Donnerstag, 15. Mai 2008
Deutsche Elf
Spezialist
EM-Kader – Ronald Reng (FR) plädiert für eine Nominierung David Odonkors: „Odonkor, in dem praktisch niemand außer Klinsmann einen Nationalspieler sah, weil er mit dem Fußball nicht gerade feinfühlig umgeht, lieferte bei der WM 2006 mit seiner Flanke auf Oliver Neuville zum 1:0 über Polen in letzter Spielminute einen jener Augenblicke, in denen man glaubt, alles wäre möglich. Zu Hause in Ennigloh, Westfalen, änderte die Stadtverwaltung das Ortschild: ‚Odonkor-City’ stand nun darauf. Fast zwei Jahre später weiß Odonkor besser als die meisten, dass der Fußball zu oft nur flüchtiges Glück verteilt. Sein Wechsel nach der WM zu Betis Sevilla überforderte ihn lange. Doch seit Ende März ist in den Partien wieder zu erkennen, was für ein einzigartiger Fußballer er ist – oder wie die meisten sagen würden: was für ein eigenartiger Fußballer. Seine Flanken und Schüsse streuen noch immer in der Mehrzahl, sein Überblick gleicht zu oft dem eines Pferdes mit Scheuklappen, aber Odonkor, der vor allem sprinten kann, zerfleddert wieder Gegner mit seiner Geschwindigkeit auf dem rechten Flügel. Er ist wieder so gut, wie Odonkor sein kann. Wenn, wie bei der WM 2006, ein Spezialist im Aufgebot stehen soll, der ein festgefahrenes Spiel mit seiner Schnelligkeit aus der Verankerung reißen kann, dann muss er mitgenommen werden auf diesen Weg zur EM.“
Mittwoch, 14. Mai 2008
Allgemein
Spiel um Platz 17 in Europa
Vor dem Finale in Manchester zwischen den Glasgow Rangers und Zenit St. Petersburg: Erwartet wird ein defensives Spiel / Die Trainer im Portrait / Kritik am Reglement
Christian Eichler (FAZ) erinnert vor dem Finale an die selbstverschuldete Entwertung des Uefa-Pokal: „Seit der Uefa-Pokal die Zweitverwertung gescheiterter Champions-League-Teilnehmer übernehmen muss, hat er an sportlicher Integrität eingebüßt. Eine Mannschaft, die zu schlecht war, die Vorrunde im Kampf um den großen Europapokal zu überstehen, wird dafür belohnt, indem sie den kleinen gewinnen darf – wie 2002 Feyenoord Rotterdam oder 2005 ZSKA Moskau. So wäre es auch diesmal, sollten die Glasgow Rangers den Pokal gewinnen (gegen Zenit St. Petersburg, das sich seit September brav durch alle Runden gearbeitet hat). Dann aber wäre das Finale um den Uefa-Pokal nichts anderes mehr als das Spiel um Platz 17 in Europa, der anders als die Ränge 2 bis 16 mit einem Pokal belohnt wird – einmalig im Sport.“
Anti-Fußball
Um uns Glasgows Trainer vorzustellen, greift Eichler auf eine prominente Referenz zurück: „Walter Smith ist so etwas wie die Light-Version von Alex Ferguson. Beide stammen aus der Glasgower Arbeiterklasse, beide waren als Knaben Rangers-Fans, beide haben Meistertitel in Serie gewonnen (Ferguson gerade seinen zehnten in England, Smith bald wohl den achten in Schottland). Der eine wie der andere gilt als altmodisch autoritär; Chefs, mit denen man es sich besser nicht verscherzt. Nun stehen beide in einem europäischen Finale. Und beide haben das zuletzt auch mit demselben Stil geschafft, einem Defensivsystem mit nur einem Stürmer. Die Rangers von Smith spielen so schon die ganze europäische Saison; im Herbst, nach dem 0:0 gegen Barcelona, nannte Lionel Messi das ‚Anti-Fußball’. Ferguson griff mit Manchester United erst im Halbfinale gegen den FC Barcelona auf die Blockade-Taktik seines früheren Schülers zurück. So hat der sechs Jahre Jüngere dem Maestro, dem er einst als Assistent im schottischen Nationalteam und in Manchester diente, mal etwas vorgemacht.“
Frank Hellmann (FR) stöhnt: „Kaum ein Team in Europa spielt so unansehnlich wie der Überraschungsfinalist, der sich mit nur fünf geschossenen Törchen von der Zwischenrunde bis ins Endspiel mogelte. Obwohl die Angriffsqualitäten des Traditionsvereins gegen Null tendieren.“
Zeug zum großen Trainer
Michael Eder (FAZ) porträtiert den Trainer St. Petersburgs (den wir ja noch aus Mönchengladach kennen) als erfolgreich und bärbeißig: „Dick Advocaat gilt als verschlossen bis verschroben, als großspurig bis herablassend, und wie in seiner bescheidenen Karriere als Spieler ist er auch in seinem Auftreten als Trainer ein Spezialist der Abwehrarbeit geblieben, warm wird mit ihm kaum jemand. Er war Assistent und Cheftrainer der holländischen Nationalmannschaft, er gewann mit dem PSV Eindhoven Meisterschaft und Pokal, doch zu Beliebtheit hat er es in seinem Heimatland nie gebracht. Vielleicht zog er deshalb immer wieder aus, um Glück und Anerkennung anderswo zu suchen. Sein persönlicher Triumphzug durch Europa – mit den bisherigen Stationen Villarreal, Marseille, Leverkusen und München – soll noch nicht zu Ende sein. Der erste internationale Titel mit einer Vereinsmannschaft – das ist sein Traum. Auch die schärfsten Kritiker seines Stils müssten dann einräumen, was sich bei Advocaats Erfolgsbilanz ohnehin kaum noch bezweifeln lässt: Der kleine General hat das Zeug zu einem großen Trainer.“
Westlicher Vorposten des Landes
Jörg Hanau (FR) erläutert die Ziele der Russen: „Zenit plant nicht nur den Angriff auf den europäischen Fußballthron, Zenit besitzt auch die nötige spielerische Klasse. Klubchef Sergej organisiert seit 2006 mit einer Art planwirtschaftlichem Kapitalismus den Aufstieg in die europäische Spitze. Binnen zehn Jahren, so der Präses, der sinnigerweise auch Manager des Klubbesitzers Gasprom ist, muss Zenit zu den Top Ten der Königsklasse gehören. Ein Sieg gegen Glasgow Rangers verstehen die russischen Gasbosse nur als Startschuss zu noch höheren Weihen.“
