Dienstag, 14. Dezember 2004
WM 2006
Mehr als ein riesiges Fußballturnier mit mächtigem Profit
Michael Reinsch (FAS 12.12.) befasst sich mit der Diskussion um Großbildleinwände: „Stimmung ist schon jetzt – auf dem Markt für Sport- und Vermarktungsrechte. Für die Fußball-Partys an den zwölf Spielorten haben die WM-Sponsoren gerade Leistungspakete im Wert von je 700000 Euro geschnürt; ARD und ZDF legen ihr Programm noch obendrauf. Damit ist ein Teil der Veranstaltungskosten gedeckt, und ein Anfang ist gemacht für die Fußballfeiern im Rest des Landes. Die Brücke zwischen Feiertag und Superdeal, zwischen Markt und Marketing heißt Gemeinnützigkeit. Damit ist der Anspruch formuliert, aus der WM mehr zu machen als ein riesiges Fußballturnier mit mächtigem Profit.“
Bundesliga
Mönchengladbach kickt selbstverständlich wieder gegen den Abstieg
Richard Leipold (FAS 12.12.) beschreibt die schwere Aufgabe Dick Advocaats: “Als Advocaat anfing, glaubte er, sich „einen Klub mit Perspektive“ ausgesucht zu haben. Der Fußball-Lehrer brauchte nicht lange, um festzustellen, daß er sich geirrt hat. Nach der Entlassung Holger Fachs wollten die Borussen mit der Verpflichtung eines renommierten Trainers ihre Ambitionen unterstreichen: nicht immer gegen den Abstieg spielen, sondern nach oben streben. Kleiner General (so sein Spitzname), große Wirkung? Wenn Advocaat den Gladbachern bisher irgend etwas vermittelt hat, dann die Einsicht, daß die Personalpolitik korrekturbedürftig ist. Mönchengladbach kickt wieder gegen den Abstieg – so selbstverständlich wie vor dreißig Jahren um die Meisterschaft.“
„Die deutsche Meisterschaft offener denn je“ – ein Resümee der Hinrunde in der NZZ
Deutsche Elf
Moderne Baureihe
Philipp Selldorf (SZ 14.12.) kommentiert die Torwartfrage: „Die große Auswahl an guten Torhütern hat als Fixpunkt für deutschen Fußballstolz die schwierigsten Zeiten überstanden. Kahn und Lehmann standen für diese nationale Kultur exemplarisch wie die dicksten Mercedes-Schlitten und BMWs. Aber die jüngsten Vorkommnisse werfen die Frage auf, ob man nicht eine moderne Baureihe einführen und die schwerfällig gewordenen Vorgängermodelle in die Garage stellen sollte. Das eitle Duell der alten Granden um den Posten im Tor der WM-Elf könnte sich daher bald von selbst erledigen.“
Weitere Rate
Warum fährt die Nationalmannschaft nach Asien? Philipp Selldorf (SZ 14.12.) blickt vier Jahre zurück: „Mit Franz Beckenbauers Einsatz allein ließ sich die zwischen den Bewerbern Deutschland und Südafrika schwankende Jury der Fifa nicht gewinnen. Deswegen mussten deutsche Großunternehmen wie Bayer und Mercedes, Leo Kirchs Fernsehkonzern und die Bundesregierung nachhelfen. Auch der FC Bayern leistete mit Freundschaftsspielen in Afrika und Asien seinen Beitrag, und nun ist, in einer weiteren Rate von Verpflichtungen, die Nationalmannschaft an der Reihe. Beim Züricher WM-Votum vom 4. Juli 2000 hatten die vier asiatischen Wahlmänner geschlossen für Deutschland gestimmt. Damals versprach Franz Beckenbauer vor lauter Dankbarkeit dem südkoreanischen Fußballboss Chung Mong Joon und dem thailändischen Verbandschef Worawi Makudi einen Besuch der Nationalelf. Dass zusätzlich Japan ins Programm genommen wurde, hat auch mit den wirtschaftlichen Interessen der Bundesliga, vorweg des FC Bayern, zu tun. Japan ist ein interessanter Fußballmarkt, auf dem die Deutschen das Geldverdienen nicht mehr den Engländern und Spaniern überlassen wollen.“
Wellness-Trip
Wie gestaltet Jürgen Klinsmann die Asien-Reise, Michael Horeni (FAZ 14.12.)? “Klinsmann verbreitet pflichtgemäß sportliche Wettkampf-, aber vor allem Vorweihnachtsstimmung. Ganz realistisch versucht der Bundestrainer seine fußballmüden Auserwählten beim Pflichtprogramm zum Jahresausklang sowohl bei Laune als auch bei Kräften zu halten: sowenig Fußball wie möglich. (…) Den asiatischen Wellness-Trip mit eingeflogenen amerikanischen Fitness-Trainern und deutschem Psychologen haben sich die deutschen Spieler redlich verdient, wie Klinsmann meint.“
Montag, 13. Dezember 2004
Internationaler Fußball
Weihnachtsmärchen von Liverpool
FC Everton, „Weihnachtsmärchen von Liverpool“ (FAZ) – FC Porto, „erfolgreichster Klub der Welt“ (BLZ) – Guido Buchwald scheitert knapp in Japans Meisterschaft
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Weihnachtsmärchen von Liverpool
