indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Montag, 28. Juni 2004

Allgemein

Er ging zum Punkt, als müsse er sich dort einen Hotdog kaufen

„den Tschechen ist die Erholungszeit vor der Endrunde gut bekommen“ (NZZ) – Otto Rehhagel ist auch Experte (SZ) – Frankreich ist gealtert u.v.m.

Tschechien-Dänemark 3:0

Felix Reidhaar (NZZ 28.6.) gratuliert den Tschechen: „Der ersten tschechischen Mannschaft, die zuletzt pausiert hatte, ist die achttägige Erholungszeit an dieser Endrunde gut bekommen. Im nicht voll besetzten Estadio Dragão – die dänische wie die tschechische Kolonie hatten erhebliche „Abgänge“ zu verzeichnen – verhalfen ihr eine augenfällige Tempoerhöhung in der vierten Viertelstunde sowie zwei Einzelleistungen von Milan Baros zum eher zu hoch ausgefallenen Sieg. Verdient hatten ihn sich die ausgeruhten Tschechen auf jeden Fall. Sie imponierten durch hervorragende Chancenverwertung in der wichtigsten Spielphase und zeichneten sich auch durch das zielstrebigere Offensivspiel aus. Zum fünften Mal nach 1960, 1976, 1980 und 1996 steht damit eine Auswahl dieses Verbandes unter den letzten vier. Obwohl der letzte Viertelfinal nach zwei enttäuschenden Leistungen niveaumässig das Mittelmass wieder überragte, sind dem Turnier begeisternder Schwung und packende Intensität in der K.-o.-Phase bedauerlicherweise abhanden gekommen. Das Viertelfinal-Tableau wurde am Sonntagabend komplettiert durch ein Spiel zweier Teams, die als Europameisterschafts-Habitués gelten. Die Dänen haben an sieben von zwölf Turnieren teilgenommen, seit 1984 ohne Unterbrechung (Gleiches gelang nur den Deutschen); für die Tschechen ist es die sechste Teilnahme. Beide ähneln sich in der offensiven Grundausrichtung und der stabilen Organisation, was der Mannschaft von Morton Olsen Lob aus berufenem Mund Sven-Göran Erikssons eingetragen hat, die Dänen seien „die Latinos des skandinavischen Fussballs“. Karel Brückners Kader kommt ohne Schmeicheleien aus, seit gegen die Deutschen auch noch sein zweiter, bisher auf die Bank abgeordneter Teil aufsehenerregende Kompetitivität auf höchster Ebene bewiesen hat. Wer will es deshalb Brückner verargen, wenn er den Begriff der Ersatzleute höflich, aber dezidiert aus dem EM-Vokabular gestrichen haben will?“

In der SZ (28.6.) liest man: „Karel Brückner ist ein Mann mit breiter Bildung, weshalb er auf die Frage, ob sein Team immer erst in Rückstand geraten muss, um dann noch zu gewinnen, gerne mit Shakespeare antwortet: „Othello erdrosselt Desdemona ja auch nicht schon im ersten Akt.“ Trotzdem sah es gegen Dänemark so aus, als ob der 64-Jährige mit der Tradition des Dreiakters (Rückstand-Aufholjagd-Sieg) endlich brechen und sich den Nervenstress des lang anhaltenden Dramas einmal ersparen wollte. Seine Mannschaft begann mit stark gedämpftem Offensivdrang, und weil sich auch die Dänen nicht allzu sehr reinhängten, entwickelte sich ein Spiel mit gelegentlichen Strafraumszenen, doch ohne echte Torchancen.“

Holland-Schweden 5:4 n. E.

Ich habe den Verstand auf Null gestellt

Wie war für die Holländer gewinnen das erste Mal, Thomas Klemm (FAZ 28.6.)? „Im nachhinein war alles ein Kinderspiel. Der kleine van der Sar, in orangefarbenen Haaren und mit Torhütertrikot in Miniformat, winkte, wie es der an diesem Abend besonders große Vater Edwin tat, und Patrick Kluiverts Filius, wie der Papa im Dress mit der Nummer neun, hüpfte auf dem Rasen von da nach dort. Es schien plötzlich alles so kinderleicht, als die Niederländer einen zwölf Jahre währenden Albtraum besiegt und zu neuem Teamgeist gefunden hatten. Wie sie das, was ihnen zuvor viermal in Folge unmöglich war, mit einem Male schafften, nur darüber stritten die Schützen. Er sei froh gewesen, den Anfang gemacht zu haben, bekannte Ruud van Nistelrooy, für den der Gang vom Anstoßpunkt „ein langer, langer Weg“ war. „Man muß die dreißig Meter vom Mittelkreis zum Punkt konzentriert zurücklegen“, behauptete indes Roy Makaay. „Ich habe den Verstand auf Null gestellt“, sagte der niederländische Jungstar Arjen Robben, der sein bislang herausragendes Auftreten in Portugal krönte, indem er in Faro den entscheidenden sechsten Elfmeter zum 5:4 im EM-Viertelfinale gegen die schwedische Auswahl verwandelte. Frank de Boer, beim Wettschießen längst wieder verletzt auf der Bank, hatte seinerseits „einfach ein gutes Gefühl“. Ob so, so oder so – die „Oranjes“ sahen rosarot, nachdem sie seit ihrem EM-Titel 1988 einen schwarzen Tag nach dem anderen erlebt hatten. (…) Verdient hatten sie den Sieg allemal, waren sie doch nach einem müden Kick in der ersten Halbzeit die aktivere Mannschaft, als die Temperaturen im Estádio Algarve sanken.“

Jan Christian Müller (FR 28.6.) erklärt Edwin van der Sar zum Torwart-Helden: „Edwin van der Sar ist alles andere als ein begnadeter Elfmetertöter. Er ist zwar fast zwei Meter groß und ganz bestimmt auch reaktionsschnell, er beherrscht seinen Strafraum und kann viel am Ball, aber er hatte bis zu diesem denkwürdigen 26. Juni 2004 eine Menge schlechter Erfahrungen mit Elfmeterschießen gemacht. 1996, 1998 und 2000 stand der hagere Torwart schon für die Niederlande zwischen den Pfosten. Jedes Mal verloren die Holländer, wie schon 1992, den Nervenkrieg nach der Verlängerung. Und nicht ein einziges Mal hielt der brave Edwin van der Sar, Hollands Torwart der Jahre 1994 bis 97, auch nur einen einzigen Ball. (…) 88 Länderspiele und 21 Elfmeter hat der immer etwas elend ausschauende Keeper der Holländer für diesen schönsten Tag seiner Karriere gebraucht, den er noch auf dem Spielfeld gemeinsam mit seinem, vor lauter Freude und Stolz wie ein Flummi mit orange gefärbten Haaren im kleinen Torwarttrikot herumspringenden Sohn feierte.“

Er ging zum Punkt, als müsse er sich dort einen Hotdog kaufen

Martin Hägele (NZZ 28.6.) sieht total abgebrühte Holländer: „Arjen Robben kannte die traurige Saga der holländischen Helden von klein auf, im Fernsehen hatte es schon unzählige Sendungen gegeben, wobei Sportpsychologen die nationale Crux auf unterschiedlichste Weise definierten: Der holländische Fussballstar an sich sei schon vom Typ her ungeeignet für eine solche Exekution. Für den plumpen Gewaltakt hatte König Johan früher schon seinen Adjutanten Neeskens geschickt. Johan Cruyff, der beste aller niederländischen Fussballspieler, sei sich zu fein gewesen für Elfmeter, und diese Einstellung habe sich auf die Nachfahren übertragen. Eine zweite Theorie besagt, es handle sich um eine Volkskrankheit, als Strafe für das überzogene Selbstbewusstsein der Oranje-Kicker. Arjen Robben schien das alles nicht zu interessieren. Der Linksaussen vom PSV Eindhoven ist gerade 20-jährig und seit er vor ein paar Wochen im FC Chelsea unterschrieben hat, einer der jüngsten Multimillionäre Hollands. Robben hat nicht gespürt, dass zwischen vier und fünf Millionen Landsleute am Fernsehen fieberten, schwitzten oder ihren Puls rasen und das Herz flimmern fühlten. Er ging zum Punkt, als müsse er sich dort einen Hotdog kaufen oder das falsch geparkte Auto wegfahren, irgendeine emotionslose Alltagshandlung. Robben schaute auch nicht nach dem schwedischen Torhüter Isaksson. Er legte sich den Ball hin, drei, vier Schritte Anlauf, dann lag er auch schon rechts unten im Netz. Wohl noch nie ist im Fussballreich Holland, wo Fussball entweder ästhetisch oder total gespielt werden muss, ein solch trockener Schuss in die Ecke so gefeiert worden wie Robbens Ball zum 5:4. „Wir haben den Fluch besiegt“, hat Edgar Davids hinterher gesagt. „Du darfst nichts denken dabei“, so Makaay, der von Dick Advocaat auch unter der Prämisse eingewechselt worden war, ein guter „Penalty-Taker“ zu sein. Der Goalgetter von Bayern München kennt keine bösen Geister oder kleinen schwarzen Männchen, die sein Hirn mit einem Horrorfilm oder Heldenvisionen traktieren, wenn er zum Strafstoss antreten soll.“

Christian Zaschke (SZ 28.6.) trifft Roy Makaay auf der Toilette: „Meistens kommt der Harndrang daher, dass man etwas getrunken hat und jetzt halt mal aufs Klo muss. Dass man also kerngesund ist, gerade das Viertelfinale der Europameisterschaft spielt, Verlängerung. Dann ist die Verlängerung vorbei, man stellt fest, dass man Roy Makaay heißt und für Holland spielt, dass gleich das Elfmeterschießen ansteht und man plötzlich dringend für kleine Torjäger muss. Furchtbar dringend. Makaay rannte also schneller als je ein Deutscher in diesem Turnier in den Kabinengang, suchte die Toilette auf und gab dem Harndrang nach. Derart erleichtert schoss er seinen Elfmeter wie immer flach links unten ins Tor. Von alldem könnte höflich geschwiegen werden, wenn es dafür nicht wie für alles eine Regel im Fußball gäbe. Möchte ein Spieler das Spielfeld vor dem Elfmeterschießen verlassen, muss er sich beim Schiedsrichter abmelden. Sonst wird das Vergehen mit einer Gelben Karte geahndet. Makaay hatte bereits Gelb gesehen; er wäre also bei konsequenter Regelauslegung vom Platz gestellt worden und hätte keinen Elfmeter schießen dürfen. Doch dafür, dass Makaay, die Tormaschine, in jenem Moment so menschlich war, so menschlich wie jeder von uns, erhält er den Titel dieser Rubrik, und wenn die Uefa noch Ärger machen sollte, erhält er auch ein tadellos gefälschtes Attest.“

Dick Advocaat freute sich wie ein preisgekrönter Tulpenzüchter

Matti Lieske (taz 28.6.) über Hollands Altherren-Auswahl: „Eins muss man Dick Advocaat lassen: Er hat Sinn für Traditionspflege. „Die erfahrenen Spieler haben bei mir Vorrang“, hatte er schon nach dem ersten, wenig versprechenden Match gegen Deutschland gesagt, und diesen Worten ließ er beim Viertelfinale gegen Schweden beherzt Taten folgen. Abgesehen von den drei Angreifern, begann der Coach der Niederlande mit der Mannschaft der EM 1996. Das ist, als hätte das deutsche Team in Portugal mit Helmer, Eilts, Heinrich, Kohler, Möller, Häßler und Sammer gespielt. Wobei fairerweise gesagt werden muss, dass die Holländer 1996 ein wenig jünger waren als ihre deutschen Kollegen und längst nicht diese Erfahrung hatten, die Advocaat schätzt. Auf der Bank blieben am Samstag weitgehend die Adepten der neuen Ajax- und Eindhoven-Generation, die Holland gegen Bertis Schotten zur EM schossen und gerade dabei sind, sich dem Vorbild der Seedorfs und Kluiverts folgend auf die europäischen Spitzenklubs zu verteilen. Die spielen dann wahrscheinlich bei der EM 2012. (…) Die Elfmeter übrigens ließ Advocaat zum großen Teil lieber nicht von den 96ern schießen – böses Karma, nachdem die Niederlande in der Vergangenheit ihre drei Strafstoßentscheidungen bei Europameisterschaften allesamt verloren hatten. „Die Elfmeter waren bisher nicht unsere Freunde“, sagte van Nistelrooy, der erste Schütze, „zum Glück haben wir das gedreht.“ Dick Advocaat freute sich wie ein preisgekrönter Tulpenzüchter darüber, dass er die Strafstöße extra nicht hatte trainieren lassen. „Die Schweden haben sie geübt“, feixte er, „man hat gesehen, was dabei herausgekommen ist.“ In der Tat: Kick it like Beckham, hatte sich Zlatan Ibrahimovic gedacht, und den Ball übers Tor gejagt, womit das schwedische Unglück seinen Lauf nahm. Am Ende schoss noch Olof Mellberg fehl, bei Holland versagte nur Phillip Cocu, einer von 96, versteht sich.“

Das Trauma von Oranje

Bildet sich bei den Holländern jetzt doch ein Mannschaftsgefühl, Stefan Hermanns (Tsp 28.6.)? „Es gibt in den Niederlanden sogar ein Buch, das sich mit dem leidigen Thema beschäftigt: Penalty! Das Trauma von Oranje. „Das haben wir alle gelesen“, sagte Kapitän Frank de Boer, und offensichtlich war die Lektüre die einzige Vorbereitung der Holländer auf den Ernstfall. Trainer Dick Advocaat wurde gefragt, wie viele Elfmeter er im Training habe schießen lassen. „Null“, antwortete er. Der Bondscoach ist der Ansicht, dass Elfmeterschießen ein Lotteriespiel ist und sich die Stresssituation im Training nicht simulieren lässt. (…) In der Versuchsanordnung Elfmeterschießen hat sich zum ersten Mal wirklich deutlich die neue Struktur einer Mannschaft gezeigt, die zu Beginn des Turniers verlacht und verhöhnt wurde und jetzt gegen Portugal im Halbfinale steht. Ihr Erfolg ist eine Kombination aus kühler Abgezocktheit, wie sie Ruud van Nistelrooy verkörpert, und jugendlicher Unbefangenheit. Hinzu kommt etwas, das man dieser Ansammlung exzentrischer Stars am wenigsten zugetraut hätte: ein immer stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl.“

Lieblingsonkel

Philipp Selldorf (SZ 28.6.) wischt sich den Schweiß von der Stirn: „Am Samstagmorgen zeigte das Thermometer in der Gegend rund um die Algarvestadt Faro 32 Grad. Am Samstagabend, als Holland gegen Schweden spielte, war es nicht kühler, die heiße Luft stand still und das Klima lastete schwer auf dem Spiel. Wenn es Unterbrechungen gab während der Partie, dann rannten die Spieler augenblicklich hinüber zu den Betreuerplätzen und ließen sich aus den Trinkflaschen versorgen, und das sah aus, als würden sich die Gnus und Giraffen in der Serengeti an den raren Wasserstellen versammeln. Es war kein angenehmes Klima zum Fußballspielen, und es war auch kein großes Fußballspiel, aber es war ein großer Moment in der holländischen Fußballgeschichte. (…) Niemand vermag in die Fußballerseelen zu schauen, erst recht nicht in die der eigensinnigen Holländer, aber es ist möglich, dass die Überwindung dieses Traumas die Oranjes über die Begegnung mit Portugal am Mittwoch auf den Gipfel des Turniers führt. Im Laufe des Wettbewerbs hat die Mannschaft zueinander gefunden, und sie hat sich dabei um ihren von den niederländischen Medien verhöhnten und für überflüssig erklärten Trainer Dick Advocaat geschart. Nach dem Match wurde Advocaat, der nicht nur als physische Erscheinung an Berti Vogts denken lässt, von den Spielern umarmt wie der Lieblingsonkel.“

Schweden hat eine andere Werteskala, Gerhard Fischer (SZ 28.6.): „Für Deutschland ist der Erfolg das Höchste und für Holland der schöne Schein. Aber für die Schweden ist wichtig, dass ihre Elf ihnen keine Schande bereitet, dass sie alles gibt, dass sie fair bleibt und ein guter Verlierer ist. All das hat die Nationalelf erfüllt, und deswegen haben die Zeitungen das Team gefeiert. „Nie hat eine schwedische Elf tapferer gekämpft“, schrieb das Sydsvenska Dagbladet. Und Dagens Nyheter meinte: „Danke trotzdem, Mellberg, danke für alles, was du und die Mannschaft uns gegeben habt.“ Olof Mellberg, der Kapitän, verschoss den zweiten Elfer.“

Frankreich-Griechenland 0:1

Sehr schön! Sehr schön! Sehr schön! Otto Rehhagel spricht, und die Welt hört zu – Thomas Klemm (FAZ 28.6.): „Vom Himmel auf die Erde braucht Otto Rehhagel nur zwei Minuten und drei Sätze. Und alles im Sitzen. Er spricht ins Mikrofon, noch ehe er gefragt wird, und seine Botschaft beginnt mit den Worten: „Diese Nachricht geht um die Welt. In New York, Rio de Janeiro und Tokio werden die Menschen aufhorchen.“ Zwei Minuten später wendet sich der Fünfundsechzigjährige nur noch an die Griechen: „Wir müssen auf dem Boden der Tatsachen bleiben.“ Auch das schafft wohl nur Otto Rehhagel: hochzuloben und zugleich Demut einzufordern, Sekt zu genießen und Selters zu predigen. Die doppelte Strategie von Selbstbewußtsein und Seriosität ist es, die den griechischen Fußball-Nationalspielern vor allem am ersten Gastarbeiter des Landes imponiert. (…) Nachdem Otto Rehhagel die Bemühungen seiner Mannschaft, die sich in der ersten Halbzeit mehr Torchancen erarbeitet hatte als der Titelverteidiger, mit gewohnt hektischen Gesten begleitet hatte, gab er sich nach dem Coup gelassen wie ein elder statesman. Schon der bisherige EM-Erfolg biete für Griechenland die große Chance, „etwas für den Nachwuchs zu tun“. Vorausgesetzt natürlich, die Südeuropäer fallen nicht zurück in den alten Fehler der zwecklosen Fußballkunst, sondern setzen die von ihrem Fußball-Missionar geforderten Tugenden weiter um.“

