Samstag, 28. August 2004
Bundesliga
Er läßt sich immer wieder von Emotionen leiten
Klaus Toppmöller, „Gefühlsmensch bei der Kopfarbeit“ (FAZ), muss eine Strategie zum Umgang mit seinen Kritikern entwickeln und vollziehen – „Tempo! Aufbruch! Courage! Angriff!“ (SZ), das Leitbild Felix Magaths, ist neu in München – „Jürgen Klopp, Autodidakt, wäre der ideale Bundestrainer gewesen“ (Tsp)
Wie geht Klaus Toppmöller mit der Kritik an seiner Arbeit und seiner Mannschaft um, Sascha Zettler (FAZ 28.8.)? „Toppmöller hebt in diesen Tagen auffällig oft den Dialog mit seinen Spielern hervor. So hielt er es auch bei Bayer Leverkusen, dem Verein, in dem er vor ein paar Jahren zu einem Aufsteiger im Trainermetier wurde. Andererseits galt Toppmöller, ehe ihn die Leverkusener Anfang 2003 entließen, auch als ein Kumpeltyp, der in der Krise keine Distanz mehr zu seinen Kickern herstellen konnte. In Hamburg präsentierte sich der Coach deshalb zu Beginn seiner Arbeit gegenüber den Spielern betont distanziert. Erst im Sommertrainingslager dieses Jahres ging Toppmöller, der Bauch- und Gefühlsmensch, auf die Spieler zu. Doch schon nach den ersten Mißerfolgen rückte er wieder von ihnen ab, kritisierte sie entgegen vorherigen Ankündigungen über die Medien. Toppmöllers Problem: Er läßt sich immer wieder von Emotionen leiten. Seit dem Pokal-K.-o. versucht er sich als Kopfarbeiter. Ob es für die Wende reicht?“
Tempo! Aufbruch! Courage! Angriff!
„Felix Magath ist noch weit entfernt davon, seine Ideale beim FC Bayern zu realisieren.“ Philipp Selldorf (SZ 28.8.) macht Bestandsaufnahme: „Außer der Protestfront gegen den unglücklichen Staatssanierer Peter Hartz hat sich in Deutschland noch eine zweite populäre Bewegung formiert. Sie tritt für umfassende Reformen im Fußball ein, und diesmal eint sie das Volk und die Mächtigen, denn an ihre Spitze haben sich führende Köpfe der Branche gesetzt: Jürgen Klinsmann als Verantwortlicher des Nationalteams und Felix Magath als Trainer des mächtigsten Bundesligavereins. Ihr Programm lautet: Tempo! Aufbruch! Courage! Angriff! Ihre Leitgedanken treffen den Zeitgeist im Fußball-Land. „Ich kann das Spiel passiv definieren, abwartend spielen und den Gegner Fehler machen lassen“, sagt Magath. Aber das ist nicht seine Lösung. Mit der Methodik würde er nicht nur gegen seine Prinzipien verstoßen, sondern auch gegen den Geschmack des Publikums. Bei der EM sei das beherzte, bewegte Spiel in Mode gekommen, glaubt Magath, und der FC Bayern habe aufgrund von Anspruch und Einfluss die Pflicht, „in Deutschland Vorbild zu sein. Bei der EM gab es sehr guten, aktiven, attraktiven Fußball, und davon sind die Zuschauer inspiriert worden. Es ist wie beim Champagner – wenn man einmal davon gekostet hat, will man mehr.“ Obwohl Felix Magath im Grunde Anti-Alkoholiker ist, liegt er mit seiner Beobachtung vermutlich richtig. Blöderweise aber ist „der andere Fußball“ genau jene Sorte Fußball, die in München in den vergangenen Jahren praktiziert wurde. Und das mit besten Ergebnissen. Zu Beginn dieser Woche gab der Vater dieses Konzepts seinen Ausstand bei der Mannschaft, es war ein fröhliches Fest für Ottmar Hitzfeld, und nach dem Abend blieb die Aussage aus der Ansprache von Kapitän Oliver Kahn stehen: „Es war die erfolgreichste Zeit des Vereins überhaupt.““
Jürgen Klopp wäre der ideale Bundestrainer gewesen
