indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Dienstag, 21. März 2006

Deutsche Elf

Kein Krisenmoderator

Andreas Lesch (FTD) beschreibt die Brisanz des morgigen Spiels: „Für die USA mag das ein x-beliebiger Kick sein, für Klinsmann ist es das unfreundlichste Freundschaftsspiel der Welt. Es ist die letzte Prüfung vor der unmittelbaren WM-Vorbereitung, es wird nachwirken bis Mitte Mai. Sollte Klinsmanns Team sich ein weiteres Mal blamieren, dann wird die ohnehin hitzige Bundestrainerdebatte endgültig eskalieren. Dann werden sämtliche Gurus aus ihren Löchern krabbeln und einen erfahreneren Coach fordern. Dann werden die Kandidaten für eine feindliche Amtsübernahme vor der WM präsentiert werden: Ottmar Hitzfeld, Otto Rehhagel, Christoph Daum. Kaum absehbar ist, was in einer derartigen Hysterie dann passiert. Klar scheint immerhin: Klinsmann wird die Situation kaum entschärfen. Sein Auftritt bei der Pressekonferenz hat das wieder gezeigt: Er ist kein Krisenmoderator, er ist kein Deeskalationsstratege. Sogar wenn er, der ewige Angreifer, einmal besänftigen will, wirkt er oft doch aggressiv. Klinsmann reagiert mittlerweile mehr, als zu agieren.“

Freundlichkeit mit Zwischentönen

Christof Kneer (SZ) ergänzt, in Klinsmanns Gesicht blickend: „Man darf davon ausgehen, dass es sich paradoxerweise gegen Klinsmanns Wahlheimat um eines der wichtigsten Testspiele seit Erfindung der Nationalhymne handelt. Nach den Zuspitzungen der letzten Wochen ist aus diesem Match eine Art Klinsmann-Spiel geworden – abgesehen von den Neururers im Land versucht die Liga, weitgehend still zu halten, aber welche Debatten im Misserfolgsfall losbrechen, lässt sich ahnen. Sollte die DFB-Elf zu Hause gegen eine B-Elf der Amerikaner patzen, müsste zumindest eine extrem lange Krisenstrecke bis zur WM-Vorbereitung moderiert werden – und man darf ruhig sagen, dass Moderation nicht zu den bevorzugten Stärken des radikal konsequenten Bundestrainers gehört. Wer Klinsmann über die letzten 20 Monate verfolgte, hat schon merken können, dass ihm die Bedeutung dieses Spiels bewusst ist. Er ist freundlich gewesen am Montag, aber es war eine Freundlichkeit mit Zwischentönen. Klinsmann versucht sich an dem Spagat, der Öffentlichkeit entgegenzukommen und dabei doch Klinsmann zu sein. Er weiß, dass seine Mannschaft in Wörnsland spielt, er weiß, dass er sich ein feindliches Stadion nicht leisten kann. Also versucht er sich an ein paar freundlichen Gesten, wozu wohl auch die Nominierung von Sebastian Kehl gehört.“

In Christian Wörns den Heilsbringer zu sehen, kann ich nicht nachvollziehen

Oliver Bierhoff im Interview mit Ralf Köttker und Lars Gartenschhläger (Welt)
Welt: Gibt es in unserem Land die Tendenz zur Miesmacherei?
Bierhoff: Wir haben ein riesiges Turnier, und ich habe das Gefühl, daß es eine Tendenz gibt, eher negative Themen zu diskutieren. Das ist gefährlich, weil wir damit unser Image im Ausland kaputtmachen. Wir sollten nicht kritiklos sein, aber das positive Denken nicht verlieren und bedenken, wie solche Dinge in anderen Ländern aufgenommen werden können.
Welt: Sie probieren, mit öffentlichem Training und Trikotgeschenken in Dortmund die Stimmung zu beeinflussen.
Bierhoff: Wir haben uns immer mit diesem Thema beschäftigt, aber letztlich entscheidet die sportliche Leistung. Gerade beim Dortmunder Publikum kann man sich nichts erkaufen. Das sollte auch generell nicht das Ziel sein, sonst muß man sich bald überall dafür rechtfertigen, warum der eine oder andere Spieler nicht berufen wurde – wie jetzt Christian Wörns. Da habe ich mich sowieso gewundert.
Welt: Worüber?
Bierhoff: Es gibt Medien, die echauffieren sich über Spieler, die sich zuviel herausnehmen. Und dann kommt ein Spieler, der an die Presse geht, ohne vorher mit dem Trainer zu sprechen, und versucht, mit öffentlichen Aussagen Politik zu machen. Ich bin davon ausgegangen, daß ein Spieler in seinem Alter anders reagiert. Und überhaupt: Christian hat auch zum Beispiel in Holland mitgespielt, als es nicht gut lief. Jetzt in ihm den Heilsbringer zu sehen, kann ich nicht nachvollziehen.
Welt: Auf jeden Fall hat seine Nichtnominierung die Stimmung gegen Klinsmann verstärkt.
Bierhoff: Vor einer WM spielen alle ein bißchen verrückt, und es wird nicht mehr differenziert. Die emotionale Kritik über sein Fehlen beim WM-Workshop hat nichts mit den Leistungen der Mannschaft zu tun. Aber dieser Punkt wurde einfach genutzt, um auch Kritik an Klinsmann als Trainer zu üben.
Welt: Die Spieler sind kaum kritisiert worden. Ist es gut, immer die schützende Hand über die Mannschaft zu halten?
Bierhoff: Weil es noch eine junge Mannschaft ist, muß man sie schützen. Kritik wird intern geübt.

Neue Initialzündung

Christoph Metzelder im Interview mit der Stuttgarter Zeitung: „Beim Confederations Cup hat die Mannschaft eine Initialzündung gegeben, danach hatte man ein wenig das Gefühl, dass die Elf davon lebt, aber sportlich nicht mehr Schritt halten kann. An diesem Punkt sind wir jetzt. Deshalb muss aus der Mannschaft heraus eine neue Initialzündung kommen. Wir haben den Anspruch, um den Titel mitzuspielen. (…) Die Diskussionen um Wohnort, Philosophie und Personalien werden weitergehen. Das ist bei jeder großen Fußballnation vor der WM im eigenen Land so. Natürlich hat Jürgen Klinsmann auch Dinge angestoßen, die im deutschen Fußball und beim DFB nicht gerne gesehen wurden. Er ist schon unbequem und holt auch Leute von außen. In einer Sportart, die eine gewisse Arroganz besitzt und ein bisschen im eigenen Saft schmort, sorgt man da für Angriffsflächen. Dabei habe ich selbst bei meiner Verletzung gesehen, wie hilfreich es sein kann, neue Wege zu gehen.“

ndr.de: über die Hintergründe der Bild-Kampagne gegen Klinsmann

FAS: Amerikas Fußball unter Bruce Arena – gute Resultate statt guter Unterhaltung

NZZ: Keine Feststimmung in Eindhoven – PSV zwar vor dem Titelgewinn, aber auch vor dem Ende der Ära Hiddink

NZZ: Die italienische Serie A als Trainergrab – die beste Taktik-Schule schützt nicht vor dem Rauswurf

Welt: Weltklassestürmer Ruud van Nistelrooy sitzt bei Manchester United nur noch auf der Bank – Gerüchte um Vereinswechsel

NZZ: Sporting Lissabon muss schlanker werden

Montag, 20. März 2006

Ball und Buchstabe

High-Risk-Journalismus

Stefan Niggemeier (FAS/Medien) zieht die tz für ihren Sensationsjournalismus in Sachen Schweinsteiger am Ohr: „Das scheint ein lustiger Haufen zu sein, die Jungs von der Münchner Boulevardzeitung tz, die gerade bundesweite Berühmtheit erlangte, weil sie Bastian Schweinsteiger und zwei Kollegen mal eben schlagzeilengroß zu Beschuldigten in einem Wettskandal machte. Ihr Chefredakteur heißt Karl Schermann, und wenn man seine Erwiderung ‚In eigener Sache‘ liest, muß man annehmen, daß ihm die deutsche Sprache die Freundschaft vor langer Zeit gekündigt hat. Er schreibt, in den ersten tz-Bericht hätten sich zwei Fehler ‚eingeschlichen‘ – dabei bildeten sie dessen Kern und stampften breitbeinig bis in die Schlagzeile. Er schreibt: ‚Keine Gerüchte, kein Hörensagen – es sind Fakten‘, doch die einzige Tatsachenbehauptung, die die tz anscheinend noch aufrechterhält, ist die, daß die Namen der drei Spieler ‚immer wieder fallen‘. Wer sie dauernd fallenläßt und wohin genau, das läßt Schermann offen und schreibt statt dessen: ‚Abwarten, was passiert!‘ Hey, Herr Schermann, genau! Und hinterher drüber schreiben. ‚Daß Journalisten mit Informanten zusammenarbeiten, ist nicht nur üblich, sondern seriös‘, schreibt Schermann – und man staunt über den sprachlichen und logischen Kurzschluß, der da passiert ist, und fragt sich, ob dieser Mann anderer Leute Texte redigieren darf. Er schließt mit dem Versprechen, daß die tz über eine eventuelle Entlastung der von ihr Beschuldigten ‚groß‘ berichten werde: ‚Im Rahmen eines offenen Journalismus.‘ Das ist so gut, daß ein geflügeltes Wort daraus werden könnte: Oh Gott, gestern habe ich geträumt, mein Journalismus war schon wieder offen!“ Stefan Osterhaus (NZZaS) vergißt den Urheber nicht: „In den Diskussionen um das riskante Vorgehen der Zeitung ist die nicht minder zwielichtige Rolle des ARD-Magazins Plusminus beinahe schon in Vergessenheit geraten. Plusminus hatte die Spekulationen ins Rollen gebracht, indem es von einem beteiligten deutschen Internationalen berichtete, ohne dessen Namen zu nennen. Daraufhin begann in Deutschlands Redaktionsstuben das Rätselraten, und binnen weniger Tage wurde in den Konferenzen bald die gesamte Nationalelf durchexerziert. Der Beitrag von Plusminus, ein Musterfall des ‚High-Risk-Journalismus‘, entpuppte sich so als passable Steilvorlage für eine Rufmordkampagne.“

WamS: Ein Chinese steht im Zentrum der Ermittlungen im Fußball-Wettskandal

Welt: Fifa hilft Vizechef Jack Warner im WM-Kartenskandal aus der Bredouille

Strafstoss

Reine Nervensache ZZZZ – Alles auf Anstoß

Strafstoß #ZZ – XX. YYYY 2006

von Herrn Bieber und Herrn Mertens

Mathias Mertens: Wenn Sie einen Regisseur mit dem Dreh eines Fußballfilms beschäftigen wollten, wen würden Sie nehmen?