Ein überfordertes Ensemble

Wenn Verlierer sprechen, klingt das anders – Thomas Klemm (FAZ 28.6.): „Jacques Santini spricht mit spitzem Mund und so tonlos, daß man geneigt ist, seine Worte für harmlos zu halten. Doch bei der kleinsten Unaufmerksamkeit konnten den Zuhörern die größten Ungeheuerlichkeiten entgehen in der Abschiedsrede des französischen Nationaltrainers, die mitunter wie ein Abgesang auf die derzeitige Spielergeneration klang. Die kreativen Einfälle hätten ebenso gefehlt wie die letzten Pässe. „Unser Fußball war technisch auf niedrigem Niveau, wir hatten zuviel Respekt vor unseren Gegnern“, sagte Santini bei seinem letzten Auftritt vor seinem Wechsel zu Tottenham Hotspur, und er meinte damit nicht irgendeine Amateurelf, sondern ein Ensemble von Weltstars wie Zinedine Zidane, Thierry Henry oder Lilian Thuram. Die meisten Spieler, die 1998 Weltmeister wurden und zwei Jahre später auch den kontinentalen Titel holten, präsentierten sich in Portugal zum zweiten Male binnen zwei Jahren als überfordertes Ensemble. (…) Während die Nationalmannschaft für den Gegner nicht mehr so furchteinflößend wie noch vor Jahren ist, sieht Santini seinen Ruf als Trainer nicht angekratzt. Er freue sich auf das „Abenteuer Premier League“ sagte er und erklärte die Niederlage gegen Griechenland mit dem Schlußwort: „Es ist für jede Mannschaft eine Zusatzmotivation, uns als Titelverteidiger zu schlagen.“ Dieses Problem immerhin haben die Franzosen künftig nicht mehr.“

Er ist ein großer Fußballkenner

Wie macht Otto Rehhagel das nur? Ist der Erfolg nur auf seine Menschenführung zurückzuführen? Bisweilen kann man als Zeitungsleser den Eindruck bekommen. Ist er auch Experte und Stratege, Christoph Biermann (SZ 28.6.)? „Das System Rehhagel, das eines ewig Verkannten und Unterschätzten, hat internationalen Standard. Man konnte hinter den alten Sprachmodulen unschwer auch die Grundregel seiner alten Strategie wiedererkennen: Wir sind klein und deshalb können wir nur etwas erreichen, wenn wir fest zusammenhalten. Dazu trennt Rehhagel die Welt streng in ein Drinnen und ein Draußen. Drinnen sind die Spieler und ihr Trainer, der sie unerbittlich schützt, wenn sie ihm auf seinem Weg folgen. Draußen sind Medien, Funktionäre und sonstige Störenfriede, die nur darauf lauern, denen drinnen ihren Zusammenhalt und damit ihren Erfolg kaputt zu machen. So ging das Déjà-vu weiter, als sich die griechischen Spieler zu ihrem Erfolg äußerten. Keiner wollte auch nur andeutungsweise verraten, wie der Trainer sie auf die Begegnung mit Frankreich eingestellt hatte. „Das bleibt in unserer Gruppe“, sagte etwa Stylianos Giannakopoulos, und der Mittelfeldspieler von den Bolton Wanderers war nicht einmal zum Einsatz gekommen. Ob der flinke Theodoros Zagorakis, der Torschütze Angelos Charisteas oder Abwehrkoloss Traianos Dellas, sie alle klangen wie Wiedergänger von Wynton Rufer, Marco Bode oder Rune Bratseth. Insofern muss die Behauptung, dass diese griechische Mannschaft den Geist des deutschen Fußballs repräsentiert, weiter eingegrenzt werden: Griechenland ist Werder Bremen. Oder zumindest jenes Bremen zu Zeiten der Ottokratie. (…) Als Rehhagel das Podium verließ, wartete schon Rolf Töpperwien, noch so ein bremischer Schatten. Der ZDF-Reporter war schon der Herold des Trainers gewesen, als dieser noch über Werder herrschte. Legendär wurde sein Jubel, nachdem Werder 1992, übrigens in Lissabon, das Finale im Europapokal der Pokalsieger gewonnen hatte. Als die Ankunft der Sieger in Bremen vom Fernsehen übertragen wurde, sagte Töpperwien mit größtmöglichem Pathos: „Otto Rehhagel betritt deutschen Boden.“ Bei dieser EM sind beide wieder vereint, denn selbst in den Weiten des internationalen Fußballs hält der große Paranoiker Rehhagel seine Welt klein, weil er außerhalb davon sowieso nur Verschwörungen vermutet. Doch man würde Rehhagel Unrecht tun, seinen spektakulären Erfolg nur auf die ihm eigene Form der Mannschaftsführung reduzieren zu wollen. „Er ist ein großer Fußballkenner“, sagte Ioannis Topalidis, der Rehhagels in Eckermannscher Treue ergebener Assistenztrainer ist. Mit großem Geschick geben die Griechen den Underdog auch auf dem Platz und jegliche Verantwortung für ein gelungenes Fußballvergnügen an den Gegner ab, die schließlich stets Favoriten sind.“

Ausgebrannt, ausgelaugt, fehleranfällig und unfähig, den Rhythmus zu variieren

Für Felix Reidhaar (NZZ 28.6.) kommt Frankreichs Ausscheiden nicht überraschend: „Das Ausscheiden des Titelhalters am späten Freitagabend hatte weder neutrale Beobachter noch französische Delegationsmitglieder unvorbereitet getroffen. Die Equipe tricolore war rechtzeitig auf den europäischen Gipfel alle zwei Jahre völlig vom Kurs abgekommen. Was im ersten Match (gegen England) mit etwas Glück noch im letzten Moment zu kehren war und auch gegen die Schweizer zu einem „sauberen“ Resultat reichte, war spätestens gegen die hellenischen „Kolosse“ mit ihrem verblüffenden Raumgefühl, der defensiven Stabilität und der fast aufreizend anmutenden Ruhe und Zuversichtlichkeit viel zu wenig. Ausgebrannt, ausgelaugt, fehleranfällig und unfähig, den Rhythmus zu variieren bzw. taktische Routen zu ändern, mussten die Franzosen ins Unglück schlittern; sie schienen es beim Kofferpacken im Mannschaftshotel mit Fassung zu tragen. Dabei stellten sie mit der ängstlichen Taktik Jacques Santinis die Enttäuschung dieser farbigen Spiele dar, mehr als die Italiener, noch stärker als die Spanier und die Engländer, die sich immerhin aufgelehnt hatten gegen die vorzeitige Heimreise. Dass Santini kurz vor dem Turnier den Abgang zu Tottenham bekannt gab, war bestimmt nicht von Vorteil. Wer ihn ersetzen wird, ist im Hexagone jetzt die Streitfrage. Der einflussreiche Funktionär Michel Platini favorisiert Jean Tigana. Aber auch Zidane lässt offen, ob er bei der Regruppierung der Bleus mitmachen wird.“

Heureka, Matti Lieske (taz 28.6.)! „In den Gebäuden der Wall Street herrscht plötzlich atemlose Stille, die Japaner verschlucken sich an ihrer Nudelsuppe, und die Brasilianer lassen vor Schreck ihre Caipirinha kalt werden. Konsterniert sehen sich die Menschen überall auf der Erde an und wiederholen fassungslos immer nur den einen Satz: „Otto hat die Franzosen weggehauen!“ So zumindest stellt der Fußballtrainer Rehhagel sich das vor. „Diese Nachricht geht um die Welt“, raunte Rehhagel sybillinisch, „in New York, Rio de Janeiro, Tokio werden die Leute aufhorchen.“ Und natürlich Otto preisen, nicht nur der Vater aller Siege, sondern nun auch Begründer der ottomanischen Globalisierungstheorie. Danach versetzte er die internationale Presse mit seiner Standardfloskel, dass er niemals über seine Strategie rede, in große Heiterkeit – worüber soll ein Fußballtrainer sonst reden? – und ging schließlich dazu über, einmal mehr zu erläutern, wie er in Griechenland lauter Individualisten deutsche Disziplin und Spiez-verdächtigen Teamgeist beigebracht habe. „Früher hat jeder gemacht, was er wollte, jetzt macht jeder, was er kann.“ Jeder nach seinen Fähigkeiten, alle nach Ottos Bedürfnissen, sozusagen. Der Sieg sei das Resultat von drei Jahren Arbeit, in dieser Zeit habe sich eine Mannschaft entwickelt, die seine Strategie – über die er nicht redet – nun gegen Frankreich perfekt und mit Leidenschaft umgesetzt habe. Davon, dass muss man Otto Rehhagel uneingeschränkt bescheinigen, beißt die Maus kein Jota, kein Alpha, kein Beta und auch kein Omega ab. Die Griechen spielten sehr, sehr gut – konzentriert, kampfstark, lauffreudig und mit einer vorzüglichen Spielanlage.“

Im Grunde wurde in Lissabon nur die Chronik eines Todes zu Ende geschrieben

Ralf Itzel (FR 28.6.) fühlt keinen Puls mehr bei der Equipe Tricolore: „Kurz vor dem Ende fuhren im Stadion José Alvalade zwei Krankenwagen vor. Sie parkten in Sichtweite des französischen Tors, aber die Retter stiegen nicht mal aus. Der Patient war verloren, das war klar, es steckte längst kein Leben mehr in ihm. Im Grunde wurde in Lissabon ja nur die Chronik eines Todes zu Ende geschrieben, der sich seit zwei Wochen angekündigt hatte. Oder schon lange vorher. Michel Platini hatte es geahnt. „Ich hoffe, es stimmt, wenn die Spieler behaupten, dass sie auf dem aufsteigenden Ast sind“, sagte der große Sachverständige des französischen Fußballs vor dem Viertelfinale, „wenn nicht, steuern wir geradewegs einer Enttäuschung entgegen. Die Blauen sind nicht besser als bei der WM 2002, diesmal haben wir nur mehr Glück.“ (…) Nie konnte ein Europameister seinen Titel erfolgreich verteidigen; auf der Weltbühne schaffte seit gut 40 Jahren (Brasilien 1958 und 1962) keiner den Doppelschlag. Die Haltbarkeit einer Siegermannschaft liegt anscheinend bei maximal zwei Jahren. Für ein Double reichte es bei der DFB-Elf (EM 1972, WM 1974) und bei der französischen Mannschaft. Im Erfolg liegt wohl immer schon das Scheitern begründet. Franz Beckenbauer sagte einmal, dass man nach Titelgewinnen eigentlich die komplette Elf auswechseln sollte. Das geht natürlich nicht – die Helden sind erstmal unantastbar und fühlen sich oft auch auf dem Rasen so. Doch können sie dieselbe Begeisterung, denselben Hunger, dieselbe Leidensbereitschaft aufbringen, wenn sie die Gejagten sind ? Es gab am Freitagabend keine Tränen zu sehen. Niemand brach zusammen, nicht einer fühlte sich um die Chance seines Lebens gebracht. Der Tenor bei den Verlierern war: „Traurig, aber es gibt Schlimmeres.““

Der nächste Gegner: eine Wand aus Menschen in Blau

Barbara Klimke (BLZ 28.6.) beobachtete die Franzosen nach dem Abpfiff: „Ein paar zögerliche Schritte nach vorn wagten sich Zinedine Zidane, Thierry Henry und Robert Pires noch, dann blieben sie mutlos stehen. Sie hatten sich von den furchterregenden Griechen schlagen lassen müssen und standen noch immer benommen auf dem Rasen, da erblickten sie schon den nächsten Gegner: eine Wand aus Menschen in Blau. Noch ein, zwei kleine Schritte vom Mittelkreis weg in Richtung der Tribüne riskierten die französischen Spieler. Dann verharrten sie mit erhobenen Händen. Sie applaudieren zaghaft ihrem Publikum. Von Ferne sah es aus, als würden sie sich noch ein letztes Mal willenlos ergeben.“

Spiegel-Interview (28.6.) mit Aimé Jacquet, Frankreichs technischem Direktor

Das EM-Menü für schlappe 25 Euro mit Zidane-Steak und Henry-Dessert ist gestrichen

Die Franzosen haben den Sündenbock schon gefunden, Christian Tretbar (Tsp 28.6.): „Den Franzosen ist der Appetit vergangen. Das EM-Menü für schlappe 25 Euro mit dem Zidane-Steak und dem Henry-Dessert wurde von der Speisekarte eines kleinen Pariser Restaurants gestrichen – ersatzlos. Vor dem Hotel de Ville, wo sich die Franzosen versammelt hatten, um den Einzug ihrer Equipe ins Halbfinale zu bejubeln, kam es nach dem Scheitern ihrer Mannschaft gegen Griechenland zu Ausschreitungen, einige Enttäuschte wurden verhaftet. Und an alldem scheint ein Mann Schuld zu haben. Ein Mann, von dem vehement verlangt wird, die Verantwortung für das erneute Debakel auf sich zu nehmen. Dieser Mann heißt Jacques Santini und war bis Freitagabend Trainer der Equipe Tricolore. Rein statistisch war er kein schlechter: 28 Spiele, 22 Siege, vier Unentschieden und zwei Niederlagen. Im Fußballgeschäft aber eine zu viel. Jetzt konzentriert sich beinahe alle Wut und Enttäuschung auf ihn. Er habe die Mannschaft taktisch falsch aufgestellt, zu lange an alten Spielern festgehalten und den jungen keine Chance gegeben, er habe die tatsächliche physische Verfassung seiner Spieler verschwiegen und so weiter. Sein größter Fehler sei aber gewesen, schon am 3. Juni im Trainingslager vor der EM seinen Wechsel nach Tottenham bekannt gegeben zu haben. Danach habe Santini keinen Biss und keinen Ehrgeiz mehr gehabt.“
Die französische Equipe wird zu sehr idealisiert

taz-Interview (28.6.) mit Bixente Lizarazu

taz: Herr Lizarazu, wie ist die Gefühlslage?
BL: Wir sind traurig, enttäuscht, frustriert, und ich mache mir Vorwürfe wegen meines Fehlers beim Gegentor. Wir hatten sicher die Mittel, etwas weiter zu kommen. Nach dem frühen Aus bei der WM wollten wir eigentlich zeigen, dass wir zurück sind.
taz: Schon in den Gruppenspielen aber konnte die Mannschaft nicht überzeugen …
BL: Man kann sich immer vorstellen, besser zu spielen. Aber die französische Equipe wird auch zu sehr idealisiert. Man stellt an uns immer den Anspruch, perfekt zu sein. Doch wir sind nicht alleine auf der Fußballwelt. Unser Spiel wird am meisten studiert. Die anderen finden Paraden, um unsere Qualitäten zu durchkreuzen. Wir versuchen, darauf mit neuen Lösungen zu antworten. Das hat eine Zeit lang geklappt, hier nicht mehr.
taz: Vom Niveau bei den Titelgewinnen 1998 und 2000 war die Mannschaft aber doch meilenweit entfernt.
BL: Auch damals gab es kritische Momente. Die wurden nur schnell vergessen, und es hieß: Oh, die französische Nationalelf ist einfach fabelhaft! Dabei ist es ist immer auch ein Lotteriespiel, auf diesem Niveau entscheiden oft Details. Auch gegen Griechenland hatten wir doch unsere Torchancen. Wir hätten auch gewinnen können.

Fast alle anderen Franzosen passten sich Zidanes Niveau an

Axel Kintzinger (FTD 28.6.) wäre fast eingeschlafen: „Frankreichs Coach Jaques Santini beginnt bald einen neuen Job. Er wird den englischen Erstligisten Tottenham Hotspur trainieren. Sollte er auch dort scheitern – wovon spätestens seit diesem Wochenende viele ausgehen – muss er sich dennoch keine Sorgen um seinen Lebensunterhalt machen. Denn auch in London gibt es genügend Menschen, die unter Schlafstörungen leiden. Und denen kann Santini helfen. Der Mann hat nämlich eine seltene Gabe: Er kann, nur mal zum Beispiel, hunderte aufgeregte Reporter binnen Minuten in den Tiefschlaf versetzen. Und die Reporter, die nach dem 0:1 Frankreichs gegen Griechenland vor ihm saßen, waren ziemlich aufgeregt. Vor allem die französischen. (…) Fast alle anderen Franzosen passten sich Zidanes Niveau an und bestätigten, was sich in den Spielen zuvor angedeutet hatte. Frankreich, das Fußball-Imperium der letzten Jahre, wurde zum Ancien Régime. Nur Bixente Lizarazu wehrte sich gegen das Unheil. Der bisherige Bayern-Profi, der die Marseillaise stets mit Furor und funkelnden Augen schmettert, hatte nach einer Stunde die Nase voll vom lahmen Kick seiner Kollegen.“

Zwölf Aufgaben

Wolfgang Hettfleisch (FR 28.6.) schreibt die griechische Mythologie um: „Dass die jüngsten Erfolge die griechischen Nationalspieler richtig reich gemacht haben, weiß inzwischen fast jeder. Drei Millionen Euro sollen bei jedem aufs Konto wandern, und wer weiß, was noch draufgeschlagen wird, falls der Höhenflug weitergeht. Berufsoptimisten zwischen Patras und Thessaloniki könnten demnächst ähnlich reich werden wie ihre vergötterten Halbfinalisten. Vorausgesetzt, das Team des Griechen erfolgs- und ehrenhalber Otto Rehhagel holt den Titel und sie haben bei einem mitteleuropäischen Buchmacher darauf ein paar Scheine eingezahlt. Wettquote vor dem Turnier: 80:1. Inzwischen ist sie auf 6:1 gefallen. (…) Die Schlagzeilen in Griechenland waren entsprechend. Die Athener Sportzeitung Fos sah „das Geschlecht der Griechen im Himmel des Ruhms“. Filathlos delirierte: „Reißt die Mauern für die griechischen Götter ein, die den Planeten verrückt gemacht haben.“ Ein Engel, hieß es da in Anspielung auf den Vornamen von Torschütze Angelos Charisteas weiter, „hat uns ins EM-Halbfinale geschickt“. Athlitiki Icho besang hymnisch „die Unfassbaren, Unsterblichen!“. Und Sportime fasste präzise zusammen: „Zidane zu Hause, Europa baff, Griechenland auf den Straßen.“ (…) Also müssen fürs Halbfinale, in das die Griechen wie gehabt als Außenseiter gehen, womöglich doch die alten Götter der Ägäis bemüht werden, die ja einst dafür berüchtigt waren, dass sie für jeden Schabernack zu haben sind. Die Mythologie stimmt aber nur bedingt optimistisch für die nächste Aufgabe von Rehhagels Helden-Ensemble. Eurystheus, der König von Mykene, hat dem Rivalen Herkules bekanntlich zwölf Aufgaben auferlegt. Acht Qualifikationsspiele, drei Gruppenspiele, ein Viertelfinale – macht: zwölf. Zuletzt wurde demnach der dreiköpfige Höllenhund Zerberus überwältigt: Frankreich. Was also bleibt zu tun?“

