Donnerstag, 27. April 2006
Allgemein
Sind die Blauen erfolgreich, geht es Frankreich gut
Gerd Kröncke (SZ/Panorama) beschreibt die Beliebtheit Zinedine Zidanes in Frankreich, der seinen Rücktritt nach der WM angekündigt hat: „Geld ist nie sein Antrieb gewesen, deshalb blieb er auch frei von der Vulgarität eines David Beckham. Selbst für die Armen in Castellane, einem Problemviertel am Rande von Marseille, wo er unter Menschen maghrebinischer Herkunft aufgewachsen ist, wo er das Kicken gelernt hat, ist er noch immer der Held. Und nachdem der Armenpriester Abbé Pierre sich verbeten hat, in die Liste der beliebtesten Franzosen aufgenommen zu werden, wählen sie regelmäßig Zidane an die Spitze. Oder auch mal den vormaligen Tennisspieler Yannick Noah. Dabei ist Zizou weniger flamboyant, nicht einmal witzig. Seine ungebrochene Popularität muss wohl damit zusammenhängen, dass der Fußball auch in Frankreich nationale Religion ist. Wenn die ‚Blauen‘ erfolgreich sind, geht es der Nation gut. Nun, beim angekündigten Abschied, sind alle traurig. Nicht jede Generation hat einen Fußballer wie ihn spielen sehen. Dabei haben die Großen selten ihre Wurzeln in Frankreich. Michel Platini war Enkel italienischer Einwanderer, und in der Generation zuvor hatte Raymond Kopa neben dem französischen zunächst einen polnischen Pass. Keiner jedoch hat die Franzosen so verzaubert wie der Mann aus Marseille, der Sohn eines algerischen Vaters. (…) Nach dem Sieg im WM-Finale gegen Brasilien wäre Zidane von seinen Landsleuten, hätte er es nur gewollt, sofort in den Elysée gewählt worden. Sein Porträt wurde in jener Nacht des 12. Juli 1998 mit dem Slogan ‚Zidane, Président‘ auf den Triumphbogen projiziert. Danach schien Frankreich für ein paar Jahre mit sich im Reinen zu sein. Die Mannschaft war Black-blanc-beur, schwarz, weiß und maghrebinisch wie die Gesellschaft. Nicht erst seit dem Aufstand der Vorstädte hat sich gezeigt, dass dieser Frieden trügerisch war.“
Ein Nurejew auf Stollenschuhen
Christian Eichler (FAZ) hofft auf einen letzten, kleinen Höhepunkt des Vergötterten: „Bei der WM wird Zidane, der während des Turniers 34 Jahre alt wird, kaum noch an alte Frische und Klasse anknüpfen können. Aber vielleicht die WM-Blamage von 2002 ein wenig vergessen machen. Und vor allem mit einem großen Moment aufhören – und nicht mit dem kleinlichen Hickhack bei Real. Zidane war stets einer, der mit dem Ball am Fuß alles ändern konnte. Aber keiner, der mit Worten, Gesten oder autoritären Auftritten eine Elf oder gar einen Klub zu lenken verstand – er wollte es auch nie. Im französischen Team war der stille, höfliche Zidane die spielerische Leitfigur. Der innere Anführer war ein anderer, der ruppige Didier Deschamps. Auch die Aufgabe, Real Madrid wieder aus der Sackgasse des selbstgefälligen Starkultes zu führen, war nichts für ihn. Seit drei Jahren ist der berühmteste Klub der Welt ohne Titel, und Zidane mag nicht mehr. Geformt wurde er in einem jener Fußballinternate, die halb Europa nach dem französischen WM-Erfolg zu kopieren versuchte. Einen zweiten Zidane fand keiner. Einen, der in seinen großen Momenten die Anmutung der Schwerelosigkeit erreichte. Seine Übersicht, seine Pässe, seine Pirouetten. Zidane auf dem Gipfel, das war Ballett am Ball, ein Nurejew auf Stollenschuhen.“ Jan Christian Müller (FR) trauert: „Dass er die große Bühne bald verlassen wird, stimmt wehmütig. Zidane hat Fußball zur Kunst erhoben wie vor ihm zuletzt Diego Armando Maradona. Kein Mensch wusste je, was Zidane im nächsten Moment mit dem Ball am Fuß anstellen würde. Er hat Räume geöffnet, die der moderne Fußball mit seinen ausgeklügelten Defensivkonzepten für immer geschlossen zu haben glaubte.“
Champions League
Kein Torwart dirigiert eine Abwehr
Nach dem 0:0 Arsenals in Villareal und dem parierten Elfmeter – Ronald Reng (FR) hält Jens Lehmann, Deutschlands ehemalige Nummer 2, für überbewertet: „Wer Lehmann die acht Jahre lang zugesehen hat, wie er im Glauben, allein gegen die ganze Welt kämpfen zu müssen, gegen einige reale, aber gegen noch viel mehr eingebildete Widerstände anrannte, der bekam in Villarreal den Eindruck: Don Quijote kann die Windmühlen doch besiegen. Lehmann ist ein guter Torwart, gemessen an Erfahrung, Können und Form derzeit Deutschlands bester. Aber er wird nie ein Sepp Maier sein, ein Toni Schumacher; ein Oliver Kahn in der Form von 1999 bis 2002: Ein Torwart, der wie selbstverständlich Schüsse hält, die unhaltbar scheinen. Elfmeter zu halten, ist für Torhüter, Heldentum auf die schnelle Art zu erlangen. Der Unterschied ist der zwischen einem Sprinter, der die 100 Meter in 9,8 Sekunden läuft und einem, der sie in 10,0 bewältigt; der Unterschied zwischen absoluter Spitze und mit dabei in der Spitze. Lehmann hat weder die Sprungkraft