Mittwoch, 8. März 2006
Champions League
Federleicht
Dirk Schümer (FAZ) würdigt die Standards der italienischen Fußballbildung am Beispiel des AC Mailand: „In Italien steht ‚il modulo‘ über den persönlichen Eitelkeiten der hochbezahlten Stars. Mit ‚Modul‘ bezeichnet man die eiserne taktische Disziplin italienischer Mannschaften. Der Trainer brütet wie ein Ingenieur über verschiedene, genau eingespielte Varianten und setzt seine Spieler baukastenartig ins System, wo sie dann zu funktionieren haben. Weil die Laufwege und die Raumverteilung bis ins Detail abgesprochen sind, können sich vor allem die Stürmer blind aufeinander verlassen und ihre wenigen Chancen kalt verwerten. So ähnlich könnte es auch gegen die Bayern ablaufen, denn den Minimalisten von Milan würde ohnehin ein 0:0 reichen – ein Ergebnis, das niemand in der Berlusconi-Truppe als ehrenrührig empfände. Schließlich dreht sich in Mailand alles um den Erfolg und nicht um die Frage, durch wen und mit welchen Mitteln und Zahlen er zustande kommt. Mit dem italienischen Modul, in das sich selbst Weltstars wie Schewtschenko klaglos einfügen, können sich Zugereiste nur schwer abfinden. (…) Wie diszipliniert die Italiener sich von den Jugendmannschaften aufwärts in die taktischen Vorgaben ihrer Fußballschule einfügen, zeigte das federleichte 4:1 von Florenz: Während die Deutschen mit immer denselben vorhersehbaren Spielzügen ihren einzigen Star suchten und sich festrannten, konnten bei den Azzurri Außenverteidiger zu Stürmern mutieren und immer neue, überraschende Varianten im Modul durchgespielt werden. Daß zahlreiche Italiener in ihren Vereinen am Wochenende nur zu Kurzeinsätzen kommen, war ihnen jedenfalls nicht anzumerken.“
Exotik des Fremdlings
Andrej Schewtschenko, die Veredelung des AC Mailand – Birgit Schönau (SZ): „Schewtschenko ist nicht die Seele der Mannschaft, so etwas verkörpert eher der ruppige, nimmermüde Rino Gattuso. Eine ziemlich rustikale Seele für einen der teuersten Klubs der Welt. Gattuso verleiht Milan Bodenhaftung. Schewtschenko schenkt an seinen besten Tagen Poesie. Er kann etwas Schwebendes haben, schwerelos sein wie die Eistänzer aus seiner Heimat, denen man bei der Kür die Strapazen des eisenharten Trainings nicht ansieht. Von großer Leichtigkeit ist Schewtschenko dann, wieselflink, falkenschnell, nicht zu halten und nicht zu fassen. Tore bringt er immer. (…) Neben Schewtschenko sieht Alberto Gilardino wie ein Greenhorn aus. Ein viel versprechendes Talent im Schatten des Meisters. Shevas zweiter Kompagnon Filippo Inzaghi ist der mit allen Tricks vertraute Opportunist – den Ruf mit vielen Schwalben ruiniert und daher gänzlich ungeniert. Schewtschenko hingegen verteidigt geradezu manisch seine Fama als disziplinierter Champion. Trotzdem hat er in Mailand die Exotik des Fremdlings nie ganz ablegen können. In einer Mannschaft voller Brasilianer wirkt der Osteuropäer, immer noch wie ein Außerirdischer.“
FC Bürgerlich
Heinz-Wilhelm Bertram (FTD) hält die Mannschaft des FC Bayern nicht zu Höherem bestimmt: „Auch wenn die Verantwortlichen beharrlich saisonspezifische Probleme – Verletzungen und Formschwächen – dafür verantwortlich machen: Die Defizite liegen tiefer. Sie haben fundamentalen Charakter. Und Hinweise darauf kamen sporadisch immer mal wieder von den Bossen höchstselbst. So beklagte Uli Hoeneß wiederholt, dass Ze Roberto kaum einmal torgefährlich sei. Doch es gibt in der Mannschaft auch den Gegenentwurf zum dribbelfreudigen Brasilianer. ‚Sebastian Deisler ist ein klassischer Geradeausspieler‘, bemängelte Felix Magath des öfteren. Weshalb der Nationalspieler selten zum Einsatz kommt. Magaths unbestrittener Lieblingsschüler Hasan Salihamidzic hat unbestrittene konditionelle Schwächen. Im Sturm ist Roy Makaay als fast ausschließlich aufs Konterspiel spezialisierter Angreifer von Unachtsamkeiten der gegnerischen Abwehr abhängig. Claudio Pizarro lebt hauptsächlich von Wucht und Rempeleinsatz. Die Feintechnik und Gewandtheit, die beiden Stürmern abgeht, hat Paolo Guerrero zwar, dafür ist er für eine Spitzenkraft etwas zu langsam. Es ist dieses Eindimensionale, was etliche Spieler latent in die Nähe der Reservebank rückt. Ab einem bestimmten Niveau im internationalen Wettbewerb hinterlässt diese Tendenz zur Mittelmäßigkeit Spuren. Das ist kein saisonales, sondern ein hartnäckiges strukturelles Problem. Und wo ist der Geist der Piraterie geblieben, um die prachtvollsten Schätze des Fußballs mit unerlässlich unersättlicher Gier an sich reißen zu wollen? Der gesunde Rebellengeist, den einst Lothar Matthäus umtriebig wach hielt? Der FC Bayern 2006, das ist eine Gruppierung von Kickern, die an bravem, biederem Fußballbürgertum zu ersticken droht. Ein ‚FC Bürgerlich‘.“
Sorgenkind
Elisabeth Schlammerl (FAZ) macht sich Gedanken über Roy Makaay: „Früher waren die Spiele, in denen er nicht getroffen hat, rar, jetzt sind es die, in denen er trifft. Der Holländer gibt seit Monaten Rätsel auf. Vermutlich muß seine Geschichte beim FC Bayern sogar neu geschrieben werden, denn bisher galt er als eiskalter Vollstrecker vor dem Tor, als Fußballprofi ohne große Emotionen. Aber irgend etwas muß passiert sein mit Makaay, daß er derart anhaltend außer Tritt geriet. Die Verletzung, die er sich Ende August zugezogen hatte, kann daran alleine jedenfalls nicht schuld gewesen sein. Spätestens zu Beginn der Rückrunde hätten die Folgen des Trainingsrückstandes behoben sein müssen. Aber mehr als ein Aufflackern alter Torgefährlichkeit gab es nicht. Magath vermutet, daß Makaay die Nichtnominierung für die Nationalmannschaft arg zugesetzt habe. Vielleicht hat das ausgereicht, um ihn in eine umfassende Krise zu stürzen. Lange umhätschelte vor allem Magath sein Sorgenkind, verteidigte Makaay und stellte ihn trotz massiver Kritik von außen immer wieder auf – bis zur Partie gegen Eintracht Frankfurt vor elf Tagen. Daß damals Paolo Guerrero spielte, durfte als kleiner Denkzettel und zusätzliche Motivationshilfe für den Holländer verstanden werden. Aber womöglich hat diese Verbannung auf die Ersatzbank genau das Gegenteil bewirkt. Makaay ist wohl doch viel sensibler, als es aufgrund seiner abgebrühten Spielweise manchmal den Anschein hatte.“
Robin Hood aus dem Bayerischen Wald
