indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Freitag, 10. Februar 2006

Deutsche Elf

Wir werden eine geile WM spielen

Jürgen Klinsmann, leicht beleidigt, im FAZ-Interview
FAZ: Oliver Bierhoff hat die Entscheidung für Sammer und die schroffe Absage für Peters als Niederlage bezeichnet. Wie beurteilen Sie die Entscheidung des DFB-Präsidiums?
Klinsmann: Es ist bedauerlich, daß dem inhaltlichen Konzept keine Beachtung geschenkt wurde. Es wurde nur diskutiert: Welchen Kopf hätten wir gerne – und nicht, welchen Inhalt. Ich habe dem Präsidium gesagt: Wenn Sie das Konzept, das viele zum ersten Mal gesehen und gelesen haben, schon früher gekannt hätten und wir die Möglichkeit gehabt hätten, das Konzept in aller Ruhe zu präsentieren und wir darüber auch ein zweites Gespräch hätten führen können – dann bin ich vollkommen überzeugt, daß das Eis für Bernhard Peters gebrochen worden wäre.
FAZ: Gab es eine Möglichkeit für Sie, auf der Präsidiumssitzung für das Konzept zu kämpfen, wie war die Atmosphäre?
Klinsmann: Eigentlich relativ ruhig und unproblematisch. Aber das lag daran, weil die Entscheidung der Herren schon vorher gefallen war. Wir konnten unser Konzept nur vortragen, aber fanden kein Gehör mehr. Das Präsidium hat sich eben für einen Fußballer entschieden – und nicht für die qualitative und innovative Variante mit einem Fachmann aus einem anderen Sportverband, um eine Sache voranzutreiben.
FAZ: Können Sie sich vorstellen, daß dies ein erfolgreiches Modell werden kann, nachdem Sie mit Ihren Ideen gescheitert sind?
Klinsmann: Ich denke schon, vorstellbar ist das allemal. Aber man muß sehen, wie das in der Praxis ausschaut.
FAZ: Bisher haben Sie sich und die Nationalmannschaftsführung mit den Reformvorschlägen durchsetzen können. Diesmal sind Sie regelrecht abgebügelt worden. Sind Sie mit Ihren Reformvorstellungen an Grenzen gestoßen, hat der DFB genug davon?
Klinsmann: Das weiß ich nicht. Es war aber schon in den letzten Tagen zu erkennen, daß aus einer Sachdiskussion eine öffentlich-populistische Diskussion wurde. Dem hat sich das Präsidium gebeugt. Bei allem, was man gerne bewegen möchte, kommt es auf den Inhalt und die Möglichkeiten an, es entsprechend vorzutragen. Diesmal ist es leider in unfairer Weise nicht dazu gekommen.
FAZ: Ist Ihr Elan, für den DFB Entwicklungsarbeit über die WM 2006 zu betreiben, nach der Entscheidung gedämpft worden?
Klinsmann: Nein, meinen Elan kann man nicht dämpfen. (…)
FAZ: Jetzt heißt es mitunter schon, Sammer sei der Ersatz-Bundestrainer, falls bei der WM etwas schiefgeht.
Klinsmann: Falls bei der WM etwas schiefgeht, sind sie logischerweise auf der Suche nach einem Ersatztrainer. Aber es geht nicht schief bei der WM. Die Frage stellt sich nicht, denn wir werden eine geile WM spielen. Es gehört auch dazu im Fußball, daß man Wind um die Ohren kriegt.

Die schlechten, alten Reflexe

Andreas Lesch (BLZ) verzieht den Mund über die Aussagen aus der Liga und die Art, wie der Springer-Kolumnist Sammer sich ins Amt gedrängt hat: „Der wichtigste Aspekt, den Fußball und Zirkus gemein haben, wird immer übersehen: Sie riechen streng. Anders ist kaum zu verstehen, dass von vielen Meinungsmachern dasselbe Argument benutzt worden ist: Wer den Job wolle, müsse Stallgeruch mitbringen. Er müsse also nach Grasnarbe, Blutgrätsche, Männerschweiß duften. Es ist erstaunlich, wie berechenbar die Branche reagiert. Sie funktioniert offenbar immer noch nach den schlechten, alten Reflexen. Sie feiert die Tatsache, dass sie sich künftig nicht mit störenden neuen Einflüssen, mit den Ideen eines Querdenkers, eines Außenseiters wie Peters herumärgern muss. Die Branche jubelt, weil sie nun leichter weitermachen kann wie bisher – und weil sie Klinsmann, dessen kalifornischer Reformeifer viele schon lange nervt, eine empfindliche Niederlage zugefügt hat. (…) Es ist bezeichnend, dass sich niemand daran stört, auf welchen Pfaden Sammer auf den Sportdirektoren-Sessel gefunden hat. Im Oktober lehnte er Klinsmanns Angebot, dieses Amt zu übernehmen, noch ab. Nun, als durch eine Indiskretion die Peters-Diskussion losbrach, bewarb sich Sammer plötzlich heftigst um den Job. Diese Wendung darf man merkwürdig nennen.“

Das Imperium DFB hat zurückgeschlagen

Klinsmann-Biograph Michael Horeni (FAZ) rechnet mit Klinsmanns Rücktritt nach der WM: „Seit vielen Monaten, ja seit Beginn von Klinsmanns Dienstantritt, beobachten Teile des Verbands besorgt, wie der Bundestrainer durch seine Erneuerung versuchte, die Nationalmannschaft mit unabhängigen Personen immer weiter vom Verband abzukoppeln. Dafür diente die Chiffre von ‚Klinsmanns Imperium‘. Nun aber hat das Imperium DFB zurückgeschlagen, so brüsk, daß sich selbst Präsident Zwanziger mit seinem Vorschlag einer Doppelspitze Sammer/Peters nicht durchsetzen konnte. (…) Eingeschränkte Freiheiten konnte Klinsmann in seiner Karriere immer nur schwer akzeptieren. Das wissen auch der DFB und der künftige Sportdirektor. Mit dem exzellenten Fußballfachmann und Meistertrainer Sammer hat sich der Verband auch für den Fall des Abschieds von Klinsmann gewappnet. Aber darum, so verbittet es sich die DFB-Spitze, ging es bei der Entscheidung natürlich nicht.“

Bisher ist er nicht als Visionär aufgefallen

Ludger Schulze (SZ) hätte Peters eine Chance gegeben: „Es wäre verfrüht und unfair, dem neuen Mann auf der neu geschaffenen Position die Befähigung abzusprechen, ehe er überhaupt den Stuhl hinter seinem Schreibtisch eingenommen hat. Sammer soll eine exzellente Bewerbungsvorstellung gegeben haben. Man darf jedoch daran erinnern, dass Sammer als Bundesligacoach nicht eben zukunftsweisende Arbeit geleistet hat. Und als fanatischer Förderer des Nachwuchses ist der Dauergriesgram auch nicht eben ins Bewusstsein gerückt. (…) Man schmort weiter im eigenen Saft. Gerade auf dem Gebiet der Nachwuchsförderung aber kann der deutsche Fußball, wie die beiden vergangenen EM-Turniere schonungslos bewiesen, keineswegs auf bewährte Erfolgsmethoden vertrauen. Ein Experte wie Franz Beckenbauer lobt in dieser Hinsicht stets das französische Beispiel. Auch anderswo hat die Arbeit mit jungen Leuten deutlich mehr Ertrag gebracht, etwa in der Schweiz. Oder im deutschen Hockey.“ Thomas Kilchenstein (FR) zweifelt an der Qualifikation Sammers: „Bislang hat sich Sammer nicht den Ruf erworben, besonders eloquent und verbindlich zu sein. Er wirkt wie ein Gegenentwurf zum Daueroptimisten Klinsmann, gilt vielen als missmutig, misstrauisch und leicht erregbar. ‚Feuerkopf‘ Sammer, der gelernte Maschinen- und Anlagenmonteur, weiß um seine Schwäche. Um gelassener und souveräner aufzutreten, hat er sich einen Privatlehrer genommen. (…) Bisher ist er nicht als Visionär aufgefallen. Hinterm Schreibtisch kann man sich den Ex-Nationalspieler schwer vorstellen. Auf ein schriftlich ausgearbeitetes Konzept hat er bei seiner Bewerbung um den Posten als Sportdirektor gleich ganz verzichtet.“

Grundfalsch

Deutsche Sportfunktionäre – Markus Hesselmann (Tsp) ballt die Faust in der Tasche: „Warum provoziert der DFB vier Monate vor der WM einen solchen Eklat? Die Kritik am Ticketverkauf und an der Sicherheit der WM-Stadien reichte den Funktionären offenbar nicht. Sie mussten hier und jetzt ihre Macht demonstrieren und ihren wichtigsten leitenden Angestellten in aller Öffentlichkeit demontieren. Dabei hätte die Entscheidung über den neuen Sportdirektor problemlos nach der WM fallen können. In vier Monaten lässt sich ohnehin nicht nachholen, was in vier mal vier Jahren verschlafen wurde: ein Konzept für eine bessere Nachwuchsarbeit zu entwickeln. Auch inhaltlich ist das Votum für Sammer und gegen Peters grundfalsch. Nichts gegen Sammer – als Fußballer, als Mensch. Aber Peters, der Mann mit Distanz, mit Überblick, mit wissenschaftlicher Akribie, wäre die bessere Wahl gewesen für einen Verband, der sich seit Jahren selbst genügt. Der DFB steht mit all seiner Selbstgerechtigkeit im deutschen Sport nicht allein. Das Nationale Olympische Komitee fällte vor den Winterspielen die – richtige – Entscheidung, den früheren Stasi-IM Ingo Steuer nicht als Eiskunstlauf-Trainer in die deutsche Delegation aufzunehmen. In der irrigen Annahme, dass solche Entscheidungen schon deshalb unangreifbar sind, weil deutsche Sportfunktionäre sie gefällt haben, wurde versäumt, sie auch gerichtsfest zu begründen. Mit dem Ergebnis, dass Steuer nun in Turin an der Bande steht.“

FR: die strategischen Fehler Klinsmanns und Bierhoffs
SZ: Sammer ignoriert den Widerstand des Bundestrainers und sagt Loyalität zu

