indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Mittwoch, 27. April 2005

Bundesliga

Geht Rapolder, geht möglicherweise auch von Heesen

Wenn man über Bielefeld liest, dann liest man meist über Uwe Rapolder oder Spieler, die den Verein verlassen. Roland Zorn (FAZ 27.4.) lenkt den Blick auf Thomas von Heesen: „Von Heesen kümmert sich seit Wochen mit Hingabe darum, die absehbaren und plötzlichen Weggänge zu kompensieren, fühlt sich aber von Präsident Hans-Hermann Schwick, seinem Geschäftsführerkollegen Roland Kentsch und dem Aufsichtsrat des DSC nicht kräftig genug unterstützt. Uwe Rapolder betrachtet er mal als Bundesgenossen, mal als schwer verständlichen Sozius, dessen Impulsivität und Emotionalität nicht immer leicht zu begreifen sind. Trotzdem: Dieses Duo kann sich einiges darauf zugute halten, daß die Arminen ihren siebten Aufstieg problemlos bewältigt haben, und das auf ansehnliche Art und Weise. (…) Geht Rapolder, geht möglicherweise auch von Heesen.“

Dienstag, 26. April 2005

Champions League

Berlusconi ist, medizinisch gesprochen, sozusagen unsterblich

Köstlich, wie immer! Neues von Peter Hartmanns (NZZ 26.4.) Fußball-Soap aus Italien: „Silvio Berlusconi, Italiens mächtigster Mann, stand im politischen Gewitter. Jetzt kann er Autorität und Kompetenz und vielleicht eine Mehrheit der Italiener – die, die etwas von Fussball verstehen, und das sind letztlich alle – schlagartig zurückgewinnen, für einen Abend. Dazu benötigt er lediglich elf Mann: seine Gladiatorentruppe, die seinen Ruhm von Unwiderstehlichkeit und Machertum begründet hat. „Es gibt niemanden in Italien, der das erreichte, was ich erreicht habe“, sagte er einmal im Überschwang. „Auch nicht in Europa. Weltweit stellt mich nur Bill Gates in den Schatten.“ Und sein Leibarzt, der Dottore Scapagnini, dem er den Job des Bürgermeisters von Catania verschaffte, stellte fest: „Berlusconi ist, medizinisch gesprochen, sozusagen unsterblich.“ Daran müssen sich seine Kicker messen lassen. (…) Es gibt allerdings Fragezeichen. Jaap Stam, der grimmig-kahle holländische Abwehrrecke, der einer ganzen italienischen Elterngeneration hilft, die Kleinen ins Bett zu stecken („sonst kommt der Glatzenmann“), hat am Samstag den Rasen wegen einer Muskelverhärtung Richtung Massagebank verlassen.“

Mit Heiligenkranz

Stiefkinddasein ade – Peter Riesbeck (BLZ 26.4.) beschreibt den Statusgewinn brasilianischer Torhüter, von denen zwei, Gomes (PSV) und Dida (Milan), im Halbfinale aufeinandertreffen: „Das Land gilt nicht als Heimstatt großer Keeper. Der englische Journalist Alex Bellos hat in seinem wunderbaren Buch Futebol einmal ergründet, warum: Die traurige Geschichte trug sich demnach 1950 in Rios Maracana-Stadion zu. Brasilien spielte in der Finalrunde gegen den Erzfeind Uruguay, kurz vor dem Abpfiff patzte Brasiliens Torhüter Barbosa bei einem Schuss von Ghiggia – das entscheidende Spiel um den WM-Titel ging 1:2 verloren. Vielleicht liegt es daran, dass sie in Brasilien seither ein wenig abergläubisch sind, was Torhüter angeht. Barbosa jedenfalls soll Jahre nach der Niederlage einmal zu einer Grillparty geladen haben. Als er aber den Freunden erzählte, dass die Steaks vom Holz der Maracana-Torpfosten gewärmt würden, mochte keiner mehr etwas essen. Und noch 1993 vertrieb man Barbosa, als er sich einem Training der brasilianischen Nationalelf näherte. Solche Zeiten des Wahnglaubens sind längst vorbei. Gerne stellen sie in brasilianischen Büchern große Keeper mit einem Heiligenkranz dar. Und das Land glänzt im heiligen Schrein des Fußballs nicht nur mit Technikern, sondern jetzt auch mit Welttorhütern.“

