Dienstag, 11. April 2006
Deutsche Elf
Großer Sportsmann
Roland Zorn (FAZ) achtet Oliver Kahns Entscheidung, bei der WM dabei zu sein: „In Ausnahmesituationen offenbaren sich Menschen. Oliver Kahn hat eine Ausnahmesituation verarbeiten müssen. Er hat die Aufgabe mit der Bravour eines gereiften Profis, eines ersten Dieners der Nationalmannschaft und eines sensiblen Menschen gelöst und steht nach den Stunden tiefer Enttäuschung und Verunsicherung schon jetzt als ein Gewinner der Weltmeisterschaft fest. Daß er auch als die neue Nummer 2 im deutschen Tor seinen Teil zum Gelingen des deutschen Unternehmens WM beitragen will, sich selbst und seine Befindlichkeit in den Hintergrund gerückt sehen möchte und zu einem positiven Auftreten der Nationalmannschaft seinen Beitrag leisten wird, ist mehr als nur ein großes Versprechen. Es zeigt sich darin auch die Einsicht eines großen Sportsmanns, persönliche Niederlagen nicht wichtiger zu nehmen als den möglichen Erfolg eines ganzen Teams. Es war der Tag, an dem Deutschland den Menschen Kahn besser kennen- und verstehen lernte. (…) Schade nur, daß sich Jürgen Klinsmann nicht mit der Vehemenz für einen Verbleib Kahns ausgesprochen hat, die jenseits aller taktischen Überlegungen angebracht gewesen wäre.“
Klinsmann ist den kritischen Geist nicht losgeworden
Stefan Osterhaus (NZZ) befaßt sich mit der Rolle Kahns bei der WM: „Es war der vielleicht eindrucksvollste Auftritt eines Spitzensportlers jenseits der Brandreden vom Format Völler, Klinsmann und Trapattoni. (…) Gleichzeitig durchkreuzte Kahn eventuelle Planspiele des Trainerstabes, wonach es für ihn undenkbar wäre, sich als Nummer 2 einzureihen. Klinsmann ist den kritischen Geist nicht losgeworden. Jetzt sitzt Kahn Lehmann mit Gönnermiene im Nacken und kann, wie er selbst bekundete, ohne Druck als wichtiger Mann fürs Nationalteam ins Turnier gehen, während die Presse Lehmann mit Röntgenaugen taxieren wird. Kahn wahrte somit die Möglichkeit, für einen weiteren Superlativ zu sorgen: Er dürfte an der WM zum meistbestaunten Ersatzspieler aller Zeiten werden.“
Ruck
Klaus Hoeltzenbein (SZ) reibt sich die Augen: „Mal ehrlich, wer hätte gedacht, dass die Erweckungsrede zur Weltmeisterschaft, die Ruckrede, von Oliver Kahn gehalten wird? Man hatte gedacht, Klinsmann sei der erste Ruckler seit Roman Herzog, er sei derjenige, der im Innovationsfieber keinen Stein auf dem anderen lässt. Und nun sagt Kahn: Schluss mit dem Gejammer im uneinig Fußball-Land! Schluss mit der Priorität für Eigeninteressen! Raus mit dem ‚zähen Kaugummi‘ – Ende der Debatte. Kahn hat, nimmt man ihn beim Wort, akzeptiert, was er, wie viele fürchten, nie akzeptieren würde: Er wird klaglos ertragen wollen, dass Rivale Lehmann im Tor steht, er wird versuchen, keine grimmige Miene zum neuen Spiel zu machen. Hält er das durch, wird man am Ende sagen können, er ist ein guter, sportlicher Verlierer in dieser variantenreichen Dramaturgie. Womöglich sollten alle aber zunächst Kahns Ruck-Idee folgen und versuchen, diese höllenschwere WM ein wenig leichter zu nehmen. (…) Ausgerechnet Kahn, von dem es hieß, er sage an den schlechten Tagen nicht Guten Tag und Guten Morgen.“ Helmut Schümann (Tsp) träumt eine Fußballutopie: „Lehmann hat kürzlich mal gesagt, dass er gerne Kahn London zeigen werde, wenn der sich plötzlich mal auf einen Sprung ansagt. Er hat auch hinzugefügt, dass er damit eher nicht rechne. Aber, wer weiß, vielleicht klingelt ja drüben auf der Insel das Telefon, und dann marschieren zwei gelöste und mit sich im Einklang befindliche Herren im mittleren Alter durch den Hyde-Park. Das könnte dann der Anfang einer wunderbaren Freundschaft sein. Und dies wäre dann die nächste Sensation.“
Geschickter Schachzug
Thomas Kilchenstein (FR) beargwöhnt Kahns Edelmut: „Was ist, wenn die Entscheidung aus reinem Kalkül gefallen ist? Allein seine pure Präsenz könnte erheblichen Sprengstoff bergen. Man mag sich gar nicht erst vorstellen, was die Kahn-freundlichen Medien für Sperrfeuer geben werden, sollte Lehmann Patzer unterlaufen. Kahn hat Klinsmann arg in die Bredouille gestürzt. Von Kalifornien aus zollte er Kahn zwar ein Riesenkompliment. Aber Klinsmann weiß auch, dass er nun den schwarzen Peter zugeschoben bekam. Will er wirklich einen Reservisten Kahn im Team haben? Einen, der vor Ehrgeiz schier zerfressen ist, einen, der stets polarisiert und garantiert keine Gelegenheit verpassen wird zu zeigen, dass er doch der bessere Torwart ist. Bislang ist Kahn nicht unbedingt als hilfsbereiter Mannschaftssportler aufgefallen. Doch kann es sich Klinsmann jetzt noch erlauben, Kahn mit den Argumenten von der Mannschaft fernzuhalten, dieser sei zu egoistisch und nicht teamfähig? Einfacher ist die Situation für Klinsmann nicht geworden. Kahn ist ein geschickter Schachzug gelungen. Jetzt ist er der Herausforderer. Er hat sogar mal gegrinst.“
Vergeltung?
Axel Kintzinger (FTD) mutmaßt: „Das könnte sich auszahlen. Kahn hatte über seine publizistischen Unterstützer bereits vor der Klinsmann-Entscheidung jammern lassen, dass ihm durch die unklare Situation millionenschwere Werbeverträge entgingen. Als beleidigte Leberwurst, der wegen Lehmanns Bevorzugung streikt, hätte sich sein Wert kaum gesteigert. (…) Es ist kein Geheimnis, dass der FC Bayern im Verbund mit der Bild-Zeitung nichts lieber sähe, als wenn Klinsmanns Amtszeit mit dieser WM enden würde – je früher, desto besser. Kahn könnte als Mitglied des Kaders mit gezielten Indiskretionen Stimmung machen gegen den Bundestrainer. Ohnehin wird ihm ein Kolumnistenjob bei dem Boulevardblatt für die WM nachgesagt. Kahn könnte Vergeltung üben für seine Degradierung, und Bild bewiese erstmals seit Jahren wieder die Fähigkeit, erfolgreich eine Kampagne zu fahren.“
SZ: Der unbekannte Kahn
SZ-Interview mit Uli Stein: „Vielleicht hat Kahns Entscheidung auch mit Werbeverträgen zu tun“
Mary Shelley’s Oliver Kahn
Der Fiver, der Fußball-Newsletter des Guardian, kommentiert das Zitat des Tages: „I‘ve come to the conclusion that it’s important for the national team for me to be there, despite my disappointment. The team, including Jens Lehmann, will have my full support. This can’t be about personal vanity“ – through gritted teeth, Mary Shelley’s Oliver Kahn agrees to go to the World Cup after all.“
Montag, 10. April 2006
Bundesliga
Konzeptlosigkeit in der Umbauphase
Werder Bremen–Bayern München 3:0
Philipp Selldorf (SZ) blickt in eine ungewisse Münchner Zukunft: „Mehr Sorge als neue Gefahren für den Gewinn des 20. Meistertitels bereitet den Verantwortlichen der in Frage gestellte Entwurf fürs Ganze. Schlagartig sind die Zweifel beim Spiel in Mailand ins Bewusstsein gelangt, seit dieser Desillusionierung ist außer dem selbstgewissen Rhythmus der Mannschaft auch das Urvertrauen im Verein gestört. Von der Vorsehung für die Konturen einer schönen Zukunft ist nicht mehr viel übrig: Der Kummer ums Stadion und den Partner TSV 1860 belastet die Finanzplanungen; sportlich herrscht Bedarf für eine neue Mannschaftsordnung: durch Makaays anhaltende, womöglich irreparable Betriebsstörung als Tormaschine und durch die Nachrichten von Ballacks Abschied, von Deislers Verletzung und von Kahns Demontage als nationale Leitfigur (die auch in München Folgen haben könnte). Während aber die rivalisierenden Teams aus Bremen, Schalke und Hamburg eine solide gewachsene und/oder kunstvoll montierte Struktur aufweisen, müssen die Bayern an den markanten Stellen ihre Elf komplettieren und offenbaren dabei ein erstaunliches Maß an Rat- und sogar Konzeptlosigkeit. Verwunderlich ist auch das Ausbleiben der Impulse von Felix Magath in dieser Umbauphase. Der Meistertitel ist den Münchnern wohl nicht mehr zu nehmen. Dann aber beginnt für Magath die größte Herausforderung seiner Zeit beim FC Bayern.“ Steffen Hudemann (Tsp) beschreibt die Pflicht der Bayern zu siegen: „Der FC Bayern wirkt wie ein Schwimmer, dem auf den letzten Metern die Puste ausgeht. Wenn sich die Münchner am Ende dennoch mit einem Vorsprung ins Ziel schleppen, wird die grandiose Hinrunde der Schlüssel zum Erfolg gewesen sein. (…) Der FC Bayern hat in dieser Saison nicht mehr viel zu gewinnen. Er kann nur noch verlieren.“
Gegen die Klischees
Einen Rollentausch stellt Stefan Osterhaus (NZZ) fest: „Früher, es ist nicht einmal zehn Jahre her, waren ihre Spiele so etwas wie die Duelle zweier Ideologien gewesen, grundverschieden im Ansatz und in der Ausführung, unabhängig von den jeweiligen Protagonisten Muster-Fälle der Polarisation: der knauserige Norden und der verschwenderische Süden; der polternde Manager (hofiert von obersten CSU-Kreisen) und der Mann mit dem SPD-Parteibuch auf der Gegenseite; der ausgefuchste Trainer (der ein Optimum aus den geringen Möglichkeiten holt) und sein Kollege, der freie Spielerwahl ohne Rücksicht aufs Budget hat. Die Rollen waren zementiert, so sehr, dass sie zum Klischee wurden, das noch immer strapaziert wird, wenn Bremen und der FC Bayern aufeinander treffen, und vielleicht bedurfte es eines Fussballspiels beider Teams, um zu illustrieren, dass sich etwas geändert hat. Am Wochenende schlüpfte Bremen in die Rolle des mondänen Kontrahenten, liess München einfach die bessere, weil engagiertere Mannschaft sein und das Spiel gestalten. Es kümmerte die Bremer nicht, dass sie vom Pech der Bayern profitiert hatten, da Schweinsteiger ein Eigentor erzielt hatte. Und dann, als der Gegner alles auf die Karte Angriff setzte, blieb viel Raum für Konter – ernüchternd für die Unterlegenen, die alles versucht hatten; die Gegner der Münchner kennen dieses Gefühl sehr genau.“
Perpetuum Mobile
