Mittwoch, 26. Oktober 2005
Vermischtes
Henkes Peinlichkeit ist pikant
Man trifft deutsch
Eintracht Frankfurt haut, schon wieder, auf die Pauke: 6:0 gegen Schalke, die Pressetribüne applaudiert: „Eines der besten Fußballspiele, das man in den vergangenen Jahrzehnten in Frankfurt gesehen hat“ – und in Frankfurt hat man in den vergangenen Jahrzehnten einige gute Spiele gesehen, will uns die FAZ damit sagen. Wir erinnern uns, Fußball 2000 mit Uwe Bein und Anthony Yeboah. Wird die Eintracht, die plötzlich zwölf Tore in drei Tagen geschossen hat, neu erblühen? Nebenbei: Spitzenfußball im Jahr 2000 sah anders aus, nämlich schneller, als man es sich in Frankfurt in den 90ern vorgestellt hatte. Bild freut sich angesichts der Zahl deutscher Eintracht-Profis besonders: „Man trifft deutsch“. Schalkes Welt hingegen ist zurzeit grau und schwarz. Die Niederlage sei „nicht nur ein Betriebsunfall“, stellt die WAZ fest. „Schalke 06“ – die Eintracht-Fans im Stadion besitzen das Urheberrecht für diesen Kalauer, Bild wird sich für ihn vermutlich noch tagelang nicht zu schade sein. Weitere Themen: „Vorhang auf im Zirkus Werder: 128 mitreißende Pokalminuten“ (FAZ) und Michael Henkes „Ossi“-Beleidigung.
Spielkultur
Eintracht Frankfurt zelebriert Fußball, und Ralf Weitbrecht (FAZ) sucht nach Worten: „Die Eintracht hat Schalke düpiert. Oder soll man besser sagen: deklassiert, demontiert, demoralisiert? Dieser Fußballfesttag wird noch lange haftenbleiben. Die Eintracht hat eine Mannschaft, die nach monatelanger Findungsphase endlich das Gesicht erhalten hat, das ihr am besten steht. Geprägt von zwei Profis, die gleichsam für den aktuellen Aufstieg der Frankfurter und das Niveau an Spielkultur stehen, das derzeit für Raunen in Deutschland sorgt: Alexander Meier und Francisco Copado. Wieder erlebten die beiden eine Sternstunde des Fußballs.“
FAZ: Tacheles bei Schalke 06 – Anschauungsunterricht für Jürgen Klinsmann
Artisten
Werder Bremen, Sieger im Elfmeterschießen gegen Wolfsburg, sei jeden Euro Eintritt wert, meint Frank Heike (FAZ): „Alles, was Fußball bunt und vergnüglich macht, war ursächlich von den Bremer Profis ausgegangen. Im Zirkus Werder unter freiem Himmel hatten Schaafs Artisten die Arbeiter aus Wolfsburg zu einem Spektakel eingeladen, und die Wolfsburger nahmen die ihnen zugeteilte passive Rolle gern ein. Das Publikum ging zufrieden nach Hause, und alle Diskussionen um die Abkehr vom Bremer Erlebnisfußball hatten sich in Wohlgefallen aufgelöst. Diese Mannschaft kann nur aufregend spielen, und wenn sie es einmal nicht schafft, ist es nur eine moderate Schaffenspause wie zuletzt in Udine und Hannover.“
Peinlichkeit
Patrick Krull (Welt) erschrickt über Michael Henkes Rüpelei („Ossis“): „Henkes Peinlichkeit ist pikant. Mit Sportdirektor Olaf Marschall und den Spielern Ingo Hertzsch, Marco Engelhardt und Carsten Jancker waren allein auf Kaiserslauterer Seite vier Ostdeutsche peinlich berührt. ‚Marschall fühlte sich als Betroffener, und bei den drei Spielern war Ernüchterung zu spüren’, berichtet René Jäggi. Ausgerechnet der Sachse Engelhardt ebnete mit seinem Treffer zum den Einzug in die dritte Pokalrunde. Es war die Ironie dieses Pokalabends.“ Wolfgang Gärner (SZ) befasst sich mit der Folge: „Henke ist so was von in den Fettnapf getreten, dass Sorge um seine berufliche Zukunft angebracht erscheint.“
Sollen die sich doch mit Ballack blamieren
Volker Zeitler (Welt) verfasst eine Glosse in Form eines offenen Briefs an Henke: „Sehr geehrter Herr Henke! Danke! Sie haben mich daran erinnert, wie Sie unter den Sch…Ossis gelitten haben und noch leiden müssen. Daß Ihre Karrierebilanz von Sammer, Freund, Heinrich, Linke, Jeremies, Jancker und Zickler mit Weltpokalen, Champions-League-Siegen, deutschen Meisterschaften und DFB-Pokalen verunziert wurde, haben Sie nun wirklich nicht verdient. (…) Im übrigen fordere ich – wie wohl auch Sie –, daß die Sch…Ossis mit ihrer eigenen Mannschaft zur WM fahren. Sollen die sich doch mit Ballack blamieren.“
Schrecken verloren
Aachen verliert 1:2 gegen Hannover – Christoph Biermann (SZ) ist von den Zuschauern enttäuscht: „Beim Publikum haben sich die Ansprüche geändert. Bejubelte es früher gerade in solchen Partien bedingungslos jeden Zweikampf, muss die Mannschaft heute auch spielerisch in Vorleistung treten. Gegen Hannover brodelte der Tivoli nur manchmal, wie er überhaupt für Gastmannschaften seinen Schrecken verloren hat.“
Ball und Buchstabe
Pathologisches Verhalten
Jens Anker (WamS) warnt Fernsehen und Verbände vor der Wettsucht ihrer Kunden: „Erste Auswüchse der Partnerschaft zwischen Kickern und Zockern lassen sich im DSF verfolgen. Bei den Live-Übertragungen von Fußballspielen rückt das sportliche Geschehen dort zunehmend in den Hintergrund. Die aktuellen Wettquoten, in Echtzeit auf der Mattscheibe präsentiert, regieren den Bildschirm, gleichzeitig animieren die Kommentatoren die Zuschauer dazu, ihre Wetten auf den Ausgang der Partie zu plazieren. Journalisten degenerieren zu Animateuren der Wettanbieter. Doch das ist nur ein Vorgeschmack auf das, was in den nächsten Jahren auf die Fußballgemeinde zukommt. Statt sich mit der Kehrseite des Wettgeschäfts, dem steigenden Suchtpotential, auseinanderzusetzen, planen DFB und DFL, die sich gern damit schmücken, Gesundheit und Fair-play-Erziehung der Jugend zu dienen, die Einführung eines eigenen Wettangebots zur Saison 2007/2008. (…) Dem krankhaften Spielen würden durch das anonyme Umfeld Tür und Tor geöffnet. Diese Befürchtung wird durch eine Studie der Universität Bremen über die Gefahren der Internet-Sportwetten bestätigt. Die Wissenschaftler belegten schnell auftretendes, pathologisches Verhalten. Schon nach zwei bis drei Monaten zeigten die Probanden Symptome von Sucht.“
Unterhaus
Schalke des Ostens
Erzgebirge Aue, heute Pokal-Gegner der Bayern, ist nach wie vor der Liebling aus dem Osten: bescheiden und fleißig, klein und fein. Matthias Wolf (FAZ) schätzt den Auer Kaufmannssinn: „Alle reden von Hansa Rostock, Energie Cottbus oder Dynamo Dresden. Doch Erzgebirge Aue, das ist im Grunde der wahre Vorzeigeverein des Ostens. Zu DDR-Zeiten war Wismut Aue (den Namen skandieren die Fans noch immer) nicht nur dreifacher Meister, sondern galt auch aufgrund des Uranerzabbaus und wegen seines begeisterungsfähigen Publikums als Schalke des Ostens. Vor fünfzig Jahren gewann Aue das einzige Mal den Pokal. Im Erzgebirge hat man im Gegensatz zu vielen Konkurrenten die Wende finanziell unbeschadet überstanden.“ Ronny Blaschke (SZ) ergänzt: „Der FC Erzgebirge führt ein Leben im Sinne des Sparschweins – das macht ihn so erfolgreich. (…) Der Standortnachteil war auch ein Vorteil. Aue, 18 500 Einwohner, im Winkel zwischen Thüringen, Bayern, Tschechien gelegen, war für Profilierungsprofis nicht besonders attraktiv, sie ließen sich lieber in Leipzig, Dresden oder Magdeburg nieder. Während in anderen Traditionsklubs Monopoly gespielt wurde und die Schulden wuchsen, versammelte sich im Schutz der Auer Abgeschiedenheit ein Team unverwüstlicher Erbsenzähler. Aus Wismut Aue entwickelte sich ein mittelständisches Unternehmen, dessen Führungskräfte nicht auf Nostalgie setzten, sondern auf betriebswirtschaftliche Grundsätze.“
Bundesliga
Gegenmodell zum Prinzip Klinsmann
Daniel Theweleit (BLZ) misst den Anteil Horst Köppels am Aufschwung Borussia Mönchengladbachs, womit der indirekte freistoss seine Äußerung, alle Zeitungen außer der Bild ignorierten Köppel, (siehe if v. 24.10.) zurücknimmt: „Der 57-Jährige ist anders als die eloquenten, Reden schwingenden Trainerkollegen – er ist gewissermaßen das Gegenmodell zum Prinzip Klinsmann. Köppel ist ein gemütlicher Typ, stets freundlich und verbindlich, seine Aussagen sind schlicht, er hat der Welt keine großen Fußballgeheimnisse zu verkünden. Seine Leistung ist eine andere: Die Installation eines Wohlfühlklimas (…) In den vergangenen fünfzehn Monaten ist Köppel der dritte Trainer, der Klub hat 22 Spieler verpflichtet, von denen 5 den Verein wieder verlassen haben. In diesem Umfeld des ständigen Wandels entwickelte das Team lange kein funktionierendes Gefüge. Der Transferwahnsinn der Herren Hochstätter und Advocaat ist mit Köppels Erfolgen endgültig gescheitert.“ Till Schwertfeger (Welt) fügt hinzu: „Köppel ist es offenbar gelungen, in dem durch unzählige Spielerkäufe aufgeblähten Kader ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu erzeugen.“
Deutsche Elf
Was hat dieses Land bloß für Sorgen!
