Mittwoch, 23. Juni 2004
Internationaler Fußball
Ergebnis einer akkuraten Regie
2:2 zwischen Dänemark und Schweden, das „Ergebnis einer akkuraten Regie“ (Corriere della Sera) – „Deutschland vermisst die Giraffe Hrubesch“ (El Paìs) u.v.m.
Ergebnis einer akkuraten Regie
Die italienische Zeitung Corriere della Sera (23.6.) bekundet ihr Misstrauen gegenüber Dänemark und Schweden: „Abschied von der Europameisterschaft, wie vorhersehbar. Schweden und Dänemark arrangieren ein nettes 2:2 für alle diejenigen, die noch an den Weihnachtsmann glauben, ans Fair Play der Skandinavier, an ihre unverbrüchliche Loyalität, an ihren Sinn für Ethik, der entwickelter sein soll als der von uns Bösewichten und Gaunern. Sie brauchten das Resultat, um selber weiterzukommen und um uns zu eliminieren, weshalb hätten sie sich also gegenseitig wehtun sollen? Ihre Fans forderten es lautstark, sie hatten es sich auf die Gesichter, die Hemden und die Fahnen gemalt. Sie wollten ihre Freude darüber auskosten, dass Italien rausgekickt wurde mit seinem vom Geld dominierten, arroganten Fußball, der ihnen seit Jahrzehnten die besten Spieler abluchst. Die Menschen sind überall gleich – weder im Norden, noch im Süden gibt es Heilige. Hätten sich etwa zwei Mannschaften aus den Tälern der Lombardei in Stücke gerissen, um sich anschließend von einer Kalabreser Mannschaft über den Tisch ziehen zu lassen? Woher denn? Und so kommt in 25 Jahren bei 97 Spielen gegeneinander zum 4. Mal ein 2:2 heraus; was vielleicht ein Zufall sein wird, und vielleicht sind wir ja auch unheilbar misstrauisch (einige werden das behaupten, da können Sie sicher sein), weil wir das als Ergebnis einer akkuraten Regie betrachten, mit dem finalen Tor.“
Wie viel Mühe für nichts – überflüssiger Sieg, Italien ist draußen
La Repubblica (23.6.) aus Rom ist gemäßigter: „Trap verabschiedet sich erhobenen Hauptes: Das Abenteuer ist zu Ende, die Ära Trapattoni ist zu Ende, die Karriere sehr vieler Spieler der Nationalmannschaft ist zu Ende, die hier und jetzt Gelegenheit gehabt hätten, auf diesem Niveau etwas zu gewinnen. Dänemark gegen Schweden endet 2:2. Für viele wird es die Bestätigung des Verdachtes sein, dass das Spiel zwischen den Skandinaviern gemauschelt war. Auch das wird die Zeit weisen. Jedenfalls wies die Mannschaft Lücken auf, die auch der Sieg nicht verhehlen kann.“
Die Giraffe Hrubesch
El Paìs (22.6.) befasst sich mit der Torkrise Deutschlands: „Völler setzte gegen Lettland alle seine Stürmer ein, aber Kuranyi, die große Hoffnung, Brdaric, Klose und Bobic trafen nicht. Die deutsche Tradition lehrt, dass jede Generation eine Handvoll redlicher Stürmer hervorbringt, viele mäßige und ein paar wenige außergewöhnlich gute; ziemlich viele, die dem athletischen Modell treu sind, und einige, die sich in die Typologie der Geschickten einreihen. (…) Den intelligenten Spielern Uwe Seeler oder Gerd Müller, bejubelt wegen ihres Spiels, ihrer Langlebigkeit und ihrer Tore, folgten Typen wie Riedle, Allofs oder der derzeitige Trainer Rudi Völler. Und mit ihnen erschienen deutsche Klassiker wie die Giraffe Hrubesch, Dieter Müller, Bierhoff oder Klinsmann. Deutschland hat immer getroffen, aber die Zeiten ändern sich. Gegen Lettland musste Völler seine vier Stürmer einsetzen: zuerst Bobic und Kuranyi; später Klose und Brdaric. Keiner war in der Lage, gegen die mutigen Balten ein Tor zu erzielen. Die Tradition ist gebrochen. Die des Tores ebenso wie die der Gewohnheiten. In einem ebenso laienhaften Kostüm wie dem deutschen hat sich jemand mit einem religiösen Buch unter dem Arm eingeschlichen: Es ist Kuranyi, 22 Jahre alt, gebürtiger Brasilianer mit deutschem Vater und einer Mutter aus Panama. Der Stürmer ist mit einem einzigen Buch im Koffer nach Portugal gereist: einer Bibel in portugiesischer Sprache, der Sprache, in der er sich am wohlsten fühlt. „Ich lese jeden Tag in der Bibel. Und vor den Spielen, wenn ich auf den Platz gehe, bete ich ein Vaterunser“, erklärt der Angreifer von Stuttgart, der Stürmer, in den die Deutschen einen großen Teil ihrer Hoffnungen gesetzt haben. Er ist stark, mit beiden Füßen geschickt, gut im Kurzpass-Spiel und nicht auf den Kopf gefallen – letztlich der Inbegriff eines typischen germanischen Sturmtanks. Nach den Hrubeschs und Janckers bevorzugt Völler, mit der gleichen Körpergröße aber viel mehr technischen Mitteln anzugreifen. Also: mit Kuranyi, dem erfrischendstem Lächeln der Bundesliga. (…) Weder er noch seine drei Sturmpartner machten den ersten Schritt, es gegen Lettland zu schaffen, ein Star zu werden. Und Deutschland sehnte sich sogar nach Hrubesch.“
Lettland mindert deutsche Chancen
Alexis Delcambre (Le Monde 23.6.) weiß um die Ausgeglichenheit in Gruppe D: „Die Gruppe D hat sich die Bezeichnung der „Todesgruppe“ wahrlich verdient. Für Deutschland wurde diese Bedrohung am Samstag klar und deutlich. Nachdem sie von begeisternden Letten in Schach gehalten wurden, müssen sie nun gegen Tschechien unbedingt gewinnen.
