indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Dienstag, 23. November 2004

Vermischtes

Die Champions League tötet den Fußball

Markus Lotter (WamS 21.11.) klagt über Nivellierung in Europas Ligen: „Fünfzehn von zwanzig Clubs der Premier League beklagen in der laufenden Saison einen Rückgang der Besucherzahlen. Die Anhänger sind nicht mehr bereit, horrende Eintrittspreise für einen Wettbewerb zu zahlen, der in den vergangenen Jahren seine Ausgeglichenheit und damit seine Spannung und Attraktivität verloren hat. Der Ausgang vieler Spiele ist vorhersehbar, das Spielstärkeniveau der Teams zu stark divergierend. Verantwortlich für diese Entwicklung ist die europäische Königsklasse. Darüber sind sich die Experten im Mutterland des Fußballs einig. So titelte die Sonntagszeitung The Observer: „Die Champions League tötet den Fußball.“ Entweder man spielt kontinuierlich im Konzert der Großen mit, oder man muß sich damit abfinden, daß man trotz seiner Erstklassigkeit nur ein Verein zweiter Klasse ist und keine Chancen auf den nationalen Titel hat. Ein Blick auf die Meistermannschaften der Premier League, die wie die Champions League 1992 gegründet wurde, spricht Bände. Der Titel ging acht Mal an Manchester United und drei Mal an Arsenal London, das zudem in den vergangenen 18 Monaten eine unglaubliche Serie von 49 Spielen ohne Niederlage hinlegte. Und von wem wurde sie beendet? Na klar, von Manchester United. Seit zwei Jahren rüttelt nun der FC Chelsea an der Vormachtstellung dieser potenten Vereine. Was der Club aus dem Süden Londons letztlich nur den Millionen des großzügigen russischen Mäzens Roman Abramowitsch zu verdanken hat. Sympathien weckt dieser Umstand beim neutralen Fußball-Fan kaum. (…) Auch in vielen anderen europäischen Ligen hat sich in den vergangenen Jahren ein kleiner elitärer Kreis an Klubs gebildet, der es sich leisten kann, ein titelgarantierendes Team zu finanzieren. Voraussetzung dafür sind die alljährlichen Erlöse aus der Champions League. Vor allem in Spanien und Italien ist der ligainterne Unterschied frappierend.“

Ein jeder kehr vor seiner eignen Tür, da hat er Dreck genug dafür

Martin Pütter (NZZ 23.11.): „Als der Stürmer Dwight Yorke im Match seines früheren Teams Blackburn Rovers gegen den jetzigen Arbeitgeber Birmingham City eingewechselt wurde, musste er sich rassistische Beschimpfungen durch Zuschauer im Ewood Park von Blackburn gefallen lassen. Der Vorfall relativiert die Empörung der englischen Zeitungen nach dem Länderspiel Spanien-England. Besonders die Boulevardblätter wählten reisserische Schlagzeilen, nachdem sich die dunkelhäutigen englischen Nationalspieler Ashley Cole und Shaun Wright-Philipps Tierlaute und rassistische Beschimpfungen spanischer Fans hatten anhören müssen. Doch Yorke ruft Englands Fussball nun ein altes Sprichwort in Erinnerung: „Ein jeder kehr vor seiner eignen Tür, da hat er Dreck genug dafür.“ Was in der dunklen Phase des englischen Fussballs in den siebziger und frühen achtziger Jahren neben den Ausschreitungen gang und gäbe war (der Rassismus), kommt zwar heute nur noch vereinzelt vor, ist aber trotz allen Kampagnen durch die FA nicht ausgerottet.“

Jürgen Kalwa (FAS 21.11.) schildert die Arbeitsweise Malcolm Glazers, dem Großaktionär Manchester Uniteds und Besitzer des NFL-Klubs Tampa Bay Buccaneers: „Das Engagement in Tampa warf früh ein Licht auf den Stil, mit dem der Buccaneers-Eigentümer im Sportgeschäft regiert: Kaum hatte er den Football-Klub übernommen, rückte er von einer Zusage ab, sich zur Hälfte am Bau eines neues Stadions zu beteiligen. Statt dessen drohte er den Kommunalpolitikern damit, den Klub in eine andere Stadt zu verlagern. Das Resultat: Die Steuerzahler übernahmen die komplette Rechnung für das Projekt. Die Investition hat sich auf jeden Fall gelohnt. Die Buccaneers, die als Kellerkind der National Football League einst 192 Millionen Dollar kosteten, haben nach ihrem Super-Bowl-Sieg vor zwei Jahren einen Marktwert von mehr als 600 Millionen Dollar.“

zur Lage in der Campeonato Brasileiro, NZZ

zur Lage bei Rapid Wien, NZZ

Champions League

Herz von Real Madrid

„Häufig spiegeln Fußballteams den Charakter ihres Trainers wieder. Im Fall von Bayer Leverkusen könnte die Diskrepanz nicht größer sein“ (FAZ) – „Mit der Verpflichtung von Beckham ging es finanziell bergauf und sportlich bergab“ (SZ) / Raúl, „Herz von Real Madrid“ (FAZ), im Formtief

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Keine Ellenbogen

Peter Heß (FAZ 23.11.) empfindet die Verzweiflung Klaus Augenthalers, Bernd Schneider porträtierend: “Häufig spiegeln Fußballteams den Charakter ihres Trainers wieder. Im Fall von Bayer Leverkusen könnte die Diskrepanz nicht größer sein. Klaus Augenthaler war schon immer ein Verteidigungsstratege, dem es Vergnügen bereitete, die Gegner zu analysieren und dann aus dem Tritt zu bringen. Eine Mannschaft wie der Leverkusener Jahrgang 2004/05 wäre ihm seinerzeit ein hochwillkommenes Opfer gewesen. Nun muß er Profis sein Verständnis vom Spiel vermitteln, die für das Destruktive überhaupt kein Äderchen besitzen (…) Bernd Schneider steht als symbolhafte Figur für die Stärken und Schwächen Leverkusens. Schneider kann alles am Ball, verfügt über Spielintelligenz und Esprit, hält sich an die taktische Ordnung und ist bereit, zu laufen und zu kämpfen. Aber wenn das alles nicht entscheidend weiterhilft, dann ist er nicht in der Lage, seine Ziele mit Hilfe der Ellenbogen, mit dem, was man kratzen und beißen nennt, zu verfolgen. (…) Häufig besucht Schneider „sein“ Jena. Und jedesmal macht er kurz vor dem Ziel an derselben Autobahnraststätte halt, um seine obligatorische Thüringer Rostbratwurst zu verzehren. Kann man von solch einem Menschen verlangen, auf häßliche Art und Weise Spiele zu gewinnen?“

