Samstag, 1. April 2006
Ascheplatz
Kampf gegen Symptome und Ursachen
Die Sportökonomen Helmut Ditl und Egon Frank (NZZ) nennen zwei entscheidende Ursachen für die Verschuldung vieler Profiklubs und zwei Möglichkeiten, diesen Trend zu bremsen: „Wie lässt sich erklären, dass im europäischen Profifussball trotz steigenden Einnahmen immer grössere Schuldenberge gehäuft werden? Eine mögliche Erklärung liegt in der Reizstruktur eingetragener Vereine. Da Vereinspräsidenten vom sportlichen Erfolg ihrer Klubs in Form persönlichen Ruhmes direkt profitieren, die Gehälter erfolgreicher Spieler aber nicht aus eigener Tasche zahlen müssen, haben sie einen systematischen Reiz, so viel wie nur irgendwie möglich für gute Spieler auszugeben. Diese Erklärung greift jedoch nur bei denjenigen Klubs, die als eingetragener Verein organisiert sind. Pleiten im Geldregen beobachten wir aber auch dort, wo die Klubs vollständig in Kapitalgesellschaften umgewandelt worden sind. Der Hauptgrund liegt in der Struktur des Ligawettbewerbs. Dieser ist ein sogenannter Rangwettbewerb. In dieser Kompetition entscheidet nicht die absolute, sondern die relative Leistung. Da eine Klubführung durch die Spieler- und Trainer-Investitionen nur die Spielstärke der eigenen Mannschaft und nicht der Konkurrenz beeinflussen kann, führt ein höherer Spieleretat nicht zwangsläufig zu einer höheren Gewinnwahrscheinlichkeit. (…) Prinzipiell gibt es zwei Lösungsmöglichkeiten: Entweder man bekämpft die Symptome, oder man bekämpft die Ursachen. Budgetobergrenzen, sogenannte Salary Caps, bekämpfen die Symptome. Jeder Klub darf nicht mehr als einen vorgegebenen Betrag oder einen fixen Prozentsatz seiner Eiinahmen für Spielergehälter aufwenden. In mehreren nordamerikanischen Profiligen gibt es solche Gehaltsobergrenzen schon seit längerem. Die NFL hat eine Obergrenze für Spieler-Etats, bekämpft zugleich aber auch die Ursachen des Überinvestitionsproblems, indem sie den Grossteil der Ligaeinnahmen gleichmäßig und nicht in Abhängigkeit der Placierung verteilt. Beispielsweise hatten in der letzten Saison die sechs bestklassierten Klubs nur um durchschnittlich 41 Prozent höhere Einnahmen als die sechs am schlechtesten placierten. In der Bundesliga beträgt diese Differenz etwa 300 Prozent.“
Falsches Signal
Betandwin ist Werder Bremens neuer Hauptsponsor; Andreas Lesch (BLZ) kritisiert diesen Deal: „Offensichtlich hat der deutsche Fußball noch immer nichts aus dem Hoyzer-Skandal gelernt; er müht sich, auch die jüngsten Ermittlungen diverser Staatsanwaltschaften in der Branche zu übersehen. Wenn schon der SV Werder, einer der anerkannt seriösesten deutschen Vereine, keine Skrupel hat, sich derart offensiv mit einem Wettanbieter zu verbünden, dann lässt das tief blicken. Mittlerweile, so scheint es, hat das Geld den Entscheidern im Profifußball komplett die Sinne vernebelt. Sechs Millionen Euro soll der neue Sponsor den Bremern pro Spielzeit angeblich zahlen, und sie nehmen diese Summe gern – koste es, was es wolle. Ein Fußballklub macht sich damit unglaubwürdig im Kampf gegen verschobene Spiele, gekaufte Schiedsrichter, tricksende Torhüter. Der Profi- und Profitfußball distanziert sich nicht von der Sportwettenbranche, er umarmt sie. So sendet er das falsche Signal. Er nimmt sich alle Freiheiten, die der Markt ihm bietet – und wundert sich, wenn er irgendwann einmal vorschnell unter Verdacht gerät.“
Kleiner Volksaufstand
Die Leserbriefseiten der Nürnberger Zeitungen sind voll mit Protest gegen die Umbenennung des Frankenstadions – Gerd Schneider (FAZ) über Artikulations- und andere fränkische Probleme: „Nürnberg folgt dem Beispiel anderer Klubs. Mittlerweile trägt fast ein Dutzend Bundesliga-Arenen die Namen von Konzernen. Sie verkörpern die Ökonomisierung des Fußballs, eine Entwicklung, die sich am besten im Namen des runderneuerten Frankfurter Stadions (Commerzbank-Arena) ablesen läßt. Selbst viert- oder fünftklassige Vereine haben inzwischen den Namen ihrer Anlagen zu Geld gemacht. ‚Fußball ist heute Geschäft. So ist die Zeit, man kann das Rad nicht zurückdrehen. Aber vielen geht das alles zu weit‘, sagt der frühere Nürnberger Außenverteidiger Horst Leupold, ein Mitglied der letzten Meister-Mannschaft des ‚Clubs‘ von 1968. In den meisten Bundesliga-Städten nahm die Fan-Basis die neuen Namen zwar mit Bedauern hin, aber ohne lauten Aufschrei – selbst in Dortmund. Die Anhänger leisten allenfalls passiven Widerstand, indem sie beharrlich beim alten Namen bleiben. Um so erstaunlicher, daß der Unmut der sonst nicht für ihr explosives Gemüt bekannten Nürnberger zu einem kleinen Volksaufstand wuchs. (…) Für die meisten Nürnberger ist das jenseits der Schmerzgrenze: Isigreddidschdadion, das kommt selbst gutwilligen Mittelfranken nur unter größten Mühen über die Lippen.“
Bayer-Blues
Roland Zorn (FAZ) beschreibt den Sog, den der Fall Reiner Calmunds in Leverkusen nach sich zieht: „Der schmerzliche Abnabelungsprozeß von einem vermeintlich jovialen Netzwerker, der so gut wie jeden zu duzen pflegte, den er vielleicht mal gebrauchen konnte, ist noch lange nicht abgeschlossen. Er wirkt manchmal lähmend auf all diejenigen, die die postmaterielle Ära nach Calmund neu zu ordnen und zu definieren haben. Inmitten des juristisch begleiteten Hin und Her und Mobbings zwischen beiden Seiten traut sich derzeit kaum noch jemand, ein offenes Wort gelassen auszusprechen – es könnte gegen ihn verwendet werden. Nicht nur der alte Strippenzieher Calmund schläft schlecht und weint auf Knopfdruck, auch sein langjähriger Partner und Widerpart Holzhäuser, von Calmund einst geholt und als ‚Holzi‘ eingemeindet, läßt die Schultern hängen und fühlt sich elend. So wie Völlers lange Nase dieser Tage immer spitzer und knöcherner zu werden scheint. Bayer-Blues – die Calmund-Affäre mergelt alle Beteiligten aus. Es scheint, als wäre die Chefsache Profifußball wieder da angekommen, von wo sie ausging: in der Zentrale der AG. In diesem beklemmenden Klima bleibt derzeit nur die Hoffnung auf einen angenehmen Samstag – und damit auf einen gelegentlichen Sieg der bekannt wankelmütigen Mannschaft. Spielt das Team wieder einmal schlecht, werden die Fans ‚Holzhäuser raus‘ rufen. Calmund hat, als er noch in Amt und Würden war, Holzhäuser gern als ‚Buchhalter‘ abqualifiziert und seine wenigen Aufpasser im Konzern als ‚Aspirin-Köppe‘ dazu. Nur er glaubte sich, manchmal in Absprache mit einem von ihm akzeptierten Trainer wie Christoph Daum, berufen, in Sachen Fußball reden und handeln zu dürfen. Daß der 1998 als Sachwalter der kaufmännischen Vernunft geholte Holzhäuser im Hintergrund an der Sanierung eines Klubs arbeitete, der auch dank Calmunds überbordender Großzügigkeit in ökonomische Schieflage zu geraten drohte, interessierte den ‚Mann mit dem Geldkoffer‘ herzlich wenig. Unter den alten Bayer-Regenten genoß King Calli Handlungs- und Narrenfreiheit zugleich. Inzwischen ist Holzhäuser alleiniger Chef im Calmund-losen Bayer-Fußballreich. Doch er wirkt derzeit eher wie jemand, der fürchten muß, daß ihm die Prokura entzogen wird. Dabei hat Holzhäuser das Seine dazu getan, die GmbH gesundzuschrumpfen und die Ausgaben für die Profis auf unter fünfzig Prozent des Jahresetats gesenkt. Das macht den Ökonomen stolz, ist aber keine Erfolgsstory für die Anhänger des Klubs, denen Calmund den Mund nach fortgesetzten Champions-League-Festen mit Teams wie Real Madrid oder Manchester United wäßrig gemacht hat. Eine teuer bezahlte Geschichte von gestern.“