(…) Machtlos sah die deutsche Mannschaft die letzten Minuten dahinschwinden, ohne beim Gegner die kleinste Lücke entdecken zu können. Mit zwei Punkten nach zwei Spielen, gibt es für Deutschland nur zwei Möglichkeiten: gewinnen oder rausfliegen. Dagegen kann Lettland weiterhin an sich glauben: wenn sie gegen Holland gewinnen, können sie ebenfalls noch das Viertelfinale erreichen. Und warum eigentlich nicht?“
Außer taktischen Dingen kann ich ihm nichts mehr beibringen
Matt Dickinson (Times 22.6.) beschäftigt sich mit dem Mann der Stunde und schildert uns die Lobeshymnen des Nationaltrainers: „Zu Beginn sagte Trainer Sven-Göran Eriksson, dass er nicht so viel über Wayne Rooney reden wolle, und am Ende lief es sogar darauf hinaus, dass er den jungen englischen Stürmer mit Pelé verglich. Selbst der schwedische Meister der Selbstbeherrschung kann sich nicht zurückhalten, wenn es Zeit wird, über die sich noch in Teenager-Jahren befindende Sensation der diesjährigen EM zu diskutieren. (…) Mit seinen insgesamt vier Toren aus zwei Spielen führt Rooney die Torschützenliste an, und die nächste Abwehr, die darauf wartet, demoliert zu werden, ist die der Portugiesen. (…) Heute Morgen waren im englischen Mannschaftshotel sicherlich die ein oder anderen müden Beine zu finden, aber auch ein junger Mann, von dem sich so einige noch eine Scheibe abschneiden können. (…) „Manchmal“, sagt Eriksson‚ denke ich mir, dass ich nicht so viel über ihn reden sollte, aber er verdient definitiv all diese Titel- und Rückseiten der Zeitungen. Er ist absolut fantastisch, nicht nur vor dem Tor, sondern seine Art, Fußball zu spielen. Er lässt sich ins Mittelfeld zurückfallen, holt sich den Ball, kann ihn am Fuß halten und alles damit anstellen. Es scheint fast, als sei er der perfekte Fußballer. Das Einzige, was ich ihm noch beibringen kann, sind taktische Dinge. Vor dem Tor soll er besser auf seinen Instinkt hören. Ich bin in diesem Fall wie jeder Engländer: Ich bin froh, dass wir ihn haben. Hoffentlich hält er dieses Niveau bis Anfang Juli.’ (…) Wenn die Engländer im Viertelfinale so spielen, wie gestern in der ersten Hälfte, sind sie fähig, die Portugiesen zu überwältigen.“
Rooney kam England zur Hilfe
John Cross (Daily Mirror 22.6.) sieht eigentlich nur einen Grund für das Erreichen des Viertelfinals: „Mit seinen zwei prächtigen Toren, die England ins Viertelfinale feuerten, setze Wayne Rooney das Märchen bei der EM fort. Senkrechtstarter Rooney machte sich mal wieder zum absoluten Nationalhelden, als er mit seinen Treffern die mitreißende Aufholjagd der Engländer im Estadio Da Luz komplettierte, nachdem die Kroaten die englische Mannschaft mit ihrem Führungstreffer in einen Schockzustand versetzt hatten. Aber Rooney kam England zur Hilfe, erzielte zwei überwältigende Tore und sorgte somit für ein Viertelfinale, dass uns jetzt schon das Wasser im Mund zusammen laufen lässt.“
„Griechen durch iberische Rettungsleine gesichert“, meldet Nicholas Harling (Independent 21.6): „Sehr erleichtert, aber ein wenig rot vor Scham, hat Griechenland das Viertelfinale trotz einer Niederlage gegen Russland erreicht.“
Glaube ergießt sich über das Land – und Bier