Christian Eichler (FAZ 13.12.) erzählt vom überraschenden Erfolg des Tabellenzweiten FC Everton: „Es war einmal ein Klub, der stieg fast ab, Schulden hatte er auch, mußte deshalb den begehrtesten Jüngling der Welt ziehen lassen, und so beginnt das kleine Weihnachtsmärchen von Liverpool. Ein paar Monate nachdem der Wechsel von Nationalheld Wayne Rooney zu Manchester United Empörung und Depression bei den Fans des FC Everton auslöste, steht der Goodison Park kopf und die Tabelle auch: der Abstiegskandidat als Titelanwärter. (…) Everton 2004, das ist das Modell des defensiven Konzeptfußballs, das in diesem Jahr zu Europa-Eroberern wie Porto und Griechenland führte und nun bei vielen Sparklubs Mode macht. Moyes pflegt die Spielverderbertaktik Marke Rehhagel. Die „Roten“, die Fans des englischen Rekordmeisters FC Liverpool, können dagegen weiter von der Wiedergeburt alter Klasse nur träumen.“
Erfolgreichster Klub der Welt
Jens Weinreich (BLZ 13.12.) gratuliert dem FC Porto zum Weltpokalsieg: „Man kann es kaum wegdiskutieren: Dieser Verein des gerade wegen Schiedsrichterbestechung ins Fadenkreuz der Staatsanwaltschaft geratenen Präsidenten Jorge Nuno Rima Pinto da Costa ist derzeit der erfolgreichste Klub der Welt. Zwei Meistertitel, ein Pokalsieg, ein Erfolg im Uefa-Cup, einer in der Champions League, nun der Weltpokal – alles binnen zwei Jahren. Auch in der Champions League sollte das Team niemand unterschätzen. Porto agiert unter seinem spanischen Trainer Victor Fernandez taktisch vorzüglich und hat in allen Mannschaftsteilen vorzügliche Spieler.“
Am Ende rollten sie ihre Fahnen ein und guckten so traurig wie Guido Buchwald
Fast wäre Guido Buchwald mit den Urawa Red Diamonds Meister geworden – Ludger Schulze (SZ 13.12.) berichtet: „Die Reds sind Japans beliebtestes, aber keinesfalls erfolgreichstes Team. Als die Japaner 1999 eine Zweite Liga einführten, waren sie die Ersten, die das Angebot zum Abstieg annahmen. Doch als Buchwald zu Beginn dieser Saison kam, begannen die Diamanten plötzlich zu funkeln. Urawa erreichte erst das Finale des Ligapokals, und zuletzt auch das Endspiel um die Meisterschaft. Europäer mögen glauben, seit dem Abpfiff der letzten WM-Partie 2002 im Stadion von Yokohama ruhe der Ball in Japan. Das ist falsch, denn der Fußball hat einen weiteren Aufschwung genommen, die Stadien sind voll und die Begeisterung ist – begeisternd. 59 715 Menschen im wunderbaren WM-Stadion von Saitama machten mordsmäßig Stimmung, 90 Prozent von ihnen waren Fans der Reds, und sie sangen 130 Minuten, ohne einmal Luft zu holen. Am Ende rollten sie ihre Fahnen ein und guckten so traurig wie Guido Buchwald.“
Europas Fußball vom Wochenende: Ergebnisse, Tabellen, Torschützen NZZ
Ball und Buchstabe
Verwirrend schön
Sehr schön! Christian Zaschke (SZ 13.12.) streiflichtert: „Fragen wir Andreas Hinkel, worum es geht. „Der Torschütze hat mich angespuckt, das wollte ich noch erwähnen.“ Wer? Paolo Guerrero? „Ich lauf gleich zum Schiri und frag ihn, ob er es gesehen hat.“ Hat er aber nicht, und auch das Fernsehen nicht, so dass Guerrero nicht einsehen wird, was er getan hat. Dank einer eigenwilligen Realitätsverschiebung glauben Profis mittlerweile nur noch das, was im Fernsehen zu sehen ist. Nachdem Valencias Miguel Angulo Tim Borowski angespuckt hatte, sagte er den verwirrend schönen Satz: „Nachdem ich zu Hause die Wiederholung gesehen habe, ist es wahr, dass ich einen Fehler gemacht habe.“ Da fällt uns eine Geschichte ein. Es war in Bethsaida, man brachte einen Blinden zu Jesus. Ob er gerade Zeit hätte, ihn wieder sehend zu machen? Jesus spuckte dem Blinden in die Augen, legte ihm die Hände auf und fragte, ob er etwas sehe. Der Mann gab die verwirrend schöne Antwort: „Ich sehe die Menschen umhergehen, als sähe ich Bäume“ (vgl. Markus, 8, 22-26). Nach nochmaligen Handauflegen sah der Blinde völlig klar. Nachdem Jesus zu Hause die Wiederholung gesehen hatte, war es wahr, dass er mal wieder alles richtig gemacht hatte.“
Medienpolitische Halbzeitbilanz
Bernd Müllender (FTD 13.12.) spielt mit der Fernbedienung: „Der scheidende ARD-Intendant Jobst Plog hat uns erklärt, warum die „Sportschau“, diese gute Alte, mit Reklameblöcken vollgestopft ist wie eine Weihnachtsgans: „Auf dem Spielfeld laufen ohnehin die Litfasssäulen (of: Nein, hier keine neue Rechtschreibung: Litfasssäule, benannt nach Ernst Litfaß) herum, und das vor Banden voller Werbung.“ Folglich, so Plog, seien die bezahlten Werbebotschaften zwischendurch „kein Skandalon“. Mag sein, was aber sind sie dann? Eine dankenswerte Pause von den gespielten Werbeblöcken auf dem Rasen? Egal: Mit Fußball setzt man in Fernsehen (und Zeitungen) mehr Geld um denn je. So weit die medienpolitische Halbzeitbilanz.“
Bundesliga
Der neue Feind trägt Königsblau (1)