Internationaler Fußball

Sie können keinen Espresso Macchiato um drei Uhr nachts vor dem Spiel trinken

Simon Hart (Telegraph 27.6.) widmet sich Otto Rehhagels Erfolg: „Englands hilflose Spieler waren auf dem Weg vom Flughafen Luton nach Hause, immer noch am Verdauen der unangenehmen Niederlage, als die griechische Mannschaft das Feld im Estádio Alvalade am Freitag betrat. Schade, denn hätten sie gesehen, wie Griechenland die französische Angriffsgefahr betäubt hat, hätten sie durchaus etwas lernen können. Unter der brillanten Verwaltung von ihrem deutschen Trainer, Otto Rehhagel, hat Griechenland eine gesunde Erinnerung daran, dass Ballbesitz ein Neuntel des Gesetzes der tiefen Verteidigung ist. Während England den Preis für Ballverluste durch weite, ziellose Pässe gegen Portugal zahlte, war die Fähigkeit der Griechen, Platz für einander zu schaffen und durch das Mittelfeld zu spielen, der Schlüssel zu einer der größten Überraschungen in der Geschichte der Europameisterschaft. (…) Der Kontrast zu England wurde durch Louis Saha hervorgehoben, der in der zweiten Hälfte von der französischen Bank kam, aber wenig Freude gegen eine Mannschaft, die er als „eine der bestorganisierten des Turniers“ bezeichnete. (…) Der Unterschied ist nur, dass während England nur noch die Erinnerung an Rooneys unvollendete Symphonie bleibt, machen die strahlenden Griechen weiter Musik – dies beinhaltet die aufmunternde Verkündung eines deutschen Lieds, zu dem der eigenartige Rehhagel seine Spieler direkt nach dem Sieg in der Abgeschiedenheit der Kabine anhielt. (…) Die Griechen sind von dunklen Pferden auf einmal zu strahlenden Vollblütern aufgestrebt. (…) In der Heimat, wo sich das Land auf die bevorstehenden Olympischen Spiele konzentrieren sollte, hat sich eine wahnsinnige Vorfreude breit gemacht. Freitagabend war es so totenstill in Athen, sodass viele Kinos, Theater und Restaurants in der Stadt keinen Grund hatten, geöffnet zu haben. Innerhalb von Minuten nach dem Schlusspfiff, strömten allerdings Millionen auf die Straßen, und die Gegend wurde in einer spontanen Party durch Feuerwek erleuchtet. Giannakopoulus hat keine Zweifel, wer daran Verdienst trägt. Vor Rehhagels Ernennung vor drei Jahren war Griechenlands Fußball der Prügelknabe und die Lachnummer im griechischen Volk. Seitdem hat der erfahrene Deutsche einen leidenschaftlichen Sinn für den Glauben an sich selbst vermittelt, von teutonischer Disziplin zusammengehalten. „Wir haben einen sehr guten Teamgeist,“ sagte Giannakopoulus. „Jeder Spieler hilft dem anderen, und wir haben keine Angst vor irgendeinem Gegner. Wir haben jetzt die deutsche Mentalität in unserem Team. Wir versuchen, uns zu konzentrieren und nehmen alles, was er sagt, auf. Er ist ein Charakter. Er ist explosiv. Wir mögen das.“ Rehhagel hat traditionellen griechischen Hedonismus durch Vernunft ersetzt. „Die Griechen lieben, das Leben zu genießen, und ich musste ihnen erklären, dass sie manchmal auch Nein sagen müssen,“ sagte er. „Sie können keinen Espresso Macchiato um drei Uhr nachts vor dem Spiel trinken. Jetzt sehen sie das Ergebnis.““

Es bereitete Schmerzen, ihrem Spiel zuzuschauen

Warum haben die Franzosen schlecht gespielt? Gérard Davet macht Jacques Santini verantwortlich (Le Monde 26.6): „In keinem ihrer vier Spiele während der Euro 2004 präsentierten sich die Franzosen schnell und kombinationssicher. Ihr Scheitern wird in allen Spielbereichen offensichtlich. Nun muss man nach Gründen suchen. Die Franzosen spielten durchschnittlich, lustlos, lethargisch, gelegentlich ausreichend, aber überwiegend schwach. Wie konnte eine Mannschaft mit solch erfahrenen, wertvollen und erfolgreichen Spielern so einen traurigen Eindruck hinterlassen? Jacques Santini sollte die Antwort auf diese Frage haben; möglicherweise weiß er sie nicht mehr. Es wird die Zeit kommen, in der man sich mit seinem sparsamen Ein- und Auswechseln beschäftigen wird. Die Franzosen sind mit 23 Spielern angereist, haben jedoch diesen Kader nicht ausgenutzt. Govou und Marlet waren, genau wie die Ersatztorhüter, lediglich Touristen. Boumsong, Pedretti oder Rothen spielten nur wenige Minuten. Und Saha, der zwei Mal eingewechselt wurde, brachte stets frischen Wind in die Mannschaft. Santini hielt an seinen Stammspielern fest, möglicherweise aus Respekt vor seinen „ehrenhaften Dreißigjährigen“. Die Startformation gegen die Schweiz hatte einen Altersdurchschnitt von 29 Jahren und 3 Monaten. Dies ist für ein Turnier, bei dem alle vier Tage gespielt wird, zu hoch. (…) Die Fans sind zwar nicht auf dem Platz, können aber ein Spiel lesen. Im diesem Fall haben sie sich nicht getäuscht: Nie konnten sich die Franzosen befreien. Es bereitete Schmerzen, ihrem Spiel zuzuschauen: technisch mangelhaft, viel zu langsamer Spielaufbau, fehlende körperliche Fitness.“

Strafstoss

Strafstoß #13 – Liebe ARD-Hotline – Was ich schon immer über Fußball wissen wollte, aber bisher nicht beantwortet bekommen ha

von Mathias Mertens

Da ich jedesmal, wenn ich Dich anrufe, einen einzelnen Callcenter-Agenten am Telephon habe, der mir mit meinen Anfragen nicht weiterhelfen kann, schreibe ich Dir jetzt diesen Brief in der Hoffnung, dass meine Fragen auf diese Weise die Runde in Deinen Hundertschaften an Experten machen können. Also ohne weitere Umschweife frisch heraus gefragt:

1. Warum trägt Didi Hamann immer lange Ärmel? Spontan hätte ich ja gesagt, dass er eine Hautkrankheit damit verbergen will, Schuppenflechte etwa oder Gürtelrose gar. Doch dann meinte ich mich erinnern zu können, ihn auch mal kurzärmlig gesehen zu haben, und wenn man das Bedürfnis hätte, den Makel zu verstecken, dann würde man das ja wohl immer tun, oder? Also hatte ich eine zweite Theorie: Er möchte sich vor Hautverletzungen schützen, Abschürfungen beim Reingrätschen in den Mann zum Beispiel. Weil er weiß, dass er das im Spiel ganz sicher ausgiebig tun wird, baut er schon mal vor. Oder will er mit den langen Ärmeln symbolisieren, dass er der verlängerte Arm des Trainers auf dem Platz ist? Das wäre für den Literaturwissenschaftler in mir eine äußerst befriedigende Erklärung. Ich fürchte allerdings, dass sie nur auf dem Papier funktioniert. Bliebe der ziemlich lahme Grund, dass lange Ärmel in der Premier League üblich sind und er sich daran gewöhnt hat. Bitte sagt mir, dass mehr dahinter steckt!

2. Was haben Torwarte in den kleinen Täschchen, die sie hinter sich liegen haben und so akkurat mit sich herumtragen, wenn sie vom Feld traben? Da werden doch sicherlich nicht Lippenstift, Bürste, Portemonnaie, Pfefferminzpastillen und zwei Tampons drin sein. Aber was braucht ein Torwart denn so während des Spiels, um sich wieder herzurichten? Einen Labello, wenn die Sonne mal wieder ungünstig ins Gesicht scheint und die Lippen austrocknet? Ein Handy, um zwischendrin taktische Anweisungen des Trainers zu erhalten oder, wenn sich mal wieder alles im gegnerischen Strafraum abspielt, schon mal die Jungs zusammenzutelephonieren, um nachher ins P1 zu gehen? Ein Knoppers, um mal vom Defensivstress runterzukommen und einfach mal die Seele baumeln zu lassen? Vielleicht auch das Diktiergerät, um Direktschilderungen des Berufsalltags für die Autobiographie festhalten zu können? Liebe Hotline, Du kennst doch bestimmt den Sepp. Hau den doch mal an für mich!

3. Alle reden von seinen Haaren, aber wie macht der Günter Netzer das eigentlich mit seinen Zähnen? Die strahlen und glänzen und blitzen so ebenmäßig und schlehenblütenweiß bei seinen klugen Kommentaren und seinem spitzbübischen Lächeln, dass es eine wahre Freude ist. Die will ich auch haben! Meine staksen nur so stumpf vor sich hin in meiner Mundhöhle, leicht ins Elfenbeinene hineinschimmernd, mit Plombentrichtern versehrt und insgesamt etwas müde daherkommend. Was muss ich tun? Jede Stunde Colgate Sensation White über den Zahnschmelz schmirgeln? Die elektrische Zahnbürste zum Schwingschleifer umbauen? Oder – ich mag allerdings nicht daran glauben – mir von dem Bundesligaübertragungsrechtegeld einen flotten Satz Jacketkronen einsetzen lassen? Das darf doch nicht die Wahrheit sein. Lasst mir meinen Glauben!

4. Wer legt dem Reinhold Beckmann eigentlich immer die ganzen lustigen Zettel hin, von denen er immer während der Spielkommentierung abliest? Lenkt den doch nicht immer so ab! Der kommt ja gar nicht mehr dazu, das Spiel zu gucken und irgendwas darüber zu sagen. Da tobt sich doch irgendein in Klagenfurt abgewiesener Möchtegernliterat aus, mit so schiefer Metaphorik wie „jedes Spiel hat einen eigenen Herzschlag“, um dann dem momentan ablaufenden an das EKG zu schließen. Warum, verehrter Unbekannter, tust Du unserem Reinhold so was an? Lass den bitte in Ruhe! Dann kann er endlich wieder auf den Platz schauen und seinen Sachverstand einsetzen.

Ich hätte ja noch viel mehr Fragen, aber ich will es für den Anfang mal bei diesen vier belassen, sonst kommst Du ja zu nichts mehr.

In gespannter Erwartung der Antworten Dein

Mathias

Sonntag, 27. Juni 2004

Vermischtes

Beachtliche Häufung von Herzinfarkten

„der moderne Fußball ist, wie die globalisierte Wirtschaft, ein geschlossenes System“ (Tsp) – der DFB muss an seiner Öffentlichkeitsarbeit arbeiten (FR) – „die Häufung von Herzinfarkten nach verlorenen Elfmeterschießen ist beachtlich“ (FTD) – „die Gewohnheit des Scheiterns lässt die großen Nationen lockerer mit Niederlagen umgehen“ (FAZ) u.v.m.

Wie kann eine Kuh ein Kaninchen fangen?

Christian Eichler (FAZ 28.6.) lehnt sich zurück und faltet die Hände: „Schau an, Europa: Die Kleinen übernehmen das Sagen. Fußball verteilt die Kräfte neu. Spanien, Italien, Deutschland, England, Frankreich: 300 Millionen Einwohner, acht WM-Titel, ab nach Hause; Portugal, Griechenland, Niederlande, Tschechien, Dänemark: 50 Millionen Menschen, kein WM-Titel, auf der Höhe der Zeit. Die Kleinen spielen den Turniersieg aus, genießen die heimische Begeisterung, freuen sich am Staunen der alten Großmächte, deren Fußballfans flexibler werden und auch ohne eigene Teams Quotenrekorde aufstellen. Das neue Motto, Fußball macht’s vor: lieber mit den Kleinen freuen als mit den Großen ärgern. Der Aufschrei der Entmachteten, der Weltschmerz, der sich oft im Scheitern von Fußballteams entlud, blieb aus. Es zeigte sich eine Gewohnheit des Scheiterns: in Spanien, dessen Teams noch stets unter ihren Möglichkeiten blieben; in Italien, wo man trotz des 2:2 der Skandinavier nicht überall böse Mächte anklagte; in Deutschland, das sich auch im Fußball ans Mittelmaß gewöhnt hat; und in England, wo man die Rituale des Scheiterns leise liebgewonnen hat (…) Portugal und Griechenland, sie waren einst der Hinterhof Europas; Randlagen, die von den Zuwendungen aus Brüssel profitierten und prosperierten. Nun, da die Ost-Erweiterung neue Aufpäppel-Kandidaten in die EU gebracht hat, zeigen die beiden kleinen, stolzen Nationen vom Rande des Kontinents im Sport, was sie inzwischen auf die Beine stellen: eine tolle Fußball-EM, zwei Halbfinalisten und demnächst Olympia – sofern nicht weitere Fußballfeiern die Athener Bauarbeiter von der Akkordarbeit abhalten. Die EM entspricht den wirtschaftlichen Notwendigkeiten im heutigen Europa: Die Großen müssen an sich arbeiten, die Kleinen dürfen sich feiern. Das tun nun sogar die Großen unter den Kleinen: 16 Millionen Niederländer haben nach dem üblichen Hadern mit ihrer Elf die Begeisterung entdeckt. Karneval in Orange – verdiente Auszeit von der calvinistischen Tüchtigkeit. Ein paar Zweifler bleiben. Ruud Gullit, Kapitän der einzigen Oranje-Elf, die einen Titel gewann, EM 1988, antwortete auf die Frage, ob das heutige Team das wiederholen könne, mit der Gegenfrage: „Wie kann eine Kuh ein Kaninchen fangen?“ Doch derzeit gewinnt selbst der Kuh-Hirte Dick Advocaat Sympathie. Ein Transparent drückte den Trend aus: „Durch Dick und Dünn“. Das klang zuletzt noch anders, so daß Innenminister Remkes im Haager Parlament gegen die Behandlung des „Bondscoach“ in den Medien protestierte.“

Otto in die EU-Verfassung

Tobias Schächter (taz 28.6.) sinkt auf die Knie: „Otto rennt. Angeblich gebiert der Fußball Nationen und deren Helden. Aber er gebiert nur einen Gott. Das ist die Wahrheit, nicht wahr, meine Herren! Die Wahrheit liegt! Und zwar auf dem Platz! Punkt. Amen. Halleluja. Dass Demokratie und Diktatur sich einander ausschließen – geschenkt, Otto. Europa, welch Fehler, den Gottesbezug aus deiner Verfassung zu verbannen. Zur Rettung des Abendlandes und der EU könnte Valéry Giscard dEstaing aber einfach mehrere Volksbefragungen arrangieren: Otto in die EU-Verfassung! Otto für Prodi! Otto für Ottmar! Otto für Gerhard! Otto für Zeus! Siege mit stalinistischen 99 Prozent der Wählerstimmen wären gewiss, selbst im gerupften Gallien. Ein Otto von gestern sei er, ein Déjà-vu aus der Ära Kohl. Quatsch: Modern ist, wer gewinnt. Historiker befürchten zwar eine neue Übermacht des Anekdotischen und warnen grundsätzlich vor Plebisziten, aber – wenn ein bisschen Populismus die EU-Verfassung rettet?“

Der moderne Fußball ist, wie die globalisierte Wirtschaft, ein geschlossenes System

Raphael Honigstein (Tsp 28.6.) analysiert das Ausscheiden der großen Nationen: „Es gibt keine großen Teams mehr. 40 Jahre lang haben die Nationalmannschaften der größten und reichsten europäischen Länder den Fußball auf dem Kontinent wie selbstverständlich dominiert. Sie hatten nicht nur eine sehr viel höhere Anzahl von Spielern als die kleineren Länder, sondern gleichzeitig die größten Vereine sowie eine professionellere Ausbildung und Betreuung. Der deutsche Bundestrainer konnte so zum Beispiel aus gut 398 Profis, die in der Bundesliga beschäftigt waren, wählen; sein schwedischer Kollege musste aus 300 Profis in der viel schwächeren schwedischen Liga die Mannschaft zusammenstellen – plus einige wenige Legionäre. Doch jetzt ist das anders. Der moderne Fußball ist, wie die globalisierte Wirtschaft, ein geschlossenes System. Stärke oder Qualität werden nicht geschaffen, nur umverteilt. Das bedeutet, dass die so genannten Kleinen im wahrsten Sinne des Wortes auf Kosten der Großen stärker werden. Das Bosman-Urteil hat 1996 die Grenzen für europäische Spieler komplett abgeschafft – 54 Prozent der Spieler, die in Portugal auftraten, sind heute in den großen fünf Ligen beschäftigt. In Italien, England und Deutschland sind so nur noch weniger als 40 Prozent einheimische Kicker angestellt, der Prozentsatz ist in Spanien und Frankreich nicht viel höher. Weil auch in den Klubs und Ligen der kleineren Länder professionell gearbeitet wird, ist der quantitative Vorsprung der großen fünf sehr viel geringer geworden: Rudi Völler kann nur noch aus etwa 150 deutschen Profis im Oberhaus auswählen, die Schweden haben 30 Spieler in den großen fünf Ligen sowie 300 Profis in der nicht mehr so schwachen eigenen Liga.“

Die Häufung von Herzinfarkten nach verlorenen Elfmeterschießen

Sport ist Mord! Rene Martens (FTD 28.6.): „Douglas Carroll von der Uni Birmingham dürfte derzeit reichlich malochen. Schuld daran sind die Spieler, die in diesen Tagen beim Elfmeterschießen versagen. Carrolls Spezialgebiet ist die Häufung von Herzinfarkten nach verlorenen Elfmeterschießen. Als England 1998 gegen Argentinien verlor, war die Quote 27 Prozent höher als gewöhnlich – herausgefunden hat Carroll dies, indem er verglich, wie viel Herzinfarktpatienten wann in die englischen Krankenhäuser eingeliefert wurden. Zudem fiel ihm auf, dass es vergleichbare Phänomen in den Niederlanden gibt, und dass die Opfer selbst zu ihrem Schicksal beitragen, da sie während des Spiels die Dehydrierung ihres Körpers forcieren, vulgo: reichlich einen heben. Möglich aber, dass der Herzkasper nach dem Portugal-Spiel nicht so oft zugeschlagen hat, da die Engländer nach 1990, 1996 und 1998 an Katastrophen gewöhnt sind. Außerdem steht dahin, ob es nur Versager wie David Beckham oder Darius Vassell sind, die das Leben der Fans bedrohen, und nicht auch die pure Freude über einen Sieg ins Verderben führen kann.“

In-ger-laaand, In-ger-laaand

Ronald Reng (Tsp 28.6.) trifft überall englische Fans: „Es war wieder einmal ein ausgezeichneter Moment, einen deutschen Akzent zu haben. „Verdammte Hölle!“, sagte der junge Engländer, „als ich heute morgen in den Spiegel blickte, wusste ich schon, dies ist ein Tag, an dem ich schreckliche Leute sehe.“ Es war der Tag nach Englands Scheitern im Duell aus elf Metern gegen Portugal. „Weißt du, was das allerschlimmste ist?“, fragte er dann. „Ihr Deutschen habt mittlerweile so ein schlechtes Team, dass es überhaupt keinen Spaß mehr macht, euch zu hassen.“ England ist seit Donnerstag nicht mehr im Turnier, aber es sind anscheinend nur elf Engländer nach Hause gefahren. Ihre Fans sind noch immer zu Tausenden da. Sie sind überall: am Strand von Cascais, auf den Toiletten der Autobahnraststätten, auf die sie sich setzen, ohne die Türen abzusperren, in den Stadien. „In-ger-laaand, In-ger-laaand“, schallte es durch das Estadio José Alvalade. Es spielte Frankreich gegen Griechenland. Das Viertelfinale England gegen Portugal war das wohl erste Match in der Geschichte der EM, in dem der Gastgeber kein Heimspiel hatte: Auf den Tribünen saßen 20 000 Portugiesen und 40 000 Engländer, so viele wie schon in der Partie zuvor gegen Kroatien.“