Andrew Clenell & Arifa Akbar berichten über ein England außer Rand und Band (The Independent 22.6.): „Millionen von Engländern jubelten letzte Nacht in Pubs und Straßenplätzen im ganzen Land und brachten so ihre Freude über den bisherigen Erfolg ihres Teams lauthals hervor. Stimmen aus dem Land: In Newcastle versammelten sich Tausende in Pubs um das Match zu verfolgen: Mark James, 24, aus Gateshead sagte: „Ich denke, wir können es jetzt gewinnen. Wir fürchten niemanden, und mit Rooney in Topform sind wir für jeden eine Herausforderung. Das könnte unser Jahr werden.“ Brian Wilson, 37, aus Sunderland sagte: „Wayne Rooney ist der Spieler des Turniers, er macht traumhafte Tore. Er ist so schnell und stark, aber er behält immer einen kühlen Kopf. “(…) Justin Harper, 28, Manager aus Bristol meinte, dass das Team wie Helden gespielt hätte. Weiter sagte er: “Was für eine Leistung! England war wie pures Dynamit. Rooney ist unbezweifelbar ein Klasse-Spieler, aber ich denke das ganze Team hat sich Anerkennung für sein Geschick und seine Entschlossenheit verdient.“ Tausende sprangen in Leeds am Millenium Square auf und ab, als die Tore fielen. Rose Blake aus Chriswick (West-London) und Clare Rowen aus Hammersmith, beide 17 Jahre alt, sagten: „Es war abgefahren. Ich wusste, dass England gewinnen würde. Wir hatten keine große Angst beim 1:0 der Kroaten, denn es waren ja noch 85 Minuten zu spielen.“ Geoff Noden, 27, ein Fan der Engländer saß während des Spieles neben seiner kroatischen Freundin Marina Pusic, 26, und scherzte: „Ich habe zu England gehalten, deswegen wird es sicher noch zu Reibereien zwischen uns beiden kommen.“
Sind Sie gekommen, um ihren Rücktritt anzubieten?
Dick Advocaat unter Beschuss, William Gray (Telegraph 21.6.) sieht die Kugeln fliegen: „Ein Vorgeschmack auf das, worauf sich Chelsea nächste Saison freuen darf, wurde hier von Arjen Robben gezeigt, unverständlicherweise von Advocaat herausgenommen. Das war nur einer von verschiedenen Fehltritten des Holländers, im Verlauf einer schwankenden und ereignisreichen Begegnung mit Tschechien, die ihre Hoffnungen auf das Weiterkommen sehr klein werden lassen. Die erste Frage in Advocaats Interview nach dem Spiel, in Holland live übertragen: „Sind Sie gekommen, um ihren Rücktritt anzubieten?“. Harsch vielleicht, aber seine Unentschlossenheit, ständig die Auswahl und Formation zu wechseln, ist der Kern der holländischen Probleme.“
Strafstoss
Strafstoß #10 – Flasche leer – Pegelstand der Gruppe D
von Jens Kroh
Als letzte EM-Vorrundengruppe hat nun auch Gruppe D ihren Vorrundensieger beziehungsweise -zweiten gekürt. Die mit den konsumstärksten Biernationen Europas Tschechien, Deutschland, Niederlande und Lettland besetzte Gruppe (in der fränkischen Mundart eines Lothar Mathäus’ und in soziologischer Perspektive auch als beer-group zu bezeichnen) wird – kaum überraschend – von der Tschechischen Republik angeführt. Das Land von Budvar und Pilsner Urquell kennt nicht nur den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch des Gerstensaftes, sondern weiß auch durch gepflegtes Passspiel und prickelnde Toraktionen zu überzeugen. Schlank und spritzig in der Note, wie es sich für ein untergäriges Bier von Pilsener Machart gehört, zieht der östliche Nachbar souverän in das 0,25-Finale ein.
Tschechien folgt, anders als von der Bierkonsum-Weltrangliste vorgesehen, weder Irland, noch Deutschland. Die Iren konnten wohl den Ausfall ihres Führungsspielers Duff nicht kompensieren. Auch die drittstärkste Biernation Europas hadert seit längerem mit einem sinkenden Pro-Kopf-Verbrauch, was sich nicht zuletzt im sportlichen Ergebnis niederschlägt. So ist es dem expandierenden Biermogul Heineken samt seinen holländischen Konsumenten gelungen vor Deutschland einzukehren. Obgleich dem geschätzten niederländischen Nachbarn das hiesige Reinheitsgebot fehlt und auch Probleme in der beer-to-beer communication (b2b) zwischen Trainer, Spielern und Journalisten zu beklagen sind, gelingt es ihnen, die Thekenfreunde respektive Sportkameraden aus Deutschland und Lettland hinter sich zu lassen.