Na gut, also die Auswertung des „Krisengipfels“: Sehr unterschiedlich fallen die Meinungen aus, auch darüber, und das vorweg, was von der ganzen Sache zu halten ist. Jörg Hahn (FAZ) kann die Debatte nicht ganz ernst nehmen: „Was hat dieses Land bloß für Sorgen! Im Sommer war eines der großen, von Meinungsforschungsinstituten ausgeleuchteten Themen die Frage, ob das Bundeskanzleramt eine Frau verträgt. Mit nahezu derselben Wucht wird nun eruiert, wo der Fußball-Bundestrainer wohnen darf oder wohnen sollte. Sehen wir es doch mal so: Wollen wir wirklich einen Mann haben, der zum großen Ziel WM-Titel von Trochtelfingen aus startet? Liebe Trochtelfinger, die Alb ist schön. Es war nur Spaß, bitte bloß keine Leserbriefe.“
Alles bleibt, wie es ist
Zwei Erkenntnisinteressen leiten die Berichte: 1. Gibt es Gewinner und Verlierer? 2. Gibt es Ergebnisse, wenn ja: welche? Zu Frage 1: „Klinsmann darf sich als Gewinner fühlen“, behauptet die FAZ, weil es den Liga-Bossen nicht gelungen sei, ihn inhaltlich klein beigeben zu lassen. Der Tagesspiegel kommt zum selben Ergebnis: „Am Ende eines Tages der Aufregungen steht Klinsmann als Gewinner fest.“ Matti Lieske (BLZ) rechnet mit Stillstand in dieser großen Koalition: „Sollte sich die Runde tatsächlich in der behaupteten Harmonie aufgelöst haben, hätten sich die Vereinsvertreter vom Bundestrainer prächtig über den Tisch ziehen lassen. Als Werner Hackmann die Installation des Arbeitskreises verkündete, lächelte Klinsmann so süffisant wie Edmund Stoiber, wenn Angela Merkel redet. (…) Alles bleibt also, wie es ist.“ Frank Lamers (WAZ) hingegen sieht Klinsmann vom Weg abgekommen, und zwar für immer: „Er hat die Bildung einer Wichtigmacherrunde akzeptiert. Und statt Uli Hoeneß zu erklären, wie man eine Mail-Box abruft, hat er mehr Anwesenheit zugesichert. Er hat sich gekrümmt und gebeugt und damit vor den wachen Augen der Gruppe, die an ihn glauben muss, das System Klinsmann irreparabel zerstört. Gewonnen haben die Altvorderen aus der Bundesliga. Nur spielen die gar nicht bei der WM.“
Rüffel für Klinsmann
Was bedeutet es, dass Uli Hoeneß zum Sprecher des Haufens erkoren worden ist? Frank Hellmann (FR) wertet es als Disziplinierung Klinsmanns: „Diese Personalentscheidung, von der Hoeneß am Telefon erfuhr (!), verdeutlicht, wie heftig der Rüffel für Klinsmann ausfiel. Doch wer das Ballyhoo und den nur ausweichend Auskunft gebenden Klinsmann erlebte, der wird den Eindruck nicht los, als mache der kalifornische Alleinentscheider am Ende ja doch wieder, was er für richtig hält. (…) Noch immer wirkt er beratungsresistent, wenn es um die Empfehlung geht, im WM-Jahr häufiger in Deutschland zu verweilen.“
Rat der Fußballweisen
Zu Frage 2, den Ergebnissen: „Klinsmann und die Liga-Manager schließen Frieden, ohne inhaltlich weiterzukommen“, tadelt die SZ; die Berliner Zeitung hegte erst gar keine Hoffnung: „Das Treffen verpufft wie erwartet in heißer Luft.“ Mike Glindmeier (SpOn) unterscheidet zwischen Wort und Sinn: „Die Diskussion über den Wohnort des Bundestrainers ist etwa so inhaltsleer wie das Ergebnis des vermeintlichen Gipfeltreffens. Vielmehr hat es den Anschein, als sei der Rat der Fußballweisen lediglich dafür eingerichtet worden, die Geltungsbedürfnisse einiger Bundesliga-Funktionäre zu befriedigen.“ Die Seite 1 der WAZ zeigt ein Foto von Klinsmann im Zwielicht und unter der zweifelgeprägten Schlagzeile: „Klinsmann lässt sich jetzt öfter sehen. Sagt er“.
Unterschiedliche Schlüsse sind aus der Lektüre von Bild und Sport Bild zu ziehen. Bild wünscht naiv: „Die Liga bekommt mehr Einfluß auf die Nationalelf. Hoeneß und Assauer sind die neuen Aufpasser des Bundestrainers – damit wir aus der Krise kommen und Weltmeister werden.“ Die Sport Bild ficht die Mitbestimmung der Liga an und verweist darauf, dass in den Mannschaften der Klinsmann-„Berater“ (Bayern, Schalke, Stuttgart, Berlin) mit Ausnahme von Bremen nur wenige Deutsche spielen. Meine Lieblingsschlagzeile gehört Spiegel Online: „Hoeneß wird Klinsmanns Super-Nanny“. Mal nebenbei: Was ist das nur für eine Vermessenheit der Liga-Offiziellen, sich in die Torwartfrage einzumischen – und damit in den sportlichen Belang des Bundestrainers?
Er wird lernen müssen, dass Fußball ein Mannschaftssport ist
Es fällt auf, dass die SZ, die im Ruf steht, Klinsmann zu unterstützen (siehe die freistoss-Presseanalyse Die deutsche Fußballnationalmannschaft im Umbruch), ihn seit einigen Wochen kritischer behandelt. Christof Kneer (SZ/Seite 1) fordert von Klinsmann Einsicht und Kooperation bei der Umsetzung seiner Ziele: „Vieles spricht dafür, dass Klinsmann Recht hat mit seiner Fundamentalkritik am Fitnesszustand vieler deutscher Nationalspieler. Verständlich ist aber auch, dass sich die Ligatrainer durch Pauschalvorwürfe aus Übersee in ihrer Berufsehre gekränkt fühlen. Es hat ja einen gewissen Charme, dass Klinsmann sich als Projektleiter versteht, aber das Problem ist wohl, dass er sein Projekt am liebsten von allen Zwängen abkoppeln würde. So ist die Nationalelf zuletzt immer mehr ein Insidergeschäft von Jürgen Klinsmann geworden. Acht Monate vor der WM wird der ehemalige Mittelstürmer nun wohl lernen müssen, dass Fußball ein Mannschaftssport ist.“
E-Mail lehnt Hoeneß aus ideologischen Gründen ab
Schließlich ein Hinweis von Philipp Selldorf (SZ): „Begonnen hatte das Meeting standesgemäß mit einer von Klinsmann kommentierten Power-Point-Präsentation, was einige Beobachter besonders überzeugend fanden, dem Opponenten Uli Hoeneß aber vermutlich eher als Provokation erschien. Hoeneß ist kein großer Freund der modernen Management- und Kommunikationsmittel, Verkehr via E-Mail lehnt er aus ideologischen Gründen ab.“ Warum nur? Auch im Internet kann man SCHREIEN, HERR HOENESS!
