indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Freitag, 13. Juni 2008

Deutsche Elf

Heftiger Absturz Richtung Basislager

Die deutschen Journalisten schlagen die Hände vors Gesicht in Anbetracht der 1:2-Niederlage der Nationalmannschaft gegen Kroatien und erkennen einen Rückschritt in die schwarze Epoche der DFB-Geschichte / Kritik an allen Mannschaftsteilen, an allen Spielern und am Trainer

Michael Horeni (FAZ) fühlt sich zurückversetzt in dunkelste Zeiten und spricht vom Tiefpunkt der letzen vier Jahre, der Zeit, in der Joachim Löw mitgearbeitet hat: „Zum ersten Mal waren die Deutschen einem Gegner deutlich unterlegen. Sie wurden läuferisch, taktisch und spielerisch eine Stunde lang zerpflückt. Die Rote Karte gegen Schweinsteiger war der deprimierende Schlusspunkt. Es war weniger das Ergebnis als dieser lange eindeutige Spielverlauf, der überraschte und erschreckte – und dem Bundestrainer sehr zu denken geben muss. Es fehlte bis zur letzten Minute nicht am Willen der Spieler, die Partie noch zu wenden, dennoch stieß jeder Mannschaftsteil an diesem Tag viel zu schnell an seine Grenzen. Die Deutschen spielten zu lange so, wie man es von ihnen zuvor bei viel zu vielen Turnieren gesehen hatte. Dieser Rückfall war ihre größte Niederlage – und die des Bundestrainers.“

In der SZ liest man: „Die deutsche Nationalmannschaft hat bei ihrer werbe-intensiv als ‚Bergtour’ deklarierten EM-Unternehmung einen heftigen Absturz Richtung Basislager erlitten. Gegen ein in allen Belangen überlegenes kroatisches Team hatte die auffallend matte Auswahl von Joachim Löw allenfalls das Glück, dass das Resultat nicht deutlicher ausfiel.“

Keine Ordnung, keine Idee, keine Lust

Jan Christian Müller (FR) stimmt ein: „So wie die viel zu lange nur mittelmäßig konzentrierten Deutschen sich präsentierten, darf ein Mitfavorit bei einem bedeutenden Turnier wie einer Europameisterschaft nicht auftreten.“ Im Blog-G überdenkt Müller sein Urteil von gestern: „Oh je, das war ja wohl gar nichts. Bisschen zu hoch gelobt, die Jungs. Den Schuh muss ich mir selbst auch anziehen. Hätte nicht gedacht, dass die Mannschaft derart schwach spielen kann. Erinnerte verdächtig an Auftritte bei den Europameisterschaften 2000 unter dem Golfspieler Erich Ribbeck und 2004 unter Aus-dem-Bauch-Trainer Rudi Völler. Keine Ordnung, keine Idee, vor allem aber: keine rechte Lust, sich die Lunge aus dem Leib zu laufen.“

Seit ein paar Wochen bloggen drei FR-Redakteure auf Blog-G. Wenn man mich fragt: Die Texte sind oft lesenswerter, weil direkter und mehr geradeaus, als das, was in der Zeitung steht. Es geht also doch. Ist Deutschland etwa nicht die Internet-Provinz, für die ich es halte?

Christian Gödecke (Spiegel Online) vermisst so vieles: „Die Kroaten zeigten in den Zweikämpfen Entschlossenheit, in der Defensive Ordnung und im Abschluss Konsequenz. Nur so gewinnt man bei dieser Euro Spiele. Nicht mit Unordnung, die man beim DFB schon längst verbannt zu haben glaubte. Vor allem aber gewinnt man auf diesem Niveau keine Spiele mit einer fehlenden Einstellung. Wo war die Grätsche von Michael Ballack oder Torsten Frings, die ein Signal sendet so laut, dass sich der Gegner die Ohren zuhalten muss? Wo waren Körpersprache und die Spannung aus dem ersten Spiel gegen Polen? Wo war das Symbol?“

Er wollte zurück in die Karriere

Christof Kneer (SZ) kann Bastian Schweinsteigers Ausraster, der ihm die Rote Karte eingebracht hat, nachempfinden, wenn auch nicht rechtfertigen: „Vielleicht war dies die traurige Pointe, die Schweinsteiger nach dieser trostlosen Saison noch gefehlt hat. Erst wurde er beim FC Bayern von Franck Ribéry von seiner linken Seite vertrieben, worauf er auf der rechten Seite eher mittelmäßig Sport trieb, und dann haben sie ihm auch noch beim DFB den Stammplatz weggenommen, was Schweinsteiger in wortlosem Frust zur Kenntnis nahm. Er hat es allen zeigen wollen, er wollte zurück in die Mannschaft und zurück in die Karriere, die vor zwei Jahren ins Stocken geraten ist. Nach seiner Roten Karte ist er weiter weg von der Mannschaft als je zuvor, was nach dieser Mannschaftsleistung doppelt bitter ist. Denn wahrscheinlich hätte Schweinsteiger gegen Österreich von Anfang an gespielt.“

Ballack, die Charity-Lady des deutschen Teams

Die Einzelkritik lässt an so gut wie keinem Spieler ein gutes Haar. Die Berliner Zeitung gibt Saures: „Metzelder ist barttechnisch in Bestform, sollte seine Strategie allerdings überdenken. Sieht sonst bald nichts mehr. Hätte dadurch andererseits den Vorteil, dass er nicht mitbekäme, wie ihm die Gegenspieler enteilen. Jansen macht falsch, was falsch zu machen ist. Ballack verschenkt derart großzügig Bälle, als wäre er die Charity-Lady des deutschen Teams. Klose? Läuft viel, aber wohin? Spielt viele Pässe, aber zu wem? Müht sich, aber für wen? Eilt zurück ins Mittelfeld, aber warum? Gomez hat seine Frisur voll im Griff. Streicht sie alle paar Minuten zurecht. Beantwortet nicht die Frage, warum die edelsten Vereine Europas ihn jagen.“

Die FAZ kommt zu einem ähnlichen Urteil, wenn auch in gediegener Form: „In der Abwehr litten die Deutschen vor allem unter einem überforderten Jansen, der auf der linken Seite nie für Sicherheit sorgte. Lahm offenbarte so viele kleine und große Schwächen, wie sie bei ihm während des gesamten WM-Turniers nicht zu sehen waren. Metzelder leistete sich keinen dicken Fehler, auch wenn er weiterhin keinen stabilen Eindruck hinterlässt. Mal etwas zu langsam, mal etwas zu spät, mal zu unpräzise im Abspiel – aber da machte es dieses Mal kaum einer seiner Kollegen besser. Lehmann bestätigte alle Zweifel, dass Mini-Spielpraxis für einen 38 Jahre alten Torhüter wohl doch nicht die beste Vorbereitung ist. Das Mittelfeld um Kapitän Ballack und seinen ersten Helfer Frings fand nie eine passende Antwort auf die variable Kontertaktik der Kroaten. Ballack und Frings: zwei hilflose Anführer.“

Gomez so gefährlich wie ein Schmusebär

In der FR heißt es: „Odonkor kam nach der Pause für Jansen und man fragte sich: Was soll diese Einwechselung? Der Junge ist schnell, allenfalls verwendbar, wenn man kontern kann. Die DFB-Elf lag aber zurück. Der falsche Spieler zum falschen Zeitpunkt. War nicht seine Schuld. Gomez hing lange, lange Zeit in der Spitze in der Luft. Kaum ins Spiel eingebunden, wirkte ungelenk und unglücklich. So gefährlich wie der Schmusebär im Kinderzimmer. Ballack, bemüht, aber erfolglos. Redete viel, bekam das Spiel aber nicht in den Griff. Überraschend viele Abspielfehler, oft sprang ihm der Ball vom Fuß. Ein guter Freistoß. Insgesamt: viel zu wenig. Metzelders Schwächen waren offensichtlich: Er ist zu langsam, er kommt nicht mehr mit. Schweinsteiger kam, als alles schon verloren war. Brachte sofort frischen Wind, hatte die beste Chance zum Anschluss. Warum kam er nicht früher? Und dann der überhart bestrafte Schubser!“

Lese gerade auf bild.de, dass Podolski unser bester Mann gewesen sein soll. Die haben echt keine Ahnung von dem Spiel. Keinen Schimmer! Nicht einen Funken! Dilettanten! Bloß, weil er das Tor geschossen hat, oder was? Podolski hätte zur zweiten Halbzeit ausgewechselt gehört oder meinetwegen in die Spitze versetzt. Nein, schon viel früher.