Stefan Osterhaus (NZZ) belächelt die Diskrepanz zwischen Karl-Heinz Rummenigges Forderung nach einer watteweichen Setzliste und seinem armseligen Hang zum Superlativ: „Erneut verblüfft die Hasenherzigkeit des Karl-Heinz Rummenigge, der einen Tag nach dem glücklichen Remis der SZ sein neuestes Bubenstück ankündigte: ‚Dass solche Top-Duelle bereits in der ersten K.-o.-Phase stattfinden, halte ich für verfrüht. Mein Mailänder Kollege Galliani und ich haben darüber beim Mittagessen mit Lennart Johansson Uefa-Präsident gesprochen. Wir haben ihm gesagt, dass wir dafür sind, eine Setzliste einzurichten.‘ Man höre aufmerksam zu – und staune dafür umso mehr: Eine Setzliste, gleich zu Beginn der Gruppenphase, ist effektiv nicht ausreichend, um das Sicherheitsbedürfnis des Anti-Hasardeurs von der Isar zu stillen. Da muss eine zweite her. Vorstösse dieser Art, wonach vor allem die anderen Schuld an der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit des Klubs tragen, werden in inflationärer Häufigkeit forciert. Lange war Rummenigges Ruf nach Eigenvermarktung Credo und Allheilmittel in einem. Die Bundesliga hat er der relativ geringen TV-Einnahmen wegen als das Armenhaus Europas identifiziert. Schon vor zwei Jahren monierte die FAZ angesichts der bayrischen Litanei: ‚Wenn der Klub ankündigt, einen Fanartikel-Shop in Japan zu eröffnen, dann ist das der Vorstoss in eine neue Dimension. Nichts ist zu klein, als dass es durch die Besprechung der Bayern-Bosse nicht gross gemacht werden könnte, nichts zu nichtig, als dass es nicht wichtig erscheinen könnte.‘ Zwar geht das Engagement der Bayern in Asien über den Kioskverkauf hinaus. Doch die Klagen des Klubchefs folgen seit langer Zeit der immergleichen Programmatik, wonach sich der einstige Weltklassestürmer insgeheim als ein Robin Hood aus dem Bayerischen Wald wähnt, der im europäischen Klubfussball sein Jagdrevier gefunden hat. Mourinho, der Pöbler von der Themse, mag den Schiedsrichter verdammen und allerlei Umstände für widrig halten. Über einen Gegner vom Kaliber Barcelonas hat sich der Manager des Chelsea FC nie beklagt.“
340.000 Kilometer, Kolbenfresser, Rostbeulen
Oskar Beck (StZ) verweigert Real Madrid den TÜV: „Man denkt an die amerikanischen Straßenkreuzer, die man gelegentlich noch im Gebrauchtwagenhandel findet oder auf halbem Weg in die Schrottpresse: 340.000 Kilometer, Kolbenfresser, Rostbeulen, Plattfuß. (…) Der müde Zinedine Zidane muss sich für seine beschwerlichen Laufwege demnächst ein Taxi rufen, Roberto Carlos wird immer älter und Ronaldo jeden Tag dicker – als Trikot trägt er nun ein Zweimannzelt, und wenn er sich nach einer halben Stunde erstmals bewegt, platzt ihm die Hose. Zidane macht uns Sorgen. Lässt der große Franzose sich inzwischen von einem Stuntman doubeln – spielt da statt des Originals etwa die Fälschung? Wenn er den Ball früher durchs Mittelfeld jonglierte, blieb ihm das Leder am Fuß wie ein treuer Hund. Manchmal zog Zidane sich die Kugel unter der Sohle durch, kickte sie mit der Hacke gegen den anderen Schuh und schickte im nächsten Moment Raul auf Reisen. Oder er tanzte auf dem Ball, drehte sich blitzschnell um die eigene Achse – und schlenzte die Kugel aus engster Umzingelung im Umfallen noch durch die hohle Gasse zu Ronaldo. Zidane war der Maestro der Finten und Haken, jeder Ballkontakt war eine Liebeserklärung, er hat den Ball angezogen, gefordert, erobert – heute scheint er froh zu sein, wenn der Ball ihn in Ruhe lässt. (…) Keiner weiß zwar, wer die Champions League gewinnt – umso sicherer ist, wer sie nicht gewinnt: Real Madrid.“
Bundesliga
Persilschein
Michael Reinsch (FAZ) hält das Berliner Festhalten an Falko Götz und Dieter Hoeneß nicht für Vertrauen, sondern für das Gebot der Lage: „Es scheint aller Ehren wert, daß der Verein sein Führungspersonal stützt und es aus der Verantwortung für Verletzungen, Formtiefs und Platzverweise entläßt. Hoeneß und Götz dürfen jetzt eine konzeptionelle Neuausrichtung ausprobieren, die lautet: Berliner Jungs statt brasilianische Stars. Jeder in Berlin weiß, daß es nicht starker Charakter ist, der die Hertha auf den Rauswurf als probates Mittel für den Neubeginn verzichten läßt und auf Eigengewächse setzt. Die 35 Millionen Euro Verbindlichkeiten des Klubs, die seit Jahren der Umschuldung harren, dürften an der einen oder anderen Stelle wachsen, würde er einen oder gar zwei seiner leitenden Angestellten feuern. Schließlich gelten der Millionenvertrag von Götz noch bis 2008, der von Hoeneß bis 2010. Wie eingeschränkt die Handlungsmöglichkeiten von Falko Götz waren, zeigte sich am Montag. Da erst bekam er freie Hand, die Diva des Ensembles, den seit Wochen lustlosen Marcelinho, aus der ersten Elf zu streichen. Die vermutlich zunehmende Zahl prominenter Spieler neben sich auf der Bank wird das Scheitern der Personalpolitik Herthas illustrieren. Gleichzeitig wird die Nachwuchsarbeit, auf die sich Hoeneß und Götz einiges zugute halten, einem Härtetest unterzogen werden. Was Hertha einen neuen Kurs nennt, ist ein Neubeginn der Führung nach dem sportlichen Offenbarungseid.“ Angesichts des Öffentlichkeitsverständnisses in Berlin bekommt Matthias Wolf (BLZ) einen Schreck: „Dieter Hoeneß ist damit beschäftigt, kritische Fans, die Spruchbänder gegen ihn hochhalten, vom Olympiastadion fern zu halten. Hoeneß scheut sich nicht, bei seinem Klub Grundrechte wie jenes auf freie Meinungsäußerung außer Kraft zu setzen. Unfassbar, dass Herthas Aufsichtsratsvorsitzender Rupert Scholz, ein Verfassungsrechtler, ihn auch in diesem Punkt stützt. Der Mann, der schon durch Unkenntnis der Finanzlage des Vereins auffiel, nennt den Hoeneß, der Umschuldungen mittlerweile als Erfolg verkauft, ‚ein Juwel für den Verein, das wir pflegen müssen‘. Ein Persilschein für Hoeneß – es scheint, bei Hertha haben sie längst den Sinn für die Realität verloren.“ Gut, daß wir mal einen Satz über einen anderen Berliner Funktionsträger lesen als Hoeneß.
BLZ: Hertha BSC steht bedingungslos hinter Falko Götz – die Probleme löst das nicht
SZ: Bedingungslos vertraut Hertha BSC seinem Trainer – und Manager Hoeneß, der bei den Fans schon lange in Ungnade gefallen ist
Tsp: Hertha BSC spricht dem Trainer das Vertrauen aus – um den Manager zu stützen
Tsp: Calmund wird diese Woche vernommen
Deutsche Elf
Fehleinschätzung
Ludger Schulze (SZ) gibt dem Bundestrainer schlechte Kopfnoten: „Jürgen Klinsmann scheint nicht verstanden zu haben, dass er in seiner Eigenschaft als Fähnleinführer der Nationalmannschaft zumindest einige Pflichten zu erfüllen hat, auch wenn sie nur repräsentativer Natur sind. Seine eigenen Worte, wonach die WM eine auf 50 Jahre hinaus einmalige Sache für dieses Land sei, führt er durch sein demonstratives Desinteresse ad absurdum. Es mag sein, dass die Inhalte beim Workshop nicht von vitalem Gehalt für die unmittelbare Zukunft der Nationalelf waren, aber darum geht es nicht. Vielmehr verstört die strategische Fehleinschätzung des Bundestrainers, der seinen zahlreichen Kontrahenten und Kritikern in einer angespannten sportlichen Lage immer noch mehr Munition in die Hand spielt. Um weitere Angriffsflächen zu vermeiden, täte Klinsmann gut daran, seine Sturköpfigkeit zu überwinden und sich an Ort und Stelle um die Probleme zu kümmern. So kann er verhindern, dass aus einer den perfidesten Boulevardregeln folgenden Kampagne, die seine Demontage nun erstmals offen betreibt, ein Volkschor wird.“
Schutzschild
Alles Taktik, meint Pavo Prskalo (SpOn): „Die großen Defizite waren in Florenz unverkennbar: Die Abwehr löchrig, Stürmer wie Miroslav Klose waren nicht zu sehen, Michael Ballack spielte unterirdisch. Doch kaum einer kritisierte die Mannschaft. Alle dagegen schossen gegen Klinsmann. Die Medien haben einen Sündenbock, die Spieler ihre Ruhe. Eigentlich macht es Klinsmann genau wie José Mourinho. Er stellt sich vor sein Team, ist das Schutzschild. Durch gezielte Provaktionen lenkt er die Aufmerksamkeit auf sich. Öffentlich einen ihrer Spieler zu kritisieren, das würde keiner der beiden. Dies geschieht vor der Mannschaft oder im Einzelgespräch. Allerdings hat Klinsmann einen gehörigen Nachteil im Vergleich zu seinem portugiesischen Kollegen: Er hat keinen Roman Abramowitsch.“
