indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Donnerstag, 16. Februar 2006

Allgemein

Wechselbad

Stuttgart spielt heute gegen eine Mannschaft, die innerhalb von vier Wochen 7:0 in Arsenal verloren hat und 3:0 gegen Chelsea gewonnen: Middlesbrough. Christian Eichler (FAZ): „Dieses 3:0 war letzten Samstag das tollste Ergebnis der Saison – und die höchste Niederlage in der Karriere von Trainer-Superhirn Jose Mourinho. Welch eine Vorbereitung auf Stuttgart. Und welch ein Wechselbad, in das die launischste englische Mannschaft ihre Fans schon die ganze Saison über stürzt. Seit Steve McClaren 2001 beschloß, als Assistenztrainer bei Manchester United nicht länger auf den Ruhestand von Alex Ferguson zu warten, sondern Chef in Middlesbrough zu werden, sah man sich dort im Aufschwung. In fast 130 Jahren hatte der Klub aus dem Nordosten Englands keinen einzigen Titel gewonnen. Mit McClaren gelang 2004 schon mal ein kleiner, der Ligapokal. Das öffnete die Tür nach Europa, und mit Ligaplatz 7 in der letzten Saison qualifizierte man sich ein zweites Mal für den Uefa-Cup. Weil der Klub sich personell weiter verstärkte, sahen viele Experten ihn als Kandidaten für die Champions League. Doch es kam alles ganz anders. Derzeit steht Middlesbrough auf Platz 16, knapp vor einem Abstiegsplatz. In englischen Medien wird spekuliert, daß McClaren ‚die Umkleidekabine verloren‘ habe, die Spieler also nicht mehr auf ihn hörten.“

Welt: In Middlesbrough sind auch die Fußballidole in die Jahre gekommen

Ein schönes Durcheinander

Die Stuttgarter Vereinsführung gerät in die Kritik; Oliver Trust (Tsp) fasst zusammen: „In Stuttgart wird darüber debattiert, dass immer weniger Zuschauer kommen, wie lange der neue Trainer da sein wird und wie sich Dieter Hundt präsentiert. Der einflussreiche Arbeitgeberpräsident gilt als der starke Mann und seit Wochen als unerschöpflicher Quell neuer Nachrichten, die erstaunlich offen vom Innenleben des Vereins berichten. Er hatte für die Beurlaubung von Matthias Sammer gesorgt und auf eine Ende der Ära Trapattoni gedrängt. Viele fragen sich inzwischen, wer beim VfB Stuttgart wirklich Vereinspräsident ist. Der offizielle Klubchef Erwin Staudt sitzt mit blassem Gesicht in allerlei Fernsehstudios und versucht, die Wogen zu glätten, während Hundt die Rolle des ersten Ansprechpartners in vollen Zügen genießt. (…) Demnächst soll es ein ‚Überzeugungsgespräch‘ zwischen Hundt, Veh und Heldt geben. Ein schönes Durcheinander, was wieder einmal der Führung anzulasten ist. Hundt hat vorher zur großen Freude von allen Beteiligten gleich seinen Wunsch-Nachfolger verraten: Christoph Daum.“

Dazu ein Schenkelklopfer aus der Sport Bild: Ihrem Kolumnisten Lothar Matthäus, ausgerechnet, hat die Redaktion diesen Vergleich durchgehen lassen: „Traurig macht mich, wie wenig die Klubs bei der Trainersuche planen. Eigentlich sollte man sich vorher, wie vor einer Ehe, intensiv kennenlernen, bevor man sich bindet.“

FR: War Horst Heldt die treibende Kraft bei der Demission Giovanni Trapattonis?

FAZ: Wann und wie hört Rudi Assauer auf? Hört er auf? Was hat es zu bedeuten, wenn er sagt, dass er aufhöre?
SZ: Manager in Moll – Schalke 04 geht beschwingt in den Uefa Cup, nur Rudi Assauer grummelt
Welt: Assauer ist müde – Schalkes Manager kündigt für 2008 Rückzug aus dem Bundesligageschäft an und überrascht damit seinen Klub

FTD: Hans-Joachim Watzke bringt BVB in stabile Seitenlage

Deutsche Elf

Dieser DFB ist ein fortschrittlicher Verband

Ausschnitte aus einem sehr langen FAZ-Interview mit Theo Zwanziger über Matthias Sammer, die Vorzüge und Schwächen Jürgen Klinsmanns, den Zustand des DFB und wie diese drei Pole zusammenarbeiten können: „Der nächste Bundestrainer heißt nicht Sammer. Er übernimmt bei uns andere Aufgaben. Er wird daran gemessen werden, ob unsere Nachwuchsarbeit erfolgreich ist. Er wird auch daran gemessen, ob die Eliteschulen des Fußballs vorangetrieben werden. Für diese Aufgabe brauchen wir ein Gesicht. Wenn Matthias Sammer in Baden-Württemberg zum Kultusminister geht, dann wird ihm der Minister die Tür öffnen. Wenn Leute aus der zweiten oder dritten Reihe kommen, werden sie mit dem Referenten reden müssen. Ich sehe doch, was uns Franz Beckenbauer bringt. Wir brauchen im Fußball diese Gesichter. (…) In der Traineraus- und -fortbildung haben wir schon vor einiger Zeit eine Qualifizierungsoffensive eingeleitet. Dabei hat DFB-Vizepräsident Hans-Georg Moldenhauer eine wichtige Rolle gespielt. Deswegen war er auch von der einen oder anderen Kritik von Klinsmann so enttäuscht. (…) Die Weltmeistermannschaft von 1990 hat noch bis zur EM 1996 getragen. Danach sind wir in das berühmte Loch gefallen. Es fehlen uns fünf, sechs Jahrgänge – auch heute in der Nationalmannschaft. Insofern hat Klinsmann mit dem Zeitrahmen recht. Ich bin jedoch ein höflicher Mensch und würde eine andere Begrifflichkeit wählen. In der Zeit des Erfolgs haben wir zu lange geglaubt, daß wir die Nachwuchsförderung nicht intensivieren müßten. Es ist Herrn Mayer-Vorfelder hoch anzurechnen, daß er 2000 als Präsident gesagt hat, daß wir da mehr tun müssen. Damals ist die Entscheidung gefallen, die Wende einzuleiten. Aber diese Veränderung wird erst spät sichtbar. Wir haben bis jetzt zwar viel Geld ausgegeben und vieles verbessert, müssen aber gleichzeitig prüfen, was noch effektiver gestaltet werden kann. An diesem Punkt stehen wir aktuell – und da ist die Innovation von Jürgen Klinsmann wichtig. Deswegen ist die polarisierende Darstellung – der eine steht für Innovation, der andere für Establishment – falsch. Daher kommt auch der Unmut im Verband, weil schon viel verändert worden ist. Viele im DFB haben es nicht verdient, so dargestellt zu werden. Den Status quo zu ändern, dazu bin ich bereit – aber nicht, alles auf den Kopf zu stellen. (…) Leute wie Klinsmann braucht man immer. Der Verband hat von ihm seine globale Denkweise lernen können – und jeder, der von außen kommt, muß auch die Denkweise eines Verbands akzeptieren. Aber so wie ich Sammer einschätze, wird er auch nicht sonderlich bequem sein. Hier soll keine Grabesstille einkehren. (…) Wir geben Jürgen Klinsmann alle Freiheiten, die WM in seinem Sinn vorzubereiten – und zwar in einer Weise, wie es unser Verband noch nie zuvor getan hat. Seit seinem Amtsantritt haben Herr Mayer-Vorfelder, Generalsekretär Horst R. Schmidt und ich doch immer wieder die Wogen geglättet. Wir wußten aus Überzeugung, daß wir das dem Bundestrainer schuldig sind. Aber jetzt kann er doch nicht ernsthaft erwarten, daß wir in einer zugegebenermaßen schwierigen Personalfrage wie der des Sportdirektors, die man unterschiedlich beurteilen kann, uns ausschließlich von seinen Vorstellungen abhängig machen. Dann würde der Verband seine eigene Bedeutung aufgeben. Wir sind doch nicht lauter Trottel. Dieser DFB ist ein stabiler Verband – und er ist auch ein fortschrittlicher Verband, selbst wenn das draußen nicht jeder glaubt. Man braucht radikale Denkanstöße, aber Radikalität kann nicht immer übernommen werden. (…)
FAZ: Sammer hatte im Oktober doch abgesagt – und jetzt wollte er, unterstützt von der Springerpresse, den Job unbedingt. Da kann man doch mal Zweifel an den Motiven und der Kontinuität äußern. Zwanziger: Langsam. Im Oktober hatten wir keinen ‚drive‘ in der Sache. Michael Skibbe war damals noch bei uns. Erst mit seinem Wechsel zu Leverkusen wurden die Sondierungen für den Sportdirektorposten ernsthafter betrieben. Da man Sammer im Oktober ernsthaft in Erwägung gezogen hat, gab es im Januar doch keinen Grund, es nun nicht zu tun. Bei Sammer, und das stimmt, hat in der Zwischenzeit ein Änderungsprozeß eingesetzt. Es kann ja sein, daß Sammer eine Medienverbindung zu Springer hat. Aber das hat man vorher gewußt – und irgendwelche Medienverbindungen haben doch alle. Ich habe mir längst abgewöhnt, mir darüber Gedanken zu machen. Fußball ist öffentlich – und dann muß man damit rechnen, daß mal etwas in der Zeitung steht, was einem nicht gefällt. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß ein selbstbewußter Trainer wie Klinsmann so in Bedrängnis geraten kann. Die Medien betrachten heute doch nicht nur Entscheidungsprozesse, sondern versuchen sie zu steuern.