FTD-Interview mit Oliver Neuville, „fast unbemerkt immer noch einer der besten deutschen Stürmer“
Dienstag, 25. Oktober 2005
Internationaler Fußball
Geduld ist etwas, was von einem Machtmenschen nicht zu erwarten ist
George Burley, Trainer des schottischen Tabellenführers Hearts of Midlothian, tritt zurück oder wird zum Rücktritt gedrängt, und die Journalisten reiben sich die Augen. Ein Erklärungsversuch Markus Lotter (Welt): „Romanow nimmt im Gegensatz zu seinem Pendant Roman Abramowitsch in Anspruch, alleiniger Entscheidungsträger zu sein. Er verpflichtete ohne Rücksprache mit Burley Spieler und gab die Ziele vor: ‚Ich will Meister werden und in ein paar Jahren im Champions-League-Finale stehen.’ Burley riß diese Traumschlösser seines Chefs in der Öffentlichkeit immer wieder ein, sprach von einem kontinuierlichen Aufbau. Geduld ist jedoch etwas, was von einem Machtmenschen wie Romanow nicht zu erwarten ist.“
Claus Vetter (Tsp) fügt hinzu: „Wer den Zielen Romanows im Weg steht, muss gehen. So wie George Burley. Zur Trennung vom Trainer äußert sich der Verein nicht.“
Gummiwand
Martin Pütter (NZZ) registriert ein auffälliges Phänomen in England: Teams, die unerwartet an die Tabellenspitze vorstoßen, steigen bald ab. In dieser Saison steht der Tabellenvierte des Vorjahres, der FC Everton, am Tabellenende, obwohl er am Wochenende immerhin 1:1 gegen Chelsea gespielt hat: „Wie heuer die ‚Toffees’ hatten schon andere Vereine wie Ipswich Town und die beiden diesjährigen Aufsteiger Sunderland und West Ham United in der Vergangenheit erfahren müssen, dass von der Gummiwand an der Premier-League-Spitze jeweils abprallt, was zu schnell nach oben kommt. Vor fünf Jahren hatte sich Ipswich, nach vier Jahren erfolgloser Versuche in den Play-offs endlich in die oberste Spielklasse zurückgekehrt, zum Höhenflug angeschickt. Am Meisterschaftsende qualifizierten sich die ‚Tractor Boys’ als Fünfte für den Uefa-Cup – und stiegen eine Saison später wieder ab. Auch Sunderland und West Ham United hatten um die Jahrtausendwende ähnliche Erwartungen gehegt. Kaum hatten sie mehr erreicht, als es Anhänger und Medien erwartet hatten, trat (fast) unmittelbar der Abstieg ein. Was sich wie ein roter Faden durch die Entwicklung von Everton und der anderen drei Klubs zieht, ist das Ausbleiben der gewünschten Verstärkungen sowie ein Absinken der Form der zuvor massgebenden Professionals.“
Krippenspiel
Römer Derby – Peter Hartmann (NZZ) erzählt die neueste Folge der italienischen Fußball-Soap: „Wenn brasilianische Fussballer ein Baby kriegen, dann schiessen sie ein Tor und tanzen mit wiegenden Armen den Vater-Samba. Nun war auch ein Ur-Römer gefordert im 125. Derby – ein Krippenspiel in der Arena hat die Ewige Stadt noch nie gesehen, in der Aufführung von Francesco Totti (Regie und Hauptdarsteller). Der Roma-Häuptling schlenzte den Ball mit dem rechten Aussenrist aus spitzem Winkel ins Netz. Nach diesem Eröffnungsakt legte sich der Gladiator hinter dem Tor nieder, schob sich den Ball mit Hilfe seiner Mannschaftskomplizen unter das Trikot und mimte vor den Augen seiner hochschwangeren Frau Ilary, die auf der Tribüne in einen gefährlichen Lachanfall ausbrach, die Geburt.“
Bundesliga
Bayer Leverkusen – VfB Stuttgart 1:1
Ein Spiel mit Resonanz in der Presse – ungewöhnlich für ein Spiel des Zehnten gegen den Neunten; erwartungsgemäß, wenn man bedenkt, dass zwei Mannschaften spielen, die bisher sehr enttäuscht haben. Tenor: Der VfB Stuttgart wird gelobt – mit Bedacht und in doppelter Verneinung; die Redaktionen sind aus der Übung gekommen: Der VfB dürfe „nicht unzufrieden“ sein, schreibt die FAZ. „Wann verlässt der VfB die Intensivstation?“, fragt die Stuttgarter Zeitung auf Krankenbesuch und beschwört die „Selbstheilungskräfte“ des Teams; auf Trainer Giovanni Trapattoni, schweigend und skeptisch beobachtet, zählen die Journalisten bei der Genesung wohl nicht mehr. Am Sonntag veröffentlichte die FAS einen Artikel über Timo Hildebrand, aus dem hervorgeht, dass der „Rädelsführer wider Willen“ sich Kritik an Trapattoni verkneife und zurzeit einfach seine Bürger- und Spielerpflicht erfülle: spielen und schweigen.
Der Patient VfB atmet wieder gleichmäßiger
Wie geht’s dem VfB? Mathias Schneider (StZ) hat mit dem Arzt gesprochen: „Zwar bleibt die Situation sowohl in tabellarischer Hinsicht als auch in Bezug auf den Arbeitsplatz des Trainers angespannt. Doch vor allem aus dem Umstand, dass man erstmals in dieser Spielzeit das Schicksal in die eigenen Hände genommen hat, schöpfen die Protagonisten Zuversicht. (…) Der Patient VfB atmet wieder etwas gleichmäßiger; über den Berg ist er noch lange nicht. Sollte gegen Hansa Rostock im Pokal ein peinliches Aus folgen, drohen bereits wieder gravierende Herz-Rhythmus-Störungen.“
Flüssiges Offensivspiel
Christoph Biermann (SZ) vergleicht die Lage der zwei Vereine: „Zum ersten Mal in dieser Saison konnte man Giovanni Trapattoni seine optimistischen Versprechen wirklich glauben, denn der VfB Stuttgart stellte das bessere Team. Aus defensiver Ordnung entwickelte Stuttgart ein flüssiges Offensivspiel mit hoher Ballzirkulation und vielen Torchancen. (…) In Leverkusen hingegen besteht traditionell nicht so sehr das Problem, dass die Spieler zu ängstlich auf der Bremse stehen; das Problem liegt eher in ihrer Neigung, das Gaspedal nicht entschlossen durchzutreten. Insofern war Michael Skibbe bei seinem Heimdebüt nicht unzufrieden.“
taz-Spielbericht
FAS-Interview mit Michael Skibbe über seine Aufgabe in Leverkusen und seine Haltung in der WSD, der „Wohnsitzdebatte“
Treibjagd
Weiter auf der Agenda: Passt Uwe Rapolder nach Köln? Auffällig dabei: die Betonung des Kölner Milieus, sprich: Medienkritik am Kölner Boulevard. „Rapolder droht in Köln mit einer Arbeitsweise zu scheitern, die in Bielefeld funktionierte“, fürchtet der Kölner Stadt-Anzeiger, ein sachliches Gegengewicht zu den zwei Knallblättern Bild und Express. Stefan Osterhaus (NZZ) findet eine Mitschuld an der Kölner Misere bei den Boulevardblättern, die in Lukas Podolski verliebt sind: „Es ist nicht leicht, dieses Theater nachzuvollziehen. Doch um es ansatzweise zu begreifen, muss man Podolski spielen gesehen haben. Der Bursche ist eine Sensation, Rummenigge näher als dem Altersgenossen Rooney. Schussgewaltig, technisch brillant, spurtstark, aus allen Lagen feuernd, kurz: ein Finisseur. (…) Die Treibjagd auf Rapolder, der es wagte, den Sakrosankten einmal nicht von Beginn an aufzustellen, ist in vollem Gange. Es sind die alten Mechanismen, betrieben von den üblichen Verdächtigen. Der Boulevard fordert Exklusivität. Rapolder kam aus Bielefeld, dort hat der Boulevard keine Plattform. Rapolder hatte Ruhe, konnte jene leicht professorale Aura um sich spinnen, die nicht ins leutselige Rheinland passt. In Köln begibt er sich in ein mediales Sperrfeuer. Zwei konkurrierende Verlagshäuser mit ihren Blättern Bild und Express werben um Leser. (…) In Köln ist mit allerlei fragwürdigen Zutaten ein Konflikt kreiert worden.“
Christian Löer (Kölner Stadt-Anzeiger) stöbert in Rapolders Akte: „Bei Waldhof Mannheim eckte er richtig an, da waren die Konflikte allgegenwärtig. (…) Auch Rapolders Spieler in Bielefeld hatten es nicht leicht. Bloß waren sie folgsamer als jene, die Rapolder nun zu betreuen hat. Die Bielefelder Spieler waren ihrem Trainer und seinen Ideen in der Zweiten Liga bedingungslos hinterhergerannt, und sie taten es auch in der Erstklassigkeit. (…) Hat man schlicht einen Trainer verpflichtet, dessen Menschenführung nicht zu einem Traditionsklub wie dem 1. FC Köln passt, bei dem sich jeder Auswechselspieler als Star fühlt?“
Schadenfreude
Peter Ahrens (SpOn) misst Rapolder an seinen schlauen Worten von gestern: „Wie bei allen Beispielen von ‚Flieg nicht so hoch mein kleiner Freund’-Phänomenen mischt sich auch hier ein bisschen Schadenfreude in das Bedauern über den Tiefflug des Projektes FC 2006. Wer den Eindruck erweckt, er habe den Fußball zwar nicht komplett neu erfunden, aber zumindest erheblich zu seiner Weiterentwicklung beigetragen, hat mit einer gewissen Fallhöhe zu rechnen. (…) Konzeptfußball funktioniert dann, wenn eine Flanke genau auf den Kopf des Mittelstürmers geschlagen wird und der den Ball ins Tor köpft.“
