Mittwoch, 22. September 2004
Internationaler Fußball
Er wollte mit dem Kopf durch die Wand
Woran ist Jose Antonio Camacho in Madrid gescheitert, Ralf Itzel (FTD 22.9.)? “Real Madrid verfügt über einen ganz speziellen Kader mit einigen großartigen Fußballern, deren Fertigkeiten ihnen zu Weltruhm und Reichtum verhalfen. Für einige von ihnen ist Madrid auch ein Fluchtort gewesen. Eine Rettungsstation vor Trainern oder Spielweisen, von denen sie sich erstickt fühlten. In Spaniens Hauptstadt fanden sie die Freiheit, ihre Kunst zur Entfaltung zu bringen und die Freiheit, die Pflichten eines normalen Profis vernachlässigen zu können. Ronaldo wurde für seine wilden Nächte genauso bekannt wie Beckham dafür, dass er zwar in Madrid arbeitet, aber wenn möglich in London lebt. Das ging so lange gut, wie die Elf wunderbaren Fußball bot, ohne groß trainieren oder taktischen Vorgaben folgen zu müssen. Irgendeinem der Zauberer fiel immer ein Trick ein. Doch Ende der vergangenen Saison ging die Magie plötzlich flöten. Wegen des zunehmenden Missbrauchs der Freiheiten? Wegen der wachsenden Sattheit alternder Sportler, die schon alles gewonnen haben? Oder ganz einfach, weil der Kader zu klein und unausgeglichen war und am Ende das Benzin für die letzten Runden fehlte? Von allem etwas, meinte Präsident Florentino Perez, ergänzte die Gruppe um ein paar Verteidiger, und setzte, auch um die Vereinsmitglieder zufrieden zu stellen, auf einen beliebten Trainer, der Werte wie Arbeit, Demut und Disziplin verkörpert. Doch der Kulturschock war zu groß, und der Übungsleiter zu grob. Der autoritäre Camacho verstand nicht, dass die Situation etwas Fingerspitzengefühl erforderte. Er wollte mit dem Kopf durch die Wand. Von heute auf morgen sollten die Zauberer keine Kunststücke mehr zeigen, sondern rennen, rennen und noch mal rennen. Und vom neuen Stil versuchte er sie nicht mal zu überzeugen, er befahl einfach, und mit dieser Methode war er bei den verhätschelten Stars an der falschen Adresse.“
Ball und Buchstabe
Nimm einen Drink!
Das Streiflicht (SZ 22.9.) hat immer Trost parat: „Paul Gascoigne gilt als hammerharter Hund, der Hotelzimmer verwüstet, unanständige Dinge tut, die selbst im modernen Theater ein Wagnis wären, und unter der Schädeldecke einen seltsamen Gast beherbergt: „In meinem Kopf sitzt ein kleiner Mann, und der sagt zu mir: Nimm einen Drink.“ Gascoigne lässt sich das nicht zweimal sagen, er hat in Wahrheit ein weiches, zur Sanftmut neigendes Gemüt, wie alle echten Männer. Am deutlichsten wurde dies am 4. Juli 1990, als England beim WM-Halbfinale in Turin auf Deutschland traf: Gascoigne erhielt die gelbe Karte, die zweite im Turnier, das bedeutet eine Sperre. Im Endspiel, das war klar, würde er nicht dabei sein. Niemand hätte sich gewundert, wenn Gascoigne alles kurz und klein geschlagen hätte, so als wäre er im Hotel und nicht auf dem Fußballplatz. Aber von wegen! Der Mann fing an zu weinen. Heulte Rotz und Wasser. Und wer genau aufpasste, hörte ihn Rilke zitieren: „Tränen, Tränen, die aus mir brechen, / Mein Tod, Mohr, Träger / meines Herzens, halte mich schräger, / dass sie abfließen.“ (…) Es ist höchste Zeit, das Fußballfeld als eines der letzten Refugien der Empfindsamkeit wahrzunehmen. Der Fußballspieler, oft verschrien als Klopper und Rumpelfüßler, ist in Wirklichkeit ein sensibles, zart besaitetes Wesen.“
Unterhaus
In der zweiten Liga braucht es mehr als läuferischen Einsatz und Technik