Die Deutschen scheinen nicht zuletzt geschwächt durch eine überkomplexe Bierlandschaft, die zum Teil bekannte föderale Probleme widerspiegelt. Trotz des Genusses von durchschnittlich annähernd 120 Litern Bier pro Kopf und Jahr (Verbandsobere scheinen ihren eigenen freiwilligen Beitrag in der Bitburger-Vernichtung zu leisten) kommt Deutschland das Fehlen eines bewährten (Auf)Stoss-Stürmers wie Oliver Bierhoff und der Nachwuchskraft Daniel Bierofka teuer zu stehen. Auch der Kölsche Jung Lukas Podolski, der dem deutschen Spiel in den Schlussminuten eine obergärige Note verlieh, konnte das Scheitern nicht verhindern. Hinter sich lassen vermochte die Mannschaft lediglich den Neu-Ankömmling aus Lettland (bevorzugtes isotonisches Hopfengetränk: Aldaris). Vielleicht mag dies auch daher rühren, dass die russische Bevölkerungsminderheit dem Bier den Konsum anderer Alkoholika vorzieht. Ein enttäuschender Abschluss für die Anhänger der deutschen Elf: Bier haben fertig!!
Dienstag, 22. Juni 2004
Allgemein
Gut ausgesehen, schlecht abgeschnitten
„im Rahmen ihrer Selbstfindung entdeckten die Portugiesen ein großes Herz“ (SZ) – „wieder einmal – längst hat man aufgehört zu zählen – schaffte es Spanien, gut auszusehen und schlecht abzuschneiden“ (FR) u.v.m. (mehr …)
Vermischtes
Pures, pures Talent
Holger Gertz (SZ) schildert den Mord an einem englischen Fan– wie gehen Fußballer und Journalisten heutzutage miteinander um? (FAZ) u.v.m. (mehr …)
Allgemein
Rehhagel ist und bleibt ein Ereignis
„Otto Rehhagel hat den Zeitpunkt genutzt, Deutschland zuhören zu lassen, als Europa auf ihn schaut“ (FAZ) / „die Person Rehhagel ist und bleibt ein Ereignis“ (NZZ) – Italiener machen Theater und Zirkus und hauen auf die Pauke – Spanien leidet – Schweiz hat sich gut verkauft (NZZ) u.v.m. (mehr …)
Ball und Buchstabe
Die Hunde üben heimlich Fallrückzieher
Wo waren diese Leute eigentlich während der letzten Woche?
Von wegen Saudade und Fado und Melancholie und Schwermut – Matti Lieske (taz 22.6.) beschreibt portugiesische Begeisterung: “Ein leichter Dunst liegt über dem Tejo, einige ungewohnte Wölkchen schieben sich gelegentlich vor die morgendliche Sonne, dennoch scheint der Himmel zu strahlen in Lissabon am Tag danach. Die Vögel zwitschern unaufhörlich mit großer Begeisterung vor sich hin, und man meint, die Aufstellung der portugiesischen Nationalmannschaft herauszuhören. Die Fliegen führen kleine Tänze auf, die Katzen komponieren schnurrende Oden an die Freude, die Hunde bellen die Nationalhymne und üben heimlich Fallrückzieher. Und die Menschen? Sie leuchten von innen heraus, als sei ihnen letzte Nacht kollektiv die Heilige Jungfrau erschienen. Nach dem Wunder von Fatima hat das Land jetzt das Wunder von Alvalade – und es ist, als sei ganz Portugal mit dem 1:0 gegen Spanien, das den Einzug ins Viertelfinale bedeutet, aus einem bösen Traum erwacht. Dieser hatte eine Woche zuvor begonnen, als der fiese Hexerich Otto Rehhagel mit seinen Griechen die Gastgeber mit einem Bann belegte und alle Begeisterung im Keim erstickte. Die Heftigkeit, mit der sich die Freude über die fußballerische Wiedergeburt am Sonntagabend in der Innenstadt Bahn brach, die unzähligen Autos, aus denen Fahnen und Oberkörper hingen, die bis zum Fingerbruch traktierten Hupen, die sich gegenseitig um den Hals fallenden Menschen in der U-Bahn und auf den Plätzen, die fröhlichen „Portugal“-Gesänge allenthalben zeigten, wie wenig die grundlegend pessimistisch ausgerichteten Portugiesen noch an den Erfolg ihrer Mannschaft geglaubt hatten. Wo waren diese Leute eigentlich während der letzten Woche?“
Ob die Begeisterung über die EM hinaus anhält?
