Freitag, 4. April 2008
Champions League
Milliardärsklubs
Christian Eichler (FAZ) ordnet Istanbuls Sieg gegen London anhand der Solvenz beider Vereine ein: „Fenerbahce gegen Chelsea 2:1, das klingt immer noch, als schlüge Vestenbergsgreuth den FC Bayern, aber ganz so ist es nicht mehr. Denn Fenerbahce ist auch ein Milliardärsklub. Aziz Yildirim kommt zwar mit Roman Abramowitsch nicht ganz mit, doch für ein schönes Fußballteam reicht es. Der 55-jährige Bauunternehmer, der einer der reichsten Familien der Türkei entstammt und vor zehn Jahren Präsident wurde, soll seitdem mehr als 150 Millionen Euro in den Klub gesteckt haben. Schon träumen sie von einem orientalischen Märchen, wie es der globalisierte Fußball schreibt. Es heißt: Brazil am Bosporus. Trainer Zico hat die Fußballkultur seiner Heimat mitgebracht. Gegen Chelsea stellte er fünf brasilianische Landsleute auf sowie einen Chilenen und einen Uruguayer, die aus der brasilianischen Liga kamen. Dazu drei Türken und den Serben Kezman. Mit dieser Mischung haben sie im sechsten Heimspiel der Champions League den sechsten und unwahrscheinlichsten Sieg geschafft.“
Kampf der Stile
Raphael Honigstein (Financial Times Deutschland) bespricht das 1:1 zwischen Arsenal und Liverpool sehr angetan, fragt aber, was das Spiel mit England zu tun hat: „Seit seinem Amtsantritt hat man Fabio Capello auf der Insel nicht ohne verschränkte Arme und eiserne Stirnfalten erlebt, am Mittwoch aber schlenderte er vergnügt aus dem Emirates-Stadion. Er hat ein Viertelfinale erlebt, das den Herrschaftsanspruch der Premier League in Europa vehement untermauert. 1:1 lautet das trockene, der Partie nicht gerechte Ergebnis. Arsenal war in jedem Angriff um das Tor des Jahres bemüht, die intelligent verteidigenden Gäste aus Liverpool setzten eine Handvoll Konter voller Klarheit und Stringenz dagegen. Mit den 22 Spielern krachten gleich noch zwei ausgewachsene Fußballideologien aneinander. Und es knallte, richtig schön. Der FC Arsenal dominierte anfangs mit ansehnlichen Kombinationen, offenbarte aber mal wieder seine sprichwörtliche Fragilität. Ein bisschen ist das Spiel der ‚Gunners’ ja wie die gläserne Fassade des Stadions: ein gezielter Steinwurf, und schon geht alles zu Bruch. Der sonst so lustfeindliche ‚Don Fabio’ ließ sich vom Kampf der Stile beglücken. Oder war es in Wahrheit Fatalismus, der aus seinem Lächeln sprach? Das englisch-englische Duell hatte ja alles gezeigt – nur keine Engländer in Aktion. Ganze drei einheimische Kicker kamen unter dem Franzosen Arsène Wenger und dem Spanier Rafael Benítez zum Einsatz: Arsenals jugendlicher Flügelstürmer Theo Walcott, der aus der Nationalmannschaft zurückgetretene Verteidiger Jamie Carragher und sein Liverpooler Kollege Steven Gerrard.“
Donnerstag, 3. April 2008
Champions League
Kleinmut und die Null auf der falschen Seite
Schalke hat bei der Presse keinen Kredit und muss sich nach dem 0:1 gegen Barcelona einiges anhören, vor allem Kevin Kuranyi / Manchester siegt in Rom auf die italienische Tour
Philipp Selldorf (SZ) wurmt die Ängstlichkeit der Schalker: „Die Begegnung war als vereinshistorisches Ereignis stilisiert worden, aber dann geriet sie zum Höhepunkt königsblauer Peinlichkeit. Man erlebte den letzten Vertreter der Bundesliga, dessen Spieler vor ihrem Gegner erstarrten wie Vorschulkinder vor Pappfiguren in der Geisterbahn. Wegen der ungleichen spielerischen Standards stand ja einiges zu befürchten für die Hausherren, doch es kam viel, viel schlimmer: Schalke scheiterte nicht an Barcelonas fußballerischer Hochkultur, sondern am eigenen Kleinmut und demolierten Befinden. (…) Schalke muss sich darüber ärgern, eine tatsächlich vereinshistorische Chance weggeworfen zu haben, weil es diese schattenhafte Variante des großen FC Barcelona nicht besiegt hat.“
Roland Zorn (FAZ) räumt Schalke, im Gegensatz zu einigen Spielern, wenig Chancen im Rückspiel ein: „Tatsächlich spricht so gut wie alles gegen Schalke: Barça erweist sich wenigstens in dieser Champions-League-Runde als krisenfest und hat deshalb auch noch keine einzige Partie verloren. Schalke dagegen geizt mit Treffern wie niemand sonst aus dem Kreis der Viertelfinalisten: sechs Spiele mit der Null auf der falschen Seite, sechs Tore in neun Begegnungen, das ist eine Statistik der Dürre, die jenseits von Gelsenkirchen niemanden Angst macht. Für das Wiedersehen helfen also nur der Glaube an ein Fußball-Wunder, der unbedingte Wille zur Selbstbehauptung und vielleicht der Mut, auch einem Platzhirsch zunächst mal den ungewohnten Platz auf der Bank zuzumuten.“
Womit wir beim formschwachen Kevin Kuranyi wären, über den Selldorf schreibt: „Vor den Augen des Bundestrainers Joachim Löw hat er den Auftrag als Galionsfigur des Schalker Angriffs wieder nicht erfüllen können, sein Auftritt entwickelte sich zum Drama. Als Mirko Slomka den Nationalspieler nach einer Stunde vom Platz nahm, erschien das als markantes Zeichen. Aber es war keine symbolische Strafhandlung gegen einen derangierten Star, sondern die einzige Möglichkeit, den Unglücklichen vor dem Unmut des Publikums zu schützen.“
Andreas Morbach (Financial Times Deutschland) schmunzelt: „Zusätzlich erschwert wird die Herkulesaufgabe im Rückspiel durch den regelschwachen Halil Altintop, der prognostiziert: ‚Barcelona wird im Rückspiel ein Tor schießen – und dann müssen wir schon drei machen.’ Hoffnungsschimmer für Schalke: Dank der Europapokal-Arithmetik reichte in Barcelona schon ein 2:1-Sieg.“
Verkehrte Fußballwelt
Birgit Schönau (SZ) stellt beim 2:0 Manchesters in Rom den Vollzug eines Rollentauschs fest: „Früher spielten Männer wie Ronaldo selbstverständlich in Italien. Heute lässt sich die letzte verbliebene italienische Mannschaft in der Champions League von einem Spieler wie Ronaldo vorführen. Nicht widerstandslos, immerhin. Schließlich schauten von der Tribüne zwei Nationaltrainer zu, der Franzose Domenech und Italiens Donadoni. Aber von Mexès, Giuly, De Rossi oder Aquilani erwartet niemand, dass sie zum Fußballer des Jahres nominiert werden. Sie sind Außenseiter in der Edelklasse und versuchen, eine Chance zu nutzen, die sie nicht haben. In der zweiten Halbzeit hatte der AS Rom eine gute Handvoll fein herausgespielter Möglichkeiten, während Manchester sich auf jene Taktik zurückzog, die man traditionell den Italienern unterstellt – Catenaccio im Reinformat. In dieser verkehrten Fußballwelt, in der Manchester so phantasielos und zynisch auftrat wie weiland Juventus Turin, rackerten die Römer redlich und vergeblich.“
Cristiano Ronaldo , wie wir ihn noch nicht kannten: Beim 0:1 erweist er sich als Springwunder
Am Grünen Tisch
Vorwürfe mit neuer Qualität
Jens Weinreich (Berliner Zeitung) teilt beim ISL-Prozess in Zug mit, dass der Fifa-Präsident in den zwielichtigen Blickpunkt gerate: „Der Prozess hat eine spektakuläre Zuspitzung erfahren: Joseph Blatter wurde indirekt die Mitwisserschaft am sagenhaften Schmiergeldsystem der ISL/ISMM-Gruppe unterstellt. In seinem Plädoyer erklärte Rechtsanwalt Werner Würgler, dass der Fifa-Präsident seinen Mandanten Ende der neunziger Jahre aufgefordert habe, den Schmiergeldboten Jean-Marie Weber in seinen Positionen zu belassen. Andernfalls, so habe Blatter gedroht, ‚sei es um die ISL schlecht bestellt’. Blatter bestreitet jegliche Kenntnis. Die Vorwürfe haben jedoch eine neue Qualität. Zudem wird Blatter von den Verteidigern der Angeklagten als der Hauptschuldige am ISL-Konkurs hingestellt. Die Fifa habe die milliardenschweren TV- und Marketingverträge immer ohne Ausschreibung vergeben und ohne Angebote der ISL-Konkurrenz zu prüfen.“
Über den Grund der Stummheit der Zeugen kursieren verschiedene Deutungen: „Alle Angeklagten erklärten, dass allein Jean-Marie Weber, der sogar Millionenbeträge bar übergeben hat, alle Schmiergeldempfänger kennt. Weber aber wird schweigen und seine Geheimnisse mit ins Grab nehmen. Für Webers Haltung müsse man Verständnis haben, sagt Würgler. ‚Sein Schweigen hat ihn vor geschäftlichem und persönlichem Boykott bewahrt.’ Gerüchte besagen: Sein Schweigen hält ihn am Leben.“
NZZ: Die Verteidiger der sechs Beschuldigten im ISL-Prozess zerzausen die Anklage der Staatsanwaltschaft
BLZ-Interview mit Richard Pound, IOC-Mitglied und ehemaliger WADA-Chef, über den Prozess
Hier gibt es eine Audio-Version des ARD-Presseclubs vom letzten Sonntag zum Thema Peking mit Weinreich, Thomas Kistner u.a.