Aus einem Klumpen Lehm

Bertram Job (NZZ 26.4.) bewundert das Eindhovener Scouting: „Begeben Sie sich nach Südamerika. Verpflichten Sie drei bis vier Spieler, die sich trotz einer völlig anderen Kultur des Fussballs sofort in Ihre Mannschaft einbauen lassen. Werden Sie damit in Ihrer Liga souveräner Meister und machen sie Furore in einem europäischen Wettbewerb. Solche Handlungsanweisung wäre in jedem Gesellschaftsspiel, in dem sich Fussballverrückte als Vereinsmanager probieren können, der blanke Horror. Für die Handlungsbevollmächtigten des PSV Eindhoven ist sie eine fast alljährlich wiederholte Aufgabe mit hohem Traditionswert, die sie in dieser Saison offenbar besonders gut gelöst haben. Ein Dreivierteljahr ist es gerade mal her, seit der damals fast bemitleidete Guus Hiddink im internen Kreis klagte, er müsse „aus einem Klumpen Lehm“ ein in ganz Europa konkurrenzfähiges Kicker-Ensemble zusammenstellen.“

Ball und Buchstabe

Manche Dinge lassen sich irdisch nicht wieder gut machen

Rainer Koch, Vorsitzender Richter im Sportgericht, im Interview mit Robert Ide und Michael Rosentritt (Tsp 26.4.)
Tsp: Was ist außergewöhnlich am Fall Hoyzer?
RK: Er betrifft Sachverhalte, die in den Statuten des DFB nicht ausdrücklich normiert waren. Es gibt keinen klaren Einspruchssachverhalt der Spielmanipulation.
Tsp: Und das wird jetzt beim Bundestag des DFB in Mainz geregelt?
RK: Ja. Die Anträge setzen die vom Sportgericht entwickelte Rechtssprechung um.
Tsp: Das heißt, Sie passen durch Ihre Sprüche die Regeln des DFB der neuen Realität an?
RK: Es gibt zwei Rechtssysteme auf der Welt, den sich auf Gesetze stützenden kontinal-europäischen und den auf Fallrecht basierten anglo-amerikanischen Rechtskreis. Dort hat man nie Gesetze formuliert, weil man der Meinung ist, dass man nicht alle Sachverhalte exakt festlegen kann. Darum hangeln sich Richter von Fall zu Fall. Beim Wett- und Manipulationsskandal mussten wir ähnlich handeln. (…)
Tsp: Warum ist Robert Hoyzer glaubwürdig?
RK: Für eine Beweiswürdigung gibt es klare Kriterien: keine Widersprüche, vollständige Aussagen. Hoyzer hat alles allein erzählt, hat deutlich Dinge aus eigener Beobachtung geschildert. Zu dem Eindruck scheint mir auch die Berliner Staatsanwaltschaft und die dortige Ermittlungsrichterin gekommen zu sein.
Tsp: Hoyzer hat erst geredet, als der Betrug aufzufliegen drohte.
RK: Dass Täter erst dann geständig werden, überrascht einen Richter nicht. (…)
Tsp: Zu Ihrer Rolle: Sie hatten eine Entscheidung zu treffen. Das Pokalspiel zwischen dem HSV und Paderborn in der ersten Runde war manipuliert. Aber es wurde nicht wiederholt, weil der Wettbewerb fortgeschritten war. Schmerzt es sie als Richter, dass ein Vergehen nicht gesühnt wird?
RK: Um Sühne ging es in den Sportstrafverfahren gegen Herrn Hoyzer oder den Spieler Waterink. Bei Hamburg gegen Paderborn ging es um die Annullierung des Spielergebnisses. Hier entstand die Frage: Wie gehe ich mit einem Einspruch um, bei dem das Geschehen nicht wieder gut gemacht werden kann? Zunächst versucht er, den alten Zustand wiederherzustellen. Wenn das nicht geht, wird über Schadensersatz gesprochen. Wenn ich einen Pullover dreckig mache, kann ich ihn waschen. Wenn einem aber der Arm abgeschnitten wird, kann man den nicht wieder annähen. Manche Dinge lassen sich irdisch nicht wieder gut machen.
Tsp: Mit wie vielen Beschädigungen geht der deutsche Fußball aus der Affäre hervor?
RK: Es ist sicher nicht meine Aufgabe, die blauen Augen des Fußballs zu zählen.