In dieser Branche wird gelogen
Die Stuttgarter Zeitung fragt Klaus Toppmöller – zwar ohne direkten Bezug zum Fall Rapolder, doch auf den Subtext, wie der Philologe sagt, kommt es an. Toppmöller, auf sein eigenes Schicksal hinweisend, solidarisiert sich mit Rapolder: „Wenn ein Klub hinter den Erwartungen bleibt, brauchen die Medien und die Funktionäre ein Opfer: Das ist der Trainer. Um ihn öffentlich zu demontieren, werden täglich neue Nadelstiche gesetzt. Da wird in dieser Branche gelogen, dass sich die Balken biegen. (…) Vereinsführung und Zeitungen spielen Doppelpass – und wir sitzen am kürzeren Hebel. Was immer wir auch tun, in solchen Situationen wird uns alles negativ ausgelegt. (…) Drei Mannschaften stehen in der Tabelle immer unten, und deren Trainer sind die Deppen der Nation, die an allem schuld sind. (…) Ich wollte aus der Szene aussteigen – vor einem Jahr. Als klar war, dass Robert Hoyzer unser Spiel in Paderborn verschoben hatte, war ich fix und fertig. Diese Schweinerei war für mich der Anfang vom Ende beim HSV. Anschließend wurde ich plattgemacht. Der große DFB hielt es nicht mal für nötig, sich bei mir zu melden.“
WamS: Wie Sportmanager Michael Zorc Dortmunds Zukunft plant
FAZ: Fünf Jahre BVB-Aktie: Geschichte eines Mißerfolgs
Deutsche Elf
Der „Friedensgipfel“
Der „Friedensgipfel“, eine Nummer kleiner geht’s nicht im deutschen Fußball – heute treffen sich Jürgen Klinsmann und seine Freunde in der DFB-Zentrale, um .. ja um was denn? Vor allem, um dem Willen oder besser: dem Trotz der Bundesliga-Manager zu entsprechen, der Inhalt der Gespräche wird schon nicht so wichtig sein. Hauptsache, das Bürschchen gehorcht! Das Bürschchen, Jürgen Klinsmann, werde aber an seiner Arbeit und an seinem Wohnsitz nichts ändern, prognostiziert die Presse. Zu Recht, wie die argumentierenden Zeitungen im Allgemeinen finden. Die Bild-Zeitung hingegen kann Klinsmann nicht anders als vergiftet loben; sie zitiert, wie immer und ausgerechnet, Lothar Matthäus: „Der Bundestrainer macht im großen und ganzen gute Arbeit.“
Die Manager wollen, dass Klinsmann auf sie hört
Matti Lieske (BLZ) bemerkt zur Gesprächsbereitschaft Klinsmanns: „Die Diskussion um seinen Wohnort und die Vorwürfe mangelnder Kommunikationsfähigkeit haben ihn geärgert. Als er nach dem 1:0 gegen China bereit war, seinen Rückflug nach Los Angeles einen Tag zu verschieben, um mit den Managern zu reden, konnte einer der wichtigsten keine Zeit erübrigen, was sich durchaus als Affront werten lässt. Je mehr man ihn drängt, desto sturer werde er, sagen viele, die den Bundestrainer kennen, angesichts des gewaltigen Wirbels in den Medien und wohl nicht zuletzt wegen der in jüngster Zeit armseligen Darbietungen seines Teams ließ er sich jedoch überzeugen, dass ein Gespräch mit den Kritikern unumgänglich ist. In der Sache, daran gibt es keinen Zweifel, wird Klinsmann hart bleiben. (…) Auch wenn das Friedensgespräch friedlich verläuft, ist weiterer Ärger programmiert. Die Manager wollen ja nicht, dass Klinsmann mit ihnen redet, sondern, dass er auf sie hört.“
Lippenbekenntnis?
Ralf Köttker (Welt) rügt die Klinsmann-Kritiker für ihren scharfen Ton: „Natürlich läßt sich über die Experimente des Bundestrainers streiten. Trotzdem spielte die sachliche Kritik in einer immer emotionaler geführten Debatte eine immer untergeordnetere Rolle. Angreifbar hat sich Klinsmann durch seine Wohnortwahl gemacht. Daneben aber war auch vieles durch ein Mißtrauen gegenüber dem polarisierenden Trainerneuling motiviert. Klinsmann tut gut daran, der vorhandenen Skepsis mit mehr Offenheit zu begegnen und die für ihn so wichtigen Vereine für sich zu gewinnen. Die Liga sollte sich ihrerseits mit dem Bundestrainer arrangieren, wenn das als gemeinsames Ziel ausgegebene gute Abschneiden bei der WM nicht nur ein Lippenbekenntnis sein soll.“
Ertappt
Getroffene Hunde bellen, meint Stefan Hermanns (Tsp): „Wenn die Nationalmannschaft miserabel spielt wie zuletzt, hängt das weniger mit Klinsmanns Fitnesstests zusammen als mit dem bescheidenen Niveau der Bundesliga. Der Bundestrainer hat nur den richtigen Schluss aus dieser Misere gezogen. Einen Schluss, den der deutsche Fußball vor spätestens zehn Jahren hätte ziehen müssen: Wir müssen besser werden. In allen Bereichen. Was ist dagegen zu sagen? Vielleicht reagiert die Bundesliga so heftig, weil sie sich ertappt fühlt.“
Moderne Trainer geben Verantwortung ab
Das Thema, das die Berichte um den DFB und die deutsche Elf begleitet ist, wie der indirekte freistoss (v. 24.10.) vorausgesagt hat, das Training der Bundesliga, das deutsche Fußballtraining. Insbesondere das Konditionstraining ist auf dem Prüfstand. Der kicker entlockt Matthias Sammer Forderungen, wenn auch umständlich formulierte, an das deutsche Trainer-Wesen: „Wir müssen den Grundlagenaufbau überdenken: Wie schafft man Fitness für eine ganze Saison? In den anderen Ländern sind die physischen Voraussetzungen da. In Fragen des Spielsystems haben diese Länder zwanzig Jahre Vorsprung. (…) Der deutsche Fußball befindet sich in Spielweise und System im Umbruch; aber wir haben nicht mehr die frühere Athletik – oder die anderen haben aufgeholt. (…) Die Spitze liegt aktuell nicht in Deutschland, sondern bei den Klubs in England, den Nationalteams in Südamerika.“ Der Tagesspiegelbefragt Pedro Gonzalez, der eine Doktorarbeit über den Zustand des Konditionstrainings in der Bundesliga geschrieben hat ( siehe indirekter-freistoss v. 24.10.); Gonzalez wiederholt, doch mit anderen Worten: „Die Bundesliga steht, was die Nutzung sportwissenschaftlicher Erkenntnisse betrifft, auf dem Stand von 1978. Training ist nicht ausschlaggebend dafür, ob der Ball vom Oberschenkel ins Tor prallt oder an den Pfosten. Ein Ronaldinho kann auch mit Grippe den entscheidenden Pass spielen. Nur: Die einzige berechenbare Komponente im Fußball sind athletische Fähigkeiten. Es ist unverständlich, warum man nicht das Haus aufs Fundament setzt. (…) Das Fitnesstraining muss in den Händen von speziell ausgebildeten Leuten liegen, wie in England oder Holland. Das Problem ist, dass die deutschen Trainer alle Fäden in der Hand haben wollen. Die würden am liebsten noch den Bus fahren. Moderne Trainer geben Verantwortung ab.“
Montag, 24. Oktober 2005
Nachschuss
Nachschuss
Nachschuss
Das Runde muss in das Eckige – die alte Fußball-Weisheit gilt nicht nur auf dem Platz, sondern auch im Bücherregal. Fußball-Bücher sind längst zu einem wichtigen Zeitvertreib für die Stunden geworden, in denen der Ball nicht rollt. Auf dem sportorientierten Büchermarkt hat sich gerade in den letzten Jahren einiges bewegt: die „Intellektuellen“ blicken nicht mehr nur anlässlich von Welt- und Europameisterschaften über die Ränder ihrer Brillen und reflektieren, analysieren und kommentieren den Lauf des Leders.
In der Rubrik Nachschuss beschäftigt sich indirekter-freistoss mit Texten zum Thema, die über den Tag hinaus gedacht und geschrieben sind. Vorgestellt werden hier essenzielle Bestandteile der Fußball-Bibliothek: Standardwerke zu Geschichte und gesellschaftlicher Bedeutung des Fußballs stehen hier neben augenzwinkernden Sammlungen rhetorischer Fehlpässe, Betrachtungen zu Ökonomisierung und Medialisierung des Sports wechseln sich mit stimmungsvollen Erfahrungsberichten bekannter und unbekannter Protagonisten ab. Gelegentlich finden sich hier auch Ausflüge in die genuine Fußballliteratur oder Streifzüge durch die Welt der spiel- und taktikorientierten Lehrbücher. Die Nachschuss-Bibliothek erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit – Kommentare sind erwünscht, Selbstnominierungen für die Rezensentenbank nicht ausgeschlossen. Ansonsten gilt: das nächste Buch ist immer das schwerste.