noch die Reflexe für die Einmaligkeit. Vieles hat sich in der emotional diskutierten Torwartfrage der Nation verselbständigt, etwa die Ansicht, Lehmann sei ein so genannter moderner Torwart, der die Abwehr dirigiere. Kein Torwart dirigiert eine Abwehr – auch wenn es viele Torhüter selbst gerne glauben. Ein Torwart, der sich bei Fragen, wo sich die Verteidigung positionieren soll, zu sehr einmischt, nervt nur, wie Arsenals großartiger Abwehrorganisator Kolo Touré im Hinspiel gegen Villarreal zum Ausdruck brachte: Er schrie Lehmann an, endlich den Mund zu halten. Und was Lehmanns Drang angeht, den gesamten Strafraum zu seinem Revier zu machen: Er ist tatsächlich einer der besten bei Flanken, aber zu welchem Preis? Die besten Torhüter riskieren so viel wie nötig, so wenig wie möglich. Lehmann verzockte sich zweimal, als er aus dem Tor stürmte, wo er niemals an den Ball kommen konnte. Es war vergessen, als er den Elfmeter hielt.“
NZZ: Villarreal FC im Madrigal gegen Arsenal vom Glück verlassen
Sportliche Soirée
Felix Reidhaar (NZZ) genießt das 0:0 zwischen Barcelona und dem AC Mailand: „Die derzeit bestimmt besten, attraktivsten und beständigsten Vereinsmannschaften innert Wochenfrist im zweimaligen Vergleich, zuerst in der ‚Scala des Fussballs‘, gestern im monumentalen Camp Nou: Was begehrt das Herz des Fussballenthusiasten noch mehr? Die klare ‚Nacht‘ in der grössten Arena Europas reihte sich würdig in die paar hochstehenden Ausscheidungsspiele im Endstadium dieses Wettbewerbs – und dies trotz einem erneut torlos ausgegangenen Match. Es war ein aufwühlendes, spannendes, zuletzt dramatisches und ungemein schnelles, wechselvolles Spiel zwischen zwei Parteien mit zwar unterschiedlichen, aber beidseits in üppigem Mass vorhandenen Stärken, zwei vollkommen gleichwertigen Mannschaften. Eine sportliche Soirée, die gut zum Sommerbeginn passte, der Barceloner erstmals massenweise aus dem schweisstreibenden Strassen-Carré an die Strände in Hafennähe trieb. Milan war im Vergleich mit dem im Durchschnitt bedeutend jüngeren Barça-Team der Vorsprung an Erfahrung anzumerken, das Team schien ausgeglichener besetzt als der Widersacher und blieb bis zum Schlusspfiff gefährlich – den besseren Torchancen der Spanier zum Trotz. Jedenfalls hat der letztjährige Finalist dem Heimteam und seinem Publikum einigen Respekt abgerungen.“
Am Grünen Tisch
Mit der Fifa legt sich niemand an
Peter Ehrlich (FTD) beklagt die nicht-legitimierte Macht der Fifa in Deutschland im Jahr 2006: „Die Politik kuscht auf allen Ebenen seit vielen Jahren vor der Fifa und macht sich angesichts der Macht des Verbands und der Popularität der WM nur wenig Gedanken, ob Grundprinzipien des Staates in Frage gestellt werden. Gegen die Fifa gibt es keine nennenswerte Opposition, keiner will Spielverderber sein. Auch Mitarbeiter der Regierung empfinden die Fifa als äußerst undurchsichtige Organisation, nicht einmal Vergleiche mit der Mafia werden gescheut. Die Fifa ist keine internationale Organisation mit demokratischer Legitimation, sie ist aber auch kein Unternehmen, das irgendeiner nationalen Aufsicht unterliegt. Eine kritische Überprüfung ihrer Bilanz ist kaum möglich. Sie verwaltet Milliardeneinnahmen, aber wenn sich Einzelne daran bereichern, dürfte das in vielen Fällen nicht einmal strafbar sein. Die Fifa gehört zu den Nichtregierungsorganisationen, aber ihre Macht ist ungleich größer als die von Greenpeace oder Oxfam. Mit der Fifa legt sich niemand an, schon gar nicht, wer eine WM ausrichten will. Vor allem die Städte, in denen die Spiele stattfinden, wurden unter Druck gesetzt. Sie sollten für ein Umfeld sorgen, in dem sich die Fifa und ihre Sponsoren wohl fühlen. Wer immer für werbe- und veranstaltungsfreie Zonen rund um die Stadien das Wort ‚Bannmeile‘ in die Welt gesetzt hat – der Begriff zeigt sehr schön die Amtsanmaßung. Geschützt von staatlich bezahlter Polizei würde eine kaum legitimierte Organisation über Dinge bestimmen, für die sonst von Volksvertretern beaufsichtigte Ämter zuständig sind. (…) Trotzdem wird es die Fifa nicht schaffen, den Fußball im Kommerz untergehen zu lassen.“
Allgemein
Der Part des Bad Boy gehört immer mir
Frank Rost im Interview mit Christoph Biermann (SZ)
SZ: Seit dem Ende der Hinrunde haben Sie nicht mehr mit Journalisten gesprochen, was hat Sie schweigen lassen?
Rost: Für mich war Schweigen die einzige Möglichkeit, dem Klischee entgegenzuwirken, dass es um meine Person gibt.
SZ: Wie sieht dieses Klischee aus?
Rost: Fußball ist ein Theaterstück, da muss es auch den Bad Boy geben, und der Part gehört immer mir. Bei Frank Neubarth oder Jupp Heynckes wurde bereits der Eindruck erweckt, ich wäre gegen die Trainer, und bei der Entlassung von Ralf Rangnick gab es Bemerkungen in der Presse, dass ich ihn gemobbt hätte.
