indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Montag, 21. November 2005

Internationaler Fußball

Rennpferde gegen Dinosaurier

Fast alle Zeitungen befassen sich mit der Demütigung Real Madrids durch den FC Barcelona, 3:0-Sieger in Bernabeu. Aus dem Ergebnis und aus dem Spiel leiten die Autoren einen dringen Strategiewechsel Reals ab. Ralf Itzel (BLZ) bringt den Unterschied auf den Punkt: „Drastischer wurde das Ergebnis zweier gegensätzlicher Klubphilosophien nie gezeigt. Hier eine mit jungen, hungrigen Talenten nach einem sportlichem Plan und getreu einem Stil konstruierte Mannschaft, da eine im Profit-Denken zusammengekaufte, seelenlose Sammlung von Individuen, die ihre besten Tage gesehen haben.“ Paul Ingendaay (FAZ) schreibt dem Florentino Perez hinter die Ohren: „Nicht das Ergebnis, sondern die Art, wie es zustande kam, nahm epische und für den neunfachen Champions-League-Sieger tief deprimierende Züge an. Es war, als träten elegante Rennpferde gegen Dinosaurier an. Bei jeder Bewegung waren die Urviecher langsamer, träger und stumpfer. Staunend sahen 75 000 Zuschauer, wie die ehemals berühmteste Mannschaft der Welt von Barcelona vorgeführt und in aller Seelenruhe demontiert wurde. Als Ronaldinho das 3:0 erzielt hatte, erhoben sich die Madrider Fans mit steinernen Mienen von den Sitzen und zollten dem unumschränkten Herrscher des Abends Beifall. Es war eine große Geste. (…) Jetzt müßte Reals Neuaufbau beginnen, und er fordert nicht die neunzig Millionen Euro, die der Präsident letzten Sommer verpulvert hat, sondern Geduld, Augenmaß und vor allem ein Konzept. Es ist unwahrscheinlich, daß der Verein dafür den richtigen Trainer hat. Es ist ebenso unwahrscheinlich, daß Perez dafür der richtige Präsident ist. Der Niedergang auf Raten wird weitergehen.“

Patrick Krull (Welt) fasst zusammen: „Bisher war nur einem anderen Profi aus Barcelona Mitte der 80er Jahre eine ähnliche Huldigung der Fans von Real im Bernabeu-Stadion zuteil geworden: Diego Maradona. Die bisher letzte Auflage des Klassikers indes zeigte, daß Ronaldinho den Vergleich nicht mehr scheuen muß. (…) Während die Gäste Tempofußball auf höchstem Niveau zelebrierten, waren die Aktionen der Madrilenen von einer geradezu tragischen Lethargie geprägt. Die Real-Stars trennten Lichtjahre von ihrer Bestform. Und das in einem Spiel, das seit jeher unter besonderen Vorzeichen steht.“ Markus Jakob (NZZ) bemerkt eine vermeintliche Randfigur: „Lionel Messi trägt jenes Gran physischer Vehemenz bei, das dem Team bisher fehlte. Seine ‚Karosserie’, wie es El País nennt, verleiht dem ohne ihn vielleicht allzu zartblütigen Teamganzen jene Durchschlagskraft, die es letzte Saison noch vermissen liess. Messi, der neue Bolide des Weltfussballs. Wie alt sah Roberto Carlos gegen ihn aus.“

Bildstrecke, faz.net

Wir haben eine Prüfung nicht bestanden

Sehr lesenswert! Mehmet Ali Birand (NZZ / Original in den Turkish Daily News) erkennt den Balken in seinem türkischen Auge: „Jetzt erkennen wir, dass zwei völlig verschiedene Länder gegeneinander spielten, in deren Gesellschaften sich die Prinzipien spiegeln, die sie im täglichen Leben und in ihrem Blick auf die Welt haben. Die Schweizer hatten sich seriös vorbereitet. Vor allem ihre Leistung in Bern zeigte, wie gut sie unser Team analysiert hatten. Sie spielten mit System und Präzision, gewannen 2:0 und damit einen grossen Vorteil. Sie hatten keine besseren Spieler als wir; sie brillierten nicht; sie waren durchschnittlich. Aber weil sie ihren Auftritt so gut vorbereitet hatten, gewannen sie. Und nur das zählt. Wir hingegen handelten in Übereinstimmung mit unseren Prinzipien. Das heisst, wir bemühten uns zu wenig im Hinspiel und vertagten die Arbeit auf das Rückspiel in Istanbul. Wir vergeudeten in Bern unsere Zeit und machten uns damit das Leben schwer. Wir machten genau das, was wir nicht machen sollten. Und jetzt können wir die Schuld dem Schiedsrichter zuschieben oder dem Pech. Wir werden natürlich auch nach anderen Schuldigen suchen –und schliesslich sagen, dass wir zwar verloren, aber unsere Ehre gerettet haben. Diese Spiele haben uns wunderbar die Differenz zwischen den beiden Gesellschaften aufgezeigt, und zwar in Sachen Struktur, Mentalität und Berufsauffassung. (…) Wir haben nicht nur die Qualifikation verpasst, sondern auch eine Prüfung nicht bestanden.“

Thomas Seibert (Tsp) ergänzt: „Das Skandalspiel könnte zu einem Wendepunkt im türkischen Fußball werden. Fatih Terim, bis vor einer Woche noch einer der größten Helden des türkischen Sports, erhielt von der Verbandsspitze inzwischen ein Redeverbot. (…) In der Türkei ist eine breite Debatte über die eigenen Fehler entflammt. Nachdem anfangs die Schuld bei Schiedsrichtern und Gästen gesucht wurde, gewinnen die besonnenen Stimmen Oberhand.“ Christoph Daum schreibt im WamS-Interview den Türken ins Stammbuch: „Solche Vorkommnisse lassen sich aus der Wahrnehmung in der Welt nicht einfach wieder ausblenden. Die führenden Politiker sind hier deshalb auch sehr erzürnt darüber, daß der nationale Fußballverband nicht größere Anstrengungen unternommen hat, für die Sicherheit der Schweiz zu garantieren und damit ein friedliches Bild der Türkei zu vermitteln. Darüber wurde in den vergangenen Tagen heftig diskutiert. Es wurde eine große Chance verpaßt zu zeigen, daß sich die Türkei als ein verläßlicher Partner in Europa darstellen kann. Statt dessen wurden überholt geglaubte Bilder des Fanatismus bestätigt. (…) Es muß Strukturveränderungen und einen Neuaufbau geben, so daß die Türkei sich für die EM 2008 qualifizieren kann. Man muß die Ursachen für das Scheitern analysieren und daraus die richtigen Schlüsse ziehen. Diese Diskussion muß geführt werden, so kann es nicht weitergehen.“

Ball und Buchstabe

Paradigmenwechsel

Maik Großekathöfer & Gerhard Pfeil (Spiegel) kommentieren den Trend zu jungen deutschen Spielern: „Deutschland entdeckt seine Nachwuchskicker. Nach Jahren des Stillstands in der Nationalmannschaft mit Ramelow, Nowotny und Wörns, nach Jahren, in denen frische Bundesliga-Kräfte aus den entlegensten Ecken des Erdballs kamen, nur nicht aus Pattensen oder Kolbermoor, scheinen Vereine, Verband und Fans ganz verrückt nach jungen Gesichtern aus eigener Produktion. (…) Etliche Bundesligaclubs haben ihre Gewohnheit geändert. Über Jahre verpflichteten Trainer und Manager lieber gereifte Profis aus Afrika, Osteuropa oder Südamerika, statt hiesigen Youngstern eine Chance zu geben. Zeitweise lag der Ausländeranteil in der Bundesliga bei 60 Prozent – dem höchsten Wert aller großen europäischen Ligen. Und manche Elf trat komplett ohne Spieler mit deutschem Pass an. Statt Transfermillionen für mittelmäßige Importe vom Balkan zu verbraten, bedient sich das Gros der Vereine neuerdings verstärkt hiesiger Talente. So ist seit 2000/2001, einem Spieljahr, als die Liga dank der Fernsehmillionen des mittlerweile untergegangenen Kirch-Imperiums noch mit Geld um sich werfen konnte, der Anteil deutscher Kicker unter 23 Jahren in den Bundesligakadern um 40 Prozent gestiegen. (…) Geschuldet ist dieser Paradigmenwechsel freilich dem Umstand, dass die Clubs von ihren zum Teil obszön hohen Lohnkosten herunterkommen mussten.“

