indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Mittwoch, 16. April 2008

Am Grünen Tisch

Die Wahrnehmung ist anders als die Wahrheit

Jan Christian Müller (FR) greift eine Expertise Lutz Lüttigs (wer kennt den noch?) über das Bremer Abseits-Ja-oder-Nein-Tor gegen Dortmund auf und kommt mit ihm zu dem Ergebnis, dass der Videobeweis ein untaugliches Mittel der Gerechtigkeitsfindung sei: „Es ist nach jüngsten Erkenntnissen zweifelhaft, dass der Videobeweis selbst in vermeintlich ‚hundertprozentigen’ Fällen tatsächlich zu einem über jeden Zweifel erhabenen ‚richtigen’ Urteil kommt. Der Fall Rosenberg/Merk zeigt, dass einer oder mehrere Oberschiedsrichter große Gefahr liefen, unter Zeitdruck ein viel weniger entschuldbares Fehlurteil zu treffen. Schließlich müssten sie ja in kürzester Zeit der Spielunterbrechung, die sicher zwei Minuten nicht übersteigen dürfte, entscheiden. Die jetzt veröffentlichte Studie eines nach erster, oberflächlicher Ansicht vorgeblich klar irregulären Tores lässt aber den Schluss zu, dass derartige Entscheidungen nur aufgrund der eingehenden Analyse von Bildern aus verschiedenen Perspektiven getroffen werden können. Selbst nach stundenlanger Wiederholung kann sich kein unzweifelhaft eindeutiges Urteil ergeben. Ergo: Es ist dringend an der Zeit, TV-Beweise mit Standbildern und digitaler Aufbereitung kritischer zu betrachten. Die Wahrnehmung ist oft ganz anders als die Wahrheit.“

FR: Markus Merks Ruf nach einem Videobeweis im Profifußball hat durch eine Analyse des ehemaligen Schiedsrichter-Assistenten Lüttig einen erheblichen Dämpfer erhalten
Und hier aus der Schiedsrichter-Zeitung des DFB (ab Seite 12): Lüttigs Erörterung

Graben zwischen Profitum und Amateursport

Markus Schäflein (SZ) legt dar, dass die Lizenz- und Ligaordnung der neuen Regionalliga (ab Sommer 2008) zu einer hohen Schwelle zur Fünften Liga führen kann und wohl auch soll: „Viele Oberligisten haben gar nicht versucht, die Lizenz zu erhalten. Eine Million Euro Saisonetat dürfte das absolute Minimum sein, um erfolgreich in der Regionalliga zu spielen. In einem 241 Seiten starken Katalog hat der DFB die Vorschriften festgelegt. Die Klubs brauchen zum Beispiel einen Cheftrainer mit Uefa-A-Lizenz, drei hauptamtliche Geschäftsstellenmitarbeiter, eine Flutlichtanlage (mindestens 400 Lux E-Hor), eine Pressetribüne mit mindestens zehn fest eingerichteten Arbeitsplätzen (Pult, Strom, ISDN) und einen Vip-Raum. Kleine Klubs müssten sofort viel Geld in die Infrastruktur und die Organisation stecken, über die andere Vereine schon verfügen. Damit wird es ihnen umso schwerer gemacht, eine wettbewerbsfähige Mannschaft zu finanzieren. ‚Wir wollen die Vereine zusammenführen, die durch Infrastruktur, Umfeld und Tradition in der Lage sind, Profifußball zu betreiben’, sagt Willi Hink, Amateursport-Direktor im DFB. Der Graben zwischen Profitum und Amateursport soll viel tiefer werden, so tief, dass Vereine wie der KSV Baunatal ihre Identität neu definieren müssen. Der KSV ist ein Breitensportverein mit 35 Abteilungen, unter anderem Wandern, Flamenco und ambulantem Herzsport. Er hat andererseits von 1976 bis 1979 in der Zweiten Bundesliga gespielt und verfügt über ein hübsches Stadion mit 2578 überdachten Sitzplätzen und Flutlicht, das damals erst zum Zeitpunkt des Abstiegs fertiggestellt wurde. Der KSV ist einer von vielen Klubs, die in der Grauzone zwischen Profifußball und Amateursport wandern. Diese Grauzone will der DFB abschaffen.“

taz: In den von antisemitischen Fans des HFC durch ‚Juden-Jena’-Rufe ausgelösten Skandal schaltet sich nun der DFB ein. Es droht ein ligaweiter Konflikt

Bundesliga

Eintracht ist dann am besten, wenn sie aussieht wie Friedhelm Funkel

Christof Kneer (SZ) untersucht die Höhenluftverträglichkeit und Schwindelfreiheit von Eintracht Frankfurt: „Es ist nie einfach, unerwartete Erfolge zu moderieren, aber in einer Stadt wie Frankfurt ist es besonders schwer. In dieser Stadt sind die Türme so hoch, dass man immer die allerbeste Aussicht haben will. 54 Stockwerke hat der schicke Main Tower, und wenn die Bundesliga ein Main Tower wäre, dann wäre die Eintracht jetzt etwa im 33. Stock angekommen. Seit Wochen versucht Heribert Bruchhagen der Stadt zu erklären, dass das ein Erfolg ist. Mit seriöser Politik haben Bruchhagen und Friedhelm Funkel der Eintracht ihre Launen abtrainiert, aber inzwischen müssen sie selbst aufpassen, dass sie sich nicht von den hessischen Euphoriereflexen mitreißen lassen.“

Kneer rät den Frankfurtern, bei ihren Leisten, also dem Gepräge ihres Trainers, zu bleiben: „Die Eintracht war zuletzt dabei, sich selbst zu überholen, und das hat ihr nicht gut getan. Vor lauter Euphorie ist sie ihrem eigenen Spielstil untreu geworden. Sie hat versucht, wie Bremen zu spielen, dabei ist die Elf immer dann am besten, wenn sie aussieht wie Friedhelm Funkel. Die Eintracht ist keine schillernde Elf, sie hat verlässliche Spieler wie Ochs und Spycher und Fink. Funkel ist kein Sicherheitsfanatiker, aber er hat eben immer Teams trainiert, die sich aus der Kompaktheit definierten – und es gehört zur Tragik dieses Trainers, dass seine Teams oft verlieren, wenn er sie von der Leine lässt.“

Der Artikel ist überschrieben mit „Kick it like Friedhelm“. Sehr schön.

Herrlich! Funkel, von der FAZ am letzten Wochenende über dies und das befragt, zählt zu seinen Leidenschaften den Toruismus, wie wir erfahren: „Ich reise gerne, ich bin Mallorca-erfahren.“ Die Insel soll ja auch ihre schönen Seiten undsoweiter …

Uli Hoeneß sagt heute in der FR einen weiteren Anschub für die Eintracht voraus: „Ich sehe, dass in Frankfurt Geld in die Hand genommen wird. Die Industrie in Frankfurt beginnt langsam anzuspringen. Ich sehe Frankfurt mittelfristig als einen Konkurrenten, wie wir ihn aus den siebziger Jahren kennen.“ Aus den siebziger Jahren wohlgemerkt, nicht aus den neunziger Jahren, in der Anfängen die Eintracht die Bayern überflügelte. Die Bayern wohlgemerkt, nicht die Meister aus Kaiserslautern (91), Stuttgart (92, Aua!) und Bremen (93).

Machts nochmal, Eintracht!