Allgemein
Getafe macht die Trainer groß, St. Petersburg liquide
Die Gegner Bayerns und Leverkusens im Portrait
Ralf Itzel (Berliner Zeitung) stellt uns und Franz Beckenbauer den FC Getafe vor: „Es ist eine Mischung aus gestandenen Profis wie Abbondanzieri, dem Schweizer Celestini oder dem Rumänen Contra und hungrigen Talenten wie dem Uruguayer Albin oder Rubén de la Red, einer Leihgabe von Real Madrid, soeben erstmals für Spaniens Nationalelf nominiert. Das Team wird geführt von einem aufstrebenden Trainer, der für anspruchsvollen Fußball steht: Michael Laudrup. Mittlerweile hat der Däne das Interesse bei Chelsea erregt, in einer Linie mit den Vorgängern Bernd Schuster oder Quique Sanchez Flores, der zum FC Valencia wechselte. Getafe macht die Trainer groß, nun ist auch das Team erwachsen. So hat der Verein mit den 12.000 Mitgliedern die Stadt bekannt gemacht. Die Getafenses sind stolz auf ihre Fußballer.“
Javier Cáceres (SZ) berichtet, dass Getafe alle Pessimisten widerlegt habe: „Alles deutete darauf hin, dass Getafe weit über die eigenen Grenzen gegangen war, als der Klub im vorigen Jahr, seinem dritten Erstligajahr überhaupt, unter Bernd Schuster das Pokalfinale erreichte und an den Uefa-Cup-Plätzen kratzte (für den laufenden Uefa-Cup qualifzierte sich Getafe als Nachrücker für Pokalsieger und Champions-League-Vertreter Sevilla). Doch nach jenem unguten Beginn hat Laudrup Schuster deutlich übertroffen. Getafe ist die einzige Mannschaft Spaniens, die in allen drei Wettbewerben noch vertreten ist, und sie spielt dazu noch einen ansehnlichen Fußball.“
Paul Ingendaay (FAZ) fügt hinzu: „Der Gründungsmythos des FC Getafe ist die Geschichte eines wahrgewordenen Traums, eines Sieges von David gegen Goliath. Ganz oben regelt der Unternehmer Ángel Torres die Angelegenheiten des Klubs, nun schon in der sechsten Saison. Sein Projekt ließe sich mit dem Satz umschreiben: ‚Mal sehen, wie weit wir kommen.’ Die Antwort: ziemlich weit. Die wichtigste Heldentat ist bereits geschafft, nämlich das vierte Jahr nacheinander mit Anstand in der höchsten spanischen Fußballklasse zu spielen, zurzeit auf Platz zwölf, mit gleichem Abstand zur Abstiegszone wie zu den Uefa-Pokal-Plätzen. Keine Kleinigkeit bei einem Jahresetat von 16 Millionen Euro.“
Bestmarken
Patrick Krull (Welt) bestaunt das Konto des Leverkusener Gegners Zenit St. Petersburg, der von Gasprom gesponsert wird: „An Geld wird der geplante Aufstieg zum europäischen Schwergewicht nicht scheitern, soviel ist schon jetzt abzusehen. Der aktuelle Etat liegt bei rund 40 Millionen Euro. Für diese Saison wurden zwar erst Transfers für 9,2 Millionen Euro getätigt, doch lag das in erster Linie an der Zurückhaltung des für seinen Kaufrausch schon zu Mönchengladbacher Zeiten berüchtigten Trainers Dick Advocaat. Weil die Saison Mitte März erst beginnt, haben es russische Klubs im Winter traditionell schwer, gute Spieler zu bekommen. Sie rüsten lieber im Sommer nach, und dann wird auch die zweite große Einkaufswelle der St. Petersburger erwartet. In der Spielzeit 2006/2007 etwa gab der Klub 41 Millionen Euro für Spieler aus. Die Zeit des Darbens wie noch ein paar Jahre zuvor, als die Transferausgaben mangels Liquidität gen Null tendieren mussten, waren da endgültig vorbei. Mittlerweile führt der Verein sämtliche Bestmarken an.“
Mittwoch, 2. April 2008
Internationaler Fußball
Perfekte Führungskraft vom Niederrhein
Neues Angebot, neuer Job in Zentralasien? Wolfgang Hettfleisch (FR) zieht Berti Vogts durch aserbaidschanischen Kakao: „Dass Fans, Spieler und Offizielle in Kuwait, Schottland oder Nigeria in Tränen ausgebrochen wären, als der stets ein bisschen linkisch auftretende Fußballlehrer vom Niederrhein wieder verschwunden war, ist zwar nicht wirklich überliefert. Seltsam, dass der Bewunderer von Altkanzler Helmut Kohl noch nicht im deutschen Top-Management gehandelt wird. Wie man Kasse macht, seine Ziele verfehlt und sich dann mit dem penetranten Hinweis verdrückt, es seien a.) die schwierigen Umstände, b.) die bösen Medien oder c.) alle, nur nicht man selbst schuld, weiß er ja ganz gut. Das müsste ihn hierzulande eigentlich zur perfekten Führungskraft machen. Doch irgendwas zieht dieses Musterbeispiel deutscher Eliteförderung immer wieder in die Fremde.“
Einen noch festeren Tritt hat Hettfleisch in petto: „Einst wurde er mit der deutschen Auswahl Europameister, auch wenn man inzwischen geneigt ist zu glauben, sie wurde es wohl eher mit ihm.“ Vielleicht ist der Titelgewinn 1996 ja eher ein Verdienst des damaligen Kapitäns und inoffiziellen Trainers. Will uns Hettfleisch das damit sagen? Ich fände Gefallen an dieser geschichtsrevisionistischen These. Aber in der Redaktion der Frankfurter Rundschau wird man mit Klinsmann-freundlichen Aussagen vermutlich nicht zum Mitarbeiter des Monats.
Ein Helfer, Retter, Beschützer – doch dankt man es ihm? Nein, Vogts wird nur blöd angekuckt
NZZ: Villarreal fordert die spanische Elite mit offensivem Elan
Champions League
Was Schalke fehlt
Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) schildert Barcelonas Widerlegung: „Aus Spanien war nichts Gutes zu hören gewesen. Das Imperium habe die alte Stärke vollends eingebüsst, drohe zum beliebigen Kontrahenten für die Gegnerschaft zu werden. Doch der FC Barcelona präsentierte sich nicht wie ein Krisen-Kandidat, obschon das Team ohne die Zauberfüße Ronaldinho, Deco und Messi angetreten war. Am Ende stand ein keineswegs unverdienter 1:0-Erfolg. Die zum Teil polemische Kritik nach der jüngsten Niederlage in Sevilla schien pures Stimulans für das Team gewesen zu sein.“
Daniel Theweleit (Spiegel Online) bemängelt die Schalker Angriffsarmut: „Schalke demonstrierte mal wieder anschaulich, was fehlt zu einer wirklich großen Mannschaft mit internationalem Format: Offensivkräfte mit Durchschlagskraft. Kevin Kuranyi, Halil Altintop und Gerald Asamoah, die drei gelernten Stürmer, wirkten maßlos überfordert mit der Enge des Raumes, mit der Geschicklichkeit ihrer Gegenspieler im Zweikampf, ihre Tricks wirkten bisweilen wie Täuschungsversuche naiver Teenager, die probieren, einen Großmeister der Kampfkunst mit Hinterhofkarate zu bedrängen.“
morgen mehr über dieses Spiel
Die Engländer sind die neuen Italiener
Christian Eichler (FAZ) klärt anlässlich des Viertelfinals die immense Entwicklung des englischen Vereinsfußballs in den letzten fünfzehn Jahren: „Stimmung und Stadien, Fans und Fairplay, diese Grundfesten des englischen Fußballs bleiben englisch: als Immobilie der Erfolgsliga. Doch der andere, der mobile Teil kommt aus dem Ausland: Spieler, Trainer, Investoren. Der europäische Erfolg der Engländer ist der Erfolg ihrer Europäisierung. Weil die runderneuerte Premier League der 90er Jahre ein zahlungskräftiges Publikum in die modernisierten Stadien lockte, kam Geld in die Kasse. Man holte dafür charismatische Ausländer wie Cantona oder Zola. Es entstand ein prickelnder Mix englischen Erbes – Einsatz, Tempo – mit europäischer Finesse. Dazu behoben Importtrainer wie Arsène Wenger den Rückstand in Taktik, Technik, professioneller Vorbereitung. Die Zeiten, da englische Teams leichte Opfer für clevere Gegner waren, gingen zu Ende. Die vier aktuellen Top-Klubs haben in ihren acht Achtelfinalspielen, gegen Teams wie Milan und Inter, insgesamt ein Gegentor zugelassen. Die Engländer sind die neuen Italiener.“
NZZ: Liverpool kommt nicht zur Ruhe – die amerikanischen Besitzer der „Reds“ endgültig zerstritten
Bayern und ManU nahe
Tobias Schächter (Berliner Zeitung) berichtet vom Anschub, den Fenerbahce Istanbul seit 1998 von seinem Präsidenten erhält: „Mit dem Duell gegen Chelsea sieht sich Aziz Yildirim seinem großen Ziel näher gekommen, den Klub zu einer Marke im Weltfußball zu etablieren. Vor zehn Jahren trat der Spross einer der reichsten Familien des Landes sein Amt an. Die Yildirims sind zu Reichtum gekommen, als die Türkei 1952 der Nato beitrat und die Familie beim Bau neuer Militärkomplexe mitmischte. Durch modernes Marketing, die erfolgreiche Merchandising-Abteilung Fenerium und den Ausbau des Sükrü-Saracoglu-Stadions hat Yildirim die Stadtrivalen Besiktas und Galatasaray wirtschaftlich abgehängt.“
Sven Flohr (Welt) ergänzt: „Von der Infrastruktur kann es der Klub jetzt schon annähernd mit Bayern München und Manchester United aufnehmen. Yildirim errichtete seinen Spielern ein modernes Trainingszentrum und baute seit Beginn seiner Amtszeit das Stadion von einer Bruchbude zu einer Fünf-Sterne-Arena aus. Im kommenden Jahr, wenn dort das Uefa-Cup-Endspiel stattfindet, wird sich die Kapazität von 20.000 auf 58.500 Plätze erhöht haben. Yildirim brachte Fenerbahce an die Börse, gründete einen vereinseigenen Fernsehsender und weitete die Merchandising-Aktivitäten aus. Mittlerweile gibt es die Fanshops ‚Fenerium’, auf der ganzen Welt – so in Berlin oder New York. Der Umsatz 2007 betrug 30 Millionen Dollar.“
Dienstag, 1. April 2008
Champions League
Liegt Ronaldinhos Problem tatsächlich im rechten Oberschenkel? Oder höher?