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Fußball mit dem Hitlergruß
Von Detlev Claussen
Einer großen Aufmerksamkeit konnte man sicher sein. Im September 2005 wurde die Studie von Nils Havemann „Fußball unterm Hakenkreuz“ der deutschen Öffentlichkeit vorgestellt. Endlich hatte der Deutsche Fußball Bund reagiert und gerade noch rechtzeitig vor der Weltmeisterschaft seine Vergangenheit von einem unabhängigen Historiker aufarbeiten lassen. Dreißig Jahre waren seit Walter Jens´ skandalträchtiger Festrede im Frankfurter Schauspielhaus zur Fünfundsiebzigjahrfeier des DFB vergangen, als zum ersten Mal ein größeres Publikum auf die mangelnde Auseinandersetzung des deutschen Fußballs mit dem Nationalsozialismus dreißig Jahre nach dessen Ende hingewiesen wurde. Wie wenig der DFB durch diese Kritik für die Gegenwart sensibilisiert war, zeigte das Verhalten seiner Delegation bei der WM 1978 in Argentinien. Nicht nur zeigte man keine Scham, sich mit der Militär-Junta gemein zu machen, sondern man empfing auch alte, nach Argentinien geflohene Nazis wie das so genannte Flieger-As Rudel im Trainingslager Ascochinga. Dieser Unwille des DFB, sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinanderzusetzen und Konsequenzen für die Gegenwart zu ziehen, provozierte vor seiner Hundertjahrfeier einige kritische Fußballpublizisten, die Rolle des DFB und seiner Funktionäre nach 1933 unter die Lupe zu nehmen. Der DFB reagierte mit einem inzwischen von mehreren deutschen Firmen erprobten Verfahren: Er beauftragte im Dezember 2001 einen Historiker, die Geschichte der Organisation nach wissenschaftlichen Standards aufarbeiten zu lassen. Jetzt, im Herbst 2005, liegt das erschreckende Ergebnis vor.
Wer sich ein bisschen mit der Geschichte des DFB beschäftigt hat, wird nicht überrascht sein zu erfahren, dass er sich nach 1933 vorbehaltlos in den „Dienst des NS-Staates“ (S. 340) stellte. Havemann wird nicht müde zu betonen, wie „normal“ dieses Verhalten im Vergleich zur Gesamtgesellschaft war. Die gesamte Darstellung Havemanns durchzieht die Grundannahme vom „Faszinosum Hitler“, dessen Zauber die große Mehrheit der Gesellschaft erlegen ist. Der Historiker verteilt am Ende Schuld und Verantwortung mit dem Gestus eines gerechten Richters: Den DFB trifft Schuld wie fast alle in Deutschland außer den verfolgten Juden – aber auch nicht mehr. Wenn fast alle die gleiche Schuld trifft, hat auch niemand das Recht anzuklagen, sondern man kann nur noch feststellen, wie es gewesen ist. Havemann bleibt einer falschen Entscheidung verhaftet, nämlich weder in einen „anklägerischen“ noch „apologetischen Ton“ zu verfallen. Aber angesichts der nationalsozialistischen Verbrechen gibt es keinen Mittelweg, der zurück in das Ideal von Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts führt – sine ira et studio, unparteiisch, ohne Zorn und Eifer. Man muss lange in diesem Buch lesen, um herauszubekommen, was einen so unangenehm berührt: Nicht die Erkenntnis, wie etwas geschehen konnte, steht im Mittelpunkt der Darstellung, sondern die Gewissheit, wie es zu bewerten ist. Als Maßstab dient ein zur Schau getragener Realismus, den Havemann großspurig „nüchterne Betrachtung der Conditio humana“ (S. 7) nennt. Erklärtermaßen will er die Geschichte aus Personen erklären, nicht auf den Begriff bringen. Zur Verfügung steht ihm eine Mischung aus oberflächlicher Individualpsychologie und einer Anthropologie, die „zeitlose Phänomene wie Drang nach Machtstreben, Karrierismus, Drang nach wirtschaftlichem Gewinn, Gedankenlosigkeit, Selbstgerechtigkeit, Angst, Neid, ideologischer Fanatismus, Rücksichtslosigkeit, Brutalität, Opportunismus, Realitätsverdrängung, Egozentrismus, Eitelkeit und Ignoranz“ (S. 29) als Voraussetzung der „Einzigartigkeit“ der nationalsozialistischen Verbrechen zu identifizieren in der Lage ist. Selbst die harten Fakten verflüchtigen sich im Nebel banaler Allgemeinheiten.
Die Beziehung des DFB zur nationalsozialistischen Herrschaft löst sich in Personalgeschichten auf, von denen man nie weiß, wie repräsentativ sie sind. Nicht nur die Lektüre, sondern auch die Besprechung werden erschwert durch die Feindschaft Havemanns gegen jede Form von Struktur und Theorie. Er erzählt Einzelgeschichten, die ein differenziertes Bild der ganzen Geschichte vortäuschen sollen. Die publizistischen Kritiker des DFB bezichtigt er durch die Bank der Generalisierung, während er sich selbst, methodologisch begründet, in einander widersprechenden Einzelheiten verliert, die belegen sollen, dass alles Andere eine unzuverlässige Verallgemeinerung ist. Fragen nach Kontinuität kann Havemann mit seinem personalisierenden Ansatz gar nicht stellen. So liest sich das Ganze wie ein verspäteter Beitrag zum Historikerstreit – als ein 473 Seiten dicker Schlussstrich.
Der für den Fußball folgenreichste Kampf nach der „Machtergreifung“ war die Verhinderung des Profifußballs in Deutschland. Es lässt sich nicht leugnen, der DFB hat sich zentraler Elemente nationalsozialistischer Politik bedient, um bestimmte Interessen durchzusetzen. Der Kampf gegen den Professionalismus wurde mit nationalsozialistischer Hilfe und antisemitischer Propaganda gewonnen. Sie sicherte dem DFB nach 1933 sein organisatorisches Monopol, die nationalsozialistischen Sportführer versprachen sich eine olympische Goldmedaille 1936. Der Professionalismus folgte einer Logik fußballerischer Entwicklung, wie man am liberalkapitalistischen englischen, aber auch am faschistischen italienischen Beispiel sehen kann. Die mehrheitliche Aversion gegen Berufsfußball im DFB vor und nach dem Nationalsozialismus lässt sich nicht allein aus Pragmatismus gegenüber dem neuen Regime erklären. Die „Machtergreifung“ 1933 wurde vom DFB freudig begrüßt. Die Verbindung von Antiprofessionalismus und Antisemitismus liegt auf der Hand, der Ausschluss der Juden von allen wichtigen Ämtern im Fußball nach 1933 entschied einen seit der Mitte der zwanziger Jahre lang anhaltenden Kampf im DFB. Die Vermutung, dass diese Politik nicht „rasseideologisch motiviert“ gewesen ist, sondern ökonomisch und machtpolitisch, kann kein Argument für den nichtnationalsozialistischen Charakter des Antisemitismus im DFB sein. Die Motive antisemitischer Praxis können vielfältig sein; Ideologie ist ihrer Struktur nach aber in seltenen Fällen ein Motiv, sondern Rechtfertigung.
Die Geschichte von Otto Nerz und seinem Nachfolger Herberger könnte das Verhältnis von sich verändernder Gesellschaft, Nationalsozialismus und DFB illustrieren. Der erste Reichstrainer Nerz kam aus einem eher sozialdemokratischen Umfeld, trainierte bei Tennis Borussia, der als „Judenclub“ von seinen Feinden diffamiert wurde und vermittelte seinen Schützling Herberger aus Mannheim nach Berlin. Nach 1933 tat sich Nerz durch grauenhafte aggressive, antisemitische Artikel in der Presse hervor, die vor allem den Zusammenhang von Professionalismus und Judentum strapazierten. Havemann verliert sich in Spekulationen über „Angst, Neid und Schuldgefühle“ (S. 160), die diese Attacken verursacht haben sollen. Doch, wichtig ist nicht das Motiv, sondern die Aktion, durch die Juden im Fußball zu Freiwild der Verfolgung gemacht wurden. In der Tat war der DFB eine bürgerliche Sportorganisation, die keine Widerstandskraft gegen ihre nationalsozialistische Umfunktionierung entwickelte, sondern die neuen Bedingungen für ihre Ziele nutzte. Sepp Herberger, der kommende Mann als Reichstrainer, verfolgte sein Projekt Nationalmannschaft unter den neuen politischen Voraussetzungen kalkuliert karrieristisch, wie es schon Jürgen Leinemann in seiner lesenswerten Biographie vor Jahren herausgearbeitet hat. Aber das macht die Sache doch nicht besser: So viel Nationalsozialismus wie nötig, um die Nationalelf voranzubringen, und so wenig Nationalsozialismus wie möglich, um danach ungeschoren weitermachen zu können. Das verlogene Selbstbewusstsein, nicht aus ganzem Herzen von vornherein Nazis gewesen zu sein, machte doch die fatale Gewissheit aus, man müsse sich nach 1945 gar nicht selbstkritisch mit der nationalsozialistischen Vergangenheit beschäftigen. Aus diesem Grund konnte man auch nach 1945 immer wieder falsche Töne hören wie die des ersten Nachkriegspräsidenten Peco Bauwens, der das „Wunder von Bern“ 1954 so chauvinistisch deutete, dass sogar der Bayerische Rundfunk sich bemüßigt fühlte, aus einer Live-Übertragung auszusteigen. Bauwens war Linnemann im Amt gefolgt, der schon in Weimarer Zeit erbittert gegen die Berufsspieler gekämpft hatte und später als Kriminalist im Rang des SS-Sturmbannführers in Hannover diente. Seine Präsidentschaft im DFB und seine Beteiligung an der Herstellung der berüchtigten „Zigeunerkartei“ zeigen die Verflechtung von gesellschaftlichen Funktionen, die eine Studie über Fußball im Nationalsozialismus über die individuellen Geschichten hinaus hätte sichtbar machen müssen. Nur so würde das Klima verständlich, das dem HSV-Altstar Tull Harder, der als KZ-Wächter in Neuengamme gedient hatte, nicht nur nach seiner Freilassung 1951 einen begeisterten Empfang am Rothenbaum ermöglichte, sondern nach seinem Tod 1956 auch ein Ehrenbegräbnis, eingehüllt in eine HSV- Fahne.