Unterhaltungsbetrieb

Peter Burghardt (SZ 23.11.) widmet sich Real Madrid: „Mit der Verpflichtung von Beckham ging es finanziell bergauf und sportlich bergab. In dieser Saison plant der vormals hoch verschuldete Klub mit Einnahmen von 300 Millionen Euro, 30 Prozent mehr als beim letzten Mal, und einem Nettogewinn von 50 Millionen Euro. Die Tendenz ist nicht zuletzt der Werbefigur aus England zu verdanken, mit ihm wurden neue Märkte erschlossen, vor allem in Fernost, der Traditionsverein geriet zum Unterhaltungsbetrieb. Auf dem Rasen dagegen hat Real Madrid unter Beckhams Beteiligung außer einer läppischen Trophäe während der PR-Tournee in Asien gar nichts gewonnen, zuvor waren in vier Jahren sieben Pokale erbeutet worden. Beim Besuch von Bayer Leverkusen geht es obendrein um das Vorrücken in der Champions League. „Wir spielen um unser Leben“, gab Präsident Florentino Perez bekannt. Besser: um sein Modell. Perez glaubt weiterhin an eine Expansion seines filmreifen Showkonzerns, wie bei seiner Baufirma ACS, die zu einer der größten Europas geworden ist. Doch die sportliche Entwicklung könnte er verschlafen haben, und der Name Beckham ist nur das volkstümlichste Synonym für diese Krise des Systems.“

Herz von Real Madrid

Paul Ingendaay (FAZ 23.11.) schreibt über das Formtief Raúls: „Die Fußballgeschichte ist blind und ungerecht. Sonst hätte sie Raúl González schon in seiner besten Zeit einen kleinen Rekord gegönnt, irgendwann zwischen 1999 und 2002, als die Madrilenen selbst Manchester United im eigenen Stadion das Fürchten lehrten. Doch daraus wurde nichts. Raúl war immer etwas zu jung, zu frisch, noch nicht lange genug dabei, um die legendären Torjäger früherer Jahrzehnte einzuholen. Jetzt endlich ist es soweit: Ein einziges Tor noch, und der siebenundzwanzigjährige Raúl, der unauffällige Wühler mit dem begnadeten Torinstinkt, hätte die Bestmarke von Alfredo di Stéfano eingestellt, die bei 49 Treffern im europäischen Meisterpokalwettbewerb liegt. (…) Ausgerechnet jetzt spielt er so grau und glücklos wie noch nie in seiner Karriere. Wenn es stimmt, daß fußballerische Größe auch darin besteht, mit Rückschlägen zu leben, dann beweist Raúl in diesen Monaten, wie groß er ist. (…) Abgesehen von seinem bedingungslosen Einsatzwillen erinnert kaum noch etwas an den Ausnahmespieler, der in zehn Jahren Ligafußball nicht nur zum stillen Star, sondern zum Herzen von Real Madrid wurde.“

WM 2006

FC Deutschland 06

Der Spiegel (22.11.) berichtet: „Finanziert aus Steuermitteln und Industriespenden will der Kanzler eine Optimismus-Offensive Starten. Offiziell gilt der Reklameaufwand der Fußball-WM, in Wahrheit seiner Wiederwahl. (…) Seit Monaten sind die Spitzen der Koalition elektrisiert von den Möglichkeiten, die sich aus der Parallelität von WM und Bundestagswahlkampf ergeben. Gelänge es, die sportbegeisterten Deutschen in eine nationale Hochstimmung zu versetzen, würden zumindest einen Sommer lang Rekordschulden, Massenarbeitslosigkeit und Zukunftsangst aus den Köpfen verdrängt werden. Im Kanzler- und Bundespresseamt ist bereits wieder jene Geschäftigkeit zu beobachten, wie sie typisch für Wahlkampfzeiten ist. (…) Das Projekt heißt „FC Deutschland 06“ und ist keineswegs nur jene noch vage Ideensammlung, die der Kanzler kürzlich einem Kreis von Industriemanagern präsentierte. Auf den Festplatten ausgewählter Computer im Regierungsapparat befindet sich eine achtminütige Powerpoint-Präsentation mit zahlreichen Plakatmotiven, einem präzisen Zeitplan und der Aufgabenstellung für die größte Optimismusshow, die das Land je erlebt hat. (…) Jürgen Klinsmann wirkt zuweilen wie der jüngere Bruder des Kanzlers. Als Repräsentant einer Aufbruchstimmung erscheint Klinsmann, der im Wahlkampfjahr 2002 in einer Anzeige eine „zweite Halbzeit für Gerhard Schröder“ empfahl, derzeit als Bestbesetzung. (…) Die Unionsspitze ist hochgradig alarmiert über die Regierungspläne.“

Bundesliga

Hamburger SV-VfL Wolfsburg 3:1

Richtungsweisend

Wohin führt der Weg der beiden Mannschaften, Jörg Marwedel (SZ 23.11.)? „Betrachtet man eine Fußballsaison als Landkarte, auf der es eine Hauptstraße, viele Nebenwege, diverse Sackgassen und einige Kreuzungen gibt, dann könnte dieses Spiel eine Kreuzung gewesen sein. Der HSV wäre dann auf jene Strecke eingebogen, in deren Verlauf er „vielleicht noch viel weiter oben mitmischt“, wie Kevin Hofland respektvoll mutmaßte. Der VfL dagegen, dessen Trainer Erik Gerets diese Partie vorher als „richtungsweisend“ eingestuft hatte, ist wohl von jenem Weg abgekommen, der nach den Träumen ganz Verwegener auf dem noch zu bauenden Wolfsburger Rathausbalkon enden sollte. (…) Beim gestürzten Spitzenreiter ist Ratlosigkeit eingekehrt. Um die Harmonie im Team steht es keineswegs so gut, wie es nach den Siegen herausgekehrt wurde. So ließ der Belgier Kapitän Stefan Schnoor 90 Minuten lang vergeblich auf seinen Einsatz warten. Schnoor gilt als Wortführer jener Gruppe, die der argentinischen Fraktion im Team vorhält, sie stütze den angeblichen Ego-Trip des derzeit gesperrten Regisseurs Andres D’Alessandro, der die VfL-Spiele am liebsten als eine Art One-Man-Show inszeniere.“