Vor dem Viertelfinalhinspiel in Schalke – weitere Abgesänge auf Barcelona und seine Stars; doch an der Favoritenrolle ändert das nichts
Das aktuelle Barcelona vor dem Ende? Ronald Reng (FR) sieht seinen Pessimismus durch die 2:3-Niederlage (nach 2:0-Führung) in Sevilla bestätigt: „Die Saison wird Barça wohl noch einige angenehme Abende schenken, womöglich schon bei Schalke 04, aber auf eine Auferstehung braucht niemand mehr zu warten. Wenn schon bald voller Nostalgie zurückgeblickt wird auf das Barça von Trainer Frank Rijkaard, dann wird man sich erinnern: Sevilla, eine Samstagnacht in einem baufälligen Stadion gegen ein biederes Team, zerfleddert von Betis‘ deutschem Nationalspieler David Odonkor, der vor allem sprinten kann – da ließ es sich nicht mehr übersehen, selbst mit dem Trikot überm Kopf nicht: Die Zeit dieser Elf läuft ab.“
Paul Ingendaay (FAZ) sieht ebenfalls wenige Anhaltspunkte, aus denen sich Hoffnung schöpfen lässt: „Eine rätselhafte Krankheit hat den FC Barcelona befallen: Obwohl weitgehend dieselben Spieler auf dem Platz stehen, die 2006 die Champions League holten, ist von der Magie des katalanischen Offensivfußballs nichts geblieben. Wie auf Verabredung haben die Stars der Mannschaft abgedankt und ihre Kameraden in eine kollektive Lethargie gerissen. Namen, die vor kurzem noch Ehrfurcht auslösten, sind innerhalb weniger Monate so peinlich geworden, dass man sie besser nicht mehr erwähnt. (…) Bleibt Bojan Krkic. So hoffnungsvoll es die Fans stimmen muss, einen hungrigen, unbekümmerten jungen Mann wie ihn dabeizuhaben, über die Verfassung der Mannschaft sagt das nichts Gutes. Denn sie hat weder Kopf noch Herz, noch Rumpf, und im Zweifelsfall befällt die führungslose Truppe eine solche Ängstlichkeit, dass sie sich jedem anvertrauen würde.“ Auf die Frage, wie das Problem zu lösen sei, fällt Ingendaay nichts unübliches ein: „Möglicherweise ist dieser psychologische Knick nur durch einen Trainerwechsel zu reparieren, auch wenn die Schar satter, motivationsloser Stars den größeren Anteil am Debakel dieser Saison trägt.“
Sehr lesenswert! Christian Eichler (FAS) beklagt Verhängnis und Niedergang des epochalen Ronaldinho: „Er hat den Fußball verwandelt. Mit Fußfegern, Hüftknicks, Tippkick-Toren. Auf dem Höhepunkt seines Ruhmes nahm man ihm sogar den digital manipulierten Werbefilm als Wahrheit ab, in dem er den Ball viermal von der Strafraumgrenze an die Latte knallt und ihn jedes Mal wieder aufnimmt und weiterjongliert. Ein solches Naturereignis wie Ronaldinho am Ball hatte man seit Maradona nicht gesehen. Und heute? Seine Tricks sind tausendfach kopiert und durchschaut. Es war, als hätten die Gegenspieler irgendwann den Ronaldinho-Code geknackt. Er kam nicht mehr vorbei. Seinem Ruhm tat das nichts. Sein Lächeln, seine Bewegungen hatten ihn längst zu etwas gemacht, das in der globalen Bilderflut rar geworden ist: einen festen, unverwechselbaren Teil des visuellen Gedächtnisses. Diesen virtuellen Ronaldinho gibt es immer noch. Bei Youtube, im Video-Spiel, im Kopf. Was aber ist aus dem echten Ronaldinho geworden? Ihn gibt es derzeit nicht mehr als Spieler, nur als Spielball: im großen 24-Stunden-Big-Brother-Container des neurotischen Medienfußballs.“
Auf Ursachensuche für Ronaldinhos schwache Knie tastet sich Eichler vor: „Liegt Ronaldinhos Problem tatsächlich im rechten Oberschenkel? Oder höher? Ist das Dilemma vielleicht ein ganz anderes: Ein Burn-Out-Syndrom? Ein Orientierungsverlust? Eine in brasilianischen Genen liegende Unmöglichkeit, das asketische Leben eines europäischen Fußball-Mönchs zu führen? Oder ist es die normale Lebenslust eines jungen Mannes auf dem Gipfel seiner finanziellen wie sexuellen Möglichkeiten? Oder vielleicht nur: eine Formkrise, wie sie jeder mal hat – nur eben bei ihm unter dem Medien-Mikroskop ins Riesenhafte vergrößert? Die Antwort bleibt vage. Doch es scheint, hier gehe etwas kaputt.“
Fremd
In der Berliner Zeitung legt Reng dar, dass und warum sich der Ex-Londoner Thierry Henry in Barcelona nicht zurechtfindet: „Barças Spiel ist nicht sein Spiel. Bei Arsenal hatte Henry als einsamer Stürmer die gesamte Breite des Angriffsdrittels für sich, um zu streunen, er konnte von der Mittellinie aufwärts seine Schnelligkeit ausspielen. Die gesamte Mannschaft spielte für ihn. Barça dagegen spielt mit drei Angreifern und zwei offensiven Mittelfeldspielern. Henry, derzeit als Flügelstürmer eingeteilt, kann selten zum Tor ziehen oder sich zurückfallen lassen; da ist überall schon ein Mitspieler. Jeder ist viel mehr auf seine Position festgelegt. Bewegung und freier Raum entstehen weniger durch Sprints als durch Passkombinationen. Henry ist sich nur zu bewusst, wie sehr er in diesem System fremdelt. Und so spielt er wie ein Fußballer, der ständig daran denkt, nichts falsch zu machen: Solche Spieler machen am Ende nicht einmal mehr das richtig, was sie mit Leichtigkeit konnten.“
Mit diesem Jungen werden es die Schalker heute zu tun bekommen
Krkic’ Tor letzte Woche in der spanischen U21 gegen Kasachstan
NZZ-Portrait Bojan Krkic
Ohne Phantasie
Philipp Selldorf (SZ) vermisst Schalker Ideengeber: „Der Siebenundzwanzig-Mann-Kader weist zehn Mittelfeldspielern auf, darunter fünf Neuzugänge, aber er enthält dennoch eine entscheidende Lücke. Mirko Slomka nannte sie beim Namen, als er beiläufig meinte, man ‚sollte jetzt nicht einer Nummer 10 nachtrauern’. Diese Nummer trug im Vorjahr der launenhafte Lincoln, der in die Türkei verkauft wurde, aus gutem Grund allerdings: Auf seine Loyalität konnte man nicht mehr vertrauen. Nicht Lincoln, aber einer wie Lincoln fehlt seitdem, das Element der Phantasie kommt im Schalker Spiel nicht mehr vor. Deshalb verzeichnet Schalke durch das Fehlen der verletzten Rakitic, Zé Roberto und Varela die schwerer wiegenden Verluste als der ohnehin eher am Rück- denn am Hinspiel interessierte FC Barcelona.“
NZZ: Alberto Aquilani, ein Talent des AS Rom auf der Standspur
Bundesliga
Freude am Fußball wieder gefunden
2:1 gegen Hertha – Ronny Blaschke (SZ) würdigt den Mut und den Erfolg des Cottbusser Trainers: „Sollte er besser als Spielkulturbeauftragter bezeichnet werden? Schließlich versucht Bojan Prasnikar seit mehr als einem halben Jahr mit der bekanntesten aller Cottbuser Traditionen zu brechen. Während andere Teams ihre Darbietungen mit einer Partie Schach vergleichen, spielten die Lausitzer Woche für Woche ‚Mensch ärgere dich nicht’. Das Patent darauf hatte in den neunziger Jahren der Drillmeister Eduard Geyer angemeldet, sein Schüler und späterer Nachfolger Petrik Sander verfeinerte das Hauruckprinzip. Und Prasnikar versucht nun das Gegenteil. Wer ihn gegen Hertha BSC beobachtet hat, erkannte die Leiden, die der Auftrag der Kultivierung mit sich bringt. Prasnikar schritt auf und ab, manchmal schüttelte er enttäuscht den Kopf, wenn einer seiner Spieler dem alten Muster verfiel, das darin bestand, den Ball Richtung Horizont zu schlagen und dem Glück zu vertrauen. Prasnikar, einst Stürmer, Nationaltrainer Sloweniens und mit NK Maribor in der Champions League vertreten, predigt seit Amtsantritt das offensive Kurzpassspiel. (…) Sie haben die Freude am Fußball wieder gefunden in Cottbus, und das nicht erst, seitdem sie vor zwei Wochen erstmals seit Monaten wieder die verbotene Zone verlassen durften.“
Der zweifache Torschütze und Ex-Eintracht-Profi Ervin Skela wird in der FR mit einer bemerkenswerten Mischung aus Selbstbewusstsein und Schmeichelei zitiert: „Das war der größte Fehler meines Lebens, alles wäre anders gelaufen, wenn ich in Frankfurt geblieben wäre. Dann würde ich heute zu den großen Mittelfeldspielern der Bundesliga zählen. Da bin ich mir zu einhundert Prozent sicher.“
Verhalten, überfordert