Heuchlerisch
Moritz Schuller (Tsp) lässt die Vorwürfe an den Fußballtrainer Klinsmann ins Leere laufen: „Dass Klinsmann seine Prinzipienfestigkeit durch Sturheit belegen muss, indem er nicht nach Deutschland zieht, ist eitel, aber egal. Dass seine Taktik nicht aufging und Matthias Sammer gegen seinen ausdrücklichen Willen Sportdirektor des DFB – und damit höchstwahrscheinlich sein Nachfolger – wurde, ist aber auch Ergebnis seiner Umgangsformen. Diplomatisches Fingerspitzengefühl ist für einen Bundestrainer hilfreich, aber schließlich auch nicht notwendig: Wie sonst hätte Franz Beckenbauer je Weltmeister werden können? Und auch soziale Kompetenz ist nicht unbedingt notwendig: Wie sonst hätte es Berti Vogts geschafft, Europameister zu werden? Auch auf Beckenbauer, sonst die Leichtigkeit in Person, scheint dieser Druck inzwischen zu wirken. Er, für den alle Kritik an der WM-Vorbereitung immer nur Schlechtmacherei ist, kritisiert wiederholt den Bundestrainer als schlecht erzogen. Doch seit wann muss man gut erzogen sein, um eine Mannschaft zum Erfolg zu bringen?“ Thomas Kilchenstein (FR) rät zur Mäßigung: „Man sollte in diesen hektischen Tagen, da die Entrüstung über den obersten Seminarschwänzer fast dramatische Züge anzunehmen droht, den Ball flacher halten. Dass Klinsmann den Fifa-Workshop im WM-Gastgeberland nicht für wichtig genug erachtet hat, war ein grober taktischer Fehler. Aber jetzt praktisch den Untergang des fußballerischen Abendlands auszurufen und mindestens die sofortige Abberufung des Bundestrainers ohne vollen Lohnausgleich zu fordern, ist doch in hohem Maße populistisch, ja sogar heuchlerisch.“
Theo Zwanziger im Welt-Interview kontert Franz Beckenbauer: „Ich kann verstehen, wenn er darüber verärgert ist, daß der Bundestrainer nicht anwesend ist. Ich mag Beckenbauer. Aber ich muß auch sagen, daß seine Kritik sehr heftig ist. Das werden wir sicherlich in einem Gespräch mit ihm noch einmal erörtern.“
SZ: Kritik an Klinsmann wächst, doch der verteidigt sich von Kalifornien aus
Klinsmann im sid-Interview, faz.net
Video über Beckenbauers Rüffel, faz.net
Tsp: worum es beim WM-Workshop ging
Dienstag, 7. März 2006
Internationaler Fußball
Erfolg abseits der großen Fußballwelt
Alexander Hofmann (FAZ) nimmt die Meisterschaft des FC Sidney unter Pierre Littbarski zum Anlaß, über den australischen Fußball zu berichten: „42.000 Fans – eine Traumkulisse für den Fußball in Australien, der lange ein Mauerblümchendasein im Schatten von Rugby und Kricket gefristet hatte. Die A-League mit nur acht Teams von Perth im Westen bis zum mehr als 7.000 Kilometer entfernten neuseeländischen Auckland hat das Spiel mit Fußball wiederbelebt. Sydney hatte in der Saison im Schnitt 16.000 Zuschauer, die gesamte Liga 11.000, ein gewaltiger Fortschritt zu den 4.000 Fans in der von ethnischen Spannungen zerrissenen alten Spielklasse. Daß sich die Nationalmannschaft erstmals seit 1974 wieder für eine Weltmeisterschaftsendrunde qualifizierte, hat dem oft verspotteten Sport zusätzlichen Schwung verliehen. Im Endspiel in Sydney standen sich die gegensätzlichsten Teams der Liga gegenüber: hier der Glamourklub mit Littbarski, dem ehemaligen Manchester-United-Spieler Dwight Yorke und Hollywoodstar Anthony LaPaglia als Vorstandsmitglied und Teileigner des Vereins aus der größten Stadt Australiens, in dessen Sponsorenlogen sich oft Wirtschaftsgrößen oder Sportler wie Schwimmstar Ian Thorpe tummeln. Dort die Mariners aus dem Städtchen Gosford, gut 50 Kilometer nördlich von Sydney, wo viele Menschen zu Hause sind, die es sich nicht mehr leisten können, im teuren Sydney zu leben. (…) Littbarski hat nach harten Trainerlehrjahren in Japan, als Helfer von Berti Vogts in Leverkusen und als Chef in Duisburg endlich den erhofften Erfolg erzielt, wenn auch etwas abseits der großen Fußballwelt.“ Ronny Blaschke (SZ) ergänzt: „Die Klubs haben kaum Sponsoren, sind abhängig von Eignern. Und die wichtigste Einnahmequelle fehlt: das Fernsehen. Während große australische TV-Kanäle sich Australian Football 500 Millionen Euro kosten ließen, darf der Pay-TV-Sender Fox Sports Fußball umsonst übertragen. Meldungen in den Zeitungen lassen sich nur mit der Lupe finden. Dieser zaghaften Zuneigung steht die innige Liebe zum Nationalteam gegenüber, die sich zum zweiten Mal nach 1974 für eine WM qualifizieren konnte. Im frei empfangbaren TV spielen nur die Nationalelf und die zumeist englischen Klubs der Nationalspieler eine Rolle. Da hilft es wenig, dass fast eine Million Kinder und Jugendliche in Australien selbst kicken. Irgendwann wechseln die meisten doch zu Rugby und Cricket. (…) Der Gewinn der Meisterschaft ist eine Motivationshilfe im Kampf gegen die Strandmentalität.“
NZZ: vom Madrider Derby
Champions League
Sechster Zeh
Ronald Reng (FTD) vollzieht den Weg nach, den Lionel Messi zum Himmel zurückgelegt hat: „Das Hinspiel gebar einen Stern. ‚Ich habe meinen Erben gesehen‘, sagte der beste Fußballer der Geschichte, Diego Maradona. ‚Sein Name ist Leo Messi.‘ Messis Dribbling ist reine Elektrizität. Den Ball am Fuß wie einen sechsten Zeh, kann er auf höchstem Tempo brachial die Richtung wechseln. Er führte Chelsea vor, die vermeintlich unerschütterliche Abwehr. ‚Er ist wie Wasser‘, sagt der bekannte italienische Trainer Claudio Ranieri, ‚er rauscht über das Spielfeld.‘ Lionel Messi ist dafür bestimmt, bei der WM der e i n e Spieler zu werden, der manchmal bei Weltmeisterschaften aus dem Nichts erscheint und der Welt den Atem nimmt, so wie Pelé 1958, wie Eusébio 1966 oder Michael Owen 1998. Doch im Zeitalter des Satellitenfernsehens kann eine WM keine Stars mehr gebären. Ein Spieler wie Messi, einer von denen, die es nur einmal gibt, lässt sich heute nicht mehr bis zu einer WM verbergen. Sein Kinderarzt hätte nicht gedacht, dass er einmal so groß wird. Mit elf maß er nur 1,35 Meter, sein Körper war zwei Jahre zurück, und wenn er keine Wachstumshormone bekomme, würde er nie die 1,60 Meter erreichen, sagte der Arzt. Die Medizin kostete 900 Dollar im Monat. Seine Familie hatte nicht das Geld, kein argentinischer Klub wollte es in ein Kind investieren. Aus dieser Not schickte ihn der Vater nach Europa. Barças damaliger Sportdirektor Charles Rexach sah Messi einmal und setzte sofort einen Vertrag auf, der auch die Behandlung garantierte. Rexach schrieb ihn auf das nächstbeste Papier, eine Serviette. Leo Messi war dreizehn. ‚Er war schon damals Gott‘, sagt Rexach. ‚Aber es wussten nur vier Menschen.‘ (…) Maradona rief ihn an, als er Messi spielen gesehen hatte: ‚Leo, hier ist das Diegochen.‘ Er bekam keine Antwort. ‚Ich konnte nicht reden vor Schock‘, sagt Messi.“
NZZ: Champions League – Fortsetzung des italienisch-deutschen Duells auf Klubebene
FAZ: Gigi Buffon ist nicht zu ersetzen und hat noch einiges vor in seiner Karriere
NZZ: Chelsea-Empfang in Barcelona zwischen Hass und Humor
Tsp: Mourinho hat vor dem Spiel ein paar Wünsche an Schiedsrichter Merk
NZZ: Mourinho polarisiert weiterhin
Ball und Buchstabe
Machen S’ et jut da, Herr Jutendorf! Sonst nehmen die einen aus der Soffjetzone!