Christoph Bieber: Eine schwierige Frage, Herr Mertens, da müssen Sie mir – wie so oft – zunächst noch mit ein paar Erklärungen helfen. Ich soll als Produzent eine schwerwiegende Personalentscheidung fällen, in etwa vergleichbar mit der Trainerwahl eines Vereinspräsidenten. Dazu erst mal eine Frage: Was ist denn ein „Fußballfilm“?

MM: Herr Bieber, so geht das nicht! Sie können nicht einfach das, was ich insgeheim von Ihnen wissen wollte, an mich zurückdelegieren. Ich habe ja gehofft, dass mir Ihre Ausführungen zur Regisseurswahl klarmachen, was man als Fußballfilm verstehen kann. Denn ich weiß es auch nicht. „Das Wunder von Bern“ ist jedenfalls keiner, oder?

CB: Hm, meine rhetorische Körpertäuschung hat sie offenbar ein wenig verunsichert, lieber Mertens. Tja, und jetzt lasse ich Sie gleich mal gemein auflaufen, denn natürlich ist Sönke Wortmanns „Das Wunder von Bern“ ein Fußballfilm, nur halt ein schlechter. Vielleicht ist es kein Sportfilm, weil die fußballerische Handlung auf dem Platz ja lediglich als Folie für den historischen Befreiungsschlag zum nachkriegsdeutschen Wiederaufbau herhalten muss und man über diese Bande deutschen Männern im Jahr 2004 ungestraft die Tränen in die Augen treiben durfte. Also, ein Fußballfilm wäre demnach nicht einfach ein Film, in dem mehr oder weniger zufällig Fußball gespielt wird, sondern „das Spiel an sich“ im Mittelpunkt steht. Oder?

MM: Ein schlechter Fußballfilm, der kein Sportfilm ist – habe ich ihre Charakterisierung des „Wunders von Bern“ ungefähr richtig wiedergegeben? Dann könnte ich zumindest schon mal meine Anfangsfrage präzisieren: Wenn Sie einen Regisseur mit dem Dreh eines Sportfilms beauftragen wollten, in dem nicht zufällig sondern „an sich“ Fußball gespielt wird, wen würden Sie da nehmen? Um dann weiter zu mutmaßen: „An jedem verdammten Sonntag“ von Oliver Stone wäre dann ein Football-Sportfilm, „Freiwurf“ von David Anspaugh wäre ein Basketball-Sportfilm, „The Natural“ von Barry Levinson wäre ein Baseball-Sportfilm; alles Amerikaner und amerikanische Sportarten. Warum fällt mir kein Fußball-Sportfilm, geschweige denn ein deutscher Regisseur eines solchen ein? Ist Fußball womöglich kein Sport und somit nicht sportfilmfähig?

CB: Sehen Sie, Herr Mertens, es geht doch! Unsere Standpunkte rücken allmählich näher zusammen, aber ich glaube wir müssen aufpassen, nicht in choreografiertes Piesacken à la Netzerdelling zu verfallen… Jedenfalls sind wir nicht die ersten, die sich mit der Frage „Warum gibt es keinen Fußballfilm in Deutschland?“ auseinandersetzen. Weit verbreitet ist zum Beispiel die Annahme, dass das Fehlen gut inszenierbarer Zweikampfsituationen den Fußballverfilmungen im Wege steht – denn mit der Duellierung der Protagonisten schreibt der Sportfilm US-amerikanischer Prägung natürlich den Western fort, am deutlichsten sichtbar wohl im Zweikampf von „Pitcher“ und „Batter“ beim Baseball. Also: Fußball ist als Mannschaftssport nicht so einfach individualisierbar und dies verhindert eine filmische Erzählung? Hm, damit kann ich mich ja nicht mal selbst überzeugen…

MM: Verzeihen Sie bitte den folgenden Netzerismus: Schön, dass Sie es selbst einsehen, Herr Bieber. Aber zurück zu mir: Muss denn ein Sportfilm von Individuen handeln? Oder umgekehrt: Gibt es denn beim Fußball keine Individuen? Wir sind doch nicht mehr in der DDR-Oberliga!

CB: Nun ja, mir klingen da wohl noch Berti Vogts´ Worte vom Star, der die Mannschaft sei, im Ohr. Und auch in aktuelleren Debatten um moderne Spielsysteme betont man vor allem Organisation und Zusammenspiel von Mannschaftsteilen, wogegen „geniale Regisseure“ und „begnadete Individualisten“ entweder nicht mehr in die Spielschemata passen oder nur noch für kurzfristige Entzückung sorgen. Und mit Blick auf die erfolgreichen US-Sportfilme muss man wohl sagen, dass ein kleiner Kreis von Protagonisten eher leinwandtauglich ist, als das sprichwörtliche Kollektiv von „elf Freunden“, die man sein sollte…

MM: Beim Baseball stehen auch 9 Spieler einer um ein Mehrfaches größeren Mannschaft auf dem Feld, auch beim Football stehen 11 von beliebig Vielen auf dem Platz, eine Basketballmannschaft darf zwar nur 5 Spieler auf dem Feld haben, die werden jedoch so rasant mit denen auf der Auswechselbank rotiert, dass man nur selten von einem bestimmten Lineup sprechen kann. Da erscheint der Fußball ja geradezu reduktionistisch. Ich vermute ja, es liegt an etwas anderem. Und zwar an einem falschen ideologischen Überbau, der aus dem Fußball eine „Große Erzählung“ im prä-postmodernen Sinne machen kann, die dann auch einen Film tragen würde. American Football zum Beispiel ist eine Allegorie auf den nordamerikanischen „Go West“-Imperativ des 19. Jahrhunderts, bei jedem Spielzug geht es um die „New Frontier“. In Deutschland kann man sich bestenfalls über das Prinzip „Sieg“ freuen, und selbst das ist nach dem Bemühen um einen „Endsieg“ erledigt.

CB: Moment – bevor wir uns den „Großen Erzählungen“ zuwenden, noch ein kleiner Einwurf. Ist es nicht so, dass die von ihnen genannten Beispiele nicht auch durch eine vom Regelwerk vorgesehene Sequenzierung vom langen, nicht immer ruhigen Fluss des Fußballspiels unterscheiden? Die vielen Unterbrechungen, die unverrückbarer Teil von Base-, Basket- und Football sind, erlauben eine entsprechend abgehakte Übertragung ins Filmgeschehen, ein verfilmtes Fußballspiel muss durch die unnatürlichen Szenenwechsel und Montagen immer unnatürlich wirken. Und ist nicht dieser permanente Fluss der Handlungen – bis auf die Atempause der Halbzeit, nach der das Spiel die Richtung ändert – nicht auch schon eine „Große Erzählung“? Dieses „pantha rei“-Moment erinnert mich im übrigen an einen der schönsten Fußballkurzfilme, den ich kenne: das Match der Philosophenteams aus Griechenland und Deutschland, unter der Regie der famosen Monthy Pythons.

MM: Jetzt habe ich aber langsam doch den Eindruck, dass Fußball kein Sport ist, sondern ein Mythos, und zwar ein kosmogonischer, welterklärender sowie ein eschatologischer, jenseitsdeutender. So etwas zu verfilmen ist natürlich äußerst schwer. Vielleicht könnte man aus den Göttern noch Handlungsträger machen – wobei schon Homer mit ihnen das Eschatologische verließ und Soapoperatische betrat –, aber wie soll man bitte aus dem Kosmos einen Protagonisten machen? Und könnte es ernsthaft einen Elfmeter verschießen?

CB: Das sollten wir mal Uli Hoeneß und David Beckham fragen, zwei der kosmischsten Elfmeterverschießer aller Zeiten. Aber die Sache mit dem Kosmos will mir nicht aus dem Kopf – wissen Sie noch, wie das Team hieß, in dem Franz Beckenbauer von 1977 bis 1980 spielte?

MM: Das darf doch nicht wahr sein, dass Sie den Lichtbringer des deutschen Fußballs als Regisseur der allumfassenden Ordnung engagieren wollen, bloß weil er in einer New Yorker Zirkustruppe nämlichen Namens aufgetreten ist!

CB: Ach, lieber Mertens, nun schimpfen Sie doch nicht gleich in der Manier eines Seitenlinien-Rohrspatzes… Herr Beckenbauer hat weder als Schauspieler noch als Regisseur etwas in einem Fußballfilm verloren , wie wir ihn uns vorstellen. Vielleicht könnte man ihn als Produzenten gebrauchen. Sie wollen meine Nominierung hören? Nun, es müsste einer sein, der uns „Lektionen in Sachen Leidenschaft“ (Rummenigge) erteilen kann…

MM: Haben Sie Ang Lee schon angerufen, damit er nach seiner Western-Revision Brokeback Mountain auch dem bodenständigen, männerschwitzigen und vereinstaumelnden Deutschen Fußball die Gefühle liest?