Nils Havemann: Fußball unterm Hakenkreuz. Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz 2005. 473 S., 19,90 €.
Detlev Claussen ist Professor für Gesellschaftstheorie, Kultur- und Wissenschaftssoziologie an der Universität Hannover und lebt in Frankfurt am Main. Der Text erschien zuerst in den Frankfurter Jüdischen Nachrichten.
weitere Nachschüsse
Thorsten Schauerte & Jürgen Schwier (Hg.) (2004). Die Ökonomie des Sports in den Medien
Schwier & Fritsch: Fußball, Fans und das Internet
Was hat der Davidstern mit dem Lederball zu tun? Eine Sammelrezension von Detlev Claussen
Taylor: Samba, Coca und das runde Leder
Fanizadeh, HödlManzenreiter: Global Players. Kultur, Ökonomie und Politik des Fußballs
MarkovitsHellermann: Im Abseits. Fußball in der amerikanischen Sportkultur
GrüneNotbremse: Festtage an der Leine – Hannover96
DembowskiScheidle: Tatort Stadion
Cashmore: Making sense of sports
Massanek: Die wilden Fußballkerle
Bieber: Sneaker-Story; GoldmanPapson: Nike Culture
Pöppl. Fußball – Eine deutsche Leidenschaft
TegelbeckersMills: Quo vadis, Fußball?
Schilling: Der spielt wie ´ne Parkuhr
KistnerSchulze: Die Spielmacher
Loosen: Die Medienrealität des Sports
Bücher zur Trainingspraxis
Bundesliga
Eintracht Frankfurt – 1. FC Köln 6:3
„Wenn das kein Chaos ist, gibt es den Zustand nicht“, flunkert die SZ; „wenn sie es nicht einmal mit einem Mitaufsteiger aufnehmen können, mit wem dann?“, legt die FAZ ihre Stirn in Falten. Entsetzen über die Leistung der Kölner, doch die meisten Journalisten nehmen Uwe Rapolder in Schutz, indem sie auf die schwierigen Bedingungen verweisen, „den aufgeregten Kölner Boulevard“ (taz) und sogar die Fans – einerseits. Andererseits entsteht durch die Lektüre ein uneinheitliches und befremdendes Bild des Menschen Rapolder und seiner Menschenführung: Lebemann, Intellektueller oder beides? Oder nur ein „Hobby-Philosoph“, wie ihn die FR einmal despektierlich genannt hat. Zudem sickert Internes über seinen angeblich harten und kritisierten Ton mit Spielern durch. Rapolder blickt uns Zeitungslesern und Internet-Nutzern einige Male verängstigt und verstört entgegen, etwa auf stern.de.
Mangel an Geduld
Matti Lieske (BLZ) kritisiert das nervöse Kölner Umfeld und blickt auf das schwierige Programm der nächsten Wochen: „Sollte die Punktausbeute so gering sein, wie es zu erwarten ist, werden die Kölner Fans, die die borniertesten und realitätsfernsten der Liga sind, spätestens bei Karnevalsbeginn vollends Amok laufen. Und Rapolder wird sich fragen, warum er das gemütliche Bielefeld verlassen und sich in eine Stadt begeben hat, wo man das Mitspielen um die Uefa-Cup-Ränge und seit der Ankunft eines Messias namens Podolski eigentlich auch den Gewinn der Meisterschaft für selbstverständlich hält. Der Gedanke, einem erklärten Konzepttrainer die nötige Zeit zur Etablierung seines Systems einzuräumen, kommt den Kölner Fans jedenfalls so absurd vor wie das Ansinnen, Kölsch aus einem Pilsglas zu trinken. Und darauf, dass das ewige Auf und Ab des Vereins mit einem Mangel an Geduld zu tun haben könnte, kommt keiner.“
Raserei
Auch Wolfgang Hettfleisch (FR) empfiehlt den Kölnern Gelassenheit: „Dem Überschwang, den der Kölner seinem FC entgegenbringt, ist die Raserei nicht fremd. Und so fallen das mediale Echo wie auch die Reaktionen der Fans immer ein bisschen extremer aus als bei der Konkurrenz. Das ist gut, um im Gespräch zu bleiben, aber ausgesprochen schlecht, will man einer verunsicherten Mannschaft auf die Beine helfen. Wo jedes unbedacht dahergesagte – und kurzerhand umgedeutete – Wort eines 20-Jährigen dessen Trainer den Kopf kosten kann, ist für Vernunft kein Platz. Wo eine Zeitung wie der notorisch FC-besessene Express täglich die Guillotine auf den Alter Markt schiebt, unter deren Fallbeil Rapolder doch nun, bitteschön, endlich sein Löwenhaupt legen möge, ist an konzentrierte Arbeit auf dem Trainingsplatz und an der Taktiktafel nicht zu denken.“
Wachhund und Zuchtmeister
Hans-Joachim Leyenberg (FAZ) berichtet aus dem Kölner Innenleben: „Die Kölner Führungsgremien betonen gerade in diesen schweren Stunden, wie fest sie zu Rapolder stehen. Allerdings haben sie ihm mit Stefan Engels einen Ko-Trainer zur Seite gestellt, dem die Funktion eines Wachhundes für den lebens- und sinnenfrohen Rapolder zukommt. Bisweilen scheint die Diskrepanz zwischen dem, was Rapolder vorlebt, und dem, was der Zuchtmeister vom Personal verlangt, nicht überbrückbar. Es knirscht vernehmlich im innerbetrieblichen Getriebe. Man spricht sich aus, aber es kommt nichts dabei heraus.“
Zu intelligent?
Oskar Beck (Welt) porträtiert Rapolder und schlägt in der Vereinshistorie nach: „Wenn man ihn anruft, um ein Interview zu vereinbaren, kann es passieren, daß er sagt: ‚Wie wär es 14 Uhr? Da bin ich intellektuell am stärksten.’ Ist dieser Trainer für die Kölner zu intelligent? Rapolder hat Betriebswirtschaft studiert und bei einer Schweizer Bank das Formularwesen neu strukturiert. Aber genauso perfekt hält er heute eine wissenschaftliche Vorlesung über die Kunst des Forecheckings, der strategischen Balleroberung und des klugen Konterns – und das nicht nur auf Deutsch oder Schwäbisch, sondern notfalls auch auf Englisch, Französisch, Italienisch, Flämisch und Schwyzerdütsch, und auf besonderen Wunsch noch flankiert oder unterlegt von einer Weisheit von Seneca oder Nietzsche. (…) Schon Morten Olsen ist bei den Jecken gescheitert. Der Däne gehört zu den taktisch Herausragenden unter den Trainern und hat erst kürzlich wieder den Kopf geschüttelt über Otto Rehhagel und die Griechen: Einen Fußball aus der Flintstone-Zeit bescheinigt er ihnen – was durchaus verständlich ist. Andererseits: Die Dänen mit ihrem hochintelligenten Fußball haben es zur WM genauso wenig geschafft – womöglich hat ihnen unter ihren Rasenschachspielern einer gefehlt, der notfalls auch mal einen Flugkopfball gegen die Bordsteinkante nicht scheut.“
Raffinesse
Frankfurt spielt, und Thomas Kilchenstein und Jürgen Heide (FR) bleibt die Luft weg: „Was Eintracht Frankfurt in den ersten 45 Minuten in ein Fußballspiel packte, war von bemerkenswerter Raffinesse, von einer unglaublichen Laufbereitschaft, von einer sich gegenseitig hochschaukelnden Begeisterung, die einem fast den Atem raubte. Es war ein Spiel von ungeahnter Leichtigkeit und Schönheit, und bisweilen fühlten sich die Älteren unter den Zuschauern an eine Eintracht-Epoche erinnert, in der die Herren Bein, Möller, Yeboah Sahnehäubchen-Fußball präsentierten.“
FAZ: Francisco Copado, „nie mehr Hallodri“
Bayern München – MSV Duisburg 4:0
Das entscheidende Thema in der Presse: Das „Aufbauspiel für Roy Makaay“, wie es das DSF und Premiere vorher deklarierten, ging verloren. „Der FC Bayern gewinnt 4:0, der FC Makaay verliert den Kampf gegen die Torflaute“, bemerkt die SZ; „Roy Makaay beklagt eine Durststrecke, die das 4:0 überschattet“, schreibt die FR.
Habitus der Überlegenheit
Gerd Schneider (FAZ) lobt die Bayern dafür, dass sie den Gegner ernst nehmen: „Es gibt einige Indizien, daß die Bayern unter Magath auf einem guten Weg sind. Etwa das Spiel am Samstag, gegen den Aufsteiger traten die Bayern mit der gleichen Zielstrebigkeit, physischen Präsenz und dem Habitus der Überlegenheit auf, mit der sie Juventus Turin in die Knie gezwungen hatten. Die bedauernswerten Duisburger mußten sich vorkommen, als wären sie überrollt worden.“
BLZ-Spielbericht
Hannover 96 – Werder Bremen 0:0
Zwei Aspekte: Werder Bremen wird vorgehalten, die Balance zwischen Spielfreude und Rationalität nicht zu finden: „Erlebnisfußball kann Werder besser als Ergebnisfußball“, stellt die FAZ fest. Ewald Lienen hat zwar Erfolg, gilt aber angesichts seines Abwehrprimats als „Spielverderber“ (FTD), auch in Hannover.