Sehr schön! Stefan Hermanns (Tsp 28.8.) erklärt Wesen und Wirken Jürgen Klopps: „Klopp ist Autodidakt. Er besitzt keinen Trainerschein, doch weil die Ausbildung des DFB ein bisschen in Verruf geraten ist, halten manche das sogar für einen Glücksfall. Die Modernisierung des deutschen Fußballs erfolgt längst vom Rande aus, und am Rande liegen Freiburg und Mainz. Freiburg hat Deutschland das Kurzpassspiel geschenkt, Mainz den Leidenschaftsfußball. Leidenschaft am Fußball ist die Basis des Mainzer Spiels, aber wer Klopp für einen dieser schlichten „Männer, ihr müsst brennen“-Motivatoren hält, verkennt sein taktisches Geschick. Klopp, der Autodidakt, hat am meisten von seinem früheren Trainer Wolfgang Frank gelernt, der die Mainzer Mitte der Neunziger mit Erfolg in ein taktisches Korsett gezwängt hat. Mainz war die erste Zweitliga-Mannschaft, die die Viererkette gespielt und auch verstanden hat (weit vor Franz Beckenbauer). Ihr Fußball war systematischer Fußball durch und durch. Unter Klopp ist er nur noch semi-systematisch. Bei Ballbesitz erlaubt Klopp totale Flexibilität, für die Verteidigung aber besitzt jeder Spieler eine klare Handlungsanweisung. Die Flexibilität im Angriff ist nur möglich, weil bei Ballverlust in der Mainzer Abwehr nicht gleich das Chaos ausbricht. Jeder Spieler weiß, was er dann zu tun hat. „Je flexibler du in der Offensive bist, desto schwieriger ist es, bei Ballverlust wieder die klare Ordnung zu finden“, sagt Klopp. „Das muss ganz schnell gehen.“ Die Mainzer trainieren das – immer noch ohne Ball. Von Wolfgang Frank hat Klopp gelernt, „dass es deutlich weniger von der Tagesform oder vom individuellen Vermögen abhängt, ob man gewinnt“. Dass ein funktionierendes System individuelle Schwächen kompensieren kann, haben die Mainzer mit ihrem Aufstieg bewiesen. Rein nominell gab es deutlich bessere Mannschaften in der Zweiten Liga. So gesehen wäre Jürgen Klopp der ideale Bundestrainer gewesen.“
Freitag, 27. August 2004
Internationaler Fußball
Die Clubs blasen zum Angriff
Ralf Itzel (FR 27.8.) blickt auf die Primera Division, die am Wochenende beginnt: “Über das frühe Ausscheiden der Nationalelf bei der Europameisterschaft haben sich die spanischen Fußballfans nicht lange gegrämt. Das Scheitern der „seleccion“ ist längst Gewohnheit. Für Erfolge stehen auf der Halbinsel die Vereinsmannschaften, und die bestimmen ab diesem Wochenende das Geschehen. Dass der defensive Stil von Europameister Griechenland und Champions-League-Sieger FC Porto in Spanien Schule macht, steht nicht zu befürchten. Die meisten Clubs blasen zum Angriff. Nach einem sparsamen Vorjahr haben fast alle kräftig in neues Personal investiert und in die Offensive angekurbelt. Am aktivsten dabei war der FC Barcelona, der seine Mannschaft grundlegend umgekrempelt hat. Der Brasilianer Ronaldinho hat kongeniale Partner bekommen: Landsmann Deco und den Franzosen Giuly, beide herausragende Spieler, sowie den Kameruner Hochgeschwindigkeitsstürmer Etoo und den erfahrenen schwedischen Torjäger Larsson. Für die Defensive kamen drei weitere Brasilianer (Edmilson, Belletti und Sylvinho), die mit Ronaldinho und Deco den Stil Barcas nun prägen dürften wie früher die Holländer. (…) Ein Neuling unter der Trainern in Spanien ist dagegen Bernd Schuster. Nach einem missglückten Abenteuer in der Ukraine steht der Augsburger nun dem bescheidenen Aufsteiger Levante aus Valencia vor. Ziel ist der Klassenerhalt.“
