Donnerstag, 2. Oktober 2008
Champions League
Klinsmann’scher Qualitätskannibalismus
Ist der Bayern-Trainer auf dem richtigen Weg? Die Presse schwankt auch nach dem 1:1 gegen Olympique Lyon zwischen Skepsis und Abwarten, doch der Ton wird zum Teil giftiger
Sebastian Krass (taz) schildert die Nebenwirkungen des Klinsmannschen Experimentierens: „Der Bayern-Trainer betreibt eine pädagogische Feldforschung in der testosterongesteuerten Welt des Männerfußballs: Wie setzt sich die Hierarchie einer Mannschaft neu zusammen, wenn die alte durch Einflüsse von außen nicht mehr in Kraft ist? Das Thema interessiert Klinsmann schon länger. Eine seiner ersten Amtshandlungen als Bundestrainer war es, Oliver Kahn die Kapitänsbinde wegzunehmen und sie an Michael Ballack weiterzureichen. Sein Forschungsprojekt birgt ein großes Risiko: dass nämlich ein Machtvakuum entsteht, unter dem der Teamgeist und letztlich auch die Spielweise leiden.“
Ralf Köttker (Welt) kritisiert das Rein und Raus, das Hott und Hü: „Auch wenn den Münchnern rechnerisch ein ordentlicher Start in die Champions League gelungen ist, ändert das Resultat nur wenig am zum Teil konfusen Gesamteindruck des Meisters. Klinsmann weiß, wo er hin will. Aber er weiß offenbar noch nicht, mit wem und wie. In seiner bisherigen Amtszeit wirkt vieles wie Aktionismus: Buddhas wurden aufgestellt und abgebaut, die Dreierkette eingeführt und abgelöst, Demichelis als Stabilisator der Abwehr gefeiert und dann ins Mittelfeld gestellt. Van Bommel wurde zum Kapitän gemacht und dann zum Ersatzspieler degradiert. Es gehört zu Klinsmann, positive Unruhe zu verbreiten. Aber derzeit scheint ihm dabei der klare Kurs zu fehlen.“
Scheinfreundlichkeit
Michael Neudecker (Berliner Zeitung) will sich in seinem Urteil noch nicht festlegen: „Man kann es auch so sehen: Während Hitzfeld stets risikolos die gleichen Spieler aufstellte und teure Einkäufe wie Breno frühzeitig als Fehleinkauf abschrieb, gibt sich Klinsmann Mühe, das Mannschaftsgefüge dynamisch zu gestalten. So ist das eben bei Jürgen Klinsmann: Die Beurteilung all dessen, was er tut, ist reine Interpretationssache. Noch jedenfalls.“
Andreas Burkert (SZ) gelingt eine schön-fiese Wortschöpfung: „Klinsmann’scher Qualitätskannibalismus“. Kollege Klaus Hoeltzenbein hingegen mahnt zu Geduld: „Wer einen Baumeister holt, muss ihm ein paar Tage geben, seine Straße zu bauen.“ Schließlich wolle Bayern seinen „internationalem Abstieg“ bremsen, der seit 2001 anhalte. Roland Zorn (FAZ) hält Klinsmann die gleiche „Scheinfreundlichkeit“ gegenüber Mark van Bommel wie damals gegenüber Oliver Kahn vor: „Klinsmann verkündet seine härtesten Beschlüsse kalt lächelnd.“ Ein krasses Plakat soll in Bayerns Fan-Kurve gesichtet worden sein: „Ami go home!“
Montag, 29. September 2008
Bundesliga
Fußball aus der Steinzeit
6. Spieltag: Jürgen Klinsmann und Bayern München unterschreiten beim 0:1 in Hannover alle eigenen und fremden Ansprüche; „Klinsmanns Rotationsstörfall“ (FAZ) / Bremens und Hoffenheims 5:4 reißt die Journalisten von den Sitzen; „die Geschichte des Offensivfußballs ist neu geschrieben worden“ (SZ)
Markus Lotter (Berliner Zeitung) hält Jürgen Klinsmann kopflosen Aktionismus vor: „Die Bayern des Jeden-Tag-Immer-Besser-Machers wirken nicht fitter als die Konkurrenz, leiden offensichtlich unter den zahlreichen Feldversuchen des Klubtrainernovizen. Im Gegensatz zu seiner Ankündigung, erst einmal eine Stammelf einspielen zu lassen, rotiert Klinsmann so wild mit Personal und Taktik wie sonst keiner in Europa. Sogar Kapitän van Bommel hat er für den internen Konkurrenzkampf frei gegeben. Eine Führungskraft sollte immer berechenbar sein, hat Ottmar Hitzfeld einmal gesagt. Und der ist bis auf weiteres Deutschlands erfolgreichster Klubtrainer.“ Roland Zorn (FAZ) stimmt ein in die Rotationskritik: „Klinsmann hat es mit seiner Experimentierlust und Belastbarkeitsrhetorik in dieser für ihn düsteren Laborwoche übertrieben. Vielleicht muss auch er in seinem Job noch viel besser werden.“
Rainer Schäfer (Spiegel Online) hingegen hofft auf verzögerte Klinsmann-Effekte und verlangt Langmut: „Selbst wenn Klinsmann die Schwierigkeiten beim Umbau der Mannschaft unterschätzt haben dürfte, es wäre zu einfach, das Reformprojekt Bayern 2008 für gescheitert zu erklären. Es lohnt sich, Geduld aufzubringen, wie Klinsmann bei der Neuausrichtung der Nationalmannschaft bewiesen hat. Wer ihn jetzt schon in Frage stellt, nach 540 Minuten gespielter Bundesliga, zählt auch zu den Verhinderern von Fortschritt. Klinsmann zählt mit Bruno Labbadia, Ralf Rangnick, Martin Jol oder Jürgen Klopp zu den Trainern, die es sich zum Ziel gesetzt haben, das Niveau der Profis und der Liga zu heben. Aber gerade im Umgang mit neuen Konzepten zeigt sich die ganze Engstirnigkeit, Skepsis und Rückständigkeit im deutschen Fußball. Gerne wird auf die Attraktivität der spanischen Liga oder der Oligarchen-Fußball-Kolonie England verwiesen, aber neuen Impulsen im eigenen Land wird mit Argwohn und Häme begegnet. (…) Zumindest bis zur Winterpause sollte man ihn in Ruhe arbeiten lassen.“
Wir haben uns verarscht gefühlt
Unter dem leicht hämischen Titel „Der Tag, an dem das Lächeln verschwand“ beschreibt Erik Eggers (Tagesspiegel) seine enttäuschten Eindrücke: „Von der konstruktiven Offensive, dem blitzschnellen vertikalen Angriffsspiel, wie es Klinsmann stets als modernen Fußball propagiert, war nichts zu sehen. Die Bayern spielten einen unansehnlichen Fußball, wie aus der Steinzeit.“
Sehr aufschlussreich auch, was die Gegner über Klinsmanns Rotation gesagt haben, etwa darüber, dass Breno und Sosa aufgestellt wurden. Robert Enke wird so zitiert: „Wir wussten, dass die Bayern mit dieser Aufstellung nicht eingespielt sein konnten.“ Und Mike Hanke sagt: „Wir haben uns verarscht gefühlt, als wir deren Aufstellung gesehen haben. Der Trainer hat gesagt: Nehmt das als Ansporn!“
Der Geist Thomas Schaafs spukt in der Liga
Ein „Gemälde von einem Fußballspiel“ hat die FR in Bremen betrachtet, die SZ erlebte beim 5:4 gegen Hoffenheim eine „Fußball-Orgie, die fast nichts ausließ an Höhepunkten und die wohl nur mit den Trainern Schaaf und Rangnick passieren konnte“. Jörg Marwedel lässt sich zu einer steilen These hinreißen: „Die Geschichte des Offensivfußballs wurde neu geschrieben.“ Sebastian Stiekel (FAZ) empfiehlt: „Man könnte dieses Spiel auf DVD brennen und zur Vermarktung des Fußballs und der Bundesliga in die Verkaufsregale stellen.“
Christof Kneer (SZ) sieht in der Bundesliga den „Geist Thomas Schaafs“ und schließt euphorisch: „Aus der 1:1-Liga ist eine 5:4-Liga geworden, ein Trend, der sich einer strategischen Umorientierung und vielen kleinen Einzelaspekten (wie dem plötzlichen Vorkommen begabter Freistoß- und Distanzschützen) verdankt. Spätestens seit der EM gilt es wieder als schick, Spieler mit dem Ball spielen zu lassen und nicht gegen ihn.“
Und Christoph Daum, 1:0-Sieger gegen Schalke, beschreibt seine Gärtnerabeit: „Dat is wie so‘n Samenkorn. Dat musste gießen. Immer gießen. Dann guckste, ob’s schon raus guckt. Und dann, wenn du gar nicht damit rechnest, dann guckt’s raus.“
Freitag, 26. September 2008
Am Grünen Tisch
Besitzstandssicherung
Nun sechzehn, bald vierundzwanzig – die Aufstockung des EM-Endturniers dient entgegen allen Beteuerungen in erster Linie den Großen (faz.net) / DFL und Sirius lösen Vertrag auf
Uefa-Boss Michel Platini hat seine Drohung wahr gemacht: Ab 2016 werden vierundzwanzig statt sechzehn Nationen an der Europameisterschaft teilnehmen. Verkauft wird das ganze als Tat für die Kleinen – Aktion „Eine Chance für Wales und Georgien“. Doch das ist allenfalls die halbe Wahrheit, es geht natürlich um Vermarktung und Geld.