Die Sport Bild bezeichnet Klinsmann für sein Nachhaken gegen Sammer als „beleidigte Maultasche“, wofür wir sie wirklich mal loben müssen. Dass sie sich jedoch immer wieder daran stößt, dass Klinsmann seine Zukunft vom Erfolg beim WM-Turnier abhängig macht und damit offen lässt, finden wir angesichts ihrer Abneigung ihm gegenüber schräg. Wie tickt jemand, wo drückt ihm der Schuh, welche Absicht verfolgt einer, der mit einem solchen Argument am Trainerstuhl sägt? Vermutlich gönnen sie ihm nicht, dass er über sein Ausscheiden selbst bestimmt; ihnen fehlt die Zielscheibe. Auch würden wir gerne wissen, was die Springer-Presse schreiben würde, wenn Klinsmann, ihren ach so heißen Wunsch erfüllen würde und seinen Vertrag morgen verlängert.

FR: große Fragezeichen in der deutschen Defensive

Dienstag, 14. Februar 2006

Internationaler Fußball

Verschwendungssucht und Größenwahn

Tobias Schächter (SZ) führt die Finanzkrise von Galatasaray Istanbul auf Fehler der Vereinsführungen zurück: Der Klub, auf dessen Haupttribüne sich reiche Geschäftsmänner und die Söhne und Töchter des Istanbuler Hochadels tummeln, steht sportlich mit vier Punkten Rückstand hinter Titelverteidiger Fenerbahce erstaunlicherweise auf Platz 2. Der wirtschaftliche Niedergang des vor fünfeinhalb Jahren noch so stolzen Europapokalsiegers ist die Geschichte von Verschwendungssucht und Größenwahn. Im Wettlauf um Ruhm und Anerkennung mit den beiden anderen großen Istanbuler Vereinen Fenerbahce und Besiktas pulverten Präsident Özhan Canaydin und seine Vorgänger Unsummen in abgehalfterte ausländische Stars. Das Ansehen des Klubs ist inzwischen stark beschädigt. Galatasaray benehme sich wie ein Bettler, schreiben Kolumnisten. Auf seiner Homepage und in den Medien rief der Klub zu Spenden auf (…) Die Krise Galatasarays passt ins traurige Bild, das der türkische Fußball derzeit abgibt. Kein Verein ist noch in den internationalen Bewerben vertreten; die Nationalelf, vor vier Jahren noch WM-Dritter, verpasste unrühmlich die WM in Deutschland.“

Affinität

Jean-Marie Lanoë (NZZ) befasst sich mit dem Grenzverkehr in Monaco: „Wo Spieler überdurchschnittlich gut verdienen (steuerfrei) und aufgrund des moderaten Zuschauerinteresses kaum eine öffentliche Erwartungshaltung wahrnehmbar ist, wird die Selbstgenügsamkeit zum hartnäckigen Begleiter. Der Trainer muss darum gerade an diesem Ort ein Verfechter von Disziplin sein. Und dies wird vom jetzigen Trainer durchaus verkörpert: Nach einem Interregnum durch den schon oft eingesprungenen Nothelfer Jean Petit übernahm im letzten Herbst der Italiener Francesco Guidolin den Platz an der Seitenlinie. Guidolin ist an seinem neuen Arbeitsplatz weiter auf seine Muttersprache angewiesen: Neben zwei Physiotherapeuten und dem Torhütertrainer stehen drei italienische Spieler im Kader – mit durchaus klangvollen Namen: der Keeper Flavio Roma und die Stürmer Marco Di Vaio und Christian Vieri. Der italienische Einschlag hat im Fürstentum Tradition. So war der Gründer Monacos vor rund 700 Jahren ein Italiener (Francesco Grimaldi), und die Italiener stellen den zweithöchsten Bevölkerungsanteil. Diese Affinität manifestierte sich im Fussball schon unter dem letzten Präsidenten, Jean-Louis Campora, unter dem der Spieler-Verkehr ins Nachbarland bereits beträchtlich war.“

Interessenverband von Schwerverdienern

1:2 gegen Juventus Turin – Birgit Schönau (SZ) notiet dennoch den Fortschritt Inter Mailands: „Roberto Mancini ist es gelungen, Inter nach Jahren der Dürre wieder ganz oben mitspielen zu lassen, auf gleichem Niveau mit dem Lokalrivalen AC Mailand. Er hat aus einer Truppe von hoffnungsvollen Talenten (Adriano, Martins) und frustrierten Altstars (Figo, Veron) nebst verdienten Kämpen ohne Allüren (Zanetti, Cordoba Stankovic) eine Mannschaft konstruiert, die sich als konkurrenzfähig erweist, obwohl der schwerreiche Patron Massimo Moratti die Spendierhosen abgelegt hat. Juventus aber spielt in dieser Saison in einer anderen Klasse – unerreichbar, unschlagbar, eine Mannschaft wie aus einem Guss.“ Peter Hartmann (NZZ) hingegen findet: „In der Inter-Kabine war nach der Niederlage der Teufel los. Der Serbe Stankovic schloss seine Kollegen ein, Türen zersplitterten. Nun beginnen die Prozesse: Adriano, der Brasil-Star, hat in acht Spielen nicht mehr getroffen. Der Nigerianer Martins kehrte im Zustand völliger Konfusion vom Afrikacup zurück. Veron hinkte schon nach 31 Minuten hinaus und hat seine Heimkehr nach Argentinien angekündigt. Vielleicht ist dies die Wahrheit über diese Inter- Mannschaft, die auch diesmal den Sprung nach ganz oben nicht schafft: Sie hat keine Identität. Es handelt sich um eine Gladiatorentruppe, einen Interessenverband von Schwerverdienern, ausgewählt nach der Hitparade, und niemand schien zu merken, dass im Spiel gegen Juventus elf Söldner auf den Platz liefen, alles Ausländer, kein einziger Italiener. Fabio Capello atmet auf. Er verabschiedet sich in diesen Tagen stundenweise aus dem Fussballzirkus und kommentiert für die RAI das olympische Eishockeyturnier. Auch darin ist er ein Experte. Sein Entdecker Silvio Berlusconi schickte ihn, bevor er ihm den ersten Trainerjob bei Milan anvertraute, auf einen Ausbildungskurs quer durch sein Imperium. Zwei Jahre managte Capello das Mailänder Eishockeyteam Mediolanum.“

Tsp-Spielbericht Inter–Juve (1:2)

NZZ: Das letzte Old-Firm-Derby für Rangers-Manager McLeish

NZZ: Barça nach der Niederlage in Valencia unter erhöhtem Druck

Bundesliga

Ende des nationalen Wettbewerbs

Bayern München spielt nicht gut, und beherrscht die Liga – Thomas Kilchenstein (FR) fürchtet um die Bundesliga: „Die unerträgliche Dominanz der Bayern nimmt der ganzen Liga den Spaß. Und die Tristesse an der Spitze wird zunehmen: Derzeit gibt Bayern München im Jahr 60 Millionen fürs Personal aus, in dieser Saison fließen 16,7 Millionen Euro an TV-Geldern, in den nächsten drei Jahren werden das jeweils rund 27 Millionen Euro sein. Die Münchner kratzen beim Umsatz an der 200-Millionen-Euro-Grenze, Eintracht Frankfurt etwa hat einen Etat von 43 Millionen Euro. Heribert Bruchhagen hat vorgerechnet, dass die Eintracht 1992, als sie fast Meister wurde, einen um 40 Prozent niedrigeren Etat als München hatte. Heute betrage der Abstand 300 Prozent. ‚Das kann man nicht mehr aufholen.‘ Im Grunde ist das, was die Bayern aus nachvollziehbaren, aber egoistischen Gründen tun, nämlich Juventus Turin, Real Madrid oder dem FC Barcelona Paroli bieten zu wollen, das Ende des nationalen Wettbewerbs. Denn es ist kein Wettbewerb mehr, wenn der Sieger vorher feststeht. Der FCB hat keine natürlichen Gegner mehr. Schlimmer noch: Der Meistertitel wird durch diese Übermacht regelrecht entwertet, der Titel verliert, wie der DFB-Pokal, an Wert.“ Stimmt schon, Bayern München hat genug, man hätte das Fernsehgeld gleichmäßiger verteilen können. Warum verteilt man das Fernsehgeld überhaupt nach „Leistung“? Mit gleicher Berechtigung und mindestens gleich guter Argumentation hätte die DFL in Anbetracht der ungleichen Verhältnisse allen achtzehn Vereinen den gleichen Teil geben können. Andererseits sei an einen alten Witz der FAZ erinnert: „Wie komme ich ganz schnell auf zehn Millionen? Indem ich zwanzig in Eintracht Frankfurt investiere.“

