Dienstag, 9. November 2004
Internationaler Fußball
Unentschieden-Unkultur
„Unentschieden-Unkultur“ (NZZ) in der Serie A, doch ausgerechnet Juventus verliert – Jacques Santinis Rücktritt in Tottenham
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Unentschieden-Unkultur
Peter Hartmann (NZZ 9.11.) fasst die Situation an der Spitze der Serie A zusammen: „Die Turiner, die in Europa so zynisch und cool auftraten mit vier 1:0-Minimalismus-Siegen und die Serie A schon früh mit ihrem Alleingang zu langweilen begannen, mussten an der Stiefelspitze in Reggio di Calabria einer neuen Realität und, vor allem, dem unerschrockenen Signor Paparesta ins Auge schauen. Der 35-jährige Karriere- Schiedsrichter setzte das ungeschriebene Vorurteil, im Zweifelsfall habe der Unparteiische immer für Juventus zu entscheiden, ausser Kraft und vertraute geradezu heroisch seinem Auge: Er übersah ein klares Handspiel des Reggina-Verteidigers Ballestri, als das Spiel schon 2:1 stand. Ein Tor des Juve-Stürmers Ibrahimovic wertete er wegen eines imaginären Fouls für ungültig, ebenso den vermeintlichen Ausgleichstreffer des Franzosen Kapo in der vierten Minute der Nachspielzeit. „Hätte Paparesta in der gleichen Weise Juventus bevorteilt, hätte sich das Parlament in Rom mit dem Skandal befasst“, mokierte sich der Corriere della Sera. Doch der Ausrutscher der „Alten Dame“ blieb fast folgenlos. Denn Milan, der nach Lage der Dinge einzige Rivale, stolperte auf dem miserablen Rasen von San Siro an der bereits totgesagten AS Roma und kam nicht über ein 1:1 hinaus. Wie die ganze zehnte Runde einem Rückfall in die Unentschieden-Unkultur gleichkam: Sieben von zehn Spielen endeten remis.“
Martin Pütter (NZZ 9.11.) kommentiert den Rücktritt Jacques Santinis in Tottenham: „Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen. Eine fast neunmonatige Suche der Londoner nach einem Nachfolger für den vor einem Jahr entlassenen Glenn Hoddle endete Anfang Juni mit der Verpflichtung Santinis, der zu jenem Zeitpunkt noch französischer Nationaltrainer war. Damit waren die Fans beruhigt, die einen grossen Namen verlangt hatten, nachdem monatelang alle möglichen und unmöglichen Probables ins Gespräch gebracht worden waren. Dann blieben die „Spurs“ in den ersten sechs Spielen der Premier League ohne Niederlage und im ersten Tabellenviertel placiert. Die Hoffnungen auf bessere Zeiten schwanden zuletzt jedoch relativ schnell. Die 2:3-Heimniederlage gegen Charlton Athletic inbegriffen, verloren die Londoner in sechs Meisterschaftsspielen fünfmal. In erster Linie dafür verantwortlich waren offensive Schwächen in einer zu defensiv ausgerichteten Taktik. Den Aussenverteidigern schien es in allen bisherigen Spielen verboten zu sein, die Mittellinie zu überqueren, beklagten Fans und Medien, die den Namen Tottenham Hotspur immer noch mit begeisterndem Angriffsfussball wie zu den grossen Zeiten vor über vierzig Jahren verbinden. (…) Santini beging auch noch einen gewaltigen Fehler: Vor zwei Wochen verstarb der ehemalige Manager Bill Nicholson, unter dem die „Spurs“ als erster englischer Klub 1961 das Double gewonnen hatten. Dass der Franzose gleichentags im Anschluss an das Spiel gegen die Bolton Wanderers nicht zur Pressekonferenz erschien, betrachteten Fans, Klubs und Vorstand als Affront.“
Bundesliga
Von dem unerträglich bedächtigen Spielaufbau von einst ist nichts mehr zu sehen
„Von dem unerträglich bedächtigen Schalker Spielaufbau von einst ist nichts mehr zu sehen“ (FR) – „noch fehlt den Schwaben das schnelle, präzise Kombinationsspiel“ (FAZ) – „mit einem Rücktritt könnte Juri Schlünz seinem geliebten Klub den grössten Dienst erweisen“ (NZZ) / Hansa Rostock, „gefangen in Lethargie und Solidarität“ (Tsp)
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Hamburger SV-Schalke 04 1:2
Von dem unerträglich bedächtigen Spielaufbau von einst ist nichts mehr zu sehen
Andreas Morbach (FR 9.11.) befasst sich mit den Ursachen des Schalker Erfolgs: “Es wird immer deutlicher, dass der auf Schalke gescheiterte Startrainer Heynckes nicht alles falsch gemacht hat. Vielleicht sprach er ein bisschen zu viel über Real Madrid und zu wenig über Schalke, nervte die Stars im Team mit seinem Rotationsprinzip vermutlich etwas zu sehr und brachte die schlummernden Offensivkräfte im Kader nicht konsequent genug zum Einsatz. So wie Ralf Rangnick das seit seiner Ankunft bei Blau-Weiß tut. Er hat zum Beispiel den Genussmenschen Gerald Asamoah wieder zu einem normalgewichtigen Profi getrimmt oder Nachwuchsspieler wie Christian Pander konsequent gefördert. Immerhin blitzt nun bei dem einen oder anderen Schalker immer wieder mal der Dank an Jupp Heynckes durch. Dieses Blitzen ist allerdings nichts gegen die Begeisterung über den atemberaubenden Antritt seines Nachfolgers. In sechs Spielen hat Ralf Rangnick Schalke 04 betreut – und sechs Mal gewonnen. Vereinsrekord. Wobei deutlich wird, dass die Spieler vor allem heilfroh über die entschlossen offensive Grundausrichtung unter dem neuen Trainer sind. Denn zwei, drei Jahre lang war S04 in Deutschland zum Synonym für Schlafwagenfußball geworden. Von dem unerträglich bedächtigen Spielaufbau von einst ist nichts mehr zu sehen.“
Ailtons Zähmung
Jörg Marwedel (SZ 9.11.) lässt den erneut ausgewechselten Ailton erklären: „¸Heute ich akzeptier. Letzte zwanzig Minuten sehr gut Spiel von uns. Hanke war für Mannschaft besser, schießt Tor, Mannschaft gewinnt. Schalke 04 ist nicht nur Ailton. Schalke 04 ist Schalke 04.“ Die bemerkenswerte Einsicht darf als ein Beleg gelten für die These des Fußballlehrers Rangnick. „Die Mannschaft“, analysierte er, „ist als Mannschaft wieder ein Stück zusammengewachsen.“ Doch nicht Ailtons Zähmung war Rangnicks wichtigstes Argument, sondern die Reaktion auf den Rückstand – eine unter seiner Regie bislang einmalige Situation. (…) Die Diskrepanz zwischen Schalke und dem HSV trug zudem einen Namen: Lincoln. Einmal erspähte der Brasilianer eine Lücke in der für einen Moment unorganisierten HSV-Defensive und zirkelte den Ball perfekt zum Torschützen Hanke. Kurz darauf fing er vor dem eigenen Strafraum einen naiven Fehlpass von Björn Schlicke ab, lief 60, 70 Meter mit dem Ball und versenkte ihn mit einem präzisen Schuss im Netz. Die hübscheste Laudatio auf den derzeit vielleicht besten Mittelfeldspieler der Bundesliga hielt wiederum Ailton: „Er hat schöne Augen, gut Denke, gut Bewegung, gut Schuss mit rechte Fuß.““
VfB Stuttgart-Hansa Rostock 4:0
Noch fehlt den Schwaben das schnelle, präzise Kombinationsspiel