Der 17. Bundesliga-Spieltag: „Wenn die Bayern und die Schalker Meister werden können, dürfen auch die Stuttgarter ihre Ansprüche geltend machen“ (FAZ) / „der VfB hatte die bessere Leistung geboten und obendrein an diesem Tag den besseren Torhüter“ (SZ) – Schalke 04, „Herbstmeister der Herzen“ (FR) – wen mögen die Bremer nicht? „Bayern war gestern, der neue Feind trägt königsblau“ (SZ) – Hertha BSC Berlin, „ein Klon der Lienen-Elf“ (SZ) – „findet der Ausnahmezustand in Mainz langsam sein Ende?“ (FAZ) . Christoph Metzelder, „so schnell werden in Dortmund Schiffbrüchige zu Rettungsschwimmern“ (SZ)
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Bayern München-VfB Stuttgart 2:2
Philipp Selldorf (SZ 13.12.) analysiert: „Der VfB hatte bis zum Schluss die bessere Leistung geboten, er zeigte mehr Einsatz, spielte aggressiver und entschlossener, hatte taktische Vorteile, mehr Chancen), den besseren Spielgestalter (Hleb) und obendrein an diesem Tag den besseren Torhüter. Nur an diesem Tag? Das ist wiederum eine Frage, die auf wenig Gegenliebe traf bei den für alle Einwände toleranten Bayern-Gewaltigen.“
Jagd eröffnet
Matti Lieske (taz 13.12.) ärgert sich über Herbert Fandel und Owen Hargreaves: “Zu den großen Kuriositäten des Fußballs zählt auch in dieser Saison, dass Herbert Fandel Woche für Woche Spiele pfeifen darf. Längst ist er europaweit für seine skurrilen Entscheidungen gefürchtet. Dass solche Skurrilität auch ihre Schattenseiten hat, zeigte sich, als er zusah, wie die Bayern Stuttgarts Besten, Aliaksandr Hleb, systematisch vom Spielfeld traten. Als Fandel bei der absolut rotwürdigen Hargreaves-Grätsche gegen Hlebs Knöchel in der ersten Halbzeit nicht einmal Gelb zeigte, war die Jagd eröffnet. Und als der Stuttgarter nach der letzten gesundheitswidrigen Attacke von Hargreaves raus musste, der Übeltäter aber erneut ungeschoren blieb, erinnerte das stark an den Fußball vor etwa 20 Jahren, als technisch gute Fußballer noch Freiwild für rüde Abwehrrüpel à la Gentile, Goikoetxea oder Karlheinz Förster waren.“
Roland Zorn (FAZ 13.12.) blickt in die Stuttgarter Zukunft: „In München haben sie sich diesmal gewehrt und dabei ihre Spielkunst nicht aus den Augen verloren. Wenn die Bayern und die Schalker Meister werden können, dürfen auch die Stuttgarter ihre Ansprüche geltend machen.“
Schalke 04-SC Freiburg 1:1
Herbstmeister der Herzen
Felix Meininghaus (FR 13.12.) sieht Schatten der Vergangenheit: “Auch wenn das keiner zugeben mag: Nach den dramatischen Ereignissen im Mai 2001 trifft es die königsblaue Seele an ihrer empfindlichsten Stelle, wenn sich die Bayern erneut in letzter Minute auf Rang eins vordrängeln. Zum Ende der Hinrunde macht ein böses Bonmot die Runde, das am Schalker Markt niemand gerne hören wird: Herbstmeister der Herzen.“
Morituri te salutant
Richard Leipold (FAZ 13.12.) erweist den Freiburgern Respekt: “Als die Schalker im 32. Pflichtspiel dieses Halbjahres ermatteten und fahrig eine gute Chance nach der anderen vergaben, faßten die Freiburger in der zweiten Hälfte den Mut, mehr anzustreben als eine knappe Niederlage. Rangnick sagte, der Abstiegskandidat sei aufgetreten wie einst die Gladiatoren im alten Rom, die dem Imperator Cäsar beim Einzug in die Arena zugerufen hätten: „Morituri te salutant“.“
Werder Bremen-1. FC Kaiserslautern 1:1
Ein tolles Jahr für Bremen
Frank Heike (FAZ 13.12.) ordnet ein: „Werder spielt nicht schlecht, doch das letzte bißchen fehlt, sei es Glück, die Gewogenheit des Schiedsrichters oder der lichte Moment eines Einzelkönners. (…) Wieder einmal bricht ihnen eine Stütze der kickenden Gesellschaft weg. Trotzdem war es ein tolles Jahr für Bremen.“
Bayern war gestern, der neue Feind trägt königsblau
Fabian Ernst, noch ein Bremer in Schalke – wie finden das die Bremer, Ralf Wiegand (SZ 13.12.)? „Seitdem die Knappen den Bremern nach Frank Rost auch Mladen Krstajic und Ailton ausgespannt haben, gehört das Wort „Schalke“ zu den schlimmsten Verwünschungen unter Werderanern, ähnlich wie „HSV“ oder „Pauly“ – jenem Schiedsrichter, der im Weserstadion seit jeher als Synonym für Fehlentscheidungen steht. Schalke mögen die Bremer so wenig, dass sogar ein spätes Tor des SC Freiburg sie darüber tröstet, dass die eigene Mannschaft eines zu wenig geschossen hat. Bayern war gestern, der neue Feind trägt königsblau.“
Hannover 96-Hertha BSC Berlin 0:1
Ein Klon der Lienen-Elf
Jörg Marwedel (SZ 13.12.) über Berliner Taktik: „Akzeptieren mussten die Hannoveraner, dass die Berliner sie bei ihrem vierten Auswärtssieg hintereinander mit den eigenen Waffen geschlagen hatten. Wie ein Klon der Lienen-Elf hatten sie gespielt, so kompakt und diszipliniert.“
FSV Mainz-1. FC Nürnberg 0:1
Langer Atem?