Donnerstag, 9. Februar 2006

Internationaler Fußball

Mido, der Pfau, steht am Ende als Esel da

Afrika-Cup – Ägyptens Star Mido prügelt sich fast mit seinem Trainer, nachdem er ausgewechselt worden ist, und wird vom Verband anschließend suspendiert. Christian Eichler (FAZ) findet, dass es ihm recht geschieht: „Mido ist der internationale Star unter Ägyptens Fußballern. Kairos Plakatwände schmückt er so überlegensgroß wie die Phantasie jugendlicher Fans. Mit 22 Jahren hat er schon das ganze Enfant-terrible-Programm durch, Ferraris, Fotomodelle, Frisur-Extravaganzen, und vor allem verläßlichen Krach bei jeder seiner Stationen: schon mit 17 in Belgien, dann bei Ajax Amsterdam und beim AS Rom, von wo man ihn aufatmend weiterverlieh nach England. Dort wenigstens, bei Tottenham Hotspur, schien er gereift, ja geläutert, keine Eskapaden, neun Tore in 20 Spielen, ein wichtiger Anteil am Aufstieg der Spurs. Und nun das. Die Eskapaden in Europa steigerten seinen Ruhm in Ägypten eher noch – der Ausraster daheim aber, ausgerechnet als es um die heilige nationale Aufgabe des Sieges beim Afrika-Cup ging, hat sein Image schwer beschädigt. Sein Rauswurf ist die Art von demonstrativer Degradierung, die in vergleichbaren Situationen ein Team oft erst zusammenschweißt. Die Kollegen hatten von Midos Allüren ohnehin genug. Es ist ein Team der Unbekannten. 19 von 23 im Kader verdienen ihr Geld daheim in der ägyptischen Liga, zwei in der Türkei, einer in Straßburg – und dann Mido, der Star; Mido, der Pfau; Mido, der sich als den ‚großen Mann‘ für den Afrika-Cup bezeichnete. Als einziger wollte er im Trainingslager das Zimmer nicht mit einem Kollegen teilen, sondern mit seiner Frau. Seine Botschaft lautete: Mido ist alles. Trainers Botschaft lautet: Mido ist nichts, das Kollektiv ist alles. Shehata gewinnt mit der Affäre erheblich an Autorität, auch an Einigkeit im Team. Er hat mit mehreren Umbesetzungen im Turnierverlauf ein tüchtiges Team kreiert, das seine Gegner durch Fleiß und Lauffreude besiegt. (…) Mido, der Pfau, steht am Ende als Esel da.“

Am Grünen Tisch

Einfach gestrickte Interpretation

Die Strafe gegen die Türkei wird von vielen Autoren als milde oder adäquat eingestuft. Kritisiert werden die Reaktionen eines Großteils der türkischen Öffentlichkeit – hier wollen sich Täter zu Opfern machen. Die Diskussion fällt auf den Resonanzboden des Karikatur-Streits. Im Sinne Hans-Joachim Leyenbergs (FAZ) bedeute das Urteil „heiliges Wasser auf die Gebetsmühlen konservativ-nationaler Kreise, die im Verdikt eine weitere Demütigung türkischer Interessen sehen. Bei dieser einfach gestrickten Interpretation bleibt kein Raum mehr für das Verursacherprinzip, keine Erinnerung an das Klima der Bedrohung und Einschüchterung, das der Schweizer Fußball-Delegation mit dem Betreten türkischen Bodens zu schaffen machte. Natürlich war vom Bosporus kein Beifall für den Urteilsspruch zu erwarten. Aber der heftige, zum Teil politisch motivierte Aufschrei ist ein abschreckendes Beispiel für Überreaktion. Im Augenblick geben die Selbstgerechten den Ton an und schüren damit das, was man gemeinhin als Volkszorn bezeichnet. Der Spruch von Zürich gereicht Brunnenvergiftern als Beleg für den ‚Kampf der Kulturen‘, den die Fifa mit ihren Mitteln anzettele. Da werden absichtsvoll zwei Felder miteinander vermengt, die nichts miteinander zu tun haben. Aber das Prinzip zeigt, wie man seit den Mohammed-Karikaturen weiß, Wirkung.“ Oskar Beck (StZ) ärgert sich über die Aussage und die Haltung des türkischen Sportministers: „Mehmet Ali Sahin geht populistisch vor. Und das, obwohl die Türken unerwartet glimpflich davongekommen sind. Kein Punktabzug, kein jahrelanger Ausschluss, nur ein blaues Auge. Doch statt froh darüber zu sein, wittert der Minister hinter den Fifa-Strafen ‚politische Hintergedanken‘ – geschmacklich fragwürdiger als dieses Verschwörungsgetue war im Fußball nichts mehr, seit vor Jahren im Nou Camp ein blutiger Schweinskopf den damaligen Real-Star Luis Figo beim Ausführen eines Eckballs nur knapp verfehlt hat. Jedenfalls bleibt, falls in Istanbul womöglich demnächst die ersten Schweizer Fahnen brennen, dann nur noch der Gang zum Weltsicherheitsrat der Fifa – damit nach Alpay und Emre auch der türkische Sportminister für sechs Spiele gesperrt wird. Außerdem wäre erschwerend zu überlegen, ob er seine Reden künftig vor leeren Tribünen halten muss – und zwar mindestens 500 Kilometer entfernt von jeder türkischen Fernsehkamera.“

Christian Zaschke (SZ) rügt die sehr harte Strafe gegen den Schweizer Benjamin Huggel als symbolische Sündenbockjustiz: „Dass die Strafe für die Türken hart ausfallen würde, war klar. Die Frage war, was mit den Schweizern passieren würde. Klar war auch, dass auf türkischer Seite die Empörung umso größer ausfallen würde, je milder die Schweizer bestraft werden würden. Nun wurde also der Platzsperre für die Türkei und den individuellen Strafen für einige Spieler die Sperre von Benjamin Huggel entgegengestellt. Die Strafe für die Türkei ist tatsächlich hart, scheint angesichts der Vorfälle aber angemessen. Huggel, gesperrt für sechs Punktspiele, verpasst hingegen nicht nur die WM 2006, sondern aller Voraussicht nach auch die EM 2008 in der Schweiz, da die Schweiz als Gastgeber ja keine Punktspiele zur Qualifikation austragen muss. Das erscheint unverhältnismäßig hart; es sieht so aus, dass ein Einzelner leidet, damit auf beiden Seiten eine Unzufriedenheit herrscht, die, auf diese Weise hergestellt, kein gutes Zeichen ist.“

taz: In Istanbul kochen die Emotionen hoch, gemäßigt reagieren die Schweizer

SZ: Soldaten sollen Spielstätte schützen – das Verteidigungsministerium plant, bei der WM 2000 Soldaten einzusetzen, Spezialeinheiten sollen die Spielorte vor Angriffen mit biologischen oder chemischen Kampfstoffen schützen

Deutsche Elf

Die Hasenherzigkeit des deutschen Michels

Zwanzigers Fußballer wird neuer Technischer Direktor beim DFB, Klinsmanns und Bierhoffs Kandidat Bernhard Peters wird abgelehnt. „Schwarzer Mittwoch – DFB fügt Klinsmann bittere Niederlage zu“ (FAZ) lautet im Durchschnitt die Schlagzeile von heute. Klinsmann zeigt sich in einigen TV-Statements, man lasse sich nicht von seinem Lächeln irritieren, sehr enttäuscht und hält nicht hinter dem Berg mit dem, was er über die Entscheidung und die Entscheider denkt: „Es ist nicht über die Sache entschieden worden, sondern über Personen. Mit dem Dokument, in dem Peters sein Konzept vorstellt, haben sich manche Präsidiumsmitglieder heute zum ersten mal beschäftigt.“ Das ist saftig. Viele Redaktionen mutmaßen nun, dass Klinsmann nach der WM aufhören wird. Diese Vermutung sowie die kreischenden Schlagzeilen von heute mögen übertrieben sein und einer ersten Wut geschuldet. Sollte er denn wirklich so ein Waschlappen sein, dass er sich von der Hasenherzigkeit des deutschen Michels abhängig macht? Wir hatten bisher nicht den Eindruck, sondern haben ihn als der Freiheit freiesten Bruder achten gelernt.

Wäre der große Schaden mit Gerhard Mayer-Vorfelder, der in dieser Woche am Herzen operiert worden ist, zu verhindern gewesen? Hätte er im besten „Münte“-Stil seine Reihen disziplinieren können? Mayer-Vorfelder, in der Vergangenheit nicht gerade die erste Adresse für Anrufe von Reformern, ist für seinen politischen Instinkt und seine dicke Haut bekannt und in letzter Zeit aufgefallen durch Loyalität gegenüber Klinsmann. Theo Zwanziger hingegen wollte es wohl allen recht machen, eine Überzeugung ist nicht zu erkennen.