Donnerstag, 12. Juni 2008

EM 2008

TV-Dackel Waldi macht sich zum Affen

Die EM-Vorrunde hat die entscheidende Phase erreicht, doch es gibt auch Geschichten neben dem Spielfeld: Die Sorgen der Wirte der Fan-Zonen wegen der ausbleibenden Gäste; in Klagenfurt flüchten sogar die Einwohner aus ihrer Stadt / Ein Wissenschaftler befasst sich mit dem Milieu beim Public Viewing / Waldemar Hartmann ist der Absteiger, Mehmet Scholl der Aufsteiger im TV-Sport

Ronny Blaschke (Berliner Zeitung) befasst sich mit den schlechten Besucherzahlen auf den Schweizer und österreichischen Fan-Zonen: „Viele Wirte sind wütend, weil ihr Umsatz bis zu neunzig Prozent unter den Erwartungen liegt. Einigen Gastronomen, die bis zu 40.000 Euro Standmiete ausgegeben haben, droht die Pleite, sie mussten zwei Drittel ihrer Mitarbeiter entlassen. Alle sind verpflichtet, morgens um 9 die Türen zu öffnen, bis zum späten Nachmittag stellt sich statt Volksfeststimmung Picknickatmosphäre ein. Viele haben geglaubt, das Schunkelprinzip des Sommers 2006 lasse sich einfrieren und zwei Jahre später auf Knopfdruck fortführen. Doch es scheint unmöglich zu sein, eine Brücke zwischen WM und EM zu schlagen. Das Massenphänomen Public Viewing hatte sich in Deutschland als eine Art Partytherapie bewährt. Zurzeit wird diese Errungenschaft auf die Spitze getrieben, Gäste auf den Fanmeilen beschweren sich über Wucherpreise, weil Organisatoren den Reibach ihres Lebens wittern. So leiden die Österreicher unter dem hohen Spaßniveau von 2006. Sie wissen, sie können es kaum übertreffen, aber weit dahinter liegen wollen sie auch nicht.“

Flucht vor deutschen, polnischen und kroatischen Fans

Nina Klöckner (Financial Times Deutschland) greift das Beispiel Klagenfurt heraus, die Heimat des Rechtspopulisten Jörg Haider, und wundert sich über die Fremdenangst der Gastgeber: „Kärntens Hauptstadt ist in diesen Tagen wie ausgestorben. Die Altstadt ist während der EM für den Verkehr gesperrt, hier reiht sich Bierbank an Bierbank. Liebevoll haben die einheimischen Wirte ihre Gaststätten geschmückt, mit den Fahnen aller teilnehmenden Nationen, Blumen und Fußbällen. Nur leider kommt keiner. Zumindest kein Klagenfurter. Seit Wochen geistern am Wörthersee Gerüchte, die deutschen, polnischen und kroatischen Fans würden aus der kleinen Stadt Kleinholz machen, Geschäfte plündern und Frauen vergewaltigen. Das ist inzwischen so schlimm, dass einige Läden gar nicht mehr aufmachen, zahlreiche Bürger die Stadt verlassen haben und weibliche Einwohner um psychologischen Beistand im Krankenhaus bitten.“

Bevölkert von Dilettanten

Der Medienwissenschaftler Mirko Marr analysiert in der NZZ das Milieu beim Public Viewing: „Die eingefleischten Fußballfans möchten das Geschehen auf dem Rasen möglichst genau mitverfolgen können. Da stört das Massenerlebnis, dessentwegen die meisten Gelegenheitsfans zum Public Viewing gehen, weil es vom Spiel ablenkt. Die Fußballverrückten schauen sich – wenn überhaupt – eher die für sie unwichtigen Spiele in der Masse an. In der Tendenz bevölkern viele Fußball-Dilettanten das Public Viewing.“

TV-Kritik – Ralf Wiegand (SZ) beschreibt den Abstieg Waldemar Hartmanns: „Früher war Hartmann ein durchaus ernstzunehmender Sportreporter im Fernsehen, auf seine Art. Wenn der Bayerische Rundfunk seine Duzmaschine anwarf, dann plauderten die Großen dieses Sports frei von der Leber weg und manchmal sogar etwas aus. Hartmann ertrug, unter seinem Schnauzbart listig lächelnd, alle Kritik an seiner plumpen Fragetechnik. Er kam gut voran und nah an all die Bundestrainer. Der Schnauzbart ist längst ab, die List verdampft, und im EM-Club sitzt kein Großer. Natürlich, Rudi Völler hat Waldemar Hartmann auf dem Gewissen. Die Käse-Scheißdreck-Mist-Tirade des früheren Teamchefs auf den deutschen Sportjournalismus hat Hartmann aus dem Sportfach hinaus in die Welt der Unterhaltung gespült. In Waldis EM-Club kurz vor Mitternacht lümmeln Fußballfans mit Weißbier an der Bar, und als Gast kommt nicht der österreichische Bundeskanzler, nicht mal ein Bundestrainer, sondern Urban Priol. Das ist ein Kabarettist. Am Ende der Sendung steht fest: Holländer verstopfen die Straßen mit Wohnwagen, Rumänen sind Betrüger, Polen klauen, und Italiener zerkratzen gerne grundlos Autos. Solche TV-Dackel wie Waldi, die sich zum Affen machen, um im Geschäft zu bleiben, sind die Botschafter der zunehmenden Verblöd(el)ung des Fernsehfußballs.“

Mit dem Zweiten grölt man flacher!

Wolfgang Hettfleisch (FR) ärgert sich über „nachgetreten“, die EM-Comedy des ZDF: „Mit Zoten auf unterstem Stammtisch-Niveau kalauerte sich die Runde durch die quälend lange Sendezeit. Zwischen ‚13 Minuten Vorspiel’ und ‚Brigitte Nielsens Flatterbällen’ schaffte es der Fernseh-Ballermann für Gebührenzahler im Fußballkoma nicht mal sporadisch über die Gürtellinie. Tiefpunkt: eine primitive deutsche Verballhornung der tschechischen Hymne, die den Zuschauern die Erkenntnis näher brachte, dass Männer aus dem Nachbarland stinken. Saukomisch. Merke: Mit dem Zweiten grölt man flacher!“

Sicherheitsprosa, Mittelfelddeutsch

Benjamin Henrichs (SZ) rehabilitiert Günter Netzer: „Er ist der Letzte, der sich mit allem sittlichen Ernst der Verwandlung des Fußballs in Party, Show und Event widersetzt. Unser Held. Unser altblonder Schutzengel. Der Anti-Entertainer. Vor der EM sind wir treuen Fans über Netzer und Delling erschrocken – so müde, so lustlos gingen sie ans Werk. Welch ein großes Paar, so dachte man erschüttert, doch jetzt ist alles aus! Aber nun, bei der EM, haben sich die beiden Herren sichtbar erholt, und auch ihre alte, verhalten romantische Männerkomödie funktioniert schon wieder aufs Beste. Wenn also der lange Delling spöttisch auf seinen Netzer herabblickt und dabei innerlich doch zu ihm aufblickt, ist das immer eine schöne Szene. Auch wenn die Dialoge in diesem Zweipersonenstück doch sehr unter Netzers rhetorischer Ermattung leiden. Ausgerechnet Netzer, vormals der Inbegriff des phantasievollen Risikospielers, redet heute oft so mechanisch, wie ein Wörns, ein Ramelow spielt. Sicherheitsprosa. Mittelfelddeutsch.“

Profunde Einsichten

Jürgen Roth (FR) empfindet den ARD-Experten Mehmet Scholl als Gewinn fürs Sportfernsehen: „Uprätentiös im Habitus, präzise in seinen Urteilen, gewandt in seinen Formulierungen. Er leuchtete Hintergründe aus, beschrieb plastisch die Vorzüge und Schwächen der Mannschaften, charakterisierte fußballkulturelle Eigentümlichkeiten und analysierte das Geschehen auf dem Rasen bündig und durch und durch phrasenfrei. Profunde Einsichten in die Dynamik des Spiels, Begeisterung für schönen Fußball, ohne in schmalziges Pathos zu verfallen einen großen Mann, dachte ich erleichtert, schafft nicht mal das Fernsehen. Noch nicht. Mehmet Scholl teilt in dreißig Sekunden mehr Erhellendes über den Fußball mit als G. Netzer in zehn Grimme-Preis-prämierten Jahren. Chapeau, Herr Scholl!“

Nah am Eisbärenbaby-TV

Benjamin Henrichs (SZ) stößt im Videotext auf sein persönliches Fußballunwort, diesmal in der Schweizer Version, und lässt sich alle Freude nehmen: „‚Schweiz träumt vom Sommermärli’, und da war es mit der Fußballvorfreude erst mal vorbei. Denn da war es schon wieder, das Zauber- und Schreckenswort der letzten Fußballjahre, ins Schweizerische übersetzt. Es soll ja arme, alte Fußballfreunde geben, die schon beim Wort Sommermärchen Kopfjucken und Magengrimmen bekommen, manchmal sogar beides zugleich. Weil das Wort Sommermärchen, seit der WM 2006 vieltausendfach benutzt und abgenutzt, das absolute Lieblingswort jener neuen Fußballfans ist, die mit aller Macht an der unaufhaltsamen Verkitschung und Verkuschelung der Fußballkunst arbeiten; für die Fußball im Fernsehen also näher beim Promi- und Eisbärenbaby-TV angesiedelt ist als beim Ressort Sport. Von der ‚wunderbaren Leichtigkeit’ bei der WM 2006 schwärmte jüngst auch wieder die Bundeskanzlerin, und wer wollte einer solchen Frau und Fußballkennerin widersprechen? Muss man allerdings, wie bei der WM 2006, mindestens einmal pro Stunde von dieser ‚wunderbaren Leichtigkeit’ lesen oder hören, kann dies auch zu Schwermut führen. Und man ist dann schon beinahe froh, wenn die Wahrheit und der wahre Schrecken das süßliche Bild korrigieren. Wenn Zidane, unser Lieblingsfußballkünstler, zum wilden Stier wird. Oder wenn Merkels Sommermärchenprinz, Trainer Klinsmann alias Klinsi, als aggressiv kreischender Kabinenprediger gezeigt wird. Dann ist das Märchen oder auch Märli endlich zu Ende. Und der Fußball fängt an.“

Sterile Uefa-Business-Welt

Im österreichischen Kurier lesen wir zum Tod des ehemaligen Tennis-Profis Horst Skoff: „Heute laufen unzählige Wichtigtuer in dunklen Anzügen und sonstigen Uniformen im Dusika-Stadion herum. Per Kopfhörer autistisch vertieft in irgendwelche Organisationstelefonate ohne Inhalt. Den Geist einer echten leidenschaftlichen Sportpersönlichkeit, wie Horst Skoff eine war, werden sie nie begreifen in dieser gespenstisch sterilen Uefa-Business-Welt. Kaum einer von denen wird mit dem Namen Horst Skoff noch etwas anfangen können. Horsti hat eine Welt verlassen, die nicht mehr die seine ist. Und vielleicht nie war.“