Es war ein starkes Heimspiel

Ein deutlicher Sieg – Frank Heike (FAZ 23.11.): „Die Mannschaft des VfL war als Einheit aufgetreten – einheitlich enttäuschend (…) Wieder einmal durfte sich Thomas Doll in seiner Personalauswahl und seiner Taktik bestätigt fühlen. Es war ein starkes Heimspiel des HSV. Dabei imponierte das neue Zusammengehörigkeitsgefühl der Profis: Über Tore gejubelt wird jetzt gemeinsam im Kreise der Kollegen. Als Naohiro Takahara frei stehend ein Tor vertrottelte, wurde er sofort von Doll und Torwart Pieckenhagen getröstet.“

1. FC Nürnberg-Hannover 96 1:1

Wie eine Ziehharmonika, die nicht funktioniert

Volker Kreisl (SZ 23.11.) hat mehr Courage erhofft: „Mit Respekt erreicht man vieles im Leben. Wer Respekt hat vor den Dingen, geht kein Risiko ein, überschätzt sich nicht und bleibt bei realistischen Zielen. Respekt kann Sicherheit geben und Standfestigkeit, und er kann Karrieren fördern, ein Fußballspiel aber, das macht er kaputt. (…) Der gegenseitige Respekt hatte jede Initiative zu Steilpässen, Dribblings oder Kombinationen abgewürgt, die Konter-Mannschaft aus Hannover wirkte von oben betrachtet wie eine Ziehharmonika, die bei Kälte nicht funktioniert. Eigentlich sollte sie sich gelegentlich öffnen, aber die zehn Feldspieler blieben brav in der eigenen Hälfte. Die Zugänge zum Tor von Robert Enke blieben versperrt, die Nürnberger mussten draußen bleiben, Torchancen gab es keine.“

Bundesliga

Antistar-Konzept

Martin Hägele (NZZ 23.11.) zieht eine Parallele zwischen Arminia Bielefeld und der Nationalmannschaft: „Eigentlich hat der Coach Rapolder schon immer das gemacht, was er jetzt mit seinem Bielefelder Ensemble vorführt, seit der Schwede Tord Grip von 1988 bis 1990 bei den Young Boys sein Lehrmeister war und den Professional und Betriebswirtschaftsstudenten aus dem schwäbischen Unterland mit dem 4-4-2-System infizierte. 14 Jahre nachdem er als Jahrgangsbester sein Trainerdiplom erworben hat, ist er dank diesem System in die Erfolgsspur zurückgekommen. Er hat es mit nach Bielefeld gebracht – und seine Leute glauben dran. Doch genauso wichtig ist die ordentliche Hierarchie, die er Vorgänger Möhlmann verdankt, und die Tatsache, „dass es in unserem Kader keine Stinkstiefel und linken Bazillen hat“. Dem Spiel der Bielefelder sieht man an, dass die etwas gemeinsam wollen. Dass sich da Professionals, die keine Millionen verdienen, beweisen möchten im Kampf gegen die Stars. Auch dabei hilft die Formation mit den zwei Viererketten. „Dieses System ist von Loyalität und Solidarität geprägt. Es ist ein Antistar-Konzept. Es macht erst das Team stark und danach den Einzelnen“, sagt Rapolder. Deshalb könne man im 4-4-2 junge Spieler viel leichter integrieren und sie schneller zu vollwertigen Professionals erziehen. In diesem Prozess sieht der Bielefelder Coach Parallelen zum Landsmann Klinsmann, dessen Nationalmannschafts-Projekt „Jugend forscht“ derzeit ganz Europa staunend verfolgt. (…) Joachim Löw, hat schon die drei Namen Owomoyela (der neben der nigerianischen die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt), Lense und Langkamp notiert.“

Montag, 22. November 2004

Allgemein

Integrationsfigur

Peter Penders (FAZ 22.11.) über Ebbe Sand: „Mit einer Meningitiserkrankung war Sand während der Vorbereitung ausgefallen, und die Hirnhautentzündung hatte ihn weiter zurückgeworfen, als sie auf Schalke zunächst angenommen hatten. Erst als Heynckes seinen Job schon los war, feierte der Däne sein Comeback – mit drei Treffern im Uefa-Pokal. Daß die Wende auf Schalke zeitgleich mit der Rückkehr von Sand begann, wird kaum Zufall gewesen sein. Der Däne gilt als die größte Integrationsfigur und ist innerhalb der Mannschaft über jeden Zweifel erhaben. Als Mike Hanke noch in der Schalker Fankurve stand, hatte er das Trikot von Sand an. „Er war mein absolutes Vorbild“, sagt der U-21-Nationalspieler, der mittlerweile auch deshalb wieder die Bank drücken muß, weil an seinem Idol kein Vorbeikommen ist.“

Internationaler Fußball

Teams von verschiedenen Planeten

Die NZZ (22.11.) rezensiert das 3:0 des FC Barcelona gegen Real Madrid: „In einem Konzertsaal entstünde wohl eine ziemliche Katzenmusik, wenn die Streicher ein Divertimento con brio hinlegten, während die Bläser sich selber ein Wiegenlied, wenn nicht gar ein Requiem spielten. Im Camp Nou dagegen war das Publikum über die unterschiedlichen Tempi der beiden Mannschaften keineswegs unglücklich, zumal es der FC Barcelona war, der mit seinem flinken und direkten Fussball Real Madrid alt aussehen liess. Wenn die Partie nicht ganz das fabelhafte Niveau von Barças Champions-League-Begegnungen mit Milan erreichte, so lag es an seinem Gegner. Real Madrid wirkte zwar annähernd ebenbürtig, bis es in der 28. Minute auf fast lächerliche Weise in Rückstand geriet. Doch gerade dieses Tor war symptomatisch für das Naturell der beiden Mannschaften: Während der bequem gewordene Roberto Carlos seinen Lauf in der Annahme abbremste, Casillas werde die lange Vorlage Ronaldinhos an der Strafraumgrenze erlaufen, preschte Eto‘o dazwischen, umdribbelte den Torhüter und schob den Ball ins leere Gehäuse. Hierauf schien es, als bewegten sich zwei Teams von verschiedenen Planeten auf dem Feld.“