Schlagzeilen von heute – eine Auswahl:

„DFB düpiert Klinsmann“ (Financial Times)
„Niederlage für Klinsmann“ (SZ)
„Fauler Kompromiss“ (Spiegel Online)
„Ohrfeige für Klinsi“ (Bild)
„Restauration beim DFB“ (Tagesspiegel)

Anfang vom Ende des Bundestrainers Klinsmann

Sven Goldmann (Tsp) spekuliert über das Ende Klinsmanns: „Die Entscheidung ist mitnichten eine für Matthias Sammer und gegen Bernhard Peters. Es ist eine für die Restauration und gegen alles Fortschrittliche, was Jürgen Klinsmann verkörpert. (…) Sammer ist vorzuwerfen, dass er sich im Sinne seiner Karriere hat instrumentalisieren lassen. Er weiß, dass er sein Amt zu einem heiklen Zeitpunkt gegen den erklärten Willen Klinsmanns antritt. Seine Berufung erzeugt Unruhe, wo doch Ruhe unerlässlich ist. Sammer hat eine egoistische Entscheidung getroffen. Darüber hinaus haben die DFB-Granden das Ansehen eines Mannes beschädigt, der sich nicht aufgedrängt hat, der nicht wegen seines Namens, sondern wegen seines Sachverstandes umworben wurde. Das Angebot an Peters, ein halbes Jahr nach Sammer in nicht näher definierter Weise einzusteigen, muss dieser als Ohrfeige empfinden. Wie auch sein Fürsprecher. Der Mittwoch war der Anfang vom Ende des Bundestrainers Klinsmann.“

Erhebliche Beschädigung des Bundestrainers

Axel Kintzinger (FTD) zweifelt an Sammers Qualität als Manager: „Für Klinsmann kommt die Entscheidung beinahe einer Entmachtung gleich (…) Sammer selbst hätte diesen Job, den er nun unter erheblicher Beschädigung des Bundestrainers – und das vier Monate vor der Weltmeisterschaft – einnehmen wird, schon früher haben können. Erst im Oktober des vergangenen Jahres hatten Klinsmann und Bierhoff ihm dieses Amt angetragen. Doch Sammer lehnte ab: Er sah seine Zukunft eher als Chefcoach eines Bundesliga-Klubs. Die zahlreichen Trainerwechsel der letzten Wochen haben ihn wohl bewogen, seine Chancen neu zu bewerten. Sammer ist, obwohl erst 38, ein erfahrener Fußballlehrer. Schon als Spieler eilte ihm der Ruf voraus, wie ein Trainer zu denken. Mit modernem Fußball, wie er in den wichtigen europäischen Ligen gespielt wird, brachte man den Ex-Nationalspieler bislang allerdings nicht in Verbindung.“

Inkonsequenz

Peter Stolterfoht (StZ) hält die Entscheidung für einen großen politischen Fehler: „Nach diesem vom DFB zum Ausdruck gebrachten Misstrauen wird der Bundestrainer nicht gleich wieder zur Tagesordnung übergehen können – auch wenn er das behauptet. Wahrscheinlich hat sich Klinsmann gestern sogar schon entschieden. Und zwar dafür, nach der Weltmeisterschaft zurückzutreten. Im DFB-Präsidium wurde nicht über Sammer und/oder Peters abgestimmt, sondern über die Zukunft von Klinsmann. (…) Das Wahlergebnis offenbart auch die Inkonsequenz des DFB und seines Präsidenten Theo Zwanziger. Der unbequeme Bundestrainer wurde nicht mit Gegenargumenten in die Schranken gewiesen, sondern mit dem Stimmzettel. Auf dem stand schon der Name eines bequemeren Nachfolgers.“ Moritz Müller-Wirth (zeit.de) fügt an: „Klinsmanns Möglichkeiten, sich bis zur WM mit weiteren unorthodoxen Vorschlägen durchzusetzen, haben sich erheblich reduziert. Reduziert hat sich gleichsam die Wahrscheinlichkeit, dass Klinsmann auch nach der WM noch Bundestrainer bleibt.“

Die schlechteste aller Lösungen gewählt

Chance vergeben – Jens Todt (SpOn) rümpft die Nase: „Das DFB-Präsidium hat die schlechteste aller Lösungen gewählt. Die Verbandsbosse verhelfen dem Fußball-Establishment zum Sieg – auf Kosten von Klinsmann. Im deutschen Fußball, der seit Jahrzehnten ein gegen andere Sportarten abgeriegelter Exklusivclub ist, wäre das einer Revolution gleichgekommen. Dass der deutsche Fußball von anderen Disziplinen, Randsportarten gar, Impulse bekommen könnte, läuft dem Selbstverständnis der Branche zuwider. Die öffentliche Debatte um den neuen Posten, den Klinsmann und Bierhoff beim DFB etablieren wollten, war vor allem eines: peinlich. Und sie zeigt, wie sehr der deutsche Fußball im eigenen Saft schmort. Bernhard Peters, ein anerkannter Experte, wird einen tiefen Einblick in die Gepflogenheiten der Fußballbranche als Erfahrung mitgenommen haben. Er ist der erfolgreichste deutsche Trainer in einer Sportart, die sich schon mit modernen Trainingsmethoden, Didaktik und Sportpsychologie auseinandergesetzt hat, als in vielen deutschen Fußballclubs noch Protagonisten mit Parolen aus Turnvater Jahns Zeiten den Ton angaben.“

Allein Thorsten Jungholt (Welt) verteidigt Zwanziger und das DFB-Präsidium: „Klinsmann hat den Führungswillen Zwanzigers genauso unterschätzt wie den seines ehemaligen Mannschaftskollegen Sammer. Und, schlimmer noch, der Bundestrainer hat in der Niederlage Größe vermissen lassen: Sammer als ‚Pille‘ zu bezeichnen, die man schlucken müsse, ist stillos und bestärkt die Zweifel, daß er über den Sommer hinaus für den DFB arbeiten wird. In nachhinein hat der Bundestrainer damit ein weiteres Argument dafür geliefert, daß die Entscheidung für Sammer richtig war.“ Bild fordert: „Redet jetzt endlich wieder über Fußball!“ Das fassen wir mal als Selbstgespräch auf.

Stimmen, faz.net

Morgen mehr zu diesem Thema, noch haben nicht alle Zeitungen ihre Klage drucken können. Morgen auch: der 20. Bundesliga-Spieltag

Mittwoch, 8. Februar 2006

Am Grünen Tisch

Streng und massvoll

Felix Reidhaar (Neue Zürcher Zeitung) kommentiert die Strafe der Fifa gegen die Türkei und den Schweizer Spieler Huggel: „Die Verdikte sind ebenso streng und massvoll ausgefallen; das braucht in diesem Fall kein Gegensatz zu sein. Streng ist das Urteil gegen die Türken insofern, als es einem ‚halben Ausschluss‘ von der nächsten Europameisterschaft gleichkommt. Einen ganzen hatten einige Pseudo-Juroren vielleicht auch deshalb gefordert, weil sich ein Teil des nächsten EM-Turniers 2008 in der Schweiz zutragen wird. Die Verbannung der türkischen Nationalmannschaft für sechs Punktespiele von heimischen Feldern heisst nichts anderes, als dass sie in der Euro-08-Qualifikation zu allen 12 Partien auswärts anzutreten hat – zu den ‚Heimspielen‘ erst noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Sanktionen treffen – keineswegs zu Unrecht – auch den schweizerischen Verband. Dass der Nationalspieler Benjamin Huggel mit derselben langen Sperre (und Busse) wie die Derwische Alpay und Emre belegt wurde und deshalb die WM in Deutschland ins Kamin schreiben kann, hat er sich selber zuzuschreiben. (…) Als massvoll kann man die Urteile deshalb interpretieren, weil man das verwerfliche Verhalten einer Sportmannschaft und ihrer gesamten Betreuung auch exemplarischer hätte ahnden können. Nun werden auch die Zuschauer bestraft, die an besagtem Match nicht die schlechtesten Verlierer im Höllenlärm des Stadions waren. Und wie steht es im Übrigen mit der Verantwortlichkeit Fatih Terims, der entgegen anderen Intentionen nun doch Nationaltrainer zu bleiben gedenkt? Vom wahren, wenn nicht einzigen Brunnenvergifter in dieser Sache ist im Urteil keine Rede.“

Das Urteil im Wortlaut, NZZ

NZZ: Die ‚Elefanten‘ heben ab vor Glück – Spielbericht Elfenbeinküste–Nigeria (1:0)

WM 2006

Ökonomisch betrachtet, ist der Schwarzmarkt effizient

Hanno Beck (FAZ/Wirtschaft 5.2.) befasst sich mit der Preispolitik im Ticketing: „Zu hoch darf der Preis nach Ansicht des Komitees nicht sein. Vermutlich steht dahinter der Gedanke, daß ‚echte‘ Fans eben nicht soviel für Tickets zahlen können und daß eine Weltmeisterschaft mit zu hohen Ticketpreisen rasch als ‚Bonzen-WM‘ einen erheblichen Imageschaden erleiden könnte – was den ‚Produktionsfaktor‘ Fußballfan abschrecken könnte. Man will aus einem Turnier, das nur Platz für eine begrenzte Anzahl von Zuschauern hat, eine Volksveranstaltung machen, wohl auch um den Charakter des Fußballs als Volkssport zu wahren. Die Folgen dieser – auch verteilungspolitisch motivierten – Entscheidung sind lehrbuchmäßig: Die Nachfrage liegt deutlich über dem nach oben unflexiblen Angebot, weswegen es zu einer Mangelwirtschaft à la DDR kommt. Das knappe Kontingent an Karten muß rationiert und per Dekret zugeteilt werden. Das Komitee hat sich zu einem Verteilungsmechanismus entschlossen, der fair ist, da jeder die gleichen Chancen hat: Die Tickets werden verlost. Doch auch diese Lösung hat ihre Tücken. Eine Lotterie, bei der so attraktive Werte verlost werden und die darüber hinaus auch nichts kostet, zieht auch den Nichtfußballfan an. Er wittert die Gelegenheit, seine bei der Lotterie günstig gewonnenen Karten zum echten Marktpreis weiterzuverkaufen – im Volksmund nennt man dies dann Schwarzmarkt. Ökonomisch betrachtet, ist ein solcher Schwarzmarkt effizient, denn die Karten werden dann genau an jene Fußballbegeisterten verkauft, die sie am meisten zu schätzen wissen und deswegen am meisten bezahlen. Die Gewinner der Lotterie haben ihren Gewinn quasi versilbert, und am Ende der Veranstaltung wurden die Karten dann doch zum Gleichgewichtspreis unters Volk gestreut. (…) Unter dem Strich steht dann ein altbekanntes Ergebnis: Wer den Preismechanismus – aus welchen Gründen auch immer – außer Kraft setzt, muß mit einer Fülle von Folgewirkungen und -interventionen rechnen, welche die ganze Veranstaltung dann noch ineffizienter machen; ‚Ölflecktheorie‘ nennt man das in der Literatur. Bleibt zu hoffen, daß das WM-Komitee auf dieser Ölpfütze nicht ausrutschen wird.“