Im Blog empfiehlt freistoss-Leser Max Diderot den Schweizern, die Niederlage gegen die Türkei, das Ausscheiden aus dem Heimturnier und das Dasein mit Schiller hinzunehmen: „Ertragen muss man, was der Himmel sendet, Unbilliges erträgt kein edles Herz.” (Aus: Wilhelm Tell / Erster Aufzug, Zweite Szene)

Ein langes SZ-Interview mit Angela Merkel

EM 2008

Unerklärliche Neigung zur Niederlage

Erste Kommentare über das unglückliche Ausscheiden der Schweiz / Jakob Kuhn hinterlässt Ottmar Hitzfeld ein reiches Erbe (NZZ) / Portugal siegt wieder schön

1:2 gegen die Türkei, ein Schicksalsschlag zuviel – Christian Kamp (FAZ) listet die Plagen für die Schweiz auf: „Die tapferen Schweizer werden sich fragen, warum sie einen weiteren herben Rückschlag bei dieser Europameisterschaft hinnehmen mussten. Verletzungen, die Erkrankung von Trainer Jakob Kuhns Frau, die unglückliche Niederlage im Eröffnungsspiel gegen Tschechien. So mancher wähnte schon seit Tagen eine schicksalhafte Verschwörung gegen die „Nati“. Ein vorteilhafter Ausgang des Fuß-Glücksspiels hätte sicher manchen wieder versöhnt, und vielleicht wäre es ein noch einmal ein Neubeginn voller Leidenschaft gewesen für die bislang so wankelmütigen Gastgeber.“

Daniel Theweleit (Spiegel Online) stemmt sich gegen das Mitleid, das den ausgeschiedenen Gastgebern nun zuteil wird: „Am Ende hat die Schweiz bei allem Unglück auch fußballerisch zu wenig hinbekommen. Nur ihr Scheitern war von jener bizarren Schönheit, die sonst gepflegten Horrorfilmen vorbehalten ist. Das blanke Entsetzen hat tiefe Spuren hinterlassen in den Gesichtern. (…) Die armen Schweizer können in aller Ruhe ihre Wunden lecken, den erträumten Sommer im nationalen Freudentaumel wird es nicht geben. Das kleine Land ist wieder dort, wo es schon immer war in der gut sortierten europäischen Fußballwelt. Das große Projekt ist gescheitert, ab dem Spätsommer soll nun Ottmar Hitzfeld die Nation von ihrer unerklärlichen Neigung zur Niederlage befreien. Der gute Jakob Kuhn hat das nicht geschafft.“

Benjamin Steffen (Neue Zürcher Zeitung) schaut optimistisch in die Zukunft: „Kuhn hinterlässt Ottmar Hitzfeld ein erstaunlich reichhaltiges Erbe – für Schweizer Verhältnisse, wohlgemerkt, denn auch unter einem international sehr erfolgreichen Klubtrainer wie Hitzfeld erreicht die hiesige Auswahl Endrunden-Viertelfinals nicht wie selbstverständlich. Angesichts all dieser Faktoren und im Eindruck der respekterheischenden Schweizer Leistung gegen die Türkei ist Kuhn in erster Linie vorzuwerfen, dass er die Erwartungen mit der Zielformulierung ‚Euro-Titel 2008’ in zu starkem Maß wachsen ließ. Es entbehrt nicht einer Ironie, dass Kuhn dieses geheime Ziel im Überschwang der erfolgreich gestalteten WM-Barrage 2006 in Istanbul ausplauderte – gegen den damals mit Glück bezwungenen Opponenten ist dieser Traum in Basel endgültig zerplatzt.“

Hochklassig

Christian Eichler (FAZ) über portugiesische Kontinuität: „Die Portugal-Party geht weiter. Auch in ihrem zweiten Spiel bei der Europameisterschaft haben die Portugiesen gezeigt, dass sie mit ihrem ganz eigenen, attraktiven Stil nicht nur gefallen, sondern auch gewinnen können. In einer hochklassigen Partie besiegten die Portugiesen die starken Tschechen 3:1.“

NZZ: Der Abend von Deco – der portugiesische Spielmacher schießt ein Tor und ist überall

Deutsche Elf

Die gelehrigste Generation in der DFB-Geschichte

Christof Kneer (SZ) gefällt der Eifer der deutschen Fußballzöglinge: „Man hat noch nie so gut begriffen wie in diesen ersten Turniertagen, wie gut sich der Fußball der DFB-Elf über ihre Rhetorik verstehen lässt. Man kann das nicht mehr trennen, denn es ist ja nicht mehr zu überhören, wie aufmerksam, fast wortgetreu die jungen Spieler die Vorgaben des Trainerstabs nachsprechen – und auf dem Platz nachspielen. Erst jetzt, da man die Spieler täglich hört, fällt auf, wie gut dieser Trainer und diese Mannschaft zueinander passen – bei dieser Spielergeneration muss Löw nicht fürchten, wegen seiner eher klein geratenen Spielerkarriere von irgendwelchen Führungsspielern schräg angeschaut zu werden. Er unterrichtet die erste Nationalspieler-Generation, die zu großen Teilen in Fußballinternaten ausgebildet wurde; es ist eine Generation, die sich mit Leistungsdiagnostik und Verletzungsprophylaxe auskennt und für die Ernährungspläne so selbstverständlich sind wie die Tatsache, dass sie manchmal Laufwegen folgen, die ein Computer errechnet hat. Danach richtet sich Löws Ansatz: Er gibt den jungen Spielern klare Vorgaben, und wenn die jungen Spieler merken, dass sie besser werden und Spiele gewinnen, können sie die nächsten Lernziele kaum erwarten. Es ist die gelehrigste Generation in der DFB-Turniergeschichte. (…) Wie weit sich der Lehrer Löw und sein kickendes Klassenzimmer in diesem Turnier noch nach oben lernen werden, ist ungewiss, aber gewiss ist, dass sie zumindest gut vorbereitet sein werden.“

Stimuliert

Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung): „Früher, als die Welt noch in Ordnung war, da gab es ein paar Gesetzmäßigkeiten, die in Stein gemeißelt schienen. Die Italiener, das war jedenfalls klar, reisten grundsätzlich mit der besten Defensive der Welt an ein Turnier. Mannschaften vom Balkan waren unberechenbar wie das Wetter, die Deutschen kämpften, bis sie unter der Dusche standen, und hatten darüber hinaus noch den besten Keeper – Maier, Schumacher, Köpke, Kahn. Nichts, so schien es, vermochte diese Konstanten zu verrücken, bis sich in jüngster Vergangenheit Dinge ereigneten, die auf die Fußballgemeinde wie ein Weltwunder wirkten: Italien kassiert drei Gegentreffer. Und die Deutschen haben einen Ersatzmann im Tor, den zweiten Mann vom FC Arsenal. Unumstritten ist der Keeper schon lange nicht mehr. Doch Lehmann, mit seinen 38 Jahren der Senior unter allen Turnierteilnehmern, scheint gerade aus dieser verfahrenen Situation Stimulans zu ziehen: Im Auftakt-Match gegen Polen war er immer Herr der Lage.“

Tsp-Interview mit Michael Ballack über Führung
BLZ: Co-Trainer Hans-Dieter Flick wirkt lieber im Verborgenen

Deutschlands Bergtour, wie das rock-gebildete Ausland sie sich vorstellt? Ganz klar, Slaven Bilic meint es Kompliment

Mittwoch, 11. Juni 2008

EM 2008

Holländische Fußballrevolution nach deutschem Vorbild

Zwei traditionsreiche Länder rücken von ihrem Stil ab – Holland profitiert von seinem neuen Realismus, doch Italien degeneriert / Frankreich erstarrt unter Trainer Raymond Domenech

Christian Eichler (FAZ) befasst sich nach dem 3:0 gegen Italien mit der holländischen Fußballrevolution nach deutschem Vorbild: „Sie spielten taktisch so wie viele andere, mit dem elastischen 4-2-3-1, mit nur einem Stürmer statt dreien wie im ‚totalen Fußball’ Marke Cruyff – und doch gelang ihnen gerade damit etwas Besonderes. Es geht um Stilfragen, und die beste Stilregel ist Schopenhauers ‚Brauche gewöhnliche Wörter und sage ungewöhnliche Dinge’. Sie lässt sich von der Sprache auf den Fußball übertragen. Denn auch er gebiert aus dem Willen zum Besonderen oft das verkrampfte Mittelmaß, aus der Beschränkung auf das Einfache aber das Großartige. So war das oft mit den Holländern – stets bemüht, das Spiel in ein Schema zu pressen, ein schönes, offensives zwar, aber eines, aus dem sie nicht herauskamen, wenn es nicht funktionierte. Fußball liebt Veränderung. So wie es einen Klinsmann brauchte, um dem deutschen Fußball den Muff auszutreiben, so brauchte es in Holland einen van Basten. Egal wie weit die Holländer kommen werden, von ihnen geht schon jetzt eine Frische und Energie aus, die sich vom Team über das Spiel auf die Fans und wieder zurück überträgt. Fast wie Deutschland 2006. Hier wie dort galt, dass alte Erfolge nur hemmten, weil sie und die einflussreichen Veteranen, die sie erzielten, den Stil vorbestimmten.“