Bundesliga

Regional orientiertes Binnensystem

Warum kommen so viele Zuschauer in deutsche Stadien, mehr als in England, Spanien und Italien, deren Ligen stärker sind? Ein Erklärungsversuch von Philipp Selldorf (SZ 26.4.): „Es fällt schwer, den Boom auf die sportliche Qualität zurückzuführen. Zumal in Anbetracht des internationalen Bedeutungsverlustes der Bundesliga. Doch der Fußball in Deutschland besitzt eine Anziehungskraft, die er aus sich selbst heraus gewonnen hat. Die Entwicklung zur autonomen Institution wird getragen durch die neuen Stadien und die Befriedigung der Zuschauerbedürfnisse. Dabei bleibt die Bundesliga ein regional orientiertes Binnensystem mit enger Bindung ans heimische Publikum. (…) In England ist man stolz auf den Glamour, den der FC Chelsea oder der FC Arsenal verbreiten. Auf den deutschen Provinzialismus blickt man mitleidig herab. Den Deutschen ist das einerlei, solange ihr demokratisches Grundrecht auf die Bundesliga nicht angetastet wird.“

Schwaches Standing

Ulrich Hartmann (SZ 26.4.) befasst sich mit dem Transfer Delron Buckleys, dem fünften Bielfelder Spielerverlust: „Dass die Arminia zum Fußball-Discounter geworden ist, liegt am schwachen Standing und am limitierten Etat. Während Lense und Skela gehen, weil ihr Vertrag ausläuft und sie woanders mehr verdienen, zieht es Buckley weg, weil in seinem Kontrakt eine Ablösesumme von 425 000 Euro festgeschrieben ist. Unter Rapolder sind alle fünf an ihre vorläufigen Leistungsgrenzen gestoßen. Als Buckley vor einem Jahr vom VfL Bochum nach Bielefeld kam, hat sich kaum ein anderer Klub für ihn interessiert. Genauso war es bei Skela. Owomoyela war als Zugang vom Regionalligisten Paderborn ebenso ein unbekannter Name wie Nachwuchsspieler Langkamp. Rapolder hat sie mit seinem Konzept vom ganzheitlichen Fußball zu Stars gemacht, aber die Arminia kann sie nicht als solche bezahlen.“

Montag, 25. April 2005

Allgemein

Der Ball rollt oft anders, als im Businessplan vorgesehen

Geld ist doch nicht alles, schreibt Richard Leipold (FAS 24.4.) Rolf Königs, Mönchengladbachs Präsident, ins Stammbuch: „Königs meidet einschränkende Untertöne, die seine Vorgaben ins Unverbindliche rücken könnten. Auf dem Fußballplatz erweisen sich die Visionen des Vordenkers bisher jedoch als Planspiele fernab der Wirklichkeit. Seit dem Wiederaufstieg bekleiden die Borussen in der Bundesliga eine Nebenrolle, zumeist nicht einmal eine wichtige. (…) In der Personalie Advocaat spiegelt sich am deutlichsten die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Großer Name gleich großer Erfolg – diese scheinbar schlüssige Rechnung ist nicht aufgegangen. Der Unternehmer Königs hat lernen müssen, daß der Ball oftmals anders rollt, als es im Businessplan vorgesehen ist.“