SZ: Waren Sie denn gegen Rangnick?
Rost: Darum geht es nicht, ich bin nicht entscheidend.
SZ: Täuscht der Eindruck, dass Sie mit ihrer Mannschaft mitunter unzufrieden sind?
Rost: Es gibt heutzutage doch kaum noch Mannschaften, die den Namen verdienen.
SZ: Auch nicht in Schalke?
Rost: Nein, da müssen wir uns nichts vormachen. Wir haben gute Einzelspieler, wenn sie den Druck durch Trainer und Management bekommen. Aber in England oder in Spanien sorgen immer wieder neue 18-Jährige für Druck auf die Etablierten, der fehlt bei uns. (…)
SZ: Stehen die unterschiedlichen Mentalitäten dem sportlichen Erfolg bei Schalke 04 im Wege?
Rost: Auch da gibt es in unserer Mannschaft verschiedene Ansichten. Die Frage bleibt, ob man mit vierzehn Nationen zusammenkommt. Beim FC Arsenal sieht man, dass es in einer englischen Mannschaft fast ohne Engländer geht, dort gibt es aber auch einen starken Trainer. Mirko Slomka hat diese Fähigkeit ebenfalls, aber er hat natürlich noch nicht den Kredit eines erfahrenen Cheftrainers. Also kommt es darauf an, dass ihn der Klub entsprechend unterstützt.
SZ: Sie geben sich sehr gradlinig.
Rost: Ich eiere bestimmt nicht herum.
SZ: Sie nennen es herumeiern, gibt es nicht auch die Kunst des Kompromisses?
Rost: Den Kompromiss gehe ich doch jeden Tag ein, obwohl andere nicht meine Einstellung zum Sport haben. Ich versuche, mit diesen Leuten Erfolg zu haben, obwohl sie einen anderen Umgang mit Fußball haben.
SZ: Sie klingen, als würden Sie eine erfolglose Saison bilanzieren?
Rost: In der Liga hatten wir jedenfalls nicht den Punch von innen, um diese Mistspiele gegen die einfachen Gegner zu gewinnen. Das muss man aber, weil man heute so viele Punkte braucht, um in die Champions League zu kommen wie früher, um Deutscher Meister zu werden. Wir können viel über Qualität und Inspiration reden, aber sie zeigt sich nur auf dem Platz. Da hat uns der unbedingte Wille gefehlt, und das ist enttäuschend, denn wir müssen dahin kommen, dass wir in solchen Spielen auch mal dreckig siegen, wie die Bayern es vormachen.
Mittwoch, 26. April 2006
Champions League
Diese Elf hat einen Trainer
Ronald Reng (FTD) macht die zurücknehmende Menschenführung Frank Rijkaards für den Erfolg und die Schönheit Barcelonas mitverantwortlich: „Ein Trainer dürfe nur ihr Wegweiser, nie der Protagonist sein. Das ist für einen Trainer eine überraschende Aussage; vor allem in Zeiten, in denen Kollegen wie José Mourinho vom FC Chelsea den Ruf festigten, Trainer seien die neuen Superstars und ihre Spieler Schachfiguren. Doch Rijkaard macht es auf seine Art und er, nicht Mourinho oder sonst ein großer Schachspieler, hat die komplette Elf geschaffen: Barça, das aus Schönheit Erfolg macht, geht mit der Gewissheit ins Rückspiel des Halbfinales, auch taktisch jeden Gegner ausmanövrieren zu können. Eine Elf, die auf die Magie von Ronaldinho, Deco und Samuel Eto‘o zurückgreifen kann, brauchte nicht mehr viel, aber doch diesen einen Impuls: Barcelonas neue Qualität, die Taktik variieren zu können, machte aus einer außergewöhnlich schönen eine unglaublich gute Elf. Die Freiheit der Spieler bleibt dabei Rijkaards Manifest. Sie dürfen und sollen ihrer Eingebung folgen. Aber in seinem dritten Jahr in Barcelona hat es Rijkaard geschafft, ihren Zauber in einen taktischen Rahmen zu stecken, ohne ihn zu zerquetschen. (…) Wenige Spitzentrainer trauen sich so menschlich mit ihren Spielern umzugehen wie Rijkaard. Die meisten glauben, es würde als Schwäche verstanden. Rijkaard stand bei der Meisterfeier 2005 vor 100.000 Fans, er sollte etwas sagen. Er sagte: ‚Diese Feier gehört den Spielern‘ und verbeugte sich vor ihnen, tief wie ein Japaner. Dann ging er und setzte sich abseits in die Dunkelheit, um seiner Elf das Scheinwerferlicht zu überlassen. Wer schlüssig und menschlich handelt, braucht keine Machtgesten. Er hat natürliche Autorität. Er weiht aufnahmewillige Spieler wie Deco einzeln in die Taktik ein; absichtlich vor den Augen theoriefauler Kollegen wie Ronaldinho und Eto‘o, die dann aus Eifersucht taktisch besonders bemüht spielen. Niemand kann mehr übersehen: Diese Elf hat einen Trainer.“
Projekt