Michael Ashelm (FAZ 9.11.) befasst sich mit Matthias Sammers Sorgenfalte: „Es gibt wohl keinen Trainer in der Bundesliga, der auch nach deutlichen Siegen so schön jammern kann. Ein Meister dieses Fachs ist Matthias Sammer. Wohl deshalb, weil der Sachse Erwartungen dämpfen will. Nichts scheint ihm unangenehmer zu sein als ungebremster Optimismus. Und so klagte der sportliche Chef des VfB Stuttgart in einer Tour. Man hätte fast denken können, seine Mannschaft wäre gerade als Verlierer vom Platz geschlichen. Tatsächlich war es genau andersherum: Die Schwaben gewannen und hatten nach drei Niederlagen in Folge eigentlich Grund zur Freude. Sammer hatte sie nicht. (…) Sicherlich wäre es übertrieben, das deutliche Ergebnis gegen Rostock überzubewerten. Noch fehlt den Schwaben das schnelle, präzise Kombinationsspiel, das sie zu Beginn der Saison an die Tabellenspitze gebracht hatte. Der Aufbau wirkt manchmal umständlich, zu oft braucht es einen ruhenden Ball, um die Torgefahr der Stürmer auszuspielen. Zudem zeigt sich die Abwehr sporadisch unsicher, aber ähnliche Probleme haben auch andere Spitzenmannschaften der Liga, selbst die Bayern. Ein echtes Pfund haben die Schwaben den Gegnern entgegenzusetzen – nämlich ihre besten Torschützen. Die treffen in schöner Regelmäßigkeit und sorgen für eine gewisse Planungssicherheit.“
Mit einem Rücktritt könnte Schlünz seinem geliebten Klub den grössten Dienst erweisen
Über die Lage in Rostock schreibt Martin Hägele (NZZ 9.11.): „Die Gefahr, dass der einzige Verein des Ostens die Eliteklasse verlässt, ohne dass der Rest der Republik dies merkt, ja selbst ohne dass in Mecklenburg-Vorpommern ein echter Abstiegskampf stattfindet, wie man das aus Städten wie Kaiserslautern, Nürnberg, Bochum oder Bielefeld kennt, ist in der Tat sehr gross. In solchen Situationen wird normalerweise erwartet, dass der Trainer eine Stadt, eine Zeitungslandschaft, einen Klub und vor allem die Professionals mit Parolen mobilisiert oder durch irgendwelche Gesten aufrüttelt. Wenn Schlünz zwischendurch einmal etwas sagt („ich werde weiterhin kämpfen wie ein Löwe“), wirkt das, als sei ihm da ein Satz herausgerutscht, von dem er selber weiss, dass der keine Wirkung zeigt. Die Mannschaft von Hansa erschien auch in Stuttgart wie ein Ensemble, das je länger das Spiel dauert, desto weniger an sich glaubt. (…) Mit einem freiwilligen Rücktritt könnte Schlünz seinem geliebten Klub wohl den grössten Dienst erweisen. In Stuttgart sah das Hansa-Idol schon aus, als ob es nicht mehr viel länger leiden könne.“
Gefangen in Lethargie und Solidarität
Michael Rosentritt (Tsp 9.11.) ergänzt: „Die Krise schweißt die Menschen beim FC Hansa noch enger zusammen. Mittlerweile sind sie so eng aneinander geschweißt, dass ihnen jeglicher Handlungsspielraum abhanden gekommen ist. Sie sind gefangen in einer Lethargie und in ihrer Solidarität zum Publikumsliebling Schlünz. Niemand, weder Vereinsführung, Mannschaft noch die Fans wollen ihren Trainer verlieren. Sie können schon deshalb nicht mehr emotionslos darüber nachdenken, was in dieser Situation für den Verein das Beste ist. Der Einzige, der das vielleicht noch kann ist – Juri Schlünz.“
Es ist eine Frage der Zeit, wann das Prinzip der Genügsamkeit scheitert
„Der Niedergang des FC Hansa hinterlässt wenig Geräusche“, schreibt Ronny Blaschke (FTD 9.11.): „Der FC Hansa hat sich zum wichtigsten Werbeträger Mecklenburg-Vorpommerns entwickelt. 2000 Arbeitsplätze sind in Verein, Gastronomie oder Nahverkehr vom FC Hansa abhängig. Bei einem Abstieg würde sich der 25-Mio.-Euro-Etat des FC Hansa halbieren. Elf Spielerverträge laufen aus, der Hauptsponsor geht am Ende der Saison. Der einzige ostdeutsche Bundesligist könnte für lange Zeit seinen Status verlieren. Und trotzdem reagiert der Vorstand auf Ratschläge von außen mit penetrantem Schweigen. Wimmer, sein Vize Rainer Jarohs und Manager Herbert Maronn kennen sich seit der Sandkastenzeit. Böse reagieren sie auf das Wort Klüngelei. Sie hatten die Stagnation immer als Erfolg postuliert. Die Rostocker sehen nach neun Jahren ihre Berufung noch immer in erstklassigem Abstiegskampf. Es ist eine Frage der Zeit, wann das Prinzip der Genügsamkeit scheitert.“
Zu Tode sparen
Matthias Wolf (FAS 7.11.) kritisiert Hansa Rostocks Einkauf: “Vorstandschef Manfred Wimmer wirkt hilflos: „Ich kann doch nicht achtzehn Mann rauswerfen.“ Im Grunde sind das die ersten Zweifel an der eigenen Personalpolitik, die seit Jahren nur von außen immer wieder hinterfragt wird. Stolz sind sie bei Hansa, daß sie „als kluge und vorsichtige Kaufleute“, so Wimmer, nicht mit den Wölfen heulen: „Wir steuern gegen den Trend in der Liga, das Geld zum Fenster rauszuwerfen.“ Nur 300000 Euro haben sie im Sommer für drei neue Ergänzungsspieler (Lapaczinski, Keller, Rasmussen) ausgegeben, dann noch einmal 200000 Euro für Marcus Allbäck von Aston Villa. Aber erst als die Sturmmisere schon offenkundig wurde. Zuvor blieb sich Hansa im Poker mit Victor Agali treu, bot nur das, was allen vertretbar erschien. Agali schießt nun in Nizza Tore. Irgendwann, so unken Kritiker wie die ehemaligen Funktionäre Gerd Kische und Peter Michael Diestel seit langem, werde sich Hansa zu Tode sparen. Mag das Stadion auch noch so hübsch sein, mögen sich alle freuen, daß der Pool an Sponsoren nun fast 150 Firmen umfaßt und alle Werbebanden vermietet sind: Letztlich zählen im Fußball andere Werte.“
Montag, 8. November 2004
Internationaler Fußball
Eine graue Mannschaft, die ans Tingeln über die Bolzplätze der Provinz gewöhnt ist
Paul Ingendaay (FAZ 8.11.) staunt über Levante Du, Dritter in der Primera Division: „Von den fünfundneunzig Jahren seiner Existenz hat der Klub genau zwei, nämlich 1963 bis 1965, in der ersten Liga verbracht, den Rest in den drei Klassen darunter. Eine graue Mannschaft, die ans Tingeln über die Bolzplätze der Provinz gewöhnt ist (…) Jetzt ist durch Bernd Schuster auf der Trainerbank sogar ein wenig Glanz auf die Männer in den blauroten Hemden gefallen, aber die Verpflichtung des Deutschen, birgt auch Risiken. Bisher hat Schuster nur Vereine der zweiten Liga trainiert, zwar mit gewissem Erfolg, doch hier und da mit überraschenden Abgängen und in jedem Fall ohne den krönenden Abschluß eines Aufstiegs in die höhere Fußballklasse. Wer deshalb angenommen hatte, den Levantinern werde in der höchsten Spielklasse der Wind kräftig ins Gesicht wehen, sah sich erst einmal getäuscht. Denn die Mannschaft steht einigermaßen sicher auf den Füßen und ist in der ersten Phase der Saison sogar zu Erfolgen fähig, die Aufsteigern sonst schwerfallen, jenen glücklichen Siegen, bei denen man alles vergessen möchte außer dem Resultat. (…) Nicht viele Leute kümmern sich darum, was beim Aufsteiger geschieht. Die spanische Sportpresse mit täglich vier Zeitungen dient den Fans der großen Vereine, und Hinweise auf Levante UD sind rar. Trotz allem herrscht bei den Fans des Levante UD eine auffällige Mischung aus Trotz und Minderwertigkeitskomplex. Die Internetseiten quellen über vor boshaften Witzen über den großen Lokalrivalen FC Valencia, den die „Frösche“ gern als „Ziegen“ verspotten – Geheimnisse des Tierreichs, die sich Außenstehenden nur zögernd erschließen.“
Europas Fußball am Wochenende: Ergebnisse, Torschützen, Tabellen NZZ
Ball und Buchstabe
Er sieht einfach scheiße aus