Bundesliga

Leverkusen light

Frank Heike (FAZ) schildert das Aufräumen Klaus Augenthalers in Wolfsburg: „Der Hauptunterschied zu früher ist in einem Wort beschrieben – Arbeit. Die Zeit der großen Ziele ist passe beim VfL. Mit dem in sich ruhenden Arbeiter Augenthaler soll diese intern schon als verpatzt gewertete Serie nur vernünftig zu Ende gebracht werden. Nach einem Sieg und einer Niederlage mit Augenthaler spielt der VfL in Leverkusen, dem letzten Arbeitgeber des Weltmeisters von 1990. Dort wurde er im Sommer 2005 entlassen. Nach nur vier Spielen. In Leverkusen scheiterte er an den hohen Vorgaben des Werks und den schwankenden Leistungen der Spieler. Nun ist Augenthaler wieder bei einem Verein mit enger Anbindung an ein die Stadt dominierendes Unternehmen gelandet. Wolfsburg ist, was die Erfolge betrifft, ein Leverkusen light, und wer hier Trainer ist und nicht allzuviel falsch macht, hat ein schönes Leben (denn drüben im Werk ist der Fußball-Sachverstand allenfalls rudimentär ausgeprägt). Es wird wenig hineingeredet, wenn es läuft. Augenthaler schmerzt der Rauswurf im Westen noch immer, doch er will keinen Vergleich der Vereine. Natürlich hat Augenthaler auch symbolische Politik betrieben: Als erstes hat er den Künstler Andres d‘Alessandro aussortiert und läßt jetzt mit zwei defensiven Mittelfeldakteuren vor der Abwehr spielen (…) Im Rückblick scheinen die Vorgänger Fach und Strunz fast alles falsch gemacht zu haben. Der Vertrauensvorschuß für Fuchs und Augenthaler ist auch deshalb groß.“

Keine Basis

Und ewig fragen die Stuttgarter, ob sie den richtigen Trainer haben – Thomas Haid und Heiko Hinrichsen (StZ): „Für das traurige Gesamtbild ist Trapattoni zuständig. So quält sich der VfB seit Monaten über die Runden – in der Hoffnung, der Befreiungsschlag möge in der nächsten Begegnung glücken. Dabei sind sich alle im Klaren, dass diese Taktik des Aussitzens keine ganze Saison durchgehalten werden kann, ohne Gefahr zu laufen, dass der Schaden eklatant wird. Ein Uefa-Pokal-Platz ist schon aus finanziellen Gründen lebensnotwendig. Deshalb hat sich beim VfB jetzt die Überzeugung breit gemacht: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende – wenn sich die Wende gegen Bremen und Bielefeld nicht doch einstellt. In der Mannschaft würde es nicht viele Spieler geben, die Trapattoni nachweinen. Die meisten haben kein Vertrauen in die Methoden des Italieners und identifizieren sich nicht mit dem Defensivkonzept, auf dem der Coach beharrt. Hinzu kommt, dass der Trapattoni-Assistent Andreas Brehme im Team kaum Freunde hat. Der Weltmeister von 1990 gilt als reines Anhängsel des Maestros. So hat der Trainerstab insgesamt noch immer keine Basis gefunden, auf der eine gedeihliche Zusammenarbeit in Stuttgart möglich wäre. Der VfB hatte sehr lange Geduld, aber nach dem katastrophalen Rückrundenstart ist diese Tugend nun nahezu ausgereizt und fast schon überstrapaziert.“ Auch Oliver Trust (FAZ) singt den Stuttgarter Refrain: „Die Führungsetage des Klubs, so heißt es, diskutiert bereits Alternativen, was selbst erfahrene Spieler im eigenen Kreis einschließt, die ‚übernehmen‘ könnten. Für viele klingt die neuerliche Unzufriedenheit wie die Wiederholung eines altbekannten Liedtextes. Oft in dieser Saison stand Giovanni Trapattoni vor einer ähnlichen Situation. Immer wieder fand sich ein Retter aus der Mannschaft, der mit einer guten Tor-Tat dem in Bedrängnis geratenen Trainer aus der Bredouille half. Stürmer wie Tomasson aber fühlen sich inzwischen selbst als Opfer der defensiven Ausrichtung.“

FR: Die wundersame Wandlung des Johan Micoud – das beeindruckende Vorwärtsspiel von Werder Bremen profitiert mehr denn je davon, dass der Spielmacher plötzlich gute Laune hat

Deutsche Elf

Fußballer sind nicht offen für Neues

Heute ist Endspiel: Wer wird wann Technischer Direktor beim DFB? Matthias Sammer oder der „Hockey-Trainer“, wie Bernhard Peters verächtlich von der Knallpresse genannt wird. Erstaunlich, dass Peters und Sammer nach all dem Gezeter noch immer bereit sind. „Die Hoffnung der Nationalmannschaftsführung, daß im DFB-Präsidium über Konzepte statt über Köpfe gestritten wird, ist nicht mehr allzu groß“, seufzt die (FAZ). Ein schönes Interview lesen wir heute in der FAZ. Christian Schulte, Unternehmensberater und Nationaltorhüter im Hockey nennt die Stärke Peters‘ und schreibt den Fuballern hinter die Ohren: „Das Sichtungssystem aufzubauen, ein strukturiertes Förderungskonzept zu entwickeln, das hat Peters schon beim Hockey sehr, sehr erfolgreich geschafft. Das hat er vor schätzungsweise zwanzig Jahren mit Cheftrainer Paul Lissek etabliert. Von den Früchten leben wir heute noch. Als Unternehmensberater versuchen wir, Strukturen in Vertriebssysteme zu etablieren, und da sagt auch jeder: Ja, aber es ist doch ein ganz anderes Aufgabenfeld, ob wir nun Chemikalien verkaufen oder Pizza. In bestimmtem Maß ist das richtig; aber wenn die Strukturen stimmen, die man hinter diese Aktivität legt, und diese ständig überprüft werden, dann ist die Wahrscheinlichkeit, Erfolg zu haben, deutlich größer, als wenn man nur sagt: Wir wollen Weltmeister werden, und jetzt schau‘n wir mal. Daher halte ich Peters für einen sehr guten Mann, und ich kann den DFB sehr gut verstehen, wenn er ihn nimmt. Wir können aus vielen Sportarten etwas abschauen. Nehmen wir das Beispiel Leichtathletik: Alle Fußballtrainer werden nicht so vermessen sein zu sagen: Leichtathleten können uns nichts beibringen, die laufen ja nur hundert Meter geradeaus. Ähnlich sehe ich das mit unserem Sport. Da gibt es Systeme, Überlegungen, wie wir Angriffe nach vorne bringen, es gibt bei uns Ideen, wie wir mit Standardvarianten, mit Standardsituationen umgehen. Die sehe ich beim Fußball überhaupt nicht. Entweder wird das Ding vom 16er direkt aufs Tor geschossen, oder es gibt eine Flanke vors Tor und dann halt einen Kopfball. Die Variantenvielfalt kann man vom Hockey lernen, dann die Analysekonzepte wie Spielnachbetrachtung, einzelne Spieler zu beurteilen oder das gruppentaktische Verhalten, all das macht Bernhard vorbildlich. (…) Ich habe recht unterschiedliche Eindrücke von Fußballern – ich kenne Darius Kampa von Borussia Mönchengladbach, der ist ein pfiffiges, aufgeschlossenes Kerlchen, ein netter Typ, der auf mich nicht den Eindruck macht, als wüßte er nicht, daß es neben dem Fußball auch etwas anderes gibt. Ich weiß aber auch aus Erzählungen von Pele Wollitz, der mittlerweile den VfL Osnabrück trainiert, von der völligen Verschlossenheit von Fußballern allem Neuen gegenüber. Es gibt da ein schönes Beispiel: Als er seinen Leuten sagte, wir spielen heute mal auf drei Tore, damit wir lernen, auf Außen zu spielen und Angriffe zu fahren, kamen Kommentare wie diese: Trainer, spielen wir am Wochenende auch auf drei Tore? Fußballer sind noch nicht open minded, nicht offen für Neues.“

Stefan Hermanns (Tsp) nimmt Notiz: „Wenn es nach dem Deutschen Hockey-Bund geht, dürfte sich die Entscheidung beim DFB ruhig hinziehen. So prominent wie zuletzt wurde selten über die Sportart berichtet. Dank Peters hat inzwischen auch eine breite Öffentlichkeit mitbekommen, dass der DHB trotz beschränkter Mittel höchst innovativ arbeitet. Die positive Resonanz macht es ein bisschen erträglicher, dass der DFB in Sachen Peters bis heute keinen Kontakt zum Hockey-Bund aufgenommen hat.“

Beleidigt

Jan Christian Müller (FR) empfiehlt der sportlichen Führung, auf die Präsidiumsmitglieder zuzugehen: „Klinsmann und Bierhoff werden zu Recht dem Vorwurf ausgesetzt sein, auf vertrauensbildende Maßnahmen im Vorfeld ihrer geplanten Inthronisierung eines zweifellos hoch qualifizierten, aber in der Szene erwartungsgemäß mit Argwohn beäugten Hockeytrainers verzichtet zu haben. Dass sie bei den Ehrenamtlichen im Verband in dieser Frage auf Widerstände stoßen würden, muss beiden klar gewesen sein. Derlei Widerstände, die möglicherweise ja vor allem emotional begründet sind und viel weniger fachlich, können einfühlsam mit den Händen aus dem Weg geräumt werden oder – Versuch gescheitert! – barsch mit den Füßen. Es ist deshalb gut, dass Bierhoff sich die Mühe macht, seinen Urlaub am anderen Ende der Welt zu unterbrechen, um die notwendige Überzeugung persönlich zu leisten. Denn dass die – wegen der (von wem auch immer zu verantwortenden) merkwürdigen Informationspolitik über die Medien spürbar beleidigten – Präsidiumsmitglieder lieber überzeugt als vom berechtigten Reformeifer Klinsmanns und Bierhoffs überfallen werden wollen, ist nachvollziehbar.“

FR: Möglicherweise haben Peters und Sammer bald Seite an Seite einen neuen Job im deutschen Fußball

