Dienstag, 28. September 2004
Champions League
Ajax Amsterdam und seine Tips (1)
Unsicherheit in Leverkusen, „ob der Kader die nötige Qualität besitzt?“ (FAZ) – das Konzept Ajax Amsterdams – „spätestens 2007, wenn Fener 100 Jahre alt wird, wollen wir die Champions League gewinnen“ (die FR zitiert Christoph Daum)
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Ob der Leverkusener Kader die nötige Qualität besitzt?
Die FAZ (28.9.) fühlt Bayer Leverkusen den Puls: „Mit mulmigen Gefühlen trat die Mannschaft die Reise in die Ukraine an. Vor dem zweiten Gruppenspiel sind die Rheinländer in eine Krise geschlittert. In den letzten sieben Pflichtspielen gelangen dem Klub nur zwei Siege. Diese Erfolge versetzten die Leverkusener und ihren Anhang allerdings in Begeisterung. Doch nun wächst die Befürchtung, daß das 4:1 gegen den FC Bayern München und das grandiose 3:0 gegen Real Madrid nur einsame Höhepunkte und keine dauerhaften Leistungsnachweise waren. Vor dem Duell gegen den dreizehnmaligen Titelträger der ehemaligen Sowjetunion und elfmaligen ukrainischen Meister rückt die Frage in den Vordergrund, ob der Leverkusener Kader die nötige Qualität besitzt.“
Ein klar geordnetes, fest durchorganisiertes, betont offensives Spielsystem
Heinz-Wilhelm Bertram (BLZ 28.9.) befasst sich mit der Jugendarbeit Ajax Amsterdams: „Die holländische Fußball-Streitmacht steht genau für das, was dem FC Bayern dieser Saison noch abgeht, nämlich für ein klar geordnetes, fest durchorganisiertes, betont offensives Spielsystem. Schon in jüngsten Jahren erlernen die Ajax-Eleven schwungvollen Angriffsfußball im lupenreinen 4-3-3-System, das in dem Verein durch alle Jahrgangsstufen kompromisslos praktiziert wird. Jeder junge Fußballer bekommt zu Beginn seiner Ajax-Karriere den so genannten TIPS-Pass (Technic = Technik; Inside = Überblick; Personality = Persönlichkeit; Speed = Tempo). Alle vier Fächer werden in einer Zehnerklassifizierung durch alle Jahrgangsstufen benotet. Auch Johan Cruyffs Erben Rafael Vandervaart, Wesley Snijder und Wesley Sonck durchliefen diese Schule.“
Ein Medium
Christoph Daum lässt nichts unversucht – Tobias Schächter (FR 28.9.): „Um alles zum Guten zu wenden nach der 0:3-Heimniederlage zum Einstand ihres neuen Hoffnungsträgers Christoph Daum, legten zwei Offizielle das Schicksal ihres Fenerbahce Spor Kulübü in die Hände höherer Mächte. Ein „Medium“ brachte die zwei Männer dazu, in eine Tüte zu urinieren. Die Flüssigkeit wurde dann auf gezielt ausgesuchte Stellen im Sükrü Sacaroglu Stadion gegossen. Und siehe da: In der Folge gewann Fenerbahce Istanbul nicht nur das nächste Spiel 7:1, sondern auch den Titel. Vor gut fünf Wochen wurde all dies öffentlich, und Hohn und Spott ergossen sich über den meistgehassten Fußball-Club des Landes. Die Herren baten das „Medium“ nämlich erneut um Hilfe. Dumm nur, dass sie ihm vorher nicht die versprochene Meister-Prämie hatten zukommen lassen. Die Dame rückte mit einer versteckten Kamera an und verkaufte die bizarre Geschichte einem Fernsehsender. Derzeit führt „Fener“ die Superliga wieder an, und nach einem 1:0 gegen Sparta Prag stehen auch in der Champions League die Sterne günstig. Mit Okkultem hat dies nichts zu tun, auch wenn der Fußball-Lehrer Christoph Daum die Meisterschaft nach einer Aufholjagd als ein „kleines Wunder“ bezeichnete. Heute in Old-Trafford will Daum einen weiteren Meilenstein setzen auf seinem so ersehnten Weg nach ganz oben: „Spätestens im Jahr 2007, wenn Fener 100 Jahre alt wird, wollen wir die Champions League gewinnen.““
Montag, 27. September 2004
Interview
Für uns sind Rückschläge nicht mehr als Rückmeldungen
Jürgen Klopp im Interview mit Michael Eder & Thomas Klemm (FAS 26.9.)
FAS: Gerade hat Bundeskanzler Schröder gefordert, statt zu lamentieren, solle man die Ärmel „hochkrempeln“. Fordert er damit das, was Sie beim FSV Mainz 05 jede Woche vormachen?
JK: Ich glaube nicht, daß man das auf alle Lebensbereiche einfach übertragen kann. Unsere Probleme erscheinen im Vergleich zu anderen Problemen als regelbar, das ist ein Unterschied. Im Grundsatz glaube ich, daß man alle Dinge positiv angehen sollte. Aber auch der Bundeskanzler sollte nicht vergessen, daß einige Leute wirkliche und ernste Probleme haben. Lamentieren ist nicht der richtige Weg, aber manchmal verständlich.
FAS: Wie schafft man es denn, eine positive Mentalität in einer Gruppe entstehen zu lassen?
JK: Das hängt natürlich von den Protagonisten ab. Wenn man durch die Welt geht, wird man immer Leute finden, die das Glas als halbleer empfinden. Warum ich es prinzipiell als halbvoll betrachte, das kann ich nicht genau sagen. Aber in der Mannschaft haben wir viele solcher Typen, und Menschen lassen sich auch gerne positiv beeinflussen. Es macht das Leben angenehmer, wenn man die Chance sieht und nicht das Problem. Bei uns in Mainz ist alles dafür bereitet, daß die Spieler, wenn sie am Limit arbeiten, grundsätzlich positiv bewertet werden. Und daß nicht irgendwo nach Krümeln gesucht wird.
FAS: Wie schaffen Sie und die Mannschaft es, Rückschläge wie im DFB-Pokal oder die verpaßten Aufstiege wegzustecken?
JK: Wenn man alles investiert, dann darf man nicht erwarten, alles zu bekommen; es geht darum, das maximal Mögliche zu erreichen. Es gibt ein übergeordnetes Gesetz: Man kann nicht Fußball spielen, ohne damit zu rechnen, daß man Gegentore bekommt. Wenn es aber dazu führt, daß einen Gegentore oder Niederlagen aus der Bahn werfen, dann läuft etwas schief. Für uns sind Rückschläge nicht mehr als Rückmeldungen. Sich doppelt bestrafen, das darf nicht sein.
FAS: Ralf Rangnick wurde einst nach einem Fernsehauftritt, in dem er über Taktik sprach, als „Fußballprofessor“ tituliert, ein Image, das ihm noch heute anhaftet wie eine Klette.
JK: Ich bin Ralf Rangnick wirklich dankbar, daß er mir diesen Fehler abgenommen hat, weil mir das im Überschwang auch hätte passieren können. Es heißt dann sehr schnell, Fußball ist ein einfaches Spiel, und der macht einen auf Oberlehrer. Rangnick wurde damals in diese Rolle gezwängt.
