indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Dienstag, 15. November 2005

Ball und Buchstabe

Es ist eine Ehre für mich, daß er mich überhaupt eingeladen hat

Diego Armando Maradona, ein Muster Argentiniens – Josef Oehrlein (FAZ) setzt das Kopfschütteln über den Eitlen und seine Beliebtheit fort: „Warum sehen die Argentinier Maradona alles nach? Warum laufen sie ihm immer noch hinterher, obwohl seine Fußballerkarriere schon seit langer Zeit beendet ist? Warum gehört seine Sendung zu den beliebtesten im argentinischen Fernsehen? Maradona verkörpert, anschaulicher als jede andere Figur: Argentinien. Wie er hat das Land immer wieder schwere Krisen und Konflikte durchgemacht und versucht, sich danach wiederaufzurappeln. Die Folgen der jüngsten Katastrophe sind noch nicht überwunden. Der neue Maradona macht seinen Landsleuten vor, wie man sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht, wie man die unangenehmen Seiten der eigenen Vergangenheit ganz einfach abstreift und von vorne beginnt. Mehr kann man von einem Idol nicht verlangen.“ Maradona hat sine Zusage für das Abschiedsspiel Julio Cesars rückgängig gemacht, nachdem Cesar die plötzliche Geldforderung des „habgierigen Kaufmanns Maradona“ (FAZ) nicht erfüllen wollte. Maradonas Interview aus der letzten Woche, in dem er der Sport Bild und uns Lesern die Säcke voll macht, können wir heute genüsslich lesen und zitieren: „Ich verlange keinen Cent von Julio. Ich würde für ihn durchs Feuer gehen. Es ist eine Ehre für mich, daß er mich überhaupt eingeladen hat. Es ist auch eine Ehre, in Deutschland zu spielen – das Land, in dem bald eine Weltmeisterschaft stattfinden wird. (…) Es ist mein erstes Spiel nach langer Zeit, und ich habe mir viel vorgenommen.“

taz: KFC Uerdingen wird 100; ob weitere Jubiläen folgen, ist fraglich

Ball und Buchstabe

Ein sehr lesenswertes FR-Dossier über Fußball und Homosexualität

„Ich spiele Fußball. Und ich bin schwul“ – ein Erlebnisbericht eines pseudonymen Amateurfußballers in der (FR 15.11.): „Ich musste meinen Freunden mitteilen, dass ihr Mannschaftskamerad schwul ist. Und auch wenn sich für mich mit meinem Coming-out nichts geändert hat, war es für die anderen, denke ich, nicht ganz so einfach. Denn auch wenn ich bei einem Körperkontakt im Tackling, bei einem Zweikampf im Spiel oder nach dem Training unter der Dusche an alles andere als an Sex denke, müssen meine Mannschaftskameraden und Freunde doch damit umgehen können, dass ihr Geschlecht das für mich reizvolle ist. Meine Freundschaften in der Mannschaft haben diese Nachricht zwar mit etwas Mühe, aber insgesamt sehr gut überstanden, und Probleme mit mir und der Intimität, die in jeder Kabine herrscht, hatte keiner. Diejenigen, denen ich so viel Offenheit und Toleranz nicht zugetraut habe, habe ich umgangen und nicht mit ihnen über meine Homosexualität gesprochen. Ich wollte sie nicht damit belasten, bei jeder zweiten Situation auf dem Platz über den möglichen Hintergrund der Berührung (den es für mich nicht gibt) nachdenken zu müssen. Aber auch die, die es nicht von mir, sondern vielleicht durch das übliche Gerede im Ort erfahren haben, hatten damit keine Probleme – oder haben sie mir zumindest nicht mitgeteilt. Das ist schön, aber wohl auch ungewöhnlich.“

Stetiger Weg nach unten

Thomas Vögele (FR 15.11.) erzählt die traurige Geschichte Justin Fashanus, der sein Bekenntnis nicht überlebte: „Am 2. Mai 1998 fand man Justin Fashanu erhängt in einer Garage im Londoner Stadtteil Shoreditch. Der 37-Jährige hatte seinem Leben ein Ende gesetzt, nachdem er tags zuvor erfahren hatte, er werde mit internationalem Haftbefehl gesucht. Fashanu war vorgeworfen worden, in den USA einen 17-Jährigen sexuell missbraucht zu haben. Es war das tödliche Ende seines Outings als schwuler Profifußballer. Er war der erste und bislang einzige, der diesen Schritt gewagt hat. Fashanu erfüllt 1979 alle Voraussetzungen für eine große Karriere: Ein spektakuläres Tor für Norwich City macht ihn auf der Insel über Nacht berühmt, Nottingham Forest bezahlt für seinen Wechsel 1981 eine Million Pfund – die bis dahin höchste Transfersumme für einen schwarzen Fußballer. Und Fashanu offenbart nicht nur Fähigkeiten auf dem Rasen. Er ist intelligent, kann sich gut ausdrücken und hat Charme – heute würde man sagen: er ist in höchstem Maße medienkompatibel. Nottinghams Teammanager Brian Clough gefällt das nicht, er lässt den Spieler deshalb früh seine Abneigung spüren. Als man Clough erzählt, Fashanu sei in der Schwulenszene unterwegs, wirft er ihn aus der Mannschaft. Fashanu trainiert – gegen des Managers Willen – bei den Reservisten, bis ihn Clough von der Polizei vom Gelände führen lässt. Es beginnt eine Odyssee durch Englands Fußballligen, wobei der Weg stetig nach unten führt. (…) „Wenn irgend jemand diese Notiz findet, bin ich hoffentlich nicht mehr da. Schwul und eine Person des öffentlichen Lebens zu sein, ist hart… Bevor ich meinen Freunden und meiner Familie weiteres Unglück zufüge, will ich lieber sterben.““

Wolfgang Hettfleisch (FR 15.11.) bringt eine teilnehmende Beobachtung aufs Papier: „Wer mit Vereinsfußball auf Kreisliga-Niveau aufgewachsen ist (wie der Autor dieser Zeilen), der hat spätestens im A-Jugend-Alter die Ingredienzen zur Ausübung seines Sports verinnerlicht: Tritt hin, wenn’s dir nützt; beleidige den Gegenspieler, bis er ausrastet; sauf‘ mit den anderen, bis der Kasten leer ist; und sprich vor und nach Spiel und Training ausgiebig über Sex, auch wenn du keinen gehabt hast. Sex mit Frauen natürlich, vielmehr: mit Weibern, Alten, Hühnern oder Bräuten. Alles andere ist in diesem Milieu unvorstellbar. Aus unerfindlichen Gründen stellt sich der durchschnittliche heterosexuelle Stollenschuh-Träger einen Schwulen stets als notgeilen Zwangscharakter vor, als Sex-Maniac, der’s von morgens bis abends mit allen Männern gleichzeitig treiben will – und am liebsten mit ‚ner ganzen Fußballmannschaft unter der Dusche. Vereinsfußball ist ein mieses Umfeld fürs Coming-out eines, sagen wir, 18-Jährigen, der womöglich gerade genug damit zu tun hat, die Erkenntnis zu verdauen, dass er schwul ist. Im Spitzensport wäre seine Lage nicht minder prekär.“