„Findet der Ausnahmezustand in Mainz langsam sein Ende?“, fragt Peter Penders (FAZ 13.12.): „Drei Niederlagen in Folge – wer will, kann daraus ablesen, daß den Mainzern langsam die Luft ausgeht. Jürgen Klopp, dem vielgepriesenen Trainer, wäre das durchaus recht. „Die jetzt sagen, daß uns die Luft ausgeht, sind dieselben, die vorher geglaubt haben, wir hätten überhaupt keine Luft.“ Ob sie den langen Atem besitzen, müssen sie erst noch beweisen (…) Anders als Mainz hat der „Club“ nur einmal für Schlagzeilen in der Hinrunde gesorgt, als er den damaligen Tabellenführer Wolfsburg 4:0 besiegte. Herausgekommen aber ist am Ende fast das gleiche Zwischenergebnis.“
VfL Bochum-Hamburger SV 1:2
Zwei letzte Kugeln im Colt
Was will Peter Neururer nun tun, Christoph Biermann (SZ 13.12.)? „Die Mannschaft ist aus der Spur. Neururers Hin und Her der letzten Wochen, etwa die Aufstellung der Mannschaft durch Qualifikationstraining sowie überraschende Wechsel, hatten kaum Erfolg. Der Trainer sprach von der beschränkten Zahl von Patronen, die in der Krise zur Verfügung stehen würden, und bisher blieb sein Peng-Peng ohne große Wirkung. Werner Altegoer hat ihm jetzt noch zwei letzte Kugeln in den Colt gelegt: Ab der Rückrunde ist der 61-fache türkische Nationalspieler Fatih spielberechtigt, und in der Vorbereitung darf der Coach noch einmal versuchen, seine Spieler auf die Höhe ihrer Möglichkeiten zu führen. Dass ihm das gelingt, darauf wollte Neururer, Zocker der er ist, seinen Schopf verwetten. „Meine Haare wachsen weiter, bis wir unten raus sind“, kündigte er an, um gleich der nächsten Pointe nachzustreben: „Ich gehe davon aus, dass ich Ende Februar wieder zum Friseur gehe.“ Das dürfte allerdings so oder so richtig sein, denn das Wallen seiner Haare wird Neururer in Bochum kaum erleben.“
Wir steigen auf, wir steigen ab und zwischendurch Uefa-Cup
Jörg Stratmann (FAZ 13.12.) lacht: „Zumindest ihren Humor haben sie noch nicht verloren. Schon früh in der zweiten Halbzeit wurde den engsten Freunden auf der Osttribüne klar, daß ihrem Team trotz kämpferischer Steigerung wieder mal das Glück abhanden gekommen war. Also faßten sie ihre Stimmung bündig in den fatalistischen Vers: „Wir steigen auf, wir steigen ab und zwischendurch Uefa-Cup.““
Hansa Rostock-Borussia Dortmund 1:1
So schnell werden Schiffbrüchige zu Rettungsschwimmern
Gibt es gute Signale in Dortmund, Javier Cáceres (SZ 13.12.)? „Wie lange bleibt Dortmund im Nichtabstiegsrodeo im Sattel? Die Feststellung, dass der BVB in einem Spiel von nicht messbarer Qualität dem FC Hansa Rostock zum ersten Heimpunkt verhalf, ist schon allerhand; ebenso darf man sich aber auf der Zunge zergehen lassen, dass van Marwijk wahrheitsgetreu eingestand, dass seine Abwehr gegen den mutmaßlich komplexbeladensten Sturm der westlichen Hemisphäre einen „richtigen Notfall“ hatte, den der Rekonvaleszent Metzelder beheben sollte: So schnell werden Schiffbrüchige zu Rettungsschwimmern. Es fehlte nicht viel, und Hansa hätte gewonnen.“
Bundesliga
Mehr Fragezeichen als Ausrufezeichen
Rainer Seele (FAZ 13.12.) deutet die Tabellenspitze: „Noch sind die Münchner von dem Ideal ein gehöriges Stück entfernt. Daß sie dennoch wieder den Platz besetzen, der einst für sie reserviert schien, hat auch mit einer gewissen Instabilität ihrer schärfsten Rivalen zu tun. Manche Mannschaft drängte zuletzt zwar mächtig nach oben, Schalke 04 vor allem, das sich wie befreit präsentiert unter Ralf Rangnick, oder auch die Berliner Hertha. Niemand ist jedoch bisher imstande gewesen, mit konstant hochwertigen Darbietungen der Konkurrenz zu enteilen. So registriert der Betrachter derzeit mehr Fragezeichen als Ausrufezeichen in der Liga.“