Du sollst dich nicht erwischen lassen
Hans Leyendecker und Johannes Nitschmann (SZ/Seite 3) leuchten die Leverkusener Dunkelheit etwas aus: „Es geht um eine ganze Menge: Immerhin hat der Ermittler Reifferscheidt den ‚Anfangsverdacht‘, dass mehrere Spiele manipuliert worden sein könnten. Diese schlimme Vermutung wurde und wird, erstaunlicherweise, von Bayer-Verantwortlichen genährt, deren Verein, wenn der Verdacht zuträfe, härteste Sanktionen befürchten müsste – bis zum Bundesliga-Lizenzentzug. Das alles ist nur schwer zu verstehen und liefert dennoch einen seltenen Einblick in ein Milieu, das Fußballbetrieb genannt wird. ‚Der Fußball ist zu 95 Prozent sauber‘, sagt Holzhäuser. Das heißt im Umkehrschluss, dass 5 Prozent unsauber sind, was jährlich einen hohen schmutzigen zweistelligen Millionenbetrag ausmachen würde. Aber welche 5 Prozent sind verseucht? Bei Bayer jedenfalls stinkt es gewaltig. Vom Hexenkessel eines Vereins wird der Deckel gehoben, und üble Dämpfe steigen auf. Der Fall Calmund ist ein seltsamer Fall. Es gibt ungewöhnliche Durchstechereien, alte Rechnungen werden beglichen und fortwährend treten Leute aus jenem Panoptikum auf, in dem das dicke Auto den schlechten Leumund kompensieren hilft. Kein roter Faden ist zu erkennen, der durchs Labyrinth führt – stattdessen gibt es viel Widersprüchliches und zahlreiche Ungereimtheiten. Welches Motiv könnten, wenn sie es denn waren, Verantwortliche der Bayer AG gehabt haben, den Fall Calmund heimlich loszutreten? Weiß der Schlaumeier Calmund eigentlich, was er so erzählt? Oder ist das nur eine gigantische Fiktion, in der alles etwas anderes bedeutet, als es besagt? Alles nicht wahr. Ein Scherz. Karneval. Hat Calmund, im Branchenjargon der ‚Pate von Leverkusen‘, gegen das elfte Gebot verstoßen? Du sollst dich nicht erwischen lassen.“
FAZ: Premiere, Telekom und Bundesliga – Dreiecksbeziehung
NZZ: Die DFL im TV-Geschäft? 10-Prozent-Option am „Projekt“ Arena
taz: Rassistische Kampagne gegen Patrick Owomoyela, DFB und Werder Bremen prüfen rechtliche Schritte gegen die NPD
taz: Zu dritt verteidigen oder zu viert? Das Zahlenspiel soll verbergen, dass der Angsthasenfußball in der Bundesliga ausgebrochen ist
FR: Gegen Bremens Offensivkraft empfiehlt sich für Eintracht Frankfurt eine stabile Dreierkette
SZ: Nur wenige ausländische Profis identifizieren sich so mit ihrem Klub wie Rafael van der Vaart mit dem HSV
BLZ: Anspruch und Ertrag liegen beim VfB Stuttgart weit auseinander – der Leidtragende ist vor allem Armin Veh
FR: Matthias Sammer sucht Rezepte für die Wunderheilung des deutschen Fußballs
FAZ-Interview mit Matthias Sammer
FR-Interview mit Dieter Hoeneß über die Charaktermägel und Verhaltensfehler von Jugendfußballern
Freitag, 31. März 2006
Unterhaus
Anfassbarer Klömpchensklup
Mathias Klappenbach (Tsp) übt schon mal das Vereinslied Alemannia Aachens: „Wie viele andere Traditionsklubs drohte die Alemannia in den Neunzigerjahren in den unteren Ligen zu verschwinden. Doch sie kam zurück. Und überstand in der Zweiten Liga vor ein paar Jahren die drohende Pleite, als in der Fußgängerzone Geld für das Überleben gesammelt werden musste. Die Leute gaben gerne, auch der Trainer und die Spieler spendeten damals Geld für ihren immer noch echten, anfassbaren ‚Klömpchensklup‘. Es gibt wohl niemanden, der sich in Zeiten am Reißbrett entworfener Bundesliga-Projekte wie derzeit in Hoffenheim nicht über die Rückkehr der Alemannia in die Bundesliga freuen würde.“
Bundesliga
Beleidigt sein
Was ist dran an der Bremer Unruhe, Frank Heike (FAZ)? „Da die meisten Werder-Profis lieber intern die Dinge des Fußballer-Lebens besprechen und es von Thomas Schaaf nie etwas, von Klaus Allofs selten etwas in Hoeneß-Manier zu hören gibt (obwohl Allofs für die öffentliche Kritik an Spielern zuständig ist), vernimmt man überregional eben weitestgehend wenig aus Bremen. Das liegt auch daran, daß die Mitglieder der Geschäftsführung geräuschlos und unaufgeregt ihre Arbeit versehen. Daraus abzuleiten, daß sich alle liebhaben in der großen Werder-Familie, wäre natürlich grundfalsch – für eine Fußballmannschaft darf das gar nicht gelten. Als Werder im Winter formulierte, man sei an Lukas Podolski interessiert, gab es sofort Aufregung in der Mannschaft, vor allem im Sturm. Der schickt nun in Person von Klasnic (Vertrag bis 2007), Valdez (2007) und Klose (2008) Eruptionen der Erregung durchs Werder-Lager. Wo bleibe ich, wenn ein Neuer kommt? Was verdient er? Womöglich mehr als ich? Beleidigt sein und seinen Wert nicht respektiert sehen, das können die meisten Bundesliga-Profis besser, als mit dem anderen Fuß schießen. Was wird aus mir, wenn ein anderer kommt? Diese und ähnliche existentielle Fragen, primär das eigene Fortkommen betreffend, kennt man aus jedem Frühling, wenn die Wechselspielchen in der Liga sprießen.“
Ascheplatz
Befremdlich
Was machen eigentlich die Ambitionen Joseph Blatters auf den Friedensnobelpreis? Michael Reinsch (FAZ) wendet sich von Blatters jüngsten Moralpredigten ab: „Er kämpft gegen den schlechten Fußball, das Böse in seiner Welt. Im Januar war er als Redner zum Weltwirtschaftsforum in Davos geladen, die bevorstehende Weltmeisterschaft bringt seinem Verband Milliarden. Wenn jemand ein Global Player ist, dann er. Seit März ist Blatter siebzig Jahre alt, und er scheint an seinem Vermächtnis zu arbeiten. Er weiß, daß das aufgeblasene Geschäft mit dem Ball sich um nicht mehr dreht als einen Hohlkörper. Über die ‚pornografischen Mengen Geldes‘ klagte er im Oktober; sie drohten, den Sport zu ersticken. Auch die verzweifelte Hoffnung auf einen Vertrag im Unterhaltungsbetrieb Fußball hat er erkannt, die namentlich in Brasilien zu einer modernen Sklaverei geführt hat. Gier dürfe nicht die Welt des Fußballs regieren, forderte Blatter. Es würde ausreichen, wenn der Fußball seine Macht und seinen Einfluß auf der ganzen Welt in Verantwortung ummünzte. Er könnte viel erreichen im Kampf gegen Armut und Elend, gegen Rassismus und Ausbeutung. Da wirkt es befremdlich, wenn der Fifa-Präsident den Kampf gegen die innere Leere seiner Geldmaschinerie zur Heilslehre erklärt.“ Werner Langmaack (FTD) fügt an: „Es geht Blatter darum, das Bild der Fifa in güldenem Licht erscheinen zu lassen. Der Weltverband hat zuletzt viel Sympathie verspielt wegen seines nervigen Markenschutz-Terrors. Die Fifa, erklärte also Blatter, sei nicht die ‚bonzenhafte, großkotzige Organisation‘, als die sie oft dargestellt werde, sondern eine konservative Gemeinschaft mit erheblichem soziokulturellen Einfluss rund um den Globus. Der Fußball heute sei die moderne Entsprechung des antiken griechischen Theaters. Da gehe es nicht nur um Freundschaft, Liebe und Happy-End – es mischten auch Schurken und Betrüger mit.“
Machterhalt und Gewinnmaximierung