Beim 0:0 in Hannover – Jörg Marwedel (SZ) vermutet mangelnde Konzentration in Stuttgart: „Vielleicht wird der VfB Stuttgart in ein paar Monaten oder in einem Jahr das größte Geschäft der Vereinsgeschichte machen. Etwa dreißig Millionen Euro könnten es sein, wenn der schwäbische Spanier Mario Gomez dorthin geht, wo er einmal spielen möchte, nämlich bei einem spanischen Großklub. Am Sonntag war ein Beobachter von Real Madrid im Stadion. Was er sah, war allerdings nicht berühmt. Die beiden besten Chancen der Stuttgarter versiebte Gomez. Die 96-Fans riefen: ‚Gomez, wir warten.’ Der hämische Schlachtruf war einerseits ein Kompliment, zeigte aber auch, was nun auf Gomez zukommt. Er selber hatte unlängst seinen spanischen Masterplan verraten, nun muss er einstweilen mit den Folgen leben. Das größte deutsche Torjägertalent muss sich mit Schlagzeilen auseinandersetzen, mit denen ein 22-Jähriger normalerweise überfordert ist.“
Steigende Tendenz macht Marwedel ins Hannover aus: „Das Mittelklasse-Team Hannover 96 hatte das seit Wochen mit Abstand beste Spiel hingelegt und mehrmals die Chance, gegen die in der Offensive außergewöhnlich verhaltenen Stuttgarter das Siegtor zu erzielen. Zuletzt in der 87. Minute, als Vinicius’ Kopf wohl zu eckig war, um den Ball besser zu treffen. Neben dem aufgedrehten Kult-Stürmer Jiri Stajner bot insbesondere der im Winter als Abwehrchef geholte Valerien Ismäel seine bislang beste Partie für die Hannoveraner.“
Demontage
Ein weiterer kritischer Kommentar über die Trennung Bochums von Stefan Kuntz von Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung): „Verspielt Bochum mit der Demontage Kuntz‘ einen Teil seiner Zukunft? Der Manager hatte eine rasche Entwicklung durchlaufen. Seine Verpflichtung war nicht unumstritten gewesen. Wieder einmal ein Altegoer-Jünger, mahnten Skeptiker. Doch Kuntz emanzipierte sich von seinem Image mit guter Arbeit. Die Zusammenarbeit mit Koller funktionierte nicht immer reibungs-, aber geräuschlos. Kuntz verpflichtete den Griechen Gekas, der im letzten Jahr die Klasse mit seinen Treffern sicherte. Er fand im Slowaken Sestak einen hervorragenden Ersatz, nachdem Gekas zu Leverkusen gewechselt war. Er tätigte genau die Transfers, die ein finanziell schwacher Außenseiter braucht. Die Anhängerschaft ließ ihn hochleben, der Boulevard krönte ihn zum ‚Schnäppchenkönig’. Aber gefeiert werden, das musste Kuntz erkennen, dürfen in Bochum nach gutem Brauch nur drei Dinge: die vielen Wiederaufstiege des ‚Fahrstuhlvereins’, der Klassenerhalt – und die runden Geburtstage Altegoers.“
Montag, 31. März 2008
Bundesliga
Vom Herausforderer der Bayern zum Gejagten der Eintracht
Der 26. Spieltag: große Sorgen um den Liebling Werder Bremen; Hamburg nervös und gereizt; Eintracht Frankfurter, Sieger des Wochenendes und der Saison; Nürnberg rutscht gefällig ans Tabellenende; Dortmund, Mittelmaß und Durchschnitt; Schalke mit gewohnt schlechter Presse
Ralf Wiegand (SZ) befasst sich bang mit der Frage, ob Werder Bremen dauerhaft auf dem Weg nach Unten ist: „Bremen setzt voll auf Spektakel und gewann, ähnlich der Gladbacher Fohlen-Elf aus den siebziger Jahren, Sympathien im ganzen Land für so viel Stil. Anders als Serienmeister Gladbach fehlt Werder heute aber der Ertrag: Der letzte Titel liegt vier Jahre zurück. Seitdem bekam Werder Beifall, aber keinen Pokal mehr.“ Mit Blick auf diese Saison schreibt Wiegand: „Für Werder begann das Problem spätestens mit dem Aus in der Champions League. Von da an verschlechterte sich zum Beispiel Diegos Laune sichtbar. Wo er früher Fouls im Dutzend lächelnd wegsteckte, explodiert er inzwischen fast vor Wut. Die Champions League wird in Brasilien wahrgenommen, ein Rennen um Platz 3 bis 5, das Werder nun annehmen muss, ist für Diego ähnlich reizvoll wie eine Kittelschürzen-Modenschau der Landfrauen für Heidi Klum. Für ihn und alle Spieler mit höheren Zielen ist in dieser Saison faktisch nichts mehr zu gewinnen. Da braucht es zur Höchstleistung schon doppelten Ehrgeiz. Das neue Ziel zu akzeptieren, das Platz 3 oder wenigstens 5 heißt, dürfte den Launefußballern schwerer fallen als ein doppelter Doppelpass. Verfehlen sie es, werden sie in jener Währung bezahlt, die Gladbach seit den Siebzigern begleitet: Mitleid.“
Daniel Theweleit (Spiegel Online) bedauert, dass der Kurort Bremen seinen heilenden Charakter zu verlieren scheint: „Lange wirkte der Club wie eine Art Wunderklinik für schwierige Fußballspieler. Johan Micuod erlebte hier den Zenit seines Schaffens, Ailton spielte während vieler Monate wie ein Weltklassestürmer, und kantige Typen wie Boubacar Sanogo oder Aaron Hunt blühten in Bremen auf. Die Gruppe überstand die unschöne Trennung von Miroslav Klose ohne erkennbaren Schaden, und auch Diego ist ein Charakter, der nur unter besonderer Pflege seiner Umgebung so zauberhaft Fußball spielt, wie er es in Bremen oft tat. Diese leistungsfördernde Atmosphäre war ein zentraler Aspekt des Bremer Erfolges, die Pflege eines solchen Klimas gehört zu den Stärken des Trainers Schaaf. Diese Magie eines funktionierenden Kollektivs, das Merkwürdigkeiten und Sonderstellungen verkraftete, scheint jetzt plötzlich verloren gegangen zu sein.“
Sebastian Stiekel (FAZ) klopft Werder auf Herz und Nieren ab und trifft eine besorgte Diagnose: „Formkrisen hat es in Bremen immer wieder mal gegeben in den vergangenen vier Jahren, aber keine hielt so lange an, wie die jetzige es tut. Werder hat neben dem Aus im Uefa- und DFB-Pokalwettbewerb nur acht Punkte geholt in diesem Jahr und ist vom ersten Herausforderer des FC Bayern München zum Gejagten der Frankfurter Eintracht an der Tabellenschwelle zwischen Uefa- und UI-Cup-Platz mutiert. Die Krise droht einen hohen Preis zu kosten, und auch das unterscheidet sie von ihren Vorläufern. Denn Werder läuft Gefahr, zum ersten Mal seit 2004 die Champions League zu verpassen, die zuletzt so beständig Einnahmen und Prestige des Klubs gemehrt hat. (…) Die Hierarchie in Werders Kader wirkt längst nicht so stabil wie die der unmittelbaren Konkurrenz. In Hamburg etwa hört alles auf Frank Rost und Rafael van der Vaart, in Leverkusen ragen Bernd Schneider und Sergej Barbarez allein kraft Alters und Erfahrung heraus. In Bremen ist das Gefüge vergleichsweise fragil, auch weil diejenigen, die es anführen könnten, viel mit sich selbst zu tun haben. Diego? Ist seit der Winterpause außer Form, und niemand kann das kompensieren. Frings? Ist zwar ein Vorbild auf dem Platz, als Führungsfigur aber umstritten. Mit lauter Kritik an seinen Mitspielern trifft er zu häufig im richtigen Moment den falschen Ton. Baumann und Mertesacker sind nicht die Typen, die andere mitreißen, und von Tim Borowski ist in dieser Hinsicht auch nichts zu erwarten.“
Nerven gezeigt
Frank Heike (FAZ) schildert den Hamburger Stress beim und nach dem 1:1 gegen Bielefeld: „Nach Mathijsen und Kompany vor einer Woche ist Jarolim der dritte Hamburger, der innerhalb von kurzer Zeit verhaltensauffällig wurde und nun gesperrt wird. Der HSV hat ein Disziplinproblem wie in den schlimmsten Zeiten unter Thomas Doll. Ein anderer Konflikt war zuvor aufgebrochen: die HSV-Mannschaft versus Rafael van der Vaart. Bastian Reinhardt hatte van der Vaarts Laufschwäche thematisiert. Ausgerechnet der erfahrene Reinhardt! Er gilt ja als gute Seele des Teams. Die Kritik an van der Vaart ist natürlich auch eine späte Rache für dessen Flirt mit Valencia im Spätsommer 2007. Und sie kommt zu einem Zeitpunkt, zu dem nicht einmal Tore die schwachen Leistungen des müden und überspielten van der Vaart überdecken. Dass am Ende eines frustrierenden Nachmittags auch noch Huub Stevens seinen Pressesprecher Jörn Wolf in der Interviewzone roh zur Seite rempelte, weil dieser ihn auf ein weiteres TV-Interview hinwies, passte ins Bild: Beim HSV liegen die Nerven blank. Nicht nur, weil im Uefa-Pokal gegen Leverkusen und in der Bundesliga gegen Bielefeld und in Wolfsburg Big Points verschenkt wurden. Sondern auch, weil diese an sich gute und gefestigte Mannschaft nun merkt, dass sie etwas zu verlieren hat.“