„Der Fußball hat einen Schritt vorwärts gemacht. Er ist noch einmal schneller und flexibler geworden“, schreibt Peter Heß (FAZ 28.6.): “Die Spiele in Portugal erlauben uns Deutschen einen Blick in eine Fußball-Dimension, die uns die Bundesliga nicht bietet. Der starke Eindruck, den diese EM auf ihre Beobachter macht, entsteht zuallererst durch die ungeheure Intensität und das horrende Tempo der Spiele. Lauffreude und Kampfeswille sind bekannte Qualitäten des deutschen Fußballs, in Portugal werden auch in dieser Hinsicht neue Maßstäbe gesetzt. Nach der Vorstellung des Portugiesen Cristiano Ronaldo gegen England müssen entweder die Trainingslehrbücher neu geschrieben oder die Dopingtests erweitert werden. Wenn wieder einmal ein Bundesligatrainer behauptet, sein Team könne unmöglich neunzig Minuten Forechecking betreiben, sollte ihm sofort das Video der Partie Portugal gegen England vorgespielt werden. Darin sieht man Ronaldo, wie er sich am gegnerischen Strafraum in einem Dribbling gegen zwei Engländer aufreibt, dann vor dem eigenen Tor in letzter Sekunde rettet, schließlich den Gegenangriff einleitet und auch abschließt. Diese drei Szenen spielten sich alle in der 115. Minute ab. Die EM verwöhnt die Zuschauer aber auch mit den feineren Dingen des Fußballs. Die Spieler haben ihre Körperbeherrschung und Ballfertigkeit bis zum Artistischen gesteigert. Ibrahimovics Ausgleichstreffer gegen Italien war reif für das Varieté. Der Schwede ist der Auffälligste aus einer Generation, die sich nicht mehr damit zufriedengibt, so zu spielen, wie es alle anderen zuvor taten. Die „Moves“ der nordamerikanischen Basketballprofis sind Ibrahimovics Vorbild. Er schwärmt von den Spielzügen, die die coolen Riesen immer neu entwickeln, die nicht nur dem Erfolg, sondern auch dem Showeffekt geschuldet sind. (…) Alles, was die Deutschen dem Fußball jemals gaben, waren Disziplin, Willensstärke und Kondition. Aber die Normen, die sie setzten, haben alle anderen längst erreicht. Nun wäre es an der Zeit, demütig die Fähigkeiten der anderen zu kopieren. Und nicht nach jedem glücklichen Teilerfolg zu sagen: „Wir können weitermachen wie bisher.“ Jeder Jugendtrainer, der seinen Spielern verbietet, den Ball auf der Hacke tanzen zu lassen, vergeht sich an der Zukunft des deutschen Fußballs.“

Allgemein

Dänischer Pfad der Fußballtugend

Peter Heß (FAS 27.6.) hält die Dänen für sehr stark: “Der dänische Pfad der Fußball-Tugend ist für die Gegner verschlungen. Olsen läßt seine Spieler nach einem System agieren, wie er es Mitte der neunziger Jahre für Ajax Amsterdam entwarf und nach dessen Grundzügen die holländische Nationalmannschaft noch heute agiert: zwei Innenverteidiger in der Abwehr, ein Stürmer im Zentrum, und der Rest ist immer in Bewegung. Wobei eine gute Besetzung der Außenpositionen Pflicht ist. Jeder einzelne hat im Prinzip einen bestimmten Raum zu beackern. Aber je nach Erfordernis sind alle Profis dazu angehalten, den Zuständigkeitsbereich um ein paar Meter zu erweitern – um einen Kollegen in Not zu unterstützen oder um Überzahl zu schaffen. Dieses System erfordert von jedem einzelnen eine große Laufbereitschaft, eine hohe Antizipationsfähigkeit und Mut zur Verantwortung. Nur einer dieser bundesligatypischen Alibifußballer, der nur seinen Raum abdeckt und ansonsten hofft, so selten wie möglich ins Spiel verwickelt zu werden, und die Taktik scheitert. Während die holländischen Stars an schlechten Tagen ihre Schwierigkeiten haben, ihrem Kollegen auf dem Feld beizuspringen, zeichnet die Dänen generell eine hohe Opferbereitschaft aus. „Dieses Nationalteam funktioniert wie eine Klubmannschaft“, sagt Olsen voller Stolz. Sein Kollektiv weist zudem einige überragende Einzelkönner auf. Der frühere Hamburger Gravesen hält im zentralen Mittelfeld alle Fäden in der Hand. Mit der Figur eines Freistilringers und dem Schädel eines Hooligan wirkt Gravesen optisch, als wäre er für das Grobe zuständig. Seine Übersicht, Auffassungsgabe und Ballfertigkeit verleihen ihm aber die Mitgliedschaft in der feineren Fußballgesellschaft. Grönkjaer ist ein spektakulärer Dribbler an der Außenlinie. Jörgensen spielt genauso trickreich, läuft aber nicht so schnell wie der Mann von Chelsea. Jon Dahl Tomasson gehört zu den cleversten Stürmern Europas.“

Thomas Klemm (FAS 27.6.) klopft Otto Rehhagel auf die Schultern: „Völker, hört die Signale! Es ist zwar nicht überliefert, welches Lied Otto Rehhagel am Freitag in der Mannschaftskabine gesungen hat, aber seine Botschaft war eine internationale. Die Nachricht vom Einzug der griechischen Nationalmannschaft in das Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft werde um die Welt gehen, behauptete der deutsche Trainer, der von New York, Rio, Tokio sprach – aber Deutschland und besonders München meinte. Die stille Genugtuung, nach dem Ausscheiden der DFB-Auswahl der letzte deutsche Wertarbeiter in Portugal zu sein, wurde nach dem Sieg über Titelverteidiger Frankreich zur Selbstfeier eines Mannes, der sich hierzulande oft verkannt fühlt. Otto Rehhagel, der als Provinzfürst in Bremen und in Kaiserslautern seine größten Erfolge erreichte, aber immer Weltmann sein wollte, hat es endlich geschafft. Bei der Weltmarke FC Bayern an Stars und Schickeria gescheitert, interessieren sich plötzlich alle für den griechischen Fußball – und damit für ihn und seine Arbeit mit dem Gütesiegel made in Germany.“

WamS-Interview (27.6.) mit Otto Rehhagel

WamS: Herr Rehhagel, was war gestern Morgen Ihr erster Gedanke nach dem Aufwachen?
OR: Die Planung des Halbfinales. Die ganzen organisatorischen Fragen – wann wir an den Spielort Porto reisen, in welches Hotel wie ziehen. Wir konnten ja nicht davon ausgehen, dass wir gegen Titelverteidiger Frankreich gewinnen und weiter im Turnier bleiben. Und dann beim Frühstück habe ich mich an eine merkwürdige Szene erinnert…
WamS: Erzählen Sie, bitte.
OR: Ich saß im Stadion von Monte Carlo, links neben der Ehrenloge, es spielte der AS Monaco gegen Real Madrid. Fürst Rainier, Prinzessin Caroline, Ernst August von Hannover und die Kinder verfolgten das Spiel. Dann fiel das 3:2 für Monaco, und diese Menschen, die schon so viel mitgemacht haben in ihrem Leben, so viel Leid und tragische Momente, sind sich in den Armen gelegen wie kleine Kinder. Dieser Moment der Freude der Fürstenfamilie, ausgelöst durch ein Tor im Fußball, das hatte ich noch nicht erlebt. Dieser Glücksmoment, den man nicht planen, nicht herbeirufen und für kein Geld der Welt kaufen kann, den es im normalen Leben nicht gibt – dafür lohnt es sich zu arbeiten, den Menschen diese Momente zu bescheren. Das haben wir gegen Frankreich für die Griechen geschafft.
WamS: In Griechenland ist es mehr als nur ein Moment. Die Menschen sind in einem andauernden Freudentaumel, eine Million Griechen sollen nach dem Spiel in Athen auf den Straßen gewesen sein.
OR: Nicht nur dort, die Nachricht ging um die Welt. Sie eint die Griechen in New York, Rio und Tokio. Überall spielen die Leute verrückt.
WamS: Macht Ihnen diese grenzenlose Euphorie nicht ein wenig Angst?
OR: Wie alle Südeuropäer sind die Griechen in einem Ausmaß begeisterungsfähig, dass wir Mitteleuropäer nur staunen können. Sie neigen dazu, ob in Freude oder in Trauer, zu überziehen. Umso wichtiger ist es, dass einer auf dem Boden bleibt und zu Bescheidenheit aufruft: Das bin ich.

Deutsche Elf

Ottmar Hitzfeld ante portas

Es ist eine EM, in der der wahre Fußball ganz zu sich findet

Von dem Turnier ist Christian Eichler (FAS 27.6) begeistert, beim deutschen Fußball vermisst er etwas: „Was sah und sieht man für großen Fußball bei dieser EM, Tempo, Technik, Einsatz, Phantasie; tolle Tore wie die Außenrist-Pirouetten von Ibrahimovic und Owen; aufregende neue Gesichter; Gesamtkunstwerke wie Tschechien gegen Holland oder Portugal gegen England. Nur nicht, wenn Deutschland spielte. Wann war ein deutsches Team zum letzten Mal an einer solch grandiosen Partie beteiligt? 1996, im Halbfinale gegen England? Oder WM 1990, gegen Holland? Denn es gibt, wie die EM zeigt, Mannschaften, die fast immer für Unterhaltung garantieren wie England, und Holland, aber auch Portugal und Tschechien; Teams, die Spiele gut machen, die Spaß und Lust und Staunen machen – jawohl, so etwas gibt es im Fußball. Und es gibt auch eine Schnelligkeit im Denken, die das deutsche Aufbau- und Angriffsspiel wie eine einzige mentale Zeitlupe wirken läßt. Kurzum: Fußball, der den Namen verdient. Der Star ist das Spiel. Es ist eine EM, in der der wahre Fußball ganz zu sich findet – jenseits der Illusionswelt des scheinbar „galaktischen“ Fußballs Marke Real Madrid, dessen Stars bei der EM nur Mitläufer waren bis hin zu jenem letzten deutschen Fußballvergnügen, daß der Weltstar Zidane mit seinem lahmen Ensemble durch den Bundesliga-Rentner Rehhagel und den Bundesliga-Ersatzmann Charisteas hinausflog. Jenseits aber auch des erstarrten Mittelmaßes, wie es Deutschlands Team heute darstellt. So, wie er geworden ist, ängstlich, verklemmt, ziellos, lustlos, hat der deutsche Fußball in der zweiten EM-Hälfte nichts zu suchen. Abgesehen von den verklärten frühen Siebzigern, vielleicht noch dem WM-Höhenflug 1990, ist er immer mehr Ergebnis- als Erlebnisfußball gewesen, und dafür muß man sich nicht entschuldigen. Doch nun, da auch die Ergebnisse nicht mehr stimmen, wird deutlich, wie lange man schon die Erlebnisse vermißt.“

Deutschland ist auf seinen eigenen Stil reingefallen

Wolfram Eilenberger (TspaS 27.6.) empfiehlt der deutschen Elf einen Stilwechsel: „Die deutsche Nationalmannschaft trug zu diesem Fest nichts bei. Dabei hat das Team keinesfalls schwächer gespielt als bei der WM 2002, als Saudi-Arabien, Kamerun, Paraguay, die USA und Südkorea bezwungen werden konnten. Diese legendären Siege wurden mit einem Stil errungen, der zu Recht als „typisch deutsch“ identifiziert wurde. Die Eigenheiten dieses Stils sind uns allen vertraut. Manche schätzen ihn sogar. Natürlich kennt der Experte auch andere Nationalstile (den italienischen, englischen, den argentinischen …). Soweit es Europa und Südamerika betrifft, entwickelten sich diese Fußballstile schon nach dem Ersten Weltkrieg, verfestigten sich mit den ersten Weltmeisterschaften und blieben als Orientierungsgrundlage bis heute unverändert. Wenn, wie zu großen Turnieren üblich, die Stilrhetorik aktiviert wird, sprechen wir allerdings von einem Phänomen, dem seit mindestens 20 Jahren die Grundlage entzogen ist. Es gibt keinen nationalen Fußball mehr. Das macht die Rede vom Nationalstil aber nicht wirkungslos. Im Gegenteil. Sie wird sogar spielentscheidend. Denn wenn heutige Nationalmannschaften aus Spielern geformt werden, die in sämtlichen Ligen Europas einsatz- und erfolgsfähig sind, dann wird der Auftritt einer Nationalmannschaft dadurch geprägt, welche Verbindlichkeit den faktisch überkommenen Nationalbeschreibungen noch zugemessen wird. Deutschland hat sich hier klar entschieden. In jeder Pressekonferenz beschwor Rudi Völler deutsche Tugenden. Die Mannschaft hat ihn nicht enttäuscht. Wir haben gekämpft. Wir waren diszipliniert. Wir zeigten Mannschaftsgeist. Wir sind erbärmlich gegen ein tschechisches B-Team ausgeschieden. Deutschland ist auf seinen eigenen Stil reingefallen. Mag sein, dass Deutschland einfach keine konkurrenzfähigen Spieler hat, doch daran wird sich für die nächsten zwei Jahre nichts Entscheidendes ändern. Die erschütternde Unbeachtlichkeit unseres Ausscheidens legt jedenfalls die Einsicht nahe, dass der „deutsche Stil“ im internationalen Fußball keine Zukunft hat.“

Hitzfeld würde die bunte Fußballwelt dem kleinkrämerischen DFB ein wenig näherbringen

Elisabeth Schlammerl (FAS 27.6.) hält Ottmar Hitzfeld für geeignet: „Dem 55 Jahre alten Lörracher ist am ehesten zuzutrauen, daß er fortführen kann, was Völler auf den Weg gebracht hat in den vergangenen vier Jahren. Er ist mit 16 Titeln der erfolgreichste deutsche Trainer, zudem wäre er der erste Nationaltrainer, der zuvor bei einem großen Klub in der Bundesliga gearbeitet hat. Hitzfeld würde die bunte Fußballwelt dem kleinkrämerischen DFB ein wenig näherbringen. Er genießt zudem in der Öffentlichkeit viel Respekt und bei den Spielern Autorität, wenngleich ihm die Verantwortlichen des FC Bayern zuletzt zu große Nachsicht und Freundlichkeit im Umgang mit den Profis vorgeworfen hatten. Hitzfeld wird zwar keine besseren Spieler zur Verfügung haben als Völler, kann nicht wie zuvor bei Dortmund und dem FC Bayern auf der ganzen Welt nach geeigneten Spielern suchen lassen, sondern muß mit dem Personal arbeiten, das der deutsche Markt hergibt. Aber er hat in seiner Trainerkarriere bewiesen, daß es manchmal nur eine Frage der richtigen Mischung ist. Hitzfeld ist zudem ein Medienprofi. Öffentliche Ausbrüche wie der von Rudi Völler nach dem Island-Länderspiel im vergangenen September, der ihm zwar viel Beifall einbrachte, aber ihn angreifbar werden ließ, gäbe es wohl nicht. Ottmar Hitzfeld hätte zudem wohl mehr Mut als Völler, junge Spieler einzubauen. Der Teamchef hielt am Ende seiner Amtszeit zu sehr an den einst bewährten Kräften fest. Es bliebe ihm vor allem im Sturm gar nichts anders übrig, als auf die Jungen zu setzen. Aber Hitzfeld scheut sich nicht, sich von Spielern zu trennen, die ihren Zenit überschritten haben oder die ihm nicht mehr weiterhelfen. Das haben Michael Zorc, Thomas Helmer, Paulo Sergio und Giovane Elber zu spüren bekommen. Der ehemalige Stürmer des VfB Stuttgart hat der Jugend stets eine Chance gegeben, wenngleich es manchmal aus der Not heraus geschehen ist. Lars Ricken und Ibrahim Tanko tauchten in Dortmund einst aus dem Nichts auf, strahlten hell wie ein Stern – nach Hitzfelds Rückzug verglühten sie bald wieder. In München baute er Roque Santa Cruz behutsam auf, Owen Hargreaves und Bastian Schweinsteiger brachten es zu Stammspielern. Allerdings kritisierten die Bayern-Mächtigen auch, viele Profis hätten in ihrem Leistungsvermögen stagniert, anstatt sich zu entwickeln. Hitzfelds Job als Nationaltrainer wäre aber nicht, die Talente auszubilden, mit ihnen täglich zu arbeiten, das obliegt den Vereinen. Er müßte ihnen nur einen letzten internationalen Schliff verpassen.“

Die Besetzung des Bundestrainerpostens beeinflusst das Machtgefüge des deutschen Vereinsfußballs, meint Gregor Derichs (FAS 27.6.): “Ottmar Hitzfeld ante portas. Wenn der 55 Jahre alte Südbadener seinen ewigen Assistenten Michael Henke mitbringt, falls er zum Bundestrainer berufen wird, trifft sich bei der deutschen Nationalmannschaft ein altbekanntes Trainergespann. Denn Sepp Maier ist schon lange da, seit Ende der achtziger Jahre, als er den Job des Bundestorwarttrainers erfand. Hitzfeld, Henke, Maier – das ist ein eingespieltes Team. Beim FC Bayern sammelte das Trio unter der Führung des im letzten Jahrzehnt erfolgreichsten deutschen Vereinscoachs Titel um Titel. Bei der Nationalmannschaft ist auch der Münchner Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, der langjährige Bayern-Arzt, tätig. Die deutsche Nationalmannschaft – ist sie bald in fester Hand des FC Bayern? Es sieht danach aus, daß zumindest der Einfluß des bajuwarischen Rekordmeisters deutlich anwachsen könnte. Es ist noch nicht so lange her, da waren die Münchner unzufrieden wegen des starken Einwirkens von Bayer 04 Leverkusen auf den DFB im allgemeinen und auf die Nationalmannschaft im speziellen. Die Machtsphäre sei nicht angemessen, weil der Verein aus der Chemiestadt vor den Toren Kölns, gemessen am FC Bayern, doch nur ein Kleinklub sei, murrten sie in München. Doch die forschen Rheinländer nahmen die Nationalelf im Handstreich. (…) Die nun gelockerten Verknüpfungen der Leverkusener zum DFB haben eine gewisse Tradition. Der weltweit operierende Bayer-Konzern gab dem DFB bei der Bewerbungskampagne zur WM 2006 mehrmals wichtige Hilfestellungen. Unter anderem beim Confederations Cup 1999 in Mexiko, als mit Bayer-Hilfe die Fußball-Funktionäre bearbeitet wurden, ihre Stimmen ein Jahr später bei der WM-Vergabe Deutschland und nicht Südafrika oder England zu geben. Die Leverkusener Connections in die deutsche Machtzentrale des Fußballs in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise sind exzellent: Wolfgang Holzhäuser, inzwischen alleiniger Geschäftsführer der Bayer Fußball GmbH, war lange Jahre Ligasekretär beim DFB und galt bis vor drei Wochen als designierter Nachfolger von Wilfried Straub auf dem Chefsessel der DFL. Die Leitenden des FC Bayern, vom Multifunktionär Franz Beckenbauer abgesehen, machen indes oft um DFB- oder DFL-Gremien einen großen Bogen. Das führende Unternehmen der deutschen Fußball-Branche sieht sich nur ungenügend in der mittelständischen Vereinigung DFL vertreten.“