Auch Raphael Honigstein (Financial Times Deutschland) erkennt einen Epochenwandel: „Das Resultat kam selbst den Niederländern surreal vor, dabei spiegelte es nur die verdrehten Verhältnisse auf dem Platz detailgetreu wider. Eine Mannschaft griff mit Flügelzange, einer indisponierten Abwehr und miserabler Raumaufteilung an. Die andere verteidigte mit stoischem Gleichmut und konterte so clever wie präzise. Die Oranjes waren die besseren Azzurri. van Bastens Niederlande konnte sich von der Last der Ideale befreien und ließ sich allein von den Zwängen der Situation leiten. Dass sie also zu einer ganz normalen Spitzenmannschaft geworden war. Das war die eigentliche Sensation.“

Rasant, atemberaubend und verstörend hochklassig

Eichler fügt an anderer Stelle hinzu: „Siege schaffen Sieger. Und so ist Oranje 2008 eine Mischung, der nun viel zuzutrauen ist: ein Team mit all den traditionellen Vorzügen der niederländischen Fußballschule, aber auch mit einem Schuss Real Madrid, durch Regisseur Sneijder und Torjäger van Nistelrooy – und mit deutschen Tugenden, durch die aktuellen oder ehemaligen Bundesliga-Akteure van der Vaart, Matthijsen, de Jong, Bouhlarouz. Wie sie in der zweiten Halbzeit den Vorsprung kühl verteidigten und ausbauten, zeugte von einer fußballdeutschen Eigenschaft, die man in Holland früher eher abschätzig als ‚Realismus’ bezeichnete. Nun passt sie ins neue Bild. Die junge Künstlergruppe von Oranje, jahrelang gehemmt von der Pflicht, den Stil der alten holländischen Meister fortzusetzen, entdeckt die Moderne: den Neorealismus.“

Ingo Durstewitz (FR) verliebt sich in Holland: „Es gibt nicht viele dieser Spiele, die sich ins Gedächtnis einbrennen, die hängen bleiben von einem Turnier, weil sie so rasant, atemberaubend und verstörend hochklassig sind, dass man sich auf ewig an sie erinnern will. Die Begegnung von Bern zählt dazu. Die Elftal zelebrierte Fußball mit der Schärfe eines Skalpells und der Wucht eines Dampfhammers. Wenn die Europameisterschaft abgepfiffen wird, sollte es nicht verwundern, wenn das sechste Turnierspiel jenes mit dem höchsten Unterhaltungswert gewesen ist. Und der Titelträger Holland heißt?“

Mischung aus Hybris und Ignoranz

Birgit Schönau (SZ) stellt Trainer Roberto Donadoni wegen der Abkehr von italienischen Tugenden in den Senkel: „Die weltberühmte Schule des calcio italiano fußt entgegen weitverbreiteter Meinung nicht auf betonharten Abwehrtheorien. Sondern auf dem genauen, sorgfältigen, aufmerksamen Studium des Gegners und aus der daraus resultierenden, minutiösen taktischen Vorbereitung. Unter dieser Prämisse müsste es jetzt heißen: Donadoni, setzen. 6! In die Partie gegen Holland waren die Azzurri mit einer Mischung aus Hybris und Ignoranz gegangen, mit weltmeisterlich geschwellter Brust und Nebel im Kopf. Donadoni inszenierte ein Phlegma, das erklärtermaßen sogar den italienischen Staatspräsidenten Napolitano beeindruckte. Wenn man sich aber nicht einmal durch einen 0:2-Rückstand aus der Ruhe bringen lässt und stoisch an der beschämend konfusen Anfangsformation festhält, wirkt das weniger gelassen als besorgniserregend stur. So stur wie seine Mannschaft, der alles fehlte, was Italien zum Weltmeister gemacht hat: innerer Zusammenhalt, hohe Motivation, starkes Selbstbewusstsein.“

Momente echter, ohnmächtiger Verzweiflung

In Einzelteile zerlegt Schönau Italiens Elf: „Materazzi wurde von dem respektlosen Ruud van Nistelrooy weiträumig und nicht ohne eine gewisse Verachtung umspielt wie ein überflüssiges Stück Kulisse, das der Regisseur auf der Bühne vergessen hatte. Doch nicht nur Materazzi riskierte bei diesem denkwürdigen Abend seinen weltmeisterlichen Ruf. Nicht wieder zu erkennen war Wolfsburgs Zugang Andrea Barzagli, als unauffindbar gar erwies sich beim zweiten Tor der sonst so unermüdliche Gianluca Zambrotta. Der erfahrene Christian Panucci hatte seine denkwürdigste Szene, als er sich neben Buffons Tor auf dem Rasen fläzte und so dem kongenialen Schiedsrichter Fröjdfeldt ermöglichte, ein Tor der Holländer, das eigentlich abseits war, zu legitimieren. Ins Mittelfeld hatte Donadoni Milan-Spieler berufen, die eine beklagenswerte Saison hinter sich haben: Andrea Pirlo bot denn auch einen wehmütigen Abklatsch seiner WM-Genieblitze, Massimo Ambrosini ließ ahnen, warum Lippi ihn seinerzeit zu Hause gelassen hatte, und Rino Gattuso zeigte sehr anschaulich, warum er sich selbst in letzter Zeit als hölzern und langsam empfindet. Wesley Sneijder spielte ihn schwindlig – Gattuso, der Tapfere, durchlitt Momente echter, ohnmächtiger Verzweiflung. Noch schlechter war die Vorstellung von Mauro Camoranesi. Für Camoranesi, der an guten Tagen mitreißend sein kann wie kaum ein zweiter, geriet das Match zu einem Albtraum. Viel zu spät wechselte Donadoni ihn aus. Lange hatte der Trainer gezögert, seine völlig aus den Fugen geratene Formation zu ändern, als wüsste er nicht, wo anfangen: In der nach Cannavaros Ausfall so hilflos erscheinenden Abwehr, im stolpernden Mittelfeld oder weiter vorn, wo sich Luca Toni und Antonio Di Natale gestenreich missverstanden? Toni, der vermeintliche Über-Spieler, war eine weitere Riesenenttäuschung. Er verschenkte Bälle, die er in der Bundesliga niemals verfehlt, verbrachte die meiste Zeit damit, passiv auf eine Schicksalswende zu warten.“

Eichler pflichtet bei: „Die Innenverteidigung, seit jeher ein Markenbegriff italienischer Qualität, wirkte hölzern wie Pinocchio und wirr wie eine Regierungskrise in Rom. Dennoch war der Unterschied nicht so deutlich, wie es das Ergebnis, die Stimmung, die Schlagzeilen aussagten. An zwei, drei Stellen hätte die Partie zugunsten der Italiener kippen können.“

Gründliches Halbwissen

Arnd Festerling (FR) gesteht in Anbetracht des umstritten-unumstrittenen holländischen Treffers eine Regellücke ein: „Fußballerisch befanden Sie sich vermutlich in bester Gesellschaft. Bundestrainer Jogi Löw, Wunderfußballer Günter Netzer, Torjäger Ruud van Nistelrooy, eine komplette italienische Nationalelf, meine Kumpels und ich – keiner hatte je von der Regel gehört, ein Spieler außerhalb des Spielfelds beeinflusse die Abseitsregel. Das tut er aber. Wer das wusste: DFB-Schiedsrichterlehrwart Eugen Strigel etwa, oder der schwedische Fifa-Referee Peter Fröjdfeldt, der das erste Tor gegeben hat – und ARD-Kommentator Steffen Simon, vermutlich der einzige Nicht-Schiri in dieser Runde. Das ist, trotz der illustren Umgebung, ein harter Schlag für uns Ersatz-Bundestrainer und Sowieso-Besserwisser. Daraus lernen wir – und unsere bekannteren Brüder in Unwissenheit –, dass sich unglaublich viele Menschen mit dem ach so einfachen Fußballsport in unterschiedlichster Intensität beschäftigen und alle eint ein gründliches Halbwissen in Regelkunde.“

Nur der Fritsch musste es wieder mal wissen. So gut wie zumindest. Ist mir wirklich peinlich.

Aus viel wenig gemacht

Nach dem 0:0 gegen Rumänien hat Raymond Domenech gesagt: „Alles an diesem Abend erinnert mich an das 0:0 gegen die Schweiz 2006, sogar die rote Bahn war dieselbe. Man sollte überhaupt nur noch Stadien mit roten Bahnen bauen.“ Claudio Catuogno (SZ) entlarvt die Worte des französischen Trainers: „Es war wie immer. Zunächst hatte Domenech noch eingestanden, das Resultat bereite ihm Sorgen. Doch kaum waren ein paar Minuten vergangen, verfiel der bekennende Zyniker wieder in seinen Privatdadaismus. Rote, blaue, keine Bahnen, das ist nun wirklich das kleinste Problem der. Damals, bei der WM, würgten sie sich nach ihrem Auftakt-0:0 zu einem 1:1 gegen Südkorea, überstanden dank eines 2:0 gegen Togo die Gruppenphase – und kamen bis ins Finale. Aber was sagen uns diese faszinierenden Parallelitäten? ‚Sie sagen uns viel über die Vergangenheit und nichts über die Zukunft’, philosophierte Domenech nun. Die Zukunft heißt diesmal nicht Korea und Togo, sondern Holland und Italien, die kann man kaum mit Dadaismus besiegen. Vom Finaleinzug 2006 zehrt Raymond Domenech bis heute. Der französischen Presse, mit der er sich immer wieder lustvoll verkracht, fehlen die Argumente gegen den Cheftrainer. Doch sollten Les Bleus ihre Form vom Montagabend konservieren können, dürfte sich dieses Problem bald erledigt haben. In der Tat muss man eine Mannschaft erstmal so weit kriegen, aus so viel individuellem Potential so wenig zu machen.“