Faule Tricks

Was sagt eigentlich der Emotionsjournalist dazu? Die Sport Bild findet das „fiese Spiel von Klinsmann“ ganz gemein. „Wie der Bundestrainer Matthias Sammer austricksen wollte“, verspricht sie uns auf Seite 1 Aufklärung. Bei der Lektüre stellt sich jedoch heraus, dass Klinsmann nur, was ja interessant genug ist, seine Idee mit den Bayern abgesprochen hat. Wie er’s macht, macht er’s falsch. Genau das wurde von den gleichen Autoren doch immer verlangt: dass er den Kontakt zur Liga hält. Genau deswegen wurde nach etlichen Kampagnen ein „Arbeitskreis Nationalmannschaft“ eingeführt, dessen Sprecher, na wer wohl?, der Bayern-Manager Uli Hoeneß ist. Nun lautet die Anklage: „Mit Bayern unter einer Decke“. Auch im Editorial der Sport Bild gibt’s heute Kraut und Rüben. Es heißt, Klinsmann mache kein Geheimnis daraus, warum er Sammer ablehne, nämlich aus Angst vor einem Konkurrenten; das wirft ihm die Sport Bild vor: „Seinen Torhütern mutet Klinsmann Konkurrenz zu, in eigener Sache möchte er jeden Leistungsdruck vermeiden.“ Das ist aus vier Gründen Unsinn: 1. Ein Trainer, besonders der deutsche Nationaltrainer, besonders Klinsmann, steht immer unter Beobachtung; Klinsmann weiß das und macht zum Beispiel die Verlängerung seines Vertrags vom Erfolg abhängig. 2. Spieler und Trainer sind zwei verschiedene Jobs. Spieler haben vor allem Konkurrenz von innen, Trainer ausschließlich von außen. Wie sollen wir uns das Szenario denn bitte schön vorstellen, wie es sich die Sport Bild wünscht? Zwei konkurrierende Trainer in einer Mannschaft? Das kann doch nicht ernst gemeint sein. 3. Klinsmann hat gar nicht gesagt, wie ihm unterstellt wird, dass er die Konkurrenzsituation mit Sammer scheue. Zumindest ist uns nichts bekannt, und auch die Sport Bild kann nur indirekte Zitate liefern. 4. Selbst wenn er es gesagt hätte, selbst wenn er Angst vor Sammers scharrenden Hufen hätte – na und, was wäre daran verwerflich?

Also nichts mit faulen Tricks – jedenfalls, was Klinsmann betrifft. Wie sehr die Diskrepanz zwischen Titel und Text bei der Sport Bild Methode hat, zeigt ein Bericht über die Arbeit Bernhard Peters‘, worin sehr genau darstellt wird, wie professionell er vorgehe und dass er übers Wasser gehen könne und so weiter. Doch die Überschrift lautet: „Das blüht dem DFB“. Welche Blüten treibt das Silikon-Fachblatt Bild heute? „Klinsi droht Klatsche“, reibt man sich die Hände und berechnet die Erfolgswahrscheinlichkeit von Klinsmanns Wunschmodell Peters auf ein Prozent. Was noch? Bild zeigt ein Foto des Konferenzsaals, in dem die Entscheidung heute getroffen wird (gähn), und den tiefen Ausschnit von Sarah Connor. Ach ja, Sport-Bild-Kolumnist Lothar Matthäus schreibt auch dies und das dazu.

Dienstag, 7. Februar 2006

Bundesliga

VfL Wolfsburg-Borussia Mönchengladbach 2:0

Karriere-Friedhof für Hochbegabte

Javier Cáceres (SZ) erklärt den Wolsburger Sieg mit der Trennung von Andres d‘Alessandro: „Klaus Augenthaler lobte, dass seine Mannschaft sich auf klassische Tugenden wie Aggressivität, Zweikampfstärke, Lauf- und Einsatzbereitschaft besonnen habe. Damit ist es jetzt zwar tendenziell wieder aufregender, den Werktätigen des VW-Konzerns beim Autoschrauben zuzuschauen als den Filial-Mitarbeitern beim Fußballspiel. Andererseits sind damit endlich wieder die Grundlagen für Erfolgserlebnisse geschaffen. Neben der starken Leistung der Stürmer hatte Augenthaler vor allem das ‚kompakte Mittelfeld‘ gefallen – wer wollte, konnte diese Äußerung durchaus gen Portsmouth wenden, wohin sich vor wenigen Tagen Spielmacher d‘Alessandro verabschiedet hatte (ohne dabei umhin zu kommen, dem Wolfsburger Programmheft die putzige Schwindelei aufzutischen, er habe vom Tabellenvorletzten der Premier League ‚ein Angebot bekommen, das ich nicht ausschlagen konnte‘).“ Stefan Osterhaus (NZZ) blickt nochmal zurück: „Sie haben ihn abgeschoben nach England, weg zum FC Portsmouth, einem Karriere-Friedhof für Hochbegabte. Vor ein paar Jahren kickte Robert Prosinecki dort, gestrandet nach einer Odyssee durch Europa – jener Kroate, den viele für den Spielmacher einer neuen Epoche hielten. Jetzt darf sich der kurzbeinige Argentinier über den Acker in Südengland schleppen, rackern und fighten. Er muss all das tun, was nicht seinem Naturell entspricht. Vor zweieinhalb Jahren kam er nach Wolfsburg in die niedersächsische Prärie. Wolfsburg wäre Ödland, gäbe es nicht diese Weltfirma, die auf enge Weise mit dem heimischen VfL verknüpft ist und deren Name allein dafür sorgt, dass Wolfsburg nicht in einem Atemzug mit Plettenberg und Erkelenz genannt wird. Es klappte nicht. Bald glaubten viele, sie seien einem Scharlatan aufgesessen, angereist mit einer imponierenden Trickkiste, darin lauter Knallfrösche, die zwar Effekt, aber keine Wirkung erzielen. (…) D‘Alessandros Havarie ist auch ein Symptom für Raffgier und Unverhältnismässigkeit. Sehr hoch wollten sie hinaus in Wolfsburg. Gehätschelt von der VW-Zentrale, errichteten sie aber eine Ruine für millionenschwere Privatsubventionen. Zahlreich die Irrwege, auf denen sich der Wolfsburger Fussball bewegte. Der frappierendste vielleicht: Es braucht bloss ein wenig Geduld und finanzielle Potenz, um sich an der Spitze zu etablieren. Geschichtslosigkeit, so glaubte man in Wolfsburg, spiele keine Rolle.“

Sportlich und finanziell mit dem Rücken zur Wand

Matthias Wolf (FAZ) fasst die Kritik an Hertha und ihrem Manager zusammen: „Dieter Hoeneß sieht derzeit alles andere als gut aus, auch im Vergleich mit seinem erfolgreichen Bruder. Manche Hertha-Probleme will auch Dieter Hoeneß nicht abstreiten. Zu verzagt und zu verkrampft spiele seine Mannschaft, sagt er, ohne über die eigene Mitschuld zu sprechen. Das ist bemerkenswert, schließlich gilt Hoeneß als der mächtigste Manager in der Liga, auch wenn er das bestreitet und ein Heer von Mitarbeitern anführt, die angeblich mit viel Verantwortung ausgestattet sind. Doch eine solche Ämterhäufung wie in Berlin gibt es nirgendwo. Hoeneß hält nichts von Cäsars Motto ‚Teile und herrsche‘ und bekleidet zwei Vollzeitjobs: Er ist Vorsitzender der Geschäftsführung und läßt sich in den sportlichen Part (auch von seinem mit den Hufen scharrenden Lehrling Michael Preetz) nicht hineinreden (…) Hertha, das mit einer unattraktiven Spielweise nur dank Unzulänglichkeiten der Konkurrenz noch auf Rang 5 der Bundesliga liegt, steht derzeit sportlich und finanziell mit dem Rücken zur Wand. Während der Verein auf der Suche nach frischem Geld den Kapitalmarkt sondiert, scheint bei den Fans jeglicher Kredit einer mausgrauen Equipe aufgebraucht – bis auf den formschwachen Paradiesvogel Marcelinho.“

Apfel und Birne – Michael Rosentritt (Tsp) vergleicht Marcelinho mit Michael Ballack: „Veranlagung ist das eine, Verführbarkeit das andere. Marcelinho braucht ein intaktes Umfeld und eine stabile, gefestigte Mannschaft, um aufzublühen. Ballack ist psychisch weit kühler und daher robuster. Allein seine Präsenz auf dem Platz stärkt seine Mitspieler, reißt sie mit. Ballack ist ein Leader, eine Führungsfigur. Dass Marcelinho einmal eine ähnliche Rolle spielen könnte, diese Hoffnung haben sie bei Hertha längst aufgegeben. Ballacks Führungsanspruch stellt in München noch nicht einmal das von ihm zuletzt hingehaltene Management in Frage. Bis heute lässt Ballack den FC Bayern München im Unklaren darüber, ob er seinen auslaufenden Vertrag verlängern wird. Real, Chelsea oder doch Manchester? Ballack lässt eine Frist nach der anderen verstreichen und denkt gar nicht dran, seine Planungen der Öffentlichkeit mitzuteilen. Kritik prallt an ihm nicht nur ab, sie scheint ihn sogar zu beflügeln.“

BLZ: Der Möchtegern-Meister trifft den Meister – elf Fragen zum Zustand von Hertha BSC
Welt: Mit mittelmäßigen Mitteln gegen die Mittelmäßigkeit – Hertha BSC stagniert in seiner Entwicklung