Peter Riesbeck (Berliner Zeitung) mit einer Milieuskizze: „Der freie und kreative Geist lebt in Russland vor allem in Petersburg. Die Stadt versteht sich von jeher als westlicher (und intellektueller) Vorposten des Landes. Und so ist Zenit mehr als nur ein Fußballverein. Der Titel im Vorjahr bedeutete nicht nur die erste Meisterschaft seit 1984, er beendete auch die Herrschaft der Moskauer Klubs.“
So soll der Turm aussehen, den Gasprom in St. Petersburg errichten will, und dessen Bau der Konzern nun gegen anfänglichen Widerstand der Leute durchgesetzt zu haben scheint
Dienstag, 13. Mai 2008
Internationaler Fußball
Blitzartig wie ein Schwarm Barrakudas
Cristiano Ronaldo, Ryan Giggs und vor allem Alex Ferguson stehen im Mittelpunkt nach dem Titelgewinn Manchester Uniteds in der Premier League
Raphael Honigstein (FR) rühmt den Stil Manchester Uniteds, Englands Meister: „Der letzte Spieltag verlief nicht viel anders als die Saison: Chelsea kam sehr nahe ran, aber zu keiner Zeit an United vorbei. Sicher hätte es das Team mit seinem unnachgiebigen Kraftfußball und der kaltblütigen Beharrlichkeit ebenso verdient gehabt. Der bessere Meister aber ist – ohne Frage – United. Wer den Fußball liebt und ernst nimmt, kann Mannschaften nicht wirklich neutral bewerten – genauso wenig, wie man eine CD mit neutralen Ohren zu hören vermag. Während Chelseas Combo die Konkurrenz mit sturem Stampf-Techno vom Parkett bugsierte, brachten Uniteds ständig changierende Sturmrhythmen die taktischen Verhältnisse wundervoll zum Tanzen. Alex Ferguson, der noch vor drei, vier Jahren als Trainer-Dinosaurier verschrien war, hat sich unter dem Eindruck von Chelseas Aufstieg zur Großmacht neu erfunden: Er ließ als einziger ohne echten Mittelstürmer angreifen; United überfiel die Gegner wie ein Schwarm Barrakudas blitzartig aus der Tiefe. Der unübertrefflich gute Cristiano Ronaldo, ein nomineller Mittelfeldspieler, kam allein auf 31 Ligatore. Insgesamt erzielte die Elf 80 Treffer. Es ist modern geworden, von Vereinen eine Identität, eine alles überlagernde Spielidee, zu fordern. Man übersieht dabei ein wenig, dass Top-Teams wie United in der Lage sind, ihre Strategien immerfort zu variieren: Taktik heißt für sie nichts anderes, als auf jede Spielsituation angemessen reagieren zu können.“
Christian Eichler (FAZ) schreibt über das Saisonfinale: „Passend zur Feier des Tages stellte der 34-jährige Ryan Giggs mit seinem 758. Profi-Einsatz für Manchester auch den Klubrekord von Sir Bobby Charlton ein. Giggs ist der Einzige aus der selbst gezüchteten ‚goldenen Generation’ (mit Spielern wie Scholes, Beckham, Neville), der beim ersten Premier-League-Titel 1993 schon im Profikader stand. United, das ist vor allem eine Art, Fußball zu spielen, die stürmisch und leidenschaftlich, ja irgendwie sexy ist und derzeit vor allem von Cristiano Ronaldo verkörpert wird. Es ist ein Fußball, der auch Altmeister jung hält, so wie Giggs oder wie Paul Scholes, der in Wigan aber wohl nur von seinem Ruhm und von der Nachsicht des Schiedsrichters Steve Bennett vor einer Herausstellung durch eine zweite Gelbe Karte bewahrt wurde. Unterzahl hätte ein schwierige zweite Halbzeit für Fergusons Team bedeutet, denn Chelsea führte gegen Bolton, und ein einziger Treffer von Wigan hätte alles zunichtemachen können. Auch im Vorjahr hatte Chelsea Manchester knapp den Vortritt lassen müssen, sich dann aber im Pokalfinale revanchiert. Nun winkt diese Chance im Champions-League-Endspiel.“
Barbara Klimke (Berliner Zeitung) stellt klar: „Dass Ronaldo als bester Spieler der Saison ausgezeichnet wurde, war für Manchester United nur noch eine Marginalie. Denn Giggs ist der Spieler der Dekade. Er hat, da ihm seine walisische Herkunft Auftritte bei internationalen Meisterschaften verbietet, weniger weltweite Anerkennung erfahren als die globale Prominenz in Manchesters Reihen: der Portugiese Ronaldo, der Argentinier Tevez oder der Engländer Rooney. Aber er ist über die Jahre wichtiger gewesen als alle anderen zusammen.“
101 greatgoals: Wigan–Manchester (0:2) auf Video
Unterhaus
Kompliziertestes Fußballgebilde Deutschlands
Köln steigt auf, doch Trainer Christoph Daum ist nicht zum Feiern zumute
Michael Eder (FAZ) erlebt in der Stunde des Aufstiegs die Fortsetzung und vielleicht den Höhepunkt des Kölner Rosenkriegs: „Selten zuvor hat man einen Trainer gehört, der Eigenartigeres zu sagen hatte zum triumphalen Aufstiegstag seiner Mannschaft. Sein Habitus war der eines dieser professionellen Trauerredner, die man für Beerdigungen verpflichten kann. Daum und der FC, das wurde am größten Kölner Fußball-Feiertag seit langem noch einmal deutlich, ist eine eigenartige Beziehung. Der Startrainer und der Klub, bei dem er seine bemerkenswerte und skandalträchtige Karriere begann und den er als Herzensangelegenheit betrachtet, sind für den Aufstieg eine Zweckehe eingegangen, die selbst die Rückkehr in die Bundesliga kaum noch retten kann. Das Verhältnis zwischen ihm und der Vereinsführung um Präsident Overath ist, gelinde gesagt, gespannt. Zu sperrig waren die Auftritte von Daum, zu holprig die Saison, ehe die Mannschaft kurz vor deren Ende und gerade noch rechtzeitig zu Klasse und Sicherheit fand. Auch der Aufstieg änderte nichts daran, dass Daum in der Stunde des Sieges wie ein Außenstehender wirkte, der sich in eine Feier verirrt hat, in der er keinen Anschluss findet. Was seine Verhandlungsposition betrifft, so ist er in einer komfortablen Situation: Bis Ende Mai kann er sich entscheiden, ob er seinen bis 2010 dotierten Vertrag erfüllt oder diesen kündigt – oder ihn nicht kündigt und sich ausbezahlen lässt, falls der Verein ihn nicht mehr will. Die Pokerpartie ist eröffnet, das Kölner Saisonfinale heißt: Daum gegen den FC.“