In der deutschen Presse ist bislang wenig zu dem Thema zu finden. Bloß auf faz.net entlarvt Daniel Meuren, wer wirklich von der Änderung profitieren werde: „Was auf den ersten Blick wie eine soziale Tat des Uefa-Präsidenten im Dienste der schwächeren Nationen aussieht, ist in Wahrheit ein weiterer Schritt der Besitzstandssicherung der Großen. Künftig ist es nahezu ausgeschlossen, dass eine große Fußballnation – wie im Fall Englands erst geschehen – in der Qualifikation für die Meisterschaft scheitert.“
Außerdem bezweifelt er die geplante ökonomische Wirkung und spricht von einer „Milchmädchenrechnung“. Denn was die Entscheidungsträger übersähen, seien die
Qualifikationsspiele, die Schaden nähmen: „Sie verlieren ihren Reiz.“
Gute Idee: Europa fürs Nationalteam mitzahlen lassen
Was noch? Die FAZ stellt das Scheitern des Vertrags zwischen der DFL und Sirius dar: „Die Liaison war am Ende nicht mehr als ein Versprechen, das beide Partner nicht halten konnten, weil ein Dritter im Bunde nicht mitspielen wollte.“ Mit dem Dritten ist natürlich das Kartellamt gemeint. Die SZ berichtet über den sich verstärkenden Versuch der Mafia, den italienischen Vereinsfußball zu vereinnahmen. Und im FAZ-Kommentar (ohne Link) ärgert sich Christian Eichler über die Dreistigkeit der Italiener, mittels eines Kniffs EU-Geld zur Regionalförderung für die Nationalmannschaft abzuzwacken: „Wie kann Geld, das für Arme gedacht war, bei den Reichsten landen?“, fragt Eichler und fügt einen sehr spitzen Satz an, den er nicht weiter ausführt: „Hübsche Idee: ganz Europa fürs eigene Nationalteam mitbezahlen zu lassen. Da hätte auch Oliver Bierhoff drauf kommen können.“
Donnerstag, 25. September 2008
Am Grünen Tisch
Hoffenheim, Feindbild der Gestrigen
DFB will Dietmar Hopp gegen Schmähungen schützen / In einem Prozess in Koblenz stehen nicht nur ein ehemaliger und ein aktueller Funktionsträger der TuS vor Gericht, sondern auch die „undurchsichtigen Machenschaften in der Provinz“ (FAZ) / Es ist keine Quizfrage: Wo findet die EM 2012 statt / Hebt die EU die Ländergrenzen im Pay-TV-Markt auf und beendet das Monopol von Premiere?
Der DFB will die anhaltenden Beleidigungen Dietmar Hopps durch Gegner-Fans künftig sanktionieren. Am letzten Sonntag war im Dortmund-Block ein Transparent zu sehen, auf dem Hopp im Fadenkreuz abgebildet ist. Michael Eder (FAZ) hält das einerseits für einen „missglückten Dummejungenstreich“. Andererseits werde darin eine bieder-konservative Haltung sichtbar: „Emporkömmlinge sind nirgendwo gern gesehen, wo sich geschlossene Zirkel im Stillstand selbst berauschen, wo nicht Können und Vision, sondern Verharren und Tradition die Zugehörigkeit bestimmen. Hoffenheim wird zum Feindbild der Gestrigen, die Entwicklungen verschlafen und unternehmerisch mehr als einmal gescheitert sind.“
Michael Rosentritt (Tagesspiegel) fürchtet, dass die Maßnahme des DFB nicht wirken werde: „Die Schmähungen und Beleidigungen gegen Hopp sind nicht zu rechtfertigen, aber sie gehören leider zum Fußball wie ein Schiedsrichter, der das jedes Wochenende aufs Übelste über sich ergehen lassen muss. Schmähungen und Verunglimpfungen sind Alltag im Fußball und übrigens nicht nur da. Fakt ist aber auch, dass der DFB sich mit seinem Vorstoß keinen Gefallen getan haben dürfte. Erst recht nicht jenem Menschen, den er eigentlich schützen wollte. Denn was wird passieren? Die Fans werden sich angestiftet fühlen, sie werden kreativer vorgehen.“ Arnd Festerling (FR) hingegen schreibt: „Das Einschreiten des Verbands war überfällig.“
Welt Online verfolgt unverfolgte Spuren und erhärtet die Indizienkette in der Sache: War das Bundesligaspiel Hannover gegen Kaiserslautern (5:1, November 2005) manipuliert? „Möglicherweise stieg der FCK wegen Betrugs aus der Bundesliga ab.“
Daniel Meuren (FAZ): protokolliert den Beginn des Prozesses vor dem Landgericht Koblenz, der klären soll, wer die Verantwortung für die mangelhafte Transferwirtschaft bei der TuS Koblenz trägt, die dem Zweitligisten unter anderem Punktabzüge in der letzten und in dieser Saison durch die DFL eingebrockt hat: der ehemalige Geschäftsführer Hermann Gläsner oder Aufsichtsratschef Walterpeter Twer. „Die Öffentlichkeit könnte mehr über die Gepflogenheiten im Profifußball erfahren und die Grauzonen der Spielervermittlerszene“, vermutet Meuren. Twer ist auch Teilhaber beim Mittelrhein-Verlag, der die Rhein-Main-Zeitung herausgibt, die wichtigste Lokalzeitung im Koblenzer Raum – „ein guter Nährboden für undurchsichtige Machenschaften“, beanstandet Meuren. Trainer Uwe Rapolder übrigens soll angeblich mehr als eine Million Euro Jahresgehalt überwiesen bekommen, und der Verein könnte nebenbei gegen die 50-plus-eins-Regel verstoßen haben.