Internationaler Fußball
Einer der letzten Idealisten der Branche
Peter Hartmann (NZZ 27.9.) kommentiert die Demission Rudi Völlers: „Völler, einer der letzten Idealisten der Branche, der von 1987 bis 1992 selber für die Römer stürmte, hat die italienische Realität von heute ziemlich unterschätzt. Die AS Roma gilt als das Paradigma für Grössenwahn und Auswüchse des Calcio – mit dem greisen, präpotenten Präsidenten Sensi, der unter dem Dach der luxemburgischen Holding „Roma 2000“ den unvorstellbaren Schuldenberg von 600 Millionen Euro anhäufte; mit den unkontrollierbaren, undurchsichtigen Ultra-Häuptlingen, die das letzte Derby gegen Lazio zum Platzen brachten; mit Lohnzahlungs- Rückständen bis zu neun Monaten; mit gefälschten Bürgschaften zur Erschleichung der Lizenz. Der Metropolen-Klub hängt an der Nabelschnur der Bank Capitalia, in der Fussballverbandspräsident Carraro im Verwaltungsrat sitzt, und überlebt – anders als etwa Napoli oder zuvor Fiorentina – auch dank politischer Protektion.“
25 Tage Albtraum
Birgit Schönau (SZ 27.9.) fügt hinzu: „25 Tage, die längsten vielleicht im Leben des Rudolf Völler. Eine Stadt, seine zweite Heimat, wie er selber sagt, die ihn enthusiastisch aufnahm wie einen verlorenen Sohn. Eine Fankurve, die dieselben Lieder für ihn sang wie vor 15 Jahren. Eine Mannschaft, die zwar mit Emerson und Samuel zwei wichtige Spieler verkauft hatte, aber doch ein Riesen- potenzial besaß. Die im Vorjahr die beste Abwehr hatte, den besten Sturm, und damit Meisterschaftszweiter geworden war. Und dann das. 25 Tage Albtraum. (…) Völler muss die Jungs ganz anders behandeln, grummelte es in den Kaffeebars. Strenge muss her. Ist er Deutscher oder nicht? Römer schicken ihre Kinder gern zur Deutschen Schule, weil sie meinen, dort würden ihnen Manieren beigebracht. Und doch kippte die Stimmung nach dem Unentschieden gegen Lecce, die Mannschaft des früheren Roma-Trainers Zdenek Zeman, eines individualistischen, leicht verschrobenen Tschechen. Völler muss weg, sagten die ersten in den Bars. Ein anständiger Mann, gewiss, und ein großartiger Fußballspieler seinerzeit. Aber er kann sich nicht durchsetzen. Die machen doch mit ihm, was sie wollen. So hatte Rom, wo die Gnadenlosigkeit der Arena seit 2000 Jahren Tradition hat, den Daumen schon halb gesenkt, als Völlers Mannschaft, begleitet von ein paar Tausend Tifosi, nach Bologna fuhr, ihrem Untergang entgegen. Es war eine peinliche Vorstellung. Drei Tore kassiert, vom Schiedsrichter gehätschelt, selbst als nur noch neun Gegner auf dem Platz waren, spielte die Roma wie „eine lasche, falsch aufgestellte Mannschaft ohne Rückgrat“.“
Dirk Schümer (FAZ 27.9.) ergänzt: „Sportdirektor Franco Baldini, der den früheren Roma-Spieler Völler geholt hatte, nahm die herbe Enttäuschung ritterlich und gab sich selbst die Schuld am Mißverständnis dieses Arbeitsverhältnisses: „Am besten würde ich selbst zurücktreten. Rudi hätte etwas mehr Zeit nötig gehabt, die Spieler richtig kennenzulernen.“ Offenbar war es aber genau das, was Völler vermeiden wollte, weil er bereits genug von der Disziplinlosigkeit und Eitelkeit mancher Profis abgestoßen war. Umgekehrt verschont Italiens Presse aber auch den deutschen Trainer nicht mit Kritik. So schrieb die „Gazzetta dello Sport“ über den erbärmlichen Auftritt: „Eine derart ungeordnete Roma ist auch Völlers Werk.“ Auch der „Corriere della Sera“ warf Völler die verkehrte Spielerauswahl und Mängel bei der Taktik vor. Auf der anderen Seite weiß man auch in Italien Völlers Anstand und Geradlinigkeit weiter zu schätzen – besonders in einem Fußballgeschäft, „wo man sonst nur seine Rechte, nicht aber die Pflichten kennt“, wie ein Kommentator bemerkte. Mit seinem freiwilligen Abgang verzichtet der Deutsche, der einen Jahresvertrag unterschrieben hatte, auf ein Gehalt von 2,6 Millionen Euro und behält angesichts dieser mittlerweile als „untrainierbar“ geltenden Mannschaft seine Würde.“
Die Macht der Starspieler
Christian Zaschke (SZ 27.9.) vergleicht die Fälle Heynckes, Camacho und Völler: „In allen drei Fällen waren es die Spieler, die sich gegen den Trainer gewendet haben. Völler stellte fest, dass seiner Mannschaft die Disziplin fehlt, und offenbar hatte der 44-Jährige nicht die nötige Autorität, diese Disziplin herzustellen. Auch Camacho, 49, der Trainerkategorie der harten Hunde zuzurechnen, sollte dem Ensemble von Real Madrid eine Linie verpassen. Der brasilianische Verteidiger Roberto Carlos merkte dazu an: „Wer auf den Tisch haut, verletzt sich die Hand oder zerstört den Tisch.“ Womit er sagt, dass er nicht gewillt sei, sich eine Linie verpassen zu lassen. Auf Schalke hatten die Spieler keine Lust mehr auf den autoritären Stil von Heynckes, 59. Man schreibe das Jahr 2004, hieß es, aber Heynckes sei ein Mann der alten Schule, er habe die Spieler nicht mehr erreicht. Das lässt sich in allen drei Fällen sagen, die Trainer erreichten die Spieler nicht, und das hat den einfachen Grund, dass die Spieler nicht erreicht werden wollten. (…) Aus den drei Fällen lässt sich lesen, wie enorm die Macht der Starspieler in Großprojekten wie Madrid, Rom und auch Schalke geworden ist. Wenn sie sich nicht trainieren lassen wollen, scheitert das Projekt, und ein Druckmittel hat der Trainer nicht.“
Bundesliga
Anti-Ailton
Der 6. Bundesliga-Spieltag: „die Basis für den Titelgewinn scheint beim VfB viel gesünder zu sein als bei Leverkusen“ (FAZ) – Enttäuschung über die Zuschauerzahl in Wolfsburg – Miroslav Klose, der „Anti-Ailton“ (FAZ) und ein guter Bremer Griff – München: Roy Makaay und sonst nicht viel – „der Gute-Laune-Eddy dankt ab“ (FAZ) – Bielefeld siegt mit „Guerilla-Taktik“ (SZ) in Nürnberg u.v.m.
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VfB Stuttgart-Bayer Leverkusen 3:0
Kontrollierte Offensive
Martin Hägele (FR 27.9.) beschreibt den nahtlosen Übergang auf dem Stuttgarter Trainerposten: „Matthias Sammers Profis hatten offensichtlich begriffen, dass von ihnen ein Signal verlangt war und ein Paukenschlag gegen Leverkusen ideal wäre, um nicht nur auf dem nationalen Markt, sondern auch im Hinblick auf die internationale Aufmerksamkeit richtig zu punkten. Die Mannschaftssitzung, berichtete Sammer, habe gerade fünf Minuten gedauert, „eigentlich fahrlässig“. Die Art und Weise, wie der VfB Stuttgart den Leverkusenern Grenzen aufzeigte, hat imponiert. Nicht etwa, dass sie diese im Stil der jungen Wilden in Grund und Boden gerannt hätten. Es ist eher die viel beschworene „kontrollierte Offensive“, die Sammer nun im Schwabenland vorführen lässt. Die Philosophie und der Aufschwung des VfB beruhte auf Felix Magaths These, wonach hinten möglichst eine Null zu stehen habe. Nun baut Sammer auf dem Konzept seines Vorgängers auf. Und man sieht weiteren Fortschritt.“
Die Basis für den Titelgewinn erscheint beim VfB viel gesünder zu sein als bei Leverkusen
Stuttgart ist nicht Madrid – Peter Heß (FAZ 27.9.): “Wenn Matthias Sammer einmal nichts zu meckern findet, um mehrere lobende Sätze am Stück nicht herumkommt, dann klammert er sich gern an das Wörtchen bis. Bis jetzt, bislang, bis hierher, bis heute: Mit diesen Formulierungen fand der Trainer des VfB Stuttgart wenigstens eine zeitliche Einschränkung. Das 3:0 hatte keine Wünsche offengelassen. Diesmal erschien Sammer allerdings nicht als „Motzki“, wie ihn die Boulevardpresse einmal taufte, sondern als vernünftiger Mahner. Der Gegner diente als lebender Beweis, wie schnell sich im Fußball das Glück drehen kann. Nach dem 4:1 über Bayern München und dem 3:0 über Real Madrid wurde die Mannschaft von Trainer Klaus Augenthaler flugs zum Meisterschaftsfavoriten gekürt. Erklärungen für die Leistungsschwankungen lassen sich in drei Schlagworte bündeln: Motivation, Einstellung, Aggressivität. (…) Die Basis für den Titelgewinn erscheint beim VfB viel gesünder zu sein als bei Leverkusen. Den Stuttgartern mangelt es nicht an spielerischer Begabung, aber eine Künstlerkolonie wie in Leverkusen hat sich im Schwabenland nicht zusammengefunden. Der VfB bildet eine kompakte, disziplinierte Einheit mit Laufwillen und Kampfbereitschaft. Falls es sich anbietet, ist die Mannschaft zu schnellen, direkten Spielzügen fähig. Aber sie wird ihren Fans kaum solche rauschhaften Vergnügen bereiten wie Leverkusen.“