Interview

Offenbar ist es modern, das Geschäft mit hohem Risiko zu führen

Jürgen Born, Werder-Vorstandschef, mit Patrick Krull (WamS 24.4.)
WamS: Ihre Lockmittel sind weniger geworden. Zudem dürfte der finanzielle Einschnitt groß sein, sollte Bremen den Europapokal verpassen.
JB: Der ist gar nicht so groß, denn die Erfolge der Vorsaison schlagen sich ja erst in dieser Saison durch die Champions League in der Kasse nieder. Wir haben ganz gut verdient, wir können also durch ein kleines finanzielles Polster etwas ins Risiko gehen, auch wenn wir nicht in der Champions League spielen. Wir sind flüssig.
WamS: Werder und Risiko? Das wäre, mit Verlaub, eine kleine Sensation, galten die Bremer doch sonst eher als stockkonservative Kaufleute.
JB: Jetzt übertreiben Sie ein wenig. Aber große Kredite wird es auch in Zukunft nicht geben.
WamS: Wir würden damit unsere Zukunft verkaufen, weil wir sie in der Gegenwart belastet haben. Der Kredit ist über Jahre eine Bürde in den Büchern. Dazu fallen Zinsen an, die Ablöse für den auf Kredit gekauften Spieler muß abgeschrieben werden, und man muß ihm auch noch ein Gehalt geben. Ich werde also viermal belastet, was der eine oder andere Verein in der Liga noch nicht richtig erkannt zu haben scheint. Ich glaube beispielsweise, daß die Situation in Dortmund ziemlich eng war. Doch das ist nur Beweis dafür, daß es im Bundesligageschäft nicht einfach ist zu planen. Deswegen bleiben wir bei unserer einnahmenorientierten Ausgabenpolitik.
WamS: Finden Sie Ihr Geschäftsgebaren antiquiert?
JB: Nicht nach unserem Dafürhalten. Aber schauen Sie sich die Liga an: Offenbar ist es modern, das Geschäft mit hohem Risiko zu führen und am Ende zu gucken, ob Stadt, Kommune oder ein Sponsor aushilft, wenn man in Not gerät.

Confed-Cup

Profilschwach

Jörg Kramer (Spiegel 25.4.) bemängelt Theo Zwanzigers Wirkung: „So sehr Zwanziger innerhalb seines Fußballverbands schon als Krisenmanager geschätzt wird, so mühsam muss er sich solches Profil nach außen erst noch erarbeiten. Bei „führenden Matadoren des Fußballs“, wie er alteingesessene Funktionäre wie Sepp Blatter etwas zu bissig nennt, gilt er als unerfahrener Quereinsteiger aus der Politik. Dass der ehemalige Regierungspräsident von Koblenz und rheinlandpfälzische CDU-Landtagsabgeordnete sich erlaubte, dem alten Haudegen Mayer-Vorfelder die Macht zu halbieren, hielten diese Skeptiker für reichlich schräg. Polit-Profis wie Schmalstieg oder Otto Schily wiederum erwecken mitunter den Eindruck, als nähmen sie den Mann der Basis, Präsidentzwanziger aus Altendiez am Rande des Westerwalds, als Autorität noch nicht ganz ernst. (…) Zwanziger denkt voraus, aber er denkt gelegentlich zu forsch.“

