indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Samstag, 11. September 2004

Allgemein

Manchmal ruft Gott an, er hat Lust zu plaudern

Andrés D’ Allesandro erhält höchste Unterstützung, erfahren wir von Javier Cáceres (SZ 11.9.): „Manchmal ruft Gott an, er hat Lust zu plaudern, „und gar nicht mal so sehr über Fußball“, sagt Andrés D’ Alessandro. Gott ist in Argentinien aus Fleisch und Blut, er heißt Diego Maradona, und D’ Alessandro sagt, dass „er gerne von früher erzählt“ – aus der Zeit seiner Gottwerdung. Neulich aber, da rief er an, um über Fußball zu reden. Denn D’ Alessandro, 23, hatte in Athen mit der argentinischen Elf das olympische Fußballturnier gewonnen, und Maradona wollte nicht nur gratulieren – sondern auch Anweisungen für die Zukunft geben: „Fordere den Ball, fordere ihn, und lass ihn nicht mehr los“, sagte Maradona. D’ Alessandro erzählt das alles eher verstohlen, allein schon mit Maradona kommunizieren zu dürfen, mache ihn „stolz“ – was erst soll er sagen, wenn ihm „der Größte aller Zeiten, das Idol“, gesteht, dass es sein gepeinigtes Herz erfreue, ihn Fußball spielen zu sehen? (…) Klassische Regisseure sind selten geworden, und D’ Alessandro zählt zu den eingebungsreichsten Dirigenten, die der Fußball in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat.“

Interview

Mayer-Vorfelder im Interview

Zwei Interviews (SZ und Tagesspiegel) mit Gerhard Mayer-Vorfelder: „ich komme schnell zu Entscheidungen, dieser Stil gefällt nicht jedem“ / „mein Fehler war es, dass ich in der Trainerfrage nicht alle rechtzeitig eingebunden habe“

Ich komme schnell zu Entscheidungen, dieser Stil gefällt nicht jedem

Jörg Hanau & Wolfgang Hettfleisch (FR 11.9.) sprechen mit Gerhard Mayer-Vorfelder über seinen Arbeitsstil, den Rücktritt Rudi Völlers und das Wesen Jürgen Klinsmanns
FR: Es sind ganze Heerscharen von Kollegen an der Aufgabe gescheitert, den Hergang jener berühmten Nacht von Portugal zu rekonstruieren, als es darum ging, ob Rudi Völler aufhört oder weitermacht.
GMV: Also zunächst mal war ich immer ein Politiker, der genau wusste, was er wollte, und das dann auch so gesagt hat. Und auch was diese Nacht angeht, besteht kein Problem, die Wahrheit zu sagen: Rudi Völler hatte Horst R. Schmidt gesagt, er hätte gern ein Gespräch mit ihm und mir geführt. Es ist also frei erfunden, dass Rudi Völler Herrn Hackmann bei dem Gespräch gerne dabeigehabt hätte. Ich hab‘ übrigens nichts Böses geahnt, mich nur gewundert, dass er so schnell mit uns reden wollte. Jedenfalls hat er dann klipp und klar gesagt, dass er aufhört. Natürlich habe ich mich nicht weinend vor ihn auf den Boden geworfen, aber ich habe wirklich alles probiert und ihm gesagt, das ist jetzt eine Bauchentscheidung aus der Enttäuschung heraus, und ich möchte, dass er sich das noch mal in Ruhe überlegt. Er hat dann gesagt, er habe sich das schon im Vorfeld der EM ruhig überlegt und auch mit seiner Frau besprochen. Und dass er genauso aufgehört hätte, wenn er im Viertel- oder Halbfinale gestanden hätte. Dann kam er sofort auf die Auflösung seines Vertrags zu sprechen. Natürlich ist das Gespräch in Anstand und Würde verlaufen.
FR: Man hört aber immer wieder, Sie hätten Völler nur sagen müssen: „Bitte, Rudi, bleib doch da!“
GMV: Es gibt Dinge, die ich mir nicht erklären kann. Gut, wenn man sagt: Dem Mayer-Vorfelder, dem trauen wir nicht übern Weg. Der wittert jetzt die Chance, dass er den Daum holen kann, oder was sich die Leute da alles zusammengebastelt haben. Aber Horst Schmidt, dem man ja derartige Unterstellungen nie gemacht hat, war ja dabei und sagt das Gleiche. Und Rudi Völler hat auch gesagt, als er befragt wurde: Die haben alles getan, um mich zu halten.
FR: Das kann auch eine Sprachregelung sein.
GMV: Das ist eine rein theoretische Überlegung. Wenn von allen Seiten das Gleiche gesagt wird, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es tatsächlich so war, doch sehr groß. Was dann hinterher alles vermutet und spekuliert worden ist, hat mich sehr verwundert. Das war auch in der Sache mit Hitzfeld nicht anders.
FR: Waren Sie überrascht, was da über Sie hereinbrach?
GMV: Ja. Hätte Hitzfeld zugesagt, wäre Ruhe im Karton gewesen. Hat es überhaupt jemanden gegeben, der dagegen war?
FR: Gegen die Verpflichtung von Hitzfeld war niemand. (…) Hatten Sie das Gefühl, dass manch einer darauf gewartet hat, Ihnen an den Karren fahren zu können?
GMV: Es ist nun mal so, dass mein Führungsstil nicht jedem passt. Ich bin geprägt von den Spitzenfunktionen, die ich in meiner politischen Karriere bekleidet habe. Ich habe nichts gegen Diskussionen, und mich interessiert eine Meinung insbesondere, wenn sie nicht meine ist. Aber wenn die Sache erst mal beschlossen ist, gilt: Roma locuta, causa finita (Rom/die Kurie hat gesprochen, die Angelegenheit ist erledigt.). Ich komme relativ schnell zu Entscheidungen in bestimmten Fragen. Und dieser Stil gefällt nicht jedem.
FR: Sie würden also wieder genauso handeln?
GMV: Ich würde es wieder so machen. Ich habe ja danach selber die Bildung einer Arbeitsgruppe mit vier Leuten vorgeschlagen. Das Ergebnis war: Sie konnten alles eins zu eins in der Zeitung lesen. Damit ist alles in Erfüllung gegangen, was ich in der Pressekonferenz nach dem Rücktritt Rudi Völlers schon gesagt hatte: Die Medien spekulieren über mögliche Trainerkandidaten und rufen die auch gleich an. Wenn dann diese Kandidaten reihenweise absagen, da sie ja auch keinen Kontakt mit dem DFB hatten, heißt es: Der DFB ist nicht in der Lage, einen Trainer zu finden. Schließlich folgt Phase drei. In der heisst es: Beim DFB ist das Chaos ausgebrochen. Beim DFB hat in dieser Frage nie Chaos geherrscht. Natürlich gibt es Probleme, einen föderalen Verband in solchen Fragen informiert zu halten. Das ist vergleichbar mit den Problemen, die der Bundeskanzler hin und wieder mit den Ländern hat. (…)
FR: Wir hören, dass Klinsmanns ausgeprägtes Selbstbewusstsein dort nicht unbedingt für ungeteilte Zustimmung sorgt.
GMV: Es gibt immer Leute, die sich verletzt fühlen. Und es tut mir in der Seele weh, dass Klinsmann nicht mit Bernd Pfaff weiterarbeitet. Pfaff hat eine exzellente administrative Organisation gemacht, die war „comme il faut“. Die haben halt nicht miteinander gekonnt.
FR: Und Sie sagen, diese Personalentscheidung fällt in die Zuständigkeit des Bundestrainers.
GMV: Wenn du einen neuen Trainer verpflichtest, musst du ihm die Möglichkeit geben, sein Umfeld zu ordnen.
FR: Auch administrativ? Ab welchem Punkt sagt der Gerhard Mayer-Vorfelder dem Jürgen Klinsmann: „Da ist die Grenze, das ist meins“?
GMV: Darüber kann man streiten. Ich habe Pfaff gesagt, ich lasse es an dieser Frage nicht scheitern. Ich kenne die Sturheit von Klinsmann. Das sind persönliche Opfer, die du jemandem zumutest.