Ledern, leidend und zerfurcht
Oskar Beck (FTD 27.9.) schaut Klaus Augenthaler zwischen Hals und Scheitel: “Unweigerlich ist man in der Pressekonferenz nach dem fast wehrlos hingenommenen 0:3 an die berühmte Quizfrage des Komikers Olli Dittrich erinnert worden: „Was ist ein mit Leder ummanteltes Stück Luft?“ Der Ball, dachten seinerzeit alle – bis die richtige Antwort kam: „Klaus Augenthaler.“ Ledern, leidend und zerfurcht hat der Leverkusener Trainer auch jetzt wieder aus der Wäsche geschaut. In jedem Indianerfilm könnte er mit seiner von der beginnenden Krise gegerbten und wie bei einer Ziehharmonika in Falten gelegten Haut den Häuptling Ratloser Plattfuß spielen – denn irgendwie vermitteln seine wie die Titelanwärter in die Saison gestarteten Profis den Eindruck, als hätten sie seit dem 3:0 gegen Real Madrid ihre Munition verschossen. Am Tag vor seinem 47. Geburtstag sah er aus wie 74 – nur seine Mannschaft wirkte noch älter. (…) Er hat fast ausgesehen wie jener schottische Trainer, der nach einer Schlappe seiner Mannschaft zur nachbohrenden Presse sagte: „Haben Sie noch Fragen, bevor ich gehe und mich aufhänge?““
VfL Wolfsburg-1. FC Kaiserslautern 2:1
Eine Zahl, die niemand verstand
Nicht alles in Wolfsburg ist reif für die Tabellenspitze – Dirk Steinbach (BLZ 27.9.): „In Fußballstadien wird gern und häufig gepfiffen. Gegen den Schiedsrichter, den Gegner und manchmal auch die eigene Mannschaft. Dass sich aber der Unmut gegen die Anzeigentafel richtet, ist neu. So geschehen in Wolfsburg, als die Zuschauerzahl präsentiert wurde. 18 295 stand dort in riesigen schwarzen Ziffern. Eine Zahl, die niemand verstand. Wolfsburg ist Tabellenführer, hat ein schickes Stadion und spielt ansehnlichen Fußball. Doch viel zu wenige gehen hin. „Ich werde erst dann zufrieden sein, wenn auch der letzte Platz in der Arena mit einem Fan des VfL besetzt ist“, sagte Trainer Erik Gerets trotzig. Das Dilemma des Klubs ist die geographische Lage. Im benachbarten Braunschweig gehen die Menschen lieber zum Traditionsklub Eintracht in die Regionalliga, als zu den Spielen des Emporkömmlings. In Magdeburg, ebenfalls nur wenige Autominuten entfernt, ziehen die Handballer die Massen an. Da helfen auch zahlreiche und gute Marketingaktionen wenig. Immerhin kommen fast zehn Prozent der Einwohner Wolfsburgs, so das Ergebnis einer Zuschauerbefragung, zum VfL. Trotzdem schmerzen die leeren Plätze.“
So habe ich unser Publikum noch nicht erlebt
Frank Heike (FAZ 27.9.) beschwichtigt: „Ein Heimspiel als Tabellenführer gegen den alten Klub des Trainers, und es kommen nur 18 000 Zuschauer? Ja, so ist das in Wolfsburg. Doch diejenigen, die auf der Nordtribüne standen, entfachten die beste Stimmung seit Eröffnung der Arena vor knapp zwei Jahren. „So habe ich unser Publikum noch nicht erlebt. Ohne Zuschauer hätten wir das 2:1 nicht gemacht“, sagte Erik Gerets. Tatsächlich scheinen die scheuen Wolfsburger Anhänger die Zuneigung zum Klub endlich entdeckt zu haben – sie wollten den VfL zum Sieg brüllen.“
Wer macht Wolfsburgs Abwehr so stark, Jan Christian Müller (FR 27.9.)? “Der Abwehrrecke Kevin Hofland hat sich, just von Marco van Basten ins niederländische Aufgebot fürs nächste WM-Qualifikationsspiel berufen, an der Seite des argentinischen Internationalen Facundo Quiroga zum nahezu unüberwindbaren Hindernis für gegnerische Stürmer entwickelt, und Torwart Simon Jentzsch hält endlich wieder, wie einst bei 1860 München, die paar Unhaltbaren, die Hofland und Quiroga überhaupt durchlassen.“
VfL Bochum-Werder Bremen 1:4
Anti-Ailton
Miroslav Klose, ein guter Griff für Bremen – Roland Zorn (FAZ 27.9.): „Der Diva Ailton ist ein Weiterverarbeiter gefolgt, dem nichts fremder ist als Starrummel und Dauerpräsenz in den Medien. Dieser Anti-Ailton war den Bremern dennoch eine Transferausgabe von fünf Millionen Euro wert. Nie, beteuerte Sportdirektor Klaus Allofs, hätten sie an der Weser daran gezweifelt, daß sich diese Investition noch auszahlen werde. Dieser Profi ist stürmisch und grüblerisch zugleich. Deshalb hatte der sensible Draufgänger mit dem verschämten Lachen daran zu knabbern, daß er bei der Europameisterschaft nicht das größte Vertrauen von Teamchef Rudi Völler genoß; der Schritt danach vom heimischen 1. FC Kaiserslautern zum Meister ins nordische Bremen fiel ihm zunächst auch alles andere als leicht.“
Christoph Biermann (SZ 27.9.) fügt hinzu: „Klose ist kein bulliger Angreifer, der Zweifel abzuschütteln vermag wie lästige Gegenspieler. Er ist ein Zweifler, der ständig die Kuscheldecke des Vertrauens spüren muss. In Bremen scheinen sie das verstanden zu haben, haben ihm brav Streicheleinheiten verpasst und ein Übermaß an Selbstkritik untersagt. „Er hat sich viele Dinge einreden lassen“, sagte Klaus Allofs. Weil aber das Imaginäre ganz real die Beine schwer machen kann, hatte Klose zunächst noch auf der Bank sitzen müssen.“
Bayern München-SC Freiburg 3:1
Es taucht stets ein großer blonder Mann auf
Wie im Film kommt sich Klaus Hoeltzenbein (SZ 27.9.) vor – und wie im Zoo: „Womöglich müssen die Freiburger Journalisten wieder nachsitzen in dieser Woche. Kommt ganz drauf an, was sie zu berichten hatten, und ob es Volker Finke gefallen hat. Wenn nicht, gibt es wieder so ein Filmchen zu sehen wie nach dem Pokalsieg. Da hatte Finke den Journalisten noch einmal die ersten 20 Minuten der Partie vorgeführt, um die Kritik an der Spielweise seiner Elf zu widerlegen – erst danach begann der einstige Gymnasiallehrer mit seinen Ausführungen zur Dienstreise in den Freistaat Bayern. Von der hat Finke viel „inneren Frust“ mit heim genommen. Sollte er auch zu diesem Spiel seine kleine Taktikschule mittels Video abhalten, wird die Regie viel komplizierter. Allerdings gibt es ein berühmtes Vorbild für alles, was sich im Olympiastadion zutrug: Groundhog Day, in deutschen Kinos: „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Die ständige Wiederholung des Immergleichen. Im Original wird ein zynischer TV-Wetterfrosch (Reporter!) jeden Morgen vom selben Sonny&Cher-Song aus dem Radio geweckt, es ist immer derselbe Tag, die Ereignisse in Punxsutawney wiederholen sich, nicht mal Selbstmordversuche bieten einen Ausweg. In der Kopie, in Volker Finkes C-Movie, würde also immer ein anderer allein auf ein großes Fußballtor zu laufen. Es taucht stets ein großer blonder Mann auf, und all die Willis, der Iaschwili, der Zkitischwili oder der Tobias Willi, lassen sich von ihm erschrecken. (…) Horror oder Komödie? Jedenfalls war jede dieser Chancen vielversprechender als alle, aus denen den Münchnern drei Treffer gelangen. Es passte wenig zusammen, wurde aber dennoch ein kurzweiliger Nachmittag, weil sich die Spielbeobachtung auf eine einzige Frage zuspitzen ließ: Wo ist er denn, was tut er gerade, was hat er jetzt wieder vor? Magath stellte fest: „Roy Makaay wird immer mehr zum Ziel unseres Spiels. Man sucht ihn.“ Derzeit ist es beim FC Bayern ähnlich wie im Zoo, wenn ein neuer Panda-Bär zu bestaunen ist. Trotz der vielen großen Tiere nebendran beobachten alle nur das eine.“
Borussia Mönchengladbach-Hansa Rostock 2:2