Thomas Klemm (FAZ 22.6.) ergänzt: „Die Europameisterschaft hat das Lebensgefühl eines ganzen Landes verändert. Die Portugiesen leben nicht mehr in den Tag hinein, sondern von einem Spieltag ihrer Selecção zum nächsten. Drei Tage läßt das Gros der fußballverrückten Nation die Fahnen von Balkonen und aus Autos hängen und glücklich die Seele baumeln, während gleichzeitig die Intellektuellen darüber diskutieren, ob der Fußball nur die Alltagssorgen überspiele, ob es noch Patriotismus oder schon Nationalismus sei, was das ausgelassene Volk seit eineinhalb Wochen an den Tag lege. Am vierten Tag aber, wenn die Kicker der Nation auf dem Feld stehen, sind die Bevölkerung und ihre Kritiker plötzlich vereint (…) Ob die Begeisterung über die EM hinaus anhält? Tatsächlich hat Portugal die große Chance, über die Selecção als identifikationstiftendes Objekt die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen einheimischem Bürgertum und Immigranten aus den früheren Kolonien ein Stück weit zu überwinden. Als großes Vorbild kann die Grande Nation gelten: Frankreich und seinen Fußballspielern, zum Teil von Einwanderern aus ehemaligen Kolonien abstammend, war es vor sechs Jahren beim WM-Titelgewinn im eigenen Land gelungen, die multikulturelle Lebenswirklichkeit akzeptieren zu lernen, deren Vorzüge zu feiern. Noch drei Siege für die Selecção, und auch Portugal könnte seinen vielleicht größten Erfolg erringen.“
Holger Gertz (SZ 22.6.) trocknet Tränen: „Von den Spaniern bleibt: nichts. Rückfahrt vom Stadion, Einstieg U-Bahn-Station Campo Grande, ein Abteil voller Portugiesen und einiger Spanier. Die Portugiesen singen, Purrtugall, die Spanier, es sind vier, sitzen auf ihrer Bank. Einer von ihnen drückt beim Hinausschauen seine gelb-rot geschminkte Stirn traurig gegen das Fenster, und als er drei Stationen weiter die U-Bahn verlässt, bleibt von ihm ein kleiner gelber Fleck am Fenster, ein bisschen Farbe, ein Nichts. Für die Portugiesen bleibt der Rest, und der Rest ist: alles. (…) Der Portugiese schaue gern in eine trübe Zukunft. Das sagt der Portugiese von sich selbst. Aber natürlich flippt auch er aus, nach so einem Fußballspiel, klettert fast zum Marques hinauf, feiert wie neulich in Deutschland der Bremer, der ja auch gern in eine trübe Zukunft schaut, wenn nicht der Fußball für Momente alles anders macht. Ganz Lissabon ist auf den Beinen. Endlich mal was gewonnen. Das Wunderbare am Fußball ist, dass er die Leute verrückt macht, eine Nacht lang.“
Deutsche Elf
„Comical Ali“ Michael Skibbe
Michael Skibbe, Rhetoriker und „Comical Ali“ (SZ) / FAZ-Interview mit Skibbe
Comical Ali
Philipp Selldorf (SZ 22.6.) zersticht Michael Skibbes Wort-Ballons: „Wenn die Spieler der deutschen Nationalmannschaft so präzise und so raumgreifend kombinieren könnten, wie ihr Trainer Michael Skibbe seine komplexen Satzgebilde fehlerfrei zu einem schlüssigen Ende führt, dann müsste der Fußballnation vor keiner Weltauswahl bange sein. Aber es handelt sich ja um eine Fußball- und nicht um eine Rhetorik-EM, und deswegen wird derzeit überprüft, welchen Einfluss Skibbe auf das Handeln der Nationalmannschaft hat. Kürzlich wurde er von einem englischen Journalisten als „Mr. Skip“ angesprochen, was zwar ein Missverständnis war, aber eine interessante Überlegung eröffnete. Ist Skibbe der Mr. Spock von Rudi Völler respektive Captain Kirk? Der Logiker und didaktisch versierte erste Offizier an Bord? Skibbe hätte gegen diese Auslegung seiner Bedeutung sicherlich nichts einzuwenden, allerdings sah sich der zweite Mann im Trainerstab des DFB gestern eher gegenteilig in den Mittelpunkt gerückt, nachdem er von Bild zum Sündenbock des torlosen Lettlandspiels erhoben und als Völlers „Fehlerflüsterer“ angeklagt wurde. Darauf angesprochen, ging Skibbe mit einem Lächeln über den Vorwurf hinweg, als ob er es als Ehre betrachtete, von der mächtigen Boulevardzeitung in großem Stil gewürdigt zu werden, und sei es als Verantwortlicher taktischer Fehlentscheidungen (…) Es ist unwahrscheinlich, dass sich Rudi Völler den Überlegungen oder gar dem Willen seines Assistenten unterwirft. „Wir arbeiten seit vier Jahren. Alles was wir machen, ist gemeinsame Beschlusssache“, sagt Skibbe zwar. Das ändert aber nichts daran, dass es eine klare Hierarchie in der Trainerriege gibt, in der Völler der Chef und Skibbe der Vorarbeiter ist. In dieser Eigenschaft bringt er, wie erwähnt, seine Talente als Regierungssprecher zur Geltung, wobei er manchmal dermaßen überzieht, dass man glaubt, er versuche in die Rolle des irakischen Informationsministers Comical Ali zu schlüpfen.“
Unsere Mannschaft ist intakt
FAZ-Interview (22.6., Michael Horeni) mit Michael Skibbe
FAZ: Worin könnte denn der Schlüssel zum deutschen Sieg liegen? Spielt die Mannschaft von der Grundformation her am besten so wie beim 1:1 gegen Holland?