CB: …nein, und auch nicht Sönke „die Schnulze“ Wortmann. Ich denke da eher an einen Newcomer, der die Sache nicht auf die leichte Schulter nimmt, aber sich nicht für ein paar schelmische Finten zu schade ist. Mein Favorit für einen gelungen deutschen Fußballfilm ist Michael „Bully“ Herbig. Und das hat nichts mit seinem Spitznamen zu tun!

MM: Solange das DFB-Hauptquartier nicht in die Puderosa-Ranch verlegt wird, soll mir das recht sein. Wobei, wenn ich genauer überlege, sein Versuch, filmisch den Kosmos zu begreifen, doch einigermaßen dürftig geblieben ist.

CB: Sie sind eben ein Hardcore-Cineast. Unter Kubrick machen Sie es wohl nicht…

MM: Womit Sie, wenn auch unfreiwillig, die wirklich allerbeste Wahl für einen Fußballfilm-Regisseur präsentiert haben. Genauso langweilig und ereignislos bei gleichzeitiger unabwendbarer optischer Faszination ist dieser Sport doch! So philosophoid herumlungernd, so welterklärungsbedürftig, und doch so resistent gegen all die dürftigen Ergüsse über seinen Rasen. Und letztlich geht es nur um Konstellationen im Raum, die glückliche Momente entstehen lassen. Ja, „2001″ ist der beste Fußballfilm aller Zeiten! Irgendwie.

Strafstoss

Reine Nervensache XX – Tore zum Netz aufrütteln

Strafstoß #XX – YYYY. ZZZZ 2006

von Herrn Mertens und Herrn Bieber

Mathias Mertens: Ob sie auf dem Platz präsent sind oder nicht, darüber mag man streiten. Aber wie beurteilen Sie als Internetinterpretationspionier eigentlich die Webpräsenz unserer Nationalspieler? Mir will scheinen, dass man dort spielerische Kreativität vermissen lässt. Alle haben dieselben News, Galerie und Kolumnenpunkte, alle in Trikot, in Sauwetter und im Anzug mit Handy am Ohr. Sieht so moderner Fußball aus?

Christoph Bieber: Na, das ist ja endlich mal ein Spielfeld, auf dem ich mich auskenne – und außerdem heißt es ja, unsere Nationalmannschaft könne inzwischen besser E-Mails schreiben als die Abseitsfalle stellen. Von daher wundert mich Ihre Erstdiagnose ein wenig. Aber welche Nationalspieler-Websites haben Sie sich denn angesehen? Unter www.nationalspieler.de hatte ich eine kleine Handreichung vermutet, aber dort finde ich nur den leicht hämischen Kommentar „We are not a global player“.

MM: Was sich ja ausschließlich auf das Flugverbot für Teamchefs bezieht. Ich habe mir natürlich erst einmal die Alpharüden-Seiten der blockenden Bayern angesehen, ich bin eben auch Deutscher und somit soliogenetisch nicht zur Kreativität fähig.

CB: Ich mag es ja eher systematisch und fange daher mit der DFB-Website an. Und dort findet man in der Tat eine langweilige Behörden-Website, gegen die bereits das Auftreten des Deutschen Bundestages aussieht wie ein Entwurf aus der digitalen Designerwerkstatt. Einfach nur ein weiteres Beispiel für die Verstaubtheit des Arbeitskreises alter Männer in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise?

MM: Ist halt so‘n Content Management System, wie sie’s alle haben, gucken Sie sich doch mal den indirekten-freistoss an, auch nicht besser. Interessant finde ich, dass man die Nationalspieler anklicken kann, auch wenn sich dahinter wieder nur Paninische Weisheiten wie im Schlachthof verstecken. Obwohl ich sehr gerne mal die alten Männer zum Anklicken hätte, um deren Werte zu begutachten.

CB: Was hatten Sie denn erwartet – die persönlichen Homepages der Herren Podolski, Frings oder Ballack sehen eben so aus, wie persönliche Homepages heutzutage eben aussehen. Manche Seiten sind doch sogar vergleichsweise originell: ich war schon etwas verwirrt, als mich unter www.oliver-kahn.de ein jubelnder Ronaldo begrüßte, während der Titan wie tot am Boden lag. Und daneben las ich die „Erfolgsregel Nr. 5″: „Großen Erfolgen gehen oft große Niederlagen voraus“. Das muss man erst einmal mit sich machen lassen.

MM: Ja, aber dieser ganze Flash-Mumpitz. Überall wird nur geladen, geladen, geflasht, geladen. Da fällt mir die selbstironische Seite unseres Miros doch sehr positiv auf, der da auf www.klose.de wissen lässt, dass er, um mir künftig eine bessere Performance und Erreichbarkeit zu gewährleisten, in ein neues Rechenzentrum umziehen wird. Wobei ich nicht hoffen will, dass das eine verschlüsselte Botschaft seines Managers ist, dass er demnächst bei Real Madrid den Ball treten wird.

CB: Noch überraschender fand ich allerdings www.arne-friedrichs.de Vorliebe für fernsteuerbare Modellautos. Sein Kochbuch „foodball“ war ja schon merkwürdig genug. Nun reicht´s aber mit dme Geplänkel im kalauerverdächtigen Abseits. Der wesentliche Grund für den von Ihnen vorgekosteten multimedialen Einheitsbrei ist aber eigentlich ganz leicht zu finden: sehr viele der Fußballer-Homepages werden von ein und demselben Dienstleister erstellt, einer Firma mit dem etwas seltsamen, aber doch fußballbezogenen Namen „Seven Dead Cats“. Aber es gibt auch Ausnahmen, etwa Kevin Kuranyis Pixelfeuerwerk oder den retro-schicken Andreas Hinkel.

MM: Ob der mit seinem hessischen „Weich ist stärker als hart, Wasser ist stärker als Stein, Liebe ist stärker als Gewalt“ allerdings im Strafraum, geschweige denn dem Entmüdungsbecken allerdings zu reüssieren weiß, bleibt aber doch anzuzweifeln. Wenn schon retro, dann auch richtig, mit allem Kopfballungeheurem und HTMLigen: www.hrubesch.de. Aber ich habe mich schon wieder nach Kalau verlaufen. Zurück zu uns. Und zu der Frage an den Experten hier bei mir in der Kolumne, was denn um Himmels Willen ein Fußballspieler im Netz zu suchen hat?

CB: …wo doch eigentlich nur der Ball dortselbst zappeln soll – geben Sie´s zu, lieber Mertens, das ist eine rhetorische Abseitsfalle! Doch wir stehen ja auf gleicher Höhe und daher wird nicht abgepfiffen: im Zuge eines gelungenen Eigenmarkenaufbaus gehört die digitale Selbstdarstellung einfach ins Portfolio des modernen Profis. Der allgegenwärtige Medienfußballzirkus gastiert eben nicht mehr nur auf dem Fernsehbildschirm, sondern längst auch dem Computermonitor. Aber ich sehe schon, diese Antwort wird sie langweilen.

MM: Warten Sie, ich bitte kurz Herrn Netzer ans Telephon, damit er seine Standardstichelei gegen Delling feilbieten kann. In der Zwischenzeit verweise ich noch auf eines der berüchtigsten Beispiele, wo ein Fußballer ins Netz gehen wollte, und zwar das gruselige Klinsmann-Gerüttele an den Maschen in einem seiner letzten Spiele. Und weil Herr Netzer immer noch nicht zur Verfügung steht, bleibt mir nichts anderes übrig, als ins Medienwissenschaftliche zu verfallen und zu verraten, dass meine ganze Kalauerei eigentlich eine Theorie-Vorbereitung waren. Denn um was geht es im Internet, zumindest in seiner Berners-Leeschen-Ausprägung? Um Links! Um Assoziationen! Um das Denken in Ähnlichkeiten. Und wo wir Null-Acht-Fuffzehn-Existenzen unsere Internetpräsenz benötigen, um dieses einzige Medium, das uns zur Verfügung steht, dazu zu nutzen, uns immer ähnlicher zu werden, ist das gleiche Bestreben bei dauerausgestrahlten Fußballern einfach nur peinlich. Die sind schon so sehr sie selbst, dass sie sich gar nicht mehr hinterherkommen können. Die sollten das Ähnlichkeitsprinzip des Netzes eher dazu nutzen, sich noch anderes einzuverleiben. Sponsoring zum Beispiel. Mich wundert, dass etwa Patrick Owomoyela das Potenzial seines unschreibbaren Nachnamens noch nicht erkannt hat und einen Vertrag mit Ovomaltine eingegangen ist.

CB: Bei Owomoyela denke ich im übrigen eher an „Telenovela“. Hm, aber „Denken in Ähnlichkeiten“… abgesehen von der schweren Vermittelbarkeit in der Halbzeitpause scheint mir das eine gute Strategie für die weitere WM-Vorbereitung zu sein. Ich wäre ja schon froh, wenn wir nur „so ähnlich“ wie Italien spielen würden. Aber noch mal zur Frage des Einverleibens – was mir an den Spieler-Websites auffällt, ist nämlich weniger der aufgeblähte Sponsorenbauch, sondern die vielen Projekte, Stiftungen und karitativen Zwecke, für die sich die Spieler engagieren: Owomoyela für die Deutsche Knochenmarkspenderdatei, Friedrich für den Mukoviszidose e.V., und haben sie schon mal versucht, www.juergen-klinsmann.de aufzurufen? Da grüßt doch das soziale Netz, oder?

MM: Ein Musterbeispiel für das, was ich elfenbeintürmend versuchte zu umschreiben. Indem er das Andere zum Eigentlichen seines Auftritts macht, ist Klinsmann schon wieder Jahre voraus und läßt das Netzgezappel hinter sich. Er hat eben immer schon deutlich gemacht, dass man gestrige Konzepte einfach nur in die Tonne treten muss. Dumm nur, dass die deutsche Nationalmannschaft mit Konzepten für Übermorgen trainiert, wo die Weltmeisterschaft doch morgen stattfindet.