Jörg Stratmann (FAZ 27.9.) deutet Trainerworte: „“Wenn man das nicht abstellt, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man hält die Klasse nicht, oder man muß sich von Spielern trennen“ (Holger Fach). Ob der frühere, mit technischem Feingefühl gesegnete Profi mit seiner schonungslosen Kritik auf Dauer Erfolg haben wird, muß sich noch zeigen. Kollege Schlünz blieb lieber allgemein und kommentierte den glücklichen Ausgang des Arbeitstages mit trockenem Humor. So wie sein Team in der ersten Halbzeit aufgetreten sei, „wird wahrscheinlich keine Mannschaft in der Bundesliga jemals einen Punkt holen“, sagte er. Daß er selbst dazu beigetragen hatte, indem er den Seinen eine massive Abwehr mit zusätzlicher altertümlicher Manndeckung im Mittelfeld verordnet hatte, wodurch die Stürmer kaum einmal zum Einsatz kamen, verschwieg Schlünz.“
Hannover 96-Schalke 04 1:0
Übergangsübungsleiter
„Der Gute-Laune-Eddy dankt ab“, schreibt Sascha Zettler (FAZ 27.9.): „Eddy Achterberg ist ein umgänglicher Typ. Und er hat kein Problem damit, Klischees zu bedienen. „Der Gute-Laune-Eddy“, seufzte er, „hat heute keine gute Laune.“ Das war auf das überflüssige 0:1 gemünzt. Wenige Minuten später war seine Laune noch schlechter. Rudi Assauer hatte nämlich, während Achterberg sein Fazit, rund fünf Meter entfernt stehend verkündet, „daß wir innerhalb der nächsten 14 Tage einen neuen Trainer präsentieren werden. Und der Eddy weiß das auch.“ Wußte er nicht. Sagte er zumindest. (…) „Ich habe nicht um den Job gefragt, sondern bin innerhalb einer Sekunde Cheftrainer geworden.“ Interimstrainer, hatte Assauer betont. „Und das war von vornherein klar.“ Seltsam nur, daß Achterberg davon völlig unvorbereitet getroffen wurde. „Ich bin nicht informiert worden, wirklich nicht.“ Wie lange er noch der Übergangsübungsleiter ist, weiß er auch nicht. „Vielleicht noch bis Donnerstag“, sagte er und lächelte in die Runde – ein verzweifelter Versuch, gute Laune zu dokumentieren, die ihm längst vergangen war.“
1. FC Nürnberg-Arminia Bielefeld 1:2
Nur ein schwacher Ausdruck der tatsächlichen Kräfteverhältnisse
Wie reagiert Wolfgang Wolf auf die Niederlage, Gerd Schneider (FAZ 27.9.)? „Der Fußballehrer mit dem lichten Haar, bislang weder als Diplomat noch als antiautoritärer Pädagoge in Erscheinung getreten, ließ in seiner Nachlese Milde walten. „Ich kann meiner Mannschaft keinen großen Vorwurf machen“, sagte er, „Bielefeld stand heute sehr tief, da hat man es einfach schwer.“ Das war ein erstaunliches Urteil. Vier Tage zuvor hatte sich Wolfs Team gegen den Zweitligaklub LR Ahlen lächerlich gemacht. Und mit der Niederlage gegen die Arminia, einen der Hauptkonkurrenten im Kampf gegen den Abstieg, machten die Nürnberger auch in der Bundesliga zunichte, was sie sich bislang mit bemerkenswert couragierten Auftritten aufgebaut hatten. Denn es war ja nicht so, daß sie Bielefeld einen großen Kampf geliefert hätten. Das Team aus Ostwestfalen, wie der „Club“ ein ewiger Wanderer zwischen Klasse eins und Liga zwei, hatte den Franken so viel voraus, daß das Ergebnis nur ein schwacher Ausdruck der tatsächlichen Kräfteverhältnisse war.“
Guerilla-Taktik
Jochen Breyer (SZ 27.9.) fallen viele Vergleiche ein: „Die Bielefelder haben ihre Guerilla-Taktik nahezu perfektioniert. Sie lockten die Franken tief in die eigene Hälfte, wo sie sich im dichten Defensiv-Dickicht auf den Gegner stürzten. Nürnberg wirkte zwar überlegen, rannte sich aber immer wieder fest oder wurde zu Fehlpässen gezwungen. Kaum hatten die Arminen den Ball erobert, waren ihre drei Besten, Buckley, Vata und Skela, kaum zu stoppen. Delron Buckley ist schnell und braucht für seine Dribblings so wenig Platz, dass er gegen drei Nürnberger den Ball auch in einem der vielen Dixie-Klos behauptet hätte, die rund um das Stadion aufgestellt sind. Fatmir Vata erinnert nicht nur äußerlich an den ehemaligen Hamburger Yordan Letchkov, sondern kann auch dessen öffnende Pässe spielen. Und Ervin Skela würde eigentlich für Bayer Leverkusen spielen, hätte nicht sein Berater die Verhandlungen verkaspert. Die drei rissen die Mannschaft mit und strahlten ein beinahe freches Selbstbewusstsein aus. (…) Der Club wirkte ab dem Bielefelder Strafraum so unbeweglich, als hätte der Hauptsponsor, ein Jeansfabrikant, darauf bestanden, dass die Spieler sein Herbstmodell „Straight leg dark stone“ – trendy aber eng – zur Schau stellen. Die Freude über den guten Saisonstart scheint das Frankenland bereits wieder zu verlassen. Jeder zweite Gast im Stadion muss am Ende seine Finger im Mund gehabt haben, so laut waren die Pfiffe, die das Team auf dem Weg in die Kabine begleiteten.“
morgen auf indirekter-freistoss: die Spiele in Mainz und Hamburg
Bundesliga
Das Dortmunder Spiel bleibt hübsch anzuschauen, aber rätselhaft unvollendet
FSV Mainz-Borussia Dortmund 1:1
Da war mehr drin für Dortmund – Michael Eder (FAZ 28.9.): „Besser geht’s nicht. Wenn jemand richtig guten Fußball sehen wollte, war er im Mainzer Bruchwegstadion bestens aufgehoben. Borussia Dortmund zauberte gegen den forschen Aufsteiger eine Torchance nach der anderen aus dem Hut, präsentierte ein dynamisches 4-3-3-System holländischer Prägung mit Ewerthon und Odonkor als rasenden Außenstürmer und Koller als kolossalem Mittelstürmer. Toller Fußball, aber: Schlechter geht’s nicht. Am Ende konnte kein Dortmunder das hübsche Spiel genießen. Sie hatten alles richtig gemacht, nur das Tor hatten sie nach Kollers Führungstreffer nicht mehr getroffen. Fast ein Dutzend bester Torchancen hatten vor allem Ewerthon und Odonkor vergeben. (…) Das Dortmunder Spiel bleibt unter van Marwijk hübsch anzuschauen, aber rätselhaft unvollendet.“
Ein Lernprozess mit Punktbelohnung
Ulrich Hartmann (SZ 28.9.) fügt hinzu: „Während Benjamin Auer und seine Kollegen einmal mehr die Helden gaben, übernahmen der Dortmunder Stürmer Ewerthon und weitere gelb-schwarze Großverdiener den Part der Trottel, die ihre zahlreichen, schön herausgespielten Großchancen derart kläglich vergaben, dass der Dortmunder Sportdirektor Michael Zorc verzweifelt feststellte: „Warum wir dieses Spiel nicht gewonnen haben, werde ich wahrscheinlich erst im nächsten Leben verstehen.“ Ums Verstehen geht es sowieso nach diesem Duell zwischen blitzschnellen und technisch beschlagenen Fußballern wie jenen aus Dortmund und den Mainzern, die ihr deutlich langsameres Spiel durch präzise Positionierung auf dem Feld kompensieren müssen. Es war dies dann auch jener Erfolg, über den sich Trainer Klopp besonders freute: „Die Jungs entwickeln sich ständig weiter, wir haben wieder etwas dazugelernt“, sagte er, „wir haben gelernt, dass wir uns nicht verzetteln dürfen und hatten in der zweiten Halbzeit eine klarere Ordnung.“ Ein Lernprozess mit Punktbelohnung, das ist für die Mainzer Bundesliga-Azubis freilich wie ein Ausbildungsplatz mit Gesellenvergütung.“
Hamburger SV-Hertha BSC Berlin 2:1
Die Hamburger hatten endlich eine bislang vermisste Qualität gezeigt: Hingabe
Alle Hamburger Blicke waren auf Toppmöller gerichtet – Jörg Marwedel (SZ 28.9.): „Es war alles angerichtet für die Beerdigung erster Klasse: Eine Boulevardzeitung hatte bereits mit gespieltem Mitgefühl eine Art Abschieds-Interview mit Klaus Toppmöller geführt. Auf der Tribüne hatte Kurt Jara Platz genommen. Böse Zungen zischten, er wolle wohl nicht nur Hertha BSC Berlin beobachten, sondern dabei sein, wenn es zu Ende gehe mit seinem, den er nicht gerade einen Freund nennt. Und vor Toppmöllers Trainerbank hatten sich – ein schauriges Ritual – mal wieder die grauen Männer aufgebaut, um mit ihren Kamera-Kanonen zu schießen wie mit Schnellfeuergewehren: fast zwei Dutzend Fotografen in grauen Leibchen, die auf Geschäfte hofften mit dem Konterfei des vermeintlich Gescheiterten. Rund zwei Stunden später hatte sich der Spuk verflüchtigt. „Es ist Ruhe“, befand der HSV-Vorsitzende Bernd Hoffmann. (…) Die Hamburger hatten endlich eine bislang vermisste Qualität gezeigt: Hingabe. Toppmöller, der zwischenzeitlich schon zu resignieren schien, weil ihn in Hamburg keiner liebe, hatte ebenfalls gekämpft. Wie ein Löwe in einem zu engen Käfig war er in der Coaching-Zone umhergestapft, um sich nach dem glücklichen Ende mit Sportchef Dietmar Beiersdorfer in die Arme zu fallen. Einer, der innerlich Abschied genommen hat, wäre zu solchen Emotionen kaum fähig.“