Ball und Buchstabe

Es finden zwei Spiele statt

Warum häufen sich Gewalt, Zorn und Aggression gegen Schiedsrichter? Peter B. Birrer (NZZaS 24.4.): „Die Exzesse um Meier und Frisk sind auf vielschichtige Ursachen zurückzuführen: Grosse Spiele werden von unzähligen TV-Kameras und sonstigen Medien verfolgt und in Einzelteile zerlegt. Jeder kritische Entscheid kann sekündlich kommentiert und von aussen herangetragen werden. „Die Szenen werden siebenmal in Zeitlupe und Super-Zeitlupe gezeigt, Funktionäre werden verrückt gemacht“, sagt Volker Roth, der Chef der Uefa-Schiedsrichterkommission, womit das „beste Wissen und Gewissen“ zertrampelt werde. Überspitzt ausgedrückt, finden zwei Spiele statt: jenes am Fernsehen und jenes auf dem Platz. Mit Polemiken um Schiedsrichter werden auch Auflagen und Quoten gesteigert. Vorgänge werden personalisiert und simplifiziert. Scheidet England aus, kann nicht immer Beckham oder der Trainer schuldig sein – so ist es der Spielleiter. Die Gazzetta dello Sport schrieb nach dem Römer „Abbruch“-Spiel, dass man mit einem anderen Referee hätte weiterspielen können; Frisk sei „etwas theatralisch“ gewesen. Die Aufarbeitung in den Medien ist die eine Seite. Entscheidender ist das Verhalten der Direktbeteiligten. „Das sind Fachleute, die oft nicht ein Fünkchen Verantwortung zeigen“, sagt Roth.“

Unterhaus

Vom Eigenbrötler zum Teamplayer

Thomas Becker (SZ 25.4.) befasst sich mit der Wandlung Horst Ehrmantrauts in Saarbrücken: „Die Sehnsucht nach starken Männern ist groß im von Arbeitslosigkeit und Strukturschwäche chronisch gebeutelten Saarland. „De Oskar“ hat nichts mehr zu sagen, Tatort-Kommissar Palü wurde abgesetzt, und die letzte Bundesliga-Saison des FCS ist auch schon wieder zwölf Jahre her. Doch in dem schmächtigen Ehrmantraut haben die Fans nun eine Figur gefunden, dem sie die Renaissance ihres gehassliebten Klubs gerne in die Hände legen. Dabei stammt der Coach, der samt dreistelliger Telefonnummer auf einem Bauernhof in Einöd lebt, auch noch aus dem benachbarten Homburg, was für Saarbrücker Fans in etwa so akzeptabel ist wie für Münchner ein Uli Hoeneß im Löwen-Dress. Den schönen Spitznamen „Ehre“ haben sie ihm gegeben. Vorbei die Zeiten des „Voodoo-Horst“ und „Strahlen-Horst“, als man ihn in seiner Zeit bei Eintracht Frankfurt damit verhöhnte, er würde die Mannschaftsaufstellung mit der Wünschelrute auspendeln. „Gandhi“ nennen sie ihn auch, Kapitän El Idrissi will ihn dagegen in einem Louis de Funes-Film entdeckt haben: „It’s the coach!“ Dem als eigenwillig geltenden Ehrmantraut wird zugute gehalten, in Saarbrücken eine erstaunliche Entwicklung vollzogen zu haben: vom Eigenbrötler zum Teamplayer.“

WM 2006

Man kann nur hoffen, dass es nicht zur Katastrophe kommt

Matthias Wolf (BLZ 25.4.) schreibt entsetzt über die Berliner Stadionorganisation: „Mancher wird sich gegrämt haben, in der ersten Verkaufsphase keine Karten erhalten zu haben. Seit Sonnabend, den ebenso chaotischen wie Furcht erregenden Zuständen rund um die Partie Hertha BSC gegen Schalke 04 mag er sich trösten: Zuhause, vor dem Fernseher, wird er die Spiele nicht nur mehr genießen können – sondern er muss auch nicht um Leib und Leben fürchten. Weinende und schreiende Kinder an der Hand ihrer verzweifelten Eltern, ältere Menschen, die nach Luft rangen und fürchteten, zerquetscht zu werden – weil andere wütende Zuschauer, die Einlass haben wollten, von hinten schubsten und drängelten. Das war das schockierende Szenario vor dem Südtor der Arena. (…) Die fünf Sterne, die die Uefa dem Olympiastadion verliehen hat, sind der blanke Hohn. In vierzehn Monaten findet die WM in Berlin statt, sogar das Finale. Man kann nur hoffen, dass es dann nicht zur Katastrophe kommt. Hertha BSC ist gerade nur mit viel Glück daran vorbeigeschrammt.“

