indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Montag, 8. September 2008

Deutsche Elf

Die beiden werden keine Freunde mehr

Die anhaltenden Sticheleien zwischen Kapitän Michael Ballack und Manager Oliver Bierhoff überdecken das bedeutungsschwache 6:0 in Liechtenstein / Der torlose Miroslav Klose sieht sich dennoch Kritik, Mitleid und Spott ausgesetzt; Lukas Podolski und Piotr Trochowski sammeln Pluspunkte

Bevor wir zum Sportlichen kommen – die Sticheleien zwischen Michael Ballack und Oliver Bierhoff gehen weiter. Diesmal hat Bierhoff angefangen, letzte Woche, am Tag der öffentlichen Versöhnung, sagte er stichelnd: „Wir haben in der EM-Qualifikation sehr gute Spiele mit und ohne ihn gemacht. Insofern zeigt das, dass die Mannschaft von der Person Michael Ballack unabhängig ist.“ Nun hat Ballack, wie der FAZ am Sonntag zu entnehmen ist, zurückgetreten: „Die Nationalmannschaft hat schon gewonnen, als Oliver Bierhoff noch nicht ihr Manager war. Und auch zukünftig wird es für den Erfolg nicht entscheidend sein, ob Bierhoff Manager ist oder nicht.“

Peter Heß (FAS) erkennt ein Zerwürfnis: „Die beiden werden so schnell wohl keine Freunde mehr, unterschiedliche Auffassungen haben sich ins Persönliche gesteigert.“ Beim sonntäglichen Frühstücksei haben wir zudem erfahren, dass Ballack Bierhoff nach dem EM-Finale nicht nur „Pisser“ titulierte, sondern auch „Obertucke“. Das war uns neu, vielen Dank an die FAZ. Heß nimmt aber auch der Mutmaßung über den Rangverlust Ballacks innerhalb der Mannschaft die Schärfe: „Der Kapitän war nie so angeschlagen, wie es manche suggerierten. Oberhaching konnte nicht zum Ort eines Friedensschlusses werden, weil kein Krieg geherrscht hatte.“

Zum 6:0 in Liechtenstein im ersten Qualifikationsmatch für die WM 2010 – im heutigen FAZ-Kommentar befasst sich wiederum Heß mit diesem „Pflichtsieg ohne Aussagekraft“ und spricht dem Gegner, einem alten Gesetz Rudi Völler widersprechend, den Status des Kleinen zu: „Für das Team von Joachim Löw konnte Liechtenstein kein Gradmesser sein. Dazu sind die Spieler aus dem Fürstentum bei allem Respekt vor ihren Fortschritten in den vergangenen Jahren zu limitiert.“

Aber so aussageschwach nimmt’s die Fußballpresse dann doch nicht. Es gibt nämlich auf der einen Seite zwei deutsche Spieler, die ihren Rang im Team verbessert und untermauert haben sollen. Heß nennt sie beeindruckt: „Als die Spieler des Fürstentums sich noch wehrten, waren es Piotr Trochowski und Lukas Podolski, die ihr Team auf die richtige Spur setzten. Die beiden wirbelten die Liechtensteiner fast nach Belieben mit ihren Hochgeschwindigkeitskombinationen durcheinander.“

Klose ganz unten

Auf der anderen Seite seien Clemens Fritz und, vor allem, Miroslav Klose die Verlierer dieses Siegs. Christof Kneer (SZ) hätte dem torlosen Klose ein Tor wirklich gegönnt: „Man hat Klose zuletzt schon häufiger beim Kriseln erwischt, aber so bemitleidenswert gekriselt wie an diesem Abend hat er wohl noch nie.“ Und vielleicht ein wenig vorschnell urteilt er im Klose-Podolski-Vergleich, der zurzeit nahe liegt, weil beide im selben Verein spielen (genauer: Klose spielt, Podolski schaut meist zu): „Eine Weile war man ja davon ausgegangen, dass es sich bei Klose um einen Stürmer von internationalem Format handelt und bei Podolski um ein Rätsel; nun scheinen sich die Rollen umgekehrt zu haben.“

Jörg Hanau (FR) formuliert es noch härter: „Der Mann ist unten. Ganz unten.“ (Klose, der Wallraff des deutschen Fußballs?) Und fordert ein Ende der Geduld: „Es ist nur eine Frage Zeit, wann Gomez und/oder Kevin Kuranyi ihre Ansprüche öffentlich zu formulieren beginnen. Noch aber halten alle still. Offene Meuterei verbietet sich, Klose ist eine Autorität. Das ist ihm einzig geblieben. Ginge es nur um Leistung, Klinsmann und Löw hätten ihre schützenden Hände längst zurückziehen müssen.“

Sozialfälle im Sturm

Was Klose heute auch lesen darf: Spott, etwa von Oskar Beck (Welt am Sonntag): „Seine Körpersprache gleicht der eines gequälten Hundes, der die Schlappohren hängen lässt, das Futter verweigert, nicht mehr bellt und bei Halbzeit sein Halsband vergisst oder seine Kapitänsbinde.“ Matti Lieske (Berliner Zeitung) grient, auf die bayerische Solidaritätsaktion in der letzten Woche anspielend: „Wenn es einen Elfmeter gegeben hätte, dann wären ihm wahrscheinlich von Mitspielern und Balljungen gleich ein Dutzend Bälle zur Ausführung gereicht worden.“ Um dann aber ernst zu werden: „Nicht nur dem Bundestrainer, sondern auch Jürgen Klinsmann stellt sich die Frage, ob es sich tatsächlich nur um eine Formkrise handelt, wie sie Klose schon einige Male hinter sich gebracht hat, oder um den Niedergang eines frühzeitig alternden Torjägers.“

Und die anderen „Sozialfälle“ arbeitet Lieske gleich mit ab: „Vom besten Sturm seit langer Zeit war vor der EM häufig die Rede, davon ist nicht mehr viel geblieben. Mario Gomez hat bei der EM mehr Marktwert vernichtet, als es selbst der unfähigste Spielerberater hinbekommen würde, und Kevin Kuranyi hat gegen Atlético Madrid einmal mehr bewiesen, dass ihm für die internationale Bühne ein paar Qualitäten fehlen. Und bei den Helden der rheinischen Lokalpresse, Patrick Helmes oder Stefan Kießling, steht der Weltklassebeweis noch aus.“

Rückkehr von Willi Entenmann?

Mit anderen, nebensächlichen, Abwärtsbewegungen beschäftigt sich Berthold Kohler im Leitartikel der FAZ: „Die SPD verbraucht ihre Vorsitzenden schneller als abstiegsgefährdete Fußballvereine ihre Trainer. Nun muss der ehemalige, auch schon einmal zurückgetretene Vorsitzende Müntefering, dessen politische Karriere vorbei schien, wieder ins Geschirr. Wird als Nächstes der 1. FC Nürnberg die Rückkehr von Willi Entenmann melden?“

Freitag, 5. September 2008

Deutsche Elf

Ballacks absolutistischer Führungsanspruch

Ein paar Splitter einen Tag vor dem Beginn der WM-Qualifikation in Liechtenstein: Die gestressten Miroslav Klose und Lukas Podolski zur Kur im Nationalteam / Ballack-Debatte wird leiser, findet aber Fortsetzung / Philipp Lahm und Christoph Metzelder geben zu, dass die Stimmung während der EM nicht mehr so gut gewesen sei wie an der WM / Andreas Hinkel wieder da

Peter Heß (FAZ) widmet sich Miroslav Klose und Lukas Podolski, die beide, aus verschiednen Gründen, einen gestressten Eindruck hinterlassen: Klose trifft wenig, Podolski spielt wenig. Doch das kann und soll sich im Nationalteam wieder mal ändern, wohin die beiden zur Kur gereist sind, meint Heß: „Die Dienstreise ins kleine Liechtenstein könnte gleich für zwei Bayern-Angreifer zu einer echten Sommerfrische werden.“

Klose, der Michael Ballack als Kapitän vertreten wird, bekommt von Heß „Arbeitsethos“ und „Trainingsfleiß“ bescheinigt; er habe „Sondereinheiten Torschuss- und Flankentraining“ eingelegt. Über Podolski dagegen lässt Heß einen bemerkenswerten Satz fallen: „Dieses Ausmaß an Lernbereitschaft geht Podolski ab.“ Das klingt gelassen, dahinter steckt aber ein harter Vorwurf.