Christian Kamp (FAZ): „Eine derart phantasielose Vorstellung hat man von den Franzosen selten gesehen, seit sie vor zehn Jahren ihren Stammplatz in der Weltspitze eingenommen haben. Zuschauen, was Franck Ribéry so macht – das war der kümmerliche Beitrag zum bisher langweiligsten Spiel.“

Dienstag, 10. Juni 2008

EM 2008

Der Favorit Italien ist der erste Notfall des Turniers

Peter Unfried (taz) schreibt mit großen Augen über das 3:0 der Holländer gegen Italien: „Die Niederländer lieferten eine erste Halbzeit, in der sie die Italiener kontrollierten, laufen ließen, nach hinten drängten, ganz alt aussehen ließen. Es ist – man kann es bereits jetzt sagen – eine Halbzeit, an der alles weitere gemessen werden wird, was dieses an Champions-League-Ansprüchen gemessen nicht gerade berauschende Turnier zu bieten haben wird. Bei Ansicht des Vizeweltmeisters Frankreich war deutlich geworden, dass es sich eben nicht um eine ‚Todesgruppe’ handelt, wenn Weltmeister und Vize drin sind, sondern um eine Gruppe der Besitzstandswahrer. Besitzstand zu wahren haben die Niederländer aber nicht mehr, weil sie seit zwanzig Jahren nichts gewonnen haben.“

Christian Eichler (FAZ) spöttelt: „Als vor zwölf Jahren die deutsche Mannschaft in der Vorrunde der Europameisterschaft Italien mit einem 0:0 aus dem Turnier beförderte, fanden die Karikaturisten Greser & Lenz in dieser Zeitung die unsterbliche Zeile: ‚Einmal bitte Pizza Endstazione’. Nun könnte das Gericht bald schon wieder auf der EM-Speisekarte stehen, denn in der Gruppe der EM-Favoriten ist Italien der erste Notfall des Turniers. In einer begeisternden Fußballpartie kam der Weltmeister gegen die starken Niederländer erheblich unter die Räder und verlor verdient 0:3.“

Nonchalante Italiener

Benjamin Steffen (Neue Zürcher Zeitung) bringt für die italienische Taktik kein Verständnis auf: „Schwer zu fassen, mit welcher Nonchalance sich die Italiener ins Turnier tasteten. Der einzige im Ansatz wache Siebenschläfer war anfangs Pirlo, der indes noch so überraschende Pässchen spielen konnte – der Adressat wurde meist überrumpelt. Die Taktik des Abwartens und Abwehrens mag für die Italiener in den letzten Jahrzehnten schon oft aufgegangen sein – Holland indes nutzte die Behäbigkeit 2008 entschlossen aus, nahm das Diktat mit Kurzpassspiel in die Hand und suchte den Torerfolg.“

Matthias Krupa (zeit.de) befasst sich mit der Bedeutung dieses Spiels für die nächsten drei Wochen: „Nulldrei. Davon wird sich der Weltmeister in diesem Turnier nicht mehr erholen. Und die Niederlande – werden Europameister? Ausschließen kann man das nicht. Nur ein Handicap begleitet sie seit gestern: Auch meine Freunde handeln Sneijder, van der Vaart und Co. jetzt wieder als Favoriten. Und das ist unseren lieben Nachbarn noch nie gut bekommen.“

Kein Spielfluss

Stephan Ramming (Neue Zürcher Zeitung) langweilt sich beim 0:0 zwischen Frankreich und Rumänien halb zu Tode: „Es war eine wenig unterhaltsame Partie. Sie war zu Beginn von der taktischen Marschroute geprägt, nach den langen Wochen der Vorbereitungen im ersten Spiel an der Euro defensiv stabil zu stehen und keinesfalls mit einem frühen Tor in Rücklage zu geraten. Das gelang beiden Teams vorzüglich. Taktikexperten dürften ihre Freude gehabt haben, nicht aber die neutralen Beobachter. Denn das Dispositiv erstickte den Spielfluss, ansehnliche Aktionen waren an einer Hand abzuzählen.“ Thomas Winkler (taz) stimmt ein: „Es gelang keiner der beiden Mannschaften, den Eindruck zu erwecken, sie könnten diese schwere Vorrundengruppe überstehen.“

Eine Rolle, die ihm nicht liegt

Claudio Catuogno (SZ) führt das französische Stottern auch auf Franck Ribérys Bürde zurück: „Die Franzosen haben ihre Reise in die Schweiz unter ein seltsam rückwärtsgewandtes Motto gestellt: Die EM ist für sie das erste Turnier nach Zinedine Zidane, fast in jedem Interview wird daran erinnert. Nun taugt es nicht als Programmatik, ohne jemanden anzutreten, deshalb ist Ribéry die Aufgabe zugefallen, den alten Glanz in die neue Zeit zu retten. Er ist zwar erst 25 Jahre alt und ohne Kapitänsbinde unterwegs, aber wegen seiner Geniestreiche beim FC Bayern heißt es in den Zeitungen nun häufig Ribéry et les siens: Ribéry und die Seinen, Ribéry und der Rest. Er steht unter Beobachtung wie nie. Doch während die Teams der Vergangenheit streng um Zinedine Zidane herum gebaut wurden, seinem Esprit auf Gedeih und Verderb ausgeliefert waren, steckt man Ribéry nun in eine Rolle, die ihm sichtbar nicht liegt.“

EM 2008

Sehr hübsch und erfolgreich

Ronald Reng (SZ) gesteht Portugal beim 2:0 gegen die Türken eine starke Leistung zu, empfiehlt aber weniger Theatralik: „Im Gesicht von Cristiano Ronaldo sieht jedes Fußballspiel hochdramatisch aus. Er kennt, wenn er im Flutlicht steht, keine zurückhaltenden Gesten. Nach jedem banalen Fehlschuss schlägt er die Hände vor das Gesicht und hebt sein verdecktes Antlitz leidend zum Himmel. Nach jedem profanen Foul lässt er aus den offenen Augen und Mund Entrüstung sprechen. Nach dem Schlusspfiff sank er langsam auf die Knie, streckte noch langsamer die Arme mit den Fäusten in die Luft, schloss die Augen und gefror für eine Ewigkeit zum Denkmal des triumphierenden Sportlers. Wie will er erst entscheidende Siege bei dieser EM feiern? Der ausufernde Rummel vor der EM um den meist beobachteten Fußballer der Welt hatte die Sehnsucht der Massen entfacht, ihn nun endlich spielen zu sehen, und wer mit dem Enthusiasmus hinsah, jedes außergewöhnliche Detail von ihm aufzusaugen, wurde nicht enttäuscht. Ronaldo und Portugal zeigten ein munteres Auftaktspiel. Die großen Gesten, die das Spiel Ronaldo entlockte, und den Hype, der nach einem einzigen gelungenen Auftritt bei solchen Turnieren jedes Mal ausbricht, kann man sich allerdings sparen.“

Christian Eichler (FAZ) korrigiert ein Portugal-Klischee: „Gern wird Portugal als Lustmannschaft wahrgenommen, als Team, das einen fast schon altmodisch schönen Pass- und Kombinationsfußball spielt. Und das sich einen Mann wie Deco leisten kann, der oft wie ein Regisseur wirkt, den eine Zeitmaschine aus den siebziger Jahren ausgespuckt hat: beinahe behäbig, aber immer mit Zeit am Ball und mit weiträumigen Pässen aus dem Stand, wie sie sonst kaum einer spielt; offensiv überraschend, aber defensiv so lahm, dass er mehrfach, als ihn ein Gegenspieler überlief, wie ein Verkehrspolizist seine Hintermänner herbeiwinkte, diesen Mann zu übernehmen. Die Partystimmung hat die Portugiesen, anders als die Brasilianer bei der letzten WM, nicht die Konzentration gekostet. Dafür bürgt der No-Nonsense-Trainer Scolari, dessen Teams immer Biss haben. (…) Sehr hübsch, das Ganze. Die Türkei ließ sich mit schönem Fußball besiegen. Aber es wird Gegner geben bei diesem Turnier, gegen die man schmucklos spielen muss oder gar hässlich, so wie es die Portugiesen bei der ‚Schlacht von Nürnberg’, dem 1:0 gegen die Niederlande im WM-Achtelfinale, in extremer Weise taten. Scolari hatte schon bei seinem nüchternen WM-Sieg mit Brasilien 2002 gezeigt, dass er ein knallharter Ergebnisdenker ist.“

Stephan Ramming (Neue Zürcher Zeitung) lobt Ronaldo: „Die Probleme in der türkischen Mannschaft wurden vor allem deshalb offenkundig, weil ihr ein starkes Team gegenüberstand. Zwei Tore, drei Treffer ans Gehäuse: Allein diese Bilanz sagt viel. Aber nicht alles: Die Innenverteidigung mit Pepe und dem magistralen Carvalho leistete sich ebenso keinen Fehler wie die auch in der Vorwärtsbewegung starken Außenbacks Bosingwa und Ferreira; Nuno Gomes opferte sich in der Spitze auf, und das Mittelfeld wuchs unter der Regie des zuletzt in Barcelona formschwachen Deco zu einer gut geölten Kombinationsmaschine zusammen. Auch Portugals Ausnahmekönner Ronaldo enttäuschte nicht: Hielt er sich anfänglich zurück, nutzte er in der zweiten Hälfte geschickt die größer werdenden Räume. So leitete er beide Tore mit klugen Pässen ein. Zuletzt schien es, als hätte er sich vom großen Druck freigespielt, der auf seinen Schultern als designierter Top-Spieler dieser Euro lastet. Das Publikum dankte ihm die Vorstellung mit frenetischem Applaus.“

