterns – Kritik an und von Klinsmann
FR: Kritik –Vereinsmanager fordern eine Aussprache mit Klinsmann
WamS: Solidarität der Vereine mit dem Bundestrainer stößt an Grenzen
BLZ: Unbarmherzig wie nie zuvor seziert Klinsmann das Spiel
SZ: Kritik an Torsten Frings

Bildstrecke, faz.net

FTD: das türkische Scouting-System in Deutschland

FAS-Interview mit Christoph Metzelder

FR: Bayer Leverkusen – Michael Skibbe, eine Notlösung?

Freitag, 7. Oktober 2005

Vermischtes

Probleme mit Recherche und Kritik

Die Sportredaktion der Financial Times Deutschland ärgert sich über den DFB; folgendes ist vorgefallen: Erik Eggers, freier Journalist, hat einen Fragebogen an Theo Zwanziger gesendet, den Geschäftsführenden Präsidenten des DFB, um dessen Vergangenheit in der Glücksspielbranche zu recherchieren. Der ehemalige Verwaltungsratschef der Sport Toto GmbH Rheinland-Pfalz Zwanziger war entscheidend an der „Institutionalisierung der staatlichen Fußballwette Oddset beteiligt, als sich andeutete, dass das traditionelle Fußball-Toto unattraktiv wurde“, schreibt Eggers in der FTD vom 18. Februar. Mediendirektor Harald Stenger, einst Sportjournalist bei der Frankfurter Rundschau, hat am 17. Februar, also einen Tag vor der Veröffentlichung, den ausgefüllten Fragebogen ohne ersichtlichen Grund an 30 Sportredaktionen verschickt – erstens „ein unübliches Vorgehen“, beschwert sich Axel Kintzinger, FTD-Sportchef: „Ich bin ja selten zu verblüffen, aber das hat mich und alle bei uns im Haus umgehauen.“ Zweitens ein Ärgernis für Eggers, da die korrekt recherchierte Story für ihn „damit an Wert verloren“ habe. Drittens, behauptet die FTD, sei die Absicht des DFB zu durchschauen, „den Fragesteller lächerlich zu machen“. Kintzinger zeigt zwar Verständnis für die schwierige Situation, in der sich der DFB derzeit befindet, sieht den Vorwurf jedoch nicht entkräftet: „Es ist eine beliebte Klage von Institutionen und deren Repräsentanten: Da wird über uns geschrieben, aber niemand hat hier nachgefragt. Die FTD macht das anders. Der DFB scheint seriöse Recherche aber nicht zu schätzen. Der DFB hat, wie es aussieht, mehr als nur ein Problem mit Wettskandalen.“

Um das irritierende Verhalten des DFB zu erklären, muss man zurückblicken: Eggers steht auf der schwarzen Liste des DFB; er hatte vor Jahren in einer kritischen Buchrezension („100 Jahre DFB“) den DFB durch den wahrlich nicht aus der Luft gegriffenen Vorwurf verärgert, er verschweige seinen Gehorsam im Nationalsozialismus. Außerdem, schreibt Jan Christian Müller in der Frankfurter Rundschau am Samstag, „war es zwischen dem DFB auf der einen sowie Eggers und der FTD auf der anderen Seite im Herbst 2002 zu Dissonanzen gekommen. Damals hatte Eggers eine vom DFB in Auftrag gegebene Studie zum Thema Alkoholismus und Fußball beschrieben und bewertet. Die Redaktion hatte den Artikel mit einem Bild des DFB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder mit einem Bierglas in der Hand illustriert.“

Stenger hat inzwischen Kintzinger und Eggers für Anfang März zu einem Gespräch an die Otto-Fleck-Schneise geladen. Für Eggers, so viel sei ihm nun klar, „haben Story und Recherche jetzt erst begonnen“

Samstag, 1. Oktober 2005

Allgemein

Bedenklich

Udo Muras (Welt 1.10.) fasst die deutsche Europapokal-Woche zusammen: „Daß noch drei Bundesligisten im Uefa-Cup sind und mit dem Champions-League-Trio bis Dezember ein Sextett bilden, darf nicht zum Übermut verführen. Die Leistungen des VfB Stuttgart gegen das slowenische Fußballdorf Domzale stimmen bedenklich, ebenso daß die derzeit beste deutsche Mannschaft ein Elfmetergeschenk brauchte, um die erste Runde zu überstehen und daß Werder Bremen in der Champions League ohne Punkt und fast schon aus dem Rennen ist. Im WM-Jahr ist die Frage bedeutsamer denn je, wo der deutsche Vereinsfußball steht. Man möge es sich nicht so einfach machen und nur nach Zahlen richten. Was auch für das DSF gilt, das mit einem fünfminütigen Werbespot mitten im HSV-Spiel einen Teil der Kundschaft gleich wieder vergrätzte.“