Zweifelhafter Pluspunkt
Olaf Sundermeyer (Berliner Zeitung) ist durch Polen und die Ukraine gereist und hat alte und neue Probleme gesammelt, die die beiden Länder mit den Vorbereitungen auf die EM 12 plagen: Stadienbau, Verkehr, Gewalt, Geld …
Knut Kohn (Stuttgarter Zeitung) erörtert EM-Spekulationen und Lösungsmöglichkeiten: „Die Liste der möglichen Ersatzgastgeber ist inzwischen lang: Italien, Spanien, Irland und England. Möglich ist allerdings auch, dass der Daumen nur für die Ukraine gesenkt wird, da Polen zugetraut wird, mit den Vorbereitungen rechtzeitig fertig zu werden. In diesem Fall käme wohl Deutschland als möglicher Kogastgeber ins Spiel. Spekuliert wird, dass Spiele im Berliner Olympiastadion und dem Leipziger Zentralstadion ausgetragen werden könnten. Der Vorteil: Die Uefa könnte die Fortschritte in der Ukraine noch einige Zeit beobachten und müsste sich erst kurzfristig entscheiden. (…) Der einzige, aber eher zweifelhafte Pluspunkt für die Ukraine ist, dass die Aberkennung eine bittere Niederlage für Michel Platini darstellen würde.“
Die Neue Zürcher Zeitung verortet das Gerücht um den Ersatzstandort Deutschland aus dem Märchenwald, rechnet aber mit einer Aufstockung der EM von sechzehn auf vierundzwanzig Teilnehmernationen. Im Geschäft mit der Ukraine sind übrigens auch die 300-und-mehr-Millionen-Helden von der KfW.
Die FAZ spricht mit dem DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach über den Reiz und die Vermarktung des DFB-Pokals. Mit den Fragen, ob die Bundesliga auf zwanzig erweitert und/oder der Ligapokal aufgebläht wird, befassen sich die Branche und die SZ.
Der SZ entnehmen wir, dass der Hamburger SV eine neue Erlösquelle plant: eine Beteiligungsfond für Unternehmen an Transfers. In der FR heißt es dazu: „Ähnliche Konstrukte sind in Brasilien längst üblich: Der HSV hat an den Neuzugängen Alex Silva und Thiago Neves lediglich 50 beziehungsweise 80 Prozent der Transferrechte gekauft, der Rest liegt bei brasilianischen Beteiligungsgesellschaften.“
Die Berliner Zeitung wiegt Ronaldo, der sein Übergewicht abtrainiert, damit er zu Manchester City wechseln kann (die ihn aber offenbar nicht wollen). Wieder mal sehr lesenswert: American Arena geht die Verknüpfung von Oktoberfest und Fußball mächtig auf den Senkel.
Ende des Monopols?
allesaussersport greift eine Handelsblatt-Recherche auf, in der es heißt, die EU plane, im Pay-TV-Markt die Ländergrenzen aufzuheben: „Ich bin unentschlossen was das z.B. für die Bundesliga bedeutet. Einerseits: Ohne Exklusivität verlieren die Auslandsrechte an Wert. Andererseits: Die aktuelle Situation zeigt, dass aus Deutschland heraus Premiere vermutlich kein nationaler Konkurrent erwachsen kann und diese monopolartige Situation den Erlösen nicht förderlich ist. Vermutlich wird es aus Sicht der Produzenten und Sportverbände einen ganzen Strauß unterschiedlichster Konsequenzen haben, die sich nicht über einen Kamm scheren lassen.“ Aus der taz erfährt man, dass die Initiative der Politiker durch eine Klage der Premier League gegen einen englischen Kneipenwirt angestoßen wurde, der durch das Abo eines griechischen TV-Anbieters (BSkyB) viel Geld sparen wollte.
Montag, 22. September 2008
Ball und Buchstabe
Die Kampagne ging nur von der Sport Bild aus
Michael Ballack wehrt sich gegen haltlose Vorwürfe der Boulevardpresse / Kritik an der DFL in Sachen TV-Plan: „Christian Seifert hält das Monopol des Fachkundigen“ (BLZ) / José Mourinho stichelt wieder, diesmal gegen Claudio Ranieri
Ein langes Interview hat Michael Ballack dem Tagesspiegel gewährt. Ob er sich bei der Berichterstattung über den Streit mit Oliver Bierhoff einer Kampagne ausgesetzt fühle? Ballack reagiert lässig und weiß zu unterscheiden: „Das ging ja nur von einer Zeitschrift aus, der Sport-Bild. Diese Zeitschrift wird regelmäßig durch diese Art von ‚Berichterstattung’ auffällig. Da wurde dann auch noch behauptet, ich sei unter den Mitspielern isoliert. Die Gründe für dieses Verhalten kenne ich nicht. Solche Behauptungen sind an den Haaren herbeigezogen, frei erfunden und zielen darauf, mir persönlich zu schaden.“
Die Sport Bild hat sich auch darüber aufgeregt, dass er nur wenige seiner Mitspieler auf seine Hochzeit im Juli eingeladen hat. Ballack antwortet das Nahe liegende: „Wer so etwas behauptet, disqualifiziert sich selbst. Das ist meine Privatsache, wen ich zu meiner Hochzeit einlade. Da waren einige wenige Spieler eingeladen, zu denen ich ein freundschaftliches Verhältnis habe. Die wurden eingeladen, andere nicht. Das hat doch nichts mit unserem sportlichen Verhältnis oder einem kollegialen Umgang in der Mannschaft zu tun.“
Monopol des Fachkundigen
Markus Lotter (Berliner Zeitung) kritisiert die DFl wegen des Scheiterns der Fernsehpläne: „Den herben Rückschlag hat die DFL selbst zu verantworten. Allzu sehr musste und wollte man sich offensichtlich auf die Geschäftstüchtigkeit und Fachkenntnisse von Christian Seifert verlassen, der im Hintergrund ein Geschäft mit seinem ehemaligen Arbeitgeber Kirch ausgehandelt hatte. Es mangelt der DFL an einem breit aufgestellten Expertenpool, der sich ausschließlich mit der Thematik beschäftigt. So hält Seifert das Monopol des Fachkundigen, kaum jemand kann und mag ihn korrigieren. Da lohnt mal wieder ein Blick nach England, wo vor sechzehn Jahren die Vereinsverantwortlichen gleich mehrere Unternehmensberater beauftragt hatten, um ihre Premier League auf einen erfolgreichen Weg zu bringen.“
Samba am Wörthersee
„The Special One“ gibt sich auch in Italien wieder ganz spezial. José Mourinho, Inter-Coach, legt sich dauerhaft mit seinem Rivalen von Juventus Turin an: „Claudio Ranieri hat noch nie etwas Wichtiges gewonnen. Dazu müsste er seine Mentalität ändern, aber dazu ist er mit fast 70 natürlich zu alt.“ Ranieri (57) beginnt seine Statements nun mit dem Präfix: „Als ältester Trainer Italiens meine ich …“ Birgit Schönau (SZ) schreibt: „In der von männerbündischem Korpsgeist beherrschten Serie A, wo sich die Übungsleiter der großen Fußball-Feudalherren kollegial duzen und rituell mit aufmunterndem Schulterklopfen statt mit Sticheleien versorgen, ist das Duell Ranieri–Mourinho nachgerade subversiv.“
Die Neue Zürcher Zeitung serviert uns jeden Dienstag ein Filetstück – die Sonderseite „Auf internationalen Fußballplätzen“ mit vier bis fünf Hintergrundberichten aus (meist) Italien, Spanien, England, Deutschland, aber auch abgelegenen Orten. Heute geht es um den FC Kilmarnock (die „Beatles des Fußballs“), dessen Höhenflug nun von den Rangers und Celtic gestoppt worden ist; um die „angedeuteten Fortschritte“ der Madrider Klubs Atlético und Getafe; um den stotternden Motor des AC Florenz, letztes Jahr Vierter der Serie A, dessen Fans nun ein neues Stadion versprochen worden sei, mit Shopping Center, Hotels und einem Kunstmuseum, „wir befinden uns immerhin in der Stadt der Uffizien“; und darum dass Austria Kärnten von vier Brasilianern profitiere: „Samba am Wörthersee“. Leider erfahren wir nicht, was Haider dazu sagt?