Die NZZ (27.8.) meldet: „Dem Öl-Milliardär Roman Abramowitsch droht in der Champions League Ungemach. Da der Russe sowohl Klubbesitzer des FC Chelsea als auch Mitbesitzer von ZSKA Moskau ist, muss möglicherweise einer der beiden Vereine aus der Königsklasse ausgeschlossen werden. Laut den Uefa-Statuten ist es nicht erlaubt, die Kontrolle über zwei oder mehr Vereine zu haben, die am gleichen Wettbewerb teilnehmen. Pikanterweise brachte das Los beide Klubs gemeinsam in die Gruppe H.“
Beim Halbfinale hätte ich in zehn Minuten jedem Zuschauer die Hand schütteln können
Wenige Zuschauer bei Olympia, die FR (27.8.) zählt: „Vor knapp zwei Monaten feierten Hunderttausende Otto Rehhagel und seine Europameister, jetzt zeigen die Griechen dem Fußball bei Olympia die kalte Schulter. Wenn der Ball rollt, bleiben die Stadien in Athen, Thessaloniki oder Patras leer. Nur 10 356 Zuschauer wollten im Schnitt die Spiele sehen – so wenige, dass die Fifa Alarm schlägt. „Beim Frauen-Halbfinale zwischen Schweden und Brasilien hätte ich in zehn Minuten jedem Zuschauer die Hand schütteln können“, ereiferte sich Fifa-Präsident Joseph Blatter und forderte vor den Endspielen: „Lasst doch die freiwilligen Helfer zuschauen, damit die Plätze voll werden.“ Der offizielle Zuschauerschnitt liegt deutlich unter den Werten der vergangenen Olympia-Turniere. Sydney zählte 30 178 Zuschauer pro Spiel, Atlanta sogar 40 918. Lediglich Barcelona (14 572) verzeichnete eine ähnlich schwache Resonanz. (…) Die fehlende Anziehungskraft des Männerturniers erklärt sich aus dessen Charakter als besserer Nachwuchswettbewerb. Nur drei Spieler über 23 Jahre sind pro Team zugelassen, große Fußball-Nationen wie Brasilien, Spanien, Frankreich, England und Deutschland fehlen.“
Ball und Buchstabe
Leserbrief: Das ewige Augenzwinkern der Null
if-Leser Wolfgang Mohr teilt aus: „In Völlers Ägide hat – gerade auch die ernstzunehmende Sportpresse – eklatant versagt. In ihrem Bestreben, Volkes Stimme („Es gibt nur einen Völler“) auf eloquenterer Ebene zu artikulieren, hat sie sich – indirekt – Völlers Hagiographie verschrieben und der Nationalmannschaft mehr geschadet als es das Blökblatt „Bild“ je vermochte. Tante Käthe wurde in Pop veredelt. Kritik war ausgeklammert, traf allenfalls die Spieler; Völler war sakrosankt. Im postmodernistischen Abendrot war ihr sogar Völler als Repräsentant des „Anything Goes“ nicht hinterfragungswürdig. Genauso kam Völler ja auch ins Amt (am Tisch ausgeguckt: „Mach Du’s!“). Als Kommunikator eine Null, dazu das ewige Augenzwinkern, nur vergleichbar der bescheuerten Geste von Spielern, den Daumen zu heben, auch wenn der Pass ellenlang ins Aus geht, hat Völler in nahezu keinem Spiel bewiesen, dass er intellektuell dem Spiel Fußball gewachsen ist. Das qualifiziert heute zu „Kult“, reiht sich aber nahtlos unter die Küblböcks, Elvers, Big Brother-Stupidos ein. Dass er in der Spätphase manche Kritik zu taktischen Fehlern einstecken musste, war ja nicht der Situation geschuldet, dass sich diese Fehler in den letzten Spielen häuften, sondern nur dem Umstand, dass sich vorher niemand dieses Themas anzunehmen wagte. Man wäre ja aus der Gunst des DFB gefallen, hätte seine Spezis nicht mehr interviewen können etc. Eine augenzwinkernde Gemeinschaft also, ein DFB-Syndikat. Erst als nichts mehr zu leugnen war und „Bild“ den „Fehler-Flüsterer“ hervorkramte, kam auch die seriöse Presse unter dem Stein hervor. Skibbe: ein Trauerspiel. Bei Dortmund schon nichts gerissen. Mit Bassett-Miene Optimismus verbreiten? Warum hat niemals jemand darüber geschrieben?“
Leserzuschriften geben nicht die Auffassung der Redaktion wieder.
