Dienstag, 16. November 2004
Deutsche Elf
Zwei entspannte Herren
Von wegen Torwartkrieg – Ludger Schulze (SZ 16.11.): „Er sei, glaubt man einigen extrem aufgeregten Leuten, nur durch sofortige Niederlegung der Waffen und Marathonverhandlungen in Camp David zu beenden. Der Herbeiführung eines segensreichen Friedensschlusses gilt als erste und vornehmste Aufgabe des neuen BTT. Also hat sich Andreas Köpke vor dem Länderspiel gegen Kamerun mit den kriegsführenden Parteien an den Tisch gesetzt und zwei deutlich entspannte Herren vorgefunden, die nun durch gar nichts verrieten, dass sie sich im Kriegszustand befinden. „Es war kein Krisengipfel“, verriet Köpke, sondern eher ein Schnupperkurs.“
Unrecht anziehen kann Klose gut
Christof Kneer (FTD 16.11.) erinnert an Miroslav Kloses gute und schlechte Zeiten: “Er sieht sie immer noch kommen, diese Flanke, und er kann immer noch so bildlich von ihr erzählen, dass man dem Ball am liebsten selbst hinterher springen würde. Aber Miroslav Klose meint, man würde ihn nicht kriegen. „Im Fernsehen hat das vielleicht einfach ausgesehen, aber jeder, der Fußball gespielt hat, weiß, wie schwer so was ist“, sagt er. „Da stehen zwei Riesen vor dir, nehmen dir die Sicht, und wenn du den Ball endlich siehst, kannst du nur noch versuchen, irgendwie ranzukommen.“ Er ist dann auch noch rangekommen, aber das hat die Sache nur schlimmer gemacht. Man hat in allen Wiederholungen sehen können, wie Klose quer durch die Luft fliegt und quer vorbeiköpft. Erschwerend kam hinzu, dass diese Flanke in der Nachspielzeit geflogen kam, im EM-Vorrundenspiel gegen Lettland (0:0), und so kam später die Theorie auf, dass Deutschland heimreisen musste, weil Klose nicht traf. Man hat Klose Unrecht getan damals, aber er hat es den Kritikern auch leicht gemacht. Unrecht anziehen kann Klose gut. Er kann einen Stammtisch zur Weißglut bringen, wenn er mit hängenden Schultern über den Rasen schleicht, und wenn Oliver Kahn per Handschuh seinen Naseninhalt ergründet, wehrt er sich nicht. Er strahlt dezente Demut aus, und das reicht, um sich in dieser Machobranche verdächtig zu machen. (…) Sein Problem war ja nicht der Lettland-Kopfball, sein Problem waren eher jene Kopfbälle, die er zwei Jahre zuvor in Asien verwandelte. An denen wird er bis heute gemessen. „Kein Zweifel, dieser Klose wird ein Weltstar“, schrieb die Gazzetta dello Sport. Wenn nicht alles täuscht, ist Klose jetzt, im Alter von 26 Jahren, dabei, in jene Zukunft zurückzukehren, von der man damals dachte, dass er sie hat.“
Stefan Hermanns (Tsp 16.11.) stellt Moritz Volz vor: „Kaum jemand in Deutschland kennt Volz, aber genauso zweifelt kaum jemand an der Richtigkeit seiner Nominierung. Nach Robert Huth und Thomas Hitzlsperger galt Volz ganz automatisch als „der Nächste“. Die Berufung ist zu einer Art self-fulfilling prophecy geworden: Moritz Volz wird Nationalspieler, weil alle erwarten, dass er Nationalspieler wird. Wenn Volz bei Borussia Mönchengladbach, dem 13. der Bundesliga, spielen würde und nicht beim FC Fulham, dem 13. der englischen Premier League, wäre er vermutlich nicht in den Kreis der Nationalelf berufen worden. Seine bisherige Karriere jedenfalls ist nicht unbedingt zielstrebig auf die Nationalmannschaft zugelaufen.“
Montag, 15. November 2004
Interview
Sklavenhandel
Winfried Schäfer im Gespräch mit Michael Ashelm (FAS 14.11.)
FAS: Müssen Sie in Mentalitätsfragen Fingerspitzengefühl beweisen?
WS: Ich kann die Spieler nicht bevormunden, sie brauchen Respekt und keinen Besserwisser. Wenn ich einem sagen würde, du bist zu dick, dann würde er nicht mehr für mich laufen. Dann könnte ich den Laden dichtmachen. Die Spieler müssen mir vertrauen. Wenn man das richtig macht, ist man für sie der Vater oder große Bruder. Die Spieler brauchen diesen Halt, dann geben sie alles für dich.
FAS: So respektvoll gehen nicht alle mit Spielern um.
WS: Nehmen wir doch nur die Talentsuche. Die meisten Afrikaner werden zu jung von irgendwelchen Beratern aus dem Land herausgeholt. Das ist unheimlich gefährlich. Dann fehlt ihnen dieser Halt. Die kommen mit 15 nach Europa und wissen nicht, ob sie wirklich Karriere machen. Wenn nicht, gelten sie in ihrer Familie als große Versager. Das ist das Schlimmste.
FAS: Das sind die Auswüchse des Fußballgeschäfts.
WS: Ich habe oft auf dieses Problem hingewiesen. Was da einige dubiose Spielervermittler machen, ist reinster Sklavenhandel. Da kommt aus Rumänien ein Spielervermittler und gibt dem Trainer oder Präsidenten des Vereins X 5000 Euro, nimmt drei Spieler mit. Die Spieler, die es dann nicht schaffen, landen in der Gosse. Das ist ein Problem für Schwarzafrika. In Istanbul gibt es so viele schwarze Spieler, die es nicht geschafft haben. Sie sind jetzt ganz, ganz unten.
FAS: Zu Ihrer Mannschaft. Da gibt es bestimmte Rituale, wie man hört, zur Einstimmung auf ein Spiel.
WS: Zehn Minuten vor Ankunft im Stadion steht meistens Eto‘o im Bus auf, fängt an zu klatschen und alle außer dem Busfahrer müssen mitmachen.
FAS: Sie auch?
WS: Ja. Wir klatschen und singen.
FAS: Und was?