Großmannsucht

Klaus Teichmann (FTD) begründet den Sturz Kaiserslauterns in der Zuschauergunst und in der Tabelle durch schwere Fehler in der Vergangenheit: „Die traditionellen gesellschaftlichen Bindekräfte lassen allgemein nach, doch das Sterben des ‚FCK-Mythos’‘ hat seine ganz speziellen Gründe. Im Abstiegsjahr 1996 war die Wallung im 100.000-Einwohner-Städtchen noch groß – eine ‚Region stirbt‘, wurde düster prognostiziert. Auch beim Pokalsieg im selben Jahr, dem Wiederaufstieg und dem sensationellen Meister-Coup im Folgejahr stiftete der FCK noch die kollektive Identität. Doch von da an ging es bergab. Meistermacher Otto Rehhagel präsentierte den Franzosen Youri Djorkaeff mit den Worten: ‚Euer Trainer hat euch einen Weltmeister gekauft‘. Die Großmannsucht von ‚König Otto‘ stieß dem FCK-Anhang schnell sauer auf. Das Spielerkarussell drehte sich fortan so schnell, dass bei manchem Fan die Identifikation mit den ‚Betze-Buben‘ litt. Besonders die Spieleragentur Rogon von Mario Baslers Schwager Roger Wittmann spielte dabei eine unrühmliche Rolle. Mehr als zehn Rogon-Verträge mit einem Gehaltsvolumen von 30 Millionen Euro hatte Jäggi bei seinem Dienstantritt 2002 gezählt. Durchschnittliche Kicker wurden überteuert durch den Verein geschleust, hieß es, und die Protagonisten würden sich die Taschen füllen. Seit Wochen tobt nun ein Kampf zwischen Jäggi und dem Umfeld der Rogon-Fraktion – für den Sommer hat der Vorstandsvorsitzende seinen Rücktritt terminiert. Der Chefsanierer dämmte mit dem Rauswurf einiger Profis auch den Einfluss der Rogon-Agentur ein. Ereignisse, die in ihrer Summe dann doch etwas zu viel sind für die Pfälzer Fußballseele.“

NZZ: La Coruña gegen Valencia unter explosiven Vorzeichen

NZZ: Holland – Feyenoord im „Klassieker“ gegen Ajax hoch überlegen

NZZ: Manko Ägyptens an internationaler Wettkampfpraxis
zeit.de: Glückliche Verlierer – Im Africa-Cup ist Angola gescheitert. Na und? Die Spieler nehmen es mit Gelassenheit – es gibt Wichtigeres als Fußball

Ascheplatz

Geschlossene Gesellschaft

Philipp Köster (SpOn) kommentiert die tabellenorientierte Verteilung des TV-Gelds: „Auch eine solidarischere Verteilung der TV-Gelder kann aus dem MSV Duisburg keinen Meisterschaftsaspiranten machen und Mainz 05 nicht den dauerhaften Verbleib in der Bundesliga sichern. Ohne einen geregelten Ausgleich ist jedoch die Bundesliga als bislang noch bemerkenswert homogene, gleichwohl nach unten durchlässige Einheit gefährdet. Am Ende könnte eine Entwicklung stehen, wie sie bereits in der Serie A eingetroffen ist. Dort entwickelt sich die Liga stärker denn je zu einer geschlossenen Gesellschaft, in der ein Trio den Titelkampf unter sich ausmacht und Aufsteiger spätestens nach zwei Jahren wieder in die unteren Ligen verschwinden. Die bittere Erkenntnis ist nicht nur, dass die Zweiklassengesellschaft in der Bundesliga auf lange Sicht zementiert ist. Auch die internationale Konkurrenzfähigkeit deutscher Spitzenclubs wurde alles andere als gestärkt. In der TV-Geldliga spielen selbst die Münchner weiterhin nur zweitklassig. Aber genau das ist es ja, was Kompromisse ausmacht. Am Ende helfen sie niemandem.“

Deutsche Elf

Hat der DFB zu viel Geld?

Es geht weiter um den neuen Technischen Direktor des DFB, eine Stelle, für die sich vor einer Woche noch keiner interessierte. Was filtern wir heute? 1. Den Missmut vieler DFB-Offizieller können wir immer besser hören, heute klagt Rolf Hocke, Präsident des Hessischen Fußball-Verbandes, sein Leiden unter Klinsmann; Experten der Öffentlichkeitsarbeit werden sicher bald von einem Kommunikations-GAU des DFB sprechen. 2. Viele Redakteure und Autoren verachten die Doppellösung, die Theo ZWanziger als Kompromiss plant. Nebenbei: Hat der DFB zu viel Geld, dass er ernsthaft erwägt, zwei hohe und teure Führungsämter zu zahlen, nur um des Friedens willen? 3. In einigen Zeitungstexten heißt es mehr oder weniger deutlich, dass Hockey-Trainer Peters als einziger der „Bewerber“ in der Lage gewesen ist, sein Konzept schriftlich darzulegen. Vermutlich wird nicht einmal diese Information all diejenigen zum Schweigen oder Nachdenken bringen, die in den letzten Tagen gegen ihn auf die Pauke gehaut haben.

Wir haben verschiedene Kröten geschluckt

Autorisiert der DFB auch die Interviews seiner Funktionsträger? Scheinbar nicht. Rolf Hocke lehnt im FR-Interview neue und alte Vorschläge Klinsmanns sehr gereizt ab: „Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Klinsmann nach der WM sagt: ‚Meine Herren, das war es für mich. Ich gehe zurück ins warme Kalifornien.‘ Was machen wir, wenn der neue Bundestrainer die Personalie Peters nicht mitträgt? Die Frage muss erlaubt sein. Ich halte den Termin für alles andere als glücklich. Klinsmann verlangt von uns eine Entscheidung, aber er selbst ist nicht bereit, eine Entscheidung zu treffen. Ich sehe die Gefahr, dass wir unter Zeitdruck Entscheidungen treffen sollen, die man dann im Nachhinein bedauern könnte. Ich würde mir auch wünschen, dass sich Peters persönlich vorstellt. Das müsste eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. (…) Wir haben verschiedene Kröten geschluckt, um das Projekt WM nicht zu gefährden, ich nenne als Beispiele nur mal den Scout aus der Schweiz und die Fitnesstrainer aus den USA. Wir haben da mitgemacht, weil wir es uns nicht erlauben können, dass wir hinterher die Schuldigen sein sollen, weil wir nicht die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen hätten, wenn es bei der WM schief gehen sollte. (…) Es liegt jetzt an uns zu zeigen, dass wir keine Marionetten sind.“

Mit Änderungen tut sich der Fußball schwer, der deutsche Fußball im besonderen

Oliver Bierhoff und Jürgen Klinsmann verteidigen heute den Peters-Vorschlag und verweisen beide darauf, dass sie nur das getan hätten, wozu sie vom DFB beauftragt worden seien. Bierhoff sagt im FAZ-Interview: „Es ist traurig, daß jetzt das Bild entsteht: Klinsmann gegen den DFB. Es gab von Beginn unserer gemeinsamen Arbeit an die Bitte und die Forderung des Präsidenten, Gedanken für die Weiterentwicklung im deutschen Fußball zu zeigen. Das haben wir getan (…) Mich ärgert die oberflächliche Betrachtungsweise. Der Technische Direktor muß die Trainer führen, ihnen Methoden zeigen und Selbstmanagement vorführen. Das macht Peters seit zwanzig Jahren. Er muß ihnen nicht erklären, wie man einen Ball stoppt. (…) Der deutsche Fußball ist in gewissen Bereichen ein geschlossener Zirkel. Und zudem gibt es dort auch eine gewisse Angst, sich mit anderen zu messen. Mich ärgern besonders die abfälligen Bemerkungen von Leuten aus dem Fußball, die von der Funktion des Technischen Direktors gar keine Ahnung haben. Mit Änderungen, die es in anderen Sportarten schon gegeben hat, tut sich der Fußball schwer, der deutsche Fußball im besonderen. Als ich in Italien spielte, war es in der Bundesliga noch üblich, daß ein Cheftrainer im Training eines Bundesligavereins alles gemacht hat. In Italien wurden damals schon lange Fitneßtrainer beschäftigt, es gab entsprechende Fitneßräume. Wir hatten beim AC Mailand immer einen Psychologen dabei und auch einen Chiropraktiker. Außerdem hat damals zum Beispiel Silvio Berlusconi mit Arrigo Sacchi einen völlig unbekannten Trainer für Milan verpflichtet, der früher selbst kaum gegen den Ball getreten hatte. Er wurde zu einem Trainer mit Weltruf, der den Fußball maßgeblich beeinflußt hat. Jürgen und ich haben im Ausland viele interessante und anregende Menschen kennengelernt. Das hat jeden von uns bereichert.“

Klinsmann klagt in einem sid-Interview, zitiert auf Spiegel Online, darüber, dass alle mitreden, unabhängig davon, inwieweit sie über Details informiert sind: „Es ist traurig, dass durch eine Indiskretion interne Informationen an die Öffentlichkeit gelangt sind. Es war geplant, unser Modell, das Oliver Bierhoff seit Monaten intensiv vorangetrieben hat, bei der turnusmäßigen Präsidiumssitzung vorzustellen. Diese Aufregung ist total unnötig. Man redet die ganze Sache schon kaputt, bevor eine sinnvolle Diskussion entsteht. Unsere Idee ist mit Theo Zwanziger, Horst R. Schmidt und Wolfgang Niersbach abgestimmt. Sie sind von der Idee sehr angetan. Ansonsten weiß keiner genau, um was es eigentlich geht, aber jeder meldet sich zu Wort. Dadurch entsteht eine Dynamik, die der Sache nicht dient. (…) Der Technische Direktor soll das Bindeglied zur Trainerausbildung sein, zu den U-Teams. Er soll die Trainingslehre von oben nach unten tragen, die Talentsichtung intensivieren. Es ist an ein Leistungszentrum wie in Frankreich gedacht und vieles mehr. Das ist ein sehr komplexer Aufgabenbereich und erfordert hohe Management- und Führungsqualität. Es ist nicht nötig, ein Fußballer zu sein. Man muss strategisch denken, Konzepte entwickeln, in die Tiefe gehen. Da ist viel mehr Wissen über Management gefragt als über ein 4-4-2- oder 4-3-3-System.“