In seinem Bundesliga-Kommentar fasst Peter Unfried (SpOn) die Beschränkung Jürgen Klinsmanns durch den DFB als Anpassung an deutsche Verhältnisse auf: „Wo alles schwächelt, wäre ein starker Bundestrainer eine zu große Provokation für die allgemeine Mittelmäßigkeit. So gesehen war es sozial, dass der DFB aus dem Unternehmen ‚Weltmeister 2006: Deutschland‘ selbst die vorletzte positive Energie rausgenommen hat. Außerdem hat man es Klinsmann mit der Installation des Sportdirektors Sammer endlich mal richtig gezeigt. Das wird ihn lehren, den deutschen Fußball und seinen Verband reformieren zu wollen. Und was noch schlimmer ist: Alles ohne Springers Bild-Zeitung. Klinsmann glaubt nicht an Bild. Aber Bild glaubt, Papst zu sein.“

Philanthrop

Was hat Thomas Doll in den letzten Wochen gelernt, Stefan Osterhaus (NZZ)? „Dass die Bundesliga keine Klimaschutzzone ist, kein Humidor, der dem Talentierten beliebig viel Entfaltungsspielraum gewährt. Lange hatte man sehr freundlich über ihn gesprochen, er war wahlweise: der Taktiker, der Motivator und, vor allem, der Mittler, der penibel sämtliche Stimmungsschwankungen im Kader austariert und so zu Spitzenleistungen animiert. Eine Art Jürgen Klinsmann, bloss authentisch. Doch jetzt musste der Coach erkennen, dass ein paar kleine Irritationen genügen, um das sorgfältig hergestellte Binnenklima kippen zu lassen – was wiederum die Performance welken und den Ertrag schrumpfen lässt. (…) Im Zeichen der Mini-Krise verebbte der blosse Appell Dolls an die Fähigkeiten des Personals; man konnte förmlich dabei zusehen, wie nach der Verletzung Ailtons auch das Nervenkostüm des Trainers schwand. Und er forderte eine Reaktion. Seine Spieler sollten, bitte schön, gegen Mainz ‚humorlos drei Punkte abholen und den Mund abputzen‘; ein Tonfall, der die Anhänger des zum Philanthropen Neigenden irritierte und vermeintlich jene bestätigte, die es ja schon immer gewusst hatten: dass der Doll mit seinen gerade 39 Jahren eben doch kein grosser Trainer ist; ein Amateur, der bloss in ein wunderbar bestelltes Umfeld gerutscht ist; einer, der sich erst noch hereindienen müsse in diese Liga mit ihrem immergleichen Inventar an Visagen. Am Samstag spielte Wicky im Mittelfeld zentral, de Jong an seiner Seite rechts. Da konnten alle sehen, wie schnell der Doll lernt.“

FR: Auf Ebay läuft der Handel mit WM-Tickets heiß – zum Unwillen des Organisationskomitees / 2.651 Euro fürs Endspiel mit Nachspiel-Phantasie

Bayern München–1. FC Nürnberg 2:1

Defensivprobleme, Ideenarmut und Unkonzentriertheit

Florian Haas (FAZ) über die Sorgen der Sieger: „Weder das siebzigste Bundesligator des Nationalmannschaftskapitäns noch das damit verbundene historische Ereignis (54 Punkte nach 21 Spieltagen sind neuer Bundesligarekord) konnten über abermalige Defensivprobleme, Ideenarmut und Unkonzentriertheiten hinwegtäuschen. Die zwanzigste Meisterschaft für den Klub sehen zwar weder Uli Hoeneß (‚Es geht nur noch um den zweiten Platz‘) noch Felix Magath ernsthaft in Gefahr. Ungleich größer scheint aber die Angst vor Unterforderung und einhergehender Selbstzufriedenheit, die den anvisierten Dreifach-Triumph in DFB-Pokal, Meisterschaft und Champions League gefährden könnten.“ Auch Philipp Selldorf (SZ) sucht nach Reizpunkten: „Selbst die Hundert Millionen Bayern-Gegner in Deutschland werden diese Äußerung nicht mehr als Ausdruck von Arroganz werten, sondern als realistische Anschauung. Beinahe rührend war es, wie Magath dem Land Trost zusprach, indem er die Spannungsmomente raffte: Den Kampf um die verbliebenen Champions-League-Plätze, das Uefa-Cup-Gerangel, die Abstiegsfrage.“

Zu gut, um schlecht zu sein

Wer sind wir? Christof Kneer (SZ) empfindet die Selbstfindung der Nürnberger nach: „Der arme 1. FC Nürnberg weiß derzeit selbst nicht so genau, was er von sich halten soll. Das ist einerseits ein großer Fortschritt und andererseits ein kleines Problem. Im Herbst wussten die Nürnberger besser Bescheid über sich. Sie wussten, dass sie ein Kellerkind sind und eine Abwehr haben, die so lustig vor sich hinwackelt, dass sie bestimmt gleich ein Tor fangen, weshalb sie irgendwann auch aufs Angreifen verzichteten. Sie sind ruhig davon ausgegangen, dass sie am Ende verlieren, meistens hat das gestimmt. Und jetzt? Jetzt spielen sie plötzlich so, dass man ihnen das Kellerkind gar nicht mehr ansieht, und es irritiert sie manchmal, dass sie immer noch eines sind. Sie stehen nur einen Punkt über diesem bösen Tabellenstrich, der die Absteiger markiert. Es ist gar nicht so einfach, wenn man plötzlich zu gut ist, um schlecht zu sein. Manchmal kann eine Mannschaft unglückliche Niederlagen schwerer begreifen als unvermeidliche Pleiten, und man hat nur in die Gesichter schauen müssen, um das neue Luxusproblem dieser Elf zu verstehen.“

Montag, 13. Februar 2006

Unterhaus

Der wahrscheinlich mächtigste Trainer in der Vereinsgeschichte

Zweites Glück mit dem Ex – Ronny Blaschke (SZ) schreibt über den Aufschwung Hansa Rostocks unter Frank Pagelsdorf: „Die Rostocker suchen ihre Zukunft weiter in der Vergangenheit. Pagelsdorf hatte Hansa 1995 in die Bundesliga geführt, elf Jahre später sehnen sie an der Küste ein Remake herbei. (…) Er ist wahrscheinlich der mächtigste Trainer in der Geschichte des FC Hansa, weil er die Vergangenheit auf seiner Seite hat und viele Aufgaben des Vorstandes übernimmt. Pagelsdorf nutzt seine Kontakte, nimmt an Verhandlungen teil und verbringt viel Zeit mit der Sichtung von Talenten. Er ist Trainer und Scout in einer Person, der zuletzt glücklose Manager Herbert Maronn ist oft nur noch für den Vollzug zuständig. Hansas Vorstandschef Manfred Wimmer profitiert von Pagelsdorf. Wimmers Politik stand nach dem Abstieg stark in der Kritik, auch intern. Inzwischen verbirgt sich der Verein wieder unter der Käseglocke. Wimmer und Kollegen brauchen ein Klima der unkritischen Töne – es schützt sie vor Aktionismus. Sie müssen sich nicht mehr mit Boulevardjournalisten oder ehemaligen Klubfunktionären anlegen, weil sich die Öffentlichkeit auf Pagelsdorf fokussiert. So träumen die Fans wieder vom Aufstieg. (…) Vieles erinnert an die Aufbruchsstimmung Mitte der Neunziger, als Pagelsdorf Bundesliga-Fußball im Nordosten etablierte. Damals war der Aufstieg eine Kür, inzwischen ist er zur Pflicht geworden, da der relativ hohe Etat von 13 Millionen Euro in der zweiten Liga weiter gesenkt werden müsste.“

WM 2006

Pragmatisch

Eckart Lohse (FAS) drückt seine Erleichterung darüber aus, dass Deutschland über die Bundeswehr inzwischen nüchtern und ideologiefrei diskutiert: „Die Debatten darüber, was die Bundeswehr wo darf, sind alle schon geführt worden. Insofern enthalten auch die beiden momentanen Diskussionen nichts grundsätzlich Neues, in denen es darum geht, ob die Bundeswehr bei der Fußball-Weltmeisterschaft zum Objektschutz eingesetzt werden darf und ob sie nach Kongo soll, um dort die Wahlen zu sichern. Und doch macht diese jüngste Parallel-Debatte eines deutlich. Diskussionen dieser Art werden im Jahr 17 nach dem Fall der Mauer pragmatisch geführt, und die deutsche Geschichte wird höchstens noch als Argumentationsverstärker eingesetzt, nicht mehr als entscheidendes Argument. Soviel Vertrauen in die Stabilität der deutschen Demokratie besteht inzwischen. Sähe der Verteidigungshaushalt anders aus und wäre die Belastung durch Auslandseinsätze für die Truppe nicht so hoch, wie sie ist, so spräche nichts dagegen, Bundeswehrsoldaten bei der Weltmeisterschaft zum Objektschutz einzusetzen.“ Auf Seite 1 hingegen gibt die FAZ zu bedenken: „Zweifellos eignen sich Bundeswehrsoldaten auch für den Objektschutz. Aber wo soll der nun von Schäuble ins Spiel gebrachte Uniformtausch aufhören? Wenn es einmal für ein Fußballfest ging, wer könnte dann einen solchen Einsatz beim nächsten Castor-Transport noch abschlagen? Die Verfassung will, daß der Bund für eine ausreichende Landesverteidigung und die Länder für die innere Sicherheit sorgen. Würden alle ihre Hausaufgaben erledigen, könnte man über eine engere Verzahnung von Polizei und Streitkräften ohne Hintergedanken sprechen.“