Diskrepanz

Ludger Schulze (SZ) greift noch mal die Themen Ballack/Bierhoff und Ballack/Mannschaft auf, allerdings ohne viel Neues hinzuzufügen. Auch ihm fällt auf, dass Ballack schweigt, auch er hat vernommen, dass das sonnenkönighafte an Ballack seine Kollegen misfalle: „Es sind bisher keinerlei Äußerungen von Ballack öffentlich geworden, die darauf schließen lassen, dass die Kontroversen auch für ihn ein einvernehmliches Ende gefunden haben. Und aus Gesprächen lässt sich durchaus heraushören, dass einigen Mitspielern eine gewisse Diskrepanz zwischen Ballacks sportlichen Leistungen während der zurückliegenden Europameisterschaft und seinem absolutistischen Führungsanspruch nicht entgangen ist.“

Die Mannschaft würde Ballack häufiger gebrauchen

Philipp Lahm fällt immer mehr als ein Mann der offenen Worte auf – nicht nur über andere, sondern auch über sich. In der SZ gibt er unumwunden zu, dass er gerne Kapitän der Bayern geworden wäre, und dass es ihn getroffen habe, dass ihm ein anderer vorgezogen worden ist: „Am Anfang war ich auf jeden Fall enttäuscht, keine Frage, ich hätte mich bereit gefühlt für dieses Amt. Aber der Trainer hat gesagt, dass er mich in dieser Rolle noch nicht sieht. In Zukunft vielleicht, aber jetzt noch nicht.“

Auch über den Teamgeist der deutschen Elf während der EM findet er offene Worte: „Die Stimmung war sicher nicht mehr zu hundert Prozent so wie damals, aber sie war immer noch gut. Sonst wären wir nicht ins Finale gekommen.“ Seinen Mitspieler Ballack stärkt Lahm den Rücken: „Es ist schade, dass er so oft verletzt ist, die Mannschaft würde ihn häufiger gebrauchen. Er ist unser Kapitän – ein Spieler, der mit seiner Präsenz und seiner Torgefährlichkeit enorm wichtig für die Mannschaft ist.“

Atmosphäre hat gelitten

Ob das Prinzip, an dessen Gültigkeit Christoph Metzelder im Gespräch mit der Berliner Zeitung glaubt, auch der Bundestrainer unterschreibt? „Grundsätzlich zählt für die Nationalmannschaft primär die Leistung in der Nationalmannschaft, dann die im Verein. Ich habe zu Jens Lehmann auch immer gesagt: So lange er in der Nationalmannschaft seine Leistung bringt, ist das, was im Verein passiert, sekundär. Das gilt natürlich genauso für mich.“

Ballacks Aggression gegen Oliver Bierhoff nach dem EM-Finale nimmt Metzelder nicht so wichtig: „Wir haben ein Endspiel verloren, da bist du als Spieler unheimlich enttäuscht, das ist doch klar. Ich denke, mehr sollte man da auch nicht reininterpretieren. Aber dass während des Turniers nie so eine Atmosphäre wie beim Sommermärchen entstanden ist, das muss man schon zugeben.“

Wenn Sie mich fragen, war es Jürgen Klinsmanns einziger grober Fehler als Nationaltrainer, Andreas Hinkel nicht zur WM nominiert zu haben. So war die Position des rechten Verteidigers an Arne Friedrich vergeben. Nun ist Hinkel überraschenderweise wieder dabei, und Elisabeth Schlammerl (FAZ), Stefan Hermanns (Tagesspiegel) und Jörg Hanau (FR) porträtieren ihn kurz (es genügt, wenn Sie einen der drei Texte lesen).

Donnerstag, 4. September 2008

Ascheplatz

Die Aufführung ging nicht unter die Haut

Das ZDF will tiefe und tiefste Gefühle gesehen und erlebt haben, doch die FAZ unterdrückt beim Abschiedsspiel Oliver Kahns ein Gähnen

Das Abschiedsspiel Oliver Kahns wurde vom Kerner-ZDF mit Superlativen der Emotionalität versehen. „Oliver Kahn ist ja nicht nur ein Fußballprofi, Oliver Kahn ist ja auch ein Mensch. Was fühlt jetzt der Mensch Oliver Kahn, was geht in dem Menschen vor? Können Sie beschreiben, was jetzt in dem Menschen Oliver Kahn vorgeht? Was fühlt jetzt der Mensch Oliver Kahn?“ (oder so ähnlich). Mir, als Fernsehzuschauer, kam die Stimmung ja eher verhalten vor: Stille, Sprechchöre gegen Jens Lehmann, der auch anwesend war, leise Pfiffe gegen die Nationalelf – all das, wofür man das Bayern-Publikum nun mal so schätzt. Peter Heß (FAZ) reduziert den Gehalt der ganzen Sache auf das Protokoll: „Die Inszenierung hatte bewegende Momente, Anflüge von Sentimentalität, aber insgesamt ging die Aufführung nicht unter die Haut.“

Über die Beziehung Kahns zu seinen Fans heißt es: „Wer will einem Titanen schon zu nahe kommen? Die Gefahr ist zu groß, seine Ungeduld oder seinen Zorn zu wecken. Die Verbindung basierte immer eher auf Respekt denn auf Zuneigung. Auch an diesem Abend fand keine Verschmelzung statt.“ Und in dem seltsamen Moment, als Kahn in der Kabine verschwindet, begleitet von einer Kamera, die die Bilder auf die Stadionleinwand überträgt, und die Zuschauer den Abwesenden mit „Olli“-Rufen huldigen, hört Heß Ping-Geräusche: „Wie die Signale eines Echolots, die die einzige Verbindung zweier Welten über und unter der Oberfläche bilden.“

Deutsche Elf

Brüchiger Friede

Oliver Bierhoff und Michael Ballack räumen alles aus dem Weg, was sie trennt. Alles? Die Presse traut der Sache nicht und zweifelt an Ballacks sportlichen und sozialen Fähigkeiten / Lukas Podolski jammert nicht, Herr Hoeneß / Patrick Helmes, der Stürmer mit der besten Form (BLZ)

Worum kümmert sich die Presse heute? In erster Linie um die angebliche Versöhnung zwischen Oliver Bierhoff und Michael Ballack. Ballack hatte Bierhoff direkt nach dem verlorenen EM-Finale die Meinung gegeigt, weil er Bierhoffs PR-Aktion doof fand, und wollte gerade seine Fäuste sprechen lassen, bevor er von umstehenden Spielern und von Co-Trainer Flick zurückgehalten wurde. Eine Einlage, die wir aus der Zeitung erfahren haben, das Fernsehen hatte wieder mal geschlafen. Die Sport Bild, unser Lieblingsjournal (unter den Sportmagazinen, die mittwochs erscheinen), hat Mäuschen gespielt, Ballack soll Bierhoff einen „Pisser“ betitelt haben – und das war angeblich noch Ballacks netteste Vokabel.