Generationen-Unterschied wie zwischen Tischfußball und Playstation

Javier Cáceres (SZ 22.11.) ergänzt: „Auch die Real Madrid zugeneigten Blätter wie Marca sahen „den endgültigen Beweis erbracht, dass Spaniens Fußball in eine neue Epoche eingetreten ist.“ Die Epoche einer wundervoll spielenden Mannschaft in burgundrot-blau. Sí, senor. Fünf Kandidaten auf den Titel Europas Fußballer des Jahres spielen bei Barca (Ronaldinho, Deco, Eto’o, Giuly, Larsson), ebenso viele bei Real Madrid (Ronaldo, Zidane, Beckham, Figo, Morientes), doch zwischen beiden Teams besteht ein Generationen-Unterschied wie zwischen Claudia Schiffer und Adriana Lima, wie zwischen Tischfußball und Playstation. „Sie haben uns den Ball nicht mal berühren lassen“, sagte Florentino Pérez.“

Erdung der zwischen Himmel und Hölle

Was unterscheidet die zwei Vereine zurzeit, Christian Eichler (FAZ 22.11.)? „Und David Beckham? Ja, auch der Marketing-Star hat mitgespielt. Mancher der 98 000 wird das erst bemerkt haben, als er in der 54. Minute ausgewechselt wurde. Dabei hat erst Beckham die Barça-Renaissance ermöglicht. Im Frühling 2003 versprach Präsidentschaftskandidat Juan Laporta den Barça-Mitgliedern, er werde den Engländer holen. So gewann Laporta die Wahl. Er bekam Beckham natürlich nicht. Der wollte nur nach Madrid. Aber das war ein doppelter Gewinn für Barça. Es bekam Laporta, der aufräumte; und Ronaldinho, der aufblühte. Tatsächlich galt Ronaldinho gegenüber Beckham damals nur als Trostpreis. Ein schöner Witz. Real wollte den Brasilianer auch, aber noch ein Jahr warten; so ging der lieber gleich nach Barcelona. Und Real bekam Beckham, der nur noch beim Trikotverkauf ein Renner ist. Laporta, dank der Beckham-Lüge gewählt, löste die verfilzte Riege um Vorgänger Gaspart ab, der nach dem Verlust von Figo mit panischer Transferpolitik den Rückstand zu Real aufholen wollte. Der wurde immer größer, obwohl man mit Geld um sich warf: rund 200 Millionen Euro für 16 oft wahllos zusammengekaufte Spieler. Kataloniens Variante des BVB-Syndroms: nur nicht Zweiter sein, lieber finanziell am Ende. Rund 150 Millionen Euro betrug der Schuldenberg, als Laporta Präsident wurde. Der smarte Anwalt startete ein Sparprogramm, träge Luxusspieler wie Kluivert wurden abserviert, Strukturen gestrafft, Darlehen umgeschuldet, Jugendarbeit forciert. Junge Katalanen kamen ins Team. Diese Erdung der zwischen Himmel und Hölle schwankenden Fußball-Diva Barça forciert auch der sachliche Trainer Frank Rijkaard.“

Ohne sportlichen Plan

Ralf Itzel (BLZ 22.11.) fügt hinzu: “Man spürte, dass eine Ära zu Ende geht, und eine neue beginnt. Eine alternde, satte, langsame Ansammlung von Einzelkönnern gab den Staffelstab an eine junge, hungrige, dynamische Mannschaft weiter. Eto‘os Tor nach dem Fehler von Roberto Carlos war ein Moment, der auch die Politik beider Klubpräsidenten versinnbildlichte. Real-Boss Florentino Pérez verlängerte kürzlich den Vertrag des Brasilianers, obwohl dessen beste Zeit vorbei ist, und schob den jungen Himmelsstürmer aus Kamerun, groß geworden in der Madrider Nachwuchsabteilung, endgültig ab. Ohne sportlichen Plan häufte Pérez Superstars an, deren Fertigkeiten nun schwinden, und die somit gegen starke Rivalen nicht mehr kaschieren können, dass sie keine Einheit bilden. Im Sommer hat der Bauunternehmer seinen Kurs halbherzig zu korrigieren versucht. Für 45 Millionen Euro kaufte er einen überforderten und einen verletzten Verteidiger (Samuel und Woodgate) und führte seinen Scheckheftfußball so nur einen Schritt näher zum Bankrott. Barcelonas Laporta hört im Gegensatz zu Pérez auf sportliche Berater.“

Europas Fußball am Wochenende: Ergebnisse – Tabellen – Torschützen NZZ

Ball und Buchstabe

Wäre der FC Bayern eine Frau, ich würde mich für sie umbringen

Marc Schürmann (FTD 22.11.) bewirbt sich beim kicker: „Im Namen aller Journalisten habe ich versucht, ein Interview mit Hoeneß zu bekommen, in dem ich alles wieder gut machen wollte. Ich sprang ihm hinterher, bis ich einen Zipfel seiner Jacke zu fassen bekam, und zeigte ihm eine Beglaubigung, Premiere nicht zu empfangen. „Herr Hoeneß, Glückwunsch zu einem guten Spiel…“ Er unterbrach: „Kein Kommentar.“ – „Zu einem wirklich sehr guten Spiel…“ – „Ich sag nix.“ – „…einem grandiosen, phantastischen, historischen…“ – „Mhm.“ – „…himmlischen 3:1-Sieg…“ – „Wieso sagen Sie das so abwertend?“ Er drehte sich weg. „Nein, nein“, stammelte ich, „Sie haben ja klar gewonnen…“ – „Eben. Aber Sie haben gerade drei zu eins gesagt. Wenn wir schon so weit sind, dass wir uns nach einem Heimsieg noch rechtfertigen müssen, können wir aufhören!“ – „Ich meinte aber…“ – „Dann sagen Sie das jetzt auch.“ – „Also, Glückwunsch zu Ihrem drei zu eins…“ – „Lauter!“ – „…zu Ihrem DREI zu, äh, null…!“ – „Hm. Und was halten Sie vom FC Bayern?“ – „Oh, ich liebe Ihre Mannschaft“, stieß ich hervor, „wäre der FC Bayern eine Frau, ich würde mich für sie umbringen, er ist die Luft, die ich atme, das Wasser, das ich trinke, die Flamme, die ich entzünde in eisiger Winternacht…“ – „Na schön“, Hoeneß klapste mir auf die Schulter, „Sie kriegen Ihr Interview.““