WS: Zum Beispiel: „Monsieur Ministre, gib her das Geld, gib her die Prämie.“
Internationaler Fußball
Wundertüte des Fußballs
Viel zu berichten aus England, Christian Eichler (FAZ 15.11.) fasst zusammen: „Der Deutsche des Tages ist nicht der neu ins Nationalteam berufene Moritz Volz, der mit Fulham dem FC Chelsea 1:4 unterliegt; auch nicht Robert Huth, dem Chelsea-Trainer José Mourinho einen Zehn-Minuten-Einsatz erlaubt; nicht einmal Jens Lehmann, der mit einigen Klasseparaden Meister Arsenal einen epochalen 5:4-Sieg in Tottenham rettet. Nein, es ist der vierte unter den England-Deutschen, die der frühere Tottenham-Profi Klinsmann fürs Kamerun-Spiel nominiert hat. Thomas Hitzelsperger schießt mit einem herrlichen Links-Volley das 2:1-Siegtor für Aston Villa beim Tabellenvierten Bolton Wanderers. So ist das eben mit der Premier League, der Wundertüte des Fußballs: Knalleffekte, wo man hinschaut. (…) Arsène Wenger hat das torreichste aller 148 Nordlondon-Derbys ratlos gemacht. „Seltsam, letztes Jahr hatten wir die gleiche Abwehr, und sie war die beste in England.“ Und nun: Gegentore en masse. Henry urteilt: „Das ist der Stil von Siegern.“ Siegerstil, mentale Stärke: José Mourinho definiert das etwas anders. „4:5? Das ist Eishockey.“ Der Portugiese hat das Kontrolldenken, das den FC Porto zum Champions-League-Titel führte, zu Chelsea mitgebracht. 15 Uhr im altertümlichen Craven Cottage am Themse-Ufer: Der Besuch aus Deutschland hat es so eben rechtzeitig quer durch die britische Fußball-Metropole geschafft. Er erlebt ein 4:1 im West-Londoner Derby, mit dem Mourinhos Elf die Tabellenführung verteidigt. Ihre Defensive dominiert so sehr, daß Fulham-Trainer Chris Coleman glaubt, „den kommenden Meister“ gesehen zu haben.“
Europas Fußball vom Wochenende: Ergebnisse, Tabellen, Torschützen NZZ
Unterhaus
Vom überkandidelten Chaos-Klub zu einem modern geführten, gesund wirtschaftenden FC Bodenständig
Thomas Becker (SZ 15.11.) skizziert den Wandel des 1. FC Saarbrücken: „Das Anspruchsdenken und die Großmannssucht der vergangenen 25 Jahre scheint einem pragmatischen Realismus des Mach- und Bezahlbaren gewichen zu sein. Wenn Horst Ehrmanntraut über Klassenerhalt statt Aufstieg spricht, wirft ihm niemand Defätismus oder Schwarzmalerei vor. Vielmehr wird kurz genickt und dann wieder flott an die Arbeit gegangen. Der Traditionsverein, Gründungsmitglied der Bundesliga, ist im Wandel begriffen: vom überkandidelten Chaos-Klub zu einem modern geführten, gesund wirtschaftenden FC Bodenständig à la Mainz und Freiburg. Wo vor gar nicht allzu langer Zeit noch jeder Cent für eine möglichst prominent besetzte Mannschaft ausgegeben wurde, investiert man nun endlich in professionelle Strukturen: Kunstrasen samt Technik-Parcours, Leistungszentrum für den Nachwuchs, Renovierung des 50er-Jahre-Vereinsgeländes, Zusammenarbeit mit einem Sportgymnasium – eigentlich Selbstverständlichkeiten, anderswo längst gang und gäbe.“
WM 2006
Biedere Niedlichkeit macht sich besser bezahlt als extravagante Entwürfe
„Deutschland streitet nicht mehr um Hartz IV, Deutschland streitet über Goleo VI“ (taz) – ist Leipzig WM-tauglich? (BLZ)
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Biedere Niedlichkeit macht sich besser bezahlt als extravagante Entwürfe
Thomas Klemm (FAS 14.11.) hat sich Deutschlands WM-Maskottchen Goleo VI angeschaut: „Ähnlichkeiten des stilisierten Löwen mit „Alf“, Figuren aus der „Muppet Show“ oder der „Sesamstraße“ sind nicht zufällig – allesamt wurden sie von der amerikanischen Jim Henson Company entwickelt. „Pille“, der Stichwortgeber für die Hauptfigur, wurde von den Kölner GUM Studios kreiert. Modern soll das Maskottchen wirken und auch über eine vom Münchner Medienunternehmen EM-TV produzierte Fernsehserie als „Brücke zum Fan“ dienen, hoffen Fifa und WM-OK. Fachleute wie Kurt Weidemann sind skeptisch. „Zeitgemäß fand ich diesen Firlefanz nie“, sagt der ausgezeichnete Grafikdesigner und frühere Professor. (…) Biedere Niedlichkeit macht sich besser bezahlt als extravagante Entwürfe – dies zeigte sich ex negativo bei der vorigen WM in Japan und Südkorea. Was wurde für ein enormer Aufwand betrieben, um drei computeranimierte Figuren zu entwickeln und ihnen durch eine Abstimmung in asiatischen McDonald’s-Filialen Namen zu geben! Am Ende erblickten drei futuristische Aliens das Licht der virtuellen Welt. Ihre Erfinder nannten sie „Spheriks“, doch leider hatten die Energiewesen „Ato, Nik und Kaz“ herzlich wenig mit Fußball zu tun – und die Fußballfans dieser Welt wollten nichts mit diesen Computerbankerten zu tun haben.“
René Martens (FTD 15.11.) warnt: „All die 1-Euro-Jobber, die nun bis zur WM den Löwen geben müssen, können einem schon jetzt Leid tun, vor allem man bedenkt, was einem Kollegen Goleos, dem Grotifanten aus Krefeld, kürzlich widerfahren ist. Beim Pokalspiel zwischen dem KFC Uerdingen und Fortuna Düsseldorf wurde er vom Torhüter der Gäste zunächst angepöbelt („hässlicher Elefantenkopf“) und dann verkloppt. So wie Goleo aussieht, kann er einen guten Bodyguard gebrauchen.“
Er scheißt klug. Dieser Ball sollte eigentlich Johannes B. Kerner heißen
Robin Alexander & Arno Frank (taz15.11.) schlagen die Hände überm Kopf zusammen: „Der Schock sitzt tief. Deutschland streitet nicht mehr um Hartz IV. Deutschland streitet über Goleo VI. (…) Goleo VI heißt übrigens deshalb Goleo VI, weil angeblich die ersten fünf Entwürfe für ihn in die Mülltonne wanderten. Wie schlecht müssen die Maskottchen gewesen sein? (…) Und das Schlimmste kommt noch: der Ball. Der argentinische Gauchito (1978) stoppte den Ball, der italienische „Ciao“ balancierte das Spielgerät 1990 elegant auf den Schultern, der amerikanische „Striker“ schoss ihn 1994 fröhlich nach vorn und der französische „Footix“ (1998) streichelte ihn gar zärtlich. Alles schöne Dinge, die man mit einem prallen Ball machen kann. Goleo dagegen kann – hier trifft er die deutsche Nationalmannschaft – nichts mit dem Ball. Er hält ihn nur in der Hand. Dafür kann der Ball: nämlich sprechen. Er gibt Anekdoten zum Besten, Statistiken und jede Menge Daten. Er weiß alles besser. Er scheißt klug. Dieser Ball sollte eigentlich Johannes B. Kerner heißen.“
Leipzig muss den DFB und die Fifa von seiner Eignung noch überzeugen
Vor dem Spiel gegen Kamerun – Grit Hartmann & Jens Weinreich (BLZ 15.11.) melden Zweifel an der Tauglichkeit Leipzigs als WM-Spielort: „Erstmals wird die 44 000 Zuschauer fassende Schüssel, gebaut für die WM 2006, ausverkauft sein, was ein gewisses Risiko birgt. Denn die zahlreichen Baustellen rund ums Stadion machen schon den täglichen Berufsverkehr zur Geduldsprobe. Die Stadt warnt deshalb vor „Stauerscheinungen“. (…) Das Länderspiel wird mehr als ein Testlauf fürs Verkehrsmanagement: Leipzig muss den DFB und die Fifa von seiner Eignung für den Confederations Cup 2005 und die WM 2006 erst noch überzeugen. Das Stadion ist von WM-Tauglichkeit noch so weit entfernt wie der Viertligist FC Sachsen vom Aufstieg in die Bundesliga. Im Innern versprüht das Hauptgebäude den maroden Charme der DDR. Kaum etwas ist zu sehen von all dem, was die Fifa so verlangt: Räume für Funktionäre, Sicherheitspersonal, Mediziner oder Medien – vor allem aber die infrastrukturelle Anbindung der Arena macht Sorgen. Mönchengladbach und Düsseldorf würden auch gern WM-Spiele ausrichten und verfügen über fertige Stadien – „Plan B“ heißt das im Sprachgebrauch des WM-OK, aber nur unter der Hand. Die Lobbyisten aus dem Rheinland werkeln fleißig. Und in Frankfurt am Main ist man nicht sonderlich amüsiert über das, was sich hinter der renovierten Leipziger Fassade abspielt, ringt aber um diplomatische Formulierungen.“
Bundesliga
Hierarchieflacher Fußball, raumgreifender Kombinationsfußball
Die Spiele des 13. Spieltags: Wolfsburgs „hierarchieflacher Fußball“ (taz) – Hannover erteil Mainz „Lektion in raumgreifendem, schnellem, präzisem Kombinationsfußball“ (FAZ) – Bielefelder „Systemfußball“ (FAZ) – „Ordnung und Arbeit“ (FAZ) in Mönchengladbach u.v.m.