Beigeschmack

Der HSV siegt, doch Frank Heike (FAZ 1.10.) gibt zu bedenken: „Der Erfolg hatte einen faden Beigeschmack. Schiedsrichter Messias hatte seinen Auftritt mit dem Elfmeterpfiff noch nicht beendet. Den schimpfenden Dänen Peter Möller verwies er in der Nachspielzeit ebenso des Feldes wie den foulenden Silberbauer, einmal per Gelb-Roter Karte, einmal per Roter. Daß die Dänen so fair blieben, daß es keine Ausschreitungen gab, war überraschend und vielleicht mit der skandinavischen Mentalität zu erklären. In Spanien oder Italien hätte es diese Pfiffe gegen ein Heimteam wohl nie gegeben.“

BLZ: „Wir sind betrogen worden“ – Kopenhagens Sportchef über die Niederlage gegen den HSV

Fehlentwicklung

Peter Heß (FAZ 1.10.) kommentiert das Ausscheiden Bayer Leverkusens: „Dieses frühe Scheitern ist mehr als eine Momentaufnahme der Leverkusener Zustände. Es bildet vielmehr den vorläufigen Höhepunkt einer Fehlentwicklung, die seit anderthalb Jahren im Gange ist und nun so schnell nicht mehr umgekehrt werden kann. (…) Bayer hat keine Führungsspieler mehr und zu wenige, die ihrer Arbeit so aggressiv nachgehen, daß sie die Gegner einmal einschüchtern könnten. Leverkusens Personalpolitik zeichnete sich durch drei Fehler aus: durch die Panik, als man 2002/2003 in Abstiegsgefahr schwebte, durch den Irrglauben, jeder Star der Juniorennationalelf müßte es auch in der Bundesliga weit bringen und nur spielstarke Profis könnten die Erfolge der gloriosen Champions-League-Saison zurückbringen. Die Trainer vermochten es nicht, den Charakter der Mannschaft zu mehr Robustheit zu formen.“

FR: Bei Mainz 05 hält sich die Enttäuschung über das Aus in sehr überschaubaren Grenzen

Bundesliga

Symbolfigur

Rudi Assauer, ein Aushängeschild, eine Marionette, ein Maskottchen – Maik Großekathöfer & Gerhard Pfeil (Spiegel 1.10.) deuten die Tatsache, dass der Schalker Manager die letzten Tage ohne Schaden überstanden hat: „Die gängigen Reflexe, die anderswo zu internem Zoff, zu Schuldzuweisungen, womöglich sogar zum Rücktritt des Betroffenen hätten führen können, funktionieren auf Schalke nicht. Im Gegenteil: Die Debatte, wie viel und wie oft Assauer ins Glas schaut, hat dem Verein eher geholfen als geschadet. Denn klar ist nun, dass Schalke mitnichten von dem Ex-Profi allein gelenkt wird. Die Ruhe, mit der Vorstand und Aufsichtsrat die angeblichen ‚Chaostage auf Schalke’ (Kölner Stadtanzeiger) aussaßen, belegt eindeutig, dass Assauer längst nicht mehr als Mann fürs operative Geschäft gebraucht wird – umso mehr jedoch als Symbolfigur für das alte, dampfende Gefühlskino Schalke. (…) Unter der Schirmherrschaft des volksnahen Rudi konnte sich die einstmalige Skandalnudel der Liga zum schnöden Fußballkonzern mit mehr als einem Dutzend Tochtergesellschaften und dem zweithöchsten Umsatz im deutschen Profigeschäft entwickeln. Und niemand schrie Verrat, und niemand beklagte sich, dass dat alte Schalke nich‘ mehr is‘. (…) Wenn es der mitunter eitle Assauer zu bunt treibt, wird er zur Räson gebracht.“

FR: Sören Larsen hat in Schalke auf Anhieb überzeugt und genießt den Erfolg

SZ: Im Kampf gegen die Dynamik des Misserfolgs hat Wolfgang Wolf bald alle Mittel aufgebraucht – die Fans diskutieren den Namen Matthäus

BLZ: Frank Baumann fällt neuerdings auf – mit Fehlern

taz: Nicht nur aufgrund der Überlegenheit des FC Chelsea herrscht Langeweile in der Premier League – auch der Sicherheitsfußball vieler anderer Clubs kommt bei den Fans immer schlechter an

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