Unterhaus

Die Punkte stimmen, Glanz geht vom 1. FC Köln keiner aus

1:0 gegen Aue – Köln enttäuscht dennoch, stellt Christoph Biermann (SZ 22.11.) fest: „Wolfgang Overath konnte es nicht fassen, schüttelte den Kopf und schaute entsetzt ins Leere. Der Gast Reiner Calmund, ins Stadion gekommen, um Werbung fürs seine Fernsehshow „Big Boss“ zu machen, hatte sich dem Spiel sogar durch einen „Big Sleep“ unter freiem Himmel entzogen. Verdenken konnte ihm das niemand. Obwohl dem 1. FC Köln der fünfte Sieg hintereinander gelang und der Sicherheitsabstand auf die Nichtaufstiegsplätze solide zehn Punkte beträgt, leiden die Offiziellen des Klubs. Andreas Rettig wollte die schwache Leistung gegen Aue zwar nicht in Abrede stellen, „aber es kann doch nicht sein, dass man als Tabellenführer pausenlos auf der Anklagebank sitzt“, fand der Manager. Gemessen werden die Kölner allerdings auch an den eigenen Vorgaben, immerhin hatte Overath nicht nur die Rückkehr in die Bundesliga als Ziel ausgerufen, sondern diese auch in einem Stil, der mitreißen und Spaß machen sollte. Insofern ist die Situation in Köln strukturell nicht unähnlich der beim FC Bayern, bei dem Franz Beckenbauer, ein anderer Weltmeister von 1974, nicht nur Titel feiern sondern auch schönen Fußball sehen will. Trainer Huub Stevens hingegen ist es bislang nur gelungen, dass sein Team so schuftet wie es in der Zweiten Liga nötig ist. Die Punkte stimmen ebenfalls, Glanz geht vom 1. FC Köln jedoch keiner aus.“

Bundesliga

Ende des Ausnahmezustands

Der 14. Bundesliga-Spieltag: „Ende des Ausnahmezustandes“ (FAZ): Bayern ist oben – „wenn einer den FC Bayern am Titelgewinn hindern kann, dann dieser FC Schalke 04“ (FAZ) – „modernster, zügigster Mannschaftsfußball“ (FAZ) in Bielefeld – Bochum spielt „als bereiteten sie sich schon auf die zweite Liga vor“ (FAZ) – Jörg Berger, „Sanierer im Eiltempo“ (BLZ) / „die Medizin Berger wirkt“ (FR) – „Schulterschluss von Fans, Mannschaft und Trainer in Dortmund“ (taz)

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Bayern München-1. FC Kaiserslautern 3:1

Ende des Ausnahmezustandes

Das Naturgesetz des deutschen Fußballs ist wieder in Kraft – Elisabeth Schlammerl (FAZ 22.11.): „Es muß schon etwas Besonderes passiert sein, wenn der FC Bayern München mitten in der Saison einen Sieg gegen eine Mannschaft, die nur knapp vor den Abstiegsrängen steht, beinahe so ausgelassen feiert wie den Einzug in ein Champions-League-Halbfinale, wenn die Fans in der Südkurve lange vor dem Schlußpfiff freudetrunken singen. Das Besondere war für den deutschen Rekordmeister die Rückkehr zum Normalen, das Ende des Ausnahmezustandes nach 18 Monaten oder 47 Bundesliga-Spielen. So lange haben die Bayern nicht mehr die Tabelle angeführt, so lange war die Gesetzmäßigkeit der Bundesliga außer Kraft gesetzt. Und was man lange entbehrt, weiß man bekanntlich erst richtig zu schätzen. „Wir sind Erster, Tabellenerster“, rief Oliver Kahn in eine Fernsehkamera, als ob er der Kapitän von Aufsteiger Mainz 05 wäre und nicht der des erfolgsverwöhnten FC Bayern.“

Auf das Schicksal eingestimmt

Wenn die Bayern verlieren, klagen sie über die (Über-)Motivation des Gegners – von wegen: „für unseren Gegner war es das Spiel des Jahres…“ Wie war’s denn diesmal, Philipp Selldorf (SZ 22.11.)? „Torwart Tim Wiese, der mit riesigem Vorsprung beste Spieler seiner Elf, zeigte sich hinterher hocherfreut, dass er nur drei Tore kassiert hatte. „Ob ich froh bin? Na klar!“, sagte er, entspannt wie nach einem herrlichen Mittagsschlaf, „zum Glück waren’s nur drei, weil: die sind ja stark. Wenn die in Spiellaune sind, dann spielen die.“ Für seinen Trainer Kurt Jara war die Niederlage, die ohne Wieses Klasseleistung zum Debakel geraten wäre, ebenfalls kaum der Rede wert. „Die Bayern spielen einfach in einer anderen Liga“, glaubt er: „Mit dieser Mannschaft war einfach nicht mehr drin.“ So gab Jara als Verwalter der Misere die Partie von vornherein verloren und bot zu Trainingszwecken nach langer Verletzungspause die vergessenen Größen Ciriaco Sforza und Christian Timm auf. Seinen Segen hatte er, Vorstandschef René Jäggi wies darauf hin, „dass unser Gesamtpersonaletat so hoch ist wie die Ablöse von Roy Makaay – da kann man nicht mehr verlangen.“ Derart auf ihr Schicksal eingestimmt, benahm sich die Mannschaft aus der Pfalz, als befände sie sich ohne Aussicht auf Entrinnen unter einer stürzenden Wand.“

Bayer Leverkusen-Schalke 04 0:3

Wenn einer den FC Bayern am Titelgewinn hindern kann, dann dieser FC Schalke 04

Den „gegensätzlichen Saisonverlauf“ beider Mannschaften beschreibt Peter Penders (FAZ 22.11.): „Das Gute kommt zu dem, der warten kann – das chinesische Sprichwort bewahrheitete sich in diesem Fall. Ralf Rangnick wartete und zog das große Los. Denn eine derart gutbesetzte Mannschaft wie die des FC Schalke 04 bekommt ein arbeitsloser Trainer selten angeboten. „Ich war vom Potential, das in diesem Team steckt, sofort überzeugt“, sagt der Trainer. Das sind mittlerweile alle: Nach dem 3:0 in Leverkusen ist die Lieblingsvision von Manager Rudi Assauer wieder ein Stück wahrscheinlicher geworden: Wenn einer den FC Bayern am Titelgewinn hindern kann, dann dieser FC Schalke 04. Eine sichere Abwehr, ein spielstarkes Mittelfeld mit einem überragenden Lincoln und Stürmer der Extraklasse – den Schalkern in dieser Saison beizukommen, könnte sich für viele Gegner als zu schwierig erweisen. Für Bayer Leverkusen war es unmöglich, selbst wenn die überlegene Anfangsphase dem Champions-League-Teilnehmer auch im nachhinein noch suggerierte, daß seine Niederlage unnötig gewesen sei. (…) In Leverkusen ist möglicherweise übersehen worden, daß Bayern München nur ein Schatten seiner selbst war, als es im August 1:4 in der BayArena verlor. Der 3:0-Erfolg über Real Madrid war zwar aufsehenerregend, aber auch dazu angetan, die falschen Schlüsse zu ziehen. Der Gedanke, daß Bayer im September nur so auftrumpfen konnte, weil das in die Jahre gekommene Starensemble aus Madrid an diesem Tag so wenig wie möglich investieren wollte, kam niemandem.“