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VfL Wolfsburg-VfB Stuttgart 3:0
Hierarchieflacher Fußball
Peter Unfried (taz 15.11.) hält Wolfsburg für einen soliden Tabellenersten: „Wolfsburg ist „die Stadt des Spitzenreiters“. Das ist fester Teil des Titelkopfs der Wolfsburger Allgemeinen Zeitung (…) Es sei ein gutes Zeichen, findet Pablo Thiam, der gleichzeitig Taktikverantwortlicher und eine Art Pressesprecher der Mannschaft ist, „wenn du gegen eine Mannschaft, die taktisch so weit ist wie der VfB, taktisch und spielerisch bestehst.“ Auch ein gutes Zeichen: Es wird derzeit in der Liga über Taktik geredet. Das hängt mit dem Erfolg des Kollektiv- und Systemfußballs der Aufsteiger zusammen. Wenn man so will, ist Wolfsburg auch ein Aufsteiger, und das Gerüst des Aufstiegs soll neben der neuen Innenverteidigung hierarchieflacher Fußball sein. Am Samstag war er ohne den gesperrten Weltklassespieler Andres d’Alessandro unbestreitbar noch flacher – was die Hierarchie betrifft, aber auch das spielerische Niveau und die Kreativität. Zu sehen war, was das Arbeiter-Mittelfeld Karhan-Sarpei-Thiam abzuliefern in der Lage ist: emotionsarmen, aber defensiv gut organisierten, fehler- und chancenarmen Fußball. So nahm man VfB-Lenker Hleb aus dem Spiel – und war besser als der VfB, der zwar auch emotionsarmen und defensiv gut organisierten, schließlich aber fehleranfälligen Fußball ablieferte.“
Kunst der Improvisation in einem Meer aus Widersprüchen
Javier Cáceres (SZ 15.11.) ist verdutzt: „Auch die letzte Sequenz der Partie trug irrationale Züge, oder wie anders soll man es nennen, wenn der Protagonist nach dem Ende des Spieles fluchend in die Kabine flüchtet? Zwei Weltklassetore hatte Martin Petrov erzielt, dadurch das 3:0 gesichert und die Green Card für die Tabellenspitze erneuert – und doch stob er wie in Rage davon. Später, als ihm die Journalisten ähnlich schmeichelten wie vor zwei Wochen, als er vier Tore erzielt hatte, war von dem Zorn freilich nichts mehr zu spüren. Eher war es, als entledige sich der genialische Bulgare der Zurückhaltung, die er, wie der Rest der Wolfsburger Mannschaft, mit sich herumtrug wie andere Leute einen Bußgürtel voller nach innen gekehrter Spitzen. „Wir haben nie von Platz eins gesprochen, aber schauen Sie auf Bremen in der letzten Saison . . .“, sagte also Petrov, und so, wie er seine Worte ausklingen ließ, schien es, als wolle er die Auslassungspunkte regelrecht mitdiktieren. Das wirkte seltsam wie fast alles an diesem Samstag, an dem allein der Umstand, dass das Spiel Petrov zum Protagonisten erwählte, keine Herausforderung an die Logik darzustellen schien: Wen auch sonst als den unberechenbarsten aller Akteure auf dem Platz? Wie Filme der Dogma-95-Bewegung sperren sich Wolfsburgs Spiele jeder dramaturgischen Vorhersehbarkeit. Skript? Wofür? Ist die Kunst der Improvisation in einem Meer aus Widersprüchen nicht viel spannender?“
Schalke 04-Hertha BSC Berlin 1:3
Schalke nimmt’s gelassen, stellt Christoph Biermann (SZ 15.11.) fest: „Schalke 04 verlor zwar, die schöne Serie von sechs Siegen riss ab, doch niemand auf den Rängen des Stadions pfiff. Ralf Rangnick musste in seinem elften Pflichtspiel zum ersten Mal eine Niederlage hinnehmen, und trotzdem wurde die Schalker Mannschaft fast mit Ovationen in die Kabine verabschiedet. „Unsere Zuschauer haben eben Ahnung“, sagte Gerald Asamoah. Die Geschehnisse der zweiten Schalker Heimniederlage bargen allerdings auch wenig Geheimnisse. Unübersehbar für fast jeden im Stadion war, dass die Gastgeber sich mühten, Schwung entwickelten und Chancen herausspielten, ihnen aber die körperliche und damit geistige Frische fehlte.“
Stefan Hermanns (Tsp 15.11.) widmet sich dem Sieger: „Der Sieg gegen den Tabellenzweiten war zwar überraschend, passte aber in die bisherige Geschichte dieser Saison. Mit spielstarken Mannschaften hat Hertha weniger Schwierigkeiten als mit den vermeintlich Kleinen der Liga. Von den Vereinen, die in der Tabelle vor ihnen stehen, haben die Berliner nur gegen die Bielefelder verloren – und die spielen ein ähnliches System wie Hertha: mit einem breiten Mittelfeld und nur einer echten Spitze.“
Werder Bremen-Bayer Leverkusen 2:2
Der Schiedsrichter hatte wohl das Bayer-Kreuz in der Tasche
Zu früh abgepfiffen, Jörg Marwedel (SZ 15.11.)? „Der Aufreger des Tages blieb Schiedsrichter Brych vorbehalten. Hatte in der Vorwoche sein Kollege Hermann Albrecht die angezeigte Nachspielzeit so lange überzogen, bis Hertha der Ausgleich gelang, pfiff Brych diesmal – trotz fünf Auswechslungen und einer anderthalbminütigen Verletzungspause Krzynoweks – ab, bevor die 90. Minute abgelaufen war. Die Reaktion fiel nicht nur beim Publikum derbe aus. „Der Schiedsrichter hatte wohl das Bayer-Kreuz in der Tasche“, mutmaßte Andreas Reinke. „Ich fühle mich verarscht“, sagte Thomas Schaaf.“
Viele Kleinigkeiten
Frank Heike (FAZ 15.11.) gibt zu bedenken: “Es ist nicht nur Fortune, die fehlt: Die Fahrigkeit in der Abwehr, schon beim späten Ausgleich in Berlin zu bestaunen, setzte sich fort – Ismaël, der mit Frank Baumann die dieses Mal oft konfuse Innenverteidigung bildete, hat selten schwächer für Werder gespielt. Es sind viele solcher Kleinigkeiten, die dazu führen, daß der deutsche Meister Werder Bremen sechs Punkte hinter Platz eins steht. Zwei Sekunden Fußball mehr oder weniger spielen da keine Rolle.“
Wir sind Männer, wir trinken doch nicht nur Fanta
Sven Bremer (FTD 15.11.) hat ein gutes Gedächtnis (oder einen guten Archivar): „Ob am 8. November 1975 im Hause Brych die Sportschau geschaut wurde, ist nicht überliefert. Der kleine Felix dürfte eh nichts mitbekommen haben. Er war erst drei Monate alt, als Wolf-Dieter Ahlenfelder die erste Halbzeit zwischen Werder und Hannover nach einer knappen halben Stunde abpfiff. Ahlenfelder unterstellte man damals („Wir sind Männer, wir trinken doch nicht nur Fanta“) einen über den Durst getrunken zu haben. Felix Brych sollte man das nicht unterstellen. Der Schiedsrichter war stocknüchtern, als er mit seinem finalen Pfiff für die wohl zweitkürzeste Halbzeit im Weserstadion seit Ahlenfelders Fauxpas sorgte.“
Hannover 96-FSV Mainz 2:0
Lektion in raumgreifendem, schnellem, präzisem Kombinationsfußball
Nicht nur Michael Eder (FAZ 15.11.) lässt sich von Hannover überzeugen: „Die Überraschungsmannschaft der bisherigen Saison mußte einen Rückschlag hinnehmen, seit ihrer Bundesliga-Premiere beim VfB Stuttgart am ersten Spieltag hatten die Rheinhessen nicht mehr so schwach gespielt. Trainer Jürger Klopp verzichtete auch darauf, wie die meisten Mainzer die Niederlage an einer Szene aufzuhängen, als Schiedsrichter Helmut Fleischer ein reguläres Tor von Conor Casey aus unerfindlichen Gründen nicht anerkannt hatte. „Wir werden es nie erfahren“, sagte Klopp zum verbreiteten Mainzer Lamento, das Spiel hätte ohne Fleischers Fehlentscheidung einen anderen Ausgang genommen. Was die ersatzgeschwächten Mainzer statt dessen erfuhren, war vor allem in der zweiten Halbzeit eine Lektion in raumgreifendem, schnellem, präzisem Kombinationsfußball, der nur eine kleine Schwäche hatte: ein paar Tore zuwenig, gemessen an der Zahl der hübsch herausgespielten Chancen. (…) Von den Abstiegsrängen ist Hannover nach einem Drittel der Saison nun so weit entfernt, daß dieses Thema für den Rest der Saison erledigt sein sollte.“