Bundesliga

Ein leichtes Spiel ist schwere Arbeit

1. FC Nürnberg–Werder Bremen 3:1

Ein leichtes Spiel ist schwere Arbeit

Christof Kneer (SZ) über Bremer Schwäche und Identitätssuche: „Es ist nicht so einfach, Bremen zu verstehen. Ist es ein riesiges Dorf oder ein klitzekleines Bundesland? Ist Bremen der größte Kleine oder der kleinste Große? Diese Frage beschäftigt derzeit auch die örtlichen Fußballer. (…) Regelmäßig haben die Bremer ihre besten Spieler an Bayern oder Schalke verloren und sich doch immer gesund zurückgemeldet. Die neueste Niederlage aber zeigt, dass die Genesungskünstler langsam an ihre Grenzen kommen. Zwar haben sie ihren geplünderten Kader immer wieder listig aufgefüllt – Spieler, die anderswo nicht mehr gewollt waren. Kunstvoll haben die Bremer ihre Kader immer wieder und gerade noch in Balance gehalten, aber dabei ist ein Team entstanden, das Ausfälle schwerer verkraftet als die reichen Bayern. Werder kann zwar eine grandiose Elf aufstellen, aber keine grandiose Dreizehn – das reicht für einen großen Kleinen, der Titel als temporäre Erscheinungen akzeptiert. Aber nicht für einen kleinen Großen, der ein großer Großer werden will. (…) Bislang war man davon ausgegangen, dass nur Bremen solche Tore kann; hier aber hießen die Beteiligten Reinhardt, Polak, Vittek und Schroth. So bremisch sah das 2:0 der Nürnberger aus, dass das einzige echte Bremer Tor – herrliche Borowski-Vorlage, herrlicher Klose-Abschluss – dagegen eher nürnbergisch wirkte. Es kommt ja nicht so selten vor, dass sich zwei Mannschaften begegnen, deren Formkurven sich gerade in entgegengesetzte Richtungen bewegen. Es kommt auch nicht selten vor, dass Form dann Klasse schlägt, und so gesehen, ist dieses Spiel keine Sensation gewesen. Was aber eher selten vorkommt, ist, dass ein Spiel so viel über den Charakter einer Sportart erzählt. Selten hat man besser begriffen, wie schwer es ist, so leicht zu spielen wie die Bremer an ihren guten Tagen. Ein leichtes Spiel ist schwere Arbeit, ereignen kann es sich nur auf einem soliden Fundament.“

Bumm

Am Objekt Robert Vittek vertieft Hans-Joachim Leyenberg (FAZ) den Gelehrtenstreit über den freien Willen: „Der Mann belegt, was Hirnforscher schon lange wissen: Intuition ist dem analytischen Vorgehen evolutionär überlegen. Gerd Müller, der unvergessene Mittelstürmer, hat dieses Erfolgsrezept auf seine Art in Worte gefaßt: ‚Dann macht es bumm.‘ Es ist sogar als Schlager vertont worden. Entscheidungen, so hat Gerhard Roth, Professor für Verhaltensphysiologie an der Universität Bremen grob hochgerechnet, seien zu achtzig Prozent emotional und nur zu zwanzig Prozent rational geprägt. (…) Da kommt der Trainer Meyer nach Nürnberg, gibt dem Slowaken eine neue Chance, und mit dem ersten Volltreffer ist das Selbstvertrauen wieder da. Vittek hat wieder den Zug zum Tor, vom Beifall auf den Rängen eingehüllt. Endlich mal eine Erfolgsgeschichte in diesen Tagen, da sich die Fußballgemeinde verzehrt nach guten Nachrichten in trüber Nachrichtenlage.“

VfL Wolfsburg–Hamburger SV 0:1

Kühl und enthusiastisch

Hamburg siegt, und Jörg Marwedel (SZ) fröstelt: „Auch der HSV hätte, ähnlich wie Werder Bremen nach dem Tim-Wiese-Drama von Turin, dem neuen Phänomen des Rosa-Syndroms anheim fallen und in Trauer um das Aus in Europa im Liga-Alltag ins Straucheln kommen können. Nichts dergleichen jedoch geschah. Im Gegenteil: Der HSV verteidigte den 2. Platz und zementierte seinen gerade erst erhobenen Anspruch, in der kommenden Spielzeit in der Champions League zu spielen. Und wenn der Sieg, der dies bedingte, neben dem einsamen Torschützen Benny Lauth einen Eigennamen hatte, dann den des gefeierten Strategen: Thomas Doll. Es liegen gesicherte Erkenntnisse darüber vor, dass im taktikverliebten Italien mit großem Interesse verfolgt wird, wie sich der frühere Lazio-Rom-Profi als allenatore in Amburgo entwickelt. So kühl und doch enthusiastisch, wie der HSV zurzeit die Regieanweisungen seines Trainers umsetzt, dürfte sich dieses Interesse erneut gesteigert haben.“

Eintracht Frankfurt–MSV Duisburg 5:2

Gesamtkunstwerk des Versagens

Peter Heß (FAZ) staunt über Jürgen Kohlers Optimismus nach dem Spiel: „Wenn doch seine Ausführungen nur durch einen Hauch von Realität zu belegen gewesen wären. Aber: Das Team des Trainerneulings hatte bei dieser herben Niederlage einen fußballerischen Offenbarungseid geleistet. Vor allem seine Abwehr tat alles, um einen Fußballtrainer in den Wahnsinn zu treiben. Die Duisburger ließen sich von der Eintracht-Offensive ausspielen wie Amateure reinsten Wassers. Naives Stellungsspiel, untaugliche Versuche, eine Abseitsfalle zu stellen, gedankliche Trägheit und eine eklatante Zweikampfschwäche summierten sich zu einem Gesamtkunstwerk des Versagens. Was bringt Kohler seiner Abwehr eigentlich bei? (…) So kaum glaublich es klingt: Der MSV hat noch Glück gehabt.“

Porschefahrer

Ralf Weitbrecht (FAZ) porträtiert den Schützen von drei Toren: „Ioannis Amanatidis und die Frankfurter Eintracht – es hat etwas länger gedauert, bis endlich paßt, was augenscheinlich zusammengehört. Einmal schon, vor drei Jahren, ist der von großer Selbstsicherheit geprägte Grieche für die Hessen am Ball gewesen. Doch als der Abstieg in die zweite Liga feststand, war er der erste, der Reißaus nahm und sich dem 1. FC Kaiserslautern anschloß. Es war ein Fehler, wie sich im Blick zurück herausstellte, denn der Porschefahrer wurde in der Pfalz nie glücklich. Frankfurt war und ist der ideale Nährboden für seine Art, Fußball zu spielen. Amanatidis, der wuchtige, mitreißende Angreifer, der zu Saisonbeginn noch mitunter erschreckend schwache Spiele absolvierte und ungeahnte technische Unzulänglichkeiten offenbarte, hat sich gesteigert. Mächtig sogar.“

Borussia Mönchengladbach–VfB Stuttgart 1:1

Unzulänglichkeiten

Hans-Joachim Leyenberg (FAZ) klagt über Dilettantismus auf beiden Seiten: „Drei Punkte, egal für welches Team auch immer, wären eine unangemessene Belohnung gewesen. Das 1:1 spiegelte das momentane Leistungsvermögen der Uefa-Cup-Kandidaten. Sobald Horst Köppel mit dem Kürzel Uefa konfrontiert wird, reagiert er, als handle es sich um ein kapitales Mißverständnis. Nein, nein, davon habe ‚hier im Verein nie jemand gesprochen. Wir wollten nur eine Saison ohne große Angst spielen.‘ So ist es gekommen. Aber eine Saison mit großer Freude wird es nun auch wieder nicht. Da reiht sich eine Fehlleistung an die nächste, haben die Schüsse eines Stürmers wie Wesley Sonck die Streubreite einer Schrotflinte. Gefahr schwören nur Standardsituationen herauf, wenn die Niederrheiner dem Gegner mit Wucht, hohen und weiten Bällen beizukommen suchen. Dagegen ist die Spielweise des VfB eine Spur gefälliger, filigraner. Aber er hatte erst nach dem Rückstand ‚angefangen, nach vorne zu spielen‘, wie Armin Veh einräumte. Warum nicht schon früher? ‚Es lag an uns, am Gegner, am Platz.‘ Ein Patt zwischen zwei Mannschaften, die partout nicht verlieren wollten. (…) Mit seiner soliden Leistung wirkte der Nationalspieler Marcell Jansen geradezu wie ein Fremdkörper inmitten zweier Ensembles, die sich an Unzulänglichkeiten überboten.“ Andreas Morbach (taz) legt beiden Teams und ihren Tabellennachbarn Cacaus Erfolgsrezept nahe: „Stuttgarts Angreifer, vor einer Woche noch Tribünenhocker, kam plötzlich als eifriger Trainierer daher. ‚Die letzte Zeit war sehr hart, und ich habe viel darüber nachgedacht, was ich für mich machen muss‘, berichtete er, ehe er den eigentlich Verantwortlichen nannte: ‚Das alles habe ich Jesus zu verdanken.‘ Und es sieht so aus, als sollten auch Deutschlands künftige Uefa-Cup-Vertreter voll auf himmlischen Beistand setzen.“