Hertha spielt jetzt nicht mehr gegen den Misserfolg an, sondern für den Erfolg
Stefan Hermanns (Tsp 13.12.) bemerkt den Aufschwung Berlins: „Offenbar ist die vorige Saison schneller in Vergessenheit geraten, als die Berliner selbst es gehofft hatten. Am Anfang der Hinrunde ist ihnen der Schrecken des Abstiegskampfes gelegentlich präsent gewesen; doch nach und nach haben sie sich davon emanzipiert. Hertha spielt jetzt nicht mehr gegen den Misserfolg an, sondern für den Erfolg.“
Stimmen zum Spieltag, sueddeutsche.de
Bildstrecke, sueddeutsche.de
Samstag, 11. Dezember 2004
Interview
Wir machen keine Übung und kein Trainingsspiel ohne taktischen Hintergrund
Uwe Rapolder im Interview mit Frank Ketterer (taz 11.12.)
taz: Die SZ hat gerade festgestellt, dass „nie zuvor in der Bundesliga auf breiter Ebene so viel Aufwand bei der taktischen Arbeit betrieben wurde“. Teilen Sie diese Ansicht?
UR: Das ist absolut richtig. Die Zeiten, in denen du über individuelle Klasse ein Spiel gewinnen konntest, die sind vorbei. Weil der Fußball sich durch verschiedene Dinge, vor allem auch durch Regeländerungen, so entwickelt hat, dass er sehr, sehr schnell geworden ist. Und je schneller etwas ist, um so weniger kannst du ihm mit Improvisation und mit Geistesblitzen begegnen. Sondern du musst, im Eishockey und im Basketball ist das schon lange so, dann mit Automatismen arbeiten. Das ist dann die taktische Arbeit: Die einzelnen Mannschaftsteile und die einzelnen Spieler aufeinander abzustimmen.
taz: Warum sind diese Dinge ausgerechnet jetzt so verstärkt zum Thema in der Bundesliga geworden?
UR: Weil es eine absolute Notwendigkeit war, um international wieder mithalten zu können. In der Bundesliga hat man viel zu lange an einer Spezialisierung festgehalten: Libero, Manndecker, der Zehner war die Kreativabteilung, der Sechser war der Wasserträger oder der Staubsauger vor der Abwehr, die zwei auf der Außenbahn sind immer nur rauf- und runtergelaufen und haben Flanken geschlagen. Diese Spezialisierung ist veraltet. International hat da längst eine Generalisierung stattgefunden, die sich auch auf die Spielsysteme ausgewirkt hat. Die vier, die verteidigen, müssen heute auch konstruktiv nach vorne spielen können; und umgekehrt müssen die Spitzen bei Ballverlust sofort gegen hinten schließen. Daraus ergibt sich die Kompaktheit und Homogenität, die ein Team auszeichnet. Wenn man heute Welt- oder Europameister oder Champions-League-Sieger werden will, muss man genau das haben.
taz: Sie gelten mittlerweile als einer der eifrigsten Vertreter des Konzeptfußballs. Können Sie uns, in aller gebotenen Kürze, das Konzept der Arminia erklären?
UR: Das ist ganz einfach: Bei Ballbesitz des Gegners dessen Spiel langsam machen, Räume schließen, Ball erobern. Und bei eigenem Ballbesitz heißt es schnelles Spiel in die Spitze, nachrücken und vor allem: Kurzpassspiel, Vertikalspiel.
taz: Dazu hat der kicker festgestellt: „In Arminias Spiel ist nichts dem Zufall überlassen.“ Wie genau und präzise sind Lauf- und Ballwege tatsächlich festgelegt?
UR: Absolut präzise. Die Laufwege sind zu 100 Prozent klar; wo der ballführende Spieler den Ball hinspielt, ist dann aber ihm überlassen. Die anderen müssen ihm drei, vier Möglichkeiten anbieten, eben um den Ball schnell spielen zu können. Wenn eine davon gut ist, dann ist das schon prima.
taz: Was bedeutet das für die Trainingsarbeit?
UR: Wir machen keine Übung und kein Trainingsspiel ohne taktischen Hintergrund.
taz: Wie lange dauert es, bis eine Mannschaft so ein Konzept kapiert und verinnerlicht hat?