Philipp Selldorf (SZ) rehabilitiert den Kölner Trainer: „Die größten Skeptiker müssen nun anerkennen, dass Daum seine Arbeit pünktlich und überzeugend erledigt hat. Wie versprochen, brachte er das Team in Form und Stimmung. Ob er sein Werk in Köln fortsetzt, hängt allein von ihm ab. Die Vereinsführung um Präsident Wolfgang Overath ist in die Defensive geraten, Daum hat wieder den Rückhalt des Publikums. Die Chance, in die Erste Liga zurückzukehren und endgültig die Schmach der Vertreibung vor acht Jahren zu überwinden, könnte ihn bewegen, die Kränkungen zu vergessen. Daum ist immer noch ein unberechenbarer Charakter, und seine Manöver bleiben undurchsichtig. Aber in der Bundesliga wäre er eine Attraktion.“
Daniel Theweleit (Berliner Zeitung) fasst zusammen: „Köln wurde seinem Ruf als Hauptstadt des Frohsinns mal wieder gerecht. So wie der 1. FC Köln in dieser Saison seinem Image als vielleicht kompliziertestes Fußballgebilde Deutschlands entsprach. Denn so hingebungsvoll diese Rückkehr in die Bundesliga zelebriert wurde, große Strecken des Jahres waren geprägt von Sorgen, Zwietracht und Selbstzerstörung.“
Bundesliga
Kein Platz mehr für Kleine
33. Spieltag: Die Saison endet, die Presse bedauert es, ohne Überraschung / Ausnahme Cottbus / Rostock lethargisch / Duisburg inhomogen / Nürnberg kampflos / Lob für Bielefelds Trainer Michael Frontzeck / Wolfsburg kommt / Schalke siegt kärglich
Peter Heß (FAZ) leidet unter der erstarrenden Hierarchie der Bundesliga: „Auf Wiedersehen, Rostock und Duisburg, Willkommen, Mönchengladbach und Köln. Kleine Klubs mit kleinen Stadien verlassen die Eliteklasse, Traditionsvereine mit Arenen stoßen hinzu. Die Bundesliga wird noch größer, bunter, attraktiver, und langsam kriecht der Gedanke in den Kopf – sie ist mittlerweile so groß geworden, dass sie kleinen Vereinen keinen Platz mehr bietet, zumindest über das Aufstiegsjahr hinaus. Die ausgeglichenste Liga der Welt, dieses Prädikat gilt längst nicht mehr. Nicht nur die Spitze hat sich immer weiter abgesetzt, auch Unter- und Mittelschicht trennt mittlerweile ein Graben, der kaum noch überbrückbar scheint. Die Zentralvermarktung funktioniert nur noch als kosmetisches Mittel, Klassenunterschiede kann sie nicht mehr ausgleichen. Dass Duisburg und Rostock abgestiegen sind, erscheint beinahe zwangsläufig, dass Cottbus die Liga halten konnte, wirkt wie ein Wunder. Bei der finanziellen Potenz der Aufsteiger sieht es so aus, als hätten die Lausitzer das Unvermeidliche nur um ein Jahr hinausgeschoben.“
Milieu akzeptiert
Zum Klassenerhalt Energie Cottbus’ bemerkt Claudio Catuogno (SZ), Anpassungsfähigkeit und Klugheit des Trainers hervorhebend: „Was hat sich Jürgen Kohler da für eine Chance entgehen lassen! Ihn hatten die Cottbuser ja als Wunschtrainer auf der Liste, nachdem sich Petrik Sander, der Vorjahresheld, in Worten und Taten an einem heiligen Prinzip versündigt hatte: der Bescheidenheit. Aber Kohler hat schnöde verzichtet. Lieber ist er arbeitslos geblieben. Im Osten, das war die Botschaft hinter der Absage, gibt es für prominente Namen mehr zu verlieren als zu gewinnen. Nun zeigen die Bilder aus dem Stadion der Freundschaft, wie viel es im Osten zu gewinnen gibt. Die Frage ist aber, ob das Wunder, als das jeder Klassenerhalt in Cottbus verstanden wird, auch mit einem Jürgen Kohler funktioniert hätte. Oder ob es dazu schon einen Bojan Prasnikar brauchte. Einen, der sich zunächst einmal mit den Wahrheiten abfindet, die achtzehn Jahre nach dem Mauerfall zwar keiner mehr hören kann, die aber trotzdem wahr bleiben: Im Ostfußball gibt es weniger gewachsene Strukturen, kaum Geldgeber, und wenn, dann häufig die Falschen. Und es gibt ein Grundmisstrauen gegen Abkassierer aus dem Westen, weshalb der Slowene Prasnikar dem Cottbuser Fan im Zweifel näher ist als der Mannheimer Kohler. Man muss ein Milieu wohl zunächst akzeptieren, um seine spezifischen Stärken entfalten zu können. Das ist Prasnikar gelungen.“
Führungsschwäche
Nach dem Abstieg wirft Ronny Blaschke (Berliner Zeitung) den Entscheidern Hansa Rostocks Lethargie vor: „Es ist Rostocker Tradition, dass Probleme so lange verharmlost werden, bis sie nicht mehr zu beheben sind. In den vergangenen Wochen, als sich der dritte Abstieg nach 1992 und 2005 abzeichnete, kam an der Küste so viel Krisenstimmung auf wie bei einer Kaffeefahrt mit Heizdeckenverkauf, Misstöne blieben die Ausnahme. Und auch jetzt, da der Sturz besiegelt ist, verweigern die Verantwortlichen eine kritische Analyse für eine der schlechtesten Spielzeiten seit zehn Jahren. (…) Es liegt die Vermutung nahe, dass Frank Pagelsdorf nach einer Rückrunde mit zehn erspielten Punkten seinen Job vor allem deshalb behalten darf, weil sein Bonus nach zwei Aufstiegen nicht aufgebraucht ist. Das Argument, der Klassenerhalt sei aufgrund des kleinen Etats (27 Millionen Euro) kaum möglich gewesen, widerlegen Cottbus und Karlsruhe. Die Spieler, die Pagelsdorf vor der Saison verpflichtet hatte, Victor Agali, Heath Pearce, Benjamin Lense, Diego Morais und Addy-Waku Menga, enttäuschten, nur Stefan Wächter, Orestes und Fin Bartels erreichten Liganiveau. Dass Pagelsdorf noch immer als der starke Mann gilt, liegt an der Schwäche der Führungsmitglieder.“
Durchlauferhitzer
Ulrich Hartmann (SZ) bringt Duisburgs Schwächen auf den Punkt: „Menschlich zu unterschiedlich, sprachlich zu international, spielerisch zu disharmonisch und charakterlich zu egoistisch. Das ist keine ganz neue Duisburger Diagnose. Der MSV wirkt bisweilen wie ein Durchlauferhitzer, an dessen Ausgang allen schnell wieder kalt wird.“
Gute Arbeit und doch Absteiger?