Panische Angst vor dem Outing

Noch einmal Wolfgang Hettfleisch (FR 15.11.), der einen Krimi über das Outing eines schwulen Fußballers gelesen hat: „Mancher schwule Bundesliga-Profi soll den egalitären Anspruch des beruflichen Umfelds so verinnerlicht haben, dass er sich Freundin oder Frau zulegte, um noch ein bisschen gleicher zu sein. Nach Auffassung des früheren Fifa-Schiedsrichters John Blankenstein aus den Niederlanden ist jeder 15. Profi, wozu er selbst sich längst offen bekennt: schwul. Noch tun diese Spieler gut daran, sich dem unausgesprochenen Grundsatz zu unterwerfen, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Der frühere Libero des 1. FC Köln, Paul Steiner, hat die Geisteshaltung der Branche einst in Stein gemeißelt, indem er sagte: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Schwule Fußball spielen können.“ Das Bekenntnis zur Homosexualität, sagt Blankenstein, könne eine Spielerkarriere zerstören. Der Profifußball hat hier den Anschluss an den gesellschaftlichen Mainstream längst verloren. „Für Schwule ist da kein Platz“, muss der homosexuelle Jung-Nationalspieler Ralph Guthfleisch im Krimi Der Fußballgott erkennen. Der Frankfurter Autor des Romans, der sich das Pseudonym citizen b zugelegt hat, glaubt zu wissen, warum: „Weil im Fußball das Macho-Gehabe noch viel wichtiger ist als in den meisten anderen Sportarten.“ In seinem Fußballkrimi wird der Profi wegen seiner Homosexualität erpresst. Klingt in einem Land mit immer mehr offen schwulen Promis abwegig. Und gibt doch einen funktionierenden Plot ab, weil die panische Angst vor dem Outing im Profifußball ein sehr reales Phänomen ist. (…) Während der DFB jede Geburtshilfe meidet, zeigt die englische Football Association (FA) keine Berührungsängste. Ausdrücklich bekennt sich der englische Verband zum Kampf gegen homophobe Tendenzen im Fußball. Die FA verfügt über eine Ethik- und Gleichstellungsstelle, die „jede Art von Diskriminierung bekämpft“, wie Leiterin Lucy Faulkner betont. Die FA nimmt über Telefon und E-Mail anonym Beschwerden entgegen und hat ein Fortbildungsprogramm für Verantwortliche aufgelegt.“

11 Freundinnen

Eloquent, zuverlässig, freundlich, medienkompatibel

Uwe Marx (FAZ) beglückwünscht Steffi Jones zum 100. Länderspiel: „Daß Frauen mit Fußballspielen so viel Geld verdienen können, daß sie keinem anderen Beruf mehr nachgehen müssen, war auch ihre Pionierleistung. Der finanzielle Schub folgte nach dem Titelgewinn bei der WM 2003, und ihn nutzten außerdem ihre Frankfurter Mitspielerinnen Nia Künzer, Birgit Prinz und Renate Lingor. ‚Steffi ist Vollprofi’, sagt Manager Siegfried Dietrich, der den Verein und das Quartett vermarktet. Damit meint er nicht nur die Einnahmeseite, sondern vor allem die Einstellung. Steffi Jones gilt als eloquent, zuverlässig, freundlich, medienkompatibel.“

Bundesliga

Katastrophale Entwicklung

Zwei weitere Texte über den Abschwung Lukas Podolskis – neu darin: Die Schuld finden die Autoren bei Podolskis Berater Konstantin Schramm. Michael Horeni (FAZ) empfiehlt, die Öffentlichkeitsarbeit besser zu koordinieren: „In seiner Heimat wird Podolski auf Schritt und Tritt von den Medien begleitet und vereinnahmt. Eine Steuerung seiner Medienpräsenz, bei Stars seiner Größenordnung die Regel, vermißt nicht nur sein Verein. Der 1. FC Köln hat nach den Mißtönen der letzten Wochen und Monate nun die öffentlichen Auftritte seines allgegenwärtigen Imageträgers eingeschränkt. Nur noch die unbedingt notwendigen Termine werden abgewickelt. Das sind immer noch mehr als genug, wie die Verantwortlichen finden – nicht zuletzt, weil nicht einmal die unterschiedlichen Sponsoreninteressen bei Podolski gebündelt werden, wie dies bei klug beratenen Spielern seiner Kategorie üblich ist. Podolski wirbt in eigener Sache, für die Partner des 1. FC Köln und die Nationalmannschaft. Michael Ballack etwa hat seine Werbepartner längst mit den Geschäftsinteressen von Klub und DFB synchronisieren lassen – im Interesse aller Beteiligten. Von einer solchen Karriere- und Vermarktungsplanung ist Podolski weit entfernt. Fußball-Marketingexperten sprechen mittlerweile von einer ‚katastrophalen Entwicklung’. Eine erkennbare Strategie, wie sie etwa der Karriere Ballacks zugrunde liegt, sei nicht erkennbar. Auf die besonderen Bedingungen, die vor der WM 2006 herrschen, würde derzeit überhaupt nicht eingegangen, klagen Marktbeobachter.“ Jens Bierschwale (WamS) fügt hinzu: „Die Karriereplanung des Jungstars scheint unkoordiniert und jenseits einer durchdachten Strategie. Schramm mag das nicht einsehen. Der Berater ist persönlich für Podolski abgestellt und spielt die Verpflichtungen des Stars abseits des Feldes herunter. Doch es scheint, als wolle jeder etwas abbekommen vom großen Kuchen Podolski: seine Berater, der Verein und nicht zuletzt die Nationalmannschaft.“

Deutsche Elf

Team Zwotausendundnixwieweg

Wann zuletzt was gehört über das Team 2006? Um ehrlich zu sein: Ich wusste gar nicht, dass es noch existiert. Heute spielt es zum letzten mal – zum letzten mal also Future Cup, einer Steißgeburt, „einer Fiktion, unter der sich die Spieler nie Gescheites vorstellen konnten“ (Welt). Team 2006, die Zukunft des deutschen Fußballs?! Christof Kneer (SZ) klopft sich auf die Schenkel: „Das Beste, was sich über das Team 2006 sagen lässt, ist, dass es das absurdeste Team der Fußballgeschichte war. Aber immerhin ist es die Lebensleistung dieser Mannschaft, dass sich an ihr prachtvoll ablesen lässt, wie Sportverbände ticken. Keine 24 Stunden waren im Herbst 2001 nach einem scheußlichen 0:0 gegen Finnland vergangen, als eine packende Botschaft aus der DFB-Leitzentrale eintraf: Verfügt wurden im Namen des Präsidenten die Auflösung der A-2-Nationalelf sowie die Gründung des Teams 2006. So hat man das damals gemacht beim Deutschen Future-Bund des Gerhard Mayer-Vorfelder: Wenn die Wirklichkeit nicht gefällt, befiehlt man am Schreibtisch per Federstrich den schnellen Trost. Wahrscheinlich muss man dieser Mannschaft dafür danken, dass sie sich von Anfang an der Funktionärslogik verweigert hat. Natürlich haben sich die Spieler offiziell immer geehrt gefühlt; manchmal aber haben sie sich auch schnell eine Zerrung oder ein Magenproblem organisiert. Dann haben die Trainer Montagnacht noch irgendwelche Spieler aufgetrieben, die am Dienstag dann schnell angereist sind. Auf diese Weise ist ein Team Zwotausendundnixwieweg entstanden, und so gesehen könnte man das Team auch gut über 2006 hinaus gebrauchen. Es könnte sich als eine Art Geldstrafenersatz für widerspenstige Spieler etablieren, nach dem Motto: Wer in der Gegenwart nicht spurt, der muss zum Future Cup.“ Michael Rosentritt (Tsp) bedauert zutiefst: „Das Team 2006 war nicht mehr als eine zufällige wie bunte Sammlung teilbegabter Fußballer, die entweder nicht gut genug für die richtige Nationalelf waren oder zu alt für die U-21-Auswahl. Das Team 2006 wird in die Geschichte des deutschen Fußballs als grandioser Irrtum eingehen.“

SZ: In der U-21-Auswahl sammelt sich die zweite Generation von Einwandererkindern; dem deutschen Fußball kann es nur recht sein
FTD: Optisch ähnelt das Team mittlerweile den A-Nationalmannschaften Englands oder Frankreich

Montag, 14. November 2005

Internationaler Fußball

Neu gegen Alt

Schweiz – Türkei 2:0

Christoph Kieslich (FAZ) führt den Schweizer Sieg auf eine überlegte Strategie zurück, die Niederlage der Türkei auf eine verpasste Reform: „Es werde nach Einschätzung der türkischen Medien himmlischer Beihilfe bedürfen, um das Unfaßbare noch abzuwenden: ein Ausscheiden, ein schmachvolles Scheitern des WM-Dritten von 2002, der sich seither im Konzert der ganz Großen wähnt. Daß der Höhenflug in Asien indes nur momentaner Ausdruck von fußballerischer Schaffenskraft und Solidarität war, dieser Verdacht wird dreieinhalb Jahre später untermauert durch Spiele wie jenes in Bern gegen ein in 14 Spielen ohne Niederlage gereiftes Schweizer Team, das seinerseits von einer neuen Generation beflügelt wird. Wohingegen die Türken ein in die Jahre gekommenes Ensemble sind, das mit der Rückkehr von Trainerikone Fatih Terim die Erneuerung unter Ersun Yanal jäh unterbrach und zu alten Strickmustern zurückkehrte. Personifiziert wird das durch Hakan Sükür, die lebende Stürmerlegende.“ Tobias Schächter (FR) lenkt den Blick auf den Trainer der Schweiz: „Ein kluges Sichtungssystem und die Laune guter Jahrgänge bescherten dem Schweizer Fußball großartige Talente. Köbi Kuhn, zu Beginn seiner Amtszeit vom Boulevard zum Abschuss freigegeben, hat eine Auswahl kreiert, mit der sich im Land der Kantone alle identifizieren.“