UR: Wenn sie will, dauert es zwei Wochen. Dann haben sie es drin. Wichtig ist: Die Spieler müssen es wollen, die müssen mitziehen. Dann geht es schnell, weil es relativ einfach ist. (…)
taz: Ervin Skela hat im November gesagt: „Wir haben einen Supertrainer, das hat in Deutschland bloß noch keiner mitbekommen.“ Das hat sich mittlerweile geändert. Wieso hat es so lange gedauert?
UR: Das hat etwas mit der Namensgläubigkeit in Deutschland zu tun. Hierzulande ist man lange davon ausgegangen, dass man 70 Länderspiele haben muss, um etwas von Fußball verstehen zu können. Ich habe zwar auch über 300 Spiele im bezahlten Fußball auf dem Buckel, allerdings viele davon in Belgien und in der Schweiz. Das zählt in Deutschland nicht, mein Name war kein Begriff.
Ball und Buchstabe
Letztes Weltpokalfinale
Das Weltpokalfinale findet heute zum letzten Mal statt – für Ludger Schulze (SZ 11.12.) kein Grund zur Nostalgie: „Der friedliche Wettstreit zwischen den stärksten Teams auf dem Globus, den sich die Väter wohl erhofft hatten, ist die Partie nur in Ausnahmefällen gewesen. Viel öfter geriet sie zu einem Hauen und Stechen, Kneifen und Spucken der seltsamsten Art. Man erinnert sich noch an den feinen Fußballkünstler George Best von Manchester United, der vor nicht ganz 40 Jahren das halbe Spiel reglos an der rechten Außenlinie verharrte und dem Treiben aus guter Distanz zuschaute, eine reine Vorsichtsmaßnahme, „denn sie haben nach allem getreten, was sich bewegte“. Sie – das waren die argentinischen Spieler von Estudiantes de la Plata, die auch in den Folgejahren hyperenergisch auf sich aufmerksam machten. Einer von ihnen hieß Carlos Bilardo, der viele Jahre später als Trainer Argentinien zum Weltmeister 1986 machte. Damals war Bilardo Verteidiger und im Nebenberuf Medizinstudent. An der Uni lernte er, kranke Menschen gesund zu machen. Auf dem Fußballplatz praktizierte er das Gegenteil und versuchte mit allem Körpereinsatz, gesunde Menschen ins Krankenhaus zu bringen. Als sein kurzsichtiger holländischer Gegenspieler Joop van Daele 1970 das 1:0-Siegtor für Feyenoord Rotterdam geschossen hatte, riss ihm Bilardo die Sportbrille vom Kopf, warf sie zu Boden und trampelte auf ihr herum, bis nur noch Glassplitter übrig waren.“
siehe unbedingt hier
„Eine kritische Hommage an den brasilianischen Fußball“, liest Thomas Klemm (FAZ 10.12.): „Seit Brasilien als junge Republik 1894 dank des englischen Einwanderers Charles Miller den Fußball als Kunst des Lebens entdeckte, bildet der heiß- und innig geliebte Kick zusammen mit Religion und Karneval die Trinität der Massenkultur. Wobei Bellos meint, daß Fußball dort keine Religion sei, sondern „eine Ausdrucksform brasilianischer Religiosität“. An Belegen für die These fehlt es nicht. In jedem Fußballklub ist der Masseur zugleich kundig in Schwarzer Magie, um bei den Göttern um sportlichen Erfolg zu buhlen. Im Sinne der afrobrasilianischen Religion Candomblé werden Tiere geopfert oder Fußballplätze umgegraben und nach toten Fröschen (die als Überbringer von Verwünschungen gelten) abgesucht. Solche für aufgeklärte Europäer wundersamen Geschichten bietet Bellos zuhauf in seinem detailreichen Panoptikum.“
Alex Bellos: Futebol. Fußball – Die brasilianische Kunst des Lebens. Edition Tiamat 2004. 400 Seiten, 18 Euro.
Ein weiterer Buchtipp von Bernd Steinle (FAZ 10.12.): „Zehn Reportagen hat der amerikanische Journalist und Anhänger des FC Barcelona auf seiner acht Monate langen Reise durch die Stadien dreier Kontinente zusammengetragen. Es ist ein Trip durch die widersprüchliche Welt des Fußballs: mal brutal, mal sentimental, mal liebenswürdig, mal irrwitzig, mal unwiderstehlich und mal zum Verzweifeln. Foer erzählt, wie die Fans von Roter Stern Belgrad zu willigen Vollstreckern der serbischen Machthaber wurden; wie der Nigerianer Edward Anyamkyegh in der ukrainischen Liga die Freude am Fußball verlor; warum die brasilianische Liga seit Jahren am Abgrund entlangtaumelt; und wie der Fußball in Iran zum Hoffnungsträger für eine Demokratisierung des Landes wurde. Es sind fesselnde Geschichten, gründlich recherchiert, elegant geschrieben.“
Franklin Foer: How Soccer Explains the World. An Unlikely Theory of Globalization. HarperCollins, New York 2004. 272 Seiten, 24,95 Dollar.