Bundesliga

Eine gute Sache – solange einem das Niveau egal ist

Kaiserslautern gewinnt in Bremen, ist das schon ein Zeichen für Nivellierung? Katrin Weber-Klüver (FTD) erörtert ihre Vor- und Nachteile: „Vielleicht hilft sie, dass man die Idee wieder verwirft, aus lauter Langeweile an der Liga Samstagnachmittage künftig im Museum zu verbringen. Nivellierung hat natürlich auch ihre erbärmlichen Seiten. Etwa wenn ein Verein, der noch vor ein Verein für alle. Alle außer einem. Ließe man den Tabellenführer einmal weg, weil er mit dieser Liga nichts zu tun hat, weil er in einer Gemeinschaft der sich Gleichmachenden ungefähr so integriert ist wie die USA in die Vereinten Nationen, dann wäre die Liga gerade sehr spannend. Nivellierung ist eine gute Sache. Solange einem das Niveau egal ist.“

Schutz der Idee dieses Spiels

Bremen schießt ein Tor, und die Schiedsrichter sehen es nicht. Klaus Hoeltzenbein (SZ) fordert die Torkamera: „Verlangt wird nicht nach Orwell im Strafraum, nicht nach der Prüfung jedes einzelnen Pfiffs. Nur der wichtigste, der sollte eindeutig sein: Tor? Kein Tor? Es geht um den Schutz der Idee dieses Spiels. In Bremen wurde ein Tor verweigert, das für Titelkampf wie Klassenerhalt wichtig ist. Gewartet werden muss nicht, bis der Chip im Ball, der Sensor in den Pfosten wettkampfreif ist. Milliarden fließen in die TV-Rechte, Kameras gibt es genug, die Fifa könnte verfügen, wo in den wichtigsten, rundum-vernetzten Ligen, der Champions League und der WM eine Torkamera zu stehen hat. Die Unsicherheit ist ärgerlich, sie schafft lästige Debatten, falsche Resultate, aber sie schafft keine Mythen mehr. Wembley kommt nicht wieder, Wembley ist 40 Jahre her.“

Arminia Bielefeld–VfB Stuttgart 2:1

Zermürbt

Von wegen Befreiung! Ulrich Hartmann (SZ) beschreibt das Stuttgarter Spiel nach der Entlassung des ungeliebten Trapattoni: „Das Team konnte sich selbst nicht erklären, warum die lange ersehnte Verbannung des unzugänglichen Italo-Trainers keinen Impuls der Kreativität in ihnen ausgelöst hatte. ‚Wir hätten uns heute ein bisschen mehr erhofft‘, sagte Sportdirektor Heldt über die Emotionslosigkeit des Stuttgarter Spiels, das, unbeeindruckt von einer leichten Systemumstellung, keinerlei Ausdruck der Befreiung beinhaltete. Es war ein trauriger Tag für die zerknirschten Stuttgarter, die vom taktisch destruktiven Trapattoni sieben Monate lang derart zermürbt worden sein müssen, dass ihre zaghaften Offensivbemühungen wirkten, als wollte ein gestutzter Wellensittich zum Rundflug starten. Ihr zaghaftes Flattern löste bei den Bielefeldern keinen Gegenwind aus. (…) Erwin Staudt, der sich den Vorwurf gefallen lassen muss, zu lange an Trapattoni festgehalten zu haben, setzte Veh unter Druck, indem er im Sportstudio einem Millionenpublikum versprach, ‚am Donnerstag wird der Trainer Varianten vorstellen, die wir uns bisher erträumt haben‘.“ Auch Richard Leipold (FAZ) ist enttäuscht: „Das VfB-Orchester spielte ebenso falsch wie vor dem Wechsel des Dirigenten. Die als überholt geltende Lehre Trapattonis hatte zuletzt zu großer Leere geführt. Aber seine Art, Fußball spielen zu lassen oder gerade nicht spielen zu lassen, schien noch fest in den Köpfen der Profis verankert. Das Vakuum mit Fußball und mit Leben zu füllen ist ein schwieriges Unterfangen. Ein erster Blick auf die Mängelliste läßt zumindest ahnen, worum es gehen wird. Die Mannschaft sei gedanklich nicht in der Lage gewesen, auf Angriff zu spielen, sagt Veh. (…) Die Ostwestfalen führten dem VfB in der zweiten Halbzeit vor Augen, wie eine Mannschaft Siegeswillen zeigt, ohne sich zu unüberlegten Angriffen verleiten zu lassen.“

WamS-Interview mit Timo Hildebrand über die Entlassung Trapattonis und die Lage in Stuttgart

Schalke 04–Bayer Leverkusen 7:4

Messe des schönen Spiels

11 Tore! Christian Eichler (FAZ) kriegt den Mund nicht zu: „Es war, als hätte eine höhere Regie entschieden, nun müsse endlich wieder eine Demonstration höherer Fußballkunst her, eine Messe des schönen Spiels. Elf Tore, soviel wie auf den anderen sechs Schauplätzen zusammen; elf Tore, die bis auf den Hoppler, den Torwart Butt verschlief, so hübsch waren, daß man sie gern über vier, fünf Spieltage gestreckt hätte. Es war, als stünde man nach wochenlang trocken Brot für 90 Minuten im Schlaraffenland.“ Daniel Theweleit (BLZ) erlebt die Erlösung Schalkes: „Irgendwo tief in der Psyche des Fußballklubs Schalke 04 schieben sich schon lange gewaltige Erdplatten aneinander vorbei. Alles ändert sich, der Patriarch verliert an Bedeutung, ein erfolgreicher Trainer wurde geopfert, und der Fußball war darüber derart dürftig geworden, dass eine mittlere Katastrophe drohte. Doch diese gefährlichen Ingredienzien vermengte der seltsame Klub nicht zu einem neuen Akt der Selbstzerstörung. Stattdessen komponierte Schalke – unter engagierter Mithilfe des Gegners aus Leverkusen – eine denkwürdige Oper der Befreiung. Nach diesen unglaublichen 90 Minuten freut sich das depressive Schalker Bewusstsein über unverhoffte Frühlingsgefühle.“

Theater

Lars Ludwig Rilke (FAZ) rezensiert begeistert die Aufführung: „Im Berufsfußball muß alles seine Ursache haben, möglichst eine, die jeder versteht. Nach dem Schlußpfiff verlangt das Publikum eine Erklärung. Die Protagonisten, ob Spieler, Trainer oder Manager, bemühen sich um schlüssige Deutungen, die im Idealfall Herz und Hirn gleichermaßen überzeugen. Auch insofern war der besondere Kick eine Ausnahme, die starre Regeln bestätigt. In der Arena stand das Ergebnis für sich und für beide Mannschaften, die den verzauberten Fans hüben wie drüben eine außergewöhnliche Vorstellung geboten hatten; ein Drama, wie es in den Theatern des Fußballwestens nur alle Jubeljahre zu sehen ist. Als der Vorhang sich senkte, fühlte sich niemand imstand, die Handlungsstränge zu erläutern. Und niemand störte sich daran. Obwohl allerlei Abwehrfehler dieses Resultat ermöglicht hatten, war es nicht der Tag der Kritiker, die mit beiden Klubs, vor allem aber mit Schalke, zuletzt hart ins Gericht gegangen waren. Unglaublich, unfaßbar, verrückt, wahnsinnig: So lauten die Vokabeln, die den Grundwortschatz dieses Nachmittags ausmachten. (…) Die Arena ist für einen Nachmittag zu dem geworden, was sie immer sein wollte: zum Theater der Träume.“

Kneif mich mal! Christoph Biermann (SZ) fühlt sich wie im Traum: „Mirko Slomka wirkt auch nach fünf Wochen als Cheftrainer des FC Schalke gelegentlich noch so, als ob er zwar dabei aber noch nicht so richtig mittendrin sei. Den historischen Sieg seiner Mannschaft beschrieb er staunend als ‚tolles Erlebnis‘ und klang dabei wie einer, der diesen irren Kick dank eines gütigen Schicksals aus nächster Nähe von der Trainerbank erleben durfte. Vielleicht ging es ihm angesichts der furiosen Kuriosität aber auch nur wie den meisten Zuschauern im Stadion. Irgendwie wurde das Spiel nämlich mit jedem Treffer irrealer und man hatte das Gefühl, gleich würde einer reinkommen, die Torflut für groben Unfug erklären und alle nach Hause schicken. (…) Alle Zuschauer werden noch ihren Kindeskindern von diesem Spiel erzählen. Ein tolles Erlebnis war der Kick, aber vielleicht etwas dick aufgetragen.“

Werder Bremen–1. FC Kaiserslautern 0:2

Heinz Fricke (SZ) rätselt über das Zustandekommen des Ergebnisses: „Kaiserslautern nutzte eine glückliche Fügung dieses Tages – den besseren Fußball spielte immer noch Verlierer Werder. Es gab wenig in der Mannschaft des Gewinners, das auf eine Wende zum Besseren hindeutete, genau genommen lieferte man eine hausbackene Abwehrschlacht ab, bei der das Glück eifrig mitspielte.“