Hoffnungen auf Eis gelegt

Daniel Theweleit (taz) leidet, weil die Schweiz leidet: „Genau 43 Minuten hat es gedauert, da hatte diese Europameisterschaft eines jener berühmten Bilder, die hängen bleiben von solchen Ereignissen. Bei der WM 2002 saß der fassungslose Oliver Kahn nach verlorenem Finale, 2006 war es Zidanes Kopfstoß, nun präsentierte die traurige Schweiz der Welt ihren weinenden Alexander Frei. Er ist das Symbol dieses ersten EM-Tages. Und vielleicht wird es sogar zum Symbol dieses Schweizer Fußballsommers. Die 0:1-Niederlage hat die nunmehr über Jahre gepflegten Hoffnungen auf eine Kopie des deutschen Euphoriesommers von 2006 bis auf weiteres auf Eis gelegt. Intensiv war dieser Tag in Basel auf jeden Fall, und damit diente er wenigstens als Gegengewicht zu dem skeptischen Bild, das in den Tagen und Wochen vor Turnierstart gezeichnet worden war. Nein, feiern können die Schweizer. Es fehlt ihnen einzig am deutschen Glück und an Fußballern von europäischem Spitzenniveau.“

EM 2008

Bestenfalls halb gelungen

Christian Hackl (Der Standard/Österreich) nimmt die 0:1-Niederlage gegen Kroatien nicht allzu schwer: „Österreich hat sein erstes EM-Endrundenspiel der Geschichte knapp, aber keineswegs blamabel verloren. Ja, phasenweise konnten Österreichs Spieler die viel gerühmten Kroaten beherrschen. Eine dumme Attacke gleich nach Anpfiff brachte die Gastgeber freilich um die Früchte der ansehnlichen Arbeit. Die erste Halbzeit begann so, wie man es durchaus hat erwarten – wenn auch nicht unbedingt erhoffen – dürfen. Schon in der 3. Minute spielt Modric Stranzl aus und passt auf Olic, der im Strafraum sozusagen geaufhausert wurde. Das patscherte Foul, das sich einem zögerlichen Zuspätkommen verdankte, konnte nur deshalb zu einem ‚ungerechten’ Elfmeter führen, weil es Schiedsrichter gibt, die den frühen Zeitpunkt, für absolut elferunwürdig betrachten. (…) In Ermangelung anderer guter Nachrichten darf auch vermerkt werden: In den zweiten 45 Minuten brauchte Torwart Macho kein einziges Mal eingreifen. Wäre man Kroate, müsste man sich wohl ein wenig Sorgen über die so hoch gelobte Offensive machen. Da man aber Österreicher ist, würde man diesbezüglich mit den Kroaten wohl liebend gerne tauschen. Die Sorgen des Gastgebers sind eine Spur umfassender.“

Roland Zorn (FAZ) attestiert den Verlierern immerhin Bemühen: „Was immer der Coach und seine Spieler gegen die anfangs noch enthusiasmierten, später nur noch routinierten Kroaten anstellten – es wirkte bestenfalls halb gelungen, halb gekonnt, halb überzeugend. Und mit Halbheiten ist noch keine Fußballmannschaft vorangekommen. Aber die Spieler wissen jetzt, dass sich die intensive Arbeit an der eigenen Fitness ausgezahlt hat. Kraft für neunzig Minuten haben sie, konditionell waren sie sogar ausdauernder als die gegen Schluss doch sehr matten Kroaten. Woran es dieser jungen, keineswegs untalentierten Mannschaft mangelt, ist Kaltschnäuzigkeit, Ruhe vor dem Tor und vor allem Selbstbewusstsein. Wer in den vergangenen achtzehn Monaten nur zwei Länderspiele gewonnen hat, dürstet nach dem Erfolg, weiß aber nicht so recht, wie er ihn auf seine Seite ziehen soll.“

Apfelstrudel für alle

Der österreichische Dramaturg Roland Koberg (Berliner Zeitung) erklärt den großen Unterschied zwischen Österreichern und Schweizer anhand eines Beispiels: „Das Wehklagen, Tiefstapeln und Selbsterniedrigen der Fußballnation Österreich zeigt endlich Wirkung: Wir konnten positiv überraschen, vor allem uns selbst. Was die Schweiz in tiefe Depressionen stürzt, nämlich eine 1:0-Niederlage in ihrem Eröffnungsspiel, das gleiche Ergebnis, dem Spielverlauf gleichermaßen unangemessen, wird in Österreich gefeiert, als gäbe es Apfelstrudel für alle.“

Deutsche Elf

Diese Mannschaft hat noch einiges vor

Deutschland überzeugt beim 2:0 gegen Polen seine Anhänger und seine Skeptiker / Die zwei Tore und die zwei Herzen des Polendeutschen Lukas Podolski / Christoph Metzelder als Schwachstelle identifiziert, an Jens Lehmann scheiden sich trotz null Gegentoren die Geister

Michael Horeni (FAZ) lässt seine Zweifel an der deutschen Mannschaft und an Joachim Löw vom Sieg gegen Polen ausräumen: „So sieht Kontinuität aus: Acht Spieler aus der Stammformation der Weltmeisterschaft 2006 standen auch in der Anfangsformation gegen Polen. Aber was bedeutet das schon? Denn ob die deutsche Mannschaft trotz personeller Konstanz auch sportlich genau dort würde weitermachen können, wo sie vor zwei Jahren aufgehört hatte, das war fraglich. Aber schon nach wenigen Minuten verwandelte sich die Ungewissheit in berechtigte Zuversicht, dass diese Europameisterschaft für Deutschland diesmal nicht wie die beiden letzten viel zu früh enden muss, sondern dass sich der Weltmeisterschaftsdritte tatsächlich zugehörig zum Kreis der Titelkandidaten fühlen kann. Das Team hat an Substanz und Reife zugelegt. All das heißt aber nicht, dass Löws Team gleich einen perfekten Auftritt hingelegt hätte. Dafür geriet die Defensive zu oft in Schwierigkeiten, sowohl in der Innenverteidigung als auch über die Außenpositionen. Auch Torwart Lehmann war nicht immer der Souverän, der er gerne sein möchte.“

Christof Kneer (SZ) bescheinigt dem Bundestrainer, der Mannschaft erfolgreich den Kollektivsinn eingepflanzt zu haben: „Gleich das erste Turnierspiel unter Löws alleiniger Verantwortung hat gezeigt, wie sehr der Bundestrainer aus dem deutschen Fußball einen Mannschaftssport gemacht hat. Löw weiß ja selbst am besten, dass seine Elf den weltbesten Teams an individueller Klasse immer noch deutlich unterlegen ist, trotz den fürs Höchstniveau taugenden Ballack, Gomez und Lahm; und so hat er seiner Elf ein flügelzentriertes Spielsystem anerzogen, in dem im Idealfall so viel Tempo und Physis stecken, dass man die Absenz von ein paar phantasievollen Füßen kaum bemerkt. Auf diese Weise hat sich eine Elf mit umfangreichem Helfersyndrom entwickelt, die mit vereinten Kräften eigene Defizite überspielt. Sinnbildlich für dieses karitative Spielverständnis steht Kapitän Ballack, der mannhaft den eigenen Offensivreflexen widersteht und gemeinsam mit Frings in der Tiefe des Raumes schuftet. (…) Löw hat die Niveau-Obergrenze seiner Elf neu definiert, diese Mannschaft hat noch einiges vor.“

Innerer Konflikt

Die Story des Spiels ist die Story über die Hin- und Hergerissenheit des deutschen Polen, des polnischen Deutschen, des zweifachen Torschützen – erzählt von Horeni: „Lukas Podolski kämpfte mit einem inneren Konflikt. Viel stärker, als er das selbst wohl vorher ahnte und nachher formulieren konnte. Podolski spürte auf dem Fußballplatz, wie ihn die Widersprüchlichkeit – seinen schönsten sportlichen Erfolg seit der Weltmeisterschaft genießen und gleichzeitig seine Herkunftsidentität nicht leugnen zu wollen – daran hinderte, nach seinen Toren ein glücklicher Lukas Podolski zu sein. Er hätte es innerlich wohl einfach nicht ausgehalten, zu jubeln, wie Fußballspieler sonst jubeln. Er konnte das Dilemma auch nicht weglächeln wie Kritik nach einem schlechten Spiel. Es ging einfach nicht. In der vorigen Saison wurde Podolski von seinen Bundesliga-Kollegen sogar als ‚Absteiger des Jahres’ angesehen. In dieser Spielzeit lief es für ihn lange auch nicht viel besser. Nach den neunzig Minuten gegen Polen waren die Rückschläge im Alltag des deutschen Meisterbetriebs zwar nicht vergessen, aber sie lagen plötzlich sehr weit zurück. Was zählte, war wieder der Moment, die Zukunft von Lukas Podolski und sein spezielles Verhältnis zur Nationalmannschaft. Wenn es nicht ausgerechnet gegen Polen gewesen wäre.“

Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) stellt fest, dass des einen Freud des anderen Leids ist: „Als Leidtragender könnte sich freilich Bastian Schweinsteiger herausstellen, der bis vor gar nicht so langer Zeit der beste Kumpan Podolskis war. So hat sich der Fußball wieder einmal eine irrwitzige Konstellation geschaffen. Optimisten setzen allerdings darauf, dass der Konkurrenzkampf der beiden auch ein versöhnliches Ende nehmen könnte.“