Mein Fehler war es, dass ich in der Trainerfrage nicht alle rechtzeitig eingebunden habe

Auch Armin Lehmann & Michael Rosentritt (Tsp 11.9.) interviewen Mayer-Vorfelder
Tsp: Sie haben gesagt, mit dem Stil, den Sie als Minister hatten, haben Sie auch als DFB-Präsident agiert. Ihre Kritiker nennen den Stil selbstherrlich und wollten Sie deshalb loswerden.
GMV: Das stimmt. Mein Führungsstil als DFB-Präsident ist mit dieser Kritik angegriffen worden. Ich aber empfinde meinen Stil nicht als selbstherrlich. Ich habe diesen Stil, um in einem föderalen und deshalb komplizierten Verband zu raschen und notwendigen Entscheidungen zu kommen. Sicherlich muss das Präsidium informiert werden, aber ich habe die Verantwortung für die Entscheidung.
Tsp: Vielleicht ist Ihre Wahrnehmung falsch.
GMV: Mag sein. Ich bin bereit, hier zu lernen. Mein Fehler war es, dass ich in der Trainerfrage nicht alle, die an diesem Entscheidungsprozess zu beteiligen gewesen wären, rechtzeitig eingebunden habe.
Tsp: Weil Sie allein den neuen Trainer präsentieren wollten?
GMV: Nein, das ist doch Unsinn. Sie können doch nicht mit fünf Leuten versuchen, einen Trainer wie Ottmar Hitzfeld zu überzeugen. Der fühlt sich nur bedrängt. Aber unabhängig von dieser Geschichte: In einem föderalen Verband ist es grundsätzlich sehr schwierig, Einigkeit zu erzielen. Du hast 21 Landesverbände und fünf Regionalverbände. Der Vergleich ist jetzt hochgezogen, aber auch der Bundeskanzler hat große Probleme, den Bundesrat auf seine Seite zu bekommen. Diese Grundproblematik findet man in jedem föderalen Verband. Ich habe immer gesagt: Ich bin Präsident des Verbandes und nicht der Obertelefonist. (…)
Tsp: Über die Abkürzung TFK hat ganz Deutschland gelacht.
GMV: Diesen Namen hat die Presse erfunden, lassen wir das. Für mich war viel unangenehmer, dass ich alles, was wir besprochen haben, in der Zeitung lesen musste.
Tsp: Das hat Sie gewundert? Immerhin ist Franz Beckenbauer, der wichtigste Mann dieser TFK, vertraglich an eine große Boulevardzeitung gebunden. Eine seltsame Verquickung, in der Politik hätte es gleich Rücktrittsforderungen gegeben.
GMV: Das ist eben so, du kannst innerhalb des Fußballs nicht einen ausschließen, der die größte Erfahrung als Spieler und als Teamchef hat und international höchst angesehen ist.
Tsp: Aber muss man von Franz Beckenbauer nicht Neutralität einfordern?
GMV: Auf diese Frage bekommen Sie von mir keine Antwort. Es gibt eben diese Fakten.
Tsp: Ärgern Sie sich eigentlich, dass nicht Sie auf Klinsmann gekommen sind?
GMV: Nein. Ich freue mich für den Jürgen. Ich weiß, dass es nicht immer einfach sein wird, mit ihm klarzukommen. Er kann ein ganz schöner Sturkopf sein.
Tsp: Dann ist er Ihnen ja ähnlich.
GMV: Ein bisschen vielleicht. Er hat mir imponiert in seinem Willen, sich weiterzubilden, sich die Welt Stück für Stück zu eigen zu machen. Aber weil er diese Eigenschaften hat und er mir mal erklärt hatte, dass er nicht mehr nach Deutschland zurückkommt, weil es in Kalifornien so schön ist, wäre ich nicht auf ihn gekommen.
Tsp: Klinsmann hat auch sinngemäß gesagt, man müsse jeden Stein im DFB umdrehen.
GMV: Ja, ja, jeden Stein wollte er umdrehen. Damals hat er noch gar nicht gewusst, wo die Steine überhaupt liegen. Und wenn er dann die Steine aufhebt, dann soll er sie aufheben und die, die vorher schon richtig gepasst haben, wieder dort hinlegen. Er wird die Erfahrung machen, dass man sich, wenn man viel bewegen will, ein blutigen Kopf holen kann. Aber diese Erfahrung ist wertvoll.