Ralf Wiegand (SZ) ergänzt und applaudiert Miroslav Klose: „Wann hat wohl jemals eine Mannschaft schlechter gegen die Bayern gespielt, aber ähnlich hoch gewonnen? Welle um Welle rollte nach dem Seitenwechsel auf das Bremer Tor, vor dem sich zwar auch alle Werderaner versammelt hatten, jedoch ohne sich vorher einen Plan dafür zurechtzulegen. Es war eher ein Happening der Hilflosigkeit, weshalb den Bayern trotz gleicher Spieleranzahl ein sehr ansehnliches Überzahlspiel gelang: Irgendwo stand immer einer frei. Die Angreifer der Münchner wirkten eher wie Stoßdämpfer aufs Spiel der eigenen Mannschaft. Aller Druck, den der Tabellenführer auf die Bremer ausübte, federten die gut gelaunten, aber unbedarften Stürmer mit ihren unpräzisen Abschlüssen wieder ab, wenn sie nicht gleich ins Abseits liefen. (…) Inzwischen haben die Bremer auch nach dem Ausfall aller Systeme – Frank Baumann und Torsten Frings fehlten von Anfang an, Johan Micoud gleich nach der Pause – noch ein Notstromaggregat, auf das sie sich verlassen können: Miroslav Klose. Der Nationalstürmer scheint über eine Art inneres Perpetuum Mobile zu verfügen, er summt auch übers schwerste Geläuf wie eine Libelle und kann sogar in einer Partie gegen den FC Bayern den Unterschied zu Gunsten Werders ausmachen.“
VfB Stuttgart–1. FC Nürnberg 1:0
Leblose Mannschaft
Christof Kneer (SZ) muß nach positiven Zeilen und Zeichen für Stuttgart suchen: „Sensation in der 80. Minute: Endlich hatte man den Spieler Jon Dahl Tomasson entdeckt, von dem der Aufstellungsbogen schon die ganze Zeit behauptet hatte, er würde mitspielen. Es war die Szene, die die Geschichte dieses Spiels einmal um die eigene Achse drehte. Bis zu dieser Szene musste Armin Veh als Verlierer gelten; seine Elf hatte ordentlich gekämpft bis dahin, aber eher erschütternd kombiniert, und dann hatte Veh statt des unsichtbaren Tomasson auch noch den sehr aktiven Ljuboja vom Feld geholt. Die Zuschauer pfiffen empört, und Ljuboja blieb noch eine Weile auf dem Rasen, weil er es gar nicht glauben konnte. ‚Ich habe aber keine Sekunde daran gedacht, Jon Dahl auszuwechseln‘, sagte Veh, ‚ich kann das nicht erklären, ich hatte das einfach im Gefühl.‘ Es ist immer eine gute Geschichte, wenn Trainer mit magischen Mächten im Bunde stehen; in diesem Fall aber ist die Geschichte besonders spannend, weil dieser Trainer sich zurzeit um einen Job bewerben muss, den er schon hat. (…) Wieder mal ist das Spiel der Mannschaft ein Hilferuf gewesen: Gebt uns eine neue Struktur! Baut unseren Kader um! Manchmal kann man in Überzahl besonders viel über eine Elf lernen, und es war ernüchternd zu sehen, wie der VfB auf die umstrittene gelb-rote Karte für Nürnbergs Glauber reagierte. Die Mannschaft weiß gar nicht mehr, wie Druck machen geht, sie kann nicht mehr kreativ spielen und nicht mehr schnell. Der einzige, der noch Risiken eingeht, ist Trainer Veh.“ Auch Oliver Trust (FAZ) kann dem Stuttgarter Sieg nichts abgewinnen: „Der VfB präsentierte sich als leblose Mannschaft, die kein Feuer mehr entfachen kann, weil sich eine bisher verkorkste Saison als zu schwere Last erweist, um nach Giovanni Trapattonis Rauswurf mit Veh einen Neuanfang zu schaffen. Alles präsentiert sich bei den Stuttgartern derzeit als großes Fragezeichen. Dazu gehören weitreichende Veränderungen beim spielenden Personal, die unumgänglich erscheinen, sowie Vehs Zukunft.“
Borussia Dortmund–Bayer Leverkusen 1:2
Balletttänzer auf dem Bauernball
Felix Meininghaus (FTD) würdigt die Leistung Dimitar Berbatovs: „Wer Berbatov hat spielen sehen, weiß, warum die Begehrlichkeiten so groß sind. Wie ein Balletttänzer auf dem Bauernball bewegte sich Berbatov durch die Dortmunder Abwehrreihe und stürzte seine Widersacher von einer Verlegenheit in die nächste.“ Daniel Theweleit (BLZ) erkennt Leverkusen kaum wieder: „Wochen, ja Monate war diese Mannschaft damit beschäftigt, eine neue Identität zu finden, man fragte sich schon, ob Michael Skibbe der richtige Trainer ist für dieses zur Lethargie neigende Team. Doch nun vermittelt die Mannschaft eine Ahnung, wie das Bayer Leverkusen der Zukunft aussehen könnte.“
Freddie Röckenhaus (SZ) berichtet von einer Dortmunder Wohnsitzdebatte: „Zwar ist es van Marwijk gelungen, dem BVB nach den frustrierenden Sammer-Jahren so etwas wie Spielkultur zu geben, aber um den Preis hoher Ausrechenbarkeit. Schon nach der schwachen Leistung in Gladbach hatte BVB-Präsident Reinhard Rauball ungewöhnlich deutlich moniert, dass die Spielweise in keiner Relation zur personell immer noch hochkarätigen Besetzung stehe. Ein deutlicher Seitenhieb auf van Marwijk, der zwar mit seiner coolen Art sowie zwei trainingsfreien Tagen in der Woche gut bei den Spielern ankommt, dem aber intern bei jeder kleineren Misserfolgsserie vorgehalten wird, viel zu wenig in Dortmund präsent zu sein und die Bundesliga nach wie vor nicht gut genug zu kennen. Van Marwijk lebt praktisch in Holland und das Studium von Gegnern hält er ausdrücklich für vernachlässigenswert.“
1. FC Kaiserslautern–Hertha BSC Berlin 0:2
Verwalter des Kläglichen
Gerd Schneider (FAZ) sieht schwarz für Kaiserslautern: „Die Pfälzer Anhänger machten sich so konsterniert auf den Heimweg, als hätten sie jegliche Hoffnung auf eine erstklassige Zukunft verloren. Dabei sind die Fans des 1. FC Kaiserslautern hart im Nehmen geworden. Der sportliche und finanzielle Niedergang ihrer Mannschaft dauert ja schon ein paar Jahre; er hat Spuren hinterlassen. Die Pfälzer Kundschaft ist inzwischen leicht zufriedenzustellen. Jede halbwegs gelungene Aktion beklatschen sie in Kaiserslautern dankbar, und über technische Unzulänglichkeiten sehen sie mild hinweg. Aber das, was sie in der Partie gegen die keineswegs entschlossen auftretenden oder brillant spielenden Berliner geboten bekamen, war kaum zu ertragen. Die Lauterer spielten so schwach, daß der Auftritt der Hertha auf dem einstmals gefürchteten Betzenberg zu einem Spaziergang geriet. (…) Schwer zu sagen, welchen Anteil Wolfgang Wolf am Lauterer Fußball-Elend hat. Er ist wohl nicht besonders groß. Der frühere Pfälzer Profi übernahm die Mannschaft im Winter von seinem entlassenen Vorgänger Michael Henke, und vermutlich hatte auch der kaum Einfluß auf die Zusammenstellung des Kaders.“ Jürgen Heide (FR) fügt hinzu: „Wie schlecht darf man eigentlich sein, um weiter mitspielen zu dürfen in der Eliteklasse des deutschen Fußballs? Der 1. FC Kaiserslautern bedient allenfalls die Ansprüche eines durchschnittlichen Zweitligisten. Spielerisch wie läuferisch mangelt es dieser Mannschaft an einem Niveau, das wirklich darauf hoffen lässt, die Klasse noch zu halten.“ Tobias Schächter (SZ) sieht das ähnlich: „So langsam geht auch Wolfgang Wolf das Pathos aus. Aus eigener Kraft schafft diese überforderte Mannschaft das Ziel nicht. Die kleine Siegesserie im März entpuppt sich immer mehr als ein letzter Kraftakt notorisch Überforderter. Wolf weiß das, er ist ein Verwalter des Kläglichen. Gegen Hertha hatten sie es nur der Berliner Leichtfertigkeit zu verdanken, dass sie nicht ein Debakel erlebten.“
FSV Mainz 05–Hannover 96 0:0
Blockiert
Ulrich Hartmann (SZ) sorgt sich um Mainz: „Der Mainzer Spaßfußball driftet in eine Melancholie. Seit ihren Kriminalstücken im Aufstiegskampf der zweiten Liga sowie dem Abstiegskampf im vergangenen Jahr nennen die Mainzer erhöhten Druck gern als Wettbewerbsvorteil, doch seit drei Spielen wirken sie blockiert.“
1. FC Köln–VfL Wolfsburg 3:0
Zuversicht?
Eine Ewigkeit fühlt Christoph Biermann (SZ) verstreichen: „203 Tage waren seit dem letzten Heimsieg vergangen. Damals, am 17. September 2005, konnte man über eine Rede von Bundesaußenminister Joschka Fischer vor der UN und vom Versuch der Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf lesen, einen Benimmkodex für First Ladys zu etablieren. Fürs Wochenende wurde erstmals kühles Herbstwetter angekündigt, aber im Kölner Stadion hatte die Sonne geschienen, als Björn Schlicke und Lukas Podolski beim 2:1 gegen Mönchengladbach die Siegtreffer erzielten. Der 1. FC Köln rückte auf den 5. Tabellenplatz vor, und niemand ahnte, welche Leiden folgen würden. (…) Klassenerhalt? Kölns Chancen bleiben winzig, aber es ist wenigstens nicht mehr absurd, darüber zu sprechen.“ Gregor Derichs (FAZ) achtet auf die Aussagen der beiden Trainer: „Gegenüber seinen Spielern schürt Hanspeter Latour Zuversicht. Die Mannschaft, die bisher noch nie einen völlig hoffnungslosen Eindruck hinterlassen hatte, stemmt sich mit großem Engagement gegen den Abstieg. Dies wird als Latours Verdienst eingestuft. (…) Klaus Augenthalers Verweis auf die gute Arbeitseinstellung seiner Spieler überraschte nicht wenige Beobachter. Denn die kämpferische Einstellung entsprach nicht der eines Abstiegskandidaten. Daß viele Spieler den VfL bei einem Abstieg ablösefrei verlassen können, könnte noch fatale Auswirkungen haben. “
Arminia Bielefeld–Eintracht Frankfurt 1:0
Freude und Vorfreude
Roland Zorn (FAZ) schildert die Stimmungsunterschiede beider Klubs, bevor sie diese Woche im Pokal erneut aufeinandertreffen: „‘Jetzt ziehen wir auch in das Pokalfinale ein‘, machte sich Michael Fink zum Sprecher der erstaunlich robusten, überaus widerstandsfähigen Minimalisten vom Teutoburger Wald. Fink, der in der kommenden Saison für die Eintracht spielen wird, gehört zu den wichtigsten Mitarbeitern einer der stärksten Defensivformationen der Bundesliga. Arminia Bielefeld hat mit acht Toren und zehn Gegentreffern in der Rückrunde 17 Punkte erobert – das deutet auf schmucklose Wertarbeit mit hoher Prägekraft. Während die Anhänger des vor der dritten Erstligasaison nacheinander stehenden Deutschen Sport-Clubs mit den Profis einen Tag der Freude und Vorfreude feierten und am Dienstag in stattlicher Zahl – rund 5.000 Arminen-Fans werden in Frankfurt erwartet – gen Hessen aufbrechen werden, herrschte bei der Eintracht ein Stimmungsgemisch aus Niedergeschlagenheit und Widerstandsoptimismus.“
taz: Der Holocaust-Leugner, Israelfeind und iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad dürfe ‚gern zur WM nach Deutschland kommen‘, sagt Wolfgang Schäuble. Ist Ahmadinedschad ein willkommener Fußballfreund?