11 Freundinnen
Deutschland gewinnt 1:0 gegen Schweden und Bronze
Deutschland gewinnt 1:0 gegen Schweden und Bronze. Nicht nur Andreas Morbach (Tsp 27.8.) gratuliert Silke Rottenberg: “Die Torhüterin vom FCR Duisburg erzählte ein bisschen von sich selbst. „Im USA-Spiel haben wir Gold verschenkt“, sagte sie. „Aber es ist nun einmal ein bisschen meine Stärke, dass ich persönliche Schwächephasen schnell abhaken kann.“ Ein bisschen? Die Schwedinnen dürften über diese Verniedlichung recht erbost sein. Denn die Medaille hatten sie fast allein gegen die Frau im deutschen Tor verloren. Von der ersten Sekunde an zeigten sich beide Teams wild entschlossen, den Zuschauern ein paar bleibende Eindrücke zu verschaffen. Bundestrainerin Tina Theune-Meyer hatte ihren Teil dazu beigetragen, indem sie die im Viertel- und Halbfinale auffallend schwache Mittelfeldspielerin Pia Wunderlich durch eine dritte Stürmerin, Petra Wimbersky vom FFC Turbine Potsdam, ersetzte. Beide Mannschaften erarbeiteten sich eine ganze Reihe hochklassiger Tormöglichkeiten. 5:5 hätte es zur Pause bereits stehen können. Weil aber auch die schwedische Keeperin Caroline Jönsson die eine oder andere Parade vorführte, fielen nicht zehn Tore, sondern nur eins. Das allerdings wurde heftig durch Jönsson begünstigt, die nach 17 Minuten einen schlappen Schuss der Frankfurterin Renate Lingor durch die Arme flutschen ließ. Deutschland führte, und die 300 deutschen Fans hinter dem schwedischen Tor konnten sich mit ihrem Transparent „Trotz großer Hitze seid ihr Spitze“ bestätigt fühlen.“
WM 2006
Digitale Fernsehtechnik
In der FAZ (Wirtschaft 26.8.) liest man über die TV-Pläne der Fifa: „Die außerhalb Europas vorangetriebene nächste Generation der Fernsehbildtechnik, das hochauflösende Fernsehen (HDTV), wirft nach einem mißglückten, teuren Anlauf Ende der achtziger Jahre nun auch in Deutschland ihre Schatten. Dieser weltweite digitale Fernsehstandard soll demnächst den in Europa verbreiteten PAL-Standard ablösen. Großveranstaltungen im Massensport bestimmen das Tempo. Im Fußball soll – wie bereits die Europameisterschaft 2004 – die nächste Weltmeisterschaft ausschließlich in HD-Technik produziert werden. Seit Deutschland den Zuschlag für dieses sportliche Großereignis erhalten hat, schwärmen Politiker von den wirtschaftlichen und imagefördernden Chancen für das Land. 2006 will sich Deutschland mit schönen Bildern rund um den Globus präsentieren. (…) In den Vereinigten Staaten, Brasilien, Australien, Japan, China und Korea gehört das hochauflösende Fernsehen (High Definition-TV oder HDTV) beim Ausstrahlen neuer Serien und Spielfilme bereits zum Alltag. In den Vereinigten Staaten sollen demnächst auch alle wichtigen Sportveranstaltungen in HD-Technik produziert werden. In Europa ist vor einigen Monaten in Belgien der HD-Sender „Euro 1080″ gestartet. Der Fußball-Weltverband Fifa hat festgelegt, daß die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland komplett in HD-Technik aufgezeichnet wird. Gegenüber der in Europa noch üblichen PAL-Technik arbeitet HDTV mit wesentlich höherer Bild- und Tonqualität. Dies wird mit etwa zwei Millionen Bildpunkten auf 1080 Zeilen statt der bisher üblichen 400 000 Pixel auf den sichtbaren 576 Zeilen der Pal-Technik erreicht. Aber die mehr als vervierfachte Datenmenge hat einen hohen Preis – beim Anbieter wie beim Konsumenten.“