Internationaler Fußball

Die Macht geschäftstüchtiger Spieler steht mannschaftlichem Erfolg im Weg

„Italiens Stärke sollte der Nachwuchs sein – doch gerade für Talente erweist sich die Serie A als wahrer Dschungel“, bemerkt Dirk Schümer (FAZ 11.9.) vor dem Saisonstart der Serie A: „Der zuletzt komplett aus dem Tritt geratene Stürmerstar Alessandro del Piero hat die Kraft alter Seilschaften in Italiens Fußball deutlich gemacht. Obwohl nur ein Schatten seiner besten Jahre, gibt er immer noch bei Juve den Ton an und ist ohne erkennbare Leistung sogar in der Nationalmannschaft präsent – als würde bei Bayern München Mehmet Scholl das Kommando führen. Die Macht geschäftstüchtiger Spieler – bei Inter Mailand vergiftete zuletzt die Diva Cristian Vieri nachhaltig das Klima – steht mannschaftlichem Erfolg dauerhaft im Weg. Aber offenbar werden die italienischen Klubs von eitlen Präsidenten, Beratern und Sponsoren so eisig geführt, daß etwa die beiden besten Nachwuchsstürmer Miccoli und Gilardino nur beim Aufsteiger Florenz und beim maroden AC Parma landeten. Ihr talentierter Mittelfeldkollege Daniele De Rossi verblieb bei Rudi Völlers neuem Klub AS Rom, dem man nach personellem Abspecken gleichfalls nur einen Platz im Mittelfeld zutraut. So konzentriert sich die Neugier der Fans in diesem Jahr auf den Aufgalopp zweier Mannschaften aus dem fußballverrückten Sizilien. Die arme Insel war jahrelang überhaupt nicht in der Serie A vertreten und stellt nun mit Palermo und Messina ehrgeizige Aufsteiger. Nimmt man noch Reggio Calabria von der südlichen Stiefelspitze und die wackeren Apulier aus Lecce hinzu, so hat der ökonomisch zurückgebliebene Mezzogiorno im Fußball mächtig aufgeholt. Das kann am Rückgang der Fernsehgelder liegen, was eine solide regionale Verankerung und treu zahlende Fans im Etat wieder wichtiger werden läßt. In den Titelkampf werden die Sizilianer aber ebensowenig eingreifen wie das Gros der finanziell total gespaltenen Liga.“

Hai des Transfermarktes

Oliver Meiler (BLZ 11.9.) stellt einen typischen Mitarbeiter der Serie A vor: Luciano Moggi, Generaldirektor Juventus Turnins: „Sie nennen ihn Padrone oder auch Lucky Luciano. Das klingt ein bisschen nach Halbwelt, und so ranken sich seit jeher halbseidene Geschichten um Luciano Moggi, den starken Mann bei Juventus Turin. Er war in Wettskandale verwickelt, man warf ihm Vetternwirtschaft vor oder dubiose Freundschaften mit Schiedsrichtern. Der frühere Bahnhofsangestellte aus der Toscana, heute 67 Jahre alt, saß einst in der Chefetage des AS Rom, dann bei Lazio Rom, später beim AC Turin, und dann brachte er noch Diego Maradona nach Neapel, bevor er vor zehn Jahren zu Juve stieß. Seine Fama aber lebt noch immer vom Transfer Maradonas. Moggi, das anerkennen selbst seine zahlreichen Gegner, ist ein ausgefuchster Händler, ein Hai des Transfermarktes, einen Strippenzieher. Seinen letzten Coup landete Moggi in der Nachspielzeit, am 31. August, Stunden nur vor Ladenschluss: Er holte Zlatan Ibrahimovic, Schwede mit bosnischen Wurzeln, 23 erst, ein Gewächs aus dem Talenttreibhaus Ajax Amsterdam und einer der großen zeitgenössischen Stürmer Europas. Andere Vereine hätten ihn gerne gehabt, Moggi hat ihn gekriegt, für 17 Millionen Euro und einen feudalen Jahreslohn. Und so ist Juve neben Titelverteidiger AC Mailand wieder einmal der Hauptanwärter auf den Scudetto.“

Moggi machte aus seinem Fussballgedächtnis einen Beruf

Peter Hartmann (NZZ 11.9.): „Die Spürnase hat wieder einmal alle überrascht. Der Eisenbahner Luciano Moggi graste in seiner Freizeit mit einer schwarzen Ledermappe unter dem Arm die Fussballplätze der Provinz nach Talenten ab. Seine Entdeckungen meldete er nach Turin, weil er wusste: Dort sitzt die Macht, bei den Agnellis und ihrem Klub Juventus. Schliesslich wechselte er die Geleise und machte aus seinem Fussballgedächtnis einen Beruf. Die Agnelli-Brüder holten ihn als Strategen, der den unaufhaltsamen Aufstieg von Silvio Berlusconi und seiner AC Milan stoppen sollte. Jetzt hat Moggi seine Gegner auf dem falschen Bein erwischt. Juventus schreibt, nach sechs Gewinnjahren, erstmals rote Zahlen. Der Calcio steht nach einer Periode beispielloser Verschwendung knirschend auf der Sparbremse. Aber Luciano Moggi handelt antizyklisch. Er legte Trainer Marcello Lippi, mit dem er in zehn Jahren fünf Titel gewonnen hatte, den Rücktritt nahe, und als Nachfolger kam nur einer in Frage: Fabio („Das Kinn“) Capello, der Erfolgsgarant, der mit Milan viermal Meister geworden war, 1997 in Spanien mit Real reüssiert und 2001 mit der AS Roma die Vorherrschaft des Nordens durchbrochen hatte, wie ein Jahr zuvor schon Lazio Rom. Die Römer Klubs ruinierten sich dabei. (…) Moggis Capello-Coup markiert nicht nur einen Trainerwechsel, sondern einen Schnitt, einen radikalen Umbruch. Dieses revolutionäre Denken, das vor keinem Star Halt macht, ist der Schlüssel seiner Züge. Moggi hatte einst, als er zu Juventus kam, Baggio, Vialli und Vieri entlassen und Recht behalten. Als er vor drei Jahren völlig überraschend den Superstar Zidane an Real verkaufte und mit dem Haufen Spielgeld Buffon, einen Torhüter, Thuram, einen Verteidiger, und den Dauerläufer Nedved engagierte, blieb der Branche die Logik verborgen, aber nicht sehr lange.“