Thomas Kistner wirft in der März-Ausgabe des politischen Monatsmagazins Cicero dem Fifa-Präsidenten vor, Geld als Leitlinie seiner Politik zu machen: „Der Rubel rollt von selbst, Blatter zieht die Strippen. Er führt einen ständigen Überlebenskampf inmitten seiner Klientel- und Günstlingswirtschaft. Er kennt das, er hatte ja selbst einmal, 1994 als Fifa-Generalsekretär, den Putsch gegen seinen Gönner und Vorgänger João Havelange geprobt. Dass er dessen Revirement nicht zum Opfer fiel, verdankte sich wohl der Kenntnis der Geschäftsgänge. Es gibt bis heute gute Gründe für die Fifa, keine Transparenz zu üben. Denn das System Blatter ist allen gegenteiligen Reden zum Trotz so wenig sportlichen Zielen verpflichtet wie die Ära Havelanges. Schon der Brasilianer war nur auf Machterhalt und Gewinnmaximierung ausgerichtet, die Aufstockung der WM von 16 über 24 auf 32 Teams war kein Produkt sportlicher Konzepte, sondern Thronversprechen, um die Stimmen der Drittweltländer zu ködern. Auch in Blatter Ägide seit 1998 gab es viele Ankündigungen und gescheiterte Reformversuche, man denke an das Experiment mit der Abseitsregel beim Confed-Cup 2005. Wirkliche Neuerungen gab es nicht, seit der Generalsekretär Blatter mit einer Skandalwahl den Thron eroberte.“
Video von der Pressekonferenz an der Sicherheitskonferenz mit Joseph Blatter, Wolfgang Schäuble und Franz Beckenbauer, faz.net
taz: Der DFB wähnt sich als Vorreiter im Kampf gegen Rassismus – und in deutschen Stadien werden trotzdem weiterhin afrikanische Spieler beschimpft
FR-Interview mit Hermes Navarro, dem Präsidenten des Fußball-Verbandes von Costa Rica
Tsp-Interview mit Reiner Calmund über sein jetziges Verhältnis zu Bayer Leverkusen
Interview mit Herbert Henzler, dem Berater von Franz Beckenbauer, über die Probleme der Fußball-WM und analysiert die Schwächen der deutschen Sportmanager, manager magazin
sueddeutsche.de: die 20 wertvollsten Spieler der Welt
Donnerstag, 30. März 2006
Champions League
Vergiftet und gelähmt
Arsenal–Juventus Turin 2:0
Markus Lotter (Welt) goutiert den Auftritt Arsenals: „Es raubte einem den Atem, wie Arsenals Talente den italienischen Rekordmeister vor allem im zweiten Spielabschnitt beherrschten. Souverän in der Abwehr, die in der Champions League zum siebten Mal in Folge ohne Gegentor blieb und damit den Rekord des AC Mailand egalisierte; überlegen im Mittelfeld dank der taktischen Finesse von Wenger, dort fünf anstatt vier Spieler aufzubieten; und im Sturm mit dem unbändigen Henry, der Fouls durch den Gegner wie Majestätsbeleidigungen wirken läßt. Wie Spinnen knüpften die ‚Gunners‘ mit Kurzpässen und Dribblings ein Netz um die Turiner. Juventus wirkte wie vergiftet, wie gelähmt vom Hochgeschwindigkeitsfußball des Rivalen. (…) Wenger scheint der Umbruch im Zeitraffer zu gelingen.“
Opfer
Raphael Honigstein (FR) ergänzt und streicht die Leistung Jens Lehmanns heraus: „‘Guten Tag!‘, sagte Robert Pirès zu den Journalisten, als Mitternacht nicht mehr fern war. Ja, man kann schon mal durcheinander geraten, wenn so schnell gespielt wird, dass die Uhr nicht mehr mitkommt, Pirès erging es nicht viel anders als der so genannten Alten Dame aus Turin, die von den flinken Londoner Jungs unversehens bis aufs Nachthemd ausgezogen worden war. Wenige Minuten vor dem Ende waren Mauro Camoranesi und Jonathan Zebina ob der eigenen Blöße gar so beschämt gewesen, dass sie sich vorzeitig in die Umkleide schicken ließen – beide werden im Rückspiel fehlen, ebenso wie der unglückliche Patrick Vieira, der gegen seinen 18-jährigen Nachfolger, den überragenden Cesc Fábregas, erst kein Land und dann noch die gelbe Karte sah. Er ist im Rückspiel gesperrt. Vielleicht ist es besser so für ihn. Vieira, der langjährige Arsenal-Kapitän, wurde bei seiner Rückkehr von den Rängen mit Sprechchören gefeiert. Lange hielt er sich in den Zweikämpfen merkwürdig zurück. Ob es die Angst vor der Verwarnung war oder eine ungewollte Rücksicht auf die alten Kameraden? Es war nicht mehr herauszufinden. Seine 1,91 Meter jedenfalls wirkten hinterher ganz klein im Regen, er schlich traurig an den Mikros in der Mixed Zone vorbei, um sich beim VIP-Ausgang von Freunden trösten zu lassen. Beim kunstvollen, am Ende sogar begeisternd herausgespielten 2:0 hatte er nur als Opfer eine Hauptrolle gespielt. (…) Dass Jens Lehmanns aktives, vorausschauendes Spiel die Nachwuchsakteure lenkt und ihnen zusätzliche Sicherheit gibt, war deutlich zu spüren. Mögliche Parallelen zur Situation der deutschen Nationalelf dürften Jürgen Klinsmann kaum entgangen sein.“
Pro Lehmann
Frank Hellmann (FR) tipt auf Lehmann: „Wer jüngste Aussagen im Torwart-Theater interpretiert, wer die besonderen Verquickungen seziert, der sammelt immer mehr Indizien dafür, dass Klinsmann den offensiveren Stil Lehmanns bevorzugt. Nach der aktuellen Spurensuche spricht mittlerweile nicht nur nach Ansicht von Arsène Wenger mehr für Lehmann als für Kahn.“
FAZ: Arsenal 2006, ein Jahrgang für Champagner-Fußball
NZZ: Juve an den Rand der Selbstzerstörung gedrängt – Arsenal vor der Wiedergeburt eines grossen Teams
NZZ-Bericht Lyon-Milan (0:0)
SZ: Scharfe Rhetorik, verschärfte Prozesslust: Der Kampf der „G14“ mit Fifa und Uefa um die Verteilung der Fußball-Milliarden eskaliert
Tsp: Gegen Rassismus im Fußball wird zu wenig getan
Rund/zeit.de: Robert Huth am Lügendetektor
Zeit-Debatte: Haben wir den richtigen Bundestrainer? Pro und Contra
Mittwoch, 29. März 2006
Champions League
Ideologisches Duell
Arsenal bezwingt Juventus 2:0 – Flurin Clalüna (NZZ) jubelt mit den Kleinen: „Die Arsenal-Talente müssen sich beim Einlaufen vorgekommen sein wie Verirrte im ‚Land of the giants‘, der TV-Show der sechziger Jahre, als sie den vielen langen Kerlen aus Turin auf dem Rasen gegenübertraten. Juventus ist vielleicht das Fussballteam mit den grössten Spielern der Welt in der Startformation, vier über 1,90 m, nur zwei unter 1,80 m. Doch damit nicht genug, erfahren waren sie auch noch, die Italiener, durchschnittlich vier Jahre älter als die Jungkanoniere aus London. Arsenal contra Juventus war auch der Kampf der Systeme: hier der Zukunftsglaube durch Jugendpolitik, dort das bewährte Muster mit ‚fertigen‘ Fussballern als grösstmöglicher Versicherungspolice. Nach 93 Minuten ist das ideologische Duell überraschend klar zugunsten der Engländer gekippt; noch nie stand der Arsenal FC im Halbfinal der Champions League, und es spricht einiges dafür – nicht zuletzt die inspirationslose, am Ende desaströse Juventus-Darbietung –, dass sich dies in diesem Jahr ändern wird.“
FAZ: Jens Lehmann allein auf der Bühne
Fussballerische Schaulust lateinischer Prägung
Benfica gegen Barcelona, ein 0:0, das die NZZ begeistert „Der iberisch-brasilianische Gipfel, mehr als ein Drittel der zum Match angetretenen Spieler kamen aus Südamerika, hatte Spektakel versprochen. Und er bot, von den beiden niederländischen Coaches taktischer Fesseln weitgehend befreit, fussballerische Schaulust lateinischer Prägung. Offensive Ausrichtung, schnelle Seitenwechsel, Strafraumszenen hüben wie drüben, technisches Raffinement oft auf engstem Raum, Überraschungsmomente, ab und zu auch skurrile Fehler.“
Welt: Was Provinzklub Villarreal ins Viertelfinale verschlägt
Ascheplatz
Kollektives Aufatmen