Bundesliga
Die Aktie Klinsmann gilt wieder als Spekulationsobjekt für Hasardeure
5. Spieltag: Wie groß ist Jürgen Klinsmanns Bonus und sein Rückhalt in München? Das 2:5 gegen Werder Bremen bringt diese Fragen unerwartet auf den Tisch; Bremen, siehe da! / Schalke-Fans pfeifen auf Kevin Kuranyi und bekommen von der Presse auf den Deckel / Köln fehlt die Bielefelder Demut / Patrick Helmes, aktueller Lieblingsschüler der Journalisten
Jürgen Klinsmann erlebt einen Temperatursturz, und es ist nicht sicher, ob er genügend Winterspeck gesammelt hat, um die Kälte, die das 2:5 gegen Werder Bremen verursacht, ohne Wunden und Narben wegzustecken. Andreas Burkert (SZ) wählt einen amerikanischen Vergleich, um Klinsmann Lage zu schildern: „Es riecht verdächtig nach einem Insidergeschäft. Denn die Aktie Klinsmann gilt plötzlich wieder als Spekulationsobjekt für Hasardeure.“ Dabei spielt Burkert mit dem Gedanken herum, wie Klinsmann in die Geschichtsbücher eingehen werden könnte und betont dessen Verdienst, der nicht vom Tagesgeschehen abhänge, so wie das Tagesgeschehen nicht von Klinsmann historischem Verdienst abhänge: „An der grundsätzlichen Programmatik, für die Klinsmann steht, zweifelt ja inzwischen kaum jemand mehr in Fußballdeutschland. Sie wird überleben, auch in München. Der Namensgeber indes hat sich – ganz bewusst – den Gefahren des Marktes ausgesetzt.“
Einmal ist keinmal – mit diesem Motto beschwichtigt Peter Heß (FAZ) die Kritiker: „Das 2:5 bedeutet nicht, dass Rensing wieder zu den Bayern-Amateuren und Demichelis in die Zweite argentinische Liga zurückmüssen. Auch Luca Toni gehört nicht aufs Altenteil, weil er seine Tormöglichkeiten ungeschickt vertat, und Jürgen Klinsmann hat es auch nicht nötig, zu Udo Lattek zur Trainernachhilfe zu gehen. Erst wenn sich die Ereignisse wiederholen sollten, müssten die Bayern-Verantwortlichen eingreifen.“ Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) jedoch vermutet, dass etwas bleiben wird: „Dass ausgerechnet vor diesem Match die Fähigkeiten des als Motivationskünstlers notorischen Klinsmann nicht verfingen, löste schwere Verstimmung in München aus. Manager Hoeneß zeigte die ärgste Form seines Grolls: Er schwieg.“ Schwache Vorstellung des Großredners, übrigens.
Protegé
Jörg Hanau (FR) beobachtet die Bayern-Oberen unter der Perspektive, wer die Idee mit Klinsmann geboren hat: „Die Idee, den in München ohnehin polarisierenden Schwaben mit seiner Philosophie des Kickspiels die Verantwortung zu übertragen, knobelte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge mit sich alleine aus. Das muss man wissen, will man verstehen, warum der ehemalige Weltklasse-Angreifer Rummenigge seither ebenso dynamisch wie druckvoll seinem Protegé zur Seite stürmt, in schlechten wie in guten Zeiten. Rummenigges Lobeshymnen während des Mitternachtsbanquetts in Bukarest waren allerdings verfrüht. Allein das Ergebnis stimmte, die fußballerischen Unzulänglichkeiten während dieser 90 verregneten Minuten kippte Rummenigge mal kurz in die Regentonne.“ Philosophie des Kickspiels?! Was die FR so alles für gutes Deutsch hält …
In der Berliner Zeitung stolpert der Leser heute über einen fragwürdigen Text – eher: über einen fragwürdigen Vorspann: „Der FC Bayern redet sein 2:5-Debakel mit Klinsmann-Rhetorik klein“, lesen wir dort, um, nach der Lektüre des Artikels festzustellen, dass der Text diese klassische Anti-Klinsmann-These nicht stützt. Zumal Klinsmann auf allen Kanälen offen über die Niederlage und seinem Schmerz geredet hat. Auch seltsam der Titel: „Nachrichten aus der Cordhose“. Das klingt schlüpfrig; gemeint ist Rummenigges Beinkleid, das zwar erwähnt wird, aber im Text freilich keine bedeutende Rolle spielt. Da haben sie sich in Berlin keine große Mühe gemacht mit den doch so wichtigen Kleintexten.
Sven Bremer (Berliner Zeitung) lenkt die Aufmerksamkeit auf die Bremer Gewinner: „Geschlossener kann ein Team nicht auftreten. Gern haben die Spieler von Thomas Schaaf genau dann ein Zeichen gesetzt, wenn die Abgesänge auf sie besonders laut gesungen wurden.“ Christof Kneer (SZ) zwinkert Mesut Ösil zu: „Werder könnte es erneut gelingen, sich aus sich selbst zu erneuern. Wer diesen Özil dribbeln und passen sah, der wird Tim Borowski trotz zweier Tore für den falschen Verein nicht vermissen, und wenn Real Madrid das nächste Mal um Diego buhlt, tut das vielleicht nur noch halb so weh.“
Die Fans denken nur bis zum Strafraum
Erstaunlich offen schimpft Oskar Beck (Stuttgarter Zeitung) mit den Schalker Fans, die Kevin Kuranyi wieder mal auspfeifen: „Wo sonst die Fans noch versuchen, mit dem Kopf zu denken, denken sie auf Schalke mit dem Bauch, dem Knie oder der flachen Fußsohle. Die Fähigkeit der Fans, an der richtigen Stelle zu pfeifen, lässt auf Schalke zu wünschen übrig. Nicht mal eine Halbzeit lang hat der dortige Anhang es kürzlich geschafft, Rafinha den Marsch zu blasen. Schamlos im Stich gelassen hatte der Brasilianer seinen Club, im Rahmen der Fahnenflucht war er nach Peking ausgebüchst, doch mit seiner ersten Flanke, die zum Tor führte, war alles verziehen. Kuranyi dagegen verhält sich loyal und rackert, aber weil ihn das Pech plagt, ist er unten durch. Der Trainer Rutten denkt pädagogisch, psychologisch, perspektivisch – die Fans aber denken nur bis zum Strafraum. Oder manchmal auch nichts. Man muss besser durchblutet sein, wenn man mehr werden will als Meister der Schmerzen.“
Philipp Selldorf (SZ) stimmt ein, hat aber auch einen kleinen Pfiff für Kuranyi parat: „Mehr Sachverstand wäre auch nicht schlecht, denn Kuranyi hat zumindest teilweise nicht schlecht gespielt. Da seine Ballannahme weiterhin nicht Tüv-sicher ist, bleibt die Passfehlerquote hoch, aber seine Wirkung ist nicht zu unterschätzen, denn Kuranyi schafft Bewegung in der gegnerischen Reihe und Räume für Mitspieler.“
Opfer der Bewusstseinstrübung
Felix Meininghaus (Financial Times Deutschland) führt den Vorteil Bielefelds gegenüber Köln auf Bodenständigkeit zurück: „Der Klub hat den Pragmatismus des nackten Überlebens verinnerlicht. Arminia Bielefeld ist darin qua definitionem geschult. Ganz im Gegensatz zu den Kölnern, die sich in anderen Sphären wähnen. ‚Das ist Ihre Interpretation’, beschied Christoph Daum einem Reporter, der gefragt hatte, ob er die im Abstiegskampf geforderten Attribute gesehen habe. Niemals habe er den Begriff Abstiegskampf verwendet, ‚uns ging es heute darum, Anschluss ans Mittelfeld zu bekommen’. Eine solche Aussage unmittelbar nach den niederschmetternden Eindrücken des Spiels verwunderte stark. Vielleicht ist ja auch Daum ein Opfer jener Bewusstseinstrübung, die er als gefährliche Konstellation ausgemacht hat.“
Mann der Zukunft
Drei Tore gegen Hannover, weiterhin Top-Form – Markus Lotter (Berliner Zeitung) nimmt Patrick Helmes’ Durchstart zum Anlass, dem Bundestrainer am Ohr zu ziehen: „Helmes hat wirklich Talent. So viel, dass Joachim Löws Entscheidung, ihn nicht mit zur Europameisterschaft zu nehmen, immer unverständlicher wird. Er ist derzeit zweifellos Deutschlands bester Stürmer.“ Die FAZ bescheinigt Helmes, „auffälligster Mann einer grandios aufspielenden Bayer-Mannschaft“ gewesen zu sein.