Donnerstag, 26. August 2004
Internationaler Fußball
Napoli muss gerettet werden
Sehr lesenswert! Für den verschuldeten SSC Neapel findet sich bestimmt eine italienische Lösung. Birgit Schönau (SZ 26.8.) berichtet: „Man schrieb den 2. August 2004, als der SSC Neapel mausetot erschien – als Europas prominenteste Fußball-Leiche. Eine von vielen, aber wer hat schon Monza eine Träne nachgeweint, Cosenza oder Ancona Calcio? In der Provinz nehmen die Fans das Verschwinden ihrer Lieblingsmannschaften hin, als handele es sich um so unausweichliche Katastrophen wie die Pest oder das Po-Hochwasser. Sie haben keine Lobby, und sie bilden keine Partei. Aber der SSC Neapel hat sechs Millionen Tifosi hinter sich. Sie sitzen im norwegischen Bodo und im australischen Canberra und in Little Italy, New York. Eben überall auf der Welt, wo es eine Pizzeria gibt, die „Bella Napoli“ heißt oder „O“ Vesuvio“. Vor allem aber in Neapel selbst, wo sie zuletzt das Stadion San Paolo mit seinen 80 000 Plätzen zwar nicht mehr ganz ausfüllten, jetzt aber entschlossen sind, den Verein zu verteidigen, als spiele man gegen die Erzfeinde Milan, Hellas Verona und Juventus Turin gleichzeitig. Jeden Tag bringt die Lokalzeitung Il Mattino eine ganze Seite mit Liebeserklärungen für den moribunden Fußballklub. Aus Kuba schniefte der unvermeidliche Maradona: „Es ist, als ob man einen nahen Verwandten verlöre.“ (…) Napoli muss gerettet werden. Die Bürgermeisterin hat sich eingeschaltet und Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi. Und nun wird noch mal verhandelt. Pleite ja, aber wie pleite? Angeschlagen ja, aber deshalb noch lange nicht k.o. Vertreter der Stadt, des Fußballverbandes, der Konkursverwalter und die Richter bemühen sich in der Gerichtsburg Castelcapuano um eine Lösung. Unter goldüberzogenen Kassettendecken, wo sich einst die Paten der Camorra aus den Fängen des Gesetzes zu winden suchten, geht es jetzt um die Fragen: Zweite oder dritte Liga, unter welchem Namen, mit welchem Patron? Rein rechtlich müsste der bankrotte Verein in der Amateurliga neu anfangen, aber dann dürften seine Gläubiger, allen voran der Staat, ihr Geld vergessen. Selbst die vierte Liga, wo vor Jahren der AC Florenz nach seinem Konkurs antreten musste, wird vom Fußballverband Federcalcio ausgeschlossen. Man fürchtet die Reaktion der Piazza – wegen seiner gewalttätigen Fans, die bei einem Derby im vergangenen Jahr einen jungen Mann töteten, hatte der SSC Neapel fünf Spieltage lang nicht im eigenen Stadion spielen können.“
Irak spielt um olympisches Bronze. Jürgen Ahäuser (FR 26.8.) erinnert an die Vorbereitung des Teams und die politische Reichweite: „Bernd Stange hat die Iraker aus Not „durch die Welt gezerrt.“ Von Australien über Japan, Südkorea bis nach England schleppte er das Team, immer auf der Flucht vor den mörderischen Zuständen in der Heimat. In England geriet der Träumer vom unpolitischen Sport auf politisch vermintes Gelände. Ins Land des Feindes und Besatzers fuhren die irakischen Fußballer mit viel Bauchgrimmen. Als Reaktion auf einen sehr „emotionalen“ Brief an Tony Blair und George Bush, in dem Stange monierte, doch nicht jede Woche eine Milliarde Dollar für den Krieg auszugeben und stattdessen lieber den sport- und insbesondere fußballverrückten Leuten im Irak eine Freude zu machen, schickte der englische Premier 5000 Bälle und Hemden. Damit nicht genug: Es kam auch eine Einladung zu einem Trainingslager. Ein PR-Fallstrick, über den der politisch unerfahrene Trainer stolperte. Stange schüttelte auf einem Bild dem britischen Außenminister Jack Straw die Hand. Dazu im Hintergrund die Mannschaft, von der sich aber sechs Spieler weigerten, mitzuposieren. „Das hat meine Arbeit, die ich wegen der Sicherheitslage gelegentlich auch von Amman aus dirigierte, nicht leichter gemacht.