Roland Zorn (FAZ) kommentiert das Urteil des Bundesverfassungsgerichts über Sportwetten: „Das Urteil ist gesprochen und hebt sich wohltuend ab von den vielen kommerziellen Erwägungen, die vorher laut oder halblaut wurden, wenn über die mögliche Aufhebung des staatlichen Glücksspielmonopols diskutiert wurde. Karlsruhe hat alle Beteiligten, ob Wettveranstalter, Gesetzgeber oder Spielernatur, daran erinnert, sich des heiklen Themas in Zukunft mit kontrollierter Offensive anzunehmen. Über aller Zockerleidenschaft hat die Gesundheit, also die Eindämmung der virulenten Wettsucht, zu stehen. Eine Zielvorgabe, die der staatliche Wettanbieter Oddset demnächst bei aller zuletzt eher an den Spieltrieb appellierenden Eigenwerbung nie aus den Augen verlieren darf. Insofern ist das Urteil auch als eine Warnung an alle zu verstehen, die mit Wetten vor allem Geld verdienen wollen – und dabei die bedrohlichen Implikationen der allzu vielen bunten Wettangebote allzugern übersehen. (…) Jeder, der in Deutschland mit Wetten auf seine Kosten kommen will, ist gehalten, das Gemeinwohl zu berücksichtigen und zu bedienen.“ Claudio Catuogno (SZ) fügt an: „Weil das Bundesverfassungsgericht das staatliche Wettmonopol nicht wie befürchtet in Grund und Boden riss, sondern nur entscheidende Modifikationen einforderte, blieben die Horrorszenarien diesmal unter Verschluss. Stattdessen: kollektives Aufatmen. (…) Das Bundesverfassungsgericht hat ein System in Frage gestellt, an dem sich der deutsche Sport mit großem Hurra beteiligt hat. Zum Aufatmen dürfte sich deshalb ruhig auch etwas Selbstkritik gesellen.“
SZ/Seite 3: Wie der schillernde Fußball-Manager Reiner Calmund und Publikumsliebling vom eigenen Schatten eingeholt wird
NZZ: Düsteres Epos von Lug und Verrat
Dienstag, 28. März 2006
Internationaler Fußball
Kein Ort, in dem Fußball alles ist
Christian Eichler (FAZ) stellt uns Reading, Aufsteiger in die Premier League, als Stadt der Kultur vor: „So früh im Jahr war noch keinem Klub in der englischen Fußballgeschichte der Aufstieg in die Premier League gelungen. Letztes Jahr Wigan, die graue Industriesiedlung im Nordwesten; dieses Jahr Reading, das propere Bürgerstädtchen an der Themse – wieder ein neuer Name auf der Karte des englischen Spitzenfußballs. Es sind Kellerkinder des Kicker-Wunderlandes, die einen Platz in der attraktivsten Liga der Welt erobern. Wie in Wigan mit dem Sportladen-Unternehmer Dave Whelan, so steht auch in Reading in John Madejski, der sein Geld mit einer Gebrauchtwagenzeitschrift machte, ein Multimillionär hinter dem Erfolg. Doch floß das meiste Geld nicht in teure Spielerkäufe, sondern in professionelle Strukturen, vor allem ein neues Stadion. Madejski investierte, seit er den Klub 1990 als neuer Präsident vor dem Ruin bewahrte, rund 40 Millionen Pfund; das meiste in das 25.000 Zuschauer fassende Madejski Stadium. Reading ist kein Ort, wie er dem Klischee des englischen Arbeiterfußballs entspricht. An der Themse gelegen, 50 Kilometer westlich von London, in der Provinz Royal Berkshire, verwöhnt von lieblicher Natur und Wohlstand, nicht weit von Oxford, Windsor, Henley, war es Durchgangsstation für viele Könige und Heimat einer der reichsten Abteien des Landes, ehe sich Heinrich VIII. ihrer bemächtigte und den Abt am Tor aufhängen ließ. Eine Stadt mit Hochschule, Kunstszene, Musikfestivals, vielen Firmen der Informationstechnologie – kein Ort, in dem Fußball alles ist. 1920 schloß sich der Klub der dritten Liga an und verbrachte in ihr 45 der folgenden 50 Jahre – die zementierte Drittklassigkeit. ‚Biscuitmen‘ nannte man die harmlosen, blau-weiß gestreiften Reading-Kicker, nach einer örtlichen Keksfabrik. Madejski waren die Krümel zu wenig, er ließ das Team umtaufen in ‚Royals‘.“
In der Welt sieht Reading anders aus: „Nach Reading fahren Engländer nicht, sie fahren nur durch. Was schlichtweg daran liegt, daß Reading nahe London am Motorway M4 Richtung Süden liegt, aber nichts besitzt, was den Stop lohnen könnte. Nach Reading – heißt es in der englischen Hauptstadt – nur unter Zwang! Es sei denn, es wird Fußball gespielt. (…) Der viertälteste Klub Englands, 1871 gegründet, ist der letzte Traditionsverein, der noch nie im englischen Fußballoberhaus mitspielen durfte. Was selbst Schriftsteller Nick Hornby, Readings berühmtestem Sohn, in seiner Jugend zu viel der Leiden gewesen war. Weshalb er lieber mit seinem Vater zum FC Arsenal London fuhr, dort auf höherem Niveau litt.“
NZZ: bei Austria Wien sind die fetten Jahre vorbei
Champions League
Riskanter Stil
Es tut immer weh, TV-Fußballjournalisten über das Torwartspiel reden zu hören. Am Samstag stellte der an und für sich sehr erträgliche Sebastian Hellmann (Premiere) allen Ernstes die Frage, ob Oliver Kahn den Gegentreffer der USA hätte verhindern können und ob man ihm einen Vorwurf machen könne. Die Schuldfrage bei einem Tor durch einen verunglückten Paß aus mehr als 60 Metern Torentfernung!
Wie wohltuend hebt sich die exakte Analyse Christian Eichlers (FAZ) ab. Eichler, nennen wir ihn einen der Handvoll Torwartweisen Deutschlands, stellt Jens Lehmann als fünften Verteidiger seiner Mannschaft vor – eine Torwartantwort: „Jürgen Klinsmann wurde für sein Offenhalten der Torwartfrage viel gescholten. Einer der deutschen Fußballglaubenssätze fordert, dem Torhüter einen Stammplatz zu garantieren, ihn vom internen Wettkampf fernzuhalten, um ihn sicher zu machen. Klinsmann tat das Gegenteil – und lag richtig. Der Konkurrenzkampf hat beiden Konkurrenten Beine gemacht. Kahn hält besser als letzte Saison. Lehmann hält so gut wie nie. Die englische Presse feierte seinen ‚Heroismus‘ beim 1:0 und 0:0 gegen Real Madrid, vor allem die ‚Wunderparade‘ im Rückwärtsfliegen gegen Raul. Die besten Chancen von Ronaldo oder Beckham verhinderte er durch schnelles Denken und mutiges Attackieren schon bei der Ballannahme. Und in der Nachspielzeit demonstrierte Lehmann den größten Stilunterschied zu Kahn. Während der Bayern-Rivale am selben Abend drei von vier Gegentoren in Mailand per Kopfball aus dem Fünfmeterraum kassierte, fischte Lehmann einen Eckball nahe der Strafraumgrenze, 15 Meter von seiner Linie entfernt, aus der Luft. So wurde er fast zum Torvorbereiter. Lehmann nennt das seinen ‚riskanten Stil‘. Riskant daran ist vor allem die Möglichkeit, als Torwart schlecht auszusehen. Wer auf der Linie klebt, macht optisch den besseren Eindruck, weil Paraden dort meist spektakulär aussehen und Gegentore unhaltbar. Wertvoller fürs Team ist oft der Torwart, der riskiert, auch mal schlecht auszusehen. In England schwimmt Lehmann auf der Welle der Anerkennung. Er hat die Ruhe und das Timing für das hohe englische Tempo gefunden. In England glauben die Experten, er habe Kahn längst abgehängt. In Deutschland glauben dagegen viele, Klinsmann könne es sich gegen die Bayern-Macht gar nicht erlauben, Lehmann zu wählen. Doch als Spieler erlebte Klinsmann Turnierpleiten, bei denen man zu lange an einem verdienten Torwart festgehalten hatte. Als Hauptgrund fürs WM-Scheitern 1994 nannte Berti Vogts später sein Festhalten an Bodo Illgner, dem Weltmeister von 1990. Andreas Köpke war damals schon besser, durfte aber erst bei der EM 1996 ins Tor; und dann, als Kompensation für 1994, auch 1998, obwohl da Kahn schon besser war – eine Kettenreaktion von Fehlentscheidungen, die dem starren deutschen Denken in der Torhüterfrage geschuldet war: Alte Verdienste schlagen aktuelle Leistung. Diesen Kreislauf will Klinsmann gewiß nicht fortsetzen.“
Komplexer