Spanien – Slowakei 5:1

Rivale selbst für starke Teams

Walter Haubrich (FAZ) lobt die Spanier: „Wenn auch die Slowaken mit ihren zwar hochgewachsenen, doch oft richtungslos herumirrenden Abwehrspielern kein gleichwertiger Gegner waren, könnte Spanien in dieser Formation und mit der gleichen Leistung nächstes Jahr zu einem gefürchteten Rivalen selbst für die starken Teams aus Westeuropa und Südamerika werden.“

BLZ-Bericht

Argentinien – England 2:3 (in Genf)

Prickelnde Mischung zweier Fußball-Kulturen

England und Argentinien haben, wenn man den Reportern glauben darf, den Fußball neu erfunden – Christian Eichler (FAZ) berichtet freudetrunken: „Wer nur einen Hauch Leidenschaft für Fußball spürt, für den war dieses Spiel ein Fest. Die kultivierte Spielkunst, die perfekte Organisation, das wirbelnde Paßspiel der Argentinier um ihren überragenden Spielmacher Juan Riquelme – dagegen Biß und Tordrang, Wille und Wucht der Engländer um ihre Antreiber Steven Gerrard und Wayne Rooney: Das ergab eine prickelnde Mischung zweier Fußball-Kulturen. Schon nach einer halben Stunde hatte das Spiel mehr Torszenen geboten als mancher Champions-League-Spieltag.“

FR: Überdosis Offensive

Bildstrecke, faz.net

BLZ-Bericht Norwegen-Tschechien (0:1)

Tsp: Sammelbericht WM-Barrage

FAZ: In der sozialen Krise Frankreichs ist der Sport machtlos

Welt: Das US-Team ist die Nummer sieben der Welt, 17 Millionen Amerikaner spielen Fußball – aber kaum einer interessiert sich für die Liga

Deutsche Elf

Alles zuzutrauen – oder nichts

Nach dem 0:0 in Frankreich – maßvolles Lob für die deutsche Mannschaft und für Klinsmann in der Presse: „Leidenschaft und der Selbstbehauptungswille sind wieder zurückgekehrt“, freut sich die FAZ. Die BLZ erlebt einen „gefühlten Sieg“. Die NZZ bescheinigt eine „Rehabilitation des Klinsmann-Ensembles“. Allein die taz verweist auf die angeblich schwache Form des Gegners: „Eine müde französische Nationalmannschaft kommt über ein 0:0 nicht hinaus.“ Andreas Lesch (BLZ) erlebt einen neuen Wesenszug der deutschen Mannschaft: „Bisher hatten Klinsmanns Spieler entweder aufregend offensiv 4:3 gespielt oder sie hatten rumpelnder Weise 0:2 verloren. Für eine Partie ohne Tore schienen sie vorn zu stark und hinten zu schwach zu sein. Insofern war das 0:0 eine kleine Sensation und gleichzeitig der Beweis, dass dieser Mannschaft bei der WM alles zuzutrauen ist – oder nichts. Weiterhin sind keine verlässlichen Aussagen darüber möglich, wie stark Klinsmanns Elf wirklich ist; dafür sind ihre Leistungsschwankungen zu extrem, dafür sucht sie zu sehr ihre Mitte. Gegen Frankreich deutete sie an, dass sie eine konsequente Defensivarbeit durchaus beherrscht.“ Michael Horeni (FAZ) blickt mit vorsichtigem Optimismus nach vorne: „Ein Favorit auf den Titel wird diese Mannschaft nicht werden. Dafür fehlen ihr Erfahrung und neben Kapitän Ballack mindestens eine weitere spielentscheidende Figur. Aber immerhin hat der Bundestrainer wieder an Glaubwürdigkeit gewonnen, daß er und sein Team auf ihrem Weg wie angekündigt mit Rückschlägen fertig werden können. Und daß die leichten Sommertage beim Confederations Cup nicht der einzige und zugleich letzte Höhepunkt in der Ära Klinsmann bleiben müssen, ist zumindest wieder eine zarte Hoffnung.“

Von nun an mögen alle schweigen

Im Blick der Journalisten bleiben die Klinsmann-Kritiker vom deutschen Fußball-Stammtisch. Welche Folgen wird das Frankreich-Spiel haben, werden schließlich nun fast vier Monate bis zum nächsten vergehen? Andreas Burkert (SZ) mahnt die Nörgler zur Ruhe: „90 torlose Minuten bei einem ebenfalls von Selbstzweifeln geplagten Gegner haben ausgereicht, um jetzt eine friedvolle Winterpause einlegen zu können. Klinsmanns Mannschaft hat sich in einer diffizilen Drucksituation so präsentiert, wie sich ein bedrängter Cheftrainer das wünscht für einen wegweisenden Auftritt: patent, leidenschaftlich und mit einer Spielidee. Dem Bundestrainer sollte das Recht zugestanden werden, die nächsten 207 Tage nach seiner Façon arbeiten zu dürfen. Was seinen Kritikern nicht passt an Stil und Inhalt, haben sie ja hinlänglich kundgetan, und Klinsmann hat Konsequenzen gezogen, soweit dies sein Ego zuließ. Deshalb mögen von nun an alle schweigen im Land der Großen Koalition, auf das nicht nur ein Jahr großer Belastungen wartet. Sondern ebenso eine großartige Chance zur Selbstbefreiung.“ Mathias Schneider (StZ) ergänzt: „Nach dem ordentlichen 0:0 wird Klinsmann die Arbeit wieder mit etwas mehr Ruhe angehen können. Kritiker wie Franz Beckenbauer oder Uli Hoeneß sind erst mal verstummt. Das dürfte die wichtigste Errungenschaft sein.“

Herrscher auf dem Platz

Großer Beifall für Michael Ballack von allen Seiten: „Bundesrepublik Ballack“, schreibt die SZ in ihre Überschrift, die FAZ adelt ihn: „Ballack, Herrscher auf dem Platz – Patron und Kämpfer“. Hartmut Scherzer (FAZ) gewährt Ballack großen Respekt: „Der Auftritt des deutschen Kapitäns im Hoheitsgebiet und Ruhmesstadion Zidanes verdient das Prädikat Weltklasse. Wiewohl angeschlagen, kämpfte er sich durch und lenkte den bemerkenswerten Auftritt der Deutschen. (…) Deutschland gewann die ermutigende Erkenntnis, daß das Land in Michael Ballack eine der großen europäischen Fußballfiguren hat.“

Dirigent hinter der Abwehr

Auffällig: In der Abonnement-Presse sammelt Jens Lehmann Punkte. Ihm bescheinigen die Autoren unsichtbaren Einfluss auf die gute Abwehrleistung, er wird bei der Bewertung der Mannschaft zum gefragten Spieler, nicht nur die Abwehr betreffend. Die FAS veröffentlicht einen Statistikvergleich mit Oliver Kahn, der sehr zu Lehmanns Gunst ausfällt. Bild hingegen hat sich am Samstag wieder einmal zu einer Tölpelei hinreißen lassen: „Die Franzosen verhöhnen Lehmann“, steht in der fetten Schlagzeile. Im Text erfahren wir dann, was Bild mit den „Franzosen“ meint, nämlich Willy Sagnol, Mannschaftskollege des Lehmann-Konkurrenten. Im Text erfahren wir auch, was Bild unter „verhöhnen“ versteht, nämlich den sinngemäßen Kommentar Sagnols, er halte Kahn für den besseren Torhüter. Michael Horeni (FAS) rechnet: „Wenn es nur nach der Statistik ginge, müßte sich Lehmann nicht um seinen Stammplatz bei der WM sorgen. Der Torwart von Arsenal mußte bei seinen bisherigen zehn Einsätzen unter Klinsmann im Schnitt nur alle 86 Minuten einen Gegentreffer hinnehmen, Kahn alle 56 Minuten. Das sind umgerechnet 1,05 gegenüber 1,61 Gegentreffer pro Spiel. Aber Lehmann machte klar, daß nicht nur Zahlen für ihn sprechen (dazu schwieg er), sondern daß er die offensive Spielphilosophie, die Klinsmann fördert, auch als Torwart vollständig unterstützt. Im Gegensatz zu Kahn, der sich immer wieder als bedingungsloser Verfechter einer starken Defensive zu erkennen gibt und Gegentreffer mitunter wie persönliche Beleidigungen erlebt.“