FAS-Interview (27.6.) mit Matthias Sammer über Gegenwart und Zukunft des deutschen Fußballs

FAS: Macht es Ihnen als deutscher Trainer noch Spaß, seit Jahren immer wieder über die Defizite des deutschen Fußballs reden zu müssen?
MS: Die Problematik ist die, daß unsere Ansprüche höher sind als die Realität. Sobald etwas funktioniert, glauben wir, wir könnten Welt- oder Europameister werden. Das ist unrealistisch. Wir sind in der Breite einfach zu dünn besetzt, müssen sehen, daß wir wieder breiter werden. Und da sehe ich meine Aufgabe, dies mit zu entwickeln.
FAS: Eigentlich müßte man jedem talentierten Jungprofi doch raten, ins Ausland zu gehen, dorthin, wo derzeit viel besserer Fußball gespielt wird als in der Bundesliga.
MS: Ein junger Spieler, der zu früh geht, das ist auch problematisch. Die Kunst besteht darin, den richtigen Zeitpunkt zu finden.
FAS: Diese übervorsichtige Sichtweise ist doch typisch deutsch. Andere Nationen – siehe Rooney oder Cristiano Ronaldo – gehen damit viel pragmatischer um. Warum fehlt uns der Mut?
MS: Es haben doch mit Lahm, Schweinsteiger, Friedrich, Kuranyi und am Ende noch Podolski einige Junge gespielt. Insgesamt ist diese Hysterie nach der Jugend doch übertrieben. Bei allem, was wir für die Jugend machen müssen, ist eines klar: Das Spiel begreifst du erst mit Mitte Zwanzig. Bis dahin bist du zwar unbekümmert, aber abhängig von den Leadern in der Mannschaft. Sie müssen dich führen, dich an die Mannschaft heranbringen. Dieses Wechselspiel funktioniert bei uns im Moment überhaupt nicht.
FAS: Und welche Erkenntnisse aus Ihrer ersten, sehr wechselvollen Trainerzeit in Dortmund werden Sie in der Arbeit mit dem Nachwuchs einbringen?
MS: Man muß eines wissen: Der Ruf, junge Spieler zu integrieren, interessiert doch niemanden im nachhinein. Wir haben in Dortmund versucht, junge Spieler zu integrieren, ich glaube, das gab es die letzten zwanzig, dreißig Jahre nicht beim BVB. Wenn wir da mit 15 Verletzten und den riesigen Problemen im Klub die Nerven verloren hätten, wären wir gegen die Wand gefahren. Aber plötzlich wurde ein Gambino Stammspieler, und ein Odonkor oder Senesie haben sich weiterentwickelt. Die Nation schreit nach der Jugend, und man versucht, ihr eine Chance zu geben. Bleibt aber das Ergebnis aus, heißt es, Trainer, auf Wiedersehen. Das ist doch Quatsch. Die Zeit, etwas zu entwickeln, wie es nötig wäre, gibt es nicht.

Ballschrank

Mal eine Portion Fritjes

Richard Leipold (FAZ 26.6.) besucht das erste Training des neuen Dortmunder Trainers: “Bert van Marwijk hat ein schweres Stück Arbeit vor sich. Bevor er wie jeder andere Fußball-Lehrer am Ergebnis gemessen wird, soll er den Profis von Borussia Dortmund ein Gefühl vermitteln, das ihnen in zwei freudlosen Jahren abhanden gekommen ist: Spaß an der Arbeit. Sein pflichtbewußter Vorgänger Matthias Sammer hatte mit seiner akribischen, aber oft auch verbiesterten Haltung eine gewisse Schwermut bei seinem Personal erzeugt. Gerade die Spieler, die von der Inspiration lebten, waren schon länger nicht mehr glücklich. Nach dem Trainingsstart der Borussen meldete van Marwijk einen ersten Erfolg. „Die Spieler haben am Morgen schon gelacht.“ Ein örtlicher Reporter hat sich sogar notiert, wann die gute Laune sich zum ersten Mal nach dem Urlaub Bahn brach, als ginge es um ein historisches Datum: zehn Uhr sieben. (…) Auf Ernährungspläne und andere gutgemeinte, aber oft an Bevormundung grenzende Vorgaben glaubt er verzichten zu können. Das gemeinsame Spaghetti-Essen nach dem Spiel in der Kabine werde er nicht fortsetzen. Sein Vorgänger hatte darauf bestanden, daß jeder Spieler seinen Teller Nudeln leer ißt, bevor es in den Feierabend ging. Sammer hatte sich manches Mal darüber beklagt, daß die Spieler sich ihrem Körper gegenüber bei der Ernährung nicht verantwortungsbewußt zeigten. Er warf ihnen sogar vor, nach Dienstschluß mit „Pommes rot-weiß“ daheim auf dem Sofa zu liegen. Van Marwijk scheint seine Ansprüche nicht so absolut, so kompromißlos wie sein Vorgänger an die kickende Belegschaft der börsennotierten Fußballfirma heranzutragen. Bei Kleinigkeiten gibt er sich großzügig. Am Montag mal eine Portion „Fritjes“ zu erlauben findet er geschickter, als die Spieler mit einem strikten Verbot zum heimlichen Besuch im Fast-food-Laden zu treiben. Van Marwijk sagt, er wolle nicht vom ersten Tag an alles grundlegend anders machen. Dennoch scheint er entschlossen, manch alten Zopf abzuschneiden. Sein Verständnis von Disziplin bestehe nicht darin, „einen Packen Papier mit irgendwelchen Regeln mitzubringen“. Dennoch wirkt der Zweiundfünfzigjährige, der sein Trainerprofil bei Feyenoord Rotterdam schärfte, nicht wie einer dieser Pädagogen, die früher einmal mit dem sogenannten Laisser-faire-Stil einen längst überholten Trend setzten.“

Allgemein

Holland-Schweden und Frankreich-Griechenland

Holland-Schweden 5:4 n. E.

Thomas Klemm (FAS 27.6.) sieht ein Spiel, „das lange Zeit keiner verlieren wollte“: „Nach der Begegnung in Faro, wo sich beide Teams zumeist schon im Mittelfeld neutralisierten und die Zuschauer auch am und im Strafraum nicht mit kreativen Momenten verwöhnten, müssen sich die Holländer allerdings steigern, wollen sie am Mittwoch mit einem Sieg über Portugal ins Endspiel einziehen. Am bislang heißesten Tag dieser EM scheuten sich beide Teams von Beginn an, die Stimmung auf den Rängen durch sportliche Höhepunkte weiter aufzuheizen. Die „Oranjes“, gekleidet wie ein weißes Ballett, ließen jeden Ansatz von Choreographie vermissen, die lange Flanken in den Strafraum landeten fernab von van Nistelrooy im Nirgendwo, die Versuche, die Sturmspitze flach anzuspielen, endete in den Beinen der schwedischen Viererabwehrkette. Auf der anderen Seite betrieben die Skandinavier hohen läuferischen Aufwand, doch sahen sie auch kein Durchkommen in der wohlorganisierten Deckung. Was beiden Mannschaften blieb, waren dann und wann Abschlußversuche aus der Distanz, um den gegenseitigen Respekt zu überwinden und das Tor zu finden.“

Felix Reidhaar (NZZaS 27.6.) ergänzt: „Die Euro hat den Pfad ihrer früh gewonnenen Tugenden verlassen. Nach dem monotonen Ballgeschiebe griechisch-französischer Prägung markierte auch der dritte Viertelfinal einen Rückfall ins überwunden geglaubte Defensivdenken. Wahrscheinlich war es naiv, anderes zu erwarten in einer Phase, in der jedes Spiel das letzte sein kann. Erst in der Verlängerung, nachdem beide Mannschaften einfallslos und in mässigem Rhythmus gespielt hatten, war Aufregung vor den Toren zu verzeichnen. Beiden Teams boten sich in diesem offenen Schlagabtausch Chancen, die Entscheidung im Spiel zu erzwingen. Es war ziemlich rustikal, was das handgestrickte Tre-Kronor-Team mit Spielern aus britischen und skandinavischen Ligen und die ungleich prominenter besetzte niederländische Auswahl 90 Minuten lang zu bieten imstande waren.“

Frankreich-Griechenland 0:1

Ein Abgesang auf Frankreich – Peter B. Birrer (NZZaS 27.6.): „Das Verdikt gegen Frankreich nahm unübliche Ausmasse an. Die Griechen hatten im letzten Gruppenspiel gegen Russland miserabel gespielt, Fehler um Fehler begangen und einen Rattenschwanz von Fragen folgen lassen, wie es nur möglich ist, dass sie in die Viertelfinals vorstossen. Und jetzt stolperte der Europameister, nein, er stolperte nicht – er erstarrte zuerst während fast 90 Minuten in Agonie, fiel hin und blieb regungslos liegen. Es gab im zweiten Viertelfinal nicht ein Momentum, keine strittige Szene, keine Wende, kein „hätte doch“ und „wäre nur“, keinen brillanten Zidane, keinen pfeilschnellen Henry, kein Pires-Dribbling, keinen initiativen Trainer, keinen Zug zum Tor, kein Tempo, keine Kraft und keinen Zusammenhalt. Kurz: In dieser Verfassung haben die Franzosen unter den letzten vier nichts verloren. (…) Santinis Bilanz ist und bleibt gut. Seit Mitte 2002 verlor Frankreich nur gegen Tschechien und Griechenland, vor der EM hatte der Europameister zum Beispiel eine Phase von 1078 Minuten (fast 18 Stunden!) ohne Gegentor. Sicher, die Gegner waren oft nicht aus der gehobenen Stärkeklasse, so dass sich der Hinweis überschätzter Resultate unter Santini dauerhaft hielt. Lizarazu sagte nach seinem 97. und letzten Match für die „Bleus“, dass das französische Spiel im Vergleich etwa zum skandinavischen allzu sehr idealisiert werde. Die Bemerkung Zidanes, dass „wir am Ende nicht in die gleiche Richtung gelaufen sind“, weist zudem darauf hin, dass im Innenleben des Teams nicht alles zum Besten steht. Und zwar nicht nur, weil sich Jacques Santini mit der Verbandsspitze verkracht hatte. Es kann eben auch zum Nachteil werden, wenn auf der Ersatzbank nur Stars sitzen. Da ist der Trainer gefordert.“

Allgemein

Völler hat das Kopfkissen konsultiert

Was sagt Holland nach dem Erreichen des Halbfinals? if-Leser Henk Mees aus Holland fasst für den freistoss zusammen und übersetzt: „Wir gehen weiter”, jubelt De Telegraaf, Hollands einzige Nationalzeitung mit einer Sonntagsausgabe. Fast die ganze Titelseite ist dem Viertelfinale Holland gegen Schweden gewidmet. „Abgerechnet mit dem Penalty-Trauma”, „Robben Held auf dem Elfmeter-Punkt” und ,Van der Sar kaltblutig”, sind die Titel auf der ersten Seite. Robben und Van der Sar werden gefeiert als die ‘Erlöser von Oranje’. Valentijn Driessen schreibt: „Edwin van der Sar, der Torwart, dem in der Vergangenheit jeweils angekreidet wurde, dass er NIE ein Elfmeter halte, wurde der Held des Abends. Das Oranje-Fest, die Polonäse, begann, als Robben traf.” Der Berichterstatter vom Telegraf äußert herbe Kritik am Spiel. „Das Spiel von Oranje hatte nichts in der ersten Halbzeit. Die Mannschaft war kein Schimmer von der Elf, die gegen Deutschland in der zweiten Halbzeit, Tschechien (erste Halbzeit) und Lettland so gut aufspielte. Es wurde gespielt wie bei einem ordinären englischen Klug aus dem Mittelfeld; ohne Aufbau, nur mit Pässen in die Tiefe Richtung Van Nistelrooij. Typisch dabei war, dass die meisten Assists fur Van Nistelrooij von Torwart Van der Sar kamen.” „Nichts war in Ordnung im Mittelfeld mit Seedorf, Davids und Cocu. Manchmal sieht man noch wohl ein Phantom, aber Seedorf hätte ebenso gut in der Kabine bleiben können. Auffallend war, dass neben Van Nistelrooij, Robben und Reiziger drei eingewechselte Spieler die wichtigsten Kräfte waren.” „Keiner der Fans hatte Vertrauen in die Mannschaft bei der Elfmeter-Entscheidung. Sieerinnerten sich an die EM 1996, die WM 1998 und die EM 2000, als Holland nach Elfmeterschießen eliminiert wurde. Und Cocu verfehlte wie bei der WM 1998, aber dann gelang Edwin van der Sar sein Kunststück.” Auch im Telegraaf schreibt Jaap de Groot, wie Oranje sich gequält hat. „Die Erwartungen waren zu hoch. Die Elfmeter haben dies beschönigt. Oranje verfiel in alte Fehler: Das Spiel war zu defensiv, zu abwartend. Und von der Bank kam keine Korrektur. Es war wieder eine Mannschaft ohne Kopf und Schwanz.” Marco van Basten bestätigt: “Es fehlt der holländischen Mannschaft an Verteidigern, die offensiv spielen. Damit wird der Sturm kaltgestellt. Was gegen Lettland endlich gelang, offenbarte sich gegen Schweden als eine Ausnahme. Erst im Schluss sah man wieder die holländische Schule. Gerade noch gut gegangen.” Dick Advocaat sagt im Telegraaf, dass die Mannschaft ihm das Gefühl gegeben hatte, dass es jetzt endlich klappen wurde im Elfmeterschießen. ‚Der Geist war da. Man glaubte fest an den Erfolg. Vorher wussten wir nicht, wer den sechsten Elfmeter schießen würde. Das haben die Spieler unter sich entschieden, da ist Robben selbst nach vorne gekommen.” Zu Hause in Holland gab es gemischte Gefühle: Im National-Fernsehen NOS äußerte Johan Cruijff sich zurückhaltend: „Unser Spiel war nicht schlecht, aber auch weit von Gut entfernt. Man kann nicht sagen, dass wir überzeugend gesiegt haben, es wäre aber auch eine Traurigkeit gewesen, wenn diese Schweden sich für’s Halbfinale qualifiziert hätten. Fußballerisch waren die Schweden Null. Bei der holländischen Mannschaft sieht man, dass die Ergebnisse das Vertrauen stützen und die Gruppe wachsen. Portugal wird wieder anders sein. Man sieht Portugal an, dass der Trainer defensiv denkt. Er muss seine Elf immer in der zweiten Halbzeit anpassen.” Ex-Nationalspieler Ronald Koeman, der heutige Coach von Meister Ajax Amsterdam, äußerte sich kritisch. „Holland hat ohne rechtes Mittelfeld gespielt, weil Seedorf übers ganze Feld wanderte. Daher wurde Van der Meyde nie gut angespielt. Advocaat hätte das ändern können, als Frank de Boer ausscheiden musste. Manchmal bekommt ein Trainer die Chance, die Mannschaft neu zu ordnen bei einder Verletzung. Dies war eine solche Gelegenheit.” Im gleichen TV-Programm reagierte auch John de Mol sehr kritisch. De Mol ist Multi-Milliardär geworden mit seinem TV-Entertainment-Unternehmen Endemol, das Programme wie Big Brother produziert. Der Bruder von Linda de Mol war sehr böse. „Dieses Spiel war ein Drache. Was haben wir jetzt erreicht? Unentschieden gegen Deutschland, verloren gegen Tschechien, Unentschieden gegen Schweden, und nur ein Sieg uber Lettland. Nichts um zu prunken.”