Osterhaus (NZZ) wittert, dass Bayern wittern werde: „Ob Klinsmanns Versprechen, auf dem Transfermarkt Zurückhaltung üben zu wollen, tatsächlich hält, wird stark vom Verlauf der kommenden Wochen abhängen. Münchner Begehrlichkeiten werden zumeist innerhalb der Liga geweckt, und nachdem sich Mario Gomez mit wechselhaften Darbietungen von der Einkaufsliste gespielt hat, dürfte der Mann der Zukunft in Leverkusen zu suchen sein: Patrick Helmes.“
Jede Liga hat den Spitzenreiter, den sie verdient
Lotter (BLZ) kann sich nicht vorbehaltlos über die ständigen Wechsel im oberen Tabellendrittel freuen, da sie auch Indiz der Schwäche sein könnten: „Welch wundersames Produkt, wie unberechenbar die Bundesliga doch ist! Der Zufall fühlt sich am wohlsten in Deutschland. Alles fließt, alles ist in Bewegung, Voraussagen sind so riskant wie selten, Trends nicht auszumachen. Willkommen in der neuen Heimat der Fußballkuriositäten. Das kann jetzt durchaus als Zeichen für Attraktivität gedeutet werden, und die Bundesliga mag ja auch wirklich unterhaltsam sein. Wer es allerdings weniger gut mit ihr meint und den internationalen Vergleich in die Betrachtung einbezieht, kann daraus jederzeit auf einen Mangel an Wachstum und Fortschritt schließen.“
Und der Tabellenerste bekommt von ihm ins Stammbuch geschrieben: „Jede Liga hat den Spitzenreiter, den sie verdient. Schalke 04 steht ganz oben – der Klub, der von Atletico Madrid in äußerst anschaulicher Form die internationalen Standards aufgezeigt bekommen hatte, der gegen Dortmund eine 3:0-Führung verspielt hat und zum Hüpfer an die Tabellenspitze Hilfe von Fremden benötigte: Siegtorschütze war Patrick Ochs, der Rechtsverteidiger von Eintracht Frankfurt.“
Bundesliga
Große Spielkunst, offensiver Charme
Hoffenheim öffnet nach dem 4:1 gegen Dortmund Liebesbriefe der Presse; der Schwierigkeitsgrad der neuen Aufgabe Jürgen Klopps wird erst jetzt klar / Das Spitzenteam Wolfsburg siegt 3:0 gegen den Tabellenführer Hamburg / „Klinsmann ist bei den Bayern nur Trainer geworden, um sie im Rahmen der Unterwanderung zu ruinieren“ (Welt)
Die TSG Hoffenheim zerlegt Borussia Dortmund 4:1, und die Presse tänzelt ihr entgegen. Roland Zorn (FAZ) lässt sich bezirzen von der „Offensive des fußballerischen Charmes“, den Kopf verdrehen von den „frechen, jungen, taktisch Ia geschulten und spielstarken Badenern“ und umschmeicheln von „großer Spielkunst, die sich mit freudig betriebener Laufarbeit paart“.
Der Verlierer, auch im Duell mit Ralf Rangnick, ist Jürgen Klopp – der das Rückgrat hat, Fehler zu gestehen, etwa zu viel rotiert zu haben. Markus Lotter (Welt) beleuchtet das neue Umfeld Klopps und vergleicht es mit seinem alten: „In Mainz durfte Klopp noch vieles ohne die üblichen Konsequenzen falsch machen. Mainz war Kloppland, dem sympathischen Menschenfänger verfallen. Borussia Dortmund dagegen ist ein seit Jahren gepeinigter Riese, mit einem nervösen Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, einem zaghaft agierenden Manager Michael Zorc und einem Publikum, das glaubt, lange genug gelitten zu haben. Ähnlich wie Jürgen Klinsmann muss Klopp nun auf einer anderen Ebene den Nachweis erbringen, dass er nicht nur Stimmungsmacher, sondern Bessermacher ist.“ Dass Mainz Kloppland war, dafür hat Klopp aber auch einiges getan, etwa dem FSV drei Jahre Bundesligazugehörigkeit geschenkt.
0:2 gegen Udinese, 1:4 in Hoffenheim, doch den „Tiefpunkt der schwarzen Borussen-Woche“ macht die FAZ im Fan-Block aus: Auch der Dortmunder Anhang ist sich nicht zu schade gewesen, Dietmar Hopp zu schmähen. Ein Fan hielt ein Transparent mit der Aufschrift „Hasta la vista, Hopp“ hoch, auf dem der Milliardär im Fadenkreuz zu sehen war. Hopp war entsetzt, und die Dortmunder Führung entschuldigte sich. Obwohl mir Hopps Reaktionen manchmal dünnhäutig vorkommen – dieses Problem sollte man in der Debatte, ob man Investoren im Fußballland haben will, in jedem Fall berücksichtigen: Wer will schon Millionen in einen Verein investieren, um sich dann dauernd beschimpfen zu lassen? Und noch eine Frage, die auf der Hand liegt: Warum kühlen die ihren Mut an dem braven Hopp, und warum brüllt eigentlich keiner gegen Gasprom?
Topmannschaft siegt
3:0 schlägt Wolfsburg den (Ex-)Tabellenführer Hamburg, doch von einer Überraschung will Frank Heike (FAZ) nichts wissen, weil er in Wolfsburg hohe Qualität ausgemacht hat: „Es ist ja nur noch die verklärte Sichtweise vergangener Erfolge, den VfL schwächer zu wähnen als den HSV. Gelingt es Felix Magath, dem VfL die Selbstverständlichkeit einer Topmannschaft auch für Spiele in Bochum, Bielefeld oder Karlsruhe einzupflanzen, wird dieser VfL Wolfsburg um die ersten drei Plätze mitspielen.“ Jörg Marwedel (SZ) ergänzt: „Wolfsburg ist inzwischen ein Spitzenteam, dem HSV fehlt dazu noch ein Stück, so lange es die vielen Abwehrfehler gibt.“
HSV-Trainer Martin Jol hat nach dem Spiel gesagt: „Wir waren schüchtern.“ Süß. Er hat, laut FAZ, aber auch gesagt, dass er „so viel Mitsprache und Nachfragen der Journalisten“ aus seiner Zeit bei Tottenham nicht kenne. Jol hat das an und für sich offensichtliche Problem, dass er während der Saison teure Zugänge einzugliedern hat, weil der HSV erst Ende August auf dem Transfermarkt zuschlug. Das führt dazu, dass er sein (gewinnendes) Team während der Saison ändern muss, was ihm nun zum Vorwurf gemacht wird. Würde er die Wechsel unterlassen und Spiele verlieren, würden sich die gleichen Leute beschweren, warum er so viele Millionen auf der Bank versauern lasse.