Felix Meininghaus (FR) pocht, dem 2:2 gegen Dortmund zum Trotz, auf die Qualität der Arbeit Michael Frontzecks in Bielefeld: „In seiner zweiten Karriere wird das Wirken des Ex-Nationalspielers bislang in erster Linie darauf reduziert, es in der letzten Saison nicht geschafft zu haben, Alemannia Aachen zu retten. Eine angemessene Würdigung ist das nicht, weil dabei außer acht gelassen wird, dass Frontzeck mit bescheidenen Mitteln brauchbare Arbeit abgeliefert hat. Auch in Bielefeld sind sie mit Frontzeck zufrieden, schließlich hat er es nach langer Anlaufzeit geschafft, aus einem chaotischen Ensemble eine Einheit zu formen, die zwar nicht glanzvoll, aber zumindest stabil auftritt. Doch all das wird bei einem erneuten Scheitern im kollektiven Langzeit-Gedächtnis keinen Nachhall finden. Sollte Frontzeck auch mit Bielefeld durchfallen, würde ihm endgültig das Stigma des Abstiegstrainers anhaften.“
Peter Penders (FAZ) stimmt ein: „Vermutlich hätte Frontzeck diesen Abstieg nicht verdient, denn an seinem Beispiel lässt sich leicht veranschaulichen, wie ungerecht es in diesem Beruf mitunter zugehen kann. Als die Arminia seine Verpflichtung verkündete, war Frontzeck von den Fans nicht gerade mit offenen Armen empfangen worden. Frontzeck ist es aber nach einigen Anlaufschwierigkeiten gelungen, die Arminia wieder wettbewerbsfähig zu machen. Die Zeiten der hohen Niederlagen sind lange vorbei, Bielefeld steht in der Abwehr wieder stabil, nur der Angriff ist eine Problemzone geblieben. Am Samstag aber war es fast so weit, dass dieselben Fans, die sich im März noch lustig über Frontzeck gemacht hatten, den Trainer vermutlich auf den Schultern über den Platz getragen hätten. Dann aber kam das Unglück über die Arminia, und nun schwebt Frontzeck in der Gefahr, dass auch sein zweiter Job als Cheftrainer so endet wie in Aachen und niemand über seine gute Arbeit reden wird. (…) Das 2:2, vielleicht der kurioseste Treffer der ganzen Saison, aber auf diese Bestmarke hätten sie in Ostwestfalen liebend gern verzichtet.“
Benebelt
Catuogno schreibt enttäuscht über die Leistung der Nürnberger beim 0:1 in Berlin: „Dass Manager Martin Bader behauptete, man habe sich ‚ein Endspiel erkämpft’, war nur teilweise richtig. Erkämpft haben sie sich die Chance, doch noch an Bielefeld vorbeizuziehen, allenfalls in den vorangegangenen Partien. Am Samstag, als es im Olympiastadion um alles oder nichts ging, war von einem Aufbäumen wenig zu spüren. Sie haben dieses Endspiel geschenkt bekommen, vom Schicksal, vom Bielefelder Torhüter Fernandez, der mit dem Pfosten Doppelpass spielte, von wem auch immer. Teilweise schien es, als hätten sich die Nürnberger einlullen lassen. Wie die ganze Saison schon: benebelt von dem Gerede, mit ihrer spielerischen Qualität könne man gar nicht absteigen. Dabei spielt Qualität im Abstiegskampf nur noch selten eine Rolle: Entscheidend ist die Frage, wie teuer man sich verkauft.“
Pfingstochse Rafati
Oskar Beck (Welt am Sonntag) verfasst eine Glosse über den Zusammenhang zwischen falschen Schiedsrichterentscheidungen und Schicksal: „Ohne den Ausgleich auf der Bielefelder Alm hätte Babak Rafati kein ruhiges Pfingstfest verbracht und vor allem das schöne Nürnberg für den Rest seines Lebens weiträumig umfahren müssen. Zwei Elfmeter der 100-prozentigen Sorte hat der Sehschwache dem ‚Club’ in Berlin unterschlagen und die ruhmreichen Franken schier in den Abstieg gepfiffen, und über den gepfefferten Schadensersatz, den einer für so was im richtigen Leben zu blechen hätte, wollen wir gar nicht reden. Als Pfeife hätte ihn ganz Fußballdeutschland beschimpft, mindestens aber als Pfingstochse – in entlegenen Alpengegenden ist es noch heute ein guter Brauch, die schlimmste Schlafmütze als Pfingstochsen auf der Schubkarre durch das Dorf zu fahren. Das alles ist Rafati erspart geblieben.“
Tradition kann man nicht kaufen, Erfolg schon
Frank Heike (FAZ) erkennt Wolfsburger Fortschritte nicht nur sportlich: „Knapp sechzig Millionen Euro Investitionen von Juni 2007 bis jetzt: Damit wäre der VfL Wolfsburg nicht mehr weit vom FC Bayern München entfernt. Und eben diesen Klub will der VfL angreifen – langfristig. An Werder und Schalke will man schon im nächsten Jahr ran. Das Modell Wolfsburg ist ein anderes als das der umsatzstarken Bayern, denn das Geld kommt ja fast ausschließlich vom Sponsor/Anteilseigner. Auffällig ist dabei, dass der VfL Wolfsburg langsam sein Plastik-Image verliert. Tradition kann man nicht kaufen, Erfolg schon, und auch das muss ein respektabler Weg sein im Fußball-Business. Mit den Siegen wächst eine neue Fan-Kultur in der ost-niedersächsischen Provinz. Zum wiederholten Male gab es echte Fußballstimmung in Wolfsburg; mal sehen, ob zum Saisonfinale mehr als die üblichen 76 Unerschrockenen mit zum Spiel nach Dortmund reisen.“
Hinter den eigenen Ansprüchen
Marc Heinrich (FAZ) nutzt das dünne 1:0 gegen Frankfurt, um auf Schalkes Mängel der letzten Saison zeigen: „Errungenschaften von bleibendem Wert hat es für Schalke 04 seit langem nicht mehr gegeben. Seit dem DFB-Pokalsieg vor sechs Jahren hinkt der Fußballverein mit schöner Regelmäßigkeit den eigenen Ansprüchen hinterher. Schalke besitzt noch die kleine Chance, einer abermals nur halbwegs zufriedenstellend verlaufenen Spielzeit etwas Positives abzugewinnen. Dank des schmeichelhaften Erfolgs über die Hessen, die sechs ihrer zurückliegenden sieben Spiele verloren, besteht die kleine Chance, auf den 2. Platz vorzurücken – es wäre für Schalke die perfekte Schlusspointe zum Ende turbulenter Monate, in deren Verlauf die ‚Königsblauen’ ihr eigentliches Vorhaben, dem Branchenprimus aus München auf Augenhöhe entgegentreten zu können, früh aufgeben mussten. Stattdessen vergeudeten sie viel Energie in internen Machtkämpfen, die in der Entlassung von Mirko Slomka gipfelten.“
Welt: Der Riss zwischen Trainer und Mannschaft beim Hamburger SV ist nicht mehr zu kitten, das Verhältnis zwischen Huub Stevens und seinen Profis zerrüttet. Er wird von den Spielern nur noch geduldet – und kündigt die Aufarbeitung seiner Hamburger Zeit in seinem Buch an
Samstag, 10. Mai 2008
Internationaler Fußball
Fette Ernte vertändelt