Bayer Leverkusen – FSV Mainz 1:2

Schlauheit und Aufgewecktheit

Erik Eggers (FR) würdigt die Leistung der Mainzer: „Der Gast hat sich als perfekt eingespieltes Kollektiv präsentiert. Beeindruckend war aber dabei nicht allein der Kampfgeist, sondern auch das taktisch enorm hohe Niveau der Mannschaft in der Defensive. Mainz hatte mit Kampfkraft und Taktik die personellen Vorteile der Leverkusener kompensiert. Fast noch imposanter aber war der Unterschied im psychischen Bereich. Angesichts der Mainzer Schlauheit und Aufgewecktheit wirkte Leverkusen geradezu verschlafen und behäbig.“ Gregor Derichs (FAZ) deutet den Streit mit Reiner Calmund als Leverkusener Malus: „Besonders schwer leidet offenbar Rudi Völler. Der Sportdirektor steht zwischen den Fronten – seinem Arbeitgeber Bayer 04 und seinem Freund Calmund. Völler verkneift sich deutliche Stellungnahmen, aber seine Frustration kann er kaum verhehlen. Skibbe und dem Team, in dem sich viele Spieler Calmund verbunden fühlen, kann Völler nur eingeschränkt helfen. Der Auftritt gegen den kampfstarken Abstiegskandidaten kam einem Offenbarungseid gleich. Niemand stellte die Berechtigung des zweiten Auswärtssiegs der taktisch klug agierenden Rheinhessen in Frage.“

Borussia Dortmund–1. FC Kaiserslautern 2:1

Schnelle Stürmer

Richard Leipold (FAZ) vergleicht seine Notizen und Gedanken mit denen der Dortmunder sportlichen Führung: „Bert van Marwijk, der viel erlebt hat im Fußball, sagte, er habe ’selten so einen Unterschied gesehen, zwischen zwei Mannschaften, die auf diesem Niveau spielen‘. Wenn die Profis aus Kaiserslautern sich nicht nachhaltig steigern, werden sie auf ‚diesem‘, sprich: Bundesliga-Niveau nicht mehr lange spielen. In der ersten Halbzeit fehlte es ihnen an allem, was eine wettbewerbsfähige Gemeinschaft auszeichnet. Insofern fiel der Sieg arg dürftig aus. Statt der Torschützenliste war nur der Zettel des Co-Trainers voll, der die Chancen notierte. Wie gewohnt, fehlte es der Borussia nicht an schnellen, aber an gefährlichen Stürmern.“

Hannover 96–1. FC Köln 1:0

Blutarm

Hans Trens (FAZ) zweifelt an der Qualität des Kölner Trainers: „Daß Hanspeter Latour, wie Michael Meier behauptete, ‚unser Pfund‘ im Abstiegskampf sei, muß nach der hannoverschen Vorstellung des Mannes aus dem Berner Oberland arg in Zweifel gezogen werden. Eher deutet sich an, daß die Kölner abermals – wie 2004 mit dem nun in Bochum reüssierenden Marcel Koller – beim Rückgriff auf einen Schweizer Nothelfer danebengelegen haben. Damit verbunden keimen erste Zweifel, ob er geeignet für die Herkules-Aufgabe ist, bei einem eventuellen Abstieg den sofortigen Wiederaufstieg zu schaffen. Zum Ist-Zustand: Die blutarme Darbietung gibt kaum Mut im immer hoffnungsloser werdenden Abstiegskampf.“ Jörg Marwedel (SZ) kann sich kein Lob für den Sieger abringen: „Hannover 96 steht wieder auf einem Tabellenplatz, der Hoffnung macht auf den Uefa-Cup. Schlimmeres gibt es über das Niveau der Bundesliga zurzeit nicht zu sagen.“ Marc Schürmann (FTD) schmunzelt: „Wenn einer aus 300 Metern Höhe vom Himmel fällt, ist es 299 Meter lang möglich, dass ihm nichts passiert. So denken auch Hanspeter Latour und Jürgen Kohler. (…) Zu Alpay: Wie jemand, der in jedem Spiel, an dem er teilnehmen darf, fünf Elfmeter riskiert, zwei verursacht und einmal vom Platz gestellt wird, vom Wettskandal unberührt bleibt, ist schwierig zu erklären.“

Deutsche Elf

Ich bin ein ganz normaler Mensch und will ein ganz normaler Mensch bleiben

Jürgen Klinsmann im Interview mit Michael Ashelm und Michael Horeni (FAS)
FAS: Sie sagen immer, Sie würden bei allem Gegenwind Ihren Job als Bundestrainer durchziehen. Joachim Löw aber gibt zu, daß sich die sportliche Leitung der Nationalmannschaft mit Themen befassen mußte, mit denen sie sich nie befassen wollte. Welchen Einfluß haben die Diskussionen auf Ihre Arbeit?
Klinsmann: Sie hatten keinen Einfluß auf die Arbeit mit der Mannschaft, aber natürlich Einfluß auf unsere generelle Arbeit. Wir mußten uns für Dinge rechtfertigen, von denen wir nie dachten, daß wir uns dafür rechtfertigen müssen. Uns wird es jetzt aber leichter fallen, klare Linien zu ziehen in der direkten Vorbereitung auf die WM. Es wird weniger Energie in die Medienarbeit fließen. Am wichtigsten sind die Spieler, wir müssen unsere Prioritäten setzen und aus unseren Erfahrungen lernen. Denn wie jede Weltmeisterschaft gezeigt hat: Wir in Deutschland reden uns erst in Grund und Boden, mit dem ersten oder zweiten Sieg im Turnier wollen dann alle wieder auf den Zug nach oben springen. (…) Es macht mir keinen Spaß, den Flughafen über einen Hinterausgang zu verlassen und die eigene Mutter beim Weg zum Bahnhof von einer Sicherheitskraft begleiten lassen zu müssen. Ich bin auch nur ein Mensch, mit Familienangehörigen, die da hineingezogen werden. Aber das sind die Begleiterscheinungen, die dieser Job mit sich bringt. Ich nehme sie in Kauf, weil ich in der Verantwortung für meine Mannschaft stehe. Aber ich mache mir aus negativen Schlagzeilen oder Kommentaren nicht lange einen Kopf. Ich ärgere mich zwar und sage mir: Das hättest du besser machen können, das war blöd von dir. Im Kanzleramt am Mittwoch war auch so ein Moment, als auf einmal die Kameras liefen und ich im Kopf auf die Situation nicht richtig vorbereitet war. Da habe ich meine eigenen Erwartungen nicht erfüllt, weil ich überrascht wurde. Auch bei der Pressekonferenz in Frankfurt nach dem Italien-Spiel hat meine Körpersprache nicht gestimmt. Da ärgere ich mich drüber, das war’s dann aber auch. Ich kann schnell abhaken.
FAS: Wenn Sie die Mechanismen kennen, weshalb haben Sie dann so viel Angriffsfläche geboten mit der Absage beim Fifa-Workshop?
Klinsmann: Die Kritik ist berechtigt. Der Fehler mit dem Nichterscheinen beim WM-Workshop hat mich nicht glücklich gemacht. Aber man begeht Fehler, wenn man viele Dinge anders und aus einer anderen Perspektive angeht. Fehler mache ich wie ein Spieler auf dem Platz. Das habe ich auch Franz Beckenbauer gesagt. Aber letztlich ist es wichtig zu wissen, wo ich hinwill mit meinem Team.
FAS: Resultiert aus diesen Erkenntnissen, daß Sie sich öfter in Deutschland aufhalten wollen?
Klinsmann: Ich habe meinen Lebensschwerpunkt seit Ende Januar getauscht. Ich bin seither meistens in Deutschland und weniger in den Vereinigten Staaten. Das habe ich aber auch von Anfang an gesagt, daß das in den letzten Monaten vor der WM so sein wird. Nur, öffentlich machen werde ich meinen Terminkalender nicht. Der geht niemanden etwas an. Ich habe die Auffassung, daß ich nicht unbedingt öffentlich begleitet werden muß in meinem Alltag. Ich muß nicht unbedingt aus dem Flugzeug herauskommen und vor Kameras stehen. Auch wenn die Rolle als Bundestrainer Verpflichtungen mit sich bringt und im Hinblick auf die WM sehr wichtig ist, bleibe ich bei meiner Botschaft: Ich bin ein ganz normaler Mensch und will ein ganz normaler Mensch bleiben.
FAS: Wer soll das glauben?
Klinsmann: Das ist mir egal. So bin ich. Ich suche nicht das Rampenlicht.
FAS: Warum aber werden Ihnen keine Fehler verziehen – nicht von Beckenbauer, nicht von Netzer, nicht von Bild?
Klinsmann: Ich bin nicht so angepaßt, wie manche sich das hoffen. Ich lasse mich nicht kaufen. Wenn man andere Wege geht und versucht, etwas zu bewegen, dann erntet man auch Neid oder Mißgunst.
FAS: Wieviel Kraft kostet es, nicht angepaßt zu sein?
Klinsmann: Es kostet Kraft. Aber ich verfüge mit unserem Betreuerteam der Nationalmannschaft und meiner Familie über ein enormes Energiefeld. Mir reichen auch nur zwei Tage in Kalifornien, um wieder voll fit zu sein. Meine Familie ist meine wichtigste Energiequelle, und daß ich Dinge schnell abhaken kann, hängt eben auch mit meinem Wohnort zusammen. Ich habe aber auch zu Zeiten, als alles Sonnenschein war, gesagt, daß für mich dieses Wechselspiel ein Riesenvorteil ist.
FAS: Wenn es nach einigen Politikern in der Fußballrepublik Deutschland gegangen wäre, sollten Sie zum Rapport beim Sportausschuß des Bundestags bestellt werden.
Klinsmann: Man findet immer irgendwelche Leute, die einen Spruch und eine Provokation auf Lager haben. Bei jeder Kleinigkeit, die wir tun, werden doch 18 Bundesligatrainer abtelefoniert. Einer, der gerade auf dem falschen Fuß erwischt wird, oder einer, der dich nicht so mag – der wird dann medial transportiert. Die sechzehn, siebzehn, die auf unserer Seite sind und mit denen die Kommunikation supergut läuft, werden nicht zitiert. Und so ähnlich läuft das auch mit den Politikern, wenn einer unbedingt in die Zeitung will und sein Geltungsbedürfnis groß ist.
FAS: CSU-Landesgruppenchef Ramsauer vermutete, daß Sie nicht so oft in Deutschland sein wollten, weil Sie Steuern sparen wollten.
Klinsmann: Solche Dinge kosten Energie, keine Frage. Aber man muß die Mechanismen dahinter beleuchten. Und wir kennen sie. Ich überlege dann nur noch, ob ich die Sache meinem Anwalt gebe.
FAS: Haben Sie in diesem Fall Ihren Anwalt beauftragt?
Klinsmann: Ja, das habe ich. Er hat geprüft, wird aber nicht tätig. Zur Steuerfrage: Ich zahle mehr Steuern als jeder andere. Ich muß nämlich auch noch eine kalifornische Steuer zahlen. Der Bundesstaat Kalifornien erkennt nämlich nicht an, daß ich mein in Deutschland erzieltes Einkommen schon hier versteuere.