„Mein Gott, schon wieder ein Holländer!“ Walter Haubrich (FAZ) schildert, wie Rijkaard die anfänglichen Bedenken der Fans gegen ihn, den Nachfolger seines unbeliebten Landsmanns Louis van Gaal, entkräftet hat: „Rijkaard hatte sich gleich zu Beginn seiner Trainerzeit durch ein konsequentes Offensivspiel bei den 110.000 Mitgliedern des FC Barcelona beliebt gemacht. Er sorgte sofort dafür, daß die Spiele wieder zu einem unterhaltsamen Spektakel wurden – doch nach der seit Jahrzehnten ersten Heimniederlage gegen Real Madrid mußte er kurz vor Weihnachten 2003 trotzdem um seinen Posten fürchten. Doch Vereinspräsident Laporta sah im Gegensatz zu seinen Vorgängern nicht mehr in Siegen gegen Real Madrid das höchste Ziel des katalanischen Fußballs. Er vertraute weiterhin in das Projekt Rijkaards, nach dem ein fürs Auge schöner Offensivfußball nach einiger Zeit auch Erfolge bringen kann. Und Rijkaard behielt recht. Derzeit gilt der FC Barcelona als das Team, das weltweit den schönsten Fußball spielt. Rijkaard nervt mit seiner langsamen Sprechweise viele spanische Fernsehzuschauer, hat allerdings mit seiner bedächtigen und ausgeglichenen Art Ruhe unter die Spieler des FC Barcelona gebracht. Selbst die Rotation in den Aufstellungen während der langen Spielzeit mit drei Wettbewerben wird akzeptiert. (…) Auf längere Frist schließt Rijkaard dagegen nicht aus, noch einmal die holländische Nationalmannschaft zu trainieren, die er von 1998 bis zur EM 2000 schon einmal betreut hatte. Auf den Ramblas werden sie dann einem vielleicht hinterhertrauern, den sie erst gar nicht haben wollten.“
Alle gegen den Tänzer
Wie wird der AC Mailand heute Barcelonas Ronaldinho entzaubern wollen, Oliver Meiler (BLZ)? „Zur Maximalisierung der Gewinnchancen wird sich Milan in der Minimalisierung des Spielraums eines Phänomens versuchen. Alles dreht sich um Ronaldinho, das Genie des FC Barcelona, diese inkarnierte Freude am Ball, um diesen herrlich leichtfüßigen Tänzer, der mit einer schnellen Drehung und einem chirurgisch präzisen, halbhohen Pass in die Tiefe durch die gesamte Mailänder Hintermannschaft das Hinspiel 1:0 für Barça entschied und ein Lächeln nachschickte. ‚Steckt ihn in einen Käfig!‘, titelte die Turiner Zeitung La Stampa. Die Idee vom Käfig stammt von Carlo Ancelotti. Er will den Brasilianer nicht nur per Manndeckung bewachen lassen, weil man dazu nicht fähig sei und weil das allein nichts bringe. Ancelotti will ihn auf Barcelonas linker Angriffsseite in ein Netz verstricken. Und so, mit dem gebotenen Alarmismus, beschreibt es die Gazzetta dello Sport: ‚Es wird ein Netz von Männern und Antizipationen sein, von Aufpassern, zurückeroberten Bällen und gegenseitigem Beistand.‘ Alle gegen ihn, gegen den Tänzer.“ Peter Hartmann (NZZ) berichtet das Comeback zweier Mailänder Opportunisten: „Mit der Rückkehr Filippo Inzaghis verfügt Milan wieder über seinen intriganten Strafraum-Piraten an der Seite Andrej Schewtschenkos – die beiden sind mit zusammen über 100 Toren das abgebrühteste, erfolgreichste Stürmer-Duo der Champions League. Auch für den Besitzer steht viel Prestige auf dem Spiel. Silvio Berlusconi könnte nach einem erfolgreichen europäischen Auftritt seiner Gladiatoren, die in der Meisterschaft nur noch drei Punkte hinter Juventus zurückliegen, in die Rolle des populistischen Fussball-Stammesführers zurückkehren: vom abgewählten Ministerpräsidenten Italiens zum ‚presidente‘ seiner AC Milan. Es wäre das symbolische Eingeständnis seiner Niederlage, verbrämt mit einer triumphalen Geste. Der Padrone weiss: An einem solchen Abend sind die italienischen Kirchturmkriege vergessen, in der spanischen Gefahr steht das ganze Land hinter Milan, hinter Berlusconi, an den Berlusconi-Bildschirmen.“
NZZ: Die Gunners mit Glück im Final
NZZ: Zidane erklärt seinen Rücktritt
BLZ-Interview mit Alexandre Guimarães, dem Nationaltrainer Costa Ricas
Ball und Buchstabe
Utopie
Peter Unfried (taz) runzelt die Stirn ob der Empörung einiger Journalisten und Offiziellen über die vielen Provokationen vieler Bundesliga-Profis auf dem Spielfeld: „Wir brauchen den totalen Überwachungsstaat. Erst wenn Kameras jede Bewegung der Bürger live verfolgen und damit zu jeder Sekunde Beweismittel gegen sie liefern können, wird diese Welt wieder gut sein. Das ist die Logik, die im Moment im Fußball angewandt wird, wo ehrlich empörte Liebhaber des Spiels mal wieder das mangelnde Fairplay seiner Protagonisten beklagen. (…) Man muss sicher jede gesellschaftliche Bewegung unterstützen, die sich Utopien bewahrt hat. Es ist allerdings so, dass man in den armen Fußball traditionell ein bisschen viel projiziert. Und je näher die WM rückt, desto höher werden die Ansprüche. Sicher ist es nicht originell, darauf hinzuweisen, dass der Fußball ‚ein Spiegelbild der Gesellschaft‘ sei, wie es in solchen Fällen gern getan wird. Aber man wird sagen dürfen, dass die Degenerierung von Werten in der Gesellschaft nicht dem Fußball angelastet werden kann. Und man wird sagen dürfen, dass die Beschwörung von ‚Ethik‘ und ‚Moral‘ durch Oliver Bierhoff genauso viel wert sind wie seine Beschwörung von Bitburger Bier.“
Am Grünen Tisch
WM mit Fifa-Behinderung