Ball und Buchstabe

Bei Gottschalk und Beckenbauer kann nichts schief gehen

In einem Jahr wird Franz Beckenbauer 60, und das ZDF macht sich bereits jetzt Gedanken um ein Geschenk – Christoph Keil (SZ/Medien 11.9.): „Jubiläumsdatum ist der 11. September 2005, was eine gewisse Problemlage erkennen lässt. An einem 11. September mag auch das ZDF nicht mehr so richtig feiern, weshalb nun geplant ist, die Party für Beckenbauer auf den 10. September vorzuverlegen. Das würde auch deshalb gut passen, weil der 10. September 2005 ein Samstag sein wird, und mit einer großen Gala zu Ehren des bekanntesten deutschen Fußballspielers, -trainers, -funktionärs ist einem das Millionenpublikum sicher. Erst recht, wenn der Jubilar vom bekanntesten deutschen Entertainer, Thomas Gottschalk, verwöhnt wird. Gottschalk und Beckenbauer: Das wäre ja überhaupt mal eine Kombination. Gerade ringt das ZDF um die richtige Moderatoren-Experten-Mischung für die WM 2006: Beckenbauer und Poschmann. Oder Beckenbauer und Kerner. Bei Gottschalk und Beckenbauer kann nichts schief gehen, weil weder dem einen noch dem anderen irgendetwas peinlich ist.“

Brillenträger des Jahres

Im Tagesspiegel (11.9.) lesen wir: „Felix Magath hat nie ein Geheimnis daraus gemacht: Er ist zu Bayern München gekommen, um Titel zu gewinnen. Nun ist er kaum mehr als zwei Monate da, und schon hat er deren zwei. Vor Saisonbeginn griff er mit seinem neuen Verein den Ligapokal ab, gestern kam ein persönlicher hinzu. Randolf Rodenstock, der Vorsitzende des „Kuratorium Gutes Sehen“, war höchstselbst zur Geschäftsstelle an der Säbener Straße gereist, um die frohe Kunde zu überbringen: Felix Magath ist „Brillenträger des Jahres“ – als Nachfolger von Daniel Küblböck.“

Ascheplatz

Der FC Bayern schafft es, seinen Hauptwerbepartner wirksam in Szene zu setzen

Michael Ashelm (FAZ/Wirtschaft 10.9.) beziffert die Anziehungskraft der Bundesliga-Vereine für Sponsoren: „Auch wenn die besten deutschen Klubs im internationalen Vergleich derzeit sportlich den kürzeren ziehen – in einem Wettbewerb sind sie weiterhin Spitze: Wie eine aktuelle Studie des Bonner Marktforschungsinstituts Sport und Markt ergeben hat, erzielen die Bundesligavereine im Vergleich mit den potenteren Klubs in England, Spanien und Italien mehr Gewinn aus der Partnerschaft mit ihren Hauptsponsoren. Trotz schwieriger ökonomischer Bedingungen im Lande liegen die besten 18 deutschen Fußballvereine in dieser Kategorie vor der ausländischen Konkurrenz. Unumstrittener Tabellenführer ist nach dem „Jersey Report“ der FC Bayern München – vor der schillernden Fußballmarke Real Madrid und Juventus Turin. „Quer durch die Bundesliga sind sich alle Vereine bewußt, daß sie für ihre Hauptsponsoren viel tun müssen. Das honorieren Unternehmen, die wissen, welcher Profit aus einer Partnerschaft mit einem deutschen Klub zu ziehen ist“, sagt Stephan Schröder von Sport und Markt. (…) Der FC Bayern schafft es, seinen Hauptwerbepartner öffentlichkeitswirksam in Szene zu setzen. Überall treten die Geschäftspartner zusammen auf – im großen Stil auf der gemeinsamen Internetseite, wo es im Monat zu 16 Millionen Seitenabrufen kommt. Wer dort über die Telekom zum Beispiel einen DSL-Internetanschluß bucht, erhält zwei Jahre kostenlosen Zugang zu den verschlüsselten Angeboten auf der Bayern-Seite. „Es geht nicht nur darum, die Bekanntheit zu steigern, sondern auch um die Nutzung gemeinsamer Vertriebskanäle“, sagt Karl Braun, Leiter Sportsponsoring bei T-Com. Die geschätzten 11 bis 16 Millionen Bayern-Sympathisanten seien potentielle Kunden.“

Freitag, 10. September 2004

Allgemein

Es liegen Welten zwischen einem deutschen und einem englischen Spitzenspiel

„Mit harter Hand und eisernem Fuß: Robert Huth, der Koloss in der deutschen Abwehr, teilt mit dem Bundestrainer die Leidenschaft für den englischen Fußball“, bemerkt Christoph Biermann (SZ 10.9.): „Dass Klinsmann scheinbar einen Narren an Huth gefressen hat, mag auch mit der gemeinsamen London-Erfahrung zu tun haben. Während der Bundestrainer jedoch erst im fortgeschrittenen Profileben sein Glück bei Tottenham Hotspur fand, wechselte Huth schon mit 16 Jahren von Union Berlin zu Chelsea. Von einem Scout der Londoner war er bei einem U15-Länderspiel in Dublin entdeckt worden, schon mit 17 debütierte er in der Premier League. Letzte Saison kam Huth zu immerhin 20 Einsätzen in einem Team, bei dem man vor lauter Stars die Kabinentür kaum zubekommt. Längst ist er ein Fan des englischen Fußballs: „Es liegen Welten zwischen einem deutschen und einem englischen Spitzenspiel, Manchester United gegen Arsenal ist was ganz anderes als Bayern gegen Dortmund“, hatte Huth er schon vor einiger Zeit geschwärmt. Auch die Härte hat Huth in England geprobt: „Da geht es anders ab“, sagte er und tippte auf ein paar Narben an Stirn und Augenbrauen.“