Paul Ingendaay (FAZ) hält die Entlassung Frank Rijkaards in Barcelona zwar nicht unbedingt für gerecht, aber für folgerichtig: „Nicht dass es der 1:4-Schlappe bei Real Madrid noch bedurft hätte, um den Entschluss zum Wechsel zu bekräftigen. Doch der saftlose Auftritt und das schmachvolle Gefühl, von einem bis in die Haarspitzen motivierten Gegner überrollt worden zu sein, haben es auch noch dem letzten Unbelehrbaren eingebleut: Diese Mannschaft ist erledigt. Sie braucht nicht nur Ruhe und Facelifting, sondern ein Erneuerung vom Kopf bis zu den Füßen. Und die Gesetze des Fußballs sehen in solchen Fällen vor, beim Trainer zu beginnen. Jenem Mann folgen, dessen Triumphe noch in der Vitrine zu bewundern sind, aber in den täglichen Übungen auf dem Rasen in weite Ferne gerückt waren. Drei Jahre sind es, für die Barça-Fans Rijkaard immer dankbar sein werden: für den Aufbau in der Saison 2003/04 und die fette Ernte von fünf Titeln in den vierundzwanzig Monaten danach. Neben zwei spanischen Meisterschaften sowie zwei spanischen Supercopas trat 2006 als Krönung der Gewinn der Champions League. Hätte man es vorher gewusst, Rijkaard wäre gut beraten gewesen, damals mit frischem Lorbeer auf dem Haupt abzutreten und die Verwaltung des Rufs, das am schönsten spielende Team der Welt zu befehligen, einem anderen zu überlassen. Aber wer tut das schon? So machten sie alle weiter, etwas älter, müder und verwöhnter geworden, und nach weiteren vierundzwanzig Monaten hatten sie alles wieder vertändelt.“
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Duelle im Hamsterrad
Barbara Klimke (Berliner Zeitung) erwartet das knappe Saisonfinale in der Premier League mit einer Mischung aus Spannung und Langeweile: „Dass sich vier englische Klubs gegenseitig national wie international besiegen, ist faszinierend, und zwar bis zum Überdruss. Dreimal haben sich der FC Arsenal und Liverpool binnen einer Aprilwoche beharkt, zweimal davon in der Champions League, einmal in der Liga. Zweimal spielen nun, seit Arsenal und Liverpool abgehängt sind, der FC Chelsea und Manchester United das Saisonfinale aus, in der Meisterschaft und im Europacup. Es sind Duelle im Hamsterrad mit Ball und 44 Beinen. In Schwung gebracht, in Bewegung gehalten, wird das Rad vom Geld: Der FC Chelsea und Manchester United sind nicht von ungefähr die mächtigsten Klubs der Liga. Die neureiche Londoner Truppe verdankt ihren ‚vulgären Wohlstand’ (Guardian), bekanntlich dem russischen Milliardär Roman Abramowitsch; Manchester United, inzwischen von den US-Investoren der Glazer-Familie übernommen, ist dagegen fast schon alter Landadel.“
Bundesliga
Alte Schule
Matthias Wolf (FAZ) stellt uns Cottbus’ Trainer als harte und clevere Führungskraft mit Hang zur Gemütlichkeit vor: „Seine Wutausbrüche fürchten die Spieler. Er hat schon einzelne Spieler zornig angebrüllt und in die Kabine geschickt. Die Osteuropäer, in der Überzahl bei Energie, knöpft er sich auch gerne mal auf Serbokroatisch vor – und übersetzt es dann ins Deutsche, die Amtssprache bei Energie, die er täglich besser beherrscht. Abseits des Platzes wirkt Bojan Prasnikar wie der nette Onkel. Einer, der gerne in einem Thermalbad planscht, in dörflicher Umgebung im Spreewald wohnt und dessen größter Wunsch – neben dem Klassenerhalt – ein eigenes Fahrrad ist. Genau so einen Typ der Extreme, betont Lepsch, hätten sie gebraucht in der Lausitz. Unter Prasnikars Vorgänger Petrik Sander, so Kapitän Timo Rost, habe zuletzt jeder Spieler gemacht, was er wollte. Lethargie hatte viele erfasst. Prasnikar ist ein Malocher, der selbst nach Triumphen wie gegen Bayern München nicht feiert, sondern gleich heimfährt und sich die Videobänder vom nächsten Gegner anschaut. (…) Prasnikar landete eher zufällig in der Lausitz. Aus Journalisten- und Spielerberaterkreisen kam der Tipp, dass in dem kleinen Dorf Smartno ob Paki eine große Trainernummer sitze, die auf die Bundesliga brenne. Seitdem hat er in sieben Monaten immerhin 31 Punkte geholt, mit Methoden, über die sie anderswo die Nase rümpfen würden. Prasnikar ist ein Trainer der alten Schule. Von Athletikcoaches, Psychologen oder Ernährungsberatern hält er wenig – er bestimmt alleine.“
Wovor Cottbus verschont geblieben ist, erfahren wir dankenswerterweise auch von Wolf: „Mittlerweile machen viele in Cottbus drei Kreuze, dass Jürgen Kohler, der eigentlich schon zugesagt hatte, kurz vor Ultimo kalte Füße bekam. Wohl auch, weil einer wie Udo Lattek, in Unkenntnis der wahren Gründe für die Entlassung von Sander, betonte: Wer etwas auf sich halte, der heuere nicht in Cottbus an.“
Apartes Team
Christof Kneer (SZ) betrachtet das Werk in Wolfsburg: „Zwei Siege noch, und Felix Magath ist in Europa. Es ist Magaths stille Rache. Jahrelang haben sie ihn Schleifer geheißen und Quälix, und jetzt kehrt Quälix auf anderem Niveau zurück. Er quält jetzt keine Spieler mehr, er quält jetzt die Liga. Der Liga ist dieser VfL inzwischen so unheimlich wie Magath früher manchem Spieler unheimlich war. (…) Immer mehr zeigt sich, welch apartes Team sie da in Wolfsburg mit freundlicher Unterstützung des Sponsors vom Band gerollt haben.“
Freitag, 9. Mai 2008
Unterhaus
Mit jungen, unverbrauchten Kräften
Richard Leipold (FAZ) erläutert die Erfolgsstrategie Borussia Mönchengladbachs: „Anfangs unterschätzt, zumal nach einem schwachen Start, setzten die Gladbacher sich souverän an die Spitze eines überdurchschnittlich starken Kandidatenfeldes. Seit dem 9. Spieltag stehen die Rheinländer an der Tabellenspitze. Ob sie wie angestrebt Zweitligameister werden oder nicht: Die vorzeitige Rückkehr ins Oberhaus ist der Erfolg einer geänderten Strategie. Der Abstieg zwang die Geschäftsführung zur Abkehr von dem Konzept, mit großen Trainernamen und – gemessen am Bundesligamittelstand – zu teuren Spielertransfers den Erfolg erkaufen zu wollen. Das Scheitern dieses ungeduldigen Versuchs bot jungen, unverbrauchten Kräften wie Cheftrainer Jos Luhukay und Sportdirektor Christian Ziege die Chance, bei einem großen Traditionsverein ins Geschäft einzusteigen.“
BLZ: Jenseits von Köln – Gladbachs Aufstieg ist das Ergebnis neuer Harmonie
Bundesliga
Wer so zutritt, muss vom Platz gestellt werden
32. Spieltag, Teil 2: Fassungslosigkeit in der Presse über a) Tim Wieses Foul, b) des Schiedsrichters Milde und c) die Bremer Uneinsichtigkeit / Anerkennung aber auch Liebesentzug für die grimmig siegenden Bremer / Nürnberg, schön und diesmal erfolgreich, genießt Zuneigung / Wolfsburg, von wegen Erfolgsstory / Leverkusen im Stimmungsloch