Bundesliga

Alles scheint wie programmiert

Roland Zorn (FAZ 25.4.) vermisst, nicht nur in der Bundesliga, Überraschungen und führt diesen Mangel auf Geld zurück: „Aus der zementiert wie lange nicht anmutenden pyramidalen Ordnung ist seit Wochen keine Mannschaft ausgebrochen oder weggebrochen; alles scheint wie programmiert; allein Hertha BSC Berlin, der große Aufsteiger der Rückrunde, liefert der Kundschaft zur Zeit erfreuliche Spiele und Augenblicke frei Haus. Da wächst etwas zusammen, was vielleicht schon bald in die Champions League gehört. Der Rest ist absehbar und von regionalem Interesse. Ähnlich katalogisiert und überraschungsarm wie in Deutschland geht es in anderen Ländern zu, wo die reichen auch die erfolgreichen Klubs sind, wo sich die alten und neuen Meister (Chelsea, Barcelona, Lyon) seit Monaten abzeichnen, wo die nationalen Ligen den Preis für die internationalen Gewinnausschüttungen zahlen. Fast alle ergeben sich in ihr Schicksal, fast niemand lehnt sich gegen sein Los auf.“

Tiefe Depression

Philipp Selldorf (SZ 25.4.) sorgt sich um Schalke: „Sind die Schalker überhaupt Verlierer? Oder sind sie nicht eigentlich die große Entdeckung der Saison? (…) Der Eindruck steht, dass die Mannschaft und ihre Lenker in der entscheidenden Phase versagt haben. Nach 30 Spieltagen ist Schalke Zweiter und steht im Pokalfinale – und ist in den Zustand tiefer Depression eingetreten. Für die nächsten Aufgaben lässt das nichts Gutes erwarten. Die vergangenen Wochen mögen schwierig gewesen sein, die kommenden könnten furchtbar werden.“

Demokratisch herausgespielte Treffer

Matti Lieske (taz 25.4.) veranschaulicht den neuen Berliner Stil: „Es ist ein merkwürdiges System, mit dem die Berliner ihre Erfolge feiern. Weit entfernt vom Tempofußball der europäischen Spitzenteams, bei denen fast jeder Spieler in der Lage ist, gefährliche Angriffe einzuleiten, befleißigt sich Hertha einer Art Triangle-Offense, wie sie der Basketball-Coach Phil Jackson bei Michael Jordans Chicago Bulls und den Los Angeles Lakers erfolgreich praktizierte. Geduldig wird der Ball unter Vermeidung jeglichen Risikos in der eigenen Hälfte umher gepasst, gern auch mal zurück zum Torwart, bis sich die Möglichkeit ergibt, ihn Marcelinho oder Bastürk zu geben. Diese inszenieren dann den eigentlichen Angriff. Ein System, das Ballverluste minimiert, weil nur diejenigen Risiken eingehen, die es auch können. Vervollständigt wird das Dreieck entweder vom laufstarken Gilberto auf der linken Seite oder von Rafael im Sturmzentrum. Dieses Zusammenspiel genügt in der Regel, um eine Reihe von Torchancen zu erarbeiten, gegen Schalke führte es zu drei wunderbar und demokratisch herausgespielten Treffern.“