Ein neues Spielgerät – Christian Zaschke (SZ 8.11.) würde ihn am liebsten zur Bleiweste und zum Medizinball in den Ballschrank legen: „Wie Nike mitteilt, hat der Berufsstand der „Optik-Wissenschaftler“ den Ball entwickelt. Danke, liebe Optik-Wissenschaftler. Freude breitet sich in allen Herzen aus, und aus der Freude steigen als selige Erinnerung jene Zeilen auf, die Goethe in seiner Farbenlehre schrieb: „So ist es der Erfahrung gemäß, dass das Gelbe einen durchaus warmen und behaglichen Eindruck mache. (…) Das Auge wird erfreut, das Herz ausgedehnt, das Gemüt erheitert; eine unmittelbare Wärme scheint uns anzuwehen.“ Dem Schiedsrichter ward von dieser unmittelbaren Wärme derart behaglich, dass er die Partie zwischen Berlinern und Bremern gar nicht abpfeifen wollte und das Spiel erst beendete, als sich außer den Herzen auch das Bremer Tornetz ausgedehnt hatte. Das lag daran, dass dieser Ball Licht verbreitete im grauen Herbst, und alles wäre wirklich ganz wunderbar, gäbe es da nicht dieses kleine Problem: Der Ball sieht – wie soll man es höflich sagen? Nun, der Ball sieht, um ganz ehrlich zu sein, also dieser Ball: Er sieht einfach scheiße aus.“
Bundesliga
Der 12. Bundesliga-Spieltag
Der 12. Bundesliga-Spieltag: diesen Tag sollten die Nürnberger genießen, wer weiß, wann ein solcher wiederkommt (FAZ) / VfL Wolfsburg „so mechanisch wie an der Spielkonsole“ (SZ) – „Hitzfeldisierung“ (FTD) der Bayern – die „ach-so-in-sich-gekehrten Bremer“ (SZ) vergessen ihre Manieren – „Dick Advocaat ist nicht nach Deutschland gekommen, um an einem Popularitätswettbewerb teilzunehmen“ (FAZ) – Spot auf Uwe Rapolder
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1. FC Nürnberg-VfL Wolfsburg 4:0
Fein, prickelnd, anregend und mit einem langen Nachgeschmack
In Nürnberg erhebt man die Gläser – Gerd Schneider (FAZ 8.11.): „An funkelnde, triumphale Auftritte ihres „Club“ können sich die Nürnberger Fans mitunter Jahrzehnte erinnern. Das liegt nicht daran, daß sie in Franken ein besseres Gedächtnis als anderswo hätten. Der Grund ist ein anderer: Solche Spiele kommen in Nürnberg so selten vor, daß man sie gar nicht vergessen kann. So war die Partie gegen den VfL Wolfsburg noch lange nicht beendet, da beschäftigten sich manche im Frankenstadion schon mit der Frage, wann es so etwas zum letzten Mal gegeben habe, ein 4:0 gegen eine Spitzenmannschaft. Extremanhänger wie der populäre Radioreporter Günther Koch, die Stimme Fußball-Frankens, hatten prompt die Antwort parat: Es war am 28. November 1989, also vor fast genau 15 Jahren, und der Gegner war damals Bayern München. Siege – erst recht solche – über die Großkopferten aus der Landeshauptstadt sind in Nürnberg natürlich mit nichts zu vergleichen. Aber auch diesen verregneten, kühlen und trotzdem wunderbaren Samstag werden die „Club“-Fans nicht so schnell vergessen. Zu Tausenden standen sie noch Minuten nach dem Schlußpfiff in der Nordkurve und harrten aus, als wollten sie ihn festhalten, diesen kostbaren Moment. (…) Drinnen, im Bauch des Frankenstadions, stand Michael A. Roth und glühte vor Glück. Aus besonderem Anlaß, sagte er, werde er später mit seiner Frau ein Gläschen Schampus trinken. Tatsächlich war dieses Spiel wie Champagner gewesen: fein, prickelnd, anregend und mit einem langen Nachgeschmack.“
So mechanisch wie an der Spielkonsole
Jochen Breyer (SZ 8.11.) spöttelt über den Tabellenführer: „Es bleibt das Geheimnis von Erik Gerets, wie er es in der Halbzeitpause schaffte, seine Männer zum Weiterspielen zu überreden. (…) Vielleicht hatte ihnen der Trainer versprochen, auf der Rückfahrt nicht das Video der ersten Halbzeit schauen zu müssen, sondern Playstation spielen zu dürfen. Obwohl das eine dem anderen ähnelte – denn der Wolfsburger Auftritt in den ersten 45 Minuten war so mechanisch wie an der Spielkonsole. 0:1 stand es nach 47 Sekunden, und den Gram darüber wusste Andrés D’Alessandro nur zu verarbeiten, indem er Markus Schroth mit dem rechten Arm ins Kreuz stieß wie der Catcher im Videospiel. Im Fachjargon der Wrestler heißt diese Aktion „Flying Closeline“, im Fußball bedeutet sie: Game over. Nach acht Minuten mussten die Wolfsburger ohne ihren Spielstrategen auskommen, so manch einer mag sich schon zu diesem Zeitpunkt in den Bussessel mit der verstellbaren Rückenlehne gesehnt haben.“
Bayern München-Hannover 96 3:0
Hitzfeldisierung
In München nichts Neues – Marc Schürmann (FTD 8.11.): „Endlich Zauberfußball, Sturm und Drang, Hacke und Spitze: Felix Magath war den Bayern als der Reanimateur des Spaßfußballs erschienen, auf den die Fans so hungrig sind, weil sie ja genau wissen, was für Ausnahmespieler sie da Woche für Woche bejubeln. Nun aber kehrt die Hitzfeldisierung der Bayern wieder ein, weil sich Punkte doch als wichtiger herausgestellt haben als Übersteiger. Und vermutlich sitzt der echte Ottmar Hitzfeld daheim vorm Fernseher und fragt sich, was der ganze Quark eigentlich sollte. Auch Oliver Kahn ist diesmal ohne Fehler geblieben. Das war leicht. Zwar hatten die Hannoveraner oft den Ball, doch sie waren so torgefährlich wie ohne. Trotzdem war Kahn so selig, sich diesmal weder für Gegentore noch für Patzer rechtfertigen zu müssen, dass er ganz gemächlich zur Kurve schlurfte, bis er die Fans für sich allein hatte, und sich dann sogar noch sein blaues Torwarttrikot über den Kopf zog und es in den Stehblock warf. In Kahns Welt ist das ein drastischer Ausbruch von seelischer Gesundheit. (…) Wie andere Mannschaften auch gehorcht der FC Bayern München den Naturgesetzen des Fußballs, und zu denen gehört, dass sich der Rausch am eigenen Spiel nicht einfach verordnen lässt wie ein Rezept gegen Schnupfen, und konservieren kann man den Rausch auch nicht. Alle Mannschaften der Welt müssen in der Abwehr gut stehen und vorne effektiv… Aber das weiß man ja alles schon von Ottmar Hitzfeld.“
Kahn entfremdet sich immer weiter von der Mannschaft
Kahn bleibt, was er ist: ein einsamer Mann – Heinz-Wilhelm Bertram (BLZ 8.11.): „Ein Teil des Publikums durfte Oliver Kahn zujubeln. Dass der Torhüter die Huldigungen isoliert entgegen nahm, hatte wohl seinen Grund. Ihn alleine gelassen zu haben beim Siegtreffer von Juventus Turin, lautete sein Vorwurf. Jetzt strafte er die Kollegen, indem er sich alleine feiern ließ. Das zeigte nur: Kahn entfremdet sich immer weiter von der Mannschaft. Der Bayern-Torhüter ist kein Teamspieler mehr. Eher ein Solitär mit teils selbst gewählter, teils verschuldeter Isolation.“
Besorgniserregend apathischer Zustand
Andreas Burkert (SZ 8.11.) schilt: “Als hätten sie sich zur Halbzeit am Original FC Bayern Glühwein (9,5 % Vol.) erwärmt, starrten die Münchner benommen auf die flott kombinierenden Gäste, die unbehelligt das Mittelfeld okkupiert hatten. Eigentlich hatte Magath andere Kraftverhältnisse angekündigt, „überzeugend“ wollte er Hannover im Verfolgerduell besiegt sehen. Doch nach einer überaus trüben Vorstellung erinnerte sich kaum jemand mehr an solche Ansprüche. Die Bayern präsentierten sich sehr lange in einem besorgniserregend apathischen Zustand (…) Man muss endgültig fürchten, dass die Bayern zu ihrem hässlichen Stil zurückgekehrt sind, obwohl sie ihn für Allezeit dem Publikum vorenthalten wollten.“
Hertha BSC Berlin-Werder Bremen 1:1
Hau bloß ab, Du!