Frank Heike (FAZ) fordert die Rote Karte für Tim Wiese, fühlt sich von dem Fight zwischen Hamburg und Bremen aber nicht schlecht unterhalten: „Wer so zutritt wie der Bremer Torwart, muss vom Platz gestellt werden. Es war für die Hamburger eine bittere Note, dass Wiese bleiben durfte, danach famos hielt und Werder ein 1:0 in diesem knallharten und elektrisierenden Nordderby sicherte, das ausgiebig bejubelt wurde. Mit etwas Abstand von diesem Kampf wird man vor allem Thomas Schaaf als Gewinner sehen: Vor Wochen noch wurde er angeklagt, er lasse seine Mannschaft ohne Absicherung sorglos nach vorn spielen. Nun haben das mit Geduld herbeigeführte 2:0 gegen Cottbus und vor allem dieses in italienischer Manier erzwungene 1:0 von Hamburg die Trendwende zum Guten gebracht. Schaafs Mannschaft hat gezeigt, dass sie auch anders kann als schön, nämlich grimmig entschlossen. (…) Auch der HSV hatte ja zugelangt. Ohne Sanktionen blieben etwa die ausgefahrenen Ellbogen von Guerrero und Kompany gegen Wiese und Diego. Die überhitzte Atmosphäre trug sicher zur Härte bei. Die Eskalation der Auseinandersetzung war aber auch Schiedsrichter Wagner anzulasten. Er ließ zunächst alles laufen, ehe er Karte auf Karte verteilte. Da war ihm das Spiel schon aus den Händen geglitten. HSV gegen Werder, das ist seit einigen Jahren ein Spezialfall der Liga: nichts für schwache Nerven.“
Auch Jörg Marwedel (SZ) wendet sich ab: „Obwohl Tim Wiese den Aufstieg in die Spitzengruppe der brutalsten Torhüter-Attacken (u. a. Toni Schumacher gegen Battiston bei der WM 1982) geschafft hatte, erwiderte er nachher nur: Er habe als erstes den Ball getroffen; und warum gehe Olic ‚denn da hin’? Er müsse sich nicht entschuldigen, sagte Wiese, es sei ein ‚alltägliches’ Foul gewesen. Schiedsrichter Wagner wurde unabhängig von dieser Szene zu einem der Urheber dieses recht unappetitlichen Getretes. Erst ließ er eine gute halbe Stunde lang so viel durchgehen wie ein Chorleiter, der die falschen Töne einfach überhört. Dann wiederum zeigte er jedem zweiten Bremer eine Karte, zweimal gar die Rote. (…) Anders als sonst kam Werder diesmal wenig sympathisch rüber, dafür aber ausgesprochen erfolgreich.“
Karsten Doneck (Tagesspiegel) ergänzt: „Der SV Werder ist ein feiner, sympathischer, ein ruhiger Verein. Wie die Bremer aber mit dem Fall Wiese umgingen, war fast schon schäbig: keine wirkliche Empörung über Wieses Verhalten, keine vernünftige Entschuldigung, keine versöhnlichen Worte. Selbst Werders Sportdirektor Klaus Allofs, sonst ein Mann des Ausgleichs, fand nur Rechtfertigungen für seinen Torwart: ‚Wer das Spiel kennt, weiß, dass das keine Absicht war.’“
Sven Bremer (Berliner Zeitung) entzieht Bremen seine Liebe: „Werder hat nach dem Image-Schaden aus der Klasnic-Affäre noch einmal Kredit verspielt. Bremen hat in der laufenden Saison sieben Rote oder Gelb-Rote Karten kassiert. Das Bild der spielerisch brillanten Zauberfußballer hängt längst schief. Dass sie immer noch auf Platz 2 stehen, haben sie nicht – wie in den vergangenen Jahren – ihrem schönen Fußball zu verdanken, sondern der Tatsache, dass Konkurrenten wie Stuttgart, Hamburg oder Leverkusen noch weniger Souveränität an den Tag legen. Im Hinblick auf die Champions League, auch das hat das Spiel in Hamburg gezeigt, sind die Aussichten alles andere als rosig.“
Soeben erreichen uns die jüngsten Bilder aus dem Bremer Trainingslager
Qualität
Markus Schäflein (SZ) gefällt die Weise des 2:0-Siegs der Nürnberger gegen Duisburg und berichtet von einer Art süddeutscher Verbrüderung: „Der Club hatte wieder einmal verdeutlicht, dass es ein schlechter Witz wäre, wenn er mit dieser spielerischen Qualität drei anderen Mannschaften den Vortritt in die nächste Saison lassen würde. (…) Lange nicht mehr sind Meldungen über Tore der Münchner in Nürnberg so frenetisch bejubelt worden wie diesmal; als sie auf der Anzeigetafel auftauchten, wurde genauso euphorisch gefeiert wie bei den eigenen. Die Zuschauer in der Münchner Arena übrigens, das war die größere Überraschung, jubelten bei den Nürnberger Treffern ebenso.“
Keine Kür, sondern Pflicht
Schafft es Wolfsburg noch in den Uefa-Cup? Andreas Lesch (Berliner Zeitung) rückt das Verdienst Felix Magaths zurecht: „Der VfL Wolfsburg ist kein niedlicher Nischenklub, der über Jahre in beharrlicher, verdienstvoller Kleinarbeit an seiner Erfolgsgeschichte gebastelt hat. Er ist keine Überraschungsmannschaft aus der Provinz, die ewig unterschätzt worden ist und jetzt – huch! – plötzlich das Establishment ärgert. Er ist kein Emporkömmling, der anerkennende Schulterklopfer erwarten kann, weil er aus wenig viel macht und seine beschränkten Möglichkeiten ideal nutzt. Der VfL Wolfsburg ist das millionenschwere PR-Projekt des örtlichen Autohauses, und er hat in den vergangenen Jahren trotz eines relativ hohen Aufwands einen relativ geringen Ertrag erbracht. Vor dieser Saison hat der Klub in einem Akt der Verzweiflung Felix Magath zu einer Art Alleinherrscher gemacht. Magath hat Spieler für fast 30 Millionen Euro verpflichtet, mehr hat in der Liga nur der FC Bayern investiert. Für einen Verein, der so viel Geld ausgibt, ist ein Uefa-Cup-Platz am Saisonende keine Kür, sondern eine Pflicht. Es kann kaum als herausragende Leistung bezeichnet werden, dass der VfL jetzt Platz 7 belegt, wenn er zuvor eine kleine Weltauswahl zusammengekauft hat und auf dem Transfermarkt deutlich spendabler agiert hat als die besser positionierte Konkurrenz aus Bremen, Schalke, Hamburg und Stuttgart.“
Frohsinn abhandengekommen
Philipp Selldorf (SZ): „Inzwischen ist die Elf durch die Niederlagenserie moralisch demoliert, die zuverlässigsten Leute machen lächerliche Fehler. Nie zuvor in der Saison hat Simon Rolfes solche Irrläufer produziert wie gegen Hertha. Die Leverkusener Planer holt nun ein Irrtum ein: Sie hatten geglaubt, ihr Umbauprojekt nach der Luxus-Ära Calmund bereits vollendet zu haben. Das Kaderkonzept mit aussichtsreichen Spielern wie Adler, Kießling, Barnetta, Rolfes, Castro, demnächst Helmes schien früher aufzugehen als gedacht, bei Bayer wähnte man sich der Ligaelite schon nahe.“
Gregor Derichs (FAZ) rümpft die Nase vor dem Leverkusener Anhang: „Vor dem Spiel hatten die Fans mit einer bunten Fahnen- und Transparentaktion sowie fröhlichem Liedgut an den Uefa-Pokal-Triumph auf den Tag genau vor zwanzig Jahren erinnert. Der Arbeitskreis Stimmung ist beim Werksverein für solche Maßnahmen verantwortlich, stundenlange Bastelarbeiten waren nötig, um die Mannschaft für den Endspurt auf die internationalen Startplätze einzustimmen. Es dauerte kaum dreißig Minuten, dass dem Anhang jeder Frohsinn abhandenkam. Zur Halbzeit und zum Spielschluss pfiffen Tausende. Anhaltende Unterstützung erhielt die Mannschaft nie. Die Distanz zum eigenen Team ist ein altes Problem des Leverkusener Publikums, das aus früheren Glanzzeiten der Champions League verwöhnt ist. Mit ihrer Leistung konnte die Bayer-Mannschaft aber auch keine Begeisterungsstürme auslösen.“