Deutsche Elf
Niederträchtig und hinterhältig
Am deutschen Fußballstammtisch, für den stellvertretend die Altherrenrunde im DSF steht, stellt man sich immerzu die Frage: Was hat Jürgen Klinsmann falsch gemacht? Diese Querulanten, man könnte ja auch mal fragen: Was hat Jürgen Klinsmann richtig gemacht? Diese Offenheit im Kopf ist anscheinend zu viel verlangt, zumindest wenn es um ihren Titan geht. An zwei Punkten läßt sich die Schlichtheit der Argumente der Klinsmann-Gegner illustrieren:
1. Klinsmanns Wahl sei „abgekartet“, die Entscheidung für Lehmann stehe schon seit August 2004 fest. Begründet wird das, auch in der SZ, mit den vielen Maßnahmen Klinsmanns, Kahn zu degradieren: Absetzung als Kapitän, Torwartrotation, Absetzung Sepp Maiers als Torwarttrainer, nach Warnung, wohlgemerkt. Aber das sind doch alles Zeichen dafür, daß Klinsmann von Beginn an mit offenen Karten gespielt hat. Der Vorwurf wäre stichhaltiger, wenn er Kahn im sicheren Glauben gelassen hätte, die Nummer 1 zu sein. Vielmehr ist es ein weiterer Beleg für Kahns Hybris, daß er all die Signale überhört hat. Zudem wollen Lattekmatthäusbildzeitung ihren Vorwurf mit dem Grund untermauern, den Klinsmann als entscheidenden für Lehmann anführt: Daß Lehmann besser ins Spielsystem passe, hätte Klinsmann doch schon von Beginn an wissen müssen. Warum das denn? Eine solche Erkenntnis muß, zumal bei einem jungen Trainer, auch erst reifen.
2. Nun werfen sie Klinsmann wieder den falschen Zeitpunkt vor: Dieses Mal soll es zu früh gewesen sein, schließlich habe Klinsmann immer den Mai als Termin genannt. Daß er bereits jetzt handelt, wird als Kalkül gewertet, denn die Stimmung steht gut dafür. Selbst wenn das stimmen würde, wäre dies kein essenzieller Vorwurf, so viel Spürsinn würde man jedem anderen Trainer als Geschick auslegen. Doch was ärgerlich ist: Derselbe Lattek, der vor einer Woche gefordert hat, Klinsmann solle bitteschön auf den Wunsch der Bayern und der Liga hören und sich endlich festlegen, kritisiert ihn nun dafür. Wie soll man das anders nennen als niederträchtig und hinterhältig?
Klinsmann hat alles richtig gemacht, vielleicht hätte er sich nicht unbedingt einen Tag vor dem Bremen-Spiel festlegen müssen, zumal wir nun in keiner Zeitung von heute die Freude darüber lesen, daß wieder etwas Spannung in die Bundesligaspitze einkehrt. Der Meistertitel wird nicht schon vor Ostern vergeben, wie viele Zeitungen monatelang klagten. Das ist doch großartig! Wo bleibt die Revision Ihres Pessimismus, liebe Redakteure?
Stimmungsterror
Thomas Pany (Telepolis) imponiert der Mut Jürgen Klinsmanns: „Kalifornien-Jürgen hat sich zum kühnen Helden gemacht, weil er gewagt hat, was sich deutsche Führungspolitiker nicht trauen: Der Bildzeitung einen Handschuh hinwerfen – und gleich ein ganzes Paar, lässig. Klinsmann tun die längeren USA-Aufenthalte offensichtlich gut. Endlich werden ein paar Fenster in der deutschen Fußball-Bierschenke aufgemacht, und dem Stammtisch- und Funktionärsmief strömt frische Luft entgegen. Wie viele warten jetzt darauf, dass sich die Klinsi-Neuerungen als Desaster herausstellen? Ist die von der Bildzeitung geschürte Abneigung gegen Klinsmann stärker als der Wille zum Erfolg? Die deutsche Selbstgeißelung soll ja zu allerhand fähig sein, gerade auf Seiten derjenigen, die das Beste so unbedingt wollen. Oder wird nach einem weiteren Malheur in der Vorbereitung doch noch der Kaiser gerufen, natürlich von Bild? (…) Der anhebende Boulevard-Bocksgesang zur Weltmeisterschaft ist vor allem Stimmungsterror, dem sich kaum einer entziehen kann, der sich mit archaischer Gewalt einzelne Personen vornimmt. Dass Klinsmann mit amerikanisch aufgefrischtem Sportsgeist den Kampf gegen die verholzten Bastionen Fußballdeutschlands und dessen Staatszeitung aufnimmt, verheißt dann doch Hoffnung in einer Angelegenheit, die einen schon Wochen vor Beginn so zu zermürben schien wie Heimatabende mit Hansi Hinterseer.“
Unverfroren
Bei den Bayern und der Bild-Zeitung rechnet Jörg Kramer (Spiegel) immer mit allem: „Das Münchner Gepolter über vermeintlichen ‚Psychoterror‘ lässt für die WM kein gedeihliches Klima erwarten. Das Ultimatum aus München belegt die Unmöglichkeit, unter den immer mächtigeren Bayern heute Bundestrainer zu sein. Je deutlicher sie den nationalen Fußballbetrieb beherrschen und je erfolgloser die DFB-Elite durch die Fußballwelt geistert, desto unverfrorener kommentieren sie jede Handlung und jede Trainingseinheit der DFB-Leute, sobald ihre Clubinteressen berührt sind. Oliver Kahn zählt nun die fragwürdigen Freunde, die ihm einen Bärendienst erwiesen. Die Bild-Zeitung hatte dem Rivalen Lehmann im Endspurt eine Hinterhältigkeit anhängen wollen. Am Mittwoch veröffentlichte das Blatt Auszüge eines Lehmann-Interviews aus Brasilien. Demnach wisse Lehmann schon, dass sich Klinsmann entschieden habe. Überschrift: ‚Torwart-Chaos eskaliert‘. Tatsächlich war im fraglichen Interview mit dem Internet-Dienst ‚GloboEsporte‘ von einer getroffenen Entscheidung nur in einer Frage die Rede. Lehmann sagte dazu nichts. Auch die Hilfestellung des Teamgefährten Michael Ballack war für Kahn im Rückblick nichts wert. Die Äußerung des DFB-Kapitäns, Klinsmann kenne seine Meinung, war als Parteinahme gewertet worden – für Kahn. Schon damals raunte ein Ballack-Intimus aus dem Umfeld der Nationalmannschaft allerdings: Auf Kahns Seite stehe der nach England abwandernde Star nur offiziell – und nur, ’solange er im gleichen Verein spielt‘.“ Heinz-Wilhelm Bertram (BLZ) fügt an: „Die Heftigkeit der Reaktionen machte deutlich, dass die Demission für Uli Hoeneß die größte politische Niederlage ist, die er seit seinem Amtsantritt im Jahr 1979 hinnehmen musste. Hoeneß überzog den Verursacher von Kahns Degradierung mit Spott, den er gar nicht früh genug loswerden konnte. (…) Zwischen den Bayern und Klinsmann war das Verhältnis immer schwierig, besser: Eigentlich war es nie eines.“
Sachlichkeit
Höchst lesenswert! Armin Lehmann (TspaS/Seite 3) verweist auf die alte, gute Torwartschule Deutschlands und beklagt mit Blick auf Oliver Kahn die Entwurzelung der auf Sepp Herberger folgenden Torwart- und Torwarttrainergenerationen: „Sepp Maier redet nicht gern über die Schwächen von Oliver Kahn. Manche, die ein bisschen was verstehen vom Torwartspiel, sagen: Kahn sei kein guter Fußballer, er könne nur mit dem rechten Fuß spielen, er falle zu schnell nach hinten weg anstatt stehen zu bleiben, wenn ein Stürmer auf ihn zukommt und schießt. Als Kaka vom AC Mailand das 4:1 aus spitzem Winkel erzielte, über Kahns Hände hinweg, hieß es: unhaltbar. Aber man kann das auch anders sehen. Sepp Maier nimmt einen Stift und zeichnet die Situation nach, dort Kaka, hier Kahn, der Winkel ist sehr spitz, man kann das auf der Zeichnung gut sehen, wenn Kahn stehen bleibt, schießt Kaka ihn an, aber Kahn schmeißt sich nach hinten weg, der Winkel wird wieder größer und das Tor freier. ‚Ich rede immer, schmeiß dich vor den Stürmer oder bleib lange stehen!‘ Maier hebt die Schultern: ‚Man kann dem Olli nichts mehr beibringen.‘ Maier erzählt das nicht, um Kahn bloßzustellen, er will sagen: ‚Mit 36 kannst du dich nicht mehr ändern.‘ Das ist ein überraschender Satz, man hatte von Kahn immer anderes gehört. Kahn sagt über sich, ‚ich wollte immer lernen, lernen, lernen‘. Er hat mit seiner Besessenheit kokettiert, seinem mangelnden Talent, ‚es wäre mir zu langweilig gewesen, mehr Talent zu haben‘. Maier wird Recht haben, man kann Kahn nichts mehr beibringen. Jens Lehmann, so alt wie sein Rivale, hat eingestanden, dass er auch einmal aufgehört hatte zu lernen. Da war er schon in London, und sein Trainer hatte ihn auf die Ersatzbank gesetzt. Lehmann sagt: ‚Erst auf der Bank habe ich wieder über mein Spiel nachgedacht.