Sehr lesenswert! Thomas Kistner (SZ) leitet das belastete Verhältnis zwischen dem Fifa-Präsidenten Joseph Blatter und Deutschland her: „Vorm WM-Anpfiff bahnt sich eine Zerreißprobe an. Beckenbauer und Blatter sind einander so zugetan wie Platzhirsche mit verkeilten Geweihen, es geht um alles: Wer kriegt ihn denn, den schönsten Platz an der Sonne? Der Sepp, der sogar die Allianz Arena umbauen ließ, damit sein Thron beim Eröffnungsspiel nach Cäsaren-Art auf Höhe der Mittellinie steht, oder Kaiser Franz, der zwar weniger bedeutende Ämter hat, aber deutlich höhere Sympathiewerte bei den Massen? Es dauerte Jahre, bis Beckenbauer Blatters Machtspiele durchschaute. Der hatte ihm einst sogar die Thronfolge in Aussicht gestellt; so sichert man sich Wohlverhalten. Nach seiner Wiederwahl 2002 ließ Blatter dann flott den Wahlmodus ändern: Anstatt wie bisher am Vorabend einer WM, wird nun im Jahr darauf gewählt. Das verhindert, dass im Juni in München ein neuer Fifa-Boss gekürt werden könnte – zum Beispiel ein Schwergewicht namens Beckenbauer, das sich in seiner Heimatstadt, aufgewertet durch die Rolle des WM-Gastgebers, zum Kandidaten aufschwingt. Dass Beckenbauer reges Interesse am Fifa-Hochamt hegte, sprach sich zum Europaverband Uefa herum, dessen Präsident, der Schwede Lennart Johansson, ihm 2005 ebenfalls die Nachfolge anbot. Beckenbauer flirtete auch mit diesem Amt, nun aber hat er offenbar genug von den Funktionären. Als Verbandschef müsste er ja auch seine einträglichen Werbegeschäfte aufgeben. Blatter aber witterte nicht nur in Beckenbauer einen gefährlichen Rivalen. An den Deutschen reibt sich der Schweizer besonders gern, die haben ihm schon viel Ärger beschert. Nicht nur wegen Leo Kirch, dem er einst die WM-Vemarktungsrechte für 2002/2006 zuschusterte und der dann mit seinem Bankrott 2002 auch die Fifa ins Trudeln brachte. Dazu kommt persönliches. Für die WM 1998, als Fifa-Pate Joao Havelange endlich abdankte und die Uefa dessen Adlatus verhindern wollte, war DFB-Chef Egidius Braun der starke Mann hinter Johansson, der gegen Blatter kandidierte. Nach der korruptionsumwitterten Wahl in Paris beklagte Braun offen ‚Blatters schmutziges Spiel‘. Der wiederum musste nun sein Wahlversprechen an Afrikas Delegierte einlösen: Er hatte ihnen die WM 2006 in Südafrika in Aussicht gestellt. So wurde das Votum zum Rückspiel für die Europäer um Braun und Johansson, die sich nicht noch einmal austricksen lassen und unbedingt die WM nach Deutschland holen wollten. Acht der zwölf Stimmen für die DFB-Bewerbung kamen aus Europa. Was nebenbei auch das blühende Medienmärchen widerlegt, dass Beckenbauer die WM geholt habe: Für die Voten aus Europa war er gar nicht zuständig.
Wieder hatten die Deutschen Blatter ins Handwerk gefunkt. Aber nun hatte er selbst den Hebel in der Hand: Der Fifa gehört die WM, im Marketing zog sie die Stellschrauben so stark an, dass das Land, die WM-Städte und das WM-OK selbst über den Regulierungswahn stöhnen. Doch das OK kuschte weiter, und die Fifa, die für sich und ihre Partner in Deutschland Befreiung von allen Steuern sowie von Visa-, Zoll- und Arbeitsbestimmungen herausschlug, wurde immer dreister. Der Verdacht, dass im WM-Land manches auch nur deshalb passiert, verdichtete sich, als die Fifa im Januar die Eröffnungsfeier in Berlin abblies, für die schon die Künstler präsentiert worden waren. (…) Das große deutsche Kuschen vorm Fußball-Sonnenkönig ist die Wurzel vielen Übels. Wohl nirgendwo auf der Welt werden die Fifa-Regeln in solch preußischem Gehorsam umgesetzt, Kritik schluckt man lieber herunter. Der Sepp braucht sich nicht zu sorgen, dass der Franz ausspricht, was im OK und anderswo längst feste Überzeugung ist: Dass in Deutschland eine WM mit Fifa-Behinderung stattfindet.“
Dalai Lama des Weltfussballs
Stefan Osterhaus (NZZ) kommentiert das Redeverbot für Beckenbauer bei der Eröffnungsfeier der WM: „Appell an die Fifa und jenen Mann, der als ‚Sonnenkönig‘ vom Sonnenberg als einer der wenigen noch über dem Münchner Imperator in der Hierarchie thront: Joseph Blatter möge sich bitte der urdemokratischen Wurzeln seiner Institution besinnen. Redefreiheit sollte garantiert sein, auch für Beckenbauer, den Repräsentanten eines grossen Fussball-Volkes. Spräche der protestierende Schweiger nicht, würde es für ihn allerdings keinen Schaden bedeuten. Beckenbauer würde dann seiner selber gewählten Altersrolle zunehmend gerechter werden: der des Dalai Lama des Weltfussballs.“
Eine Lektüreempfehlung: Band 1 der Schriftenreihe sportnetzwerk, der, ein Desiderat, das Thema „Korruption im Sport“ auslotet – etwa die „Hall of Shame“ der spektakulärsten Korruptionsfälle. Renommierte Autoren aus dem In- und Ausland sind beteiligt: Anno Hecker, Michael Reinsch (FAZ), Thomas Kistner, Hans Leyendecker (SZ), Barbara Klimke, Jens Weinreich (BLZ), Jörg Winterfeldt (Welt), Jens Sejer Andersen (Play the Game, Dänemark), Lasana Liburd (Trinidad & Tobago) u.v.a. Kleiner Tip: Der Subskriptionspreis gilt noch zwei Wochen. Rezension folgt.