“ Viele Spieler haben dann auch geäußert, sie hätten die Reise nach England lieber nicht angetreten. Von George W. Bush hat Bernd Stange keine Antwort bekommen. Doch zum Entsetzen des Fußball-Lehrers vereinnahmt der amerikanische Präsident die Olympia-Erfolge für seinen Wahlkampf. In einem Werbespot, so ist dem Deutschen zugetragen worden, soll er sogar zu sehen sein. „Dagegen verwahre ich mich und die irakischen Spieler erst recht.““
Nachschuss
Der sportliche Komödiant und der Charakterkopf
Slovan Liberec-Schalke 04 0:1
Der sportliche Komödiant und der Charakterkopf
Schalke qualifiziert sich für den Uefa-Cup, zwei Spielern klopft man auf die Schultern – Richard Leipold (FAZ 26.8.): “Rost, immer wieder Rost wurde von allen, die in Liberec dabei waren, als Urheber des Schalker Erfolges im Rückspiel genannt. (…) Der sportliche Komödiant Ailton und der nicht immer pflegeleichte Charakterkopf Rost: Diese beiden unterschiedlichen, jeder auf seine Weise herausragenden Spielertypen, waren zur Stelle, als es darauf ankam. Es mag Zufall sein, daß gerade diese beiden von gesundem, manchmal auch ungesundem Egoismus getriebenen Profis in Liberec die Protagonisten des Erfolges waren. Ihr Zusammenspiel könnte aber auch ein Wink für die nähere Zukunft sein, die für Schalke nun wieder internationale Herausforderungen bereithält und den hochverschuldeten Revierklub auch finanziell ein wenig entlastet.“
Allgemein
Der sportliche Komödiant und der Charakterkopf
Slovan Liberec-Schalke 04 0:1
Schalke qualifiziert sich für den Uefa-Cup, zwei Spielern klopft man auf die Schultern – Richard Leipold (FAZ 26.8.): “Rost, immer wieder Rost wurde von allen, die in Liberec dabei waren, als Urheber des Schalker Erfolges im Rückspiel genannt. (…) Der sportliche Komödiant Ailton und der nicht immer pflegeleichte Charakterkopf Rost: Diese beiden unterschiedlichen, jeder auf seine Weise herausragenden Spielertypen, waren zur Stelle, als es darauf ankam. Es mag Zufall sein, daß gerade diese beiden von gesundem, manchmal auch ungesundem Egoismus getriebenen Profis in Liberec die Protagonisten des Erfolges waren. Ihr Zusammenspiel könnte aber auch ein Wink für die nähere Zukunft sein, die für Schalke nun wieder internationale Herausforderungen bereithält und den hochverschuldeten Revierklub auch finanziell ein wenig entlastet.“
Bundesliga
Der mächtige Konzern hat eingegriffen und die Muskeln spielen lassen