Schwäbische Unterwanderung?
Oskar Beck (Welt) misst nochmals die Tiefe der Bayern-Wunde: „Dieses gefühlte 0:7 gegen die Bremer lässt die Sirenen lauter schellen als das von Beckenbauer als zusätzliches Ablenkungsmanöver ins Spiel gebrachte 0:7 gegen die Schalker anno 76 – damals hat so was in der Tat keiner ernst genommen, die Bayern waren die Nummer eins in Europa, sie bezogen den Landesmeistercup zu der Zeit im Abonnement und hatten an dem Tag halt keine Lust, aber sonst grundsätzlich alles: den Beckenbauer, den Müller, den Hoeneß, den Rummenigge und die Katze von Anzing im Tor. Heute? Keiner weiß mehr genau, wo die Bayern stehen, und im Tor steht Rensing.“
Eine unerhörte Theorie, auf die ich nie kommen würde, hat Beck nach zahllosen Besuchen in der Klinsmann’schen Bäckerei in Stuttgart-Botnang rausgehört: „Klinsmann, schwören alle Bayernfeinde unter den Schwaben, ist bei den Bayern nur Trainer geworden, um sie im Rahmen der Unterwanderung zu ruinieren.“
Freitag, 19. September 2008
Champions League
Rumpelrechnungen
Die SZ hat Probleme mit der Prozentrechnung, aber ihre Fußballurteile sind wie immer aufs Komma genau / Bayern gewinnt 1:0 in Bukarest, und die FAZ spürt die „Faszination Klinsmann-Projekt“
Christof Kneer (SZ) weist heute darauf hin, dass sehr wenige deutsche Spieler in der Champions League spielen, das belegt auch ein Blick auf den ersten Spieltag 08/09 am Dienstag und Mittwoch: „352 Spieler standen am in den Startformationen, nur 12 davon stammen aus deutscher Fertigung, was einen Prozentsatz von 0,034 ergibt. In der Champions League ist der deutsche Fußball klar an der 1-Prozent-Hürde gescheitert.“
Wir schicken ihn für diese Rumpelrechnung in die Mathe-Nachhilfe. Kneers Endsumme stimmen wir aber zu – was nur beweist, dass man auch auf falschem Rechnungsweg zum richtigen Ergebnis kommen kann: „Ganz langsam fängt das Ausland wieder an, sich für deutsche Profis zu erwärmen, aber noch gibt der geringe Prozentsatz deutscher Spitzenlegionäre den Stellenwert des deutschen Fußballs ganz gut wieder: Derzeit taugen offenbar nur Ballack und der allzeit umworbene Lahm fürs Höchstniveau.“
Nachtrag (15.00): Auf sueddeutsche.de ist das Komma inzwischen an die richtige Stelle verschoben, und es ist von der 5-Prozent-Hürde die Rede.
Startsignal in eine verheißungsvolle Zukunt
Sehr erstaunlich, fast verdächtig schöne Verse verfasst man heute auf Jürgen Klinsmann, der mit seinen Bayern 1:0 gegen Steaua Bukarest gewonnen hat. Von der „Faszination Klinsmann-Projekt“ lässt sich die FAZ mitreißen und spickt ihren Bericht mit Liebesbeteuerungen aus Verein und Mannschaft, etwa von Franz Beckenbauer, Michael Rensing und Daniel van Buyten; Klinsmann umgebe eine „Aura“, seine Motivationskünste seien beachtlich. Nun, wir wollen es ja gerne glauben, aber so viel Rhetorik nach einem 1:0 in Bukarest?
Das knappe Ergebnis, das auch durch zwei Pfostentreffer des Gegners sowie die Aberkennung eines Gegentreffers zustande gekommen ist, hindert Roland Zorn (FAZ) nicht daran, an ein „Startsignal für den Aufbruch in eine verheißungsvolle Zukunft“ zu glauben. Deutliche Fortschritte seien im Vergleich mit den letzten Jahren, Ottmar Hitzfeld zugehört!, zu erkennen: „Erstaunlich ist, wie die Ergebnispragmatiker von gestern inzwischen aufs Tempo drücken, das Spiel von vornherein bestimmen, mit einer zeitgemäßen Variante das fast schon eingemottet geglaubte 3-5-2-System wiederbelebt haben und mit ein, zwei Kontakten den umstandslosen Weg von der Abwehr in den Angriff suchen.“
Wie kommt es zu dieser Hymne? Wir haben da noch was gefunden. Zorn hat schon mal über Jürgen Klinsmann geschrieben, im März 2006, eine Woche nach einem 1:4 in Italien. Da ging’s um einen Trainerkongress, an dem der damalige Bundestrainer nicht teilgenommen hat. Erinnern Sie sich? „Jürgen Klinsmann interessiert sich zuerst für sich und sein eigenes Wohlergehen – erst danach kommt seine Gemeinschaftsaufgabe.“ Danach fallen noch die Begriffe „blanker Egoismus“, „Kommunikationsdefizite“, „schlechte Kinderstube“ (in Gefolgschaft Beckenbauers) und und und. Ein schönes Detail: Den Kommentar, der dem DFB zwischen den Zeilen die Trennung von Klinsmann nahelegte, lässt die wie immer herrliche Greser&Lenz-Karrikatur ins Leere laufen.
Doch lassen wir die Vergangenheit Vergangenheit sein! Michael Neudecker (Berliner Zeitung) stimmt etwas nüchterner ein: „Es hat gedauert, aber nun, so scheint es, beginnt die Arbeit des Trainers zu fruchten. Wenngleich das 1:0 nicht frei von Glück war, musste man feststellen: Die Dominanz, die die Münchner phasenweise ausübten, war beeindruckend.“
Rückhalt wie Oliver Kahn?
Andreas Burkert (SZ) schließt sich der Spielanalyse nicht an, blickt aber auch auf Klinsmann: „Der wertvolle Erfolg in der Seenlandschaft des Steaua-Stadions hat noch nichts bewiesen, dafür ist der Gegner zu limitiert gewesen. Aber er verschafft dem Projekt Klinsmann etwas mehr Zeit, zumindest in Europa.“ Sebastian Krass (Financial Times Deutschland) hingegen lässt den Bayern-Keeper nicht ungeschoren davon kommen: „Dieses Spiel gab auch den steten Zweifeln Nahrung, ob Michael Rensing wirklich ein ähnlich sicherer Rückhalt wie Oliver Kahn werden kann.“
Ascheplatz
Fehlentwicklungen verhindern
Die 50-plus-eins-Regel sichert vernünftiges, maßvolles Wirtschaften (taz) / Wolfgang Holzhäuser deutet Bedenkliches über die DFL bei den TV-Verhandlungen an / Baut Hertha ein neues Stadion?