BLZ: Zu 99 Prozent keine Spiele manipuliert – Reiner Calmund weiter wegen Untreue unter Verdacht
Veranstaltungshinweis: eine interdisziplinäre Vorlesungsreihe der Uni Würzburg
Ascheplatz
Riesige WM-Tapete
Horst von Buttlar (FTD) warnt mit Experten die Wirtschaft vor einer Überreizung der Fußballwerbung: „Werbeexperten bezweifeln, dass das Thema Fußball jedem Unternehmen wirklich etwas bringt. Nutznießer sind vor allem die Fußballer selbst, die ihre Millionengagen mit den lukrativen Zusatzverträgen kräftig bessern. Bis zu 500.000 Euro pro Jahr betragen die Honorare. Allein Michael Ballack, der in einem halben Dutzend Spots auftritt, kassiert bis zur WM rund 9 Millionen. Die Medienagentur Nielsen Media Research hat die rasante Ausbreitung von Werbung mit WM-Bezug dokumentiert: Waren es im September 2005 noch 45 neue Motive, so hat sich die Zahl im Februar auf 264 erhöht. Viele Erwartungen der Unternehmen werden nach Ansicht von Experten wohl enttäuscht: Es gebe zu viele Spots, die Spieler seien nicht immer glaubwürdig, zu viele Firmen sprängen zu kurzfristig und kopflos auf den Weltmeistschaftszug auf. (…) Die Universität Hohenheim hat ebenfalls herausgefunden, dass nur die Firmen erfolgreich sind, die sich langfristig engagieren oder deren Produkte ‚eine inhaltliche Nähe zum Thema Fußball‘ haben. Die WM ist für die Wirtschaft ein großes Thema. Jedes zweite Unternehmen plant laut Umfragen etwas zum Event des Jahres oder hat bereits Werbung gestartet. Es gibt nur ein Problem: ‚Alle Kampagnen laufen vor einer riesigen WM-Tapete‘, sagt Michael Trautmann von der Agentur Kemper & Trautmann. Das macht es für Firmen immer schwieriger, sich mit ihrer Werbung von der Konkurrenz abzuheben. Studien haben gezeigt, dass nicht einmal die Kampagnen mit den ganz teuren Stars garantieren, dass der Markenname bei den Verbrauchern hängen bleibt.“
Sieg der Vernunft
Früher Rivalen, heute Partner – Thomas Hahn (SZ) kommentiert die Finanzhilfe Bayern Münchens für 1860 München und empfindet die neue Harmonie als Verlust: „Es geht in dieser Angelegenheit zweier Münchner Gegner um Fußball, genauer gesagt, um das, was daraus geworden ist, und deswegen muss die Leidenschaft jetzt Pause machen. ‚Verräter!‘, rufen Fans des FC Bayern, weil er sich anschickt, seinen kleineren Nachbarn und Stadionteilhaber vor der Insolvenz zu retten. Und bei 1860 wollen manche nicht auf Kosten des Erzfeindes leben. Es geht ihnen um Stolz, Vereinstugend und Identität, sie wollen ihre Feinde behalten, ihr Weltbild, das immer einfach war, Rot/Blau, Gut/Böse, Böse/Gut, und damit wohltuend anders als das normale Leben mit seinen ständigen Kompromissen. Aber dieser Stolz würde die Löwen umbringen und die Bayern viel Geld kosten. Gefühle sind zu teuer jetzt, es kann nur einen Sieger geben: die Vernunft. Das sind die Regeln einer modernen Fußball-Nachbarschaft. Zwei so genannte Erzfeinde haben sich hier so sehr angenähert, dass sie fast schon eine Schicksalsgemeinschaft verbindet, aneinander geschweißt durch einen strahlenden Ballsport-Tempel. Und das sagt schon viel darüber, wie sich die Geschäftsebene des Fußballs von den Emotionen auf dem Platz entfernt hat. (…) Wenn alles gut geht, wird der FC Bayern bald ein Lokalderby gegen seine eigene Zwangsinvestition spielen.“
SZ: Hilfe vom Erzfeind
Tsp: Bayern will den Sechzigern Kredit geben, der Zweitligist steht kurz vor der Insolvenz
FTD: Heribert Bruchhagen erneuert Kritik an Bayern
Dienstag, 25. April 2006
Internationaler Fußball
Feindschaft durch Gleichwertigkeit
Auch wenn Arsenal demnächst ein neues Stadion beziehen und sich damit geographisch von den Tottenham Hotspurs entfernen wird – die Feindschaft der Fans bleibt bestehen. Mark Perryman, einer der Organisatoren der englischen Fan-Clubs für die WM 2006 und stolzer Dauerkartenbesitzer der Spurs, betont dies im Tagesspiegel: „Arsene Wenger war dabei, alle Gründe, für die man Arsenal hassen konnte, verschwinden zu lassen. Doch Trotz dem Erfolg in der Champions League schlägt dem Verein in England Misstrauen entgegen. Eine von einem Franzosen betreute Mannschaft, in deren Startaufstellung oft nicht ein einziger englischer Spieler steht, ist eine entwurzelte Mannschaft.“ Perryman sieht mindestens einen Grund dafür, daß die Feindschaft anhalten werde: „Als Tabellenvierter haben wir momentan vier Punkte Vorsprung auf unseren härtesten Rivalen. Aber selbst der vierte Platz könnte uns am Ende nicht zur herbeigesehnten Champions League genügen. Nämlich dann, wenn Arsenal die Champions League gewinnt und wir unseren Qualifikationsplatz abtreten müssen. Das wäre der absolute Horror für Tottenham, es würde uns aber dabei helfen, die Feindschaft zu Arsenal auch in das neue Stadion zu nehmen.“ Feindschaft also dank – mittlerweile – sportlicher Gleichwertigkeit.