Frank Hellmann (FR) lenkt die Aufmerksamkeit vor den Viertelfinals auf die Spieler mit der Nummer 1: „Es ist eine logische Folge, dass im nivellierten Hochgeschwindigkeitsfußball – vor allem wenn bei WM, EM oder Champions League die K.-o.-Partien beginnen – immer weniger Tore fallen; wenn, dann geht dem häufig eine einstudierte Standardsituation oder ein einziger individueller Fehler voraus. Die perfektionierte Defensivarbeit basiert auf dem fehlerfreien Handeln des allerletzten Mannes, wobei das Anforderungsprofil deutlich komplexer geworden ist. Die Zeiten, in denen Torwarttypen wie Andreas Köpke oder Raimond Aumann ihre Rolle zuvorderst als vorrangig auf der Torlinie agierende Figuren verstanden, die auch mittig abgegebene Schüsse mit Flugrolle und einer Faust über die Latte lenkten, sind vorbei. Wenn sich heute Gianluigi Buffon und Jens Lehmann oder morgen Frankreichs Nationaltorwart Gregory Coupet (Lyon) oder Brasiliens Auswahlkeeper Dida (AC Mailand) gegenüberstehen, dann wird das moderne Torwartspiel zu besichtigen sein. Auch Sebastian Viera vom FC Villareal, überaus talentierter Nationaltorwart aus Uruguay, und Routinier Francesco Toldo von Inter Mailand gelten als echte Könner. Von den acht Viertelfinalisten leisten sich nur zwei wankelmütige Schlussleute: Beim FC Barcelona übertüncht ein begeisterndes (Offensiv-)Potenzial die Anfälligkeiten des erst 24-jährigen Victor Valdes, bei Benfica Lissabon überstrahlt die gute Grundordnung und technische Qualität die Tatsache, dass wechselweise vier verschiedene Keeper (Moretto, Moreira, Quim und Neureu) zum Einsatz kamen. In der Regel kommen die Teams nicht trotz, sondern wegen des Torwarts eine Runde weiter.“
Welt: Bewährungsprobe für Lehmann auf der Bühne Champions League
Duell der Ideen
Arsenal hat das Liverpool-Syndrom: in England zerbrechlich, in Europa stark – Raphael Honigstein (Tsp) führt das nicht zuletzt auf Patrick Vieiras jungen Nachfolger zurück: „Der Abschied des Kapitäns, den die Kollegen hochachtungsvoll ‚la grande saucisse‘ (‚die große Wurst‘) riefen, hinterließ ein gewaltiges Loch im System; die erste Ligasaison ohne Vieira droht zugleich zur schlechtesten in zehn Jahren zu werden. ‚Es hat sich rumgesprochen, dass man uns körperlich zusetzen kann‘, sagt Arsène Wenger. Bescheidene Lauf- und Grätschkombos wie die Blackburn Rovers oder Bolton Wanderers verbissen sich mit Wonne in Arsenals neuer weicher Mitte. Lange Bälle und Aggressivität, das kleine Einmaleins des englischen Fußballs, reichten gegen Arsenals junge Spieler aus aller Herren Länder oft aus. Die unbefriedigenden Resultate sind aber nur ein Teil der Geschichte. Wenger versucht den Umbruch auf hohem Niveau, und um alles darüber zu wissen, muss man nur sehen, wer im Mittelpunkt steht: ein 18-Jähriger. Francesc Fábregas spielt auf Vieiras Position im zentralen Mittelfeld, kein anderer europäischer Spitzenklub gibt einem Talent soviel Verantwortung. (…) In der Champions League läuft der Ball kultivierter durch die Reihen, Premier-League-Spieler erleben sie als verkehrsberuhigte Zone. Technik und Taktik sind wichtiger als Härte; hier kann Fábregas glänzen und seine junge Abwehr allein durch Stellungsspiel so gut beschützen, dass sie tatsächlich die beste im laufenden Wettbewerb ist. Das Duell mit Vieira wird also in erster Linie ein Duell der Ideen werden, der Ausgang ist völlig offen.“
NZZ: Die Rückkehr der Kampfgiraffe – Patrick Vieira mit Juventus zurück in Highbury
Outsider
Georg Bucher (NZZ) begründet den Erfolg Villareals mit der Strategie des Trainers: „Südamerikanische Trainer haben schon bessere Zeiten in Spanien erlebt. Luxemburgo und Bianchi wurden von den Madrider Klubs entlassen, Cúper räumte seinen Posten in Mallorca freiwillig, Esparrago hält noch die Stellung in Cádiz. Nur einer hebt sich von den Kollegen positiv ab: Manuel Pellegrini, seit Sommer 2004 in Villarreal tätig und ein Kandidat für den Titel ‚Trainer des Jahres‘. Als er in die 45.000 Einwohner zählende Stadt der ostspanischen Provinz Castellón kam, war der Chilene eine unbekannte Grösse. Mittlerweile zollen ihm auch kritische Beobachter Respekt und bezeichnen seine Arbeit als wegweisend für andere Klubs. Dabei ist Pellegrini kein Erfinder, sondern ein akribischer Arbeiter, ein Bastler, der seine Teams wie Puzzles zusammensetzt, immer neu. Vor allem in zwei Punkten hat Pellegrini das Team vorangebracht: Die Abwehr ist stabiler geworden, die Auswärtsbilanz besser. Dafür tut sich das Team im heimischen El Madrigal deutlich schwerer als in der Ära Victor Muñoz (jetzt Real Saragossa) – obwohl die Ausbildner einer ähnlichen Philosophie huldigen und daher vom Präsidenten Fernando Roig verpflichtet wurden. Angriff ist Trumpf, mit einem kreativen Stil kommt man dem Ziel näher, landesweit Anhänger zu gewinnen. (…) Acht Rennen hat das ‚yellow submarine‘ auf der ersten Fahrt durch die Königsklasse ohne Schaden überstanden und wird immer noch als krasser Outsider gehandelt. Inter sollte sich vorsehen.“
Brasil-Syndrom
Hebt sich Adriano seine Tore für den Sommer auf? Peter Hartmann (NZZ) kennt die Pappenheimer: „Adriano schiesst keine Tore mehr, das letzte am 11. Februar. Der brasilianische Nationalcoach Parreira macht sich deswegen keine Sorgen. Letzte Woche sagte er mit entwaffnender Aufrichtigkeit, sein Stürmer schone sich für die Weltmeisterschaft. In seine Ferndiagnose schloss er auch Ronaldo ein, der bei Real Madrid die bekannte ‚Niemand liebt mich mehr hier‘-Melodie singt, weil er als Dickerchen und Drückeberger verhöhnt wird. Schon vor vier Jahren hatte er sich bei Inter in der Rolle des grossen Unverstandenen inszeniert, aber dann schoss er Brasilien als bester Torschütze zum Weltmeistertitel, ein phänomenaler Fall von Selbstheilung. Vier Jahre zuvor, in Paris, war Ronaldo vor dem Final in Ohnmacht gefallen und spielte wie ein Zombie. So viel Vorgeschichte zum sogenannten Brasil-Syndrom. Adriano spielte in Parma 77 Minuten lang Adriano, den Verschwundenen, der zwar leibhaftig mit Schuhgrösse 49 auf dem Platz stand, aber unsichtbar blieb. Bis ihn Trainer Roberto Mancini endlich ersetzte, kopfschüttelnd wie ein Reiter, der vergeblich versucht, ein störrisches Pferd zum Saufen zu bringen.“
Ball und Buchstabe
Risiko übersehen
Nachdem der Nigerianer Ogungbure in einem Spiel der NOFV-Oberliga rassistisch beschimpft worden ist, zeigt er dem Mob abschätzig den Hitlergruß; die Polizei wird aus einem Opfer einen Täter machen. Frank Jansen (Tsp) erschaudert: „Jetzt ermittelt die Polizei – gegen Ogungbure. Eine Anzeige gegen die ‚Drecksnigger‘ rufenden Hooligans schrieb dagegen kein Beamter. Die Innenminister haben offenbar vor der WM ein Risiko übersehen. Was nützt es, Stadien zu Festungen hochzurüsten, die Bundeswehr aus den Kasernen zu holen und teure Sympathie-Kampagnen zu präsentieren, wenn es Teilen der Polizei an der nötigen Sensibilität im Umgang mit Opfern rassistischer Angriffe mangelt? Natürlich wird bei der WM in den Stadien selbst kein afrikanischer Fußballer attackiert werden, dazu sind die Sicherheitsmaßnahmen zu massiv. Doch was vor und nach den Spielen passieren könnte, zeigt sich nicht erst seit dem Vorfall in Halle. Gerade in ostdeutschen Stadien sind rassistische und antisemitische Parolen leider keine Seltenheit. Polizei und Zivilgesellschaft nehmen sie oft genug hin.“
Tsp: Nigerianer wird rassistisch attackiert und zeigt Hitlergruß
Tsp: Der Druck auf Reiner Calmund nimmt zu: Er wurde in Köln vernommen – Politiker wünschen seinen Rücktritt als WM-Botschafter
sueddeutsche.de: Eine WM für Gütersloh – wo in diesen Tagen „Fußball-WM“ draufsteht, ist Bertelsmann drin