FR-Spielbericht

VfL Wolfsburg–Hertha BSC Berlin 1:1

Dünnhäutigkeit

Wer wird denn gleich beleidigt sein? Javier Cáceres (SZ) über einen eingeschnappten Berliner: „Herthas Belegschaft wird zunehmend sensibel. Torwart Christian Fiedler zum Beispiel legte sich eine Zurückhaltung auf, die fraglos der neuen Empfindlichkeit geschuldet war: ‚Schreibt, was ihr wollt!‘, gellte er den Berliner Journalisten zu, als diese ihn auf der Flucht abgepasst hatten. Ein Symptom der aus Krisenzeiten bekannten Berliner Dünnhäutigkeit. Auch deshalb, weil Fiedlers Grund für den Groll in der Berichterstattung während seiner verletzungsbedingter Absenz liegen dürfte. Fiedler nämlich war von Reservekeeper Gerhard Tremmel exzellent vertreten worden. Was Fiedler, in einem Anflug von Paranoia, den Berliner Medien offenbar verübelte, ist, dass sie Tremmel Platz eingeräumt hatte, einen Anspruch auf einen Stammplatz öffentlich zu formulieren – sowas aber auch.“

FAZ/Wirtschaft: die Hürden für Arena

Eine Tagung im Kloster Irsee über Fußball im Nationalsozialismus – Kultur, Künste, Medien mit Nils Havemann, Erik Eggers, Dietrich Schulze-Marmeling u.v.a.

Deutsche Elf

Machtposition verloren

Ist Matthias Sammer das trojanische Pferd des Springer-Verlags? Michael Ashelm (FAS) stellt eine Unterwanderung der sportlichen Führung des DFB durch den Boulevard fest, „den unsichtbaren Dritten“: „Hinter dem neuen Sportdirektor steht eine geballte Medienmacht. Die Führung der Nationalelf fürchtet ‚Informationskorruption‘ (…) Daß Sammer sein Anliegen ausgerechnet über ein Blatt des Springer-Konzerns forciert hat, dürfte Klinsmann und Bierhoff besonders beunruhigen. Die neue Führungscrew war vor 18 Monaten angetreten, die Nationalmannschaft auch von den alten, eingeschliffenen Abhängigkeiten zu befreien; ein Punkt ihres Reformplans: Das alte Spiel des Boulevards, zu geben und zu nehmen, sollte der Vergangenheit angehören, eine gewisse Unabhängigkeit kultiviert werden. Doch plötzlich erscheint dem Reformerduo die Gefahr wieder ganz nahe. Erst wurde der Bild-Zeitung aus dem innersten Zirkel des DFB zugespielt, daß ein Hockey-Trainer Klinsmanns Favorit für die Position des Sportdirektors ist. Dann begleitete ein mediales Sperrfeuer, gestützt durch markige Meinungsbeiträge der eingekauften Fußballexperten (von Franz Beckenbauer bis Lothar Matthäus), die Diskussion. Daß der neue Sportdirektor in eigener Sache die Mediengewalt nutzte und zudem noch von einem ehemaligen Bild-Reporter beraten wird, verstärkt die Befürchtungen der Verantwortlichen in der Nationalmannschaft, ihre Arbeit im Hinblick auf die WM-Mission könnte durch Indiskretionen weiter torpediert werden. Schließlich verlangt noch die eine oder andere heikle Frage nach einer Antwort – wie die nach Kahn oder Lehmann. Sammers medialer Berater, Ulrich Kühne-Hellmessen, der das offizielle Bundesliga-Magazin für die DFL produziert, war zuletzt aufgefallen, als er in einer Fernsehgesprächsrunde die Arbeit des Bundestrainers heftig kritisierte. Gerade Klinsmann muß sich jetzt besonders herausgefordert fühlen. Seit er die Nationalelf übernommen hatte, war er immer bemüht, so viel Kontrolle wie möglich über die Mannschaft zu bewahren, den möglichen Einfluß veröffentlichter Meinung und der Bundesligaklubs auf interne Entscheidungen einzugrenzen. (…) Vier Monate vor der Weltmeisterschaft haben die Verantwortlichen der Nationalmannschaft ihre Machtposition verloren. Noch unklarer gestaltet sich die Lage nach dem Turnier.“

Samstag, 11. Februar 2006

WM 2006

Absicherung

Thomas Maron (FR/Seite 3) kommentiert das angebliche Ziel Wolfgang Schäubles, Soldaten an die Polizei abzuordnen: „Entscheidend ist, dass ein solcher Einsatz den Weg zum eigentlichen Ziel des Bundesinnenministers frei machen würde, ähnlich wie im Homeland-Security-Konzept der Vereinigten Staaten die Armee als nationale Sicherheitsreserve aufzubauen. Die SPD muss prüfen, ob sie dies mittragen will – auf Kosten ihrer Glaubwürdigkeit.“ Die FAZ spekuliert: „Man fragt sich allmählich, was der Innenminister beabsichtigt, da die SPD doch hinreichend deutlich gemacht hat, daß sie bei einem bewaffneten Einsatz im Inneren nicht mitmachen würde (von der FDP ganz zu schweigen, deren Einverständnis für eine Grundgesetzänderung indirekt für eine Zweidrittelmehrheit im Bundesrat nötig ist). Ein Erklärungsmuster lautet: Schäuble will sich absichern. Wenn, was niemand wünscht, ein Anschlag passierte, könnte er darauf verweisen, er habe schon immer gewarnt, die SPD aber habe seine Vorschläge torpediert. Diese Strategie ginge auf Kosten des Koalitionspartners, was dessen Gereiztheit erklären würde.“

SZ: Bayerns Innenminister Beckstein beharrt darauf, die Bundeswehr auch für polizeiliche Maßnahmen einzusetzen

Wohl dem, der einen Stadtrat in der Familie hat

Bernd Dörries und Ralf Wiegand (SZ/Wirtschaft) greifen die Empörung über Tickets für Kommunalpolitiker auf: „Für den gemeinen Fußballfan sind die Hürden hoch, eines der 64 WM-Spiele zu erleben. Von Anfang an war jedes der 3,07 Millionen Tickets ungefähr so überzeichnet wie die Startup-Aktie einer IT-Firma zur Boomzeit des Neuen Marktes. Wohl dem, der einen Stadtrat in der Familie hat – die Chancen auf WM-Karten steigen dann exorbitant. Ein großzügiges Vorkaufsrecht hat etwa die Stadt Hannover ihren 64 Ratsfrauen und -herren eingeräumt. Jeder Kommunalpolitiker bekam die Möglichkeit, je zwei Karten für alle fünf Spiele in der niedersächsischen WM-Arena zu erwerben. Zehn Karten pro Person – im freien Verkauf unter Fifa-Bedingungen entspräche das einem Sechser im Lotto, wahrscheinlich mit Zusatzzahl. (…) Der missgünstige Streit um die gut 24.000 kommunalen Tickets scheint angesichts der Größenordnung des Sonderkontingents ohnehin reichlich überzogen. Zum Vergleich: Offizielle WM-Sponsoren, im Fifa-Jargon ‚Partner und Förderer‘ genannt, erhalten Zugriff auf insgesamt 490.000 Eintrittskarten und finden zum Teil wirklich kuriose Wege zur Weitergabe. So veranstaltet der Reifenhersteller Continental schon seit einem Jahr ein eigenes Fußballturnier mit 350 Mannschaften aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Dem Sieger winken zwanzig, dem Finalisten immerhin noch zehn WM-Tickets. Teilnahmeberechtigt waren allerdings laut Ausschreibung nur Teams ‚aus Reifenhandel und Autohausgeschäft‘.“

Desaster

Die DAB-Bank hat vor vier Jahren ihren Kunden Karten für die WM 2006 versprochen, wenn sie einen Fonds kaufen; heute kann sie ihre Zusicherung nicht einhalten. Die FAZ schüttelt mit dem Kopf, auch über die Art, wie die DAB den Vorfall aus der Welt zu räumen versucht: „Die Idee erwies sich damals als Selbstläufer. Doch wie peinlich ist nun das Eingeständnis, die versprochenen Tickets nicht liefern zu können. Wie ärgerlich ist das für die betroffene Kundschaft. Und wie unverschämt ist der Hinweis der Bank, es doch wieder mit dem offiziellen Losverfahren zu versuchen. Derzeit versucht die DAB, den Vorgang auf kleiner Flamme zu halten. Der Vorstand bleibt in der Deckung. Doch das wird nicht gelingen: Das Thema der Vergabe der WM-Tickets ist emotional aufgeladen. Zu besichtigen ist ein Lehrstück in mißlungener Kommunikation. Eine Bank, die ihr Versprechen nicht hält – da gibt es nichts zu beschönigen. Wie schnell kann aus einer schönen Vermarktungsidee ein Desaster werden.“

FAZ/Hintergrund: DAB-Bank – 1.000 Fußballfreunde sollt ihr sein
Die Geschädigten haben einen Website erstellt, auf der sie ihre Forderung und den Dialog mit der DAB veröffentlichen.