Selten ist ein Abstieg so geräuschlos vollzogen worden

SC Freiburg, ohne Trauer, Wut und Mitleid in die Zweite Liga – Richard Leipold (FAZ 25.4.): „Den ersten, vielleicht auch noch den zweiten Abstieg des SC Freiburg betrauerten sogar Unbeteiligte. Der Verweis zurück in die Zweite Bundesliga war gleichbedeutend mit dem Scheitern des sogenannten Freiburger Modells, das lange als Vorbild für Vereine mit kleinem Etat und großer Seriosität galt. Der dritte Abstieg versetzt nicht einmal mehr die Badener selbst in Trauerstimmung. Der Pendelverkehr zwischen den Ligen wird in Freiburg allmählich zur Gewohnheit. Selten ist ein Abstieg so geräuschlos, ja selbstverständlich vollzogen worden wie dieser.“

Zu lange Ballzirkulation ist tödlich

SC Freiburg, die Avantgarde von gestern – Felix Meininghaus (FTD 25.4.): „Die Freiburger Philosophie von Ballbesitz und Ballkontrolle scheint überholt. Stattdessen lassen Jürgen Klinsmann oder Uwe Rapolder den so genannten „One-Touch-Football“ praktizieren, bei dem die Aufgabenstellung lautet, bei Ballbesitz möglichst schnell und direkt in die Spitze zu spielen. Was Rapolder will, wurde auf der Alm trefflich vorgeführt: 60 Prozent Ballbesitz zugunsten der Freiburger waren eine trügerische Überlegenheit: „Zu lange Ballzirkulation ist tödlich“, referierte Rapolder, „wir haben alle Spiele verloren, in denen wir mehr Ballbesitz hatten.“ Damit zeigte Bielefelds Trainer indirekt auf, woran das Freiburger Spiel krankt.“

Niederlagen neben dem Feld

Frank Heike (FAZ 25.4.) kommentiert die gescheiterten Transfers des Hamburger SV: „Es waren zwei gute Wochen für den HSV auf dem Feld, doch daneben mußte Sportchef Dietmar Beiersdorfer einige Niederlagen einstecken. Owomoyela entschied sich für Bremen, Bajramovic für Schalke, Rolfes für Leverkusen – an allen war auch der HSV interessiert. Aus welchen Gründen auch immer – die bessere Perspektive bei anderen Klubs, das geringere Gehalt beim nach den Millionentransfers des letzten Sommers zum Sparen angehaltenen HSV – gingen die Hamburger leer aus. Es wird ein arbeitsamer Sommer für Beiersdorfer. Sorgen muß er sich noch nicht: Auch 2004 holte er die Tophits erst im Sommerschlußverkauf, van Buyten und Boulahrouz. Aber der Wahrnehmung des HSV hätte es gutgetan, einen deutschen Nationalspieler wie Owomoyela (der zudem hier aufwuchs) oder einen jungen Emporkömmling wie Rolfes oder Bajramovic zu bekommen.“

Angst vor dem Morgen

Roland Zorn (FAZ 25.4.) bezweifelt Stuttgarts Anspruch: „Das 0:0 beraubte den schwäbischen Champions-League-Kandidaten einer großen Tageshoffnung und weckte die Angst vor dem Morgen. Sie reden in Stuttgart zwar noch von Platz zwei und damit der direkten Qualifikation für den begehrtesten europäischen Klubwettbewerb, fürchten aber auch wie im Vorjahr die Rolle rückwärts auf einen Rang, der nur noch den billigen Trost Uefa-Cup bereithält. Angesäuert, frustriert und sogar wütend, also emotional wie in der ganzen Partie nicht, reagierten die Stuttgarter Spieler auf die ungewollte Punktlandung. (…) Der VfB Stuttgart besitzt vielleicht doch nicht das Zeug dazu, einen Platz ganz oben beanspruchen zu können.“

Meister der Effektivität

Lernen am Modell – Uwe Marx (FAZ 25.4.) erklärt Mainzer Erfolg: „Mäßig spielen, trotzdem gewinnen und unerschütterlich selbstsicher nach vorne schauen: das ist – nein, nicht nur der FC Bayern, das ist neuerdings auch Mainz 05. Ein Aufsteiger wie der oftmalige und wohl auch nächste Titelträger: ein Meister der Effektivität.“