MS: Wir sind gegen Holland mit einer Spitze sehr gut zurechtgekommen und haben wenige Tormöglichkeiten zugelassen. Das wird ein Spiel der unterschiedlichen Systeme. Die Tschechen verfügen über außergewöhnliche spielerische Qualitäten, wir haben unsere Stärken im Deckungsbereich. Ich bin optimistisch aufgrund der objektiven Werte, die ich von den Spielern habe.
FAZ: Ihren Optimismus in allen Ehren. Manche halten ihn für etwas zu demonstrativ und fragen sich, was dahintersteckt. Taktik, um gute Stimmung im Team zu machen; tatsächlich innere Überzeugung oder Auftragsarbeit vom Chef, der Sie Dinge sagen läßt, die er selbst in der Öffentlichkeit so nicht äußern will?
MS: Wenn ich zur Pressekonferenz gehe, dann tauschen wir uns natürlich über wesentliche Dinge aus, die ich sagen kann und soll. Aber diese Themen sind im Verlauf einer Pressekonferenz schnell abgearbeitet, und es kommt zu anderen Fragen – und da gibt es überhaupt keine Absprachen. Diese klare Stellung zur Mannschaft vertrete ich aus Überzeugung. Wenn ich nicht das Gefühl hätte, daß wir etwas erreichen können, würde ich mich viel vorsichtiger äußern. Aber unsere Mannschaft ist intakt, und wenn wir dazu noch hervorragende Einzelspieler wie Oliver Kahn, Christian Wörns, Didi Hamann oder Michael Ballack haben, dann kann man das so äußern.
FAZ: Trotzdem: Die Diskrepanz zwischen Ihrem Optimismus und Rudi Völlers Zurückhaltung ist wie schon vor zwei Jahren bei der WM auffällig. Ist das nur eine Frage des Temperaments – oder doch Aufgabenteilung?
MS: Wie gesagt, es gibt keine Absprachen.
FAZ: Für das Publikum sind Sie bei der EM nicht zuletzt durch die Pressekonferenzen wieder wesentlich präsenter. Aber Rudi Völler wurde in den letzten Jahren als Teamchef in der öffentlichen Wahrnehmung immer dominanter – dabei sind Sie vor vier Jahren als gleichberechtigtes Team angetreten.
MS: Es stimmt, daß sich in der Wahrnehmung vieles auf Rudi fokussiert. Das ist auch richtig so, denn dafür ist er auch der Verantwortliche. Ich glaube aber, daß die Situation vor vier Jahren nicht anders war. Rudi hat sehr wohl einen starken Trainer an seiner Seite gesucht. Er wollte jemand haben, der nicht zu allem nickt, sondern ihn offen berät und verantwortungsbewußt begleitet. Rudi ist als Teamchef der Verantwortliche der Nationalmannschaft. Wir alle, ich eingeschlossen, arbeiten ihm zu, so gut wir können. Zum Beispiel habe ich mit Erich Rutemöller einen exzellenten Kollegen an meiner Seite. Die Trainingspläne sind gemeinsam ausgearbeitet. Es ist ein Team rund um Rudi: die Trainer, Ärzte, die Physios und alle anderen Mitarbeiter, die unsere Mannschaft optimal vorbereiten wollen in dem Wissen, daß Rudi am Ende die Verantwortung trägt. Wir machen das alle gerne, weil er uns teilhaben läßt am Erfolg. Er stellt sich nicht in den Vordergrund, und er sagt, was er denkt, im Positiven wie im Negativen – und das macht ihn so sympathisch.
FAZ: Wie hat sich Ihre Beziehung in den letzten vier Jahren entwickelt, ist daraus eine Freundschaft entstanden?