Wie kommt Greuther Fürth an die Tabellenspitze der zweiten Liga, Torsten Geiling (FR 22.9.)? „Den Umkehrschwung haben den Franken vor der Saison nur ganz wenige Optimisten zugetraut. Schließlich wäre das „Kleeblatt“ in der vergangenen Spielzeit fast ins Amateurlager abgestiegen. Auf seiner Talfahrt verschliss der Klub drei Trainer, ehe durch Benno Möhlmann im Playmobilstadion wieder Ruhe einkehrte. Der Trainer ist in Fürth kein unbeschriebenes Blatt. Mit ihm kamen „Fleiß, Disziplin und Ordnung“ zurück, sagt Präsident Helmut Hack über Möhlmann, der die sportliche Geschicke des Vereins bereits von 1997 bis 2000 verantwortete und den Zweitligaaufsteiger damals auf Anhieb auf Platz neun führte. In den Folgejahren landete die Spielvereinigung auf Platz acht und sieben, doch dann suchte Möhlmann in Bielefeld „eine neue Herausforderung“. In seiner Abwesenheit etablierte sich der Verein im ersten Drittel der Zweitligateams und zählte oft bis zum Schluss zum Kreis der Aufstiegsaspiranten – mit Ausnahme der vergangenen Saison, als auf der Bank zeitweilig Thomas Kost als jüngster Trainer der Liga saß und im Trikot von Greuther Fürth die jüngste Elf der Liga auflief. Der Jugendwahn zeitigte keinen Erfolg. Die jungen Spieler waren überfordert. „In der zweiten Liga braucht es mehr als läuferischen Einsatz und Technik“, sagt Benno Möhlmann.“
WM 2006
Man kann auch mal zwei Zentimeter über dem Boden schweben
Mundwinkel hoch! Und nicht nur draußen Kännchen! Esther Kogelboom (Tsp 22.9.): „Unser Land soll netter werden. Spätestens zur WM 2006, wenn Millionen Menschen – zu Hause vor dem Fernseher oder in den zwölf WM-Stadien – Deutschland etwas genauer betrachten werden. Wie genau das funktionieren soll, darüber denkt das OK schon lange nach. Unter dem Vorsitz des OK-Beraters Fedor Radmann soll es in den kommenden beiden Jahren eine groß angelegte Freundlichkeitsoffensive geben. Fremdenverkehr soll mit Hilfe von zahllosen mehrsprachigen Hostessen und lächelnden Freiwilligen zum Freundeverkehr werden. Jetzt geht auch Bundesinnenminister Otto Schily der Frage nach, wie die Gäste, Mannschaften und Journalisten aus aller Welt 2006 ein „offenes, lebendiges und gastfreundliches“ Deutschland erleben können. Auf einem Kongress des Bundesverbandes für Tourismuswirtschaft am Dienstag in Berlin sagte Schily: „Wir dürfen unser Land nicht wie Oberjammergau betrachten.“ Die Deutschen müssten ein ganz neues Naturell entwickeln. Der Sport- und Innenminister wünschte sich „ein wienerisches, südländisches Element“ von seinen Landsleuten. „Man kann auch mal zwei Zentimeter über dem Boden schweben.“ Dies gelte für alle – vom Taxifahrer bis zum Polizeibeamten.“
Ascheplatz
Äußerst ungewöhnliches Verfahren
Freddie Röckenhaus (SZ 22.9.) schildert Skepsis am Vorgehen Borussia Dortmunds: „Die geplante Kapitalerhöhung von Borussia Dortmund schlägt weiterhin hohe Wellen. Die Schutzgemeinschaft der Kleinanleger warnte Aktienkäufer vor dem Erwerb der neuen Papiere. Grund dafür ist ein Schreiben des Bundesligisten an seine Altaktionäre, das nähere Informationen über die so genannten Bezugsrechte der Altaktionäre enthält. Demnach sind die „neuen“ BVB-Aktien einstweilen nicht für den Handel an der Börse zugelassen. Erst zum 30.6.2005 sei beabsichtigt, die Papiere handelbar zu machen. Unter der Überschrift „BVB verdribbelt sich erneut“ stuft der Börsendienst der ARD dies als „extremes Risiko für Anleger“ ein. Wer die neuen Aktien zum Preis von 2,50 Euro kaufe, könne bis zum nächsten Jahr nicht mehr verkaufen, selbst wenn der Kurs noch so dramatisch abstürzen sollte. Borussia Dortmund will mit diesem „äußerst ungewöhnlichen Verfahren“, wie Analyst Peter-Thilo Hasler von der Münchner HypoVereinsbank es ausdrückt, offenbar einen Druck auf den Kurs der BVB-Aktie vermeiden, die seit dem Börsengang im Herbst 2000 von 11 Euro auf unter 2,45 Euro gefallen ist. (…) „Analysten“, so Peter-Thilo Hasler von der HypoVereinsbank, „schütteln schon lange den Kopf angesichts der teilweise unprofessionellen Vorgehensweise des Vereins.““
Dienstag, 21. September 2004
Internationaler Fußball
Handwerksmeister in einer Talkshow mit Schauspielern
José Antonio Camacho tritt zurück, er passt nicht zu den satten Stars: „wie ein Handwerksmeister in einer Talkshow mit Schauspielern“ (NZZ) – Zdenek Zeman trainiert wieder in der Serie A (US Lecce), „das leidenschaftliche Gewissen der gesetzlosen, permissiven, verlogenen Welt des Calcio“ (NZZ)