Elisabeth Schlammerl (FAZ 25.4.) jagt vergeblich große Münchner Töne: „Es herrscht ungewohnte Zurückhaltung bei dem Klub, der sich sonst so gerne in den Mittelpunkt rückt und seine Siegesgewißheit immer und überall zur Schau stellt.“

Trainerstimmen zum 20. Spieltag, sueddeutsche.de

Ascheplatz

Die Gerechtigkeitskontroverse in der Bundesliga ist programmiert (1)

Deutschlands Fußball-Föderalismus – Wie ist der Ist-Stand der Marke Bundesliga? Darüber herrscht Einigkeit. Wie ist der Soll-Stand, und wie ist er zu erreichen? Darüber wird gestritten werden, wie wir Michael Ashelm (FAS 24.4.) entnehmen; denn die Bayern wollen das Fernsehgeld von Freiburg (mit dem sie Chelsea weghauen würden): „Der Marke Bundesliga fehlt Glanz und Glamour, der sportliche Wettbewerb kommt nur sporadisch über dröge Durchschnittsinszenierungen hinaus, die besten Klubs des Landes halten dem internationalen Spitzenvergleich nicht stand. Ohne erkennbare Strategien und Reformkraft kämpft die Bundesliga gegen den Negativtrend. Ein neuer Richtungsstreit droht den Verbund der Vereine zu spalten. Wenn im Herbst der Poker um die Fernsehrechte an der Saison 2006/2007 und weiteren Spielzeiten beginnt, soll sich aus Sicht des sicheren Meisters einiges ändern. „Wir müssen im ersten Schritt mehr Geld reinholen“, sagt Karl-Heinz Rummenigge. „Wenn die deutschen Spitzenklubs in Europa wettbewerbsfähig sein sollen, dann muß die DFL dafür sorgen, daß wir vom Fernsehen mehr als aktuell pro Saison erhalten. Die 300 Millionen bislang sind ein Witz.“ Im zweiten Schritt müsse der Verteilungsschlüssel für die TV-Einnahmen zugunsten der leistungskräftigen Vereine korrigiert werden. „Wir beim FC Bayern machen diesen Wahnsinn nicht mehr mit. Einerseits sind wir als Zugmaschine willkommen, um die Stadien zu füllen. Wenn es um die Verteilung der Fernsehgelder geht, höre ich nur noch das Wort Solidarität, welches ich inzwischen hasse wie die Pest. Fußball ist ein kapitalistisches System – mit einem kommunistischem Verteilerschlüssel in der Bundesliga“, so Rummenigge. Mehr Marktwirtschaft, mehr Fußball-Kapitalismus – die Kleinen sind aufgescheucht. (…) Die Gerechtigkeitskontroverse in der Bundesliga ist programmiert.“

Benedikt Voigt (Tsp 25.4.) warnt: „Der Leistungsabstand zwischen dem FC Bayern und dem Rest der Liga droht noch größer zu werden. Wenn sich die Münchner Verantwortlichen mit ihrer immer lauteren Forderung durchsetzen, noch mehr Geld vom Fernsehen erlösen zu wollen. 500 Millionen statt bisher 300 Millionen Euro sollen es künftig sein, wünscht sich der FC Bayern von der DFL. Das zusätzliche Geld könnte über eine Aufsplittung des Bundesligaspieltages und eine Stärkung des Pay-TVs eingespielt werden. Nun ist mehr Geld für alle zwar im Interesse aller Bundesligavereine. Doch der FC Bayern verfolgt ein egoistischeres Anliegen, er will den größten Anteil an den zentral vermarkteten Fernsehgeldern.“

« spätere Artikelfrühere Artikel »
  • Quellen

  • Blogroll

  • Kategorien

  • Ballschrank

104 queries. 1,014 seconds.