FR: zum Karriere-Ende Mr. Alan Shearers
Der Erfolg verschleisst den, der ihn hat
Peter Hartmann (NZZ) ergründet die Schwächephase Juventus Turins: „Es ist weniger ein physischer Kräfteschwund, der die Squadra von Fabio Capello lähmt, vielmehr scheint sie mental blockiert, nervös bis zur Hysterie. Sie hat in der Meisterschaft in fünf Spielen nacheinander nur noch remis gespielt und drei Treffer erzielt. Die Juve schafft erst in den nicht enden wollenden Gnadenminuten, die ihr die unterwürfigen Schiedsrichter in Italien quasi institutionell zugestehen, noch die Gesichtswahrung: Die sieben letzten Zittersiege kamen auf diese Weise zustande, auch in der Euroliga schlug die Mannschaft gegen Bayern, Brügge und, am krassesten, gegen Werder Bremen erst kurz vor Kontrollschluss zu. Mit opportunistischer Abwartetaktik, mit zynischem Resultatfussball hat das wenig zu tun, obwohl es auf den ersten Blick so aussieht. Die späten Tore zeigen, dass die Mannschaft lebt, wenn auch vielleicht über ihre Verhältnisse. Klar ist: Die Anklagepunkte, die jetzt ohne Widerspruch auf Capello niederprasseln, werden von den Medien sofort schamlos in Lobeshymnen umgedreht, wenn er die lange Flucht doch noch als Sieger beendet. Juventus liegt seit Capellos Amtsantritt im Sommer 2004, seit mittlerweile 73 Runden, ununterbrochen an der Spitze der Serie A. Aber der Erfolg verschleisst auch den, der ihn hat.“
Champions League
Perfekter Vertreter des ewig jungen Fußballs
Perfekter Vertreter des ewig jungen Fußballs
Christian Eichlers (FAZ) Herz hängt an Thierry Henry, dem wichtigsten Spieler Arsenals: „Geschmeidigkeit, Ballkontrolle, Tempo, Teamgeist, physische Stärke, all das macht ihn zum Traum für jeden Trainer. Und erst die Zahlen: In jedem der letzten vier Jahre machte er pro Saison jeweils mindestens dreißig Tore für Arsenal. (…) Doch wie geht es weiter mit Henry? Schwer vorstellbar, was von Arsenals fragiler Himmelstürmertruppe übrigbliebe ohne ihn. Entsprechend bang wird seine Entscheidung erwartet. Er hat angedeutet, eine neue Herausforderung zu suchen und, ähnlich wie der Bayern-Abtrünnige Michael Ballack, Teil eines Teams sein zu wollen, das ganz oben mitspielt. In England tut Arsenal das derzeit nicht, die Elf ist im Umbruch, der Klub kann mit Chelsea und Manchester United finanziell nicht mithalten. Zum ersten Mal seit elf Jahren droht sogar ‚St. Totteringham’s Day‘ auszufallen – jener von den Arsenal-Fans erfundene Feiertag, an dem Tottenham die Saison rechnerisch nicht mehr vor Arsenal abschließen kann. Doch atmet Henry die von Wenger geprägte Arsenal-Philosophie eines schnellen, brillanten, positiven Fußballs. Arsenals Fußball ist ein ewig junger Fußball. Sein perfekter Vertreter muß sich nun dazu bekennen, ob er mit ihm alt werden will.“
Welt-Interview mit Alexander Hleb
BLZ: Beim FC Arsenal ist Verteidiger Sol Campbell der Verlierer des internationalen Siegeszuges, jetzt erhält er eine neue Chance
taz: Kolo Touré ist 25 Jahre alt und Abwehrchef bei Arsenal
Bundesliga
Umdenken
Roland Zorn (FAZ) widern die schlechten Manieren vieler Profis an: „Die derzeit immer wieder im nachhinein sichtbaren Grobheiten und Gemeinheiten oder die genauso gängigen Fallstudien alberner bis primitiver Schauspielerei sollten in Zukunft geächtet werden. Nicht nur durch Strafen und Sperren, auch durch einen Verhaltenskodex, den sich der deutsche Profifußball freiwillig auferlegt. Diese selbsterzieherische Maßnahme muß wohl sein, da stets aufs neue Spieler – oft genug die Stars einer Mannschaft – über die Stränge schlagen und damit sich, ihrem Team und ihrem Sport einen Bärendienst erweisen. (…) Es bedarf eines Umdenkens. Wer auf die linke Tour glaubt, Treffer gegen die Fairness landen zu müssen, sollte auch innerhalb seiner eigenen Mannschaft und seitens der eigenen Fans für einen schmerzhaften Augenblick mit Verachtung gestraft werden.“
Jan Christian Müller (FR) erwartet mehr Strenge von den Trainern: „Es ist betrüblich, dass in der Bundesliga zuletzt der Hang zur Schauspielkunst, erst Recht aber zu fiesen Attacken hinter dem Rücken des Schiedsrichters zugenommen hat. Die Einsicht der Täter und ihrer Protegés hält sich mitunter in Grenzen. So kapierte etwa Felix Magath nicht, dass sein Verteidiger Valerien Ismael völlig zu Recht drei Spiele gesperrt wurde, nachdem er dem Bielefelder Dalovic den linken Ellbogen in den Magen gerammt hatte, vorherige Provokation hin oder her. Dankenswerterweise redete Thomas Schaaf nach Micouds Griff in Poulsens Weichteile Klartext: ‚So eine Szene gehört sich nicht.‘“
Bild: Die Pfui-Liga stinkt allen!