Dienstag, 15. April 2008

Internationaler Fußball

Ewige Zukunftsmannschaft

Raphael Honigstein (Financial Times Deutschland) wünscht Arsenal und Arsène Wenger nach dem 1:2 in Manchester spitzere Zähne: „Das in der Liga schon seit Wochen unter Ermüdung leidende Team hat sich nach dem Aus in der Champions League wie ein fast schon ausgeknockter Boxer zur letzten großen Schlägerei aufgerafft. Das ‚beste Spiel des Jahres’ (Alex Ferguson) hat trotz Dutzenden von Torraumszenen, aufwühlendem Hin und Her und ziemlich sensationellem Drunter und Drüber letztlich nur bestätigt, was beide Trainer schon vorher wussten: dass Manchesters Red Devils neben all ihren künstlerischen Fähigkeiten genau über jene Extradosis Siegeswillen und Widerstandskraft verfügen, die den personell schwächer besetzten Londonern abgeht. (…) Mehr als gute Kritiken für ansehnlichen Stil bleiben Arsenal von der dritten titellosen Saison in Serie leider nicht übrig. Wenger will trotz angeblich gut gefüllter Vereinskassen weiter an seinem Sonderweg festhalten: Er bildet Superstars lieber aus, als sie zu kaufen. United, Chelsea und Liverpool werden im Sommer wieder aufrüsten, Wenger aber muss erst einmal die eigenen Spieler von den Perspektiven überzeugen. Die europaweit umworbenen Jünglinge Matthieu Flamini und Cesc Fàbregas sehen längst die Gefahr, dass sich ihr FC Arsenal als die ewige Zukunftsmannschaft etabliert – während die anderen in der Gegenwart fleißig Pokale gewinnen.“

Hanspeter Künzler (Neue Zürcher Zeitung) stimmt ein: „Während Manchester United und Chelsea den Schlussspurt mit Spielern angehen konnten, die dank geschickt eingesetztem Rotationssystem weiterhin frisch waren, musste Wenger angesichts der vielen verletzungsbedingten Ausfälle mit riskanten Formationen experimentieren. So bekommt er schon wieder die gleichen Ratschläge zu hören wie im letzten Sommer: Er müsse das Team unbedingt verstärken. Wenger zeigt sich unbeeindruckt.“

Hargreaves’ Siegtreffer gegen Lehmann

NZZ: Bildungsroman à la Cassano – der einstige italienische Wunderstürmer auf dem Weg zurück zu alter Klasse

NZZ: Rollentausch in Westbrabant – Willem Tilburg im Abstiegskampf

Bundesliga

Herberger-Taktik?

Elisabeth Schlammerl (FAZ) schreibt über das 0:5-Debakel Dortmunds in München mit Blick auf das Pokalfinale am kommenden Samstag: „Ein paar Mal fiel auch das Wort ‚Herberger-Taktik’. Bei der WM 1954 hatte Sepp Herberger in der Vorrunde gegen Ungarn, die damals beste Mannschaft der Welt, einige Stammkräfte geschont und damit die 3:8-Niederlage billigend in Kauf genommen. Im Finale drehten die Deutschen in Bestbesetzung den Spieß dann bekanntlich um. Aber natürlich war die Niederlage von Dortmund nicht Absicht, um die Bayern in Sicherheit zu wiegen. Sie war nicht einmal eingeplant, denn die Borussia hatte sich sogar Hoffnungen gemacht, die Belastungen der Bayern auszunutzen, die drei Tage zuvor im Uefa-Pokal 120 Minuten gefordert waren. Aber Hitzfeld rotierte derart geschickt, dass in Toni, Lahm und Martin Demichelis nur drei Feldspieler in der Anfangself standen, die in Spanien über 120 Minuten gespielt hatten.“

Schlüsselszenen

Peter Heß (FAZ) staunt über die Offenheit, mit der der Stuttgarter Trainer seinem Tormann Sven Ulreich die 0:3-Niederlage in Leverkusen ankreidet: „Wäre Armin Veh IOC-Präsident, das Wort ‚Tibet’ fände sich ganz gewiss auf den Internetseiten des IOC. Und kein Seufzen über die äußerst stille Diplomatie des Sportführers wäre zu hören. Der Trainer des VfB Stuttgart scheut sich nicht, Namen zu nennen, wenn es darum geht, Missstände zu analysieren. Veh bekannte ganz offen: ‚Wir haben durch zwei Torhüterfehler verloren. Das haben alle gesehen.’ Vielleicht hätte Veh die Schwächen seines Torhüters weniger direkt angesprochen, wenn er nicht auf Leverkusener Seite hätte miterleben können, wie eine perfekte Torhüterleistung aussieht. René Adler agierte fehlerfrei, strahlte Sicherheit aus, beherrschte seinen Strafraum bis zur 16-Meter-Linie und machte noch zwei sogenannte 100-prozentige Torchancen des VfB zunichte. Adler ist das Gegenteil des ‚verrückten’ Torwarts, der wie ein Linksaußen nicht so recht weiß, warum er ungewöhnliche Dinge tut. Er handelt wie ein kühler Kalkulator, arbeitet fleißig an seinem Körper, ist gesegnet mit einem großen Bewegungstalent und Blitzreflexen.“

Auch Philipp Selldorf (SZ) überhäuft Adler mit Lob: „Bis zum 1:0 war der VfB die reifere Elf, er hätte führen müssen, aber der Schlüsselmoment gehörte Adler. Das Spiel entschied sich nach 30 Minuten im Duell zwischen Leverkusens Torwart und Roberto Hilbert, der allein auf den Schlussmann zusteuerte und sich durch dessen Taktieren so weit von der Ideallinie abbringen ließ, dass Adler, eben noch scheinbar besiegt am Boden, auf einmal wieder da war und den aus schwierigem Winkel abgegebenen Schuss abwehrte.“

Lahme Ente?

Christoph Ruf (Spiegel Online) stellt den heißesten Schalker Kandidaten vor: „Bei seinem Heimatverein Twente Enschede ließ Fred Rutten mutigen Offensivfußball spielen. Zugleich arbeitete Rutten daran, den Erfolg des Vereins auf ein breiteres Fundament zu stellen. Rutten, der ursprünglich aus der Jugendarbeit kommt, baute Enschede neben Ajax Amsterdam und AZ Alkmaar zu einem der drei führenden Ausbildungsvereine der Niederlande aus. Auf Schalke, wo man lange sogar überlegte, die eigene U23 abzuschaffen, herrscht hingegen in der Nachwuchsförderung noch immer Nachholbedarf. Zu guter Letzt spricht Rutten perfekt deutsch und gilt als Freund der Schalker Ikone Huub Stevens – zwei weiche Faktoren, die ebenfalls dafür sorgen dürften, dass weitere Kandidaten nur dann zum Zuge kommen, wenn Rutten absagt.“

Über die Hintergründe der Slomka-Entlassung heißt es von Ruf: „Dass die Entscheidung, sich von Slomka noch vor dem Saisonende zu trennen, einstimmig fiel, mag zunächst verwundern. Schließlich ist es ein offenes Geheimnis, dass Manager Andreas Müller, der die Inthronisierung Slomkas 2004 gegen Rudi Assauer durchdrückte, bis vor wenigen Tagen an Slomka festhalten wollte. Doch gegen den offenbar entgegen gesetzten Willen von Präsident Josef Schnusenberg, Geschäftführer Peter Peters und Aufsichtsrats-Boss Clemens Tönnies fiel es Müller zunehmend schwer, Geduld anzumahnen. Es ist eine noble Geste, dass Müller nun allerorten betont, dass er bereits vor ein paar Wochen beschlossen habe, Slomka im Sommer zu schassen. So übernimmt er Verantwortung, lässt aber auch gar nicht erst den Eindruck entstehen, als ‚lame duck’ letztlich nur den Willen eines mächtigeren Präsidiums umzusetzen.“

SZ: Das Interims-Duo Michael Büskens/Youri Mulder soll Schalkes Saisonziele retten; dann übernimmt vermutlich Fred Rutten, der die Sehnsucht nach einem zweiten Huub Stevens stillen soll