Überzeuged

Michael Horeni (FAZ) kritisiert Klinsmanns Schweigen, hält aber seine Idee, Peters zu verpflichten, für gut: „Es ist für einen machtbewußten Verband von sechs Millionen Mitgliedern natürlich keine Kleinigkeit, einen Hockeytrainer all seinen eigenen Leuten vorzuziehen – diese Zumutung wenigstens erträglich zu gestalten war in Klinsmanns Kommunikationsplan viel zu spät vorgesehen. Es war und ist immer noch dringend notwendig, eine öffentliche Diskussion über die Prinzipien zu führen, nach denen sich der deutsche Fußball in den kommenden Jahren ausrichten soll. Das läßt sich nicht so einfach im kleinen Kreis besprechen und entscheiden. Die Argumente und die bisherige Personalsuche allerdings sprechen für sich. Von keinem Kandidaten aus dem Fußball-Lager hat Bierhoff bisher ein schriftliches Konzept erhalten. Sie waren, wie es heißt, dazu nicht in der Lage. Peters hingegen gilt als exzellenter Fachmann auf den Gebieten, in denen der deutsche Fußball seit Jahren unter strukturellen Mängeln leidet. Es fehlt nicht nur an einem stringenten sportlichen Konzept von der A-Nationalmannschaft hinunter in die anderen Auswahlteams. Die Schwächen in der Trainerausbildung und in der Führung der Trainer sind bekannt, ebenso die mangelhafte Bereitschaft, sich den neuesten Erkenntnissen der Sportwissenschaft zu öffnen. Sowohl Peters als Person als auch die Argumente für ihn überzeugen.“

Gewagtes, aber schlüssiges Modell

Philipp Selldorf (SZ) verneint die Doppelspitze: „Zwei Anwärter sind nicht unbedingt eine doppelt bessere Lösung – im vorliegenden Fall scheint es eher so zu sein, dass das Modell dann nur noch halb so gut wäre. Dabei hatten Klinsmann und Bierhoff von Zwanziger einen klaren Auftrag erhalten: Sie sollten das Aufgabengebiet eines künftigen Sportdirektors definieren und dazu den geeigneten Kandidaten rekrutieren. Am Ende stand die Empfehlung, den progressiven Hockey-Trainer Peters zu engagieren, weil er sich für die Management- und Verwaltungsaufgaben besser eignet als der Fußballtrainer Sammer. Die Notwendigkeit eines Ersatz-Bundestrainers sieht der Plan mit Peters nicht vor, weil er voraussetzt, dass mittlerweile im DFB ohnehin genug fußballerischer Sachverstand versammelt ist. Es ist ein gewagtes, aber schlüssiges Modell. Ihm fehlt bloß ein wesentliches Element: der Mut, es umzusetzen.“

Tsp: Der Streit um den Sportdirektor wird zur Machtprobe
FR: Mächtig Gegenwind für Klinsmann – DFB-Präsidiumsmitglieder sind über Peters-Coup verärgert
SZ: Wer verliert? Klinsmann und Bierhoff votieren für den Hockey-Bundestrainer, für den derzeit arbeitslosen Sammer sieht es eher schlecht aus

Montag, 6. Februar 2006

Bundesliga

20. Spieltag

Gegenentwurf

Gibts was Spannendes zu berichten? Was Neues oder wenigstens was Lustiges? Die Kommentatoren, von der Herrschaft der Bayern gelangweilt, suchen in den Krümeln. Richard Leipold (FAZ) versucht sich, an dem Kulturwettbewerb zwischen Bayern und Werder zu erwärmen: „Die Bremer begegnen dem Titelverteidiger als einzige mit einem Gegenentwurf. Ihr Erlebnisfußball erhellt selbst einen dunklen Februarspieltag. Aus einem 0:2 gegen die forschen Mainzer binnen zehn Minuten einen Vorsprung zu machen und am Ende 4:2 zu gewinnen: das hat den Charme, der den Münchnern im Alltagsgrau oft fehlt, weil sie zu gut sind, während es die Mitbewerber zu gut machen wollen. Der Vergleich zwischen Bremen und Bayern gehört zu den wenigen aufregenden Momenten, die der kommerzielle Fußball noch zu bieten hat. Während die Erfolge des Rekordmeisters aus maschineller Fertigung zu stammen scheinen, präsentieren die Bremer ihre Siege meist als Ergebnis solider, technisch anspruchsvoller Fußarbeit, ohne daß die gefühlte Qualität geeignet wäre, die Koordinaten der Bundesliga in Richtung Norden zu verschieben. Der HSV als unsichtbarer Dritter kommt über eine Nebenrolle nicht hinaus. Aus Richtung Westen droht schon gar keine Gefahr, wie das Derby zwischen Schalke und Dortmund vor Augen geführt hat.“

„Die Mitte wird unterschätzt“, höhnt Christof Kneer (SZ) über Hertha, Stuttgart und deren Verfolger: „In der Bundesliga gibt es so viel Mittelstand wie nirgendwo sonst, er beginnt bei Platz 5 und endet auf Platz 16. Besonders ums Land verdient gemacht haben sich wieder mal Hertha und Stuttgart; seit Jahren hätten sie die Chance, den Mittelstand nach oben zu verlassen, aber nein, sie kaufen lieber falsche Mittel-Stürmer oder Mittelalter-Trainer, und vorbildlich reihen sie ein mittelprächtiges Remis ans nächste. Es spricht nicht für die Qualität der Bundesliga, dass solche Stehversuche immer noch gut genug sind, um auf den Uefa-Cup zu spekulieren; auch Gladbach oder Hannover haben keine Teams, von denen man sich dringend international vertreten lassen möchte. Zu erkennen ist derselbe Trend, der auch andere europäische Ligen prägt: Während sich Chelsea, Barcelona, Turin oder München in einer Art Europaliga messen und dahinter zwei, drei Ambitionierte Anschluss suchen, ist der Rest so eng zusammengerückt wie nie.“

Werder Bremen-FSV Mainz 4:2

Fußball wie im Drogenrausch

Die Bremer stürmen, und Ralf Wiegand (SZ) läuft ihnen tanzend entgegen: „Ähnlich einer Seiltänzer-Familie, die mit verbundenen Augen und ohne Netz einbeinig von Kirchturm zu Kirchturm hüpft, hatte sich die Elf des SV Werder ins Spiel gestürzt und befand sich nun im freien Fall. 0:2 stand es da. 4:2 fertigten die Bremer Mainz am Ende ab und hatten dabei die wahrscheinlich spektakulärste Halbzeit dieser Saison überhaupt abgeliefert. Fußball wie im Drogenrausch. Die künstlerische Grundlage des Bremer Fußball-Kabaretts ist die Eigenart der Mannschaft, regelmäßig viel zu viel Fußball in viel zu wenig Zeit packen zu wollen; gerade so, als ob die grün-weißen Artisten die Angst umtriebe, sie wandelten nicht mehr lange genug über die Rasenflächen dieser Welt, um alle Tricks zu zeigen.“ Uwe Marx (FAZ) reiht sich ein: „Bei den Bremern wird das Spiel mit schöner Regelmäßigkeit zur Show.“

Hamburger SV-Arminia Bielefeld 2:1

Ein Held und ein Schurke

Frank Heike (FAZ) betrachtet das Spiel unter dem Eindruck der Vertragsverhandlung Sergej Barbarez‘ und den Fouls Khalid Boulahrouz‘: „Wenn es um seine Zukunft geht, zeigt er die besten Spiele. Man muß nicht für Barbarez sein, dessen launisches Gehabe oft nervt (Unbeherrschtheit, Schiedsrichterschelte, Publikumsbeschimpfung), doch gegen ihn zu sein ist fast unmöglich: Dieser Mann lebt Fußball. Oft genug in den dürren Jahren unter Jara und Toppmöller war er der Lichtblick im Mittelmaß. Seine Rolle als Gesicht des HSV hat sich Barbarez stets fürstlich bezahlen lassen. Wer wollte ihm das verdenken? Der riskant wirtschaftende Verein werkelt derzeit erfolgreich an einem Team der Zukunft. Barbarez hat nur eins und eins zusammengezählt und wird nun das Gefühl nicht los, daß das bei ihm und beim zweiten Oldie Stefan Beinlich eingesparte Geld anderen überwiesen werden soll, die entweder schon da sind oder im Sommer kommen sollen. (…) Sicherheit und Spielkultur hat der HSV irgendwo im alten Jahr liegengelassen. (…) Dieses Spiel hatte einen Helden, und es hatte auch einen Schurken, Khalid Boulahrouz. Die Härte des Niederländers wird beim HSV geschätzt, doch wie er Vata und Wichniarek aus dem Spiel trat, tat beim Zuschauen weh.“ An einem „etwas schmutzigen Sieg“ leiden auch Jörg Marwedel (SZ) und der HSV-Trainer: „Drei Arminia-Profis waren verletzt ausgeschieden, weil die Hamburger versucht hatten, mangelnde Form mit äußerst rüden Umgangsformen zu kompensieren. Thomas Doll sah sich veranlasst, bei Thomas von Heesen um Entschuldigung zu bitten. Er wusste, dass man eben diesen unschönen Eindruck hätte gewinnen können. Es war bewundernswert, wie ruhig von Heesen angesichts des Schadens blieb, der seiner über weite Strecken besseren Mannschaft entstanden war.“

Bayern München-Bayer Leverkusen 1:0

Erinnerung

Over-dressed – Andreas Burkert (SZ) etikettiert Leverkusen: „Der Abschied gelang den Leverkusenern mit Stil. Rudi Völler folgte die übrige Belegschaft in einem Aufzug, den wohl nicht einmal die Schnösel von Real Madrid gediegener hinbekommen hätten. Denn außer den Spielern schlenderten auch die treuen Seelen der Muskelkneter und Kistenträger im dunklen Anzug und der schwarz-roter Klubkrawatte davon. Dieser Anblick erinnerte dann doch noch daran, dass Bayer 04 vor nicht langer Zeit mit einer Hand Europas Krone berührt hat. Ansonsten wies beim 0:1 nichts darauf hin, dass die Münchner einst aus ihren Augenwinkeln sich eifrig streckende Leverkusener erspähten.“

1. FC Köln-VfB Stuttgart 0:0

Schwyzophil

„FC Halbherzig gegen VfB Hasenherzig“ – Bernd Müllender (taz) kann und will den Kölner Abstiegskampf nicht ernstnehmen: „Der FC hat in der Winterpause ein Schweizer Quartett zugekauft. Zwei neue Spieler (Streller, Cabanas), dazu Cotrainer und Trainer, den der Express ‚Bergdoktor‘ nennt, weil er Heilung bringen soll. Gleichzeitig gibt sich Köln nun schwyzophil. Die Stadionzeitung spricht die Fans mit ‚Grüezi!‘ an. Und am Sonntag headlinete der Sonntags-Express nach dem torlosen Festival der Erbärmlichkeiten: ‚Ein Pünktli Hoffnung.‘ In Köln läuft ein Versuch in Kulturenmischung. Auch umgekehrt zeigen sich die Neuen gut assimiliert im FC-Umfeld, in dem jeder gelungene Querpass wie die unfallfreie Vorbeifahrt eines Rosenmontags-Wagens bejubelt wird. (…) Richtig stark war Alpay. Er war in höherer Mission unterwegs. Mit Leibeskräften verteidigte er stellvertretend für Abermillionen Muslime den Islam gegen Stuttgarts Dänen Tomasson (kein Torschuss) und Gronkjaer.“