Erstaunlich eigentlich, dass sich keine Redaktion nicht mal insgeheim auf Ballacks Seite schlägt, hat „Shampoo-Oli“ in Teilen der Presse doch einen schweren Stand. Kein heimlicher Pluspunkt für Ballack also, stattdessen bekommt er seine mittelmäßigen Leistungen vorgehalten und seinen Führungsstil. Philipp Selldorf (SZ) beobachtet den Rangverlust Ballacks, kann darin aber nichts Dramatisches finden: „Nach einem EM-Turnier, in dem seine Leistung den Sonderstatus nicht unbedingt bestätigte, rütteln Mitspieler an der Hierarchie, in der der Kapitän bisher einsam obenan stand. Das ist zwar kein Putsch, aber eine stille Allianz der Andersdenkenden. Ballacks Reputation hat keinen endgültigen Schaden genommen, doch sie hat gelitten. Das hat allerdings nichts mit Kulturkampf zu tun, sondern mit der natürlichen Evolution einer Mannschaftsrangordnung.“

Bierhoff hat gestern den Medien erklären wollen, dass der Streit begraben sei und man sich unter Männern und Golfkollegen ausgesprochen habe. Doch bei Jörg Hanau (FR) bleiben Zweifel: „Es bleibt intern, was intern bleiben muss. Es geht um Hierarchien und Macht, Einfluss und Missgunst. Das Konsensprinzip ist unantastbar im DFB. Was hinter den verschlossenen Türen wirklich besprochen wurde, bleibt geheim. Niemand weiß, ob sich Ballack nun für seinen Ausraster entschuldigt hat oder nicht.“

An anderer Stelle fordert Hanau Ballack auf, Satisfaktion zu leisten: „Mit seiner öffentlichen Wutprobe stellte sich Ballack am Ende selbst ins Abseits. Die Gossensprache wäre, so sie benutzt wurde, nicht zu tolerieren. Nicht mal der verständliche Frust des ewigen Endspielverlierers rechtfertigt solch einen Ausraster. Nur wenn Ballack das erkannt und zwischenmenschliche Probleme wirklich ausgeräumt hat, erhält der noch brüchig anmutende Friede ein festes Fundament.“

Ballack wird sich vorkommen wie im falschen Film

Und in der Tat hat Bierhoff einen Satz gesagt, der es in sich hat: „Wir haben in der EM-Qualifikation sehr gute Spiele mit und ohne ihn gemacht. Insofern zeigt das, dass die Mannschaft von der Person Michael Ballack unabhängig ist“ (via FAZ). Michael Neudecker (Berliner Zeitung) hat gut und genau zugehört: „Je länger Bierhoff sprach, desto mehr bekam man das Gefühl, dass sie beim DFB noch ziemlich weit von echter Harmonie entfernt sind. Die Auseinandersetzung auf dem Rasen, das ist inzwischen offenkundig, ist kein Resultat einer spontanen Emotion, sondern vielmehr das Resultat einer schon länger wachsenden Distanz.“ Gregor Derichs (Financial Times Deutschland) pflichtet ihm bei: „Die Friedensnachrichten können nicht darüber täuschen, dass die Zeit der Harmonie beendet ist.“

Carlos Ubina (Stuttgarter Zeitung) erinnert an eine ganz anders gelagerte Ballack-Führungsspieler-Debatte: „Ballack wird sich vorkommen wie im falschen Film. Denn jahrelang wurde ihm die Fähigkeit abgesprochen, eine Mannschaft zu führen. Jetzt tut er es mit Vehemenz – und wieder scheint es nicht recht zu sein.“ Was sagt denn Günter Netzer, der dem Ossi Ballack mal Führungsfähigkeit absprach (was er zwischenzeitlich zurücknahm)? Ob Netzer das so gemeint hat?

Gut gefällt mir übrigens der Ort des Friedensschlusses, vor allem Neudeckers Beschreibung: „der etwas übertrieben so genannte Spiegelsaal der Oberhachinger Sportschule“.

Gut gemeint

Lukas Podolski muckt heute in der SZ ein wenig gegen Uli Hoeneß auf, der ihm das „Jammern“ abgewöhnen will. SZ: „‚Jammern’ ist doch ein recht heftiges Wort. Akzeptieren Sie das?“ Podolski: „Nein, das akzeptiere ich nicht. Jammern lass ich mir nicht nachsagen. Ich bin mir sicher, dass Uli Hoeneß’ Worte auch gut gemeint waren. Aber so richtig verstehen kann ich sie trotzdem nicht.“ Einer anderen Zeitung sagt Podolski: „Wenn ich wüsste, dass es dann wieder so läuft wie jetzt gerade, dann nicht. Nein, noch mal würde ich dann nicht unterschreiben.“

Mit der Leichtigkeit eines frisch verliebten Teenagers

Daniel Theweleit (Berliner Zeitung) hält Patrick Helmes für den aktuell besten Stürmer Deutschlands: „Während Miroslav Klose weiter gegen seine Dauerkrise kämpft, Mario Gomez nur langsam über sein EM-Trauma hinwegkommt, Lukas Podolski wieder einmal ständig auf der Bank sitzt, und Kevin Kuranyi reichlich Indizien für die These liefert, dass er ein Stürmer mit zu vielen Schwächen ist, spielt Helmes mit der Leichtigkeit eines frisch verliebten Teenagers. Seine Sprints sind unwiderstehlich, seine Schusstechnik ist umwerfend, und wenn er den Ball in Richtung Tor tritt, wird es praktisch immer gefährlich.“

Mittwoch, 3. September 2008

Ball und Buchstabe

Sehr eigenartig

Keine neuen Beweise in Sachen Declan Hill und seiner Betrugsstory

Was gibt’s Neues vom investigativen Hill? Christoph Ruf von Spiegel Online muss nach dessen Beckmann-Auftritt das Kunststück vollführen, sich von ihm zu distanzieren, ohne zu viel von der Spiegel-Story vom Montag zurückzunehmen: „Wenn der Auftritt von Hill bei Beckmann einen weiteren Erkenntnisgewinn brachte, dann diesen: Dank des dieses Mal konsequenten Nachfragens des Moderators wurden die Schwachpunkte in Hills Argumentationskette klar erkennbar. Es gibt Beobachtungen, Behauptungen, und es gibt für die betreffenden Spiele jeweils abnorme Wettquoten. Zusammen ergibt das eine ziemlich schlüssige Indizienkette für die Manipulation bestimmter Fußballspiele.“

„Doch Indizien sind keine Beweise, was nicht Hills Verdienst schmälert, den Blick auf das Paralleluniversum der Zocker zu lenken, das weltweit Jahr für Jahr Milliarden umsetzt.“ Aha! Das Verdienst, auf ein Thema aufmerksam zu machen. Das wäre wesentlich weniger als es in der Druckausgabe anmutet. Zumal Hill für den Fall, dass sich nichts beweisen ließe, Rechercheuren und Aufklärern ihre Arbeit künftig erschwert haben würde. Raunen hilft keinem weiter.

Im FR-Interview tätigt Hill unverbindliche Aussagen: „Ob es Manipulation gab oder nicht, kann ich nicht sagen. Nur bei Ghana gegen Brasilien, traten meiner Meinung nach einige sehr eigenartige Dinge auf. Nicht nur, dass mir das Ergebnis vorhergesagt wurde – es gab Meetings in Asien mit einem ehemaligen Mitglied der ghanaischen Nationalmannschaft. Leute der Wettbetrüger haben sich definitiv dem Teamkapitän Stephen Appiah genähert, er sagt, dass er die Angebote nicht angenommen hat. Aber er sagt auch, dass er vorher schon einmal Geld dafür genommen hat, dass Ghana ein Spiel gewonnen hat.“

Über seine Beweisführung sagt er: „Fotos werde ich nicht veröffentlichen, das wäre zu gefährlich, mit den Leuten ist nicht zu spaßen. Was ich vorhabe, ist, das Tape von dem Interview mit Appiah zu veröffentlichen.“

Nun ist Hills Gespräch mit Appiah online (in Wort und Ton), aber ich kann darin nichts Stichhaltiges entdecken. Appiah bestätigt, dass er mehrfach von „Gamblers“ angesprochen worden sei, aber er bestreitet, dass das Achtelfinale gegen Brasilien abgesprochen worden ist: „We do everything together, nobody is going to go back to the team. We do everything together. We are united, so I don’t think someone would do that. Or if someone were to do something like that, he would say to all the team, ‘Hey this is, this is… A guy came and he said, ‘’Blah, blah, blah.’’ So what do we think?’ But not to lose a match and something. But to win a match – yes.“

Ascheplatz

Die Welt kommt von sich aus nach England

Eine ölreiche Familie aus Abu Dhabi kauft Manchester City und schnappt dem Chelsea-Boss Roman Abramowitsch Robinho vor der Nase weg – die Presse mutmaßt über eine beginnende Ära, wird City bald zu den Großen Englands, Europas und der Welt gehören? / Real Madrid durch den Verlust Robinhos endgültig blamiert / Fortuna Köln auf den Spuren Ebbsfleets

Thema des Tages ist die Übernahme Manchester Citys durch die Abu Dhabi United Group (Adug), die Investorengruppe der abudhabischen Herrscherfamilie Al Nayhan – und damit einhergehend der spektakuläre, weil sensationelle Kauf Robinhos, um den auch „Big Gun“ Abramowitsch warb. Der Chef Sulaiman Al-Fahim, der in diesen Tagen auch für Mario Gomez geboten haben soll, verspricht den City-Anhängern nicht weniger als den Gewinn der Champions League in absehbarer Zeit. Teile der deutschen Presse weisen diesem Ereignis den Charakter einer fußballhistorischen Wegmarke zu.