Baustelle zu, Baustelle auf

Ralf Köttker (Welt) macht zehn Stark- und eine Schwachstelle aus: „Der Sturm ist wettbewerbsfähig, die Außenbahnen sind gut besetzt, und im zentralen Mittelfeld wirken Ballack und Frings souverän. Löw hat sein Stammgerüst gefunden. Und er hat es geschafft, bis auf Innenverteidiger Metzelder eine deutsche Mannschaft in ein Turnier zu schicken, die wieder einmal zum richtigen Zeitpunkt fit ist. Ein Zustand, der den individuell vielleicht besser besetzten Konkurrenten zu denken geben sollte. Denn er ist die Grundlage dafür, bei der EM weit zu kommen, vielleicht sehr weit.“

Auch Jan Christian Müller (FR) tadelt Metzelder: „Frings und Ballack waren in der Defensive extrem beschäftigt, vor allem auch, weil sie ständig ein Auge nach links werfen mussten, wo der offensive Lukas Podolski seinen Hintermann Marcell Jansen doch einige Mal blank die Drecksarbeit verrichten ließ und wo zudem Christoph Metzelder weit weniger souverän verteidigte als Per Mertesacker.“

Den deutschen Torwart hingegen nimmt Müller aus der Schusslinie: „Wegen der zum Teil heftigen Kritik an seinem Verhalten auf und abseits des Platzes erscheint es zunächst einmal angebracht, Jens Lehmann ein ausdrückliches Lob auszusprechen für eine am Ende dann doch souveräne Leistung: Baustelle vorerst geschlossen.“

Da war er wieder, der alte Metzelder

Klaus Bellstedt (stern.de) jedoch sieht alles in Butter: „Es gibt keine Achillesferse Lehmann-Metzelder mehr. Lehmann hielt fast so zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk, bis auf eine kleine Unsicherheit gleich zu Beginn unterlief dem nach seiner schwachen Vorbereitung schwer unter Beschuss geratenen Neu-Stuttgarter kein einziger Fehler. Für den weiteren Verlauf der Turniers ein ungemein beruhigender Fakt. Genauso wie der ganz klar zu erkennende Formanstieg Metzelders. Es kommt schon einer Art Wunderheilung gleich, die Löws größtes Sorgenkind hinter sich hat. Keine Spur mehr von Antrittsschwäche oder fehlender Spritzigkeit. Da war er wieder, der alte Christoph Metzelder aus den beiden WM-Turnieren 2002 und 2006.“

Weniger aufregend, dafür temporeicher

Jürgen Schmieder (SZ) analysiert die neue deutsche Flügelstärke: „Fritz und Podolski waren die auffälligsten Akteure. Beide kommen pro Ballbesitz mit zwei Übersteigern und einem Haken weniger aus als Bastian Schweinsteiger, was ihr Spiel zwar weniger aufregend, dafür umso temporeicher macht. Fritz ließ sich minütlich von Ballack und Frings auf der rechten Seite nach vorne schicken, er kombinierte ballkontaktarm mit seinem Linienpartner Philipp Lahm und schlug mindestens zwanzig Flanken und Flachpässe in den Strafraum. Analog verhielt es sich auf der linken Spielhälfte, man muss nur die Namen Fritz und Lahm ersetzen durch Podolski und Jansen. Podolski kommt auf dieser Position zugute, dass sich zum einen die Laufwegvarationen (die Linie lang oder schräg nach innen) in Grenzen halten, zum anderen kann er mit seiner Dynamik und Dribbelstärke eine gegnerische Defensive vor Probleme stellen – was er gegen Polen immer wieder unter Beweis stellte. Er versuchte sich im kraftvollen Alleingang, filigranen Dribbling und EM-Ball-unterstützten Fernschuss. Unter der Anleitung von Frings und Jansen wählte er auch defensiv erstaunlich häufig den richtigen Laufweg. Dass man von dieser Position aus durchaus Tore erzielen kann, zeigte Podolski beim Führungstreffer. Nach einem Ballgewinn erkannte er die Unordnung in der polnischen Abwehr, lief geschickt in den offenen Raum und konnte vom Samariterstürmer Miroslav Klose nicht mehr übersehen werden.“

Samstag, 7. Juni 2008

Ball und Buchstabe

Unschuld bewahrt

Jörg Hahn (FAZ) schwelgt über die einzigartige Anziehungsmagie des Fußballs: „Es gehört zum Phänomen Fußball, dass diesem Sport offenbar nichts wirklich etwas anhaben kann: Er hat nahezu unbeschadet Zeiten der Gewalt, der Intoleranz und des bedrohlichen Nationalismus überstanden; Korruption und Betrug haben ihn nicht dauerhaft erschüttern können; und er verkraftet bislang die wachsende Zahl milliardenschwerer Investoren, die nicht nur im britischen Fußball die Spielpläne am liebsten ganz nach ihrem Gusto und ohne Rücksicht auf liebgewonnene und für das Wesen des Fußballs wichtige Gewohnheiten und Rituale der Fans gestalten würden. Das Spiel hat erstaunlicherweise seine Unschuld nicht verloren. Mit jedem Anpfiff geben sich die Besucher in den Stadien und die Zuschauer am Fernseher immer wieder aufs Neue dem Glauben an das faire Spiel und den unwägbaren Ausgang hin. Das unterscheidet Fußball von anderen Sportarten und die großen Fußballturniere von den Olympischen Spielen. Das Spiel Fußball, das im Regelfall wie ein abendfüllender Spielfilm neunzig Minuten dauert und eine Fernseh-Bearbeitung mit ausufernder Vor- und Nachbereitung wirklich nicht brauchte, hat eine Faszination, die andere Disziplinen zwar auch marktschreierisch für sich beanspruchen, die sie aber am Ende nicht bieten können. Die dichte Emotionalität, das ständige Überraschungspotential, die schnell wechselnde Dramaturgie des Fußballs kann man nicht herbeireden.“

Pop wie Monarchien

Gustav Seibt (SZ) sinniert verträumt über das Spielerische im Fußball: „Hätte man nicht das ganze 20. Jahrhundert mit seinem Völkerhass und seinen Toten überspringen und den Kampf der Nationen gleich als Spiel auf den Rasen verlegen können? Im Fußball und seinem Fanwesen hat der Nationalismus dieses ganze mörderische Jahrhundert überlebt, alle seine politischen Hoffnungen und seine totalitären Ideologien, selbst den Kommunismus, der angetreten war, gerade ihn, den exklusiven Glauben der Nationen an sich selbst, zu überwinden. Er lebt weiter an jedem Auto, auf dem ein Fähnchen im Fahrtwind flattert, in geschminkten Gesichtern und farbigen Perücken. Die Massen in den Stadien singen immer noch die Hymnen des 19. Jahrhunderts. Aber all das kommt nun als Spiel daher, locker und wuselig, nicht martialisch in Reih und Glied. Der Nationalismus ist im Fußball aus einer todernsten Sache zu einem gesunkenen Kulturgut früherer Zeiten geworden, zur Folklore, ja zu Pop, an dem auch die Intellektuellen gern teilnehmen. Dieses Schicksal teilt er nicht zufällig mit den Monarchien, die ihre einstigen politischen Aufgaben fast vollständig verloren haben, aber doch zentrale Gegenstände der Massenkommunikation geblieben sind.“

Zwei Mini-EMs mit halbiertem Wettbewerbsgedanken

Christof Kneer (SZ) durchdringt den reformierten Spielplan und erörtert Für und Wider: „Zum ersten Mal in der EM-Geschichte hält die Uefa zwei Turnierhälften so strikt voneinander getrennt, dass sie sich erst im Finale begegnen können. Im Grunde beginnen jetzt zwei getrennte Mini-EMs, die erst im Finale zu einem gemeinsamen Turnier zusammengeführt werden, und praktischerweise hat die Uefa ein einleuchtendes Argument gefunden für dieses seltsam kreative Tableau: Bei der EM 2004 wurden die beiden Halbfinalspiele von Teams gewonnen (Portugal, Griechenland), die je zwei Tage mehr Pause hatten als die Verlierer (Holland, Tschechien) – in der Tat eine Art Wettbewerbsverzerrung, die diesmal ausgeschlossen ist. Diesmal aber steckt die Wettbewerbsverzerrung in einem viel zentraleren Bereich des Spielplans, sie berührt den Kern des Turniergedankens, wonach sich idealerweise die beiden besten Teams im Finale treffen sollten. Diesmal aber steht schon vor dem ersten Anpfiff fest, dass eine Elf aus den Gruppen A/B und eine Elf aus den Gruppen C/D das Endspiel bestreiten. Es gibt für jedes Team nicht mehr fünfzehn Gegneroptionen, sondern nur noch acht – der Wettbewerbsgedanke wird sozusagen halbiert. Es liegt im natürlichen Interesse des ausrichtenden Verbandes, die Gastgeberteams so lange wie möglich im Rennen zu halten, und so verrät sich der wahre Kern dieser stillen Reform beim Blick auf die Setzlisten. Die Schweiz und Österreich wurden ja als Gruppenköpfe in die Nachbargruppen A und B platziert – sie haben ihre eigene Mini-EM mit acht Teams spendiert bekommen, was die Chancen erhöht, dass einer von beiden zumindest so weit durchkommt, dass es die Stimmung in den Ländern nicht belastet.“