Andreas Rüttenauer (taz) hält die Investorendebatte am laufen und spricht sich deutlich für die bestehenden Regeln aus: „Mit der 50-plus-eins-Regel sorgt die DFL dafür, dass Kontinuität herrscht. Sie sorgt dafür, dass Marken erhalten bleiben, die sich über Jahrzehnte entwickelt haben. Sie sorgt dafür, dass ein Klub nicht zugrunde geht, weil ein Vereinsboss in der Wahnvorstellung, mal eben so Deutscher Meister werden zu können, jeden geschäftlichen Realitätssinn verliert. Mit der 50-plus-eins-Regel ist sichergestellt, dass sich im Verein Kräfte durchsetzen können, die Stopp sagen, wenn sich eine Fehlentwicklung andeutet.“ Ich will hier weder den Abramowitschs dieser Fußballwelt die Tür aufhalten, noch will ich sie zuschließen. Aber hat hier jemand schon mal den Namen Niebaum gehört? Ich mein ja nur, wo wir gerade bei den Themen Realitätssinn, Fehlentwicklung, Deutscher Meister, Wahnvorstellung, Stopp sagen sind …
Weiter heißt es: „Wer das freie Spiel der Marktkräfte fordert, der stellt auch das Lizenzierungsverfahren infrage.“ Ist das so? Sind das nicht zwei verschiedene Dinge? Man kann doch das eine wollen und das andere nicht. Was Rüttenauer über das deutsche Lizenzverfahren schreibt, mag ja gerade im Vergleich mit anderen europäischen Ländern richtig sein: „Die Auflagen zum sinnvollen Haushalten haben schon so manche Pleite in der Liga verhindert. Nur weil das Geschäft reglementiert ist, ist der Fußball in Deutschland so quicklebendig.“ Aber ist man, wenn man Investoren die Mehrheit an Vereinen gestatten möchte, folglich ein Gegner der Lizenzierung?
Wolfgang Hettfleisch (FR) legt nochmals dar, wie „die Finanzkrise die Premier League streift“ (siehe freistoss von gestern). Die Premier League streifen! Sehr schöner Begriff! Werd ich mir merken.
Zweiklassenkommunikation?
Was Ex-Ligavorstand Wolfgang Holzhäuser der FR (gestern) über den Stand der Dinge bei den TV-Verhandlungen sagt, trägt Brisanz in sich, auch wenn man genau hinhören muss: „In der Tat hat die DFL angekündigt, bis zum 30. Juni spätestens Alternativen vorzulegen. Dies ist, aus welchen Gründen auch immer, bisher nicht geschehen. Wir haben leider bis heute keine genauen Informationen darüber, was die DFL plant. Damit verbleibt bei denjenigen Vereinen, die diese Information nicht haben, ein differenziertes Gefühl.“ Also welche Vereine haben welche Informationen, und welche Vereine haben diese Informationen nicht? Gibt es etwa eine Zweiklassenkommunikation der DFL? Oder spricht aus Holzhäuser die Rache des Abgewählten?
Denkmal Dieter-Hoeneß’scher-Beliebtheit
Der Tagesspiegel und andere Berliner Zeitungen berichten heute davon, dass Hertha prüfe, ob es sich rentieren würde, ein neues Fußballstadion zu bauen. Trainer Baade zeigt sich in guter Tagesform und arbeitet sich daran ab: „Um Abhilfe in punkto schlechte Stimmung zu schaffen, wird nun also ein neues Stadion gebaut und dann ist alles gut, und morgen ist Weihnachten. Dennoch kann man nicht abstreiten, dass es auch Positives für Hertha an diesem neuen Stadion gibt: In eine europapokalgerechte Bestuhlung braucht man zum Beispiel nicht zu investieren. Außerdem: Auch der ÖPNV um das neue Stadion herum muss nicht großartig erweitert werden. Vielleicht ein neuer Mülleimer für die Schals von den wenigen verbliebenen, enttäuschten Fans an der Bushaltestelle. Ein echtes Denkmal Dieter-Hoeneß’scher-Beliebtheit wird dieser neue Versuch werden, das Unmögliche möglich zu machen, nämlich dem Fußball adäquate Stimmung, wenn die Hertha spielt.“
Donnerstag, 18. September 2008
Champions League
Riss in der Bremer Mannschaft
0:0 gegen Anorthosis Famagusta, in den Zeitungen bekommt Werder die Quittung, vor allem die Stürmer; aber auch der Teamgeist wird vermisst / PSV Eindhoven, ein „Klub, der zu den Verlierern des Klimawandels im europäischen Fußball gehört“ (FAZ), unterliegt Altletico Madrid 0:3
Viel Applaus konnten die Bremer von der Presse nicht erwarten, und so schreibt die SZ im Vorspann: „Das bittere 0:0 gegen Famagusta wirft die Frage auf, ob Werder Bremen sich zurückentwickelt hat.“ Im Text wird diese Frage leider nicht beantwortet, nicht mal der Versuch ist zu erkennen. Den vier Bremer Stürmern (Pizarro, Rosenberg, Sanogo, Almeida), die alle mal durften, kann man jedenfalls nicht nachsagen, dass sie sich für höchste Aufgaben empfohlen hätten.
Sven Bremer (Berliner Zeitung) nimmt speziell Claudio Pizarro in seinen Fokus: „Das Frohlocken nach der Pizarro-Verpflichtung ist der bangen Frage gewichen, ob man mit Offensivkräften in dieser Form in Europa bestehen kann. Die Hoffnung, dass Pizarro mit der Erfahrung von über fünfzig Spielen in der Champions League seinen Kollegen einen Schub geben könnte, ist vorerst gestorben. Mit Markus Rosenberg kommt noch kein harmonisches Zusammenspiel zustande. Die Laufwege der beiden sind so wenig abgestimmt, dass man beinahe glauben könnte, Schweden spielte gegen Peru.“
Frank Heike (FAZ) rückt die öffentliche Wortmeldung Frank Baumanns in den Vordergrund, die gerade deswegen Beachtung findet, weil der Bremer Kapitän als ruhiger Mann gilt, als „Vorzeigeprofi, als loyaler Angestellter, der von Schelte über die Presse noch nie viel gehalten hat“. Baumann, verletzt nicht im Kader, hat gesagt: „Wir haben ein Einstellungsproblem. Der unbedingte Wille geht uns ab. Das gilt für diese Saison, aber auch für weite Strecken der letzten.“
Nicht klar ist allerdings, wen genau Baumann meint. Von Heike erfahren wir nebenbei Aufschlussreiches über die letzte Saison: „Früher galten immer Borowski und Owomoyela als Zielscheiben interner Kritik.“ Auf Owomoyela zielt man jetzt in Dortmund, Borowski befindet sich zurzeit in München. Was den Bremer Zusammenhalt in letzter Zeit betrifft, geht Heike so langsam ein Licht auf: „Offensichtlich geht schon seit längerer Zeit ein Riss durch die Mannschaft, der sich weitgehend unbemerkt ausgebreitet hat.“
Bremen vs. Famagusta (0-0) 16.09.2008
Geberklub
0:3 gegen Atletico Madrid, doch Christian Eichler (FAZ) nimmt Eindhoven angesichts der Rahmenbedingungen und dem Geschäftsgebaren der Konkurrenz in völligen Schutz: „Der PSV ist seit jeher ein Geberklub – doch die Diskrepanz zu den Nehmerklubs, die Distanz zwischen denen, die ausgeglichen wirtschaften, und denen, die das nicht tun müssen (oder wollen), ist immer größer geworden, seit Milliarden-Mäzene nicht nur in England, auch in Ländern wie der Ukraine oder Rumänien im Spiel sind und andere, wie Atletico, mit hohem Risiko auf Pump Spitzenteams zusammenkaufen.“ Eichler würde am liebsten warme Decken verteilen an den „Klub, der zu den Verlierern des Klimawandels im europäischen Fußball gehört“.