Die Bremer vergessen ihre Manieren – Javier Cáceres (SZ 8.11.): „Kaum, dass Hermann Albrecht eine erschreckende Partie abgepfiffen hatte, glichen die ach-so-in-sich-gekehrten Bremer menschgewordenen Siphonflaschen, die jemand zu doll geschüttelt hat. Die ganze Bank war aufgesprungen, Mediendirektor Tino Polster zeterte dem Referee unverständliche Verwünschungen hinterher, und sogar Kalli Kamp, seit der Entdeckung Amerikas dem jeweils aktuellen Werder-Trainer treu ergebener und allenthalben für stumm gehaltener Knappe, trat auf den Plan und gellte Albrecht ein „Hau bloß ab, Du!“ hinterher. Kamps Chef, Thomas Schaaf, hatte ebendiesen Albrecht dabehalten wollen, ihm dreifach „Hallo?!!?“ hinterhergebrüllt und sich über ein zweifaches „kann-ma-nich-ma-red’n-oder-was!?!?!?“ in ein finales „Das gib’s doch gaanich, Doh!!!“ gesteigert. Gab’s aber doch: „neeneeneee“, hatte Albrecht gesagt. Und sich geschlichen. Um ziemlich genau 32 Sekunden ging es, um die Sekunden, die besonders nach Schaafs Auffassung den Ausschlag dafür gaben, dass Werder den siebten Saisonsieg verfehlte. Erstmals in dieser Spielzeit hatten die Berliner einen Spielball benutzt, der wie eine Reminiszenz an Eintracht Braunschweig aussieht, vor allem aber besonders glitschig beschichtet ist: Als die reguläre Spielzeit verstrichen war, bekam Werder einen Einwurf zugesprochen; um die Griffigkeit des Balles zu verbessern, nahm Verteidiger Paul Stalteri das Hemd zur Hilfe und putzte die Kugel wie der Kellner eines Sternerestaurants die Silbergabel. Und weil das eben gedauert hatte, ließ Albrecht „entsprechend nachspielen“, obschon die angezeigte einminütige Nachspielzeit bereits vorüber war. (…) Zähe 92 Minuten lang überboten sich beide Teams bei dem Versuch, den Gegner in der Rubrik perfides taktisches Foul zu übertrumpfen.“
FSV Mainz-Borussia Mönchengladbach 1:1
Er ist nicht nach Deutschland gekommen, um an einem Popularitätswettbewerb teilzunehmen
Roland Zorn (FAZ 8.11.) beschreibt die Premiere Dick Advocaats in Mönchengladbach und die Premiere der deutschen Journalisten mit ihm: „Als er nichts mehr sagen wollte, kam Advocaat ins Reden – auf holländisch. Entspannt und ab und zu sogar mit einem Hauch von Humor erzählte der Niederländer vier Landsleuten aus dem von ihm nicht über die Maßen geschätzten Berufsstand der Journalisten, wie er seinen Einstand als Bundesliga-Trainer empfunden habe. Deutsche Reporter, die auch noch ein, zwei Zusatzfragen gehabt hätten, verwies der „kleine General“, wie sie den holländischen Fußballehrer daheim nennen, auf die soeben beendete Pressekonferenz. Dort habe er sich, sagte Advocaat, hinreichend ausführlich zum Spiel und zu seiner Premiere geäußert. Beim Nachspiel machte Advocaat auf Anhieb deutlich, daß er nicht nach Deutschland gekommen ist, um an einem Popularitätswettbewerb teilzunehmen. Was allein für ihn zählt, sind die Resultate seiner Mannschaft und die Ergebnisse seiner Arbeit auf dem Trainingsplatz. (…) In Mainz kam der Fußball-Pragmatiker aus einem Land, das den „Fußball total“ erfand und die Schönheit des Spiels zuzeiten höher als dessen Effektivität einschätzt, kurz und präzise auf den Punkt. „Das Ergebnis ist gut, der Fußball war schlecht“, lautete einer der wenigen Kernsätze, die Advocaat zu dem vor allem in der ersten Hälfte schlichten Kick seiner Elf fand.“
Bayer Leverkusen-SC Freiburg 4:1
Befreiende Wirkung
Gregor Derichs (FAZ 8.11.) freut sich mit Paul Freier: „Er hat nicht wenige Gemeinsamkeiten mit Miroslav Klose. Wie der Nationalstürmer aus Bremen wurde Paul Freier in Polen geboren, vor 25 Jahren in der oberschlesischen Stadt Beuthen. Während sich die Familie Klose in der Westpfalz niederließ, zog es die Aussiedlerfamilie Freier 1989 ins Sauerland. Dort wurde Freier vor acht Jahren vom VfL Bochum entdeckt. Werner Altegoer, der Präsident des VfL Bochum, freute sich schon nach den ersten Spielen des Talents. Zur neuen Saison wechselte Freier nach langen Streitigkeiten für eine Ablösesumme von 2,75 Millionen Euro zu Bayer Leverkusen, um dort Bastürk zu ersetzen. Doch den abgewanderten Türken konnte der 17malige Nationalspieler Freier nicht vergessen machen. Bis zum Samstag galt Slavomir Freier vielen in Leverkusen als mögliche Fehlinvestition oder gar als Transferirrtum. Beim Sieg über den SC Freiburg gelang dem quirligen Rechtsaußen mit den rötlichen Haaren endlich ein Auftritt, der eine befreiende Wirkung haben könnte.“
Arminia Bielefeld-Borussia Dortmund 1:0
Er schickt jeden Feldspieler mit einem detaillierten Jobprofil aufs Feld
Ulrich Hartmann (SZ 8.11.) richtet den Scheinwerfer auf Uwe Rapolder: „Dieser Verein, der zwölf Spielzeiten in der Bundesliga mitmischte, als habe er sich stets durch die Hintertür in einen Vip-Club gemogelt, zeigt neuerdings Fußball, der nicht nur unterhaltsam ist, sondern auch effektiv. Das bedeutet nicht, dass Bielefeld um die Meisterschaft mitspielt, aber doch, dass kaum eine Elf außer denen aus Nürnberg und Mainz derzeit so viel aus ihrem Potenzial herausholt. Woran das liegt? „Am Trainer“, sagt Ervin Skela, „wir haben einen Supertrainer, das hat in Deutschland bloß noch keiner mitbekommen.“ Der derart gelobte Mann heißt Uwe Rapolder, er ist 46 Jahre alt. Er hat die Bielefelder im März in der Zweiten Liga übernommen, nachdem er zuvor 16 Monate lang arbeitslos war. Rapolder war zuvor nacheinander bei den Zweitligaklubs in Mannheim und Ahlen entlassen worden, und er hatte keinen Marktwert mehr im deutschen Fußball, bevor ihn die Bielefelder zu sich holten. Der Trainer Rapolder holt das Beste aus dieser Mannschaft heraus. Er schickt jeden Feldspieler mit einem detaillierten Jobprofil aufs Feld. „Jeder kriegt einen klaren Auftrag“, sagt er, und die wahre Leistung der Spieler besteht darin, diesen Auftrag präzise auszuführen. Laufwege und Systemumsetzung werden im Training bis zur Ohnmacht einstudiert und im Spiel nur noch abgerufen. (…) In Dortmund gilt das Gegenteil. Die Spieler agieren häufig am unteren Ende ihrer Leistungsfähigkeit, und dass es bislang keine Diskussion um die Motivationsfähigkeiten des Trainers van Marwijk gegeben hat, liegt wohl an den alles überschattenden Finanzproblemen.“
VfL Bochum-1. FC Kaiserslautern 1:1
Rückkehr zu den Wurzeln
Optimismus in Bochum, Christoph Biermann (SZ 8.11.) will’s mal glauben: „Zu den Notwendigkeiten des Abstiegskampfes gehört es, das Gefühl eines Richtungswechsels auch dann zu entwickeln, wenn man auf der Stelle tritt. „Wir haben gezeigt, welchen Weg man beschreiten muss, um aus den unteren Regionen herauszukommen“, erklärte Peter Neururer. Doch nicht der Trainer allein interpretierte das dürre 1:1 als Fortschritt. Dass sich Team und Trainer mit dieser Wahrnehmung nicht in einem Kokon der Selbsttäuschung eingesponnen hatten, wurde ihnen von den Rängen des Ruhrstadions bestätigt. Auch wenn die Bochumer Realität eine des Stöhnens, Seufzens und Leidens ist, und obwohl das Spiel, in dem Fehler zur Stapelware wurden, nur selten flüssig war, entzogen die Fans ihrem Team die Unterstützung nicht. So entstand der Eindruck, dass der VfL Bochum trotz fortgesetzter spielerischer Baisse zu sich zurück gefunden hat. Nach dem Ende der internationalen Blütenträume scheint die Rückkehr zu den Wurzeln gelungen: zum Kampf ums Überleben.“