1. FC Kaiserslautern-Borussia Dortmund 1:0
In der Pfalz sind sie ein Stück weiter
Martin Hägele (SZ 15.11.) macht sich Sorgen um Dortmund: „Niemand kann mehr erkennen, dass Wörns in der vergangenen Saison die besten Zweikampfwerte der Liga aufgewiesen hat, und Kehl eine Silbermedaille von der WM 2002 zuhause aufbewahrt. Beide agieren langsam, sie sind Risikofaktoren. Während Wörns die Angst anzusehen ist, versucht Kehl durch Aggression seine Hilflosigkeit zu kaschieren. Van Marwijks Legende, dass der BVB nur wegen eines unberechtigten Elfmeters verloren habe, hilft da kein Stück weiter. Der Strafstoß, den der äußerst unsichere Referee Wagner verhängte, war höchst zweifelhaft. Die Niederlage gegen einen fußballerisch schwächeren Gegner haben sich die Dortmunder jedoch selbst zuzuschreiben. Weil sie nicht jene Mittel einbrachten, die solche Partien gemeinhin entscheiden: Mut, Selbstvertrauen oder gar Leidenschaft. (…) In der Pfalz sind sie längst ein Stück weiter. Mittlerweile hat sich das Publikum damit angefreundet, dass auch in dieser Saison im Betzenberg-Theater nichts anderes als das Schauspiel Abstiegskampf geboten wird. Nach dem katastrophalen Start wurden die Erwartungen unter Schmerzen aufs Nötigste reduziert. Am Samstag hat der lange Zeit kritisierte Trainer Kurt Jara Beifall bekommen.“
SC Freiburg-Arminia Bielefeld 2:3
Systemfußball
Vorbild Bielefeld – Peter Penders (FAZ 15.11.): „Während die Freiburger gegen alle drei Aufsteiger verloren haben und ihre letzten acht Partien mit sieben Niederlagen endeten, weiß die Arminia kaum noch, wohin mit ihrem Glück. Im Pokal das Viertelfinale erreicht, als Tabellensiebter derzeit bester Neuling und schon nach dreizehn Spieltagen am anvisierten Halbzeitziel von 20 Punkten angekommen – die notorische Fahrstuhlmannschaft scheint es sich derzeit kommod in der höchsten Spielklasse einrichten zu wollen. Der Aufsteiger ist derzeit die auswärtsstärkste Mannschaft der Liga, und auch das hätte jeder vor ein paar Monaten für unmöglich gehalten. (…) Gelobt und bestaunt wird überall der Systemfußball, den Rapolder der Arminia verordnet hat. Auch in Freiburg verhalf diese taktische Schulung der Arminia wieder zum Erfolg, obwohl das System zwischenzeitlich Lücken gezeigt hatte. Denn das ist das Gefährliche am ballorientierten Pressing, mit dem der Neuling den Gegner bekämpft – kleinste Risse können ein vermeintliches Bollwerk wie ein Kartenhaus zusammenstürzen lassen.“
Borussia Mönchengladbach-1. FC Nürnberg 2:1
Ordnung und Arbeit
Claus Dieterle (FAZ 15.11.) beschreibt Dick Advocaats Realismus: „Der gebremste Gladbacher Vorwärtsgang trägt Advocaats Handschrift. Auch wenn der gestrenge Fußball-Lehrer auf die Dauer durchaus höhere Ansprüche hat, richtet er sein System an den Spielern aus, die er hat, und läßt – einstweilen jedenfalls – Ergebnisfußball spielen. Aggressives Forechecking, hinten dichtmachen, und vorne auf die Schnelligkeit von Neuville setzen. (…) Die disziplinierte Gladbacher Defensivstrategie war ein Beleg dafür, wie man einen Gegner mit Ordnung und Arbeit allein in Schach halten kann. Diese Primärtugenden sind aber nur ein Baustein in Advocaats Formel: „Qualität und Arbeit bringen Erfolg. Arbeiten können wir alle, und wenn auch ein bißchen Qualität dazukommt, können wir auch was erreichen.“ Das klingt nach personellen Nachbesserungen.“
Stimmen zum Spieltag, SZ
Bildstrecke, SZ
Bundesliga
Neue Gesichter und frische Typen
Kommentare zum 13. Spieltag und zur Mitgliederversammlung in Dortmund
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Neue Gesichter und frische Typen
Good news von Michael Ashelm (FAZ 15.11.): „Die Liga lebt in diesen kalten Herbsttagen von herzerwärmenden Geschichten, von einst wenig beachteten oder in Vergessenheit geratenen Typen, deren Glückssträhne plötzlich gar nicht enden will. Einen Lauf nennt man so etwas im Fußball. Der Südafrikaner Buckley trifft in 13 Partien für seinen neuen Klub Arminia Bielefeld genauso oft wie in 110 Spielen im Trikot des VfL Bochum. Neuville, aussortiert bei Bayer Leverkusen, ist plötzlich als Gladbacher der beste deutsche Stürmer. Und dem Wolfsburger Petrow gelingen nach vier Toren vor vierzehn Tagen diesmal zwei am Stück. Wer erst mal auf den Geschmack gekommen ist, möchte man meinen, läßt nicht mehr locker. (…) Da ist es kein Wunder, daß die Liga mit bisher knapp vier Millionen Besuchern auf einen neuen Zuschauerrekord zusteuert. Neue Gesichter und frische Typen drücken dem Fußballprodukt dieses Jahres ihren Stempel auf.“
Ruine des Größenwahns
Josef Kelnberger (SZ 15.11.) befasst sich mit der Rücktrittsandeutung Bert van Marwijks: „Die Tendenz geht zum Totalschaden, sportlich wie wirtschaftlich, und offenbar will der Niederländer nicht haftbar gemacht werden. Zurück in internationalen Höhen sollte er, der die Borussia 2002 mit Feyenoord Rotterdam im Uefa-Cup-Finale stoppte, den Verein führen. Doch sein Verhältnis zur Mannschaft trägt dem Anschein nach nun schon kaum reparable Züge. So sieht das sportliche Ende der Präsidenten-Ära Niebaum aus: ein Trainer, der die Bundesliga nicht kennt und schon die eigene Haut zu retten versucht, im Abstiegskampf mit einer Mannschaft ohne Rückgrat. In Zeiten, in denen Hannover, Bielefeld oder Mainz vorführen, wie sich mangelndes Geld durch Kompetenz und Zusammenhalt kompensieren lässt, steht die Borussia da wie eine Ruine des Größenwahns. So viel Geld hat im deutschen Fußball nie jemand verbrannt wie die Borussia unter Niebaum – und es hat nicht einmal richtig Spaß gemacht. Nirgendwo ein fußballerisches Vermächtnis, auch die Ära Sammer wirkt im Rückblick freudlos, und die unheimliche Serie von schweren Verletzungen erscheint wie eine Buße für die Sünden vergangener Tage.“
Leidenszeit in Westfalen
Wolfgang Hettfleisch (FR 15.11.) fügt hinzu: „Der Mann mit dem schlohweißen Haarschopf ist keiner, der sich drückt. Dabei gibt es nicht wenige Trainer, die nach Niederlagen gar nicht schnell genug wegkommen können von der anschließenden Pressekonferenz. Nicht so Bert van Marwijk. Es gibt Indizien dafür, dass in den vergangenen Wochen selbst er gelegentlich seine gute Kinderstube vergaß. In Dortmund sagen sie, van Marwijk fühle sich von der Führung über die finanzielle Lage bei der Borussia arglistig getäuscht. Ihm seien vor der Verpflichtung Perspektiven aus Wolkenkuckucksheim ausgemalt worden. Dort, so weiß man inzwischen, wohnen Ex-Präsident und Noch-Geschäftsführer Niebaum und Manager Meier zur Untermiete. In dieser Woche will sich van Marwijk mit Niebaums Vorgänger und Nachfolger Rauball aussprechen. Manches spricht dafür, dass er seine Leidenszeit in Westfalen beenden und den Bettel hinwerfen wird.“
Entfremdung zwischen der Basis und den Nadelstreifenträgern