FR: Arena verpflichtet Sat 1-Moderatoren und gewährt Frühbuchern Rabatt
BLZ: Arena stellt Konzept vor – Probleme mit der Verbreitung
Bundesliga
Kaiserslautrig
Nach dem 0:3 in Kaiserslautern – Tobias Schächter (SZ) fällt der arge Mißmut der Gladbach-Fans auf: „Wie alarmierend die Situation mittlerweile ist, bewies die Reaktion der Anhänger nach dem Abpfiff der Tortur. Bierbecher flogen den Profis entgegen, und bittere Hohngesänge wurden angestimmt. Bei einer Mannschaft, die in der Tabelle nur drei Punkte von Platz 5 entfernt platziert ist, sind derlei Unmutsbekundungen der Anhängerschaft nicht gerade üblich. In Gladbach aber sitzt der Frust tief. In Kaiserslautern feierte derweil Wolfgang Wolf ‚den wichtigsten Sieg‘ seiner Amtszeit. Zum Fürchten gab die engagierte Leistung der Lauterer aber keinen Anlass. Der Erfolg kam vor allem zustande, weil Gladbach noch kaiserslautriger spielte als Kaiserslautern im bisherigen Saisonverlauf.“
Überzeugungstäter
Peter Heß (FAS) porträtiert Hans Meyer, der sich Lob trotz seiner Erfolgsbilanz verbittet: „Wie geht das? Solch eine Blüte, wo zuvor nur Wüste war, und das in so einer kurzen Zeit? Es gibt für Fußballjournalisten kaum angenehmere Berufssituationen, als diese Frage an die Person zu richten, die dieses Naturwunder geschaffen hat. 99,9 Prozent der Fußballtrainer werden mehr oder weniger stolz, aber auf jeden Fall bereitwillig über ihre Arbeit berichten. Das gilt nicht für Hans Meyer. Schmeichelnde Fragen nach dem Erfolgsgeheimnis kontert er im besten Falle mit Selbstironie, oft mit Sarkasmus und meistens mit dem Hinweis, daß es im Fußball keine Geheimnisse gibt. Sie sind ihm zuwider, die Claqueure und Schulterklopfer in den Medien, die seine Maßnahmen als genial darstellen, seine Persönlichkeit als vorbildlich, seinen Humor als köstlich und sein psychologisches Geschick als immens. (…) Einer dieser bescheidenen Typen, sozialisiert in der DDR, das Kollektiv ist alles, das Individuum nichts. Doch die Furcht vor einem langweiligen Gespräch ist unbegründet. Meyer kommt nicht mit falscher Bescheidenheit daher, sondern hat die schlechten Erfahrungen, die er in fast 33 Trainerjahren machte, zu einer ehrlichen Selbsteinschätzung destilliert: ‚Ich kann die Taktik noch so geschickt wählen, die Spieler noch so gut motivieren, noch so perfekt trainieren: Wenn wir viermal nacheinander verloren haben, wenn dich der Vorstand nicht mehr grüßt, wenn die Mannschaft in Grüppchen zerfällt, wenn im Umfeld das Hauen und Stechen beginnt, wenn alle sich gegenseitig nur noch Schuld zuweisen, dann hilft dem Trainer keine seiner Fähigkeiten, sondern nur noch ein Sieg.‘ Diese Hilflosigkeit hat Meyer in Mönchengladbach erlebt – und so ist es auch seinem Vorgänger Wolfgang Wolf ergangen. Das bedeutet aber nicht, daß Meyer deswegen an seiner Kompetenz oder an der Kompetenz des Kollegen zweifeln würde. (…) Was den Umgang mit Meyer bei all seinen Schrulligkeiten, seiner Bärbeißigkeit und seinem schrägen Humor leicht macht, ist dessen Ausstrahlung. Wie er auch tobt, nörgelt, spottet oder auch schreit, alles wirkt, als stünde in Klammern ein Augenzwinkern dahinter. Mit 63 ist Meyer kein Getriebener mit flackerndem Blick und messianischem Eifer, keiner, der sich und anderen etwas beweisen muß, er ist Überzeugungstäter, und er ist ein Genießer mit Leidenschaft. Meyer liebt den Fußball – aber ungeschminkt.“
Poster von Ulf Kirsten oder Carsten Ramelow
Dämmert es in Leverkusen? Peter Ahrens (SpOn) sagt allen Zweiflern und Lästerern seiner Generation eine Leverkusen-Romantik voraus: „Die üblichen Bayer-Hasser, die sich mit dem gängigen Wortarsenal Plastikclub, Konzernfiliale, Betriebssportgruppe ausgerüstet haben, mögen sich am VfL Wolfsburg abarbeiten. Die Ära des Größenwahns, der in der Figur Reiner Calmund die optische Entsprechung hatte, ist in Leverkusen glücklicherweise vorbei. Ein guter Moment anzuerkennen, was rund um den Verein geleistet wird. Ich kenne in meinem Dunstkreis der Enddreißiger niemanden, der sich eine emotionale Nähe zu Bayer Leverkusen nachsagen ließe. In dieser Altersgruppe war sympathiemäßig das Fell zwischen Gladbach, HSV, Schalke, meinetwegen auch Bayern bereits auf ewig verteilt, bevor Leverkusen die Bundesliga-Bühne betrat, und für die sportliche Abteilung eines Konzerns war Naserümpfen die einzig adäquate Reaktion. Eine Haltung, die die meisten von uns bis heute konsequent durchgehalten haben. Aber unter den Kindern meiner Bekannten sieht das vollkommen anders aus: Bei den Sechs- bis Zwölfjährigen grassiert Leverkusen-Fanfreundschaft. Für diejenigen, die erst in den vergangenen zehn Jahren ihre Fußballsozialisation erhalten haben, ist Bayer ein Verein fast wie Bayern oder Gladbach in den Siebzigern. Leicht befremdet haben Eltern Poster von Ulf Kirsten oder Carsten Ramelow in den Zimmern ihrer Kinder zu dulden, so wie wir früher in unserer kindlichen Arglosigkeit Rainer Bonhof plakatiert haben. In fünfzehn bis zwanzig Jahren werden sich postpubertäre Fußballpop-Journalisten feuchten Auges an Hans-Peter Lehnhoff und Jan Heintze erinnern, wie wir es heute mit Calle del‘ Haye und Christian Kulik tun. Letztens hat mir ein holländischer Freund, ohne mit der Wimper zu zucken, kundgetan, das beste deutsche Vereinsteam, das er in den vergangenen zwanzig Jahren gesehen habe, sei die Bayer-Elf des Jahres 2002 unter Trainer Toppmöller mit Ballack, Lucio et cetera gewesen. Ich weiß nicht, ob das nur eine holländische Gemeinheit gegenüber allen FC Bayern-Fans sein sollte. Aber er klang sehr ernsthaft dabei. Vergleiche mit dem VW-Club aus Wolfsburg verbieten sich daher.“
Montag, 27. März 2006
Bundesliga
Arbeiter ohne Allüren auf dem Abflug
MSV Duisburg–Bayern München 1:3
Dienstvorschriftsmäßiger Auftritt
Roland Zorn (FAZ) beschreibt Bayerns Dominanz: „Auf dem Platz hatten sie ihren Job, als es nötig wurde, gewohnt professionell, kühl und zielstrebig angepackt. Den Toren wohnte sogar das Aroma von Extraklasse inne. Erst am Ende, als wieder einmal alles im Sinne des FC Bayern München gelaufen und sich die Konkurrenz aufs neue Ausrutscher geleistet hatte, ließen sich einige Profis des deutschen Serienmeisters auf dem Weg in die Mannschaftskabine zu Freudenschreien hinreißen. Seit Samstag gehört nicht mehr viel Phantasie dazu, den Bayern einen lockeren Durchmarsch zum zwanzigsten Titel zu prophezeien. Denn bei allen Lässigkeiten und Durchhängern, die sich die Nummer eins der Bundesliga erlaubte: Dieses Team kriegt zumindest vis-a-vis der nationalen Konkurrenz immer wieder rechtzeitig die Kurve. Diesmal aber mußte Felix Magath bei Halbzeit richtig laut werden, um seine selbstverliebten Profis an das Wesentliche in ihrem Beruf zu erinnern.“ Andreas Burkert (SZ) mißt die Chance Roy Makaays auf die Torjägerkrone: „Die Münchner fügten ihrer beachtlichen Zahl dienstvorschriftsmäßiger Auftritte einen besonders abstoßenden hinzu. (…) Noch fehlen Makaay (13 Tore) sechs Punkte auf Miroslav Klose. Aber nächste Woche kommt ja der 1. FC Köln. Dessen Stärke ist die Vergangenheit.“
Zögerlich