Raphael Honigstein versorgt heute einige Zeitungen mit Stoff, in der FR betont er die Signalwirkung des Wechsels auf England und die Welt: „Der Robinho-Transfer ist geeignet, Manchester City als Marke im Wachstumsmarkt Asien zu etablieren, aber er verströmt auch Symbolkraft nach innen: Seit Roman Abramowitsch vor fünf Jahren Chelsea übernahm, wurde er auf dem Spielermarkt erstmals überboten. Neben dem märchenhaften Vermögen der Al-Nahyan-Familie verblassen die Mittel des russischen Rohstoff-Oligarchen. Die Verhältnisse in der Premier League und in Europa werden nun neu geordnet. Und die englische Öffentlichkeit steht dem Engagement von Adug erstaunlich positiv gegenüber: Die Dominanz der großen vier hat viele gelangweilt. Allein die Tatsache, dass die Araber die Liga spannender machen dürften, erfreut die neutralen Beobachter.“

Auf Seite 1 der SZ befasst er sich mit der Spekulation, dass der Deal Nachahmer finden könnte und Englands Fußball weitere Geldströme zuteil werden: „Der City-Deal mit Abu Dhabi wird wohl das benachbarte Emirat Dubai auf den Plan rufen. Die beiden Golfstaaten konkurrieren seit Jahren um internationales Prestige und glanzvolle Investments. Man wird sich nicht wundern müssen, wenn das bedeutendste Derby der Emirate demnächst im Nordwesten Englands veranstaltet wird: Dubais Staatsfonds liebäugelt schon mit dem Kauf des FC Liverpool.“ Honigstein führt das Interesse ausländischer Kaufleute auf die Attraktivität der Premier League zurück: „Die Welt kommt von sich aus nach England.“

Im sportmedienblog lacht man auf Kosten Chelseas: „Der Treppenwitz an der ganzen Robinho-Geschichte: Chelsea war sich so sicher, den Spieler zu bekommen, dass man schon Trikots mit seinem Namen verkauft hat und: Shaun Wright-Philips an Man City abgegeben hat. Weil dieser mit Robinho in der Mannschaft gar keine Perspektive mehr hatte. Und nun kommt Robinho auch zu City …“

Javier Cacéres (SZ) blickt nach Madrid: „Real hat sich mit diesem Transfer endgültig der Lächerlichkeit preisgegeben. Den ganzen Sommer über kokettierte der Klub mit dem stets ‚nahezu sicheren’ Transfer-Coup Cristiano Ronaldo und prahlte, dass 100 Millionen Euro in der Kasse seien.“ Die Rede ist auch vom gesunkenen Status Bernd Schusters, seiner gestörten Beziehung zu Manager Predrag Mijatovic und zu einigen Vorstandsmitgliedern. „Den kann nicht mal Gott ausstehen“, greift die SZ das Zitat eines anonymen Präsidiumsmitglieds auf, das in Spaniens Presse kursiert.

Die Fußballwelt als Wille und Vorstellung

Zudem hört man von der Deutung, dass Real Robinho an City verkauft habe, um den FC Chelsea eins auszuwischen, mit dem sich die Real-Führung überworfen habe. Oder bekam City den Zuschlag, um Robinho bloßzustellen – nämlich dass er wegen des Gelds einen Vereinswechsel angestrebt hat und nicht aus Ehrgeiz? City spielt nicht mal Uefa-Pokal.

Thomas Kilchenstein (FR) lässt seiner Befindlichkeit freien Lauf: „Wie viele Menschen wären mit der knappen Milliarde Euro, die die Scheichs für ihr Spielzeug haben springen lassen, wohl vor dem Verhungern zu retten?“ Fehlt noch der Vers: Geld allein macht nicht glücklich.

Christian Eichler (FAZ) hat die letzten Stunden des „Deadline Day“ verfolgt, des Tags, an dem (nicht nur) in England der Transfermarkt schließt. Und eine besondere Rolle spielten die www-User, die von den Redaktionen und Agenturen zum Tratschen aufgefordert werden: „Deadline Day oder: Die Fußballwelt als Wille und Vorstellung. Ein Gemisch von Gerücht und Geschäft, Geschwätzigkeit und Geheimniskrämerei, von freier Erfindung und, gezielter Desinformation – wie es für das Internet typisch ist und für den Fußball auch.“ Und hier noch mehr zu diesem Thema, vom selben Autor: über die neuen Eigner Manchester Citys und die neue Liquidität des Klubs und wie er den Lokalrivalen United zu einem höheren Preis für Dimitar Berbatow trieb.

Bella figura

Blicken wir mit der SZ nach Italien! Birgit Schönau spottet über den allgemein lässigen Umgang mit Soll und Haben: „Keiner dieser Klubs besitzt ein Stadion. Aber hinter allen stehen ehrgeizige, geltungssüchtige Unternehmer. Sie machen in Spielzeug (FC Genua), Krokodillederschuhen (AC Florenz) oder Flughäfen (AS Rom). Mit Abramowitsch können es zwar nur Berlusconi und Inters Petrolmagnat Massimo Moratti aufnehmen, doch die ungleich ärmere Konkurrenz möchte trotzdem nicht zurückstehen. Wer sich John F. Kennedys Boot gekauft hat, nur um damit standesgemäß von Neapel die paar Seemeilen nach Capri zu schippern, wie Fiorentina-Besitzer Diego Della Valle, der möchte endlich auch in der Champions League bella figura machen. Koste es, was es wolle.“

So weit ist es gekommen mit Deutschlands ehemals größtem Torwarttalent

Die NZZ referiert den Saisonstart in der Serie A, bei dem die Favoriten nicht gewinnen konnten, und auch, dass José Mourinho von Fußballitalien mit Argwohn begrüßt worden sei. Der ehemalige U21-Trainer Marco Tardelli soll gesagt haben: „Mourinho konnte in England erfolgreichen Fußball spielen lassen, weil es dort viele schlechte Verteidiger gibt. Hier in Italien sind alle exzellent ausgebildet und verstehen es, die taktischen Anweisungen der Trainer gut umzusetzen.“

Tardellis wichtigstes Tor (mein Gott, sahen die deutschen Abwehrspieler alt aus!)

Barca und Real hat’s ebenso erwischt, die NZZ kramt im Archiv: „Zuletzt hatten beide Topklubs in der Saison 1939/40 ihre Eröffnungsspiele verloren.“ Auch in Holland ging’s den Großen an den Kragen, etwa Marco van Basten mit Ajax Amsterdam (NZZ).

Dem unglücklichen Timo Hildebrand, Valencias drittem Torwart, widmet sich die Berliner Zeitung. Angeblich habe ihn sein Berater in Hoffenheim angeboten – wo er eine Ablehnung erhalten habe. „So weit ist es gekommen mit Deutschlands ehemals größtem Torwarttalent.“

Enttäuscht

Wolfgang Hettfleisch (FR) berichtet über die ersten Resultate bei Fortuna Köln, der nun ein Online-Community-Verein ist. Aus Ebbsfleet, dem englischen Pionier dieses Modells, hört man bereits nach kurzer Zeit nicht viel Gutes über das Mitbestimmungsprojekt: „MyFC findet fast überall in Europa Nachahmer“, schreibt Hettfleisch. „Zuhause auf der Insel ist das Echo nicht mehr ungeteilt positiv. Einige derer, die glaubten, mit der Zahlung von 35 Pfund ein Mitspracherecht am sportlichen Kurs von Ebbsfleet United erworben zu haben, sind inzwischen bitter enttäuscht.“

Bluff eines nackten Mannes

TV-Verhandlung – allesaussersport zieht die DFL am Ohr: „Die Drohung, gegen ein etwaiges Einschreiten des Kartellamts gegen die erfolgte Vergabe der TV-Rechte juristisch vorzugehen, bleibt weiterhin der Bluff eines nackten Mannes. Das hat sich die DFL selbst eingebrockt, weil sie dank der Sirius-Geschichte, inklusive Konzeption, Einholen der Bankbürgschaften und ähnliches Tütelüt knapp elf Monate verbrannt hat, ohne essenziell weiter zu sein.“ Mehr, auch Links zu anderen Zeitungen, finden Sie hier.