Jan Christian Müller (FR 10.9.): “Irgendwann Mitte der zweiten Halbzeit hat Sebastian Deisler am rechten Flügel den Mund nicht mehr zugekriegt. Weit auf der anderen Seite sah er den Brasilianer Adriano und seinen neuen Mannschaftskollegen Robert Huth in einem Sprintduell. „So, wie ich es gesehen habe, hat Adriano auf 15 Metern fünf Bodychecks von Robert bekommen.“ Wahrscheinlich hat Adriano am Donnerstag an sich heruntergeschaut und einen mit blauen Flecken übersäten Körper ausgemacht. Denn Huth hat Beine wie Baumstämme und einen Oberkörper wie eine Litfasssäule [of: Ich muss dasselbe klugscheißen wir vor zwei Wochen: hier keine neue Rechtschreibung, sondern Litfaßsäule!, benannt nach deren Erfinder Ernst Litfaß].“

Internationaler Fußball

Wohl dem, der ganz neu anfangen kann

Holland-Tschechien 2:0

„Mit Marco van Basten entdecken die Holländer nach den mißtrauischen Miesepetern van Gaal und Advocaat etwas Vergessenes wieder: den Wohlfühlfaktor Oranje“, schreibt Christian Eichler (FAZ 10.9.): „Seinen Vertrag hat van Basten bisher nicht erfüllt. In dem steht, wie die niederländische Nationalelf unter seiner Führung spielen soll: „dominant, voller Inititiative und angriffslustig“. Dominant, voller Initiative und angriffslustig spielten die Tschechen. Doch die Holländer haben 2:0 gewonnen. Und obwohl das nur „mit Hängen und Würgen“ gelang (De Volkskrant), jubelt das Land: „Traumstart Oranje“ (De Telegraaf). Das war unter van Bastens Vorgänger Dick Advocaat ganz anders. Der konnte nichts richtig machen; nicht mal, wenn er gewann. Van Basten kann nichts falsch machen. Vermutlich nicht mal, wenn er verliert. Es ist wie einst mit Beckenbauer und Vogts. Nur umgekehrt. Der, dem alles zufällt, der Aura und Autorität hat und auch noch das Glück, kommt hier nach dem glanzlosen Arbeiter. Noch eine Parallele zu Deutschland: zu Jürgen Klinsmann, selber Jahrgang wie van Basten (1964), am selben Tag ernannt, von derselben Aufbruchlaune begleitet. Zwei Anfänger, die gleich die Top-Jobs der Branche kriegen – Fußballregel 2004: Frische schlägt Erfahrung, Beliebtes schlägt Bewährtes. Wohl dem, der ganz neu anfangen kann.“

Die tschechische Mannschaft hätte die zarte Knospe der Orangenblüte zerquetschen können

Ulrich Hartmann (SZ 10.9.) ergänzt: „Marco van Basten einst bedeutender Nationalstürmer, als Trainer praktisch ohne Erfahrung, hätte in diesem ersten wichtigen Spiel unter seiner Regie wieder alle Sympathien verspielen können mit seiner offensiven Hurra-Philosophie, die dem Mythos nach auf einem Passus in seinem Vertrag beruht. Gegen Tschechien zeigen sich die Niederländer mit drei schnellen Stürmern und einer klapprigen Dreier-Abwehr bedingungslos vertragskonform und schienen geradewegs in ihr Verderben zu rennen, doch die Tschechen taten den so hoffnungsvoll im Neuaufbau befindlichen Gastgebern einen Gefallen: Sie nutzten ihre Möglichkeiten nicht. Die tschechische Mannschaft hätte die zarte Knospe der Orangenblüte zerquetschen können.“

Griechenland-Türkei 0:0

Gegenwind für Griechenland spürt Roland Zorn (FAZ 10.9.): „Die neue Konkurrenz begegnet diesem Champion mit unverhohlener Respektlosigkeit. Sie offenbart, daß Rehhagel und seinem Team zwar ein „Wunder“ geglückt sein mag, daß sich die Bewunderung jenseits von Griechenland jedoch in Grenzen hält. Schließlich hat in Portugal keine neue Wundermannschaft das Licht der Fußballwelt erblickt. Was dort wie von selbst zu gelingen schien – mit einer stabilen, ballsicheren Defensive lange ein 0:0 halten und dann frech gegen die eingebildeten Großen zuschlagen –, klappt im Moment nicht. Die Albaner und die Türken jedenfalls haben den Europameister durchschaut; andere Mannschaften wie die Ukraine und Dänemark stehen auch schon bereit, die bei der EM enteilten Griechen schleunigst wieder einzufangen.“

Ball und Buchstabe

Bierhoff wird Manager

Die SZ (Medien 10.9.) meldet: „Oliver Bierhoff, der bei den Moderationen mit Oliver Welke bislang als Experte auftrat, ist inzwischen zum Manager der Nationalmannschaft befördert. Das halte ihn aber nicht davon ab, bei den Moderationen für Sat 1 auch Nationalspieler zu kritisieren, sagt Bierhoff. Bei der Offenheit, die unter Jürgen Klinsmann im Team eingezogen sei, müssten sich die Spieler daran ohnehin gewöhnen. „Da kann man schon mal sagen, den Ball hätte er besser ins Tor geschossen.““

WM 2006

Es geht um Geld, sehr viel Geld

Thomas Becker (SZ/Feuilleton 10.9.) meldet sich an der Konsole: „Es ist ein Traum: Hertha BSC gegen Brasilien und nach ein paar Minuten steht es 7:0. Für Hertha. Sogar chronische Nicht-Treffer wie Arthur Wichniarek und Fredi Bobic schießen ein Tor nach dem anderen, während Ronaldo & Co. nicht mal den gegnerischen Strafraum sehen. Was hat das bitte mit der Wirklichkeit zu tun, liebe Xbox? Nächste Runde: Wir spielen Deutschland gegen Brasilien, unsere tugendreiche Defensive wird von Südamerikas Ballzauberern standesgemäß schwindlig gespielt; besonders Verteidiger Arne Friedrich fällt derart negativ auf, dass wir ihn lautstark verhöhnen und auf die Tribüne wünschen: „Der muss raus, der Friedrich!“ Und schwupp: Schon steht er da, der Friedrich, eine Armlänge entfernt an der nächsten Konsole und blickt ein wenig irritiert herüber. Reality bites. Es ist der Abend des Länderspiels, Deutschland gegen Brasilien. Aber nicht nur unten auf dem Rasen wird gespielt, sondern vor allem oben in der VIP-Lounge. Zehn Xbox-Konsolen hat Microsoft aufgestellt, „Fifa Worldcup 2005″ gilt es auszuprobieren. Wirklich spannend ist das deshalb, weil sich die seltene Möglichkeit des unmittelbaren Abgleichs Spielewelt gegen reale Welt ergibt. Das doppelte Event, Fußball live auf dem Rasen und digital auf dem Bildschirm, ein Synchron-Kick und die Frage: Welche ist die schönere der Welten? Beide sind jedenfalls ähnlich umkämpft. Es geht um Geld, sehr viel Geld.“