Bundesliga
Der Beitrag der Torhüter am Erfolg einer Mannschaft schwindet
Torhüter seien ohnehin nicht mehr so wichtig, findet Michael Horeni (FAZ 8.11.) und erkennt eine Verbindung zwischen zwei Trends: “Die endlose Diskussion um die weit entfernte Frage, wer denn in zwanzig Monaten während der Weltmeisterschaft im Tor stehen wird, hat ihre ermüdende Phase längst erreicht. Bei Licht besehen, ist die publikumswirksame Wahl, ob nun Oliver Kahn oder Jens Lehmann die Bälle bei der WM halten solle, im sportlichen Kern schon eine Frage von gestern. Der Beitrag der Torhüter am Erfolg einer Mannschaft schwindet – mögen sie auch noch so selbstgewiß sein. Technisch und taktisch gut ausgebildete Feldspieler, die sich als organische Verbindung verstehen, haben erfolgreichem Spiel in den vergangenen Jahren eine immer stärkere Prägung verliehen – und dazu gehören Trainer, die das Potential klug und systematisch ausschöpfen und nicht nur ihrer Erfahrung und ihrem Gefühl aus vergangenen Profijahren vertrauen. (…) Nürnberg mit Wolf, Bielefeld mit Rapolder und den seit Saisonbeginn bestaunten Mainzern mit Liebling Klopp sind in dieser Spielzeit mit intelligenten Konzepten die spektakulärsten Qualitätssprünge gelungen. Und es ist sicher kein Zufall, daß auch der Hochschulabschluß von mittlerweile fünf Trainern nicht mehr zur despektierlichen Bezeichung „Fußball-Professor“ führt, an der noch der jetzige Schalker Erfolgstrainer Rangnick leiden mußte. Die Zeiten ändern sich, endlich. Über Torhüter in solchen Mannschaften und bei solchen Trainern wird übrigens nur geredet, wenn sie außergewöhnliche Leistungen zeigen.“
Deutsche Elf
Erstaunlich, dass ein Verfechter von Leistungsprinzip solche Forderungen verbreitet
Zur Torwartfrage – Gleichbehandlung empfindet der Münchner als Ungerechtigkeit; Philipp Selldorf (SZ 8.11.) misst Karl-Heinz Rummenigges Temperatur: „Die hysterische Debatte über den von Klinsmann proklamierten Torwartwettstreit verdreht vielen den Kopf, aber keiner steht dem Nervenzusammenbruch so nahe wie Rummenigge. Ein verständliches Verlangen verbindet der Münchner Vorstandschef mit der grotesken Forderung, den Konkurrenzkampf von Amts wegen einzustellen, weil er die Betroffenen überfordere. „Der Bundestrainer hat die Diskussion um die Nummer Eins entfacht, und er muss sie schleunigst wieder beenden“, sagt Rummenigge, der gern im Befehlston spricht. Mit dem gleichen Recht dürfte man anregen, die Bundestagswahlen abzuschaffen, weil Kanzler und Minister aus Angst um ihre Macht nicht mehr vernünftig regieren könnten. Deswegen hier noch mal schriftlich: Der Wettbewerb der Torhüter ist die angemessene Reaktion auf den Leistungsstand der Kandidaten Kahn und Lehmann (sowie, einen Atemzug später, Hildebrand). (…) Erstaunlich, dass ein Verfechter von Leistungsprinzip und Marktwirtschaft wie Rummenigge solche Forderungen verbreitet.“
of: Haben wir nicht über Jahre die Aufschneiderei hören und ertragen müssen, dass Oliver Kahn nichts mehr schätze als Druck, Ungunst und Feindschaft?!
Samstag, 6. November 2004
Interview
Nur mit Leuten wie mir wäre es langweilig
Ilja Kaenzig (Tsp): „Wenn es nur Leute wie mich im Fußball gäbe, wäre es langweilig“ – Bert Trautmann (FAZ): „Ich glaube, daß ich in Deutschland nicht so eine Karriere gemacht hätte wie in Manchester“ – Wilko Zicht, BAFF-Mitglied (SZ): „Sponsoring und Kartenvergabe sind unterschiedliche Dinge“
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Wenn es nur Leute wie mich im Fußball gäbe, wäre es langweilig
Sehr lesenswert! Ilja Kaenzig im Interview mit Stefan Hermanns & Friedhard Teuffel (Tsp 6.11.)
Tsp: Leiden Sie unter dem Außenseitertum Ihres Klubs?
IK: Das kann man so sagen. Aber Hannover besitzt eben ein gewisses Image. Dabei haben wir neun Nationalspieler im Kader, nur registriert das keiner. Wir müssen uns noch Respekt verschaffen. Auf und neben dem Platz.
Tsp: Als Sie noch bei Bayer Leverkusen waren, konnten Sie sogar im internationalen Fußball mitreden. Vermissen Sie die G 14 schon, die Vereinigung der wichtigsten europäischen Fußballklubs?
IK: Vermissen nicht. Aber es war eine sensationelle Erfahrung. Ohne die G 14 läuft im Weltfußball nichts. Das sind die Klubs mit den besten Spielern der Welt und dem meisten Einfluss. Wenn da Strategien besprochen wurden, hattest du das Gefühl: So kommt sich der US-Präsident vor.
Tsp: Glauben Sie denn, dass die G 14 Sie vermisst?
IK: Ich hoffe es, und zumindest versuche ich, den Kontakt zu halten. Ich könnte jederzeit zum Hörer greifen und die Vertreter, die ich dort kennen gelernt habe, anrufen. Ich habe zum Beispiel Peter Kenyon vom FC Chelsea gefragt: Wie sieht es mit Robert Huth aus? Wollt ihr den ausleihen? Da weißt du zumindest, dass er nicht gleich auflegt. Chelsea will Huth zwar nicht ausleihen, aber das sind wertvolle Kontakte. Irgendwann werden sie auch Hannover 96 zugute kommen.
Tsp: Kurz nach Ihrem Wechsel zu Hannover 96 hat Reiner Calmund als Manager von Bayer Leverkusen aufgehört. Wenn Sie noch ein bisschen gewartet hätten, wären Sie heute vielleicht sein Nachfolger.
IK: Nein, es war nie die Rede davon, dass Calmund die Position für mich freimacht, sondern dass ich nach und nach in seine Rolle hineinwachse. Es war schon gewaltig, wie er den Laden zusammengehalten hat. Calmund hat immer den globalen Blick gehabt, sich nie von Kleinigkeiten aufhalten lassen. Außerdem war es beeindruckend, wie er die Leute geführt hat. In Leverkusen gab es einen ganz extremen Zusammenhalt. Aber ich habe ja auch keine Entscheidung gegen Leverkusen getroffen, sondern eine für Hannover.
Tsp: Sie sind zwar erst 31, aber schon seit fast zehn Jahren in der Fußballbranche tätig. Mit 22 sind Sie beim Grasshopper-Club Zürich angestellt worden – nachdem Sie dem Verein einige Spieler angeboten haben.
IK: Wenn ich gewusst hätte, wie die Mechanismen der Branche funktionieren, hätte ich mich das gar nicht getraut. Zum Glück war ich damals unbedarft, und zum Glück ist Erich Vogel, der Manager, damals sehr neugierig auf mich gewesen. (…)
Tsp: Sie reden viel über das Geschäft. Kommt da bei Ihnen die romantische Sicht auf den Fußball nicht ein bisschen zu kurz?
IK: Romantik ist im Fußball ganz wichtig. Dass ehemalige Spieler wie Oliver Bierhoff, Ulf Kirsten oder hier in Hannover Carsten Linke dem Fußball erhalten bleiben, ist ein ganz wichtiger Teil der Fantasie. Diese Leute haben schon als Spieler Emotionen geschürt, und das können sie auch als Funktionäre. Wenn es nur Leute wie mich im Fußball gäbe, wäre es langweilig.