Bundesliga

Klub saniert: Mannschaft tot – Henkes Entlassung, Jäggis Rücktritt

Klub saniert, Mannschaft tot

Ein Thema verdrängt alle anderen Fußballgeschichten vom Wochenende, etwa den gelungenen Einstand Hans Meyers: René Jäggi entlässt Michael Henke und tritt selbst zurück. „Beben am Betzenberg – Jäggi versetzt Kaiserslautern in einen Schockzustand“, schreibt die FAZ. Die Journalisten besingen Stimmung und Zukunft des Klubs in Moll, doch sie klagen auch an. Besonders bitter klingt der Refrain: typisch Kaiserslautern, ein Ort der Missgunst, „der Gereiztheit und der Selbstüberschätzung“ (FAZ), auch des Gegeneinanders. Viele Kommentatoren folgen dem Argument Jäggis und verweisen auf den schädlichen Einfluss des „Umfelds“, besonders häufig auf den Spielerberater und Basler-Schwager Roger Wittmann (Rogon AG). Jäggi, der vom Stammtisch viele Schmähungen, aber wenige Argumente zu hören bekommt, siehe und höre Mario Basler im DSF und in der Boulevardpresse, Jäggi also wird vorgehalten, sich zu sehr auf Geld und Wirtschaft konzentriert zu haben; seinen Mangel an Fußballwissen, zumindest seine Bedeutung, habe er unterschätzt und einen Experten an seiner Seite nicht geduldet. Bei den Krakeelern klingt die Kritik so: „Versager! Alles falsch gemacht!“. Die argumentierende Presse rechnet Jäggi zumindest an, dass er Kaiserslautern entschuldet habe: „Klub saniert, Mannschaft tot“ (FTD). Manche Autoren loben Jäggis Konsequenz, zurückzutreten. Warum auch nicht? Hätte er es beim Trainerrauswurf belassen, seinem dritten innerhalb von gut anderthalb Jahren, hätte sicher einige Schlaumeiern ihn dazu aufgefordert, gefälligst selbst den Hut zu nehmen.

Er geht – alle Achtung!

Martin Hägele fehlt. Wir hätten gerne gelesen, was er zu der Chose geschrieben hätte, doch Hägele, eine Art Kaiserslautern-Ethnologe, ist nicht mehr Journalist, sondern Angestellter des FC Bayern. Von ihm hätten wir sicher einen analytischen Blick in die Vereinsgeschichte erhalten; Jan Christian Müller (FR) schließt diese Lücke, betont Jäggis Leistung und die Schuld von dessen Vorgänger Atze Friedrich samt Kollegen: „Ehe nun der Legendenbildung von Leuten wie Mario Basler Glauben geschenkt wird, sei klar gesagt: Sollte der 1. FC Kaiserslautern am Ende der Saison erwartungsgemäß absteigen, wäre das in erster Linie eine um drei Jahre verspätete Konsequenz aus dem Größenwahn der Vorgänger des erfolgreich erfolglosen René C. Jäggi.“ Andreas Burkert (SZ) beschreibt Kaiserslautern als ein Dorf der Intrige: „Ohne Jäggis rigiden Sparkurs befände sich der Verein längst nicht mehr auf der Landkarte des Profifußballs. Doch dem Talent zu Intrige und Populärkritik wird ja inzwischen beim FCK mehr Bedeutung beigemessen als Laktatwerten, (…) Er geht. Alle Achtung. Den bedauernswerten Menschen in Kaiserslautern wird das vermutlich nicht viel helfen. Denn der FCK hat jetzt vielleicht eine weitere Reizfigur vertrieben. Nicht aber sein Leitmotiv in Krisenzeiten, das sie in der Pfalz wohl für eine Art Folklore halten. Es lautet: jeder gegen jeden.“ Christian Eichler (FAZ) zollt Jäggi Respekt und nennt seinen Fehler: „Jäggi hat sich als guter Sanierer und schlechter Stratege erwiesen. Eine gängige Erfahrung aus dem Wirtschaftsleben: Daß derjenige, der ein marodes Unternehmen rettet, selten auch dazu taugt, es neu auszurichten. Im Fußball ist das ähnlich: In einer Abwehrschlacht werden andere Typen verlangt als im Aufbauspiel. Jäggi bewältigte die finanziellen Lasten, aber nicht die atmosphärischen. Nun zeigt er eine seltene Fähigkeit in einer Branche, in der bei Mißerfolg stets Trainerstühle wackeln, nie Managersessel: Fehler erkennen, Folgerungen ziehen. Und zwar für sich selbst. Damit wäre er nicht das schlechteste Vorbild für seinen Berufsstand: nicht immer nur den Trainer entlassen, auch mal sich selbst. Oder gleich beide.“

Trümmerhaufen hinterlassen

Oliver Trust (StZ) kritisiert Jäggi hart: „Jäggi hat einen sportlichen Trümmerhaufen hinterlassen. Der einstige Macher des FC Basel hat es versäumt, sich kompetente sportliche Ratgeber ins Boot zu holen, um den angeschlagenen Kahn FCK wieder flott zu kriegen. Letztlich ist Jäggi an der eigenen Selbstüberschätzung und der hartnäckigen Weigerung, sich anerkannten Fußball-Fachleuten anzuvertrauen, kläglich gescheitert.“ Tobias Schächter (taz) lenkt den Blick auf den Trainer: „Auch Henke muss sich Fehler ankreiden lassen. Spätestens nach dem debakulösen Auftritt bei der Heimniederlage gegen Mainz 05 verlor er den Überblick und ließ jede Geradlinigkeit in seiner Personalpolitik vermissen. Neunmal in den letzten Spielen wechselte er das Personal. Zwar klingt es angesichts der 13 Jahre, die Henke als Assistenztrainer von Ottmar Hitzfeld gearbeitet hatte, wie ein Widerspruch, wenn man feststellt: Der Trainer ist vor allem an seiner Unerfahrenheit gescheitert. Zu schnell reagierte er bei seiner ersten Cheftrainerstation im Profifußball auf Fehlleistungen des größtenteils unterdurchschnittlichen Personals und brachte so viele Spieler der ohnehin untereinander zerstrittenen Mannschaft zusätzlich gegen sich auf. Was bei starken Kadern mit internationalem Zuschnitt wie in Dortmund und München ein adäquates Mittel zur Leistungssteigerung ist, geriet im kaum bundesligatauglichen Ensemble des FCK zum Bumerang. Endgültig an Autorität verloren hatte er, als er einen gegnerischen Spieler als ‚Scheiß-Ossi’ beschimpfte. Henke, der im Umgang mit der Presse immer sachlich und gefasst blieb, ließ in der mannschaftsinternen Ansprache mitunter cholerische Züge erkennen. Für zusätzliche Unruhe sorgte auch die Entlassung von Ciriaco Sforza. Der Routinier hatte Jäggi auf die Anti-Henke-Haltung im Kader aufmerksam gemacht und die Ablösung des Trainers gefordert.“ Die FAZ spottet: „Nicht jeder, der mal bei den Bayern war, nimmt die Erfolgs-Aura mit.“

FR-Interview mit Jäggi
Welt-Interview mit Henke

Borussia Dortmund – Hertha BSC Berlin 2:0

Neue, alte Identität

Hoch im Kurs bei Fans und Redakteuren: das junge Team Borussia Dortmunds und Trainer Bert van Marwijk. Die FAZ notiert entzückt: „Jugendstil statt Champagnerfußball: Borussia erzeugt wieder Wärme“. Richard Leipold schätzt die Arbeit des Trainers: „Neben Smolarek ist der Trainer derzeit der am meisten gefeierte Mann. Van Marwijk hat dem Publikum nicht nur gezeigt, wie schön Jugendfußball sein kann. Mit seiner ruhigen Art des Krisenmanagements hat er dem BVB wieder ein Stück seiner Identität zurückgegeben, die irgendwo zwischen Börsenparkett und Fußballplatz verlorengegangen schien. Das gefällt dem Volk, vor allem wenn der Ertrag dieser Geisteshaltung so groß ist wie zuletzt. Die Dortmunder Einkommensmillionäre sind wieder bereit, sich zu quälen für ihre immer noch üppigen Gehälter. Das ist das, wofür die Fans gern ihr Eintrittsgeld bezahlen, zumal im Ruhrgebiet. Der Champagnerfußball der Ära Niebaum hatte sie besoffen gemacht und einen schlimmen Kater hervorgerufen. Die Rückbesinnung auf die traditionellen Tugenden, verbunden mit dem Elan vorzüglich (und intelligent) kickender Teenager wie Kruska und Sahin, könnte mehr Wärme erzeugen als die Geldverbrennung, die noch lange nachwirken wird.“

Die beste Hertha Berlins

Von Hertha ist Michael Jahn (BLZ) noch immer und schon wieder enttäuscht: „Hinter dem FC Bayern und Werder Bremen hat sich eine Lücke aufgetan, in die Hertha BSC längst hätte stoßen können – als dritte Kraft. Schalke 04 schwächelt trotz Millionen-Investitionen, Bayer Leverkusen ist von der Rolle des Bayern-Jägers weit entfernt. Dafür ist der Hamburger SV eingesprungen. Und Hertha BSC? Bislang hat es der Verein bei Absichtserklärungen belassen. (…) Was nützt es, die beste Hertha Berlins zu sein, aber deutschlandweit als grau, konturenlos, wenig greifbar zu gelten?“