Kickende Schachfigur?

Richard Leipold (FAZ) beargwöhnt Klinsmanns plötzliche Gunst für Sebastian Kehl: „Es verwundert schon, daß Klinsmann just vor dem Spiel gegen die Vereinigten Staaten den Zeitpunkt für gekommen hält, Kehls Dienste in Anspruch zu nehmen. Welch ein Zufall, daß die Partie in Dortmund stattfindet; in einer Phase, da Klinsmann und seinem Team der Wind der Kritiker heftiger und kälter denn je ins Gesicht bläst. Wer nicht bloß an das Gute im Trainer glaubt, könnte auf den Gedanken kommen, Kehl sei nur eine Art kickende Schachfigur, die aus taktischen Gründen eingesetzt wird, um Dortmund, auch mit Blick auf das Gruppenspiel gegen Polen, als erfolgreichen Standort zu sichern. Der Streit mit Christian Wörns mag Klinsmann, aus dem Blickwinkel vieler Borussen betrachtet, in die Defensive gedrängt haben. Da lag es nahe, wenigstens den anderen, weniger renitenten Kandidaten aus Dortmund einzuladen. Klinsmann bestreitet das natürlich. Neben möglichen Hintergründen gibt es aber auch Gründe für die Rückkehr des Defensivstrategen, der vor Klinsmanns Dienstantritt 24 Länderspiele bestritten hat. In erster Linie ist Kehl ein guter Fußballspieler, am aktuellen deutschen Maßstab gemessen sogar einer, der kaum Bessere zu fürchten hat. Warum Klinsmann einen solchen Prototyp der neuen WM-Generation so lange übergangen hat, wird im dunkeln bleiben. (…) Umgekehrt proportional zu seiner Präsenz auf dem Fußballplatz entwickelt sich bei Kehl die Art zu reden.“

Dynamik

Die Welt am Sonntag beschreibt Carson, den Geburtsort des Trainers Klinsmann und Heimat des US-Trainers Bruce Arena: „Es ist ein Schmelztiegel von Hochleistung und innovativen Methoden, in den Klinsmann eingetaucht war. Dieser Mikrokosmos ist die Wurzel der Klinsmannschen Reformbewegung in Deutschland. Spezielle Fitnesstrainer, psychologische Betreuung und sportartübergreifenden Programme, wie vom Bundestrainer installiert und propagiert, gelten in Carson seit Jahren als Schlüssel zum Erfolg. Hier traf er auch auf seinen Kollegen Arena, der dort den Stützpunkt des amerikanischen Nationalteams eingerichtet hat. Auch Klinsmann soll zuweilen mit dem US-Team trainiert haben. Arena ist quasi einer der Prototypen der neuzeitlichen Trainer. Der New Yorker war mal Fußball-Nationaltorhüter und später Lacrosse-Profi. Er denkt wie ein Fußballer, aber handelt wie ein universell bewanderter Sportlehrer. Arena nimmt Anleihen aus dem Basketball, kopiert etwas vom Football und läßt Übungen aus der Leichathletik nicht unberücksichtigt. Heraus kommt die Idee seines Spiels: ‚Es ist schnell, geht direkt von Abwehr auf Angriff über. Es ist von der Dynamik her wie ein Basketballspiel auf einem Fußballplatz.‘ Es klingt so, als würde Klinsmann über seine Ansicht von modernem Fußball philosophieren. Von diesem aggressiven Tempospiel, das er so gern umgesetzt sähe. In dem man agiert, statt nur zu reagieren. Das US-Nationalteam taugt in einigem zum Vorbild des neuen, deutschen Ideals. Ernährung, Erholung und Ernsthaftigkeit liegen eigenverantwortlich in den Händen der Spieler. Arenas Motto: ‚Do it, what you want – enjoy the day‘ ist Maxime und Mentalität zugleich. Er kann Freiheiten so großzügig einräumen, weil sein Team konditionell auf höchstem Weltniveau anzusiedeln und athletisch geschult wie kaum eine andere Mannschaft ist. Kraft und Ausdauer speisen sich aus der Wurzel der nationalen Major League Soccer, wo ein Fitnesscoach zum Inventar gehört wie der Icecrusher zum amerikanischen Haushalt.“

Einfach Jürgen sein

Kasey Keller im Interview mit Stefan Hermanns (TspaS)
TspaS: Werden Sie in den USA inzwischen auf der Straße erkannt?
Keller: Es passiert immer häufiger. Allerdings kennen die Leute eher meinen Namen als mein Gesicht, weil ich nicht so oft im US-Fernsehen zu sehen bin. Die meisten erkennen mich, wenn ich mit meiner Kreditkarte bezahle.
TspaS: Kennen die Menschen in den USA Michael Ballack?
Keller: Natürlich nicht!
TspaS: Und Jürgen Klinsmann?
Keller: Hey, Jürgen hat mir eine großartige Geschichte erzählt, vom Fußballtraining seines Sohnes. Einer der Väter sprach darüber, was man im Training machen könnte. ‚Jürgen!‘, sagte er. ‚Du bist doch Deutscher, oder? Du musst doch über diesen Sport Bescheid wissen. Was sollen wir mit den Kids machen?‘ Genau das ist der Grund, warum Jürgen dort lebt.
TspaS: Weil niemand weiß, wer er ist.
Keller: Genau. Ich habe einige Bekannte aus der Musik- und Filmszene, wirklich prominente Leute. Die sagen mir: ‚Wenn du diesen Beckham mal triffst, sag ihm: Er interessiert uns nicht.‘ Ich meine, Beckham geht in Beverly Hills in ein Geschäft und verlangt, dass der Laden für ihn zugeschlossen wird. Gleichzeitig spaziert George Clooney herein, sagt Hi und geht wieder. Also: Wer zum Teufel ist dieser Typ, dass er meint, den Laden für sich haben zu können? Los Angeles kümmert sich einen Scheißdreck. Los Angeles ist die Stadt der Reichen – und der Noch-Reicheren. Wenn du denkst, du bist eine große Nummer, guckst du um die Ecke und siehst fünf Typen, die noch viel größer sind als du. Deshalb lebt Jürgen dort. Er kann dort einfach Jürgen sein. Jürgen, the German.

Der Mensch wächst im Leid über sich hinaus

Brasiliens Nationaltrainer Carlos Alberto Parreira im Interview (WamS)
WamS: Seu Parreira, verliert Brasilien ein Spiel, herrscht in Ihrer Heimat Weltuntergangsstimmung. Im sonst eher nüchternen Deutschland erleben wir seit kurzem ähnliches. Können Sie das nachvollziehen?
Parreira: Ich kann es nachempfinden, verstehen nicht. Diese Untergangsstimmung überrascht mich.
WamS: Mancher Kritiker meint, Klinsmann hätte so kurz vor der WM auf einen Testspielgegner wie Italien verzichten sollen.
Parreira: Dann haben diese Kritiker wenig Verstand. Klinsmann hatte bis auf den Confederations Cup nicht ein Spiel unter Wettkampfbedingungen. Er hat Italien gebraucht, um zu sehen, wo er mit seiner Mannschaft steht.
WamS: Ihnen ist das erspart geblieben, zum ersten Mal wurde der Weltmeister in die Qualifikation geschickt.
Parreira: Und dafür danke ich Gott. Das waren 18 Spiele auf Wettkampfniveau! Ich erinnere mich an unser Spiel in Chile. Zehn Uhr abends, Temperaturen unter null, 70.000 Zuschauer, die rufen: ‚Chile, Chile, Chile‘. Das war kein Spiel mehr, das war wie Krieg. Wissen Sie, wieviel man in solchen Partien lernt über seine Elf.
WamS: Sagen Sie es uns!
Parreira: Alles! Wenn man aus so einem Spiel heil herauskommt, ist man stärker und klüger als zuvor. Klinsmann und seiner Elf fehlt das, deshalb ist es nur weise, wenn er sich starke Gegner sucht.
WamS: Selbst auf die Gefahr hin, daß man vorgeführt und demotiviert wird?
Parreira: Warum so pessimistisch? Diese Niederlage hat eindeutig etwas Positives: Wenn Fußballer vorgeführt werden, fühlen sie sich in ihrer Ehre verletzt. Der Mensch wächst im Leid über sich hinaus. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede.
WamS: Sie denken an Ihre WM-Qualifikation 1992/1993?
Parreira: Wir hatten das letzte Spiel zu Hause gegen Uruguay. Hätten wir es verloren, wären wir nicht zur WM gefahren. Wir haben gewonnen und sind Weltmeister geworden. Verstehen Sie mich nicht falsch, Deutschland wird nun nicht automatisch Weltmeister – das hoffe ich wenigstens –, aber die Niederlage ist gut für die Charakterbildung.
WamS: Klinsmann und Ihnen bleiben vor der WM vier Wochen zur Vorbereitung. Was kann man da noch groß beeinflussen?
Parreira: Es geht nicht darum, die Jungs im klassischen Sinn zu trainieren. Die Frage ist eher: Wie bekomme ich sie wieder auf Vordermann? Unseren Job können Sie vergleichen mit Männern von einer Autowaschanlage. Die Spieler kommen rein wie verdreckte Autos, und wir müssen sie waschen und polieren.