MS: Es war eigentlich eine Freundschaft von Beginn an. Es hat sich kein größeres Vertrauensverhältnis entwickelt, als es nicht schon von Anfang an da war. Es war immer total offen, kollegial und freundschaftlich. Es mußte sich nichts entwickeln, und ich kann auch nicht sagen, daß es in den letzten vier Jahren stärker geworden ist. Mir war vom ersten Tag an wichtig, daß wir gemeinsam unsere Aufgabe wahrnehmen.
Internationaler Fußball
Jetzt sind wir auch im Fußball Teil davon
Solche Letten zitiert Michael Walker (The Guardian 21.6.) mit Genuss: „Fredi Bobic sagt „Fantasie“. Keine Angst, der deutsche Stürmer benutzt das Wort, um zu beschreiben, was seinem Team gefehlt hat. (…) „Die Tschechen sind eine bessere Mannschaft als die Deutschen, bessere Spieler“, sagt der lettische Stürmer Marian Pahars. „Die Tschechen halten den Ball, die Deutschen haben ihn einfach nur in unsren Strafraum geschossen und auf ein bisschen Glück gehofft. Die Tschechen haben einfach immer weiter versucht, langsam ihren Weg ins Tor zu finden. Deutschland war einfach nicht stark genug, wir haben ein paar sehr viel schwerere Spiele in der Qualifikation gespielt.“ (…) Ihr Verteidiger Mihails Zemlinskis strahlt, als er sagt: „Lettland ist gerade in die Europäische Union eingetreten, jetzt sind wir auch im Fußball ein Teil davon.““
Rooney beflügelt England
Henry Winter (Telegraph 22.6.) ist begeistert: „Inspiriert von dem Wirbelwind-Neuling, der Wayne Rooney im Stadion der Süße und des Lichts letzte Nacht war, schaffte es England leicht, in das Viertelfinale der EM2004 gegen Portugal einzuziehen – zur ungezügelten Freude von 40.000 leidenschaftlichen anwesenden Fans und geschätzten 30 Mio. Verzauberter zuhause.“
Das Algemeen Dagblad (21.6.) fragt Johan Cruyff nach seiner Meinung: „Auch Cruyff versteht nicht, warum Dick Advocaat Arjen Robben ausgewechselt hat. „Er spielte wie ein Zug. Die Gegner hatten Angst vor ihm. Ich hätte nicht gewechselt“, urteilte Cruyff. Da die Taktik nach dem Wechsel doch verändert werden musste, hätte Cruyff eine andere Lösung gesucht: „Robben musste weite Wege zurückgehen, da hätte man Bosvelt hinter seinem Rücken einsetzen können. Notfalls hätte ich Robben auf Rechtsaußen gestellt. Mal probieren, ob er den linken Abwehrspieler verrückt macht. Wenn man auf Konter spielen will, muss man Makaay in die Spitze setzen. Der braucht nur eine halbe Chance um zu treffen. Van der Meyde hat mit fünf Chancen noch nicht genug um zu treffen.“
Das Algemeen Dagblad sammelt Zitate:
Karel Brückner: „Ob ich in kürze Advocaat Geld überweise, um ihn für seine Auswechselungen zu bezahlen? Er ist ein netter und prima Kollege. Dabei will ich es belassen.“
Dick Advocaat: „Van der Meyde hatte drei, vielleicht vier große Chancen. In bestimmten Momenten macht der Einzelne halt den Unterschied.“
Stürmer Andy van der Meyde: „Ich bin todkrank. Nicht eine, vielleicht zwei, drei Mal hatte ich die Entscheidung auf meinem Fuß. Aber leider…“
Ruud van Nistelrooy: „Gegen Deutschland hatten wir ein Ergebnis mit schlechtem Fußball. Jetzt haben wir kein gutes Ergebnis, aber hatten ein gewaltiges Spiel. Was ist Weisheit? fragt man dann. Eindeutig denke ich, dass sie heute Abend nicht bei uns lag.“
Tschechien gibt das Beste gegen Deutschland
Die holländische Zeitung Spits hat sich umgehört: „Tschechien gibt Mittwochabend, in der für Holland wichtigen Partie, gegen Deutschland, sein Bestes. Dies haben einzelne Spieler am Montag versprochen. Torwart Peter Cech stellte fest, dass die Partie eine Chance zur Revanche bietet, für das verlorene EM-Finale von 1996. „Ich weiß noch, wie ich das Finale, daheim mit meiner Familie im Fernsehen gesehen habe. Was für eine Enttäuschung. Es wäre schön, wenn wir sie mit dem Sieg nach Hause schicken könnten. Wir haben Deutschland lange nicht mehr geschlagen, daher nehmen wir das Spiel sehr ernst“, sagt Cech.“
Montag, 21. Juni 2004
Allgemein
Einfallslos vor der baltischen Festung
Enttäuschung über Deutschland / „einfallslos vor der baltischen Festung“ (SZ) / „Feldhandball-Taktik“ (FR) / „diese Schreckensbilder über neunzig Minuten sagen mehr als 1000 warnende Worte“ (FAZ) – Begeisterung über Tschechen und Holländer / „besser kann man nicht mehr Fussballspielen“ (NZZ) / mit Dick Advocaat möchte niemand tauschen – Portugal besiegt Spanien in „emotionsgeladener Atmosphäre und wildem Kampf“ (NZZ) u.v.m. (mehr …)
Vermischtes
Lasst der Jugend ihren flotten Lauf!