Tsp: Hertha holt Rückstände selten auf, weil nur die Abwehr Führungsspieler hat

FSV Mainz – Eintracht Frankfurt 2:2

Michael Eder (FAZ) jauchzt: „Es war ein Derby zum Staunen, voller Kampf, Tempo und Leidenschaft, voller Fehler, aber auch voller Willen, alles wieder auszubügeln, was schieflief, kurzum: Es war eine Partie, wie man sie nicht alle Tage erlebt, nach der man aber weiß, warum dieses Spiel an manchen Tagen so faszinierend ist.“

BLZ-Interview mit Nikolce Noveski, Fabrikant von zwei Eigentoren

Arminia Bielefeld – Bayern München 1:2

Fitteste Mannschaft

Peter Penders (FAZ) ergründet den Bayern-Sieg rational: „Es ist nicht reines Glück, daß es den Bayern öfter als allen anderen Mannschaften gelingt, solche Partien auf der Zielgeraden noch zu wenden. Nach den vieldiskutierten Leistungstests der Nationalmannschaft ist viel über mangelnde Fitneß einzelner Spieler geredet und geschrieben worden, und nebenbei sickerte dabei auch durch, daß die Bayernprofis die besten Werte erzielten. Der Meister hat also nicht nur die personell beste, er hat ganz offenbar auch die fitteste Mannschaft. Und weil die Bundesligagegner ungeheuer viel rennen müssen, um die spielerische Überlegenheit der Münchner zu kompensieren, kommt es in den letzten Minuten beinahe zwangsläufig zu einer körperlichen Überlegenheit der Bayern, die dann aufgrund ihrer individuellen Klasse eben häufig spielentscheidend wird. (…) von Heesen hatte seine Mannschaft taktisch derart klug eingestellt, daß ihm der DFB die fehlende Trainerlizenz besser gleich mit der Post zustellen sollte. Er hat trotz allen Verletzungspechs ein Team geformt, das mittlerweile stärker auftrumpft als die vielbestaunte Elf der Vorsaison aus den Zeiten des Konzeptfußballs von Uwe Rapolder.“

BLZ: Philipp Lahm übersteht das 2:1 des FC Bayern ohne Schmerzen

Werder Bremen – VfL Wolfsburg 6:1

Auf der Suche nach dem perfekten Spiel

Den „sehenswertesten Fußball der Liga“ (FAZ) erleben die Chronisten in Bremen; Werder lässt aber auch nicht locker, nicht mal beim Stand von 4:1. Ralf Wiegand (SZ) protokolliert ein Hase-und-Igel-Spiel: „Was hätten VfL-Anhänger ihrer Elf schon vorwerfen können, außer am falschen Tag am falschen Ort gewesen zu sein? Immerhin waren sie Zeugen eines spektakulären Experiments geworden. Denn der SV Werder übte etwas, was es im Fußball zwar nicht gibt, dem die Bremer aber trotzdem sehr nahe kamen – das perfekte Spiel. Den Wolfsburgern hatte unglücklicherweise niemand mitgeteilt, dass sie als Versuchskaninchen engagiert worden waren. Entsprechend tollpatschig tapsten sie über den Rasen (…) Zwar haben die Bremer in dieser Saison schon Spiele 6:2, 4:3, 5:2 oder 5:1 gewonnen, aber inzwischen hat das Bremer Spiel auch noch die Leichtigkeit von Zuckerwatte angenommen. Mit erschreckend großer Selbstverständlichkeit stand gegen Wolfsburg überall dort, wo der Ball hinrollte, ein Bremer – während sich die Wolfsburger wie in einem Labyrinth fühlen mussten, in dem sich die unsichtbaren Wände auch noch wie von Geisterhand verschoben.“

1. FC Köln – Schalke 04 2:2

Tag des langen Gesichts

Christoph Biermann (SZ) schildert die Enttäuschung der Beteiligten über das Ergebnis und widerlegt eine Floskel: „Ein berühmtes Phantom der Sportberichterstattung ist der neutrale Beobachter. Dieser geistert gerne dann durch die Zeilen, wenn ein Spiel besonders rassig, spannend oder schön anzusehen war. Denn genau an solchen Spielen hat der neutrale Beobachter sein Vergnügen. Nun mag es ihn am Fernseher gelegentlich geben, doch ins Stadion gehen zumeist nur total parteiische Beobachter, die zwar auch rassige, spannende oder schöne Spiele sehen wollen, vor allem aber Siege ihrer Elf. Wenn es damit nichts wird, überwiegt die Enttäuschung. Da kann der Kick noch so toll gewesen sein, wie am Samstag beispielhaft zu erleben war. Abgesehen von den geschätzt 378 neutralen Beobachtern, also Ordnern oder mitgenommenen Freunden, Journalisten, Geschäftspartnern in Logen oder in ihrer Präferenz unentschlossen Kindern, die allesamt in der zweiten Halbzeit an einem tollen Spiel mit aufregendem Hin und Her ihren Spaß hatten, gingen die übrigen 49 632 mittel bis schwer frustriert nach Hause. Auch die Protagonisten der Partie machten den Eindruck, als wäre der 19. November der Tag des langen Gesichts. Trainer und Spieler beider Teams empfanden das 2:2 wie eine Niederlage. (…) Vielleicht wird in Köln mit größerem Abstand die Freude über das Remis wachsen. In Gelsenkirchen dürfte in der Rückschau die Enttäuschung an Schwere gewinnen.“

Borussia Mönchengladbach – Bayer Leverkusen 1:1

Zwei erleichterte Trainer

Ulrich Hartmann (SZ) beschreibt die Zufriedenheit der zwei Trainer: „Das Spiel hinterließ zwei erleichterte Trainer, die mit der chronischen Furcht leben, es könnte jederzeit übel abwärts gehen mit ihren als launisch geltenden Teams. Horst Köppel traut der Atmosphäre in Mönchengladbach immer noch nicht und deklariert den sechsten Platz derart vehement als glückliche Fügung, dass er nach jedem Spiel unabhängig vom Ausgang einen Absturz auf den ‚Boden der Tatsachen’ als heilsam herbeiredet. (…) Genau anders herum verhält sich die Entwicklung in Leverkusen. Vom Ausgangspunkt geringster Erwartungen nach Skibbes misslungenem Einstand hat sich die Mannschaft besser entwickelt als gedacht.“

taz: Aufwärtstrend in Leverkusen

Samstag, 19. November 2005

Internationaler Fußball

Der türkische Fußball steht sich selbst im Weg

Die Lektüre türkischer Zeitungen ergibt ein unterschiedliches Stimmungsbild über die Scharmützel und die Gewalt nach dem Schweiz-Spiel. Thomas Seibert (Tsp) vernimmt einen Wechsel in der Schuldfrage: „Verschwörungstheorien haben in den vergangenen Tagen die Reaktionen in der Türkei bestimmt. Inzwischen aber wandelt sich das Bild. Einige Zeitungen drucken am Donnerstag Fotos, aus denen hervorging, dass der türkische Assistenztrainer Mehmet Özdilek – und nicht etwa ein Schweizer Spieler – nach dem Abpfiff die ersten Tritte ausgeteilt hatte. Noch am Donnerstag ist Özdilek als Opfer dargestellt worden, jetzt gilt er als Täter. Die Zeitung Vatan räumt ein, dass die Redaktion lange diskutiert habe, ob sie für die Türkei negative Bilder veröffentlichen solle. Damit kommt eine Selbstzensur der Medien ans Licht, die im Nachhinein mit Patriotismus begründet wird: Um dem Land nicht zu schaden, würden einige Fakten bewusst verschwiegen, berichtet ein Kolumnist der Hürriyet. So bleibt in der türkischen Öffentlichkeit bisher der Vorwurf unerwähnt, dass Kameraleute von Sicherheitskräften an der Berichterstattung über die Schlägerei gehindert wurden. Nach und nach wird nun das öffentliche Schweigen gebrochen. Sogar der bislang verehrte Nationaltrainer Fatih Terim gerät in die Kritik. (…) Auch die türkische Regierung in Ankara rügt inzwischen das Verhalten der Verbandsspitze und der Fans.“ Für Tobias Schächter (StZ) hingegen bleibt alles beim alten: „Auch zwei Tage nach dem Gewaltausbruch unterstützen in der Türkei die meisten Zeitungen die Fatih Terim und einigen Verbandsoberen verbreiteten Erklärungsmuster. Schuld am WM-Aus sowie an den damit verbundenen Ausschreitungen sind vor allem die anderen: die Schweizer, die Schiedsrichter und Joseph Blatter. Blatters Drohung, die Türkei möglicherweise von der nächsten WM-Qualifikation auszuschließen, bevor der offizielle Bericht vorlag, wird in allen Zeitungen hart gegeißelt. (…) Die Frage, wie ein stolzer WM-Dritter von 2002 innerhalb von vier Jahren in die sportliche Bedeutungslosigkeit abstürzen kann, ist unangenehm, weswegen sie am besten gar nicht erst gestellt werden sollte. Denn die Antworten darauf sind noch unangenehmer. Überheblichkeit kostete die EM-Teilnahme 2004, der abgebrochene Generationswechsel unter dem Steinzeittrainer Terim nun die WM. Der türkische Fußball steht sich selbst im Weg: Grabenkämpfe der großen Istanbuler Vereine, Manipulationsskandale und Gewalt in den Stadien regieren die Szene. Sieger werden verehrt, Verlierer verdammt. Egal wie hoch die Strafe der Fifa ausfällt: der türkische Fußball braucht Reformen.“