Peter Pander, „eine Wolfsburger Institution mit Stellenwert“, ist nicht mehr Wolfsburgs Manager. Kein Rücktritt, wie es offiziell heißt, ein Rauswurf war’s, behauptet Achim Lierchert (FAZ 26.8.): „Sicherlich brachte der Fauxpas von Köln, hervorgerufen durch eine Verkettung unglücklicher Umstände, die Wolfsburger in die negativen Schlagzeilen. Sicherlich war es auch angemessen, daß Pander als zuständiger Sportlicher Leiter umgehend die Verantwortung dafür übernahm. Doch Rücktritt? Spätestens, als sich am Mittwoch der Rauch nach dem Donnerschlag vom Dienstag etwas lichtete, wurden die tatsächlichen Hintergründe sichtbar, weswegen der 52 Jahre alte Pander, immerhin seit dreizehn Jahren beim VfL in Amt und Würden, den Dienst quittierte. Oder besser: quittieren mußte. Der mächtige Konzern hatte eingegriffen und die Muskeln spielen lassen. Erstmals in dieser Form zog der Geldgeber personelle Konsequenzen nach einer Kette negativer Entwicklungen in den vergangenen Monaten. Das schlechte Abschneiden in der Vorsaison, als der VfL sein ursprüngliches Ziel „internationaler Wettbewerb“ weit verfehlte, der erfolglose Kampf Panders um die teilweise Freistellung des argentinischen Stars Andres D‘Alessandro von seinen umfangreichen Nationalmannschaftspflichten, das blamable Abschneiden im UI-Cup mit dem Erstrunden-K. o. gegen den schweizerischen Provinzklub FC Thun, Ungereimtheiten um die Spielberechtigung einiger Amateurspieler, die den VfL womöglich in der Regionalliga nachträglich Punkte kosten, sowie nun der Flop von Köln – dies alles führte die einflußreichen Vertreter des Automobilfabrikanten im Aufsichtsrat dazu, ihrem langjährigen „ersten Mann für Fußballangelegenheiten“, der sich vom einfachen VW-Angestellten zum Bundesliga-Manager emporgearbeitet hatte, das Vertrauen zu entziehen. Pander hatte in der Wolfsburger Krisensitzung offenbar nur noch die Wahl zwischen einem, wenn auch erzwungenen, Rücktritt und einem eindeutigen Rauswurf.“
Sportliche Stagnation
Jörg Marwedel (SZ 26.8.) ergänzt zustimmend: „Der Druck, so erfuhren Insider, soll von ganz oben ausgeübt worden sein – VW-Chef Bernd Pischetsrieder habe Sander und dessen Stellvertreter im VfL-Aufsichtsrat, Folker Weißgerber und Francisco García Sanz (beide gehören ebenfalls dem Konzernvorstand an) gedrängt, die Personalie Pander rasch zu klären. Pischetsrieder missfalle seit längerem die sportliche Stagnation des Teams und das Bild, das der VfL trotz teurer Image-Kampagnen abgebe. Die jüngsten Schlagzeilen über die „Wolfsburger Pokal-Trottel“ waren demnach nur der letzte Impuls, sich von dem Mann zu trennen, der 13 Jahre lang den Wolfsburger Fußball prägte wie kein anderer. Unter Panders Regie stiegen die VfL-Fußballer 1997 in die Bundesliga auf. Doch dem Wunsch des Konzerns, dass sich der Klub im Europacup etabliere, kam das Team mit Pander nicht näher.“
Deutsche Elf
Skibbe bleibt Nachwuchskoordinator
Michael Skibbe wird nun doch beim DFB weiterarbeiten: als Nachwuchskoordinator. Jan Christian Müller (FR 26.8.) begrüßt diese Entscheidung: “Offenbar haben sie beim DFB spät, aber nicht ganz zu spät, eingesehen, dass es besser ist, einen ohnehin noch laufenden Vertrag mit dem Jugendkoordinator zu erfüllen und damit auch zu demonstrieren, dass der bereits immense Einfluss des neuen Bundestrainers nicht bis in die Nachwuchsarbeit hineinreicht. Wie unkoordiniert dabei jedoch vorgegangen wurde, beweist die Tatsache, dass Uli Stielike nur 20 Tage, nachdem er vom U 21-Trainer zum U 20-Coach degradiert wurde, nun auch diesen Job los ist und lediglich noch die U 19 trainieren darf. Michael Skibbe wird sich künftig daran messen lassen müssen, wie sehr er sich in der Nachwuchsarbeit tatsächlich engagiert. Seine Doppelrolle als Verantwortlicher für die DFB-Jugend und die Nationalmannschaft hatte dazu geführt, dass er die Talentförderung mitunter reichlich schleifen ließ. Besserung ist nun immerhin in Sicht.“