Mehr als gediegenes Mittelmaß wird es weder in Berlin noch in Hamburg zu sehen geben
René Martens (FTD 28.9.) bezweifelt Hamburger Harmonie: „Der erste Mensch, den Klaus Toppmöller an seine Brust drückte, war ausgerechnet der Pressesprecher seines Klubs. Dabei wirkt das Verhältnis sonst nicht so herzlich. Jörn Wolf, vor dieser Saison noch Redakteur auf dem örtlichen Boulevard, rückt dem Coach stets bedrohlich dicht auf die Pelle, wenn ihm ein Mikrofon oder Aufnahmegerät entgegen gehalten wird – damit dem Medienprofi keine Nuance entgeht, falls Toppmöller mal wieder gegen Gott und die Welt poltert. Die Umarmung mit dem „Presseoffizier“ (SZ) wirkte auch aus einem anderen Grund etwas wunderlich. Denn unmittelbar vor dem 2:1-Sieg hatte der Trainer eine Attacke gegen die Medienpolitik des HSV geritten: „Ich führe die Interviews, die mir der Vorstand vorschreibt.“ Der Vorsitzende Bernd Hoffmann zeigte sich sogleich irritiert. Es sei doch normal, dass der Klub Gesprächsanfragen weiterleite. Glaubwürdig wirken beide Statements nicht. Toppmöllers Handynummer ist unter Journalisten durchaus verbreitet. Und lässt sich ein Trainer, der immerhin mal bis ins Finale der Champions League vorgestoßen ist, etwa genehmigen, mit welchen Journalisten er redet? Es herrschte wahrlich ein Kommunikationskuddelmuddel (…) Was die Spieler boten, offenbarte eher trübe Aussichten für den Rest der Saison. Mehr als gediegenes Mittelmaß wird es weder in Berlin noch in Hamburg zu sehen geben – also genau das, was die Funktionäre beider Klubs seit gefühlten 100 Jahren abzuschaffen versprechen.“
Ein Sieg, der einiges überdeckt
Frank Heike (FAZ 28.9.) auch: „Daß ein Sieg und demonstrative Einigkeit auf dem Rasen längst nicht reichen, um Trainer und Vorstand im Einklang leben zu lassen, bewiesen Toppmöllers Aussagen. In Toppmöllers Sätzen schwang wieder viel Wenn und Aber mit, dabei wenig Vertrauen in den Arbeitgeber: „Ich werde alles dafür tun, daß der HSV wieder nach oben kommt – wenn man mich läßt.“ Was blieb nach dem zweiten Erfolg im sechsten Spiel, war ein vertrautes Bild vom HSV: Ein Sieg, der einiges überdeckt, was schon bei einer Niederlage in Leverkusen wieder offen zutage treten könnte. Es fehlt die Konstanz auf dem Rasen und das Vertrauen unter den Verantwortlichen. Toppmöller und der HSV: auf unbestimmte Zeit verlängert. Das geht an diesem Gefühlsmenschen nicht spurlos vorüber. „Ich bin auch nur ein Mensch“, klagte er, und die Anspannung des Siegenmüssens war ihm in den letzten zehn Spielminuten auf der Bank anzusehen. Nichts hielt ihn auf seinem Platz.“
Armin Lehmann (Tsp 28.9.) hat die Hertha noch nicht aufgegeben: „Wer genau hingeschaut hat, der konnte sehen: Diese Mannschaft kann schon was, mehr auf jeden Fall als das Team aus dem Vorjahr. Hertha hat eine Spielanlage, mit der man gewinnen kann. Die Elf ist offensiver ausgerichtet, soll aggressiv zu Werke gehen und dabei doch technisch sauberen Fußball bieten. Eine ganze Menge davon war zu sehen. Und die Mannschaft selbst ist, anders als nach dem Braunschweig-Spiel vermutet, geschlossen. Sie kann kämpfen und spielen – und sich über eigene Fehler ärgern, ohne die Schuld woanders zu suchen. Auch das ist was wert. Leider kann sie zurzeit nur wenige Tore schießen – und deshalb nicht gewinnen. Man kann Hertha jetzt loben. Es ist eine Art Kredit auf die Zukunft.“
Bundesliga
Er sollte dem HSV das Verstaubte nehmen und für ein bißchen Zirkus sorgen
Passt Klaus Toppmöller nach Hamburg, Frank Heike (FAS 26.9.)? „Selbst von seiten des ewigen Optimisten Toppmöller kommen Zeichen der Resignation. „Ich wurde hier nie so geliebt“, sagt er, „ich wurde bislang überall, wo ich gearbeitet habe, enthusiastisch für meinen dauernden Einsatz gefeiert. Nur hier nicht.“ Schon die Begleitumstände seines Starts in Hamburg seien mehr als störend gewesen. Toppmöller spürt, daß er nicht herpaßt. Es hat zuletzt wieder viel Futter für die Vertreter der Mißverständnis-Theorie gegeben: Der Moselaner, der für ungezähmten Fußball steht, und der HSV, dieser alte, von einem modernen, manchmal kalten Vorstand ganz auf effektiv und gewinnorientiert gebürstete Verein, das könne einfach nicht passen. Aber hätte es nicht doch funktionieren können, der Bauch von „Toppi“ und die Köpfe des Vorstands? Die Hoffnung auf diese Mischung war es ja, die Bernd Hoffmann, Dietmar Beiersdorfer und die Vorsitzende Katja Kraus damals dazu brachte, Toppmöller zu holen. Er sollte dem HSV das Verstaubte nehmen und für ein bißchen Zirkus sorgen. Inzwischen haben ihn viele als Vielredner entlarvt, der heute dies, morgen das sagt. Den versprochenen Offensivfußball hat es nie gegeben. Auch die Mannschaft ist längst gespalten in Befürworter und Ablehner. (…) In Hamburg ist jede Geschichte über den HSV eine Seite groß und meistens viel größer als die Wahrheit. Aus den Untiefen des Aufsichtsrates sickert immer wieder dies und das an ausgewählte Reporter durch. Die Journalisten, gerade die des Springer-Verlages, sind hier Akteure auf demselben Feld wie Toppmöller.“
Katrin Weber-Klüver (FTD 27.9.) gibt ihrem Hang nach, alles vorher gewusst haben zu wollen: „Jüngst lassen sich auffällig viele Trainer auf Jobs ein, die ihnen nach ungefähr vier Arbeitstagen schon nicht mehr geheuer sind. Dann sind sie überrascht von Fans, die den Vorgänger lieben. Oder von Spielern, die nicht das Niveau des FC Barcelona erreichen. Fragt sich nur, was Jara und Toppmöller und Völler vor ihren Verpflichtungen eigentlich getrieben haben. Jedenfalls nicht Spiele geguckt oder sachdienliche Vorgespräche geführt. Das Prinzip Hoffnung herrscht auch andersherum. Vereine stellen Trainer ein, die dann – Überraschung! – so arbeiten wie immer. Rudi Assauer hatte vermutlich nie etwas von Heynckescher Hermetik gehört, und Uli Hoeneß und Co. mögen gedacht haben, Stuttgart sei wegen Magaths Fitnesstick erfolgreich und nicht, weil der VfB aus Geldnot auf eine Generation begabter Nachwuchsspieler gestoßen war (die auch Magaths Schwiegermutter hätte trainieren können – wäre sie nicht eine Frau… aber das ist eine andere Geschichte). Nun, irren ist menschlich. Und krachende Disharmonie macht mehr Spaß als perfekter Zusammenklang. Jedenfalls uns, den gemeinen Fußballfans. Denn als Nörgler und Misanthropen wussten wir hinterher immer schon vorher, wie schief alles laufen würde. Und wenn eines Tages die gerade bedenklich erfolgreiche Verbindung des Konzeptclubs Wolfsburg mit dem Verführer Gerets kriselt, werden wir wissen: Die waren im Kern zu konträr. Bleibt die Beziehung produktiv, ziehen sich Gegensätze eben an. Geht alles.“
Der nach eigener Aussage fachkundigste Trainer der Welt passt ganz gut hinter die Theke
Eine Glosse von Achim Dreis (taz 27.9.): „Die Fachleute des Fußballmagazins 11 Freunde gaben vergangene Woche bekannt, sie hätten „nicht unbedingt ihre Altersvorsorge darauf verwettet, dass nach fünf Spieltagen der VfL Wolfsburg ganz oben in der Tabelle steht“. Jetzt haben wir schon den sechsten gesehen, und die VW-Fußballer laufen noch immer vorneweg. Dass sie das 2:1 gegen den Exclub ihres Vorturners Erik Gerets mit spitzenreitertypischem Glückstor feierten, schmälert ihren sympathischen Außenseiterstatus allerdings schon wieder, denn das war bayernartig. Von denen blieben am Wochenende Karl-Heinz Rummenigges 49. Geburtstag, zu dem er hoffentlich einen Rasierapparat geschenkt bekam, und die Werbespots mit Mehmet Scholl und Uli Hoeneß am nachhaltigsten in Erinnerung. Selbst wenn Scholl auch beim Tipp-Kick etwas statisch wirkte, sah er dabei noch besser aus als seine Kollegen beim überflüssigen 3:1 gegen Freiburg. Sieht man Tipp-Kicker im Fernsehen, schleicht sich reflexartig Berti Vogts in Erinnerung, der in seinem legendären Tatort-Gastspiel erst dem Kaninchen des Nachbarn „eine Möhre extra“ geben wollte, und dann beim Tipp-Kicken Bertihaftes zum Besten gab. Doch die Schauspielerei scheint sowieso ein Trainerlieblingshobby zu werden: Jetzt verbreitet Peter Neururer als Kneipenwirt in dem Streifen „Gib mich die Kirsche“ Fachwissen am Zapfhahn. Der nach eigener Aussage fachkundigste Trainer der Welt passt übrigens ganz gut hinter die Theke.“