Die Idee des mündigen Spielers hat sich in England nie durchgesetzt

Raphael Honigstein (SZ) bedauert den Rauswurf Roy Keanes: „Die netten Worten von beiden Seiten täuschen niemanden: Roy Keane wurde vor die Tür gesetzt. Er hätte seinen im Juni auslaufenden Vertrag gerne verlängert, war aber vor drei Wochen bei Ferguson wegen eines allzu kritischen Interviews im Vereinssender MUTV in Ungnade gefallen. Keane hatte Mitspieler so scharf attackiert, dass der Sender das Band vor der Ausstrahlung vorsorglich zerstörte. Die Idee des so genannten mündigen Spielers hat sich auf der Insel nie durchgesetzt; wer öffentlich Stellung bezieht, der gilt als Spalter, der die Kampfmoral zersetzt. Zu Keanes 480 Matches im Trikot der Red Devils (51 Tore, 13 Rote Karten) wird nun wohl nicht einmal mehr ein Abschiedsspiel dazu kommen. Mitleid braucht man für man den cholerischen Grätscher mit Hang zur Brutalität zwar nicht zu empfinden. Aber schade ist es trotzdem, dass eine Legende am helllichten Tag mal eben so rausgeschmissen wird.“ Sven Goldmann (Tsp) muss sofort an Michael Ballack denken: „Es gibt sportlich attraktivere Aufgaben, als die Nachfolge Keanes anzutreten. Sollte es Ballack allerdings schaffen, diesen Mann in Manchester vergessen zu machen, hätte er mehr geleistet, als in Mailand oder Madrid je möglich sein wird.“

Bundesliga

Ich kenne wenige Trainer, die aus Scheiße Butter machen können

Hans Meyer im Gespräch mit Peter Heß (FAZ)
FAZ: Sie kritisieren einerseits leidenschaftlich den Fußball, andererseits sprechen Sie voller Begeisterung über ihn: Bereiten Ihnen die Mißstände keinen Frust?
HM: Es gibt keinen Grund, mit meiner Karriere unzufrieden zu sein, obwohl ich nie einen Titel gewonnen habe. Ich bin sehr dankbar, in dem herrlichen Sport arbeiten zu können. Mit jeder Mannschaft in den 33 Jahren habe ich Spaß gehabt, zugegeben nicht in jeder Phase. Ich gehe immer noch unheimlich gerne in die Stadien, viele Facetten des Fußballs begeistern mich noch immer. Ich bin nur ein bißchen frustriert, weil die Nachwuchsarbeit immer noch auf einem völlig falschen Weg ist. Fußball wird oft nicht mehr durch fußballspezifische Spielformen gelehrt. Fußballfremde junge Leute aus der Leichtathletik und der allgemeinen Trainingslehre werfen dem deutschen Fußball vor, nicht wissenschaftlich genug zu sein. Aber was läßt sich im Fußball denn überhaupt wissenschaftlich erfassen? Höchstens zehn Prozent, wenn es um Ausdauer und Kondition geht. Relevant sind andere Dinge. Die Erfahrungen, die wir im DDR-Leistungsfußball gemacht haben und mit denen wir auf die Schnauze gefallen sind, müssen wir in Gesamtdeutschland nicht wiederholen, nur weil sich Wissenschaftler in den Vordergrund rücken wollen.
FAZ: Dann halten Sie Klinsmanns neue Methoden nicht für wirkungsvoll?
HM: Neu? Koordinationsübungen, Laufen gegen Widerstände, das haben wir 1969 in Jena schon gemacht. Lachen Sie nicht, das kann ich belegen, die Unterlagen besitze ich noch. Jürgen Klinsmann hat recht, wenn er durch Individualisierung des Trainings Reserven herausholen möchte. Er kann bei dem einen oder anderen Spieler die Fitness verbessern, die Trainingsstände sind unterschiedlich. Aber das grundsätzliche Problem ist nicht die Athletik, sondern ein taktisches. Wir entwickeln Spieler, die die Spielsituation zu spät erkennen, zu langsam denken. Es ist im deutschen Fußball der völlig falsche Ansatz, alles zu verwissenschaftlichen. Wenn behauptet wird, in Holland und England würde besser Fußball gespielt wegen der höheren Wissenschaftlichkeit, dann ist das Unsinn. Ich war in Holland, die sind auf diesem Gebiet blind, da sind wir viel wissenschaftlicher. Aber sie haben Praktiker, die den jungen Leuten das Fußballspielen beibringen können. Und in England wird nicht mehr trainiert, wie manche behaupten, sondern weniger als bei uns, weil sie noch mehr Wettkämpfe haben. (…)
FAZ: Wird der Einfluß der Trainer über- oder unterschätzt?
HM: In der Regel wird er überschätzt. Ich kenne wenige Trainer, die aus Scheiße Butter machen können. (…)
FAZ: Die Klagen über Wohlstandsjünglinge und schlechte Manieren werden immer wieder von Trainern, unter anderem von Berti Vogts und Jupp Heynckes, geführt.
HM: Wohlstandsjünglinge gibt es natürlich überall. Heynckes meinte das anders, als er die spanischen Profis hervorhob. Dort gibt es einfach ungeschriebene Gesetze, die die Profis demütiger sein lassen: im Umgang mit den Vereinsangestellten, die Achtung vor den Masseuren und so weiter. In Deutschland verkraften die jungen Männer den Reichtum schwerer, auch weil sie keine klare Ansage kriegen, wenn sie sich in der Öffentlichkeit danebenbenehmen. Sie bekommen es sogar vorgelebt von einigen Stars oder ehemaligen Stars, die sich unglaublich respektlos über andere äußern.

of: Sehr billig, Herr Meyer! Am Fußball-Stammtisch kann man leicht punkten, man muss nur gegen die Verwissenschaftlichung des Fußballs wettern. Jetzt verstehen wir auch Ihre Selbstdefinition „Lattek des Ostens“. Doch, das was Sie den Wissenschaftlern vorwerfen, hat keiner von ihnen je behauptet, nämlich dass wissenschaftliche Methoden und wissenschaftliches Denken allein den Erfolg im Fußball garantieren. Aber helfen könnte die Wissenschaft, etwa im Konditionstraining, zu dessen Besserung wissenschaftliche Messungen beitragen. Doch Wissenschaft besteht nicht nur aus Daten, Zahlen und Figuren; es geht auch um Ideen. Was Meyer befürwortet, nämlich ein spielgemäßes Training für die Fußball-Jugend, diskutieren und fordern manche Sportwissenschaftler seit mehr als drei Jahrzehnten, zum Beispiel Detlev Brüggemann.

Fluch

Thomas von Heesen ist durch den Erfolg mit Arminia Bielefeld in den Blick der Journalisten und Redaktionen gerückt. Die Sport Bild hat in ihrer aktuellen Ausgabe ein Portrait verfasst, in dem sie seine Strategie und sein System würdigt. Heute beschreibt Christoph Biermann (SZ), wie von Heesen Bielfeld prägt: „Weitgehend unbemerkt hat von Heesen in verschiedenen Rollen das etabliert, was man einen Bielefelder Stil nennen könnte. Gezielt hat er mal als Manager und dann wieder als Trainer der Arminia wieder solche Spieler nach Bielefeld geholt, ‚die keiner kennt, die aber bei den Leuten gut ankommen’. Der Südafrikaner Zuma ist nur das letzte Beispiel in einer langen Reihe von schnellen, technisch starken Kickern mit einer Neigung zum Spektakulären; Billy Reina, Jörg Böhme, Patrick Owomoyela oder Delron Buckley gehören ebenfalls dazu. Mit solchen Spielern will von Heesen so auftreten, dass nicht nur genügend Punkte zusammenkommen, sondern dass sich das Publikum auch wieder für die Arminia begeistern kann. Dass Bielefeld für viele talentierte Profis nur Durchgangsstation war, ist für ihn kein Problem, sondern Teil der Vereinsidentität.“ Udo Muras (Welt) ist der Misserfolg derjenigen aufgefallen, die Bielefeld verlassen: „Das attraktive Spiel der Bielefelder Nobodies rief die halbe Liga auf den Plan – und kostete die sparsamen Arminen die halbe Mannschaft. Wegen vermeintlich besserer Perspektiven bei anderen Klubs. Das scheint einer der fatalsten Irrtümer der Bundesligageschichte zu werden, denn abgesehen von Patrick Owomoyela geht es keinem besser. Benjamin Lense und Ervin Skela stehen auf Abstiegsrängen, in Abstiegsgefahr ist auch Uwe Rapolder. Delron Buckley, vorübergehend einer der torgefährlichsten Stürmer der Liga, wartet noch auf seinen ersten Treffer. Er spielte erst siebenmal, nie über 90 Minuten. Es scheint, als laste ein Fluch auf allen, die Bielefeld untreu werden. Klubpräsident Hans-Hermann Schwick verlängerte mühelos die Namensliste mit Beispielen aus der jüngeren Vergangenheit – mit Maul, Diabang oder Wichniarek, die abstiegen oder Reservisten wurden.“