FR: Schwalben-Jarolim packt zu
Soziale Kontraste weggegrätscht
Elisabeth Schlammerl (FAZ) lobt Nürnberg für das 1:1 gegen Bayern München, doch gibt er zu bedenken: „Den Nürnbergern könnte am Ende zum Verhängnis werden, dass sie ihre besten Auftritte in der Rückrunde gegen die beiden derzeit bestplatzierten Mannschaften hatten und nicht gegen die Mitkonkurrenten. Wie den Bayern hat der ‚Club’ auch dem Hamburger SV ein Remis abgetrotzt und gute Ansätze dabei gezeigt, im Duell mit Cottbus und Rostock allerdings auch nur einen Punkt geholt. Die Bayern durften sich trotz der schlappen Leistung als Sieger wähnen, weil der Vorsprung an der Tabellenspitze nach wie vor sieben Punkte beträgt und der Gewinn des 21. Meistertitels wieder ein bisschen näher rückt.“
Klaus Hoeltzenbein (SZ) sind keine Unterschiede augenfällig geworden: „Es war ein Derby, in dem in einem Knäuel im Mittelfeld die sozialen Kontraste weggegrätscht werden, und in dem vom puren Augenschein nicht abzuleiten ist, warum die gut gestaffelten Nürnberger ganz unten stehen und die Münchner so einsam oben.“
Defensivliebhaber mit Erfolg
Schon wieder gewonnen, 2:0 in Leverkusen, in Blickkontakt zu den Champions-League-Plätzen geschlichen – und doch sehr kleinlaut geblieben. Philipp Selldorf (SZ) leitet die Frankfurter Furcht vor Übermut mentalitätshistorisch her: „Der unvermutet gute Zwischenstand ist dem Verein natürlich willkommen, doch man kennt seine gefährliche Rauschwirkung in einer Fußball-Stadt, die des Erfolgs und der Geltung entwöhnt ist, als ob Jahre der Prohibition hinter ihr lägen. Die Beharrlichkeit Friedhelm Funkels und des Vorstands Heribert Bruchhagen verdiente daher fast so viel Bewunderung wie der stabile Widerstand, den die Frankfurter gegen eine schließlich nur noch ratlos angreifende Bayer-Elf leisteten. (…) Im Laufe der dreieinhalb Funkel-Jahre hat die Eintracht konstant an Solidität gewonnen, auch in Leverkusen hat sich das wieder erwiesen, wo der Mannschaft trotz etlicher Ausfälle ein verdienter Sieg gelang.“
Daniel Theweleit (Stuttgarter Zeitung) führt den Erfolg auf Defensivqualität zurück: „Gut möglich, dass die Eintracht sich tatsächlich im Bundesligamittelfeld um Clubs wie Borussia Dortmund oder Hannover 96 etabliert. Und vielleicht entwickelt sich Funkel auf dieser Grundlage zum legitimen Nachfolger von Huub Stevens. Zwar ist der Frankfurter Trainer weitaus umgänglicher, doch der Fußball, den die beiden Defensivliebhaber spielen lassen, ähnelt sich enorm. Wie erfolgreich dieser Stil sein kann, hat Stevens in seinen Bundesligajahren mit bemerkenswerter Konstanz vorgeführt.“
Unerfüllte Ambitionen
Tobias Schächter (SZ) vermisst Kreativität in Schalke: „Die Leistung von Mirko Slomkas Elf war der Beleg für die große Einfallslosigkeit in der Schalker Offensive, die in dieser Saison notorisch die solide Defensivarbeit übertrumpft. Das Spiel selbst zu machen, ist nicht die Sache von Slomkas Elf. Die Zusammensetzung des Mittelfeldes mit zwei zentralen Zerstörern (Jones und Ernst), dem gelernten Verteidiger Pander und dem gelernten Wurschtler Asamoah konnte in Karlsruhe die kreativen Ansprüche, die man an ein Mittelfeld einer deutschen Spitzenmannschaft mit europäischen Ambitionen stellt, schlicht nicht erfüllen.“
Mittelmäßigkeit
Richard Leipold (FAZ) lässt sich von sechs Toren nicht zu Schmeicheleien verleiten: „An manchen Tagen kann sogar Stillstand eine gewisse Dynamik hervorbringen, jedenfalls wenn Bochum und Dortmund gegeneinander antreten. Die beiden Reviernachbarn verkörpern in dieser Saison geballtes, gelegentlich unterhaltsames Mittelmaß. Frei von Abstiegssorgen, arbeiten sie ihren Marsch durchs Niemandsland der Bundesliga buchstäblich Punkt für Punkt ab, beide haben schon länger nicht gewonnen. Wer sich an vielen Treffern und vielen Pannen erfreuen kann, kam auf seine Kosten. Die Begeisterung von Trainern indes hält sich bei solchen Spielen in Grenzen.“
Freddie Röckenhaus (SZ) ergänzt: „Es hat sich beim BVB wohl als Notwehr gegen den frustrierenden Saisonverlauf eingebürgert, stets nur die eigenen positiven Leistungen ins Auge zu fassen, doch dass auch die eigenen Gegentore, nach bisweilen grotesken Fehlern, nun mal zum gleichen Spiel gehören und die Mittelmäßigkeit der Mannschaft prägen, wird offenbar in Dortmund systematisch verdrängt.“
Turbulenzen erwünscht
Roland Zorn (FAZ) analysiert das Straucheln der Spitzenteams: „Den Bayern, dem Hamburger SV, Schalke 04, Bayer Leverkusen oder Werder Bremen ist diese Woche mit personell eingeschränkten Trainingsmöglichkeiten in vertrauter Umgebung schlecht bekommen. Weitere Ursachen für die Punktverluste und Niederlagen der Ligaspitzen trugen zur Tagesbilanz des Missvergnügens bei: So steckt Werder seit Wochen in der Frischekrise und zahlt verspätet einen hohen Preis für die chronische Verletztenmisere in dieser Spielzeit; so lässt der HSV angesichts des bevorstehenden Abschieds seines Trainers Huub Stevens wieder etwas von der rüden Söldnermentalität aufblitzen, die Stevens‘ Vorgänger Thomas Doll unter anderem zum Verhängnis wurde; so ist der alte Wankelmut unters Bayer-Kreuz zurückgekehrt. Für Rechner, die an die Wiederkehr des Immergleichen glauben, war dieser Spieltag nichts. Doch vor Turbulenzen ist keine Liga der Welt gefeit.“
Tsp-Interview mit Dirk Huefnagels, dem Vorsitzenden der S 20, der Vereinigung der deutschen Fußballsponsoren: „Die Bundesliga muss ein Massenthema bleiben
Samstag, 29. März 2008
Bundesliga
Vorgeschmack
Erst wird vermeldet, dass Bayern unter Klinsmann nur noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainieren werde; dann, nach vielen verärgerten Reaktionen der Bayern-Fans und zwei Tagen Verspätung, beschwichtigt die Vereinsführung, es sei alles nicht so gemeint gewesen. Sebastian Krass (Berliner Zeitung) erkennt darin ein Wetterleuchten: „Der Kommunikationsunfall wird Schäden hinterlassen. Die Vorbehalte gegen Jürgen Klinsmann, der noch aus seiner Zeit als Spieler des FC Bayern bei vielen Fans einen Ruf als eiskalte egoistische Machtmaschine hat, sind gestärkt. Und auch das Verhältnis des Vereins zu seinen Anhängern hat nach der Schimpftirade des Uli Hoeneß im November einen neuen tiefen Kratzer abbekommen. Ein neuer Krisenherd ist eröffnet. Karl-Heinz Rummenigge sagt zwar: ‚Der FC Bayern ist und bleibt ein sehr familiärer Klub.’ Aber ein solcher Anspruch wird sich nur schwer mit der Denk- und Arbeitsweise Klinsmanns vereinen lassen. Die Aufregung war ein Vorgeschmack darauf, was dem FC Bayern bevorsteht, wenn die durch Klinsmann aufkommenden Konflikte nicht von einer Welle des Erfolgs hinweggespült werden.“
Wurzel bewahren
Thomas Kilchenstein (FR) warnt die Liga vor Abschottung: „Sind wir auch in der Bundesliga schon so weit, Fans einfach auszusperren? Die Tendenzen sind da. Fans sind vielerorts allenfalls als Geräuschkulisse in den supertollen neuen Arenen gewünscht, ansonsten machen sie Arbeit. Sicher müssen die mit Millionen-Etats jonglierenden Klubs seriös arbeiten können, sicher kann es die Konzentration stören, wenn 4.000 Kiebitze beim Training sind. Im Ernstfall aber, beim Spiel, ist es das Zehnfache. Und es stimmt: Der Spagat zwischen Volksnähe und Professionalität ist schwer. Aber er muss ausgehalten werden. Denn der Volkssport Nummer eins muss aufpassen, dass er seine Wurzeln nicht verliert. Aller Kommerzialisierung zum Trotz sind es die Anhänger, die den Fußball tragen.“