Mittwoch, 25. August 2004
Allgemein
Wie eine sportliche Karikatur seiner selbst
Richard Leipold (FAZ 25.8.) sorgt sich um Paul Freier: “Wenn einem hochveranlagten Fußballprofi über Wochen, ja Monate nichts mehr gelingt, verliert er seine Freiheit. Plötzlich ist er abhängig von der Gunst und vor allem der Geduld anderer. Paul Freier hat die Geduld von Vorgesetzten, Kollegen und Fans lange strapaziert – und ihnen Rätsel aufgegeben. Wie ist es möglich, daß ein Spieler dieser Klasse so lange auf dem Rasen umherirrt, als wäre der Fußballplatz ein ihm völlig fremdes Terrain? (…) Der sensible Profi hat in Leverkusen genau dort angeknüpft, wo er beim VfL Bochum aufgehört hatte. Er steht neben sich und wirkt wie eine sportliche Karikatur seiner selbst, verlassen von allem, was ihn ausgezeichnet hat. Dynamik, Dribbelstärke und Angriffslust, vor allem aber die unbeschwerte Art seiner Bochumer Gesellenjahre – alles wie weggeblasen.“
Interview
Wenn die Mannschaft gut spielt, ist es den Fans egal, wer Präsident ist
René C. Jäggi im Gespräch mit Daniel Meuren von den 11 Freunden (August)
11 Freunde: Woher kommt die Liebe zum FCK?
RJ: Das kam, als ich Fritz Walter durch adidas kennen gelernt habe. Der Fritz war einer, den man als Vorbild ansehen konnte. Ich war deshalb schon früher schon oft auf dem Betze. Da hat man einfach gespürt, wie wichtig der Verein für die Region ist, auf Grund seiner Art, Fußball zu spielen. Das ist einzigartig.
11 Freunde: Beschreiben Sie das mal bitte näher!
RJ: Ich fange mal beim Spieltag an. Das ist nicht mit anderen Städten zu vergleichen, wo die Fans eine Stunde vorher so langsam ins Stadion trudeln. Da hat man das Gefühl, man ist in einer Theatervorstellung. Hier reisen die ersten Leute schon morgens um neun nach Kaiserslautern an. Da weiß man, dass es ein Event ist, dass die Leute das genießen wollen.
11 Freunde: In Kaiserslautern nimmt man Ihnen dennoch nicht ab, dass Sie mit Herzblut dabei sind, Sie gelten eher als der kühle Wirtschaftsmann, der mal Manager des Jahres in der Schweiz war. Müssen Sie Ihr Image ändern?
RJ: Nein, das geht nicht. Ich bin nun mal Schweizer und kann nicht Pfälzer werden. Wenn die Mannschaft aber gut spielt, ist es den Fans völlig egal, wer Präsident ist. Es hat auch keinen Schweizer gestört, dass einst ein Deutscher, Herr Maucher, Nestlé geführt hat, solange die Produkte und die Dividende gut waren.
11 Freunde: Haben Sie sich das Abenteuer FCK so vorgestellt, wie es sich in den beiden Jahren seit Ihrem Amtsantritt dargestellt hat?
RJ: Man kann das nicht planen. Ich war aber schockiert, dass ein Bundesligaverein wie Lautern in so eine schwierige Situation geraten kann. Ich hatte erwartet, dass in der Bundesliga alles besser ist als in der Schweiz.
(…)
11 Freunde: Wie steht es um die Wirtschaftlichkeit der Bundesliga? Sie kommen nicht aus dem Fußball. Ist das die Zukunft des Führungspersonals in Bundesligavereinen?
RJ: Die Zukunft sieht so aus, dass es eine Doppelführung geben sollte, mit einer Person fürs Sportliche und jemandem, der sich ums Geld kümmert. Die Bundesliga braucht derzeit Leute, die kühl die Finanzen in Ordnung bringen, die die Schulden abbauen und das Ganze wieder auf ein vernünftiges Maß zurückführen – ohne dass der Unterhaltungswert der Branche verloren geht.