Montag, 14. April 2008

Bundesliga

Ende eines quälenden Prozesses

Der 28. Spieltag: Die Entlassung Mirko Slomkas in Schalke findet eher den Zuspruch der Presse, wenngleich die Vereinsführung ihr Fett kriegt / 5:1-Sieg der Bremer gegen Schalke verkehrt die Verhältnisse auf dem Spielfeld / Hamburg außer Form

Philipp Selldorf (SZ) wertet die neue Trainerlösung in Schalke als Erlösung – und als Gefahr: „Die abrupte Trennung beendet einen quälenden Prozess und befreit beide Seiten. Sportlich stagnierte das Team, Slomkas spezieller Nimbus als Hochschulfachkraft ohne die typische Bundesliga-Haudegenprägung war vergangen, seine personelle Linie rief ständig Grundsatzdiskussionen hervor, seine Rhetorik geriet zur Geschmacksache. Schalke wurde für ihn zunehmend zum Hochspannungsgebiet. Durch die Belastung für und durch Slomka ist die Atmosphäre im Klub zuletzt bleiern geworden. (…) Die Folgen werden sich allein gegen die Verantwortlichen richten, wenn die charmante und sicherlich populäre, aber extrem kühne Übergangslösung mit den alten Helden Büskens und Mulder schief gehen sollte. Einen Sündenbock gibt es dann nicht mehr.“

Andreas Lesch (Berliner Zeitung) schreibt der Schalker Führung hinter die Ohren, dass man sich Mourinho & Co abschminken könne: „Wenn die Schalker glauben, die Prominenz der Fußballlehrerbranche locken zu können, dann überschätzen sie sich. Es gibt eine ansehnliche Zahl von Argumenten, die famose Fachleute dazu bewegen werden, Gelsenkirchen auf ihrem Karriereweg weiträumig zu umfahren. Schalke ist noch lange kein europaweit etablierter Standort, nur weil es einen weltweit umstrittenen Hauptsponsor besitzt und sich in dieser Saison ins Viertelfinale der Champions League gemogelt hat. Schalke, einst als Chaosklub bekannt, ist immer noch ein Verein, dessen Führung manchmal irrational agiert. Schalke leistet sich Allüren. (…) Dass die Schalker es nicht geschafft haben, Slomkas Amtszeit am Saisonende still und stilvoll zu beenden, ist ihre eigene Schuld. Sein Rauswurf wirkt wie eine panische Hauruck-Aktion.“

Michael Rosentritt (Tagespiegel) fällt ein Vergleich ein: „In Berlin gab es vor sechs Jahren eine ähnliche Entscheidung. Damals hieß es, dass Trainer Jürgen Röber nicht die Qualität besitze, das Team auf die nächste Entwicklungsstufe zu heben. Niemand hat die Frage gestellt, ob die Qualität des Kaders diesen Schritt hergibt, also ob für diesen Anspruch nicht eher eine entsprechende Mannschaft gebraucht wird.“

Dem Klima des Misstrauens entronnen

Roland Zorn (FAZ) ergänzt die Diskussion um seine Zweifel an der Schalker Mannschaft: „Der neue Trainer bekommt es fürs Erste mit einer Mannschaft zu tun, in der keine einzige Koryphäe des internationalen Fußballs am Ball ist. Wenn ein eifriger, oft übereifriger und zuletzt meist glückloser Stürmer wie Kevin Kuranyi schon als Star gilt, kann man sich ausrechnen, dass ein solches Ensemble vielleicht noch weitere Jahre braucht, um dem Klub endlich wieder eine Deutsche Meisterschaft zu bescheren. Slomka wird letztlich erleichtert sein, dem Klima des Misstrauens in die eigenen Fähigkeiten entronnen zu sein. Um ihn muss man sich keine Sorgen machen, eher schon um seinen ehemaligen Verein.“

Daniel Theweleit (Berliner Zeitung) wirft ein: „Viele von den Journalisten, die täglich nach Gelsenkirchen fahren, mochten den meist verbindlichen, aber nie herzlichen Mann einfach nicht. Slomka reagierte immer öfter barsch, wirkte arrogant in seiner Freundlichkeit, woraufhin sich die Abneigung gegen den kühl auftretenden Trainer weiter steigerte. Diese Entlassung ist nun auch Folge einer Stimmung, die sich über Monate entwickelt hat und die irgendwann übermächtig wurde.“

Täuschung

Lesch (Berliner Zeitung) ordnet das Resultat zwischen Bremen und Schalke ein: „5:1, das sah aus nach dem Sturm-und-Drang-Stil, den die Bremer in den vorigen Jahren oft gezeigt haben und der sie zum meistgelobten Team der Bundesliga hat werden lassen. 5:1, das klang nach schwungvoller Schwerelosigkeit, nach einem Start-Ziel-Sieg, nach einem Tag ohne Zweifel. In Wahrheit aber war das Ergebnis eine Täuschung. Es verhöhnte den Spielverlauf. Es war eher Ausdruck von Schalker Schwächen als von Bremer Stärken. Schalkes Stürmer Kevin Kuranyi und Halil Altintop erwiesen sich als Bremens beste Verteidiger.“

Nachholbedarf in Sachen Krisenbewältigung

Ralf Wiegand (SZ) hält den Schalkern ein Vorbild im Umgang mit Niederlagen entgegen: „Vielleicht sollten Andreas Müller und Josef Schnusenberg mal in Bremen in Sachen Krisenbewältigung hospitieren. Dort hatte sich ja auch einiges angesammelt übers Jahr, viel mehr als das Schalker Kartenhaus je ertragen würde: 0:4 gegen Bayern, 3:6 in Stuttgart, Heimniederlagen gegen Bochum und Duisburg, Champions-League-Aus gegen das zuvor in einunddreißig Auswärtsspielen sieglose Olympiakos Piräus, Schlägereien unter den Spielern, der Acht-Millionen-Flop Carlos Alberto, Suspendierungen, ein Spielmacher Diego, der täglich an einen anderen Ort transferiert wird und zuletzt eine Rückrunde in Absteigermanier. Das alles aber konnte das grundsätzliche Vertrauen des Klubs in die Fähigkeiten von Thomas Schaaf nie erschüttern. Mirko Slomka hat solches Vertrauen nie genossen.“

Schlenderschritt

Claudio Catuogno (SZ) befasst sich mit der 0:1-Niederlage Hamburgs gegen Duisburg: „Die Systemfrage führt ins Zentrum der Stevens-Philosophie vom defensiven Betonfußball, den sie in Hamburg so lange ertrugen, wie er die gewünschten Resultate hervorbrachte. Ordnung statt Spektakel verlangt er stets von seinen Mannschaften – doch sobald die Abwehr wackelt wie gegen den MSV, löst sich das Gebilde auf wie eine Brausetablette. (…) Der HSV wird an diesem Spiel noch eine Weile zu knabbern haben.“

Frank Heike (FAZ) sucht in Hamburg nach Spuren von Qualität: „Dem HSV fehlte es völlig an Spieltempo. Alles geschah im Schlenderschritt. Breitwandig wurde das Spiel aufgebaut, Duisburg hatte alle Zeit, sich zu postieren. Es gab keine direkten Pässe und auch kein Flügelspiel. Die Entdeckung der Langsamkeit war von einschläfernder Wirkung: So wenig Stimmung gab es selten. Man hatte nie das Gefühl, dass die Hamburger den Sieg erzwingen wollten: Eher winkten sie ab, wenn ein anderer einen Fehler machte, oder erzählten sich gegenseitig, wo sie zu stehen hätten. Dabei ist Trochowskis Taktikschwäche genauso bitter wie Kompanys Lethargie oder Zidans Selbstzweifel. (…) Der MSV Duisburg war lange Zeit für alle Fachleute der erste Absteiger, so wie der Hamburger SV ein Aspirant für die Champions League war. Es hat nur vier Wochen gedauert, um beide Annahmen zu widerlegen.“