Die FAZ schätzt Lehmanns Fortbildung im Ausland und sein Wort: „Taktikfreund Lehmann schwärmte von der besten Leistung ‚einer deutschen Abwehr seit vielen Jahren’. Er hatte als Dirigent hinter der Abwehr immer wieder seine Stimme mit ihm Spiel, seine Hände mußte er angesichts der klugen Raumaufteilung und der frühen Attacken im Mittelfeld weit seltener als erwartet einsetzen. ‚Wir haben eine Verteidigung, die es nicht so gewohnt ist, so zu spielen, wie wir heute gespielt haben. Das war daher ein sehr wichtiges Spiel für uns – denn sie haben gesehen, daß man erfolgreich sein kann, wenn man das Spiel auf 30 Meter hält, wenn man nicht zurückweicht und die Jungs auf einer Linie bleiben’, sagte Lehmann nach seinem erfolgreichen, ‚aber anstrengenden’ Koordinierungseinsatz für die Viererkette. ‚Wir haben einmal ein sehr gutes Abseits gestellt. Da sehen die Abwehrspieler: Hey, es klappt. Das ist eine Art Belohnung für eine gute Organisation. Und wenn wir das weiter so spielen, werden auch die Ergebnisse attraktiver für uns.’“ Dem Tagesspiegel sagt Lehmann: „Für die Öffentlichkeit zählt, dass der Torwart sich durch Paraden auszeichnet. Für mich zählt, dass ich keinen drauf kriege. Und das ist gegen Frankreich fast perfekt gelaufen. Die Trainer sehen das auch.“

Die Öffentlichkeit wird von Leuten geprägt, die Oliver Kahn unterstützen

SZ-Interview (vom Samstag) mit Lehmann
JL: Ich darf wohl behaupten, dass ich seit drei Jahren auf einem konstanten und in diesem Jahr auf einem hervorragenden Niveau ohne Fehler gespielt habe. Jetzt muss ich nur abwarten, wie die Wahrnehmung der Trainer ist.
SZ: Müssen Sie denn nicht auch die Fans und die Öffentlichkeit auf Ihre Seite bringen?
JL: Bei der Öffentlichkeit ist es schwer, weil sie auch von Leuten geprägt wird, die dem FC Bayern München nahe stehen und Oliver Kahn unterstützen.
SZ: Spielt das wirklich eine so große Rolle?
JL: Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge kommen jede Woche mit der Forderung für Kahn. Paul Breitner, den ich gerne lese, obwohl er nicht unbedingt vorteilhaft über mich schreibt, tendiert auch dahin. Franz Beckenbauer bin ich jedoch dankbar, obwohl er sagt, dass Kahn der beste deutsche Torwart und die Nummer eins im Nationalteam ist.
SZ: Warum?
JL: Er benutzt ein Argument, nach dem Spitzenklubs im Ausland ihre Torleute verpflichten: Er sagte, dass ich bei jeder Flanke herauskomme und Oliver Kahn nicht. Diese ausländischen Klubs schauen nur danach, ob ein Torwart bei Flanken gut ist und das Spiel lesen kann. Dass Torhüter auf der Linie gut sind, wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Von daher glaube ich an meine Chancen.
SZ: Wenn man sich eine Reihe von Umfragen bei Fußballfans anschaut, haben Sie das Publikum aber nicht für sich gewinnen können. Obwohl Kahn vielen Fans auf die Nerven geht, ist er immer noch populärer als Sie. Haben Sie diesbezüglich eine Chance verpasst?
JL: Das kann durchaus sein, mein Image könnte besser sein. Aber ich bin kein Typ wie zum Beispiel Rudi Völler, den alle mögen. Ich bin Torwart. Während eines Spiels kann ich mich weder entspannen noch lachen. Das Spiel ist so schnell und intensiv, da geht das leider nicht.
SZ: Gibt es im Fußball keine heiteren Spitzentorhüter?
JL: Ich glaube nicht, denn das ist harte Arbeit. Selbst nach einem gewonnenen Spiel braucht man lange, um ein bisschen runterzukommen.
SZ: Sie sind also in der Zwickmühle: Entweder kommen Sie nett rüber und halten nicht mehr so gut, oder Sie halten das Niveau und wirken verbissen. Sollten Sie dann wenigstens extrovertierter spielen?
JL: Das habe ich doch früher, aber mein Weg zum Erfolg ist ein anderer. Außerdem wird ein Torwart, der ständig rauskommt, abwinkt und herumgestikuliert, irgendwann als lächerlich empfunden. Solche Gesten signalisieren dem Gegner: Bei denen stimmt was nicht. Es sind Einladungen an die andere Mannschaft und ist also psychologisch dumm. (…) Arsène Wenger will einen Torhüter, der zu seinem Spielsystem passt. Da wir viel in des Gegners Hälfte spielen, muss ich mitunter sehr weit aus dem Tor kommen und wie eine Art Libero spielen. Ich denke, dass ich das gut beherrsche, sonst würde ich im Alter von 36 Jahren nicht immer noch bei einem tollen Klub im Tor stehen.

Freitag, 11. November 2005

Internationaler Fußball

Es fehlt das Bindeglied zwischen Ballbesitz und Torgefahr

Die Stärken und Schwächen Frankreichs hätten sich seit dem WM-Titel 1998 umgekehrt, stellt Christian Eichler (FAZ) fest: „Vor sieben Jahren wurde Frankreich ‚der erste Weltmeister ohne Stürmer’, wie Spötter meinten. Alle Tore von Achtel- bis Halbfinale schossen Abwehrspieler, im Finale waren es die Mittelfeldleute Zidane und Petit, und dem bedauernswerten Solostürmer Guivarc‘h, dem nichts gelungen war, wurde im Stade de France auch noch seine Sporttasche mit allen Utensilien und dem ertauschten brasilianischen Trikot geklaut. Heute steht Frankreich mit einer breiten Wahl an Weltklassestürmern da – es fehlt nur oft derjenige, der sie einsetzt. Die Rückkehr von Zidane füllte diese Lücke, die sich als Vakuum zwischen Mittelkreis und Strafraum zeigte, mit seinem Comeback im August. Doch wenn er müde ist oder gar fehlt, fehlt oft das Bindeglied zwischen Ballbesitz und Torgefahr.“

BLZ: Die französische Auswahl verfügt über viele hervorragende Spieler, als Einheit tritt sie nur selten auf

Allüren eines Sonnenkönigs

Gewalt und Aufruhr in Frankreich – Christian Tretbar (Tsp) revidiert eine Legende: „Frankreich war mehr als nur Weltmeister. Das Team galt fortan als Sinnbild gelungener Integration. Diese Interpretation war wohl schon immer übertrieben. Der Fußball ist trotz aller Multikulturalität in der Nationalmannschaft längst nicht die gesellschaftliche Klammer, die alles zusammenhält.“ Christian Eichler (FAS) kommentiert die überraschende Nominierung Nicolas Anelkas: „Als Frankreich Weltmeister wurde, eine Elf mit Wurzeln in allen fünf Erdteilen, da feierte das Land nicht nur ein Fest des Fußballs; auch eines der sozialen Integration, der nationalen Einheit durch Sport. Sieben Jahre später ist von dieser Illusion nicht viel geblieben. Viele dunkelhäutige Nationalspieler entstammen den tristen Wohnblöcken in baumlosen Hochhaussiedlungen der Pariser Vorstädte. Einer der Brennpunkte ist Trappes nahe Versailles, wo 27 Busse durch jugendliche Brandstifter zerstört wurden. Aus Trappes stammt derjenige, der im übertragenen Sinne als ‚Brandstifter’ im französischen Fußball gilt; einer, der überall verbrannte Erde hinterließ. Wer weiß, vielleicht wäre er heute gar unter denen, die auf die Barrikaden gehen, hätte ihm nicht sein Talent eine Fußballkarriere ermöglicht. (…) Mit den Allüren eines Sonnenkönigs hat der Junge aus Versailles so gut wie jeden Trainer und Klubmanager entnervt. Und alles getan, um in der Branche zum Inbegriff des egoistischen, ja charakterlosen Abzockers zu werden.“