Roland Zorn (FAZ 15.11.) berichtet von der Mitgliederversammlung in Dortmund: „Niebaum und Meier bleiben bis auf weiteres in ihren Ämtern als Geschäftsführer der KGaA, mochten auch hier und da beifällig quittierte Rücktrittsforderungen laut werden. Niebaum präsentierte sich den Mitgliedern seines Vereins entschieden geschickter und souveräner als Meier, der sich oft genug in Zahlenkolonnen verhedderte und oft über die Köpfe der gemeinen Anhänger hinwegredete. Während Niebaum von der Versammlung „Solidarität und menschliche Wärme“ einforderte und schließlich auch gewährt bekam, machte sich Meier zum Feindbild eines Teils der anwesenden Mitglieder, weil der Manager und Geschäftsführer die undankbare Aufgabe übernahm, aus seiner Sicht die Gründe für die alarmierenden Ergebnisse der Dortmunder Geschäftspolitik zu erläutern und dazu nach Rechtfertigungen für die desaströsen Zahlen zu suchen. (…) Die Glaubwürdigkeit von Niebaum und Meier stößt inzwischen bei vielen Borussen angesichts der Notsituation, in welcher der Verein finanziell und sportlich ist, an Grenzen. Zudem wurde bei allen qualifizierten Wortmeldungen aus der Versammlung deutlich, wie stark die Entfremdung zwischen der Basis des BVB und den Nadelstreifenträgern der Borussia Dortmund GmbH & Co. KgaA inzwischen geworden ist. Ein Traditionsklub, der sich bei seinem Börsenausflug schwere Beulen abholt, hat erkennbar Schwierigkeiten, zurück zur alten Bodenhaftung zu finden. Am Sonntag zumindest unternahmen alle, die gefragt waren, und alle, die fragten, einen ehrenhaften Versuch, wieder aufeinander zuzugehen.“
Niebaum war als designierter Prügelknabe gekommen und ging als Triumphator
Wolfgang Hettfleisch (FR 15.11.) bemerkt Niebaums geschickte Rhetorik: „Niebaum ist es perfekt gelungen, die Stimmung im Saal aufzunehmen und sich zunutze zu machen. Er war als designierter Prügelknabe gekommen und ging als Triumphator. Indem er den Zuhörern gab, wonach es diese verlangt – den Glauben an die ideellen Werte des Fußballs, an den Verein, an die gemeinsame Identität. Er habe sich für den schwierigen Weg entschieden, sagte der scheidende Präsident in seiner hochemotionalen Abschiedsrede. Was in der verbreiteten Sehnsucht nach Versöhnung unterging: Es ist gut möglich, dass sich sein Verbleib in der Geschäftsführung der KGaA als der schwierige Weg für Borussia Dortmund erweist.“
Pleite, in Unternehmensberatungen zuhause
Andreas Burkert (SZ 15.11.) schaut den Leuten aufs Maul: “Der Mann am Rednerpult hat sich schick gemacht für den Tag der Abrechnung, er trägt Anzug und Krawatte. Vermutlich zieht er sich gewöhnlich anders an, er sagt, seine Familie stamme vom Borsigplatz, von dort also, wo das Gründungslokal des Ballspielvereins Borussia 09 e.V. Dortmund steht. Für den Mann aus dem Arbeiterviertel ist diese Borussia eine Herzensangelegenheit, er hat schon früher schlechte Zeiten mitgemacht. „Wir haben oft Scheiße gefressen“, spricht er ins Mikrophon, doch immer sei man wieder aufgestanden, die Fans des BVB und der Verein, und das wünsche er sich auch jetzt. Wenn das nur so einfach wäre. Der BVB ist nicht mehr am Borsigplatz zuhause, sein Zuhause sind zurzeit Unternehmensberatungen, die Firmenzusammenbrüche verhindern sollen. Borussia Dortmund ist pleite.“
Samstag, 13. November 2004
Allgemein
Ausstrahlung eines Arbeiters
Friedhard Teuffel (Tsp 13.11.) empfiehlt Erik Gerets den Blaumann als Garderobe: „Das müsste der Hausmeister sein, der gerade über den Flur läuft. Ein etwas bulliger Mann im Trainingsanzug mit einem leicht genervt wirkenden Gesichtsausdruck, der sagen könnte: Ihr habt doch alle keine Ahnung von Technik. Seht mal, ich bin schon früh aufgestanden und habe für euch die Glühbirnen ausgewechselt, weil ihr wieder die ganze Nacht das Licht habt brennen lassen. So läuft Erik Gerets durch die Geschäftsstelle des VfL Wolfsburg. Wolfsburg ist ein Ort der Gleichsetzungen. Die Stadt ist Volkswagen, und auch der VfL Wolfsburg ist VW. Der Automobilkonzern hält 90 Prozent der Anteile an der VfL Wolfsburg Fußball GmbH, der Verein 10 Prozent. Da muss jeder leitende Fußball-Angestellte auch zu VW passen. Der Klub hat sich im April dieses Jahres für den 50 Jahre alten Belgier Gerets entschieden. Gerets hat die Ausstrahlung eines Arbeiters, er war früher Verteidiger. Doch immer wieder überrascht er mit seinem offensiven Charme. Seine beiden Vorgänger Wolfgang Wolf und Jürgen Röber sind ebenfalls bodenständige Typen, aber sie wirkten nur wie Monteure, die an der Karosserie herumschraubten. Gerets dagegen könnte auch ein Vertrauensmann der Belegschaft sein. Mit seiner Art hat Gerets in Wolfsburg schon viel erreicht. Es gibt alle zwei Wochen Spitzenspiele in der VW-Arena. So nähert sich der Klub dem Ziel des VW-Konzerns. VW will den VfL Wolfsburg ins internationale Geschäft führen, damit würde das Unternehmen seinen Mitarbeitern noch mehr bieten. Vor allem aber würde die Marke bekannter. In Deutschland hat VW einen Marktanteil von 30 Prozent, auf dem europäischen Markt 18 Prozent. Im Frühjahr hatten die Wolfsburger eigentlich Christoph Daum verpflichten wollen. Doch möglicherweise war die zweite Wahl die bessere. Es ist im Moment keine Rede von einem seelenlosen Werksklub. Wie sollte es auch, wenn sich Gerets für den Verein entschieden hat, dieser kumpelhafte, mal rau und mal herzlich wirkende Trainer?“
Charakterlicher Kontrast zu Ailton
Richard Leipold (FAZ 13.11.) findet Gefallen an Lincoln: “Am leichtesten kommen manchmal diejenigen zum Erfolg, mit denen niemand (mehr) rechnet. Der brasilianische Fußballspieler Lincoln galt nach drei mageren Jahren in Kaiserslautern als Profi, der sich trotz großer Anlagen in der Bundesliga nicht durchzusetzen weiß. Die Pfälzer wollten ihn nicht mehr – nach langer Verletzungspause war die letzte Zeit am Betzenberg nicht nur sportlich ein Martyrium für den sensiblen Mittelfeldstrategen gewesen. Beste Voraussetzungen, um an einem Ort sein Glück zu versuchen, wo ohne Ansehen der Person jeder willkommen ist, der sich vorbehaltlos in den Dienst des Klubs stellt, egal, woher er kommt und wohin er vielleicht später will. Insofern ist Lincoln in Schalke gut aufgehoben. Mit ihm hat niemand gerechnet, nicht einmal die Verantwortlichen waren sicher, ob sie die richtige Wahl getroffen hatten. (…) Als charakterlicher Kontrast zu Ailton tritt Lincoln als Mannschaftsspieler ohne Allüren auf. Anders als viele „Zehner“ alter Schule ist er sich nicht zu schade, auch defensive Aufgaben zu übernehmen.“
Interview
Interview mit Jürgen Klopp
Sehr lesenswert! Jürgen Klopp (taz): „Will Deutschland Informationen zum Spiel haben?“ – Reinhard Rauball (FAZ): „Borussia Dortmund hat in den vergangenen Monaten ein sehr diffuses Bild in der Öffentlichkeit geboten, welches auch auf Sponsoren und Banken abstrahlt“ – Stefan ten Doornkaat, Sprecher der Schutzgemeinschaft der Kleinanleger (FR): „Wir fahren mit 180 Sachen durch den Nebel“
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Will Deutschland Informationen zum Spiel haben?