Offensiver Stärken beraubt
Frank Hellmann (FR) vermisst den Bremer Stachel: „In dem Verlangen, die defensive Stabilität zu finden, hat man sich offensichtlich einiger offensiver Stärken beraubt; so wenig wie nie zuvor in dieser Saison brachten die Bremer im Angriff zustande.“
Frank Heike (FAZ) stimmt zu: „Der meisterhafte Schwung nach vorn ist Werder im Bemühen um Stabilität verlorengegangen.“
Image
Bietet Lienen Hannover zu wenig, Christian Otto (FTD)? „Für 65 Mio. Euro hat sich der Verein das gute alte Niedersachsenstadion in die schmucke, WM-taugliche AWD-Arena umbauen lassen. Aber die ist in dieser Saison noch nicht ein Mal ausverkauft gewesen, nicht einmal beim Nordderby gegen Werder. Der Klub strampelt sich ab, um sein Image von der grauen Maus loszuwerden. Aber wenn Ewald Lienen Kindern Autogramme gibt und sie dabei zuweilen sogar anranzt, dann blicken sie sich gegenseitig an, als hätten sie soeben einen Mann getroffen, der irgendwie nicht in dieses Business passt.“
Borussia Mönchengladbach -1. FC Kaiserslautern 4:1
Mönchengladbach gewinnt und gewinnt, und keiner weiß so recht, warum. Auf das Verdienst Horst Köppels verweist zurzeit nur die Bild-Zeitung: „Der Wunder-Horst“.
Wer soll da noch durchblicken?
Wie die Würfel nun mal fallen – Richard Leipold (FAZ) erkennt den Faktor Zufall im Fußball: „Siege und Niederlagen werfen zuweilen dieselbe Frage auf: Warum? Mönchengladbach spielt seit Wochen mäßig und gewinnt fast immer – mal glücklich und knapp, mal verdient, aber zu hoch. Kaiserslautern verliert, mal mit guter, mal mit schlechter Leistung. Eine Logik ist dahinter schwer zu erkennen. Wer soll da noch durchblicken?“
Hertha BSC Berlin – FSV Mainz 3 :1
Fußball in Berlin hat Soap-Charakter. Marcelinho schimpft über seine Mitspieler, schießt zwei Tore und versöhnt sich mit allen. Die FAZ rollt mit ihren Augen: „Die große ‚Bitte verzeiht mir’-Show“. In Mainz klopft man dem „Niederlagensieger Jürgen Klopp“ (taz) auf die Schulter – gut gespielt, aber immer vorbeigeschossen.
GMSM
Ronny Blaschke (SZ) wartet auf die nächste Folge Marcelinho in Berlin: „Es ist übertrieben, die überragende Leistung Marcelinhos als Aufbruch zu neuen Ufern zu werten; es war eher eine Etappe auf dem Weg der Launen. Nicht nur die Leistung von Hertha ist stark von dem 30-Jährigen abhängig, sondern auch die Stimmung im Team. Das ist der Kreislauf von GMSM, guter Marcelinho, schlechter Marcelinho, und das Prinzip des ewig überambitionierten Vereins Hertha BSC.“
Gefühlte Siege
Die FR leidet mit den Mainzern: „Stets betreiben die Mainzer einen Aufwand, der mit dem Ertrag in keinem vernünftigen Verhältnis stand. Viele Chancen wurden vergeben, viele Fehler wurden in der Defensive fabriziert. Mainz hat einige gefühlte Siege errungen und stets einen Trainer hinterlassen, der nicht wie ein Verlierer aussehen wollte.“
BLZ-Spielbericht
VfL Wolfsburg – Schalke 04 0:0
Nicht viel zu lesen, wohl ein Mittelfeldduell. „Schalke lässt Bayern enteilen und ist zufrieden“, tadelt die SZ die unbesiegten Schalker und fordert mehr Anspruch.
Weg des Friedens
Der Tagesspiegel fragt einen der sieben anwesenden tibetischen Mönche, Lama Lobsang Tashi, zum Spiel: „Ich war überrascht, wie sehr mich und meine Mönche das Spiel eingenommen hat. Wir waren richtig drin im Geschehen. Die Stimmung im Stadion war ja auch mitreißend. Ich habe die Mentalität der Menschen hier als sehr positiv empfunden. Für die Zuschauer wäre es natürlich schön gewesen, wenn die Heimmannschaft aus Wolfsburg gewonnen hätte. Aber ich als Buddhist bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Ein Unentschieden bedeutet die goldene Mitte. Es ist das allerbeste Ergebnis für beide Mannschaften. Es gibt keine Enttäuschung und keinen Erfolg. 0:0 ist der Weg des Friedens.“
1. FC Nürnberg – Arminia Bielefeld 2:3
Die Nürnberger Niederlage ist zum Davonlaufen, die FAZ schlägt die Hände überm Kopf zusammen: „Die Club-Abwehr legt eine Naivität im Verteidigen des Vorsprungs an den Tag, der in dieser Leistungsklasse selten anzutreffen ist.“ Welche Lehre ist aus dem Spiel zu ziehen, welche Folgen hat sie? Die Welt fragt Lothar Matthäus, der seinen Textbaustein von sich gibt: „Mir liegt zwar definitiv kein Angebot vom Club vor. Doch ich stehe Verantwortlichen von Vereinen jederzeit für Gespräche zur Verfügung, wenn diese von meiner Arbeit und meiner Person überzeugt sind.“
Deutsche Elf
Wohnsitzdebatte
Nachdem die Wohnsitzdebatte ruht, streitet Fußball-Deutschland nun, wenn auch nicht so laut, um Jürgen Klinsmanns Fitness-Training. Die alte Vermutung vieler (leiser) Experten und Beobachter, dass viele Fußball-Bundesligisten Ausdauer, Kraft und Schnelligkeit unschematisch trainierten, scheint sich zu bewahrheiten. In den Zeitungen liest man vermehrt Interviews mit Wissenschaftlern, Ex-Profis und Trainer anderer Sportarten über Konditionstraining; dieser Trend wird sich sicher fortsetzen, wir stehen am Anfang einer Debatte. Wenig überraschend: Fußballtraining, das ist nichts neues, wird von Volleyballern, Leichtathleten und Schwimmern schon immer belacht. Zuletzt: Nachdem die Bild-Zeitung Klinsmann tagelang seinen Wohnsitz auf ganzen Seiten sowie in Schlagzeilen und Fotos vorgehalten hat, finden wir am Samstag in ihren Meldungen versteckt: „Klinsmann macht nach 2006 weiter“.