VfB Stuttgart-Borussia Mönchengladbach 1:0

Zu viele Dribblings, zu wenig Defensivarbeit

Peter Heß (FAZ 22.11.) befasst sich mit der Läuterung Alexander Hlebs: „Hleb ist der Hauptgrund, warum der VfB als kommender Meister gehandelt wird, aber auch die Ursache für dessen Schwächeperiode. Seine individuellen Fähigkeiten sind so groß, daß er ein würdiges Mitglied des Star-Ensembles von Real Madrid wäre. Leider weiß dies Hleb auch, und er kann nicht so recht damit umgehen. Magath verweigerte dem Regisseur das Trikot mit der Nummer 10, damit er nicht abhebe. Sammer verlieh ihm das Signum der Vorherrschaft und kämpft nun gegen die Eigenwilligkeit seines Anführers an. Umgeben von einer Clique von Schulterklopfern, ist Hlebs Mannschaftsgedanke nicht sonderlich ausgeprägt. Zu viele Dribblings, zu wenig Defensivarbeit prägen seine Spielweise. Bei der Niederlage in Wolfsburg weigerte sich Hleb sogar, den Ball nach einem Zuspiel seines Nebenmanns Heldt anzunehmen. Daraufhin setzte Sammer eine Aussprache an. Der erste Effekt: Gegen Gladbach kämpfte wieder jeder für jeden. Heldt, einer der Köpfe des Teams, umarmte Hleb nach dessen Torvorbereitung auffallend herzlich.“

Martin Hägele (SZ 22.11.) fügt hinzu: „Es waren Egoismen, die zum Einbruch geführt hatten. Hinten kalkulierte Torwart Timo Hildebrand mit den Zahlen und Ausstiegsklauseln eines neuen Vertrags. Im Mittelfeld versuchte Alexander Hleb möglichst viele Gegner zu umdribbeln, um die Emissäre von Real Madrid und Arsenal London zu beeindrucken. Und Kevin Kuranyi waren nach seiner Verletzung Tore nicht mehr gut genug; es mussten kleine Kunstwerke sein. Das Tor des Tages war der Beweis, dass die Akteure auf dem Weg in die alte Spur sind. Sie versuchten, nüchtern zu spielen, durch Ballpassagen den Gegner nervös zu machen – und auf Fehler zu warten. In der 56. Minute war es soweit: Kapitän Soldo dirigierte den strauchelnden Hleb („Renn Alex, der Ball ist vor dir“). Der schlug keine Haken, dafür eine präzise Vorlage, die Kuranyi ohne Firlefanz ins Netz beförderte.“

Arminia Bielefeld-Werder Bremen 2:1

Modernster, zügigster Mannschaftsfußball

Roland Zorn (FAZ 22.11.) ist von Bielefelds Stärke nicht überrascht: „Wie eine harmlose Bundesliga-Zugabe werden die Bielefelder Arminen längst nicht mehr über die Schulter angesehen. Inzwischen wissen selbst die größten Ignoranten, daß der Rekordaufsteiger aus Ostwestfalen neben den Mainzer Liganeulingen fleißig und gekonnt an der großen Überraschungsgeschichte dieser Saison strickt. Sechster ist er nun schon nach zuletzt drei Siegen in Serie und einer Ausbeute von 21 Punkten aus den vergangenen zehn Begegnungen. „Das ist phänomenal“, sagt Uwe Rapolder, der aus seiner Mannschaft eine Einheit geformt hat, die mit den modernsten, zügigsten Mannschaftsfußball zelebriert, der auf der Bühne Bundesliga derzeit aufgeführt wird. (…) Daß der DSC Arminia die Saisonmode in Deutschlands erster Fußballklasse mitbestimmt, könnte sich auch auf der Einladungsliste zeigen, die Jürgen Klinsmann demnächst für die Asien-Reise herausgibt. Auf ihr sollen sich dem Vernehmen nach die Bielefelder Jungprofis Matthias Langkamp und Patrick Owomoyela befinden.“

FSV Mainz-VfL Bochum 1:0

Als bereiteten sie sich schon auf die zweite Liga vor

Michael Eder (FAZ 22.11.) lauscht dem „Bochumer Blues“: „Peter Neururer zog an seiner Zigarette und schaute drein, als seien ihm die Rezepte und Durchhalteparolen ausgegangen. Es wehte so etwas wie Abschiedsstimmung durch den Presseraum, der Bochumer Trainer saß in etwa so traurig da, wie seine Spieler zuvor auf dem Platz gespielt hatten. Das Ergebnis, ein nur auf den ersten Blick knappes 1:0 für den famosen Aufsteiger, hätte Neururer die Laune nicht derart nachhaltig verhageln können – es war die Leistung seiner Mannschaft, die nichts Gutes verheißt für den Revierklub, der ein paar fette Jahre hinter sich hat und nun wieder auf einem Abstiegsplatz angekommen ist. Wie leblos die Bochumer Mannschaft derzeit ist, zeigte sich gegen die kampf- und lauffreudigen Mainzer in einer Deutlichkeit, die Neururer schockierte – und erstmals von Abschied reden ließ. (…) Neururer saß da wie ein Häufchen Elend, völlig deprimiert. Der Unterschied war in der Tat gewaltig gewesen. Hier die ersatzgeschwächten, aber nimmermüden Mainzer, die sich nach drei sieglosen Partien Chance um Chance erkämpften; dort die Bochumer, die spielten, als bereiteten sie sich schon auf die zweite Liga vor.“