‘ Er stellte fest, dass er nur noch auf der Linie klebte, kaum mitspielte, den Anforderungen eines offensiven Spiels nicht nachkam. Lehmann war damals schon über 30. In den 50er und 60er Jahren wurde man zum Lernen verpflichtet. Damals gab es keine Profis, gute Torhüter schon. Hans Tilkowski stammt aus dieser Zeit, er sitzt im Dortmunder Rathaus-Café und redet über seine Lieblingslehre beim Torwartspiel: Sachlichkeit. Und über den größten Förderer dieser Lehre: Sepp Herberger. Tilkowski hält Herberger für den ersten ‚Wissenschaftler des Torwarttrainings‘. Herbergers Wort war Gesetz. Herberger verlangte, der Torwart müsse der erste Aufbauspieler sein, er müsse technisch gut Fußball spielen können, obwohl es die Rückpassregel noch gar nicht gab. Tilkowski weiß, dass im heutigen Fußball der mitspielende Torwart als modern gilt, aber das Wort ‚modern‘ benutzt er als Schimpfwort. Was heute modern sein soll, sagt Tilkowski, ‚hat schon Herberger gepredigt‘. Heute könnten die Torhüter einfachste Dinge nicht mehr, Abschläge mit dem Fuß, die auch beim eigenen Mann landen, oder so fausten, dass der Ball direkt auf die Außenbahn gelangt und so den Gegenangriff einleitet. Herberger hat am Pendel trainieren lassen, penetrant schrieb er den Bewegungsablauf für das Fausten vor. Und er gab Hausarbeiten auf. Stundenlang musste der Torwart den Ball per Dropkick abschlagen, weil Herberger überzeugt war, dass der Ball durch die flachere Flugbahn für die Stürmer besser zu kontrollieren ist als ein Abschlag aus der Luft. Tilkowski war berühmt für seine genauen Abschläge, er verkneift sich nicht den Hinweis, dass Oliver Kahn den Ball immer sehr weit, aber auch sehr steil in die Luft dresche, ‚da kommt ja Schnee mit runter‘. (…) Bis heute hat der DFB, mächtigster Verband der Welt, keine systematische Torwartausbildung. Nur Autodidakten. Oliver Kahn hat seinen Beruf erlernt, als es noch keine Viererkette in Deutschland gab und er den Rückpass noch mit der Hand aufnehmen durfte. Damals spielten die Deutschen noch mit Libero und vernachlässigten die Talentförderung. Sie legten auch keinen Wert mehr darauf, dass der Torwart gut Fußball spielen kann, sie legten noch nicht einmal Wert darauf, dass Verteidiger gut Fußball spielen können. Lehmann ging ins Ausland und wurde besser. Kahn blieb und dachte, er sei eine Art Nummer 1 auf Lebenszeit.“
Verzicht
Kahn solle auf die WM verzichten, fordert Matti Lieske (BLZ): „Kahn als Ersatztorwart mit zur WM zu nehmen, das ist, als würde man Gerhard Schröder zum Kanzlerberater ernennen. Der Wert des Münchners für eine Mannschaft entfaltet sich auf dem Platz, nicht beim Training oder Small-Talk am Abendbrottisch. Nimmt man ihm seine Domäne, wird er zum Ballast. Hinzu kommt, dass Kahn dem Bundestrainer dessen große Worte und Entwürfe nie abgekauft hat. Dafür kennt er ihn zu gut aus alten Zeiten beim DFB-Team und beim FC Bayern. Meist hielt er sich zurück, doch manchmal, wenn er wieder ein paar Gegentore zu viel kassiert hatte, brach die Verachtung für Klinsmanns Propagierung des Hurra-Fußballs aus ihm heraus. Klinsmanns ambitioniertes ‚Projekt‘, ein verschworenes Team zu basteln, das Weltmeister werden kann, hängt jedoch maßgeblich von bedingungsloser Identifikation ab. Was er überhaupt nicht gebrauchen kann, ist ein Skeptiker in den eigenen Reihen.“ Peter Heß (FAZ) hegt den gleichen Wunsch: „Schon als unumstrittener Herrscher im Tor war Kahn nicht uneingeschränkt teamfähig. Seine Zurücksetzung hat damit zu tun. Vergleicht man alle Faktoren, ist der Münchner nur in zwei Punkten schwächer als Lehmann: im Zwischenmenschlichen und im Herauslaufen. Beides sind jedoch extrem wichtige Fähigkeiten bei einem Team mit fragiler Viererkette und zerbrechlichem Selbstbewußtsein. Mit einem schnellen WM-Verzicht würde Kahn dem deutschen Fußball am meisten dienen. Nur so herrschte Ruhe im Tor.“
Gestärkt durch Rückschläge
Richard Leipold (FAS) zählt die vielen Prägungen Jens Lehmanns: „Demütigungen haben bei Lehmanns Langstreckenlauf ins deutsche Tor eine größere Rolle gespielt als bei seinem oft überhöhten Rivalen Kahn, der beim FC Bayern nie in Frage stand und in der Nationalmannschaft nur zu warten brauchte, bis sein Vorgänger aus Altersgründen das Feld räumte. Wo er auch hinkam: Lehmann mußte sich immer erst durchsetzen; fast überall ist es ihm gelungen: in Schalke, in Dortmund, in London, nur in Mailand nicht, aber auch dort habe er viel gelernt über den Fußball und über das Leben, sagt er. Alles alte Geschichten, könnte man meinen. Aber in ihnen liegt vielleicht eine Wurzel der Selbstgewißheit Jens Lehmanns. Vielleicht hat Lehmann den fast zwei Jahre dauernden Kampf gegen Kahn auch deshalb gewonnen, weil er mehr Rückschläge verkraften mußte als sein Mitbewerber und vor allem, weil er gestärkt aus ihnen hervorgegangen ist, ohne die Hilfe des Boulevards und ohne die Hilfe der Bayern-Manager. (…) Klinsmann hat auch Reize gesetzt, die Lehmann zugute kamen. Obwohl der Münchner drei Turniere die unumstrittene Nummer 1 gewesen war, bekam Lehmann in den vergangenen 20 Monaten das Gefühl, eine Chance zu haben. Zum ersten Mal gab es auch nach außen sichtbare Zeichen dafür, daß die sogenannte T-Frage offen sei: Der Bundestrainer setzte Kahn als Kapitän ab, später entließ Klinsmann Sepp Maier, einen vehementen Befürworter des Bayern-Profis, und ersetzte ihn durch Andreas Köpke, den Vorgänger Kahns. So bekamen Lehmanns Hoffnungen ein Fundament, das aus Tatsachen bestand, nicht aus Lippenbekenntnissen.“
Noch ein Hinweis an alle Kollegen: Aus Texten, die Lehmanns Klubs „Arsenal London“ nennen, wird nicht zitiert. Der Klub heißt schlicht „Arsenal“ oder „Arsenal F.C.“.
Tsp: Interview mit Lehmann
Die Situation hat ein schnelles Handeln erfordert
Jürgen Klinsmann im Interview mit Lars Gartenschläger (WamS)
WamS: Die Boulevardpresse titelte gestern: Klinsi killt Kahn. Sind Sie ein Killer?
Klinsmann: Ich lasse mich durch solche Bezeichnungen nicht aus der Reserve locken und bleibe auf der sachlichen Ebene. Ich kann allen nur mit auf den Weg geben, die mir derlei Dinge unterstellen und annehmen, ich wolle jemanden fertigmachen, daß es einzig um eine sportliche Entscheidung ging. Sie streift insofern auch den menschlichen und persönlichen Bereich, weil es mir – und das können Sie mir glauben – wirklich nicht leichtgefallen ist, Oliver mitzuteilen, daß wir uns für Jens Lehmann entschieden haben. Oliver Kahn hat Großes für den deutschen Fußball geleistet und wird das sicher in Zukunft auch noch tun.
WamS: Warum haben Sie Ihren Entschluß ausgerechnet am Tag vor dem wichtigen Spiel der Bayern in Bremen bekanntgegeben?
Klinsmann: Sagen Sie mir einen Zeitpunkt, über den nicht einige diskutiert hätten! Es hätte keinen gegeben. Wir würden doch die gleiche Diskussion führen, wenn ich es in der kommenden Woche vor dem Pokalspiel der Bayern gemacht hätte oder vor dem nächsten Bundesligaspiel. Auch dann gäbe es Leute, die sagen würden: Wie kann er nur? Die Situation hatte ein schnelles Handeln erfordert. (…)
WamS: Einige Beobachter behaupten, Sie hätten seit Ihrer Amtsübernahme vorgehabt, Lehmann zur Nummer 1 zu machen.
Klinsmann: Wenn ich es wirklich gewollt hätte, hätte ich es doch damals tun können. Aber es war nicht der Fall. Als ich angetreten bin, war Kahn unangefochten die Nummer 1. Wir haben seine Rolle bestätigt und gleichzeitig etwas verändert, in dem wir den Konkurrenzkampf neu entfacht haben. Das war doch nur gerecht, denn auch auf allen anderen Positionen müssen sich die Spieler immer wieder aufs neue behaupten. (…) Wir waren im August 2005 noch der Meinung, daß Olli die Nase vorn hat. Aber in dieser Saison hat sich eine Entwicklung ergeben, die dieses Bild revidiert hat. Jens Lehmann hat bislang eine sehr gute Saison gespielt und hervorragende Leistungen in der Liga, dem FA-Cup und nicht zuletzt in der Champions League gezeigt. Zum jetzigen Zeitpunkt haben wir Jens einfach einen Tick vorn gesehen. Das hat auch nichts damit zu tun, daß Oliver Kahn vor kurzem einen Fehler gemacht hat.
WamS: Befürchten Sie, daß das Verhältnis zwischen den Verantwortlichen der Nationalmannschaft und denen der Bayern leiden könnte?
Klinsmann: Unmittelbar nachdem wir uns entschieden hatten, habe ich persönlich mit Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge und Felix Magath gesprochen. Selbst Franz Beckenbauer habe ich vor seinem Abflug nach New York noch erreicht. Natürlich sehen alle Beteiligten Oliver Kahn vorn. Aber sie haben mir klar zu verstehen gegeben, daß sie meinen Entschluß akzeptieren, denn ich trage die Verantwortung. Und was Uli Hoeneß betrifft, so ist er für mich einer der wichtigsten Ansprechpartner. Wir stehen ständig in Kontakt und tauschen uns über die Sache aus.
WamS: Den Einfluß der Bayern im deutschen Fußball darf man nicht unterschätzen. Fürchten Sie nicht noch einen Konter?
Klinsmann: Ich weiß um die Stellung der Bayern. Auch wenn es hier und da mal Meinungsverschiedenheiten gegeben hat, so haben sie mich dennoch immer unterstützt. Ich denke, sie werden auch weiterhin helfen. Letztlich müssen wir uns doch alle darüber im klaren sein, daß es am Ende nur um die Sache geht, nämlich die WM. Wir alle wollen, daß unsere Mannschaft ein sehr gutes Turnier spielt und die Menschen in unserem Land begeistert sind, so wie beim Confed-Cup. Da dient es der Sache in keiner Weise, wenn wir uns links und rechts unnötige Auseinandersetzungen erlauben.