Allgemein

Niemand spielt alleine Fußball, auch nicht Cristiano Ronaldo

Ronald Reng (Stuttgarter Zeitung) zweifelt an Portugal – und zweifelt an Portugals Star: „Schon lange nicht mehr, seit Diego Maradona bei der WM 1990 nicht, fokussierte sich vor einem großen Turnier die Aufmerksamkeit auf einen einzigen Spieler wie nun auf Cristiano Ronaldo. Seine berstenden Dribblings geben den Massen die Illusion zurück, einer alleine könne ein Spiel entscheiden; sein im Raum stehender Wechsel von Manchester United zu Real Madrid weckt die Sensationsgier. Doch an diesem Samstag, wenn nun alle psychoanalytischen Porträts über Ronaldo geschrieben sind, wird im Auftaktspiel gegen die Türkei endlich die wahre Frage beantwortet: Kann Ronaldo in dieser Mannschaft überhaupt der Star der EM werden? (…) Von einer EM zur nächsten ist Scolari das wunderbare Mittelfeld zerbröselt. Costinha, 2004 der Stratege bei Portugals Lauf ins Finale, ist wie Luís Figo abgetreten. Maniche verkümmert bei Inter Mailand auf der Ersatzbank und wurde deshalb für diese EM nicht nominiert. Und Deco, der Blitze ins Spiel brachte, leidet, seit zwei Jahren schon. So hat sich eine Weltklasseelf zurückentwickelt; die vortrefflichen Eigenschaften liegen nun fast ausschließlich in der Defensive. Schönheit täuscht Portugal nur noch vor. Der Ball läuft weiter elegant, jedoch meist dort, wo es nicht wehtut, im hinteren Mittelfeld. Sie spielen nun häufig 0:0 oder 1:1. In der Theorie ist Ronaldo auch in solch einer Mannschaft zu Hause. Der Konter ernährt ihn als schnellen Flügelspieler gut. In der Praxis der EM-Qualifikation blieb er zu oft isoliert. Niemand spielt alleine Fußball, auch er nicht.“

Christian Eichler (FAZ) ergänzt: „Für viele Experten mag Portugals Team nicht mehr die Klasse der EM 2004 (zweiter Platz) und WM 2006 (vierter Platz) haben: zu viele Flügelmänner, zu wenige Zentralisten, ein Torwartproblem und wie immer keinen Torjäger. Doch der Unterhaltungswert der schieren Präsenz, die Anziehungskraft aufs Showpublikum wird von keinem anderen Team übertroffen. Portugal ist der Hingucker. Das Team sieht, zumindest wo es jung ist, aus wie eine Rockband. Eine von der Art, die durch irgendein genetisches Geheimnis ganze Mädchenmassen zu spitzen Schreien bewegt. So geschieht das im Training bei jedem Ballkontakt von Cristiano Ronaldo. Aber er ist nicht allein. Da ist João Moutinho, ein zierliches Kerlchen mit braunen Knopfaugen – in der Portugal-Band wäre er der flinke Mann an den Keyboards. Dann Ricardo Veloso, ein athletischer Antreiber mit aschblond gesträhnter Mähne – einer fürs Schlagzeug. Dann Nani und Quaresma, glutäugige Kerle mit Keilfrisur und schwerem Ohrschmuck – die Gitarristen für die schnellen Soli. Und dann natürlich Ronaldo, der Mann am Mikro, vorn an der Bühne, der die Blicke auf sich zieht. Ob man mit diesen Qualitäten auch beim Gegner punkten kann, ist eine andere Frage.“

Hoffnung

Die Neue Zürcher Zeitung bemerkt vor dem Eröffnungsspiel der Schweizer: „Jedermann musste seit August 2006 erkennen, dass der Weg nicht direkt in den EM-Final führt. Nach der WM-Achtelfinal-Qualifikation, die ungebrochen als Erfolg zu werten ist, monierten Beobachter, die Equipe müsse bis Juni 2008 Fortschritte erzielen, damit sie an der Heim-Euro auch auf dem Feld eine Hauptrolle spielt. Die Fortschritte indes sind ausgeblieben – während langer Zeit hieß die Devise eher ‚Schadensbegrenzung’. War die Entwicklung unter Kuhn bis Juni 2006 fast nur aufwärts verlaufen, setzte danach Stagnation ein. Die Schweiz könnte vom Heimvorteil begünstigt oder von der Dynamik erfasst werden, die Euro-Außenseiter mitunter in die Höhe trägt. Vom Schicksal abgesehen, bleibt Kuhn in den ersten Wettbewerbsspielen seit der WM 2006 aber auch die Hoffnung, dass eine andere Konstante treu bleibt, die ihn vorab im Mitteldrittel seiner Amtszeit begleitet hat: Wenn es ernst galt, war das Team Kuhns bereit – zu Hause gegen Irland (2003), zweimal gegen Frankreich, daheim gegen die Türkei (2005), in den WM-Gruppenspielen. Die Nerven verloren die Schweizer erst im Penalty-Schießen gegen die Ukraine. Würden sie auch an der Euro 08 in eine derartige Entscheidung involviert, hätten sie zumindest die Viertelfinals erreicht – und damit beachtlich viel. Früheren, etwas gar ambitionierten Zielen zum Trotz.“

Deutsche Elf

Autorität?

Matti Lieske (Berliner Zeitung) rückt eine eher unbekannte Seite Joachim Löws in den Vordergrund, seine Kompromisslosigkeit und Entschlossenheit: „Harmlos sieht er immer noch aus, wenn er gelehrt und engagiert über Fußball doziert, Fragen höflich und ausführlich beantwortet, niemals missgelaunt wirkt oder gar laut wird. Man muss ihn schon am Spielfeldrand beobachten, um eine Idee davon zu bekommen, wie es in ihm brodelt. Wo Jürgen Klinsmann schlicht versteinerte, wenn es schlecht lief, wandelt sich Löw zum badischen Vulkan. Er flucht bei jedem Fehlpass, schleudert wutentbrannt Wasserflaschen auf den Boden und schaut manchem Spieler hinterher, als würde er ihn am liebsten auf der Stelle an die Haifische verfüttern. In seinen Entscheidungen ist Löw knallhart, härter vielleicht als Klinsmann. Was zählt, ist der Erfolg, das hat er in seiner achterbahnartigen Trainerkarriere gelernt, und wer diesen Erfolg gefährdet, der darf nicht mit Nachsicht rechnen. Mit der Autorität des Fachmannes nimmt sich Löw die Freiheit zu tun, was er für richtig hält, und hat bei allem Mitgefühl keine Skrupel, etwa Timo Hildebrand gnadenlos auszusortieren. Und selbst sein Mitgefühl, so der Eindruck, hielt sich in diesem Fall in Grenzen. Der Rauswurf diente der Sache. Basta! Die meiste Zeit ist Löw aber tatsächlich der nette Jogi, als der er seit seiner ersten Trainerstation gilt. Sein Amt bekleidet er souverän und mit sichtlichem Vergnügen. Es ist ihm anzumerken, dass er angekommen ist, wo er immer hin wollte. Wer allerdings vor vier Jahren prophezeit hätte, dass dieser Mann eines Tages Bundestrainer sein würde, wäre an der Wahrsagerschule nicht mal als Hausmeister in Betracht gezogen worden.“

Michael Horeni (FAZ) hingegen hat Zweifel an Löws Härte ausfindig gemacht, um seine eigenen zu unterstreichen: „Diejenigen, auch in der Mannschaft, die seit einem Jahr in vielen großen und kleinen Dingen Veränderungen erkennen, bemerken, dass Pünktlichkeit und Organisationsstärke doch nur die unterschiedlichen Seiten derselben Medaille seien. Dafür fehle es an Führung. Und dann kommen die Beispiele, die belegen sollen, wie Löw das Erbe verrate. Die Fitness-Tests unter Klinsmann wurden von Löw abgeschafft. Die Offiziellen, die Klinsmann einst aus dem engsten Kreis der Mannschaft verbannte, sind wieder da. Dass er junge Spieler wie Marin, Helmes und Jones zu Hause ließ, zeige seine Vorliebe für Harmonie und alte Verdienste, nicht für Konsequenz und Veränderung.“

Mehr denn je gilt: Alles ist möglich

Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) traut Löw und seinem Team sehr viel, auch den Titelgewinn, zu: „Vermutlich hat seit dem genialischen Taktiker Sepp Herberger noch nie so viel Know-how eines Trainers in einer deutschen Mannschaft gesteckt. Es ist nicht so, dass Löws Kader mit Ausnahmespielern gesegnet ist. Die Kompensation von Schwächen ist die größte Stärke dieser Equipe, deren Personal den weltbesten Kontrahenten im direkten Vergleich nicht auf allen Positionen ebenbürtig ist. (…) Das stärkste Glied dieser Mannschaft ist das defensive Mittelfeld. Wer auf der Suche nach Sinnbildern ist, der entdeckt den ‚6er’, den Absicherer mit der Möglichkeit zum Sturmlauf, als zentrale Figur im DFB-Team. Frings kann auf dieser Position spielen, Ballack auch. Hitzlsperger hat seine Erfahrungen in dieser Rolle, und Rolfes gehört zu den besten der Bundesliga; er vereint Ballgewandtheit und strategische Qualität. In der Nummer 6 materialisieren sich die deutschen Hoffnungen. Das hat Tradition: Die WM-Mannschaft von 1990 prägte auch der lange verkannte Mittelfeldspieler Buchwald. Den letzten EM-Titel gewannen die Deutschen 1996 auch dank dem überragenden Dieter Eilts, der in England zum König des Zweikampfs aufstieg. Dass sich gegenwärtig Spieler mit großem Verständnis und einer hervorragenden Spielkultur anbieten, erscheint angesichts der deutschen Fußballgeschichte konsequent: Franz Beckenbauer prägte den Typus des defensiven Spielgestalters zu einer Zeit, als Spieler auf dieser Position noch Libero genannt wurden. Doch das DFB-Team steht ungeachtet seiner Qualitäten vor einem Turnier, dessen Ausgang niemand prognostizieren will. Mehr denn je gilt für die Deutschen die alte Maxime, dass alles möglich ist.“

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