Samstag, 12. April 2008

Allgemein

Endlich wieder ein Jahrhundertspiel

Begeisterung, Erklärungsversuche, Fassungslosigkeit nach dem 3:3-Sieg der Bayern in Getafe / Oliver Kahn im Taumel

Klaus Hoeltzenbein (SZ) kann das 3:3 zwischen Getafe und München nicht rationalisieren: „Ein Fußballspiel als Ereignis, so irre, so surreal, wie man es in Madrid sonst nur im Museum findet – an der Wand, als Gemälde von Dalí.“ Elisabeth Schlammerl (FAZ) stößt eine Fanfare aus: „Die Zeit war reif beim FC Bayern für ein neues Jahrhundertspiel, denn die Erinnerungen an das letzte verblassen schon langsam.“

Andererseits pocht sie auf die Schwächen im Bayern-Spiel: „Fünf Minuten haben nicht nur den Einzug ins Halbfinale gebracht und die Hoffnung auf das ‚Triple’ am Leben erhalten, sondern vorerst das Projekt ‚dicke Brieftasche’ gerettet. Nach den Investitionen von 80 Millionen Euro in kickendes Personal wären die Münchner mit Häme und Spott überzogen worden, wenn sie in Überzahl an einem Vorortklub gescheitert wären. Und die Frage wäre unwillkürlich aufgekommen: Wenn diese aufgemotzte Mannschaft schon im ‚Fiat-Punto-Clio-Cup’ mit Motorschaden ausscheidet, wie will sie eine Klasse weiter oben bei den Ferraris in der Formel 1 des Fußballs hinterherkommen? Das ist der Anspruch: in Europa wieder oben mitzumischen, und das nicht zufällig, sondern als stetes Mitglied eines ganz elitären Kreises in der Champions League. Die Bayern sind in Getafe lange den Beweis schuldig geblieben, auf dem Weg zu einer großen Mannschaft zu sein.“

Ronald Reng (FR) ringt nach Luft: „Der Fußball hat alles, was er hat, und von allem ein bisschen zu viel, in dieses Viertelfinale gepackt. Diese Partie lieferte so viele Momente und Volten, dass man sehr lange kein Fußball mehr schauen müsste: Man hat genug Stoff, um davon zu zehren. Auf der winzigen Ehrentribüne saß der spanische König Juan Carlos. Die große Welt traf die Madrider Vorstadt, die 17.000 Zuschauer waren in Jahrmarktsstimmung, und Getafes Elf, erst im vierten Jahr in Spaniens Erster Liga, lief zur Form einer Spitzenelf auf. All diese Gegensätze vereint, erschufen eine betörende Anmut.“

Dabei betont Reng die Unterlegenheit der Bayern in wesentlichen Teilen des Fußballs: „Mit welcher Systematik und Dynamik Celestini und Casquero im Mittelfeld die Bayern unterdrückten, wie sauber und schnell Getafe nach vorne passte, offenbarte die ganze Münchner Unordnung, entblößte zum Beispiel Mark van Bommel als Fußballer ohne Sinn und Tempo.“ In der Textfassung der Berliner Zeitung fragt er: „Wie konnten die Bayern als Sieger vom Platz gehen?“

Das Wunder von Getafe – MyVideo

Das Dusel klappt nur in München

Jörg Schallenberg (Spiegel Online) führt den Erfolg auf die Klasse Luca Tonis zurück: „Man kann durchaus behaupten, dass es einzig und allein der Elf-Millionen-Einkauf aus Florenz war, dem der FC Bayern den Einzug ins Halbfinale verdankt. Gerade im Vergleich mit schwächer besetzten, aber sehr gut organisierten Mannschaften wie dem FC Getafe wird deutlich, wie wenig eingespielt das in diesem Jahr neu formierte Team der Bayern ist. Um in Europa ganz oben mitzuspielen, wird der FC Bayern wohl noch mehr Einkäufe in der Güteklasse von Ribéry und Toni tätigen müssen. Vor allem in der Abwehr und im Mittelfeld. Ganz abgesehen davon, dass man einen derart begnadeten Last-Minute-Stürmer wie Oliver Kahn wohl nie wieder finden wird.“

Dusel? Hoeltzenbein kann es nicht klären: „Beim finalen Glück handelt es sich vermutlich um eine Art Gen, welches nur den Bayern implantiert ist, weshalb sich nach dem Tor Szenen abspielten, von denen man glauben konnte, man hätte sie so ähnlich schon einmal anderswo gesehen. Jener Kahn von Getafe im April 2008, der völlig entrückt über den Platz stürmte, wirr das Blondhaar, feucht die Augen, rudernd der Arm, erinnerte an den Kahn vom Mai 2001. Damals trafen die Münchner in Hamburg in den Nachspielsekunden ins Tor und ließen die fernab bereits feiernden Schalker zum trauernden Meister der Herzen werden. ‚Weiter, weiter, immer weiter. Du musst immer weitermachen’, verriet Kahn damals die Formel zu diesem besonderen Gen. Eine Kopie wird seitdem überall versucht, das Dusel-Original aber bleibt zumindest in Deutschland unerreicht. Woran es gelegen habe, dass aus dem 1:3 das 3:3 werden konnte, wurde Luca Toni zum Abschied gefragt. ‚Sempre avanti!’ Immer weiter. Es klappt nur in München. Aber dort klappt es in allen Sprachen.“

Und so sieht es einer aus der Bayern-Sekte.

Oliver Kahn hat sich in den Stunden nach dem Spiel auf allen Kanälen sein Glück von der Seele geredet. Über die Szene vor dem 3:3 sagt er: „Ich bin einfach nur gesprungen. Manche sagen Foul, andere nicht, ich kann es nicht beurteilen. Ich habe ja keine Erfahrung in solchen Situationen.“

Vorausblickend ordnet er die historische Bedeutung des Spiels ein: „Wir werden uns in zehn Jahren nicht über Barcelona und die Niederlage gegen Manchester United im Champions-League-Finale 1999 unterhalten, sondern über Getafe.“ Und wem das alles zu verdanken sei? „Der liebe Gott wollte es nicht, dass wir ausscheiden.“

Herrlich beleidigt flucht die spanische Zeitung As: „Diese Bayern sind die Alliierten der dunklen Seite des Fußballs.“

Freitag, 11. April 2008

Champions League

Erwartungen bei weitem übertroffen

Uneinheitliche Resümees über Schalkes Champions League 07/08 / Barcelonas Aus im Halbfinale wahrscheinlich (BLZ)

Roland Zorn (FAZ) fasst die Schalker Champions-League-Saison zusammen und kommt zu einem durchwachsenem Schluss: „Mit viel Arbeit und Zähigkeit, aber oft wenig Esprit konnten sich die Gelsenkirchener in dieser Liga der Stars zumindest lange erfolgreich behaupten. Stilprägend waren sie nie, doch durchsetzungsfähig sind sie inzwischen auch in Europa. Damit erinnerten die Schalker unter ungleich schwierigeren Bedingungen immer wieder an ihre meist unspektakuläre Erfolgsgeschichte in der Bundesliga, wo der Tabellenzweite oft genug beispielhaften Ergebnisfußball ohne weiteren Erinnerungswert produziert. Wer in sieben seiner zehn Partien kein Tor geschossen hat, hat hinlänglich bewiesen, wie widerstandsfähig er ist und wie schwer es anderen Teams fällt, gegen die Schalker Tore zu schießen.“

Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) gibt aufgrund der Umstände Schalke eine bessere Note: „Mit weniger Glanz, weniger Offensivschwung und weniger spielerischer Ideenvielfalt ist seit einer kleinen Ewigkeit kein Klub in die Runde der letzten acht Teams eingezogen. In zehn Spielen erzielte Schalke 04 unfassliche sechs Treffer, davon fünf gegen Rosenborg Trondheim. Die Effizienz ist angesichts des überschaubaren Aufwandes enorm. Wer einen Blick auf die Verpflichtungen der Schalker wirft, die maßgeblich aus Kickern wie Ivan Rakitic, Albert Streit und Jermaine Jones bestanden, der kann am Ende nur zum Schluss kommen, dass der Klub die Erwartungen bei weitem übertroffen hat. Ausgaben und Ertrag stehen in einem Verhältnis zueinander, wie es günstiger kaum sein könnte.“

Osterhaus’ Fazit in Sachen Champions League und deutsche Klubs lesen Sie hier.