Schizophren

Andreas Lesch (BLZ) stützt Lilian Thuram („Sarkozy weiß wohl nicht, was er redet“): „Es muss weit gekommen sein, wenn ein Sportler sich zur Politik äußerst, zumal in so drastischer Form. Besonders Fußballer schweigen gern zu den großen gesellschaftlichen Fragen. Thuram engagiert sich zwar schon lange im französischen Integrationsrat. Doch erst die Arroganz Nicolas Sarkozys und seiner jüngsten Äußerungen über Bewohner der Pariser Vororte trieb ihn jetzt zum öffentlichen Protest. Thurams Worte verdeutlichen, wie schizophren sich die Politiker gegenüber den jungen Männern aus jenen Vororten verhalten. Vor Jahren haben sie sie als Helden gefeiert – als Teil eines erfolgreichen Teams. Das scheint nun vergessen zu sein.“ In der SZ lesen wir: „Thuram gehört zu den Besonnenen im Team. Deshalb hat sein Wort Gewicht und wenn der Verteidiger einen Politiker angreift, dann horchen nicht nur die Fans auf.“

Eine dumme Mannschaft gewinnt kein Spiel

Ralf Itzel (FR) porträtiert Frankreichs Trainer und befasst sich mit seinem schweren Stand: „Unumstritten war er nie. Raymond Domenech wird misstrauisch beäugt, weil er irgendwie anders ist. Dieser Mann formuliert Sätze zwischen Poesie und Provokation, er spielt in der Freizeit gerne Schach und Theater. An junge Fußballer verteilt er Bücher, nach seinem Motto: ‚Eine dumme Mannschaft gewinnt kein Spiel.’ Als er im Juli 2004 den Job bekam, diagnostizierte er rasch eine ‚Republik der Spieler’ und machte sich daran, sie zu durchschlagen. Er schnitt alte Zöpfe ab. Mannschaftsbetreuer, die enge Vertraute der Stars waren, wurden verabschiedet, die Umgangsregeln verschärft. Privilegien gibt es bei ihm nicht. Bei ihm bekommt keiner etwas geschenkt, auch die Berühmtheiten nicht. Die fühlten sich gegängelt und rebellierten. (…) Nach dem entscheidenden Sieg gegen Zypern war die Freude verhalten. Zwischen dem Trainer und Kapitän Zidane soll es nicht mal einen Handschlag gegeben haben. In den Medien wurde Zizou als der große Heilsbringer gefeiert – Domenech hingegen als Verlierer dargestellt.“

Der Fußball, Spiel der ewigen Jugend, ließ seine Helden selten in Würde alt werden

Ronald Reng (FR) schlussfolgert aus den Comebacks von Pavel Nedved, Luís Figo und Zinedine Zidane in ihre Nationalteams: „Eine Epoche war zu Ende, die Zeit der ersten Hyperstars – Spieler, die von der Werbung und den Medien zu Überirdischen erhoben wurden –, als nach der EM 2004 Nedved, Figo und Zidane aus ihren Nationalteams zurücktraten. Nur um 2005 einer nach dem anderen zurückzukehren. Ob ihre Rückkehr eine glückliche wird, ist eine andere, eine spannende, eine große Frage. Denn sie traten 2004 aus einem Grund zurück: Mit 32, 33 glaubten sie, nicht mehr das Außergewöhnliche leisten zu können, das sie von sich selbst erwarteten. Das eine Jahr, das seitdem verging, hat diese Selbsteinschätzung bestätigt: Alle drei haben eine Saison hinter sich, die mit dem Begriff ordentlich positiv beschrieben ist. Paradoxerweise war es ihr Leiden in den Vereinsspielen, dass die Sehnsucht nach mehr Fußball, nach der Nationalelf wieder weckte. Sie gaben der romantischen Verklärung nach, dass im Nationaltrikot – sozusagen zu Hause – alles und also auch ihre Form wieder gut werden würde. Es ist ein Irrglaube – einerseits. Fußball ist heute ein so rasend schnelles Spiel geworden, dass selbst den Besten nur vier, fünf Jahre auf dem Zenit bleiben, und die von Nedved, Zidane, Figo sind leider vorbei. Andererseits ist es falsch, dass ihnen die Öffentlichkeit und sie sich selbst 2004 gleich die Daseinsberechtigung im Nationalteam absprachen. Sie sind nicht mehr der Heiland, bloß noch immer gute Fußballer. Als einer von elf können sie ihrer Länderauswahl weiterhin helfen. (…) Der Fußball, Spiel der ewigen Jugend, ließ seine Helden noch selten in Würde alt werden.“

Gespalten

Die Welt ergründet die Chancen Spaniens in der WM-Barrage: „Kein anderes europäisches Land ist von Regionalkulturen und -interessen so gespalten wie die Halbinsel zwischen Frankreich und Portugal [of: Die Halbinsel zwischen Frankreich und Portugal! Komplizierter geht’s wohl nicht…]. 17 autonome Regionen werden in Madrid nur mit Mühe zentral verwaltet. Im Fußball ist das nicht anders. Ob die Katalanen vom FC Barcelona, die Hauptstädter von Real Madrid oder die Basken von Athletic Bilbao, alle grenzen sich voneinander ab wie die Provinzen in der Politik.“

FR: Spanien ist Favorit gegen die Slowakei, doch noch immer ist die Nationalmannschaft im Lande nicht akzeptiert

NZZ: Fatih Terim, der Wiedergänger

NZZ: Ludovic Magnin – vom „Jungen mit Zahnstocherbeinen“ zum tragenden Abwehrrecken

Deutsche Elf

Gier

Radikalkritik, Systemkritik – Martin Böttger (Freitag) empfiehlt Jürgen Klinsmann als Vorbild für Politiker: „Der 12. November wird für Klinsmann gewissermaßen das, was für Gerhard Schröder die NRW-Landtagswahl war. Das Ergebnis wird für ein knappes halbes Jahr die sportliche Stimmung im Vorfeld der Fußball-WM im nächsten Jahr bestimmen. Führen die Franzosen die Deutschen vor, werden Bild, BamS und Glotze, werden Bundesliga und Beckenbauer kräftig an Klinsmanns Stuhl sägen. Im Unterschied zu Schröder aber wird Klinsmann nicht den Löffel abgeben. In vielerlei Hinsicht macht Klinsmann den Politikern vor, wie man in diesem Land Reformen angehen muss. Nach der blamabel gestalteten EM 2004 erklärte er nicht etwa wie üblich in der Boulevardpresse, sondern in der SZ, wie er sich die Sache vorstellt: ‚Man muss den ganzen Laden auseinander nehmen.’ Gemeint war damit das korporatistische System von gemeinschaftlichem Alkoholmissbrauch, zu dem gehören: der DFB, die Manager und Trainer der Bundesliga und das, was einstmals Sportjournalisten waren, heute aber mehrheitlich Hofschranzen sind. Dieses von Milliarden-Einnahmen genährte Konglomerat aus Vereinen und Medien ist im Kleinen mit der gesellschaftlichen Klasse im Großen vergleichbar, die in unserem Land Politik und Ökonomie bestimmt. Beiden gemeinsam ist die allgemeine Miesepeterei und Larmoyanz über angeblich ‚nicht wettbewerbsfähige Zustände’ hierzulande, genauso wie der Neid auf ‚das Ausland’, in dem angeblich alles besser sei. Leider wandern die Herrschaften dennoch nicht aus. Denn sie meinen das nicht wirklich; es ist einfach ihre Art, die eigene Gier zu verschleiern.“