Völler hat das Kopfkissen konsultiert

Wie sieht das Ausland den Rücktritt Völlers? In der spanischen Tageszeitung El País (25.6.) lesen wir: „Bei der zweiten EM in Folge hat es die deutsche Nationalmannschaft nicht geschafft, die zweite Phase zu erreichen. Mehr als das, ihr Rüstzeug erwies sich als trostlos, unfähig, wie sie war, auch nur eines der sechs Spiele, die sie ausgetragen hat, zu gewinnen. Drei Unentschieden und drei Niederlagen zählt die Nationalmannschaft, die die meisten kontinentalen Titel hält (drei). Der Vize der Weltmeisterschaft, in der er das Finale gegen Ronaldos Brasilien verlor, ist nur noch eine Anekdote. Und das erste Opfer hat bereits das Handtuch geworfen: Rudi Völler (…) Für eine Mannschaft wie Deutschland, mit einer fantastischen Welt- und Europameisterschafts-Historie, ist ein Ausscheiden in der ersten Runde unerträglich. So geschehen vor vier Jahren, nach einem ähnlichen Scheitern. Erich Ribbeck trat damals zurück, nachdem sie nicht eines der drei Spiele gewonnen und 3:0 gegen ein an Reservespielern überladenes Portugal verloren hatten. Die Geschichte hat sich wiederholt. Völlers Laufbahn in der Nationalmannschaft ist ziemlich untypisch für einen deutschen Trainer, Produkt der Improvisation und der unerwarteten Erfolge der Weltmeisterschaft 2002. Völler kam eher zufällig auf den Posten, ohne Lizenz und als Übergangslösung, ausgeliehen von seinem Club Bayer Leverkusen. Die Verwicklung des vorgesehenen Trainers Christoph Daum in einen Fall von Kokainkonsum ließ Völler auf den Posten, auf dem er mit einem hervorragenden 4:1 gegen Spanien sein Debüt gefeiert hatte. Jetzt wird Völler zur Mannschaft von Aspirin in Leverkusen zurückgehen können, wo der Posten des Sportdirektors seit dem Rücktritt des voluminösen Reiner Calmund frei geblieben war, der mit seinen über 150 Kilo darauf verzichtete, seine herzleidenden Eingeweide weiter auf die Probe zu stellen. (…) Nachdem er einmal über die Niederlage geschlafen hatte (wörtlich: nachdem er das Kopfkissen konsultiert hatte), kündigte er seinen Rücktritt an. Der Präsident des Deutschen Fußballbunds DGB (DFB, Fehler der spanischen Presse), Gerhard Mayer-Vorfelder, bedauerte Völlers Entscheidung und versicherte, dass er versucht habe, ihn zum Bleiben zu bewegen, ohne ihn überzeugen zu können. (…) Der Zurückgetretene hat den Posten mit Würde und wegen seines weißen Haares zwar welken, aber erhobenen Hauptes verlassen. (…) Der Guru des deutschen Fußballs, Franz Beckenbauer, erklärte, dass Völler der bestmögliche Trainer sei. (…) Laut Beckenbauer kann niemand Wunder vollbringen, „wer Wunder sehen will, muss zum Zirkus Krone gehen“.“

Der deutsche Sturz

El País (26.6.) hat keine Freude am deutschen Fußball: „Das Jammergeschrei in den deutschen Reihen, „Deutschland über alles“, entfesselte den Radau im Stadion von Alvalade. Die Fans hielten an der Nationalhymne fest, damit sich ihre Jungs angetrieben fühlten. Aber was die deutsche Mannschaft brauchte, war guter Fußball, und den hätte sie nicht einmal dann gespielt, wenn sie Bach über Megaphon gehört hätte. So viele Ecken sie auch traten, so viele Konter sie abfingen, so viele Schüsse aus der zweiten Reihe und Flanken aus dem Nichts sie auch versuchten, wurden die Deutschen schließlich doch weich gegenüber einer Nationalmannschaft, die in der Europameisterschaft die große Neuerscheinung ist. Es war eines dieser Spiele mit Würze und Unterhaltungswert, wie sie in diesem Turnier so oft vorkommen: Die Tschechen wussten nicht, ob sie Spaß haben, spekulieren oder sich in jeder Aktion die Füße wund spielen sollten, weil ihnen nicht klar war, ob sie spielten, um sich zu qualifizieren, zu konkurrieren oder sich auf dem Sommermarkt zur Schau zu stellen. (…) Völlers Jungs müssen sich komisch gefühlt haben, als sie merkten, dass die tschechische Reservebank ihnen den Ball geraubt hatte. Nowotny, Hamann, Ballack, die ganzen Veteranen, verloren den Ball und wichen zurück. (…) Hamann, Nowotny und Ballack, das Fundament der deutschen Mannschaft, sind drei nicht definierbare Spieler. Die ersten beiden sind glatt, sie wirken wie Produkte vom Fließband. Der letzte ist genauso, nur geschickter. Ebenso begabt, ebenso muskulös, aber akrobatischer. Es handelt sich um einen vorgegaukelten Spielmacher, einen falschen Reeder, eine getarnte Nummer neun im Mittelfeld, die sich mit Service-Personal umgibt. (…) Mit diesem Schema ist der unbesonnene Schweinsteiger letztlich nicht in Einklang zu bringen. Aber im Endeffekt fängt das ganze Team, die ganze Maschinerie auf unerschütterliche Weise bei Ballack an und hört bei Ballack auf. Langer Ball in die Mitte, Pass zurück, Abschluss; langer Ball in die Mitte, Pass zurück, Abschluss – am besten mit dem Kopf. Mit dem Fuß sind die neuen Deutschen für gewöhnlich nicht so präzise wie die alten. Die Funktionsweise der neuen deutschen Mannschaft klappt, bis die Mannschaft nicht mehr den Ball hat. Sie hat einen Schwachpunkt: Fußball funktioniert nur, wenn es einen Spieler gibt, der ein paar Sachen kann, die der Beruf verlangt. Ballack bewies dies mit dem Tor, das seine Mannschaft in Führung brachte. Ein traumhafter Schuss mit links von außerhalb des Sechzehners. Der Ball schoss wie eine Rakete in den rechten Winkel von Blazek. Aber was ist an dem Tag, an dem Ballack nicht spielt? (…) Jeremies, der ins Spiel kam, um Ballack zu unterstützen, ist nach wie vor eine schlechte Unterstützung. Die Mannschaft hat niemanden, der einen Pass in die Lücke spielt, und keinen, der eine Abwehrreihe sprengt. So kam es, dass der einzige Ausweg, den die Deutschen sahen, um ans Tor zu kommen, ihr Mittelfeld, die Fouls und die Ecken waren. Aber es gab kein Wunder. Nur Glaube, Glaube ohne Spiel, und eine Krise, die der Vizeweltmeister nur zu vergrößern beitrug. Das Tor des gut aussehenden Baros, nach einem Fehler von Kahn, begrub alle Hoffnungen. Deutschland, das große Deutschland, beendete die EM mit nur zwei Toren und ohne auch nur ein einziges Spiel zu gewinnen.“

Deutschland hat weitgehend versagt, mit der Zeit Schritt zu halten

Paul Hayward (Telegraph 24.6.) ist am Zug: „Nicht einmal die elf halbnackten Frauen auf der Titelseite des Skandalblatts Bild konnten Deutschland vor der Auflösung abhalten. (…) Wenigstens sind die Deutschen in guter Gesellschaft: Spanien und Italien sind bereits nach Hause gefahren. Aber die Statistiken sind vernichtend. (…) Das ist das zweite Mal in Folge, dass Deutschland nach der Vorrunde einer EM ausscheidet – eine der großen Erniedrigungen in der Fußballgeschichte Deutschlands. (….) Deutschlands Schwäche ist einfach auszumachen: das Fehlen eines zuverlässigen „Knipsers“. Seit Oliver Bierhoff (37 Tore) seinen Abschied genommen hat, gab es einen beklagenswerten Mangel an Torschützen wie Gerd Müller, Rudi Völler, Jürgen Klinsmann, Karl-Heinz Rummenigge und Uwe Seeler. (…) Die Deutschen haben es nicht geschafft, einen erstklassigen Stürmer aufs Feld zu bringen, außer als Völler über die Seitenlinie schritt und von dem vierten Offiziellen strikt gerügt wurde. Deutschland hat weitgehend versagt, mit der Zeit Schritt zu halten.“

Griechen stürzen hilfloses Frankreich

Henry Winter (Telegraph 26.6.): „Die Franzosen wissen alles über das Stürzen der Aristokratie, aber letzte Nacht waren sie nach einem spektakulären Aufstand auf der Seite des Verlierers. Der amtierende Europameister wurde von übertüchtigen und gut organisierten Griechen geschlagen. Die Etablierten bekommen hier draußen einiges zu spüren.“

Trotziger Eriksson will nichts ändern

Glenn Moore (The Independent 26.6.) über das Machtgefüge im englischen Team: „Englands Fußballer kamen gestern von der EM nach Hause zurück – und zwar geschlagen, aber auch herausfordernd. Sven Goran Eriksson, der Trainer, besteht darauf, dass er in Zukunft nichts verändert haben möchte. David Beckham, der Kapitän, möchte auch weiterhin Elfmeter schießen. Der Fußballverband, Erikssons Arbeitgeber, bestätigte die feste Position des Trainers. Eriksson über Beckham: „Ich habe David schon besser für uns spielen sehen, aber er wird für das nächste Spiel und auch für die kommenden Spiele für uns auf dem Platz stehen. Er ist sehr, sehr wichtig für uns.“ Der Coach weiter: „Zu den Elfmetern: Ich sprach gestern morgen zu David und sagte: „Wenn wir heute einen Elfer zu schießen hätten, wer sollte den schießen? – ‚Ich natürlich’, antwortete David. Wir werden sehen. Ich habe Zeit bis zum nächsten Testspiel im August um darüber nachzudenken.“

Sündenbock Meier

Cahal Milmo (The Independent 26.6.) über Englands Staatsfeind Nr.1: „Urs Meiers Ehrgeiz für die EM 2004 war bescheiden. Vor der EM gab er von sich: „Das Ziel für mich bei dieser EM wie auch bei allen großen Turnieren ist immer dasselbe – keinen Fehler machen und dann mit erhobenem Haupt wieder nach Hause fahren.“ (…) Der Vater von zwei Kindern, der eine Vorliebe für Sport und Wein besitzt, ist nun der neue Sündenbock der Fußballnation England. (…) Der Independent fand heraus, dass eine gewisse Zeitung ihre Reporter zum Haus von Meier schicken will, um dieses in eine riesige britische Flagge zu hüllen.“

of: Spielen Engländer ein anderes Spiel? Liegt es daran, dass ihr Erfolg begrenzt ist? Richtig ist, dass sie ein anderes Regelverständnis haben als der Rest der Welt. Das belegt die (ohnehin überflüssige) Diskussion um die Entscheidungen Urs Meiers. Der Ärger der englischen Journalisten richtet sich auf die Aberkennung des Tores Sol Campbells – zu Unrecht, denn es war ein eindeutiges Foul an Portugals Torhüter im Torraum; allerdings würde es kein Premier-League-Referee ahnden. In England ist das normale Härte. Aber: Warum regt sich keiner über das Foul an Wayne Rooney auf? Sein Gegenspieler hat ihm dabei den Mittelfuß gebrochen, Ronney aber, ein echter Engländer, ließ sich nicht fallen. Auch elfmeterreif bedeutet in England etwas anderes.

Strafstoss

Strafstoß #12 – Unruhige Träume – Schlecht Schlafen während eines Fußballspiels

von Mathias Mertens

Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber meine körperliche Leistungsfähigkeit ist durch das tägliche Fußballspielen erheblich belastet. Jeden Abend pünktlich zur Stelle sein und sich durch Bierseen und Chipsberge kämpfen, das hält doch der stärkste Passivsportler nicht durch. Nur so ist es zu erklären, dass ich während der Partie Schweden gegen Holland einschlummerte, denn die spielerische Qualität wird doch wohl bei diesen Offensivzauberern von allerhöchstem Niveau und mitreißendster Unterhaltsamkeit gewesen sein. Kann ich nur mutmaßen, denn, wie gesagt, ich schlief ob der portugiesischen Wochen.

Dabei widerfuhr mir allerdings ein beunruhigender Traum. Ich war in die Psychiatrie eingeliefert worden und musste mir mein Zimmer mit zwei Mitbewohnern teilen. Jaap saß am weißen Plastiktisch, zwirbelte an seiner Makramee-Blumenampel herum und pfiff ein leises „Something stupid“ aus seinem Bart hervor, insgeheim wohl hoffend, dass Phillip mit der zweiten Stimme einsetzen würde. Aber der saß nur stumm neben ihm, starrte mit weitaufgerissenen, ausdruckslosen Augen an die Wand und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Mit langen Zügen, die die Glut jedes Mal zentimeterweise in Richtung Filter beförderten und ein unheimliches Knistern erzeugten. Wenn Jaap gelegentlich einen Ton danebenhaute, dann zuckte Phillip zusammen und ließ die Kippe fallen, woraufhin er mit zitternden Fingern die nächste aus der Packung pulte und sofort da weitermachte, wo ihn sein Zimmergenosse unterbrochen hatte.

Ich befand mich im Bett am Fenster, der Tisch stand mitten in dem schmalen Raum, etwas näher zur Tür. Wenn ich aus dem Zimmer wollte, dann hätte ich zuerst an Phillip vorbeigemusst, was ihn unweigerlich aufgeschreckt und eine weitere verlorene Kippe bedeutet hätte. Nicht dass Phillip wirklich bedrohlich aussah, er war eher schmächtig und hatte hängende Schultern, aber in seinen Augen konnte man lesen, wie viel sich in ihm angestaut hatte, wie wenig es noch bedurfte, damit er explodieren würde, wie sinnlos die ganze Welt sei und wie unbedeutend meine Existenz. Auch wenn er mir nichts täte, seine Nervosität und Anspannung würde Jaap von seinem Makramee aufschrecken, den trägen Körper anschieben und zu einer Alles zermalmenden Masse machen – und „Alles“ bedeutete in diesem Fall ein Plastiktisch, ein Bett und ich, denn mehr gab es nicht im Raum, wenn man von Phillip und seinem Aschenbecher mal absieht. Aber selbst im allerunwahrscheinlichsten Fall, dass ich der Walze entkommen könnte, zur Tür rennte und sie beherzt aufrisse, um über die Schwelle zu stoßen – dann würde dort der freundliche große Herr mit dem schmalen Gesicht, den schmalen Augen und dem hellblauen Kittel stehen, mich abfangen und zurück in die Tiefe des Raums schicken. Zurück zu meinen beiden Zimmergenossen, beide nicht mehr gut auf mich zu sprechen wegen der indirekt von mir verursachten Zermalmung eines Plastiktischs, einer Makramee-Blumenampel und einer halben Stange Zigaretten.

So blieb ich also in meinem Bett liegen und schaute durch die Gitterstäbe dem schwedischen Gärtner Alexander zu, der stoisch die Hecke mit einer riesigen Schere bearbeitete und im Laufe der Zeit immer mehr zu schielen begann. Dann wachte ich auf und war mitten im Elfmeterschießen. Cocu schoss gerade an den Pfosten. Aus irgendeinem Grund war mir nicht wohl dabei.

Samstag, 26. Juni 2004

Vermischtes

Schaufenster der Vielfalt

Horst Eckel (FAZ) im Wortlaut – die Bedeutung des Fußballs für die Identität Europas (FR) – besonders lesenswert: ein Gespräch zwischen Daniel Cohn-Bendit und Aimé Jacquet (Le Monde) – Robert Gernhardt im FAS-Gespräch u.v.m.

Woran liegt’s, dass die Großen ausscheiden, Felix Reidhaar (NZZaS 27.6.)? „Das hat es in 44 Jahren seit Einführung der einstigen Coupe des Nations nie gegeben: Nach zwei von drei Akten ist ein halbes Dutzend Nationalteams im Wettbewerb verblieben, deren (Kohäsions-)Länder – zur geographischen Veranschaulichung – flächenmässig zusammen nicht annähernd halb so gross sind wie jene der sogenannten „big five“. Gescheitert ist anderseits die führende Elite aus den Ländern der grossen Ligen, deren Klubs und Verbände mehr als 80 Prozent des Gesamtumsatzes aus den hoch einträglichen Fussballrechten generieren (rund 8 Mrd. Euro) und die das alleinige Paradies in einer Berufsspielerkarriere sind. Überraschungen gehören zu solchen Turnieren mit ihren eigenen Gesetzen. In dieser Kompaktheit war die Entwicklung aber nicht vorauszusehen. Zuletzt hatte es vor vier Jahren die Engländer und die Deutschen bereits in der Vorrunde getroffen. Deren Leistungsvermögen, spielerische Substanz und taktische Stupidität riefen damals Kopfschütteln hervor. Das verhält sich 2004 qualitativ etwas abgestuft zwar anders, weil weder Erikssons Team mit jenem seines Vorgängers Keegan noch Völlers Auswahl mit jener Ribbecks zu vergleichen ist, aber verabschiedet haben sich die Selektionen von Premier League und Bundesliga erneut. Interessanterweise stammen aus diesen Meisterschaften mehr als 100 von insgesamt 368 Professionals, welche in den 16 Kadern der Endrundenteilnehmer stehen. Nochmals knapp so viele sind in den spanischen, italienischen und französischen Ligen verpflichtet. Heisst das nun, dass den „Grossen Fünf“ der eigene Klubbetrieb zum Verhängnis geworden ist? Tatsächlich und logischerweise sind körperliche und mentale Ansprüche in diesen Ligen mit ihrem viel geringeren Leistungsgefälle und fast permanent drückenden Belastungen unvergleichlich höher als anderswo. Zwischen 50 und 60 Ernstkämpfe über eine Saison in mehreren Wettbewerben stellen vom medizinischen Standpunkt den Grenzwert, wenn nicht sogar das Maximum dar. “

Leidenschaftsfußball

Ein begeistertes Zwischenfazit von Stefan Hermanns (TspaS 27.6.): „Aus England ist in diesen Tagen die Nachricht gekommen, dass eine Frau nach 23 Jahren Ehe die Scheidung von ihrem Mann eingereicht hat. Seit Jahren ist sie mit ihm zu allen Heim- und Auswärtsspielen seines Lieblingsvereins West Ham United gereist, doch als er sich jetzt zwei Wochen Urlaub genommen hat, um die Begegnungen der Europameisterschaft mit einem Freund in einer Kneipe zu verfolgen, hatte sie endgültig genug. Wie herzlos muss diese Frau sein? Seit Jahrzehnten hat kein großes Fußballturnier die Menschen – unabhängig vom Abschneiden ihrer eigenen Nationalmannschaft – so sehr begeistert wie die EM in Portugal. Nur zwei Jahre nach der mäßigen WM in Japan und Südkorea, bei der es sogar die Deutschen bis ins Finale brachten, hat das spielerische und technische Niveau einen Aufschwung erlebt, den niemand erwarten konnte. Dem Defensiv- und dem Offensivfußball hat dieses Turnier eine dritte Kategorie hinzugefügt: den Leidenschaftsfußball. Es ist wohl kein Zufall, dass vor allem Gastgeber Portugal stilbildend wirkt. Getrieben von den Erwartungen des Landes und gepeinigt von der Vorstellung, wieder zu früh zu scheitern, spielen die Portugiesen einen Fußball, der sich in keinem Moment um ökonomische Erwägungen schert. Im entscheidenden Spiel gegen Spanien rannten die Portugiesen, als gäbe es kein Morgen, kein nächstes Spiel, als gäbe es nicht einmal eine zweite Hälfte. (…) Nicht von ungefähr haben die Mannschaften den schwächsten Eindruck hinterlassen, die den am wenigsten leidenschaftlichen Fußball gespielt haben: Spanien, Italien, Deutschland, Favorit Frankreich und zuweilen auch England. Spanien versuchte gegen Portugal, sich mit einem Unentschieden ins Viertelfinale zu mogeln und wurde bestraft. Italien verspielte mit Trapattonischer Ängstlichkeit den 1:0-Vorsprung gegen Schweden und damit den Einzug ins Viertelfinale. England ging in zwei entscheidenden Spielen früh in Führung, verteidigte den Vorsprung anschließend beide Male mit aller Macht – und kassierte sowohl gegen Frankreich als auch gegen Portugal kurz vor Schluss den Gegentreffer. Alle verhalten und kontrolliert spielenden Teams sind vorzeitig aus dem Turnier geschieden. Und anders als vor zwei Jahren bei der WM, als das frühe Aus der großen Fußballnationen Frankreich, Portugal, Argentinien und Italien auf die allgemeine Stimmung drückte und die WM zu einem Turnier zweiter Klasse degradierte, hat diesmal niemand das Gefühl, dass etwas Unrechtes geschehen ist. Vor allem die Deutschen nicht.“