SZ: Obwohl sich die Fifa als Gegner des Tabak-Konsums geriert, soll die Weltmeisterschaft zur Raucher-WM werden

Bundesliga

Zur Ruhe kommt der VfB nicht

Auffällig: In den Kommentaren über die Entlassung Giovanni Trapattonis landen die Autoren einige Seitenhiebe auf Matthias Sammer, seinen Vorgänger. Außerdem führen sie den Fehler, Trapattoni einzustellen, auf den Stuttgarter Präsidenten zurück und sein Unwissen über Fußball. Andreas Burkert (SZ) ahnt, dass Horst Heldt diese Lücke schließen könnte: „Heldt ist neu im Geschäft, trotz sechzehn Profijahren, und offenbar hat es beim VfB bislang an einem wenigstens semi-kompetenten Experten gemangelt, der in der Lage gewesen wäre, die aus der stolzen schwäbischen Industrie rekrutierte Klubführung ans Händchen zu nehmen. Nicht anders ist es zu erklären, dass man nach Sammer abermals einen Fußballlehrer verpflichtete, dessen antiquierte Idee vom Spiel so gar nicht korrespondierte mit dem inzwischen leider vergilbten Label des VfB (die jungen Wilden). Trapattonis Folklore mag zur Anpreisung von Quarkspeisen und Maultaschen taugen, doch sein Stil der Hierarchiezerstörung und Teamkomposition hätte den Klub zeitiger ins Benehmen setzen dürfen. Doch der glühende VfB-Fan Staudt achtete eher auf sein Ego und die Hausmacht im Kompetenzduell mit Aufsichtsratschef Hundt. (…) Der VfB hat es versäumt, das aus der Not erschaffene Modell juveniler Helden zu hegen – geblieben ist ein desillusioniertes Publikum und ein teurer Kader. Vehs Verweildauer hat Staudt mit seiner speziellen Begabung für den Zwischenton auf zirca 14 Spiele beziffert, womit Veh wohl so fröhlich dem Saisonende entgegen sehen wird wie der nette Herr Slomka, Platzhalter in Schalke. Der VfB hat einen neuen Trainer, zur Ruhe kommt er nicht.“ Elke Rutschmann (BLZ) empfiehlt Staudt, bei seinen Leisten und Zahlen zu bleiben: „Der Präsident steht einem der finanziell gesündesten Klubs in der Liga vor. Auf dieses Segment sollte er sich jetzt konzentrieren.“

Der Blendwirkung erlegen

Hans-Joachim Leyenberg (FAZ) macht sich darüber Gedanken, wie man die Zahl der Trainerentlassungen senken könnte: „Wie wäre es denn mit einer Wechselperiode nicht nur für Profis, sondern auch für Trainer? Als Gegenmittel für das Prinzip des Heuerns und Feuerns. Der eine oder andere Vorstand würde sich – so jedenfalls die Hoffnung – ein wenig gründlicher mit der Frage befassen, ob der Trainer zum jeweiligen Standort, zu der Mannschaft, den Ansprüchen und Zielen paßt. In Stuttgart steht der Name Trapattoni auf Dauer für ein Intermezzo auf der Trainerbank. In der Erinnerung bleiben putzige Sprachfetzen, die gequälte Miene eines Torhüters Timo Hildebrand, sobald er sich zu Sachthemen äußern sollte, eine vom Trainer betriebene Rotation, die ohne erkennbare Konturen blieb. Sinn und Ziel blieben nicht nur der Mannschaft verborgen. Lethargie machte sich dort breit, wo im Falle Sammers noch unverhohlene Ablehnung zu spüren war, als der Ball nicht so lief wie gedacht.“

Stefan Osterhaus (NZZ) hofft, dass die Vereinsführung aus dem Fehler gelernt hat: „Staudt erlag der Blendwirkung eines grossen Namens und versucht nun, dem schillernden Lombarden in Armin Veh einen wandelnden Gegenentwurf folgen zu lassen. Der Beschluss, Veh vorläufig bis zum Saisonende zu engagieren, verdient Beifall, denn er ist zumindest originell: Veh ist keiner aus dem üblichen Zirkel gutsituierter Erwerbsloser.“ Bernd Dörries (SZ) blickt zurück und nach vorne: „Die Ära Trapattoni war tatsächlich das große Missverständnis war, wofür es seit Herbst deutliche Anzeichen gab. Trapattoni, so schien es zum Schluss, war von seiner erfolgreichen Karriere selbst so gerührt, dass er glaubte, nichts falsch machen zu können. Ein Denkmal hat immer recht. Zum Schluss schien es, als wolle er zeigen, dass man Spiele gewinnen kann, ohne ein Tor zu schießen. Als Veh gefragt wurde, ob er so etwas wie eine Philosophie habe im Fußball, sagte er: ‚Ich liebe das Kurzpassspiel. Mir wäre es am liebsten, wenn man mit zwei Kontakten auskommt.‘ Trapattoni hätte wahrscheinlich stundenlang geantwortet und die Mannschaft dann doch hinten rein gestellt. Veh sagte nur zwei Sätze. Trapattoni und er könnten gegensätzlicher kaum sein.“

Übergangslösung?

„Der freundliche Herr…“, keine vorteilhafte Plakette für einen Trainer; die FAZ klebt sie gerne. Nach Skibbe ist nun Slomka dran – Richard Leipold (FAZ): „Allen Lippenbekenntnissen zum Trotz kann er sich nicht ganz sicher sein, wie hoch seine Akzeptanz unter den Spielern ist, die schon ganz anderen, berühmteren Trainern Rätsel aufgegeben haben und später ihre Füße in Unschuld wuschen. Also geriert Slomka sich als demokratischer Lehrer, der vorerst nur andeutet, daß er auch böse werden könne, wenn die Schüler seine freundlich-verbindliche Art auszunutzen gedächten. Er preist den Charakter der Mannschaft und versucht den richtigen Ton zu treffen, ob er es mit empfindsamen, zuweilen zickigen Künstlern zu tun hat oder mit robusten Söldnernaturen. Auch den Umgang mit den Medien gestaltet er seiner Position entsprechend. Slomka weiß, daß er sie noch brauchen wird. (…) So werden die Gelehrten sich weiter darüber streiten, ob Slomka Fachwissen und Autorität ins Gleichgewicht bringt oder ob Schalke eine Nummer zu groß für ihn ist. Seit seiner Beförderung sehen viele in ihm eine Übergangslösung, einen Platzhalter für einen namhaften Trainer, der im Sommer kommt. Nur wenn Schalke am Saisonende Rang 2 oder 3 belegte, könnte aus dem Platzhalter ein Platzhirsch werden.“

FR: Rätselhafter Kultspieler – Jiri Stajner avanciert nach langen Anlaufschwierigkeiten zum Publikumsliebling

NZZ: Afrika-Cup-Finale – 11 Elefanten unterliegen 75.011 Pharaonen

Deutsche Elf

Ersatzbundestrainer zur Hand

Jürgen Klinsmann kann sich seinen Trotz über die Ablehnung seiner Idee durch den DFB leider nicht verkneifen, dem Tagesspiegel sagt er: „Die Neuausrichtung hätte nur mit Bernhard Peters funktioniert, da er der intellektuelle Kopf des Konzeptes gewesen wäre. Sein Wissen wäre elementar gewesen in der Umsetzung vieler Ideen“; mit Sammer sei das Konzept nicht umzusetzen, führt er auf Nachfrage fort. Der Argwohn gegenüber Sammer, den fast alle großen Tageszeitungen zumindest im Ansatz teilen, richtet sich nun auch gegen seine Tätigkeit beim Springer-Konzern, wo er seit diesem Jahr Kolumnist bei der Welt am Sonntag ist. Bild, der große Vetter der WamS, will immer mitreden in Sachen Nationalmannschaft, Bild und Klinsmann sind seit zwei Jahrzehnten nie Freunde geworden (siehe unsere Studie über den Confederations Cup).

Sven Goldmann (Tsp) schreibt dazu und begründet seine Skepsis gegenüber Sammer: „Sammer wird durch seine bloße Präsenz Unruhe schüren. Die Zeitungen eines großen Verlagshauses, die Klinsmann nicht gerade wohlgesinnt sind, haben jetzt einen Ersatzbundestrainer zur Hand. (…) Zwar sagte Sammer, seine Fußball-Philosophie decke sich mit der des Bundestrainers. Aber schon kurze Zeit später referierte er über seine Bewunderung des traditionellen deutschen Kraftfußballs. Das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, wofür Klinsmann beim Confed-Cup gefeiert wurde, als die Nationalmannschaft mit attraktivem Angriffsfußball glänzte. Sammer plauderte bei seiner Vorstellung ironisch über diese Versuche des deutschen Fußballs, modern und mit System spielen zu wollen: ‚Wir müssen uns daran erinnern, dass wir früher alle niedergeknüppelt haben – und zwar ohne System.‘ Klinsmann wird die Botschaft verstanden haben.“ Andererseits: Sammer, dem wir nichts unterstellen wollen, könnte doch niemals dauerhaft als Bundestrainer in Ruhe arbeiten, sollte er irgendwann Klinsmann aus dem Amt gedrängt haben. Was wäre das für ein Makel! Was wäre das für eine Anrüchigkeit, mit dem ständigen Verdacht zu leben und zu arbeiten, einen Verrat begangen zu haben!