Kopfschütteln
Die Bild am Sonntag nennt Forderungen wichtiger Bundesliga-Manager an Klinsmann; Peter Penders (FAZ) hält das für Kleingeisterei und fordert Konzentration auf Wesentliches: „Will man Bild glauben, was gerade bei diesem Thema besonders schwer fällt, dann gibt es vier Punkte, die den Bundesligavertretern besonders am Herzen liegen: Klinsmann soll die Vorschläge erfahrener Manager prüfen und ernst nehmen, einen regelmäßigen Runden Tisch installieren, den Trainingsumfang vor der WM absprechen und Schluß machen mit öffentlichen Schuldzuweisungen. Mit anderen Worten: Klinsmann soll eine Marionette werden und den Mund halten. (…) Warum sollte Klinsmann auf Manager hören, wenn diese ihre Ratschläge mit hochrotem Kopf in Mikrofone schreien wie zuletzt Uli Hoeneß? Sprechen eigentlich alle Nationaltrainer Europas und Südamerikas ihren Trainingsumfang mit den Bundesligavereinen ab? Wer macht zuerst Schluß mit Schuldzuweisungen, und wer sollte nicht nachtragend sein, Uli Hoeneß oder Klinsmann? Es wäre zu wünschen, daß Platz entstünde für eine andere Diskussion – eine, in der es tatsächlich eine thematische Auseinandersetzung über die Qualität des Fußballtrainings gibt. Derzeit hat Klinsmann die Fachleute der Bundesliga gegen sich. Auf seiner Seite stehen dafür Sportwissenschaftler und viele Kollegen aus anderen Sportarten, die über diesen Streit entweder den Kopf schütteln oder sich köstlich amüsieren.“
Extreme Defizite
Frank Hellmann (FR) stellt die Doktorarbeit Pedro Gonzalez’ vor, der die Trainingssteuerung in fünfzehn Bundesligavereinen untersucht hat: „Das Ergebnis rückt die Liga in ein schlechtes Licht. Mit wenigen Ausnahmen (Schalke 04, Hamburger SV) fällt das Urteil niederschmetternd aus. Es gibt zu wenige Konditionstrainer, es wird falsch trainiert, es fehlt an Leistungstests in den Bereichen Sprint, Sprung und Kraft und sogar an Gerätschaften. Gonzalez war bei der Bestandsaufnahme mitunter schockiert (…) Die Untersuchung kommt zur rechten Zeit: Stützt sie doch das Ansinnen von Jürgen Klinsmann, den Fitnesszustand seiner Kandidaten mittels eigenwilliger Übungen und eigens aus den USA eingeflogener Experten zu verbessern. Die öffentlich gewordenen Ergebnisse der Fitnesstests zeigen, dass etliche Nationalspieler extreme Defizite aufweisen. (…) Die verkrusteten deutschen Strukturen sind nur schwer aufzubrechen.“
Die Bundesliga hinkt hinter der internationalen Konkurrenz hinterher
In einem Interview mit der FR stärkt Pedro Gonzalez Klinsmanns Rücken: „Klinsmann hat es begriffen, dass Kondition in separaten Blöcken trainiert werden muss, dass individuelle Hausaufgaben dazugehören. Die Bundesliga hinkt, was Trainingsinhalte, -personal und -ausstattung angeht, teilweise hinter der internationalen Konkurrenz hinterher. (…) Zwar ist die DFB-Trainerausbildung sehr gut, was den fußballerischen, den technisch-taktischen Bereich betrifft. Doch Kondition und Prävention werden nicht optimal bearbeitet – das Wissen, das Sportinstitute oder Sportprofessoren besitzen, findet keinen Zugang zum Fußball. Wer einmal sein Diplom hat, bekommt danach die Änderungen nicht mehr mit, die Verlängerung der Lizenz beim Bund Deutscher Fußball-Lehrer ist eine Witzveranstaltung. Ja! Und noch etwas: Die meisten Trainer sind ehemalige Spieler, viele davon haben nicht einmal einen Hörsaal von innen gesehen. Der DFB ist zwar der größte Sportverband der Welt, aber der einzige, der nicht einmal ein zentrales Leistungszentrum besitzt, in dem sich standardisierte Fitnesstests durchführen ließen. Und wissen Sie, was auch schlimm ist? Wenn wir bei der WM früh ausscheiden, dann werden genau diese notwendigen Fitnesstests wieder verdammt und für Unfug erklärt. Dabei sind die wissenschaftlichen Kriterien unbestechlich, nur können sie den Ball allein nicht ins Tor bringen.“
Fachdiskussion
Vor dem „Gipfeltreffen“ zwischen Bundestrainer und Bundesliga widmet sich Jörg Kramer (Spiegel) der Debatte um Klinsmanns Fitness-Training: „Im Streit um seine Präsenz wird Jürgen Klinsmann einlenken, bei den Trainingsinhalten nicht. (…) Hintergrund der Dissonanzen in Fragen des Taktes ist jedoch eine handfeste Kontroverse über Trainingsmethoden. Ralf Rangnick, der sich über hohe Belastung seiner gestressten Spieler bei Übungseinheiten der Nationalmannschaft beschwerte, geht es ‚um eine Fachdiskussion’. Gegen die Belange des DFB-Teams, dessen Auswahlspieler seit Monaten einer speziellen WM-Fitness entgegengetrimmt werden, habe er nichts. Gegen Hausaufgaben, die auch Brasilianer von ihrem Nationalcoach aufgebürdet bekommen, sei ebenso wenig etwas einzuwenden, meint Rangnick. Die Frage sei bloß, wann und unter wessen Obhut solches Zusatztraining absolviert werden muss. (…) Mittlerweile mehren sich jedoch in der Liga vernehmbar die Zweifel, ob der Berufsanfänger Klinsmann von seinem Ansatz her richtig liegt.“
Irgendwann war ich ein anderer Spieler
Die FAZ führt Bernd Hollerbach ins Feld, nun Trainer des Hamburger Verbandsligisten VfL 93. Er gibt Rückblick in sein Training als Profi: „Ich habe beim FC St. Pauli in der zweiten Liga gespielt. Das hat mir irgendwann nicht gereicht, ich wollte in die Bundesliga. Diesem Ziel habe ich alles untergeordnet. Also habe ich mir einen Zweijahresplan gemacht, mein Privatleben umgestellt und einen privaten Fitnesstrainer verpflichtet. Ich habe das gut verkraftet. Natürlich muß man entsprechend leben. Man muß sich ausruhen. Irgendwann gewöhnt man sich daran. Das war ein Prozeß, irgendwann war ich topfit, ein anderer Spieler. Fußball macht erst richtig Spaß, wenn man sich wehren kann, wenn man etwas zuzusetzen hat. Außerdem ist man weniger verletzungsanfällig.“ Auf die Frage, ob in der Bundesliga umfangreich genug trainiert werde, sagt Hollerbach: „Es reicht nicht. Für mich sind zwei Trainingseinheiten am Tag selbstverständlich. So selbstverständlich, wie andere Menschen acht oder neun Stunden am Tag arbeiten.“
Samstag, 22. Oktober 2005
Internationaler Fußball
Krise der Serie A
Die FAZ setzt heute die Krisenbeschreibung fort, der sich die Serie A (primär) und die Premier League ausgesetzt sehen. Beide Ligen stehen im Verdacht, bei der Erschließung neuer Geldquellen die Fans vergessen zu haben und das eigene Wachstum überschätzt. Nun kämpfen sie mit Zuschauerrückgang.
In Italien sind die Symptome drastischer und die Ursachen zahlreicher; die NZZ stellt eine „Verwässerung fest durch die Aufstockung der Liga auf zwanzig Mannschaften“, und merkt an, dass die Ticketeinnahmen allenfalls noch ein Zehntel des Budgets ausmachten. Die FAZ betont heute, im Einklang mit einigen Offiziellen des italienischen Vereinsfußballs, die Bedeutung der alten Stadien als Grund für die Krise: „Geisterspiele in der Betonwüste“.
Das größte und dauerhafteste Problem der Premier League erkennen die Chronisten in der Einseitigkeit des Wettbewerbs, sprich: der Überlegenheit Chelseas. Die SZ zitiert heute das „Manifest“, das Roman Abramowitsch einer Chelsea-Chronik ins Vorwort schreibt. Dort kündigt er 100-jährige Dominanz an. Philipp Selldorf schwant Böses: „Man fühlt sich zwar an sowjetische Politbüros und deren Fünf-Jahres-Staatspläne erinnert. Andererseits ist Abramowitsch dank eines Privatvermögens von elf Milliarden Euro dazu fähig, Vorkehrungen durchzusetzen, die viel weiter führen. In Chelseas Fall sogar länger als ein Menschenalter – Abramowitsch verspricht den Fans 100 Jahre Weltherrschaft.“ Auffällig: Der Erfolgsanteil José Mourinhos, schon mit einem weniger reichen Team Champions-League-Sieger, wird zurzeit verschwiegen.
Ohne echte Kulisse
Dirk Schümer (FAZ) prüft die Ursachenzuschreibung einiger italienischer Offizieller, wonach die alten Stadien den Zuschauerschwund begründeten: „Die Gründe sind vielschichtig. (…) Zudem weiteten die geldgierigen Vereinspräsidenten die Übertragungsrechte immer mehr aus. Abonnenten können längst alle Spiele der Serie A live verfolgen, seit neuestem auch im digitalen Angebot, dazu kommen stundenlange Fußball-Werbeshows im Privatfernsehen. Offenbar hat niemand geglaubt, der Fußballhunger der Italiener könnte irgendwann einmal gestillt sein. (…) In jedem Fall hat der Medienfußball schmerzlich erkannt, daß man ohne eine echte Kulisse in Europa nicht konkurrenzfähig ist. Vor allem junge Leute, die früher von allein kamen, geraten als Kunden immer mehr ins Visier. Nationaltrainer Lippi beklagte erst diese Woche, Fußball sei anders als Basketball kein Trendsport für die Ragazzi mehr; auf den Straßen und in den Vorstädten werde kaum noch gekickt. Könnte also sein, daß in der kommenden Generation auch in nagelneuen Arenen das Publikum wegbleibt. Zu Recht warnen Kommentatoren darum davor, einzig die Stadien für die Probleme des von allzuviel Werbung und Sendezeit überlasteten Produktes Fußball verantwortlich zu machen. La Repubblica kommentierte sarkastisch: ‚Die Leute gehen ja auch nicht öfter zu Beerdigungen, wenn man die Friedhöfe verschönert.’“
Den heimischen Fan vernachlässigt
Christian Eichler (FAZ) rät der Premier League zu besserer Dienstleistung: „Mehr als die unbefriedigende Wettkampfsituation an der Spitze zeigt sich, wie sehr die Premier League einen Faktor vernachlässigt hat: den Zuschauer, das unbekannte Wesen. Mit großem Erfolg haben sich englische Klubs auf fernen Kontinenten vermarktet. Doch dem heimischen Fan muten sie die höchsten Ticket-Preise in Europa zu und denkbar wenig Komfort. Bei vielen Klubs mußte sich ein Ticket-Interessent jahrelang wie ein unliebsamer Bittsteller vorkommen. Und ein simpler Service wie der, zwei nebeneinanderliegende Plätze zu erhalten, ist bei vielen Spielen unmöglich. Auch die Übersättigung mit 138 Live-Spielen im Bezahlfernsehsender Sky führte zur nachlassenden Attraktivität des Stadionbesuchs. (…) All das kann man aber auch als Zeichen der Stärke der Premier League sehen: Daß nämlich schon ein winziger, eher spür- als meßbarer Rückgang des Zuschauerinteresses als ‚Krise’ betrachtet wird. Immer noch liegt die Auslastung der Spiele deutlich über 90 Prozent, beträgt ihr globales TV-Publikum über 600 Millionen Menschen.“
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