Deutschlands Spur in der Welt – Erik Eggers (FTD) schildert sein Behagen auf der Kölner Ausstellung „Global Players“: „Es ist nicht übertrieben, diese Schau als Perle des offiziellen Kunst- und Kulturprogramms zu bezeichnen, rund 250.000 Euro sind dafür aus dem 30 Mio. Euro starken Fonds des Bundesinnenministeriums geflossen. Dabei hätte auch das Auswärtige Amt die Finanzierung übernehmen können. Denn deutschen Fußballern und Trainern gelang nach dem Zweiten Weltkrieg oft mit spielerischer Leichtigkeit, was den Diplomaten lange verwehrt blieb: Annäherung und Normalität. Die staatlich gelenkten Fußballmissionen begannen 1961, als Rudi Gutendorf von der Adenauer-Regierung nach Tunesien geschickt wurde, um Entwicklungsarbeit beim Aufbau von Verbandsstrukturen zu leisten. Überliefert sind zwei legendäre Sätze, die der Kanzler dem Trainer auf den Fluren des Auswärtigen Amtes mitgab: ‚Machen S’ et jut da, Herr Jutendorf! Sonst nehmen die einen aus der Soffjetzone!‘ Die Kölner Ausstellung schöpft aus dem reichen Arsenal solcher Anekdoten. Zu den amüsantesten Geschichten gehört die von Sepp Piontek. Nach seiner Tätigkeit in Dänemark trainierte er in Grönland und wurde ‚in Naturalien‘ bezahlt. ‚Einmal im Monat“, erinnert sich Piontek, „kam ein Lastwagen von Royal Greenland und füllte meine Tiefkühltruhe bis an den Rand mit Heilbutt, Lachs, Hummer und den berühmten Schneekrabben, die sonst nur die dänische Königin bekommt.‘“
Ascheplatz
So ne leeve Kääl
Helmut Schümann (Tsp) stört die Gelassenheit, mit der Medien und Funktionäre die Meldung über Reiner Calmunds Geschäfte hinnehmen: „Ach Gott, der Reiner Calmund, der dicke Calli, der war doch so ne leeve Kääl, der tut doch keinem etwas und schon gar nichts Unrechtes. Man fasst es nicht, aber es regt niemanden auf, es ist offensichtlich branchenüblich. Möglicherweise hat die Misere des deutschen Fußballs auch darin Ursache, dass Sinn und Verstand vielerorts nicht mal mehr eine untergeordnete Rolle spielen. Ist aber auch wichtiger, dass wir uns über Klinsmanns Wohnsitz erregen.“
Welt: Es wird eng für Reiner Calmund – Chefermittler Wallmeier unterstellt Leverkusens Ex-Manager zweckwidrige Verwendung von 580.000 Euro
6. März 2006
Finanzskandal
Die Geschichte hat schon am Samstag die große Runde gemacht – Jörg Schmitt und Michael Wulzinger (Spiegel) legen ein suspektes Geldgeschäft Reiner Calmunds offen und damit den wahren Grund für die Trennung von Bayer Leverkusen: „Es waren Theatertränen, die damals flossen. Denn Calmunds Abgang von der Bundesliga-Bühne war keinesfalls so freiwillig, wie er es damals die Fußballwelt glauben machen wollte. Bayer trennte sich von dem schwergewichtigen Manager, weil der mit Hilfe eines dubiosen Spielerberaters und einer noch dubioseren Rechnung Hunderttausende von Euro aus der Clubkasse geschleust hatte. Inzwischen ermitteln die Bielefelder Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei gegen mehrere Personen wegen des Verdachts des Betrugs und der Untreue. Auch Calmund, gegen den bisher indes nicht offiziell ermittelt wird, geriet in das Visier der Fahnder. Bayer hat unterdessen gegenüber den Strafverfolgern eingeräumt, dass die fragwürdige Zahlung der Grund für die Trennung von Calmund gewesen sei. Damit gerät, drei Monate vor Beginn der Weltmeisterschaft, eines der Aushängeschilder des deutschen Fußballs in einen Finanzskandal, dessen Dimension noch nicht absehbar ist. Seit sich Calmund vom Jugendbetreuer zum Herrn über die seinerzeit etwa 60 Millionen Euro umsetzende Betriebssportgruppe hochgearbeitet hatte, war er es gewohnt, Probleme mit dem Scheckbuch zu lösen – Spieler wurden mit extrem hohen Gehältern gelockt und mit extrem hohen Gehältern zum Bleiben überredet.“
Geldvermehrungsspektakel
Frank Hellmann (FR) rückt zurecht: „Wer jetzt eilig den Stab über Jongleur Calmund bricht, sollte bedenken: Die losen Leverkusener Sitten fallen in eine Zeit, in der Kaiserslautern Millionen von Mark und Euro für ‚Persönlichkeitsrechte‘ zahlte; eine Zeit, in der Bayern München Jung-Nationalspieler Sebastian Deisler heimlich ein 20-Millionen-Mark-Darlehen auf ein Konto überwies. Die Branche hat – auch wegen der Kirch-Krise – aus einigen Fehlern gelernt. Holzhäuser schätzt, heute würden 95 Prozent der Transfers zumindest in der Bundesliga sauber und seriös abgewickelt. Dass Calmund seine Finger nicht mehr im Spiel hat, dürfte die Quote nicht verschlechtert haben.“ Philipp Selldorf (SZ) gibt zu bedenken: „Tränen und Pathos begleiteten seinen fingierten Rückzug. An der Version vom freiwilligen Abschied gab es immer schon Zweifel. Nun weiß man, dass es eine vorsätzliche Täuschung war. Bisher hat noch niemand Calmund die Absicht zur Bereicherung nachgesagt. Dafür häufen sich Fakten und Indizien, die seinen luxuriösen Umgang mit den Subventionen des Bayer-Konzerns bestätigen. (…) Die irre Kirch-Zeit ist nun vorbei. Nun befindet sich die Liga in der irren ARD/Arena-Zeit. Mag sein, dass die überwiegend in Kapitalgesellschaften verwandelten Klubs mit ihren Aufsichtsräten seriöser wirtschaften. Holzhäusers 5-Prozent-Rechnung wirkt aber immer noch optimistisch.“ Bernd Müllender (taz) fügt hinzu: „Der runde Mann und Holzhäuser bezichtigen sich gegenseitig der Unwahrheit, wer wann was gewusst hat. Calmunds Anwälte setzen Ehrenerklärungen auf, Holzhäuser gab eine für den Fußball als solchen ab: ‚95 Prozent aller Transaktionen laufen sauber.‘ Eine kühne Zahl in der Branche ‚zwischen Rotlichtmilieu und Gebrauchtwagenhändlern‘ (Fußballfachmann Joschka Fischer). Holzhäuser ist übrigens auch Vizepräsident des Ligaverbands. Und Fußballfolklorist Calmund, auch das ein sehr deutscher Aspekt in diesen Tagen, offizieller WM-Botschafter. Somit passt sein Geschäftsgebaren, ob der ‚ganz verdiente Mann‘ (Ehrenerklärer Skibbe) nun persönlich mitverdient hat oder nicht, bestens zum Geldvermehrungsspektakel Fifa-Fussball-WM 2006(TM).“
Deutsche Elf
Nicht länger zu entschuldigen
Zum ersten Mal hat Franz Beckenbauer seinen Ärger über Jürgen Klinsmann geäußert und ihm wegen der Abwesenheit beim Fifa-Workshop in Düsseldorf eine „schlechte Kinderstube“ bescheinigt. Das ist grünes Licht für die Bild-Zeitung, die auf den gesenkten Daumen des mächtigsten Deutschen (und ihres Kolumnisten) nur gewartet hat; sie darf heute endlich Klinsmanns Entlassung zum Thema machen. So viel zur Unabhängigkeit dieser Gazette. Die FAZ, von Harald Schmidt in der Sport Bild letzte Woche wegen ihrer angeblichen Nähe zu Klinsmann gerügt, eher: der Nähe des Klinsmann-Biographen und FAZ-Redakteurs Michael Horeni, die FAZ also spielt heute ungewohnt laute Töne. Roland Zorn wirft Klinsmann schlechten Charakter vor: „Wer es bisher noch nicht wußte, braucht in Zukunft nicht mehr daran zu zweifeln: Jürgen Klinsmann interessiert sich zuerst für sich und sein eigenes Wohlergehen – erst danach kommt seine Gemeinschaftsaufgabe. Daß dieser blanke Egoismus bei denen besonders schlecht ankommt, die sich gern für mehr Menschen als nur für die eigene Sache in die Pflicht nehmen lassen, ist nachvollziehbar. Wenn der frühere Teamchef Beckenbauer einem seiner Nachfolger jetzt eine schlechte Kinderstube unterstellt, dann wiegt dieses Urteil schwer, muß doch gerade Klinsmann auch einen erzieherischen Anspruch im Umgang mit den Nationalspielern glaubwürdig erfüllen. Diesen Maßstab aber verfehlt der schon als Spieler stark auf sich selbst fixierte Trainer-Anfänger mehr und mehr. Bei allem vielleicht notwendigen Durchrütteln alter Strukturen im DFB: Wenn sich am Ende die eigene Verantwortung für einen Job mit einem besonders ausgeprägten Anforderungsprofil auf punktuelle Deutschland-Besuche beschränkt, die gelegentlich auch kommerziellen Nutzen abwerfen, ist das enttäuschend. Wer ein überzeugender Bundestrainer sein will, darf erst gar nicht um Termine feilschen. Klinsmann hätte dieser Tage einfach dasein müssen, ohne jede Diskussion. (…) Wer allen modernen Kommunikationsmöglichkeiten zum Trotz nicht mitbekommt, daß persönliche Gemeinschaftsaufgaben ab und zu mehr verlangen als gelegentliche Mailbox-Ansagen aus der Tiefe des meerumrauschten pazifischen Raums, verrät Kommunikationsdefizite. Sie wiegen im Fall Klinsmann so schwer, daß sie nicht länger zu entschuldigen sind.“