WM 2006
Ambassador Rudi
Rudi Völler ist WM-Botschafter, und Roland Zorn (FAZ 11.12.) freut sich: „Für den feinen Charakter des Lebenskünstlers spricht die Fähigkeit, gönnen zu können, wenn der Nachfolger mit dem perfekten Gegenentwurf zum Völlerschen Traditionsprogramm Erfolg hat. Jürgen Klinsmann kam, sah, siegte und räumte so manchen Plunder beiseite, den der verbandsverbundene Teamchef hinterlassen hatte. Der kalifornische Reformator brach in wenigen Monaten Verkrustungen auf, an die Völler nicht zu rühren gewagt hätte. Klinsmanns Wirbel mit neuen Leuten, neuen Ideen, neuen Perspektiven und neuer Aufbruchstimmung hin zum Wunschziel Weltmeister 2006 verleitete auch so manchen mitgerissenen DFB-Funktionär, Völlers Verdienste rasch zu vergessen oder zu verschweigen. Völler tolerierte die Opportunisten und gab seine vornehme Zurückhaltung nie auf und nahm nun, gebeten von Deutschlands oberster Fußballinstanz Franz Beckenbauer, die internationale Botschafterrolle, glaubwürdig und liebenswert für den Fußballstandort Deutschland zu werben, um so lieber an. Dieser Part, kein Zweifel, ist ihm auf den Leib geschneidert. Ambassador Rudi ist ab sofort für alle da – und lächelt milde für Deutschland und die Welt.“
Bundesliga
Mitverantwortung
Wer hat den Schalker Erfolg gesät, Richard Leipold (FAZ 11.12.)? “Ralf Rangnick hat bei den Spielern wieder Lust auf Fußball geweckt und weiß sie offenkundig besser anzusprechen, zuweilen gar zu begeistern. Aber er ist klug genug, den Erfolg nicht für sich allein zu reklamieren. Rangnick würdigt auch die Arbeit seines Vorgängers. Gemeinsam mit dem beliebten Assistenten Eddy Achterberg hat der Schwabe zwar den Umschwung herbeigeführt, den Aufschwung haben andere mitzuverantworten, auch Heynckes. Der hochdekorierte Trainer vermochte die Meinungsführer im Team zwar nicht zu überzeugen und mußte schließlich feststellen, daß sie ihm die Gefolgschaft verweigerten. Heynckes hat aber eine Vorarbeit geleistet, von der Schalke nun profitiert.“
Sehnsucht nach einer grauen Maus
Christian Zaschke (SZ 11.12.) resümiert, eigenwillig, die Hinrunde: „Hannover 96 stand nach dem sechsten Spieltag auf dem letzten Tabellenplatz. Konsequenz: Man hielt am Trainer fest. Der Hamburger SV fand sich am achten Spieltag ganz hinten ein. Konsequenz: Man feuerte den Trainer. Kaum zu glauben, aber Schalke 04 war tatsächlich in dieser Saison noch nicht Letzter, aber man feuerte den Trainer, weil der zwischenzeitlich erreichte Platz 16 mit diesem Kader so schlimm ist wie Letzter sein. Hannover mit altem Trainer, Schalke und Hamburg mit neuen Trainern spielten plötzlich richtig gut. Schön, dass sich daraus wirklich überhaupt nichts ableiten lässt, außer, dass man manchmal am Trainer festhalten sollte, manchmal eher nicht. (…) In jedem Jahr gibt es eine Mannschaft, die während der gesamten Saison das vollkommen abgenudelte Prädikat „erfrischend anders“ mit sich herumschleppen muss. Früher war das mal Freiburg, dann verschiedene Gäste, die sich schnell wieder aus der Liga verabschiedeten (Ulm, Unterhaching), weil sie irgendwann auch erfrischend schlecht wurden. Im vergangenen Jahr musste Bochum den erfrischend anderen Klub geben, und in dieser Saison hat freundlicherweise Mainz die Rolle des Klassenclowns übernommen. Dass dieser Klub erfrischend anders ist, wurde einem so oft aufs Brot geschmiert, dass es nervt und man sich in einem plötzlichen Anfall von Konservatismus nach einer richtig grauen Maus sehnt. “
„Junge Trainer wie Doll, Klopp, Götz und Schaaf haben sich in der Bundesliga mit Einfühlungsvermögen und Konsequenz Respekt verschafft“ (FR)
Freitag, 10. Dezember 2004
Champions League
Tauglichkeit zu Serienhelden?