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Eine Bande von Hunden
Peter Burghardt (SZ 21.9.) kommentiert den Rücktritt José Antonios Camachos: „Dahinter steckt ein Charakter zwischen grenzenloser Ehrlichkeit und einem Hang zu emotionalen Kurzschlüssen. Choleriker Camacho sollte das verwöhnte Ensemble aufwecken, nachdem es in der vergangenen Saison der weltmännische Portugiese Carlos Queiroz in den Schlaf gewogen hatte. Camacho wollte Profis, die sich im weißen Trikot die Seele aus dem Leib rennen wie er einst als Verteidiger auf der linken Außenbahn, die Stutzen runtergekrempelt. Jungs, ihr spielt für Real Madrid! Stattdessen traf er auf eine Mischung aus überforderten Nachwuchskickern und so genannten „Galaktischen“, die im Wolkenkuckucksheim zuhause sind. Zwar haben Zinedine Zidane und Luis Figo ihre Nationalteams verlassen, um sich ganz auf Real Madrid zu konzentrieren, doch die beiden gehören ohnehin zu den zuverlässigeren Superstars. Der Rest? Aus Argentinien ließ der drogenkranke Diego Maradona ausrichten, dieses Real Madrid sei „eine Bande von Hunden“. Camachos Schuld? „Unsere Schuld“, findet Roberto Carlos. Jedenfalls kam die Botschaft vom Patriotismus auf dem Rasen bei der Söldnertruppe nicht an. Überhaupt ist dieser Zirkus nicht Camachos Welt. Werbetourneen durch Asien. Multimediatrainingszentrum. Er kam sich in dem ganzen System Pérez deplatziert vor.“
Wie ein Handwerksmeister in einer Talkshow mit Schauspielern
Georg Bucher (NZZ 21.9.) ergänzt: „Schon während der kurzen Asien-Tournee im Juli war ihm aufgefallen, dass die Topverdiener, die sogenannten Galaktischen, ihren Hauptberuf als Fussballer nur noch als Nebensache betrachteten. Publizistische und soziale Verpflichtungen waren in den Vordergrund gerückt. Vor diesem Hintergrund vermochte Camacho einige Spieler kaum mehr zu motivieren. Sie blockten seine Initiativen ab, weil sie den persönlichen Freiraum einzuengen drohten. In der Kabine und auf dem Trainingsplatz mag sich Camacho bisweilen vorgekommen sein wie ein Handwerksmeister in einer Talkshow mit Schauspielern. Entwicklungen im Mediensektor haben diesen Trend befördert. Wenn sich die einschlägigen Programme auf Ronaldos neue Liebe und auf die im Januar angesetzte Hochzeit stürzen, wenn ein TV-Sender deshalb sogar ein Kamerateam ins Trainingslager der brasilianischen Auswahl nach Teresopolis entsendet, wenn Gutis und Beckhams vermeintliche Ehekrisen die Paparazzi seit Monaten auf den Plan rufen, braucht man sich über die Desorientierung nicht zu wundern.“
Auch Reiner Wandler (taz 21.9.) kann die Demission Camachos nachempfinden: „Dabei begann alles so voller Optimismus: Eine Elf, die „nicht aufzuhalten ist“, wollte der Trainer, der die Weißen nach einer ziemlich erfolglosen Saison übernahm, zusammenschweißen. Und die Vorstellung Camachos von der künftigen Spieltaktik klang so einfach wie vielversprechend: schnelle Ballkontakte, gezielte Pässe, sich freilaufen. Warum sollte dies nicht funktionieren? Schließlich hatte Camacho in der vergangenen Saison mit dieser Philosophie beim portugiesischen Benfica Erfolg gehabt – er führte den Club aus Lissabon nach einer jahrelangen Krise zum Pokalsieg. Doch der einstige spanische Rekordnationalspieler hatte seine Rechnung ohne die Befindlichkeiten der Fußballmillionäre von Real gemacht. Die „Galaktischen“ wollen sich nicht ins Handwerk reden lassen. „Wenn das so weiter geht, muss bald jeder mit seinem eigenen Ball spielen“, kritisierte der Coach schon bald den nicht zu bändigenden Individualismus seiner Spieler. Diese dankten ihm die Kritik mit offener Ablehnung und mit gezielten Indiskretionen aus den Trainingsgesprächen an die Presse.“
Ein solches Foul pfeifen sie nur in Italien