Dienstag, 2. September 2008

Ball und Buchstabe

Ist der Fußball in ernster Gefahr?

Die Beweislage Declan Hills für Spielabsprachen scheint dünner als vermutet

Bewiesene Wettmanipulation? Das liest sich heute schon ganz anders als gestern, etwa in der Welt. Der Journalist und Buchautor Declan Hill hat gestern vor Journalisten gesprochen und hat Aussagen und Thesen, die in den Tagen zuvor in den Medien zu Schlagzeilen wurden, zum Teil zurückgenommen. Er sei falsch zitiert worden; er habe nie behauptet, dass WM- oder Bundesliga-Spiele manipuliert worden seien; nur Indizien lege er der Welt vor, keine Beweise.

Die SZ zitiert Hills alarmistische Warnungen: „Der Fußball ist in ernster, ernster, ernster Gefahr. Die Leute, die ihn in China und Malaysia schon zerstört haben, kommen jetzt hierher und zerstören unsere Ligen.“ Hill empfiehlt deutschen Fußballverbänden, das Antibetrugsmodell der US-Ligen zu kopieren, mit professionellen Cops und Kriminalisten, schreibt ihnen aber ins Stammbuch: „Um solche Maßnahmen in Deutschland durchzusetzen, müssten die Offiziellen erstmal zugeben, wie groß die Bedrohung des Fußballs wirklich ist. Bisher scheinen sie ihr Produkt vor allem dadurch schützen zu wollen, dass sie die Augen verschließen.“

Dünne Beweislage?

Jens Weinreich zuckt mit der Augenbraue: „Die Geschichte über sein Treffen mit einem Wettpaten in Thailand, der erzählte, er verschiebe gerade ein Bundesligamatch, gibt Hill seit etwa einem Jahr zum besten. Er wird das auch im Fernsehen wieder sehr überzeugend tun. Er kann das, auch wenn seine Geschichten mitunter zu perfekt klingen.“

Ich zweifle daran, dass das er kann. Er war mir gestern, bei Beckmann, ein bis zwei Spuren zu beteuernd, um glaubhaft zu sein. „Sie teilen mit mir die Skepsis, Reinhold.“ Und Hill macht es sich recht einfach, wenn er sich weigert, Namen zu nennen, um das Leben seiner Familie zu schützen. Seine Beweislage scheint dünn, doch dem Absatz seines Buchs, das heute im Handel erscheint, wird das nicht schaden.

Es fällt überhaupt nicht auf

Wie funktionieren Spielabsprachen? Da muss die Presse einiges an Aufklärungsarbeit leisten, denn unter den Leuten kursieren viele Irrtümer. Katrin Weber-Klüver (Financial Times Deutschland) räumt mit dem Fehlglauben auf, dass Wettbetrüger mit Außenseitersiegen Geld machen wollen würden: „So wie Publikum, Funktionäre und Aktive im Radsport lange versucht haben, die Illusion des sauberen Sports hochzuhalten, tun sie das nun angesichts des Vorwurfs gekaufter Spiele beim Fußball auch. Oft mit dem Argument, dass die getippten Ergebnisse der genannten Spiele doch gar nicht überraschend waren. Aber das müssen sie auch gar nicht sein. Es ist schließlich viel einfacher, beim Außenseiter dafür zu sorgen, dass er auch wirklich verliert, als zu versuchen, einen Favoriten zur Niederlage zu bewegen. Der Aufwand ist überschaubarer, der Erfolg wahrscheinlicher – und das Beste: Es fällt überhaupt nicht auf.“

Frank Bachner (Tagesspiegel) stellt ein anderes Urteil in Frage: „Bislang galt unter vielen Profiwettern die These, dass bei WM-, EM- oder anderen internationalen Spitzenspielen, darunter auch die deutsche Bundesliga, nicht bestochen wird. Zum einen, weil die Profis dort legal Millionen verdienen und zweitens, weil zu viele Menschen und TV-Kameras die Partien verfolgen. Jede ungewöhnliche Aktion werde sofort erkannt und hinterfragt. Aber Hill, der viel über Netzwerke und die Technik von Spielmanipulationen schreibt, lässt diese These zumindest fragwürdig erscheinen.“

Und bei Weinreich liest man: „Wurden von Teams und Offiziellen Absprachen getroffen, dann fallen die entscheidenden Tore bereits sehr früh – entgegen der landläufigen Meinung, derartige Spiele würden erst gegen Ende entschieden.“

Ball und Buchstabe

Neid hält sich so hartnäckig wie der Erfolg

Ein paar Verrenkungen, warum man Hoffenheim nicht zu hassen braucht

Nach wie vor ein Thema in den Zeitungen: die TSG Hoffenheim und welche Empfindungen ihr entgegengebracht werden. Auffällig, dass sich die Journalisten nun kräftig ins Zeug legen, um den Klub und ihren Mäzen Dietmar Hopp gegen angebliche Missgunst zu verteidigen. Stefan Osterhaus (Financial Times Deutschland) fasst nochmals das Gros der Argumente zusammen: „Dabei ist das Projekt Hoffenheim doch eigentlich genau das, was von vielen Seiten gefordert wurde: Eine deutsche Wirtschaftgröße engagiert sich in mächtigem Umfang im deutschen Klubfußball. Also kein Scheich, der vom Kicken nichts versteht, kein Ölmagnat aus den Weiten der russischen Steppe und auch kein amerikanischer Spekulant. Dass Schalke 04 mit den Gasprom-Trikots für die Energieaußenstelle eines ganz feinen Regimes wirbt und dafür prächtig kassiert, ist nach ein paar Tagen von allen Seiten vergessen worden; an Hoffenheims Millionen aber, die nur zu einem Viertel in den Kader flossen, wird Anstoß genommen. Was allein daran liegt, dass geschichtslose Klubs, die Liga um Liga durcheilen, per se als verdächtig angesehen werden. Es ist billig, sich an der Herkunft der Dörfler zu stoßen und sie permanent als Parvenüs zu etikettieren, die bisher noch keine nennenswerte Fußballtradition haben. Hätte Hopp sich den 1. FC Köln für eine dreistellige Millioneninvestition auserkoren, wäre ihm augenblicklich ein Denkmal gesetzt worden. So wird er Ausdauer haben müssen. Neid hält sich mindestens so hartnäckig wie der Erfolg.“

Ich hab mich vor einem halben Jahr auch mal zu dem Thema geäußert.