Kein Respekt
Auch Thomas Kilchenstein (FR) kritisiert Klinsmann: „Es wirft kein gutes Bild auf den WM-Gastgeber, wenn Klinsmann der Besprechung der Trainer fernbleibt. Seine Anwesenheit wäre ein Zeichen von Respekt gegenüber den Kollegen, sie würde Stil und Verantwortung vermitteln. Deutschland richtet die WM aus, da hätte es der Anwesenheit des ersten (Fußball-)Mannes allein aus Gründen der Höflichkeit bedurft. Aber Klinsmann hat für diese Dinge kein Gespür, mehr noch: Sie sind ihm nicht wichtig genug (…) Es brennt an vielen Ecken drei Monate vor der WM, und die Ich-AG Klinsmann tut wenig dafür, die Feuerchen klein zu halten.“ Thomas Haid (StZ) blickt auf den DFB: „Spätestens sein Heimflug weist auch auf ein Führungsproblem im DFB hin. Denn der Verband ist der Arbeitgeber von Klinsmann, und wenn es so bedeutsam ist – warum haben die Funktionäre dann nicht einfach auf der Teilnahme des Trainers bestanden? Das würde jeder Chef in jedem gesunden Betrieb mit jedem Angestellten machen. Aber der DFB tat nichts. So entsteht der Eindruck, dass Klinsmann frei schalten kann.“
Tsp: Beckenbauer teilt aus – der Präsident des WM-Organisationskomitees rüffelt Klinsmann und kontert Kritik von Blatter
SpOn: Politiker stimmen in Beckenbauers Schelte ein
Welt: Streit um Ticketvergabe für WM – Ermittlungen wegen Bestechlichkeit, Kritik an Privilegien
Montag, 6. März 2006
Ball und Buchstabe
Begriffen
Fußballwahnsinn – drei Politiker lassen sich von der Bild-Zeitung in den Wald locken und wollen Jürgen Klinsmann zum Rapport ins Parlament bestellen; Oskar Beck (Welt) faßt sich an den Kopf: „Falls sich hinter dem Vorstoß des Sportausschuß-Trios nur die Einsamkeit von Hinterbänklern verbirgt, die schon immer mal in der Bild-Zeitung die deutsche Mannschaft aufstellen wollten, wäre alles halb so schlimm – doch wir fürchten, daß im Windschatten dessen ein bedenklicher Trend galoppiert: Fußball ist unser Leben. Tragen wir statt eines Kopfes langsam einen Ball auf dem Hals? Mit großem Erfolg haben wir dieses fragwürdige Privileg früher noch den anderen überlassen und aus der Ferne belustigt verfolgt, wie exotische Völker ihre WM-Niederlagen nicht mit ihrem Nationalstolz in Einklang brachten und den Trainer in Form symbolischer Strohpuppen mit Benzin übergossen und anzündeten. Wir haben auch fassungslos den Kopf geschüttelt, wenn durch das Scheinwerferlicht der WM die Hurrapatrioten angezogen wurden und El Salvador und Honduras ein WM-Qualifikationsspiel in den Schützengräben fortsetzten. Wir Deutschen waren da grundlegend anders: ganz kühler Kopf. Der Fußball war unsere schönste Nebensache der Welt. Heute aber wollen wir, wie nie zuvor, Weltmeister werden – als Letzte haben wir begriffen, daß es auf dieser Gefühlswelt nichts Wichtigeres gibt als den Fußball.“
In dubio goleo
Christof Kneer (SZ) ergänzt: „Man muss der Politik danken, dass sie sich endlich des Fußballs annimmt. Der Sportausschuss in Berlin ist ein herrliches Instrument, und man darf gar nicht darüber nachdenken, was man mit ihm früher alles hätte verhindern können. Man hätte Völler wegen seiner Frisur verhören können oder Ribbeck wegen der Nominierung des 40-jährigen Matthäus (Matthäus selbst hätte man lieber nicht verhört, so viel Zeit hat ja kein Ausschuss). Auch hätte man unterbinden können, dass Möller die Schwalbe erfindet und weiterverbreitet, womit womöglich auch die Vogelgrippe niemals ausgebrochen wäre. Auch dieser 24. Spieltag hat jetzt akuten Handlungsbedarf ergeben; so wäre der Spieler Wörns vorzuladen, wegen verbotswidrig guten Offensivspiels (das geht nicht, er ist ein altmodischer Verteidiger!); und erscheinen müsste auch ganz Hertha BSC, die haben es eh nicht weit. Wünschenswert wären harte, aber faire Urteile: in dubio goleo.“
Schlechtes Kabarett
Das Streiflicht (SZ) hat anscheinend die VW-Werbung mit dem nervtötenden Jörg Dahlmann gesehen: „In der Rangliste der peinlichsten Redensarten liegt der Spruch ‚Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt‘ relativ weit vorne. Zum Glück wird er nur noch benutzt von einer immer kleiner werdenden Gruppe von Menschen, die auch nicht davor zurückschrecken, bei jeder sich bietenden Gelegenheit ‚Herein, wenn’s kein Schneider ist‘ zu rufen, oder, noch schlimmer: ‚Da brat mir doch einer ’nen Storch‘. Diese Floskeln klingen nach schlechtem Kabarett oder nach Büttenreden und ein klein wenig auch nach Peter Neururer.“
TspaS: Samuel Eto’o hat in Spanien endlich eine Debatte über Rassismus ausgelöst, als er drohte, wegen übler Schmähungen den Platz zu verlassen
TspaS: wie 1860 München die Zukunft verspielt
WM 2006
Null-Toleranz-Marketing und Null-Transparenz-Politik
Kampf gegen Ambush-Marketing, Einschränkung und Bevormundung der Medien, Eingriff in Recht und Politik – Thomas Kistner (SZ-Magazin) fühlt sich und Deutschland bedroht durch die langen, starken Arme der Fifa: „Deutschland droht, ein Ausrichter ohne großen Einfluss zu werden. Die Republik, die sich als ‚Land der Ideen‘ präsentieren wollte, hat sich in ein frustriertes Fifa-Land verwandelt: Alles dreht sich um Marken und Rechte, es wird gestritten, gedroht, geklagt. ‚Wenn die Fifa so weitermacht‘, warnt Uli Hoeneß, ’schafft sie es, die WM in Misskredit zu bringen.‘ Dabei hatt Gerhard Schröders fußballselige Regierung der Fifa die wichtigsten Rechte schon während der Bewerbung garantiert. Der Weltverband erhob dreiste Forderungen, die sogar nationales Recht aushebeln. Wer nicht spurt, braucht gar nicht zu kandidieren, lautete die Ansage – und Berlin kuschte. In diesem Klima wurde Servilität gegenüber der Fifa auch zur ersten Pflicht für alle Kommunalpolitiker. Es geht ja um Deutschland, die depressive Nation und ihre laue Wirtschaft sollen am Ball genesen wie einst im Berner Wunderjahr 1954. (…) Die Fifa besitzt die WM, sie hält das Monopol am beliebtesten Sport des Erdballs. Sepp Blatter, ihr Boss, der gern Schauspieler geworden wäre, predigt auf allen Bühnen der Welt darüber, dass schon der Fötus im Mutterleib kickt und schielt nach dem Friedensnobelpreis. Nicht ganz in diese heile Welt passt nur das Treiben des Schweizer Korruptionsermittlers Thomas Hildbrand, der im November Blatters Präsidnetenbüro durchsuchen ließ. Derweil drehen seine Manager für das immer selbe Produkt alle vier Jahre an der Preisschraube. Dieses Privileg lässt sich schamlos ausreizen, die Fifa paart ihr Null-Toleranz-Marketing mit einer Null-Transparenz-Politik in eigener Sache. (…) Dabei lehrt auch diese WM, dass das Event vor nichts mehr Schutz bräuchte als vor den Fifa-Bossen selbst. Etwa vor Jack Warner, Vizepräsident aus Trinidad/Tobago, der tausende Tickets für seine Insel in die eigene Tasche zu wirtschaften versuchte. Doch Blatter braucht den mafiösen Warner, der ihm stets so verlässlich die Wählerstimmen in der Karibik besorgt.“