Ich glaube, daß ich in Deutschland nicht so eine Karriere gemacht hätte wie in Manchester
Bert Trautmann im Interview mit Michael Reinsch (FAZ 6.11.)
FAZ: Als Manchester City Sie entdeckt hatte und 1949 verpflichten wollte, gingen die Fans auf die Straße.
BT: Niemand wußte, ob ich überhaupt erste Mannschaft spielen würde – ich kam aus der achten Spielklasse. Und trotzdem sollen 40 000 auf die Barrikaden gegangen sein: Wenn ihr den Nazi verpflichtet, boykottieren wir den Verein. Der Rabbi von Manchester hat ihnen vorgeworfen: Wie dumm könnt ihr eigentlich sein, einen einzelnen Deutschen verantwortlich zu machen für das, was im Krieg passiert ist! Laßt ihn zeigen, was er kann!
FAZ: Sie waren eine Attraktion. Sind Sie so spektakulär gesprungen, wie es auf den Fotos scheint?
BT: Gar nicht. Bobby Charlton hat einmal erzählt, daß ihr Trainer Jimmy Murphy sie davor gewarnt hat, beim Schuß zu mir aufzublicken, als könnte ich ihre Gedanken lesen. Es war meine Voraussicht, meine Antizipation, die sie fürchteten. Ich war nicht spektakulär. Aber ich trat in die Fußstapfen von Nationaltorhüter Frank Swift.
FAZ: Sie wurden gerühmt für Ihre offensiven Fähigkeiten. Ihre Abwürfe galten als erster Angriffszug.
BT: Ich war ein guter Handball- und Völkerballspieler. Dieses Fangen kannten die Engländer nicht. Und ich konnte wirklich Bälle fangen, auch die aus vier, fünf Meter geschossen wurden. Und ich konnte halbwegs und gezielt werfen. An Paraden kann man einen Torwart nicht messen. Was zählt, ist, was er seiner Hintermannschaft an Arbeit abnimmt, auch an Flanken und indem er den gegnerischen Stürmern zeigt, daß er da ist. Leider gehen in der Bundesliga sogar Kopfbälle aus dem Fünfmeterraum ins Tor. Das sieht man jeden Samstag drei, vier Mal. Wenn in meiner Mannschaft ein hoher Ball in die Mitte kam, haben die Mittelfeldspieler abgedreht. Sie wußten, daß das mein Ball ist.
FAZ: Was haben Sie in England gelernt?
BT: Menschlichkeit, Ehrlichkeit und Toleranz. Ich habe empfunden, daß Sport eine ziemlich ehrliche Sache ist. So soll man durchs Leben gehen – mit Mut und zugleich mit Respekt und Spaß am Mitmenschen. (…) Ich glaube, daß ich in Deutschland nicht so eine Karriere gemacht hätte wie in Manchester. Zwei Jahre lang habe ich nach dem Genickbruch versucht, wieder meine alte Leistung zu bringen. Dann habe ich gesagt: Jetzt mache ich Schluß, ich kann nicht mehr. Der Manager und die Mannschaft haben mich daraufhin gefragt: Weißt du eigentlich, wie viele Punkte du uns alleine schon geholt hast? Das war 1958, ich war 35 Jahre alt. Und dann ging es, durch dieses Zeichen des Vertrauens, wieder bergauf. Ich war hinterher besser als zu der Zeit, als ich Fußballer des Jahres geworden war. In Deutschland hätten sie mich fallengelassen, glaube ich.
Sponsoring und Kartenvergabe sind unterschiedliche Dinge
Wilko Zicht, BAFF-Mitglied, im Gespräch mit Christian Zaschke (SZ 6.11.)
SZ: Franz Beckenbauer hat angekündigt, dass bei der WM 2006 nur etwa 20 Prozent der Karten für Zuschauer aus Deutschland zur Verfügung stehen. Wie wird das an der Fan-Basis aufgenommen?
WZ: Es war klar, dass das Kontingent begrenzt sein würde. Die Frage ist jedoch, ob nicht zu viele Karten an Sponsoren gehen und an all die Verbände. Die große Fifa-Familie will ja versorgt werden.
SZ: Es gibt drei Millionen Karten. Knapp ein Drittel geht an Sponsoren und Verbände.
WZ: Das ist leider nicht nur bei der WM so, wir haben das Problem immer bei großen Spielen. Die Verbände sagen, das gehe nicht anders, weil die Sponsoren die Karten brauchten. In der Praxis sieht das dann so aus, dass Mitarbeiter dieser Firmen stapelweise Karten bekommen und es denen nicht so wichtig ist, das Spiel zu sehen. Diese Karten werden häufig bei eBay verkauft.
SZ: Selbst Mitglieder der Fifa-Exekutive haben schon Karten auf dem Schwarzmarkt verkauft. Haben Sie den Eindruck, dass man etwas ändern könnte, und dass Deutschland beispielhaft eine WM organisiert, die für die Fans gedacht ist?
WZ: Die Frage ist, inwieweit die Fifa das zulässt. Ich nehme es dem deutschen Organisationskomitee ab, dass es da weiter gehen würde, wenn es könnte, aber die Fifa beansprucht einen erheblichen Teil der Tickets. Wir haben das auch in der Champions League erlebt. Da wurden von der Uefa Tausende Karten an die Vereine zurückgeschickt. Das zeigt, wie groß die Diskrepanz zwischen der Nachfrage ist und dem, was die Verbände beanspruchen.
SZ: Welche Änderungen bei der Kartenvergabe würden Sie als Fanvertreter vorschlagen?
WZ: Ich würde, was die Sponsoren angeht, mich auf das Wesentliche beschränken: nämlich darauf, dass das Werbepartner sind und nicht Verteilungsstellen für Freikarten. Sponsoring und Kartenvergabe sind unterschiedliche Dinge. Ein gewisses Kontingent muss da sicherlich zur Verfügung stehen, aber es wird total übertrieben.
Unterhaus
Rummel um Lukas Podolski
Moritz Küpper (FR 6.11.) schildert den Rummel um Lukas Podolski: „Der Rummel um Podolski kennt scheinbar keine Grenzen. Podolski, der im Dezember mit der Nationalmannschaft auf den Asien-Trip gehen soll, weshalb eigens das Zweitligaspiel gegen den MSV Duisburg von Montag auf Sonntag vorverlegt werden musste, gab es schon als Starschnitt im kicker und im Boulevardblatt Express. Kürzlich unterschrieb er einen Vertrag mit Sportartikelhersteller adidas und wird bald neben Weltstar Alessandro Del Piero Werbung machen. Neben den unzähligen Interviewanfragen gibt es auch Wünsche von Sponsoren, wollen wohltätige Organisationen ihn als Botschafter. „Aber für uns steht das Sportliche im Vordergrund“, sagt Dittrich. Eine Absage bekam auch der Bürgermeisterkandidat aus Podolskis Wohnort Bergheim, der mit Hilfe des Nationalspielers die Wahl gewinnen wollte. Nighttalker Reinhold Beckmann wollte beispielsweise schon die Eltern des Fußballstars in seine Sendung holen.“
Allgemein
VfB Stuttgart-Benfica Lissabon 3:0
Graziöser Ringkämpfer mit den Sprachen dieser Welt
Sehr schön! Roland Zorn (FAZ 6.11.) protokolliert gerührt ein Referat Giovanni Trapattonis, „Italiens bestem Botschafter in Deutschland“: „Trapattoni, noch immer klassisch-modern wie ein Gentleman der alten Schule gekleidet, sitzt auf dem Podium und versucht, seine Gedanken und Gefühle sprachlich zu bändigen. Dazu gestikuliert der Herr im grauen Nadelstreif mit den dazu passenden Accessoires, weißes Hemd, rote Krawatte, derart schwungvoll mit der rechten Hand, als dirigierte er im Nebenberuf die Lissabonner Philharmoniker. Der 65 Jahre alte Italiener präsentiert sich als liebenswertes Original, als graziöser Ringkämpfer mit den Sprachen dieser Welt, als charmanter Plauderer, der auf zielgerichtete Fragen überraschende, ausschweifende und schließlich doch einfache fußballphilosophische Antworten gibt. (…) Und so holt Trapattoni in einem multilingualen Potpourri mit italienischer Grundierung sowie deutsch-spanisch-portugiesisch-englischen Zutaten zu einer Erläuterung aus, die nicht mal er begriffen haben dürfte. Trapattoni hat sich kurz nach dem Abpfiff wie schon so oft in einem Irrgarten der wild durcheinanderschießenden Emotionen verlaufen. Er sieht schwäbische Kopfballungeheuer vor sich, die seine zierlichen Spieler überragt hätten, beklagt ein laienhaftes Abwehrverhalten vor „the first Tor“ und versteht nicht, warum Benfica nach guter erster Halbzeit klein beigab. Das alles in klare Sätze zu fassen, ist ihm in diesen Augenblicken nicht möglich. Und so sagt der Wortsucher nur noch achselzuckend: „Fußball ist Fußball.“ Alles lacht, auch Trapattoni. Das aber so feinsinnig, daß jeder spürt: Einer wie er will und kann sich nicht entschlüsseln lassen.“