Künstliche Rivalität

Mainz gegen Frankfurt, Derby ohne Tradition – Ingo Durstewitz (FR): „Das Derby besitzt einen besonderen Stellenwert. Die Verantwortlichen beider Klubs sprechen mit Weitsicht und Respekt vom nicht mal 50 Kilometer entfernten Konkurrenten, sie achten und schätzen sich. Die beiden Trainer sprachen sich in der FR ihre gegenseitige Hochachtung aus. Im Grunde ist die Rivalität beider Vereine eine künstliche. Die Landesgrenze zwischen Hessen und Rheinland-Pfalz trennt die Klubs, in der Geschichte gab es lediglich acht Punktspiele gegeneinander – allesamt im Unterhaus. Über Jahrzehnte waren kaum Berührungspunkte auszumachen, eine Debatte über die Herrschaft im Rhein-Main-Gebiet wäre als absurd empfunden worden.“

FAZ-Gespräch mit Christian Heidel und Heribert Bruchhagen, Manager von Mainz und Frankfurt
FR-Interview mit Harald Strutz
BLZ: Alexander Meier spürt die Nebenwirkungen seiner Tore

FR: Spaß-Peter in der Duz-Offensive – Neururer bleibt sich treu und begeistert Fans

Welt-Interview mit Falko Götz

Freitag, 18. November 2005

Internationaler Fußball

Einwanderersportart

Alexander Hofmann (FAZ) schildert die Bedeutung der Qualifikation für Australien: „Für den Fußball in Australien ist die zweite Teilnahme bei einer WM ein enormer Gewinn. Jahrzehntelang hatte die ‚Einwanderersportart’ im sportverrückten und erfolgsverwöhnten Land von Rugby, Kricket und australischem Fußball zu kämpfen, um Anerkennung, um Platz in den Medien, um Geld. Alle australischen Stars spielen in Europa, die heimische Liga ging pleite und wurde erst vor ein paar Monaten wiederbelebt.“ Bertram Job (SZ) misst den Anteil Guss Hiddinks am Erfolg: „Auch in den entscheidenden Spielen wies das Team neben viel Wucht und Willen in der Hauptsache spielerische Defizite nach. Verbessert zeigten sich die Australier in der Raumaufteilung und phasenweise auch in der Defensive. Genau darin zeigt sich die Handschrift Hiddinks. Er versteht sich darauf, die Schwächen eines Teams durch gute Organisation zu kaschieren. Der ehemalige Durchschnitt-Profi aus der grenznahen Provinz des Achterhoek hat zwar auch schon mit Real Madrid und der niederländischen Nationalmannschaft erfolgreich gearbeitet, eher überzeugt er aber in diesen Jahren, indem er mittelmäßige Mannschaften in kurzer Zeit über sich hinauswachsen lässt.“

Kandidat für ein frühes Ausscheiden

Ronald Reng (SZ) drückt den Spaniern die Daumen, ahnt aber das rasche Ende: „Spanien wird als einer der acht Favoriten gesetzt werden. Es ist eine Täuschung. Wer die anderthalb Jahre analysiert, in denen Aragonés die seleccion jetzt trainiert, der gelangt zu dem Schluss, dass Spanien, das Land mit dem fabelhaften Klubfußball und den ewig unerfüllten Nationalelfsehnsüchten, auch 2006 Kandidat für ein frühes Ausscheiden ist. (…) In einer idealen Welt würden nur Teams wie Spanien gewinnen. Sie sind kompromisslose Diener des schnellen, schönen, guten Spiels. Xabi & Xavi, der erste mit Nachnamen Alonso, der zweite Hernandéz, sind Fix & Foxi des Mittelfelds, Kinderhelden wie Comicfiguren, die mit ihrer feinen Technik dem Spiel Leichtigkeit geben. In der wirklichen Welt wird diese Elf immer Schwierigkeiten bekommen. Dieses Team hat einen grundsätzlichen Defekt: Es ist die Elf der Hühnerbrust. Spaniens Mangel an Kraft und Muskeln wurde in der Qualifikation permanent deutlich, gegen aggressive, gut gestaffelte Teams sind die Spanier fast hilflos. Die kleinste Widerspenstigkeit reicht oft, ihr Bemühen in panisches Anrennen zu verwandeln. Es ist der Komplex ihrer Geschichte, den diese Elf nicht los wird: Die Angst, wieder zu scheitern wie so viele spanische Teams davor, ist ein ständiger Begleiter.“

NZZ: Der Weg der Schweiz nach Deutschland

BLZ: Tomas Rosicky führt Tschechien zur WM
Bildstrecke Tschechien-Norwegen (1:0), faz.net

BLZ: Trinidad und Tobago zittern sich zur WM
FR: karibische Perle

FAZ-Interview mit Oliver Bierhoff, Vorausschau auf die WM
FTD: WM 2006 – herzlich willkommen!
sueddeutsche.de: Presseschau (Bildstrecke): so feiern die Qualifizierten

Ball und Buchstabe

Niederträchtigkeit

Die deutschen Journalisten sind wütend über die Fußtritte und Fausthiebe der Türken und fordern Strafe, wenn auch in unterschiedlicher Höhe. Im Zentrum der Kritik: Trainer Fatih Terim. Viele Zeitungen erinnern sich und uns an einen ähnlichen Vorfall vor zwei Jahren, als türkische Polizisten und Ordnungskräfte die Spieler der siegenden deutschen U21 gehauen und getreten haben. Vermisst werden eine Entschuldigung oder wenigstens ein Wort des Bedauerns seitens des türkischen Verbandes. Felix Reidhaar (NZZ) sitzt der Schock noch in den Gliedern; von seinem Verlangen nach Strafe nimmt er seine Landsleute nicht aus: „Die Abneigung, die der Schweizer Mannschaft von vielen Seiten entgegenschlug, hatte mit Fanatismus und Parteilichkeit, wie sie im Massensport auftreten, wenig zu tun, mit offener Feindseligkeit schon viel mehr. Besonnene, für ihre Gastfreundschaft bekannte und vom Verhalten vieler Landsleute beschämte Türken können sich nicht erinnern, dass jemals einem (Fussball-)Besucher derart hasserfüllt begegnet worden ist. (…) Was bestürzte, waren das erschreckende Verhalten des türkischen Trainers, ziemlich vieler seiner Berufsfussballer und einiger Muskelprotze mit Bodyguard-Manieren in ihrem Umfeld und der anhaltende Hagel an Wurfgeschossen. Das war eine sehr rare Dimension der Niederträchtigkeit und Gewalttätigkeit auf Fussballplätzen. (…) Nur mit exemplarischen Strafen (auch gegen tätlich gewordene Schweizer Spieler) kann die Fifa den türkischen Fussball zur Räson bringen und für das einstehen, was sie so gerne predigt: für das Gute des Spiels.“ Christian Zaschke (SZ) ergänzt: „Insbesondere Fatih Terim hatte seit der Auslosung der Relegationsspiele keine Gelegenheit ausgelassen, an Verschwörungstheorien zu basteln. Im Fall des Sieges wäre er vielleicht sogar insgeheim wegen seiner Methoden bewundert worden. Nun, nach der Eskalation, sucht er die Schuld selbstverständlich bei anderen. Er fände sie bei sich selbst, weil er im Spiel mit der Emotion zu weit gegangen ist. Die Niederlage gehört zum Fußball, aber die Niederlage wird häufig nicht mehr als Teil des Spiels akzeptiert.“