Christoph Biermann (SZ) befasst sich mit den redenden Kölnern und den hadernden Stuttgarter: „Dass beim 1. FC Köln derzeit von Aufbau und Entstehung die Rede ist, darf man für verwegen halten. Schließlich läuft beim Abstiegskandidaten seit Wochen ein permanentes Notprogramm, dessen einziges Ziel es ist, am 34. Spieltag so eben noch die Nase über Wasser zu halten. (…) Der VfB schlurft weiter als irgendwie missmutigstes Team der Liga durch die Saison. ‚Wir haben andere Ansprüche“, sagte Timo Hildebrand und hatte in großen Lettern Achtung, schlechte Laune! auf der Stirn stehen. Beim 1. FC Köln hätte sich auch niemand beschwert, wenn die Stuttgarter nach starker zweiter Halbzeit noch gewonnen hätten, doch ist es kein Zufall, dass nur drei Mannschaften in der Liga weniger Tore erzielt haben als Trapattonis Team. Warum das so ist, konnte man in letzter Minute sehen, als Mario Gomez eine große Chance hatte. ‚Wenn wir die machen, gehen wir in typischer Bayern-Manier als Sieger vom Platz‘, sagte Horst Heldt. Aber Gomez vergab in typischer VfB-Manier, der deshalb nur etwas mehr als halb so viele Punkte wie die Bayern und nicht mal halb so gute Laune hat.“

NZZaS: Köln – die auf der Stelle treten

MSV Duisburg-1. FC Kaiserslautern 2:2

15 Minuten Ruhm

Holger Pauler (taz) glaubt, dass Necat Ayguen irgendwas misserverstanden habe: „15 Minuten Ruhm hatte Andy Warhol einmal der Menschheit prophezeit: ‚Everybody is a star.‘ Das Happy-End ist dabei allerdings nicht unbedingt vorgesehen. Diese Erfahrung musste Duisburgs Necat Ayguen machen. 15 Minuten vor dem Spielende durfte der Neuzugang von der Spielvereinigung Unterhaching sein Bundesligadebut geben. Er kam für Dirk Lottner. Lottner wurde mit stehenden Ovationen verabschiedet: Er hatte die Mannschaft zu einem 2:0 geführt – der deutlichste Vorsprung der laufenden Saison. Die Meidericher schienen im Abstiegskampf die ersten Big Points einzufahren. Der MSV war nach Meinung der euphorisierten Fans ‚wieder da‘. Leider nur bis zur 79. Minute. Necat Ayguen versuchte bei seinem zweiten Ballkontakt am eigenen Fünfmeterraum Gegenspieler Daniel Halfar zu umspielen – dieser nahm Ayguen den Ball ab und verwandelte zum 1:2. Drei Minuten später traf Halfar von Ayguen beobachtet zum 2:2. Statt der Befreiung erlebte Fußball-Duisburg einen vielleicht vorentscheidenden Rückschlag im Kampf um den Klassenerhalt. Die Fans, die eben noch lautstark wie selten zuvor ihr auferstandenes Team feierten, verließen nun fluchtartig das Stadion. Pfiffe gab es keine, statt dessen: stumme Resignation und entsetzte Minen.“ Roland Leroi (FR) empfiehlt Wolfgang Wolf einen gesitteten Ton: „Man mag nachvollziehen können, dass Wolf zur Schiedsrichterschelte ansetzte. Aber mit der Vehemenz seiner Kritik verschafft er sich keine Freunde in der sensiblen Zunft. Durch diese Diskussion wurde zumindest kaschiert, dass beide Mannschaften wie Abstiegskandidaten auftraten.“

Schalke 04-Borussia Dortmund 0:0

An der spielerischen Armutsgrenze

Richard Leipold (FAZ) trifft ein hartes Urteil über Schalke: „Gegen diszipliniert, aber keineswegs großartig kickende Dortmunder sind die Schalker an ihre Grenze gestoßen, ohne auch nur den geringsten Anhaltspunkt dafür zu liefern, diese Grenze überschreiten zu können – oder zu wollen. Gemessen an ihren hohen, vielleicht überhöhten Ansprüchen sind sie spielerisch an der Armutsgrenze angekommen. Es sind Ansprüche, die von finanziellen Zwängen diktiert, aber nicht von sportlicher Leistung gedeckt sind. Dennoch läßt Mirko Slomka, der sich auf eine fast unlösbare Aufgabe eingelassen hat, Maßstäbe gelten, die spätestens nach diesem Spieltag unrealistisch erscheinen. Fünfzehn Runden vor Ultimo sehe er keinen Grund, im Kampf um die Qualifikation zur Champions League die gerade erst angeblasene Jagd auf Werder Bremen und den Hamburger SV schon wieder abzublasen, sagte der Fußball-Lehrer. Der Trainer kämpft um die Chance seines Lebens. Die Spieler des FC Schalke aber waren nicht einmal beim Ruhrgebietsderby vom Jagdfieber gepackt. Insofern muten Slomkas Worte an wie Jägerlatein.“

Welt: erste Pfiffe für Slomka

Ich nehme mich bereits zurück, das hat nur noch keiner gemerkt

Krokodilstränen – WamS-Interview mit Rudi Assauer über Rangnicks Entlassung und seine
WamS: Ihre Vorstandskollegen haben die Außendarstellung des Vereins in der Hinrunde gerügt. Sind sie da selbstkritisch?
Assauer: Wir hätten uns sicher anders darstellen sollen.
WamS: Sie haben mit der harschen Kritik nach dem ersten Champions-League-Spiel in Eindhoven die Trainerdiskussion entflammt.
Assauer: Dort hätten wir die Basis fürs Weiterkommen legen können. Wie diese Partie verlorenging, hat mich maßlos geärgert. In diesem Spiel haben wir einige Millionen Euro in den Sand gesetzt. Das tat richtig weh.
WamS: Dem Trainer haben Sie mit Ihrem Wutausbruch das Leben schwer gemacht.
Assauer: Nein. In erster Linie war es Kritik an der Mannschaft, die die Arbeit eines ganzen Jahres in leichtfertiger Weise zunichte gemacht hat. Daß man nach so einer Leistung auch mit dem Trainer reden muß, ist doch normal.
WamS: Diese Ankündigung hat aber ausgereicht, daß die Boulevardpresse den Trainer in Frage gestellt hat.
Assauer: Für die Medien bin ich nicht zuständig.
WamS: Aber Sie kennen das Geschäft.
Assauer: Es muß doch möglich sein zu sagen, daß die Leistung schlecht war. Im übrigen gab es innerhalb des Vereins keine Trainerdiskussion. Ralf hat ja gute Arbeit gemacht.
WamS: Sie bedauern, daß er nicht mehr Schalkes Trainer ist?
Assauer: Ja. Das hätte nicht sein müssen.
WamS: Warum haben Sie ihm nie öffentlich Rückendeckung gegeben?
Assauer: Er muß doch genug Rückenwind gehabt haben. Es war unser erfolgreichster Trainer der vergangenen Jahre. Der Tabellenplatz war okay. Was seine Vertragsverlängerung angeht, haben wir ganz fair gesagt: ‚Ralf, zu Beginn der Rückserie setzen wir uns an einen Tisch und verhandeln.‘ Er hat sich nicht daran gehalten, indem er seinen Abgang mitgeteilt hat. Warum, weiß ich bis heute nicht.
WamS: Er vermißte das Vertrauen des Arbeitgebers.
Assauer: Wir hatten doch eine Vereinbarung. Dann sagt er plötzlich, daß er den Vertrag nicht verlängern will, und macht seine Ehrenrunde.
WamS: Er hat damit auf einen Zeitungsbericht reagiert, dem gemäß es im Vorstand keine Mehrheit für seine Vertragsverlängerung gibt.
Assauer: Das stimmt nicht! Wir hätten uns an die Absprache gehalten.
WamS: Den Bericht in der Bild-Zeitung gab es.
Assauer: Die Bild-Zeitung ist nicht der Vorstand von Schalke 04.
WamS: Mit dem zuständigen Sportredakteur sind Sie gut befreundet.
Assauer: Auch wenn ich ihn 25 Jahre kenne, er wird trotzdem behandelt wie jeder andere auch. Ich werde doch nicht Vereinsinterna an die Öffentlichkeit bringen, da müßte ich doch bescheuert sein.
WamS: Fühlen Sie sich mitschuldig an Rangnicks Entlassung?
Assauer: Mit Sicherheit nicht.
WamS: Sie selbst sind deshalb in Frage gestellt worden.
Assauer: Das habe ich nicht so empfunden. Und wer austeilt, muß auch einstecken. Noch kann ich das.
WamS: Aus Vorstand und Aufsichtsrat ist zu hören, daß Sie sich künftig zurücknehmen sollten.
Assauer: Solange ich noch sprechen kann, werde ich genau das sagen, was mir auf der Zunge liegt. Das kann mir keiner verbieten. Man kann nicht immer nur streicheln. Man muß die Wahrheit nur vertragen können.
WamS: Probleme kann man aber auch intern regeln.
Assauer: Ich nehme mich doch bereits zurück. Das hat nur noch keiner gemerkt. Schon seit geraumer Zeit habe ich mich Stück für Stück aus dem Tagesgeschäft Profifußball zurückgezogen.
WamS: Was wird auf Schalke anders, wenn Sie im Sommer Präsident werden?
Assauer: Stand heute: nichts.

taz: Die Elfenbeinküste gewinnt gegen Kamerun mit 12:11 nach Elfmeterschießen – ausgerechnet der hoch gelobte Samuel Eto‘o jagt den Ball über das Tor

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