Unerklärlich wie der Fußball selbst

Philipp Selldorf (SZ) begrüßt die nie neuen Ambitionen Schalkes: „Der sportliche Ehrgeiz der Gelsenkirchener Führungsleute nähert sich bereits den Ansprüchen der Oberschicht: Zwar hat ein Verein wie der FC Barcelona weiterhin höhere Erwartungen und bessere Aussichten auf die großen Titel, aber die Ruhrpott-Deutschen trauen sich jetzt auch ein neues Selbstverständnis zu, wozu sie sich auch durch die beiden Auftritte gegen den Stolz Kataloniens ermutigt fühlen.“

Und schickt eine Warnung hinterher: „An dem Vorhaben, sich ganz oben zu etablieren, sind schon andere Klubs gescheitert, der Nachbar Dortmund zum Beispiel auf Kosten seiner wirtschaftlichen Gesundheit. Aber wenn man einmal so weit gekommen ist wie Schalke in diesem Jahr, steckt man im Dilemma: Man will mehr davon, und man will es immer. Es wird schwierig und teuer, aber es gibt keine Alternative.“

Zorn kann die Zweifel am Trainer nicht verstehen: „Dass ‚auf’ Schalke die Ansprüche inzwischen turmhoch sind, weiß niemand besser als Mirko Slomka. Zweiter in der Bundesliga und erst im Viertelfinale der Champions League gescheitert, das ist doch was, sollte man denken. Trotzdem wird heftig spekuliert, dass sich die Wege von Klub und Coach zum Saisonende trennen werden. Das zu verstehen fiele nicht gerade leicht und wäre für manchen so unerklärlich wie der Fußball selbst.“

Über den Zenit

Ronald Reng (Berliner Zeitung) rückt nicht davon ab, dem FC Barcelona Degeneration zu bescheinigen und geringe Chancen im Halbfinale einzuräumen: „Selbst das Erreichen des Halbfinales war kein Grund, glücklich zu sein. Zu eindeutig dokumentierten sich Barças Probleme, zu tief haben sich Bitterkeit und Zorn in den Verein gefressen. 35 Spielminuten, in denen Schalke den FC Barcelona mit klugem Pressing sterblich aussehen ließ, reichten, um den Abend zu verderben. Eingehüllt in Untergangsstimmung, strebt Barcelona nach dem Champions-League-Triumph. Es gibt Beispiele, dass Teams diesen Pokal gewinnen können, die über ihren Zenit hinaus sind: Borussia Dortmund 1997, Real Madrid 1998. Aber die Wahrheit ist, dass das Unglaubliche auch in diesem Sport nur ein seltener Gast ist. Und so wie Schalkes Aus gegen Barça absehbar war, ist Barças Ende gegen Manchester United zu erwarten.“

Donnerstag, 10. April 2008

Champions League

Fußball auf diesem Level ist praktizierter Darwinismus

Im Viertelfinale setzen sich die reichen und starken Klubs aus Chelsea und Liverpool – und nicht das schöne Arsenal

Christian Eichler (FAZ) blickt, ästhetisch wenig angeregt, voraus auf das Halbfinale zwischen Liverpool und Chelsea, das zum dritten Mal stattfinden wird: „Hauptgrund für Arsenals Scheitern ist der zu dünne Kader, den Arsène Wenger nicht annähernd in dem Maße durch teure Transfers verstärkt hat, wie dies Liverpool und Chelsea seit Jahren tun. Beide hatten miserable Saisonstarts, Liverpool mit einem Punkt aus den ersten drei Gruppenspielen, Chelsea mit einem 1:1 gegen Trondheim, nach dem Trainer José Mourinho entlassen wurde. Nun aber stehen beide am Ende fast wie gewohnt im Halbfinale, und das mit Teams ohne großen Glanz, aber mit Kadern voll physischer und mentaler Stärke. Fußball auf diesem Level ist praktizierter Darwinismus. Wieder hat die zermürbende Mischung aus englischer und europäischer Liga nicht die Schönsten, sondern die Stärksten überleben lassen. Deren direkte Duelle versprechen nun den üblichen Nervenkrieg um die Frage, wer die erste kleine Schwäche zeigt. Ein Fußball-Feuerwerk ist nicht zu erwarten: In den bisherigen vier Halbfinalduellen der beiden Klubs fielen gerade mal zwei Tore.“

Sieger des Kopfballduells Crouch! Sieger des Kopfballduells Crouch! Seht den Imperator! Seht den Imperator! Seht den Meister! Seht, wohin er den Ball geschossen hat! Seht, wohin er ihn gelenkt hat! Seht, wo er gelandet ist! Seht, wo er ihn hingelegt hat! Seht, wo er ihn hin platziert hat, hin platziert, hin platziert! Der große Torres! Fernando, Fernando, Fernando!

Ballack glänzt bei Chelsea mit Stirn und Hirn

Raphael Honigstein (Financial Times Deutschland) inspiziert beim 2:0 gegen Fenerbahce Chelseas Artillerie und deren Streubreite: „Dieses Chelsea kann Meister und Champions-League-Sieger werden, aber wer mag einen Blick in die Glaskugel wagen, wenn schon die Gegenwart so schwer zu enträtseln ist? Zwei völlig unterschiedliche Spielhälften zeigte das Spiel, an dessen Ende ein Paradox blieb: Chelsea ist derzeit die anfälligste, konfuseste Ergebnismannschaft der Welt. Zu Beginn drückte scharfes Pressing den Türken die Klinge an den Hals; meist unpräzise, aber immer unheimlich wuchtige Angriffe stellten die physisch unterlegenen Gäste vor unlösbare Probleme. Chelsea ballerte wie die dicke Bertha drauflos – die schiere Anzahl und Größe der Geschosse machte den Gegner platt, die mangelnde Feinjustierung fiel so nicht ins Gewicht. Nach der Pause aber gewährte man Fenerbahce eine schleierhafte Feuerpause. Als die Fehlpassquote Kneipenliga-Niveau erreichte und Grant mit einem defensiven Wechsel Fener zu Angriffen ermunterte, flirteten die Gastgeber plötzlich mit dem Aus. Eine kalte Welle der Angst erfasste das Stadion. Äonen zurück liegt die Zeit, in der die Westlondoner mit nahezu maschineller Effizienz 1:0-Siege aneinanderreihten. Chelsea kann Spiele weder dominieren noch kontrollieren.“

Eichler hebt mit den englischen Zeitungen den Torschützen Michael Ballack hervor: „Der Liebling des Monats in London ist ein Deutscher. Von fast allen englischen Blättern wurde Michael Ballack zum besten Spieler, zum ‚Man of the Match’ erkoren. Lampard schwach, Terry blass, Drogba von eigenen Fans beschimpft: In einem spielerisch uninspirierten Team ist Ballack die Leitfigur der Stunde. Ballack glänzt bei Chelsea mit Stirn und Hirn.“

Über Arsenal, 2:4 in Liverpool unterlegen, schreibt er: „Zweimal hatte Arsenal wie der kommende Chelsea-Gegner ausgesehen: nach einer halbstündigen Demonstration von Kombinationsfußball zu Beginn, die zum 1:0 durch Diaby geführt hatte; und nach dem Traum-Solo des 19-jährigen Theo Walcott, der achtzig Meter und vier Gegner im Sprinttempo hinter sich ließ und Adebayor den Ball zum 2:2 perfekt servierte. Doch immer wieder kosteten Arsenal, seit Mitte Februar in der Krise, Unkonzentriertheiten in der Abwehr ihre Chance.“

Wie er sie umspielt, Walcott, Walcott, Theo Walcott! Junge, Junge, Junge, Junge! Allah! Allah! Allah! Wie er ausweicht! Wie er sie umspielt! Erst einen, dann den zweiten! Wie ein englischer Maradona! Er kämpft sich den Weg frei, englischer Diego Maradona! Ein wunderbarerer Pass! Hyypiä wollte foulen, Hyypiä! Unglaublich Sami, unglaublich Sami!