Thomas Kilchenstein (FR) vermisst bei den Türken Sportsgeist und hofft skeptisch auf Einsicht: „Die Fifa muss und sie wird handeln. Aber wird eine wie auch immer geartete Strafe auch Wirkung haben? Es ist in Fällen wie diesen doch in erster Linie eine Frage der Mentalität. Einer Mentalität, die es offenbar ausschließt zu akzeptieren, dass es im Sport eben auch Niederlagen geben kann, dass der andere womöglich an diesem Tag besser war. Und dass es nur um Sport geht. Und folglich eine Niederlage nicht gleichbedeutend ist mit einer grundsätzlichen Missachtung der Nationalität oder Ehre.“ Michael Rosentritt (Tsp) ist erbost über die türkische Gewalt: „Niemand kann trauern, dass die Schweiz statt der Türkei zur WM kommt. Das Verhalten der Gastgeber war unzivilisatorisch. Temperament und südländische Lebensfreude haben nichts mit Verschwörungstheorien, mit subjektiven Nationalismus und vor allem nichts mit Gewalt zu tun.“ Mit Blick auf die WM fordert Thomas Haid (StZ): „Es ist höchste Zeit für ein abschreckendes Beispiel. Oder wie soll sonst im nächsten Sommer die Sicherheit der Mannschaften, der Delegationen und der Fans garantiert werden können?“ Michael Horeni (FAZ) verweist mahnend auf Fehlverhalten von Fans anderer Länder: „Rassistische und rechtsradikale Sprüchemacher und Gewalttäter gehen auch mit der deutschen Nationalmannschaft seit Jahren ständig auf Reisen. Und auch in der europäischen Nachbarschaft, ob nun in Italien, Spanien, Frankreich oder England, beweisen die radikalen Begleiter des Fußballs nirgendwo ihre EU-Tauglichkeit. Gewalt und Rassismus sind in und um die Stadien Europas weiter zu Hause. Da haben auch die gutgemeinten und notwendigen Fair-play-Aktionen der Fußballstars im Auftrag der Verbände nicht mehr als ein Zeichen guten Willens setzen können. In Istanbul aber fehlt selbst diese Geste. (…) Der türkische Fußball hat nicht nur die WM verpaßt, er hat sich international auch ins Abseits gestellt.“

BLZ-Interview mit dem Schweizer Spieler Johann Vogel über die Tritte und Hiebe der Türken
FAZ-Interview mit Köbi Kuhn
BLZ: wie das ARD-Team bedroht worden ist
taz: Eskalation der Gewalt
Bildstrecke, faz.net

Ein bisschen Sex and Crime

Das Urteil im Hoyzer-Prozess im Spiegel der Presse: erstens Überraschung über die Strafe; zweitens reduzieren die Chronisten rückblickend den Rang und das Maß des Falls. Die Financial Times schreibt: „Der vermeintlich größte Skandal, der den deutschen Fußball nach den 70er Jahren heimgesucht hatte, schrumpft auf eine bescheidene Größe.“ Nach Auffassung Jan Christian Müllers (FR/Seite 3) habe die Bundesliga eher Nutzen gezogen, nämlich einen höheren Konversationswert: „Der Unterhaltungsindustrie Bundesliga hat der Raffzahn – ebenso wie der Wettindustrie mit Ausnahme des geschädigten Anbieters Oddset – eher geholfen denn geschadet. Fast 40 000 Fans, so viel wie nie zuvor, kamen im Schnitt zu den 108 Partien der laufenden Saison: plus zehn Prozent. Ein bisschen Sex and Crime hat der biederen Boom-Branche noch gefehlt. Bei der laufenden Ausschreibung der TV-Rechte darf die Bundesliga getrost eine Steigerung von derzeit 300 auf bestimmt rund 400 Millionen Euro pro Saison erhoffen. (…) Es gibt auch einen großen Gewinner: Der heißt Theo Zwanziger und hat die Affäre dem noch amtierenden DFB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder im Handstreich entrissen, um sie entschlossen abzuarbeiten. (…) Der Skandal um Hoyzer hat den Fußball wider Erwarten nicht erschüttert.“

Stefan Geiger (StZ) verurteilt Oddset: „Der Skandal wirft nicht nur ein schlechtes Licht auf die Angeklagten, sondern auch auf die Praxis der Buchmacher, vor allem aber auf die staatliche Oddset-Wette. Dem Gericht ist darin zuzustimmen, dass es die Oddset-Verantwortlichen den Tätern nicht nur allzu leicht gemacht haben. Das Verhalten des staatlichen Wettbüros grenzt an Strafvereitelung. Obwohl der Verdacht gegen Ante Sapina längst bekannt war, vermied es Oddset, auch nur eine Strafanzeige zu stellen (…) Der DFB zeigt sich erleichtert. Dafür ist es zu früh. Er täte gut daran, sich über die Rolle des Geldes beim Spiel etwas mehr und auch selbstkritische Gedanken zu machen.“ Wolfgang Roth (SZ/Meinungsseite) staunt über die Hoyzer-Strafe: „Zwei Jahre und fünf Monate – das ist ein ordentliches Strafmaß für jemanden, der im weiten Feld der Wirtschaftskriminalität als Kleinganove gelten muss. Wer sich mit dubiosen Anlage-Geschäften, mit Ausschreibungs- oder Subventionsbetrug ein schönes Einkommen verschafft, wird über die illegalen Gewinne des Herrn Hoyzer nur lächeln.“

FAZ: unerwartet hohe Strafe für Robert Hoyzer
Tsp-Interview mit Theo Zwanziger über das Hoyzer-Urteil

Donnerstag, 17. November 2005

Ball und Buchstabe

Wir haben zu lange darüber diskutiert, ob wir ein Einwanderungsland sind

Sehr lesenswert! Europa-Abgeordneter Cem Özdemir fordert in einem FAZ-Interview mehr Integration im deutschen Fußball und kritisiert die Lethargie der Deutschen, wenn Fußballer, die hier aufgewachsen sind, für eine andere Nationalmannschaft spielen: „Es schmerzt mich, daß die zweite Generation, also meine eigene, und auch die folgende sich im Fußball gegen Deutschland entscheiden. Das gilt nicht nur für die Türken, bei Ivan Klasnic ist das ebenso. Ich wundere mich, daß dies in Deutschland achselzuckend hingenommen wird. Es wäre ein Grund für eine nationale Diskussion darüber, was eigentlich falsch läuft, wenn sich eine ganze Generation überwiegend gegen Deutschland entscheidet. Ich meine das gar nicht einseitig. Natürlich haben wir das Staatsbürgerschaftsrecht viel zu spät reformiert. Wir haben auch zu lange darüber diskutiert, ob wir ein Einwanderungsland sind oder nicht – und haben darüber vergessen, die praktischen Probleme zu lösen. Es geht aber auch darum, daß manche Spieler nicht ihrer Vorbildfunktion nachkommen. Wenn sich die ersten Spieler türkischer oder kroatischer Herkunft für die deutsche Nationalmannschaft entscheiden und dort erfolgreich spielen, hat das auch eine positive Signalwirkung in die deutsche Mehrheitsgesellschaft hinein. Man würde verstehen, daß die Menschen mit Migrationshintergrund etwas für Deutschland leisten. Und damit veränderten sie auch das Gesicht Deutschlands positiv. Es wäre eine Botschaft an Migranten-Jugendliche: Das ist auch euer Land, ihr gehört dazu. (…) Türkischstämmige Nationalspieler können helfen, daß sich das Bild des Deutschen im In- und Ausland wandelt. Der moderne und erfolgreiche Deutsche des 21. Jahrhunderts kann Hamit oder Ahmet heißen – und ein guter Deutscher sein, ohne daß dabei einem Türkischstämmigen oder Deutschstämmigen ein Zacken aus der Krone fällt. In der Wirtschaft, in der Musik, beim Film und in der Politik haben wir das schon – nur im Fußball haben wir das noch nicht geschafft. Das ist angesichts der Fußballbegeisterung dieser Jugendlichen ein Witz. (…) Mein Herz schlägt für Klinsi. Schließlich ist er Schwabe.“