3:4 in Messina – wie gehts Rudi Völler und dem AS Rom, Birgit Schönau (SZ 21.9.)? „Völlers fehlt Truppe eine Abwehr, die diese Bezeichnung verdient, und einen seiner Defensivspieler nahm Völler prompt in Messina aufs Korn. „Spieler, die aus dem Ausland kommen, müssen die Parameter der italienischen Schiedsrichter verstehen lernen. Es gibt hier jemanden, der wohl noch nicht gemerkt hat, in welcher Meisterschaft er gelandet ist.“ Gemeint war der französische Nationalspieler Philippe Mexès, der gegen Dynamo Kiew schon Rot gesehen hatte und dessen leichtsinniges Aufstützen auf einen Gegenspieler im Strafraum von Messina den Elfmeter zum 0:1 bescherte. Spielleiter war Pierluigi Collina, der prominenteste Unparteiische des Planeten, aber auch er bekam von Völler sein Fett ab: „Ich würde ja gern mal sehen, ob Collina sich gegen Arsenal oder Chelsea in der Champions League auch für einen Strafstoß entscheiden würde“, sagte Völler, um gleich die Prognose abzugeben: „Würde er nicht. Ein solches Foul pfeifen sie nur in Italien.“ (…) Dem Rudi-Fieber in Rom tun die Misserfolge bislang keinen Abbruch. Zum Bestseller an den Zeitungskiosken der Hauptstadt hat sich eine Videokassette mit den schönsten Völler-Toren aus seiner Zeit als Mittelstürmer des AS Rom entwickelt. Weil die Italiener meinen, alle deutschen Wörter endeten auf -en, trägt das Kultobjekt den Titel „il romanisten“.“
Das leidenschaftliche Gewissen der gesetzlosen, permissiven, verlogenen Welt des Calcio
Sehr lesenswert! Peter Hartmann (NZZ 21.9.) freut sich über die Rückkehr eines Charakter-Trainers: „Der „Boemo“, der Mann aus Böhmen, ist zurückgekehrt, unter Qualen, aber ohne Qualm. Denn Zdenek Zeman, 57-jährig, der Stoiker unter den italienischen Trainern, der sich mit dem blauen Dunst aus täglich drei Päckchen Filterzigaretten beruhigt, der nie aus der Haut fährt, nie gegen Schiedsrichter meckert und sein faltiges Gesicht eines Indianerhäuptlings nie verzieht, hat seinen neuen Job am Stiefelabsatz im apulischen Lecce gewissermassen unter Höchststrafe angetreten: Auf der Trainerbank gilt absolutes Rauchverbot. Aber auch in die zweimal 45 Minuten Entzug schickte er sich emotionslos. Und als er die Komplimente entgegennahm zum 4:1 gegen Brescia, hing wieder eine Zigarette in seinem Mundwinkel. Zemans dampfende Angriffsmaschine liegt auf Platz drei und hat die meisten Tore geschossen: Der Fussball-Vergnügungspark „Zemanlandia“ ist wieder geöffnet. (…) Zeman ist kein versponnener Idealist, sondern eine Art leidenschaftliches Gewissen in der gesetzlosen, permissiven, verlogenen Welt des Calcio. Er denunzierte in den neunziger Jahren die „unnatürlichen Muskeln“ von Vialli und Del Piero. Er forderte, der Fussball müsse „die Apotheken wieder verlassen“. An Zeman blieb der Makel des Nestbeschmutzers hängen.“
Manchester United hofft auf Wayne Rooney und Rio Ferdinand NZZ
Unterhaus
Sogar die Verlierer durften sich als Gewinner fühlen
Alemannia Aachen verliert gegen den 1. FC Köln 2:3 – Richard Leipold (FAZ 21.9.) ruft „Zugabe“: “Dieses Fußballspiel besaß, wenn überhaupt, nur einen Makel: Es hat in der zweiten Liga stattgefunden. Alemannia Aachen und der 1. FC Köln boten im rheinischen Derby einen Kick von erstklassigem Unterhaltungswert. Tore, Tempo, Turbulenzen: am berüchtigten „Tivoli“ mit seinem rauhen, romantischen Charme durften sich sogar die Verlierer als Gewinner fühlen. Die Aachener hatten trotz ihrer Niederlage nicht weniger zur Show beigetragen als die erfolgreichen Kölner. Diese Aufführung hätte es gerechtfertigt, ja erfordert, daß am Ende alle Spieler zum Schlußapplaus aus der Kabine gekommen wären und einander an die Hand genommen hätten wie ein Schauspielensemble nach einer großartigen Vorstellung. Fast jeder war ein Hauptdarsteller. Das Publikum konnte sich an traurigen Helden und an strahlenden Siegern ergötzen. (…) Fünf Minuten vor der Pause hatte Huub Stevens den schwachen Mittelfeldspieler Christian Springer gegen den wesentlich wirkungsvolleren Markus Feulner ausgetauscht. Ein Reporter wagte es, den Trainer zu fragen, ob er damit einen Fehler korrigiert habe. Da verlor Stevens die Contenance. Er sollte einen Fehler gemacht haben?! „Was für eine Frage, was für ein Quatsch, was für eine Unverschämtheit!