FR-Interview mit Joachim Löw

Samstag, 18. März 2006

Ball und Buchstabe

Aus einem Gerücht eine Geschichte konstruieren

Wie viel Schaden verursacht ein Gerücht – unabhängig davon, ob es stimmt oder nicht? Christian Eichler (FAZ) vergleicht die Fälle Bastian Schweinsteiger und Jürgen Jansen: „Der Ruf wird wohl nie wieder derselbe sein. Denn in vielen Medien und damit in der Wahrnehmung vieler Mediennutzer kommt nur die laute Beschuldigung vor; nicht die leise Zurücknahme oder Widerlegung von Beschuldigungen. Sie prägt auch die Zukunft, in der Jansen gewiß manchen Menschen begegnen wird, die nur die Halbwahrheit im Gedächtnis behalten haben: Jansen? War das nicht der, der in die Hoyzer-Geschichte verwickelt war? Schweinsteiger wird es wohl nicht so gehen. Er hat im Rücken den mächtigen FC Bayern, der die Sache offensiv angeht. Das wird sicherstellen, daß die Rehabilitierung genauso viel Aufsehen machen wird wie der Verdacht. Das natürlich nur, falls es nicht doch Beweise gibt, die über aus zweiter oder dritter Hand kolportierte angebliche Aussagen von Kleinkriminellen hinausgehen, die sich bei Ermittlern beliebt oder bei Journalisten wichtig machen wollen. Im Moment ist das eher unwahrscheinlich, und der Name Schweinsteiger ist keine Nachricht; nur die Art, wie man aus einem Gerücht eine Geschichte konstruierte, ist eine, und die Reaktionen darauf sind eine. Eine Nachricht aber, die den Namen verdient und das Nachdenken auch, ist die des Jürgen Jansen, der seinen Kampf, auf den Platz zurückzukehren, beendet hat.“

Rufmord am laufenden Band

Michael Hanfeld (FAZ/Medien) kritisiert die tz für die dicken Schlagzeilen auf dünner Beweislage: „Skandalblatt bringt Bastian Schweinsteiger in Verruf. (…) Zulässige Verdachtsberichterstattung: Das ist der juristische Begriff, um den es geht. Kann man das machen, wenn es keine offizielle Bestätigung gibt? Man kann nicht, man darf es nicht, man soll es nicht, zumal seit dem entsprechenden Bericht von Plusminus in Sportkreisen das große Raten nach Namen eingesetzt hat. Plusminus hatte berichtet, daß in den Skandal ein Spieler der Nationalmannschaft verwickelt sei – aber keinen Namen genannt. Seither bleibt kaum eine Redaktion von anonymen Tipgebern verschont, die mitteilen: Der Nationalspieler, den Sie suchen, heißt übrigens: … Die halbe Nationalmannschaft wird als verdächtig genannt – es ist ein Rufmord am laufenden Band.“

die Stellungnahme der tz
faz.net: tz-Chefredakteur entschuldigt sich für Fehler
Tsp: die Presseerklärung Bayern Münchens
FR: Reaktionen des DFB

Die Korruption greift das Erfolgsrezept des Spiels an

Die FAZ schreibt auf Seite 1 über den chinesischen Einfluß auf den Wettbetrug in Europas Fußball: „Während andere europäische Wirtschaftszweige seit Jahren unter den Folgen der Globalisierung durch Chinas gewaltige, billige Produktivität leiden, schien das größte Volk der Welt für Europas Fußballmarkt nur Annehmliches zu bieten: viele potentielle Fans als Käufer von Trikots und anderen Produkten – und kaum Konkurrenz. Nun aber sieht es aus, als exportiere China die Fußball-Korruption ebenso fleißig wie Baumwollhosen oder Spülmaschinen. Verschobene Spiele hat es schon immer gegeben, von den letzten Spieltagen der vorletzten Klasse, wenn für einen Bierkasten das abstiegsgefährdete Team gewinnt, bis zu mancher internationalen Partie, für die ein Unparteiischer dank Gastlichkeit, Geschenk oder Gespielin schon mal ein kleines bißchen parteiisch gestimmt wurde. Beweisbar war das selten, und es blieb, schon aus Gründen der Ökonomie, beschränkt auf wenige Spiele, in denen viel auf dem Spiel stand. Auf dem Wettmarkt aber, einer Branche mit rasanten Steigerungsraten, kann jeder selbst bestimmen, wieviel auf dem Spiel steht. Den Schaden haben viele Einzelwetter, die von abgekarteten Spielen nichts ahnen. Den noch größeren hat der Ruf des Fußballs. Der Ruch der Korruption beginnt das Erfolgsrezept des Spiels anzugreifen: Der Reiz des Fußballs ist die Unwägbarkeit – man kann alles tun und doch nicht vom zählbaren Erfolg belohnt werden. Jeder kennt solche Spiele, in denen ein Team 89 Minuten überlegen ist und 0:1 verliert. Fußball, ein Fehlerspiel. Fehler kann man aber auch freiwillig machen. Und in keinem Spiel fällt das so wenig auf wie in diesem, in dem die Perfektion unmöglich ist, weil Ball und Fuß stets eine nur unvollkommene Verbindung eingehen – ein Spiel, in dem selbst die Götter manchmal wie Stümper spielen.“

WM 2006

Haben die Deutschen das nötig?

Sehr lesenswert! Wolfgang Roth (SZ/Meinungsseite) stellt den deutschen Anspruch und die deutsche Sehnsucht in Frage, Nummer 1 zu sein: „Warum um alles in der Welt muss eine Nation wie Deutschland unbedingt Weltmeister werden oder bei Olympischen Spielen die meisten Medaillen einheimsen? Sind es nicht die totalitären Staaten, die auf Ausbeutung angelegten Regime, die immer wieder aufs Neue mit sportlichen Erfolgen beweisen müssen, dass ihre Bevölkerung gefälligst stolz und glücklich zu sein habe? Haben die Deutschen das nötig? Nein, das sollten wir eigentlich nicht nötig haben, jetzt, da die DDR und ihre Dopingpraktiken fast schon Geschichte sind. Eine solche Haltung zu vermitteln, wäre die Aufgabe der Politiker. Leider partizipieren sie gern am sportlichen Erfolg und zeigen vermeintliche Volksnähe bis hin zur Lächerlichkeit. (…) Nun wird wieder viel über ‚Psychologie‘ geredet, weil die bekanntlich ein Motor des wirtschaftlichen Aufschwungs sein kann. Da darf dann der Rückgriff auf Bern nicht fehlen, als ein Weltmeisterteam den Deutschen Stolz und Würde zurückgab. Es ist ein merkwürdiger Vergleich, weil damals eine im Krieg besiegte, zu Recht erniedrigte Bevölkerung in Städten hauste, in denen die Spuren der Bomben noch allgegenwärtig waren, am Rand von Industrierevieren, in denen noch viele Räder stillstanden. Heute müssen die Deutschen sich und anderen nicht mehr viel beweisen, sieht man davon ab, dass sie sich mühsam an jene globalen Änderungen anzupassen haben, die auch ihren Nachbarn zu schaffen machen. Dazu trägt diese Weltmeisterschaft aber so gut wie nichts bei. (…) Erschwerend kommt hinzu, dass es zehntausende Experten für diese Sportart gibt. Die werden dann auch wieder bejammern, dass es in Deutschland keine richtigen ‚Straßenfußballer‘ mehr gebe. Aber mag man allen Ernstes beklagen, dass es die eigenen Kinder besser als andere haben? Dass sie nicht darauf angewiesen sind, sich mit Hilfe des Fußballs aus dem Elend zu lösen und zu Wohlstand zu bringen?“

Dieses Menschenbild widerspricht dem Geist des Grundgesetzes

Auf Seite 1 berichtet heute die taz über die über eine Art Gewissensprüfung der WM-Arbeiter (im taz-Stil: WM-ArbeiterInnen) – ein Kommentar von Bettina Gaus (taz): „Der Vorgang ist grotesk. Aber lustig ist er nicht. Vor allem nicht für die Betroffenen. Das Ergebnis der Überprüfung bekommen nicht sie zu sehen, sondern ihre Arbeitgeber. Sie müssen also um ihren Arbeitsplatz bangen, ohne auch nur den Versuch unternehmen zu können, Vorwürfe zu widerlegen. Da empfiehlt sich Wohlverhalten. Aber was genau ist das? Darf ein Rettungssanitäter eigentlich die Politik von US-Präsident Bush für falsch halten? Eine solche Sicherheitsüberprüfung kann nur jemand gutheißen, der in allen Bürgerinnen und Bürgern zunächst und vor allem Verdächtige sieht. Dieses Menschenbild widerspricht dem Geist des Grundgesetzes. Die Urheber der Pläne sollten auf ihre Zuverlässigkeit hin überprüft werden.“

taz: Alle 250.000 sind verdächtig: Ob Würstchenverkäufer, ob Journalistin – wer bei der WM arbeitet, wird vom Verfassungsschutz durchleuchtet, auf zweifelhafter rechtlicher Grundlage