Bundesliga

Sprücheklopfendes Unikum

Ist der Trainerwechsel in Hannover ein Richtungswechsel? Über den Neuen, Peter Neururer, gibt es so viele Meinungen wie Köpfe am Tisch. Im Fokus der Berichte über Hannover ist weiterhin die Vereinsführung, für die nach dem Rücktritt des Präsidenten Martin Kind die Verpflichtung Neururers eine sehr ernste Bewährungsprobe ist. Richard Leipold (FAS) hebt Neururers Stärke hervor: „Entgegen dem Klischee ist Neururer nicht allein dank seiner Sprüche, sondern dank seiner gesamten Performance eine schillernde Figur. (…) Seine Art, mit den Medien Doppelpaß zu spielen, ist Teil seiner Arbeit. Neururer ist sein eigener PR-Berater, er ist ein Liebling der Medien, weil er sich nicht in gestanzte Formen pressen läßt. Dafür wird er geliebt, gehaßt und am Ende geschaßt (wie andere auch). Aber er bleibt immer authentisch, selbst wenn er sich in Widersprüche verwickelt.“ Für Ilja Kaenzig bedeute der neue Trainer Chance und Risiko, betont Jörg Marwedel (SZ): „Man darf von einer kleinen Kulturrevolution in Hannover sprechen. Das sprücheklopfende Unikum aus dem Ruhrpott hat seine Folklore mitgebracht (…) Mit offensiver Denkweise soll es in der Tabelle aufwärts gehen. Derlei Pläne sind ganz im Sinne von Kaenzig. Der Geschäftsführer hatte den Trainerwechsel vor allem damit begründet, die von Lienen verordnete Spielweise vergrätze zunehmend Fans und Sponsoren. Sollte Neururers Regie mehr Erfolg bringen, könnte überraschend auch Kaenzig gestärkt aus den Turbulenzen hervorgehen. Bislang gab es besonders im Kreis um Martin Kind starken Widerstand gegen seine Vertragsverlängerung. Inzwischen hat Kaenzig den mächtigen Gesellschafter und AWD-Boss Carsten Maschmeyer, den neuen 96-Präsidenten Götz von Fromberg und Teile des Aufsichtsrates hinter sich gebracht. Und alle zusammen genießen, wie Bild-Freund Neururer, das Wohlwollen der Boulevardpresse, die schon begeistert Kaenzigs Verbleib bis 2008 ankündigt.“ Stefan Osterhaus (NZZ) hingegen erinnert an den Rauswurf Ewald Lienens und die mögliche Nachwirkung: „Lienen wurde keineswegs das Opfer des Misserfolgs. Er wurde aufgerieben in einem Klub, dem die Autorität abhanden gekommen ist. Martin Kind, der Schweizer Hörgerätefabrikant, hatte stets ein feines Ohr für die Belange des Coachs – und verteidigte ihn auch gegen den ihm nicht gewogenen Manager Kaenzig. Kinds Rücktritt hinterliess eine Lücke. Manche berichten von ‚Diadochenkämpfen’.“

Meister der Ironie

Auch Peter Stützer (Welt) frisst einen Narren an Hans Meyer: „Es fällt nicht immer leicht, bei Meyer zwischen Ernst und Scherz zu unterscheiden. Er ist ein Meister der Ironie. Liebt den jungen Dieter Hildebrandt und den alten Ephraim Kishon. Vorm Zubettgehen im Hotel liest er die Bücher seiner Spieler. Nein, die Nürnberger Spieler sind des Bücherschreibens nicht mächtig, aber die Kicker waren es, die er unlängst in der Toskana zu Weltmeisterschaftssilber getrieben hat. Es war die WM der Literaten, seine Mannschaft bestand aus deutschen Schriftstellern, die jung waren und etwas unbedarft, aber klug und begeisterungsfähig. Der Literat Thomas Brussig hatte das Aufgebot nominiert, inklusive Trainer, und weil die Sache so gut lief und so nett, haben sie alle Meyer am Ende mit ihren neuesten Werken versorgt. Bis zum nächsten Sommer hat er nun zu lesen genug, derzeit ist Tobias Hülswitt mit ‚Saga’ an der Reihe. Meyer: ‚Hochinteressant, was junge Leute unternehmen, um mal den Nobelpreis zu gewinnen.’“

Deutsche Elf

Für den globalen Wettbewerb gut gerüstet

Richard Leipold (FAZ) kommentiert die Qualifikation der U21 für die WM und blickt mit Zuversicht in die Zukunft: „Auf dem Fußballplatz ist die deutsche U21 eine multikulturelle Gesellschaft, deren Mitglieder unabhängig von ihrem Status im Alltag weit gekommen sind oder weit kommen können. Tugenden wie Kampfkraft und Willensstärke, oft als altdeutsch diskriminiert, gehören für Trainer Dieter Eilts ebenso zum Fächerkanon wie südländische Intuition oder Begeisterung. Kultur, Kraft und Fußball: all das mag wieder zusammenfinden, wenn auch nicht von heute auf morgen. Der aktuelle Aufschwung könnte fehlgedeutet werden als Triumph einer zufällig wiederentdeckten Leistungsgesellschaft. Die Wurzeln sind jedoch nicht mehr deutsch, sondern international. (…) Der deutsche Fußball scheint für den globalen Wettbewerb lange nicht so gut gerüstet wie jetzt. Für die WM 2006 mag der Jungbrunnen ein wenig zu spät kommen. Aber auch nach diesem Event wird es noch große Turniere geben. Wir wissen nicht, wo wir stehen, doch der deutsche Fußball stand schon schlechter da.“

taz-Bericht Deutschland-Tschechien (1:0)

Mittwoch, 16. November 2005

Internationaler Fußball

Fußball-Maestro

Christian Eichler (FAZ) bewertet das Comeback Pavel Nedveds ins tschechische Nationalteam und vergleicht ihn mit Zinedine Zidane, ebenfalls Rückkehrer: „Ihn verbindet viel mit seinem Vorgänger. Jeder andere wäre in diesen Fußstapfen versunken. Aber Nedved wurde wie zuvor Zidane eine unumstößliche Größe bei Juventus Turin. Und in Europas Fußball. Beide sind Jahrgang 1972. Beide sind im offensiven Mittelfeld so unberechenbar und elegant wie im Privatleben unscheinbar und bescheiden – zwei Fußball-Maestros, zwei Familienmenschen. (…) Ohne den Glanz eines Nedved drohte im tschechischen Fußball Katzenjammer. Es drückt eine Reihe von Problemen: ein im Ausland kaum wahrgenommener, aber viel größerer Schiedsrichterskandal als der in Deutschland; der stete Exodus der besten Spieler; die Krise des Meisters und früheren Nedved-Klubs Sparta Prag; die schwere Knieverletzung des verläßlichsten Torschützen, Jan Koller; vor allem die Furcht, nicht bei der WM dabeizusein. (…) Tschechien wäre, was überraschend klingt: ein WM-Debütant.“

BLZ: Das Gesicht des tschechischen Nationalteams wird sich spätestens nach der WM grundlegend ändern

Politische Ursachen

Die Animosität zwischen der Türkei und der Schweiz – mehr als sportliche Rivalität, behauptet Felix Reidhaar (NZZ): „Es ist kaum von der Hand zu weisen, dass die derzeitige Unverträglichkeit noch andere – politische Ursachen haben kann. Die Beziehung zwischen den beiden Ländern war wiederholt von Zerwürfnissen belastet, was aus Sicht der neutralen Schweiz ungewöhnlich ist. Der Historikerstreit um den kontrovers beurteilten Armenier-Genozid provozierte zuletzt wütende Reaktionen auf zuständiger türkischer Seite. In den Vorjahren hatten Protestkundgebungen von Öcalan-Anhängern, Kurdendemonstrationen oder Schüsse aus der Berner Botschaft unter dem Halbmond zu gegenseitigen Demarchen beigetragen. Wie schwierig und von Polemiken überlagert das politische Verhältnis der sich wirtschaftlich ungleich besser gewogenen Partner zuweilen ist, kommt auch durch die mehrfache Ausladung von Bundesräten durch die offizielle Türkei zum Ausdruck. In einem Moment, in dem sich diese Lage wieder entspannt hat, duellieren sich Türken und Schweizer im Fussball-Kleinkrieg.“ Christoph Kieslich (FTD) hält den Schweizer Erfolg für das Produkt einer Strategie: „Die Nebengeräusche, welche das Rückspiel begleiten, die zu erwartenden Provokationen der Türken – als Retourkutsche für die Pfiffe der Schweizer Zuschauer während der türkischen Nationalhymne –, sie werden letzter Teil der Reifeprüfung für die Eidgenossen sein. Die Schweizer haben den WM-Dritten von 2002 schwer in Rücklage gebracht. Und es wurde deutlich: Während Fatih Terim eine Mannschaft trainiert, die ihren Zenit überschritten hat, verkörpert die Schweizer Auswahl die Zukunft. Die Früchte eines Nachwuchskonzepts, dass Anfang der 90er Jahre maßgeblich von Hansruedi Hasler, dem Technischen Direktor des Schweizer Fußballverbandes, geprägt wurde, können nun geerntet werden.“

BLZ: Chor der Scharfmacher – der türkische Fußball zeigt vor dem entscheidenden Qualifikationsspiel, dass er sich selbst im Weg steht / Schikanen für Schweizer

taz: Slowakei vor dem aussichtslosen Rückspiel gegen Spanien
taz: Australien, der Fan Frank Farina wurde ersetzt durch den Strategen Guus Hiddink
NZZ: Flamengo mit doppeltem Beistand von oben
taz: Die Major League Soccer ist zehn Jahre alt geworden, an ihren Problemen hat dies nichts geändert

Als wenn Marco van Basten aufs Spielfeld zurückgekommen wäre

Peter Hartmann (NZZ) preist Italiens Offensive beim 3:1 in Holland: „Lippi testete den Drei-Mann-Sturm mit Del Piero, mit Toni und Gilardino, und dass der egomanische, sonst magnetisch die Bälle fordernde Regisseur Totti diesmal fehlte, auch mit seinen Geniestreichen und Provokationen, ermöglichte der Mannschaft einen schnörkellosen, zweckmässigen, fast englischen Stil. Und Luca Toni ist die grosse Entdeckung der Saison, das rechtzeitige Geschenk für Lippi zur WM. Wie er sich durch die holländische Abwehr wand und den Verteidiger Vlaar abschüttelte und den Ball in die entfernte Ecke drechselte, das sah aus, wie wenn Marco van Basten aufs Spielfeld zurückgekommen wäre.“