Welt: Für die Fans der Bundesligisten ist es eine Selbstverständlichkeit, den Trainingseinheiten der Klubs beizuwohnen; doch Bayern München, Werder Bremen und der HSV schränken den Zugang zum Training ein – wie ihre Vorbilder in Mailand und London
Chance auf Erfrischung vertan
Richard Leipold (FAZ) befasst sich kritisch mit den neuesten Querelen aus Bochum, der Trennung vom erfolgreichen Manager Stefan Kuntz: „Wenn es ein Machtkampf zwischen Kuntz und dem Aufsichtsrat war, wie vielfach kolportiert, ist er jetzt beendet. Wer ihn gewonnen hat, ist schwer zu beurteilen. Werner Altegoer, einer der letzten Vereinspatriarchen alter Schule im deutschen Berufsfußball, darf sich einerseits als Gewinner fühlen. Er bleibt, und wieder muss jemand gehen, der im Begriff stand, diesem allzu braven Traditionsverein zu mehr Frische zu verhelfen. Der Aufsichtsrat sucht nun einen Nachfolger, vermutlich einen, der möglichst devot und rasch verfügbar ist. Schon wird Peter Neururer gehandelt. Als Trainer steht Neururer für die erfolgreichste Bundesligasaison des VfL Bochum. Sein vielleicht noch größerer Vorzug liegt darin, dass er öffentlich wie kein anderer Altegoer als den Vater Bochumer Erfolge zu feiern weiß.“
Irre! Ein „Interview“ mit Altegoer auf calli-tv, das gerade die Runde macht:
Irre! Ein „Interview“ mit Altegoer auf calli-tv, das gerade die Runde macht
Tsp-Interview mit Dirk Huefnagels, dem Vorsitzenden der S 20, der Vereinigung der deutschen Fußballsponsoren: „Die Bundesliga muss ein Massenthema bleiben
Freitag, 28. März 2008
Internationaler Fußball
Anti-Ribéry
Christian Eichler (FAZ) schildert uns David Beckham bei seinem Jubiläumsspiel (0:1 in Frankreich) als Relikt: „Einem, der 99 Spiele gemacht hat, davon 58 als Kapitän, das 100. zu verweigern, wäre fast beleidigend. Und da Beckham stets ein höflicher Mensch und hilfsbereiter Kollege war, bestand kein Grund dazu. Dieser Anstandspflicht ist nun Genüge getan. Beckham tat, was er noch konnte. Es war nicht genug, um einen Auftritt Nummer 101 sehr wahrscheinlich zu machen. Die Feinheit des Fußes ist ihm geblieben, die Behendigkeit der Beine nicht. Wenn Beckham gute Bälle spielt, dann aus dem Stand. Er war ein Renner, als er noch in Manchester spielte; in Madrid und nun in Los Angeles ist der Society-Star des Fußballs zum Statiker geworden. Nie sah man das so deutlich wie im direkten Vergleich mit dem Dynamiker Franck Ribéry. Den sah Beckham immer nur an sich vorbeijagen. Der ‚Guardian’ fragte sich nach dem Spiel, ‚wie Bayern München den Coup geschafft hat, Ribéry zu holen’ – und nicht die Klubs in England, Spanien oder Italien. Die Antwort ist vielleicht: weil Ribéry kein Beckham ist; und weil zu viele im Fußball in den letzten Jahren von Glanz und Glamour geblendet waren. Ribéry ist der Anti-Beckham, und Beckham ist der Anti-Ribéry. Wo Beckham ist, ist die Show, aber er bewegt nichts mehr, erzwingt nichts mehr. Er spult seine typischen Aktionen nur noch herunter, als hätte er das im Vertrag stehen: fünf Flanken, drei Seitenwechsel, zwei Steilpässe. Sie sehen immer gut aus – und bringen nichts. Denn Beckham kommt kaum mehr in die Gefahrenzone in Strafraumhöhe, wofür Lauf- und Zweikampfstärke nötig wären.“
NZZ-Bericht Portugal–Griechenland (1:2)
Die Wiederauflage des EM-Eröffnungsspiels 2004
Der kuriose Holland-Sieg in Österreich
Deutsche Elf
Über die Schweiz hinweggebraust wie ein ICE
Der 4:0-Sieg in Basel wird in der Presse schnell abgehakt; doch Mario Gomez imponiert; Jens Lehmann wird ein fehlerfreies Spiel bescheinigt / Die freistoss-Leser kommen, was Lehmann betrifft, zu abweichenden Ergebnissen, verweisen auf die Schwäche des Gegners und lassen sich über das ZDF aus
Roland Zorn (FAZ) applaudiert: „Der letzte große Test vor der Europameisterschaft werde auch anderswo wahrgenommen, hat Michael Ballack vor dem imponierenden 4:0 über die Schweiz gesagt. Und das hat die Auswahl von Joachim Löw nun davon: Sie ist einer der großen Favoriten auf den Titelgewinn, brachte sie doch Test und Fest auf einen Nenner. Die Fähigkeit, dann, wenn es langsam darauf ankommt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, physische Vorteile, läuferische Vorzüge und kollektiven Zusammenhalt ausspielen zu können, leuchtete hell im St.-Jakob-Park, während die Gruppengegner gleichzeitig mehr Schwächen als Stärken demonstrierten.“
Ludger Schulze (SZ) knöpft sich streng die Verlierer vor: „Jakob Kuhn hat noch knapp drei Monate, bis er seinen Job an Ottmar Hitzfeld übergibt, und dieses Vierteljahr mag er sich als runden Abschluss einer respektablen Karriere vorgestellt haben. Daraus wird wohl nichts, denn Kuhn ist von seinen Fußballern in eine Situation gestürzt worden, die mit dem Begriff Krise nur schwach umschrieben ist. Das 0:4 gegen eine astronomisch überlegene deutsche Elf auf dem Rübenacker des Baseler St. Jakob-Stadions war eine Niederlage, die Züge einer Bankrotterklärung trug. Es war die vierte Pleite in Serie, und sie war deshalb so schmerzlich, weil sie deutlich machte, dass die Schweizer 72 Tage vor der EM im eigenen Land den Abstand zur europäischen Spitze keineswegs verringert haben, wie ihre exzellente Nachwuchsarbeit seit ein paar Jahren erwarten ließ. Im Gegenteil, die Lücke ist ein Krater geworden, jedenfalls im Vergleich zu den Deutschen, die über den Gastgeber hinwegbrausten wie ein ICE.“
Peter B. Birrer (Neue Zürcher Zeitung) schickt seine Landsmänner ins Trainingslager: „Die Landung der auch physisch unterlegenen Rot-Weißen war generell außerordentlich hart. Was können sie aus diesem Test an die Euro mitnehmen? Nichts Positives. Rein gar nichts. Und die Trainer müssen über die Bücher. Die Abwehr? Vier Gegentore. Das Mittelfeld? Kein Zusammenhalt. Der Sturm? Keine Durchsetzungskraft. Das System? Gescheitert. (…) Die Deutschen waren in allen Belangen besser und gewannen kein Tor zu hoch.“
Eine Frage der Präzision
Marko Schumacher (Stuttgarter Zeitung) klopft Mario Gomez auf seine breiten Schultern: „Gomez ist endgültig in der absoluten Spitze angekommen. Den ersten Treffer hat er vorbereitet, zwei andere erzielte er selbst, das eine mit links, das andere mit rechts. Es ist diese Sicherheit vor dem Tor, diese Selbstverständlichkeit, mit der er seit Monaten trifft und die ihn zu einer der vielversprechendsten [also meistversprechenden; die Red.] Sturmhoffnungen in Europa macht. Gomez hat die Antrittschnelligkeit eines Sprinters und die körperliche Robustheit eines Zehnkämpfers. Dass er trotz seiner Größe über eine bemerkenswerte Technik verfügt, macht ihn zu einem kompletten Angreifer. Nein, sagt er, er erhebe keinerlei Ansprüche auf einen Stammplatz bei der EM und sehe sich nicht gesetzt als zweiter Stürmer neben Miroslav Klose. Dabei lautet die Frage derzeit eher: Wer wird zweiter Stürmer neben Gomez sein?“
Philipp Selldorf (SZ) schaut sich Gomez’ Tore genau und genüsslich an: „Gomez hat plastisch bewiesen, warum er als besondere Ausnahme und erstklassiges Objekt an der Profibörse gilt: Beim 2:0 nimmt er das Zuspiel von Fritz sofort auf und setzt den Ball von jenseits des Strafraums schmucklos, aber zweckmäßig mitten ins Tor – da trafen sich Gespür und Geschwindigkeit. Beim 3:0 quert er die aufrückende Schweizer Deckung in deren Rücken, und dann läuft er, nach Podolskis ebenfalls schlauem Steilpass, aufs Tor zu. Es ist ein langer Weg, Gomez hat viel Zeit zu überlegen, üblicherweise werden Angreifer dadurch konfus. Gomez aber hat sich den Plan ausgedacht, bis zum letzten Moment mit dem Schuss zu warten, und schließlich lupft er den Ball ins kurze Eck. Gerade so, dass es reicht, was keine Frage von Glück, sondern nur von Präzision ist.“
Die Situation annehmen, wie sie ist