Sehr lesenswert! Jürgen Klopp im Gespräch mit Jutta Heeß & Peter Unfried (taz 13.11.)
taz: Herr Klopp, bringen wirs hinter uns; ein Linker sind Sie nicht, oder?
JK: Ich halte mich nicht für sehr politisch, aber wenn Sie mir so kommen: Selbstverständlich bin ich links. Eindeutig. Linker als Mitte.
taz: Was heißt das?
JK: Ich glaube an den Sozialstaat und habe kein Problem damit, Krankenversicherung zu zahlen. Ich bin nicht privat versichert, ich würde nie eine Partei wählen, weil die verspricht, den Spitzensteuersatz zu senken. Mein politisches Verständnis ist: Wenn es mir gut geht, soll es den anderen auch gut gehen. Und wenn ich etwas in meinem Leben niemals tun werde, dann rechts wählen.
taz: Sie gaben unlängst einem Spieler frei, weil seine Mutter Geburtstag hatte. Ein Tabu in der Branche. Wollen Sie den Umsturz?
JK: Wissen Sie, warum ich das getan habe? Über allem, was wir hier bei Mainz tun, steht die Familie.
taz: Sie selbst durften einst als Profi nicht zur Einschulung Ihres Sohnes.
JK: Ja, das ärgert mich heute noch. Damals war mir klar: Das wird nie wieder passieren! Ich frage mich noch heute: Warum habe ich nicht zum Trainer gesagt: Ich muss da hin?
taz: Sie haben es gar nicht versucht?
JK: Doch. Aber der Trainer hat gesagt: Willst du ihn mit der Videokamera aufnehmen oder was? Dahinter steht der Weicheivorwurf. Es hat lange gebraucht, bis ich das verstanden habe. (…)
taz: Herr Klopp, Sie sind ein Trainer, der über Fußball redet. Das macht sonst fast kein Kollege.
JK: Ich wundere mich auch darüber. Vielleicht liegt es daran, dass selten etwas zum Spiel gefragt wird. Sondern immer nur hypothetisches. So à la „Hätte man mit Ballack nicht besser gespielt?“
taz: Ihr Kollege Ralf Rangnick wurde jahrelang gemobbt, weil er im ZDF-Sportstudio fachlich redete.
JK: Ja, der Ralf hat damals völlig unbedarft die Tafeln hin und her geschoben. Das war ein Fehler. So konnte man ihn als kleinen Besserwisser abstempeln. Aber genau deshalb frage ich mich, ob man in Deutschland tatsächlich echte Informationen zum Spiel haben will – oder nicht? Will man hören „Sie hätten nicht mehr, sie hätten richtiger laufen sollen“? Ich bezweifle das.
taz: Doch, doch, wir wollen das.
JK: Dann machen Sie es auf Arte. Als kleine Exotensendung geht es vielleicht.
taz: Was ist das Problem?
JK: Früher spielte man Manndeckung. Da war die Frage angebracht: „Hätte der nicht diesen Zweikampf verloren, wäre dieses Tor nicht gefallen?“ Heute spielt man Raumdeckung. Aber viele Fragen basieren auf dem Verständnis von damals. Man sollte nicht mehr über die Spieler reden, sondern über das Spiel. (…)
taz: Ihr Freiburger Kollege Volker Finke erzählt seit Jahren, dass die Tabelle ein fast genaues Abbild des eingesetzten Kapitals ist. Kann man mit einem Etat von 20 Millionen über längere Zeit im oberen Tabellendrittel spielen?
JK: Weiß ich nicht, aber es wäre einen Versuch wert. Man muss sich greifbare Ziele setzen. Ich habe auch bewusst nicht gesagt: Das Ziel ist der Klassenerhalt. Das ist ja sowieso logisch. Es geht darum, in jedes Spiel unsere volle Energie reinzupacken. Und so gehen wir es an.
Für die schwarz-gelbe Familie übernehme ich gern wieder Verantwortung
Reinhard Rauball, Präsident Borussia Dortmunds, im Interview mit Roland Zorn (FAZ 13.11.) über seine neue Aufgabe
FAZ: Was braucht Ihr mit Verbindlichkeiten von fast 120 Millionen Euro belasteter Verein, um neues Vertrauen gegenüber den Fans, den Sponsoren, den Medien zu wecken?
RR: In allererster Linie ist ein Schulterschluß all derjenigen gefordert, die Verantwortung tragen. Der Verein hat in den vergangenen Monaten ein sehr diffuses Bild in der Öffentlichkeit geboten, welches auch auf Sponsoren und Banken abstrahlte. Dieser Eindruck war nicht gerade vertrauensfördernd. Das Allerwichtigste für uns ist, daß die intern entstandenen Irritationen begraben werden, daß es nur noch um die Zukunft und nicht um eine Endlosaufbereitung der Vergangenheit geht. Dafür mache ich mich stark.
FAZ: Es fällt auf, daß sich die Szene rund um den BVB wieder etwas beruhigt hat, seitdem Sie zurückgekehrt sind. Auch Großaktionär Florian Homm steht nicht mehr jeden Tag mit irgendwelchen Aussagen oder Dementis in der Zeitung, auch wenn er in dieser Woche noch einmal von sich reden machte, als er die Umwandlung der Dortmunder KGaA in eine reine Aktiengesellschaft forderte. Wie haben Sie zu dieser Entwicklung beigetragen?