Sven Goldmann (Tagesspiegel) hat sich die Tradition der Etablierten mal genauer angesehen und kommt mit einem Vermerk, der in Deutschland alles mundtot macht, den Verstrickungen deutscher Fußballvereine in das Nazi-Regime: „Mit der Tradition ist das so eine Sache. 1860 München legte die Basis für seine Stellung als deutscher Spitzenklub der Sechzigerjahre in der Nazizeit. Auf dem Vereinsgelände trainierte die SA, die auch den Vorsitzenden stellte, einen üblen Antisemiten. Lokalrivale FC Bayern galt den braunen Machthabern als Judenklub. Der VfB Stuttgart überließ den Nazis gern sein Stadion, das in den tausend Jahren zwischen 1933 und 1945 Adolf-Hitler-Kampfbahn hieß. Werder Bremen ließ schon im April 1933 verlauten, der Verein habe ‚nicht erst jetzt nach der Umwälzung sein nationales Herz’ entdeckt. Dieser braunen Traditionen erinnern sich die Fans der Traditionsklubs aus München, Stuttgart und Bremen nicht so gern.“

Ein Mann mit dem Flair eines altklugen Landjunkers

Das kollektive Gedächtnis der meisten Fußballfans reicht jedoch nicht bis in die Dreißiger Jahre, bei weitem nicht. Und dass es in Deutschland nach 1945 personelle Kontinuitäten dem Morden, Rauben und Lügen, der Kapitulation und dem Systemwechsel zum Trotz gegeben hat, ist kein Phänomen, das sich auf den Fußball beschränkt. Die Stunde Null, die gab’s doch wohl nur militärisch. Mit Hoffenheim hat das nichts zu tun, und es ist dem Klub auch nicht geholfen, ihn mit einer Weißen Weste zu bestücken. Und ob die dauerhaften Hopp-ist-kein-Abramowitsch-Klarstellungen der Journalisten den Beliebtheitswerten der TSG zuträglich sind? Zudem glaube ich, dass da jemand gegen Windmühlen kämpft. Mein Eindruck ist, dass Hoffenheim in der Bundesliga keineswegs auf ein Übermaß an Ablehnung stößt, so wie das in der Zweiten Liga noch der Fall gewesen sein mag. Die paar Dutzend Gladbacher Fans, die Dietmar Hopp mitgeteilt haben, was sie von ihm halten – na gut. Aber von Neid und Hass ist wenig mitzubekommen. Aber vielleicht ändert sich das ja, wenn die TSG irgendwann mal nicht am 2. Spieltag die Tabelle anführt, sondern am 32. Spieltag.

Womit Osterhaus viel eher den Nagel auf den Kopp treffen könnte, schreibt er heute in der Neuen Zürcher Zeitung, wo er sich an dem Dozentenhaften der Hoffenheimer Hauptfiguren stößt: „Hoffenheim wirkt gar nicht einmal so synthetisch, wie der VfL Wolfsburg oder Bayer Leverkusen es lange Zeit taten. Der Klub hat aber den Appeal einer Sammlung von Musterschülern. Hoffenheim schwitzt nicht. Es transpiriert. Das ist ein feiner Unterschied.“ Gemeint sind Trainer Ralf Rangnick, „dieser hervorragender Fachmann, dessen Sympathiewerte sich aber im überschaubaren Rahmen halten“ (Osterhaus), und dem man in der Tat empfehlen müsste, die Spielfreude, die er seinen Jungs vermittelt, auch in seiner Außendarstellung an den Tag zu legen. Das Image vom Laborleiter kann man doch am schnellsten ablegen, wenn man mit ihm spielt und es ins Leere laufen lässt. Ralf Rangnick artverwandt sei, schreibt Osterhaus, Sport- und Nachwuchsdirektor und Löw-Kritiker Bernhard Peters, „ein Mann mit dem Flair eines altklugen Landjunkers“.

Ein Fauxpas allerdings, dass die NZZ Peters als ehemaligen Eishockey-Coach bezeichnet.

Bundesliga

Münchner Zukunftsfußball

3. Spieltag, Teil 2: Im Sturm 4:1 gegen Hertha – Befreiungsschlag für Jürgen Klinsmann

Jürgen Klinsmann, dem bereits nach zwei Unentschieden gegen Hamburg und Dortmund (eigentlich schon vorher) Zweifel entgegenschlug, hat sich mit dem 4:1 gegen Hertha fürs erste Luft verschafft. Besonders die Art des Siegs überzeugt die Kommentatoren, Moritz Kielbassa (SZ) entdeckt in der Mannschaft den Trainer und im Trainer den Stürmer: „Härtere Prüfungen werden zweifellos kommen, dennoch erhielten die Fans diesmal ein klares Bild, wie sich Klinsmann den Münchner Zukunftsfußball vorstellt: offensiv, flott, dominant und angstfrei zupackend. Fußballmannschaften, sagt man, bilden den Charakter ihrer Trainer ab. Die Charakterstudie der neuen Bayern scheint diese Weisheit zu stützen. Der gelernte Torjäger Klinsmann wirft aus angeborener Überzeugung die Tormaschine an, notfalls auf Kosten defensiver Verluste.“

Jörg Hanau (FR) hingegen führt den Sieg auf ein überraschendes Zurück-zu-den-Wurzeln in der Abwehr zurück: „Es war ein Sieg des Systems. Eines längst veralteten. In Zeiten allgemeiner Viererkettenverherrlichung überraschte der Visionär mit einer taktischen Variante, die allenfalls zu Zeiten eines Franz Beckenbauers innovative Züge trug. Die Idee war so alt, dass sie schon wieder modern war: Klinsmann setzte auf die Dreierkette: Lucio, Martin Demichelis, Daniel van Buyten – die neue Bullenparade in der Abwehr des FCB. Kraftvoll und furchteinflößend – vor allem aber sicher und undurchlässig.“

Der bayerische Patient

Ein nahrhaftes Thema für die Presse ist natürlich die Solidaritätsaktion Bastian Schweinsteigers und Luca Tonis an Miroslav Klose. Sie überließen ihm den Elfmeter zum 4:0 (übrigens nicht den zum 3:0). Hanau seufzt: „Zu guter Letzt blieb auch noch Zeit, Klose aus seinem ganz persönlichen Jammertal zu ziehen. Der Torjäger a. D. erzielte aus elf Metern sein erstes Bundesligator seit sechs Monaten. Ein Akt kollegialer Größe, aber auch des Mitleids. Wichtiger als der eigene Erfolg war in diesem Augenblick die Aktion Sorgenkind. Wenn das nicht Liebe ist.“

„Der bayerische Patient wird seinen Frust los“, fügt Elisabeth Schlammerl (FAZ) hinzu und erkennt melancholische Züge: „Nur Klose war nie mittendrin im Münchner Jubel, obwohl er viel rannte und rackerte, um zu rechtfertigen, dass Klinsmann wieder ihn und nicht den zuletzt auffälligeren Lukas Podolski hatte spielen lassen.“

Ascheplatz

Klinsmann denkt in vielen Dingen ähnlich wie ich

Oliver Kahn trifft vor seinem Abschiedsspiel heute ungewohnte, versöhnliche und souveräne Töne / Kritik am ZDF, das zu viel Geld für ein sportlich bedeutungsloses Spiel hinblättere

Oliver Kahn ist lockerer geworden. Um nicht zu sagen: Oliver Kahn ist ein anderer geworden. Wie angenehm lesen sich seine Aussagen in den Zeitungen dieser Tage – gerade im Kontrast mit früher. Deutlich wird das gerade, wenn man sich am letzten Sonntag auf 3sat nochmals das Kahn-Portrait von 2006 zu Gemüte geführt hat. Dort spricht ein aufgeblasener Egomane, der sich allen Ernstes mit der Hauptfigur in „Papillon“ vergleicht, einem Häftling auf Französisch-Guayana, dem nach zwölf Jahren endlich die Flucht aus dem Gefangenenlager gelingt. Sich gegen größte Widerstände durchsetzen – in dieser Rolle hat sich der Ex-Kapitän der Nationalelf damals gesehen, gerade angesichts der Degradierung durch Jürgen Klinsmann (wobei der Film im Januar aufgezeichnet wurde, also noch vor der Versetzung Kahns auf die Bank im April). Dabei hätte man einwenden können, dass Kahn zeit seiner Karriere keineswegs Hürden zu überwinden hatte, sondern im Gegenteil immer auf die Unterstützung mächtiger Freunde zählen konnte. Stichwort, Immunität gegen Rote Karten. Aber diese Geschichte ist längst erzählt.