Shakespearescher Dramenstoff

Auch Wolfgang Hettfleisch (FR) sieht leidend erneut das Gute verlieren: „Unterm Strich steht, dass Arsenal mal wieder das große Ziel verpasst hat, die Champions League zu gewinnen. Wenger steht im zwölften Jahr auf der Kommandobrücke Dort wird er auch unangefochten bleiben. Er hat das Spiel der ‚Kanoniere’ revolutioniert. Auch half der von ihm verordnete, von technisch überdurchschnittlich begabten Spielern zelebrierte Hochgeschwindigkeitskombinationsfußball der Premier League auf dem Weg in Herzen und Brieftaschen. Doch Wengers vergebliche Versuche, den europäischen Thron zu erklimmen, taugen fast schon zum Shakespeareschen Dramenstoff. Kritiker seines Fußballtheaters könnten sagen, mit seiner romantischen Vorstellung vom ästhetisch perfekten Spiel sei er kühlen Taktikern wie Liverpool-Coach Rafael Benítez in entscheidenden Momenten nicht gewachsen.“

Danke an Rim Georges für die Übersetzungen des arabischen Video-Kommentars

Morgen lesen Sie hier Pressestimmen zu Barcelona–Schalke (1:0) und Manchester–Rom (1:0). Hier schon mal die Video-Höhepunkte:

Mittwoch, 9. April 2008

Champions League

Geht Slomkas Zeit in Schalke trotz guter Argumentationsbasis bald zu Ende?

Roland Zorn (FAZ) hat die Spatzen auf Schalker Dächern belauscht: „Die Vorzeichen für Trainer Mirko Slomka und seine Zukunft ‚auf’ Schalke stehen nicht günstig – trotz eines bis zum 30. Juni 2009 datierten Vertrages. Wie dieser Zeitung bekannt ist, gibt es aus höchsten Vereinskreisen konkrete Hinweise darauf, dass eine Trennung von dem erfolgreichen Coach angestrebt wird. Momentan ist Schalke in der Bundesliga die Nummer zwei – nach den wohl uneinholbar führenden Bayern. Keine schlechte Argumentationsbasis für Slomka, dessen Mannschaft jedoch zu selten einen Fußball spielt, der bei den Massen ankommt oder von den Kluboberen goutiert wird.“

SZ: Die Diskussion um Slomka macht es den Schalkern schwer, ihren Auftritt in Barcelona zu genießen

Die ewigen Richtwerte des Klubs

Paul Ingendaay (FAZ) porträtiert den Hoffnungsträger des FC Barcelona, Bojan Krkic: „Die spielerische Krise des Teams, der Autoritätsverlust von Trainer Rijkaard, die verbalen Ungeschicklichkeiten des Präsidenten Laporta, all das hat den Ruf nach einem Retter zum Chor anschwellen lassen. Was das Herz der Fans betrifft, ist ihnen ein katalanisches Eigengewächs natürlich am liebsten. Im Umfeld des Klubs bewundert man den freundlich lächelnden Stürmer, den sie nur Bojan nennen, schon seit seiner frühen Jugend. Egal in welcher Kategorie, er war stets der Jüngste und schoss immer die meisten Tore. Manchmal scheint es, als löcke er die Verteidiger absichtlich nach draußen, um für Barças bevorzugtes Spiel Platz zu schaffen: hochtourig, mit vielen Ballkontakten, Doppelpässen und raschen Positionswechseln. Beim Vollenden schließlich besitzt er eine Kaltschnäuzigkeit, für die es kaum Parallelen gibt.“

Ronald Reng (Berliner Zeitung) misst die enorme Sockelhöhe des Spielniveaus in Barcelona: „Gerade jetzt im Verfall wird deutlich, dass Barça anders als die meisten Teams auf Grundwerte zurückfallen kann, die gegen Teams der Reihe 1b wie Schalke weiterhin Siege erwarten lassen: Barça hat einen unverrückbaren Stil, das einzigartige Passspiel, und stilsichere Spieler aus dem eigenen Haus, die umgeben von der Dekadenz der Kollegen Ronaldinho oder Thierry Henry einfacher weiterfunktionieren. Es kann kein Zufall sein, dass all die Abziehbilderstars wie auch Deco oder Samuel Eto’o leiden und die, die Barça von Kind an selbst großzog, den Mindeststandard gewährleisten. Bojan Krkic, Leo Messi, der nach einem Muskelfaserriss als Einwechselspieler gegen Schalke zurückkehren will, aber vor allem die Mittelfeldkombo Andrés Iniesta und Xavi Hernández stehen für die ewigen Richtwerte des Klubs: das blitzende Passspiel, die exquisite Ballsicherheit, die taktische Kontrolle. Es ist die Identität des Klubs: passen und nachrücken, sodass der ballführende Spieler immer auf Dreieckslinien zwei Anspielpartner neben sich weiß. Stoppen jedoch können auch die besten Söhne den Verfall nicht. Iniesta und Xavi haben so viel, aber nicht die Fähigkeit Decos, den Rhythmus einer Partie zu dominieren. Die zweite Halbzeit auf Schalke, als Barça, nicht zum ersten Mal in diesen Wochen – wider das eigene Naturell – die Kontrolle abgab und sich sogar ins Zeitspiel flüchtete, offenbarte, dass sie nach jüngst vier Niederlagen in acht Spielen selbst nicht mehr restlos von sich überzeugt sind.“

Erfolge sind Erfolge des Teams, Niederlagen sind Niederlagen des Trainers

Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) hat am Weiterkommen Chelseas beim 2:0 gegen Fenerbache einiges auszusetzen: „Ihrem Spiel fehlte das überraschende Moment, die Eindimensionalität spricht nicht für das taktische Geschick des Trainers Avram Grant, der in England viele Kritiker hat. Immer wieder blitzte die Einfallslosigkeit gegenüber der gut gestaffelten türkischen Defensive durch, die von Trainer Zico auf alle Eventualitäten vorbereitet schien. Dass die Führung durch eine Standardsituation fiel, erscheint nur logisch, und im zweiten Durchgang ergaben sich fast alle Möglichkeiten der Engländer durch Konter. Dennoch geht Chelsea nicht als Außenseiter in die Runde der letzten vier Mannschaften: Mag Grant auch einer der umstrittensten Coaches sein, der in den letzten Jahren den Halbfinal erreicht hat, so ist mit seinem physisch beeindruckend präsenten Team doch immer zu rechnen.“

Christian Eichler (FAZ) ergänzt, dass Chelseas Trainer wenig gewinnen kann: „Als Roman Abramowitsch José Mourinho entließ, fragten sich viele Chelsea-Fans, in welchem Preisausschreiben der neue Trainer den Job gewonnen habe. Rund sieben Monate später ist Avram Grants Bilanz imposant. Doch an der Distanz des Fußvolks gegen den angeblichen Handlanger des Milliardärs hat sich nicht viel geändert. Wenn’s mal nicht läuft, rufen die Fans gleich nach Mourinho. Die Mechanik der Meinungsbildung geht so: Erfolge sind Erfolge des Teams, Niederlagen sind Niederlagen des Trainers.“

Die Tore, auch Ballacks großer Header, auf Video

NZZ-Bericht Liverpool–Arsenal (4:2)