Strategischer Fehler
Jan Christian Müller (FR) deutet die Rückendeckung Kahns durch seine Vorgesetzten nach der Niederlage in Bremen: „Das war zwar nett gemeint, machte aber auch den strategischen Fehler nicht mehr gut, der Felix Magath, Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge zuvor unterlaufen war. Indem sie zur Unzeit nach zwei Fehlern Kahns öffentlichen Druck auf Klinsmann ausübten, sich schnell zu entscheiden, spielten sie dem Bundestrainer perfekt in den Lauf. Freigeist Klinsmann zog die Entscheidung vor – und ließ die Bayern mit dem Schwarzen Peter in der Hand kochend vor Wut zurück. Er habe nur deshalb am Freitag entschieden, weil die Bayern es ja so gewollt hätten, ließ er kühl wissen. Insbesondere wies Klinsmann auf ein kurzes Gespräch mit Rummenigge bei einem Zufallstreffen hin. Es habe kaum länger als eine Minute gedauert, dort aber habe Rummenigge noch einmal dringend auf die seiner Meinung nach gebotene Eile hingewiesen: ‚Zieh das Thema durch, egal wann, heute, morgen!‘ Klinsmann beugte sich dankbar dem Druck.“
sueddeutsche.de: Nach den Vorwürfen von Uli Hoeneß schießt Jürgen Klinsmann zurück, der FC Bayern habe ihn zur schnellen Torwart-Entscheidung gedrängt
Samstag, 8. April 2006
Champions League
Zeichen der Anspannung, Symbole der Entschlossenheit
2:0 gegen Benfica Lissabon – Ronald Reng (taz) liebt den FC Barcelona: „Es sind Duelle wie gegen Milan im Semifinale, in denen Sportgeschichte gemacht wird. Aber es sind Alltagsaufgaben, Nächte des Leidens wie gegen Benfica, in denen geprüft wird, wie gut dieses Barça wirklich geworden ist. In diesen Nächten bekommt Barças Schönheit ein ernsthaftes Gesicht. Vergaßen sie noch vergangene Saison, berauscht vom eigenen Schnellpassspiel, schon mal die Basis wie die Positionen einzuhalten, so bewegen sie sich dieses Jahr mit der Sicherheit einer Maschine. Sie schnürten Benfica mit unerbittlichem Pressing 30 Meter vor deren Tor ein, ein Nackenschlag – ein verschossener Elfmeter von Ronaldinho nach fünf Minuten – war nur ihr Ansporn, und die intuitiven Läufe, mit denen Eto‘o oder Henrik Larsson im rechten Moment am rechten Ort erscheinen, sind phänomenal. Sie machten weiter, bis die Pässe doch einmal das gewohnte Spinnennetz woben, in dem sich jeder Gegner verfängt, und welch ein Moment entstand daraus: Als das erlösende 2:0 in der vorletzten Minute fiel, waren 84.000 Fäuste in der Luft; keine ausgestreckten Hände, sondern Fäuste. Zeichen der Anspannung, Symbole der Entschlossenheit.“
Business as usual
Markus Jakob (NZZ) kann keinen Grund zum Schwärmen entdecken: „Wer von sämtlichen Auftritten des FC Barcelona in dieser Saison lediglich das Viertelfinal-Rückspiel gesehen hätte, käme schwerlich auf die Idee, dass diese Mannschaft derzeit ihr Publikum wie keine zweite in Verzückung zu versetzen vermag. Es stand quasi geschrieben, dass die Katalanen auf dem Weg in das Endspiel nach Chelsea auch Benfica ausschalten würden; nicht aber, dass sie dies wesentlich mehr Nerven kosten würde als die beiden Duelle gegen José Mourinhos Equipe. Auf der Trainerbank des portugiesischen Widersachers sass ein noch inniger als Chelseas Mourinho mit der eigenen Klubgeschichte verbundener Mann. Und Barça schien zeitweise wie versteinert – angesichts der Möglichkeit, gerade die Equipe Ronald Koemans, der den Katalanen 1992 mit seinem grandiosen Freistosstor den bisher einzigen Europacup-Gewinn geschenkt hatte, könnte ihnen nun den ersten Einzug in die Halbfinals der Champions League seit 2001 vermasseln. In Lissabon war Barças ununterbrochener Angriffswirbel mit dem 0:0 schlecht, ja sehr schlecht belohnt worden. Selten jedoch dürfte ein torlos endendes Spiel den Zuschauern Fussballkunst in höheren Dosen geboten haben. Das wesentlich weniger berauschende Rückspiel im Camp Nou hingegen resümierte El País: ‚Weder Jogo bonito noch Free Style‘. Business as usual, und gerade das ist man von Barcelona nicht gewohnt.“
Ball und Buchstabe
Undeutsch
Jürgen Ahäuser (FR) bejaht das rechtliche Vorgehen Patrick Owomoyelas gegen die Rassisten der NPD: „Gut möglich, dass sich einige der so genannten nationalen Demokraten klammheimlich die Hände über so viel Beachtung in den Medien reiben. Dennoch war es richtig, den unsäglichen WM-Planer mit Hilfe der Justiz einer geregelten Entsorgung im Altpapiercontainer zuzuführen. Die deutsche Nationalmannschaft können die Nationaldemokraten nicht mehr so richtig lieb haben, weil nach ihrer Diktion auf zu vielen Positionen in der DFB-Elf undeutsch verteidigt und gestürmt wird. Die braunen Sektierer haben auf dem weiten Rund des Erdballs aber schon neue Lieblinge entdeckt. Der Iran istlaut Homepage nun der Favorit rechter Herzen. Dümmlicher lässt sich Anti-Semitismus gewiss nicht unters Volk bringen.“
SZ: Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad ist ein glühender Fußballfan und könnte die WM in Deutschland besuchen – die Bundesregierung weiß nicht so recht, wie sie damit umgehen soll
taz: Nach einem Jahr verhältnismäßiger Ruhe droht in Polen ein neuerliches Aufflammen der Auseinandersetzungen zwischen Hooligans
stern.de: Die Gewaltbereitschaft in den Stadien wächst – vor allem im Osten der Republik
BLZ: Die Jugendtrainer der Fußballklubs sind mit dem Auftrag überfordert, die Mängel von Schule und Elternhaus abzufedern
FR-Interview mit Heribert Faßbender
Soap
Hans Hoff (SZ/Medien) berichtet von den Marler Tagen der Medienkultur: „Nur ein paar Print-Journalisten werden nicht müde, zu mahnen, dass Sportjournalismus durchaus mehr seine könne als kritikloses Abfeiern von Live-Ereignissen. Aber allzu Kritisches ist im Fernsehen nicht gefragt. Einigen können sich die meisten Diskutanten immerhin darauf, dass es nicht als Ausweis großer journalistischer Kompetenz zu werten ist, wenn sich alle Reporter ungefragt vor Franz Beckenbauer in den Staub werfen und von dort Vorlagen für des Kaiser neue Wortausbrüche liefern. Irgendwann drehen sich aber alle Diskussionen wieder um … Emotion. ‚Die Bundesliga ist unsere Soap‘, sagt Oliver Fritsch vom Online-Portal indirekter-freistoss.de und liefert einen wunderschönen Bezug zum frauenaffinen Unterhaltungsfernsehen. Fußballfans sind eben auch nur Menschen mit Gefühlen, äääh, Entschuldigung, mit Emotionen.“
Bundesliga
Schwaches Profil
Heinz-Wilhelm Bertram (BLZ) spürt Zweifel an Felix Magath: „Die Umstände des Ausscheidens in der Champions League brachten die plüschig-heimelige Welt in Unordnung. Magath hatte Probleme, die schreiende Unterlegenheit zum AC Mailand realistisch einzuordnen. Der Trainer suchte und fand auch dieses Mal die Schuld extern. Doch mit seiner Schiedsrichterschelte und dem Verweis auf den unberechtigten Elfmeter postierte er sich selbst ins Abseits. Stand allein den Meinungen der Bosse gegenüber, die für die ‚Katastrophe‘, wie Karl-Heinz Rummenigge sagte, schonungslos substanzielle Defizite verantwortlich machten. Magaths Einwand, er sei davon überzeugt, mit dieser Mannschaft sei nach wie vor der Gewinn der Champions League möglich, kam gar nicht gut an. Die Flucht in den Trotz bestärkte den Eindruck von einem in seiner ersten wahrhaftigen Stresssituation erstaunlich unsouveränen Trainer, der es versäumte, sich in der bittereren Stunde ein Profil zu geben. Spiegelte sich darin eine Verhaltensweise, die Magath schon als Spieler ausgezeichnet hatte? Obwohl auf seinem Karrierehöhepunkt beim Hamburger SV als Fädenspinner mit der Trikotnummer 10 und damit als Kopf der Mannschaft ausgewiesen, sind keine Einlassungen von bleibendem Wert überliefert, die ihn wirklich zum Repräsentanten des Teams nach außen gemacht hätten. Kein Anecken, keine Kontroverse, keine Konturen; Felix Magaths Verhalten war eher von Pflichtschuldigkeit und Ergebenheit gekennzeichnet. Zieht er notfalls lieber den Kopf ein und schleicht ebenso gekränkt wie lautlos vom Hof?“
Welt-Interview mit Klaus Allofs
FR: Klaus Allofs hat in sieben Jahren in Bremen viel bewegt
Deutsche Elf
Fangfehler
Vorab die Meldung des Tages: Die ARD sendet keinen Brennpunkt über Jürgen Klinsmanns Torwartantwort. Aber es ist das freistoss-Thema: Oliver Kahn, die Medienmacht und seine tatsächliche sportliche Leistung – daher eine persönliche Notiz. Auch wenn ich mich wiederhole, Kahn war selten so gut wie sein Ruf. Selbst der „Titan“ der WM 2002 ist ein Märchen, ein Märchen der Bild-Zeitung, an dessen Zauber selbst die nüchternsten Schreiber glaubten. Es heißt ja immer, Kahn hätte die deutsche Mannschaft alleine ins Endspiel gebracht; sein Fehler im Finale sei tragischerweise sein einziger gewesen. Das stimmt nicht. Ich hab leider keine Bildrechte, sonst hätte ich schon längst ein Video veröffentlicht. Wer aber die Möglichkeit hat, der schaue sich noch mal die erste Halbzeit gegen Kamerun an: zwei grobe Fehler. Oder das Viertelfinale gegen die USA: Nach einigen tollen Paraden ließ Kahn einen sehr leichten Ball durch die Hände gleiten, Torsten Frings stoppte ihn auf der Linie mit der Hand, was der Schiedsrichter übersah. Es waren drei schlimme, aufgepaßt, Fangfehler! „Anscheinend hat Kahn Probleme, den neuen, kleinen Ball festzuhalten“ – meine Standardsorge und gleichzeitig -prognose des Turniers. Das Ding gegen Ronaldo hat mich nicht überrascht. Ich hätte allerdings gerne unrecht behalten, zumal ich mich selten in meinem Leben so alleine fühlte wie mit meiner Kahn-Kritik.
Daher war ich ein wenig erleichtert, einige Wochen später von Christian Eichler in der FAZ zu lesen: „Kahn kann ja nichts für seine Überhöhung, er profitiert von seinem Stil. Wie anderswo im Berufsleben gibt es auch im Tor die anderen Typen, die ein Problem abwenden, bevor es andere merken, die den entscheidenden Schritt machen, bevor alle hinschauen, und bei denen der sichtbare Teil der Rettungsaktion dann ganz einfach aussieht. Kahn kann auch das, doch vorrangig ist er ein Vertreter der anderen Torwartschule, der spektakulären, deren Taten oft wie das Halten des Unhaltbaren aussehen.“ Das ist natürlich alles andere als ein Kompliment – weder für den Torhüter noch für die Experten, gilt doch ein sachlicher Torwartstil, also Kahns Gegensatz, als die hohe Kunst. Überhaupt habe ich den Eindruck, daß sich deutsche Sportjournalisten, besonders im Fernsehen, sehr schwer tun, das Torwartspiel zu analysieren.
Tabu
Mehr Vergangenheit: Kann ein Weltklasse-Torhüter nicht auch den zweiten Treffer Ronaldos, einen Schieber mit dem Innenrist aus 16 Metern, verhindern? Hat es je eine schlechtere Torhüterleistung gegeben als beim 1:5 gegen England? Zu seiner Ehrenrettung, Kahn war übrigens sehr selbstkritisch nach diesem Spiel. All die großen Fehler seit der WM – die meisten in wichtigen Partien: gegen Roberto Carlos (Real), gegen Ibrahimowitsch (Juventus), gegen Kevin Kuranyi (VfB), gegen Ivan Klasnic (Werder Bremen), gegen Steven Cherundolo (USA), gegen Guy Demel (HSV), gegen Albert Streit (Köln) und all die mißlungenen Versuche und die vielen Verweigerungen, Flanken zu pflücken, etwa das 1:2 Nigel de Jongs (HSV) im März. Kahn scheint manchmal an seinem Tor festgebunden.