Irrational

Sehr lesenswert! Im Management-Channel, einem Expertenforum zur Unternehmensführung, lesen wir, warum die Entscheidung gegen Peters falsch begründet und aus falschen Gründen gewürdigt wird: „Hier ist nicht der Ort zu diskutieren, welcher der beiden Kandidaten besser geeignet ist. Gleichwohl ist kritisch zu reflektieren, auf Basis welcher Argumente die Entscheidung zu seinem Ergebnis gefunden hat: Ist es nicht sonderbar, daß sich der von außerhalb kommende Kandidat bis ins Kleinste rechtfertigen muß, daß er der Aufgabe gewachsen ist, obwohl er auf eine überragende Erfolgsgeschichte verweisen kann, während der interne Kandidat in dieser Hinsicht über jeden Zweifel erhaben zu sein scheint, obwohl er ein Zögling des bestehenden – erfolglosen!! – Systems ist? Müßte man nicht eher prüfen, warum der interne Kandidat trotzdem Innovation bringen kann, obwohl er durch die Mühlen der Organisation doch längst auf müde Linie getrimmt sein dürfte? Das hier zu beobachtende Phänomen trägt in der Managementlehre einen Namen, es ist das NIH-Syndrom: ‚Not Invented Here‘. Es beschreibt die Tendenz von Unternehmen (und Organisationen, Abteilungen und Gruppen), Anregungen, Ideen oder auch Denkmuster von außerhalb deshalb gering zu schätzen, weil sie von außerhalb kommen. Im Kern handelt es sich um eine irrationale Abwehrhaltung, die aber mit rationalen Gründen öffentlich vertreten wird, denn zu einem halbwegs komplexen Sachverhalt lassen sich immer scheinbar rationale Gründe finden, mit denen sich der wahre Grund, das NIH-Syndrom, überspielen läßt.“

Die Welt zu Gast bei Formschwäche

Christof Kneer (SZ) lenkt die Aufmerksamkeit auf den Sport: „Der Leistungseinbruch seiner Spieler ist für Klinsmann dramatisch genug, aber erschwerend kommt für ihn hinzu, dass er nicht mehr derselbe Klinsmann ist. Mit seiner Sammerpetersposse hat sich der DFB den Luxus geleistet, kurz vor der WM seinen Bundestrainer anzugreifen, und die spannendste Frage ist nun, wie das funktionieren soll, dass ein geschwächter Trainer mit einem geschwächten Team ins Turnier zieht. Die Welt zu Gast bei Formschwäche, das ist nicht direkt der Slogan, den Klinsmann im Sinn hatte, als er dieses heilige Amt übernahm. (…) Während sich Deisler weiter auf der Suche nach seinem Spiel befindet, hat sich Schweinsteiger in einem Interessengestrüpp zwischen Berater, Umfeld und Familie verheddert. Nicht mal Ballack geht derzeit als verlässliche Konstante durch. An Abwehrsorgen hatte man sich ja schon gewöhnt; dass die Schwächeanfälle nun aber auch schon die vorderen Spielfeldbereiche erreicht haben, ist die eigentliche schlechte Nachricht. Kuranyi und Asamoah sind vom mysteriösen morbus Schalke befallen, der arme Klose reiht eine Verletzung an die nächste, und Podolski spielt in Köln. Die Versäumnisse seines Vorgängers wird sich Klinsmann kaum leisten können. Rudi Völler hatte vor der Euro 2004 auf den formstarken Borowski verzichtet, weil der, wie man unter Trainern so sagt, noch nicht so weit war. Klinsmann aber wird kaum etwas anderes übrig bleiben als die Welle zu reiten; die, die gerade obenauf surfen, werden ihm im Sommer am ehesten helfen können – nach derzeitigem Stand sind das Spieler wie Frankfurts Kampftechniker Jermaine Jones oder der leidenschaftliche Nürnberger Stefan Kießling. Und wer im WM-Viertelfinale gegen Holland Ruud van Nistelrooy ausschaltet, ist ja auch schon klar: Das macht dann Markus Brzenska.“

Freitag, 10. Februar 2006

Bundesliga

Koalition der Schönredner

VfB Stuttgart – Werder Bremen 0:0

Traurige Geschichte

Stuttgart hat Giovanni Trapattoni entlassen, Nachfolger werde, nach Meldung der Stuttgarter Zeitung, Armin Veh. Mathias Schneider (StZ) blickt zurück: „Es war eine traurige Geschichte voller Irritationen. Nach Beispielen muss man nicht lange suchen. So wunderten sich noch im Wintertrainingslager Betrachter, dass der Mister jeden Tag mit einem identischen Trainingsprogramm aufwartete. Zwar heuerten mit dem gebürtigen Mailänder auch die beiden betagten Italiener Fausto Rossi sowie Adriano Bardin auf dem Wasen an, die Trainingseinheiten der beiden sorgten bei weiten Teilen der Mannschaft eher für Kopfschütteln. Manche Session glich einer Zeitreise in die tiefe Vergangenheit der Trainingslehre. Meist standen lediglich lockere Trainingsspiele auf dem Programm. Dass sich dazu noch Andreas Brehme gesellte, komplettierte den unheilvollen Mix. Binnen Wochen hatte Brehme ob seiner laschen Arbeitseinstellung jeden Kredit auf allen Ebenen des Vereins verspielt. In der Mannschaft fielen ob seiner unfreiwilligen Komik in rhetorischer wie konzeptioneller Hinsicht Ausdrücke wie ‚unglaublich‘. So formierte sich um den Mister eine Mannschaft, die von den Spielern mit äußerster Skepsis betrachtet wurden. Weitaus schwerer wog, dass Trapattoni selbst mit seinen Entscheidungen schnell das Vertrauen der Akteure verlor.“ Peter Stolterfoht (StZ) verbietet sich Besserwisserei: „Wir haben es ja schon immer gewusst: Der VfB Stuttgart und Giovanni Trapattoni – das konnte ja gar nicht gut gehen. So darf der endgültige Abgesang auf den italienischen Startrainer nach dessen gestrigem Rausschmiss leider nicht beginnen. Denn durch die Bank stimmten wir, die Medien, das Loblied auf Trapattoni an, als der dem VfB vor sieben Monaten sein überraschendes Ja-Wort gab. Und der Präsident Erwin Staudt konnte sich gar nicht mehr in Sicherheit bringen vor den vielen Gratulanten, die ihm für diesen Coup auf die Schulter klopfen wollten. Heute dürfen ihn dieselben Leute für die vor Saisonbeginn getroffene Personalentscheidung nicht an den Pranger stellen. Dass Staudt die Verpflichtung Trapattonis mit den Worten ‚Habemus Mister‘ zu einer göttlichen Eingebung stilisierte, war dann allerdings des Guten ein bisschen zu viel.“

Hannover 96–Hamburger SV 2:1

Zuviel Angedeutetes und zuwenig Konkretes

Frank Heike (FAZ) sorgt sich um Hamburg: „Bei den Hamburger Profis hat sich die frustrierende Gewißheit festgesetzt, daß es viel schwerer ist, das Erreichte zu verteidigen als auf einer Welle des Erfolges durch die Vorrunde zu surfen. Noch ist nichts verloren trotz zweier Niederlagen in den drei Partien der Rückrunde. Doch wer ehrlich ist, gesteht, daß der HSV nun vor allem nach hinten schaut und hofft, daß der FC Schalke 04 den Hamburgern im Kampf um Platz 3 nicht näher auf den Leib rückt. Niemand redet mehr von der Meisterschaft. Der HSV hat die grimmige Entschlossenheit im Auftreten einfach verloren. (…) Nach dieser Niederlage bei den biederen ‚Roten‘ gab es eine Mischung aus trotziger Zuversicht und verwirrtem Erklärungsnotstand beim HSV. Hatte Dolls Team das Spiel nicht 40 Minuten dominiert? Fühlte es sich nicht wie der Herr Hause? Das schon, aber es war zuviel Angedeutetes im Spiel der Hamburger und zuwenig Konkretes. Hannover 96 ist unter Peter Neururer seit neun Spielen unbesiegt. Im Vorbeigehen schlägt niemand die Niedersachsen, denn zumindest ein Tor nach einer Standardsituation machen sie fast immer.“ Jörg Marwedel (SZ) ergänzt: „Das brisanteste Thema mag Doll öffentlich nicht erörtern: die wachsende Zahl Frustrierter im einstigen Gute-Laune-Team. Raphael Wicky, der den Verlust seines Stammplatzes an den noch nicht überzeugenden Nigel de Jong innerlich nicht akzeptiert; die Stürmer Naohiro Takahara und Benjamin Lauth, die erneut fast alles schuldig blieben; und natürlich die Altstars Sergej Barbarez und Stefan Beinlich, die nach den stark reduzierten Vertragsangeboten ihres Klubs mit so schweren Beinen über den Platz trabten, als wollten sie Dietmar Beiersdorfer Recht geben in seiner Befürchtung, die beiden könnten höchsten Ansprüchen nicht mehr lange genügen.“