Ascheplatz
Elf-Freunde-Klub im Gewand einer transparenten AG
„BVB-Präsident Niebaum hat die Fußball-AG an den Rand gewirtschaftet. Niemand hält ihn auf. Jetzt verpfändet er die Zukunft des Reviervereins“, beanstandet Henning Peitsmeier (FAS 26.9.): „Gerd Niebaum und Michael Meier suchen händeringend frisches Geld für den notleidenden Revierverein. Und sie sind auch fündig geworden. Der amerikanische Investmentbanker Stephen Schechter erwägt eine Anleihe über mehr als 120 Millionen Euro, für die der Klub aber künftige Einnahmen verpfänden muß. Fest eingeplant ist beim BVB außerdem eine Kapitalerhöhung, die bestenfalls knapp 25 Millionen Euro in die leeren Dortmunder Kassen spült. Schlagzeilen über die existenzgefährdende Schieflage des BVB und Aktionärsschützer, die über „heimliche Nebenvereinbarungen“ der Dortmunder mit Neuinvestoren spekulieren, sind nicht gut für ein Klima des Vertrauens. Die Nervosität rund um das Westfalenstadion ist groß. Denn schon vor der Bilanzvorlage ist klar, daß das Geschäftsjahr 2003/04 mit einem Rekordverlust vor Zinsen und Steuern von 67 Millionen Euro endet. Die BVB-Börsengeschichte entpuppt sich als einziges Desaster für die Anleger. Die Börsenmillionen sind futsch, das heimische Stadion ist an eine Leasinggesellschaft verkauft. (…) Schechter-Anleihe und Kapitalerhöhung sind Teil eines unter Zeitdruck betriebenen Krisenmanagements, dringend notwendige Reparaturmaßnahmen nach verschwenderischen Jahren. Der Wirtschaftsanwalt und Notar Niebaum hat ein dichtes Netz aus wechselseitigen Abhängigkeiten gewoben, enge Vertraute sitzen im Präsidialausschuß des Fußballvereins und im Aufsichtsrat der KGaA. Kommanditist ist der Ballspielverein Borussia Dortmund, dessen Präsident wiederum Gerd Niebaum ist. So kommt das börsennotierte Fußballunternehmen im Gewand einer transparenten AG daher und ist gleichwohl nicht so weit weg vom Amateurmilieu, beseelt von der Elf-Freunde-müßt-ihr-sein-Mentalität zu Herbergers Zeiten.“
Deutsche Elf
Der Verband und Klinsmann sind noch lange nicht WM-reif
Nach Auffassung Michael Ashelms (FAS 26.9.) gehe Jürgen Klinsmann zu weit: „Des Bundestrainers Reformgewalt ist das eine. Dem gegenüber steht die Verantwortung eines breit aufgestellten Verbandes – für seine Mitglieder und Partner aus Politik oder Wirtschaft. Der DFB wird länger bestehen als Klinsmann im Amt des Bundestrainers, aus dieser Logik hat sich für die Funktionäre schon immer eine besondere Aufgabenstellung ergeben. Selbstverständlich gilt daher, als verläßlicher Partner lang getroffene Abmachungen einzuhalten wie im Fall des deutschen WM-Trainingscamps in Leverkusen. Aber eigentlich geht es gar nicht mehr um die Quartiersuche, längst ist die Streitfrage zum Vehikel einer Machtdiskussion geworden. Klinsmann erprobt seinen Einfluß – und überschreitet dabei Grenzen. Auch gesunder Egoismus kann irgendwann ins Negative umschlagen. Eine funktionierende Einheit lebt vor allem von Teamwork und Kompromißbereitschaft. Schwach aus Sicht des DFB, daß nur der designierte geschäftsführende Präsident Theo Zwanziger einen deutlichen Kontrapunkt setzt. Sein baldiger präsidialer Nebenmann Gerhard Mayer-Vorfelder, der nach dem EM-Desaster von ihm herausgefordert worden war, hält sich im verbalen Clinch mit Klinsmann zurück. Er hofft womöglich vor dem Wahltag auf eine Beschädigung Zwanzigers. Aus allem läßt sich folgern: Der Verband und Klinsmann sind noch lange nicht WM-reif.“
Samstag, 25. September 2004
WM 2006
Wie die Fernseh-Einblendung vor einer Eurovisions-Fernsehgala
Holger Liebs (SZ 25.9.) spricht mit Konstantin Grcic, Designer, über die zur Auswahl stehenden WM-Poster
SZ: Herr Grcic, fünf Poster stehen für die WM 2006 zur Auswahl. Sie sind der bekannteste junge Designer Deutschlands. Wie finden Sie die Entwürfe?
KG: Am besten gefällt mir der Entwurf von Makato Saito mit der Deutschlandfahne.
SZ: Ehrlich? Der Ball, der in die Fahne fliegt? Sieht ein wenig so aus wie eine verhüllte Erektion, oder?
KG: Aber das ist der einzig wirklich zeitgemäße Entwurf. Die anderen sehen viel zu altmodisch aus. Der fliegende Ball der Agentur „Kommunikations Design“ mit seinen verfließenden Farbverläufen ähnelt einer Briefmarke. Etwas für die Freunde der Philatelie. Auch für einen Vorspann des Aktuellen Sportstudios würde er sich eignen.
SZ: Das Fußball-Sternenbild von „WE DO communication“ aus Berlin dagegen wirkt eher entrückt . . .
KG: Das verstehe ich auch überhaupt nicht. Es sieht aus wie die Fernseh-Einblendung vor einer Eurovisions-Fernsehgala – viel zu steril.
SZ: Man hört förmlich, wie die Melodie von „Freude, schöner Götterfunken . . .“ dazu erklingt. (…) Es werden nie alle Altersschichten angesprochen: einmal das ZDF-Fernsehpublikum, ein anderes Mal wieder die Teenager. Warum finden Sie die Deutschlandfahne gut?
KG: Es ist natürlich heikel, mit den Deutschlandfarben zu werben, wie das die Franzosen, Engländer oder Amerikaner bei großen Sportereignissen mit ihren Farben tun. Als ich las, dass der Entwurf von einem Japaner kommt, hat er mir dann wieder sehr viel besser gefallen. Die Idee, dass ein Fußball in die Fahne geschossen wird, hat was.
Auf der Fifa-Site sehen Sie die fünf Poster-Entwürfe
Bundesliga
Imperium VfB
„Schwäbisches Imperium VfB“ (FAZ) – ist Rudi Assauer „noch der richtige Dino, um Schalke 04 fit für die Zukunft zu machen?“ (FR) – „einst verwandelte sich unter den Fingern von BVB-Präsident Gerd Niebaum alles zu Gold, nun droht ihm sein Lebenswerk zu entgleiten“ (FR) / BVB-Aktionär Florian Homm könnte das Dortmunder Management unter Druck setzen (SpOn) / „schon wieder ein Wolfsburger im Fernsehen“ (FAZ) u.v.m.
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Imperium VfB
Peter Heß (FAZ 25.9.) schildert das Vorhaben des VfB Stuttgart, sein Image zu stärken: „Am Freitag stellte der schwäbische Verein für Bewegungsspiele als erster Klub der Bundesliga einen Imagefilm vor. Nicht so einen kurzatmig produzierten Videoclip für das Stadion-TV, sondern einen richtigen Werbetrailer für das Vorprogramm in den großen Kinosälen – 2:15 Minuten lang, hergestellt von der Daimler-Chrysler TV Media GmbH, die sonst die Mercedes-Modelle ins rechte Bild rückt. „Wir wollen jede Chance nutzen, unseren Geschäftspartnern zu zeigen, daß wir keine graue Maus sind, sondern ein beachteter und bewunderter Verein“, sagt Erwin Staudt, der Präsident des VfB. (…) Der VfB soll auf Dauer ein Spitzenverein in Deutschland sein und sich auch auf dem europäischen Markt in der Spitzengruppe bewegen. Als wirtschaftliche Basis für die Expansionspläne ist die Heimatregion vorgesehen, sprich der mittlere Neckarraum. 2,6 Millionen Menschen leben hier, tragen 70 Milliarden Euro zum deutschen Inlandsprodukt bei, etwa soviel wie ganz Belgien erwirtschaftet. Ein wunderbares Areal, um Sponsoren und Fans zu finden. Und seit die „Jungen Wilden“ des VfB vor einem Jahr die Champions League aufmischten, rennen das Management und das Marketing offene Türen ein. Zum ersten Mal besteht eine Einheit zwischen Stadt, Land und VfB. Diese Stimmung will der VfB nutzen und sein Imperium ausbauen. (…) Dabei hilft es, daß Mannschaft und Trainer nicht nur viele Spiele gewinnen, sondern besonders sympathisch daherkommen. Im Gegensatz zum FC Bayern polarisiert der VfB Stuttgart nicht, er integriert.“
Noch der richtige Dino, um Schalke 04 fit für die Zukunft zu machen?