Ausgebrannt

Was kann Neururer nun tun, Ingo Durstewitz (FR 22.11.)? “Der sympathische Club mit dem Underdog-Image hat seine Zügellosigkeit verloren, seinen Charme und Esprit, allen voran: Chefanimateur Peter Neururer. Der 49-Jährige Fußballlehrer fällt allenfalls durch ein aschfahles Gesicht auf, die Augen reflektieren Leere; der zum Retter des unterdrückten Bochumer Kohlenpott-Patriotismus’ hoch gejazzte Medientrainer wirkt ausgebrannt. Der ratlose Zampano ist überfordert, der Situation nicht gewachsen. Neururer hatte dem VfL, einst die Ausgeburt der Langeweile, salonfähig gemacht und dem Verein ein aggressiveres Image übergestülpt, der selbstverliebte Sprücheklopfer sagte den Reviergrößen Dortmund und Schalke den Kampf an – jetzt droht er an den eigenen Ansprüchen zu zerbrechen. Es ist dies typisch für jenen Typus Fußballlehrer, der seine Inhalte zumeist über Power-Motivation vermittelt, denn die Masche nutzt sich schnell ab.“

Hertha BSC Berlin-Hansa Rostock 1:1

Die Medizin Berger wirkt

Dirk Böttcher (FR 22.11.) erzählt die Rückkehren Jörg Bergers: „In Berlin traf er auf seinen alten Freund Falko Götz. Auch ein Republikflüchtling, für den Berger Trauzeuge, Ex-Trainer und Spielervermittler in einer Person ist. Berger spricht von einem Verhältnis wie „Vater und Sohn“. In Berlin schloss sich auch ein gutes Vierteljahrhundert deutsch-deutsche Geschichte. Anfang und Ende haben mit Hansa Rostock zu tun. Rainer Jarohs, heutiges Vorstandsmitglied bei Hansa, war 1979 als Spieler mit der DDR-Juniorenauswahl in Jugoslawien. Eines Abends soll der Trainer noch warnend durch die Hotelzimmer gegangen sein: „Wehe, hier haut einer ab.“ Am nächsten Morgen blieb der Platz des Trainers beim Frühstück leer. Jörg Berger war abgehauen, in den Westen. 25 Jahre später ist Berger Trainer beim letzten Ostverein der Liga. 1990 hatte er Dynamo Dresden noch abgesagt, weil er sich nicht vorstellen konnte, „noch mal in den Osten zurückzukehren“. In der letzten Woche bezog er mit Hansa ein Trainingslager an jenem Flecken Ostseestrand, wo er 1978 zum letzten Mal zelten war. Die Pressekonferenz vor der Partie geriet so zur kleinen Kneipenkunde. Berger nannte Namen, und die Journalisten sagten, ob es die Spelunken noch gibt. Vielleicht sind es diese verworrenen Spielzüge des Lebens, die Berger zur Mensch gewordenen Zuversicht mutieren ließen. Ein Optimator, der aus Nichts Hoffnung strickt. Der nicht mal sagen kann, wie er es macht. So dass man geneigt ist, Schwindel zu rufen, aber die Medizin Berger wirkt, auch ohne Wirkstoff.“

Sanierer im Eiltempo

Matthias Wolf (BLZ 22.11.) ergänzt: „Manchmal empfindet man auch Unentschieden wie Niederlagen. Vor allem, wenn man dadurch Letzter bleibt. Vermutlich ist es die geballte Lebenserfahrung, die einen wie Berger nach so einer Achterbahnfahrt ruhig bleibt lässt. Als alles vorbei war, deutete er dem vorüber eilenden Referee Jörg Keßler mit einem Fingerzeig auf seine Uhr an, dass er zu lange habe spielen lassen. Dann gab er, ganz gelassen, sein erstes Interview: „Es war schön, wieder dabei zu sein“, sagte er: „Natürlich tut es weh, zwei Punkte zu verlieren, aber ich habe den Tag dennoch genossen.“ Er war glücklich in seinem Unglück. Dabei war Bergers Comeback nach 2 Minuten und 53 Sekunden Nachspielzeit nur noch ein Drittel so viel wert wie zuvor. (…) Berger hat Hansa neues Leben eingehaucht, in nur vier Tagen Trainingsarbeit. Am Sonnabend verteidigte er von der ersten Minute an seinen exzellenten Ruf als Sanierer im Eiltempo.“

Ronny Blaschke (SZ 22.11.) registriert die Wiederbelebung Hans Rostocks: „Er ist von Beruf Optimist. In Rostock wird seine Arbeit an der Stimmung gemessen, und so gesehen, hat er bereits Erfolg. Die Untergangsbefürchtungen sind in Rekordzeit einer zaghaften Euphorie gewichen. Es ist ein Phänomen in dieser Saison, dass die Leistungen nach Trainerwechseln regelmäßig nach oben steuern; so war es auf Schalke, in Hamburg und in Mönchengladbach. Auch in Rostock hat die EFK, die Erfolg-Findungs-Kommission, erste Fortschritte hervorgerufen: In Berlin hat sie das Mittelmaß wieder entdeckt, sie spielte nicht wie ein Absteiger. Manche Spieler waren sogar beim Grätschen beobachtet worden, damit verdienten sie sich das Privileg der Schiedsrichterschelte, Ausreden waren zuletzt strikt verboten.“

Borussia Dortmund-SC Freiburg 2:0

Schritt zur Konsolidierung

Jörg Stratmann (FAZ 22.11.) gratuliert den Fans: „Bei Borussia Dortmund hätten sie allen Grund, sich ihrem treuen Publikum nur noch auf Knien zu nähern. Daß sich abermals 76 000 Besucher auch von Kälte und Graupeln nicht abhalten ließen, einem Gekicke beizuwohnen, das nicht jeder Zweitligazuschauer einfach so hingenommen hätte, ist aller Bewunderung wert. Größer könnte der Gegensatz derzeit nicht sein zwischen mitbangendem Interesse auf den Rängen und dem Gegenwert auf dem Rasen. Es wirkt wie das Sinnbild der Mühe, die sie aufwenden müssen, um den finanziellen und sportlichen Fall noch abfedern zu können. Und doch bewerteten alle Beteiligten sogar das mühevolle 2:0 über den harmlosen Abstiegskandidaten SC Freiburg erleichtert als wichtigen Schritt zur allgemeinen Konsolidierung des Klubs. In dieser scheinbaren Entspannung fanden die Dortmunder Stammgäste nach dem Spiel sogar noch Gelegenheit, sich einem Einzelschicksal zu widmen. Sie feierten BVB-Trainer Bert van Marwijk, dem Hauptaktionär Florian Homm nach den jüngsten Versammlungen der Mitglieder und Aktionäre empfohlen hatte, in seine niederländische Heimat zurückzukehren.“