FC Sevilla-Alemannia Aachen 2:0
Gestählt von den Erfahrungen am heimischen Tivoli
Daniel Pontzen (FR 6.11.) lobt die Verlierer: „Der Zweitligist war bei der Fortsetzung seiner Lustreise durch Europa dem prominenten Gastgeber lange Zeit ebenbürtig. Zwei Unaufmerksamkeiten in der Defensive der Aachener schlachtete der Tabellenzweite der Primera Division zum schmeichelhaften, wenngleich nicht unverdienten Erfolg aus. Gestählt von den Erfahrungen am heimischen Tivoli waren die Aachener unbeeindruckt von der imposanten Kulisse im steilwandigen Estadio Sanchez Pizjuan zu Werke gegangen.“
Bundesliga
Alles ist anders als sonst
Gute Stimmung in Hannover – Frank Heike (FAZ 6.11.): „Keine Abstiegssorgen, kein Aufstiegsstress, kein nahender Trainerwechsel, keine Winterschlußeinkäufe, kein Ärger mit dem Manager – alles ist anders als sonst in diesen Herbsttagen. Martin Kind, der 60 Jahre alte Inhaber einer erfolgreichen Hörgerätefirma, hat Hannover 96 in der Regionalliga übernommen, als der Klub praktisch pleite war. Seitdem gab es trotz zweier Aufstiege nur selten Momente unbeschwerter Freude. Daß Kind nun strahlend durch die neue AWD-Arena geht, liegt an einem Mann: Ewald Lienen. Fünfmal nacheinander hat 96 gewonnen: Vereinsrekord. So kommt es, daß Hannover als Tabellenvierter völlig entspannt nach München gereist ist, wo der Tabellenfünfte versuchen wird, die alte Hackordnung wiederherzustellen. Zuletzt umarmten sich Kind und Lienen sogar vor Fernsehkameras – zwei wesensähnliche, asketische, rigide, manchmal verkniffene Männer. Hat sich da ein Paar gefunden, das die „Roten“ im dritten Bundesliga-Jahr endlich in sicheres Fahrwasser führt? Es scheint fast so, wenn man Kinds verklausulierte Lobeshymnen auf Lienen hört. (…) Lienen, an dem das Image des mißtrauischen Disziplinfanatikers klebt, versucht seit geraumer Zeit, sich zu öffnen. Ein Witzchen hier, ein frecher Spruch da. Der Trainer ist dazu übergegangen, nicht mehr hinter jeder Frage eine Falle zu vermuten. Es gab ein Fußballspiel gegen örtliche Journalisten als vertrauensbildende Maßnahme.“
Mehr als stets bemüht ist das Führungspersonal in Hannover – Jörg Marwedel (SZ 6.11.) notiert das Lob des Präsidenten: „Wenn Martin Kind über seine leitenden Angestellten Ewald Lienen und Ilja Kaenzig spricht, huscht ein beinahe versonnenes Lächeln über das kantige Unternehmergesicht. Er setzt dann an zu einer Laudatio, die in schriftlicher Form ein prächtiges Arbeitszeugnis abgeben würde. Die Qualitäten des im Frühjahr aus Leverkusen abgeworbenen Managers Kaenzig beschreibt er so: „Gute kaufmännische Ausbildung. Hervorragende Kenntnisse des deutschen und internationalen Marktes, der Statuten und im Vertragsmanagement. Abgezockter, qualifizierter Gesprächs- und Verhandlungspartner. Beherrscht die Spielregeln des Geschäfts.“ Am Fußballlehrer Lienen wiederum hebt Kind hervor, dieser sei „intellektuell vernünftig aufgestellt“ und „in der Lage, Ziele zu formulieren, ihre Umsetzung zu begleiten und die Situation immer wieder kritisch zu analysieren“. Zudem setze er sich „sehr seriös auch mit anderen Sichtweisen auseinander, ohne sich zu verbiegen“. Kurz: „Ich habe jetzt ein Umfeld, das ich mir seit Jahren gewünscht habe.“ Kind ist ein erfolgreicher mittelständischer Unternehmer. Zu seinem Lieblingsvokabular gehören Wörter wie „Turnaround“, „operative Umsetzung“ oder „Planungssicherheit“. Und er ist mehr denn je überzeugt davon, dass sich die Kriterien der Wirtschaft auch auf Fußballunternehmen übertragen lassen. Die vergangenen Wochen haben ihn in seiner Meinung bestärkt.“
Freitag, 5. November 2004
Champions League
Oliver Kahns Stern sinkt
„Oliver Kahns Stern sinkt“ (SZ) / „Kahns spektakuläre Fehlgriffe erreichen allmählich die Regelmäßigkeit eines Metronoms“ (BLZ) / „aus dem Titan wird ein als Torwart kostümierter Volksschauspieler“ (BLZ) / FC Bayern München, seit Jahren im Umbau (SZ) – Rom gegen Leverkusen ohne Zuschauer, „klinisch rein, steril, langweilig, trist, nichts wert“ (FR), „eine Oper ohne Musik“ (SZ) – „vom Schwung vergangener Jahre ist in Spanien nicht mehr viel zu sehen“ (SZ)
………..
Bayern München-Juventus Turin 0:1
Selbstgefällige Flugeinlage
Juve siegt, weil sie den besseren Torhüter hätten; erzählen Sie uns was neues, Michael Horeni (FAZ 5.11.)! “Die größte Freude strahlte Gianluigi Buffon aus. Er eilte mit wehendem schwarzen Haar im Laufschritt aus seinem Tor heraus, hüpfte an seinen Kollegen hoch und wurde mit Gratulationen nur so überschüttet. Juventus Turin hatte nicht zuletzt dank Buffon auch das vierte Spiel mit dem immer gleichen, für einen Torwart fabelhaften Resultat und zudem italienischsten aller Ergebnisse beendet. Der vom Platz flüchtende Oliver Kahn ist von solchen Momenten der Anerkennung mittlerweile weit entfernt. Bis zur 90. Minute hatte der Nationaltorwart einen ruhigen Abend verlebt. In der ersten Halbzeit gestattete er sich nach einem abgefälschten Ball eine selbstgefällige Flugeinlage, in der 80. Minute wehrte er reaktionsschnell einen Schuß von Pavel Nedved ab, der vermutlich am Tor vorbeigegangen wäre. Mehr war bis dahin nicht zu tun für einen Schlußmann, der Zeit genug fand, auf der anderen Seite einen Kollegen bei der Arbeit zu beobachten, der an Kahn in seinen besten Zeiten erinnerte.“
Oliver Kahns Stern sinkt
Philipp Selldorf (SZ 5.11.) schreibt Oliver Kahn ab: „Wenn es wichtig wird, unterläuft ihm der Fauxpas. Gegen Real Madrid im Frühjahr, im Meisterschaftsfinale gegen Bremen, jetzt gegen Turin. Wer glaubt an so viel Zufall? Kürzlich kündigte Kahn unvermittelt an, er wolle seinen 2006 auslaufenden Vertrag bis 2008 verlängern – im Klub gab es darauf ein vielsagendes Echo: Schweigen. Auf Nachfragen erklärte Karl-Heinz Rummenigge, man mache sich „grundsätzlich“ über 2006 endende Verträge noch keine Gedanken. Oliver Kahns Stern sinkt.“
Kahns spektakuläre Fehlgriffe erreichen allmählich die Regelmäßigkeit eines Metronoms
Joachim Mölter (BLZ 5.11.) ergänzt: „In den Katakomben stand Uli Hoeneß. Er hielt die Torwart-Handschuhe von Oliver Kahn in den Händen, als hätte er sie ihm abgenommen, um sich bei nächster Gelegenheit selbst ins Tor zu stellen und zu zeigen: Das kann ich auch! Mittlerweile darf ja jeder Kreisklassen-Keeper mit Bäuchlein behaupten, mehr Tore zu verhindern als der gewesene Titan Kahn. Der hat wieder einmal den Ball fallen lassen, dummerweise vor die Füße des Turiner Stürmers Alessandro Del Piero, dummerweise in der letzten Spielminute, und dummerweise verloren die Münchner dadurch. Oliver Kahns spektakuläre Fehlgriffe erreichen allmählich die Regelmäßigkeit eines Metronoms.“