Wenden wir uns also der Gegenwart zu! Heute nimmt Kahn im Interview mit der SZ seinem Verhältnis zu Klinsmann jede Brisanz: „Das ist so ein typischer Medien-Trugschluss. Alle denken: Klinsmann, Kahn, WM 2006, das kann nicht funktionieren. Das ist völlig falsch. Erstens sind zwei Jahre vergangen, und zweitens denkt Klinsmann in vielen Dingen ähnlich wie ich. Er hat ja viele intelligente Dinge gemacht. Es ist völlig richtig, nicht irgendwo hinzugehen und zu sagen: Hallo, ich bin jetzt hier der Trainer und mach in eurem System mal ein bisschen mit. Jürgen Klinsmann baut sich sein eigenes System, er bringt seine eigenen Leute mit, umgibt sich mit Vertrauten. Aber auch was seine Trainingslehre und seinen Umgang mit Psychologie anbelangt, sind wir uns sehr nah. Klinsmann wollte damals sein System eben komplett installieren, dazu gehörte offenbar auch die Torwartposition. Wenn man das einmal verstanden hat, dann erscheint das, was er mit mir gemacht hat, zumindest aus seiner Sicht folgerichtig. Das war nichts Persönliches.“

Na, das nenn ich mal Größe. Es sei für ihn übrigens „alles andere als ausgeschlossen“, mit Klinsmann in Zukunft zusammenzuarbeiten. Und über zwischenzeitliche Spannungen zwischen ihm und den Bayern-Offiziellen gibt er sich ebenso generös: „Natürlich gibt’s in vierzehn Jahren immer wieder mal Reibereien, aber ich muss ehrlicherweise sagen, dass es ja auch eine Zeit gab, in der ich selbst ein paar seltsame Verhaltensweisen an den Tag gelegt habe. Da kann man nicht immer die anderen verantwortlich machen.“

Drei Millionen für ein Spiel ohne Bedeutung

In der FR gibt er sogar nachträglich manchem Kritiker recht (vielleicht auch, weil er bald selbst Kritiker wird): „Ich schaue jetzt aus einer anderen Perspektive auf den Fußball. Da nimmt man Aussagen eines Spielers etwas anders wahr. Und ich muss sagen, der eine oder andere Experte hat doch nicht so ganz Unrecht gehabt in der einen oder anderen kritischen Analyse. Aber das möchte man als Spieler natürlich überhaupt nicht wahr haben.“ Und angesichts der Tatsache, dass er heute unter Klinsmann spielen wird, erlaubt er sich gar einen Flachs: „Mal schauen, wie er meine Trainingsleistung bewertet. Vielleicht spiele ich ja gar nicht.“

Sein Abschiedsspiel heute sei ihm persönlich zwar gegönnt, dennoch ist daran zu erinnern, dass der DFB Abschiedsspiele vor Jahren abgeschafft hat. Fragt sich, wie sich ein solches Privileg begründen lässt – und wie man das künftig handhaben wird. Gerade, wenn man bedenkt, dass es hier nicht nur um eine Ehrerweisung an einen verdienten Spieler geht, sondern ums Geschäft. In der FAZ vom Montag und vom Sonntag liest man Kritik am ZDF, weil der öffentlich-rechtliche Sender (zu) viel Geld für das Spiel bezahlt habe. Peer Schader (FAS) frotzelt: „Drei Millionen Euro sollen die Mainzer an den FC Bayern für die Ausstrahlungsrechte bezahlt haben, für ein Spiel, dessen fußballerische Bedeutung ungefähr so hoch ist wie die von Lothar Matthäus für die aktuelle Bundesliga-Saison.“ Und warum will Kahn heute nur für die Bayern spielen und nicht für die Nationalelf?

Verbindet Sie etwas? Wir sind beide Torhüter

Robert Enke übrigens distanziert sich im Interview mit der Sonntag-FAZ ungewöhnlich offen, wenn auch die diplomatische Note wahrend, von Kahn, also dem alten Kahn: „Ich war nicht mit allem einverstanden, was er auf dem Platz gemacht hat. Da bin ich ein anderer Typ. Was mich in den letzten Jahren beeindruckt hat, war, dass er durch seine Einstellung zum Spiel maßgeblich an den Erfolgen der Bayern beteiligt war.“

Folgende Frage-Antwort-Passage liest sich extrem kühl: „Verbindet Sie etwas?“ „Wir sind beide Torhüter.“ Der Eindruck, den die gedruckte Fassung vermittelt, kann aber auch täuschen. Wohltuend auch Enkes Medienkritik: „Es hat mich sehr gestört, als damals in der Tagesschau die erste Meldung war, dass Lehmann die Nummer 1 ist und am selben Tag – wie viele Menschen auch immer – auf der Welt ihr Leben verlieren. Zu dieser Zeit haben sich die Werte verschoben. Das darf nicht passieren.“

Und aus dem nächsten Einwand spricht die Genugtuung, dass die Zeiten von Lobbyismus in Torwart- und anderen Fragen vorbei sind: „Kann man ohne Hausmacht die deutsche Nummer 1 sein?“ Enkes Erwiderung gleicht einem Lob für den Journalisten: „Das ist eine gute Frage.“ Und gleichzeitig zieht Enke aus der aktuellen Situation Zuversicht: „Bei der sportlichen Leitung, die im Moment das Sagen hat, glaube ich das auf jeden Fall.“

Montag, 1. September 2008

Ball und Buchstabe

Die Wettsucht ist global, Hoyzer war nur eine lokale Größe

Die Story des kanadischen Antikorruptionsjournalisten Declan Hill von einer möglichen Wettmanipulation in deutschen Bundesligen und an der WM 2006, die der Spiegel ans deutsche Licht gebracht hat, beschäftigt die Fußballschreiber; mit Kritik halten sie noch zurück, da nichts bewiesen ist

Sebastian Gehrmann (FR) tippt, dass was dran ist: „Nun hat die heile Fußballwelt erneut den Spiegel vorgehalten bekommen. Wieder soll sein, was nicht sein kann. Und wieder ist es eine neue Qualität. Ein weltweites Netz aus Korruption und Manipulation, skrupellose Kartelle, Hinter- und Mittelsmänner, Milliarden stehen auf dem Spiel. Auch die Bundesliga soll nun betroffen sein, ebenso die Weltmeisterschaft. Eigentlich unvorstellbar. Fassen wir zusammen: Spieler, die das Hundertfache und mehr verdienen, lassen sich für ein paar tausend Euro kaufen? Wirklich? Ein Sieg mit zwei Toren oder doch lieber drei. Stimmt, was jetzt enthüllt wird, dann braucht es nicht mehr als drei, vier windige Gestalten, um hochgerechnet hypothetisch 90 Bundesligaspiele im Jahr zu verschieben. Kann das sein? Die kommenden Wochen werden zeigen, wie viel Dichtung ist und wie viel Wahrheit. Erstunken und erlogen ist die Geschichte mit Sicherheit nicht. Jede Wette.“

Peter Stolterfoht (Stuttgarter Zeitung) nennt es ein Versäumnis, dass die Anfälligkeit der Profifußballer für Bestechung nicht mit Präventionsmaßnahmen gemildert worden ist: „Ob die Vorwürfe nun stimmen oder nicht – es wird weitere Versuche von Wettbetrügern geben, den Fußball in Deutschland zu manipulieren, sollten die Vereine, ihre Dachorganisation DFL und der DFB dem Problem nicht entgegensteuern. Es ist zu wenig, wenn Theo Zwanziger und Reinhard Rauball ‚eine umfassende Aufklärung’ anstreben. Mindestens genauso wichtig wäre es, präventiv tätig zu werden. Die DFL sollte junge Profis besser auf die Gefahren vorbereiten, die das Geschäft bereithält – zum Beispiel mit Seminaren zu den Themen ‚Wie finde ich einen vertrauenswürdigen Berater?’ und ‚Wie gehe ich mit meinem Geld richtig um?’. Das sollten eigentlich schon lange Pflichtveranstaltungen sein. Nachhilfeunterricht in moralischen Fragen getraut man sich mittlerweile schon gar nicht mehr zu fordern.“