Donnerstag, 8. Mai 2008
Bundesliga
Champions-League-Reife
32. Spieltag, Teil 1: Schalke präsentiert sich stark / T-Fragen in Dortmund und Stuttgart / Hansa Rostock und Frank Pagelsdorf gleiten widerstandslos der Zweiten Liga entgegen
Roland Zorn (FAZ) sieht Schalke nach dem 3:0 in Bochum in den sicheren Hafen einlaufen: „Konnten die Schalker im Vorjahr wie schon 2001 ihren Traum vom ersten Meistertitel seit 1958 nicht Wirklichkeit werden lassen, sind sie nun drauf und dran, ihren Saisonanspruch zu erfüllen. Der Viertelfinalist dieser Champions-League-Runde ist inzwischen stabil genug, seine erreichbaren Ziele umweglos mit harter Arbeit und viel Professionalität anzusteuern. Das bekam der VfL nach einer guten Anfangsphase überdeutlich zu spüren: Weder die Bochumer Härte noch die Gelegenheitskonter des VfL setzten den Ruhe bewahrenden Schalkern zu. (…) Wenn Fred Rutten kommt, ist schon eine starke Mannschaft da, die auch ohne Titel allemal Champions-League-Reife besitzt und sich weiter steigern kann.“
Philipp Selldorf (SZ) fügt hinzu: „Alle sechs Straßenbahnduelle mit Bochum, Dortmund und Duisburg hat Schalke gewonnen. Im 50. Jahr ohne deutschen Meistertitel gibt’s als Trostpreis den virtuellen Ruhrpottlorbeer. Gezaubert hat Schalke nicht, selten schimmerte ein bisschen Glanz, etwa als Altintop links durchdribbelte und Rakitic das 2:0 auflegte. Aber das war auch ganz im Sinn der Trainer. Solide Facharbeit und drei Punkte für die Champions League waren gefragt, und den Auftrag hat die Elf anfänglich mühselig, später überzeugend erfüllt – allerdings gegen matte Bochumer. Nur Kevin Kuranyi versah eine undankbare Rolle, als vorgeschobene Angriffsspitze war er mehr mit Partisanenarbeit als mit Torschüssen beschäftigt.“
Ohne emotionalen Kredit
Freddie Röckenhaus (SZ) nimmt trotz des 3:2 gegen Stuttgart der Dortmunder Vereinsführung nicht ab, dass sie ihren Trainer über das Saisonende hinaus beschäftigen wolle: „Bei all dem Bestreiten blieb die Gewissheit zurück, dass Borussia Dortmund hinter den Kulissen sehr wohl den Trainermarkt abgrast. Thomas Doll hat das in dieser Klarheit offenbar noch niemand mitgeteilt. Er konnte einem fast leid tun. Auch für Doll dürfte spätestens an diesem Tag klar geworden sein, dass die Treuebekundungen aus der eigenen Chef-Etage nicht sehr viel wert sind. Vieles deutet darauf hin, dass Dortmund zunächst einen wirklich vorzeigbaren Ersatzmann finden will, statt den bisherigen Trainer Hals über Kopf zu entlassen. Zufrieden ist man mit der bisherigen Performance der Mannschaft unter Doll jedenfalls ganz und gar nicht. Doch nach den Turbulenzen der vergangenen Saison, als Hans-Joachim Watzke zunächst Bert van Marwijk und einige Wochen später Jürgen Röber aus dem Amt kegelte und man sich plötzlich in der Abstiegszone wiederfand, will der BVB-Boss auf keinen Fall wieder als Trainerkiller dastehen. Grotesk, dass solcherlei Sorge um die eigene, schon angeschlagene Reputation nun offenbar zu den wenig aufrichtigen Spielchen mit Doll führt. Der dürfte wohl nur dann in der kommenden Saison noch BVB-Trainer sein, wenn sich partout kein präsentabler neuer Mann finden ließe.“
Richard Leipold (FAZ) ergänzt und zeigt auf Stuttgarts Schwachstelle: „Anders als zuvor in Hamburg ist es Doll in Dortmund nicht gelungen, sich als Liebling der Medien einen emotionalen Überziehungskredit zu verschaffen. Außerdem hat er sich angeblich auf einen Vertrag eingelassen, der es dem Arbeitgeber erlaubt, jederzeit gegen Zahlung einer für Bundesligaverhältnisse moderaten Abfindung von 450.000 Euro die Trennung herbeizuführen. (…) Auch die Stuttgarter stehen vor einer heiklen T-Frage: Bei ihnen geht es nicht um den Trainer, sondern um den Torwart. Raphael Schäfer, als Nummer 1 verpflichtet und zwischendurch von Sven Ulreich ersetzt, machte keine sonderlich gute Figur. Mit einer merkwürdigen Schrittfolge ermöglichte er Alexander Frei einen Freistoßtreffer.“
Unglückliche Saison
Christof Kneer (SZ) leidet mit: „Schäfer hatte es rührend gut gemeint, er war bestens vorbereitet, er wusste, dass Frei seine Freistöße in zirka 100 Prozent aller Fälle über die Mauer hebt. Diesmal aber schoss Frei in die Torwartecke, nur leider war Schäfer da längst unterwegs ins entfernte Eck. Er hatte sich dramatisch verspekuliert. Noch schweigen sie eisern beim VfB, aber intern gilt es als ausgemacht, dass dieses Spiel das eine Spiel zu viel war. Der Neuzugang Schäfer, eigentlich ein sehr konkurrenzfähiger Torwart, hat ja eine unglückliche Saison hinter sich: Seit er im 2007er-Pokalfinale, noch im Nürnberger Trikot, eine Rote Karte für VfB-Stürmer Cacau forderte, ist er bei den Fans unten durch – inzwischen ist die Lage so verfahren, dass sich die Verantwortlichen in aller Stille wieder auf Torwartsuche begeben werden.“
Gräben zwischen Spielern, Fans und Trainer
Ronny Blaschke (FR) nimmt nach dem 0:3 in Hannover Rostocks Trainer in die Mangel: „Hansa droht die vielleicht größte Führungskrise seit den Chaosjahren Anfang der Neunziger. Verkörpert wird dieser Eindruck vor allem von Frank Pagelsdorf. Bis zu diesem Frühjahr hielt es kaum jemand für möglich, dass der Ruhm des Trainers, der die Rostocker zweimal in die Bundesliga geführt hatte, so schnell verblassen könnte. Ihm werden nun personelle und taktische Fehler vorgeworfen. Warum hielt er solange am glücklosen Stürmerzugang Victor Agali fest? Warum wechselte er den bereits verletzten Torwart Stefan Wächter in Cottbus (1:2) nicht aus und bemühte sich um die Sicherung des Remis? Weshalb trieb er die einst gelobte Teamverjüngung so sehr auf die Spitze, dass mittlerweile verächtlich vom Jugendwahn gesprochen wird? Schließlich waren es auch Emporkömmlinge wie Marc Stein, Kai Bülow oder Fin Bartels, die im letzten Drittel ihrer ersten Bundesligasaison dem Druck nicht gewachsen zu sein schienen. Pagelsdorf will das alles nicht erklären. Fans und Journalisten machen sich längst lustig über seine stoische Art der Problembewältigung. In Hannover wirkte es so, als wollte er an der Seitenlinie gleich ein Nickerchen halten. Diese Körpersprache übertrug sich auf den Rasen, keiner der Spieler schrie, gestikulierte, motivierte. Es mehren sich die Zeichen, dass sich die Wege von Hansa und Pagelsdorf nach der Saison trennen werden. Zu tief sind die Gräben zwischen Spielern, Fans und Trainer geworden.“
Mittwoch, 7. Mai 2008
Ascheplatz
Wie viel Kommerzialisierung macht der Fan mit?