Jan Christian Müller (FR 25.9.) zweifelt an Rudi Assauer: „Beim Zielschießen vom Sechzehner an die Latte war noch kein Profi besser als er. Das kann er gut. Aber ist der „letzte Klassenkämpfer der Bundesliga“ (Spiegel) noch der richtige Dino, um Schalke 04 fit für die Zukunft zu machen? Damals, im Frühjahr 1993, war er der Richtige. Der ewige Betreuer Charly Neumann hat den „schönen Rudi“ in der Not nach Sylt chauffiert zum damaligen Präsidenten, Kurklinikbesitzer und Finanzjongleur Günter Eichberg, der ihn in der Not um Hilfe bat. Assauer machte sich an die Aufräumarbeiten, entschuldete den Club, trieb eine wichtige Satzungsänderung voran, die keine Präsidentenwahlen in bierseliger Stimmung mehr zuließ, und zimmerte gemeinsam mit dem Holländer Huub Stevens eine europäische Spitzenmannschaft. „Bis 1997 hat er alles richtig gemacht“, sagt Olivier Krutschinski vom Schalke Supportersclub. Da wurden die Euro-Fighter Uefa-Cup-Sieger, vier Jahre später klaute der FC Bayern Assauer in letzter Minute die Meisterschale. Der Macho schämte sich danach seiner Tränen nicht. Er war derart unumstritten, dass er sich das leisten konnte. Das ist jetzt anders geworden. „Die jahrelange Allmacht eines Rudi Assauer wird den Verein vor die Wand fahren lassen“, findet Tobi von den Ultras Gelsenkirchen und steht damit nicht allein. Seit der verpassten Meisterschaft ist ziemlich viel schief gegangen in Gelsenkirchen-Buer. Trotz Assauer. Oder gerade wegen ihm.“
Blühende Landschaften
Daniel Theweleit (SpOn 24.9.) auch: „Ein wenig erinnert Rudi Assauer an Helmut Kohl. Wie der einstige Bundeskanzler reagiert der Manager von Schalke 04 schon Mal ruppig, wenn er mit kritischen Fragen konfrontiert wird: „Sie sind ja noch viel zu jung und haben keine Ahnung von diesen Dingen“, heißt es dann gern. Auch die Kunst des Aussitzens gehört zum Repertoire beider Autoritäten; viel falsch haben Assauer und Kohl selbstverständlich nie gemacht, schließlich hat jeder sein Reich verschönert. Oder besser: vergrößert. Und das bleibt ja wohl die größte Leistung eines jeden Herrschers. Einen Hang zur Selbstherrlichkeit haben Manager und Altkanzler; beide wirken nach Jahren der Machtfülle bisweilen ein wenig entrückt, im eigenen Empfinden frei von der Pflicht, das Volk über Details zu informieren. Und so weiß man wenig über die finanzielle Situation der Königsblauen. Nur die Summe von 102 Millionen Euro Schulden ist hinlänglich bekannt, und wenn Assauer vollmundig verkündet, das sei alles halb so schlimm, denn die Arena AufSchalke könne „innerhalb eines Tages für ein Vielfaches des Anschaffungspreises“ von 182 Millionen Euro verkauft werden, dann klingt das für Immobilienexperten wie Kohls Rede von den „blühenden Landschaften“.“
Sehr lesenswert! „Einst verwandelte sich unter den Fingern von BVB-Präsident Gerd Niebaum alles zu Gold, nun droht ihm sein Lebenswerk zu entgleiten“, warnt Wolfgang Hettfleisch (FR 25.9.): „Für das, was Niebaum mit der Borussia erreicht hat, kriegt man normalerweise ein Denkmal. Es gibt noch eine zweite Geschichte über den Prädikats-Juristen Gerd Niebaum. Es ist die Geschichte vom westfälischen Midas, unter dessen Fingern alles zu Gold wurde und der im Rausch des Erfolgs das kaufmännische Einmaleins vergaß. Der eine Transfer-Praxis forciert hat, die sich auch als Anleitung zum ökonomischen Selbstmord im Profifußball lesen lässt. Der die Zeichen der Zeit nicht erkannte, als die Erlöse einbrachen, während die Kosten davongaloppierten. Und der sich der finanziellen Erosion der schwarz-gelben Fußballfirma, die am Kursverlauf der Aktie ebenso abzulesen ist wie am just angekündigten Verlust von 67 Millionen Euro im aktuellen Geschäftsjahr, mit immer halsbrecherischeren Manövern und einer Taktik des Verschleierns und Verharmlosens entgegenstemmt. (…) Es steht nicht gut um die Aussichten auf ein Denkmal für Niebaum, der vor Jahresfrist fast einstimmig für drei weitere Jahre im Amt bestätigt worden war. König Midas‘ Gabe, alles in Gold zu verwandeln, erwies sich übrigens als Fluch, von dem er sich mit göttlicher Hilfe reinwusch. Aus Schaden klug wurde er nicht. Als er in einem Wettstreit Pans Gedudel mit der Hirtenflöte den Vorzug vor Apollons himmlischen Weisen auf der Leier gab, rächte sich der Gott. Fortan schlang sich Midas einen Turban um den Kopf – um seine Eselsohren zu verbergen.“
Sollte das Management den BVB nicht erfolgreich auf eine solidere finanzielle Basis stellen, wird es durch fähigere Personen ersetzt werden müssen
Was sagt Dortmunds Führung zu den Warnungen der Öffentlichkeit vor Florian Homm, dem neuen Groß-Aktionär, Jörg Schmitt & Michael Wulzinger (SpOn 25.9.)? Und was sagt Homm über seinen Plan? „Beim BVB ist man bislang völlig arglos. Nein, mit dem neuen Großaktionär habe man noch keinen Kontakt aufgenommen. Nein, man wisse auch nicht, was Herr Homm mit seinem Aktienpaket vorhabe. Weder von dessen legendär schlechtem Ruf noch von dessen aggressivem Geschäftsgebaren lässt sich die Club-Führung irritieren. „Wieso soll Homm diesmal nicht eine langfristige Strategie fahren?“, sagt Manager Michael Meier. „Ich kann doch nicht bei jedem neuen Investor einen Charaktertest machen.“ Ohnehin könne der frisch eingestiegene Shareholder bei einer Kommanditgesellschaft auf Aktien, die der BVB nun mal sei, „keinen Einfluss auf die Geschäftsführung ausüben“. Wenn sich Meier da nicht täuscht. Homm, der seit Juli intensiv seinen Scoop vorbereitete, will sich keinesfalls mit der Rolle eines passiven Salonaktionärs zufrieden geben: „Ich bin ein Straight Shooter.“ Er sei eingestiegen, um das aus seiner Sicht unterbewertete Unternehmen „mittelfristig“ nach vorn zu bringen – um jeden Preis. Da schert ihn auch wenig, dass er mit seinen Anteilen formal keinen Durchgriff auf das operative Geschäft beim BVB hat. Homm hat schon oft genug bewiesen, dass er weiß, wie man ein Management unter Druck setzt. „Wenn die Sanierung des Clubs sich nicht schon in den nächsten Halbjahreszahlen niederschlägt, können wir sehr unbequem werden.“ Ein auf Englisch verfasstes internes Strategiepapier seiner FM Fund liest sich wie eine Kampfansage an die BVB-Führung. Gnadenlos watscht Homm die Vereinspolitik ab: „schwacher finanzieller Auftritt, schwacher Management-Auftritt, zuletzt schwache sportliche Leistungen (…) Um es klar zu sagen: Sollte das Management den BVB nicht erfolgreich auf eine solidere finanzielle Basis stellen, wird es durch fähigere Personen ersetzt werden müssen “.“
Schon wieder ein Wolfsburger im Fernsehen
Wo ist die Kamera, wo ist die Kamera? Frank Heike (FAZ 25.9.): „“Wir könnten im Moment in jede Talkshow“, sagt Kurt Rippholz zur Begrüßung. Der Pressechef der VfL Wolfsburg-Fußball GmbH ist ein bekennender Lobbyist. Fast nichts könnte für ihn schöner sein, als seinen Arbeitgeber in den Medien unterzubringen. Daß es dabei manchmal scheppert auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten, mußte Rippholz, einst Finanz-Pressesprecher bei Volkswagen, am vergangenen Samstag in Rostock erfahren: Das ZDF wollte Thomas Brdaric fürs Sportstudio, nach dessen blasser Leistung dann aber doch lieber den Torschützen Pablo Thiam. Brdaric ärgerte sich furchtbar über die Ausbootung und ließ das vor allem Rippholz spüren. Später saß also Thiam als zweiter Wolfsburger nach Roy Präger vor vielen Jahren auf dem Interviewhocker bei Poschmann. Nun hat Rippholz arrangiert, daß Brdaric das Pokal-Achtelfinale in der ARD auslosen darf. Ein Trostpflaster für den Beleidigten. Oder: schon wieder ein Wolfsburger im Fernsehen. (…) Der VfL Wolfsburg ist Erster. Bei VW jubelt man über die unverhoffte Publizität, wo doch der neue GTI dieser Tage vorgestellt wird. Und in der Stadt, diesem Synonym für Provinz, hält ein neuer Geist Einzug: ein Geist, der nicht mit Stefan Effenberg, nicht mit der neuen Arena, nicht mit Jürgen Röber durch Ostniedersachsen gewabert ist. Dafür brauchte der VfL erst einen bodenständigen Mann wie Erik Gerets.“
Passt solch ein Typ nicht zum HSV?