Bild der Stärke

Christof Kneer (SZ) wundert und freut sich über den Wandel des Mauerblümchen Miroslav Klose: „Klose ist ein frecher Bursche. Vor nicht allzu langer Zeit hätte man so einen Satz für ähnlich wahr gehalten wie die Behauptung, dass Mario Basler ein stilles Wasser ist. Aber es stimmt: Miroslav Klose, einst als stillstes aller Wasser bekannt, ist längst mit so viel Kohlensäure versetzt, dass man sich manchmal fast verschluckt. Wer Kloses Karriere verfolgt hat, konnte nicht wirklich damit rechnen, dass einmal ein offensiver Rhetoriker aus ihm werden würde. Das einzig scharf Konturierte an diesem Sportler waren seine Kopfbälle, und der Typ dahinter galt als freundlicher Schüchterling, der alle Bodenbeläge aller Presseräume aller Stadien kennt, weil er bei jeder Journalistenfrage verschämt parterre blickte. Es hat Phasen gegeben, da hat er einen ganzen Stammtisch zur Weißglut bringen können, wenn er mit hängenden Schultern hinnahm, wie Oliver Kahn mittels Torwarthandschuh seinen Naseninhalt ergründete. Aber das ist jetzt vorbei. Aus dem ehemals demütigen Miroslav Klose ist ein Mann geworden, der weiß, was er kann.“ Michael Ashelm (FAZ) fügt hinzu: „Wer ihn in diesen Tagen spielen sieht und sich anhört, was er sagt, erhält ein Bild der Stärke. Während die Form seiner Mitstreiter Kevin Kuranyi oder Lukas Podolski derzeit unkalkulierbar scheint, weist der Weg von Klose stetig nach oben. Er schießt nicht nur Tore, sondern kämpft genauso im Mittelfeld um den Ball und bringt seine Nebenleute in aussichtsreiche Position.“

Abwärtsspirale

Kevin Kuranyi, Typ der deutschen Elf – Christof Kneer (SZ) beschreibt seine Formkurve: „Kuranyi ist wirklich schwer auszurechnen zurzeit, und vielleicht ist es das, was ihn zum repräsentativen Spieler dieser Nationalelf macht. An ihm lassen sich wie an keinem anderen die Aufs und Abs dieser eigenartigen Auswahl nachvollziehen. (…) An Kuranyi lässt sich schlüssig jene Abwärtsspirale nachweisen, die seit dem Konföderationen-Pokal die ganze Elf erfasst hat. Wie viele seiner Kollegen hat er zwei Sommer durchgespielt, erst die EM 2004, dann den Confed-Cup, und irgendwo auf dieser Strecke hat ihn seine Frische verlassen.“

FR: Nationalelf plant einen mutigen Auftritt

SZ: Vorrat für den Winterschlaf – mit einem guten letzten Spiel in diesem Jahr wollen Klinsmann und die Nationalelf den Start ins WM-Jahr erleichtern

FTD: Robert Huth, der Stoiker von der Ersatzbank

Welt-Interview mit Theo Zwanziger

Donnerstag, 10. November 2005

Bundesliga

Dilettanten

Eine Entlassung und zwei neue, alte Trainer: Hans Meyer in Nürnberg und Peter Neururer für Ewald Lienen in Hannover. Heftige Kritik müssen die Verantwortlichen in Hannover lesen: „Dilettanten im Machtvakuum – die stillose Entlassung von Lienen zeigt, dass Hannover 96 nicht nur ein Trainerproblem hat“ (SZ). Die taz zeigt ungläubig auf die Tabelle: „Platz 13 – nichts, wofür sich eine Mannschaft aus der niedersächsischen Provinz schämen müsste“. Hannover präsentiert sofort den Neuen und erspart sich so die Lothar-Matthäus-mit-mir-hat-noch-keiner-gesprochen-aber-Hannover-ist-eine-Weltstadt-Bewerbung – wenigstens das haben sie richtig gemacht. Das Lienen-Bonmot vom letzten Wochenende, das wir am häufigsten zitiert finden, richtete er an seine Mannschaft: „Wir sehen uns in zwei Tagen. So Gott oder der Vorstand es will.“ Tut mir leid, aber meine besserwisserische Natur kann nicht anders: Dieser Satz verlangt den Plural „wollen“. Andererseits, „Marmor, Stein und Eisen bricht“ haben es auch zu geflügelten Worten geschafft.

Die Nürnberger nehmen nach einer „beispiellosen Absagenflut“ (FR) nun Glückwunsche der Journalisten entgegen; von Meyer haben sie eine hohe Meinung, nicht zuletzt wegen seines Humors und Geistes, die zu einer „launigen Atmosphäre bei der Trainervorstellung“ (FAZ) geführt haben. Auf die SZ färbt Meyers Witz bereits ab: „Hans im Club“. Die FR macht aufmerksam auf die ähnlichen Umstände der zwei Trainerwechsel: „Beide geschasste Trainer hatten bis zum bitteren Ende ein intaktes Verhältnis zur Mannschaft. Sie erreichten die Köpfe der Spieler noch. Doch das reicht offenbar in Zeiten der Krise den Klubleitungen nicht aus.“

Unbedarftes Verwaltungspersonal

Andreas Burkert (SZ) beklagt die Unwürdigkeit des Lienen-Rauswurfs: „Man muss vielleicht nicht vor Mitleid mit den Fußballlehrern zerfließen, denn zum Ausgleich für ihre Leiden werden sie ja fürstlich entlohnt. Wundern aber darf man sich, dass etwa ein sonst so prinzipienfester Charakter wie Lienen sich hin- und herschubsen lässt von offensichtlich unbedarftem Verwaltungspersonal. Der Fußball ist ein vielerorts von Quereinsteigern kontrollierter Durchlauferhitzer, und natürlich fällt den fachfremden Herren am Stopp-Schalter in Krisenzeiten nicht mehr ein als eine Lösung der Kategorie Peter Neururer. Manchmal dauert es dann allerdings, bis sie den Neuen präsentieren, denn sie müssen schließlich erst einmal die Akten prüfen: Hat Neururer (vgl. auch: Lienen, Funkel) bei uns nicht schon einmal trainiert? Kann ja sein. Man könnte meinen, die deutsche Trainerinnung bilde nur einmal pro Jahrzehnt Nachwuchs aus.“

Bermudadreieck der Eitelkeiten

Christian Otto (FR) beleuchtet die Vereinsführung Hannovers: „Das kuriose Hü und Hott, mit dem Lienen gedemütigt wurde, hatte ein fast unerträgliches Niveau erreicht. Dem Treueschwur der Mannschaft ist das eiskalte Votum der sportlichen Leitung gefolgt. Karl-Heinz Vehling, Nachfolger Martin Kinds, fehlt jegliche Erfahrung im Profifußball, entsprechend unsicher agiert er. So stolpert 96 von einer Posse zur nächsten. Der zunächst als Vereinspräsident auserkorene Götz von Fromberg ist nur noch ein Frühstücksdirektor, weil er als Notar nicht auch ein Wirtschaftsunternehmen wie einen Profiverein führen darf. Kaenzig und Lienen hatten sich über Monate öffentlich gestritten. Manager Ilja Kaenzig äußert zudem gerne seine Meinung, die deckt sich aber nicht immer mit der des Kollegen Vehling, Lienen sah die Dinge traditionell anders – irgendwo in diesem Bermudadreieck der Eitelkeiten ist der Trainer verloren gegangen.“ Jörg Marwedel (SZ) fügt zornig hinzu: „96 befindet sich in einer schweren Führungskrise, die den einstigen Skandalklub in seine alte Rolle zurückzuwerfen droht. Seit der amtsmüde Patriarch Kind seinen Posten als Vorstandschef aufgab, ist ein Machtvakuum entstanden, das viel Raum lässt für Ränkespiele und Dilettantismus. Götz von Fromberg ist zwar ein schwergewichtiger Gesellschaftslöwe, der gern mit seinem Freund Gerhard Schröder dicke Zigarren raucht, als Boss aber ist Fromberg nur ein Kätzchen – die Notarkammer untersagte dem Advokaten mit eigener Kanzlei eine Tätigkeit als Vorstandsvorsitzender, er darf nur repräsentieren. Derweil haben die Geschäftsführer im 96-Geflecht, der für die Profis zuständige Kaenzig und der gleich drei 96-Gesellschaften managende Vehling mit nicht eingelösten Versprechen und öffentlichem Zündeln in der Trainerfrage außer Lienen auch sich selbst geschadet. Kaenzig, dessen Vertrag 2006 ausläuft, gilt Insidern längst als Manager auf Abruf.“