Schaufenster der Vielfalt

Wolfgang Hettfleisch (FR 25.6.) erkennt die Bedeutung der EM für die Identität Europas: „Der Rückschluss, beim Fußball zwischen Länderauswahlen wie just bei der EM handle es sich um die kultivierte Austragung nationaler Rivalitäten, ist verlockend. Identitätsstiftend ist allemal, was sich auf dieser Spielwiese des Patriotismus ereignet. Für Länder wie Kroatien, die sich erst seit wenigen Jahren ihrer Unabhängigkeit erfreuen, ist das Abschneiden der eigenen Elf auch eine Frage der nationalen Ehre. Und auch in Deutschland hebt keiner verwundert die Augenbrauen, wenn eine seriöse Zeitung wie der Berliner Tagesspiegel den für Sport zuständigen Bundesinnenminister Otto Schily vor der EM gänzlich ironiefrei fragt: „Kann Fußball die Depressionen eines Landes heilen?“ Selbst die New York Times kam dieser Tage nicht umhin zu versuchen, sich einen Reim auf die merkwürdige Parallelität der politischen und sportlichen Manifestationen auf dem Alten Kontinent zu machen – hier eine Europawahl als „massenhafter Ausdruck von Gleichgültigkeit“ gegenüber dem großen Einigungsprojekt, dort ein „im Fußball sublimierter Krieg mittelalterlicher Nationalstaaten“, eine „Tjoste, gefeiert mit Schlagzeilen, Fahnen und brüllenden Menschenmengen“. Europa, folgert der Times-Autor mutig, habe sich nicht von seiner kriegerischen Vergangenheit gelöst. Und die Spiele der Nationalteams seien geeignet, eben jene Feindseligkeiten hervorzurufen, die Brüssel durch die Entwicklung einer europäischen Identität einzuhegen trachte, die wiederum weit davon entfernt sei, von den Bürgern akzeptiert zu werden. Das ist zuviel der Interpretationswut. Natürlich weiß Ex-Teamchef Rudi Völler um die Vergeblichkeit seines Hinweises nach dem Ausscheiden in der Vorrunde, es handle sich letztendlich doch „bloß um Fußball“. Das tat es nie. In Budapest kam es nach der Niederlage der Ungarn im WM-Endspiel von 1954 zu Ausschreitungen. Die politische Führung klagte Torwart Grosics wegen Landesverrats an und verbannte ihn in die Provinz. Bis heute steht die Niederlage der Wundermannschaft um Ferenc Puskás im Rang eines nationales Traumas. (…) Tatsächlich hatten die großen Fußball-Wettbewerbe für den europäischen Gedanken durchaus auch Vorbildfunktion. Das ist auch das Verdienst der 1955 gegründeten UEFA, die den Ball stramm über den Eisernen Vorhang kickte. Ihre Vorstellung von Europa reichen heute ausweislich der Mitgliedsverbände bis zum Kaukasus und lassen einem Armenhaus wie Moldawien dieselben familiären Rechte angedeihen wie England, Frankreich oder Deutschland. Und mit der 1960 erstmals ausgetragenen Europameisterschaft – die das Team aus der Sowjetunion gewann –, fand sich eine Plattform, auf der sich Ost und West auf Augenhöhe begegnen konnten; eine schöpferische Klammer für ein Europa, das es nicht gab. Dass die Herzen der Menschen in der Alten Welt nun im Takt des Fußballfestes in Portugal schlagen, statt den Tüftlern der EU-Verfassung zuzufliegen, ist wahrhaftig nicht beunruhigend. Schlimm wäre es andersherum. Die Fußball-EM fungiert als Schaufenster der Vielfalt, der nationalen Unterschiede und Leidenschaften. Der Konfektions-Europäer wäre ihr Ende.“

Petra Steinberger (SZ/Feuilleton 25.6.) verbittet sich Kritik aus Amerika: „Kinder, Rüpel, Raufbolde sind sie immer mal wieder, die Europäer. „Die Völker, die jetzt gezwungen werden, eine gemeinsame Währung mit sich herumzutragen, welche nachgeahmte europäische Sehenswürdigkeiten zeigen“, bedauerte gerade Amerikas Stimme in der weiten Welt, die New York Times, den fremden Kontinent, „diese Völker dürfen ihre Gesichter in verschiedenen Farben anmalen, dürfen sich gegenseitig anbrüllen und den Namen ihres Landes grölen.“ Einerseits, meint die Times, gingen die Europäer nicht zur Wahl, weil sie nur dadurch, dass sie die Politik selbst irrelevant machten, gegen ihre eigene Irrelevanz protestieren könnten. Und andererseits biete ihnen Fußball die Gelegenheit, einen mittelalterlichen Krieg der Nationalstaaten auszutragen – mitsamt altertümlicher Helden, die im Namen einer altertümlichen Idee dem lüsternen Fan vor dem Fernseher zeigen, wie man den ungeliebten Nachbarn eins reinwürgt, ihn anspuckt, in die Kniekehlen tritt, alles unter großem Beifallsgeschrei der jeweils total parteiischen Zuschauer. Von denen über die Hälfte nicht zur Wahl für das Europaparlament ging. Was in Amerika bei vergleichbaren Wahlen (Präsident, Kongress) natürlich nie vorkommt. Oder fast nie. Oder nicht allzu oft. Jedenfalls scheint es jenem amerikanischen Betrachter doch so, dass die Geschichte den europäischen Kontinent noch nicht ganz aus seiner kriegslüsternen Vergangenheit entlassen hat. Warum sonst wohl würde man sich so aufführen?“

Eckhard Fuhr (Welt/Feuilleton 25.6.) ha Sehnsucht nach Konflikt und Gegnerschaft: „Fußball scheint sich nationalpolitisch entspannt zu haben. Vor dem Spiel Tschechien gegen Deutschland saßen Schlachtenbummler beider Seiten friedlich beim Bier, EU-Bürger daheim in Europa. Die Tschechen hatten auf dem Spielfeld nichts zu fürchten, die Deutschen alles zu verlieren. Dass die Tschechen nicht mit ihrer besten Mannschaft antraten, hätte eigentlich am Selbstwertgefühl der Deutschen kratzen müssen. Doch das Kratzen scheint nicht so weit gegangen zu sein, dass die Deutschen nun, Wagners Walkürenritt im Ohr, einen Fußballblitzkrieg begonnen hätten, um den Tschechen ihre gönnerhaften Flausen auszutreiben. Selbst die spöttisch-aufmunternden Sprechchöre der tschechischen Fans brachten Völlers Mannen nicht in teutonische Raserei. Sie spielten zivil und entspannt und verloren. Die gute Nachricht aus Portugal lautet also: Europa hat das Gespenst des Nationalismus besiegt. EU-Bürger lassen sich nicht mehr zu fanatisierten Massen einschmelzen. Die schlechte lautet: Damit hat Europa dem Fußball den Garaus gemacht. Warum soll man sich das Gekicke eigentlich noch ansehen, zu dem sich bei Länderspielen EU-Fußballer, die sich vom europäischen Fußballmarkt untereinander alle kennen, als Nationalspieler verkleiden? Fußball, in dem nicht die blutige europäische Geschichte mit Klassenkämpfen und vaterländischen Kriegen nachhallt, ihn mit Erinnerung und Bedeutung auflädt und dem Match eine kathartische Wirkung zu geben vermag, ist wie alkoholfreies Bier: gut gemeint und ungenießbar. Hätten sich in Portugal nicht die Briten und die Kroaten „daneben benommen“, also ein Stück authentischer Fußballkultur bewahrt, wüsste man gar nicht mehr, was Fußball einmal war.“

Sehr lesenswert! Daniel Cohn-Bendit und Aimé Jacquet (Le Monde (10.6.) sprechen Fußball:

Aimé Jacquet und Daniel Cohn-Bendit sind die beiden Chronisten der Le Monde bei der Euro 2004. Jacquet schreibt ein bis zwei Mal pro Woche eine „technische Analyse“, Cohn-Bendit wird in einem wöchentlichen Format seine transeuropäische Vision des Fußballs darlegen. Was haben der einstige Wortführer der Studenten-Demonstrationen des Mai 1968 und der Trainer der französischen Weltmeister-Elf von 1998 gemeinsam? Welcher Zusammenhang soll hergestellt werden zwischen „Dany le Rouge“, Europa-Abgeordneter der deutschen Grünen und „Mémé“, seinerseits bei den Grünen vom AS Saint-Etienne, heute nationaler technischer Direktor (DTN) des französischen Fußballs? Nichts, außer einer grenzenlosen Leidenschaft für einen Sport, dem sie entstammen und dessen Wirkung nicht aufhört, sie zu bewegen. Jacquet und Cohn-Bendit haben sich bis zu diesem Nachmittag im April in Clairefontaine (Yvelines) niemals getroffen, wo sie, begünstigt durch unvorhergesehenes Einverständnis, zwei Stunden über die Equipe Frankreichs, die vergangene Weltmeisterschaft, die Euro und den Fußball im Allgemeinen diskutiert haben.

DCB: Ich frage mich: Was wird diese Euro bereit halten? Ich bin der Meinung, dass die WM 2002 eine der großen Schwäche war. Der beste Beweis hierfür ist, dass Deutschland das Finale erreicht hat…
AJ: Die Begründung ist ziemlich einfach: Seit vier oder fünf Jahren führt die Arbeitsüberlastung zur Einfältigkeit. Bestimmte Spieler bestreiten bis zu 70 Spiele pro Saison. Wie kann man dieses Arbeitstempo unterstützen? Die Spieler sind physisch in Gefahr, und diese Müdigkeit führt zu einem psychologischen Verschleiß. Wenn die Jungs nicht den Eindruck machen, Erfolg haben zu wollen, dann ist das insbesondere damit verbunden, dass sie nicht mehr die notwendige mentale Stärke haben.
DCB: Vor einigen Jahren habe ich mit einigen anderen die Idee aufgebracht, eine europäische Regelung zu erreichen, um die Zahl der Spiele für die Profis zu begrenzen. Es ist genauso wie bei Klima-Fragen: Wenn Europa sich auf ein Reglement einigen kann, damit klimatische Katastrophen vermieden werden können, ist ein Beispiel für den Rest der Welt. Im Sport, wird man ohne Begrenzungen zur Ausbeutung des Spielers zu keiner Lösung gelangen. Aber wenn man sieht, dass die FIFA ihrerseits durch die Schöpfung einer Club-Weltmeisterschaft den Terminkalender noch verschärft…
AJ: Das Hinzufügen weiterer Wettbewerbe ist ein schwerer Fehler. Ich hoffe, dass die zuständigen Verantwortlichen Einspruch dagegen einlegen werden. (…)
DCB: Es ist notwendig, die Spieler auf eine egalitäre Position zu stellen. Jeder soll zum Beispiel nicht mehr als vier oder fünf Matches pro Monat absolvieren dürfen. (…)
AJ: Sie haben sogar noch mehr Recht, da die Ausbildung der jungen Spieler bei uns gefährdet ist. Erlauben Sie mir einen kurzen historischen Abriss: In den 70er Jahren stapelte die französische Nationalelf Niederlage auf Niederlage. Man konnte so nicht fortfahren. Wir hatten das Glück, zwei außergewöhnliche Männer zu haben – Fernand Sastre und Georges Boulogne –, die den französischen Fußball auf zwei Fundamenten reorganisiert haben: die Ausbildung der Jungen und die Ausbildung der Führungskräfte. Diese Struktur ist extraordinär. Sie begleitet in kohärenter Weise das Kind in die Welt der Profis. Im Gegenzug muss sich der Spieler aufgrund der Ausbildungskosten für eine bestimmte Zahl an Jahren an den Club binden, der ihn ausgebildet hat. Aber all dies fällt wegen des Bosman-Urteils in sich zusammen. Mit 18 Jahren verweigern die Spieler die ihnen vorgelegten Verträge und gehen ins Ausland, ohne etwas an ihren Heimatverein zurückzugeben.
DCB: Mein Gefühl ist, dass alle Jugendlichen, die zu früh ins Ausland gegangen sind, nicht erfolgreich geworden sind. Wenn man bedenkt, was aus Anelka hätte werden können…
AJ: Aber Anelka verdient Geld! Es gibt so viele andere, die nichts verdienen und die zu uns in einem bedauernswerten physischen Zustand zurückkehren. Wir haben eine Generation, die im Eimer ist. Wir haben haufenweise Jugendliche verloren. Sie sind unter dem Einfluss von Agenten, die ihnen dazu raten, nicht zu unterzeichnen. Die Eltern lassen sich kaufen, da es sich oftmals um arbeitslose Familien handelt. Das Kind wird beinahe zu einem Wertgegenstand! Man lässt die Knaben in 800 Kilometer entfernten Vereinen leben, das ist dramatisch. Hätte ich einen Enkel, so würde ich ihm verbieten, wegzuziehen.
DCB: Es gibt nur die Europäische Union, die dies mit Hilfe einer Direktive regeln kann. Die Staaten können nichts machen. Es bedarf einer Einigung auf der darüber liegenden Ebene. Europa hat eine Direktive veranlasst, die es den LKW-Fahrern verbietet mehr als 50 Stunden pro Woche zu fahren. Man müsste gleiches mit dem Fußball machen, um die Zahl der Spiele zu reduzieren und um die Ausbildung der Spieler zu schützen. Aber auch um das Finanzgebaren der Vereine zu überwachen, da es viel Missbrauch gibt.
AJ: Der französische Fußball hat eine Zeit des Fortschritts erlebt. Unglücklicherweise gibt es viel Entmutigung bei uns. Als Mann der Politik, der Sie sind, möchte ich sagen, der Fußball ist fantastisch. Aufgrund unserer Organisation können wir einem benachteiligten Kind, das sich auf den Straßen herumtreibt, helfen, sich wieder in die Schule zu integrieren. Das sportliche Projekt kann die Jugendlichen wieder in die Schule bringen. Ist das nicht wundervoll?
DCB: Einer der Vorteile dieses Systems ist, dass es durch die Suche in den Städten den französischen Fußball von dem Reichtum der Immigration profitieren lässt. Das hat der deutsche Fußball nicht gekonnt. Es ist wahr, dass die Regelung der Staatsbürgerschaft und der Nationalität, basierend auf dem Recht des Bodens, dazu führt, dass jedes in Frankreich geborene Kind davon träumen kann, einmal in der französischen Equipe zu spielen. In Deutschland ist das Staatsbürgerschaftsrecht bis vor zwei Jahren auf dem Recht des Blutes aufgebaut gewesen: Jeder kleine Türke, der in Deutschland geboren worden ist, hat von einem Einsatz geträumt – für die Nationalelf der Türkei. Dies ist der Grund dafür, dass es an einer Generation von immigrierten Jugendlichen in der deutschen Elf fehlt, im Gegensatz zur schwarzen, weißen, arabischen (beur) französischen Elf von 1998. Das ist ein Grund für die Schwäche des deutschen Fußballs.
AJ: Ich glaube, dass oberhalb der Ebene der Ergebnisse es wichtig ist, den Kindern gesunde Lebensbedingungen zu geben. Der Trend des Fußballs beunruhigt mich. Nur die Politik kann uns retten. Wenn nicht wird er fallen.
DCB: Ich akzeptiere die Idee, dass die Politik regulierende Kraft entfalten muss. Aber um dort hinzugelangen ist es notwendig, dass die Instanzen des Fußballs sich mobilisieren, um die Frage an die Politik zu übergeben.
AJ: Es ist erstaunlich, dass es mehr und mehr Geld im Fußball gibt, aber dass immer mehr Geld fehlt. Die Umgebung um den Fußball ist dramatisch geworden. (…) Früher blieben 90 Prozent des Geldes im Umfeld des Fußballs. Jetzt gibt es die Agenten und Zwischenhändler. Wohin geht das Geld? Man weiß es nicht. Und woher kommt es? Das ist teilweise noch schlimmer.
DCB: Der Fußball ist eine öffentliche Sache, die man nicht vollständig privatisieren darf. Wenn ich sehe, wie sich die Champions League diese Saison entwickelt hat, mit Porto und Monaco im Finale, dann denke ich mir, dass Geld nicht alles bewirkt.
AJ: Und die Saison von Real Madrid zeigt uns, dass sich das individuelle Talent von Spielern nicht zwangsläufig in einer Mannschaft summieren lässt. Es sind nicht die individuellen Qualitäten, die einer Mannschaft zugute kommen, sondern das Gegenteil ist der Fall. Als Trainer weiß ich, was es heißt, eine Mannschaft zu bilden…
(…)
DCB: Aber hat man wirklich seine Lektion aus der Vorbereitung zur WM 2002 gezogen? Die Gelegenheit nach dem Scheitern war gut, um die französische Mannschaft radikal zu verändern.
AJ: Das hätte mich gewundert, wenn Jacques Santini, den ich kenne, nicht an Veränderungen gedacht hätte. Ich habe verfolgt, wie er sich entwickelt hat. Er und ich, wir sind vom gleichen Holz: von den Grünen aus Saint-Etienne. Die wahren Grünen.
CDB: Haben Sie das Plakat der Grünen für die Europawahl gesehen? Es zeigt einen Ball mit den verschiedenen Ländern, mit dem Slogan darüber: „Allez les Verts“.
AJ: Aber das ist ein Plagiat!
(…)
DCB: Ist Frankreich Ihrer Meinung nach gut auf die EM vorbereitet?
AJ: Ja. Sein Weg erlaubt es mir, Ihnen zu sagen, dass es eine große französische Mannschaft geben wird. Sie wird vielleicht nicht Europameister werden, aber Sie werden sehen.
DCB: Bei der Euro 1984 war ich Berater für Europe1. Nach dem von Frankreich gewonnenen Finale bin ich Michel Hidalgo begegnet, der mir sagte: „Das ist besser als 1968!“ Ich war überrascht ob des Vergleichs, aber warum nicht? Ich habe ihn gefragt: „Und Sie, wo waren Sie 1968?“ Ich möchte Ihnen die gleiche Frage stellen.
AJ: 1968? Ich hatte die Fabrik vier Jahre zuvor verlassen, um Profi bei Saint-Etienne zu werden. Ich erinnere mich, dass wir aufgrund der „Ereignisse“ in Denfert-Rochereau gezwungen waren, das Finale um den französischen Pokal in Colombes überstürzt zu verlassen. 1968 war mein bestes Jahr als Fußballspieler. Ich war zum besten Spieler der Saison geweiht worden, aber ich habe die Auszeichnung nie erhalten. Das ist Ihre Schuld!
(übersetzt von Jens Kroh)

taz-Interview mit Daniel Cohn-Bendit

taz: Wegen Ihrer These, dem deutschen Fußball fehlten 20 Jahre Einwanderung, und die Union sei schuld an der Misere der Nationalmannschaft …
DCB: … ja, tut mir leid, dass ich Recht habe.
taz: Sagen wir so: Es gibt fünf deutsche Stürmer, die nicht getroffen haben. Vier wurden nicht in Deutschland geboren, einer hat kroatische Vorfahren.
DCB: Meine These ist ja keine mathematische Formel. Es geht darum, dass Deutschland sich von der Möglichkeit abschneidet, das Reservoir an Spielern und vor allem an Spielkultur zu erweitern. Wenn man in die Jugendmannschaften überall in Deutschland schaut: Da spielen doch unglaublich viele Einwandererkinder, wenn ich nur an die vielen Türken denke oder an die Spieler aus dem ehemaligen Jugoslawien.
taz: Die Türkei qualifizierte sich gar nicht für die EM, Kroatien ist schon ausgeschieden.
DCB: Ich sage ja nicht, dass alle deutschen Spieler nicht gut wären und alle Einwandererkinder schon. Aber Kultur in Deutschland besteht aus dem und aus dem. Nehmen wir Fatih Akin. Ist doch gut, dass wir Filme von ihm haben und nicht nur „Good bye, Lenin“. Und was den Fußball angeht, ist das Reservoir der Spieler auch geringer, wenn die Energie der Einwanderung fehlt.
taz: Und jetzt sind wir raus aus der EM. Herzlichen Dank auch, Herr Kohl. Was machen wir nun den ganzen Tag?
DCB: EM schauen. Dass die Deutschen ausscheiden, ist doch egal. Ich bin ja sowieso für die Franzosen.
taz: Die werden Europameister?
DCB: Die haben halt den Zidane, obwohl man zweifeln kann, dass das reicht.
taz: Die Dynamik der Einwanderung.
DCB: Ganz genau. Das fehlt Deutschland einfach. Fußball ist ja ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Entwicklung: Wir sind nicht risikobereit genug. Das zeigt sich auch in der verheerenden Vereinspolitik. Podolski mag kein Rooney sein, aber warum nicht? Weil er nächstes Jahr in der zweiten Liga spielt. Das sagt doch alles. Warum kauft Bremen nicht den statt den Klose?
taz: Daran ist die Union aber nicht schuld, oder?
DCB: Ich bin nicht so eindimensional, der Union die Schuld an allem in die Schuhe zu schieben. Aber ich sage: Jugendarbeit und die fehlende Dynamik der Einwanderung, das sind die Probleme des deutschen Fußballs. Ein gelungenes Beispiel, was Integration bewirken kann, ist doch Ballack. Den haben wir aus der DDR.