Montag, 7. April 2008

Am Grünen Tisch

Strafrechtlich irrelevant, sportpolitisch von großer Bedeutung

Jens Weinreich (Neue Zürcher Zeitung) bringt uns in Sachen ISL-Prozess auf den neuesten Stand: „Präzise betrachtet, laufen zwei Verfahren ab: zum einen der Strafprozess gegen die ehemaligen ISL/ISMM-Gewaltigen, die sich seinerzeit als Herren des Universums fühlten und teilweise so benahmen. Zum anderen vollzieht sich eine Art moralische Reinigung, in deren Mittelpunkt das gerichtsfest dokumentierte, atemraubende Schmiergeldsystem steht. Die Rolle der Medien als vierter Gewalt rechtfertigt es, sich darauf zu konzentrieren. (…) Der Fokus auf dem Schmiergeldsystem ist schon deshalb wichtig, weil die Bestechung von Privatpersonen (als solche gelten hochrangige Sportfunktionäre aus IOK, Fifa, IAAF, Fina und anderen Verbänden), die über Jahrzehnte dieses Business dominierte (und vielleicht immer noch dominiert), im fraglichen Zeitraum nicht strafbar war. Es gibt also gar keine andere Instanz als die Medien, die diese skandalösen Vorgänge öffentlich machen können. Moralisch gehören die Sportfunktionäre, die sich schmieren ließen, mit auf die Anklagebank. Nur dann könnte es Aufklärung geben. Denn Korruption kennt nur einen Todfeind: Öffentlichkeit.“

In einem weiteren Text in der NZZ heißt es: „Ohne solche Schmiergelder – vor Gericht war von 138 Millionen Franken die Rede – wäre die ISL vermutlich nie zu ihren immer wieder erneuerten Verträgen gekommen. Und die Funktionäre aus den Reihen des Weltsports, auch der Fifa, hätten keinerlei Zusatzeinkommen generiert. Diese Schmiergeldzahlungen sind zwar strafrechtlich nicht relevant – sportpolitisch aber von großer Bedeutung; vor allem auch, weil sie ein System offen legen, das es offiziell nie gegeben hat und das immer wieder als Hirngespinst allzu kritischer Journalisten abgetan wurde. Dass der Strafprozess selber die Liste mit den Namen der Geldempfänger zutage fördert, ist zu bezweifeln – zumindest bisher war dies nicht der Fall. Interessant dürfte es aber alleweil werden – vor allem auch, weil die Fifa mit Hauptsitz in Zürich, die ursprünglich den Prozess gegen die sechs ehemaligen Manager der ISL angestoßen, später aber, aus welchen Gründen auch immer, wieder ihr Desinteresse erklärt hatte, von der Verteidigung zum Hauptschuldigen am zweitgrößten Konkursfall in der hiesigen Wirtschaftsgeschichte gestempelt wird.“

Bundesliga

In einer freien Gesellschaft nicht zu verhindern

Der 27. Spieltag: Die Ausschreitungen der Nürnberg-Fans beschäftigen die Presse, doch sie werden als Einzelfall bewertet; der VfB Stuttgart schleicht sich wieder nach oben; Schalke siegt unansehnlich; Wolfsburger Ambitionen

Jörg Hahn (FAZ) greift im Bundesliga-Kommentar am Montag die Krawalle der Nürnberger Fans auf: „Wenn man sich vor Augen hält, welche Bühne der Bundesliga-Fußball an jedem Spieltag auch denen auf den Rängen bietet, so ist es fast erstaunlich, dass in Deutschland seit Jahren so wenig passiert. Das spricht nicht zuletzt für eine gute Zusammenarbeit der Vereine, der Fanklubs und der Polizei. Alle haben dazugelernt. Und die neue Qualität der Stadien sorgt zusätzlich für Befriedung. Doch die Vorfälle in Frankfurt beweisen: Man wird sich immer mit einer latent explosiven Mischung auf den Tribünen auseinandersetzen müssen, gerade wenn es um Mitglieder der so genannten Ultras geht. Es wird wohl niemals einen Zeitpunkt geben, zu dem man sich beruhigt zurücklehnen könnte.“

Von den Nürnberger Profis hätte er sich mehr Distanzierung gewünscht: „So rührend ‚Club’-Präsident Michael A. Roth als lebende Eckfahne war, so verstörend wirkte das Dankeschön der Nürnberger Spieler nach der Partie an ihren Fanblock. Haben sie sich etwa dafür bedankt, dass nicht noch eine weitere Leuchtpatrone geflogen ist? Wäre ein Fernbleiben der Mannschaft an diesem Tag nicht das bessere, das notwendige Signal gewesen?“

Thomas Kilchenstein (FR) gibt zu bedenken: „Derlei Ausschreitungen sind in einer freien Gesellschaft nicht zu verhindern. Wer mit der Absicht in ein Stadion geht, das Spiel zu stören, wird immer Wege finden. Dies zu unterbinden, wäre nur möglich, indem all das eingeführt wird, was man nicht will und mit guten Gründen abgeschafft hat: Kontrollen wie am Flughafen, Zäune, womöglich Gräben, noch mehr Polizei, noch mehr Sicherheitskräfte.“

Kloimachen

Jürgen Löhle (taz) stellt fest, dass der VfB Stuttgart, 1:0-Sieger gegen Hamburg, seine Erfolgsstrategie wiederentdeckt hat: „Der Titel ist weg, aber die Champions League plötzlich wieder im Blick. Ein Fakt, über den Armin Veh am liebsten gar nicht reden würde. Der Mann aus Augsburg versucht es mit dem schwäbischen Weg des Hählinge[heimlich]-nach-oben-Schleichen. Nur nicht auffallen – so ist man schließlich auch Meister geworden. Die Perspektiven fürs Finale sind da. Aber Veh winkt ab: ‚Wissen Sie was‚ wenn wir Zweiter werden, dann höre ich auf – denn was soll ich dann noch erreichen?’ Da schau her, jetzt haben sie in etwas mehr als zwei Jahren aus dem Bayern Veh einen Gesinnungsschwaben gestrickt. Kloimachen gehört schließlich wie die Stadionflucht zu typischen Ritualen im Süden der Republik.“

Roland Zorn (FAZ) ergänzt: „So entspannt wie im Vorjahr, als niemand den VfB auf dem Meisterzettel hatte, scheinen Vehs Profis auch in dieser Saison das Feld von hinten aufrollen zu wollen. Die verloren geglaubte Frische ist zurückgekehrt, die Angst vorm Siegen längst verflogen, das Selbstwertgefühl wieder da.“

Ein bisschen tauschen

Stühlerücken im Schalker Sturm, doch am Bild und am Ergebnis (1:0 gegen Rostock) ändert sich nichts – Richard Leipold (FAZ): „In einer Disziplin ist der FC Schalke 04 derzeit nicht zu schlagen: Kein anderer Teilnehmer versteht es, in der Bundesliga mit so wenig Fußball so viel zu erreichen. (…) Neben Kevin Kuranyi bekam Gerald Asamoah zunächst einen Platz auf der Bank zugewiesen. In der Schlussphase durfte auch er die Arbeit wiederaufnehmen und Albert Streit ablösen. Zum ersten Mal von Beginn aufgeboten, gab er die Flanke zum Siegtor, darüber hinaus vermochte er das schwerfällige Schalker Schiff aber ebenso wenig flottzumachen wie auf dem anderen Flügel Vicente Sanchez, der zuweilen wirbelt, ohne den Gegner nachhaltig durcheinanderzubringen. Auch der Uruguayer musste seinen Dienst vorzeitig beenden – so kam selbst Peter Lövenkrands wieder ins Spiel, und Slomkas alte Combo im Angriff (Asamoah, Kuranyi, Lövenkrands) war wieder zusammen. Zurück zu den Wurzeln oder einfach nur ein bisschen tauschen, um dem Publikum ein wenig Abwechslung zu bieten? Slomka kann es, fürs Erste, egal sein. Wer dreizehn von fünfzehn möglichen Punkten geholt hat, muss manches richtig gemacht haben, auch wenn die Gegner schwach waren. Personalwechsel mit Rolle rückwärts und dann der Sprung auf den zweiten Platz. Ein bisschen was wurde also doch geboten ‚auf’ Schalke.“