Holger Pauler (taz) zählt den Kredit Jürgen Kohlers in Duisburg: „Er ist auf dem besten Weg durchzufallen. Kohler mochte nicht sagen, ob er seine Zukunft auch im Falle des Abstiegs in Duisburg sehe. Ein zögerliches Bekenntnis zum MSV kam erst nach mehreren Nachfragen. Der Trainer Kohler hat nicht viel von der Kompromisslosigkeit des gleichnamigen Abwehrspielers retten können. Walter Hellmich hatte wenig Verständnis für das Zögern: ‚Personen sind austauschbar‘, sagte er mit ruhiger Stimme. ‚Es geht nur um den MSV.‘ Die Worte des Präsidenten und Mäzens klangen emotionslos aber durchaus entschlossen. Vor dem Spiel wurde Kohler im Stadionheft Zebra-Magazin noch als ‚Arbeiter ohne Allüren‘ beschrieben. ‚Ehrliche Arbeit wird im Ruhrgebiet geschätzt, dafür stehe ich‘, so Kohler. Bei den Fans kommt diese Arbeit nicht mehr wirklich an. ‚Kohler wird gehen und das ist auch gut so‘, lautet eine Reaktion im Fanforum. Noch in der Winterpause war Kohler der Wunschkandidat der Führungsetage. (…) Dass er dem MSV erhalten bleibt, ist unwahrscheinlich. Seine erste Station als Profitrainer endet denkbar schlecht. Was er in die Bewerbung für neue Aufgaben schreiben wird, ist sein Geheimnis.“
Hamburger SV–Borussia Dortmund 2:4
Großartige Fußballer
Jörg Marwedel (SZ) kneift den HSV: „Früher nahm man an, dass Träume nur Sekunden dauern. Dann kamen die Traumforscher mit neuen Zahlen. Auf bis zu 45 Minuten taxierten sie die virtuellen Erlebnisse nun. Jetzt aber ist erwiesen, dass Träume zumindest im Fußball tatsächlich sehr kurz sein können. Bernd Hoffmann etwa wusste von einer Erscheinung zu berichten, die exakt 81 Sekunden gedauert habe. Er sprach von einem Traum, in dem sein HSV dem FC Bayern doch noch ein spannendes Rennen liefert. Auf drei Punkte war der Unterschied während dieser 81 Sekunden zusammengeschnurrt, nachdem Ailton den HSV mit einem sehenswerten Tor in Führung gebracht hatte, die Kunde vom Ausgleichstreffer der Bayern aber noch ausstand. Es herrschte wilder, hoffnungsvoller Jubel. In einer Ecke haben die HSV-Profis den tanzenden Torschützen so ausgiebig geknuddelt, dass der Sekundenzeiger bald einmal um die Uhr wanderte. Das hat die Vision ein bisschen verlängert, einerseits. Andererseits sollte die ausgelassene Zeremonie später eine Erklärung dafür liefern, warum der Traum sich nicht nur wegen der Bayern-Tore wieder verflüchtigte. Die Dortmunder hatten nämlich direkt nach Wiederanstoß das 2:2 gegen eine unorganisierte Defensive erzielt und am Ende 4:2 gewonnen. Stärker waren nun andere Bilder von diesem aufregenden Spiel. Bilder von zwei herrlichen Schüssen in den Winkel durch Tomas Rosicky und Florian Kringe. Bilder schwarz-gelben Jubels, wie man sie lange nicht gesehen hat beim einstigen Sanierungsfall Borussia – nach seinem ersten Tor kletterte Rosicky den Zaun hinauf zu den Fans und handelte sich dafür, gemäß den lustfeindlichen Regeln, die gelbe Karte ein. In der Nachspielzeit, als sogar HSV-Torwart Kirschstein in den Dortmunder Strafraum gestürmt war, lief der kleine Tscheche dann nach einem Konter mit erhobenen Armen auf das leere Hamburger Tor zu, bevor er den Ball zum 2:4 ins Netz schubste. Das war nicht strafbar, und Geschäftsführer Joachim Watzke fand einen schönen Vergleich. ‚Wie ein 3000-Meter-Läufer, der schon hundert Meter vor dem Ziel seinen Sieg feiert‘. (…) Es wimmelte von Indizien für eine bessere Zukunft der Borussia, sieht man mal davon ab, dass der erstarkte Genius Rosicky zu Atlético Madrid wechselt.“
Dirk Brichzi (FR) wird von den Siegern beeindruckt: „Die Zuschauer staunten, was für großartige Fußballer der BVB da beisammen hat: Das Selbstbewusstsein von Sebastian Kehl nach seinem Länderspielauftritt war bis unters Dach der Arena zu spüren, Rosicky stellte nicht nur wegen seiner beiden Treffer seinen Gegenpart van der Vaart in den Schatten, und wer einen Spieler wie Dede in seinen Reihen hat, dem muss sowieso nicht bange sein. Der Brasilianer gewinnt hinten und vorne die entscheidenden Duelle, hat ein schwindelerregendes Laufpensum und bereitet auch noch zwei Treffer vor.“
Schalke 04–VfL Wolfsburg 2:2
Navigationssystem ausgefallen
Christoph Biermann (SZ) nimmt einen Verkehrsunfall auf: „Schalke 04 ist mit den Gängen durcheinander gekommen. Fand jedenfalls Mirko Slomka: ‚Wir haben vom fünften Gang heruntergeschaltet und konnten dann nicht mehr hoch schalten.‘ Vielleicht spielten auch andere Autoteile eine Rolle, weil die Gastgeber nach der Führung zum 1:0 und 2:1 auf die Bremse traten, an den Straßenrand rollten und die Liegesitze ausklappten. Womöglich war sogar das Navigationssystem ausgefallen, als Schalke auf Schleichwegen zum Erfolg kommen wollte. Wie auch immer, in der stolzen königsblauen Karosse ist jetzt ‚eine Delle‘, sagte Sportmanager Andreas Müller. Slomka saß so da, als wäre er gerade einem hinten drauf gefahren und würde darüber nachdenken, was das alles kostet, mit wie viel Gerenne es verbunden ist und dass er demnächst eine höhere Versicherungsprämie zahlen muss. Denn dieser Punktverlust hat Folgen in der kleinen Qualifikationsliga zum Erreichen der Champions League. Zwei aus Drei heißt dieser Wettbewerb, und Schalke rutschte auf den dritten Platz der Sondertabelle. Dabei hätte alles so schön sein können, wenn auch schön schwierig. Als der große Rivale aus Dortmund nämlich zum ersten Mal in Führung ging, jubelten die Fans spontan, um sich gleich darauf zu schämen. Man darf sich doch als Schalker nicht über Dortmunder Tore freuen, mochten sie gedacht haben, weshalb die Borussen umgehend als Söhne einer Frau beschimpft wurden, die dem ältesten Gewerbe der Welt nachgeht. Den Sieg des BVB beklatschte niemand mehr.“ Andreas Morbach (FR) notiert Schalker Metaphorik: „Es war, als hätten auch die Schalker neuerdings irgendeinen Automobilkonzern als Großsponsor im Rücken – und nicht nur der Gegner. Plötzlich ließen Müller und Slomka bei ihren Analysen abwechselnd Motoren stottern, nahmen Füße von Gaspedalen und Hände von Gangschaltungen, so dass jeder Kfz-Mechaniker seine helle Freude gehabt hätte.“
Mut
Das soll ein möglicher Absteiger sein?! Peter Heß (FAZ) lobt Wolfsburg: „Wolfsburg in Abstiegsnöten? Das hatte sich vor der Saison niemand vorstellen können. Bei dem finanziellen Hintergrund, bei diesem Personal? Bei dieser Substanz? Wer die VfL-Profis in Schalke sah, mochte kaum glauben, daß die Mannschaft auf Platz 15 herumdümpelt. Die Wolfsburger verdienten sich das 2:2 redlich, glichen Rückstände aus. So etwas gelingt nur moralisch gefestigten Teams, und solche steigen nicht ab, wenn sie auch noch über eine gewisse spielerische Klasse verfügen. Aber die Begegnung hat ebenso gezeigt, warum es so eng für Wolfsburg geworden ist. In den zwei Phasen des Spiels, in denen der psychologische Druck am größten war – unmittelbar nach den Rückständen –, überlagerte die Verunsicherung das fußballerische Potential. Die Wolfsburger glichen nicht aus, weil sie gut spielten, sondern sie spielten jeweils gut, nachdem sie ausgeglichen hatten. (…) Wolfsburg macht der Punkt mehr Mut als Ärger.“
Werder Bremen–Hannover 96 5:0
Verwechslungskomödie Profifußball