RR: Ich bin relativ häufig in telefonischem Kontakt mit ihm. In Gesprächen mit Homm haben wir, dazu zähle ich auch Gerd Niebaum und Michael Meier, die Möbel wieder dahingestellt, wo sie hingehören. Und dazu gehört, daß ihm als Aktionär die Einflußnahme auf den Verein und damit auch auf das Aufsichtsorgan der Geschäftsführung nicht zusteht nach der etwas komplizierten Konstruktion der Kommanditgesellschaft auf Aktien. Das war etwas, was ihm ursprünglich wohl nicht so präsent war. Er wollte ja auch Leute in die Gremien des Vereins entsenden. Das habe ich sehr hart und sehr klar abgelehnt. Die Personalhoheit liegt ausschließlich beim Verein. Da darf kein Aktionär hereinreden. Das hat er eingesehen und sogar schriftlich bestätigt.
FAZ: Wo kann denn Homm Einfluß ausüben?
RR: Umgekehrt erkennen wir gern an, daß er sich im Rahmen der Kapitalerhöhung, und nicht nur da, sehr engagiert und dem Verein damit eine Liquidität verschafft hat, die der BVB gut gebrauchen konnte. Wenn man dann die klare Trennung hat, er auf der Aktionärsseite, ich und meine Kollegen auf der Vereinsseite, dann wird das klappen. Ich sage aber auch, Herr Homm repräsentiert (mit etwa 25 Prozent) den größten Kapitalanteil an der KGaA und der Vorstand des Vereins den zweitgrößten mit knapp 20 Prozent. Da ist es sicher ein Vorteil, wenn sich zwei so große Aktionärsblöcke gedanklich abstimmen, aber intern und nicht über die Medien. (…)
FAZ: Was ist das für Sie besonders Faszinierende an dem Verein Borussia Dortmund, der bei seinen Heimspielen regelmäßig 75 000 Anhänger und mehr begrüßt?
RR: Die Leute in Schwarz-Gelb fühlen sich bei uns geborgen. Der BVB ist eine Art Familienersatz. Für diese Familie übernehme ich gern wieder Verantwortung mit allem, was ich tue.
Diese Führung liegt mit ihren Entscheidungen seit zwei Spielzeiten daneben
Stefan ten Doornkaat, Sprecher der Schutzgemeinschaft der Kleinanleger (SdK), im Interview mit Frank Hellmann (FR 13.11.)
FR: Die SdK wird auf der Hauptversammlung sowohl der Geschäftsführung als auch dem Aufsichtsrat die Entlastung verweigern und die Geschäftsführer Gerd Niebaum und Michael Meier unmissverständlich zum Rücktritt auffordern. Warum?
StD: Weil die Geschäftsführung über einen Zeitraum von anderthalb Jahren nicht in der Lage war, einen Weg zur Entlastung der Finanzen einzuschlagen. Man kann sich gerne mal vertun: Aber diese Führung liegt mit ihren Entscheidungen seit zwei Spielzeiten daneben. Und es existiert nicht einmal ein Notfallplan.
FR: Sie stören sich auch daran, dass zwar Reinhard Rauball als neuer Frontmann installiert ist, Gerd Niebaum aber in der Geschäftsführung verblieben ist?
StD: Ich störe mich deshalb daran, weil Herr Niebaum weniger als Präsident denn als Manager versagt hat. Der Rücktritt vom Präsidialamt ist zu kurz gesprungen. Grundsätzlich werden die Vergütungen der Geschäftsführer am Erfolg des Unternehmens bemessen sind. Da würde ich sagen: Für eine miserable Leistung sollte man miserables Geld bekommen.
FR: Das heißt Rücktritt?
StD: Das heißt es.
FR: Welche Handhabe haben die Kapitalanleger, um diese Forderung durchzusetzen?
StD: Uns bleiben die Möglichkeiten des Aktienrechtes: Das ist die Nicht-Entlastung der Geschäftsführung und des Aufsichtsrates, der den Schlaf der Gerechten vollzogen hat. Eine andere Möglichkeit haben wir nicht. Das wäre schon mal eine Ohrfeige.
FR: Werden Sie am Dienstag ans Mikrofon treten?
StD: Na klar, das ist mein Job. Ich will nicht mehr das allgemeine Geseiere hören. Außer dem Schlagwort der Restrukturierung höre ich nichts Konkretes. Auch bei der geplanten Anleihe von Stephen Schechter weiß man überhaupt nicht, in welche Richtung der BVB gehen will. Wir fahren mit 180 Sachen durch den Nebel. Irgendwann muss mal der Öffentlichkeit reiner Wein eingeschenkt werden.
FR: Sie untersuchen auch andere Unternehmen. Was passiert mit einem Betrieb, der vergleichbare Zahlen präsentiert?
StD: Da würden die Köpfe der Vorstände rollen. Nehmen Sie Ron Sommer bei der letzten Telekom-Hauptversammlung: Auch bei ihm war der Druck der Anteilseigner über den Aufsichtsrat zu groß, obwohl das schwer vergleichbar ist.
Beruhigen Sie sich, und spielen Sie weiter!
Christian Grams, 14-jähriger Kreisliga-Schiedsrichter, im Gespräch mit Karin Bühler (SZ 13.11.)
SZ: Manche Fußballer sind 20 Jahre älter. Schauen die komisch, wenn Du aufläufst?
CG: Das tun sie fast überall. Manchmal höre ich sie tuscheln: so ein kleiner Schiri – und so jung! Aber ich habe ja schon 197 Partien geleitet, weil ich mit 12 Jahren angefangen habe.
SZ: Wie groß bist Du denn?
CG: 1,60 Meter. Wenn ich eine Karte ziehe, kommt es vor, dass die Spieler meckern. Wenn einer öfter meckert, sage ich einfach: „Seien Sie ruhig, ansonsten setzt’s was.“ Beim ersten Meckern sage ich meistens: „Beruhigen Sie sich, und spielen Sie weiter!“ Auf dem Platz müssen die Spieler aufpassen, sonst wird es für sie ein kurzer Spaß. Es gibt ja so Hitzköpfe, die sehen das richtig eng. Aber manche denken auch: Der Schiri ist auch nur ein Mensch. Mit dem kann man ganz normal babbeln.
SZ: Verteilst Du oft Rote Karten?
CG: In der Kreisliga ab und zu. Bei einem Jugendspiel daheim in der Gegend von Waldaschaff hat sich mal einer auf den Platz gestellt und gemeint, er kann mich beleidigen. Du Hurensohn hat er gesagt. Ich bin hin und habe gefragt: Warst Du das? Er war so dumm und hat ja gesagt. Da war ja klar, dass ich Rot ziehen musste.
SZ: Hast Du auch schon mal dem Falschen Gelb-Rot gezeigt wie Schiedsrichter Lutz Michael Fröhlich vorige Woche Michael Ballack?
CG: Das ist mir mal mit normalem Gelb passiert. Linienrichter haben wir in der Kreisliga ja nicht, aber dann haben mir ein paar Spieler die Situation erklärt. Mir ist aufgefallen, dass sie recht haben. Und ich dachte, es kommt nicht so gut, wenn ein junger Schiri alles besser weiß, also habe ich das wieder in Ordnung gebracht.
SZ: Übst Du Deine Gesten manchmal vor dem Spiegel?
CG: Nein. Ich versuche nicht so auf den Platz zu rennen, dass es behindert aussieht. Ich kenne andere Schiris, die laufen mit übertriebener Gestik rum. Das sieht dann lächerlich aus.