Scheinheiliger Sittenwächter

Thorsten Jungholt (Welt) hat Neururers Kritik an Vorständen, die unbedacht Trainer feuern, noch im Ohr, und rügt dessen Bigotterie: „Es mutet reichlich merkwürdig an, daß Neururer die weit gediehenen Verhandlungen mit dem 1. FC Nürnberg mit der wenig glaubwürdigen Begründung abbrach, der Auftritt gegen Stuttgart habe ihn entmutigt. Wahrscheinlicher ist, daß er einen Wink aus Hannover erhalten hatte, es werde bald ein lukrativerer Job frei. Nürnberg kann froh sein, daß der scheinheilige Sittenwächter Neururer abgesagt hat. Der seriöse und fachlich erstklassige Hans Meyer ist für den Verein die bessere Lösung.“

Glückliches Nürnberg

Wird Meyer Nürnberg Glück bringen? Axel Vornbäumen (Tsp) lehnt sich weit aus dem Fenster: „Die einen halten ihn für einen Kauz. Die anderen verstehen etwas von Fußball. Für sie ist er Kult. Glückliches Nürnberg! So viel kann man schon verraten: Der Club wird nicht absteigen in dieser Saison. Nicht, solange Hans Meyer an Bord ist. Es gab in den vergangenen Jahren keinen Bundesliga-Trainer, der aus den vorhandenen Möglichkeiten, und waren sie auch noch so bescheiden, derart viel gemacht hat. Nürnberg ist Letzter. Das wird nicht so bleiben. In der unteren Hälfte der Liga sind die Leistungsunterschiede minimal. Über Abstieg und Klassenerhalt entscheidet auch, wer den besseren Trainer hat.“ Auch Michael Jahn (BLZ) erinnert sich an Meyers erfolgreiche Berliner Zeit: „Bei Hertha war es ihm gelungen, schnell eine Atmosphäre des Aufbruchs und der Hoffnung zu erzeugen. Er hatte die Traurigkeit von verunsicherten Spielern und ebenso verunsicherten Vereins-Angestellten genommen, die sich mit bis dahin nicht gekannten Existenzängsten herumplagten. Der damals völlig aus dem Tritt geratenen Mannschaft verpasste er ein Lifting. Meyer verfrachtete Routiniers, die ihm zu wenig Engagement zeigten, ins zweite Glied, etwa Niko Kovac oder Fredi Bobic. Namen waren ihm völlig egal.“

Deutsche Elf

Allianz für Kahn

Nehmen wir mal an, Jens Lehmann wäre kurz vor der WM in besserer Form als Oliver Kahn, würde Jürgen Klinsmann den Mut haben, sich für Lehmann zu entscheiden? Die Kosten und Risiken wären sehr hoch: das Geschrei und das Gestänker kann man sich in Bild und Ton sehr genau vorstellen. Auch wenn der „Frieden von Frankfurt“ nichts gebracht hat – eine Entscheidung für Lehmann und damit gegen die „Allianz pro Kahn“ würde nun noch mehr Tapferkeit von Klinsmann fordern. Auf seine sportübliche Strategie, die Torhüter in Konkurrenz zu setzen, reagiert ein Großteil des deutschen Fußball-Stammtischs sehr allergisch.

Übermorgen wird Lehmann im Tor spielen; im Tor „stehen“ ist für einen modernen Torwart wie ihn übrigens der falsche Begriff. Warum gilt er eigentlich als Lautsprecher? Warum hat er den Ruf, ein Störenfried zu sein? Ist von ihm im letzten Jahr ein unfaires Wort gegenüber seinen Konkurrenten überliefert? Dass er etwas Essenzielles zu sagen hat, beweist er in zwei aktuellen Interviews. Der Bild-Zeitung sagt Lehmann heute auf die Frage, wie er das Votum der Bundesliga-Funktionäre gegen die Torwartrotation bewerte: „Was Karl-Heinz Rummenigge sagt, interessiert mich – mit Verlaub – nicht besonders. Jeder Vereinsvertreter ist zu verstehen, wenn er sich für seinen Spieler einsetzt. Aber mit solchen Aussagen soll keiner hingehen und behaupten, er habe ein ehrliches Interesse daran, der Nationalmannschaft zu helfen. Es wäre traurig, wenn Lobbyisten oder sogenannte Experten über die Besetzung der Nationalelf entscheiden. Ich habe Klinsmann so kennengelernt, daß er sich davon in keiner Weise beeinflussen läßt. Das wäre auch der erste Schritt zur Erfolglosigkeit. Als Spieler kann ich einen Trainer nur akzeptieren, wenn er seinen Worten auch Konsequenzen folgen läßt. Es wäre traurig, wenn über die Nummer 1 bei der WM nicht allein die Leistung entscheiden würde. Seit Beginn der Rotation sage ich: Wenn einer besser ist als ich, muß er spielen. Aber wenn ich besser bin, dann muß ich spielen. Leider gibt es darüber in Deutschland selten fachliche Begründungen. Die sogenannten Experten können oft nicht mehr beurteilen, was wichtig ist im Fußball von heute. (…) War Arsène Wenger eigentlich auch nach Frankfurt eingeladen?“

Die maßgeblichen Lobbyisten bewerten mich nicht differenziert

Was Lehmann unter modernem Torwartspiel versteht, erzählt er dem Magazin Rund in einem sehr lesenswerten Interview: „Wenn man zehn Paraden macht, war die Abwehr schlecht gestellt. Je besser die Abwehr steht, desto weniger muss man halten. Darauf hat der Torwart einen großen Einfluss. Die Zuschauer denken dann natürlich immer, man hätte nichts zu tun gehabt, aber Trainer und Mitspieler werden zufrieden sein. (…) In Bezug auf die Nationalmannschaft war es immer mein Hauptproblem, wie über mich berichtet wird. Die maßgeblichen Lobbyisten bewerten mich nicht differenziert. Ich kenne deren Hintergründe, muss solche Meinungen aber akzeptieren. Ich weiß jedoch von meinen beiden Auslandsstationen, dass meine Wahrnehmung im Ausland eine andere ist als in Deutschland. Aber daran werde ich nichts mehr ändern. Mein Spielstil ist so wenig spektakulär, da wird sich in der öffentlichen Meinung nicht viel tun. Die Meinung wird maßgeblich von Leuten beeinflusst, die mir sportlich nicht wohl gesonnen sind, warum auch immer. Persönlich habe ich mit niemandem Probleme. Seitdem mir allerdings sogar Franz Beckenbauer einen sportlichen Ritterschlag verliehen hat, bin ich ganz optimistisch.“

Die Bild-Zeitung spricht mittlerweile mit einer auffälligen Selbstverständlichkeit von der „Bayern-Lobby“, was eine Kritik an deren Macht bedeuten muss. Wer oder was ist die Bayern-Lobby? Wie funktioniert sie? Ein Beispiel vielleicht: Karl-Heinz Wild, Chefreporter beim kicker, früher verantwortlich für die Berichte über den FC Bayern, heute für die Nationalelf, hat kürzlich im DSF eingeräumt: „Man muss zugeben (!), dass Lehmann im Moment sehr gut spielt.“ Die Sprache ist die Mutter und nicht die Magd des Gedankens des Gedankens, sie verrät den Standpunkt. Diesen Satz hätte auch Uli Hoeneß sagen können. Warum sollte ein Unvoreingenommener etwas über seinen Berichtgegenstand zugeben müssen?