Hertha BSC Berlin–Bayern München 0:0

PR-Partie für Kahn

Ein Spiel für Kahn – Klaus Hoeltzenbein (SZ): „Seine Mitspieler hatten dem Nationaltorwart mal wieder eine PR-Partie geschenkt, allerdings nicht freiwillig. Je länger das Spiel währte, desto mehr verloren die Bayern die Kontrolle. Bei einer strengen Inventur wäre eine lange Mängelliste zustande gekommen: Angefangen damit, dass die Bayern auf holprigen Böden oft nur so wintertauglich sind wie ein PKW mit Sommerreifen; dass die meist gelobte Innenverteidigung Lúcio/Ismaël auch ihre Chaos-Tage kennt, Ballack sich mit wohl-dosiertem Energiesparprogramm auf die WM hin bewegt, Schweinsteiger nach Orientierung sucht oder Makaay erstmals klar zu sehen war, als er mit tiefgefrorener Miene in der 66. Minute seiner Auswechslung entgegen trabte. Alles Faktoren, die Hertha BSC geschickt zu einem Beruhigungsspiel nutzte: Sechs Mal hintereinander haben sie jetzt ihrem Publikum zu Hause ein Remis angeboten, es kriselt und knirscht, aber das 0:0 gegen den Meister nahm ihnen niemand übel. Dass die Berliner keinen tauglichen Torjäger finden, zählt inzwischen wie Brandenburger Tor, Christopher-Street-Day, Kreuzberg, Currywurst und Kanzlerin zur hauptstädtischen Folklore.“ Andreas Rüttenauer (taz) schreibt: „Die Begegnung hatte bisweilen etwas von einem Pokalfight zweier Mannschaften aus verschiedenen Spielklassen. Hertha präsentierte sich – angetrieben von einem lustvoll aufspielenden Yildiray Bastürk – als verschworener Haufen, während die Bayern mit der Gelassenheit eines Klassenprimus auftraten.“

1. FC Kaiserslautern–1. FC Köln 2:2

Große Koalition der Schönredner

Tobias Schächter (SZ) staunt über die Begeisterung und Zuversicht der Trainer nach dem Spiel: „Während die Anhänger sich mit neuen Eindrücken über das Schicksaal ihrer Mannschaften auf den Nachhauseweg machten, wirkten die Spieler und Trainer wie die deutschen Politiker nach der vergangenen Bundestagswahl: Sie mussten ein Ergebnis analysieren, das sie partout vermeiden wollten. Mit einer lähmenden Vorstellung – Wer verliert, steigt ab! – waren die Akteure ins Spiel gegangen, und so kam es nicht überraschend, dass die Erleichterung darüber, nicht verloren zu haben, die Enttäuschung über den ausgebliebenen Befreiungsschlag verdrängt hatte. Beide Trainer versuchten, in einer Großen Koalition der Schönredner Hoffnung zu verbreiten.“ Oliver Trust (FAZ) sieht das genauso: „Begeisterung löst selbst bei Kellerkindern die Zunge und treibt unverhofft Zuversicht in die Gedanken. Und so kam nach dem Unentschieden, das im Grunde keinem hilft, hüben und drüben eine von Mut und Selbstsuggestion getragene Atmosphäre auf. (…) Tatsächlich hielten sich Erfreuliches und Ärgerliches die Waage, abgesehen vom beiderseits bedenklich schwachen technischen und spielerischen Niveau.“

Emotional ausgeblutet

Wolfgang Wolf im Interview mit der Welt
Welt: Sie hatten überlegt, Marco Engelhardt, der im Januar nackt auf dem Titel der Bild prangte, als Kapitän abzulösen. Eine Frau hatte das per Fotohandy gesandte Bild an die Zeitung weitergegeben.
Wolf: Wegen solch einer öffentlichkeitsheischenden und selbstdarstellerischen Person nehme ich Marco doch nicht die Binde weg. Den Fehler mit diesem Foto macht er genau einmal im Leben. Mit der Abberufung hätte ich ihm auch nicht geholfen, er hat es bei den Fans bereits schwer genug, gegen ihn gibt es Vorurteile im eigenen Lager. Weil er Nationalspieler ist, muß er nicht immer der Beste sein.
Welt: Überhaupt scheint die Bindung zwischen Verein und Fans verlorengegangen zu sein.
Wolf: Mit den Erfolgen aus den 90er Jahren wurde hier fahrlässig umgegangen, das Geld an überbezahlte Spieler zum Fenster rausgeschmissen. Jetzt ist der FCK ausgeblutet, finanziell und teilweise auch emotional. Als ich anfing, war das Verhältnis zwischen Fans und Verein schlimm, jeder hatte eigene Wege eingeschlagen. Hatten die Gegner früher Angst vor der Atmosphäre des Betzenbergs, kommen sie jetzt gern. Wir sind auf dem Weg, dies schnell zu ändern.
Welt: Auch weil sie in Daniel Halfar, Fabian Schönheim und Sebastian Reinert auf drei 18jährige FCK-Talente setzen?
Wolf: Ich sehe dies als wichtigen Schritt zurück zu den Wurzeln. Diese Jungs sind sehr talentiert und die Zukunft des Vereins. Ich bringe sie, weil sie es verdient haben und um den Älteren Druck zu machen. Viele Spieler haben Verträge, die bei einem Abstieg ungültig werden. Sie müssen sich anbieten, denn Gehälter wie hier werden sie sonst nicht mehr bekommen.

Borussia Dortmund–MSV Duisburg 2:0

Identitätsstifter

Noch ein Problemfall deutscher Innenverteidiger – Richard Leipold (FAZ) beobachtet die Verdrängnung Christoph Metzelders durch den jüngeren Markus Brzenska: „Der Einundzwanzigjährige hat die Dortmunder Abwehr nach außen stabilisiert und nach innen durcheinandergebracht. Metzelder muß sich erst auf die neue Lage einstellen, auch verbal. Der fünfundzwanzig Jahre alte Abwehrstratege, sonst ein beredsamer Gesprächspartner, verließ die Kabine wortlos. Es ist noch nicht lange her, daß er in den Katakomben sein teils zum modernen Märchen erhobenes, qualitativ jedoch überschätztes Comeback erläuterte, das ihn sogar zurück in die Nationalelf führte. Zu Beginn des WM-Jahres scheint Metzelders größter Vorzug darin zu liegen, daß er menschlich dem Anforderungsprofil von Jürgen Klinsmann entspricht. In Dortmund hilft ihm das nicht, solange Brzenska so ruhig, so sachlich seine Arbeit verrichtet wie zuletzt und auch noch als Torschütze in Erscheinung tritt. (…) In der Nationalelf mag Metzelder von seinem Ruf zehren und von seinem Ruhm als Finalteilnehmer der vergangenen Weltmeisterschaft. Bei Borussia Dortmund indes könnte ‚Brenner‘ ihn sogar als Identitätsstifter übertreffen. Während Metzelder als Zwanzigjähriger zum BVB kam, ist der Mitbewerber schon seit seinem neunten Lebensjahr im Verein. Für Vorzeigeprofi Metzelder ist es noch ein beschwerlicher Weg über den Dortmunder Brenner.“

Borussia Mönchengladbach–Schalke 04 0:0

Stillstand auf dem Rasen

Richard Leipold (FAZ) vermisst Tempo und Idee: „Der zähflüssige Straßenverkehr rund um den ‚Borussia-Park‘ hatte den Zuschauern einen Vorgeschmack auf das gegeben, was ihnen an diesem Fußballabend widerfahren sollte. Vor dem gegnerischen Tor stehen auch die Schalker Stürmer im Stau. Wie beim 0:0 gegen Dortmund waren die wichtigsten (Lauf-)Wege Richtung Strafraum blockiert, weil den Verkehrsplanern im Mittelfeld nichts einfiel. Vermeintlich kreative Staupiloten wie Lincoln oder Kobiaschwili suchten vergeblich nach der richtigen Route; sie fanden nicht einmal auf Umwegen zum Ziel. Bei allem Bemühen, das in der ersten Hälfte erkennbar war, übertrug sich der Stillstand vom Rasen auf die Ränge.“

1. FC Nürnberg–Eintracht Frankfurt 0:1

Verdient gesiegt – Ralf Weitbrecht (FAZ): „Die Frankfurter zeigten im spärlich besetzten Frankenstadion die reifere Spielanlage, hatten mit Amanatidis den stärksten Stürmer in ihren Reihen – und mit Oka Nikolov einen Torwart, der die nach dem Seitenwechsel zunehmenden Einschußmöglichkeiten der Nürnberger glänzend parierte.“

FR-Interview mit Benjamin Huggel, dem von der Fifa Bestraften: „Ich fühle mich betrogen“

Bayer Leverkusen–VfL Wolfsburg 4:0

Schizophrenie zwischen Heim-Samba und Auswärts-Blues

Ulrich Hartmann (SZ) blickt hinein in Klaus Augenthaler: „Augenthaler hat seine Entlassung noch immer nicht ganz überwunden, zumal er jetzt eine Mannschaft betreut, die die gleichen Symptome zeigt wie die Leverkusener. Beide Klubs neigen in fremden Stadien zur Lethargie. Augenthalers Analysen nach den Spielen klingen genauso wie früher in Leverkusen.(…) Die Schizophrenie zwischen Heim-Samba und Auswärts-Blues ist ein Phänomen, für das die Fußball spielenden Angestellten von Werksvereinen besonders anfällig zu sein scheinen. Augenthaler erlebte schon seine Leverkusener als Diven. In Wolfsburg ist es jetzt genauso.“

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