Internationaler Fußball
Lima die Schreckliche
Max Seelhofer (NZZ 13.11.) berichtet uns die Situation in Peru, das in der WM-Qualifikation fast keine Chance mehr hat: „In der schaurig grauen Stadt am Pazifik („Lima die Schreckliche“, hat sie der Schriftsteller und Journalist Sebastián Salazar Bondy 1955 genannt) gibt man sich portugiesisch bzw. ungarisch. In Lissabon hatte während der seit 1966 mehr als ein Vierteljahrhundert andauernden Krise des heimischen Fussballs männiglich von Eusebio und Co. geträumt und davon, wie Europa auf „Brasilianisch“ zu erobern wäre; in Budapest träumen sie noch heute von Puskas, Kocsis und Hidegkuti (Stichwort: Albtraum von Bern). Und seit mehr als einem Vierteljahrhundert (grosse Zeit: 1970 bis 1978; letzte WM-Teilnahme 1982) schwelgt auch Perus Fussballöffentlichkeit in der Vergangenheit: Cubillas, Sotil, Chumpitaz, Oblitas. Doch eine harsche Gegenwart meldet: Zehn Spiele, zwei Siege, je viermal unentschieden und verloren, meist eher mässige bis deplorable Vorstellungen. Zwar gar nicht so schlechte Spieler, einige mit stupender Technik, aber als Kollektiv nichts als ein psychotischer unorganisierter Haufen. Der Schuldige ist, wen wundert’s, der Trainer, der Director Técnico, der wenig charismatische Paulo Autuouri, Brasilianer, Weichei, Schreibtischtäter usw. Er wäre schon längst entlassen worden, wenn da nur nicht die Jahresgage von einer knappen halben Million vor Steuern (nicht „Nuevos Soles“, sondern „real money“, also USD) wäre. Und die muss, auch bei fristloser Entlassung weiter bezahlt werden – bis September 2005.
Bundesliga
Zwischen den Polen Organisation und Individualität
„In Deutschland hat es immer noch ein wenig den Geruch von Schwäche, einen starken Akzent auf Taktik und Systematik zu legen“ (SZ) – VfL Wolfsburg, „es hat nie einen Tabellenführer gegeben, der so zerknirscht in ein Topspiel gekrochen ist“ (FAZ)
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Christoph Biermann (SZ 13.11.) fasst die Entwicklung der Taktik zusammen: „Die Organisation des Spiels auf dem Rasen hat schon immer eine wichtige Rolle gespielt. „Aber vielleicht ist ihr hierzulande nicht durchgehend die Bedeutung zugemessen worden“, sagt Ralf Rangnick. In Deutschland war die Diskussion um den einzelnen Spieler stets wichtiger als die Frage danach, mit welchen Aufgaben ein Team auf den Platz geht. Bereits vor fast zehn Jahren spottete Volker Finke, damals neu in der Bundesliga, über den „Heldenfußball“ und stellte ihm den eigenen „Konzeptfußball“ gegenüber. Wie weit man mit Konzepten und perfekt geordnetem Spiel immer noch kommen kann, bewies das Finale der Champions League mit dem FC Porto und dem AS Monaco. Ähnliches galt für das griechische Team unter Otto Rehhagel. Das genaue Gegenmodell liefert beharrlich Real Madrid, wo eine Mannschaft mit uferloser individueller Klasse, aber ohne stimmige Ordnung wahrscheinlich auch in diesem Jahr wieder scheitern wird. Die Bundesliga bewegt sich zwischen den Polen „Organisation“ und „Individualität“ im Moment auf eine stärkere taktische Ausrichtung zu – und das tut ihr gut. Mit Erstarrung hat das nichts zu tun, es gibt vielmehr eine Tendenz zu interessanterem Fußball, und die tröstet über den Mangel an Weltstars zumindest ein wenig hinweg. (…) In Deutschland hat es immer noch ein wenig den Geruch von Schwäche, einen starken Akzent auf Taktik und Systematik zu legen.“
Es hat nie einen Tabellenführer gegeben, der so zerknirscht in ein Topspiel gekrochen ist
Wolfsburg leide am Erfolg, meint Frank Heike (FAZ 13.11.) vor dem Spiel gegen Stuttgart: „Es ist ziemlich merkwürdig, was da seit einigen Wochen beim Tabellenführer geschieht. Als der VfL Wolfsburg im September nach fünf Spieltagen zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte Erster war, konnte man eine interne Sprachregelung aus allen Sätzen der Profis herauslesen: „Psst, nicht weitersagen, wir sind ganz oben, aber verdient haben wir es nicht!“ Zwei Monate sind vergangen, und der VfL steht immer noch „dort oben“. Nun mag man einwenden, daß die Leistungen zuletzt vor allem auswärts eines Spitzenreiters nicht würdig waren – null Punkte, 0:9 Tore aus drei Spielen bei Hannover 96, dem FC Bayern München und dem 1. FC Nürnberg. Doch da die Verfolger auch patzten, ist der VfL Wolfsburg der schlechteste Erste nach einem zwölften Spieltag seit Einführung der Drei-Punkte-Regel. Hauptsache vorn, könnte man sagen. In Wolfsburg ist das anders. Denn der VfL kann sich über den Platz an der Sonne gar nicht mehr freuen. Aus der sympathischen Bescheidenheit vom Saisonbeginn ist die zerstörerische Kraft des Pessimismus geworden. Es hat wohl nie einen Tabellenführer gegeben, der so zerknirscht und selbstkritisch in ein Topspiel gekrochen ist.“
Deutsche Elf
Eine unbedachte Äußerung hat die Wirkung einer Tretmine
Welche Wahrheit darf wann, wer, wie aussprechen? Welche Erkenntnisse und Meinungen will wer, wie, warum verhindern und abwerten? Frank Hellmann & Jan Christian Müller (FR 13.11.) durchleuchten den Torwart-Diskurs: „Eine Meinung zur Torwart-Frage hat Andreas Köpke. Seine Ansichten formulierte der neue Bundestorwarttrainer erst diesen Sommer als Kolumnist des kicker. „Timo Hildebrand verkörpert für mich den Prototyp des modernen Torhüters“, sagte Köpke, hielt eine Eloge auf Stellungsspiel und fußballerische Qualität des Stuttgarters, dem er bescheinigte: „Da er seine Schwächen bei Standards abgebaut hat, gehört ihm auch in der Nationalelf die Zukunft.“ Es galt damals, die halbjährliche Rangliste zu kommentieren, die Hildebrand anführte und in der Oliver Kahn lediglich als Nummer drei auftauchte. Dazu Köpke damals: „Seine dicken Patzer in der Champions League und in der Bundesliga wiegen einfach zu schwer.“ In diesen Tagen würde der 42-Jährige so etwas nie sagen. Der Job des Bundestorwarttrainers kann zuhauf Ärger bereiten. Eine unbedachte Äußerung hat die Wirkung einer Tretmine. Michael Skibbe kann als Ex-Bundestrainer sagen, was er als Verantwortlicher für das A-Team nicht durfte: „Kahn wurde noch anders ausgebildet. Man sieht, dass Lehmann und Hildebrand eine höhere fußballerische Qualität haben.“ (…) „Klinsmann muss das ganze Theater beruhigen, sonst greift es auf die anderen Mannschaftsteile über“, fordert Beckenbauer. Bayern-Boss Rummenigge ruft nach einer Aussprache, „weil ich keine Lust habe, dass die Frage noch 20 Monate wie Kaugummi dahinzieht und wir alle darunter leiden.“ Etwa Sepp Maier. Der „Personal Trainer“ und Golfpartner Kahns hat erneut seinem Unmut Luft verschafft. „Oliver kann“, wetterte Maier, „seit Klinsmann da ist, nur noch verlieren.“ Auch Maier vergaß, wie Rummenigge, zu erwähnen, dass dessen fatalen Fehlgriffe bereits zu besichtigen waren, als die Hierarchie auf Jahre zementiert schien. Die beharrliche Fürsprache der Münchner Meinungsmacher verwundert ehemalige Nationaltorhüter. „Sie tun Olli damit keinen Gefallen“, findet Toni Schumacher. „Schlimm genug, wenn Kahn das nicht selbst regelt und dafür Rummenigge braucht. Wenn ihn Leute gut reden müssen, ist etwas nicht in Ordnung“, kritisiert Dieter Burdenski. „Wenn Kahn dieses Alibi-Gehabe nötig hat und mit dem Druck nicht klar kommt“, sagt Uli Stein, „soll er besser die Handschuhe an den Nageln hängen.““
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