Winand von Petersdorff warnt im Wirtschaftsteil der FAS vor dem bislang hauptsächlich englischen Trend, nach dem Fußballvereine von Investoren in Beschlag genommen werden: „Der Fußball verdankt seinen Zauber auch der Unberechenbarkeit und der Vorstellung, dass er durch Geld nicht korrumpiert werden kann. Die Hingabe der Fans hängt an der Hoffnung, dass das nächste Spiel gewonnen wird – allen Widrigkeiten zum Trotz. Diese Hoffnung degeneriert zum Selbstbetrug. Daran ändert selbst der Umverteilungsmechanismus wenig, den die Bundesliga und andere Ligen installiert haben, um die Ausgeglichenheit der Teams zu ermöglichen.“
Auch in seinem Fazit rückt er die Fans in den Mittelpunkt: „Eine große Unbekannte in den Kalkulationen der Fußballinvestoren bleibt der echte Fan, der Woche für Woche ins Stadion pilgert. Unwichtig ist er nicht, im Gegenteil. Seine Ticketausgaben sind noch das Geringste. Er sorgt für die Atmosphäre in der Arena und für die Attraktivität der Fernsehbilder, an denen wiederum die Sponsorengelder hängen. Aber wie viel Kommerzialisierung macht er mit? In England muss Manchester United mit einer wachsenden gut organisierten Protestgruppe leben: Sie kämpft gegen Ticketpreise, die in England deutlich über den deutschen liegen, und gegen den amerikanischen Investor. Dessen Kollegen bei Liverpool bekommen inzwischen regelmäßig Todesdrohungen von Liverpool-Anhängern, die den Klub wieder britisch machen wollen. Gefährlicher aber könnten die weniger leidenschaftlichen Fußballkonsumenten werden, die verschwinden, wenn Überraschungen ausbleiben. Sie machen inzwischen das Gros der Zuschauer aus, nachdem die Klubs sich erfolgreich bemühen, für Familien und Frauen anziehend zu sein. Tatsächlich steigen seit der WM die Zuschauerzahlen in Deutschland. Gewinnt aber immer Bayern München, stirbt der Reiz. Die verrückte Alternative lautet für das Team aus München: Man muss auch mal verlieren können. Eine noch radikalere Variante kommt vermutlich nicht in Frage: Abstiegskämpfe erweisen sich inzwischen als Zuschauermagneten. Der Spannung wegen.“
Welt: Als Bundesliga-Coach musste man bisher eigentlich keine Angst haben, auf Dauer vom Trainerkarussell zu fallen; doch inzwischen bleiben ältere Trainer wie Neururer, Wolf, Röber, Köstner oder Augehnthaler immer öfter auf der Strecke
Dienstag, 6. Mai 2008
Internationaler Fußball
Starsystem hat ausgedient
Real Madrid sichert sich frühzeitig, aber auf ungewohnte Weise, den spanischen Titel / Sanftes Lob für Trainer Bernd Schuster
Paul Ingendaay (FAZ) schildert die untypische Art, mit der Real Madrid in diesem Jahr Meister geworden ist und lobt die sanfte Menschenführung Bernd Schusters: „Keine Mannschaft hat so viele schlechte, verfahrene Partien noch nach Hause gebracht wie Real. Keine ist unter widrigen Umständen zu solchen Leistungssteigerungen bereit. Keine gefällt sich mit aufgekrempelten Ärmeln und heruntergerollten Stutzen besser. Und kein Team hat einen besseren Torwart. Iker Casillas, einer der meistbeschäftigten Hüter der Primera División, wird gemeinhin als Vater des neuen Titels angesehen, ein gutes Stück vor Kapitän Raúl, der mit 17 Treffern die beste Tormarke seit der Saison 2002/03 vorweisen kann. Auch Verteidiger Sergio Ramos war wieder eine der Stützen der Mannschaft. Und von Mittelfeldregisseur Guti lässt sich behaupten, dass er mit 31 Jahren die eindrucksvollste Spielzeit seiner langen Karriere hinter sich hat: Nicht ausländische Superstars, sondern die Madrider Eigengewächse haben die Wege zum Titel geebnet. Im Umgang mit seinen Spielern hat Bernd Schuster Geduld und Gerechtigkeit zum Prinzip erhoben. Das Starsystem, das in Barcelona gerade so viel Schaden anrichtet, hat beim Rekordmeister schon länger ausgedient. Irgendwann erhält jeder seine Chance. Vertut er sie, muss er warten, bis er wieder an der Reihe ist. Gerade jüngere Spieler wie Robinho, Sneijder, Gago oder Higuaín zeigten im Lauf der Saison starke Leistungsschwankungen. Doch allmählich weiß Schuster, wozu sie auf dem Spielfeld taugen, und beweist eine sichere Hand beim Mischen der Temperamente.“
Zum Hintergrund: Real gewann das entscheidende Match am Wochenende 2:1 in Osasuna, die beiden Tore fielen in der 87. und in der 89. Minute, also zu einer Zeit, da Real seit rund 40 Minuten in Unterzahl spielte, weil Fabio Cannavaro vom Feld gestellt wurde.
Javier Cáceres (SZ) gefällt die pragmatische Art Schusters, mit der er sein Team langsam und erfolgreich weiterentwickelt: „Die Basis, auf der Real Madrid seinen 31. Meistertitel errang, schuf Schusters Vorgänger Fabio Capello. Dessen Erbe behutsam verwaltet zu haben, ist das Hauptverdienst Schusters. Und es wäre ein Fehler, dies gering zu schätzen. Einem Ensemble, das stets um sein seelisches Gleichgewicht kämpft, so lange so viel Opferbereitschaft abzuringen, will erst einmal vollbracht sein. Das exzellente Spiel, das Präsident Ramón Calderón bei der Vorstellung Schusters eingeklagt hatte, ist die neue Generation Real Madrids zwar zu oft schuldig geblieben, als dass man von einer betörenden Elf sprechen könnte. Doch unbestritten bleibt, dass Madrid unter Schuster an Spielkultur hinzugewonnen hat. Größere Veränderungen waren schon deshalb nicht möglich, weil die handelnden Figuren im Spiel die Fußballer sind – die tragenden Gestalten bei Real Madrid waren weitgehend die gleichen wie im Vorjahr. Schuster selbst aber hat durch intelligentes Coaching einigen Spielen interessante Wendungen gegeben. Die letzten verbliebenen Zweifel an seiner Eignung als Coach des spanischen Rekordmeisters hat er mit dem Titel wohl endgültig beseitigt.“
Nivellierung nach unten
Ronald Reng (FR) hingegen entzieht Real seine Liebe: „Schusters Real sah an guten Tagen wie dem 5:0-Sieg in Villarreal oder 5:1 in Valencia wie die Zukunft des Fußballs aus. Zwei, drei klinisch präzise Pässe und Tor – so erledigten sie in zehn Sekunden die Gegner. Das Mittelfeld braucht Real nicht mehr. Dort wird nichts ausgearbeitet, nie hin und her gespielt; sie rasen mit ein, zwei Steilpässen hindurch. Doch selbst dann, in ihren besten Momenten, waren sie allenfalls zum Erschrecken schön. Ihr Fußball blieb kalt. (…) Die Madrilenen sind der passende Meister für diese Saison. Es war nicht das Prachtjahr des spanischen Fußballs.“
Georg Bucher (Neue Zürcher Zeitung) stellt allgemein fest: „In der Primera División setzt sich die Nivellierung nach unten fort. Symptome sind das Abtauchen herausragender Einzelspieler, striktere taktische Vorgaben, Angriffe aus zweiter Hand (Gegenstöße). Böse Zungen wittern hinter VIP-Fassaden schon eine Diktatur des Proletariats.“
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