Bayern immer gefräßiger – noch mehr Geld, noch mehr Macht

Ich muss zugeben, dass die Sport Bild zurzeit den Bayern ganz schön die Leviten liest. In der aktuellen Ausgabe heißt es auf Seite 1 und in Schlagzeilen über die TV-Verhandlungen: „Bayern immer gefräßiger – noch mehr Geld, noch mehr Macht“ und weiter im Text: „Rummenigge giftet gegen die Liga, bei den neuen Plänen kann es einem angst und bange werden. Ob bei Spielern, Bossen oder in der Rechtsabteilung – an allen Fronten kämpfen sie darum, ihre Vormachtstellung auszubauen.“ Letzte Woche hat die Sport Bild die Bayern an „ihr Versprechen erinnert, daß sie das Gerüst der Nationalelf bilden wollten“ und gemahnt, „daß dies schwer möglich ist, wenn Abwehr und Angriff mit Söldnern aus Brasilien und Frankreich, Peru, Holland und Paraguay besetzt sind.“ Über das Frankreich-Spiel, zu dem „Sport Bild, die Nr. 1 im Sport“ gemeinsam mit DFB-Sponsor Bitburger ein großes Dossier publiziert, fürchtet der Chefredakteur im Prolog: „Wenn die Deutschen diese eine Chance nicht nutzen, endlich eine Supermacht aufs Kreuz zu legen, hat Klinsmann seinen Kampf gegen die Besitzstandswahrer in der Bundesliga verloren, denen er mit neuen Ideen und Methoden Angst eingejagt hat. Die haben nämlich kein Interesse daran, daß da einer kommt, um ihr erobertes Terrain zu bestreiten: Einer, der ihr Training kontrolliert, den Profis weniger Erholung gönnt, sogar verdiente Spieler in Frage stellt, mit den Herren Rudi Assauer und Uli Hoeneß nicht täglich ein Bier trinkt, kurz: der sich nicht von der Liga ins Korsett zwängen läßt.“

Die Bayern geben nicht mehr alleine den Ton an

Klaus Allofs im Interview mit Michael Horeni (FAZ)
FAZ: In diesen Tagen hört man anders als zuletzt kein öffentliches Gemäkel über die Torwartrotation, die amerikanischen Fitnesstrainer und den Wohnsitz von Klinsmann. Ziemlich ungewohnt.
KA: Das ist die Konsequenz aus dem Treffen in Frankfurt.
FAZ: Ist das öffentliche Schweigen der Liga schon der konstruktivste Beitrag des Profifußballs im Hinblick auf eine erfolgreiche WM – oder kommt da noch ein bißchen mehr?
KA: Das Wichtigste ist, daß man optimale Bedingungen für die Nationalmannschaft schafft – dafür reicht ein schöner Rasenplatz nicht aus. Die Stimmung im gesamten Umfeld muß gut sein. Was in den letzten Wochen an öffentlichen Diskussionen stattfand, hat dazu nicht beigetragen. Da hat sich am Ende jeder zu Wort gemeldet und manchmal war gar nicht mehr nachzuvollziehen, ob einige Aussagen tatsächlich so gemacht wurden – und ob nicht Verantwortliche aus der Bundesliga für Geschichten in den Medien herhalten mußten, um Unruhe zu verbreiten. Das war kein Umfeld, in dem sich eine Nationalmannschaft weiterentwickeln kann. Deswegen war das Zusammentreffen so notwendig – und nicht, um fachliche Dinge bis ins letzte Detail zu besprechen. Wir haben nur eine Chance, eine gute WM zu spielen, wenn sich alle in den kommenden Monaten entsprechend verhalten und Diskussionen nicht mehr über die Medien geführt werden. Ich glaube, das haben alle verstanden. (…)
FAZ: Die Bremer gelten als besonnene Kräfte im deutschen Fußball. Aber an der Diskussion um die Nationalmannschaft beteiligen sie sich stärker denn je – kritisieren aber gleichzeitig die Aufgeregtheiten. Wie paßt das zusammen?
KA: Daß wir stärker wahrgenommen werden, liegt daran, daß wir vier, fünf Spieler in der Nationalmannschaft stellen. Unser Gewicht ist größer geworden. Wir haben im Sinne unserer Spieler und unseres Vereins reagiert – wir sind aber auch benutzt worden. Wir haben nie den Konflikt gesucht, sondern uns immer als Ratgeber in persönlichen Gesprächen gesehen.
FAZ: Sie wollen auch dem FC Bayern nicht mehr alleine das Wort im Profifußball überlassen, wenn es um die Nationalmannschaft geht.
KA: Wenn die Bayern, wie das in der Vergangenheit noch stärker der Fall war, einen Großteil der Nationalspieler stellen, ist es legitim, Einfluß auszuüben. Es ist auch richtig, daß Uli Hoeneß der Sprecher der Arbeitsgruppe Nationalmannschaft ist. Aber unseren Spielern kommt jetzt eine wichtigere Rolle als früher zu. Das hat sich verändert – und daß sich damit auch die Verhältnisse ein wenig verändern, ist doch normal. Es ist schon richtig: Die Bayern geben nicht mehr alleine den Ton an.

Die Bayern-Lobby, ein zentrales Thema der freistoss-Analyse Die deutsche Fußballnationalmannschaft im Umbruch

Mittwoch, 9. November 2005

Ascheplatz

Arenen der Selbstgefälligkeit

Die SZ kommentiert das Urteil des Bundesgerichtshofs, wonach Bundesliga-Vereine von Radiosendern Lizenzgebühren für ihre Berichte kassieren dürfen: „Das Recht der Öffentlichkeit auf Information über wichtige Ereignisse zählt offenbar wenig, wenn sich Fußballklubs in der kaufmännischen Champions League verkämpfen. Deshalb ist zu fürchten, dass bald auch Vertreter der Presse zahlen müssen, wenn sie sich in die neuerdings nach Konzernnamen getauften Sportstätten begeben. Erwünscht sind ohnehin nur gefällige Berichte, die den Marktwert der Spieler erhöhen. In diesen neuen Arenen der Selbstgefälligkeit hilft nur eines: Das Bundesverfassungsgericht muss ein Radiorecht auf Kurzberichterstattung fixieren. So etwas gibt es im Fernsehen auch.“

Schauplatz für Werbefeldzüge

„Das Geschacher um Götter“ – Michael Wulzinger (Spiegel) sieht für die WM 2006 eine Fortsetzung des WM-Finals 1998 voraus, ein Werbe-Duell in Berlin zwischen Adidas und Nike: „Brasilien gibt das beste Beispiel, wie Kommunen, Stadienbetreiber, Hoteliers und Vermarkter um die prominente Kundschaft werben. Um keine Mannschaft wird so intensiv gebuhlt wie um den Titelverteidiger. Denn wie kein anderes Team garantiert die Seleção mediale Dauerpräsenz, und ganz nebenbei verhelfen Tausende trommelnder und Samba tanzender Menschen selbst trübsten deutschen Innenstädten noch zu spektakulären Bildern. (…) Es zeichnet sich ab, dass Berlin im kommenden Sommer für viereinhalb Wochen nicht nur die Kapitale des Weltfußballs ist; Berlin wird während der WM auch der Schauplatz sein, an dem sich die zwei weltgrößten Sportartikelkonzerne Adidas und Nike Werbefeldzüge bislang ungekannten Ausmaßes liefern werden. Denn Adidas wird mit der DFB-Auswahl seinen wichtigsten Bannerträger vor Ort haben – und Nike mit den Brasilianern vermutlich auch. (…) In Berlin, so viel steht fest, werden die monströs großen Aufnahmen von Spielern wie Ronaldinho, Robinho und Ballack im nächsten Sommer ganze Straßenzüge dominieren.“

To build success, not to buy success

Felix Reidhaar (NZZ) protokolliert Ziele und Probleme (oder auf doofdeutsch: Zielsetzungen und Problemstellungen) Peter Kenyons, Chief Executive Officer des FC Chelsea: „Unter Chelsea stellen sich nicht nur Briten gemeinhin Vornehmes, geschichtlich Bedeutendes und städtebaulich Wegweisendes vor. Die „Königliche Stadt“ der Literaten und Künstler, der Lords und Grafen ist im Begriff, neuzeitlich Relevanz im Weltfussball zu erlangen. Das gestaltet sich insofern schwieriger, als der traditionell konservative Engländer dem mächtig aufstrebenden Chelsea FC mit skeptischem Nasenrümpfen begegnet. Von Neureichen ist die Rede, mit verdächtig sauberen russischen Petro-Rubels aufgemotzten Kickern (…) An Beliebtheit haben sie noch nicht gewonnen, auch nicht an internationaler Strahlenwirkung, die fast allein heute Wachstum für einen Profiklub verspricht. Kenyon scheint ein geeigneter Kopf, um an der Spitze des Chelsea FC die Herausforderungen richtig anzupacken. Wie er feststellte, heisst das Leitmotiv des Vereins und seines Besitzers Roman Abramowitsch entgegen der landläufigen Meinung to build success, not to buy success. Wer dem Geschäftsmann und seinen präzis gewählten, besonnenen und gescheiten Worten zuhörte, war rasch zur Korrektur vorgefasster Meinungen bereit. (…) Woran dem Chelsea-Geschäftsführer in seinem Business-Plan besonders liegt, ist der Ausbau der Marktstellung, die Globalisierung der Marke Chelsea – gerade in Verbindung mit dem Brand London, einem der drei wichtigsten Wirtschaftszentren der Welt und Austragungsort der Olympischen Sommerspiele 2012.“

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