Der erste Trainer ist bereits entlassen, wer wird der nächste sein, Heinz-Wilhelm Bertram (BLZ 25.9.)? „Ein solcher Rausschmiss [gemeint ist Heynckes] wirkt auf alle Kollegen in instabiler Lage lähmend. Es ist wie ein Glockengeläut zur Beerdigung. Man überdenkt die eigene Situation. Und muss sich, wie Klaus Toppmöller, selbst Mut machen: „Ich arbeite von morgens früh bis tief in der Nacht. Und ich sage mir immer: Irgendwann wirst du für diesen Kampf belohnt.“ Belohnt wurde Toppmöller aber erst einmal damit, dass ihm die Vereinsführung mit Almami Moreira kurzerhand einen Spieler vor die Nase setzte, „den ich vorher gar nicht gekannt habe“. Andere hätten das klaglos in sich hineingefressen. Nicht so Toppmöller. Der tat sein maßloses Erstaunen zum Erwerb des Portugiesen öffentlich kund: „Wie soll ich die Verantwortung für einen Spieler übernehmen, den nicht ich verpflichtet habe?“ Da sei er kompromisslos „offen, ehrlich und direkt. Genau diese Werte aber sind unserer Gesellschaft weggebrochen. Ehrlichkeit zählt immer weniger, und da sind wir auf einem ganz bedenklichen Weg.“ Für ihn, Toppmöller, zähle jedoch Geradlinigkeit. Bestärkt werde er immer wieder von Fremden, die ihn in einem Restaurant oder beim Frisör spontan ansprechen würden. „Die sagen: Bleiben Sie bei Ihrer Linie. Ziehen Sie das durch, auch wenn Sie anecken.“ Passt solch ein Typ nicht zum HSV?“
Hallo, wir sind auch noch da
In Freiburg müsste wieder mal was passieren – Christoph Biermann (SZ 25.9.): „Es bedarf normalerweise einiger Verrenkungen, um Gemeinsamkeiten zwischen dem FC Bayern und dem SC Freiburg zu finden. Ob Tradition und Erfolge, Ausstrahlung und Image, die beiden Klubs sind zumeist am entgegen gesetzten Ende des Spektrums angesiedelt. Uli Hoeneß jedoch hat eine Übereinstimmung zwischen den kuschelig Kleinen aus dem Breisgau und seinem Branchenführer gefunden. „Hier spielen die beiden einzigen schuldenfreien Klubs der Liga gegeneinander“ (…) Ein Punktgewinn bei den Bayern ist immer schön, den Freiburgern würde er derzeit besonders gut passen. „Das wäre das Zeichen: Hallo, wir sind auch noch da“, sagt Andreas Bornemann [Manager]. Nun ist sein Klub zweifellos schon länger da, aber irgendwie ist das zuletzt etwas untergegangen. „Für uns ist es ein überragendes Ergebnis, wenn wir in der letzten Saison nie auf einem Abstiegsplatz gestanden haben“, sagt Bornemann, „aber für einige reicht das als Prickeln wohl nicht.“ So ist der SC nicht nur aus dem Fokus des überregionalen Interesses gerutscht, in Freiburg begleitet ihn ein leichtes Murren. „Vielleicht liegt das auch am Menschenschlag hier, denn außerhalb werden wir positiver gesehen“, sagt Bornemann. Zweifellos kann der SC Freiburg mit Sympathiewerten aufwarten, von denen andere Bundesligisten nur träumen. Bei einer Umfrage zur Jahresmitte landete der Klub auf Platz eins, als erhoben wurde, wem die Befragten neben ihrem Lieblingsklub die meisten Sympathien entgegen bringen. Zu einem in der Tendenz ähnlichen Ergebnis kommt eine Untersuchung der Universität Mannheim, die gerade erschienen ist. Dort wurde aus den Faktoren Bekanntheit und Image die so genannte Markenstärke der Bundesligaklubs ermittelt. Freiburg liegt hier hinter dem FC Bayern, Schalke und Dortmund auf einem sensationellen vierten Platz.“
Freitag, 24. September 2004
Allgemein
Wo der Kies unter den Sohlen knirscht
Sven Bremer (FTD 24.9.) über den Aufstieg Nelson Valdez’ in Bremen: „Wer es in Bremen geschafft hat, der zieht nach Oberneuland. Ins Grüne, wo jahrhundertealte Eichen stehen und hohe Hecken die neugierigen Blicke auf herrschaftliche Villen verwehren. Wo der Kies unter den Sohlen knirscht. Wo auch der Sportdirektor und der Vorstandsvorsitzende von Werder Bremen wohnen. In der vergangenen Woche ist auch Werders Stürmer Nelson Valdez nach Oberneuland gezogen. So, wie sich die fußballerische Karriere des Paraguayers in letzte Zeit entwickelt hat, so schnell scheint auch der soziale Aufstieg vonstatten zu gehen. Bislang hatte Valdez im Bremer Steintor gewohnt, dem bunten Kiez der Hansestadt. Und Valdez ist nicht in irgendein Haus gezogen. Er hat die Residenz von Werders Ex-Torjäger Ailton bezogen. Der hatte stets behauptet: „Nelson ist der neue ‚Toni’, der wird einmal mein Nachfolger.“ Jetzt ist Nelson erst einmal sein Nachmieter. Und Stammspieler bei Werder, trotz hochkarätiger Konkurrenten (…) So ein bisschen der Star zu sein, das gefällt ihm schon. Da legt er sich silberne Fußballtreter zu, fährt auch einmal die 50 Meter zum Bäcker mit dem neuen Auto, standesgemäß ein Mercedes. Trainer Thomas Schaaf ist dennoch sicher, „dass der Junge auf dem Teppich bleibt“. Auch weil er den Halt und die Orientierung in der eigenen Familie habe.“
Internationaler Fußball
Traumtore, pfiffig erdacht, unter Einsatz aller Lungenflügel errannt, präzise erzielt
Wie konnte der FC Messina beim AC Mailand gewinnen? Birgit Schönau (SZ 24.9.) holt weit aus: „Messina, in der Antike aus unersichtlichen Gründen Zankle genannt. 396 v. Chr. von den Karthagern zerstört, 1908 von einem Erdbeben und der anschließenden Springflut. Messina, 272 000 Einwohner, an der gleichnamigen Meerenge gelegen, im äußersten Süden Europas. Soll demnächst mit einer Brücke mit dem Festland verbunden werden. Verfügt über zwei Helden: Domenico Giampà, 27, und Riccardo Zampagna, 30. Giampà und Zampagna spielen im FC Messina, einem Klub, der null Meisterschaften, null Pokale, kurz: noch nie was gewonnen hat, bis vor ein paar Jahren in der Amateurliga spielte, und durch eine einzige Begebenheit landesweit in die Schlagzeilen gelangte. Das war, als Messinas Präsident seine Jungs zu Fuß nach Hause schickte. „Wer so faul ist, und dann auch noch haushoch verliert, dem bezahle ich keine Busfahrt. Bin doch nicht blöd.“ Inzwischen darf der FC Messina mit dem Flugzeug nach Mailand reisen, und – was noch sensationeller ist – auch mit dem Flieger wieder zurück. Am Mittwoch ging es im Meazza-Stadion gegen den AC Mailand. 17 Meisterschaften, sechs Europapokale der Landesmeister, vier Europapokale der . . . ach, lassen wir das! Pancaro hat für Milan ein Tor gemacht. Giampà und Zampagna haben auch jeder eins gemacht, und was für welche: Traumtore, pfiffig erdacht, unter Einsatz aller Lungenflügel errannt, präzise erzielt. Und Messina hat 2:1 gewonnen. Da staunten sie in Mailand und klatschten, denn sie mögen guten Fußball, auch wenn er von Arbeitsimmigranten stammt.“
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