Warum überhaupt diese alten Geschichten? Das ist kein Nachtreten, sondern Grundlage meiner Medienkritik. Recht verstanden: Kahn hat 2002 ein sehr gutes Turnier gespielt, teilweise überragend, er hat Kraft und Selbstbewußtsein auf die Elf ausgestrahlt. Doch seine Erhöhung durch die Medien hatte mindestens drei negative Folgen: Erstens führte es dazu, daß er selbst an seine Unangefochtenheit glaubte. Zweitens war es eine Herabsetzung der Mannschaftskollegen. Ist es Zufall, daß die damaligen Leistungsträger Michael Ballack, Bernd Schneider, Oliver Neuville, Torsten Frings nicht bei Bayern München spielten? Drittens entstand das Tabu, Kahn in Frage zu stellen. Ein Bayern-Fan und guter Freund hat mir mal ernsthaft „Unsachlichkeit“ vorgeworfen, weil ich es in einer Diskussion gewagt habe, Kahn als „guten“ Torhüter zu bezeichnen – und nicht als Torwartgott oder was er für angebracht hält.
Lehmann-Lobby?
Tabus sind immer schlecht, und es mußte ein mutiger Trainer wie Klinsmann kommen, diesem Tabu zu mißtrauen. Nun werfen ihm einige Journalisten schlechten Stil und Geklüngel vor. Klinsmanns und Lehmanns gemeinsamer Anwalt und die Freundschaft Bierhoffs zu Lehmann hätten die Entscheidung beeinflußt. Vielleicht ist was dran, sehr stichhaltig klingt das nicht. Es stimmt ja, der Manager der Nationalmannschaft hat als Experte im Fernsehen nichts zu suchen, das ist uns am Mittwoch bei SAT1 vor Augen geführt worden. Aber soll das jetzt die Lehmann-Lobby sein? Und bitte auch Franz Beckenbauer mit gleicher Elle messen! Dieses „Expertentum“ im Fernsehen schadet dem Journalismus und dem deutschen Fußball.
Daß ein deutscher Bundestrainer darüber stolpern könnte, den besseren Torhüter aufzustellen und nicht den mit den stärkeren Freunden, sollte uns innehalten lassen. An diesem bedenklichen Zustand tragen auch viele Journalisten eine Teilschuld; diejenigen, die Klinsmann jetzt Kalkül in der Wahl des Zeitpunkts vorhalten; diejenigen, die 2002 nicht richtig hingekuckt und ein Tabu zugelassen haben.
Schonung
Noch tiefere Vergangenheit: All die Roten Karten, die Kahn in seiner Karriere hätte kriegen müssen – Stichworte: Brdaric, Klose, Möller, Herrlich, Chapuisat, diese unerträglichen Dominanzgesten. Dank seines Trikots ist er immer verschont geblieben. Ja, die Schiedsrichter waren am Aufstieg Kahns kräftig beteiligt. Von wegen, Deutschland hatte keinen Schiedsrichterskandal in der Bundesliga. Vor ein paar Jahren hat Borussia Dortmund in Bayern gespielt, und Giovane Elber hat Lehmann, damals im Tor des BVB, mit aller Kraft gegen den Kopf getreten – mit Absicht. Elber sah nur Gelb, Lehmann wurde im selben Spiel wegen Lappalien mit Gelb-Rot des Feldes verwiesen. Eine bittere Ungerechtigkeit und nur der Höhepunkt!
Lehmann im WM-Tor und nicht Kahn, sportlich, daran zweifelt kaum ein Bayern-Fan, die richtige Entscheidung. Und, auch wenn Klinsmanns Stil meinetwegen fraglich ist – ich kann seit gestern freier atmen. Nicht wegen irgendwelcher Sympathien für einen Menschen oder einen Verein; das zählt nicht. In der deutschen Elf gilt das Kriterium, daß die Besten spielen. Der Trainer stellt die Mannschaft auf, nicht Franz Beckenbauer und die Bild-Zeitung.
Auch muß ich vor meiner Tür kehren: Im vergangenen Herbst hab ich in den 11 Freunden meine Kolumne mit den Worten eingeleitet: „Oliver Kahn wird 2006 deswegen im Tor stehen, weil er die besseren und mächtigeren Fürsprecher hat als seine Kontrahenten.“ Da hab ich mich zu weit aus dem Fenster gelehnt.
Die Pressestimmen
Ein mutiger Schritt
Peter Riesbeck (BLZ) kommentiert Klinsmanns Torwartwahl: „Der Titan ist gestürzt. Aber er fällt nicht allein. Mit Kahns Fall verschieben sich die Machtverhältnisse im deutschen Fußball. Viele versuchten Kahns Sturz zu stoppen: Franz Beckenbauer, der Weltmeister als Spieler, der Weltmeister als Trainer und der Weltmeister-nach-Deutschland-Holer – kurz der Weltkaisermeister des Sports. Der FC Bayern München und seine Granden Uli Hoeneß und Karl-Heinz-Rummenigge, ohne die im deutschen Profi-Fußball nichts geht. Der mächtige Sponsorenpool des deutschen Fußballs; jene Bierbrauer, Telefonfirmen, Trikothersteller und Autobauer, die allesamt ihre teuren Werbespots mit Kahn als Nummer 1 eingespielt hatten und die ihre Clips nun einstampfen können. Und natürlich die Bild-Zeitung, die über ihre Stimmungsmache Karrieren befördert oder Trainer exekutiert, und die einst während der WM 2002 die Zeile erfand: ‚Kahnsinn‘. Der Kahnsinn hat nun ein Ende. Ein mutiger Schritt. Aber so viel Umsturz wird Klinsmann nicht überleben. Nicht einmal für den Fall, dass er das deutsche Team zum Titel führen sollte. Nicht nur der Fußball, auch das Land verweigert sich dem notwendigen Neuen. Klinsmann bleibt immer noch Huntington Beach. Das Land aber wartet treppaufwärts weiter auf Reformen.“
Stilfrage
Klaus Hoeltzenbein (SZ) wirft Klinsmann schlechten Stil vor: „Bliebe da nicht der Verdacht, dass der Thronsturz des Oliver Kahn lange eingefädelt wurde, dass die Erosion des Titanen einem ausgeklügelten Plan folgte, der mit der Wegnahme der Kapitänsbinde begann und bei dem am Ende lange nur die Idee zur Lösung fehlte. Also der Tag, um Vollzug zu verkünden. Und da hat das Team Klinsmann, aus seiner eigenen Perspektive, einen diabolisch guten Zeitpunkt erwischt: jene Woche, in der Jens Lehmann überzeugte, und in der Kahns Arbeitgeber laut eine sofortige Entscheidung forderte. Das ist fast genial, sauber ist es kaum, koordiniert ist es offenbar nicht. Das Team Klinsmann ist auf einem Solotrip. Ob nun die fehlgeschlagene Installation des Hockey-Trainers Peters, Klinsmanns Fernbleiben beim Treffen aller WM-Trainer oder die Vorladung des Torwarts Kahn per kühler SMS – mit den Stilfragen scheint diese Expedition die größten Probleme zu haben. Als er beim DFB antrat, sagte Klinsmann, man müsse den ganzen Laden auseinander nehmen. Jetzt hat man eine Vorstellung davon, was gemeint sein könnte.“
Instinktlos
Auch Roland Zorn (FAZ) rügt das Wann: „Die Entscheidung ist verständlich, der Zeitpunkt ihrer Bekanntgabe ist es nicht. Daß Klinsmann sich einen Tag vor dem Gipfeltreffen zwischen Werder Bremen und dem FC Bayern München dazu entschlossen hat, Jens Lehmann zum Nationaltorwart zu befördern und den langjährigen Platzhirschen Oliver Kahn zum zweiten Mann zu degradieren, kann nicht anders als instinktlos bewertet werden. Als wäre er nicht selbst ein sensibler Spitzensportler gewesen, befrachtete Klinsmann den in letzter Zeit erkennbar seelisch belasteten und körperlich leidenden Münchner mit einer weiteren Bürde. Ein solches Procedere gehört sich nicht, wenn auch im Profifußball noch so etwas wie die Gesetzmäßigkeiten des Fair-play gelten sollen. Klinsmanns Vorgehen wird – dazu gehört keine Phantasie – noch die entsprechend wuchtige Reaktion der Bayern zur Folge haben. (…) Sein Agieren wirkt wie das eines Getriebenen. Letztlich ist Klinsmann von seinem Weg abgewichen. Souveränität sieht anders aus als das Handeln dieses Trainer-Neulings, der in letzter Zeit ein paar Fehler zuviel beging.“
Passt
Stefan Hermanns (Tsp) rechnet mit der Rache der Kanalarbeiter: „Klinsmanns Feinde vom Boulevard werden nun ein paar Tage lang die alten Verschwörungstheorien bemühen: Dass Klinsmann ein Killer sei; dass er Kahn, die bis dato unumstrittene Nummer 1, mit dem Konkurrenzkampf absichtlich demontiert und wissentlich in eine sportliche Krise getrieben habe; dass auch persönliche Gründe eine Rolle gespielt hätten, weil nämlich Lehmann einst – wie Klinsmann – vom Schweizer Anwalt André Gross beraten wurde und Oliver Bierhoff seit Jahren schon ein guter Freund des Torhüters ist. Klinsmann hat in der Tat seit seinem Amtsantritt eine latente Vorliebe für Jens Lehmann erkennen lassen. Doch die hat wenig mit persönlicher Sympathie zu tun – so viel Fachverstand sollte man selbst dem Berufsanfänger Klinsmann zugestehen. Lehmann passt mit seiner Interpretation des Torwartspiels besser in die Philosophie des Bundestrainers. (…) Oliver Kahn hat eine Art innere Emigration gewählt, um seine Sonderstellung zu dokumentieren. Ein Kenner der Mannschaft hat einmal gesagt: Wenn die Spieler offen abstimmen müssten, wer bei der WM im Tor stehen solle, würden sie sich für Kahn entscheiden. Bei einer geheimen Wahl fiele das Votum wohl für Jens Lehmann aus.“
Überhöhung
Jörg Hanau (FR/Seite 3) blickt zurück auf den Ausgangspunkt des Niedergangs: „King Kahn war nach der Weltmeisterschaft nicht mehr derselbe. Selbst gute Freunde attestierten dem Superstar im deutschen Tor einen nicht zu übersehenden Realitätsverlust. Die mediale Überhöhung wirkte auf die Psyche dieses Mannes, der den Aufstieg von der Leit- zur Kultfigur nicht ohne Folgen überstand. Der Superman im deutschen Tor verlor nicht nur mental die Bodenhaftung, sein Hunger nach Leben trieb den ehedem vorbildlichen Profi in eine gelegentlich bizarr anmutende Metamorphose. Aus dem Börsenfreak, der im Fernsehen Ende der 90er Jahre über Geldanlagen dozierte, als handele es sich dabei um ein Elfmeterschießen, war über Nacht ein Lebemann geworden. Einer, der glaubte, alles nachholen zu müssen, was ihm in seinen sportlich so überaus erfolgreichen Jahren zuvor versagt geblieben war. Er zwängte seinen muskulösen Körper in flippige Klamotten, wechselte den Frisör und die Frauen. Kahn eroberte das Nachtleben, verließ seine schwangere Frau für eine 21 Jahre alte Disco-Bekanntschaft, die es an seiner Seite in das Showbiz schaffte. Die Wertigkeiten im Leben des besten deutschen Torwarts begannen sich merklich zu verschieben. Das neue Sein passte nicht zum Bild eines sportlichen Überfliegers. Sei es, weil man Kahn zu mitternächtlicher Stunde in der Münchner Nobeldisco P1 gesichtet hatte. Oder aber eine Spritztour in seinem roten Ferrari 380 Modena Spider auf der Inntal-Autobahn unternahm, die mit dem Entzug des Führerscheins endete. An Kahns Selbstbewusstsein änderte das freilich nichts. Die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffte merklich auseinander.“