Aus dem Titan wird ein als Torwart kostümierter Volksschauspieler
Markus Völker (BLZ 5.11.) fügt hinzu: „Kahn hat das Spiel immer auf sich gezogen. Er hat sich stets in den Brennpunkt des Geschehens gerückt, seine Ich-AG inmitten des Aluminiumgestänges repräsentiert. Und wenn er, was in der Natur der Sache liegt, keine spielerischen Impulse setzen konnte, dann reizte er die Mannschaft und die Öffentlichkeit mit herausfordernden Worten. Wenn seine Verbalattacken nicht ausreichten, wurde er bisweilen handgreiflich, um seiner Energieschübe Herr zu werden. Das gilt als entschuldbar, solange Selbstbild und Leistung deckungsgleich sind. Aber nun können seine bizarren Auftritte schnell zum Problem werden. Der Reiz der Reizfigur kann sich entladen wie ein Blitz am Ableiter. Kahn sollte auf der Hut sein. Schnell wird aus der Fehlerparade eine bunte Folklorenummer und aus dem Titan ein als Torwart kostümierter Volksschauspieler.“
Die Zeiten haben sich geändert
Markenprodukt deutscher Torhüter – war das einmal, Jörg Hanau (FR 5.11.)? „Von jenen ruhmreichen Tagen reden immer weniger. Eigentlich nur noch der Rudi und der Klinsi. Die halten die Mär von den starken Männern aus heimischen Landen gerne am Leben. Reden darüber, dass noch immer alle neidisch seien auf unsere tollen Torhüter. Neidisch? Alle? Was für ein Märchen. Die Zeiten haben sich geändert. Die italienischen Medien – und sie sind längst nicht die ersten und schon gar nicht die einzigen – machen sich lächerlich [of: machen sich lustig?] über die Torhüter „Made in Germany“. Objekt der öffentlichen Demütigung ist vor allem die Nummer eins: Oliver Kahn. Seine Patzer auf internationaler Fußball-Bühne haben dazu geführt, dass der Ruf des teutonischen Torhüters arg gelitten hat.“
Seit Jahren im Umbau
Andreas Burkert (SZ 5.11.) kommentiert die Baisse Bayern Münchens im Europapokal: “Ihre Leistung stagniert, und in heiklen Situationen erinnert sich das prächtig besetzte Kollektiv offenbar einer seltsamen Lethargie, die es nun schon seit dem Triumph 2001 begleitet wie ein schlechtes Parfüm. Felix Magath ist am überschaubaren Vorankommen dieser Mannschaft sicherlich nur bedingt beteiligt; er hat einen Kader übernommen, dessen Umbau bereits Jahre andauert – und ein zufriedenstellendes Ergebnis der Renovierungsarbeiten ist auch unter seiner Anleitung derzeit nicht in Sicht. Ob der Abschluss bereits in dieser Saison gelingt, ist zumindest fraglich. Magath wird weiter versuchen müssen, das Rätsel einer Mannschaft zu entschlüsseln, die trotz ihrer spielerischen Potenz allzu selten Begeisterung und Leidenschaft in Kombinationen umsetzt, wie sie etwa Werder Bremen regelmäßig produziert (…) Die beiden Duelle mit den 1:0-Künstlern aus dem Piemont haben den Eindruck hinterlassen, als stießen die Münchner bereits an ihre Grenzen, wenn sie gegen einen Favoriten das Geschehen kontrollieren und zu ein paar hübschen Gelegenheiten kommen.“
AS Rom-Bayer Leverkusen 1:1
Klinisch rein, steril, langweilig, trist, nichts wert
Erik Eggers (FR 5.11.) vermisst Zuschauer und deren Krach: „Es war über weite Strecken ein Fußballspiel wie unter einem Reagenzglas: ein klinisch reines, steriles Produkt, frei von äußeren Einflüssen, und also langweilig und trist. Das zeigte dieses Experiment auf höchstem Niveau einmal mehr: Das Gesamtkunstwerk Fußball gerät ohne die Begeisterung und Hingabe der Fans zu einem profanen Akt. Was nützt das Tor Berbatovs, diese einzige bezaubernde Miniatur, wenn es nicht von Tausenden bestaunt, beklatscht und schließlich kommentiert und nach dem Stadionbesuch in den schönsten Farben wiedererzählt wird? Wenn es der Fan nicht auflädt und schließlich in seiner Erinnerung verklärt? Es ist nichts wert.“
Oper ohne Musik
Birgit Schönau (SZ 5.11.) auch: „Dimitar Berbatov ist tatsächlich mit Marko Babic jubeln gegangen – unter die leere Nordkurve, wohl ein Reflex. Montella hat sich am Knöchel verletzt bei seinem Tor unter der leeren Südkurve. Draußen haben sich in der Zwischenzeit 500 Tifosi versammelt, der harte Kern, der es zu Hause nicht aushält, wenn die Roma spielt. Deshalb hört Montella sogar seinen Namen, aus der Ferne. Als Geisterspiel war die Partie angekündigt worden, weil man immer einen eingängigen Begriff braucht und „Geisterspiel in Rom“ sich nach was anhört. Aber es gibt gar keine Gespenster und keinen Grusel. Eher Bolzplatz-Atmosphäre mit diesen lindgrünen Eintrittskarten, die der AS Rom offenbar aus Nachkriegsbeständen gekramt hat, mit dem trockenen Geräusch des Lederballs, dem Geschrei der Spieler. Die aus Leverkusen brüllen übrigens viel mehr als die Römer, vielleicht haben sie sich mehr zu sagen. Jedenfalls werden jene Sportpsychologen ad absurdum geführt, die behauptet hatten, ohne Publikum könnten sich die Spieler viel besser konzentrieren. Eine verwegene Theorie, obwohl ja die Deutschen in der übrigen Welt dafür berüchtigt sind, dass sie am liebsten alles in Ruhe erledigen. Alles, aber doch nicht Fußball! Fußball als Privatvorstellung, das ist wie Oper ohne Musik. (…) Für ein Killerfoul braucht Totti nicht einmal mehr Publikum, fast wäre es zur Neuauflage der Tätlichkeiten von Leverkusen gekommen.“
Straßenbande
Gregor Derichs (FAZ 5.11.) schüttelt den Kopf über die Römer: „Die Kabinengänge wirkten wie ein Gefängnistrakt. Auf der Haupttribüne verloren sich etwa 200 Menschen. Jeder Verein durfte maximal 75 Personen mitbringen. Dazu kamen noch die Eltern der Balljungen, die nach dem Spiel als Fahrdienst fungierten. Die rüpelhafte Gangart des wie eine Straßenbande auftretenden Gegners, der beim Hinspiel mit zwei Roten Karten bestraft worden war, fand eine Wiederholung.“
Vom Schwung vergangener Jahre ist nicht mehr viel zu sehen
Peter Burghardt (SZ 5.11.) wundert sich über die Niederlagen der Spanier: „Das Achtelfinale wird der FC Valencia voraussichtlich ebenso verpassen wie Deportivo La Coruna. So scheint es fürs erste vorbei zu sein mit der spanischen Übermacht in der Champions League, bei der in besten Zeiten drei Vertreter der Primera Division unter den letzten vier gewesen waren. Real Madrid quält sich über die Runden, es brilliert neuerdings nur wieder der FC Barcelona. Die Dekadenz illustriert auch die heimische Liga. An der Spitze zaubert einsam Barca – Platz zwei belegen derzeit die wackeren Kämpfer vom FC Sevilla, von denen selbst Trainer Victor Munoz zugibt, man spiele „immer am Rande des Erlaubten“. Dass Real Madrid trotz erbärmlicher Leistungen Dritter ist, sagt manches über den Zustand der vermeintlich weltbesten Spielklasse. Valencia liegt hinter dem Aufsteiger und Lokalrivalen Levante mit Trainer Bernd Schuster, La Coruna hat den Anschluss bereits verloren. Vom Schwung vergangener Jahre ist nicht mehr viel zu sehen, die Helden werden alt.“
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