Bundesliga

Sympathischster Klub Deutschlands

Werder Bremen, „der sympathischste (und erfolgreichste) Klub Deutschlands“ (SZ) verlangt mehr Anerkennung – Sunday Oliseh streitet mit Peter Neururer

Nur ein bisschen, bisschen Anerkennung verlangt Werder Bremen, registriert Jörg Marwedel (SZ 11.9.): „Der „Fußball-Monitor 2004/05″ des Marktforschungsinstituts Sport + Markt ermittelte die Bremer bei einer repräsentativen Umfrage unter Fußballinteressierten als „aufstrebendsten Verein“ der Liga, eine Erhebung des Sportvermarkters Sportfive neben dem VfB Stuttgart als „sympathischsten Klub“ Deutschlands. Allein in den vergangenen acht Monaten hat sich die Zahl der Werder-Mitglieder auf 17 000 verdreifacht, und mit der neuen Meisterhymne „Lebenslang Grün-Weiß“ schaffte man es in die Top 50 der deutschen Pop-Charts. Dennoch ist die Erfolgsstory des Deutschen Meisters und DFB-Pokalsiegers nicht ungetrübt. Es ist nämlich so, dass man den frisch erworbenen Ruhm nicht genügend gewürdigt sieht in den Medien außerhalb der Hansestadt. Als sicheres Indiz für diesen Befund gilt den Bremern die Politik des Fernsehsenders Sat 1, der sich das Recht sicherte, pro Spieltag eine Begegnung der Champions League live zu übertragen. Allein: Weder am kommenden Dienstag, wenn Werder zum Auftakt bei Inter Mailand antritt, noch zwei Wochen später, wenn man den spanischen Titelträger FC Valencia empfängt, können die Fans den Meister im Free-TV sehen. Den Vorzug erhalten die Partien Bayer Leverkusen gegen Real Madrid und – dem Vernehmen nach auf Druck des Sat-1-Chefs Roger Schawinski – Bayern München gegen Ajax Amsterdam. „Richtig sauer“ mache ihn das, sagt Bremens Geschäftsführer Klaus Allofs. Mediendirektor Tino Polster, früher selbst Fernsehmann beim DSF, wittert gar, dass hier „Populismus und Personality über den Sport gestellt werden“. (…) Selbst Trainer Thomas Schaaf gab nach dem 1:1 der Nationalelf seine Zurückhaltung auf und mischte sich in den Bereich des Bundestrainers ein, weil dieser in Frank Fahrenhorst nur einen von fünf Werder-Profis im Aufgebot für die Startelf nominierte: „Da muss sich etwas ändern. Überall liegen bei uns noch die Pokale herum, da kann es nicht sein, dass nur ein Spieler in der Anfangsformation steht“, grummelte Schaaf und fügte an: „Wenn es nach den aktuellen Leistungen im Verein ginge, dürften die Bayern auch nicht dabei sein.““

Nicht das gesellschaftliche Niveau des VfL Bochum

„Ein grotesker Streit überlagert die Rückkehr des Dortmunders Sunday Oliseh an den Bochumer Tatort“, schreibt Richard Leipold (FAZ 11.9.): “Vor dem Derby heißt Olisehs Gegenspieler Peter Neururer. Die beiden Männer werden sich aus dem Weg gehen und einander dennoch begegnen. „Die böse Note kommt von den Bochumern, nicht von Sunday“, sagt Olissehs Berater Norbert Nasse. Sein Mandant fühlt sich provoziert. Neururer sagt, Oliseh habe „nicht das gesellschaftliche Niveau des VfL Bochum, er hat einen Mitspieler körperlich schwer verletzt und ihn in der Öffentlichkeit auch noch diffamiert“. Mit einem solchen Mann werde er „nicht mehr sprechen, solange keine offizielle Entschuldigung vorliegt“. Auf diese Bemerkungen angesprochen, schaltete Oliseh, der bis dahin nur über „die drei Punkte“ gesprochen hatte, auf Angriff um. „Wer ist eigentlich Peter Neururer?“ Bei Vereinen wie Juventus Turin oder Ajax Amsterdam habe er „unter großen Trainern gespielt“, sagt er. „Was interessiert mich da der kleine Peter Neururer?“ Inzwischen müsse er sich geradezu schämen, mit ihm zusammengearbeitet zu haben. „Neururer redet immer über andere. Vielleicht ist er neidisch“, sagt Oliseh. „Ich könnte es verstehen, wenn er neidisch ist. Er hat ja zum ersten Mal als Trainer Erfolg.“ Als der Nigerianer noch für den VfL kickte, haben die beiden Männer einander sehr geschätzt. „Sunday ist ein weltmännischer Junge, er hat ein hohes Maß an Bildung und große Erfahrung im Umgang mit anderen Menschen, gesammelt durch Auslandsaufenthalte“, sagte einst Neururer.“

Deutsche Elf

„1:1-Sieg gegen Brasilien“

10. September

„1:1-Sieg gegen Brasilien“ (BLZ) / „die neuen Deutschen“ (SZ) / „Weltklassefußball und deutsche Nationalmannschaft?“ (FR) / „nach dem Realisten Völler beflügelt der Reformer Klinsmann die Phantasie der Spieler und des Publikums“ (FAZ) – „der Bundestrainer neigt dazu, ins Schwafeln zu geraten“ (taz) u.v.m.