„Ganz so weit unten war die Bundesliga nie, ganz weit oben ist sie noch lange nicht wieder“ (FAZ) / „Deutschlands Fußball leuchtet wie der Stern von Bethlehem in der Heiligen Nacht“ (FTD) – Bayer Leverkusen, Tauglichkeit zu Serienhelden?“ (FAZ) – „die Bayern fühlen sich wieder als Vorreiter des deutschen Fußballs“
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Ganz so weit unten war die nie Bundesliga, ganz weit oben ist sie noch lange nicht wieder
Alle Bundesligisten im Achtelfinale – Roland Zorn (FAZ 10.12.) ordnet den deutschen Erfolg ein: „Hurra, sie leben noch! Die ersten Kommentare zum gruppendynamischen deutschen Erfolg in der frühen Phase der Champions-League-Saison klangen so, als hätte die Bundesliga aus dem Land des dreimaligen Weltmeisters soeben die Intensivstation verlassen. Ganz so weit unten war sie nie, und ganz weit oben ist sie noch lange nicht wieder. (…) Der schon in der Bundesliga unübersehbare Modernisierungsschub bei einigen Mannschaften hat sich auf Europa übertragen. Unverkrampft und selbstbewußt behaupten sich die Deutschen im multinationalen Verdrängungswettbewerb wie lange nicht. (…) In Europa wie in der Bundesliga ist Konzeptfußball in. Eine Chance für alle, die ihre Klasse nicht über das Portemonnaie allein definieren – und damit auch die Gelegenheit für die Bundesliga, mit der neuen deutschen Welle Europa auf sich aufmerksam zu machen.“
Deutschlands Fußball leuchtet wie der Stern von Bethlehem in der Heiligen Nacht
Axel Kintzinger (FTD 10.12.) widerruft: „Geben wir es ruhig zu: Auch an dieser Stelle wurde in den letzten Monaten, ach: Jahren! nicht sonderlich euphorisch über den hiesigen Fußball geschrieben. Zu langsam, zu statisch – zu deutsch eben. Reformstau auf dem Rasen, wohin das Auge blickt. Der Vizeweltmeistertitel von Yokohama? Ein Zufall, begünstigt durch das Losglück des Jahrhunderts. Die EM in Portugal? Eine Pleite, wie nicht anders zu erwarten. Der Vereinsfußball? Eine einzige Schmach, abzulesen an den immer weniger werdenden Punkten in der Uefa-Wertung. Deutschland ist der kranke Mann Europas – auch im Fußball. Jetzt aber, inmitten der tristesten Jahreszeit, leuchtet Deutschlands Fußball wie der Stern von Bethlehem in der Heiligen Nacht. (…) Deutschland ist wieder wer – ganz ohne patriotisches Plappern.“
Aus der schönen Bilanz jedoch einen anhaltenden Leistungstrend abzuleiten, wäre naiv
Andreas Burkert (SZ 10.12.) warnt: “Erfreulich ist, dass Werder und Bayer trotz ihrer natürlich begrenzten Finanzpotenz mit den Ultrareichen der Luxusliga mithalten. Die Bundesliga kalkuliert ja vergleichsweise seriös und liefert neuerdings erfolgreiche Konzeptarbeit ab – das ist eine gute Nachricht. Aus der schönen Bilanz jedoch einen anhaltenden Leistungstrend abzuleiten, wäre naiv.“
Auch England jubelt, NZZ
Bayer Levekusen-Dynamo Kiew 3:0
Tauglichkeit zu Serienhelden?
Was spricht für Leverkusen, den einzigen deutschen Gruppensieger? Was dagegen, Roland Zorn (FAZ 10.12.)? „Spielverlauf, Ergebnis und auch alle anderen Zahlen und Fakten sprachen am Ende deutlich für die zurückeroberte Qualität der Rheinländer, international Zeichen zu setzen und Respekt zu ernten. (…) So ganz trauen sie ihrer Tauglichkeit zu Serienhelden noch nicht. Denn was in der Champions League, abgesehen vom 2:4 in Kiew, nie mit einer Niederlage endete, fiel im Alltag allzu oft betriebsimmanenter Unbeständigkeit zum Opfer.“
Der Spielzerstörer als Spielzeugzerstörer
So klingen Lobeshymnen auf Carsten Ramelow – Bernd Müllender (taz 10.12.): „Ramelow darf als lebender Beweis für die ganze Widersprüchlichkeit des Fußballs und seine unterschiedliche Wahrnehmung gelten. Defensiv hatte er einen hocheffektiven Auftritt gegen Dynamo Kiews gefürchteten Brasilianer Diogo Rincón hingelegt. Gleichzeitig hatte er das Publikum wie so oft gequält – mit seinem so schwer erträglichen Stocherfußball in der Offensive und grotesken Schussversuchen. Durchaus symbolisch also, dass er es war, der Ende der ersten Halbzeit derart energisch nach dem Ball trat, dass dieser mit einem lauten Knall platzte. Der Spielzerstörer also auch als Spielzeugzerstörer. Dafür hat er Applaus bekommen.“
Ajax Amsterdam-Bayern München 2:2
Die Münchner fühlen sich wieder als Vorreiter des deutschen Fußballs
Michael Ashelm (FAZ 10.12.) lässt sich die Säcke nicht voll machen: „Der FC Bayern wäre nicht der FC Bayern, würde er sich nicht am liebsten in besonderem Licht darstellen wollen. Zwar waren die Münchner längst für die Knockout-Runde qualifiziert, dennoch nutzten sie die Gunst der Stunde zu fast staatstragender Rhetorik. „Das ist ein großer Tag für den deutschen Fußball“, resümierte Karl-Heinz Rummenigge. Nach 14 vergeblichen Anläufen erreichte der Rekordmeister als erstes Bundesligateam einen Europapokalpunkt in Amsterdam. Darüberhinaus sehen sich die selbstbewußten Bajuwaren als Trendsetter einer positiven Gesamtentwicklung. Die wenig spektakuläre, über Strecken dürftige Pflichtübung gegen das junge niederländische Team spielte eine nebensächliche Rolle. Vielmehr fühlen sich die Münchner wieder als Vorreiter des deutschen Fußballs.“
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