Schulterschluss von Fans, Mannschaft und Trainer

Was schweißt die Dortmunder zusammen, Daniel Theweleit (taz 22.11.)? „Ein gemeinsames Feindbild hat bisweilen einen bemerkenswerten Effekt. Es verbindet, man rückt zusammen und es fällt leichter, gemeinsame Kräfte in die gewünschte Richtung wirken zu lassen. So gesehen haben die unqualifizierten Aussagen des Großaktionärs Florian Homm aus der vergangenen Woche durchaus ihren konstruktiven Beitrag geleistet zu Borussia Dortmunds 2:0-Sieg. Homm hatte über diverse Medien eine Trainerentlassung angeregt, ohne sich der Wirkung solcher Aussagen bewusst zu sein, wie es aus seinem Umfeld heißt. Natürlich wurde daraus eine große Geschichte, zumal der Aktienhändler auch gleich noch den bevorzugten Nachfolger genannt hatte: Bielefelds Uwe Rapolder. „Ich lasse mich von Herrn Homm nicht wegschicken, nicht von einem Mann, der nicht in Dortmund wohnt, noch nie ein Spiel des BVB gesehen hat und mich nicht kennt“, hatte Bert van Marwijk diesen Überlegungen erwidert. Der 257. Akt des unendlichen schwarz-gelben Dramas mündete in einen Schulterschluss von Fans, Mannschaft und Trainer. Die Anhänger empfinden ganz ähnlich wie van Marwijk, auch sie wollen sich nicht von diesem Mann regieren lassen, der selber zugibt, keine Ahnung von Fußball zu haben, der die Sonne Mallorcas genießt statt am herbstlich grauen Ruhrpottalltag teilzunehmen, und dem es nur darum geht, Geld zu verdienen.“

Bundesliga

Risikofußball

„Durch die Bundesliga weht ein Hauch der Moderne“, pfeift Gerd Schneider (FAZ 22.11.): „In diesem Fußballherbst macht sich ein neuer Geist breit in der ersten Klasse. Es sind die jungen, frischen Köpfe auf den Trainerbänken, die diesen Wind der Erneuerung entfachen. Nehmen wir Uwe Rapolder oder Jürgen Klopp. Sie denken gar nicht daran, sich dem sogenannten Gesetz zu beugen, daß den Neulingen im Spätherbst die Puste ausgehe. Das Unmögliche wagen, fest vertrauend auf ein System, in dem Phantasie und Leidenschaft gedeihen: das ist die Handschrift der beiden Debütanten, die Farbe in diesen trüben November bringen. Zum Reformerflügel muß man auch Ralf Rangnick rechnen. Jeder weitere Sieg seiner Schalker ist ein Argument dafür, daß die Zeit über einen altgedienten Fußballehrer wie Jupp Heynckes hinweggegangen ist. Der neue Schwung der Nationalmannschaft ist auch in den Klubs zu spüren. Es scheint ein Ruck durch die Bundesliga zu gehen. Risikofußball, eine nach vorne gewandte Verteidigung, Pressing und eine allgemeine Beschleunigung: Das sind die Kennzeichen dieser Bewegung.“

Samstag, 20. November 2004

Allgemein

Alles, was er ausstrahlt, sagt: Chef

„Zvonimir Soldo ist seit Jahren eine herausragende Figur der Bundesliga – wahrgenommen wird das kaum“, bedauert Christian Zaschke (SZ 20.11.): „Seit 1996 spielt er beim VfB Stuttgart im defensiven Mittelfeld, und jeder Trainer sagte über ihn: „Soldo ist nicht zu ersetzen.“ Nun trainiert Matthias Sammer den VfB, und über Soldo, den Kapitän, sagt er: „Er hat kein Recht aufzuhören, so wie er spielt.“ Vielleicht könnte Soldo das Spiel loslassen, einfach so. Doch der VfB hat ihm jetzt einen neuen Vertrag angeboten, weil der bestehende am Saisonende ausläuft. Der Klub ist es, der den Spieler nicht loslassen will. Man kann fragen, ob das alles nicht ein wenig übertrieben ist, ob also ein 37 Jahre alter Mann wirklich so wichtig ist. Teamkollege Horst Heldt antwortet: „Ich habe noch keinen gesehen, der Fußball so einfach machen kann, so effektiv.“ Heldt wird im Dezember 35 Jahre alt, er hat viele Spieler gesehen, zudem ist er selbst ein hervorragender Techniker. Auch Heldt spielt gern schnell, aber über Soldo sagt er: „Er ist der Meister des schnellen Passes.“ Selten nimmt der Kroate den Ball an, er spielt fast immer direkt. (…) Markus Babbel sagt, er habe noch nie einen so dominanten Spieler erlebt, einen, der den ganzen Laden zusammenhält. Babbel spielte in Hamburg, beim FC Bayern und in der Premier League, er kennt dominante Spieler. Was also, Herr Soldo, könnte Babbel gemeint haben? Soldo deutet ein Schulterzucken an. „Vielleicht meint er, dass ich viel rede auf dem Platz.“ Vielleicht meint er das, denn auf dem Platz redet Soldo etwas anders als im Café. (…) Horst Heldt sagt auf die Frage, ob Soldo auch mal böse werden könnte, sehr schnell: „Ja.“ Richtig furchteinflößend böse? „Oh ja.“ Beim VfB trainieren sie gern um vier Uhr nachmittags, und Soldo steht in der Regel um halb vier auf dem Platz. Irgendwann entscheidet er, wann der „A-Kreis“ loslegt, dann wird fünf gegen zwei gespielt, jeder Spieler darf den Ball nur einmal berühren. Alles, was er ausstrahlt, sagt: Chef.“

of: Im Mai 2001 war ich, als VfB-Anhänger, im Westfalenstadion. Der VfB Stuttgart, damals bestenfalls Mittelmaß in der Liga, spielte beim Meisterkandidaten Dortmund. Das Spiel endete 0:0; Zvonimir Soldo, 90 Minuten lang viel beschäftigter Mittelfeldspieler vor der Abwehr, machte nicht einen Fehler. Mit einer beruhigenden Selbstverständlichkeit gewann er jeden Zwei- oder Dreikampf, er stellte den ständig angreifenden Dortmundern alle Passwege in der Mitte zu. Soldo war der beste Fußballer auf dem Feld. Hätte er nicht gespielt, hätten die Stuttgarter sicher klar verloren. Das „Fachblatt“ kicker gab ihm die Note 3 (und hat seitdem einen Abonnenten weniger). Die einzige Sorge eines VfB-Fans in den letzten drei Jahren: Kein anderer Verein ist derart von einem Spieler abhängig wie der VfB Stuttgart von Zvonimir Soldo.

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