Medienkritik, „das Übermaß an Bildquellen führt zur Überforderung“ (Stanley Schmidt in FAZ) – „lasst der Jugend ihren flotten Lauf!“ (SZ) – SZ-Interview mit Gerald Houllier über die Taktik-Trends der EM – Jürgen Sparwasser hatte seinen großen Tag heute vor dreißig Jahren (FAZ) u.v.m. (mehr …)
Allgemein
Helfender Engel mit wallendem Haupthaar
Otto Baric, „kleine Statur, großes Mundwerk“ (FAZ) – Pavel Nedved, „helfender Engel mit wallendem Haupthaar“ (NZZ) – was macht eigentlich Giovanni Trapattoni falsch? – Sven-Göran Eriksson treibt den Engländern ihre Tugenden aus (taz) – Dick Advocaat__ kämpft mit den Tränen – „ohne ein Spiel verloren zu haben, ist die französische Mannschaft unter Druck geraten“ (NZZ) u.v.m. (mehr …)
Ball und Buchstabe
Teures Bier
Matti Lieske (taz 21.6.) findet, dass das Bier in Portugal zu teuer ist: „“Wir möchten hier Gäste, die Geld, Geschmack und Erziehung besitzen“, sagt der Betreiber eines der gediegenen Etablissements an den Docks von Lissabon, dort, wo auch die Yacht des Ölmilliardärs und FC-Chelsea-Besitzers Roman Abramowitsch ankert. Der wäre wahrscheinlich – nicht zuletzt wegen der primär genannten Eigenschaft – willkommen in den Restaurants, Bars und Diskotheken jener Zone. Den gemeinen Fußballfan trifft die Beschreibung eher nicht, zumal der Barbesitzer noch deutlicher wird: „Wir wollen adrette Leute, keine enormen, muskulösen Kerle, die mit Tätowierungen übersät sind und literweise Bier in sich hineinschütten.“ Große Furcht muss der gute Mann nicht haben, dass sein nobler Laden das Flair einer Liverpooler Hafenbar oder Neuköllner Kameltränke übergestülpt bekommt, denn der von ihm angesprochene Gästetyp vergnügt sich vorzugsweise im Stadtzentrum, wenn er nicht gerade an den Stränden außerhalb von Lissabon oder an der Algarve sein Wesen treibt. Im Badeort Cascais hat man sich entsprechend vorbereitet. Metallrollläden, Überwachungskameras, private Sicherheitsdienste sollen Übles verhindern, was bisher auch weitgehend funktioniert hat, Bier wird meist nur in Plastikbechern ausgeschenkt. Man hat schließlich langjährige Erfahrung mit Touristen. „Auch ohne Fußball trinken die Ausländer immer zu viel und dann machen sie Ärger“, lautet das ziemlich einhellige, wenig schmeichelhafte Verdikt über Europas Restbevölkerung. Der Wunsch, möglichst viel durch die Europameisterschaft zu verdienen, und die Furcht, sich Probleme einzuhandeln, stehen im stetigen Wettstreit miteinander. (…) In der „Rua Augusta“ sind jetzt wieder Engländertage, also Alarmstufe eins, obwohl die Hysterie, welche die britischen Fußballfans allenthalben auslösen, bisher durch die Zahl der tatsächlich schwerwiegenden Vorfälle kaum gerechtfertigt wird. Die meiste Zeit geben sie sich – lautstark, aber, nun ja, manierlich – dem gesteigerten Bierkonsum hin und zahlen auch friedlich die horrenden Preise. „Die Engländer haben sich nicht beschwert, nur die Portugiesen“, berichtete ein Verkäufer in Coimbra, wo am Tag des Spiels England – Dänemark der Preis für einen Becher Bier auf 4,50 Euro kletterte. Begründet wurde der schamlose Wucher von einem Händler allen Ernstes damit, man habe den extensiven Bierkonsum einschränken wollen. Mission verfehlt, lässt sich da nur sagen, was sich spätestens zeigte, als betrunkene Briten nach dem 3:0 von einer Brücke in den strömungsreichen Mondego-Fluss hüpften, obwohl einige nur sehr rudimentär schwimmen konnten. Soweit bekannt, sind alle trotzdem wieder an Land gelangt.“
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