“ Stevens verließ wütend den Kabinengang und traktierte den Reporter aus dem Halbdunkel und aus der Halbdistanz mit Schimpfworten. Die verbale Kanonade traf den Ton der Claqueure, die auf den Rängen um die Wette gepöbelt hatten; seiner Position als leitender Angestellter wurde Stevens nicht gerecht. So gab es neben Verlierern, die wie Gewinner aussahen, einen Sieger, der sich wie ein schlechter Verlierer benahm.“
Den schönsten Dom haben wir
Bernd Müllender (FTD 21.9.): „Na gut, da hatten die Aachener halt dieses „sensationelle Derby“ (Kölns Keeper Alexander Bade), einen wahrhaft wilden Kampf auf Siedetemperaturen, gegen den FC verloren, den ungeliebten Nachbarn. Die Fanblöcke hatten sich ausgiebig verhöhnt, zeitweilig mit donnernden Ausflügen in fußballfremde Fachbereiche wie Liebesleben („Ihr seid die Hauptstadt der Schwulen“) und sogar Architekturkritik („Den schönsten Dom haben wir“). Und doch: Es war nur eine 90-minütige Episode. Nach dem einen Spiel war noch mehr nach dem anderen. Rund um den Tivoli dominierten wieder dieses entrückte Lächeln und eine auffallend milde Gelassenheit in ebensolcher Nacht. Das lag an Island. Am Freitag hatte Alemannia dieses verzückende 5:1 beim FH Hafnarfjördur mitgebracht, die internationale Premiere am Polarkreis, die vielen noch danach „irgendwie unwirklich“ und „wie nur geträumt“ vorkam. Auch nach dem Match hörte man manchen der fast 500 mitgereisten Ausflügler den Daheimgebliebenen noch Anekdoten vom Abenteuer Island erzählen. Solcher Stolz balsamiert die Seelen über die Niederlage „im Hass-Gipfel“ („Kölner Express“) hinaus.“
Bundesliga
Mischung aus Entsetzen und Langeweile
Hertha BSC Berlin-VfB Stuttgart 0:0
Matthias Wolf (FAZ 21.9.) reibt sich den Schlaf aus den Augen: “Bewundernswert, wie die 45 349 Zuschauer ihre Mannschaft während des Spiels antrieben; doch als sich Fredi Bobic kurz nach Spielende über die Arenabeschallung dafür bedankte, pfiffen die Fans ihn aus. Hertha BSC tritt auf der Stelle, und die Kunden sind nur noch bedingt gewillt, das klaglos zu erdulden. Mildernde Umstände gab es diesmal nur, weil die Berliner lang in Unterzahl spielen mußten. Ansonsten herrscht eine Mischung aus Entsetzen und Langeweile. Gedanken an die vergangene Saison werden wach, als am zehnten Spieltag der erste Sieg gelang und der Verein lange um den Ligaverbleib zitterte. Fünf Spiele, fünf Remis – das bedeutet nun die Einstellung der zweifelhaften Startrekorde des 1. FC Köln (1991) und der Düsseldorfer Fortuna (1995). Hertha spielte von Beginn an wie in den schlimmsten Zeiten. Ohne Mut, ohne Ideen, ohne Torgelegenheiten. (…) Sorgen hat aber auch der VfB Stuttgart. Kevin Kuranyi fällt nach der Bänderverletzung vier Wochen aus – und im ersten Spiel ohne ihn funktionierte offensiv gar nichts. Matthias Sammer entschuldigte den blutarmen Auftritt mit fehlender Frische aufgrund der Belastung im Europapokal.“
Ist in Berlin alles wie im letzten Jahr, Michael Rosentritt (Tsp 21.9.)? „Es gibt einen gravierenden Unterschied. Der Trainer und die Spieler gehen diesmal anders mit der sportlichen Situation um. Weder Falko Götz noch einer der Spieler unternehmen bisher den Versuch, die tatsächlich tückische Lage zu beschönigen. Im vergangenen Jahr hörte sich das alles noch ganz anders an. Die Mannschaft, die sich in einem Anflug von Selbstüberschätzung die Champions League zum Ziel gesetzt hatte, spielte nicht nur schlecht und oft unentschieden (zwölfmal), sondern wollte das lange Zeit einfach nicht wahrhaben. Monatelang war alles prima, alles super, alles bestens. Als es gerade am allerbesten war, ging es schon direkt gegen den Abstieg.“
Bundesliga
VfL Wolfsburg