Jens Lehmann ist der zweite Spieler im Fokus der Presse – Jan Christian Müller (FR) rät dem 38-Jährigen, im Sommer das DFB-Trikot abzulegen: „Vor allem in der Causa Lehmann ist Löw, Lehmann-Kumpel Oliver Bierhoff und Torwarttrainer Andreas Köpke ein felsbrockenschwerer Stein vom Herzen gefallen, weil der kauzige Keeper sich diesmal keinen Bock geleistet hatte. Die prompt einsetzenden Lobpreisungen änderten freilich nichts daran, dass Lehmann seine besten Tage hinter sich hat und gut daran täte, nach der EM freiwillig seinen Rücktritt anzutreten. Bei strenger Einhaltung des Leistungsprinzips würde ohnehin schon jetzt René Adler das Tor hüten. An der Tauglichkeit des eigenwilligen Lehmann gab es freilich intern wegen seiner Erfahrung und seiner anerkannten Stellung in der Mannschaft nie ernsthafte Zweifel.“
Wer nicht spielt, macht auch keine Fehler – Michael Ashelm (FAZ) wartet mit einer besonderen Sicht auf Lehmanns Situation auf: „Richtig strecken musste sich Lehmann nur einmal, als Gygax aus der Ferne gefährlich aufs Tor zielte. Eine Partie ohne größere Aufregungen in der Abwehrarbeit hat gereicht, um die wankende Nummer 1 im deutschen Tor wieder zu stabilisieren, wobei das Faktum der fehlenden Spielpraxis unverändert auf dem Bewertungszettel stehenbleiben wird. Aber vielleicht könnte Lehmann genau diese Tatsache in den nächsten zwei Monaten zu etwas Luft zum Durchatmen verhelfen – und ihm sogar zum Vorteil gereichen. Denn der positive Eindruck von Basel bleibt vor dem Trainingslager Ende Mai in jedem Fall erhalten und kann nicht mehr durch Fehler oder Defizite auf dem Platz gefährdet werden. Die Nationalmannschaft bestreitet bis dahin keine Spiele, und bei Arsenal sieht es so aus, als bekäme Lehmann bis zum Saisonende keine Einsatzchance mehr. Sicher hätte der Torwart gerne einen anderen Verlauf, aber warum die Situation nicht so annehmen, wie sie ist?“
Auch die SZ will einen fehlerfreien Lehmann gesehen haben: Die aus seinem konfusen Auftritt gegen Österreich entstandenen Befürchtungen hat Lehmann für diesmal widerlegt, nicht aber die weit verbreitete Ansicht, wonach Torhüter häufig zu Verhaltensauffälligkeiten neigen. Beleidigt durch kritische Anmerkungen nach seinen Wiener Irrflügen hat der Arsenal-Ersatzkeeper einen Presseboykott für sich ganz alleine beschlossen.“
In der Einzelkritik fortfahrend heißt es: „Eine ungewöhnlich schwache Vorstellung hatte im Februar auch Per Mertesacker gegeben. Nun kommt er wieder in die Form der WM 2006; den Schweizer Angreifern ließ er kaum mehr als die Luft zum Atmen. Neben ihm beschränkte sich Heiko Westermann darauf, als zweiter Innenverteidiger Fehler zu vermeiden. Das gelang weitgehend.“ Und weiter: „Bastian Schweinsteiger konnte nicht recht erklären, weshalb er in das Team gehört.“
Kommunikationstraining
Post von Trainer Baade: „Lieber Köbi Kuhn, heutzutage ist es eigentlich nicht mehr üblich, dass man in proffessionellen Interviews als Fußballproffitrainer seine verständlicherweise getrübte Stimmung so natürlich und unverfälscht raushängen lässt wie Du im Interview beim ZDF. Frag mal den Jürgen Klinsmann bezüglich eines Kommunikationstrainings, wie man auch nach dem schlimmsten 0:4 nicht mit so brüchiger Stimme spricht und vor allem noch mit einem Grinsen herauskommt. Sehr wirksam, so ein Programm. Dann aber Obacht vor der lokalen Boulevardpresse und ihren fiesen Spitznamen.“
Gomez ist die Nummer eins im Sturm, und die Schweiz war kein Gegner
Nebenan sind die freistoss-Leser zum Schweiz-Spiel gefragt gewesen. Hier ist nun eine Auswahl ihrer Expertisen, zuerst die Spielerkritik: @ndr01d teilt uns im Detail mit, was Gomez so stark macht: „Neben der prototypischen Geradlinigkeit eines Mittelstürmers bringt Gomez auch das gewisse Plus an Spielintelligenz mit, wie sich zum Beispiel bei seinem Anti-Abseits-Verhalten zeigt. Jeder Fußballer weiß, dass der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten – Ball und Tor – die Gerade ist. Was aber ist der schnellste Weg? Die meisten Stürmer wie Verteidiger scheinen keine Antwort auf diese Frage zu kennen und verharren bis sich der Ball löst mehr oder weniger starr an der imaginären Demarkationslinie. Gomez verharrt nicht, sondern nimmt bereits im Seitwärtslaufen Fahrt auf. Im Moment der Ballabgabe schlägt er dann einen Haken in Richtung Tor und da er mit höherer Ausgangsgeschwindigkeit unterwegs ist – des Rätsels Lösung –, kann er in kürzerer Zeit mehr Strecke zurücklegen. Auf diese Weise ist er seinen trägen Kollegen oftmals den berühmten Schritt (im Kopf) voraus.“
Clubberer hingegen wirft ein: „Nichts gegen Gomez, aber die Berichterstatter, Experten und Kommentatoren müssten eigentlich schon gesehen haben, dass der Assist dem Schweizer Torhüter zustehen müsste. Gomez hat bei seiner – Flanke? Torschuss? – Hereingabe weder aufgeschaut noch damit rechnen können, dass die nächste Plattitüde zutrifft, nämlich dass ein Torjäger (Klose) eben dort stehen muss, wo auf Umwegen über den Torwart der Ball hinkommt.“
Klose fehlt die Arroganz Ballacks
Der Treter widerspricht: „Anscheinend haben alle beschlossen, das erste Tor Benaglio anzulasten. Ohne Schweizer oder Wolfsburg-Fan zu sein oder besondere Sympathien für ihn zu besitzen – was hat er eigentlich falsch gemacht? Ob es nun eine Flanke oder ein versuchter Torschuss von Gomez war – er steht im kurzen Eck, wo er hingehört. Der Ball ist scharf getreten aus relativ kurzer Entfernung: kein unhaltbarer, aber ein schwieriger Schuss für einen Torhüter. Lässt er den Ball passieren, kann Klose ihn sowieso verwerten. Also versucht Benaglio sein möglichstes, um ihn abzuwehren. Hat zwar nicht geklappt, aber einen echten Fehler konnte ich nicht erkennen.“
Chris96 schreibt: „Lehmann solide, wenn er gefordert wurde, erneute Unsicherheit bei Ecken, die offensichtlich aus Übermotivation entstanden. Eine Ecke am Elfmeterpunkt ist kein Torwart-Ball. Bastian Schweinsteiger auch gegen die Eidgenossen nur ein Schatten seiner WM-Form und zudem auch noch mit der dusseligen Würgeaktion. Einem Mike Hanke wurde zuletzt öffentlich für weniger die EM-Teilnahme abgesprochen. Gut, dass es Bernd Schneider gibt.“
Auch Los Holstos macht sich Sorgen um Schweinsteiger: „Er wirkt überdreht. Er will zu viel und macht deshalb Fehler. Die Leichtigkeit ist verloren, der Druck immens. Er scheint ihm nicht standhalten zu können. Nur selten kann er sich mal durchsetzen und seine Mitspieler einsetzen. Vielleicht wäre da ein Vereinswechsel nötig, um sich der Umklammerung der Münchner Presse zu entziehen. Zudem braucht er Spiele, Spiele, Spiele und das Vertrauen seines Trainers. In München ist das aktuell nicht der Fall, somit reicht es normal auch nicht für die Nationalelf!“
Felix Richter empfiehlt Miroslav Klose mehr Ichbezogenheit und stellt ihm seinen Kapitän entgegen: „Er war wieder da: der alte Miro Klose vom Blau-Weiß-Diedelkopf, der über den Platz schleicht als hätte er den Auftritt mit der Nationalmannschaft im Nutella-Gewinnspiel gewonnen. Besonders auffällig wird dies, wenn als Kontrastfigur Michael Ballack zur Verfügung steht: Auf der einen Seite ein selbst im ‚Torjubel’ noch gesenktes Haupt und die ständige Sorge um das Wohlergehen des Gegenspielers (besonders spektakulär die Entschuldigung im Fallen nach dem Foul, das zu Kloses Gelber Karte führte). Auf der anderen Seite eine stolzgeschwellte Brust, die selbst einen Tim Wiese vorm heimischen Solariums-LCD genießerisch mit der Zunge schnalzen lässt und um Small-Talk bemühte Gegner die an ebenjener Brust abprallen und keines Blickes gewürdigt werden. Arrogant mag dieses auf viele wirken aber genau diese ‚Arroganz’ ist es, die Ballack auch im Ausland interessant und erfolgreich gemacht hat, während Miro Klose den ganz großen Sprung wohl nie machen wird.“
Tja, Klose ist halt ein „Sozialstürmer“ (Béla Réthy). Wir fragen uns: Was ist eigentlich das Gegenstück zum Sozialstürmer? Der neoliberale Stürmer?