Bundesliga
Tröstliches
Roland Zorn (FAZ) erholt sich beim bunten 24. Spieltag der Bundesliga: „Nach und vor den beschwerlichen Dienstreisen gen Italien ein angenehmes, erheiterndes, menschelndes Bundesliga-Wochenende: Viele werden es als eine Wohltat empfunden haben. Mal keine Extrapressekonferenz mit nichtssagenden Bundestrainer-Statements, mal keine zerknirschten Sündergesichter, mal keine Fußball-Staatskrise – sieht man von dem belustigenden Ansinnen einiger Mitglieder des Sportausschusses ab, Jürgen Klinsmann nach Berlin einzubestellen: Die Normalität des sportlichen Lebensbegleiters Bundesliga hat etwas Tröstliches auch für den, der sich jetzt schon vor der großen deutschen Blamage bei der Weltmeisterschaft fürchtet.“
Bayern München–Hamburger SV 1:2
Offenlegung grundlegender Defizite
Erster Sieg in München seit 1982 – Heinz-Wilhelm Bertram (BLZ) beschreibt den Erfolg der Erben Hrubeschs: „24 Jahre später schienen Geist und Tatkraft von damals zurückgekehrt zu sein. Imponierend, wie durchdacht und leichtfüßig die Norddeutschen durch lichte bayerische Reihen tanzten. Geschickt nahmen sie in der Mitte Michael Ballack und auf den Außenbahnen Hasan Salihamidzic und Sebastian Deisler aus dem Spiel. Es war dies die Offenlegung grundlegender Defizite eines auf hohem Niveau nur eingeschränkt wettbewerbsfähigen Bayern-Teams. Ab einem bestimmten Level versagen Ballacks Führungsqualitäten. Die Stürmer stoßen bei einer robusten, technisch begabten Abwehr an Grenzen. Zu strukturellen Problemen kommen saisonale: Weil sie außer Form sind, können die Nationalspieler Deisler, Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger Mängel nicht auffangen.“ Elisabeth Schlammerl (FAZ) führt die Niederlage der Bayern auf Nachlässigkeit zurück: „Die Münchner haben es in dieser Saison bisher fast immer perfekt beherrscht, Tempo und Engagement den Spielbedürfnissen anzupassen und brenzlige Situationen zu lösen. Da nimmt die Konzentration beinahe automatisch ab, und irgendwann einmal gelingt es eben nicht mehr, den Schlendrian rechtzeitig aus dem Spiel zu bekommen. Es hatte sich schon angedeutet in den vergangenen Wochen, daß der FC Bayern wieder einmal reif war für eine Niederlage. Es gibt für die Münchner eben größere Herausforderungen, als sich um die Vergrößerung des Vorsprungs zu bemühen. Die europäische Trophäe genießt höchste Priorität. Es ist eine altbekannte Gewohnheit bei den Bayern, daß sie vor internationalen Aufgaben die nationale Pflicht ein wenig vernachlässigen. Die Hamburger haben diese Schwäche auf dem schwer bespielbaren Boden genutzt, waren wie bei ihrem Sieg im September lange Zeit die aktivere und zielstrebigere Mannschaft.“
Schmuddelkind
Klaus Hoeltzenbein (SZ) schleicht immer wieder durch das Gartentor und in die Kaninchenställe: „Man ist ja ein wenig aufgeschreckt, als der Stadionsprecher verkündete: ‚Mit der Nummer 7, Mehmet…‘, und das Publikum durch ein begeistertes ‚Scholl!‘ zu erkennen gab, wie sehr es sich über das Wiedersehen freute. Zwar wurde er auch in dieser Saison meist eingewechselt, aber es ist dann doch immer so, als würde der Lautsprecher eine Begegnung mit einer Person aus einer anderen Zeit versprechen. In der Bernd Schuster noch spielte. Klaus Augenthaler. Und natürlich Rudi Völler. Aber auch wenn die Restzweifel bleiben, es muss sich um jenen Scholl gehandelt haben, von dem es heißt, er sei noch immer Bayern-Profi und inzwischen 35 Jahre alt. Dieses Tor, das war ein Original, niemand ist in der Bundesliga gefolgt, der es hätte fälschen können. Schon gar nicht auf diesem Arena-Boden, einer ackerbaulichen Nutzfläche, auf der in Kürze, so war zu hören, zur Zucht der Allianz-Kartoffel übergegangen werden soll. Noch wird es mit Fußball versucht, doch wenn er so daherkommt wie am Samstag, dann sollten sie sich das mit der Kartoffel noch einmal überlegen. Mehmet Scholl, falls er es war, legte den Oberkörper quer, dass er gerade noch das Gleichgewicht behielt, und trieb den Ball mit dem Spann, wie es Schmuddelkindern eine Freude ist: flach über die Schmierfläche, beschleunigend bis zur Unhaltbarkeit. (…) Trotz dieser magnetischen Wirkung auf Ball und Publikum tritt Scholl nur noch in Nebenrollen auf. Der einzige Autonome der Liga verwaltet sein persönliches Spätwerk.“
FR: Kahn sieht Fehler nur bei Vorderleuten – Münchner Torwart leitet Niederlage ein und versteht danach die Welt nicht mehr
Hertha BSC Berlin–1. FC Köln 2:4
Um Verständnis und Geduld werben
Michael Rosentritt (Tsp) fordert von den Berlinern Ehrlichkeit: „Hertha könnte endlich sagen, was Sache ist. So muss der Verein sagen, dass es jetzt nicht mehr nur darum geht, irgendwelchen Saisonzielen hinterherzurennen, sondern überhaupt weiter im Profifußball mitspielen zu dürfen. Denn in Kürze vergibt die DFL die Lizenzen. Hertha müsste sagen, dass und wie der Verein wirtschaftlich wieder auf solide Füße zu stellen ist, um dessen Existenz über Jahre zu sichern. Hertha müsste sagen, dass bis zum Juni knapp 20 der 35 Millionen Euro Schulden in mittelfristige Verbindlichkeiten umzuwandeln sind und dies nicht so leicht ist bei der Vorgeschichte. Hertha müsste sagen, dass die Liquidität in den vergangenen Jahren nur durch Vorgriffe auf künftige Einnahmen gesichert wurde. Hertha müsste sagen, dass dies Einfluss auf die Zusammenstellung des Kaders hatte. Hertha bräuchte nicht zu sagen, dass es dem Kader an Qualität fehlt. An Qualität, die nur bedingt aus dem eigenen Internat erwachsen kann, sondern von außen hinzugekauft werden müsste, aber eben nicht konnte. Und Hertha müsste sagen, dass dies alsbald auch nicht möglich sein wird. Also müsste der Verein seine Ziele auf ein realistisches Maß korrigieren und dafür um Verständnis und Geduld werben.“
Reden statt reagieren
Matthias Wolf (FAZ) hingegen wünscht sich Taten: „Seit Wochen werden Dieter Hoeneß seine Fehler im finanziellen und sportlichen Bereich auch von der Basis vorgehalten – aber diesmal schien es ihn zu treffen. Hoeneß, der sich sonst immer der Presse stellt, schwieg. Es dauerte eine unruhige Nacht, bis er am nächsten Tag die Fassung wiedergefunden hatte. Doch keine Spur von Selbstkritik, Hoeneß reagierte vielmehr wütend. Er werde nicht zulassen, daß ‚eine kleine Gruppe Fans das Gesamtbild zerstört‘. Das paßt ins Bild: Schon vor dem Spiel waren von Ordnern kritische Spruchbänder auf Anweisung von oben konfisziert worden. Weit weniger angriffslustig als diese Kritiker bekämpft der Manager weiter die öffentliche Trainerdiskussion. Abermals gab es kein deutliches Bekenntnis zu Falko Götz. Die traurige Show geht weiter, obwohl Götz quasi eine Steilvorlage für die Trennung geliefert hatte. Nach dem Spiel wirkte er derart angeschlagen, daß es schwerfällt zu glauben, er könnte noch wachrütteln in der Krise. ‚Mir fehlen die Worte‘, sagte Götz sichtlich bewegt, ‚unfaßbar, was heute passiert ist. Ich bin nur noch sprachlos.‘ Alles hörte sich so an, als sei da einer mit seinem Latein ziemlich am Ende. (…) Sie bleiben sich treu in Berlin: reden statt reagieren.“
Tsp: „Der Klub ist nicht ehrlich“ – ein Fanvertreter Herthas über die Situation der Anhänger
Bayer Leverkusen–Werder Bremen 1:1
Als spiele Deutschland gegen Deutschland