Die Pressestelle des VfL Wolfsburg ist auf Zack – Martin Hägele (NZZ 21.9.): „Für alle, die es noch nicht im Fernsehen oder in den Sonntagszeitungen gelesen hatten, meldete die Pressestelle des VfL Wolfsburg die Sensation auch online in die Redaktionen: Im 243. Bundesligaspiel stand zum ersten Mal in der Tabelle eine Eins vor dem VfL Wolfsburg, und vor lauter Überraschung, dass ein Professional des VW- Klubs wieder ins „Aktuelle Sportstudio“ eingeladen wurde, hatte Pablo Thiam die Krawatte für den TV-Termin in Mainz vergessen – zuletzt waren die Fussballer aus Wolfsburg vom ZDF als Aufsteiger im Sommer 1997 vorgestellt worden.“
Ascheplatz
Homm verdient in der Regel an fallenden Kursen
Wie gehts weiter in Dortmund? „Florian Homm, Dortmunds neuer Aktionär, verdient in der Regel an fallenden Kursen“ (FAZ) / das Management will das Westfalenstadion zurückkaufen, vermutlich um mit Stephen Schechter zu verhandeln
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Ralf Nöcker (FAZ/Wirtschaft 21.9.) sieht sich die Arbeit Florian Homms, des neuen Dortmunder Aktionärs, mal genauer an: „Der großgewachsene Homm verdient in der Regel an fallenden Kursen. Er leiht sich Aktien beispielsweise bei einer Fondsgesellschaft, verkauft sie und hofft darauf, daß sie bis zu dem Zeitpunkt, zu dem er sie zurückgeben muß, an Wert verloren haben. In diesem Fall kauft er die nun billiger gewordenen Papiere auf und gibt sie an die Fondsgesellschaft zurück. Die Differenz zwischen diesem niedrigeren Kaufpreis und seinem Verkaufspreis – abzüglich der Leihgebühren der Fondsgesellschaft – macht seinen Gewinn aus. An sich ist gegen dieses recht riskante Vorgehen nichts einzuwenden. Heikel wird die Sache allerdings, wenn der Investor die Kursbewegungen, von denen er profitiert, mehr oder weniger selbst herbeiführt. So geschehen bei Sixt. Eine Analyse der United Zurichfinance, an der Homm zwar nominell nur eine Minderheitsbeteiligung hält, empfahl die Aktie des Autovermieters wegen angeblicher Bilanzrisiken zum Verkauf. Der Kurs brach daraufhin ein. Ähnliches hatten zuvor der Finanzdienstleister MLP und die Beteiligungs- und Immobiliengesellschaft WCM erleben müssen. Auch hier hatte United Zurichfinance Verkaufsempfehlungen lanciert, die zu dramatischen Kurseinbrüchen geführt hatten. Zumindest im Fall WCM hat Homm seine sogenannte Analyse später zurückgenommen. Sein Geld dürfte er zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits verdient haben.“
Freddie Röckenhaus (SZ 21.9.) berichtet den Finanzplan Dortmunds: „Die Dementis sind bei Borussia Dortmund ausgegangen. Bereits am Montag bestätigte Manager Michael Meier im „Morgenmagazin“ des WDR, dass der börsennotierte Klub mit Hilfe einer Groß-Anleihe in Höhe von mindestens 120 Millionen Euro beim in London ansässigen Finanzmakler Stephen Schechter das Westfalenstadion zurückkaufen will. Die SZ hatte dies unter Berufung auf ein vorliegendes Papier „London Roadshow 2004″ gemeldet, das für potentielle Neu-Aktionäre erstellt worden war, um ihnen die Zeichnung der demnächst auf den Markt kommenden frischen BVB-Aktien schmackhaft zu machen. Meier behauptet allerdings, es sei noch keine endgültige Entscheidung gefallen, ob das Geld tatsächlich vom angesehenen Anleihe-Spezialisten Schechter komme. Das könnte daran liegen, dass Schechter an eine Anleihe die Bedingung geknüpft hat, dass die geplante Kapitalerhöhung erfolgreich ist. Meier sagte, der Rückkauf des Westfalenstadions sei Teil einer „Neuordnung unserer Finanzen“. Experten erkennen an, dass mit dem Plan, den Stephen Schechter dem Dortmunder Management um Gerd Niebaum und Michael Meier bereits vor gut sechs Monaten erstmals vorgeschlagen hatte, eine gewisse „Beruhigung an der Kreditfront“ einkehren könnte. (…) Dortmunds Vorstand rechnet den Neuaktionären vor, dass nach den fast 67 Millionen Euro Verlust der vergangenen Saison schon in dieser Spielzeit wieder eine schwarze Null stehe. Angesichts der überaus optimistischen Prognosen winken Experten wie der Kleinaktionärs-Schützer Stefan ten Doornkaat ab: Die Zahlen aus Dortmunds Road-Show gehörten ins Reich der Fabel.“