keizersosze betrachtet das Mittelfeld: „Mir hat in der ersten Halbzeit vor allem Ballack als Antreiber und ‚Seele’ des deutschen Spiels gefallen – und über seine Ballfertigkeit muss man nicht streiten. Hitzlsperger kam mir dagegen nicht so stark vor. Betrachtet man das gesamte Spiel, war allerdings die Klasse von Gomez am einprägsamsten. Unter normalen Umständen kommt Yogi Löw nun nicht mehr daran vorbei, ihn aufzustellen, ob nun mit Klose oder Poldi an seiner Seite.“
Schweizer Flagge: weißes Kreuz auf weißem Grund
ruppI1 ruft zur Ordnung: „Bitte alle um Entschuldigung, aber die Schweizer waren ja kein Gegner. Deswegen fällt es nicht auf, dass Ballack viele Ballverluste hatte und nach vorne bescheiden gespielt hat. Deswegen wird auch ein Mittelfeldspieler von bescheidenen Fähigkeiten wie Hitzlsperger gelobt. Schweini bringt noch nicht mal gegen die Schweiz was zustande und sollte tunlichst während der EM zu Hause bleiben oder in den Urlaub fahren (nicht: in den wohlverdienten Urlaub). Deswegen fällt auch nicht auf und wurde während des Spiels geflissentlich übergangen, dass Herr Lehmann fast einen Abschlag nach einem Rückpass vergeigt hätte, als ein Schweizer dazwischen ging und Lehmann nur Glück hatte. Diskutiert werden darf ja erst wieder nach der EM. Also für die EM wird es auch bei der gestern gezeigten Form lediglich für die Gruppenphase reichen, danach setzt’s Hiebe! Bisschen polemisch, ich weiß.“
Und Dieter Kroh hat keine Gegenwehr erkennen können: „Die Schweizer Flagge: weißes Kreuz auf weißem Grund!“
Kloppos messerscharfe Analyse
Der zweite beliebte Aspekt ist die Fernsehkritik. Chris96 beurteilt wohlwollend das ZDF-Team: „Das Dreigestirn Kerner, Klopp, Meier – wie immer gut gelaunt und zumeist auch unterhaltsam – hat seine Halbwertszeit noch nicht überschritten, im Gegensatz zur ARD-Konkurrenz Delling/Netzer. Béla Réthy gewohnt gut informiert, gewohnt redselig. Die ein oder andere Info und Floskel weniger würden seinen Kommentar von einem guten, zu einem sehr guten machen. Was macht Gomez zu einem ‚Torero aus Stuttgart’ Gesamtnote: ok?“
Thomas Ott lobt Klopp: „Wie immer war Jürgen Klopp die GEZ-Gebühren alleine Wert. Sollte er wirklich nach der EM beim ZDF aufhören, wäre es ein schmerzlicher Verlust. Urs Meier hingegen macht sich mehr und mehr lächerlich. Seine stets den Schiedsrichter verteidigenden Statements sind vorhersehbar, die Frisur die absolute Katastrophe.“ riovermelho fügt hinzu: „Kloppo besticht durch messerscharfe Analyse und zeigt mir immer wieder, warum er Trainer im Profifußball ist und ich nicht.“
Helginho ist schwache Recherche aufgefallen: „Zu Anfang der 2. Halbzeit meinte Béla Réthy, dass der Schweiz ein Leader fehle. Da kam mir wieder Johann Vogel in den Sinn – jener Vogel, den Jürgen Klopp im üblichen Pre-Match-Geplänkel zum Schwerverletzten redete, wobei ihm wiederum weder Herr Kerner noch der Meier-Urs widersprachen. In Wirklichkeit ist Vogel von Köbi Kuhn suspendiert worden.“ Von woki 04 lesen wir: „Die negativste Aussage des Fernsehreporters zur Einwechslung von Podolski: ‚De Prinz kütt.’“
Der soll kochen und gut!
Max fasst sich an die Stirn: „Urs Meier hält im Vorgespräch Köbi Kuhn für genial, weil er einmal einen rotgefährdeten Spieler ausgewechselt hat. Kriegt sich gar nicht mehr ein. Es ist eben doch alles relativ.“
arkadenfeuer hält’s nicht aus: „‚Tranquillo Barnetta, ist das 0:4 ein herber Rückschlag für die EM?’ Man sitzt vor dem Fernsehschirm und wartet sehnsüchtig auf den Moment, in dem ein mit strunzdummen Fragen dieses Kalibers belästigter Spieler mal dem Reporter sein Mikrofon entwindet und es diesem in den Verdauungstrakt einführt. Es ist schwer zu ertragen, so als Noch-nicht-Hirntoter.“
Dieter Kroh merkt man an, dass seine Ansprüche über die Jahre gesunken sind: „Zu Réhty: Als Arena- und Premiere-Geschädigter kann mich nichts mehr erschüttern. Insgesamt waren die Kommentare aber ertragenswert. Was will man mehr?“ Und zur Leistung des Moderators heißt es bei nedfuller: „Kerner ging noch nie und wird nie gehen. Der soll kochen und gut!“
Spiel Golf, Mann!
@ndr01d beschenkt uns mit einer sachlichen, fachlichen Analyse zur Bildregie: „Das Highlight der Regieleistung war wohl Schweinis Würgegriffszene kurz vor der Pause. Lange genug blieb die Kamera auf Schweini drauf und wurde dafür mit einem schönen Bild belohnt: Schweini ließ die Zunge raushängen wie ein hechelnder Hund. Das kam wie auf Bestellung, so als hätte man ihm eine Regieanweisung zugeflüstert: Mach mal die Hundenummer, Schweini! Zuletzt bleibt noch zu sagen: Verglichen mit dem stimmungslosen Kommentator gaben die Bildarbeiter eine lobenswerte Leistung ab. Nichts Spektakuläres aber eben solide. Regisseur Andreas Lauterbach und seine Kollegen haben ihre Sache gut gemacht. Ein Alpenpanorama zu Abwechslung wäre vielleicht schön gewesen.“
Ruud schlägt die Hände überm Kopf zusammen: „Unmittelbar nach einem kurzen Humpeln von Jansen wird dessen Fuß rangezoomt, und zum Beleg für diesen 1a-GEZ-Service blendet der Regisseur prompt seinen eigenen Namen ein. Meine Empfehlung zur Behebung dieser ‚mental-physischen’ Defizite: Spiel Golf, Mann!“
Frage an die Schwarmintelligenz der Netzfußballweisen
Und der eine Typ da gibt uns eine Hausaufgabe auf: „Abgesehen davon, dass der sonst ja eher als Schwiegermutterliebling aufgefallene Herr Metzelder den geneigten Zuschauer plötzlich mit Guevaraeskem Bartwuchs überraschte (Anflug einer Quarter-Life-Crisis mit angeschlossener symbolischer Rebellion? Dem blöden Schuster mit seinem arisch-autoritären Schnauzbart werd ich’s schon zeigen?), kannte das Spiel eigentlich nur einen wahren Höhepunkt, und das war die Direktannahme von Bastian Schweinsteiger nach einer Ecke von Thomas Hitzlsperger zu Beginn des Spiels, beim Spielstand von 0:0. Der Ball flog knapp übers Tor, aber, und hier die Frage an die Schwarmintelligenz der Netzfußballweisen und ihre unerschöpflichen Datenbanken: Wann hat man so etwas zum letzten Mal von einer deutschen Nationalmannschaft gesehen?“
Danke fürs Mitmachen. Hat Spaß gemacht. Ich hoffe, Ihnen auch. Demnächst vielleicht wieder mal. Hier können Sie über das Ergebnis diskutieren.
« spätere Artikel — frühere Artikel »