Wie eine Grippe

Klaus Hoeltzenbein (SZ) macht die deutschen Fußballfunktionäre darauf aufmerksam, dass sie mit ihrer Schwarzes-Schaf-Hoyzer-These diesmal nicht durchkommen werden: „Schon am Rande der Hoyzer-Ermittlungen gab es Hinweise auf Unregelmäßigkeiten auch in der Ersten und Zweiten deutschen Liga. Meist kamen sie von professionellen Wettern aus England, die auf ihren Computern plötzliche Millionenbewegungen in Asien registrierten, die sie als klare Indikatoren für Unregelmäßigkeiten werteten. Nur ein Beispiel war die Zweitliga-Partie Aue-Oberhausen (2:0) im Dezember 2004, garniert mit Slapstick-reifem Eigentor, aber bis heute nicht völlig durchleuchtet. Die deutschen Instanzen, DFB und DFL, wirkten damals erleichtert, sich auf das Hoyzer-Biotop beschränken zu können. Berlin wurde – soweit bekannt – konsequent trockengelegt, Asien aber blieb unerforscht. Das könnte sich rächen. Die Wettsucht ist global, Hoyzer war in diesem Spiel nur eine lokale Größe.“

Markus Lotter (Berliner Zeitung) hingegen wiegelt ab: „Dieses potente System ist anfällig wie jedes System, in dem es vorrangig um Geld geht. Es wird sich auch in zwanzig Jahren ein verführbarer Schiedsrichter oder Spieler finden, es wird auch in zwanzig Jahren einen potenten Zocker wie Mister Lim geben, der im undurchsichtigen Hintergrund schnell Geld machen will. Es ist eben beim Verhältnis Fußball und Betrug in letzter Konsequenz wie mit der Grippe: Die Grippe schwächt einen, man muss sie behandeln, sie bringt einen aber auch nur in Ausnahmefällen um. Die Bundesliga wird auch diese kleine Krankheit weitgehend schadlos überstehen.“

FR: Ein paar Informationshappen zum südostasiatischen „Zockerparadies“
Welt Online spricht Tony Baffoe, Ghanas Teammanager 2006, der alles bestreitet

Zu leichtes Spiel für Brasilien?

Bundesliga

Imponierend, spektakulär, offensiv

3. Spieltag, Teil 1: Leverkusen gegen Hoffenheim ist das meistbeachtete und meistgeschätzte Spiel in den Zeitungen / Hamburg gewinnt, überzeugt aber noch nicht restlos / Bremens Motor stottert wieder

Die vielen Tore am Wochenende können das schlaffe Ausscheiden Schalkes in der Champions-League-Qualifikation nicht überdecken. Die FAZ legt in der Qualitätsdebatte über den deutschen Vereinsfußball Holz nach, Peter Penders hält der Bundesliga, an deren Spitze nun Schalke steht, den Spiegel vor: „Wenn nur dieser Mittwoch nicht gewesen wäre. Die Bundesliga könnte sich wieder an sich selber berauschen, an den vollen Stadien, an den vielen Toren in Bielefeld, Mönchengladbach und Leverkusen, an den Aufsteigern, die eine Bereicherung sind, an den vielen, vielen Millionen, die zur Verstärkung der Mannschaften ausgegeben worden sind. Wenn nur nicht dieser Mittwoch gewesen wäre.“

Penders scheint bei Rummenigge („Es war klar, dass sie nicht Meister werden, das haben sie heute auch gemerkt“) und Co. so etwas wie Erleichterung gespürt zu haben, dass Hoffenheim unter Leverkusener Räder gekommen ist, sonst hätte das Hopp-Rangnick-Modell noch weitere Mängel des Establishments aufgedeckt: „Die Bundesligaklubs geben Stärke vor. Intern scheint es zu genügen, wenn wenigstens Hoffenheim verliert. Anscheinend nicht auszudenken, wenn ausgerechnet dieser etwas andere Neuling auch noch Erfolg hätte.“

Hoffenheimer Grenzen

Leverkusen gegen Hoffenheim ist das meistbeachtete und meistgeschätzte Spiel in den Zeitungen. Frank Nägele (FR) teilt trotz eindeutigem Ergebnis (5:2) Lob an beide Seiten aus: „Was passiert, wenn zwei Fußball-Gebilde mit solcher Philosophie aufeinandertreffen, ist eigentlich logisch. Es entsteht ein schönes, spektakuläres, offensives Spiel. Die erste Halbzeit war sehr nah am Ideal der modernen Trainer. Und natürlich noch näher am Ideal der Leverkusener.“ Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung am Sonntag) ergänzt: „Es war ein imponierender Match. Beide Teams leisteten sich zwar viele Fehler, doch der unbedingte Wille zur Offensive prägte die Begegnung. Dass Hoffenheim mit einer Differenz von drei Toren unterlag, war am Ende vor allem der individuellen Klasse der Leverkusener geschuldet, die in Patrick Helmes über einen Stürmer verfügen, wie ihn gegenwärtig kein Konkurrent in der Mannschaft hat.“ Hans-Joachim Leyenberg (FAZ) malt die Zukunft beider Teams rosarot und rosa: „Wohin die Reise für den Etablierten und den Aufsteiger wohl gehen wird? Ziemlich weit nach oben in der Tabelle für Leverkusen und nicht zu weit nach unten für Hoffenheim.“

Daniel Theweleit (taz) hat Hoffenheimer Grenzen deutlich gesehen: „Die erste Halbzeit nährte den Verdacht, dass Spieler wie Matthias Jaissle, Tobias Weis, Sejad Salihovic, Andreas Beck oder Marvin Compper zwar in der Bundesliga spielen können, dass sie derzeit aber keine Fußballer sind, aus denen sich rasch eine international ambitionierte Fußballmannschaft formen lässt. Vielleicht entwickelt sich der eine oder andere von ihnen zu einem Spitzenspieler, alle werden sie wohl kaum sofort konstant ein gehobenes Niveau erreichen. Das kann weder ein Sponsor mit viel Geld noch ein guter Trainer bewerkstelligen.“

Aufgepeppte B-Elf

Rainer Schäfer (Spiegel Online) lässt sich vom 4:2-Sieg der Hamburger in Bielefeld nicht die Sinne vernebeln: „Martin Jol hat noch eine Menge Arbeit vor sich: Nach den De-Luxe-Transfers sind die Erwartungen auch vereinsintern enorm gewachsen. Aber bis die Neuverpflichtungen Ruhmestaten für den HSV erbringen können, dürfte die Rückserie beginnen. Es ist eine kuriose Situation: Auf dem Papier hat der HSV eine Spitzenmannschaft zusammengestellt, auf dem Platz steht aber derzeit eine aufgepeppte B-Elf. Immerhin: Mit sieben Punkten haben sich die Hamburger in der Spitzengruppe festgesetzt, jetzt pausiert die Bundesliga zwei Wochen. Zeit für Jol, sein Team für die gestiegenen Anforderungen fit zu machen.“

FR-Portrait Bastian Reinhardt, Mann des Tages

Ackergäule

Bei der Niederlage in Mönchengladbach ließ sich Peter Heß (FAZ) in erster Linie von zwei Bremern Nationalspielern enttäuschen: „Die schlimmsten Fehler waren Clemens Fritz und Torsten Frings unterlaufen. Gegen die wie aufgezogen kämpfenden Mönchengladbacher wirkten sie wie Ackergäule gegen Rennpferde, sie kamen so häufig einen Schritt oder eine Fußspitze zu spät, dass das Mitzählen schwerfiel.“ Mit Werder sollte eigentlich, wie immer zu rechnen sein im Kampf um Platz 1, doch nun hat es auch nach drei Spielen keinen Sieg auf dem Konto. Die Sorgen bei den Verantwortlichen wie bei den Beobachtern scheinen sich jedoch in Grenzen zu halten. Heß empfiehlt, sich das letzte Jahr zum Vorbild zu nehmen – oder einfach den Gegner: „In Panik macht dennoch niemand bei Werder, auch die vergangene Saison begann holprig und endete glänzend. Wie schnell eine Mannschaft wieder in Form kommen kann, bewies ihr Gegner. Am dritten Spieltag ist der Aufsteiger endgültig in der Oberklasse angekommen.“

Zum Schluss lesen wir auf allesaussersport: „Fritz von Thurn und Taxis erinnert mich an Auftritte einer 80jährigen Marika Rökk, die sich noch verzweifelt als ‚ungarisches Feuer’ mit Puszta und Paprika verkauft.“

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