Montag, 20. September 2004
Allgemein
Gelöst, vielleicht erlöst
Frank Heike (FAZ 20.9.) erlebt Miroslav Klose erleichtert: „Vielleicht haben zwanzig Minuten genügt, um Miroslav Klose in Bremen ankommen zu lassen. Ihm selbst zumindest haben seine zwanzig besten Minuten im Bremer Trikot so viel bedeutet, daß er gern noch ein wenig erzählen wollte, wie es denn so war, ein Tor vorzubereiten, eines zu schießen und von den Fans in Sprechchören gefeiert zu werden. Es war aber typisch, wie dieser selbstkritische, bescheidene Profi einen Einblick in seine Gefühlswelt gab: Zunächst war er nämlich an allen Fragestellern vorbei in die Kabine gestürmt, ehe er die Reporter doch an seinem ganz persönlichen Glück teilhaben ließ. Wieviel ihm dieser kurze, starke Auftritt bedeutet hatte, war schon daran abzulesen, wie der 26 Jahre alte Nationalspieler nach seinem Tor zum 3:0 gejubelt hatte: gelöst, vielleicht erlöst. (…) Es ist nicht leicht für den ehemaligen Lauterer in Bremen. Als Ailton-Nachfolger besonders kritisch beäugt, muß Klose noch viele Zweifler überzeugen, bevor er wirklich akzeptiert wird. Am Samstag hat er einen Anfang gemacht.“
Internationaler Fußball
Oxford und Cambridge für Fußballschüler
Die FAZ empfiehlt England als Aus- und Fortbildungsstätte: „dort in die Lehre gehen, wo der aufregendste Fußball der Welt gespielt wird“ – „ob Rudi Völler sich aus seiner Zeit als deutscher Nationaltrainer an eine ähnlich stressige Arbeitswoche erinnern kann wie nun direkt nach seinem Amtsantritt beim AS Rom?“ (FAS) u.v.m.
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Oxford und Cambridge für Fußballschüler
„Dort in die Lehre gehen, wo der aufregendste Fußball der Welt gespielt wird“ – Christian Eichler (FAZ 20.9.) empfiehlt England als Aus- und Fortbildungsstätte: „Der englische Fußball stagnierte Anfang der Neunziger, das Ausbildungssystem war veraltet, das Gros der Jugendtrainer schlecht ausgebildet. Deshalb wurde ein Internatsystem nach französischem und niederländischem Vorbild aufgebaut. Jeder Klub der Premier League braucht eine „Academy“ für Nachwuchsspieler. Diese Talentabteilungen kämpfen um begabte Schüler, auch im Ausland, etwa seit Ende der neunziger Jahre in Deutschland. Seitdem hat rund ein halbes Dutzend deutscher Jugendlicher den Sprung gewagt, Familie und Freunde zurückzulassen und dort in die Lehre zu gehen, wo der aufregendste Fußball der Welt gespielt wird. Was Oxford und Cambridge für Studenten, sind die besten Akademien der englischen Klubs inzwischen für Fußballschüler aus aller Welt. In ihnen herrschen höchstes taktisches und technisches Niveau, Tempo und Zweikampfhärte, aber auch eine Kombination aus rigider Selektion und rührender sozialer Einbettung. Dazu gehören schrullige Traditionen wie der Usus, daß jeder Junge die Schuhe eines Älteren putzen muß. Robert Huth schmierten die Kollegen an, er putzte sogar sieben Paar. Zwei, die sich durchgesetzt haben, sind Thomas Hitzlsperger und Moritz Volz. (…) Der letzte England-Import ist der 18jährige Markus Neumayr, der von Eintracht Frankfurt zu Manchester United ging. In Frankfurt nannte man ihn „eine Mischung aus Tomas Rosicky und Andreas Möller“ – doch es ist ein weiter Weg zu einem Platz neben Ruud van Nistelrooy.“
Man kennt sich und plaudert