Bundesliga

Es gibt keinen Spieler, der wichtiger ist als der Klub

Ausufernde Berichterstattung über Bayern München, das sein Vertragsangebot an Michael Ballack zurückgezogen hat, und von den meisten Zeitungen dafür Respekt erhält. Nur die FR hält dem Verein Manichäismus vor und legt ihm George Bushs Worte in den Mund: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“. Heinz-Wilhelm Bertram (FTD) hingegen kann Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß gut verstehen: „Was sich anhörte wie ein cooler Akt im Sportbusiness, kommt faktisch einem Eklat gleich. Vor allem Hoeneß soll verstimmt, ja verletzt sein. Was hat der Manager seinen wichtigsten Angestellten auf dem Platz nicht umschmeichelt und umgarnt in den vergangenen Wochen. Aus der Hand gefressen hat er ihm. (…) Noch nie seit Gründung der Bundesliga 1963 hat ein Profi in vergleichbarer Situation einen solch etablierten Arbeitgeber dermaßen ungeniert hingehalten und brüskiert. Der Annullierung des Angebots lag eine stark gefühlsbedingte Motivation zu Grunde.“ Auch Thomas Haid (StZ) empfindet die Gründe für die Entscheidung nach: „Es ist wieder mal klar, warum der FC Bayern die unangefochtene Nummer eins im deutschen Fußball ist. In Zeiten, in denen die Macht der Millionäre in den kurzen Hosen fast schon unendlich groß geworden zu sein scheint, ist das ein richtungweisendes Signal an den Rest der Liga nach dem Motto: Es gibt keinen Spieler, der wichtiger ist als der Klub. Mag es auch etwas populistisch gewesen sein, diesen Beschluss auf der Mitgliederversammlung zu verkünden, so zeugt der Schritt der Bayern doch von einer Konsequenz, die anderen Vereinen nur zur Nachahmung empfohlen werden kann.“ Markus Hesselmann (Tsp) ergänzt: „Der FC Bayern ist ein vorbildlich geführter Klub. Er schafft es seit Jahrzehnten, ohne protzende Präsidenten und ihre Geldvernichtungsmaschinen, ohne das ganze Gewese zwischen Madrid, Mailand und Manchester in Europa weit vorn mitzuspielen. Dieser Klub hat es nicht nötig, sich beim Poker um Ballack zu leugnen. Der Superstar kann gehen. Das wird ihm gut tun. Denn Michael Ballack soll sich ändern. Der FC Bayern soll bleiben, wie er ist.“

Ein Weltstar kann er nur im Ausland werden

Andreas Burkert (SZ) zeigt Verständnis für Verein und Spieler: „Mit Geld hat dieser Vorfall nur periphär zu tun. Es geht um etwas Größeres: um die Philosophie des FC Bayern. Weil kein Spieler größer, mächtiger und vor allem wichtiger als der FC Bayern zu sein hat, haben die prominenten Unterhändler Hoeneß und Rummenigge nun ein Signal gesetzt. Der ruhmreiche FC Bayern braucht – ganz im Gegensatz zur Nationalelf – keinen Ballack, das ist ihre Nachricht, die man jetzt ganz bewusst verbreitet hat. (…) Doch Ballack braucht auch den FC Bayern nicht, das ist in all den Wochen des Zauderns seine indirekte Nachricht gewesen; weil ja der komplette Hochadel des europäischen Fußballs den einzigen deutschen Fußballer von Weltrang umgarnt.“ Klaus Bellstedt (stern.de) unterstreicht Ballacks Perspektive: „Ballacks Entscheidung, den Sprung zu einem Weltverein zu wagen, ist nicht nur klug, sondern auch logisch. Über die Stationen Karl-Marx-Stadt, Chemnitz, Kaiserslautern und Leverkusen kam der 29-Jährige zu den großen Bayern. Auf seiner persönlichen Karriereleiter steht er beim deutschen Rekordmeister nunmehr seit fast drei Jahren auf der zweihöchsten Stufe. Ganz oben angekommen, wäre er wirklich erst als Teammitglied einer Mannschaft vom Kaliber eines Klubs wie Real Madrid. In Deutschland ist Michael Ballack ein Star, ein echter Weltstar kann er nur im Ausland werden. Dem deutschen Fußball täte es ohne Frage gut, wenn sein Aushängeschild für Milan oder Real die Fußballschuhe schnüren würde – dem ehrgeizigen Ballack, der im Ausland zu einer noch stärkeren Persönlichkeit reifen könnte, sowieso.“ Elisabeth Schlammerl (FAZ) verweist auf sein schwaches Image bei den Fans: „Die Fans der Bayern standen Ballack ohnehin sehr lang reserviert gegenüber und hatten erst in der vergangenen Saison so richtig begonnen, ihn in ihr Herz zu schließen. Sein Zaudern hat die alten Vorbehalte wieder geweckt, und nur weiterhin tadellose Vorstellungen dürften ihm Pfiffe im Stadion ersparen.“

Kernig-männliche Wehrhaftigkeit

Wenn Ballack wechselt, wohin? Eine Frage, die Fußball-Journalisten aus allen Redaktionen seit Monaten beschäftigt. Vor Wochen hat Christian Eichler (FAS) über das Ziel Manchester gemutmaßt: „Tatsächlich spricht viel dafür, daß Ballack genau der ist, auf den sie bei ManU seit ein paar Jahren warten: ein Anführer, Antreiber, Torjäger – und vor allem einer jener Schlüsselspieler oder besser: Knotenspieler, die das komplizierte Netz einer Elf zusammenhalten. ManU hat zwar Offensivspieler, die in jeder Weltauswahl glänzen könnten, aber die beiden Figuren im Zentrum, Keane und Scholes, sind über ihren Zenit hinaus. Auf keiner anderen Position ist der Rückstand zu Chelsea so eklatant geworden. Die Voraussetzungen für Erfolg in England bringt er mit: Zweikampf-, Schuß- und Kopfballstärke, dazu jene kernig-männliche Wehrhaftigkeit, ohne die man in der Premier League nicht weit kommt. Seinen Hang zum Übertreiben von Stürzen oder Schmerzen müßte er sich noch abgewöhnen.“ Michael Horeni (FAZ) schließt Ballacks Verbleiben in München nicht aus: „Das internationale Karussell beginnt sich erst langsam zu drehen – und bevor die Richtungsentscheidungen nicht getroffen sind, wollen sich die großen Akteure nicht im Detail festlegen. Ballack und sein Berater haben sich entschieden, bei diesem großen europäischen Verschiebe-Spielchen mitzumachen. Der Rückzug des erstklassigen Münchner Angebots war der Preis für den Einstieg zum Poker im Paradies. Wenn Ballack in den kommenden Monaten jedoch nicht wie erhofft den Klub seiner Träume findet, muß er nicht unbedingt mit beleidigten Bayern rechnen. Der deutsche Meister will zwar jetzt nach einem Nachfolger suchen. Aber die Marktlage ist dürftig. Nur soviel ist derzeit bei all den offenen Fragen sicher: Eine Liebesheirat zwischen Ballack und Bayern wird es nicht mehr geben. Eine erfolgreiche Zweckgemeinschaft für die kommenden Jahre ist aber allemal drin.“

Philipp Selldorf (SZ) skizziert Bayerns „Sonderweg“ in der Vertragspolitik: „In England ist es nicht üblich, dass Klubs riskieren, Spieler ablösefrei zu verlieren. In der Premier League werden die Klubs wie Firmen geführt, es gibt Anteilseigner mit Anspruch auf Dividenden; die Spieler bilden Vereinskapital und sind durch langfristige Verträge gebunden, um der Gefahr zu begegnen, dass ein Spieler ohne Entschädigungszahlung zur Konkurrenz wechselt. Dieser Trend besteht aber nicht nur in England. Ronaldinho, Deco, Eto’o und Puyol verlängerten ihre Verträge mit dem FC Barcelona bis 2010, Nachwuchsstar Messi sogar bis 2014. Beim AC Mailand unterzeichneten Nesta und Kaká ebenfalls bis 2010, auch Real Madrid, Inter Mailand und Juventus Turin sicherten Größen wie Robinho, Ibrahimovic oder Adriano mit langfristigen Vereinbarungen gegen Abwerber. Udinese Calcio gab ein exzentrisches Beispiel dieser Politik, als er den Stürmer Iaquinta auf die Tribüne verbannte, bis der seine Weigerung aufgab, den auslaufenden Vertrag bis 2009 zu verlängern. Nur die Bayern verfahren im Vertrauen auf ihre finanzielle Unabhängigkeit völlig anders. Sie gingen mit einem knappen Dutzend offener Verträge in die Saison.“

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