Rald Wiegand (SZ) klärt den Grimm des dreifachen Torschützen Nelson Valdez: „Der Paraguayer, der sich einst als bester Joker der Liga über seine späten Tore freuen konnte wie ein kleines Kind, mochte diesmal kaum lächeln. Stattdessen sendeten seine tiefbraunen Augen trotzige kleine Blitze aus, und dann donnerte es: ‚Ich habe es satt, als Joker zu spielen‘, fauchte Nelson Valdez, der jedem Lob für seine außergewöhnliche Vorstellung mit Argwohn begegnete: ‚Nächste Woche heißt es wieder Scheiß Valdez.‘ An ihm lässt sich sehr schön beobachten, wie sich die Leichtigkeit langsam von Werder Bremen verabschiedet hatte. Die selbsterklärte zweite Kraft der Liga drohte nach Turbulenzen wie ein trudelnder Satellit irgendwo im Ozean der geplatzten Träume zu versinken. Früher erschien ihnen die Champions League wie ein Lotteriegewinn, ein vorübergehendes Glück. Aber inzwischen wäre auch eine Packung Würfelzucker bei der Betriebsfest-Tombola nicht schlimmer als ein vierter Platz. Mit den Ansprüchen des Klubs sind die Ambitionen des einzelnen gestiegen. Ebenso wie den Verein die Euphorie eines gelungenen Spieles nicht mehr so einfach über drei verpatzte Partien hinweg zu tragen vermag, will Valdez den Schulterklopfern nicht mehr trauen. Er will mehr. Valdez mag seine unbestimmte Rolle – mal Schützenkönig, mal Chancentod – an den Nerven zerren, aber letztlich ist sie der Regelfall in der großen Verwechslungskomödie Profifußball. Angesichts der möglichen Fallhöhe eines Fußballstars empfiehlt sich ein Fallschirm, gewebt aus unerschütterlichem Selbstvertrauen und gepflegtem Selbstbetrug. Vielleicht kann sich Valdez den ja von Torwart Tim Wiese leihen. Der behauptet nach dem kuriosen Kantersieg mit einem souveränen Lächeln im Gesicht: Krise? ‚Ich habe nie eine Krise gehabt.‘ Er doch nicht. Mit einem der lächerlichsten Torwartfehler der Moderne hatte Wiese Werder Bremen um den Einzug ins Viertelfinale der Champions League gebracht und mit einer fein unterlaufenen Flanke das folgende desaströse 0:3 gegen Hertha eingeleitet, wovon sich die Bremer auch in Nürnberg und selbst gegen Hannover noch nicht erholt hatten. Wiese mag Anfang und Inhalt dieser Werder-Krise gewesen sein, aber nie ihr Opfer. Es empfiehlt sich ein Besuch bei Tim Wiese, dem lebenden Beweis für die Schlichtheit des Fußballs.“ Christian Kamp (FAZ) fügt hinzu: „In der ersten Hälfte brachte Wiese die Stürmer von 96 zur Verzweiflung. Daß er sich in der zweiten Hälfte bei einem rätselhaften Abwurfversuch vor die Füße von Thomas Brdaric fast selbst wieder schadete, fiel da kaum ins Gewicht – auch wenn er selbst den Blackout als ‚richtig schlimm‘ bezeichnete.“
VfB Stuttgart–Bayer Leverkusen 0:2
Ratlos
Allgöwer fehlt – Tobias Schächter (SZ) rätselt über die Schwächen des VfB: „Günther Oettinger ist nicht zu übersehen gewesen. Vor dem Stadion hingen überall Plakate mit einem siegessicher lächelnden Ministerpräsidenten, und angesichts von 53 Jahren CDU-Regierungsverantwortung im Ländle ist dieses Lächeln nicht allzu gewagt gewesen. Selbst als der Wasen-Karle, ein bekennender Linker, beim VfB noch den gegnerischen Torhütern die Handschuhe von den Fingern schoss, wählte fast das ganze Stadion schwarz. Aber einen wie Karl Allgöwer gibt es nicht mehr beim VfB. Einen, der verloren geglaubte Spiele herumreißt, die Spielerkabine in Krisenzeiten zum Wackeln bringt und sich traut, Vereinsautoritäten nicht nur beim Prämienpoker zu trotzen. Polarisierende Figuren fehlen in der aktuellen Mannschaft, und die entscheidenden Spiele gewinnt der VfB schon seit Jahren nicht mehr. Die Leistung gegen Leverkusen unterstrich diese Schwäche so deutlich wie ein vernichtendes Wahlergebnis. Eine ‚Übergangslösung‘ sei Armin Veh, hatte Aufsichtratschef Dieter Hundt bei Vehs Amtsantritt gesagt. Seitdem überdeckt die Trainerdiskussion alle anderen offenkundigen Fragen; dabei interessiert nicht nur Jürgen Klinsmann, warum die WM-Kandidaten Andreas Hinkel und Thomas Hitzlsperger ein so beklagenswertes Bild abgeben. Veh lieferte jedenfalls keine Erklärungen und wirkte angesichts der zähen Leistung so ratlos wie mancher Schwabe vor dem von der Oettinger-Regierung angedachten Integrationsfragebogen. Aufstellung und Coaching bedeuteten für Veh einen Rückschlag in seinem Wahlkampf.“
Hilflos
Rainer Seele (FAZ) über die Chance des VfB auf den Uefa-Cup und die Armin Vehs auf Weiterbeschäftigung: „Der VfB Stuttgart, der sich grundsätzlich den höheren Regionen der Liga zugehörig fühlt, ist keineswegs abgemeldet, aber es ist unklar, wie das Jahresziel noch erreicht werden kann. Ruhe soll nun auf alle Fälle erste Schwabenpflicht sein, Manager Horst Heldt betont das immer wieder. Aber so leicht ist das nicht zu realisieren, da nicht nur sportliche Nöte, sondern nahezu täglich auch Personalfragen diskutiert werden. Sie kreisen um eine gestalterische Kraft auf dem Fußballfeld, und neuerdings ist dafür Andres D‘Alessandro ein Kandidat. Vor allem jedoch drehen sich die Debatten um Armin Veh und um einen möglichen neuen Fußball-Lehrer. Daß die Schwaben den Markt sondieren, nimmt Veh professionell hin. Er hat damit rechnen müssen, nachdem vereinbart worden war, erst zu prüfen, ob man zueinander passe. Im April soll eine Entscheidung fallen, bis dahin wird Veh wohl weiterhin bei einem Blick in die lokalen Zeitungen mit einem bunten Namensroulette konfrontiert werden. Weiter mit Veh? Oder wieder mit Daum? Oder eventuell mit Hitzfeld? Das Karussell hat längst Fahrt aufgenommen. (..,) Die Leverkusener beherrschten die oftmals umständlichen Stuttgarter mit geradlinigem Spiel – bis auf einige Minuten zu Beginn des zweiten Teils dieses Fußballnachmittags, als Vehs Elf ein wenig Leidenschaft offenbarte. Sonst? Rückgriff der Unterlegenen auf Standardformulierungen des Fußballs: nicht aggressiv genug gewesen, überhaupt nicht in die Zweikämpfe gekommen, nicht zwingend genug angegriffen – schlichte Beschreibung der Hilflosigkeit.“
1. FC Köln–Eintracht Frankfurt 1:1
Tristesse und Ohnmacht
Ralf Weitbrecht (FAZ) verdrückt eine Träne um Köln: „Auch die vermutlich letzte Kölner Hoffnung, ein Stück der Berliner Mauer, das Hanspeter Latour in seiner Hosentasche versteckt hatte, vermochte nicht als Glücksbringer zu wirken. Ein kleines Mauerstückchen als Sinnbild des bröselnden und bröckelnden Verfalls. Der berechtigte Platzverweis gegen den unbeherrscht seiner Arbeit nachgehenden Imre Szabics paßt in das derzeitige Kölner Bild, das geprägt ist von Tristesse und Ohnmacht. Lukas Podolski? Der hat auch mitgewirkt. Doch gesehen hat man ihn nicht. Der Nationalstürmer ist ein Schatten seiner selbst, verunsichert, hilflos, ratlos. Zudem trägt er an der zu hohen Bürde, Kapitän zu sein. Einmal nur, als er nach einem Foul seines Gegenspielers Marco Russ die Fassung verlor und ihn mit der Brust anrempelte, wurde er von den 48.000 wahrgenommen. (…) Die alten glorreichen Kölner Zeiten – sie sind ferner denn je.“ Daniel Theweleit (taz) benotet die Zugänge der Winterpause: „Evanilson wirkte nach seiner Einwechslung wie ein älterer Herr während eines Nachmittagsspaziergangs, dem man aber besser keinen Ball geben sollte; Boris Zivkovic ist nach immer schwächer werdenden Leistungen mittlerweile aus dem Kader geflogen; und die beiden Schweizer Marco Streller und Ricardo Cabanas zeigen nach einigen besseren Spielen eine stark absteigende Form. Auf die Arbeit des neuen Managers Michael Meier wirft diese Zwischenbilanz keinen Glanz.“
Mainz 05–Hertha BSC Berlin 2:2
FR: In vorletzter Minute sichert sich Hertha BSC durch ein sehenswertes Tor einen Punkt
BLZ: Yildiray Bastürk beerbt Marcelinho als Mittelfeldchef
BLZ: Marko Pantelic positioniert sich mit zwei Toren in Mainz für die Verhandlungen
Pantelic wird in der SZ zitiert: „Das war ein wichtiger Punkt. Important for the place in the Tabell.“
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