FSV Mainz 05–Bayern München 2:2
Schafe
Michael Eder (FAZ) erwartet von Bayern München mehr Einfall: „Während sich die Mainzer mit dem Unentschieden anfreunden konnten, schlugen bei den Bayern die ersten zwanzig Minuten nachdrücklich auf die Stimmung. Zwar hat das 2:2 den Münchnern, die sich auf die Ausrutscher der Konkurrenz aus Hamburg und Bremen verlassen können, nicht wirklich weh getan, doch mit den Ansprüchen einer nationalen Übermannschaft hatte es auch nichts zu tun. Die Mainzer liefen und kämpften, sie trauten sich was, und das reichte schon, um den Favoriten zu ärgern. Was auch in Mainz auffiel, war das Fehlen eines Münchner Anführers auf dem Feld. Die Mannschaft trat wieder so auf, wie es ihr Ballack vormachte – sie spielte ihren Stiefel herunter, ohne große Inspiration, ohne großen Einsatz, sie spielte ein bißchen Rasenschach und tat nicht mehr als unbedingt nötig. Vielleicht, sinnierte Uli Hoeneß, liege das an der bevorstehenden Weltmeisterschaft. ‚Wir haben 14 Spieler, die bei der WM dabei sind, das haben sie im Hinterkopf.‘ Solche Probleme haben die Mainzer nicht. Bei ihnen geht es weder um Pokal noch um Meisterschaft oder die WM, sondern nur um eine dritte Saison in der Bundesliga.“ Philipp Selldorf (SZ) schreibt verdutzt über den Anfang des Spiels: „Die Bayern ließen sich überraschen wie die Schafe vom bösen Wolf, und dabei traten ihnen die Mainzer zwar beherzt und entschlossen, aber keineswegs entfesselt entgegen.“
NZZ: Ein Wechsel Ballacks zum FC Chelsea wäre konsequent
Werder Bremen–Schalke 04 0:0
Die hässliche Seite des Fußballs
Peter Heß (FAZ) ist die Sache mit den Bremer Provokationen und den Schalker Simulationen leid: „Die kapriziösen Spielmacher ihrer Teams kamen zu einem unwürdigen Tete-a-tete zusammen. Werders Regisseur Micoud hatte Schalkes Spielleiter Lincoln gefoult, Lincoln schimpfte ihn aus, Micoud griff ihm an die Nase, Lincoln meckerte empört, Schiedsrichter Kircher zeigte Micoud die Gelbe Karte, der Schalker Poulsen mischte sich ein, kniff Micoud rächenderweise zweimal in den Rücken, Micoud griff daraufhin Poulsen in einer No-Look-Aktion in die Geschlechtsteile, Poulsen fiel wie vom Blitz getroffen um. Soweit im Telegrammstil das Vorkommnis, die Kommentare der Beteiligten ersparen wir uns, sie überstiegen das Niveau ihrer Handlungen nur unwesentlich. Diese Szene bildete den Höhepunkt eines durch unzählige Fouls, Provokationen, theatralische Stürze und Reklamationen gestörten Spiels. Was veranlaßt Bundesligaprofis, den Gegner vornehmlich mit schmutzigen Mitteln zu bekämpfen? (…) In England führen sich die Fußballprofis auch nicht bockig, frech und aggressiv wie verwöhnte Kinder auf, wenn sie sich in einem wichtigen Wettbewerb ungerecht behandelt fühlen.“ Jörg Marwedel (SZ) verweist auf das gute Spiel: „Nullnull, das klingt nach einer Partie, in der nicht viel passiert ist, oder die Gegner sich gegenseitig neutralisiert haben. Nichts davon traf auf dieses Spiel zu. Beide Teams hatten fast bedingungslos um den Sieg gefightet und dabei auch mit Ansätzen sehenswerter Kombinationen aufgewartet. Herausgekommen war ein offener Schlagabtausch mit wunderbar erspielten Werder-Chancen in der ersten und etlichen Schalker Möglichkeiten in der zweiten Halbzeit. Diskutiert aber wurde später weniger über die fußballerischen Glanzpunkte, gestritten wurde um jene Ereignisse, die wieder einmal einluden zur Generaldebatte über die hässliche Seite des Fußballs. Über eine Bundesliga, die zunehmend von Tätlichkeiten, Provokationen und Schauspieleinlagen der miesen Sorte vergiftet wird. (…) Weil nicht nur Poulsen in der Branche den Ruf des Linkmichels weg hat, sondern auch Lincoln, wurde den Schalkern von Schiedsrichter Knut Kircher auch noch ein Elfmeter verweigert.“
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Deutsche Elf
Rechnung
Ob der DFB eine Reiserücktrittsversicherung für Jens Nowotny abgeschlossen hat? Stefan Hermanns (Tsp) höhnt: „Wahrscheinlich weiß der DFB noch gar nicht, was Jürgen Klinsmann ihm da schon wieder eingebrockt hat. Es ist gut möglich, dass bald außerplanmäßige Kosten auf den DFB zukommen. Bei Jens Nowotny muss man dies immer in Betracht ziehen. Der DFB sollte sich mal bei Bayer Leverkusen erkundigen. Notwotny hat seinen Arbeitgeber zuletzt mit allerlei finanziellen Forderungen traktiert, und möglicherweise droht das auch dem DFB. Nowotny hat nämlich für den Sommer schon seinen Urlaub gebucht, aber, sagt Nowotny, ‚den kann man auch ganz schnell wieder absagen‘. Die Frage ist nur: Wer zahlt dann die Stornokosten? Nach dem Ursacherprinzip müsste eigentlich der DFB die Rechnung übernehmen.“
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