Allgemein

Schalke 04–US Palermo 3:0

Ein bißchen Ehre

Richard Leipold (FAZ) beschreibt so etwas wie einen Aufstand: „Wir schreiben das Weltmeisterschaftsjahr 2006. Ganz Deutschland ist von italienischen Fußballmannschaften unterjocht. Ganz Deutschland? Nein! Ein von unbeugsamen Kickern bevölkerter Klub aus dem Ruhrgebiet hört nicht auf, Widerstand zu leisten. (…) Der deutsch-italienische Vergleich war für die Alemannen zuletzt niederschmetternd ausgefallen. ‚Man kann sagen, daß die Ehre ein bißchen wiederhergestellt ist‘, behauptet Gerald Asamoah. Ein bißchen Ehre, das klingt so paradox wie ‚ein bißchen Frieden‘, der Titel, mit dem Deutschland vor vielen Jahren den europäischen Song-Contest gewonnen hat. Im Fußball wie im Schlager darf die Logik hintanstehen, wenn es darum geht, das deutsche Gemüt aufzuhellen und dabei auch noch erfolgreich zu sein. An diesem Wochenende soll ein bißchen Spannung hinzukommen, nicht nur auf Wunsch der Schalker. Wie im Europapokal wollen die Königsblauen sich auch in der Bundesliga zum Anwalt einer großen Gemeinde machen. Vor dem Auswärtsspiel gegen Bayern München vertreten sie die bisher kleinlaute Interessengemeinschaft der Verfolger. Slomka rechnet mit Zuspruch aus allen Himmelsrichtungen.“

Etwas mysteriös

Christoph Biermann (SZ) fügt hinzu: „Plötzlich ist allenthalben Großes möglich, nach den turbulenten Wochen des Winters scheinen sich die Schalker unter einem guten Stern zu bewegen. ‚Einige werden sich ärgern, dass gerade Schalke 04 als letzter Verein noch international dabei ist‘, sagte Manager Assauer, der immer noch gerne so tut, als wäre sein Klub ein Underdog, dem das Establishment nichts gönnt. Diese Selbststilisierung hat mit der Wirklichkeit wenig zu tun, aber sein Klub ist wirklich aufgewertet, weil er als einziger die deutsch-italienischen Duelle siegreich überstand. Und hatten die Königsblauen in der Champions League gegen den AC Mailand nicht weit besser ausgesehen als der FC Bayern?“ Daniel Theweleit (BLZ) rätselt über den Schalker Aufstieg: „Die Wurzeln dieser Serie sind nicht einfach zu erkennen. So genannte Läufe von Fußballmannschaften haben immer etwas mysteriöses, ihre seltsamen Windungen liegen nicht in Trainerhand, vielmehr wurzeln sie in einer komplexen Mixtur: Stimmungen im Team, Konstellationen im Spielplan, Selbstbewusstseinsschübe nach den ersten Siegen, Faktoren wie Glück und Zufall.“

Keine Ära

Katrin Weber-Klüver (taz) befaßt sich mit Schalkes Gegner: „Die Erfolglosigkeit in der Dämmerung der Ballack-Zeit ist ein Hinweis darauf, dass eine Zeit zu Ende geht, ohne dem Anspruch einer Ära gerecht geworden zu sein. Das, was mit Ballacks Abschied auseinanderbrechen wird, ist nicht die große Mannschaft, die es hatte werden sollen. So gesehen bricht womöglich gar nicht so viel auseinander. Wenn jetzt die Münchner Sprachregelung die ist, dass man unbedingt das nationale Double gewinnen wolle, weil das noch keinem Verein zweimal hintereinander gelungen ist, dann ist das deprimierend. Double-Double hört sich fast so schlimm an wie Doppelwhopper. Und hat vermutlich für einen Verein, der jedes Jahr auszieht, um die Champions League zu gewinnen, einen ähnlichen Sättigungseffekt. Zum Abschluss nun noch eine gute Nachricht für alle Fußballästheten: Die Partie wird auf einem heutzutage selten gewordenem sattgrünen Untergrund ausgetragen. In der Allianz-Arena ist gerade ein neuer Rasen ausgerollt worden.“

Deutsche Elf

Nur ein Schuß

Der Spieler im Trainer – Michael Horeni (FAZ) bringt die Debatte über Jürgen Klinsmann auf den neuesten Stand: „Im Kern geht es aber nicht wie in der Bundesliga üblich um die Frage der vorzeitigen Entlassung, sondern um die Kompetenz des Bundestrainers und seines wichtigsten sportlichen Helfers Joachim Löw – sowie ihrer eigenen persönlichen Entwicklung beim Projekt 2006. Bis zum 1:4 in Italien diskutierte die Fußballnation vor allem über die Viererkette oder die Sinn- und Stilfragen, die sich im Reformkurs des amerikanisierten Schwaben auftun. Nun aber drängt immer stärker die Frage in den Vordergrund, welche fachlichen Kenntnisse der Trainerneuling mitbringt, um die Herausforderung als Fußball-Lehrer zu bestehen. Die Schwächephase, in der die deutsche Mannschaft augenblicklich steckt, kennt Klinsmann aus eigener Erfahrung. Allerdings nur aus der Spielerperspektive. (…) Klinsmann traut sich ungeachtet der heftigen Kritik und der stetig wachsenden Zweifel im Land an einer erfolgreichen deutschen WM zu, seine persönlichen Erfahrungen seinen Spielern glaubwürdig vermitteln zu können. Eine schöne Theorie. Mehr aber noch nicht. Klinsmann hat nicht die Zeit, sich wie Beckenbauer durch die Lernphase zweier Turniere zum souveränen Teamchef entwickeln zu können. Ein langjähriger Reifeprozeß als Bundestrainer bleibt ihm genauso verwehrt wie seinen jungen Spielern. Klinsmann hat nur einen Schuß, alles muß passen.“

FR: „Auf dem Holzweg“ – Matthias Sammer irritiert vor seinem Antritt als Sportdirektor durch wenig progressive Aussagen

Freitag, 17. März 2006

Ball und Buchstabe

Begeisterung im stillen Örtchen

Jakob Strobel y Serra (FAZ/Reise) berichtet von der Internationalen Tourismusbörse: „Das blinde Vertrauen in die Turnierqualitäten der deutschen Mannschaft haben längst nicht nur die Zuschauer verloren. Auch an den großen Veranstaltern nagt der Zweifel. Die TUI hat jede Menge Pauschalangebote in der Hinterhand, die beim Ausscheiden der Deutschen sofort auf den Markt geworfen werden können. Und sie hat den Beweis geführt, daß die Kritik am Nationaltrainer heuchlerisch ist. Im Grunde sind wir nämlich alle kleine Klinsmänner. Der Juni, der Hauptmonat der WM, ist entgegen aller Usancen der am besten gebuchte Monat des Jahres. Mit viel Werbung, Preisnachlässen und zusätzlichen Verlockungen wie Grillpartys und Freibier bei deutschen Spielen hat man die Hotels rund um das Mittelmeer gefüllt. ‚Die Welt zu Gast bei Freunden‘ klingt gut, allein die Gastgeber treiben sich in der Heimat der Freunde herum. So zaghaft sich die deutsche WM-Begeisterung niederschlug, so unübersehbar war sie im stillen Örtchen: In vielen ihrer Pissoirs hatte die Berliner Messegesellschaft einen grünen Plastikrasen inklusive Tor plaziert, das es bei der Erledigung des Geschäftes zu treffen galt. Wir verzichten an dieser Stelle auf jede metaphorische Deutung und freuen uns statt dessen mit all jenen, die das Tor trafen.“

Allgemein

Hamburger SV–Rapid Bukarest 3:1

Ziel um Haaresbreite verfehlt

Jörg Marwedel (SZ) schildert aufgewühlt: „Es hatte sich ein dramatisches, denkwürdiges Spiel ereignet. Rapid-Trainer Razvan Lucescu hatte nach eigener Auskunft gar ‚die verrücktesten zwanzig Minuten in meinem Fußballerleben‘ durchlitten. Er meinte jene aufregende Schlussphase, in welcher der HSV eine Art Luftbrücke zwischen dem eigenen und dem Bukarester Strafraum eingerichtet hatte und die knapp 38.000 Zuschauer stehend und schreiend vor Anspannung hofften, dass wenigstens einmal der pausenlos hoch und weit auf die Schädel der zu Stürmern mutierten Abwehrrecken Daniel van Buyten und Bastian Reinhardt geschlagene Ball noch den Weg ins Bukarester Netz finden würde. (…) Gesiegt hat – wieder einmal – ein effizienter, technisch gekonnter und manchmal etwas schmutziger Systemfußball. Ein Fußball, bei dem die Spieler sich verschoben wie Schachfiguren und mit kühler Präzision immer wieder die Chance zu gefährlichen Kontern nutzten. Andere Gegner wären von diesem HSV-Orkan vermutlich umgeblasen worden, Rapid aber zeigte genau jene taktischen Qualitäten und Automatismen, an denen die Bundesligaklubs im internationalen Vergleich allzu oft scheitern.“ Dirk Brichzi (FR) fügt hinzu: „Die Taktik ging nicht auf, weil die Hamburger zu früh die Brechstange herausholten und auf weite und hohe Bälle setzten. Von der Hoffnung, dass Naohiro Takahara noch einmal ein Tor in dieser Saison schießt, dürften sich die Verantwortlichen beim HSV endgültig verabschiedet haben.“ Sascha Zettler (FAZ) über den Tragödienhelden: „Die herausragende und zugleich unglückliche Figur des Abends heißt Sergej Barbarez. Drei Stunden vor dem Anpfiff hatte dessen Berater Jörg Neubauer HSV-Sportchef Dietmar Beiersdorfer mitgeteilt, daß weder der Bosnier noch Stefan Beinlich das Vertragsangebot der Hamburger annehmen werden. Teil eins der voraussichtlichen Abschiedstournee gestaltete Barbarez so wie das Gros seiner sechs Jahre in Hamburg: aggressiv, spielstark und torgefährlich. Die Krönung blieb ihm nach wochenlanger Durststrecke in der Nachspielzeit verwehrt, als er aus vier Metern zum Sinnbild des HSV wurde: Das Ziel wurde um Haaresbreite verfehlt.“

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