Tragik
Holger Gertz (SZ/Seite 3) würdigt Kahn: „Vielleicht gibt es zwei Oliver Kahns. Den einen, den man kennt aus dem Stadion – und der bei den gegnerischen Fans verhasst ist wie kein zweiter Fußballer. Den arrogant schauenden Torwart, der die Stürmer an den Haaren zieht, ihnen in den Hals beißt, ihnen den Finger in die Nase zu schieben droht. Einen Wahnsinnigen, vom Ehrgeiz zerfressen. Jahrelang haben ihm die Fans Bananen in den Strafraum geworfen und Gorilla-Geräusche gemacht, wenn er erschien. Er hat die Bananen jahrelang aus dem Strafraum geworfen, wie ein Arbeiter am Obstmarkt, der morgens verfaulte Früchte in den Mülleimer befördert. Er hat gesagt, dass er den Druck braucht, er hat davon gesprochen, gern ‚im Adrenalin zu baden‘, und manchmal klang es, als bürdete er sich damit zu viel auf. Der andere Oliver Kahn gehört eindeutig zu den intelligenteren Fußballern, der psychologische Bücher mit ins Trainingslager nimmt und sich artikulieren kann wie der Manager eines großen Unternehmens. (…) Jetzt als Journalist zu fordern, er solle die Niederlage sportlich nehmen, klingt zu einfach. Es ist zwar nur der Wechsel eines Torwarts, die große Wirkung des Themas hängt auch zusammen mit dem hoffnungslos überhitzten Business. Aber, auch ohne alles zu wichtig zu nehmen und das Ganze wie einen Nachruf klingen zu lassen: Es ist eine tragische Entwicklung für einen Mann, der doch ein bisschen mehr ist als ein Fußball-Nationalspieler. Oliver Kahn wird weitermachen, am Samstag spielen die Bayern in Bremen, beim Rivalen, und es wird interessant sein zu sehen, ob die Bremer ihn auspfeifen wie immer. Oder ob sie ihn begrüßen wie einen, der gerade erfahren hat, dass ein Titan in Wahrheit nur ein Mensch ist.“
Donnerstag, 6. April 2006
Champions League
Teamgeist
Dirk Schümer (FAZ) stellt Inter Milan gegenüber: „Milan – ein Ensemble von Gewinnern gegenüber dem ewigen Loser Inter, dessen Pechsträhne mit den Jahren ein Fall für Sportpsychologen zu werden droht. (…) Daß Milan nun in den vier letzten Jahren dreimal ins Halbfinale vordringen konnte, beruht nicht auf Zufall. Das alternde Ensemble hat zwar nicht mehr die Klasse der Vorjahre und kann in der Meisterschaft gegen Juventus Turin nicht mithalten, doch mit Zynismus, mit Glauben und Glück, vor allem aber mit unbändigem Kampfgeist hat es der schwarz-rote Traditionsverein gegen die spielerisch eleganteren Franzosen tatsächlich noch einmal geschafft. Ob der glückliche Sieg auch dem Eigner Silvio Berlusconi bei den Wahlen Rückenwind geben wird, ist zweifelhaft. Die Tifosi jubeln mit dem rechten Ministerpräsidenten, aber sie wählen eher links. Bei Inter liegt der Fall komplizierter und tragischer. Dessen Patron, der Ölmilliardär Massimo Moratti, hat in den letzten Jahren eher mehr Geld als Berlusconi für sein fußballerisches Hobby ausgegeben; die Rede ist von einer Dreiviertelmilliarde Euro. Dafür hat er so gut wie nichts bekommen. Die erkennbar zerstrittene und unmotivierte Truppe des eitlen Jungtrainers Roberto Mancini mußte sich wie so oft in ihr Schicksal fügen. Der mit dem Scheckbuch zusammengekauften Mannschaft fehlt wohl der Teamgeist, der entscheidende Zusammenhalt für eine lange Saison sowie der letzte Biß, um gemeinsam heikle Situationen zu bewältigen.“
NZZ: Das Herz Inzaghis und der Wahn Recobas
Falke
Vorsicht, Filipo Inzaghi! Birgit Schönau (SZ): „Inzaghi schreckt, das hat sich mittlerweile herumgesprochen, auf dem Weg zum Tor vor so ziemlich gar nichts zurück. Er ist der ungekrönte Schwalbenkönig des italienischen Fußballs, der übrigens kein Wort für die so genannte Schwalbe kennt, das Vortäuschen eines Fouls. Und wo es keinen Begriff gibt, existiert auch keine Debatte. Ungeachtet dieser linguistischen Finessen gilt Filippo Inzaghi auch in seiner Heimat als gefährlichster, windigster, rücksichtslosester Torjäger. Federstiebend flattert er seinen Bewachern davon, wie ein Falke sticht er ins Tor, und wenn es geht, nimmt er dabei auch seinen Teamkollegen den Ball vom Fuß. (…) Wo der Falke nicht zustößt, könnte es zur Not auch eine Schwalbe richten.“
Tschechien des Klubfußballs
Was ist Olympique Lyon zum Verhängnis geworden, Boris Herrmann (BLZ)? „In den vergangenen Wochen wurde in der internationalen Presse mehrfach verbreitet, der Status der Franzosen als Geheimtipp sei gar nicht mehr so geheim. Das Schlimmste, was einem heimlichen Titelaspiranten widerfahren kann, ist aber dass seine Tarnung auffliegt. Geheimfavorit sein geht nämlich so: Man braucht eine funktionierendes Kollektiv ohne herausragende Helden, das tolle Spiele abliefert, aber nach 70 Minuten rechtzeitig die Arbeit niederlegt und sich entscheidende Gegentore einschenken lässt. Geheimfavoriten müssen Mitleid erregen. So wie es die Nationalmannschaft Tschechiens seit vielen Jahren eindrucksvoll vormacht. Lyon ist das Tschechien des Klubfußballs – das Verhältnis aus Talent und Ertrag ist minimal. Die deutschen Mannschaften, die allesamt bereits ausgeschieden sind, müssen sich mit diesen Problemen zum Glück nicht herumschlagen. Sie können die Saison mit dem guten Gewissen beenden, dass das Verhältnis von Talent und Ertrag in etwa stimmt.“
Kontrast
Peter Burghardt (SZ) zeichnet den Erfolgsweg Villareals: „Mit Ausnahme des Italieners Alessio Tacchinardi kommen alle Stammkräfte aus dem iberischen Sprachraum, auch das mag ein Vorteil sein. Viele von ihnen galten an besseren Adressen schon als gescheitert wie Riquelme in Barcelona und Forlan bei Manchester, vor allem sie nutzten ihre zweite Chance. Riquelme ist mittlerweile auch Spielmacher der argentinischen Nationalelf und Sorin ihr Kapitän, beide interessieren sich für den Titel des Weltmeisters und waren wesentlich auffälliger als die vier Argentinier von Inter. An der Peripherie haben sie ihren Stolz wiederentdeckt, nicht in einer Modemetropole. In einem Kaff mit 45.000 Einwohnern (…) Was für ein Kontrast zum Mailänder Ensemble verblasster Helden wie Luis Figo, Alvaro Recoba und Juan Sebastian Veron!“
NZZ: Die Fussballer aus Villarreal nutzen das koloniale Erbe Spaniens
BLZ: Villarreal schreckt die Konkurrenz
Kühlschrankatmosphäre
Peter Hartmann (NZZ) erkennt Juve beim 0:0 gegen Arsenal nicht wieder: „Juventus hatte zwar den Hauch mehrerer Chancen, aber die Londoner kontrollierten die Turiner fast nachsichtig und liessen ihr immerhin die Gesichtswahrung auf italienisch: mit einem 0:0, dem Make-up der Hilflosigkeit. Obwohl Juve in der Serie A nichts mehr zu befürchten hat, wird dieser Prestigeverlust interne Aufräumarbeiten hervorrufen. Denn das Betragen von Spielern wie Nedved, der sich als schlechter Schauspieler fast in jeder Szene fallen liess, und Ibrahimovic, der praktisch die Laufarbeit verweigerte, treibt einen arbeitsbewussten Trainer wie Fabio Capello, der seine Mannschaften auf dem Reissbrett entwickelt und sie eisern am Zügel hält, zur Weissglut. Nichts ist in Turin, wie es scheint. Dieses Stadion zeigt sich von aussen wie ein heiteres Zirkuszelt, aber im Innenraum breitet sich Kühlschrankatmosphäre aus. Der Rasen grün wie ein britischer Parkteppich, in Wirklichkeit eine sandige Steppe. (…) Ibrahimovic schlich nach einem abgeschlagenen Angriff so langsam wie ein Sonntagswanderer zur Mittellinie zurück, wie wenn die Saison zu Ende wäre. Juve verabschiedete sich aus diesem Wettbewerb, der zum obersten Jahresziel erklärt worden war, wie von einem peinlichen Spaziergang, auf dem sie am liebsten nicht beobachtet worden wäre.“
FAS: Cesc Fabregas, in London verehrt, in Barcelona vermißt
NZZ-Bericht Barca–Benfica (2:0)
Ball und Buchstabe
Die längste Aufwärmphase der Sportgeschichte
ARD und ZDF stellen öffentlich ihr WM-Programm vor – Jörn Lauterbach (Welt/Medien) wirft ein: „Das Schwierigste an der Fußball-WM ‚im eigenen Land‘ ist mittlerweile die Stabilisierung der Vorfreude. In den Redaktionen türmen sich Einladungen zu Lesungen von Fußballpoeten in Kulturhäusern neben ungefragt zugesandten Büchern, die wahlweise von den größten Momenten der WM-Historie handeln oder kleine Erzählungen von Frauen enthalten, die entweder den Fußball lieben oder hassen oder zu lieben oder zu hassen gelernt haben und einfach davon berichten müssen. In jedem Fall erleben die Deutschen die längste Aufwärmphase der jüngeren Sportgeschichte, und nicht wenige leiden schon am überdehnten Aufmerksamkeitsmuskel. Wenn es dann losgeht, werden sich vermutlich schon deswegen viele kaum noch aus ihrem Fernsehsessel erheben können. Zum Glück aber stehen dann ARD und ZDF mit ihrem seit zwei Jahren vorbereiteten WM-Programm bereit. (…) Als erster verließ übrigens Experte Jürgen Klopp gestern die Pressekonferenz. Dabei hatte er auf die Frage, warum er sich auf den WM-Start freue, einst den vernünftigsten Satz gesagt: ‚Weil dann das Gequatsche endlich ein Ende hat.‘“
Ascheplatz
Vorteil Nowotny, keine Gegenleistung