Den Schützen zweier Tore und Schwiegersohns Maradonas, Sergio Agüero, würdigt er mit einer feinen Bogenlampe: „Der junge Mann, der demnächst Diego Maradona zum Opa macht, ließ auch Huub Stevens alt aussehen.“
Was noch? Die Berliner Zeitung feiert den 2:1-Sieg Clujs in Rom in der „Nacht der Unaussprechlichen“, die NZZ attestiert: „Kluhsch“, früher Klausenberg. Die FAZ veröffentlicht derweil einen feinen Hintergrundbericht über Bestechung und Boom im rumänischen Fußball.
101greatgoals: Die Tore aus Rom
Ascheplatz
Steuerzahler subventionieren das Gehalt von Ronaldo
Die Finanzkrise in den USA und England streift die Premier League: Die Konzerne AIG und Northern Rock, die durch Staatskredite vor dem Bankrott gerettet werden, sind Sponsoren von großen Fußballklubs
In Englands Fußball ist viel Geld aus aller Welt im Spiel, folglich ist die Premier League den Schwankungen der globalen Ökonomie ausgesetzt. Daher werden die Verantwortlichen der Klubs aus Manchester United und Newcastle United in den letzten Wochen die Wirtschaftsnachrichten bang verfolgt haben – um letztlich aufatmen zu können. Der angeschlagene amerikanische Versicherungskonzern AIG ist Sponsor in Manchester, die unter Liquiditätsverknappung leidende englische Hypothekenbank Northern Rock in Newcastle, das ohnehin gerade einen neuen Eigner sucht, nachdem Mike Ashley entnervt ausstieg. Nun haben staatliche Institutionen der USA und England mit großen Krediten die Feuerwehr gespielt, um die beiden Konzerne zu retten: 80 Prozent von AIG gehören nun der Notenbank der USA (Fed); gestern erklärte der britische Finanzminister Alistair Darling, dass Northern Rock verstaatlicht werde.
Raphael Honigstein (SZ) bringt die Folgen dieser Rettungsaktionen auf den Punkt: „Im Prinzip kommt also der britische Steuerzahler für Newcastles Trikotwerbung auf. Und auch die amerikanischen Bürger sind nach der Rettung von AIG zu unfreiwilligen Investoren in der Premier League geworden.“
Mit dem blauen Augen davongekommen? Oder erste Anzeichen, dass der Turbokapitalismus der Premier League ein Spiel mit dem Feuer ist? Normales Risiko in einem marktwirtschaftlich organisiert System?
Ein Sprecher der Glazers, den Besitzern des Klubs, sagt: „Das ist ‘business as usual’ für uns. Manchester United ist finanziell stark. Die Finanzkrise berührt uns nicht.“ United befindet sich im dritten Jahr des Vierjahresvertrags mit AIG; jährlich erhält der Klub umgerechnet rund 18 Millionen Euro. Honigstein rechnet noch mal genau vor: „Umgerechnet auf den Sponsorenvertrag mit United subventionieren die USA damit die Gehälter von Cristiano Ronaldo und Wayne Rooney mit über 14 Millionen Euro im Jahr.“
Am letzten Spieltag musste übrigens West Ham United die Logos seines Sponsors, des Reiseunternehmens XL, auf den Trikots unkenntlich machen, weil er gerade pleite gegangen war.
Mittwoch, 17. September 2008
Champions League
Leute, die mit Geld rumschmeißen, sind mir suspekt
Uli Hoeneß gibt sich im FAZ-Interview bescheiden und vernünftig / Manchester United wird am Verlust seines Co-Trainers Carlos Queiroz leiden (BLZ) / Iker Casillas schätzt Oliver Kahn, aber nicht die Art, für die Kahn steht
Uli Hoeneß hat der FAZ ein Interview gegeben, und er kommt darin als der maßvolle, bodenständige, umsichtige Kaufmann von Fußballschrot und -korn herüber, als der er oft bezeichnet wird (der er aber nicht immer ist). Heute, da die Champions-League-Saison für die Bayern beginnt, lässt er sich über die vermutlichen Wettbewerbsnachteile der in Deutschland beheimateten Bayern gegenüber der Konkurrenz aus dem Ausland befragen. Extrawürste lehnt er ab: „Ich kann doch jetzt nicht nach Berlin zum Bundesfinanzminister fahren und darauf dringen, dass unsere Spieler nur 25 Prozent Steuern zahlen wie in England oder Spanien. Da würden wir durch den Kakao gezogen, und der kleine Mann, der am Band arbeitet, würde verrückt werden. Ich fände es auch nicht gerecht und geradezu hirnverbrannt, in der heutigen Zeit, da es den Leuten nicht so gutgeht, Steuerprivilegien für Fußballspieler zu fordern.“ Dass eine fiskalpolitische Intervention seinerseits theoretisch gar nicht ausgeschlossen ist, heißt das aber auch.
Befragt nach der 50-plus-eins-Regel, über deren Abschaffung manche Bundesliga-Funktionäre gerne diskutieren möchten, antwortet Hoeneß gewohnt abweisend: „Wenn der eine oder andere Verein denkt, damit glücklich zu werden, hätte ich damit kein Problem. Ich glaube aber nicht, dass der FC Bayern diese Situation ausnützen würde und selbst nach einem Investor Ausschau hielte.“
Die Hoffnung auf europäische Triumphe jedoch hat er nicht aufgegeben: „Wir sind 2001 Champions-League-Sieger geworden mit einer individuell gar nicht so starken, aber bestens aufeinander abgestimmten, eingespielten Mannschaft.“ Folgenden Satz möchte ich Hoeneß gerne noch mal aufs Brot geschmiert bekommen sehen: „Leute, die so mit dem Geld rumschmeißen, sind mir suspekt.“
Wertverlust
Markus Lotter (Berliner Zeitung) rechnet damit, dass Manchester United eine schwierige Zeit bevorsteht, weil es seinen Co-Trainer abgegeben hat: „Manchester steht nach drei Spieltagen auf dem 14. Tabellenplatz. Carlos Queiroz hat mit Portugal das erste Spiel in der WM-Qualifikation zu Hause gegen Dänemark mit 2:3 verloren. In Portugal fürchtet man, dass Queiroz einfach nicht zum Anführer taugt. In Manchester wird schon getuschelt, dass es seit dem Weggang von Talisman Queiroz dem Team an taktischer Führung fehle. (…) Es gibt Fußballlehrer, die funktionieren nur als Co-Trainer. Und es gibt Co-Trainer, deren Wert man erst erkennt, wenn sie nicht mehr da sind.“ Lotters Hinweis ist eine klare Relativierung der Arbeit und Verdienste Alex Fergusons.
Riesentorwart
Iker Casillas erläutert in der SZ den Unterschied, den er zwischen deutschen und südeuropäischen Tormännern ausgemacht hat: „Jeder hat seine Wesensart. Die argentinischen Torhüter haben eine sehr besondere Art, den Ball abzuschlagen. Was mir bei den deutschen Torhütern immer auffällt, ist diese klassische Volte, dieses Sich-Abrollen, wenn sie den Ball fangen. Das machen wir weniger. Wir legen mehr Wert auf das Stellungsspiel, sind dadurch vielleicht weniger spektakulär als andere.“ Über Oliver Kahn äußert er sich sehr anerkennend: „Das Exempel eines Führungsspielers. Mich interessiert nicht, wie er außerhalb des Platzes gewesen ist. Ein geborener Leader und ein Riesentorwart.“ Das nenne ich mal eine gelungene Dialektik Casillas‘: sich von einer bestimmten Torwartschule abgrenzen und den Protagonisten dieser Schule besonders wertschätzen.
Zum Schluss noch der FAZ-Kommentar von gestern: „Das sportliche Eliteforum wird um Elemente der Graswurzeldemokratie angereichert.“
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