Bernd Müllender (taz) findet ein abwertendes Attribut für seine Spielbeschreibung: „Das Spiel war ein sehr deutscher Nachmittag gewesen. Zum Beispiel war da ein Kartoffelacker von Spielfeld. ‚Nicht unbedingt der Traumrasen‘, spaßte Thomas Schaaf über den Boden, der auch gut in eines der wachstumshemmenden WM-Stadien gepasst hätte. Naturverbundener urteilte Kollege Skibbe: ‚Der lange Winter nimmt sich vom Platz, was er braucht.‘ Da waren auch 45 Minuten lang wunderbar fahrlässige Abwehrrecken zu bewundern, als spiele hier Deutschland gegen Deutschland. In der zweiten Halbzeit wirkten die überhasteten Angriffsbemühungen so stümpern, als spiele Calmund mit sich selbst Provisionenbingo. Die Melodien dazu kamen von Schiedsrichter Herbert Fandel, jenseits des Pfeifendaseins Konzertpianist und Leiter der Musikschule in Bitburg. Er hatte das Match kleinlich in seine Akkorde zerlegt. Werders frühem Führungstor durch gefringsten Elfmeter folgte Berbatows Ausgleich, bei dem die Fandelmannschaft eine Abseitsstellung übersehen hatte.“ Gregor Derichs (FAZ) ist mit Bremen nicht zufrieden: „Nach einer befriedigenden Leistung in der ersten Halbzeit fiel der SV Werder in allen Mannschaftsteilen auf ein schwaches Niveau ab. Der Auftritt löste erhebliche Bedenken aus. Das Paßspiel blieb mit wenigen Ausnahmen ungenügend, die taktischen Vorgaben wurden nicht umgesetzt, die sonst vorbildlich praktizierten Spielverlagerungen gab es nicht. Allerdings präsentierten sich die Leverkusener, für die das Erreichen eines Uefa-Pokal-Platzes wieder realistisch geworden ist, wesentlich verbessert im Vergleich zur schwachen Hinrunde.“
Hannover 96–Schalke 04 1:2
Schmutzig
Marcus Bark (taz) befaßt sich mit Schalker An- und Auftrieb: „Mirko Slomka ist in den vergangenen Wochen in erster Linie als der nette Herr Slomka wahrgenommen und medial verarbeitet worden, was ihm nicht nur peinlich ist. Es stört ihn. Peinlich ist ihm auch, wenn er dafür verantwortlich gemacht wird, dass Schalke die beste Rückrundenmannschaft ist. Slomka stellt die Spieler in den Vordergrund. Die Mannschaft gilt seit Jahren als schwierig. Mit dem ehemaligen Co-Trainer des ungeliebten Ralf Rangnick, so ist zu hören, komme sie bestens zurecht (…) Der Erfolg der Schalker war fraglos verdient, wenn auch nicht glanzvoll. Das scheint die neue Masche zu sein. Mit Ausnahme des spektakulären 7:4 gegen Bayer Leverkusen gelangen in der Rückrunde Siege, die unter Fußballern anerkennend als ’schmutzig‘ bezeichnet werden.“
1. FC Nürnberg–MSV Duisburg 3:0
Goldene Regeln
Jochen Breyer (SZ) liest den Nürnberger Entwicklungsroman: „Robert Vittek und Ivan Saenko – die Geschichte vom Aufschwung der Nürnberger ist ihre Geschichte, und der Autor ist Hans Meyer. Als Meyer Trainer wurde, war Nürnberg Tabellenletzter, und Vittek und Saenko waren schuld daran. Zumindest glaubte das der damalige Trainer Wolfgang Wolf, er warf beide aus dem Kader. Meyer ist ein Trainergreis, er kennt die goldene Regel, nach der ein neuer Trainer gerade auf die Spieler bauen kann, die unter ihrem Vorgänger gelitten haben. Gäbe es einen Ratgeber für Retter, so stünde es schon im Vorwort: Richte die Spieler auf, die erniedrigt wurden! Sie wollen beweisen, dass ihnen Unrecht getan wurde. Ebenso weiß Meyer, dass man vor allem zwei Typen von Spielern den Rücken stärken muss, damit sie brillieren: jenen, die zu wenig von sich halten, und jenen, die zu viel von sich halten. Typ 1, das Sensibelchen, das ist Vittek. Nach der verkorksten Vorrunde wollte er schon nach Frankreich flüchten, er hatte das Gefühl, die Mannschaft glaube nicht mehr an ihn. Meyer führte viele Einzelgespräche mit Vittek und schwärmte so oft vom tollen Fußballer Vittek, bis Vittek glaubte, dass Vittek wirklich ein toller Fußballer ist. Seitdem hat er fünf Mal getroffen. Typ 2, die Diva, das ist Saenko. Seit Jahren gilt er als großes Talent, aber als ebenso großer Sturkopf. Als er noch in Karlsruhe spielte, war er von vielen Bundesligisten umworben. Saenko wollte trotz seines Vertrages unbedingt wechseln und tat fortan alles, um rausgeworfen zu werden. Das schaffte er, aber komischerweise war plötzlich niemand mehr an ihm interessiert. Einen Verein hat er trotzdem gefunden, und es war nicht das erste mal, dass ein Spieler, an dem niemand mehr interessiert war, in Nürnberg gelandet ist.“
Höhepunkte
Jürgen Höpfl (FAZ) erkennt den FCN kaum wieder: „Selbst als er das Mikrofon schon abgeschaltet hatte, schwärmte Günther Koch noch vom ersten Tor: Es sei ‚die stärkste Szene‘ gewesen, die er vom 1. FC Nürnberg ’seit fünf, ach was, zehn Jahren‘ gesehen habe, erzählte der bei aller gebotenen Neutralität für seine Club-Leidenschaft bekannte Fußballreporter. Ein nicht meßbarer, aber angemessener Vergleich. Daß ein Angreifer eine flache Hereingabe absichtlich durchrutschen läßt, um einen anderen Angreifer in bessere Schußposition zu bringen, gehörte bislang nicht zum Repertoire der Franken. Beim erstaunlich dominant herausgespielten, nicht nur hart erkämpften, sondern mit Herz und Verstand erzielten Sieg gegen den in allen Mannschaftsteilen enttäuschenden MSV Duisburg demonstrierte der 1. FC Nürnberg den bisherigen Höhepunkt seiner unter Meyer erreichten Fortschritte.“
Deutsche Elf
Nicht Klinsmann ist das Problem des deutschen Fußballs, sondern die Bundesligatrainer sind es
Das Land teilt sich mittlerweile in eine Pro- und eine Contra-Klinsmann-Fraktion. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat Für- und Gegenrede gleich in zwei Ressorts gedruckt. Im Sportbuch verteidigt Peter Heß den Bundestrainer: „Klinsmann hat Fehler gemacht, aber nicht bei der unmittelbaren Arbeit mit der Nationalelf, sondern indem er viele Funktionäre und andere der Branche mit seiner rigorosen Art verprellte. Er hat damit mehr Druck aufgebaut, als sein Team benötigt. Viele warteten nur auf einen Patzer, um es dem Schwaben heimzuzahlen. Nun ist mehr als ein Patzer geschehen. Doch was ist Klinsmann vorzuwerfen? Er hat ein schlüssiges Konzept, die Mannschaft steht hinter ihm, und noch nicht einmal seine Kritiker halten ihm vor, den falschen Spielern zu vertrauen. Es gibt keine besseren in Deutschland. Damit kommen wir zum Kern des Problems und zur großen Stärke Klinsmanns: Er hat sich mehr Gedanken darüber gemacht, wie er mit seinem überfroderten Personal den überhöhten Ansprüchen für die Heim-WM gerecht werden kann, als alle seine Kritiker. Zu seinem Schluß kommen übrigens viele Kollegen, die einen völlig verunsicherten, akut abstiegsgefährdeten Klub übernehmen. Sie widmen sich dem Ausbau der Sekundärtugenden: Fitness, Glaube, Wille. Sie wissen, bis ihr Team das Fußballspielen wieder erlernt hat, ist es gescheitert. (…) Das grausame Erwachen von Florenz ist nicht Klinsmanns falschem, sondern seinem fehlenden Einfluß zuzuschreiben. Viel zu wenige Tage hatte er seine Spieler seit dem vergangenen Sommer beisammen – und wenn er seine Schäfchen um sich versammelte, dann erschienen die allermeisten verunsichert und verzagt, weil sie keinen Stammplatz in ihren Klubs haben. Nicht Klinsmann ist das Problem des deutschen Fußballs, sondern die Bundesligatrainer sind es, wie ein Felix Magath, die die Schweinsteigers, Deislers und Lahms versauern lassen. (…) Für einen Klinsmann in Topform gibt es keinen Ersatz. Oder wollen Sie, daß ein Christian Wörns die WM-Hoffnung verteidigt und wir mit einer altmodischen Defensivtaktik, einer einsamen Sturmspitze und Zeitlupenfußball im Mittelfeld versuchen, die Vorrunde zu überstehen?“
Aktionismus?