Können wir das glauben? Björn Lindert (Welt) gewährt Einblick in den aufschlußreichen Auflösungsvertrag Jens Nowotnys: „Ein Vertrag, der selbst bei loyalen Angestellten in der Geschäftsstelle von Bayer Leverkusen Kopfschütteln auslöst (…) Zunächst schien es, als hätten beide Seiten von der Einigung im Dezember profitiert. Denn die imageschädigenden Prozesse vor Gericht hatten ein Ende. Der Verteidiger wurde auch nach seinem vierten Kreuzbandriß wieder zu einer echten Verstärkung für Bayer 04. Mittlerweile ist klar, daß die Vorteile in den umfangreichen Vereinbarungen der Vertragsauflösung fast ausschließlich auf Seiten von Nowotny liegen. Denn mit den 4,77 Millionen Euro werden ihm seine letzten beiden Vertragsjahre ausgezahlt, ohne daß der Verein dafür eine Gegenleistung bekommt. Darüber hinaus kann Nowotny im Sommer ablösefrei wechseln. Dementsprechend dürfte er bei einem neuen Verein wieder ein Handgeld kassieren. Bayer Leverkusen spart durch die Auflösung des alten Vertrages lediglich Zinsen, Sozialabgaben und eine Invaliditätsversicherung für Nowotny. Obwohl der Klub im Herbst beide Prozesse gegen Nowotny in der ersten Instanz gewonnen hatte, ging der Verein auf diesen nur schwer nachvollziehbaren Kompromiß ein. Ruhe im Umfeld war das oberste Gebot, dem Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser die Verhandlungen untergeordnet hatte. Dazu sah er den Verein offensichtlich arbeitsrechtlich in der Defensive und glaubte wohl nicht daran, daß Nowotny nach seinem vierten Kreuzbandriß ein derart gutes Comeback gelingen würde. ‚Das sind alles Aufräumarbeiten‘, sagt Holzhäuser, wenn er auf die Vertragsauflösung mit Nowotny angesprochen wird. Damit gemeint ist die Anpassung der hochdotierten Verträge einiger Spieler, die aus der Zeit von Reiner Calmund datieren, mit dem er sich mittlerweile juristisch auseinandersetzt. Die kostspielige Abfindungsvereinbarung mit Nowotny muß Holzhäuser den Konzernbossen von Bayer erklären.“
BLZ: Das Geheimpapier der „G14“ zur Gründung einer Europaliga
Welt: Kräftemessen und Kompetenzgerangel bei Hannover 96
Deutsche Elf
Leidfigur
Man hat den Bayern in der Torwartfrage ja einiges zugetraut; daß sich der Ich-Ich-Ich-Mensch Uli Hoeneß nun derart im Ton vertut, schockiert dennoch. „Psycho-Terror, absoluten Psycho-Terror gegen Kahn“ wirft er Jürgen Klinsmann in der Sport Bild vor, die diese Wortwahl auch noch stützt. Wie perfide, Klinsmann die Fehler Kahns vorzuwerfen – und die eigenen verdecken zu wollen! Michael Horeni (FAZ) läßt sich von den Bayern keinen Sand in die Augen streuen: „Man fragt sich schon, was der sich täglich steigernde Furor aus dem Süden der Fußballrepublik zu bedeuten hat. Felix Magath hat in der Torwartfrage mißbilligend sein Haupt geschüttelt und dabei den nicht unwichtigen Hinweis mitgeliefert, daß dieses unentschiedene Duell vor allem für den FC Bayern zu einer Belastung werde. Wenn es aber um die ureigenen Interessen des Meisters aller deutschen Meister geht, hört bei den Münchner Hochleistern nicht nur der Spaß am Spiel, sondern auch am Leistungsgedanken auf. Außerdem ist es ja auch ganz praktisch, den Bundestrainer in die Schlagzeilen zu bringen, da kommt niemand so schnell auf die Idee, der Frage nachzugehen, wie die national allmächtigen Bayern gedenken, künftig ihrer internationalen Ohnmacht zu begegnen. Beim Blick auf die kommende Saison entsteht zumindest nicht gerade der Eindruck, als planten die Bayern einen selbstbewußten Anlauf, wieder zur einstigen europäischen Größe aufzusteigen. Daß sie Michael Ballack, den einzigen Feldspieler von Weltklasseniveau, nicht halten können, daran haben die Bayern schon zu schlucken. Deshalb schicken sie ihm über Rummenigge schon jetzt ein paar verdrießliche Bemerkungen hinterher. Wenn sich nun womöglich auch noch Lehmann im Torwartduell durchsetzen sollte, würde aus der letzten verbliebenen Münchner Leitfigur eine ziemlich tragische Leidfigur. Das kann der FC Bayern weder Kahn noch sich selbst wünschen. Im Winter haben beide ihre Beziehung übrigens bis 2008 verlängert.“
In der Form seines Lebens
Pro Lehmann – Marc Baumann (sueddeutsche.de): „In Jens Lehmann steht ein besserer Torwart bereit. Und wieder fehlt dem Vorgänger die Größe, das zuzugeben. So wie er beim FC Bayern mit seiner jüngsten Vertragsverlängerung den Generationswechsel mit dem hochtalentierten Michael Rensing verhindert, so blockiert Kahn so gut er kann auch das Tor der Nationalmannschaft. Der alte Mann und das Tor. Man muss man natürlich an dieser Stelle sagen, dass auch Jens Lehmann kein Jungspund ist, er ist nur fünf Monate jünger, beide sind Jahrgang 1969. Und doch gehört Lehmann einer neuen Generation von Torhütern an. Das verdankt er seinem Wechsel in die Premier League. Die englische Liga gehört mit der italienischen und der spanischen zu den besten drei der Welt. Die Bundesliga hat ihre beste Zeit fürs erste hinter sich. Kein schöner Gedanke, aber es ist so. Die englische Schule hat Jens Lehmann weitergebracht. Bei Arsenal London erlebt er all das, was der Bundesliga fehlt: hohes Tempo, internationale Härte, Weltklassespieler. Dazu kommt: Lehmann steht bei London hinter einer jungen, oft überforderten Abwehr, die ihm viele brenzlige Momente beschwert. Die Parallele zur deutschen Nationalmannschaft und deren Verteidigerproblem ist unübersehbar. (…) Die Episode Kahn ist vorbei, die Episode Lehmann würde nur eine WM lang dauern, aber wer seit 1998 wartet, hat eine Chance verdient, schließlich ist der Mann gerade in der Form seines Lebens.“
Inbegriff des Ehrgeizes
Pro Kahn – Thomas Becker (sueddeutsche.de): „Kahn ist die richtige Nr.1 – wenn auch derzeit wohl nicht die bessere. Klingt wie ein Widerspruch, ist es aber nicht. Sollte Klinsmann den momentan sicher stärkeren Jens Lehmann zum ersten WM-Torhüter küren, wird ein Sturm der Entrüstung losbrechen. Das ist das Problem: Es geht nicht um einen „gewöhnlichen“ Spieler. Es geht nicht um Neuville oder Kuranyi. Es geht um Oliver Kahn: den Titan, die Werbe-Ikone King Kahn, den besten Spieler der WM 2002, den zweimaligen Welttorhüter, den Held der Unhaltbaren, den Inbegriff des Ehrgeizes und des unbedingten Siegeswillens. Diesen Typ, diese Marke kurz vor dem Ende seiner Karriere bei seiner gerade mal zweiten WM zur Nummer 2 zu degradieren, würde einen ausgewachsenen Orkan auslösen. (…) Kahn wird gesunden, sich stabilisieren, den 100 respektive 1000 Prozent annähern – und die richtige Nr.1 sein.“
Vergangenheit
Oskar Beck (StZ) sammelt die Gründe, die für Kahn sprechen, und ist schnell fertig: „Von vielen wird mit einem erstaunlichen Mut die glorreiche kahnsche Vergangenheit ohne Rücksicht auf die trübe Gegenwart in eine sonnige Zukunft des kommenden WM-Sommers weitergesponnen, und die Wiederholung der verjährten Wundertaten und Wundertage gilt mit einer fast selbstverständlichen Sicherheit als gewährleistet: Ein Knopfdruck, und Olli ist wieder Kahn, der Titan mit den übermenschlichen Reflexen und mirakulösen Robinsonaden. (…) Lehmann ist momentan besser – nur weigert sich unser asiatisches WM-Langzeitgedächtnis standhaft, es zu glauben. Kühl betrachtet gibt es in dieser gefühlsbetonten deutschen Torwartgegenwart nur noch einen gravierenden Grund, der gegen Lehmann spricht: Oliver Kahns Vergangenheit.“
FR: Bayerns Chefetage spricht von Psychoterror
faz.net: Viel Geschwätz um die T-Frage
Mittwoch, 5. April 2006
Champions League
Mit Ball
Ronald Reng (FR) stellt das Konditionstraining des FC Barcelona vor: „Francisco Seirullo revolutioniert die Trainingslehre des Profifußballs. Laufen ist beim FC Barcelona grundsätzlich nicht angesagt. Das Längste, was die Spieler im Jahr rennen, sind drei Minuten: Tempoläufe in der Vorbereitung. Während der Saison absolvieren sie ohne Ball allenfalls Sprints. Es macht nicht mehr als fünf Prozent des Trainings aus. Ohne ein einziges Dauerlauftraining, ohne eine einzige Übungsstunde im Kraftraum macht Seirullo Barça zur bestaunten Elf einer Epoche. Heute wird wieder die halbe Welt den Fernseher einschalten, zappelig vor Vorfreude auf den von Zauber geküssten Fußball dieser Elf. Im Bann der Eleganz von Ronaldinho, Deco und ihrer Begleitband wird leicht übersehen, dass dies auch physisch eine der stärksten Mannschaften ist. Weder Juventus Turin noch Bayern München rauben dem Gegner öfter den Ball. Niemand spielt ein intensiveres Pressing. Viele Wege führen zum Ziel, und es soll deshalb auch gar nicht der Anspruch erhoben werden, Barças Training sei das einzig wahre. Aber gerade in einer Zeit, in der Jürgen Klinsmann mit seinen vermeintlich neuen Trainingsideen aus den USA Deutschland aufgeschreckt hat, sollte die Bundesliga merken, dass die heißeste Elf der Gegenwart Klinsmanns Vorstellung vom Tempotraining noch viel radikaler umsetzt. Barças Fitnesstraining steht im absoluten Gegensatz zu dem, was in der Bundesliga als Weisheit gilt und etwa Felix Magath macht. Magath schickt sein Team Berge hinauf, Kondition wird gebolzt. Barças Spieler merken gar nicht, wenn sie die Physis trainieren, so sehr hat Seirullo die Fitnessschulung ins Balltraining integriert. Allgemein gilt Fußball als Ausdauersport, weil die Spieler 90 Minuten lang rennen müssen. Seirullo hält Fußball für einen Sprintsport. Die Spieler rennen nie länger als ein paar Sekunden am Stück. Fußball ist antreten, abbremsen, ausweichen, sich abrupt drehen, und alles mit dem Ball am Fuß. Dann müsse man auch genau das trainieren. (…) Teams, die ihre Fitness aus dem klassischen Lauf- und Krafttraining ziehen, hielten mit Barça nur 25 Minuten in der ersten und 15 in der zweiten Halbzeit mit, sagt Seirullo.“
NZZ-Bericht Villareal–Inter (1:0)
NZZ-Bericht Milan–Olympique (3:1)