1:1-Sieg

Christof Kneer (BLZ 10.9.) gratuliert: “Jürgen Klinsmann kann sich einen 1:1-Sieg gutschreiben lassen konnte. Sein neues Deutschland war der gefühlte Gewinner dieses Abends, und man hat Klinsmann später bewundern müssen für seine Fähigkeit, auf die eigenen Verdienste zu verweisen, ohne auf die eigenen Verdienste zu verweisen. „Die Mannschaft hat ein Gespür dafür entwickelt, was sie leisten kann, wenn alle mit Dynamik und Tempo zu Werke gehen“, sagte er, und was er meinte, war: Hey, Leute, das mit der Dynamik und dem Tempo, das ist MEIN Werk. Predige ICH das nicht, seit ich das Amt übernommen habe? Er tut das, in der Tat, und so durfte man ihm das diskrete Eigenlob durchgehen lassen. Es ist ja ein hoch riskantes Spiel gewesen für ihn. Man muss sich das erst mal trauen, den Weltmeister zum Gegner haben und sagen, dass man sich nicht nach dem Gegner richtet. Es gibt nicht wenige, die sich im Stillen amüsiert hätten, wenn Klinsmann seine kecken Sätze auf die Füße gefallen wären. Es missfällt vielen in der treudeutschen Liga, dass der Neue dem Land sein Reformertum in mitunter befremdlicher Business-und-überhaupt-ist-in-Amerika-alles-besser-Diktion aufdrängt. Natürlich ist Deutschlands neuer Schwung längst kein stabiler Wert, natürlich weiß immer noch niemand, ob Klinsmann zum Trainer taugt. Aber derzeit scheint es, als habe die Mannschaft genau solche Sätze gebraucht.“

Nach dem Realisten Völler beflügelt der Reformer Klinsmann die Phantasie der Spieler und des Publikums

Michael Horeni (FAZ 10.9.) führt den Erfolg auf eine Verschmelzung des Alten mit dem Neuen zurück: “Die Verblüffung, daß attraktive Fußballansätze auch aus dem Land des Ergebnisfußballs kommen können, ist groß. Frankreichs größte Sportzeitung spricht von „verführerischem Fußball“ aus einem Land, das zumeist nach dem Motto spielt und lebt: Sicherheit zuerst. Jürgen Klinsmann hat in den ersten Wochen das gefährliche Kunststück gewagt, die Fußballnation ihrer alten Gewißheiten und Gewohnheiten zu berauben. Daß der beherzte Auftritt mehr sein könnte als nur ein zeitweiliger, aber dringend notwendiger Stimmungsumschwung, dieses Gefühl hat von den deutschen Fans freudig Besitz ergriffen. (…) Daß aber nun nicht alles ganz schlecht war, was Teamchef Rudi Völler in den vergangenen vier Jahren aus dem Nationalteam nach dem wirklichen Tiefpunkt im Jahr 2000 gemacht hat, gerät in diesen Tagen der intensiven Selbstdarstellung allerdings in den Hintergrund. Die sportlichen Vorarbeiten, auf denen Klinsmann aufbauen kann, ließen sich ganz leicht an der Aufstellung ablesen. Klinsmann hat dem Team das nötige und benötigte Wagniskapital mit auf den Weg zur WM gegeben. Daß nach dem Realisten Völler nun der Reformer Klinsmann die Phantasie der Spieler und des Publikums beflügelt, ist der vielleicht größte Gewinn dieser Nacht.“

Die neuen Deutschen

Auch Ludger Schulze (SZ 10.9.) ist angetan: „Die Elf hat gleich mehrere vermeintliche Gewissheiten als blanke Vorurteile widerlegt. Ad eins: Zu viel Jugend schadet nur. In Berlin wirkten mit: Andreas Hinkel, 22, Robert Huth, 20, Philipp Lahm, 20, Kevin Kuranyi, 22, Andreas Görlitz, 22, Lukas Podolski, 19. Ad zwei: Vorsicht ist der Vater des Erfolgs. Statt sich vorm eigenen Strafraum zu versammeln und auf Fehler des Gegners zu lauern, verlagerten die neuen Deutschen das Spiel um 20 Meter nach vorne, stürzten sich auf ballbesitzende Brasilianer wie ausgedörrte Wüstenwanderer aufs Fassbier und zwangen sie zu Fehlern der hölzernen Art. Ad drei: In Deutschland herrscht ein eklatanter Mangel an individueller Klasse. Der stark verbesserte Hinkel und der zauberhafte, wundersam konstante Lahm bilden ein Außenverteidigerpaar, das nicht oft vorkommt in der Welt des Fußballs; auch ein Mittelfeld mit dem beeindruckend unbeeindruckten Torsten Frings, Sebastian Deisler, Michael Ballack und Bernd Schneider ist ein Gute-Laune-Produzent; im Sturm ackert Gerald Asamoah wie ein Steineklopfer im Akkord, und Kuranyi hat die Anlagen, um die große deutsche Stürmertradition aufleben zu lassen. Michael Ballack strafte den guten Günter Netzer Lügen, der ihm einmal Führungsqualität aufgrund sozialistischer Erziehung abgesprochen hatte.“

Thomas Kilchenstein (FR 10.9.) reibt sich die Augen: „Weltklassefußball und deutsche Nationalmannschaft? Das waren lange Zeit zwei Begriffe, die nicht (mehr) kompatibel schienen, selbst eine B-Auswahl Tschechiens war zu stark, von Gegnern des Kalibers Argentinien, Frankreich, England, Holland, Spanien, Italien, gegen die es regelmäßig Niederlagen setzte, ganz zu schweigen. Und dann schubste eine bis vor kurzem verunsicherte, labile DFB-Auswahl die beste Mannschaft des Globus an den Rand einer Niederlage? Und das auch noch mit einer verblüffenden spielerischen Leichtigkeit. So unbeschwert und künstlerisch, dass der Berliner Boulevard anderntags schon vom „deutschen Samba-Fußball“ schwärmte.“

Zu jung, zu unerfahren, zu modern, zu resolut, zu amerikanisch, zu blond, zu blauäugig