Erik Eggers (FR/Feuilleton 25.6.) besucht eine Ausstellung: „Er wolle jetzt, da es die Zeit nun zulasse, seine Memoiren verfassen. Das verkündete Sepp Herberger, als er 1964 als Trainer der deutschen Fußballnationalmannschaft zurücktrat. Der Vater des „Wunders von Bern“ wollte sein Leben in ein adäquates schriftliches Zeugnis pressen. Material genug war ja da: Mehr als 350 vollgestopfte Aktenordner zierten sein Büro, Tausende von Briefen, Aufstellungen, taktischen Plänen und Programmheften schlummerten darin. Dazu kamen Regale voller Fachbücher, etwa die strategischen Abhandlungen des preußischen Generals Carl von Clausewitz, die Herberger als Grundlage vieler Schlachtpläne auf dem Rasen benutzt hatte. Doch der legendäre Trainer hinterließ, als er 1977 starb, keine Autobiographie, sondern lediglich Akte(n) der Verzweiflung, nämlich eine Vielzahl von Textfragmenten. Er hatte sich immer wieder verfranst, am Ende stand die Kapitulation. Der „Weise von Bern“ war ertrunken in diesem Meer an Unterlagen. Die Ausstellung „Am Ball der Zeit“, die jetzt im Historischen Museum in Speyer auf 2 000 Quadratmetern zu sehen ist und sich laut Untertitel vorgenommen hat, die Geschichte „Deutschlands und die Fußball-Weltmeisterschaften seit 1954″ zu erzählen, war ebenfalls mit dieser verhexten Ausgangslage konfrontiert: mit dieser nie versiegenden Kraft des Fußballs, Millionen von Gedächtnisschnipseln zu produzieren. Wohin mit all den an sich trivialen Dingen, die ein Fußballspiel hinterlässt? Wohin mit den alten Trikots, Wimpeln, Medaillen, Sammelbilderalben und Eintrittskarten? Wie so etwas ausstellen, ohne ins Anekdotische abzugleiten? Den Kuratoren ist es leider wie Herberger gegangen: Zwar präsentieren sie dem Besucher Äonen von großartigen Exponaten, und auch die Inszenierung gefällt. An einer übergeordneten Idee jedoch fehlt es. Und am selbst formulierten Anspruch, die „sportliche, gesellschaftliche und zeithistorische Entwicklung“ darstellend zu synchronisieren, scheitert diese Schau sowieso. Es ist ein Potpourri an Themen.“

Mit den sprachlichen Werkzeugen logistischer Effizienzsteigerung

Martin Hecht (FR/Medien 26.6.) vollzieht Sprachkritik – und das im FR-Jargon: „So wenig Rhetorik wie diesmal war selten. Torsten Frings zeigte sich regungslos auch bei kniffligen Journalistenfragen zum Bayern-Wechsel, vor der Presse verpackte Basti sein Schweigen milde lächelnd, fast schon so wie einst Boxer Norbert Grupe im ZDF-Sportstudio, nach Spielende wisperte Kevin Kuranyi kaum Vernehmbares ins Mikrophon, und selbst Kahn hielt diesmal seinen Dauer-Brass halbwegs flach und sich selbst an die eigene Devise: „Es wäre verkehrt, jetzt Amok zu laufen.“ Aber es scheint, je stiller unsere Kicker waren, desto geräuschvoller die Experten drumherum. Selten wurde bei einem Fußballturnier aus der zweiten Reihe so viel reingebabbelt wie bei dieser EM. Noch nie war die Fußballwelt so voll von großen Strategen wie in Portugal. So durften wir auch täglich Sportjournalisten im „DFB-Medienzentrum“ bei der Pressekonferenz beobachten, die nicht nachließen, Trainern und Spielern komplizierteste Fragen nach der geeigneten Spielanlage oder Taktik zu stellen, auch wenn nichts herauskam. Trotzdem sitzen sie noch immer beieinander und analysieren rauf und runter – ohne jeden Erkenntnisgewinn. Da gab Udo Lattek im DSF Sätze von sich wie: „Wenn Michael Ballack in der Lage ist, sein spielerisches Potenzial abzurufen, kann er für die Mannschaft eine echte Verstärkung sein.“ Tja, wenn. Und alle nickten. Grimme-Preisträger Günter Netzer, den viele so furchtbar geistreich finden, gibt nach den Spielen in einer erschreckend saft- und kraftlosen Sprache, in Worten, die sofort verfallen, nachdem sie ausgesprochen sind, exakt 1:1 das wieder, das wir während des Spieles soeben gesehen haben. Und so ahnen wir: Das Sprechen über Fußball hat offenbar keine konkret kommunikative Funktion. Hat es auch noch nie gehabt. Die wahre Funktion ist psychologischer Art. Wegen des Expertenwissens tut sich keiner auch nur eine Sekunde Delling und Poschmann, Netzer und Beckenbauer an. Wenn doch, dann nur, weil wir durch rhetorisches Vorgeplänkel in den nötigen Erregungszustand fürs Spiel gebracht werden wollen. Vor dem Spiel wird gequatscht, um uns alle ins Gruseln zu bringen, nach dem Spiel, um das Gruseln sanft abklingen zu lassen. Diesen Job könnten aber auch tausend andere erledigen. Fußballdeutsch beherrscht fast jeder. Aber selbst mit dem Gruseln ist es nicht mehr weit her. Da lässt sich bei dieser EM eine eigenartige Sprachverarmung beobachten. In der öffentlichen Kommunikation erscheint der Fußball immer mehr als Angelegenheit, die sich mit den sprachlichen Werkzeugen logistischer Effizienzsteigerung greifen lässt.“

Die FAZ (26.6.) zitiert Horst Eckel: „Und dann hat Ling endlich nach einem Einwurf der Ungarn abgepfiffen. Wir waren nur noch glücklich, durften aber, so hat es uns der Pädagoge Herberger beigebracht, nicht überschwenglich feiern. Als Deutsche sollten wir, der Zweite Weltkrieg war erst neun Jahre vorbei, nicht übermäßig jubeln, zumal die ganze Welt auf uns schaute. Es mit der Begeisterung ein wenig zu übertreiben war aber sowieso nicht die Mentalität unserer Mannschaft. Wir waren gut erzogen und fast ein bißchen demütig. Unsere gute Kameradschaft und unsere Kondition hat uns zum Titelgewinn verholfen. (…) Der Chef hat sich kurz bei uns bedankt, es schauten ein paar Gäste und Freunde vorbei, doch Champagner, wie das heute üblich ist, wurde keineswegs getrunken. Statt dessen Wasser. Vor dem Bankett gab es keinen Tropfen Alkohol für uns, während des Spiels im übrigen auf Anweisung von Herberger, der damit im Einklang mit den Ratschlägen der Mediziner zu jener Zeit war, nicht mal einen Tropfen Wasser. Unter der Dusche haben wir dann schon mal ein Lied angestimmt, „Hoch auf dem gelben Wagen“. Herberger hat uns gern singen gehört. Manchmal hat er im Bus den Text vorgelesen, und wir haben ihn dann nachgesungen. (…) Egal, wo man auf der Fahrt nach München hinkam: Man hat gemerkt, daß sich die Welt verändert hat. Die Menschen haben ja nicht gesagt, die elf Spieler und Herberger sind Weltmeister geworden. Sie haben immer wieder gesagt, wir sind Weltmeister geworden. Leider wurde immer nur über die elf Leute gesprochen, die gegen die Ungarn auf dem Platz gestanden haben. Aber es gab ja noch elf andere. Spieler, die genauso ihren Anteil am großen Erfolg hatten und unheimlich viel dazu beigetragen haben, daß wir am 4. Juli 1954 den Weltmeistertitel gewonnen haben.“

Es gibt noch mehr als elf Berner Helden, Peter Heß (FAZ 26.6.): “Die Weltmeistermannschaft des Finales gegen Ungarn bekommen fast alle Fußballfreunde noch zusammen, denen Discos zu laut und Skateboards unheimlich geworden sind. Die Walter-Brüder Fritz und Ottmar, Toni Turek, der Fußball-Gott im Tor, Helmut Rahn, der goldene Torschütze, die Abwehrrecken Werner Liebrich, Werner Kohlmeyer und Jupp Posipal, die Außenläufer Horst Eckel und Karl Mai, die Stürmer Max Morlock und Hans Schäfer. Na klar. Aber wer, jenseits der Augsburger Fußballregion, kennt Ulrich Biesinger? Wer außerhalb des Kasseler Einzugsgebiets hat schon einmal von Karl-Heinz Metzner gehört? Wer verbindet ein Gesicht, ein Fußball-Schicksal mit dem Namen Heinz Kubsch, wenn er nicht gerade in Katernberg oder Pirmasens aufgewachsen ist? Es gibt 22 Weltmeister von 1954, einige sind völlig in Vergessenheit geraten. Stürmer Biesinger durfte nicht eine Minute mittun. „Für mich war es schon das Größte, überhaupt dabeizusein“, sagt der heute 70 Jahre alte Rentner, der auf sieben Länderspiele zurückblicken kann. Wie er berichteten alle WM-Teilnehmer aus dem 22er Kader, daß es keine Kluft zwischen Stammkräften und Ergänzungsspielern gegeben habe. Obwohl die Regel, die eine Auswechslung während des Spiels untersagte, eine scharfe Trennung zwischen der Elf und dem Rest bedeutete. Aber die Ehre, Deutschland vertreten zu dürfen, und die Autorität Herbergers waren allgegenwärtig. (…) Der bekannteste deutsche Ersatzspieler von 1954 aber heißt Heinrich Kwiatkowski. Nur weil die nominelle Nummer 2, Heinz Kubsch, sich bei einer Kahnfahrt verletzt hatte, rückte der Dortmunder im Vorrundenspiel gegen Ungarn ins Tor. In diesem Moment empfand er es als Glück, nach dem Spiel bereute er es. Aus „Kwiat“ wurde der Sündenbock für das vermeintlich verheerende 3:8. „Nach dem sechsten Gegentor habe ich mir Kreidestriche an den Torpfosten gemacht, damit ich mit dem Zählen mitkam“, berichtet Kwiatkowski heute. Der Sinn für Selbstironie ist ihm eigen. Als der 78jährige vor ein paar Monaten vom Magazin „Stern“ gefragt wurde, ob er dieses Spiel verarbeitet habe, antwortete er gewitzt: „Ja, vor drei Monaten.“ Der zweite WM-Einsatz seiner Laufbahn, 1958 in Schweden, verlief fast so schlimm wie der erste. 3:6 verlor Deutschland das Spiel um Platz drei gegen Frankreich. „Danach habe ich Seppel Herberger gesagt: ,Bitte nominieren Sie mich nie wieder.‘“ Woran sich Herberger auch hielt.“

Sehr schön! FAS-Interview (27.6.) mit dem Schriftsteller Robert Gernhardt

FAS: Mit Ihren eigenen Gedichten, aber auch mit der Sammlung „555 komische Gedichte aus 5 Jahrhunderten“, die Sie herausgaben, halten Sie eine deutsche Tugend hoch: den Sprachwitz. Wo bleibt der Spielwitz?
RG: Der deutsche Sprachwitz war ja lange vor dem Fußball da, mit Lessing und Lichtenberg als ersten Sturmspitzen. Dann lief er lange parallel auf vergleichbarem Niveau. Mittlerweile muß man wohl sagen, daß der Sprachwitz den Spielwitz überholt hat. Allerdings konnte den deutschen Dichtern nie nachgesagt werden, daß sie gute Turnierdichter seien und mit Kampfgeist noch da punkten, wo die anderen aufgeben.
FAS: Ein Vers von Ihnen, „Dich will ich loben, Häßliches/Du hast so was Verläßliches“, klingt wie ein triste deutsche Fußballbilanz.
RG: Nein, das bezog sich nur auf Metzingen. (…) 1966 war ich in Nordfinnland, während in Wembley das WM-Endspiel lief. Wir saßen im Bus von Rovaniemi, auf dem Weg zu einer dreitägigen Tundrawanderung. Im Radio des Busses lief etwas, das man als Reportage vom WM-Finale identifizieren konnte, auf finnisch natürlich. Außer yksi und kaksi, eins und zwei, habe ich kein Wort verstanden. Dann gingen wir wandern und wußten immer noch nicht, wer Weltmeister war. Nach drei Tagen trafen wir Menschen, Deutsche. Das erste, was sie sagten, war: „Wer ist Weltmeister?“ Ich glaube, ich war der letzte auf der Welt, der es erfuhr.
FAS: Dafür vergißt man so was nicht mehr. Es heißt ja, der Fußball schaffe Momente, in denen jeder weiß, wo er gerade war, als ein bestimmtes Tor fiel.
RG: Ja, er verleiht der Erinnerung Struktur. Selbst wenn man wie ich den täglichen Fußball nicht so intensiv verfolgt, ist das so bei den besonderen Ereignissen wie Welt- und Europameisterschaften. Etwa 1970 das WM-Spiel in Mexiko gegen England. Als Seeler den Ausgleich zum 2:2 schaffte, bin ich zum einzigen Mal in meinem Leben von wildfremden Menschen abgeknutscht worden. Das war auf Norderney, in einer Kneipe, wo Bauarbeiter auf Urlaub den Sieg feierten. Oder 1973 Netzers Selbsteinwechslung im Pokalfinale. Sich selber einwechseln und dann mit der ersten Ballberührung das Siegtor schießen, das vergißt man nicht. Das ist ein wahrgewordener Bubentraum. Solche Fußballerinnerungen schaffen ein Generationengefühl oder gar ein Nationengefühl.

if-Leser Stephan Beckmann wendet sich ab von der Fußball-Berichterstattung und der deutschen Mannschaft (aber nicht vom freistoss): “Neben der Fußballkrise gibt es auch eine Krise der deutschen Fußballberichterstattung. Besonders deutlich zeigt sich diese natürlich in Gestalt der Herren Beckmann und Kerner bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Darüber weitere Ausführungen zu verlieren erübrigt sich wohl, jeder weiß was damit gemeint ist. Deutschland braucht wieder Heribert Fassbender im Duett mit dem Experten Kalle Rummenigge. Als diese noch kommentierten, war auch die deutsche Mannschaft besser. Dass Herr Rummenigge dabei heute einige juristische Fachbegriffe benutzen würde, die er selbst nicht versteht, würde das deutsche Publikum aller Wahrscheinlichkeit nach wohl verzeihen. Es wäre allemal besser als die Tratschgeschichten der jetzigen Moderatoren. Vor allem aber befinden sich die Sport-Redaktionen der von Ihnen so genannten Qualitätspresse in einer Krise: Diese hatten doch mehrere Wochen Zeit, um die deutsche Nationalmannschaft, deren Taktik, Spielsystem, Stärken und Schwächen zu analysieren. Dies alles ist unterblieben. Zu lesen waren Berichte über die menschlichen Probleme Michael Ballacks in München, Olliver Kahns Wandlung vom Partyhengst zum besonnenen Torwart und die fröhliche Natur Lukas Podolskis. Während der EM gab es nur eine Diskussion über Jungspieler, die von Völler/Skibbe verstärkt eingesetzt werden sollten. Man reagierte damit doch nur auf die Schlagzeilen der Bild-Zeitung. Was aber der Nutzen einer jungen Mannschaft (außer der vielzitierten jugendlichen Frische) ist, wird von keiner Zeitung ausgeführt. Warum auch? Es gibt ja keinen! Spanien, eine der jüngsten Mannschaften des Turniers ist in der Vorrunde ausgeschieden, die Leistungsträger Tschechiens und Schwedens sind knapp unter oder über 30. Nur in Deutschland meint man, dass jung gleich erfolgreich ist. Warum gibt es beispielsweise auch keine Diskussion um Oliver Kahn? Außer hohen Abschlägen kann er das Spiel nicht eröffnen. Auch das ist ein Grund des deutschen Ausscheidens. Darüber hinaus gibt es das Problem mit seinem linken Fuß. Muss er den Ball mit diesem spielen, folgt darauf zu 90 Prozent ein Einwurf für die gegnerische Mannschaft. Die deutschen Zeitungen loben Rudi Völler für seinen starken Abgang. Dies mag richtig sein, ich kann es nicht beurteilen. Aber: Warum werden seine taktischen Fehler in den letzten zwei Jahren ausgeblendet. Diese sind doch wohl offensichtlich, man hat sie auch bei dieser EM wieder gesehen. Trotzdem ist Rudi Völler der heute beliebteste Mitarbeiter des DFB. Die deutschen Qualitätszeitungen sollten sich dafür einsetzten, dass er den Posten eines „Teammanagers Nationalmannschaft“ bekleiden kann. Das Duo Hitzfeld/Völler verspricht ja quasi die Weltmeisterschaft 2006.”

Allgemein

Gut gezischt, Schlange

„niemand beherrscht diese Rühr-mich-nicht-an-Haltung besser als Edgar Davids“ (Tsp) – „Luis Felipe Scolari weiß, was er tut, auch wenn ihm nicht alle unverzüglich zu folgen vermögen“ (NZZ) – Jon Dahl Tomasson ist vor allem wegen seiner Kaltblütigkeit so beliebt (FAZ) – die SZ vergleicht Zlatan Ibrahimovic mit Franz-Josef Strauß u.v.m. (mehr …)

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