Starker Mann siegt, siegt und siegt

Schon wieder gewonnen, 3:2 gegen Hannover – Tobias Schall (Stuttgarter Zeitung) bescheinigt Wolfsburgs Macher Felix Magath ganze Arbeit: „Keinen Stein hat er beim VfL Wolfsburg auf dem anderen gelassen, rund zwanzig neue Spieler geholt, dafür fast 40 Millionen Euro ausgegeben, im Betreuerstab unpopuläre Maßnahmen in der Stadt der Fließbänder am Fließband getroffen, dann auch noch den Stammtorhüter Simon Jentzsch demissioniert, kurzum: Felix Magath hat den VW-Club einer Generalüberholung unterzogen. Binnen neun Monaten hat er von der Idee über die Entwicklung bis hin zur Fertigung ein neues Erfolgsmodell entwickelt, das siegt und siegt und siegt. Der VfL ist das Team der Stunde. Mit vielem hat man gerechnet, nur damit nicht. Die Verwunderung ist groß gewesen, als Magath den Wechsel nach Wolfsburg bekanntgab. Er träumte doch von den großen Vereinen aus Italien, Spanien oder England. Doch in Niedersachsen boten sie ihm mehr als jeder andere Club der Welt je hätte bieten können: Macht. Trainer, Sportdirektor, Geschäftsführer – kein anderer Coach der Liga verfügt über ähnliche Kompetenzen, und manch einer seiner Kollegen schaut neidisch auf dieses im deutschen Fußball bisher einmalige Projekt mit dem Trainer als starkem Mann und nicht als schwächstem Glied.“

Bernd Müllender (Financial Times Deutschland) rückt unser Wolfsburg-Bild zurecht: „Wolfsburg, diese Langweiler, stöhnt der Stammtischfan. Dann gewinnt die Mannschaft den größten Aufreger des Spieltags 3:2 gegen Hannover, ein schieres Offensivspektakel mit Chancen im Minutentakt.“

Samstag, 5. April 2008

Allgemein

Bayer stürzt wie so oft, wenn’s drauf ankommt, Bayern debattiert lieber über Stilfragen

Pressestimmen zu den Viertelfinalhinspielen der deutschen Klubs

Klaus Hoeltzenbein (SZ) fällt beim 1:1 gegen Getafe dass den Bayern ein Spielmacher fehlt: „Wer sorgt – neben Ribérys anarchischen Tempodribblings – für die Regie? Wer sorgt für Tempowechsel, wer kann den Ball auch in des Gegners Hälfte behaupten, jetzt, da die Bayern wegen des Auswärtstores von Getafe aus der Position des Zurückliegenden starten? Fakt ist, dass direkt hinter den Stürmern, dort, wo beispielsweise Europas aktuelle Spitzenteams aus England dem Gegner heftig wie phantasievoll zusetzen, zuletzt oft ein freier, weiter Raum zu entdecken war. Zwischen Abwehr und Angriff öffnet sich eine kreative Kluft.“

Oliver Kahn sagte nach dem Spiel, der Ausgleichstreffer kurz vor Ende sei „eher ein Vorteil für uns, sonst hätten wir vielleicht nicht mehr hundert Prozent gegeben im Rückspiel.“ Nach verschuldeten Gegentoren im Europapokal hatte er auch schon mal angekündigt, das Rückspiel notfalls alleine zu gewinnen – ein Versprechen, das er übrigens nicht halten konnte.

Schlechter Stil

Elisabeth Schlammerl (FAZ) weiß, große Worte einzuschätzen: „Wer Kahn zuhörte, bekam beinahe den Eindruck, der Torhüter sei in der 90. Minute absichtlich im Strafraum ein bisschen umhergeirrt, damit den Spaniern dieser Tor-Triumph auch ja noch gelingen würde. So weit würde Kahn aber natürlich nicht gehen, und seine Geste nach dem 1:1 zeigte schon deutlich, wie sehr ihn dieser Treffer wurmte. Kahn hat den Ton in der Stunde vor Mitternacht angegeben, und alle stimmen fröhlich ein ins hohe Loblied auf die eigene Stärke. Das Ausgleichstor ist für die Bayern offensichtlich nicht mehr als eine kleine Panne auf dem Weg zum großen Triumph im Mai in Manchester. Die Bayern wirkten allesamt so, als ob sie gerade einen ersten Crash-Kurs beim künftigen Trainer Jürgen Klinsmann, dem stets positiv denkenden Schwaben, hinter sich hätten.“

Nun, so könnte man sagen, Kahn bestreitet ein Treffen mit Klinsmann; über dessen Anwesenheit im Stadion hat er seine eigene Meinung (Abendzeitung): „So etwas habe ich in meiner gesamten Karriere noch nie gehört oder erlebt, dass ein Trainer, der erst ab der kommenden Saison in der Verantwortung steht, schon in der laufenden Saison auf der Tribüne sitzt. Ich halte das für keinen guten Stil.“ Die er mit Und Lothar Matthäus teilt: „Ich würde so etwas unter Kollegen nicht machen. Damit hat er gegen einen Ehrenkodex verstoßen. Ich halte das für respektlos.“

Klinsmann in München – das könnte heiter werden.

Leverkusener Scheitern, ein ewig wiederkehrendes Phänomen

Und jährlich grüßt Bayern Leverkusen – Thomas Klemm (FAZ) fühlt sich beim 1:4 gegen Zenit St. Petersburg wie im Film: „Das aktuelle Drama mit dem Titel ‚Frühlings Erschlaffen’ ist auf der europäischen Bayer-Bühne gewissermaßen eine Wiederaufnahme aus der vergangenen Spielzeit. Fast auf den Tag genau ein Jahr zuvor hatten die Leverkusener ein ähnliches Trauerspiel im Uefa-Pokal erlebt, ebenfalls im Viertelfinalhinspiel, ebenfalls im eigenen Stadion: Beim damaligen 0:3 ließen sie sich von CA Osasuna auskontern. Der Geist der Mannschaft war zwar lernwillig, aber der Körper zu schwach, um den Tempomachern von Zenit zu folgen. Es ist nicht nur der eine oder andere Leverkusener Fußballprofi, der gerade eine glücklose Zeit durchmacht, es ist eine Krise des Kollektivs.“

Ulrich Hartmann (SZ) stimmt ein: „Ein Albtraum wie gegen Osasuna: früher Rückstand, offenes Messer, Blamage, chancenlos im Rückspiel. Die Schwäche erreicht den Klub zur ungünstigsten Zeit. Es geht in diesen Wochen um das Gelingen einer ganzen Spielzeit, und an genau diesem Druck droht die Mannschaft zu scheitern.“

Daniel Theweleit (taz) verliert Hoffnung und Geduld: „Es handelt sich um eine verheerende Dynamik, die sich da in Leverkusen ergeben hat. Der heftige Sturz lässt darauf schließen, dass niemand in Leverkusen reifer ist als vor einem Jahr oder vor zwei Jahren. Wie der Virus einer schlimmen Krankheit in einem Körper ohne Immunsystem hat sich die Formschwäche im Kader ausgebreitet. Vielleicht liegt die Wurzel des Übels gar nicht bei den Spielern, vielleicht steckt das Problem vielmehr irgendwo im Wesen dieses Klubs. Es ist ein ewig wiederkehrendes Phänomen, dass die Mannschaft ihre schlechten Phasen zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt nimmt – in den großen Momenten.“

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