Ludger Schulze (SZ 10.9.) liest den Nörglern und Grantlern die Leviten: „Als reine ABM-Maßnahme für ausrangierte Nationalkicker bezeichnete der Schalker Manager Rudi Assauer die Verpflichtung von Jürgen Klinsmann. Zwar war jenes Körperteil, das der Mensch gemeinhin zur Produktion von Gedanken nutzt, bei Assauer lange vom eigenen Zigarrendampf umnebelt, doch jüngst, in den grüblerischen Qualen des Entzugs, hat er mit seinem Gebrumme eine weit verbreitete Stimmung aufgefangen. Denn Klinsmann war keineswegs erste Wahl, sondern Hintersasse auf der Kandidatenliste. Aus den Medien schlug ihm Misstrauen wie der Atem eines schwerst Kariösen entgegen: zu jung, zu unerfahren, zu modern, zu resolut, zu amerikanisch, zu blond, zu blauäugig. Weltmeister 2006 werden? Mindestens! Aber Reformen? Neue, nicht ausgelatschte Wege? Entrüstung, Entrüstung: Wo kommen wir denn da hin, das haben wir noch nie so gemacht! Ein paar Wochen sind in diesem unseren Land der eisernen Reformstau-Bewahrer vergangen, die deutsche Nationalelf hat zweimal ordentlich die Füße voreinander gesetzt, und nun: „Danke Klinsi!“, wie die Berliner BZ im Namen der gewendeten Naserümpfer titelte.“

Jan Christian Müller (FR 10.9.) wirft ein: “Gemach! Als Völler seinerzeit die Rückkehr in die Sportschulen auslobte, wurde er dafür gefeiert. Erst recht, nachdem sein Einstand mit einem 4:1 gegen Spanien endete. Klinsmann ist mit seiner „Alles-supi-Rhetorik“ vom Publikum und den Medien verhaltener begrüßt worden. Noch ist dieser dynamische „Missionar“ (Spiegel) nicht allen ganz geheuer. Seine anscheinend magischen Kräfte könnten sich schnell abnutzen. Hoffentlich nicht vor dem Juni 2006.“

Der Bundestrainer neigt dazu, ins Schwafeln zu geraten

Matti Lieske (taz 10.9.) hält sich die Ohren zu: ““Die Brasilianer kochen auch nur mit Wasser“, war vor der Partie einer der Lieblingssätze des neuen Floskelwarts der Nationalmannschaft, Jürgen Klinsmann, gewesen. Es zeigte sich, dass die H2O-Verbindung der Brasilianer aus irgendeiner heiligen Quelle zu stammen scheint, das Wasser der Deutschen aber wohl eher aus dem Baggersee. Dass diese eine gute Figur abgaben, lag an ihrer viel und vor allem selbst gerühmten Kampfkraft, oder, wie es Michael Ballack ausdrückte, der alle Anlagen zum ersten Hilfsfloskelwart hat: „Deutsche Mentalität, Zweikampfstärke, Aggressivität, Disziplin“. Zum anderen lag es daran, dass die spielerischen Fähigkeiten der Mannschaft groß genug sind, um gegen einen Gegner gut auszusehen, der ihr den nötigen Platz lässt. Während Parreira das Match ziemlich unverhohlen als bessere Trainingseinheit und Experimentierfeld klassifizierte, erging sich Jürgen Klinsmann auf der anderen Seite in jener Schwelgerei, die in den nächsten zwei Jahren ständiger Begleiter des DFB-Teams sein dürfte. „Tolle Kombinationen, Doppelpässe, fantastisches Publikum, es hat Spaß gemacht, der Mannschaft zuzusehen, das Spiel hat allen gut getan, eine Mannschaft wächst zusammen, wichtiger Baustein auf dem Weg nach 2006″, usw. usf. Der Bundestrainer neigt dazu, ins Schwafeln zu geraten, nach ein paar substanziellen Sätzen reiht sich Gemeinplatz an Gemeinplatz, bis es ihm selbst auffällt und er abrupt verstummt. Der Klinsmannsche Optimismus scheint anzukommen bei den Spielern, zumindest befleißigen sich die meisten brav seiner Rhetorik und beten emsig die Parolen nach, die der neue Boss permanent ausstreut. Das Beschwören des frischen Mannschaftsgeistes wirkt dabei oft ein bisschen ungerecht gegenüber Rudi Völler, schließlich wurde auch zu dessen Zeit stets betont, wie toll die Stimmung im Team sei und wie prima der Zusammenhalt. (…) Befreit man den Abend von all dem Erneuerungsbrimborium und reduziert ihn auf seinen Kern, könnte man sagen: Das hätte Rudi Völler auch gekonnt. Bloß hätte er nicht so viel Wind darum gemacht.“

Donnerstag, 9. September 2004

Allgemein

Hype um Robinho

Robinho ist Brasiliens Jungstar, Javier Cáceres (SZ 9.9.) stellt ihn uns vor: „Aktuell ist die britische Zeitschrift The Observer dafür verantwortlich, dass der Hype um Robinho neuen Treibstoff erhalten hat. Das Blatt hatte ihm das Titelbild gewidmet und The boy wonder drauf geschrieben. Die brasilianischen Korrespondenten kabelten stolz in die Heimat, dass Robinho im Vereinigten Königreich geadelt worden war. „Ist es denn für Dich nichts besonderes, Coverboy in Europa zu sein?“, kreischte ein Radiomann. Vermutlich nicht mehr. Brasiliens Presse hat dazu beigetragen, Robinho auch gegen die größten Balkenüberschriften zu immunisieren. Weil er schwarz ist, technisch versiert und ein Offensivkünstler, muss er seit seinem Debüt für den FC Santos den mutmaßlich unerträglichsten Vergleich aushalten: den Vergleich mit Pelé. Was den Vergleich befördert, ist beider Herkunft – auch Pelé hat beim FC Santos debütiert. Zu allem Überfluss soll O Rei höchstselbst Robinho erspäht haben, als er in der Jugendabteilung vorbei schaute: „Es gefällt mir, Dich spielen zu sehen. Du erinnerst mich an die Zeit, da ich 15 war, Du wirst dem Fußball viel Freude bereitet haben“. Ende 2002 holte Santos mit Robinho den brasilianischen Meistertitel: erstmals nach 34 Jahren. Erstmals seit Pelé.“

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