Roland Zorn hingegen drückt seine Skepsis gegenüber Klinsmanns neuen Methoden aus: „Gegen Italien offenbarte sich nicht nur die spielerische Unterlegenheit von Klinsmanns Auserwählten gegen die Mann für Mann weitaus bessere Squadra Azzura, es zeigte sich auch nicht zum ersten Mal, daß der Bundestrainer selbst noch ein Azubi ist. Mit der falschen offensiven Taktik versuchte der wie früher als Angreifer auf rücksichtslose Eroberungsstrategien setzende Coach Italien zu erschrecken und mußte dafür selbst einen hohen Preis zahlen. (…) Vieles von dem, was dieser Bundestrainer angepackt hat, sah nach Revolution aus und hinterließ entsprechende Wirkung zwischen Staunen, Erstaunen und Erschrecken. Im Moment ergeht es Klinsmann wie dem späten Völler: Die anfängliche Begeisterung ist jäher Ernüchterung gewichen. Es sind nicht allein die Spieler, an deren Klasse jetzt viele heftig zweifeln. Auch der Trainer muß sich Fragen nach seinem ichbezogenen, oft sehr kommerziellen Handeln gefallen lassen. Die Aufbruchsbotschaften, die Klinsmann mit dem kalten Lächeln eines Geschäftsmanns verkündet hat, werden auf ihre wirkliche Substanz abgeklopft. Gibt es wirklich ein System Klinsmann, oder hat sich ein ganzer Verband dem Aktionismus eines Mannes ausgeliefert, der seinen ‚american way of life‘ selbst allzu undifferenziert zur Folie für alles und alle anderen erhoben hat?“
Eklatanter Mangel an Klasse und Erfahrung
Alfred Weinzierl und Dirk Kubjuweit (Spiegel) verweisen auf das Handicap, mit dem Klinsmann arbeiten muß: „Klinsmann hat hoch gepokert, er hat viel bewegt, aber knapp hundert Tage vor dem WM-Eröffnungsspiel scheint Fußball-Deutschland den Glauben an ein Märchen verloren zu haben. Der Erneuerer hat seinen Zauber eingebüßt. Der schwäbische Weltbürger ist einem Irrtum erlegen. Er war davon ausgegangen, mit einer klar definierten Spielidee, einer optimistischen Verkaufe und dem Ausnutzen aller Ressourcen wie Fitnessspezialisten oder Psychologen die Defizite seines Personals ausgleichen zu können. Das Publikum hatte ihm seine Roadmap zum WM-Finale in Berlin dankbar abgenommen. Wer so furios startete wie er, dem glaubte man auch gern, dass sich bis zum Juni 2006 alles weiterentwickeln werde. Wachsen. Steigern. Verbessern. Hinderlich nur, dass Klinsmanns Kerle nicht auf einem eigenen Raumschiff Richtung WM unterwegs sind, sondern fest verankert in einem deutschen Alltag, der Bundesliga heißt, der überdreht ist, überschätzt und selbstgerecht – und zur Nationalmannschaft, so wie sie Klinsmann ausgerichtet hat, eine seltsam distanzierte Haltung pflegt. Der Kern der ‚Problemchen‘, die Klinsmann süßsauer einräumte, als gehörten sie zum Konzept, liegt nicht in seinem Wohnsitz Huntington Beach, nicht im Umgang mit von ihm geringgeschätzten Profis wie Christian Wörns oder im Stallgeruch eines Sportdirektors. Das Problem ist die Qualität der höchsten deutschen Spielklasse und der für die Nationalelf in Frage kommenden Akteure. Wer sich wundert, dass eine deutsche Elf seit Oktober 2000 gegen keine große Fußball-Nation mehr gewinnen konnte, muss sich nur die Rolle anschauen, die Klinsmanns Eleven in dieser Liga spielen. Der Nationalelf fehlt zudem der demografische Mittelbau, Spieler im Alter von Ende zwanzig, auf dem Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit – Ballack und Frings sind die Einzigen aus dieser Teil-Generation, um deren Förderung sich die Bundesligaclubs in den sorglosen Neunzigern nicht gekümmert haben. (…) Angesichts dieses eklatanten Mangels an Klasse und internationaler Erfahrung mehrt sich die Zahl der Bundesliga-Coachs, die Klinsmanns Vorwärtsstil für ein übermäßiges Risiko halten. Die wenigsten wollen kurz vor der WM dem Bundestrainer in den Rücken fallen, aber die Tendenz in der Bewertung ist klar: Klinsmann überfordert seine Spieler.“
Ichbezogen
Roland Zorn (FAZ) kritisiert den Bundestrainer des Gastgeberlandes dafür, daß er nicht am Fifa-Workshop teilnimmt: „Eine ‚lange, zähe Veranstaltung‘ hat Oliver Bierhoff den WM-Workshop genannt. Eine erstaunliche Aussage für einen vor vier Jahren noch aktiven Fußballer, der nie bei einem solchen Seminar zugegen war. Vielleicht gewinnt Bierhoff, der sich die Gelegenheit zumindest nicht entgehen läßt, am Ende doch ein paar neue Erkenntnisse über den organisatorisch-technischen Ablauf des Weltereignisses. Klinsmann, nach dem 1:4-Debakel auf Heimat-Erholung in Kalifornien, meidet das Seminar, bei dem es, anders als Bierhoff glauben machen wollte, nicht nur um Nichtigkeiten wie die Abfahrtszeiten der Busse für die WM-Turniermannschaften geht. Daß Klinsmann durch Abwesenheit glänzt, hat in Kreisen der Fifa, aber auch beim DFB nicht überall begeisterte Zustimmung gefunden. Man ist ja nur Gastgeber der WM – und übernimmt damit auch, so sollte man zumindest meinen, gewisse Präsenzpflichten. Was soll nur Franz Beckenbauer über einen derart ichbezogenen Bundestrainer denken, der sich dünn macht, während er die ganze Welt bereist hat, um mit seinem Charme und Charisma für ein freundliches Deutschland zu werben? Während der ‚Kaiser‘ lieber schwieg, schluckte Theo Zwanziger seinen Ärger herunter, äußerte Verständnis und fand schließlich den merkwürdigen Satz: ‚Klinsmann ist nicht unser gesellschaftlicher Botschafter.‘ Wirklich? (…) Die Zusammenkunft signalisiert allen, die daran interessiert sind, daß nun die Phase der intensiven Beschäftigung mit den kleinsten Details rund um die WM begonnen hat. Für sie interessiert sich auch mancher Nationalcoach, der seinen Trainerjob von der Pike auf gelernt hat, aus vielen guten Gründen.“
Matthias Sammer (WamS): „Die WM wird nicht im März entschieden“
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