„Ob Rudi Völler sich aus seiner Zeit als deutscher Nationaltrainer an eine ähnlich stressige Arbeitswoche erinnern kann wie nun direkt nach seinem Amtsantritt beim AS Rom?“, fragt sich Dirk Schümer (FAS 19.9.): „Dem hochtalentierten Cassano jagt – zumindest in den Wunschvorstellungen seiner Berater – mit Real Madrid, Juventus Turin und Inter sowie AC Mailand gleich die Mehrheit der wenigen noch finanzkräftigen Großklubs Europas hinterher, was dem impulsiven Straßenfußballer aus Bari gewiß weiter den Kopf verdreht hat. Nun schaltete sich Kapitän Francesco Totti – auch nicht gerade ein Musterbeispiel an Disziplin – in die Debatte ein und stärkte Völler den Rücken: Der Deutsche, der als Aktiver vier Jahre lang für Rom gestürmt hatte, sei der einzige, der es noch wage, Cassano in die Schranken zu weisen. Der junge Spieler, dessen neue Luxusvilla hundert Meter von Tottis Wohnstätte entfernt liegt, sei verhätschelt worden. Ob aber nun eine Ära eiserner deutscher Disziplin bei der Roma anbricht? Daran bestehen berechtigte Zweifel, denn bereits in seinem samstäglichen Interview mit der „Gazzetta dello Sport“ frönte Francesco Totti aufs neue dem italienischen Hobby der Verschwörungstheorie. Frisk sei im Spiel gegen Kiew voreingenommen gewesen: „Er hat nie die Fouls an mir gepfiffen und drehte mir immer den Rücken zu.“ Kein Wort des Bedauerns für den blutig verletzten Unparteiischen. Mit solchen Ausreden ist der Unterschied zwischen der europäischen und der italienischen Spielkultur beschrieben. In Italiens Serie A wird auf die Stars auch von den Schiedsrichtern mehr Rücksicht genommen, man kennt sich und plaudert gebärdenreich wie auf einem italienischen Marktplatz. Ein Elfmeter wird im Sportjargon bezeichnenderweise nicht nach Foul, sondern bei „contatto“ gepfiffen – und so fliegen die Stürmer wie beim Ball der kontaktsuchenden Herzen bei jeder Berührung durch die Strafräume. Auf europäischem Niveau gelingen Tricks dergleichen immer seltener, und Rudi Völler hat diese italienische Provinzialität mit seiner Schelte deutlich angesprochen.“
0:1 gegen Espanyol Barcelona. Real Madrid sucht den Weg zum Erfolg, Georg Bucher (NZZ 20.9.): „Weniger die spielerische Baisse als die blank liegenden Nerven seiner Schützlinge sollten José António Camacho zu denken geben. Wie sie im Rudel den Schiedsrichter bedrängten und einzuschüchtern versuchten, entsprach keinesfalls dem von Präsident Florentino Perez vorgegebenen Verhaltenskodex in der Tradition eines noblen Klubs. Vor allem Michel Salgados Ellbogencheck in der Nachspielzeit gegen den überragenden Spielmacher Ivan de la Peña warf einen Schatten auf die „Königlichen“. Vorher war schon der 25-Millionen-Zuzug Walter Samuel des Feldes verwiesen worden. Real fand keine Mittel, dem läuferisch stärkeren, in Zweikämpfen dominanten Gegner Paroli zu bieten, bot vielmehr ein ähnlich tristes Bild wie im letzten Abschnitt der Saison 2003/2004.“
Javier Cáceres (SZ 20.9.): „Es ist nicht überliefert, wann dem uruguayischen Nationaltrainer Jorge Fossati, 53, endgültig dünkte, dass er einen monumentalen Fehler begangen hatte. Viel spricht dafür, dass es der Augenblick war, als ihn am Donnerstag mehrere Polizisten in einem Hotel in Carmelo überraschten: Mit einem Schreiben, das von der Staatsanwältin Olga Carballo unterzeichnet war und ihn verpflichtete, am folgenden Morgen in Montevideo vor Gericht auszusagen. Er, Fossati, stehe im Verdacht, gegen das im Juli 2003 reformierte Anti-Diskriminierungs-Gesetz Uruguays verstoßen zu haben. Mögliche Strafe: Zwischen 6 und 24 Monaten Gefängnis. Was geschehen war? Fossati, praktizierender Katholik, hatte in einem Zeitungsinterview einen Einblick in seine reaktionäre Gedankenwelt gegeben. Schwule, so sagte er, hätten in einer Profimannschaft nichts verloren, denn: „Es gibt gewisse Normen, die geschützt werden müssen.“ Homosexuelle würden diese überschreiten. „Sie haben andere Gewohnheiten.“ Das Aufsehen, für das die Äußerungen sorgten, war enorm, Parlamentsabgeordnete forderten Fossati auf, seine Äußerungen zurückzunehmen, Schwulenvertreter nannten ihn „ignorant und chauvinistisch“. Erst allmählich rückte Fossati von seinen eigenen Worten ab: seinem Bedauern über eine vermeintliche „Fehlinterpretation“ schloss sich, unter dem Druck des Gesetzes, dann doch die öffentliche Entschuldigung an.“
Europas Fußball vom Wochenende: Ergebnisse – Tabellen – Torschützen NZZ
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